„wortwiege“ zeigt: August Strindberg, Totentanz

Regie und Spielfassung: Uwe Reichwaldt. Musik: Bernhard Eder, David Kratzer, Bühne: Thomas Garve, Max Seper. Kostüme: Antoneta Stereva

Ein Theaterabend in den Kasematten ist schon von der Örtlichkeit her ein besonderes Erlebnis. Immer wieder faszinieren diese hell strahlend-weißen Gänge, die „Höhlen“, in denen das Team der „wortwiege“ Diskurse, Lesungen oder Büffet mit gemütlichen Sitzecken und einem klug ausgestatteten Büchertisch eingerichtet hat.

Dann immer die Überraschung: Die Bühne. Diesmal zunächst nur ein moderner, nüchtern, nichtssagender Raum mit Sofa, Klavier und Zeichentisch. Später wird man verstehen, dass darin die Gegenwart – die Generation der Nachkommen, – leben wird. Ein Spiegelbild des „hintergründigen Bildes“, wo der „Totentanz“ schon lange seinen Anfang genommen hat. Hinter einem Video-Schleier agiert die Elterngeneration Edgar (Lukas Haas) und Alice (Annina Hunziker). Strindberg lässt das Ehepaar in einem Turm leben. Da streiten, bekämpfen und hassen sie sich seit 25 Jahren. Aus Langeweile, aus geistiger Verödung, die den Tod vorausnimmt. Der ist immer da, interessant als elegante Lady in Schwarz, die gelegentlich ihren Schleier hebt, meist aber wenig bedrohlich dem Geschehen zusieht ( Isabella Wolf). Als willkommene Abwechslung bricht Kurt, ein alter Jugendfreund(Nils Hausotte) , in dieses untraute Heim ein. Gierig stürzen sich die beiden auf ihr Opfer, saugen es aus, um es am Ende zu vernichten. Gehen dabei selber drauf.

Tragisch ist, dass die Kinder, Judith, die Tochter des Ehepaares, und Allan, der Sohn Kurts, alle Verhaltensmuster der Eltern übernehmen. Sie streiten und bekämpfen sich – auf der Vorderbühne der Gegenwart- in Spiegelbildmanier der Eltern. Regisseur Reichwaldt lässt Mutter und Tochter, Vater und Sohn daher von ein- und derselben Person spielen. Eine klare und kluge Konsequenz.

Die Regie des jungen Reinhardt-Seminaristen ist klug, aber etwas zu vorsichtig. Er wagt es nicht, die Monströsität der Personen vollmundig herauszuarbeiten. Edgar wird von der Ehefrau mehrmals als Vampir, Monster der Sonderklasse tituliert.Doch Lukas Haas bleibt einiges hinter diesem Scheusalbild zurück. So wirkt das Stück wie „Strindberg auf bürgerlich“. Und andrerseit ist das doch auch stimmig: Die Monster kommen nicht immer brüllend und bedrohlich daher, sie schleichen sich in die Seele des anderen, rauben dessen Energie und spucken ihn letztlich aus – als lebende Leiche. Im „Totentanz“ erliegt Edgar einem Herzschlag.

Ihn ereilt der Tod, den er so oft nur vorgespielt hat. Edgar, das Opfer, hat alles verloren, zieht weiter, emotionslos, innerlich leer.

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„Herbstgold“ im Schloss Esterhazy: Liederabend mit Juan Diego Flórez

Am Klavier: Cécile Restier

16. September 2022

Der bekannte Geiger Julian Rachlin leitet seit 2021 das Festival „Herbstgold“ im Schloss Esrterhazy in Eisenstadt. Für 2022 rief er das Motto „Leidenschaft“ aus – mit vollem Erfolg. Seiner Einladung folgten Künstler aus vieler Herren Länder.

In dem prunkvollen Haydnsaal, übervoll mit Fresken von Königen, Edlen, Göttern und Ahnen (s. Foto oben) , sang Flórez Arien und Lieder quer durch den Strom der Oper, taktvoll begleitet von Cécile Restier. Er startete mit kurzen Liedern von Manuel de Falla, gleichsam als Einübung. Mit den drei folgenden Zarzuelas „Addios Granada“, „Te quiero, Morena“, „No puede ser“ erntete er die ersten Bravorufe. Von da an waren Stimme und Stimmung in Höchstform. Rossinis Lieder und Arien sind seine Heimat. „L`esule“, das Lied von der Sehnsucht nach Heimat, sang er forsch, flott, vielleicht ein wenig zu flott. In der Arie „La Spereanza più soave“ glänzte er mit raschem Tempowechsel und dem ersten hohen C. Der Übergang zu Gaetano Donizetti gelang Flórez perfekt mit der Arie des Königs Sebastian „Seul sur la terre“ aus der Oper „Dóm Sebastian, roi du Portugal“. Alles Künstliche fiel ab, es blieb ein einsamer Mensch, der nach verlorener Schlacht dem Tod ins Auge sieht. Flórez konnte seine „stille“ Stimme zeigen, jäh durchbrochen vom unerwarteten hohen C. Allgemeine Begeisterung und stürmischer Applaus natürlich nach der bekannten Arie „Che gelida manina“ aus Puccinis „Bohème“. Da war er ein siegessicherer Rodolfo, der mit seinem armseligen Künstlerdasein die schüchterne Mimi beeindrucken wollte. Auftrumpfend, frech, selbstsicher.

Das Publikum wollte noch mehr „Flórez“ – also sang er bekannte Schlager wie „Besame mucho“ und andere und begleitete sich auf der Gitarre. Als fünfte und letzte Zugabe schmetterte er „Nessun dorma“(Puccini, Turandot) in den Saal – siegessicher erklang das „vincero“ – und das Publikum tobte. Aber danach war wirklich Schluss.

http://www.herbstgold.at – noch bis 24. September 2022

Festspiele Reichenau: „Frühlingserwachen“ und „Die Möwe“

Franz Wedekind: Frühlingserwachen. Regie Christian Berkel

Unter der kundigen Hand des Regisseurs können junge Schauspieler aus dem Reinhardt-Seminar ihre ersten Erfahrungen mit Theater machen. Und gleich mit einem Text, der ihnen alles abverlangt. Aber alle meistern die sehr expressionistische Sprache, die kurzen Szenen wirklich sehr gut. Man merkt, sie wissen, es geht nicht nur um die Jugend von 1891 (Entstehungszeit), sondern eben auch um sie. Zwar sind die Probleme der Aufklärung heute nicht wirklich mehr Probleme, aber das Aufbegehren gegen die Elterngemeration, die Frage nach der Zukunft und nach den Werten -all das hat sich nicht geändert.

Viel Applaus für alle Schauspieler!

Anton Tschechow: Die Möwe

Regie: Torsten Fischer, Bühne: Herbert Schäfer

Warum muss man die Bühne so trist gestalten? Noch dazu mit Nebelschwaden! Das gleicht einer Tautologie auf Theaterebene: Ein tristes Stück mit trister Bühne. das ist wie ein weißer Schimmel. Im ersten Teil ist die Langeweile auf der Bühne – und im Publikum – groß. Sandra Cervik als Irina überzeugt nicht, sie weiß nicht so recht, was sie mit ihren Armen und Haaren machen soll. Nils Artmann als ihr Sohn Konstantin übertreibt und wirkt irgendwie angestrengt.

Im 2. Teil nimmt das Stück Fahrt auf. Die Charaktere treten aus den Nebelschwaden heraus und das Publikum erwacht. Aber ein Tschechow, der in Erinnerung bleiben wird, ist diese Auffürung nicht.

Freundlicher Applaus.

http://www,theaterreichenau.at

Siehe auch meine Kritik zu „Teufels General“

Kultursommer Semmering: Thomas Bernhard, Der Ignorant und der Wahnsinnige.

Aufführungsort: Kulturpavillon vor dem Hotel Panhans (Titelfoto ©Hotel Panhans)

Ein Ende des Kultursommers Semmering? – Nicht für Florian Krumpöck.sss Als ihm der neue Besitzer des Südbahnhotels den Vertrag kündigte, fand er im Panhans Hotel rasch und unbürokratisch eine neue Bleibe. Und startete das volle Programm wie geplant mit den bekannten Schauspielern, wie Joseph Lorenz, Senta Berger, Maria Bill und vielen, vielen anderen, die schon seit Jahren den literarischen und musikalischen Anziehungspunkt für Kulturliebhaber bilden.

Dörte Lyssewski, Joseph Lorenz, Wolfgang Hübsch und Jeanette Nagy waren das großartige Quartett dieser szenischen Lesung.

Besser hat man dieses Stück wahrscheinlich nie gesehen! Dörte Lyssewsky war eine urkomische Sopranistin, die sich mit aller Wucht in die Verzweiflungskomik dieser Rolle warf. Der Routine überdrüssig, kündigt sie einen Vertrag nach dem anderen. Und triumphiert, bis sie mit der Nase in den Nobelteller der „3 Husaren“ fällt. Komik und Tragik auf unvergleichlicher Weise verbunden. Wolfgang Hübsch war auf einen blinden und großteils stumm-brummenden Vater reduziert, was dem Stück gut tat. Im Mittelpunkt des Geschehens brillierte Joseph Lorenz als wahnwitziger Arzt, ins Sezieren, in Grausamkeiten, in die Kälte der Wissenschaft und in sich selbst verliebt. Ein wenig auch in die Sopranistin, oder vielleicht auch ein bisserl mehr als wenig. Sein Dirigat und mimischer Gesang zur Musik Mozarts gehörte zu diesen Szenen, die vielleicht ins Buch der „Bernhardschen Theatergeschichte“ eingehen werden. Noch nie sah ich den Arzt so vielschichtig schillernd und urkomisch, Es war Metatheater, nichts ist echt, alles ist künstlich, gerade deshalb hohe Kunst.Jeannette Nagy in der Doppelrolle als FrauVargo und Fräulein Winters – eine stumme Realität.

Das Publikum dankte mit frenetischem Applaus und Bravos!!!

Kartenbestellung und Infos:

http://www.kultursommer-semmering.at

Festspiele Reichenau: Carl Zuckmayer, Des Teufels General.

Regie und Textfassung: Hermann Beil, Bühne: Hans Kudlich, Kostüm: Erika Navas

Gleich vorneweg: Es ist das Beste, was man seit langem auf dem Theater gesehen hat! Ein großartiges Stück von der Meisterhand Zuckmayers, eine unprätentiöse Regie, die sich ganz dem Text unterordnet und vor allem: Ein Ensemble, das alle Wünsche erfüllt. Keine Rolle, die nicht ideal besetzt wäre. Dazu kommt noch die bedrückende Aktualität: Krieg ist Mord, egal ob Angriffs- oder Verteidigungskrieg!

Politiker sollten sich dieses Stück ansehen und über diverse Parolen nachdenken! Und Martin Kusej würde ich auch empfehlen, sich hineinzusetzen, um einmal zu erleben, wie gutes Theater gemacht wird!

Lebensprall, ganz der Rolle eines „Mannsbildes“, das nur zwei Sachen im Kopf hat: die Fliegerei und den Lebensgenuss: Stefan Jürgens als Harras. Dass er Curd Jürgens, der in dieser Rolle zur Filmikone wurde, auch noch in Statur und Optik ein wenig ähnelt, ist gar kein Schaden. Dennoch bleibt Stefan Jürgens nicht an dem Vorbild hängen, sondern arbeitet sehr deutlich den Wandel vom Superhelden, dem die Nazis auf den Geist gehen und der meint, ihm könne das Regime nichts anhaben, zum Zweifler, bis zum Verzweifelten heraus. Besonders intensiv ist die Schlussszene mit Oderbruch (André Pohl ist großartig, ganz zurückgenommen, s. Foto ), als Harras erkennen muss, dass er an dem mörderischen Krieg mitschuldig wurde, auch wenn er immer nur fliegen wollte. Berührend Dirk Nocker als Korrianke – Chauffeur und treuer Freund von Harras. David Oberkogler spielt den Hartmann punktgenau – zermürbt von der ERkenntnis, dass dieser Krieg sinnloses Hinschlachten ist. Rainer Friedrichsen als Sigert von Mohrungen vertritt den Typus des Deutschen, der an Hitler glauben möchte, aber einsehen muss, dass die Werte, an die er glaubte, dahin sind. Den unsympathischen Intriganten gibt Tobias Voigt ganz ohne die übliche „Naziübertreibung“. Jede einzelne Rolle ist ideal besetzt und wird punktgenau in der Rolle gespielt. Die Frauen haben es ja in diesem Stück nicht gerade leicht, aber in dieser Inszenierung sind sie mehr als nur Entourage. Johanna Arrouas ist ein perfide, ehrgeizige und überzeugte Nazifrau, die sich vom koketten „Pützchen“ zur gefährlichen Intrigantin entwickelt. Emese Fay als mahnende und besorgte Olivia, Elisa Seidel als Anne Eilers als fast antike Tragödin spielen sehr überzeugend. Johanna Prosl als junges Mädchen, das dem Charme des „Helden“ Harras sofort erliegt, meidet in der Liebesszene jeden Hauch von Kitsch.

Kostüme, die in die Zeit passen, und wenige, notwendige Requisiten geben der Aufführung den richtigen Rahmen.

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Harald Lesch und Klaus Kamphausen:Über dem Orinoco scheint der Mond. Penguin Verlag

Untertitel: Warum wir die Natur des Menschen neu begreifen müssen, um die Welt von morgen zu gestalten.

Titel und Cover verraten bereits, dass es um eine romantische, an die Seele des Menschen und der Natur anrührende Diskussion um den traurigen Zustand der Welt geht und welcher Ausweg aus dem Dilemma sich bietet. Die Gründe, warum die Welt am Rande des Kippens steht, sind bekannt, werden von den Autoren in bekannter Weise angeführt: Die Gier des Menschen nach mehr und immer mehr, die Schwächen, das Unvermögen der Politik, die Digitalisierung, die uns immer weiter in eine technische Abhängigkeit treibt, und immer weiter weg vom Ursprung – nämlich der Natur in ihrem ureigensten Sinn. Es werden große Naturforscher, wie Humboldt, Mathematiker, wie Gödel, Philosophen wie Kant und Schopenhauer aufgerufen. Sie alle werden zitiert, wenn es um den Begriff Natur und Welt geht. Letztendlich geht es den Autoren darum, klar zu machen, dass wir nur Gast auf dieser Welt sind, sie gehört uns nicht. Und die Verantwortung für das WEiterbestehen trägt jeder einzelne und darf nicht den nächsten Generationen überlassen werden. Im Grunde nichts Neues, nur gut in einen romantischen Rahmen verpackt: Die Gespräche finden am Ufer des Orinoco statt, der Mond geht irgendwie romantisch auf, die Moskitos sind real und lästig.

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Volksoper Wien: Puccini: TURANDOT

Dirigent: Alfred Eschwé. Regie und Choreographie: Renaud Doucet.Bühne und Kostüme: André Barbe. Licht: Guy Simard. Choreinstudierung: Thomas Böttcher.

44. Vorstellung

Besucher der Wiener Staatsoper sind ja nicht gerade verwöhnt, was das Bühnenbild angeht. Das ist entweder nicht vorhanden, also alles schwarz. Bestenfalls stehen ein paar graue Wände um die Sänger. Ausnahmen gibt es natürlich. Die Volksoper hingegen verwöhnt ihr Publikum mit kulinarischen Bühnenbildern und Kostümen! Und muss sich daher nicht um die „Auslastung“ Sorgen machen!

So auch in der „Turandot“. Dieses Märchen von der eiskalten Prinzessin, die unberührt bleiben will, ist ja purer Krieg! Turandot tötet mit Lust, lässt alle Anwärter, die ihre Rätselfragen falsch beantworten, hinrichten. Aber der von Liebe säuselnde Calaf ist ebenfalls ein ziemlich berechnender, kalter Typ. Schaut er doch gelassen zu, wie die arme Liu zu Tode gefoltert wird, weil sie Calafs Namen nicht preisgeben will.

Also: Liebe ist Kampf, Krieg. Erst recht in China – trittst du gegen die Macht (Turandot) auf, bist du schon verloren. Aber – keine Angst, in der Volksoper wird nicht krampfhaft auf aktuell umgedeutet. Das Duo Doucet und Barbe haben ein recht witziges Konzept entwickelt: Die Menschen, die unter Turandots Geißel sich ducken und kriechen, sind mehr Insekten als Menschen. Einige haben lange Fühler, andere eine echsenartige Zeichnungen am Körper.Die königliche Garde gleicht eher Glühwürmchen denn Kämpfern. Schmetterlinge kriechen(!) als Halbwesen über den Boden. Und über allem steht – nicht Turandot, sondern der weibliche Henker. Großartig: Eine Frau mit hinreißender Figur, das Gesicht dunkel, auf dem Kopf einen Helm mit ehernem Busch. Ihre mit riesigen Beißzangen verlängerten Arme erinnern an einen männlichen Hirschkäfer. Mit diesen Zangen wird sie alle Prinzen, aber auch Liu töten.

Die weibliche Henkerin (Foto: Voldksoper Wien)

Etwas gewöhnungsbedürftig wirkt das Outfit Calafs (Vincent Schirrmacher). Er erinnert mit seinen hochgebürsteten Haaren und der Schminke fatal an Pumuckl. Sein armer Vater Timur (sehr gut: Stefan Cerny) muss wie ein Wilder aus den Wäldern mit einem Fell herumlaufen. Aber man akzeptiert auch solche Merkwürdigkeiten, weil die ganze Aufführung mit so viel Lust am Spiel, an Licht (Guy Simard) und Einfällen abgeht. Anja-Nina Bahrmann ist eine ausgezeichnete Liù. Dass sie in ihren zarten Arien, in der sie von ihrer Liebe zu Calaf singt, doch an manchen Stellen forcieren muss, liegt an dem Dirigent Alfred Eschwé. Er lässt Pauken und Trompeten aus vollem Rohr schmettern, nimmt nicht immer genügend Rücksicht auf die Sänger. Zum Gesamtkonzept der phantasieüberbordenden Regie passt sein Dirigat dann irgendwie doch. Auch Calaf (Vincent Schirrmacher) und Melba Ramos als Turandot haben mit dem martialischen Dirigenten manchmal ihre Schwierigkeiten. Humorvoll und gekonnt gespielt und gesungen laufen die Szenen mit den drei Ministern Ping (Alexandre Beuchat), Pang (David Sitka), Pong (JunHo You) ab.

Ein voller Erfolg, bei vollem Haus (obwohl schon die 44. Vorstellung!). Das Publikum dankte mit Jubel, langem Applaus und Blumen. Es bleibt zu hoffen, dass diese Inszenierung auch in der kommenden Saison am Programm stehen wird!!!

http://www.volksoper.at

Aus dem Französischen von Amelie Thoma

Gleich vorweg: Ich schätze Leila Slimani überaus. Ihre beiden Bücher „Das Land der Anderen“ und „..dann schlaf auch du“ sind mehrlmals gelesene Schätze meiner Bibliothek. Aber – leider – mit diesem Buch konnte ich nichts anfangen. Schon das über Seiten gehende Lamento über die Schreibhemmung langweilt! Es gibt ja kaum einen Schriftsteller, der die Schreibblockade nicht schon einmal zum Thema seines nächsten Buches machte. Motto: Wenn dir nichts einfällt, dann schreib darüber, dass dir nichts einfällt. Leider heißen diese alle nicht Goethe oder Thomas Mann, die dieses Thema über das persönliche Dilemma hinausgehend zu einem Weltbuch machten. (Faust 1, Der Tod in Venedig)

Nun zu Slimanis Buch. Ist die Not am größten, dann gibt es immer einen deus/ eine dea ex machina. In diesem Fall die Verlegerin: Sie schickt Slimani nach Venedig, wo sie im Museum „Punta della Dogana“ eine Nachht verbringen und darüber schreiben soll. Gesagt -getan. Zu Venedig selbst fällt Slimani nichts mehr ein – ist ja alles schon hundertfach geschrieben worden, bis zum Kitsch hinauf und hinunter. Die Nacht im Museum ist erwartungsgemäß wenig spektakulär. Es rennen keine Geister durch die Säle, die Bilder beginnen nicht zu sprechen. Einzelne Werke evozieren in der Schriftstellerin Erinnerungen an ihre Kindheit in Rabat. Andere wiederum lässt sie an Bücher von anderen Autoren denken. Dem namedroping mögen vielleicht einige Leser Gefallen finden, wenn es ihnen Freude macht, jeden einzelnen Namen nachzuschlagen. Ich persönlich war mit allen genannten Namen überfragt. Über all das tröstet die intensive Sprache der Autorin hinweg, ihre dichten Bilder aus Rabat. Aber es ist und bleibt ein typisches „Restlessenbuch“ – auf den nächsten großen Wurf werden wir wohl noch warten müssen.

http://www.luchterhand-literaturverlag.de

Staatsoper Wien: mahler, live. Ballett

Titelfoto: Maria Yakovleva in „Live“

Live. Ein Videoballett. Choreographie: Hans van Manen. Musikstücke von Franz Liszt.

Am Klavier: Schaghajegh Nosrati

Hans van Manen arbeitet seit 1977 immer wieder an der Wiener Oper. Mit diesem Ballett „live“ geht er zurück in die 1970er Jahre, als die Videotechnik das Theater eroberte. Das Ballett „live“ ist ein spannender Dialog zwischen einer Tänzerin (Maria Yakovleva) und dem Kameramann Balácz Delbò, einem ehemaligen Tänzer der Wiener Staatsoper, jetzt Kameramann. Er filmt auf der Bühne „live“ die Tänzerin, folgt ihren Bewegungen, zeigt ihr Gesicht in Großformat, lenkt den Blick der Zuseher auf Details wie Beinarbeit oder die Bewegungen der Hände. Sie trägt ein rotes Kostüm, tanzt vor schwarzem Hintergrund, In der Videoprojektion erscheint sie in Schwarz-Weiß. Es entsteht ein Spiel zwischen Realität und Schein (Video), einmal ist dieTänzerin auf der Bühne realer, packender, dann wieder verschwindet sie in die Irrealität des Bildes. Als ein Tänzer (Marcos Menha) die Bühne betritt, entwickelt sich eine kurze Geschichte des Abschiedes. Sie tanzen aufeinander zu, trennen sich. Die Tänzerin verlässt die Bühne und betritt die Gänge der Oper – nur mehr auf Video zu sehen. In den Gängen setzt sich die Auseinandersetzung des Paares fort. Nach einer Annäherung folgt die Trennung. Die Tänzerin verlässt die Oper und geht auf die Straße hinaus.

Ein spannender Auftakt! Und der pure Kontrast zu dem 2. Teil des Abends,

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Gustav Mahler, Symphonie Nr. 4. Choreographie Martin Schläpfer. Musikalische Leitung: Ramón Tebar

Das Ensemble ( foto: Ashley Taylor)

Martin Schläpfer setzte das gesamte Ensemble – 102 Mitglieder – ein und schuf so eine großartige Interpretation der 4. Symphonie Gustav Mahlers. Unter dem subtilen und feinsinnigen Dirigat von Ramòn Taylor entfaltete sich die ganze Schönheit dieses Werkes: Einmal wirbelten die Elevinnen und Eleven wie Kobolde über die Bühne und ließen den Humor Mahlers und Schläpfers aufblitzen, dann wieder kamen Paare mit berührenden Pas de deux-Szenen, die dem heiteren Treiben eine ernste Note entgegensetzten. Ein Höhepunkt war das Adagio. Zu Beginn tanzen Männer ohne Musik, vielleicht zitiert Schläpfer Thomas Manns „Tod in Venedig“. Bilder von Viscontis Filmversion steigen auf …dann leitet ein wunderbarer Pas de deux von Claudine Schoch und Marcos Menha die Stimmung des Adagio ein. In den folgenden Bildern lässt Schläpfer den Zuseher in die Schwermut Mahlers versinken, verstärkt durch die traumhafte Lichtregie (Bert Dalhuysen). Von oben senkt sich ein Lichtdreieck mit einem Stab, dessen Muster aus dem Jugenstilrepertoire entnommen ist – eine feine Anspielung an die Entstehungszeit. Der 4. Satz ist die Vertonung eines Volksliedes aus der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“: „Wir genießen die himmlischen Freuden“ singt Johanna Kedzior mit ihrem wunderbaren Sopran. Das ganze Ensemble tanzt zu dieser Melodie der puren Lebensfreude!!!

http://www.wiener-staatsballett.at

Albertina: Edvard MUNCH im Dialog

Mein ganz persönlicher Dialog

Edvard Munch ( 1863-1944) war ein Maler der Extreme. Seinem Leben war der Stempel des Leidens am Leben aufgedrückt. Selbstgewählte oder erzwungene Einsamkeit, Verlassensein und Verlassenwerden sind die Themen, die er malt. Er meidet die Wirklichkeit, sie ist ihm unerträglich. Er schafft sich seine eigene. Die wiederum ist geprägt von seiner Seinsart. Einsam sind seine Figuren, haben keine Bodenhaftung. In manchen Bildern belässt er dem Menschen nur den Kopf, besser den Schädel, der wie ein vom Körper losgelöstes Un-Wesen über einen nicht definierbaren Raum schwebt. Straßen führen an ihm vorbei, er fasst nicht Fuß auf ihnen, auch wenn sie zu einer menschlichen Behausung führen, nützt er sie nicht. Der Mensch lebt ohne Erdhaftung. Menschen zu zweit leben nicht in trauter Gemeinsamkeit, sondern in Trennung.

Der Tod ist ihm schon sehr früh vertraut. Seine Mutter stirbt, als er fünf Jahre alt war, an Tuberkulose, zwölf Jahre später seine Schwester Sophie. und bald darauf der Vater. Die Liebesbezehung zu Tulla Larsen ist schwierig, er quält sie mit Eifersucht. Sie wird ihn nicht heiraten und er hat fortan nur kurze Liaisonen. Frauen malt er ab da als Madonnen mit einem Lolita-Einschlag. ER flüchtet sich in den Alkohol, wird depressiv. Auch ein Aufenthalt in einer Nervenklinnik hilft nicht. Seine Grundstimmung bleibt düster, losgelöst von der Wirklichkeit. Die Bilder erzählen mehr:

Maler im Dialog mit Munch

Der zweite Teil der Ausstellung zeigt, welch großen Einfluss Edvard Munch auf zeitgenössische Maler genommen hat und immer noch nimmt. Bei nicht allen Künstlern konnte ich diesen Einfluss nachvollziehen. Ich habe den Gedankengang weiter verfolgt, der mich durch Munchs Werke führte: In welchen Bildern sehe ich die Einsamkeit des Menschen quasi losgelöst von allem Erdhaften, ganz ohne Halt, nicht einmal im eigenen Körper. Am deutlichsten war das Thema der Bezuglosigkeit und fehlender Bodenhaftung in den Bildern von Peter Doig (geb. 1959) zu spüren. Seinen Menschen fehlt die Verortung mit der Erde, sie schweben über dem Wasser oder in einem nicht definierbaren Raum.

In der Schau sind noch viele andere prominente Künstler vertreten, wie Andy Warhol, Jasper Johns, Georg Baselitz etc. Jeder Besucher wird andere Parallelen und Einflüsse feststellen oder auch für sich neue, inteessante Künstler entdecken.

http://www.albertina.at Die Ausstellung ist noch bis 19. Juni zu sehen.

Lesetipp: Tanja Maler, Der Maler Munch. Langen Müller Verlag. Ein intensives Buch über die intensive Liebe des Malers zu Tulla Larsen. S. auch unter Büchertipps

Internationales Figurenfestival im Schuberttheater: Wolkenkuckucksheim XX

Die Puppen haben zur Zeit Hochsaison in Wien. In der Scala wird gerade ein Musical mit Puppen gespielt („Avenue Q“), im Schubertteater haben die Puppen ja eine fixe Basis. Seit 10 Jahren existiert es im Hof eines Gründerzeithauses in der Währingerstraße. Leicht geht man daran vorbei, so bescheiden macht sich das Theater bemerkbar. Es verdient aber viel Aufmerksamkeit, denn hier wird Professionalität kombiniert mit Einfallsreichtum geboten.

Für das Stück „Wolkenkuckucksheim XX“ hat die Resisseurin Martina Gredler die antike Komödie „Die Vögel“ von Aristophanes als Grudlage genommen: Zwei Bürger Athens verlassen die Stadt, sie sind mit der Art, wie die Demokratie geführt wird, nicht zufrieden. Deshalb gründen sie mit den Vögeln einen eigenen Staat, in dem aber alles schief läuft.

Schnaufend kämpfen sich zwei Raupen auf die Bühne. Sie erwägen, Athen zu verlassen und mit den Vögeln einen eigenen Staat zu gründen. Der Hauptvogel ruft alle Brüder der Lüfte zusammen, die Raupe 1 schwingt eine große Rede, lässt sich von allen bewundern. Sie verspricht Barrieren und Zäune, damit die Götter, wenn sie als Sexabenteurer auf die Erde fliegen, Maut zahlen müssen. Kontrolle soll sein, sie bringt Geld!! Alle Vögel jubeln. Doch die Gier der Raupen nach Macht ist zu groß. Sie fressen einen Vogel, werden daraufhin von dem Hauptvogel auf den Spitzen des Zaunes aufgehöngt.

Das wäre so grosso modo der Inhalt. Was man wirklich erlebt, ist subtil, grotesk und aberwitzig. Schon allein das Maul der Raupen, wenn sie ihre Zähne zeigen, die Augen genervt verdrehen, machtgierig gucken – ist ein Schauspiel der Sonderklasse. Die beiden Vögel – einer ein eitler Tänzer – oder auch Tänzerin, wenn man so will -, der andere ein Art Obervogel, der sich von den Raupen übertölpeln lässt, schweben, fliegen, putzen ihr Federkleid in klassischer Vogelmanier.

Durchsichtige Plastikbahnen bilden die Wolken. Oft sind die beiden Puppenspieler Markus-Peter Gössler und Angleo Konzett hinter einer Kiste verborgen, so dass die Puppen obenauf quasi frei von Menschenführung agieren. Das sind genau die Momente, wo der Zuschauer den Puppen voll auf den Leim geht. Zu bewundern ist neben der Führung der Puppen auch die Stimmlagen, die die beiden Spieler. den Vögeln und Raupen geben. Zwei großartige Könner, deren Namen leider nicht im Programm zu finden ist. Daher lasse ich sie hier ganz besonders hoch leben!!!

Foto: Barbara Palffy

Als „Vorprogramm“ ist Tilda Eulenspiegels „Hommage an alle Närrinnen und Narren“ zu sehen, ein geheimnisvolles Kleinkunstwerk von zehn Minuten. Da verrate ich nichts darüber. Sehenswert und witzig.

www.schuberttheater.at

Avenue Q. Das Musical mit den frechen Puppen. Theater Scala

Titelbild: Nick Harras,, Bettina Soriat, Paul Graf+Larissa Winkel

Musik und Songtexte: Robert Lopez, Jeff Marx. Puppendesign: Rick Lyon, musikalisches Arrangement: Stephan Oremus, Puppencoach: Stephan Gaugusch, Kostüme: Anna Pollack.

Inszenierung: Marcus Ganser

Wer so wie ich die Sesamstraße und die Muppets nie gesehen hat, dem entgehen sicherlich Wiedererkennungseffekte und Anspielungen. Daher kann ich nur berichten, was zu sehen und zu hören war. Die Feinheiten blieben mir verborgen.

Eine Straße in New York, ein wenig herabgekommene Häuser, aber doch oder gerade deswegen recht heimelig. Basti – deutlich der Ex-Bundeskanzler – hat als Hausmeister seine neue Bestimmung gefunden. Er kommandiert, regelt, ganz wie wir es vom alten Basti gewohnt waren. Die Bewohner sind allesamt nicht vom Schicksal verwöhnt und finden ihr Leben shit (1. Song). Da leben das romantische Monster, entzückend gespielt von Julia Werbick, Fräulein Trockenpflaume, die Nörglerin (Bettina Soriat und Larissa Winkel) und einige Puppen, die nach ihrer Bestimmung suchen. Es wird geheiratet, es wird geflirtet, Hoffnungen auf Liebesbeziehungen scheitern. Es geht immer wieder um Themen wie uneingestandene Homosexualität. Allzu moralisierend wird auch der Rassismusvorwurf angesungen und angespielt – allerdings viel zu lang. Heiteres und Tieftrauriges im steten Wechsel, Banales und Philosophisches – ganz nach dem bewährten Musical-Muster!

Alle Puppenspieler haben den Umgang mit den Breitmaulpuppen ordentlich gelernt und singen nach bestem Wissen und Können. Da aber die Puppen nicht groß genug sind, bleiben die Schauspieler manchmal allzu sichtbar, was die Illusion der „Puppe“ stört.

Das Publikum bedankte sich für die zwei Stunden Ablenkung von der tristen Situation im realen Leben mit viel Applaus.

http://www.theaterzumfuerchten.at

wortwiege kasematten: Erwin Riess: Herr Grillparzer fasst sich ein Herz und fährt mit einem Donaudampfer ans Schwarze Meer.

Inszenierung: Jérôme Junod, Bühne, Kostüm: Lydia Hofmann

Tatsache ist, dass Grillparzer an „hypochondrischer Unentschlossenheit“ litt, wie er im „Tagebuch auf der Reise nach Griechenland 1843“ treffend seinen Zustand charakterisierte (zitiert nach dem Auszug im Programmheft). Der Autor Erwin Riess hat aus diesen Aufzeichnugen einen szenischen Text gestaltet.

Die Bühne in den Kasematten ist um 90° gedreht. In der Apsis, wo sich sonst üblicherweise das Geschehen abspielte, steht ein großer schwarzer Flügel, Darauf spielt die bezaubernde Rapahaela Schober im Goldkleid mit Schleppe in den “ Textatempausen“ Musik von Eric Satie. Diese Momente gehören zu den stimmigsten des Abends. Als ob der Musik die Kraft der Beruhigung zugeschrieben wird. Der unruhige Geist Grillparzers (gespielt/gelesen) von Horst Schily hat Pause. Das Wort schweigt und die Musik übernimmt.

Das Publikum sitzt an der Längseite in zwei Reihen. Vor ihm tritt nun Grillparzer die ungeliebte Reise mit dem Schiff an. Städte und Dörfer ziehen an ihm in Form eines Scherenschnittes vorbei. Wenn eine Landbesichtigung zu Ende ist und die Reise weitergeht, genügt ein kleiner Schubs und die Collage beginnt zu schwanken – eine nette Idee, die dem ganzen Spiel einen ironischen Anstrich gibt.

Horst Schily gibt einen ziemlich authentisch grantigen, hypochondrischen Grillparzer. Zu seiner Überraschung und Ärger wird er auf der Reise von einer kecken, neugierigen und lernbegierigen Magd namens Csilla betreut. Saskia Klar verleiht der Figur die nötige Schlichtheit, gepaart mit Pfiffigkeit. Mit behutsamer Ausdauer erobert sie sich den Respekt und die Zuneigung des grantigen Dichters. Als die Schiffsreise zu Ende geht, möchte sie ihn auf seinem Landtrip weiter begleiten. Vordergründiger Grund: Sie will von dem weisen Dichter lernen! Doch dieser spürt die Zuneigung, die sie ihm entgegen bringt und die auch er für sie empfindet. Und genau diese Empfindung lässt ihn scheuen wie ein Pferd vor einem HIndernis – er ringt mit sich und entscheidet, allein weiter zu reisen. Tief enttäuscht verlässt sie ihn. Sie, deren Namen in all den Tagen Grillparzer vergaß zu erfragen oder einfach nicht behalten hatte.

Ein interessanter Stoff, der Zartheit in Worten und Gesten, Blicken und Schweigen birgt. Wären da nicht die Zettel, von denen die Schauspieler ihren Text ablesen. Dadurch wird der Fluss des Geschehens in eine (bewusste ?) karge Distanz verwiesen, die das Spiel der Schauspieler hemmt. Etwa wenn sich Grillparzer und Csilla scheu umarmen und sie ihre Zettel hinter seinem Kopf hochhält, um den Text ablesen zu können. Schade, das Thema ist interessant und hätte ein freies Spiel verdient.

http://www.wortwiege.at

Festspielhaus St. Pölten: Gustav Mahler, Das Lied von der Erde.

Es hätte eine Weltpremière sein sollen, wenn Lemi Ponifasio mit seiner MAU Company aus Samoa und Neuseeland das Werk Mahlers gemeinsam mit den Niederösterreichischen Symphonikern interpretiert hätte. Aber Corona hat es unmöglich gemacht. Dennoch ließ es Lemi Ponifasio sich nicht nehmen und reiste als Botschafter seiner Gruppe an, um über die Vision seiner Choreographie zu erzählen. Zu Beginn gedachte er der Bevölkerung in der Ukraine und widmete ihnen den Abend als Friedenswunsch. Dann sprach er von der engen Verbindung der Samoaner mit der Natur. „Different cultures together“ wäre der Sinn dieses Abends gewesen. In minimierter Form ist das auch gelungen, denn der Tenor Pene Pati stammt aus Samoa.

Dirigent des Niederösterreichischen Tonkünstlerorchesters: Hans Graf. Tenor: Pene Pati. Mezzosopran: Tanja Ariana Baumgartner.

1908 und 1909 zählten zu den schwersten Jahren im Leben Gustav Mahlers. Er hatte den Posten als Direktor der Wiener Staatsoper verloren, seine Tochter Maria war gestorben und er selbst litt an einem Herzfehler. In diesen trüben Tagen fand er Trost in den Gedichten „Die chinesische Flöte“, übersetzt von Hans Bethges. Er wählte sechs aus.

„Das Lied von der Erde“ wurde erst nach Mahlers Tod uraufgeführt. Man darf es als sein spirituelles Vermächtnis interpretieren. In diesem Liedzyklus vereinen sich Schwermut, Todessehnsucht mit erinnerter Leichtigkeit. Bilder aus China , wie der“Pavillon aus weißem und grünem Porzellan“ und „junge Mädchen und schöne Knaben“ ,die am Ufer sitzen, steigen auf und vereinen sich mit den Klängen der Musik. Doch das Leben ist nur ein Traum, das sich irreal im Wasser spiegelt. Der Abschied ist gewiss, es wartet der Freund, der ihn hinüber führt – das antike Bild des Fährmanns Charon wird imaginiert. Er wird den Müden in die Fernen führen. Pene Patis schöne Tenorstimme sang nicht immer erfolgreich gegen die Orchestergewalt an. Tanja Ariana Baumgartners dunkler Mezzosopran klang gut, aber es fehlte an Wortdeutlichkeit, Hans Graf ist ein erfahrener Dirigent, der weiß, dass diese Musik, besonders der letzte Teil „Abschied“ sich in die Länge ziehen kann. Wahrscheinlich deshalb drückte er manchmal zu sehr auf zackiges Tempo.

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Marie Brunntaler, Piz Palü. Eisele Verlag

Der Piz Palü ist ein nicht ganz ungefährlicher Berg in den Schweizer Alpen, nahe bei Pontresina. Auf über 1000m steht das „Grand Hotel Arnold“. In den späten 1950er Jahren ein Treffpunkt der Reichen und vieler Stars, wie etwa O.W. Fischer, hier oben bitte nur „Otto“. Eigentlich sind die besten Tage des Luxushotels schon vorbei. Nur durch eine Geldheirat mit dem reichen Kälin konnte ERika Arnold den Ruin abwenden. Aber die Ehe ist kaputt, es gibt Probleme. Als ihre beiden Kinder spurlos verschwunden sind und der Ehemann im Turmzimmer ermordet aufgefunden wird, geht die Mördersuche los. Der Kriminalkommissar Tschudi steht vor einem Rätsel. Erst durch einen Hinweis von O.W. wird einiges klar.

Ein spannender, flott und leichtfüßig geschriebener Roman über die angeheizte Lage in den 50er und 60er Jahren nach dem Ende des 2. Weltkrieges: Die einen reich und gelangweilt, die anderen scheinreich und verzweifelt, wieder andere in unerträglichen Abhängigkeitsverhältnissen lebend, nach außen aber gelassen und fröhlich. Masken tragen alle, keiner ist der, der er scheint. Mit Eleganz und Noblesse fährt die Autorin durch diese ziemlich verlotterte Gesellschaft mit spitzer Feder durch. Wäre da nicht der pathetisch- unglaubwürdige Schluss könnte man den Roman als gelungenen Spiegel der Nachkriegsgesellschaft einordnen.

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Wiener Staatsoper: Ballett „Onegin“

Titelfoto: Schlussszene Poláková als Tajana und Peci als Onegin

11. Jänner 2022. 57. Aufführung anlässlich des Bühnenabschieds von Nina Poláková.

Choreographie: John Cranko nach dem Roman von Puschkin: Eugen Onegin

Musik: Piotr I. Tschaikowski eingerichtet und instrumentiert von Kurt-Heinz Stolze

Das von John Cranko 1967 uraufgeführte Handlungsballett „Onegin“ gehört zu den wenigen, dessen Choreographie nie von anderen Choreographen neu bearbeitet wurde. So perfekt, so makellos, so klar in der Handlungsführung hat Cranko die Handlung in Tanz umgesetzt. Keine unnötigen Füllszenen, jede Geste, jeder Schritt, jeder pas de deux ist richtig, stimmig. Darf nicht anders sein.

Der Abend gehörte ganz und gar Nina Poláková als Tatjana. Im Publikum spürte man schon vorher eine gewisse Aufregung. Viele Besucher hatten Blumensträuße mitgebracht. Tatjanas erstes Solo, kaum verklungen, wurde schon mit lautem Bravo quittiert. Nach dem rauschhaften Schluss, dem Abschieds-pas de deux zwischen Onegin und Tatjana, brach zu Recht ein nicht endender Jubel und Beifall aus. Es regnete Blumensträuße. Die Ballerina hatte Tränen in den Augen. So feiert ein Wiener Staatsopernpublikum den Abschied seines Lieblings!

Doch nun zur Aufführung: Man freut sich richtig, die liebgewonnenen Kostüme und Bühnenbilder von Elisabeth Dalton zu sehen. Die ausgesprochen fröhlichen Tanzszenen im Dorf und so manche Figurenkombinationen erinnern an Jean – Antoine Watteaus Bilder, etwa an „Fête Galante“. Wir träumen uns in eine russische Gesellschaft auf dem Lande ein. Leichtfüßig, unbeschwert ist die Liebe zwischen zwischen Olga und Lenski, ganz zauberhaft getanzt von Sonja Dvorak und Davide Dato.

Im Vordergrund: Lenski/Dato und Olga/Dvorak © Ashley Taylor

Die Rolle Onegins ist keine leichte. Er ist der Inbegriff des Eitlen, Selbstverliebten. Reich und gebildet zwar, aber im Herzen kalt. Diesen Charakter kann man leicht überzeichnen, dann wirkt er lächerlich. Obwohl – einen Hauch von Lächerlichkeit soll er ja haben, aber eben nicht zu viel. Diese Gratwanderung gelingt Eno Peci recht gut. Tatjana zu brüskieren und mit Olga schamlos zu flirten, dazu braucht es ja nicht viel. Frauen fielen und fallen auch heute noch auf solche Gockel herein. Die Tatjana Polákovás ist zu Beginn vielleicht um eine Spur zu steif, zu „unsichtbar“. Das wohl deshalb, um dann in der Spiegelszene, in der sie sich einen liebenden Lenski erträumt, um so biegsamer, schmiegsamer zu sein. In die Tiefe einer ruhigen, ausgeglichenen Liebe tanzt sie mit dem Fürsten (Andrey Teterin), um gleich danach förmlich in einem furiosen Pas de deux in der Abschiedsszene zu explodieren. Das ist große Tanzkunst. Beide steigern sich in einen letzen Rausch der Leidenschaft hinein, bis dann die Realität einbricht und Tatjana Onegin zurückweist.

Peci und Poláková in der Schlussszene © Ashley Taylor

Ein Ballettabend, den man nicht oft genug sehen kann. Er wird nie langweilig. Mit so einer großartigen Besetzung (die gesamte Ensembleleistung sei hier einmal mehr hervorgehoben) und unter dem sicheren Dirigat von Robert Reimer gehört diese Choreographie zu den bleibenden.

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Nach Johann Wolfgang Goethe von Nicolas Stemann und Philipp Hochmair

Darf er denn das? Den“ Werther“ des ehrwürdigen Dichterfürsten Goethe verulken? Er, und zwar nur er, Philipp Hochmair darf das!!! Denn hinter der quirlig.komischen Übertriebenheit und Exaltiertheit steckt ein tieferer Sinn – nämlich der, wie tieftraurig, selbstverliebt und einsam dieser Kerl mit dem weltberühmten Namen Werther war und ist. Nein, ich sage jetzt nicht, Werther sind wir alle – ganz und gar nicht. Weil Philipp Hochmair nie und nimmer mit dem moralischen Zeigefinger wedelt. Er spielt einfach, es scheint, es fällt ihm alles in der Sekunde ein, da er spielt. Nix scheint vorbereitet und ist es doch. Und zwar präzise.

Nun mal vom Anfang an: Es beginnt, wie halt eine Lesung beginnt: Da steht ein Tischerl, dahinter ein Sessel am Bühnenrand,. dahinterhängt ein Riesenplakat mit der Ankündigung: Werther, Philipp Hochmair. Schon da schmunzelt man, denn Hochmair und eine normale Lesung – das geht nicht lange gut. Er tritt auf – in Tarnhose, gelbes Leuchtshirt, Cowboystiefletten und Cowboyhut. Also nix Wertherkostüm. Setzt sich, trinkt einen Schluck – ganz wie alle Künstler bei Lesungen. Aber das dauert nur Momente und schon legt Hochmair Verwirrungspfade – richtet einen Fotoapparat auf der Bühne ein, fotografiert den Blumenstrauß, das Foto wird riesengroß an die Wand geworfen. Dann liest er ein paar Zeilen, Bildungsbewusste erkennen einzelne Szenen, wie die: Frühling, Natur, Begegnung mit Charlotte, Tanz, Brotszene. Und so fort. Aber all dieses Szenen blitzen nur wie kurze Zitate auf, dazwischen fällt dem „Vortragenden“ wieder auf, wie langweilig der Werther in seiner Selbstüberschützung ist – und er überspringt seitenweise Kapitel, von denen er nur die Briefdaten nennt. Und Charlotte? Ja, die spielt auch mit: als Gipskopf kann sie fotografiert werden, groß auf die Leinwand projeziert und dort oder auf dem weißen Vorhang angebetet werden als Gipsgöttin. Immer schneller und schneller schraubt Hochmair die Spirale des Personenwechsels hinauf, immer mehr Zeitspuren legt er, einmal ist er mitten im WErther, dann in einer nicht fix auszumachenden Gegenwart, spricht mit dem Publikum, bewirft es mit Salatblättern (eine gekonnte Persiflage auf Kochsendungen im Fernsehen!) . spielt mit dem Publikum, verabschiedet sich, weil „Albert angekommen ist“, winkt und verschwindet. Das wiederholt er mindestens fünfmal. Und er drückt sich nicht um den Selbstmord – den kostet er in seiner larmoyanten Werthermanier aus, dann aber: das Schreckensfoto -riesig groß sein Gesicht, als er merkt, dass er wirklich geschossen hat. Das verzerrte Gesicht bleibt lange ohne Ton stehen, wird weggerissen, verglüht als ein Punkt im Dunkel der Bühne.

Begeisterter Beifall!!! Bravorufe. Eben: Hochmair darf alles!!!

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Theater Akzent: Stefano Bernardin als Hamlet

Für Text, Dramaturgie, Bühne und Regie gemeinsam verantwortlich: Stefano Bernardin und Hubsi Kramar

Keine Angst, so düster wie Stefano auf dem Foto dreinschaut, wird der Abend nicht. „Wenn zwei so Verrückte wie wir eine Idee haben, dann wird es ziemlich schräg!“, sagt Stefano Bernardin in einem Gespräch mit der Schreiberin dieser Zeilen. Und weiter: „Seit Sommer sitze ich und lerne alle Rollen.“

Und es wurde ein ganz besonderer Abend: Bernardin schlüpfte in die Rolle des Hamlet, des fiesen Claudius, der den Bruder umbringen lässt, er ist der kriecherische Polonius – er ist einfach: alle , alle. Von einer Sekunde auf die andere wechselt er Körperhaltung, Stimme und Mimik. Es gelingt ihm von dem jungen Hamlet übergangslos in die Rolle des miesen Onkels Claudius zu schlüpfen. Dazu genügen ihm eine Papierkrone und der rote Prunksessel.

Wo bleiben die Frauen? – die werden dezent angedeutet. Mutter Gertrude wachelt nervös mit den Händen, Ophelia bleibt unsichtbar, wird nur schroff ins Kloster geschickt. Ein ganz besonderes Gustostückerl ist die Auseinandersetzung mit den fiesen Heuchlern Rosenkranz und Güldenstern: Wie Bernardin alle drei auf die Bühne bringt, das muss man gesehen haben!!! Ein Hüpfer, ein Dreher mit dem Kopf, eine neue Mundstellung – und schon wird aus Hamlet Güldenstern oder Rosenkranz. Es darf gelacht werden!!! Und es wird gelacht. Auch über eindeutig -zweideutige Hinweise auf die momentane politische Situation in unserem Land. Da spürt man deutlich die Handschrift des „alten“ Polithaudegens Hubsi Kramar!

Aber die Tragödie bleibt nicht aus: Bernardin spielt Hamlet als den Unentschlossenen, der am Ende durch sein Zögern die Rache in Schuld umwandelt, eine Schuld, die er durch Selbstmord tilgt.

Großartig sein berühmter Monolog: Schlicht, ohne Pathos.

Großartig sein Spiel am Schlagzeug, wo er seine innere Wut abragiert.

Großarig sein Gesang und Spiel auf der Gitarre, in dem er seine Sehnsucht nach Liebe ausdrückt.

Und das Publikum applaudierte mit Begeisterung. Es gab standing ovation!

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Landestheater Niederösterreich: Thomas Mann: Der Zauberberg

Inszenierung: Sara Ostertag, Bühne Nanna Neudeck, Kostüme Clio Van Aerde, Dramaturgie: Julia Engelmayer und Maria Muhar

Aus einer riesigen Röhre kriecht Hans Castorp (Tilman Rose) aus der „Unterwelt“ an die Oberwelt des Sanatoriums in Davos, hoch in den Bergen. Ein Riesending, das einer Krake oder den menschlichen Rippenbogen gleicht, füllt die Bühne. Zuallererst muss sich der Besucher mühevoll orientieren, wer wen darstellt. Denn mit Ausnahme von Hans Castorp, der eindeutig ein Mann ist, sind die anderen Personen nicht so leicht in ihrem Geschlecht identifizierbar. Also: Settembini wird von einer Frau gespielt (Bettina Karl) – übrigens ist ihre Aussprache am klarsten. (Oben auf dem Balkon konnte man viele Textstellen nur bruchstückhaft verstehen). Die schöne Clawdia Chauchat wird von Tim Breyvogel dargestellt. Eher als Frauenfigur abtörnend. Den Vetter Joachim spielt Marthe Lola Deutschmann. Dieses Vexierspiel mit der Genderproblematik darf ja in keiner Inszenierung mehr fehlen und wirkt schon ein wenig abgenützt.Alles nach dem Motto: Nichts darf so sein, wie es scheint.

Zu einer melancholischen Hintergrundmusik (Clara Luzia und Catharina Priemer-Hunpel) spielt man nun Sanatorium, besser sollte man sagen: Irrenanstalt. Denn was Sara Ostertag aus dem feinsinnigen Roman über den Untergang einer verkorksten Gesellschaft gemacht hat, schrammt gefährlich am Klamauk entlang. Da schlurft eine Art Yeti im schmutzigrauen Zottelfell über die Bühne, hüpft dem auf der Röhre Schlafenden auf die Brust, da kleckert der Arzt mit Farbe herum, spritzt die Röntgenbilder auf die Brust der Patienten, , taumeln die Figuren durch Nebelschwaden – die bis hinauf auf den Balkon trotz Maske zu riechen sind. Da wühlt ein leicht verwirrter Hans Castorp am Schluss in einem Plastikherz, später im Schnee. Was fehlt noch aus dem gängigen Repertoire des Regietheaters – ja, richtig, eine Anspielung auf die Homosexualität des Autors. Als Zuschauer ist man nur damit beschäftigt, all diese Pseudosymbolik zu hinterfragen. Der eigentliche Sinn des Romans wird durch krampfige Regieeinfälle vernebelt – im wahrsten Sinn.

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Kammerspiele der Josefstadt: Brecht/Weill: Die Dreigroschenoper

Im Programm ist zu lesen: Unter Mitarbeit von Elisabeth Hauptmann – ein Hinweis, dass der Großteil der Arbeit für dieses Werk von Elisabeth Hauptmann geleistet wurde. Was Bert Brecht nicht so gerne zugab. Danke für diesen HInweis!

Die Bettler und Gauner sind in Frack und Zylinder gekleidet, nur manchmal blitzt ein Tatoo auf, so man es auf der dunklen Bühne überhaupt wahrnimmt. (Bühnenbild und Kostüme: Herbert Schäfer) Es herrschen Dauerdunkelheit und Nebel (London!), ein Nebel, der ziemlich unangenehm riecht, auch durch die Masken (leider) des Publikums dringt.

Die Aufführung (1. November 2022) war von keinem guten Stern begleitet: Herbert Föttinger( Peachum) und Marcello de Nardo (Kimball) konnten krankheitshalber nicht auftreten. Oliver Huether übernahm mit Buch in der Hand die Rolle des Peachum und machte seine Sache recht gut. Wer die Rolle des Hochwürden übernahm, war (mir) nicht klar.

Das Geschehen spielte sich auf zwei schrägen Stegen ab, zwischen denen die Figuren nicht immer ganz sprungsicher hin und hertanzen mussten. Die Musiker waren im Hintergrund platziert, dirigiert von Christian Frank, der vorne am Klavier saß. In dem verbleibenden Raum tanzten, wälzten und drehten sich Figuren in lasziv-erotischer Haltung – man sah viel gespreizte Damenbeine in die Luft ragen. Überhaupt setzte der Regisseur Torsten Fischer stark auf choreographische Effekte – die Figuren bewegten sich wie unter Wasser. Was in dem dichten Nebel recht beeindrucken konnte und über die langen Leerstellen zwischen den Gesangsnummern hinweghalf.

Gesanglich und schauspielerisch überragte Maria Bill als Celia Peachum alle. Sie traf den Weillschen Sound hundertprozentig und schuf ganz ohne Mühe eine Lotte-Lenya-Aura. Swintha Gersthofer war gesanglich eine überzeugende Polly, Susa Meyer eine lässige Spelunken-Jenny. Claudius von Stolzmann gab einen bürgerlichen Macky Messer, dessen Hinterhältigkeit und Gefährlichkeit zu wenig herauskamen. Dass er am Ende mit dem Kopf nach unten „gehängt“ werden sollte, erregte wohl bei den meisten Zusehern eher Mitleid mit dem armen Schauspieler als Bewunderung.

Dem Publikum gefiel es und sie honorierten besonders die Leistung der Einspringer.

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Marco Bolzano, Wenn ich wiederkomme. Diogenes Verlag

Aus dem Italienischen von Peter Klöss

Marco Bolzano, einer der erfolgreichsten Schriftsteller Italiens, greift immer gesellschaftspolitisch relevante Themen auf. Und die setzt er dann in spannende Romane um. Diesmal geht es um die Frauen, die ihre Familie im Osten Europas verlassen und in Italien mit Altenpflege Geld verdienen, um ihren Kindern ein Studium zu ermöglichen.

Marco Bolzano schreibt den Roman aus drei Sichtweisen: Zunächst erzählt der kleine Manuel, wie es war, als seine Mutter ohne ein Wort, bei Nacht und Nebel, das Haus in einem rumänischen Dorf verließ. Ein Schock für Manuel, die ältere Schwester Angelica und den Ehemann Filip. „Wir haben im ganzen Haus nach Moma gesucht. Irgendwann haben wir sogar die Möbel von den Wänden gerückt, als hätten wir einen Ring verlegt.“ Auf den ersten Verlust folgt bald der zweite: der Vater macht sich ohne Adressenangabe aus dem Staub. Manuel, der zuerst mir Feuereifer in der Schule Bestnoten schreibt, verliert die Lust am Lernen, gleitet ab. Nur sein Großvater und Angelica halten ihn noch. Bald beginnt er die Telefonate seiner Mutter, ihre Geschenke zu hassen. Er borgt sich das Moped seines Freundes aus und fährt damit in einen versuchten Selbstmord.

Im zweiten Teil erzählt Daniela, die Mutter, wie es ihr in Mailand geht. Sie pflegt einen grantigen Alten. Dann einen Dementen. Windelwechseln, füttern, kochen, einkaufen ist ihr anstrengender Alltag. Nie angemeldet, keine Chance auf Fixanstellung. Das Heimweh und die Sorge um ihre Kinder bedrückt sie sehr. Als sie vom „Unfall“ ihres Sohnes erfährt, kehrt sie nach Rumänien zurück und bleibt am Bett ihres Sohnes, der im Koma liegt, so lange, bis er aufwacht. Liebevoll umsorgt sie ihn danach. Doch Manuel bleibt verschlossen.

Im dritten Teil erzählt die Tochter Angelica. Sie hat beschlossen, „so zu tun, als wär nichts“. Sich ablenken, fertig studieren und allein zurechtkommen ist ihre Devise. Das schafft Distanz. Vor allem zur Mutter. Nach dem Spitalsaufenthalt hilft sie ihr, Manuel aufzupäppeln. Doch irgendwann hat sie genug von der Helferrolle. Sie verlobt sich, heiratet und zieht nach Berlin. Ob die Familie je wieder eins wird, bleibt offen.

In einer schlichten und klaren Sprache gelingt es Bolzano, das Schicksal dieser Familie lebhaft vor Augen zu führen. Er versteht es, die drei verschiedenen Schicksale und ihre Verknüpfung, besser ihr Auseinandertriften, ohne Schuldzuweisungen zu beschreiben. Im Nachwort schreibt er: „So ist ein dreistimmiger Familienroman entstanden, in dem jedes Mitglied seine eigenen Entscheidungen trifft, aber auch mit denen der anderen klarkommen muss. „

Die Frauen, die weggehen, verdienen zwar gutes Geld, aber verlieren ihre Identität und riskieren den Zusammenhalt ihrer Familien. Ein berührendes Dokument unserer Gesellschaft, die die Pflege der Kranken und Alten den Frauen aus dem Osten überlässt.

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Zora del Buono, Die Marschallin. C.H.Beck Verlag

Zora del Buono beschreibt das Leben ihrer Großmutter, einer geborenen Ostan.. Diese verlebt ihre Kindheit mit vier Brüdern in Bovec im Isonzotal , weiß schon als Kind viel über den 1. Weltkrieg und die Schlacht am Isonzo. 1920 lebt sie in Berlin, ab 1932 in Bari mit ihrem Mann, dem berühmten Radiologen Prof. Pietro del Buono. Beide sind überzeugte Kommunisten, sie eine fanatische, er eher besonnener. Geld ist in Hülle und Fülle da, was sie aber nicht hindert an einen Kommunismus zu glauben, in dem alle im gleichen Wohlstand leben. Sie haben drei Söhne, Zora ist eher eine distanzierte Mutter. Kinder sind in ihrem politischen Leben und Agieren nicht einbezogen.

Die Autorin schildert mit einer nur mühsam zu lesenden Detailtreue die kleinsten Umstände, wie Zora ihr Haus in Bari plant und baut, bis hin zum Tafelsilber und der Kleidung , auch der der Dienstmädchen. Diese Detailtreue erregt den Verdacht, dass es der Autorin eher darum ging zu beweisen, wie genau sie recherchiert hat. Viel erfahren wir nicht über die Figuren selbst, auch Zora, die wegen ihrer Strenge und Herrschsucht „Marschallin“ genannt wird, bleibt eine nur oberflächlich wahrgenmmene Figur. Durch diese ausufernde Detailschilderungen werden die politische Ereignisse nur als Fakten angeführt, Ursachen und Hintergründe bleiben dunkel. Die wechselhaften Ereignisse , wie aufkommender Kommunismus, Kampf gegen Faschismus, Hitler, Mussolini, Nationalismus, Partisannenkrieg, Tito und Stalin stürzen über die Familie del Buono genau so rasant herein wie über den Leser, der bald beginnt, die Details zu überfliegen, um an die Kerne der Ereignisse zu kommen.

Im zweiten Teil überspringt die Autorin die Jahre zwischen 1948 und 1980. Viele Familienmitglieder sind tot, nur Zora lebt in Nova Gorica in einem Pflegeheim. Sie blickt zurück auf das Leben ihrer Familie. Da erst wird Zora zu einem Menschen aus Fleisch und Blut und Seele. Sie sirbt kurz vor ihrem Ehemann, der als Alzheimerpatient in einem Schweizer Sanatorium lebt und sich an niemanden aus seiner Familie mehr erinnert.

Ein interessantes Werk, das um so interessanter hätte werden können, wenn die Autorin sich mehr auf die Figurenzeichnung, die politischen Entwicklungen konzentriert und die vielen uninteressanten Details gekürzt hätte.

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Jason Starr, Panik.

Aus dem Amerikanischen von Ulla Kösters

Jason Starr ist ein brillanter Erzähler, er weiß, wie man Spannung aufbaut und Charaktere herausarbeitet.

In dem Thriller „Panik“ geht es um das Problem der Notwehr. Ab wann ist es Tötung, wann Notwehr. In medial interessanten Fällen trifft meist die allgemeine Meinung, sprich die Medien, ein Vorurteil.

Adam Bloom ist ein angesehener Psychiater in New York. Seine Welt ist in Ordnung, bis eines Nachts ein bewaffneter Einbrecher in sein Haus eindringt. Als Bloom ihn erschießt, ist es für ihn Notwehr. Zunächst wird er als Held gefeiert, doch das ändert sich bald…

Hochspannung ist garantiert. Man kann gar nicht aufhören zu lesen!!

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Festspielhaus St. Pölten: Schwanensee

Choreographie: Angelin Preljocaj

Musik: Tschaikowsi: Schwanensee + zusätzlicher Musik

Video: Boris Labbé, Kostüme: Igor Chapurin

Mit diesem grandiosen Ballett eröffnet die Intendantin Brigitte Fürle eine besondere Jubiläumssaison : 25 Jahre Festspielhaus St. Pölten. Zugleich wird es ihre letzte Saison an diesem Haus sein – was sicher alle Besucher dieses wunderbaren Theaters bedauern. Mit Preljocajs Neuinterpretation des Balletts „Schwanensee“ hat sie für einen fulminanten Auftakt gesorgt.

Wenn Preljocaj angekündigt wird, dann sind Spannung, Überraschung und Faszination garantiert. Von der klassischen Version Marius Pepitas‘ ausgehend versetzt er die Handlung in die Gegenwart. Mit einer starken Szene wird begonnen: Der Zauberer Rothbart – später der teuflische Manager des „Vaterkönigs“ – vergewaltigt die schöne Odette und verwandelt sie in einen Schwan – eine brutal choreographierte Szene, ein schockierender Auftakt und Vorbereitung auf eine Welt, in der Natur und Liebe durch Macht und Geldgier zerstört werden.

Nicht auf einem Königshof wird gefeiert, sondern in der Villa eines Megabauunternehmers. Im Hintergrund ragen Kräne und Hochhäuser auf (Video Boris Labbé). Man feiert weniger den Geburtstag des Sohnes, eher das neue Modell des nächsten Bauprojektes. Das Fest endet mit einer rasanten Bunga-Bungaparty. Prinz Siegfried – in weißer Jogginghose und Kapuzenshirt – hängt mehr als innig an seiner Mutter und sie an ihm. Vielleicht will Preljokaj eine Inzestbeziehung andeuten und damit auch die Unmöglichkeit des Prinzen erklären, ehrlich und treu eine andere Frau als seine Mutter zu lieben.Frustriert von den nichtssagenden Girls, die ihn auf der Party umschwärmten, zieht es den Prinzen in die Natur – doch die ist grau und steinig. Dennoch tauchen die Schwäne auf und Odette bezaubert ihn vollkommen. Diese Szenen berühren stark. Man sieht nicht die rein klassische Führung, wie man sie von Petipa her gewohnt ist, sondern vielmehr das leicht aufgelöste Ungeordnete, das immer wieder zu einer Ordnung findet. Neben den klassischen Ballettfiguren baut Preljocaj auch witzige Hullahupp-Bewegungen ein, was wie ein ironisches Augenzwinkern wirkt. Das Zusammenspiel von Klassik und modernem Tanz ist ja Preljocajs typische Handschrift. Einer der Höhepunkte ist wohl die Vereinigung von Odette und Siegfried: Beide werden von je einer Schwanengruppe hereingetragen und wie in einem Hochzeitsbett hoch über ihren Köpfen vereint. Bilder, die lange im Gedächtnis bleiben.

Das Thema der Umweltzerstörung wird in der Folge immer deutlicher. Die Baukräne wachsen, die Natur stirbt, bis kein See, kein Baum mehr zu sehen ist. Siegfried ist der Verführung des schwarzen Schwans (beide getanzt von Théa Martin) erlegen. Als er den Irrtum erkennt, ist es zu spät. Vergeblich sucht er Odette, er findet nur mehr tote Schwäne in einer toten Natur.

Ein großartiges Ensemble, eine aktuelle und durchaus stimmige Neuinterpretation und verblüffende Einzelszenen machen den Abend zu einem besonderen Ereignis.

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Theater Scala: Nestroy: Umsonst

Fassung und Inszenierung: Bruno Max

Titelfoto v. li nach re: Leonhard Srajer als Pitzl, Simon Brader als Arthur, Jörg Stelling als Fabrikant Finster, Randolf Destaller als Inspizient, Teresa Renner als Schauspielerin, Bernadette Mold als Frau Gschlader.

Wo Bruno Max auf der Inszenierung draufsteht, da ist intelligenter Witz, schräger Humor und kontramodische Inszenierung garantiert.

Bruno Max siedelt das Stück in Steyr und in Braunau an, auf die Anmerkung Nestroys anspielend: Provinz ist überall. Mit voller Absicht gegen das Regietheater , das mit obskuren Bühnenbildern und/oder nackter Bühne das Publikum schon viel zu lange langweilt, lässt er Marcus Ganser ein herrrlich altmodische Bühne hinstellen: Ein kleines Theater in Steyr mit dazu passender Kantine, wo die Schauspieler dünnen Kaffee/ Gschlader auf Pump bekomen. Nicht nur die Bühne wirkt bewusst kontramodern, auch die Schauspieler. Die ganze Crew darf sich im Outieren austoben und sie machen das so intensiv gut, dass das Publikum vor Vergnügen johlt. Weil es endlich wieder einmal nicht mit dem Polit- und Moralhammer , der zur Zeit in fast allen Theatern auf uns hinuntersaust, erzogen wird. Man darf einfach lachen, sich vergnügen und die deutlichen Hinweise auf Gegenwartsprobleme registrieren, aber man muss sich nicht nachher schuldbewußt an die Brust klopfen. Zu diesem bewusst altmodischen Konzept passen auch die Kostüme von Anna Pollak, die direkt aus der Zeit Nestroys stammen könnten.

Mit Bedacht und sehr gewollt hat Bruno Max dieses Stück von Nestroy gewählt, geht es doch im ersten Teil darum, auf die ärmliche und prekäre Existenz der Schauspieler und der heutigen Kulturszene anzuspielen. Fixes Engagement – gibts nicht, das Theater ist vom Zusperren bedroht. Pitzl, der Schauspieler für die pathetischen Rollen., zitiert zum Leidwesen aller andauernd Schiller, kommt damit aber gar nicht gut an. Leonhard Srajer spielt diese Rolle herrlich übertrieben. Sein Freund und Schausspielerkollege Arthur (toll und übermütig :Simon Brader)ist über beide Ohren in Emma Busch – mit Selbstverleugnung komisch von Magdalena Hammer gespielt- verliebt. Aber natürlich stellt sich alles gegen diese Verbindung. Mit Bravour wird die Verwirrung auf die Spitze getrieben, durch Fenster gesprungen, hinter Türen versteckt etc. Das alles hat man schon oft in Komödien gesehen, aber selten noch mit so viel Übermut und Verve.

Der zweite Teil spielt in einer Gaststube in Braunau. In einer Ecke hockt ein Hitlerverschnitt. Das Peronal wird von dem Wirten Sauerfaß geschunden und schlecht bezahlt. Hermann Kogler gibt dieser Figur die bieder -berechnende Maske. Eine Sonderattacke auf die Lachmuskeln liefern Vater und Sohn Maushuber (Christoph Brückner und Rudolf Destaller). Sie sind das personifizierte Kapital, das von dem Lebenskünstler Arthur zur unnötigen Staffage degradiert wird. Un natürlich geht alles gut aus: Jeder und jede bekommt den Partner der Wahl, nachdem einige Verwirrungen geklärt sind.

Eigentlich müsste man jede kleinste Rolle vor den Vorhang rufen, denn das ganze Ensemble spielt so richtig gut und auf „Teufel komm raus“!

Wer also vom Regietheater, nackten Männerhinterteilen und brüllenden Horden genug hat, dem sei dieser Abend zur Erholung wärmstens empfohlen!!! Alle Infos unter:

http://www.theaterzumfuerchten.at

Maria Bill singt Kurt Weill

Kultursommer Semmering. Vorletzter Tag

Musikalische Begleitung: Saxophon, Klarinette, Arrangement: Leonhard Skorupa. Kontrabass: Gregor Aufmesser. Gitarre: Andi Tausch. Schlagzeug; Konstantin Kräutler.

Jahrhundertwendeflair wird von 1930er Jahren überstrahlt. Die Mischung machts aus: Draußen ein strahlender Spätsommertag, die weißen Tischtucher, die weißen Wolken auf einem seidenblauen Himmel leuchten durch die Terrassenfenster herein. Im Saal entführen Maria Bill, Kurt Weill und seine Musik in die 30er, 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Maria Bill-zart, zerbrechlich. zierlich und doch kraftvoll in der Stimme und im Auftreten, singt die von ihr so geliebten und oftmals schon gesungenen Lieder Kurt Weills, unterstützt von den vier jungen Musikern, die ganz auf sie eingeschworen sind. Sie kennt keine Eitelkeit: Das Haar wie schlecht onduliert, das schwarze Mädchenkleid , mit mattrosa Rosen bestickt, bedeckt nicht ihre eckigen Knie. Die dünnen Beine stecken in schweren Stifletten. So singt und erzählt sie von Kurt Weill und seinem Leben, seiner Zusammenarbeit mit Brecht, seiner Liebe zu Lotte Lenya, seiner Flucht aus Deutschland, der bitteren Zeit in Paris und von der harten, aber letztlich doch erfolgreichen Zeit in Amerika. Der Hintergrund aller Lieder ist die Liebe. Nicht nur die Liebe Weills zu seiner leichtlebig-schwierigen Ehefrau und Exehefrau und wieder Ehefrau Lotte Lenya, sondern weit darüber hinaus die Liebe der gequälten Frauenkreatur. Auch wenn sich die Frau für den Sex bezahlen lässt, so ist in ihr doch Liebe. Und immer steckt in allen Liedern die Sehnsucht nach Freiheit, nach einer unbegrenzten Liebe: „Youkali“.

Der erste Teil wirkt ziemlich brechtig – prächtig. Dann nach der Pause kommt Zärtlichkeit, Sehnsucht, tiefe Traurigkeit auf: „Je ne t’aime pas“, „Complainte de la Seine“ geprägt von den Erfahrungen der Naziverfolgung und der Trennung von Lotte Lenya. Berührend das Lied über das französiche Mädchen, das sich in einen deutschen Soldaten verliebt: „Mon ami, my friend“.

Maria Bill darf und kann alles sein: tragisch bis zum Herzzerreißen, mädchenhaft verschämt, hurenhaft aggressiv, lüstern. Sie singt mit ihrem ganzen Körper, erzählt die Geschichte, macht aus jedem Lied eine Biografie. Nie ist es irgendein allgemeines Leid oder eine anonyme Geschichte, immer skulpiert sie mit Händen und dem ganzen Körper, mit Gesicht und Stimme ein Lebewesen heraus, dessen persönliches Schicksal berührt.

Großartig geht eine großartige Saison zu Ende. Wehmütig verlässt das Publikum den Saal. Es wird wieder ein Jahr dauern, bevor das alte, verstaubte, aber von allen so geliebte Südbahnhotel von interessanten Künstlern zum Leben erweckt werden wird.

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Petra Reski, Als ich einmal in den Canal Grande fiel. Vom Leben in Venedig

Droemer Verlag

Petra Reski ist eine mutige Frau, die sich traut, die Machenschaften der Politiker, Tourismusgiganten und Aufkäufer Venedigs aufzudecken und mit Fakten und Zahlen zu belegen. Mutig deswegen, weil sie offensichtlich keine Angst vor Repressionen hat. Von Rückschlägen und Rauswürfen (z.B. aus dem Büro des Ex-Bürgermeisters Cacciari) lässt sie sich nicht entmutigen.

Als Journalistin unter anderem für FAZ und Stern war sie schon fast überall in der Welt. Aber Venedig war erst spät auf ihrer Liste. Humorvoll beschreibt sie ihre staunende Naivität, mit der sie Venedig 1989 das erste Mal erlebt. Gleich zu Beginn lernt sie einen Venezianer kennen, der bald darauf „ihr Venezianer“ wird. Dieser wohnt in einem Palazzo, stammt aus einem Dogengeschlecht und beschäftigt sich hauptsächlich mit Bewahren und Sammeln. Alles, was für Venedig heute und in der Vergangenheit wichtig ist. Seit sie ihn das erste Mal sah, sind 30 Jahre vergangen, und beide sind ein Paar und kümmern sich um das Schicksal von Venedig. Jeder auf seine Weise.

Mit viel Humor beschreibt Petra Reski ihre Hoppalas, die sie als Neuling in Venedig beging. Wenn sie stolz das neu erworbene Boot durch die Kanäle lenkt, knapp an anderen Schiffen vorbeirammt und bei dem Versuch, das Boot elegant zu vertäuen, in den Canal Grande fällt. Schnell aber wird sie ernst. Immer intensiver beteiligt sie sich an den Widerstandskämpfen gegen Korruption und Ausverkauf, verteilt Infozettel, auf denen für ein Referendum über die Autonomie Venedigs geworben wird. Obwohl genug Stimmen zusammenkommen, erklärt der Bürgermeister Luigi Brugnaro das Referendum mit einem fadenscheinigen Grund für ungültig. Die Autonomie wäre lebensrettend für Venedig. Denn alle bisherigen Bürgermeister lebten nie in Venedig, hatten kein Interesse am Erhalt der Stadt.

Viele Probleme, die Petra Reski aufzeigt, sind Venedigliebhabern bekannt. Wie die Vermietung jedes Quadratmeters an Touristen, der Ausverkauf der Paläste an Immobilienhaie, Benetton oder Pinault.Aber von den verheerenden Konsequenzen wird man erst durch dieses Buch klipp und klar informiert.

Die Kreuzfahrtschiffe kommen trotz Verbotsankündigungen immer noch nach Venedig. Und eines der größten Probleme ist die Zerstörung des Ökosystems in der Lagune. Nach dem Hochwasser von November 2019 von 1,60 m wird klar, wie sinnlos das vielgelobte Schleusensystem MOSE ist und wieviel Geld damit verschleudert wurde. Es sind die korrupten Politiker, die an Venedigs Ausverkauf ordentlich verdienen.

Am Ende des Buches beschreibt Petra Reski die Zeit des Lockdowns, als Venedig frei von den Touristenmassen, Ausflugsbooten und singenden Gondolieri war. Eine Zeit der Stille und Schönheit, die nicht lange andauern wird.

Petra Reski schrieb ein Buch, das alle Venedigliebhaber lesen sollten. Aber nicht nur die. Es sollte Pflichtlektüre für alle werden, die an Venedig verdienen und es sukzessive zerstören. Aber das bleibt Wunschdenken.

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Im „Seefischer“ am Millstättersee

Ein Sommer, wie damals. Ja, am Millstättersee im Hotel „Seefischer“ lässt sich Corona vergessen. Am Morgen gehört der See den Frühaufstehern. Hinein in den See, dann ein gutes Frühstück. Direkt am Wasser, Enten und Schwäne ziehen vorbei. Und danach einfach den Tag genießen, schwimmen, lesen, in eine „Welt von Gestern“ versinken. Am Nachmittag einen Spazergang durch Millstatt, natürlich in die Bendediktinerabtei und in die neu gestaltete Galerie von Jens August „Emporium“ hineinschauen und sich von dem ironischen Barock entzücken lassen. Und wenn der Abend über den See liegt, den Sonnenntergang von der Terrasse des Hotels bestaunen.

Für Kulturinteressierte: Millstatt

Die Millstätter Musiktage sind bestens bekannt. Ob Orgelkonzerte oder Mozart und Haydn – die Stiftkirche der Benediktinerabtei bietet den passenden Rahmen. (Mein Tipp: Bei Liederabenden oder klassischen Streichquartetten unbedingt rechtzeitig Karten in den vorderen Reihen bestellen, der Ton verdünnt sich in den letzten zehn Reihen!). Am Abend ist der Hof der Abtei stimmungsvoll beleuchtet und aus den Galerien „Emporium“ und „Art Space“ dringt leise Musik. Im „Emporium“, der neuen Galerie von Jens August, herrscht üppiges Neobarock, heruntergebrochen auf die Moderne durch die extravaganten Fotos des Galeristen. Im „ART SPACE“ hängen die eigenwilligen Puppenbilder der Südkoreanerin Ha Haengeun. Nach dem Galerierundgang kann man in der schwimmenden Pyramide KAP 4713 bei einem Glas Wein den Tag ausklingen lassen.

Webseiten:

http://www.seefischer.at

http://www.musik-wochen.com

Galerie „Emporium“: http://www.Galerie-August.com

Galerie „Art Space“: www.forum-kunst.com

Der Titel verheißt eher eine nüchterne, historische Abhandlung. Indes: Monika Czernin gelingt es trotz hoher Wissenschaftlichkeit und Genauigkeit ein spannendes Bild von Joseph II. zu zeichnen.

Joseph II. (1741- 1790) gilt allgemein als ein nüchterner Aufklärer, über den man gerade einmal weiß, dass er viele Klöster auflöste und die Leibeigenschaft aufhob. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser noch an das Toleranzpatent, das Österreich ihm zu verdanken hat.

Was aber hinter dem offiziellen Image dieses sensiblen, überaus klugen Herrschers steckt, das erfährt man zum ersten Mal in diesem exzellent geschriebenen Werk. Schon als Knabe widersetzte er sich den rigorosen Erziehungsmethoden am Hof, wurde ein glühender Verfechter der Aufklärung, deren Lehren er, so weit es ihm möglich war, in seiner Regierungszeit umsetzte. Trotz der Widerstände seiner Mutter Maria Theresia und des Hochadels. Er sah „über den Tellerrand höfisch – feudaler Herrschaftstraditionen und Klientelpolitik hinaus und mischte sich unter das Volk“ (p.330) Genau dieses mitfühlende Hinschauen trieb den jungen Herrscher an und veranlasste ihn, sein Reich bis an die äußersten Grenzen zu bereisen und die Nöte der Menschen kennenzulernen. Er reiste als Graf Falkenstein incognito, um keine Zeit mit unnötigen Empfängen zu verschwenden. Doch oftmals erkannte ihn die Bevölkerung und überreichte ihm zahllose Bittschriften. Keine davon blieb unbeachtet. Wo er vor Ort helfen konnte, tat er es. Lange Aufenthalte für .genussvolles Sightseeing gönnte er sich kaum. Ihm war es wichtiger, in die Hütten statt in die Paläste zu treten. Dem Elend und den Krankheiten wich er nicht aus, im Gegenteil, besuchte die Stätten, wo Kranke elendiglich untergebracht waren, scheute sich nicht, Säle mit Pocken- oder Lungenkranken zu betreten. Seine Neugier und sein Wille zu helfen und Missstände abzuschaffen waren unfassbar unerschöpflich. Weil er das Elend der leibeigenen Bauern miterlebte, schaffte er unter großen Widerständen die Leibeigenschaft ab. Sein Ziel war es, dieses riesige, unüberschaubare Reich der Habsburger in einen für die damalige Zeit modernen Staat hinüberzuführen. Nicht alles gelang ihm. Am Ende seines Lebens soll er gesagt haben: „Ich habe immer nur gewollt!“

Monika Czernin beschreibt aber nicht nur ausführlich die Routen und Aufenthalte mit allen Konsequenzen, die Joseph aus diesen bitteren Erfahrungen zog, sondern beleuchtet auch dezent das Privatleben des Kaisers: Seine große Liebe zu seiner ersten Ehefrau Isabella von Bourbon-Parma, den unerträglichen Schmerz über ihren Tod (1763), mit welch zärtlicher Liebe er seine Tochter Maria-Theresia erzog, die er 1770 ebenfalls sehr früh verlor. Während seiner Reise durch das Zarenreich (1787) kaufte er auf einem Sklavenmarkt ein kleines Tatarenmädchen frei, nahm es mit nach Wien, um ihm eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Das ist nur eine der vielen Episoden, in denen sich die private Seite Jospehs offenbart.

Schmunzelnd liest man auch die Versuche, das Eheleben von Maria Antoinette und Ludwig XVI. in Ordnung zu bringen. Denn seit Jahren hatten die beiden keinen funktionierenden Beischlaf. Joseph scheut sich nicht, dem unerfahrenen König eine Sexlektion zu erteilen. Genau beschreibt er in einem Brief an seinen Bruder Leopold, wie er dem König die Funktion des Gliedes und der Erektion erklärt hatte. Einmal Aufklärer, immer Aufklärer.

Die Gefahr, in der sich Frankreich, insbesondere das Königspaar, kurz vor dem Ausbruch der Revolution befindet, sieht er ganz genau. Den grausamen Tod der beiden hat Joseph nicht mehr miterleben müssen. Er stirbt am 20. Februar 1790, gerade einmal 49jährig. Im Epilog erläutert Monika Czernin die Gründe, warum sie sich einige Jahre intensiv mit Joseph II. beschäftigte: Die Zeit vor der Französichen Revolution weist Parallelen zur Gegenwart auf: Pandemien, auseinanderklaffende Gesellschaften, Arme, die immer ärmer werden, Reiche, die immer reicher werden, all das brachte die alten Reiche einst ins Schwanken und bringt die Welt des 21. Jahhunderts ebenfalls aus dem Gleichgewicht.

Erschienen im Penguin Verlag: http://www.penguin-verlag.de

Kultursommer Semmering: Briefwechsel Friederike und Stefan Zweig: „Sei vergnügt und wenig untreu!“

Lesung: Martina Ebm und Michael Dangl, Musik: Maria Fedotova:Flöte, Sebastian Gürtler: Violine

Friederike von Winternitz lernte Sefan Zweig 1912 kennen und verliebte sich in den damals schon bekannten Schriftsteller Hals über Kopf, ließ sich scheiden und lebte zunächst mit ihm zusammen. 1920 heirateten die beiden. Bald musste Friederike erkennen, dass sie Zweig nicht im Haus am Kapuzinerberg halten kann. Salzburg mit seiner „Schlaffluft“ wurde dem Reiselustigen mehr und mehr zuwider.

Es war pures Vergnügen mitzuerleben, wie die beiden Künstler die feinen Brüche und Umbrüche dieser schwierigen Beziehung herausarbeiteten. Martina Ebm zuerst als gurrendes, verliebtes „Lamm“ – so einer ihrer Briefunterschriften -, die sich ihrem „Gebieter“ unterordnet und sich brav um das Haus kümmert. Im Laufe der Beziehung schleichen sich immer mehr vorischtige Kritiken in ihre Briefe und schließlich auch eindeutige Mahnungen, dass sie von ihm mehr als nur kurze Reisestatements erwarte.Der Übergang vom verliebten Hascherl zur selbstbewussten Frau gelang Martina Ebm ausgezeichnet. Michael Dangl konnte einmal mehr den Frauenheld und Frauenliebling herauskehren, wie er auch in der Rolle als berühmter Schriftsteller – nämlich als Stefan Zweig – in der dramatisierten Novelle „Brief einer Unbekannten“ an der Josefstadt in der vergangenen Saison brillierte. Mancher Lacher blieb dem Publikum im Halse stecken, wenn Zweig diskret, aber eindeutig seiner Frau die erotischen Abenteuer andeutet. Zunächst antwortet sie scheinbar gelassen: „Sei vergnügt und wenig untreu!“ Doch bald zerbricht unter der herablassenden Behandlung Stefan Zweigs die Ehe. Das Ende kommt rasch, als sein Haus durchsucht wird und er ahnt, dass er bald in Deutschland und Österreich keine Leser mehr haben wird. Sein „Wunsch, die Welt noch einmal rund zu sehen, ehe sie zusammenkracht“, sollte früher, als er dachte, in Erfüllung gehen: Nach der Scheidung von Friederike flieht er nach Brasilien, wo er mit seiner zweiten Frau 1942 Selbstmord begeht. Mit dem berührenden Abschiedsbrief an Friederike endete dieser Abend, der das Publikum teils amüsiert, die meisten aber nachdenklich entließ.

Für den passenden musikalischen Rahmen sorgten Maria Fedotova auf der Flöte und Sebastian Gürtler auf der Violine. Sie spielten aus den „Duos für zwei Violinen“ von Bela Bartok und zeigten ihre Virtuosität in modern anmutenden Kompositionen, wie die von Peeter Vähi. Die ausgewählten Musikstücke passten perfekt zur jeweiligen Gefühlstemperatur des Ehepaares Friederike und Stefan Zweig – mal romantisch verspielt, dann wieder spöttisch-distanziert. Auch der Ehekrach kündigte sich in musikalischn Dissonanzen an.

Ein hoch künstlerischer Abend voller Intensität, mit klug ausgewählten Textstellen, hervorragenden Interpreten und intensiver Musik!

http://www.kultursommer-semmering.at

Goldoni: Die Verliebten. Ab 16. Juli im Wiener Lustspielhaus

Das Wiener Lustspielhaus ist zurück und wird dieses Jahr das für 2020 bereits geplante Stück „Die Verliebten“ von Carlo Goldoni Am Hof zur Aufführung bringen. Adi Hirschal ist in der Rolle des Eugenius Speismeier zu sehen. Als Erbe eines heruntergekommenen Ringstraßen Palais‘ und überforderter Onkel zweier Nichten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, versucht er, von ständigem Geldmangel bedroht, seine beiden Nichten Flori und Violetta mit Kunstsinn und Kochkunst an den Mann zu bringen. Mit von der Partie noch der Rechtsanwalt Willibald Winkel, Graf Rupert von Tanelle und das Gefühlsbündel Valentin Schmor. Für die dringend notwendige Bodenhaftung sorgen die treuen Diener Sigi Durstl und Toni Huber. Begleitet von drei wunderbaren Musikern findet schließlich jeder Topf seinen Deckel…

Besetzung
Eugenius Speismeier, Privatier – Adi Hirschal
Rupert von Tanelle, ein Adliger – Nikolaus Firmkranz
Violetta Speismeier,  Eugens Nichte – Doris Hindinger
Flora Speismeier, Violettas Schwester – Julia Jelinek
Valentin Schmor, ein Bürger – Christian Kainradl
Willibald Winkel, ein Anwalt – Nikolaus Firmkranz
Henriette Schmor, Valentins Schwägerin – Judith Thaler
Sigi Durstl, Eugens Diener – Christian Kainradl
Toni Huber, Valentins Diener – Adi Hirschal

Team
Autorin, Regie & Kostüme – Maddalena Hirschal
Bühne – Stefan Koch
Musikalische Leitung – Thomas Mahn
Maske – Zoe Marvie
Ton – Otto Bräuer
Licht – Sigrid Feldbacher
Regieassistentin – Judith Thaler
Produktionsleitung – Anita Horak
Geschäftsführung – Siegmund Ganswohl
Intendanz – Prof. Adi Hirschal

Gastprogramme mit „Wiener Schmäh“
Auch dieses Jahr gibt es ein zweimaliges Wiedersehen mit Adi Hirschal und Wolfgang Böck und ihren Strizziliedern. Des Weiteren Polly Adlers Nymphen in Not mit Angelika Hager, Ulrike Beimpold, Petra Morzé. Dem Thema Verführung ab 50 widmen sich Heilbutt & Rosen mit Theresia Haiger und Helmuth Vavra. Erika Pluhar und Adi Hirschal lesen und singen „Miteinander“ ausgewählte Texte und Lieder musikalisch unterstützt von Roland Guggenbichler. Das Finale des Sommers 2021 ist dann wie gewohnt das traditionelle Sommerschluss-konzert mit Adi Hirschal und den Brennenden Herzen – ein Gala-Abend in XXL-Format!

Alle Infos unter: http://www.wienerlustspielhaus.at

Martin Mosebach: Krass. Rowohlt.

Wieder ein Fall aus dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“: Das Feuilleton überschlägt sich mit Lobeshymnen. Keiner sagt: Der Roman ist eine Mühsal für den Leser.

Martin Mosebach liebt das Dekor bis zur Krassheit. Im üppigen Sprachbarock quält er die handelnden Personen durch das Geschehen, das recht dürftig ist. Seine Erzählkunst ergießt sich in wuchernde Details. Das muss man aushalten. Manche enthusiastischen Kritiker bezeichnen den Roman als „pageturner“. Ja, insofern richtig, wenn man unter „pageturner“ versteht, dass der Leser manche Seiten im Eilverfahren überblättert oder querliest..

Der Inhalt ist schnell erzählt:

Teil 1 nennt sich „Allegro imbarazzante“ – ich würde das sinngemäß so interpretieren: Der heitere Teil, der den Leser in ziemliche Verlegenheit versetzt. Denn er weiß nicht, wie er mit diesen schamlos-üppigen und selbstherrlichen Herrn Krass umgehen soll. Der hält ein paar Möchtegernvips als Art dümmliche Höflinge. In Neapel und Umgebung werden sie mit allem Luxus gefüttert, Essen, auch Kunst und Natur. Und müssen sich genau an seine Anweisungen halten. Diese erteilt er nicht selbst, sondern der unbedarfte und ziemlich überforderte Dr. Jüngel. Die Namen sind durchaus als Charakterbezeichnungen zu verstehen. Dann plötzlicher Abbruch, weil die reizende Lidewine Schoonemaker sich mit einem Kellner eingelassen hat, obwohl ihr Krass jeglichen Sex verboten hat. Lassen wir diesen Teil als Kritik an der verschwenderischen, kriecherischen und manipulierbaren Wohlstandsgesellschaft gelten.

Teil 2 „Andante pensieroso“ Es wäre nicht Mosebach, wenn nicht auch dieser Teil ziemlich skurril ausfällt. : Ende der lustvollen Reise. Jüngel verzieht sich in die französische Einsamkeit, um sein angeschlagenes Ich aufzupolieren. Dort lernt er die Freuden des naturnahen und asketischen Lebens kennen. Der Teil ist wohl als ironischer Gegenentwurf zum Lebensstil des Herrn Krass zu verstehen. Da wird Schnaps bis zum Umfallen getrunken, Milch direkt aus dem Euter der Kuh geschlürft und in faschistoider Vergangenheit geschwelgt. Alles schön langsam und „gedankenvoll“ , wie es das Leitmotiv verheißt.

Teil 3 Marcia funebre – Trauermarsch. Alle Wege führen nach Kairo, wo sich alle Hauptfiguren wieder treffen. Krass ist total verarmt, schlurft als Obdachloser durch die Gassen, wird vom Rechtsanwalt Mohammed aufgenommen. Lidewine ist Galeristin und verliebt sich in Mohammed. Jüngel ist was er immer war: ein hilfloser Zuschauer. Am Ende stirbt Krass in einer furiosen Trauerwortkaskade.

Kein Zweifel, Martin Mosebach kann schreiben. Aber nicht erzählen. Da zerbricht allzu viel im Pathos, gewolltem oder ungewolltem Kitsch. Schade, denn die Satire auf unsere Überflussgesellschaft hätte gelingen können, bringt sich aber selbst im Wort- und Metaphernüberfluss um.

http://www.rowohlt.de

Elisabeth-Joe Harriet: Wolfgang Amadé. Dichtung und Wahrheit

Was Sie schon immer über Mozart wissen wollten! Mit Mozarts Hund „Gaukerl“ vom ersten bis zum letzten Auftritt in Wien

Immer durch dieselben Straßen, immer durch dieselben Parkanlagen und Gärten zu spazieren verliert langsam seinen Reiz. Gegen die coronabedingte Spaziermüdigkeit hilft dieses Büchlein, das zu Mozarts Wirkungsstätten führt. In die Tasche stecken und los geht`s in schmale Gassen in der Innenstadt, in Hinterhöfe, auch zu wenig bekannten Plätzen in der Vorstadt.

Die Autorin kennt „ihren Mozart“! Sie führt die Leser zu den Orten, die Mozart in den letzten zehn Jahren in Wien frequentierte. Als Mozartguide fungiert der Hund „Gaukerl“. Humorvoll kommentiert er aus Hundesicht das Geschehen. Diese gelungene Mischung aus Information und Humor ist ja Harriets Stärke. Wer sie zum Beispiel von ihren Auftritten als Arthur Schnitzlers Witwe kennt, weiß das zu schätzen. In diesem Buch erfährt man nicht nur viel über Mozart, sondern auch so manches Wissenswertes aus der Wiener Gesellschaft. Etwa wie Johann Edler von Trattner zu seinem immensen Reichtum kam: Er hatte das Privileg, Schulbücher für alle Schulen in der Monarchie zu verlegen. Außerdem verdiente er sich mit Raubkopien eine goldene Nase. Und er legte das gewonnene Geld klug in Grundstücke und Immobilien an. Bedenkenlos ließ er alte Häuser abreißen und baute den heutigen Trattnerhof , wo er unter anderem ein florierendes Casino einrichtete. Die Story erinnert an so manche Immobiliengrößen von heute.

Nicht uninteressant sind die regelmäßigen Besuche Mozarts in der Freimaurerloge „Zur wahren Eintracht“, wo sich besonders viele Künstler versammelten. Ein Logenbruder war auch Angelo Soliman. Als prominenter Schwarzer, damals Mohr genannt, erlangte er durch seinen Tod traurige Berühmtheit: Kaiser Franz II. ließ ihn von dem Bildhauer Franz Thaler abhäuten und ausstopfen. Bis 1848 konnte man ihn in der Naturalien-Sammlung des Kaisers mitten unter Wasserschweinen und seltenen Vögeln bewundern.

Lebendig und pointiert lässt Elisabeth – Joe Harriet das Leben Mozarts inmitten der Wiener Gesellschaft, von reichlichem Bildmaterial begleitet, entstehen. Der schmale Band sticht angenehm aus den oft schwer lesbaren, allzu wissenschaftlichen Büchern über Mozart heraus. Eine gute Medizin gegen Coronaüberdruss! Die Autorin wird -sobald es coronabedingt möglich ist – zu Mozarts Stätten führen .

http://www.V-A-N.at

Alle Informationen über Elisabeth-Joe Harriet als Schauspielerin, Autorin und Reiseorganisatorin: http://www.elisabeth-joe-harriet.com

Dieser Doppelnutzen macht das Buch besonders attraktiv: Einerseits erlebt man die zehn letzten Lebensjahre Mozarts direkt vor Ort nach, andrerseits sind solche Apercus über die Wiener Gesellschaft auch nicht uninteressant.

Also den Frust über die ewig gleichen Spazierwege vergessen und auf Mozarts Spuren mit dem Buch in der Hand losziehen.

Lukas Hartmann: Schattentanz. Die Wege des Louis Soutter.

Diogenes Verlag

Traurig schließe ich dieses Buch. Traurig, weil es zu Ende ist. So fühle ich mich immer, wenn ich – was selten genug der Fall ist – ein Buch beendet habe, das mich durch Tage gefangen hielt. Eine literarische Kostbarkeit darf nur in kleinen Dosen genossen werden, sage ich und lese immer nur ein Kapitel. Dann lege ich das Buch weg. Lasse Sprache und Bilder, die Hartmann einfühlsam und subtil erstehen lässt, in mir wirken, lese einige Stellen nochmals, um sie besser in mich aufnehmen zu können und lange zu bewahren.

Lukas Hartmann ist kein „Seitenfüller“. Seine Sätze sind jeder für sich kostbar, bildhaft, stark. Banalitäten lässt er nicht durchgehen. Denn die Bilder des Malers Louis Soutter, dessen Leben und Werke Lukas Hartmann auf knapp 250 Seiten beschreibt, waren für ihn „ein künstlerisches Offenbarungserlebnis“, wie er im Nachwort gesteht. Erst nach langer und eingehender Beschäftigung mit diesem Ausnahmekünstler wagte er es, dieses Buch zu schreiben.

Die alles beherrschende Mutter

Louis Soutter (1871 -1942) wächst in einem gut bürgerlichen Haus in Morges am Genfer See auf. Er und seine Schwester Jeanne werden von der ehrgeizigen Mutter zu „Wunderkindern“ gedrillt. Sie sollen als Musiker Weltkarriere machen: Louis als Geigenvirtuose und Jeanne als Sängerin. Beide versuchen immer wieder, sich diesem Zwang zu entziehen. Mit mäßigem Erfolg. Das übergroße Mutterbild wird ihr Leben beherrschen und zum Teil auch ruinieren. Nur der Älteste der drei Kinder, Albert, scheint zunächst davonzukommen. Er übernimmt die Apotheke des Vaters. Doch auch er scheitert und rettet sich in den Suff.

Louis versucht tatsächlich ein Geigenstudium, gibt es aber bald zu Gunsten der Malerei auf. Seine Heirat mit einer reichen Amerikanerin scheitert kläglich, weil er ihren Anforderungen nicht genügen kann. Zurück in der Schweiz, versucht er mit mäßigem Erfolg, sein Geld als Geiger zu verdienen. Aber er spürt, es ist die Malerei, die sein Leben bestimmt. Unfähig, sich selbst zu erhalten, wird er bald in ein Altersheim eingewiesen, wo er 19 Jahre bis zu seinem Tod 1942 bleiben wird. In einem armseligen Zimmer malt er wie besessen. Bilder, die sich ihm aufdrängen. Er kann nicht anders, er muss seine inneren Qualen, seine Visionen vom kommenden Krieg malen.Hellsichtig weiß er, dass Mussolini und Hitler den Tod von Millionen Menschen verursachen werden.

Seine Bilder

Seine Bilder wurden zu Lebzeiten von niemandem geschätzt. Heute werden sie in verschiedenen Museen ausgestellt. Soutter selbst hatte Zweifel, ob sie irgendwem einmal etwas bedeuten werden. Manche Bilder zerreißt er, manche verschenkt er, die meisten stapelt er in seiner Kammer zu großen Haufen. Als seine Augen immer schwächer werden, malt er mit Fingern, lässt sie wie in Trance über das Papier tanzen, einer inneren Musik folgend. Er stirbt 1942 einsam in seiner Kammer, inmitten einer Unmenge von Werken.

Geschickt beleuchtet Lukas Hartmann diesen schwierigen und schwer fassbaren Charakter von verschiedenen Seiten und wechselt den Standpunkt der Betrachter. Einige Male reflektiert die Mutter in der Ichform über ihre Wünsche und Vorstellungen, die sie für die Kinder hatte. Als objektiver Beobachter fungiert ebenfalls der Cousin Charles-Edouard, der später als Architekt Le Corbusier eine intenationale Karriere machen wird. Dass die beiden in Anschauungen und Lebensformen total verschieden sind, wird dem Cousin sehr schnell klar. Dennoch besucht er Louis in Abständen von mehreren Jahren immer wieder, obwohl er mit seinen Bildern nichts anzufangen weiß. Aber die intensiven und sehr kontroversiell geführten Auseinandersetzungen über die Aufgaben der Kunst faszinieren den Cousin.( Dass Hartmann von der kalten Architektur Le Corbusiers nicht sehr viel hält, lässt er dabei deutlich werden) Als glühender Verehrer von Mussolini und Hitler wird Corbusier erst nach dem Tod von Louis dessen Hellsichtigkeit erkennen.

Besonders berührend schildert der Autor das innige Verhältnis zwischen Louis und seiner Schwester Jeanne. Sie ist die einzige aus der Familie, die ihn versteht und versucht, ihm in seiner Lebensuntüchtigkeit Halt zu geben. Die Kindheit der beiden, die, vertieft in Spiele und erfüllt von gegenseitiger Zärtlichkeit, der Härte der Mutter zu entgehen versuchen und sich eine eigene Welt bauen, war nur in diesen Phasen des ungestörten Zusammenseins glücklich. Doch auch Jeanne wird später nicht die nötige Kraft aufbieten, sich gegen die Mutter zu stellen. Sie zerbricht in diesem Kampf und wird Selbstmord beghen.

Das Leben Louis Soutters erinnert in vielen Zügen an den Schweizer Autor Robert Walser (1878-1956). Beide hatten mit den bürgerlichen Lebensformen und den Anforderungen der Gesellschaft an sie schwere Probleme. Beide versuchten im Gehen über weite Strecken ihre innere Unruhe zu bezähmen. Beide fanden in der (unfreiwilligen) Abgeschlossenheit eines Heimes einen gewissen Frieden und schufen wichtige Werke. Auch der Dichter Friedrich Hölderlin (1770-1843) erlitt ein ähnliches Schicksal: Nach der schmerzvollen Trennung von seiner Geliebten Suzette Gontard und nach deren Tod zerbricht in ihm das Korsett, das ihn bis dahin in einer gewissen bürgerlichen Bahn gehalten hat. Er geht, geht, geht, weit und als er nach Tübingen zurückkehrt, hat sich sein Geist verwirrt, so glaubt man.Nach einer sinnlosen Zwangsbehandlung im Tübinger Klinikum zieht sich Hölderlin bis zu seinem Tod in die Einsamkeit eines Turmes zurück. Und vielleicht darf ich auch Parallelen zu Peter Handke ziehen. Er wählt die Abgeschiedenheit selbstbestimmt. Ebenso wie Soutter und Walser ist ihm das Gehen in der Natur Impuls und schafft ihm inneren Frieden.

All diesen Künstlern gemeinsam ist das innere Brennen für ihre Kunst, das bedingungslose Wollen und Schaffen. Lukas Hartann ist ein congenialer Übersetzer, Vermittler zwischen diesem so schwer fassbaren Künstler Louis Soutter und den Lesern. In der Flut der historischen Biografien, die zur Zeit den Markt überschwemmen, leuchtet dieses Buch als seltener Diamant heraus.

http://www.diogenes.ch

Margaret Laurence, Der steinerne Engel. Eisele Verlag

Aus dem kanadischen Englisch von Monika Baark

Der Eisele Verlag ist dafür bekannt, Literatur aus dem Englischen oder Amerikanischem auf den deutschsprachigen Markt erfolgreich zu platzieren. Mit viel Spürsinn werden immer wieder vorwiegend Autorinnen vorgestellt, von denen das leseaffine Publikum vorher nie etwas vernommen hat.

Diesmal also: Der steinerne Engel, geschrieben Anfang der 60er Jahre. Zu dieser Zeit war das Thema „alte Menschen kämpfen um ihr Recht auf selbstbestimmtes Leben“ noch nicht in den Fokus der schreibenden Zunft gelangt. In meinem literarischen Gedächtnis war einer der ersten, wenn nicht überhaupt der erste, der sich mit dem Thema beschäftigte, der schwedische Autor Jonas Jonasson. Sein Roman „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ war gleich bei seinem Erscheinen 2010 ein Bestseller. Seither ist das Thema in vielen, ja zu vielen Romanen behandelt worden: Als Erinnerung an Großmutter, eingepackt in eine Familiengeschichte, als die weise Frau, die dem Kind die traurige Kindheit versüßt, bis zuletzt zu dem frech das Thema ironisierenden Roman von Lisa Eckhart, Oma. In den letzten Jahren kam es regelrecht zu einer Überschwemmung des Buchmarktes mit Oma/Opa- und Altengeschichten.

Deshalb mag man mir verzeihen, wenn ich dem Buch nicht ganz gerecht werden konnte. Denn immer wieder passierte es mir beim Lesen, dass ich dachte: Nein, nicht schon wieder. Dabei ist dieser Seufzer der Autorin gegenüber völlig ungerecht, denn als sie den Roman schrieb, betrat sie fast thematisches Neuland.

Worum geht es? Hagar Sipley ist eine grantige Alte, die bei ihrem Sohn und der Schwiegertochter lebt. Ihr Grant und ihre Streitlust lässt sich die „böse“ Schwiegertochter nicht mehr länger gefallen und will Hagar Shipley ins Altersheim abschieben. Klar, dass diese sich mit allen Mitteln wehrt und die „Einweisung“ listig zu verhindern versucht.Doch vergebens. Noch im Altersheim, schon sehr hilfsbedürftig, sucht sie die Pflegerinnen zu drangsalieren, um sich ein ganz ganz kleine Freiheit im Handeln und Denken zu verschaffen. Um vor sich und dem Gott, den sie nicht um den Tod anbetteln will, mit Würde zu leben oder eben zu sterben. Das Ende ist von machtvoller Würde. Dazwischen kämpfte ich manchmal mit einem gewissen Verdruss in mir. Vor allem, wenn die Autorin in Attributen versinkt. Fast kein Substantiv, dem sie nicht irgendeine Eigenschaft hinzufügen muss. Entgegen der Regel: weniger ist mehr.

Insgesamt aber ein hinterlistig-humorvoller Roman. Gescheit gemacht, weil es Margaret Laurence gelingt, die Hauptfigur durchaus auch unsympathisch zu schildern. Sie entgeht dadurch dem literarischen Klischee: Nette Alte, der von den Jungen Unverständnis entgegengebracht wird. Ganz im Gegenteil: Hagar Shipley kann ganz schön widerwärtig sein. Aber genauso auch der Sohn und die Schwiegertochter. Sympathie und Antipathie werden alternierend verteilt. Dadurch unterscheidett sich dieser Roman von solchen mit ähnlichen Theme in angenehmer Weise..

www.eisele-verlag.de

„Menschheitsdämmerung“ im Leopold Museum

Elf Künstler, die in der Zeit von 1919-1938 die Österreichische Moderne repräsentierten.

Titelbild: Herbert Boeckl: Große sizilianische Landschaft 1924 (Detail) Leopold Museum Wien, Foto: Silvia Matras.Copyright: Herbert Boeckl-Nachlass, Wien

„Menschheitsdämmerung “ ist ein vieldeutiger Titel. Er umschreibt eine Zeit, in der Menschen Kriegstraumata verarbeiten mussten und die nächste Katastrophe bereits heraufdämmert. Eine Zeit, mit der die Maler dieser Epoche ganz verschieden umgehen. Alfons Walde findet in der Darstellung der heimatlichen Höfe, tief geduckt in eine alles zudeckende Schneelandschaft, seinen festen Mittelpunkt. Auf die Menschen, die in seiner Landschaft leben, ist viel Hartes herabgeprasselt, aber sie finden im Glauben ihren Halt.

Alfons Walde: Begegnung. Der Kirchgang, 1924 (Foto.Silvia Matras) Leopold Privatsammlung.

Während ich vor dem Bild stehe und über die Wucht des Pinselstriches und des schweren Rahmens staune, erfahre ich vom Saalaufseher, dass der Rahmen allein ein Gewicht von 45 kg haben soll. Wenn diese Angabe richtig ist, so passt das Gewicht des Rahmens zum Gewicht, das auf den Menschen unter den fordernden Lebensbedingungen lastet.

Passend zu dem Thema Schwere des Lebens hängen im selben Raum die Bilder von Albin Egger-Lienz. Er arbeitete während des Ersten Weltkrieges als Kriegsmaler direkt an der Front. In den Bildern „Finale“ (1918) malt er keine Menschen, sondern „Menschenmaterial“, wie es in der damaligen Kriegsführung hieß: Graue, zu unkenntlichen Leiberresten verformte Tote liegen in- und übereinander verkrallt. Menschen als Abfall.

Albin Egger-Lienz: Finale 1918 . Foto: Silvia .Matras, Bildrechte: Leopold Privatsammlung

Anton Kolig malt die Verletzlichkeit des Mannes, allerdings nicht auf dem Schlachtfeld, sondern geborgen im Privaten. Dennoch aber ausgesetzt, nackt. Zwar umgibt den jungen Mann ein Wohnraum, doch Geborgenheit sieht anders aus. Rosarot glänzt das ungesunde Fleisch, als wäre es von Messern zerschnitten.

Anton Kolig: Großer Kniender. Sehnsucht 1922 (Detailfoto:Silvia.Matras.)

…und plötzlich ist alles privat..

Temperatur, Themenstellung, Ausstrahlung – alles ändert sich, als ich den Raum mit Werken von Herbert Boeckl betrete. Und plötzlich führen mich diese Bilder zurück in das Atelier meines Vaters. Eduard Matras war Schüler von Herbert Boeckl, hat wie er Cézanne (und van Gogh) überaus verehrt. Boeckl war ein Künstler, der internationale Strömungen genial in seinen Kompositionen verarbeitete. Und er gab diese Einflüsse an seine Schüler weiter. Nur schwer konnte sich mein Vater – und andere Maler dieser Epoche – vom Einfluss Boeckls befreien. Ich erkenne den üppigen Farbauftrag, das Auftürmen der Farbmassse, das Abgrenzen mit schwarzen Umrissen, ähnlich wie in den Bildern meines Vaters. Auch die Themenstellungen sind ähnlich: Die Welt ist nicht mehr nur von Krieg und Elend erfüllt, es gibt Ruhe, Gelassenheit – Stillleben und Porträt werden wieder aktuell. Die Stadt, die Zivilisation und die Industrie faszinieren. Viele Bilder meines Vaters behandeln in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg genau diesen Aufbruch. Leider sind sie für mich nicht mehr auffindbar, in Depots diverser Museen oder in den Räumen der Sammler verschollen. Er führte auch kein Verzeichnis, wohin er seine Bilder verkaufte. Mir war immer schon klar, dass er nicht zu den Erneuerern gehören wollte. Abstraktion war nicht sein Thema.

Auch in den Bildern von Josef Dobrowsky oder Sergius Pauser finden sich diese Themen: Ruhige Landschafts- oder Straßenbilder, Porträts. Es scheint ein Rückzug in eine Art von Idylle stattgefunden zu haben, allerdings kitschbefreit. Revoluzzer waren sie alle nicht.

Josef Dobrowsky: Häuser im Winter (Ybbs?), 1930 (Detail) Foto: Silvia Matras

Dann findet sich doch einer in der Ausstellung: Alfred Wickenburg. Er gründete 1923 die „Grazer Sezession“, der auch mein Vater später angehörte, obwohl er sich der kubistisch-avantgardistischen Richtung nicht anschloss. Wickenburg war so etwas wie ein Erneuerer, Erwecker. Er brachte den Kubismus in die Provinzhauptstadt und erregte mit seinen Bildern großes Aufsehen. Das Leopoldmuseum zeigt Werke von einer ungewöhnlichen Farbtransparenz, gepaart mir harten Verformungen.

Alfred Wickenburg: Giardino del Lago 1921. Privatbesitz Wien .Foto: Silvia Matras

Die Ausstellung „Menschheitsdämmerung“ zeigt nur einen kleine Auswahl von Künstlern in der Zwischenkriegszeit. Sie erhebt nicht den Anspruch auf einen umfassenden Überblick, will nur ein Teilsegment, aber ein durchaus wichtiges dokumentieren. Denn diese Zeit ist zwar, was Schriftsteller, Komponisten und Theaterleute betrifft, gut aufgearbeitet und interpretiert – z. B. in den Büchern von Herbert Lackner: Als die Nacht sich senkte, um nur ein aktuelles Werk zu nennen. Aber in der bildenden Kunst gibt es noch Lücken. Und eine dieser Lücken füllt diese Ausstellung. Sie zeigt, dass die meisten Künstler eine eher traditionelle Thematik und Bildgestaltung bevorzugten. Das Feste, in Tradition Verankerte, gab Halt und vielleicht auch Zuversicht. Der krasse Expressionismus war mehr die Ausdrucksweise der Rebellen, wie Oskar Kokoschka einer war. Doch das wäre eine andere Ausstellung…

Schade, dass die Ausstellung „Hundertwaser-Schiele“ nach Ende des letzten Lockdowns nicht noch einmal aufgenommen wurde. Aber es gibt ja noch den ausführlichen Katalog, ediert von Hans-Peter Wipplinger.

Die Ausstellung „Menscheitsdämmerung“ wird noch bis 5. April 2021 zu sehen sein.

http://www.leopoldmuseum.org

Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit. Klett-Cotta Verlag

Untertitel: Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten 1933-1943

In dem 2018 erschienen Buch „Zeit der Zauberer“ beschreibt Eilenberger die Entwicklung der Philosophie Heideggers, Cassirers, Benjamins und Wittgensteins und ihre Denkwege in der Zeit von 1919-1929. Nun also im Zeitalter der Gleichberechtigung von Mann und Frau widmet er sich vier Frauen, die auf unterschiedliche Weise die Zeit des Nationalsozialismus und des Totalitarismus gedanklich und durch reale Lebensentwürfe bewältigt haben oder bewältigen wollten.

Es sind teils bekannte, teils der Allgemeinheit unbekannte Namen: Simone de Beauvoir, Simone Weil, Hannah Arendt und Ayn Rand. Sie lebten in einer Zeit, die der Gegenwart nicht unähnlich ist: Das wirtschaftliche Überleben ist für viele aus der Mittel- und Unterschicht mehr als fraglich, das geistige Leben wird von der Politik abgewürgt oder in eine ihr genehme Richtung gelenkt.

In Zeiten der Not und des von Krieg und Verfolgung bedrohten Lebens entwickelten jede der vier Frauen eine eigene Denk- und Lebensstrategie: Ayn Rands Eltern wurden während der Russischen Revolution enteignet, sie selbst floh nach Amerika und wurde zu einer der erfolgreichsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit. In ihren von Nietzsches Gedankengut beeinflussten Romanen und Theaterstücken dreht sich alles um die individuelle Freiheit, die mit allen Mitteln gegen Zugriffe des Staates verteidigt werden müsse. Dies geschehe am besten durch radikalen Individualismus.

Das Leben Simone Weils ist ihr geistiges Skriptum. Was sie gedanklich fordert, das lebt sie in radikaler, zur Selbstaufgabe hin neigender Art und Weise: Als Tochter gut bürgerlicher Eltern widerstrebt ihr alles, was mit Besitz zu tun hat. Ihre zerbrechliche Gesundheit setzt sie immer und überall aufs Spiel, sie brennt für die soziale Aufgabe, gründet ein privates Flüchtllingshilfswerk, arbeitet in einer Fabrik, um die Probleme der Arbeiter nachvollziehen zu können. Ihre Zerbrechlichkeit ignorierend schreibt, lehrt und arbeitet sie unermüdlich. Ihre ärgste Sorge lässt sie hellsichtig vor einem totalen Überwachungsstaat warnen. Sie stirbt 1943 in einem Sanatorium in Endgland an Herzversagen, Tuberkulose, Hungerödemen und in geistiger Verwirrung.

Religion trägt für Simone de Beauvoir die Hauptschuld für die menschlichen Verfehlungen. Frei von der gängigen Moral gehen sie und Sartre immer wieder neue Liebesbeziehungen ein, bleiben aber als Freunde bis zum Schluss miteinander verbunden. Simone de Beauvoirs Buch „Das andere Geschlecht“ wird zum Kultbuch der Frauenbewegung.

Hannah Arendt flieht vor den Nationalsozialisten nach Paris und später in die USA, wo sie Forschungen über Entstehung und Gefahren des Totalitarismus betreibt. Mit ihrem Werk „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“ erlangt sie Weltruhm. Das Buch gilt bis heute als wichtigste Grundlage der Totalitarismusforschung.

Vier Frauen, vier verschiedene Biografien. Eilenberger zeigt auf, wie die verschiedenen Lebenswege die Enststehuung des philosophischen Gedankengutes beeinflussten. Entgegen einer in der wissenschaftlichen Diskussion weit verbreiteten Meinung, dass Kunst-Werke per se und nicht aus der Biografie des Künstlers gedeutet werden dürfen, besteht Eilenberger auf der These, dass die Lebensumstände es sind, die ein Werk unterschwellig oder ganz offen beeinflussen, ja erst entstehen lassen. Als Leser kann man dieser These durchaus folgen.

Deshalb ist dieses Buch eine Mischung aus Biografie und Interpreation philosophischer Texte. Obwohl scheinbar mit leichter Hand geschrieben, steht doch einiges dem flüssigen Lesen und Verstehen im WEge: Der Autor springt recht rasch von einer Figur zur anderen, ohne den Übergang deutlich zu machen. So fragt man sich recht oft, von welcher „sie“ denn gerade die Rede sei. Das Prinzip des geichzeitigen Beschreibens der vier Frauen in einem abgesteckten Zeitrahmen verhindert ein genaueres Eingehen auf die Einzelperson. Über jede dieser vier Frauen wäre es interessant, eine ausführliche Biografie zu lesen, in der detaillierter auf die Zusammenhänge von Leben und Werk eingegangen wird. Denn jede einzelnes Leben dieser Frauen böte ausreichend Stoff für eine eigene Biografie.

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Jason Starr: Ein wirklich netter Typ. Diogenes Verlag

Aus dem Amerikanischem von Hans M. Herzog

Tommy Russo ist ein Feschak: Sportlich gestählt, Rausschmeißer in einer Bar, erfolgloser Schauspieler. Wegen seiner Wettsucht leidet er an permanentem Geldmangel. Auf der Pferderennbahn verliert, gewinnt und verliert letztlich den letzten Dollar. Als ihm ein zwielichtigen Typ ein Angebot macht, lässt er sich darauf ein: Um zehntausend Dollar kann er Teilhaber eines Rennpferdes werden. Woher das Geld nehmen, wenn nicht stehlen? Genau das tut er, er bestiehlt ausgerechnet seinen Chef, der ihm vertraut. Ab da geht es mit Tommy Russo bergab. Er wird dem Leser immer unsympathischer, man wartet drauf, dass er endlich auffliegt. Was auch letzten Endes geschieht

Jason Starr liefert hier ein interessantes Psychogramm eines Menschen, der sich blinden Auges und völlig ohne Einschätzung seiner Lage und Fähigkeiten in sein Unglück manövriert: Selbst für den Mord, den er begeht, hat er für sich und sein Gewissen, das er eh nicht hat, Ausreden oder bessser: Erklärungen, warum er so handeln musste und nicht anders konnte. Was ihn ebenfalls unsympathisch macht, ist sein aufbrausendes Auftreten. Interessant, dass der Autor diesmal nicht ein „armes Würstel“, wie etwa in dem Krimi “ Seitensprung“, schildert, mit dem der Leser Mitleid hat, sondern einen echt unsympathischen Aufschneider und Schlägertyp schildert. Jason Starr gelingt mit diesem „Krimi“ die psychologisch gut ausgeleuchtete Charakterstudie eines Menschen ohne Gewissen, eines Spielers, eines Loosers. So gesehen ist das Buch weit mehr als „nur“ ein Krimi.

www.diogenes.ch

test

Kuratorin: Bärbel Vischer, Kustodin MAK Sammlung, Gegenwartskunst

Sheila Hicks, geboren 1934 in Nebraska, ist eine der wenigen Künstlerinnen, die Malerei und Webkunst miteinander verknüpfen. Ihr großes Wissen um indigene Webpraktiken ist neben dem Studium der Malerei und Architektur Grundlage ihres Oeuvres.

In vier großzügig ausgestalteten Räume entwickelt sich eine Dramaturgie des Raumes aus Malerei und Skulptur. Im ersten Raum spielt die Sheila Hicks mit „Bildern“ aus Längsfäden, die im Farbverlauf in verschiedenen Rot- und Blautöne changieren.

Foto: Silvia Matras

Immer wieder aber werden aus Webbildern Halbreliefs, in denen Architekturmerkmale dominieren, indem sie die Fäden zu dreidimensionalen Säulen oder Kuben bündelt..

An Bäume und Wurzeln erinnern die in sich verschlungenen Seile, die ein bizarres Schattenbild an die Wand werfen. Daneben ragt wie eine Mahnsäule ein Baumrumpf aus geflochtene Garnenbis an die Decke. An der Stirnseite liegt ein Hügel aus gelb-orangefarbigen Pölstern aufgeschichtet. Vorhänge wehen vom Boden bis zur Decke. An orientalische Sitzkissen wiederum erinnern die in verschiedenen Größen und Farben gewebten Gebilde an der gegenüberliegenden Wand. Kommt man näher, eröffnet sich ein buntes Fadengewirr, als sähe man auf einen herbstlichen Waldboden. Der Interpretation sind keine Grenzen gesetzt.

Fotos: Silvia Matras

Am meisten beeindruckt der Raum mit monumentalen Webbildern, die Gebetsteppiche oder Tore zu alten Palästen sein könnten. Shella Hicks zitiert damit die Webkunst aus Marokko oder Peru, mit der sie sich lange befasst hat. Diesen Werken hat die Kuratorin Bärbel Vischer eindrucksvoll die Skuptur „Tor zum Garten“ von Walter Pichler gegenüber gestellt.: Ein mächtiges Tor, das den verschlossenen Eingang zu einem ägyptischen oder griechischen Palast oder zum Garten Eden sein könnte. Vielleicht spielt hier das Thema der Macht, deren Zugang der Allgemeinheit verschlossen bleibt, eine Rolle.

Abendliche Stimmung im MAK. Foto: Silvia Matras

http://www.MAK.at

Kuratiert von Charlotte Seidl.

Es ist ein strahlender Winternachmittag. Vom Gut Gasteil schaut man auf die weite Landschaft, Hügel, Wälder und Wiesen. Rund um das Gut stehen die hochragenden Frauenfiguren von Charlotte Seidl. Aus blauer, naturfarbener oder leicht rötlicher Keramik. Im Hof des Gutes begrüßen andere dieser imposanten Frauenfiguren die Gäste. Im großen Schauraum knistern große Holzscheite im Kamin. Die Wände sind mit Bildern aus den kürzlich vergangenen Austellungen geschmückt. Zwei Werke von Robert Hammerstiel (gestorben am 23. November 2020) fallen sofort ins Auge: Leuchtende Farben,voneinander scharf abgesetzt wie in Holzschnitten, sind seine typischen Stilmittel. Farben der Befreiung: Rot, Lila, Orange.

In der Galerie selbst, durch die Charlotte Seidl persönlich jeden Gast führt, sind unter anderem die zart-abstrakten Bilder von Lubomir Hnatovic zu sehen. Diese reine Poesie des Lichtes und der Farben erinnert an Turner. Neu im Kreis der Gasteilkünstler ist die Malerin Mona Seidl. Sie lebt am Traunsee. Ihre Werke sind Traumbilder des Sees. Immer wieder begeistern die poetischen Naturabstraktionen von Nadja-Dominique Hlavka. Träume am Wasser, Träume von Pflanzen, eingebettet in zart blau-grüne Farben, die in einem hellen Tag verschwimmen. Charlotte Seidls Sammlung der Keramikbilder hat sich vergrößert. Auffallend viele Frauenfiguren, die heiter und unbeschwert zu sein scheinen, bevölkern die Bildertraumwelt.

Seit mehreren Jahrzehnten wirkt Charlotte Seidl als Vorreiterin auf dem Gebiet der Ausstellungskunst. Intensiv arbeitet sie an der Schließung der Gräben, die sich zwischen Künstler, Kunstwerk und dem Publikum auftun. Sie hat Künstler ausgestellt, lange bevor sie bekannt wurden. Oder besser gesagt: Viele wurden durch sie bekannt und starteten vom Gut Gasteil aus ihren Weg in Museen und Galerien der großen Städte. Daher öffnet jede Ausstellung neue Wege für Künstler und Publikum.

Weitere Künstler in der Ausstellung „full house“: Daniele Panteghini, Anna Maria Brandstätter, Andrea Trabitsch, Mela Diamant, Andreas Sagmeister, Lotte Seyerl, Edgar Holzknecht, Manfred List, Marina Horvath. Die Ausstellung ist noch am 14., 15. bzw. am 21., 22. Dezember 2020 jeweils von 10-18h und den ganzen Winter über bis zum 25. April gegen Voranmeldung zu sehen.

Am 1. Mai 2021 wird die nächste Ausstellung mit Werken von Leena Naumanen und Angi Eisenköck eröffnet.

http://www.gutgasteil.at