Barbara Vine, Kindes Kind. Übersetzung: Renate Orth-Guttmann. Diogenes Verlag

Barbara Vines Roman „Kindes Kind“ verblüfft: Immer noch sind Probleme wie Homosexualität, „freie Liebe“ ohne Trauschein und uneheliche Geburt ein Problem in unserer Gesellschaft. Dass in den 50, 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Betroffene mit gesellschaftlicher Ächtung bestraft wurden, ist bekannt. Aber auch heute sind Toleranz und Akzeptanz noch keine Selbstverständlichkeit. Deshalb baut B. Vine eine Art Doppelroman oder Roman mit Rahmenroman.
Sie zeigt vor allem in dem „Rahmenroman“ auf, wie sehr dieses Thema auch in der heutigen Gesellschaft noch tabu ist, lässt aber eine gewisse Hoffnung auf Toleranz durchschimmern. Im Hauptroman, auf den der Titel gemünzt ist, zieht sich als roter Faden das totale Unverständnis für Homosexualität und uneheliche Geburt durch: John, der schwule Bruder der Protagonistin Mauve, ist in seinen attraktiven Partner hoffnungslos verliebt. Der jedoch hält nichts von Treue und erpresst ihn immer wieder mit der Drohung, die Beziehung öffentlich zu machen. Am Ende bringt er John um, weil dieser ihm mit seinen romantischen Liebesbeteuerungen lästig geworden ist. Das eigentliche Hauptthema ist jedoch die „Schande“. Homosexuell zu sein ist nicht nur für den Betroffenen, der mit diesem „Makel“, wie das Gesellschaft sieht, leben muss, sondern für die ganze Familie eine Schande. Eine Schande ist es ebenso, wenn ein junges Mädchen/eine Frau ein uneheliches Kind bekommt.Maud ist noch nicht sechzehn Jahre alt, als sie von einem Klassenkamerad schwanger wird. Die Eltern verstoßen sie, drohen mit Erziehungsheim. Nur ihr Bruder John hilft ihr, zieht mit ihr weg in ein Dorf, wo keiner sie kennt, und gibt sich als Ehemann aus. Das Kind kommt zur WElt, wird ein attraktives, sehr begabtes Mädchen mit dem sinnträchtigen Namen Hope. Doch Mauve hat die Kränkungen, die man ihr angetan hat, nie verwunden und vereinsamt, wird kalt, lieblos auch der einst so vergötterten Tochter gegenüber. Hope rächt sich dafür und lässt sich mit 16 von einem Freund ganz bewusst schwängern. Die beiden heiraten..Vielleicht wird diese Generation toleranter werden, lässt Barbara Vine durchblicken.
Insgesamt ein spannender Roman. Die Frage ist, wie sinnhaft es ist, einen Roman im Roman zu schreiben. Denn der Leser ist im 1. Roman mitten im Geschehen und wird ziemlich abrupt in den 2. Roman hineingestoßen. Dass die oben angeführten Probleme auch heute noch virulent sind, hätte die Autorin sich auch anders aufzeigen können. Da B.vine aber eine Kennerin der menschlichen Seele und der Abgründe darin ist, nimmt man diesen wohl bewussten Bruch auch gerne hin.