Barbara Rieger, Bis ans Ende, Marie. Kremayr&Scheriau

Barbara Rieger wird zur so genannten jungen Literatur gezählt. Und in mir entsteht der Verdacht – nach einigen Romanen dieses Genres und vielen Stunden, die ich mit Lesen dieser verbrachte, dass junge Literatur zumeist sich  aus folgenden Verben zusammensetzt: ficken, kotzen, saufen, kiffen.

Nun aber etwas ernster: Die Icherzählerin -jeder 2. Satz beginnt mit „Ich“ – ist nach ihrer Scheidung ziemlich haltlos. Sie studiert, aber nur pro forma. Verliebt sich in einen Studenten, der sie aber nicht beachtet . So lässt sie sich in die Welt von Marie fallen, die nur eines will: Sex, egal mit wem, möglichst oft. Die verklemmte Icherzählerin bewundert Marie, möchte mit ihr gleichziehen. Säuft – das tut ihr nicht gut – sie kotzt, kifft – das tut ihr nicht gut – sie kotzt und wird krank, nur eines kann sie noch nicht: ficken. Doch am Ende kommt es doch zu einem „Dreier“: Sie, Marie und deren Freund Tom. Ende gut, alles gut, als Tom das Kondom aus ihr herauszieht, kann sie endlich lachen und findet alles o.k. Ob es ein befreites oder verzweifeltes Lachen ist, bleibt unklar.

Nur um dem Vorwurf entgegenzuwirken, dass ich prüde wäre. Nein, als geübte Leserin habe ich schon mehr verdaut als dieses Anfangswerk. Aber es ist eben ein Anfangswerk – Sprache simpel, Inhalt simpel, auch wenn sich die Autorin bemüht, die Story mit wilden Träumen aufzumotzen.

Evelyn Waugh; Expedition eines englischen Gentleman. Diogenes. Aus dem Englischen: Matthias Fienbork

Der Autor und Reisejournalist Evelyn Waugh reiste im Oktober 1930 nach Addis Abeba, um über die Krönung Haile Selassies zum König von Äthiopien zu berichten. Für mich ist dieses Buch eine Reise in die Vergangenheit meiner eigenen Vergangenheit. Nein, ich bin noch nicht so alt, dass ich dieses Ereignis hätte miterleben können. Aber die beschriebenen Orte: Addis Abeba, Harar, Aden und dieInsel Sansibar habe ich in um die Jahrtausendwende selbst bereist. Daher war es für mich interessant zu lesen, wie Evelyn Waugh sie sieht und beschreibt.

Addis Abeba war für mich eine blick- und charakterlose Stadt, es gab kein ausgewiesenes Zentrum, jemanden aufzusuchen war nur mit einem erfahrenen Taxler möglich. Die Regierung übte strenge Kontrollen auf die Medien aus – die erste Redaktion, die ich besuchen wollte, war geschlossen: Alle Redakteure waren am Vortag ins Gefängnis gesteckt worden. Der Grund war nicht nachvollziehbar. Dieses Chaos – nur anders gelagert – beherrschte schon 70 Jahre vorher die Stadt. Die Krönung schildert Evelyn Waugh eher wie eine Disneyverfilmung, nichts ist ernst zu nehmen. Man schmunzelt über die aufgeblasenen Zeremonien und das Protokoll, das ewig aus dem Ruder läuft. Harar habe ich als faszinierende Stadt in Erinnerung – geheimnisvoll und wunderschön. Er sieht sie eher als disaströs. Die Hafenstadt Aden war bei meinem Besuch nur eine Anhäufung von dreckigen Straßen und kaputten Häusern, Waugh hingegen gefiel sie. Vor allem wegen der gemütlichen Clubs, in denen sich die buntesten Gestalten trafen. Nun, die sind wohl alle schon längst Geschichte. In Sansibar, wo ich  ich begeistert zwischen den alten Häusern der Hauptstadt umherstrich, langweilte er sich entsetzlich, weil es keine politischen Debatten gab und alles seinen gemächlichen, langweiligen Gang ging.

F ür Leser, die noch keinen der genannten Orte besucht haben, ist Waughs „Expedition“ -der Titel ist eine ironische Übertreibung – wahrscheinlich  einschläfernd. Wer diesen Teil Afrikas ein wenig kennt, der kann interessante Vergleiche ziehen-.

Lucía Puenzo, Die man nicht sieht. Wagenbach

Dem Wagenbach-Verlag muss großes Lob gespendet werden, weil er sich um junge Literatur, insbesondere um lateinamerikanische Erzählerinnen bemüht. Lucía Puenzo, geboren 1976 in Buenos Aires, gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen Argentiniens. Als Filmemacherin heimste sie beim Filmfestival in Cannes für ihren Debütfilm „XXY“ viele Preise ein. Auch als Romanautorin ist sie äußerst erfolgreich.

Mit dem Roman „Die man nicht sieht“ (sehr gut übersetzt von Anja Lutter) hat sie treffsicher ein brennendes Problem spannend aufgegriffen: Die Straßenkinder von Buenos Aires. Man sieht sie überall: Als Kartonsammler, als Blumenverkäufer, als Autoscheibenwäscher an den Kreuzungen und als Bettler. Puenzo schildert in diesem Roman das Schicksal dreier Kinder, die von einem gewissenlosen Boss für Hauseinbrüche eingesetzt werden. Ismael ist 15 und kennt alle Tricks, Enana ebenfalls 15 und kennt keine Furcht, ihr Bruder Ajo ist gerade einmal 6 und auf Grund seiner Wendigkeit ein wichtiges Mitglied der Gruppe. Sie sind so erfolgreich, dass sie der Boss nach Uruguay verkauft, wo sie unter unmenschlichen Bedingungen, nur auf sich allein gestellt, nach Anweisungen per Handy in die Villen von Superreichen einbrechen sollen. Dass das nicht lange gut geht, ahnen sie bald…

Puenzo kennt sich in dieser Szene aus, weiß, wie bestechlich die Securitymänner, wie korrupt die Reichen sind und wie hilflos die Kinder ihren Ausbeutern ausgeliefert sind. Ihr Stil ist trocken, nie Mitleid heischend, nie sozialvoyeuristisch. Man liebt diese drei Kinder von Anfang an, folgt ihnen atemlos durch ihre Einbrüche und Abenteuer und kann sie erst loslassen, wenn die letzte Zeile gelesen ist. Puenzo gelingt es, kritische Blicke in die Gesellschaft der Reichen von B.A. und Uruguay zu werfen, ihren überbordenden Luxus mit einem Schuss Humor zu schildern. Köstlich die Szene, als die Kinder in das Schlafzimmer eines Hauses eindringen und die nackte Ehefrau mit nacktem Liebhaber mitsamt wenig erstauntem Ehemann – der allerdings im Anzug – antreffen.  Wenn sich Ajo über das Spielzeug der Kinder mit Lust hermacht und in seinen Rucksack einpackt oder Ismael sich nicht genug über selbst schließende Sportschuhe wundert, wenn dieses fremde Luxusleben den Kindern so fern erscheint, wie der Mond.

Das Buch gehört gelesen!!! Es steht ganz oben auf der Silvia-Matras-Bestsellerlist!!!

www.wagenbach.de

Elsa Ferrante, Die Geschichte des verlorenen Kindes.Suhrkamp

Eine Enttäuschung! Nach den spannenden und gut geschriebenen ersten 3 Teilen ist der Autorin offenbar die Erzählluft ausgegangen. Die Geschichte umfasst die 70er -bis 2000er Jahre. Wenig politisch, eher leicht hysterische Nabelschau. Die Erzählerin erreicht als Schriftstellerin ein gewisses Maß an Bekanntheit, ihre Scheidung von Ehemann, ihr Scheitern der neuen Beziehung mit Nino, das Erdbeben in Neapel, die Probleme mit den Kindern – all das wird sehr langatmig erzählt. Besonders ausführlich aber ergeht sich Ferrante über die Schreibprobleme der Protagonistin – sieht ganz danach aus, als wären es ihre eigenen.

Olivia Elkaim, Modigliani, mon amour. Verlag Ebersbach & Simon.

Elkaim beschreibt die furiose Liebe zwischen dem Maler Modigliani und der um 14 Jahre jüngeren „Hobbymalerin“ Jeanne Hébuterne.  Sie stammt aus einem bigotten, tiefbürgerlichen Haus, verlässt ihre Eltern und zieht ins Atelier Modiglianis. Erlebt die Pariser Kunstszene gegen Ende des 1. Weltkrieges. Wird schwanger, erleidet Hunger, Verlustängste, Modigliani lässt sie immer wieder im Stich. Als er todkrank wird, pflegt sie ihn bis zu seinem Tod. Dann stürzt sie sich aus dem 5. Stock der elterlichen Wohnung. Man fasst es nicht, was diese junge Frau, fast noch ein Mädchen, alles auf sich genommen hat, sich selbst und ihr Maltalent total verleugnend, Spott, Armut und Schmerzen ertrug, und dennoch an dieser schier tödlichen Liebe festhielt.

Die Autorin findet eine rasante, furiose und dennoch kühl-distanzierte Sprache, ohne je ins Klischee abzugleiten. Ein mitreißendes Buch. Die Übersetzung von Judith Petrus ist kongenial.

Jürgen-Thomas Ernst, Schweben. Braumüller Verlag

Für mich eine Neuentdeckung! Jürgen-Thomas Ernst hat , unbemerkt vom Feuilleton, eine kleine Kostbarkeit geschrieben. Seine bewusst einfache, klare Sprache ist angepasst an das Tun und Denken der beiden Protagonisten Josef und Rosa. Beide sind nicht mit Reichtümern gesegnet, arbeiten unter widrigen Umständen in einer Fabrik. Aber sie haben einander – schon allein der Gedanke und das Wissen um den anderen macht sie glücklich. Josef träumt oft vom Schweben und das Glücksgefühl, das er dabei empfindet.  Er weiß auch, dass Rosa die Ursache für diese Träume  ist. Es ist ein Roman vom Glücksgefühl, das Menschen empfinden, die nicht vom Leben verwöhnt werden, und dennoch in ganz alltäglichen Situationen zufrieden mit dem. wie es ist, sind. Immer wieder ist es Rosa, die Josef auf solche Moment hinweist. Beim Lesen dieses zauberhaften Romans denke ich  an Robert Seethalers Buch „Ein ganzes Leben“: Andreas Egger hat ein hartes Leben, er überlebt Krieg und Katastrophen. Und hadert nie mit seinem Schicksal. Beide Schriftsteller schreiben über Menschen, die unaufgeregt leben und gerade darin ihre Stärke beziehen.

Ich empfehle allen dieses Buch zu lesen, besonders dann, wenn sie gerade „auf höchstem Niveau“ ihr eigentlich gutes Leben bejammern. Vielleicht mag der eine oder andere Leser meinen, die Art, das Leben zu betrachten, wie es Rosa und Josef tun, sei unrealistisch, kindlich oder kitschig. Für solche Lebensskeptiker empfehle ich das Buch doppelt und dreifach!

Anthony McCarten: Jack. Diogenes Verlag

Ich gehöre einer Generation an, die sich aus den „Beatniks“ nicht viel gemacht hat. Für mich war diese Strömung der Wilden, Drogensüchtigen, Rauschdichter etc passé. Ich habe die Literatur dazu einfach nicht beachtet. Nun bekomme ich McCartens Roman „Jack“ in die Hand. Gleich einmal entstand für mich die Frage: Ist das nun ein Roman, eine Romanbiografie oder eine Pseudoromanbiografie? Ich musste erst einmal nachschlagen, ob es den Dichter Kerouac überhaupt gegeben hat. Und ob es ihn gab!! Er soll ja den Begriff „Beatniks“ geprägt haben. Sein Roman „Unterwegs“(1959) war und ist für viele die Bibel, eine Anleitung zum ungeordneten, aufmüpfigen Leben. Und dann denke ich: Kerouac könnte auch der heutigen Junggeneration, die als „lost Generation“ gerne bezeichnet wird, Antrieb zum Umtrieb geben.

Doch zum Roman: Der einst so berühmte Dichter Jack >Kerouac (1922-1969) ist in der Versenkung verschwunden und die Literaturstudentin Jan Weintraub stöbert ihn auf. Es gelingt ihr, sein Einverständnis für eine Biografie zu bekommen. O.k, – bis hierher ein häufiger Trick in Gegenwartsromanen: Einer, eine macht sich auf die Suche nach einem wirklichen oder erdachten Autor, Musiker, Genie etc auf und entdeckt dabei sich selbst. Oder entdeckt, dass er/sie doch anders ist, als sie/er von sich bisher geglaubt hatte. Aber McCarten strickt ein anderes Muster: Er liefert mehrere Möglichkeiten des Ichs, die Figuren führen nicht ihr eigenes Leben, sondern ein vorgetäuschtes. Die alte philosophische Frage nach dem Ich wird immer wieder neu aufgerollt, neu bespiegelt. Am Ende ist Kerouac nicht fassbar, die Literaturstudentin nicht diejenige, als die sie sich ausgibt.

Ein geschickt gebauter Roman rund um die Frage: Wer bin ich? Nicht als Krankheitsbild oder als philosophischer Diskurs behandelt – die Antwort bleibt natürlich aus.

Tipp: Anthony McCarten schrieb auch das Drehbuch zu dem Film: „Die dunkelste Stunde“ – spannend und absolut sehenswert!

Joachim Missfeldt, Sturm und Stille. Rowohlt

Joachim Missfeldt schrieb eine feinsinnige Geschichte über den Dichter Theodor Storm und seine Liebe zu Doris Jensen und  zugleich auch ein Zeitporträt. Schon als junges Mädchen verliebt sich Doris in den arrivierten Rechtsanwalt und bekannten Dichter Theodor Storm. Sie schwärmt ihn an und er nimmt die Schwärmerei wohlwollend wahr, fördert sie mit kleinen Gesten. Für Doris ist es eine ausgemachte Sache, dass Storm ihre große Liebe ist, an der sie auch festhält, als Storm seine Verlobte Constanze heiratet. Im März 1847 bricht über Husum ein Sturm los und bald darauf Stille. Eine Stille, die der jungen Doris gut tut. Eine vollkommene Stille, wie sie sonst nie das Haus erfüllt. Da hört Doris, wie jemand über die Efeuranken zu ihrem Fenster emporklettert. Es ist Storm. Sie öffnet ihm Fenster und Herz und eine lange, für sie ein Leben lange Liebe beginnt. Aber die Affäre wird bald publik, Doris verlässt ihr Elternhaus. Storm heiratet seine Constanze, die ihm sieben Kinder schenken wird. Die Ehe ist glücklich. Als Constanze stirbt, flammt die Liebe wieder auf – für Doris war sie nie erloschen. All die Jahre hat sie geduldig ausgeharrt, Storm lange Zeit nicht gesehen. Nach einem Trauerjahr heiraten die beiden…

Das ist in großen Zügen die Geschichte. Doch wie Joachim Missfeldt sie beschreibt, zeigt die große Kunst eines Biographen, der tief in das Seelen- und Gedankenleben einer Frau einzusteigen wagt. Er erzählt aus ihrer Sicht, verknüpft geschickt die Wetterbeobachtungen, die Doris getreulich in ihr Tagebuch einträgt, mit dem Seelenleben. Sturm und Kälte, Regen, ein heißer Sommer, die Landschaft und das Leben der Menschen in ihr und mit dem Wetter sind agierender Teil des Romans, den man wohl eher Romanbiografie nennen sollte. Es verblüfft, wie sich der Mann Joachim Missfeldt in die Seele einer Frau hineinversetzen kann. Noch dazu in die einer Frau, die viele Jahre ohne zu klagen oder aufzubegehren auf „ihre Liebe“ wartet. Das mag aus heutiger Sicht unverständlich sein, aber so war es eben. Und diese fast unwahrscheinliche Liebe glaubhaft zu schildern ist dem Autor sehr gut gelungen.

Christoph Poschenrieder: Kind ohne Namen. Diogenes Verlag

Wer Poschenrieder kennt, der weiß, was ihn erwartet: Nix ist fix, alles ist möglich, die Abenteuer sind im Kopf. Die Phantasie regiert. So auch in diesem Roman. In einem Dorf, ganz ohne Handyempfang, kann sein in Deutschland, Schweiz, Österreich, kann aber auch überall sein, passiert Gespenstisches. Ein geheimnisvoller Burgherr herrscht über die Bewohner, tyrannisiert die Mutter von Xenia, hat ihren Sohn zu seinem persönlichen Sklaven gemacht. Xenia kehrt aus der großen Stadt zurück ins Dorf. Sie erwartet ein Kind, will aber es weder die Mutter noch die Dörfler wissen lassen. Da werden Flüchtlinge in der aufgelassenen Schule einquartiert. Und es kommt, wie erwartet: Sie werden von den Bewohnern gemobbt, ja sogar gehasst. Nur Xenia und ihre Mutter suchen die Kontakte und die Deeskalation. Xenia verliebt sich sogar in den Flüchtling Ahmed, hofft, sie kann mit ihm ein Leben aufbauen. Das Kind kommt zur Welt. Der Burgherr erhebt aufgrund eines mysteriösen Vertrages mit der Mutter Xenias Anspruch auf dieses Kind, solange es nicht getauft ist. In einer Nacht- und Nebelaktion lässt Xenia das neugeborene Mädchen taufen. Damit ist dieser ziemlich verwirrende Erzählstrang abgehandelt. Den Leser lässt er etwas ratlos zurück. Aber so ist Poschenrieder….Er schreibt und phantasiert, nicht immer an seine Leser denkend. Der geschäftstüchtige Burgherr plant Container im Dorf aufzustellen, um noch mehr Flüchtlinge unterbringen zu können und mit ihnen gutes Geld zu machen. Doch da explodiert der Volkszorn. Ahmed flieht. Xenia lässt den Burgherren in den Tod fahren—–eine wilde Story. Am Ende scheint sich alles zum Guten zu wenden – die Dörfler machen ihren Frieden mit den Flüchtlingen.

Poschenrieder handelt in dem Roman subtil die ganze Skala der Fremdenfeindlichkeit und der allzu häufig gehörten Meinungen der Gutmenschen ab und versucht dabei als objektiver Erzähler zu wirken. Was ihm nicht gelingt, denn seine Sympathien sind eindeutig  bei Xenia, der mutigen „Retterin“.

Helmut Lethen: Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich. Rowohlt Berlin

DaNach der politischen Idee aus der Zeit der Weimarer Republik wurden 1933 neue „Staatsräte“ ernannt. Ihr offizieller Aufgabenbereich: „Sie stehen dem Führer mit Rat, Anregung und Gutachten zur Seite“ – so die Definition des Juristen Dr. Carl Schmitt, einer der vier Staaträte, die Helmut Lethen in seinem Buch beschreibt.  Ihre politische Wirkungsmacht ist zweifelhaft. Man kann eher von Scheinwirkungen sprechen. Die Idee kam von Hermann Göring: Es wurden Männer ausgesucht, die nichts im Staate zu sagen hatten, aber doch bedeutende Namen trugen, wie  Gustav Gründegens, Schauspieler und Intendant des Staatlichen Schauspielhauses, der Dirigent Wilhelm Furtwängler, der Chirurg Ferdinand Sauerbruch und der Jurist Dr. Carl Schmitt. HelmuthLethen lässt die vier Staatsräte viermal zu geheimen Gesprächen zusammenkommen. Diese Treffen fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt ohne irgendeinen politischen Auftrag. Übrigens hielt Hitler selbst nichts von der Idee der Stadträte, kam zu keinem Treffen und fragte auch keinen dieser Herren um Rat.

Lethen „rekonstruiert“ nun diese vier Gesprächsrunden. Da es keine Aufzeichnungen gibt, nennt er sie „Geistergespräche“. Die Erfindung dieser Gespräche ist zugleich die Crux des Buches: Die Gespräche geraten dem Autor allzu theoretisch. Gründgens spricht über den Schein, die drei Zuhörer (und der Leser) langweilen sich. So nebenbei erfährt der Leser etwas über die Prunksucht des Schauspielers, sein riesiges Anwesen und seinen luxuriösen Lebensstil. Beim zweiten Treffen, das auf dem Landgut Görings stattfindet, spricht der Jurist Carl Schmitt über den Begriff „Feind“. Auch er stößt nicht auf allzu viel Interesse. Im dritten Treffen brilliert der „große Chirurg“ Sauerbruch über den Vorteil des Krieges, der ihm die Möglichkeit gab, ganz neue Prothesen zu entwickeln. Zynisch lässt er Kriegsverletzte mit Prothesen als Schauobjekte auftreten. Das vierte Gespräch findet im Dirigentenzimmer Furtwänglers statt. Die vier überhören die Sirenen, die britische Bomber ankündigen. Es ist zu spät, um in den Luftschutzkeller zu rennen. Furtwängler spricht gelassen weiter über die Harmonie in der klassischen Musik und wettert gegen die „Neutöner“.

Die vier Männer hatten im politischen System nichts zu sagen und zu entscheiden. Sie wähnten sich sicher während der ganzen Nazizeit und nach dem Zusammenbruch genau so sicher vor gerichtlicher Verfolgung. Und tatsächlich kam es nur zu einem kurzen Karrierestopp. Nach einigen eher ungemütlichen Verhören konnten alle bis auf Schmitt ihre Karriere ungehindert fortsetzen. Schmitt wird dreimal verhaftet und verhört, verliert seine Professur an der Berliner Universität. Gründgens steht 1947 schon wieder auf der Bühne – ausgerechnet als Orest in Sartres Résistancedrama „Die Fliegen“. Sauerbruch bleibt auch nach Kriegsende Chef der Chirurgischen Klinik der Charité. Furtwängler wird 1946 von einer Berliner Untersuchungskommission von jeglicher Schuld freigesprochen, Zitat: „Bis zu seinem Tod geistert Furtwängler als heiliggesprochener Dirigent durch die Konzertsäle Europas.“

Was war das Ziel des Autors? – vielleicht aufzuzeigen, wie es sich so manche im Dritten Reich richten, ihr Gewissen beruhigen und sich mit der Macht arrangieren konnten. Doch der Autor strapaziert die Geduld des Lesers durch theoretische Exkurse allzu sehr.

Andrea DeCarlo: Das Meer der Wahrheit. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Diogenes Verlag.

Andrea DeCarlo ist für ganz Italien, was Donna Leon für Venedig ist: Er wählt brisante, aktuelle Themen, packt sie in ein spannendes Sujet mit dazu passendem Umfeld. Diesmal geht es um das heikle Thema der Empfängnisverhütung, die ja immer noch vom Vatikan aus verboten ist. Doch es gibt – so im Roman – eine brisante Aufforderung eines gewissen Kardinals Ndionge, der vor seinem Tod noch ein eindringliches Schreiben an den Vatikan richtet. Doch das Dokument ist verschwunden. Wurde von Mitgliedern der Mitte-Links Partei „Mirto Democratico“ im Interesse und Auftrag des Vatikans vernichtet.

Geschickt baut Andrea DeCarlo in der Geschichte zwei Lebensformen, typisch nicht nur für Italien, auf: Da ist Lorenzo, der erfolgreiche Politiker, der nur für seine Karriere lebt, kämpft und sogar morden lässt, und auf der anderen Seite sein Bruder Fabio, der typische Aussteiger. Er hat sich in ein einsames Dorf im Apennin zurückgezogen aus Sehnsucht nach „einem nicht besetzen Raum“.  De Carlo stellt in dem Roman die Frage, wie Lebenstentscheidungen entstehen: Ist es sinnvoll, alles abzubrechen und unter primitiven Bedingungen zu leben? Ist es sinnvoll, in der hektischen Stadt durch Beruf und Ehrgeiz gestresst zu leben?

FAzit des Romans: Die italienische Politik – und nicht nur die italienische – liegt im Argen. Dass die Jagd nach der letzten noch vorhandenen Kopie des Dokuments ein eher hollywoodähnliches Ende nimmt, mag man dem Autor gern verzeihen. Denn der Roman ist faszinierend und bis zum Schluss spannend.

Hans Pleschinski, Wiesenstein. C.H.Beck Verlag

Auf 544 Seiten lebt der Leser das langsame Sterben Gerhart Hauptmanns mit. Der Verlag nennt das Buch einen Roman. Passender wäre „Romanbiografie“. Denn Pleschinski hat genauestens recherchiert und nur wenig der Phantasie überlassen. Diese Genauigkeit ist das Plus und das Minus des Werkes. Denn offenbar wollte der Autor auf kein einziges Detail seiner  Forschungen verzichten. Was teilweise zu einer abundanten Information führt, vor der so mancher Leser kapitulieren könnte. Wer sind die intendierten  Leser dieses „Romans“? – Einerseits Germanisten, die sich für das letzte Lebensjahr des Dichters interessieren. Andrerseits Historiker, die Genaueres über die letzten Kriegsmonate nach der Zerstörung Dresdens und das Schicksal Schlesiens wissen wollen.

Der schwer kranke Gerhart Hauptmann kann dem brennenden Dresden entkommen. Er will in seine geliebte Villa Wiesenstein im Riesengebirge, in der Hoffnung, dort in Frieden sterben zu können. Begleitet wird er von seiner (2.) Ehefrau Margarete, einem Heilmasseur, einer Sekretärin und einer Zofe. Trotz der immer schwieriger werdenden politischen Lage – in Schlesien weiß niemand, wie es nach dem Zusammenbruch des „tausendjährigen Reiches“ weitergehen wird, wem Schlesien gehören wird – versucht das Ehepaar so etwas wie Normalität zu leben. Dazu gehören karge, aber regelmäßige Mahlzeiten, zu denen der Butler mittels Gongschlag ruft, und Diskussionen über das Werk Hauptmanns. Dabei sucht man eifrig nach Stellen im Werk des Dichters, die seine kritische Haltung gegenüber dem Naziregime bestätigen sollen. Man weiß ja nie, welche Machthaber in Zukunft das Schicksal Hauptmanns bestimmen werden. Dass er Kontakte zu politischen Ungeheuern wie Hans Frank hatte, macht Sorgen. Als die Rote Armee näher rückt, drehen sich die Gespräche nur um ein Thema: Was kann Hauptmann vorweisen, um als politisch unbescholten zu gelten? Und wird allein sein Name ihn und sein Gefolge vor der Wut der Plünderer schützen?

Als das Inferno fast schon die Villa Wiesenstein erreicht, da scheint der Autor die Kontrolle über sein Werk zu verlieren. Fast wirkt es, als fände er Gefallen an der Schilderung der maßlosen Gräuel. Mit Akribie schildert er die Not der Flüchtenden, die Toten am Wegrand, zählt die Selbstmorde auf. Als die Russen einmarschieren, wird der Horror neuerlich überdeutlich ausgeführt. Mit dieser Überfütterung an grauenvollen Einzelheiten geht die Gefahr einer gewissen Banalisierung einher. Gekonnte Reduktion wäre mehr!

Gerhart Hauptmann erfährt die Gnade eines raschen Todes. Er darf in seiner Villa Wiesenstein sterben. Danach erfolgt die Evakuierung der gesamten Habe und des Personals.

Margret Greiner: Margaret Stonborough-Wittgenstein. Grande Dame der Wiener Moderne. Kremayr-Scheriau

Die Wittgensteins zählten zu den reichsten Familien Wiens und der Donaumonarchie. Karl Wittgenstein war ein strenger Patriarch, der über seine Ehefrau Leopoldine und seine sieben Kinder ziemlich unbarmherzig herrschte. Dass drei seiner Söhne Selbstmord begingen, ist sicher auch auf die überstrenge Erziehung zurückzuführen. Gretl, wie sie von allen genannt wurde, ließ sich jedoch nicht von ihrem Vater unterjochen, sie wusste sich durchzusetzen und wurde eine starke, selbstbestimmte Frau, die sich neben Kunst auch intensiv mit Naturwissenschaften und Mathematik beschäftigte und sogar ein Semester lang in Zürich studierte. Sie heiratete den Amerikaner Jerome Stonborough und nannte sich fortan Margaret Stonborough-Wittgenstein. Obwohl die Ehe alles andere als gut war, bekam sie zwei Söhne und ließ sich trotz aller Schwierigkeiten von ihrem depressiven Ehemann nie scheiden. Ihren Reichtum verwendete sie nicht nur für sich und ihre Familie, sondern half mit Geld und guten Kontakten in und zwischen den beiden Weltkriegen überall, wo sie Not sah. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie in der von ihr so geliebten Villa Toscana in Gmunden, wo sie trotz Krankheit bis zum Schluss ein offenes Haus führte.

Margret Greiners Stärke ist die Romanbiografie. In dieser  literarischen Form ist sie zu Hause.  Sie erlaubt es ihr, gleichsam in auktorialer Erzählweise die Hauptfigur zu begleiten, ihre Gedanken zu formulieren und Entscheidungen und Taten mit dichterischer Freiheit zu interpretieren. Diese Erzählweise ist nur durch ein intensives Studium der Briefe, Dokumente aus der Zeit und Interviews möglich. Dadurch werden simple Aufzählungen von Namen und Fakten, die so oft Biografien langweilg werden lassen, ausgespart. Gleich zu Beginn schildert Margret Greiner eine der vielen Einladungen im Hause Wittgensteins. Das gibt ihr Gelegenheit, den Prunk der Räume zu entfalten. Die Gäste, wie Brahms, Alt, Klimt und Josef Hoffmann werden nicht im name-dropping aufgezählt, sondern in lebhaften Gesprächen eingeführt. So entsteht ein buntes Tableau der so genannten „guten Gesellschaft“ Wiens. Man hört Schuberts „Winterreise“ – eine Vorausahnung des Todes streift durch den Raum. Der Tod wird in der Familie ein schrecklicher Gast sein: Die Brüder Hans, Kurt und Rudi werden Selbstmord begehen.

Feiner Humor und leise Ironie sind Greiners bevorzugte Stilmittel der Personencharakterisierung. Gretl komponiert zur „Mordsgaudi“ der Familie ein Couplet, in dem sie sich über die Scheinheiligkeit der Reichen mokiert. Vom Schlussrefrain „Hauptsache, die Fassade bröckelt nicht…“ fühlte sich niemand im Hause Wittgenstein im Geringsten angesprochen“. Mit diesem trockenen Nachsatz wird nicht nur die Familie charakterisiert, sondern mit auch  die Gesellschaft rund um die Jahrhundertwende. Ironie blitzt auch bei der Beschreibung der Hochzeitsnacht und des ehelichen Sexuallebens Margarets durch. Da heißt es: „Alles falsche Überhöhung.“

Immer wieder verblüfft es, mit welcher Feinfühligkeit Margret Greiner  künstlerische Werke  interpretiert: Klimt malt Gretl und „was er entdeckte, war die Eleganz ihrer Erscheinung, ihre unkonventionelle Schönheit , eine Sicherheit im Auftreten, wie sie Bildung und Geld verleihen. Unerschrockenheit, kühlen Verstand.Was er erahnte, war ein Herz, das jederzeit der größten Empathie fähig war.“ Besser könnte man den Charakter Margarets, wie er im Bild Klimts aufscheint, nicht charakterisieren.

Gespür für typisch wienerische Ausdrücke ist notwendig, um den Ton der Gesellschaft zu treffen. Auch darin zeigt sich Margret Greiner firm genug. Da ist die Rede von einem „Gschlader“ für schlechten Kaffee, man sudert, raunzt, zerkugelt sich usw. Es ist erstaunlich, wie gut sich die Autorin in das Wiener Milieu der Jahrhundertwende einfühlt. Ihre Stärke ist und bleibt die Romanbiografie. Das bewies sie ja bereits in dem Buch über Emilie Flöge  „Auf Freiheit zugeschnitten“, das 2015 bei Kremayr & Scheriau erschien. Beide Romanbiografien eröffnen dem Leser ein „Tableau vivant“ der Jahrhundertwende. Ihr punktgenau treffender Stil macht das Buch zum puren Lesegenuss.

Buchpräsentation: Margret Greiner, Margaret Stonborohgh-Wittgenstein.

Margret Greiner hat schon ihre Fangemeinde. Seit ihrer Romanbiografie über Emilie Flöge, die Gefährtin Gustav Klimts, ist sie als Autorin bekannt, die es versteht, die Protagonistinnen in die Zeit zu stellen und lebendig werden zu lassen. Nun ist also im Verlag Kremayr&Scheriau  ihr neues Buch erschienen:“ Margaret Stonborough-Wittgenstein. Grand Dame der Wiener Moderne.“ Schon vor Wochen waren die Karten für diese Lesung in der Klimtvilla ausverkauft. Denn das Publikum weiß: Wenn Margret Greiner liest, dann wird es spannend und auch immer wieder humorvoll. Sie spannte gekonnt den Lebensbogen der „Grand Dame“ von der Kindheit in dem reichen, aber emotional kalten Elternhaus über die nicht sehr glücklichen Ehejahre und die schwierige Zeit unter dem Nationalsozialismus bis hin zu ihren letzten Jahren in der Villa Toscana in Gmunden. Die zahlreichen Fragen aus dem Publikum beantwortete sie aus ihrem reichen Wissensschatz ausführlich und charmant. Eben ein echter Profi!

Trost für alle, die keine Karten bekamen: Margret Greiner wird am 8. März 2018 in der Buchhandlung „tiempo nuevo“, Taborstraße 17a, 1020 Wien um 19h aus ihrem neuen Buch lesen. Rechtzeitig kommen, es gibt keine Reservierungen.

Max Haberich, Arthur Schnitzler. Anatom des Fin de Siècle. Kremayr & Scheriau

Als zweiter Untertitel steht: „Die Biografie“, was etwas irreführend ist. Denn der Autor beschreibt  nicht so sehr das Leben Schnitzlers, als vielmehr anhand der Werke die politische Entwicklung der Zeit, vor allem den immer stärker werdenden Antisemitismus.

Dem informierten Leser, der Schnitzlers Werke und die politische Entwicklung um die Jahrhundertwende einigermaßen kennt, vermittelt das Buch nicht viel Neues. Ein Titel wie zum Beispiel “ Schnitzler und der Antisemitismus“ wäre dem Inhalt gerechter gewesen.  Der Autor zählt in chronologischer Reihe  penibel die Novellen, Romane und Dramen auf, beschreibt ihren Inhalt und die Aufführungen der Theaterstücke und führt genau Buch über die jeweiligen antisemitischen Äußerungen und Strömungen, die Schnitzler in Briefen erwähnt oder in seine Werken einfließen lässt. Diese eher biedere Herangehensweise an den Autor Schnitzler ermüdet mitunter den Leser.

Gerne und ausführlicher schildert Haberich Schnitzlers Beziehungen zu den Mädels aus den weniger vornehmen Kreisen und entwirft ein interessantes Frauenbild, das vom Klischee abweicht: Er führt überzeugend an, dass in vielen Werken Schnitzlers diese Frauenfiguren nicht immer nur die Beute der reichen Nichtstuer sind, sondern sich durchaus behaupten können und eigene Lebensentwürfe haben. Diese Argumentation macht Sinn.

Zu wenig widmet sich Haberich der schwierigen Beziehung zwischen Schnitzler und seiner Ehefrau Olga. Dazu sind im Anhang zwar Briefe zwischen Olga und Schnitzler aus der Handschriftensammlung Marbach abgedruckt. Sie dokumentieren, wie schnell die anfängliche Begeisterung Schnitzlers vom ersten Kontakt bis hin zur (eher widerwillig eingegangenen) Eheschließung und zur Scheidung nachlassen. Aber die Briefe geben nur ein fragmentarisches Bild des Zerwürfnisses. Nur wenige Jahre leben die beiden ohne Streit und Hass.. 1920 trennen sich bereits, 1921 lassen sie sich scheiden. Aber so ging es Schnitzler mit all seinen Beziehungen: Sobald die erotische Anziehungskraft nachließ, flaute auch sein Interesse ab. Denn Schnitzler war in erster Linie Schriftsteller, dann erst Liebhaber oder Ehemann.

Etwas eingleisig behandelt  Max Haberich die Stellung des Judentums in Schnitzlers Leben und Werk und  macht es zum Zentralthema. Ohne Zweifel setzte sich Schnitzler mit dem immer stärker werdenden Antisemitismus intensiv auseinander und lässt die diesbezüglichen Sorgen und Probleme in seine Werke einfließen. („Professor Bernhardi“). Aber dass es wirklich das einzig wichtige und alles beherrschende Thema im Leben und Werk Schnitzlers war, ist anzuzweifeln.

Ernst Lothar, Die Rückkehr. Zsolnay Verlag

Ernst Lothar emigrierte 1938 in die USA und kehrte nach Kriegsende nach Wien zurück. In dem Roman verarbeitete er nun eigene Erlebnisse und Eindrücke ,. Seine Figuren legen Zeugnis ab von dem politischen, sozialen und seelischen Chaos, in dem man damals in Wien lebte: Da gab es immer noch die Nazis, die Mitläufer, die Sozialisten und Kommunisten und natürlich die Amerikaner als Besatzungsmacht. In dieses Chaos führt uns der Autor mitten hinein, ohne zu verurteilen. Das Buch ist ein Plädoyer gegen Hass, Wut, Neid und Vernaderei, gegen den nicht auszulöschenden Antisemitismus und gegen Ressentiments, die man in Wien nach 1945  gegen „Rückkehrer“ hatte.

Der Jurist Felix von Geldern und seine Familie sind 1938 in die Staaten emigriert. Nur seine Mutter blieb aus Liebe zu einem Nazibonzen zurück. Felix hat gerade die amerikanische Staatsbürgerschaft bekommen und er macht seiner Freundin Livia ein vages Heiratsversprchen. Er ist also Amerikaner geworden, aber nur auf dem Papier. Im Herzen ist er Österreicher, Wiener geblieben. Als seine Familie ihn beauftragt, nach dem Vermögen und den Immobilien der Familie zu sehen und Rückerstattung zu fordern, ist er sofort bereit, aufzubrechen. Begleitet wird er von der lebensklugen Großmutter Viktoria, die dem Leben gegenüber trotz ihres Alters und Herzleidens sehr positiv eingestellt ist. Sie wird Felix eine tatkräfige und entschlussfreudige Ratgeberin in Wien sein. Denn er selbst verstrickt sich mehr und mehr in alte Liebesgeschichten, Schuldfragen und kommt sogar  in den völlig absurden Verdacht, mit einem ehemaligen Nazi zusammengearbeitet zu haben. Und so erkennt Felix sehr bald: „Nichts passte zu nichts!“ Und er selbst zu niemandem mehr. Aber dennoch  geht er mit offenen Augen und wehem Herzen durch Wien, sieht das Elend der hungernden Kinder, spürt den Hass, der überall lauert und kann sich des Mitleids nicht erwehren mit den Menschen, die zurückgeblieben sind, egal, ob Mitläufer, Täter oder Opfer des Naziregimes. Der Hass, der die Menschen beherrscht, macht einen offenen, unverstellten Zugang unmöglich.

Ernst Lothar erzählt mit Gefühl und Herz. Des öfteren gleitet die Sprache ins Pathetische ab , weil der Autor sich der allzu großen Gefühlsaufwallung nicht erwehren kann. Etwa, wenn er den Spaziergang durch Grinzing oder den Blick auf die Donau und den Kahlenberg schildert. Dieses Abgleiten in starke Gefühle akzeptiert man, weil die Ernsthaftigkeit des Autors dahinter steht.

Der Roman zeigt den Riss, der nach 1945 stärker denn je durch die Bevölkerung Wiens (und Österreichs) geht. Ein Riss, der heute wieder spürbar ist. Deshalb ist „Die Rückkehr“ mehr als nur ein Roman, eher eine Mahnung, achtsam zu sein.. Denn leicht kann es sein, dass man die Kräfte unterschätzt oder gar nicht wahrnimmt, die den Riss verantworten zu haben.

Gloria Goldreich, Die Tochter des Malers, aufbau taschenbuch

Ida Chagall ist die viel geliebte und behütete Tochter des Malers Marc Chagall und seiner Frau Bella. Der biografische Roman konzentriert sich auf das Leben der Tochter, deren konzentrischer Lebensmittelpunkt immer ihr Vater war. So erfährt man viele Details über Marc Chagall als Mensch und als Künstler.

Die Autorin hält sich streng an die Chronologie und an die Fakten, die gut dokumentiert und überliefert sind. Die Geschichte beginnt in Paris. Chagall und Bella leben in gutbürgerlichen Verhältnissen, ohne allzu große Reichtümer. Im Hintergrund ziehen die Kriegswolken auf, Hitler droht in Frankreich einzumarschieren. Ida heiratet sehr früh ihre Jugendliebe. Die Familie flieht nach Südfrankreich, von wo ihr mit knapper Müh und Not und mit Hilfe des mutigen Fluchthelfers Varian Fry und durch  den selbstlosen Verzicht der Schwiegereltern auf ein Visum die Flucht nach New Yor gelingt. Auch dort wird Chagall bekannt und kommt finanziell gut über die Runden. Es ist immer Ida, die alle seine Ausstellungen kuratiert, Verträge macht und für den ganzen Vertrieb der Bilder sorgt. Dabei vernachlässigt sie ihr Privatleben und ihren Ehemann, bis sich die beiden scheiden lassen. In New York stirbt Bella. Marc und Ida kehren nach dem Krieg nach Frankreich zurück. Aufenthalt in Paris und Vence, wo er in der Nähe eine Villa erwirbt. Seine langjährige Gefährtin Virginia Haggard verlässt ihn und nimmt den gemeinsamen Sohn David mit. Ida heiratet den reichen Kunsthändler und Kunsthistoriker Franz Meyer. Ein Sohn und Zwillinge kommen zur Welt. Chagalls „Gesellschafterin“ Valentina Brodsky erreicht es, dass er sie heiratet. Von nun an schwingt sie das Szepter über Chagall, das Haus und die Ausstellungen.

Ein leicht zu lesender Roman, in dem man viel über Chagall erfährt: Eitel und egoistisch, jähzornig und selbstgerecht sind nur einige Eigenschaften, die ihn nicht gerade sympathisch machen. Dass er am Schluss unter der Fuchtel seiner 2. Frau lebt, vergönnt man dem Tyrannen wahrhaftig. Als Maler war er ein „Monster“, wie er selbst sagt: ungeheuer produktiv, von Einfällen nur so sprühend. Die Malerei war ihm das Wichtigste im Leben. Ihr ordnete er alles andere unter.

Einige Einwände sind gegen den oft ausufernden, in den Kitsch abgleitenden Stil zu erheben. Verwunderlich sind schlampige Angaben, etwa dass das Ghetto Nuovo auf der Giudecca liegt. Wünschenswert wären eine Chronologie der Ereignisse und ein Personenregister am Ende des Romans.

Armin Strohmeyr: Geheimnisvolle Frauen. Piper

Im Untertitel umreißt der Autor den Kreis der geheimnisvollen Frauen: Rebellinnen, Mätressen, Hochstaplerinnen. Die Grundgedanken zu diesem Buch liefert das Zitat von Baronin von Berchtesgaden in Theodor Fontanes Roman: Der Stechlin: „…Eine Frau, die nicht rästselhaft ist, ist eigentlich gar keine.“ Ein Satz, den man allen Facebook-Twitter und Blogabhängigen in ihr Hirn schreiben möchte. Wo bleibt heute die Rätselhaftigkeit oder das Geheimnis der Frau? Aber nicht nur der Frau? Auch die Männer verlieren an Charme, Anziehungskraft. Wen interessiert noch ein Mann, eine Frau, der, die jedes Würstel, das sie, er verzehren,  in das Netz stellen? Nicht nur das Würstel, sondern sich selbst dazu beim Verzehren desselben. Die Banalität greift um sich und stilisiert sich hoch zum Alltagsabenteuer.

Nun will ich damit nicht sagen, dass jede Frau eine Filmkarriere wie Greta Garbo anstreben kann oder eine zweite Sissy oder so eine gefährliche Mörderin wie Bonny Parker werden soll oder kann. Denn mit dem Können haperts ja bei den meisten. Aber ein wenig Mut zum Ungewöhnlichen und ein Hauch von Unnahbarkeit täte vielen gut.

Armin Strohmeyrs Auswahl ungewöhnlicher Frauen reicht von der Kaisermörderin Agrippina, die ihren  Ehemann Kaiser Claudius  vergiftete, um ihren Sohn Nero möglichst rasch und sicher auf den Thron zu hieven, über das ziemlich ungewöhnliche Leben der schwedischen Königin Christina bis zur Kaiserin Elisabeth von Österreich. Dabei erfährt man neben viel Bekanntem auch einige verblüffende Details. In der zweiten Riege stehen die Geliebten der Großen, etwa Maria Mancini Colonna, die als junges Mädchen die Geliebte des Sonnenkönigs war. In der dritten Riege findet man die Betrügerinnen, die mit ihrem Charme den Menschen riesige Vermögen abknöpfen. So wie Thérèse Humbert, in deren Salon sich die ganze Pariser Nobelgesellschaft einfand. Weil die charmante Thérèse hohe Zinsen versprach, gab man ihr, fast zwang man ihr hohe Summen auf. Um am Ende zu erfahren, dass sich das Geld in Schall und Rauch aufgelöst hatte. Und in der letzten Riege finden sich auch einige „gute, geheimnisvolle Frauen“,wie die Krankenschwester Edith Cavell, die als Fluchthelferin im Ersten WEltkrieg fungierte und als Spionin von den Deutschen erschossen wurde.

Es entsteht der Verdacht, dass die edlen, empathischen Frauen sich weniger für eine interessante Biografie eignen. Das Böse scheint anziehender, faszinierender zu sein.

 

Andrea De Carlo, Ein fast perfektes Wunder. Diogenes

Die Figuren aus der Showwelt, ihre fiesen Charaktere haben es Andrea De Carlo angetan. Ähnlich wie in dem furiosen Roman „Villa Metaphora“ geht es auch diesmal um die beiden Gegenwelten: Auf der einen Seite die schlichte, herzergreifende Gelateriabesitzerin Milena. Sie begegnet ungebremst dem irren Haufen der Bandgruppe „Bebonkers“ und ihrem verführerischen, charismatischen Leadsänger Nick. Der hat eine Riesenvilla, Security, Autos, Flugzeuge und eine zu Recht eifersüchtige Noch-nicht-Ehefrau, die gerade mit wütender Akribie die Hochzeit vobereitet. Doch Milena mit ihrem einmalig guten Eis funkt dazwischen. Und so geschieht ein fast perfektes Wunder: Der Star Nick verliebt sich in die „kleine Eisverkäuferin“ und sie sich in ihn. Das wäre der beste Bratenfond für einen Kitschroman – nicht so bei Andrea De Carlo. Durch seine punktgenaue Analyse der Fan- und Musikwelt, des Größenwahns und Irrsinns, der in dieser Welt herrscht, verflüchtigt sich der Kitsch auf gleich Null. Auch Milena wird nicht allzu sehr mit Romantik ausgestattet. Sie lebt in einer lesbischen Beziehung. Die beiden Frauen haben beschlossen, ein Kind zu bekommen. Milena soll es mittels künstlicher Befruchtung zur Welt bringen.

So die Fakten, als Nick und Milena wie zwei Meteore aufeinanderprallen. Das kann nur schrecklich enden! Meint man. Und tatsächlich fliegen die Vasen, die Beleidigungen durch die Räume der Villa. Der Show-down könnte nicht herrlicher sein. Kein Stein, keine Vase bleibt ganz. Körper wälzen sich auf dem Boden.  Doch leise, leise schleicht Nick aus dem Haus, leise, leise Milena aus ihrer Wohnung. Sie gehen wie Schlafwandler aufeinander zu. – Am Flughafen, wo natürlich das Flugzeug Nicks steht, treffen sie aufeinander. So viel Ironie schützt vor Kitsch. Aber dennoch genießt der Leser den Hauch von Romantik, der über dem Ende liegt. Die hauchdünne Nahtstelle zwischen Kitsch und Ironie weiß Andrea De Carlo genauestens zu orten und zu nutzen.

 

Leila Slimani, Dann schlaf auch du. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Luchterhand

Es beginnt mit einem Paukenschlag, der dem Leser den Atem nimmt. Ganz langsam wird der Tragödie Urgrund aufgerollt, um letzten Endes doch nicht 100% aufgeklärt zu sein. Mit einem hauchfeinen Sprachpinsel zeichnet Slimani die Charaktere: Myriam und Paul sind das Bilderbuchpaar à la Bobos: guter Mittelstand, beide im Beruf tüchtig. Myriam ist Mutter zweier Kinder – zu Beginn ist sie eifrige Mutter, bis der Eifer immer mehr nachlässt und sie sich nach einem Beruf sehnt. Die Gelegenheit bietet sich und sie greift zu. Doch wohin mit den Kindern? – Ach, was haben sie doch für ein Glück mit Louise! Zuverlässig, pünktlich, sauber! Der Haushalt hat noch nie so gut funktioniert, die Kinder vergöttern sie und sie die Kinder. Alles perfekt! Man nimmt Louise mit in den Urlaub  auf die griechische Insel Sifnos. Und Louise träumt von einem Zuhause, das ihr Pul und Myriam geben könnten. Könnten, aber nicht wollen. Denn Abstand muss sein -trotz aller Sympathie. Wie und wo Louise ihre Abende und freien Wochenenden verbringt, interessiert Paul und Myriam nicht. Dass sich Louise oft seltsam benimmt, den gesellschaftlich geforderten Abstand zu ihren Arbeitgebern nicht einhält oder besser: als nicht existent übergeht, nehmen sie wahr, aber fragen nicht weiter. Bis die „Zudringlichkeiten“ immer heftiger werden.Als  Louise fürchtet, ihren Arbeitsplatz  und die  von ihr so ersehnte Zugehörigkeit zur Familie zu verlieren, wird sie immer absonderlicher…Es geschieht das Fürchterliche….

Slimanis Sprache ist schlicht, aber tief gehend: Kurze Sätze, keine Sprachspielerein, keine literarischen Turnübungen. Sie liefert eine beinharte Analyse der Gesellschaft: Hier die Gutverdiener, da die Dienenden. Dabei wertet sie nicht. Sie beobachtet, hält fest, ganz ohne Vorurteile und Vorverurteilungen.

Eiin großartiges literarisches Kleinod!

Unbedingt lesen!!!

Thilo Wydra, Ingrid Bergman. Ein Leben. DVA

Eine minutiös recherchierte Filmografie, das Biografische wird in der ersten Hälfte nur angerissen.  Über politische und private Probleme in Ingrid Bergmans Leben geht der Autor  anfangs elegant hinweg. Etwa über ihre Einstellung zu Hitler und den Nazis. Vielleicht um ihr Image zu retten, stellt Thilo Wydra sie als politisch naiv und uninteressiert dar, als eine Frau, die nur an ihrer Filmkarriere interessiert war. Ihre Ehen und Liebesaffären haben zwar weltweit für Aufsehen gesorgt, aber sie „sei für ihre Courage zu bewundern“, mit der sie sich über gesellschaftliche Schranken hinweg setzte. Durch die Reduktion auf eine fast reine Filmografie entsteht im ersten Teil des Buches in den wenigen privaten Einschüben der Eindruck, dass sie sich über Menschen, die für sie arbeiteten, die mit ihr lebten, ohne Skrupel hinwegsetzte. Kurzsichtigkeit in Sachen Weltpolitik ist ihr jedenfalls nicht abzusprechen.

Fans, die sich ausschließlich für ihre filmische Karriere interessieren, finden ausreichende Informationen. Interessant ist zum Beispiel  die Casablanca-Story, weil es davon viele Versionen gibt. So wurde etwa in Deutschland lange Zeit eine politisch gereinigte Version gezeigt, in der das Nazi-Deutschland nicht vorkommen durfte.

Ab der zweiten Hälfte des Buches widmet sich Thilo Wydra mehr dem Biographischen.

Sieben Jahre war Ingrid Bergmann unter Vertrag des Filmbosses David O. Selznick, der sie wie eine Arbeits- und Erfolgsmaschine an andere Produzenten verlieh und den Großteil der Gagen einstrich. Für viele Jahre arbeitete sie unter Alfred Hitchcock, bevor sie schließlich 1949 Roberto Rosselini kennen lernte.  Diesem schmerzvollen Abschnitt im Leben der Schauspielerin widmet der Autor viele Seiten. Ausführlich schildert er den Kampf der Schauspielerin -damals noch  verheiratet mit Petter Lindström –  um die Scheidung, dann um das Sorgerecht der Tochter Pia, die turbulente Zeit vor der Ferneeheschließung mit Roberto Rossellini, die Geburt ihres Sohnes und die Trennung von Pia. All diese Skandale zu überstehen, erforderte die ganze Kraft Ingrid Bergmans. Doch sie schaffte es, trotz aller Widrigkeiten, in Hollywood mit dem Film „Anastasia“ wieder Triumphe zu feiern. Sie wird bis zu ihrem Tod 2015 noch viele Erfolge feiern, sich von Rossellini scheiden lassen, Lars Schmidt heiraten und sich auch von ihm trennen. Das alles ertrug sie, weil sie ihre Arbeit hatte, die ihr alles bedeutete. Sympathie und Hochachtung, die der Autor der Schauspielerin und dem Menschen Ingrid Bergman entgegen bringt, ist deutlich zu spüren.

Wertvoll sind die Anhänge: Anmerkungen zu den Zitaten, Filmregister, Filmographie, Personenregister, Zeittafel und Bibliographie.

 

 

 

 

 

Susanna Ernst: Der Herzschlag deiner Worte. Knaur

Mhmmm, schwierig zu besprechen. Susanna Ernst ist nicht Rosamund Pilcher, aber auch nicht Elsa Ferrante oder Julie Zeh. Auch nicht Charlotte Link. Für mich, die ich gar keine Scheu vor Kitsch habe, ist dieser Roman doch  zu kitschlastig. Eines steht fest: Susanna Ernst kann ganz gut schreiben, der Plot fließt nur so. Aber so viel Tod, Krankheit, Liebe und vor allem Tote, die auf die Erde runtergucken und ihren Lieben beim Leben zuschauen, das muss man aushalten.

Ein Mann -Vincent – stirbt plötzlich auf dem Golfplatz. Bei der Beerdigung sind sie alle versammelt: Sohn Alex, der gar nicht sein Sohn ist, Tochter Cassie, seine Exfrau und die geheimnisvolle „Tante Jane“, die im Rollstuhl sitzt und an einer todbringenden Krankheit leidet. Sie kann nicht mehr sprechen, nur mehr durch ihre Augen mit einem Computer kommunizieren. Aber sie hat die Fäden der Vergangenheit in der Hand. Nur sie kann die vielen Rätsel lösen und Alex zu seiner großen Liebe namens Maila führen. Der Leser ahnt sehr bald: Diese Maila ist sicher die Tochter von Jane und Vincent – beide werden sich als Untote, später Ganztote im Jenseits finden. Als alle Rätsel gelöst und Hindernisse beseitigt sind, da sieht man Alex mit Maila glücklich lächelnd im Bett liegen. Zwischen ihnen seine zweijährige Tochter, die während einer kurzen früheren Beziehung gezeugt wurde. Auf die drei Glücklichen blicken Vincent und Jane aus dem Jenseits, nein eher Halbjenseits. Klingt komplizerter als es ist.

 

 

Stephanie Butland, Ich treffe dich zwischen den Zeilen. Knaur Verlag

Mit viel sprachlichem Einfühlungsvermögen erzählt die Autorin von einer jungen Frau, die mit 10 Jahren von einem Moment auf den anderen beide Eltern verliert: Der arbeitslose Vater quält und schlägt seine Frau. Das Kind mit dem ungewöhnlichen Namen Loveday liebt ihn trotz allem, fürchtet zugleich um ihre Mutter. Als sie eines Tages von der Schule nach Hause kommt, hat die Mutter aus Notwehr den Ehemann mit der Bratpfanne erschlagen. Von da an wird das Leben für Loveday zur Qual. Die Mutter kommt ins Gefängnis, sie zu einer Pflegemutter, die sich alle Mühe mit dem Kind gibt, das sich von der Umwelt verschließt, kaum spricht und keine Kontakte, auch nicht mit der Mutter, will. Erwachsen geworden arbeitet sie in einem Buchladen, den der schrullige Archie führt. Loveday liebt Bücher, lässt sich die Anfangssätze ihrer Lieblingsbücher in die Haut tätowieren. Um ihr Äußeres kümmert sie sich nicht, rennt in alten Klamotten durch die Gegend. Einmal lässt sie sich auf eine kurze Beziehung ein, doch Rob ist wegen Gewalttätigkeit in Behandlung. Loveday verlässt ihn, er aber lässt nicht locker. Aus Angst vor körperlicher Nähe lässt sie auch Nathan, den liebenswerten Zauberer und Slum-Poet nicht an sich heran. Sie zieht sich vom Leben zurück, nur mit ihrem Chef  Archibald versteht sie sich einigermaßen. Der nämlich lässt sie gewähren.

Als eines Tages Bücher ihrer Mutter vor dem Laden garagiert werden, kocht die ganze Vergangenheit auf.

Wie aus der äußerst fragilen Person mit allen Ängsten und Aggressionen eine Frau wird, die wieder lieben kann, beschreibt die Autorin großartig. Ihre Sorache ist frech, aufmüpfig und hochsensibel zugleich.

Pierre Lemaitre, Drei Tage und ein Leben, aus dem Französischen Tobias Scheffel. Klett-Cotta Verlag

Ein Kriminalroman mit umgekehrten Vorzeichen: Der Mörder ist der 12jährige Antoine. Enttäuschung, Zurücksetzung und Spott seiner heimlich angebeteten Nachbarin machen ihn so wütend, dass er den sechsjährigen Nachbarbuben Rémi mit einem Stock erschlägt. Das erfährt der Leser gleich auf den ersten Seiten. Im rasanten Erzähltempo geht der Autor sofort in medias res. Dann zieht er gleichsam die Notbremse. Langwierige Untersuchungen, Verdächtigungen – Antoine lebt in Dauerangst, als Mörder entlarvt zu werden. Er ist zeitweise froh, dass es einen Verdächtigen gibt und hätte keine Silbe zu dessen Freilassung gesagt. Die Jahre vergehen, er glaubt sich sicher, studiert Medizin und meidet das Dorf seiner Kindheit. Doch dieses holt ihn zurück – widerwillig muss er das Nachbarmädchen heiraten, da sie von ihm schwanger ist. Einem Vaterschaftstest kann und will er sich nicht unterziehen, da man inzwischen die Leiche und an ihr ein Haar des Täters gefunden hat. Anhand des Gentestes könnte er als Mörder entlarvt werden. Sein Leben besteht nun aus der traurigen Routine eines Landarztes und eines lieblosen Ehemannes, bis am Schluss eine neue Wendung eintritt…

Lemaitre ist ein Meister der Charakteranalyse, die er streckenweise all zu sehr auf die Spitze treibt. Durch häufigen Tempowechsel – einmal geschieht viel auf wenig Seiten, dann lange, auf vielen Seiten fast gar nichts – hält er den Leser, der vielleicht schon aufgeben will, bei der Stange. Der Roman ist aber mehr als ein „Landkrimi“. Vielmehr liest er sich als kritische Studie eines Dorfes und seiner Bewohner, die in Bespitzelung, Brutalität und Dumpfheit dahinleben. Jeder mit einer anderen Lebenslüge auf dem Buckel.

 

Elena Ferrante, Die Geschichte der getrennten Wege. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp

Nun begleiten sie uns wieder für eine Weile: Elena und Lila aus Neapel, genauer aus dem heruntergekommenen Viertel Rione. Die späten 60er und die beginnenden 70er Jahre bilden den politische Rahmen. Das Buch ist eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit vieler Leserinnen, die sich in der Figur Elenas teilweise wiedererkennen werden.

Lila hat sich von ihrem Ehemann und von ihrem Geliebten getrennt und schuftet in einer Wurstfabrik, wo die Arbeitsbedingungen entwürdigend und gesundheitsgefährdend sind. Sie kann sich und ihren  Sohn Gennaro, von dem sie nicht genau weiß, welcher der beiden Männer der Vater ist, nur mit Mühe durchbringen. Enzo, ein Freund aus den Jugendtagen, hilft ihr selbstlos, wo er nur kann. Den Alltag zu bewältigen und nicht einzuknicken ist ihr einziges Lebensziel. Während alle rings um Lila sich in der Politik engagieren, hat sie dafür keinen Sinn. Doch wird sie gegen ihren Willen zur Ikone der Revolution und des Widerstandes, als sie sich gegen den Chef der Fabrik zur Wehr setzt und die verheerenden Arbeitsbedingungen publik macht. Es kommt zu Schlägerein, es gibt Tote, sie verlässt seltsam ungerührt von den Ereignissen die Fabrik.

Elena hat nach dem Studium in Pisa ein Buch geschrieben, das kurzfristig großen ERfolg hat. Sie verlobt sich mit Pietro, dem Sohn ihres Verlegers. Stolz kehrt sie für kurze Zeit nach Neapel zurück, wo sie sowohl von Lila als auch von ihrer eigenen Familie distanziert behandelt wird. Für ihren Bucherfolg hat man kein Verständnis. Verwirrt muss Elena erkennen, dass sie politisch völlig ungebildet ist. Um sich in den linken Kreisen, zu denen sie gerne gehören möchte, Zutritt zu verschaffen, beginnt sie sich in die „linke Literatur“ einzulesen. Doch ihre Wortmeldungen in dem kämpferschen Kreis von Linken, Kommunisten und anderen Revoluzzern bleiben leere Satzhülsen. Sie heiratet Pietro und zieht mit ihm nach Florenz, wo er einen Lehrauftrag an der Universität hat. Ihre zwei Töchter machen aus Elena eine lustlose Mutter und Hausfrau. Angestrengt versucht sie, an einem neuen Buch zu schreiben, was ihr nicht gelingt. Die Ehe ist eine einzige Enttäuschung, sie denkt an Scheidung. Mit Lila hat sie nur telefonischen Kontakt. Aus dieser Depression rettet sie Nino, der Jugendfreund aus Neapel. Er weckt sie aus ihrem geistigen und sexuellen Dornröschenschlaf. …

Hauptakteur in diesem 3. Band ist die Politik, die Jahre der Jugendrevolten, der Gewalt gegen den Staat und seine Repräsentanten, des Kampfes der Frauen um mehr Rechte. Elena ist die typische Vertreterin zwischen den Fronten: Sie will bürgerlich leben, ist auch stolz auf diesen Status und will zugleich politisch aktiv sein, was aber nicht ihrem innersten Wesen entspricht, das auf Ausgleich und Harmonie ausgerichtet ist. Stachel in ihrem Denken ist immer wieder Lila, die sich um nichts und niemanden kümmert, ihren Weg im Rione geht und auf Elenas Bürgerlichkeit spuckt. Geschickt flicht die Autorin in die Fguren, die sich um Elena und Lila ranken, die Typen der damaligen Zeit ein: Die Kinder der Adeligen und Bildungsbürger proben mit Genuss den Aufstand gegen ihre Eltern, bringen aber außer Drogensucht und Streit nichts Effektives zustande. Es sind die typsichen Möchtegernrevoluzzer. Pietro ist der Professor, der die Zeitentwicklung verpasst und mit seinen Studenten und Kollegen im Dauerstreit liegt. Einige Jugendfreunde Elenas und Lilas engagieren sich in Gewerkschaften, sind Dauerdemonstrierer. Doch gegen die mafiosen Mächtigen im Rione und Neapel haben sie keine Chance.

Elena Ferrante entwirft ein Gesellschaftsgemälde mit allen Figuren, die damals wie heute noch genauso aktiv sind. Und das nicht nur in Italien,

Mehr zur Romantetralogie und der Anonymität der Autorin unter: www.elenaferrante.de

 

André Uzulis, Hans Fallada, Biografie. Steffen Verlag

Eine gut recherchierte Biografie, die trotz ihrer überpeniblen Genauigkeit nicht trocken oder langweilig wirkt. Fallada, mit bürgerlichem Namen Rudolf Dietzen (1993 -1947) lebte wahrlich in schweren Zeiten. Als Sohn eines gutbürgerlcihen Beamten (Richter) rebellierte er in der Jugend gegen ihn und das allzu geregelte Leben, plante mit einem Freund einen Doppelselbstmord, wobei er den Freund erschoss und sich selbst schwer verwundete. Dem ersten Aufenthalt in einer Nervenklinik sollten bis zu seinem Tod noch unzählige folgen. Alkohol- und Morphiumsucht machten ihm das Leben zeitweise zur Hölle, aus der ihn nur eines rettete: Schreiben, schreiben, schreiben. Gefängnisaufenthalte – er hatte Geld unterschlagen, um sich Morphium zu beschaffen – nutzte er für einen Entzug, der nicht lange anhielt. Seine Ehe mit Anna Dietzen war die ersten Jahre recht glücklich, weil sie sich ihm unterordnete und seine häufigen Zornausbrüche verzieh. Dann hatte es den Anschein, dass er zu sich fand. Seine Bücher hatten manchmal große Erfolge, dann wieder wurden sie von der Kritik in Grund und Boden gestampft. Doch der Verleger Ernst Rowohlt half ihm, so viel und oft er konnte. Auch in der schwierigen Zeit des Nazionalsozialismus. Da „lavierte“ sich Hans Fallada durch, biederte sich an, zog sich zurück – er wollte nur eines: unbehelligt schreiben. Als Ernst Rowohlt emigrierte und der Verlag beschlagnahmt wurde, bekam Hans Fallada die ganze Härte der Nazibürokratie zu spüren. Doch er verließ Deutschland dennoch nicht. Nach Kriegsende ließ er sich von den Russen, die er als „Befreier“ bezeichnete, vor den Werbekarren spannen, hatte mit seinem letzten Werk „Jeder stirbt für sich allein“ nochmals einen großen Erfolg. Doch da war er körperlich und geistig schon am Ende – er stirbt in einer Nervenklinik. Der Autor schreibt: an einer Überdosis Schlafmittel, die ihm seine 2. Frau Ulla unwissentlich verabreicht hat. Sehr mysteriös.

Seine Werke: „Kleiner Mann was nun?“, „Wer einmal aus de Blechnapf frißt“ und „Jeder stirbt für sich allein“ gehört zum Besten, was in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschrieben wurde. Fallada schildert minutiös die Ängste, kleinen Freuden, Bedrohungen im Alltag, Neid, Hass – eben das Leben „von unten“, das er aus eigener Erfahrung bestens kannte.

Melanie Raabe. Die Falle. btb

Melanie Raabe kann Spannung erzeugen, den Leser fesseln. Der Trick: kein  Dedektiv forscht endlos langweilig, sondern die Zeugin eines Mordes sucht den Mörder in eine Falle zu locken. Dann beginnt ein Katz- und Mausspiel, in dem der Mörder den Spieß umdreht und der Zeugin suggeriert, sie wäre die Mörderin! Ein genialer Einfall der Autorin. Durch diesen Dreh der Perspektive wird der Leser stark verunsichert und die Spannung intensiviert. Aus der Zeugin wird über eine kurze Strecke die mögliche Mörderin. Sie fragt sich, ob nicht sie es war, die mit zahllosen Messerstichen ihre Schwester umgebracht hat. Sie forscht, horcht in ihr Inneres, hinterfragt ihr Verhältnis zu ihrer Schwester und hält es zunächst durchaus für möglich. Bis sie  das gefakte Alibi des Mörders aufdecken kann. Leider retardiert die Autorin den Gang der Handlung und die Spannung durch Einschübe eines Romans im Roman, der aber keine neuen Perspektiven einbringt.

Auf jeden Fall ist dieser Thriller eine ideale Urlaubs- und Sommerlektüre. Perfekt, um voll abzuschalten und ein wenig aus dem Alltag auszusteigen.

 

DDelphine de Vigan, Das Lächeln meiner Mutter. Droemer. Aus dem Französischen von Doris Heinemann

Es ist eines der Hauptthemen, das Delphine de Vigan immer wieder beschäftigt: Die Frage, wieviel in einem Roman, einem literarischen Werk jeglicher Gattung Fiktion, wieviel reine Berichterstattung sein darf. In dem vorliegenden Fall eine besonders heikle Frage, da es sich um die Aufarbeitung der Krankheit (Schizophrenie) ihrer Mutter, die sich dasLeben nahm, handelt. „Anfangs, als ich den Gedanken, dieses Buch zu schreiben….akzeptiert hatte, dachte ich, es würde mir ganz leicht fallen, Fiktives einzubauen. …Stattdessen kann ich an nichts rühren, …voller Schrecken bei dem Gedanken, ich könnte Verrat an der Geschichte üben, mich in den Daten, Orten, Altersangaben irren.“ Diese Gewissensfrage durchzieht den Text und den Fortlauf der Erzählung. Immer wieder unterbricht die Autorin, stockt, fragt sich, ob es richtig ist, die Familienmitglieder mit Fragen nach Erinnerungen zu belästigen, sie im Text miteinzubeziehen. Das macht das Buch in der ersten Hälfte schwerfällig. Erst mit dem voranschretend Erzählfluss scheint de Vigan es mit ihrem Gewissen vereinbaren zu können, über die intimsten Situationen und Gefühle der Mutter, ihrer Geschwister und Freunde, über ihre eigenen Gefühle und die ihrer Schwester nach dem Selbstmord zu berichten. Dann immer wieder die Frage: Ist diese Krankheit erblich? Wird der Hang zum Selbstmord an die nächste oder übernächste Generation weitergegeben? Eine Frage, die sich auch Charlotte Salomon in ihrem Buch stellt. (siehe auch meinen Beitrag: Marget Greiner, Charlotte Salomon). Eine andere Frage ist ebenso wichtig: Hat sie als Tochter, als Autorin  das Recht, die Geheimnisse ihrer Familie aufzudecken, zu schreiben, dass der allgegenwärtige Vater (ihr Großvater) ihre Mutter sexuell missbraucht hat? Hat sie das Recht, den Mythos der heilen Familie zu zerstören?Das Werk ist kein Roman, sondern eine Aufarbeitung, eine literarische Familienaufstellung, bei der  Verwundungen, Freuden,  Leiden,  Probleme, aber auch so manch schöne Erinnerungen an ihre kluge, überaus schöne Mutter Lucile wie Luftblasen aus dem Teich aufsteigen und vor dem Verschwinden durch Sprache, Schreiben festgehalten werden. Letztendlich ist es eine Liebeserklärung an eine Frau, die ihre Krankheit mit allen Mitteln bekämpft, immer wieder ins Leben zurück findet. Dann aber, erschöpft von den Kämpfen, den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmt, als letzte große Freiheitsgeste.

Jean-Luc Seigle, Ich schreibe Ihnen im Dunkeln. C.H.Beck

Andrea Spingler verdanken wir die ausgezeichnete Übersetzung eines literarisch hochinteressanten und faszinierenden Werkes. Jean-Luc Seigles Sprache ist hart-realistisch und zugleich sehr poetisch. Ihre starke Sogwirkung zieht den Leser in das Geschehen hinein, auch in die grausamsten Stellen, wie etwa die Vergewaltigungsszene.

Einmal mehr geht es um eine wahre Geschichte! – Es scheint, dass in der Gegenwartsliteratur die Neigung sowohl bei Autoren, Verlagen und wahrscheinlich auch bei Lesern für wahre Begebenheiten oder Biografien zunimmt und das Interesse an der rein fiktionalen Literatur abnimmt. (Siehe auch meine Besprecheung von de Vigan, Eine wahre Geschichte) Vielleicht liegt es an der allzu subjektiven sprachlichen Nabelschau, die besonders der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nachgesagt wird.

Pauline schreibt ihre Geschichte in ihrem Haus in Essaouira auf. Dorthin ist sie aus Frankreich geflohen, um ihrer Erinnerung zu entgehen und mit neuem Namen ein neues Leben zu beginnen. Ihre Kindheit in Frankreich während des 2. Weltkrieges war geprägt von Trauer: Zwei ihrer Brüder sind im Krieg gefallen, die Mutter verweigert sich monatelang dem Leben und ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Kochen. Da sendet der Vater die junge, hübsche Pauline als Krankenschwester zu einem deutschen Arzt, in der berechtigten Hoffnung, dass ihre Schönheit diesen betören und er sie mit ausreichend Lebensmittel versorgen wird. Dieser perfide Plan geht auf – Pauline wird nicht nur die Assistentin, sondern auch seine Geliebte. Und sie bringt Lebensmittel nach Hause. Was der Vater hoffte, passiert:: Die Mutter beginnt wieder zu kochen und sich dem Leben zuzuwenden. Doch bei Kriegsende wird Pauline vom Pöbel aus dem Haus gezerrt, als Deutschhure geschoren und grausam vergewaltigt. In letzter Minute kann der Vater aus sie aus diesem Albtraum heraus holen. Er bringt sie in ein Dorf, wo niemand sie kennt und sie sich in seelischer Dunkelheit verkriecht. Doch der Vater fordert ihre Intelligenz und ihren Lebensmut heraus – sie beginnt Medizin zu studieren, verliebt sich über alle Maßen in einen Studenten aus gutem Haus. Als er von ihrer Vergangenheit erfährt, wendet er sich ab und beschimpft und verspottet sie. Sie erschießt ihn im Affekt. Ihr Prozess wird eine Show – man stellt sie als Monster hin, verurteilt sie zu Tode, dann jedoch zu lebenslänglicher Gefängnisstrafe, aus der sie nach 9 Jahren frei kommt. Inzwischen ist ihre Geschichte auch verfilmt worden und sie entzieht sich dieser Qual, immer wieder ihrer Geschichte zu begegnen, und beginnt ein neues Leben in Essaouira( Marokko). Dort verliebt sie sich in einen Marokkaner, der sie heiraten möchte. Für ihn schreibt sie die Geschichte auf. Doch als er die „Wahrheit“ über sie erfährt, wendet er sich von ihr ab.

In einer Sprache, die den Skandal und die Effekthascherei scheut, zieht der Autor den Leser in die Tiefen einer gequälten Seele hinein. Man folgt ihr, widerstrebend bis in die tiefste Erniedrigung der Vergewaltigung. Ohne sich dabei des Voyeurismus zu bezichtigen. Man muss ihr folgen. Wie um mit ihr durch einen Reinigungsprozess zu gehen. Das Buch hat die Kraft einer Wiederbelebung: Pauline wird stellvertretend für viele Frauen, die solch ein Schicksal erlitten, durch ein literarisches Reinigungsritual von jeglicher Schuld der „Konspiration mit dem Feind“ frei gespochen. Die Schuld trifft die Menschen, die solche Racheakte vollzogen.

Delphine de Vigan, Nach einer wahren Geschichte. Aus dem Französischem von Doris Heinemann. Dumont

Die Autorin stellt die Frage: Wieviel Autobiographisches, wieviel Reales soll, darf ein Roman enthalten. Es gab eine Ära in der Literaturwissenschaft, da galt es als verpönt, nach biographischen Fakten in dem jeweiligen Werk zu fragen. Nun scheint eine Kehrtwende um 180 Grad eingetreten zu sein. „Das Wahre, die Wahrheit“ – siehe Titel – spielt eine Hauptrolle -fragt sich nur : Wahrheit über wen und was, und : Gibt es diese Wahrheit? Mit diesen Fragen spielt Delphine de Vigan geschickt und intelligent, mit enormer Sprachbegabung. Der Forderung nach Wahrheit bis zur Bloßstellung kommt zum Beispiel der Autor Thomas Melle in seinem schonungslosen Bericht über seine Krankheit nach. Ob so ein Buch dann noch Roman genannt werden kann?

Delphine de Vigan packt diesen Fragenkomplex in einen Thriller. Die Ich-Erzählerin ist eine gefeierte Autorin, die von den Lesereisen, dem Erfolg ihres Buches ermüdet ist, sich zurückziehen möchte, um das vom Verlag so dringend geforderte neue Buch zu schreiben. Doch sie hat eine totale Schreibhemmung, kann weder einen Bleistift halten noch sich an den Computer setzen. Da tritt L. in ihr Leben – eine Frau ihres Alters. Sie hat keinen Namen, nur L. Mehr und mehr übernimmt L. die Führung im Leben der Erzählerin, tritt sogar als diese auf. Im Zusammenleben der beiden geht es nicht immer friedlich zu. L. verlangt von der Erzählerin, dass sie das „ultimative Buch“ schreiben soll, wobei in den Diskussionen nicht klar wird, was sie darunter versteht. Doch taucht immer wieder die Frage auf, wieviel persönliches Leben in ein Werk einfließen soll oder darf. Fiktion allein genüge nicht mehr, das hätten die Leser zur Genüge gehabt. Reales, Wahres ist gefordert. Die Diskussionen um die Relevanz eines Romanes bilden die Metaebene, die Handlung selbst ist spannungsgeladen. Der Leser fragt sich, wann und wie kann sich die Icherzählerin aus den Fängen von L. befreien?

 

 

 

 

 

Elena Ferrante, Die Geschichte eines neuen Namens. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp

Sie hat es wieder getan! Elena Ferrante hat uns mit dem 2. Band ihrer „Neapolitanischen Saga“, wie sie ihr Werk selbst nennt, wieder völlig in den Bann geschlagen. Lila hat geheiratet, von allen wegen ihres „Reichtums“ beneidet, zieht mit ihrem Ehemann Stefano in ihre blitzblanke neue Wohnung ein und schon beginnt der Kampf zwischen ihr und ihrem Mann. Sie ist – wie immer – die Überlegene. Lenu – die Icherzählerin beneidet ihre Freundin um diesen „Aufstieg“. Wie die Jugendjahre zwischen 17 und 24 sich entwickeln, ist spannend, lässt an eigene Kämpfe in der Jugendzeit erinnern.

Der Rione ist heruntergekommen, wie ganz Neapel. Das Zentrum nur äußerer Glanz, Korruption und Mafia, Streit, Rauferein, Intrigen beherrschen den Alltag. Lila ist über ihren neuen Namen – Carracci – unglücklich, fühlt sich beschmutzt. Er frisst ihr Inneres auf. Deshalb zerstört sie auch ihr Foto im Schuhgeschäft, übermalt es und zerlegt es bis zur Unkenntlichkeit. So fühlt sie sich.

In einem Sommer auf Ischia droht die Freundschaft zwischen Lila und Lenu zu zerbrechen: Lila schnappt sich den von Lenu angebeteten Freund, schläft mit ihm, bekommt ein Kind. Zieht von Stefano weg. Lenu beginnt ein Studium in Pisa, macht ihr Doktorrat, ihr erstes Buch wird veröffentlicht. Die Kluft zwischen ihr und Lila könnte nicht größer sein. Doch sie erkennen, dass trotz der Kluft zwischen ihnen die Freundschaft weiter bestehen wird.

Ferrantes Erzählkunst ist einmalig: Immer wieder überrascht sie mit treffenden, detailreichen Szenen, die Milieu und Menschen treffend charakterisieren. Beispielsweise entlarvt sie gekonnt das Partygeplapper der so genannten Gebildeten, die politische Parolen und literarische Neuigkeiten einander wie Pingpongbälle zuwerfen, um damit zu prahlen.

Faszinierend schildert sie den Kontrast der beiden Freundinnen: Lila ist ein gefährliches Tier, unberechenbar, kann jederzeit zubeißen, kümmert sich nicht um das Gerede rund um sie. Lenu – schüchtern, unsicher, orientiert sich immer wieder an der Kraft der von ihr so bewunderten Freundin, bemüht, es ihr gleichzutun, wenn nicht gar sie zu überflügeln.

Ganz leichtfüßig erfährt der Leser von den Problemen Italiens, von der politischen Lage der 60er Jahre. Da sind keine langen Belehrungsszenen, alles wird über Gespräche, Ereignisse transportiert. Aktion und Reflexion sind geschickt ineinander verwoben und ergeben den zupackenden Fluss, der uns in das Geschehen hineinzieht. Da heißt es im Buch über das Buch, das Lenu geschrieben hat: „Da ist Ehrlichkeit, Natürlichkeit und etwas Gehaltvolles im Stil, wie man es nur in wahren Büchern findet.“ (S594) – Damit hat Ferrante wohl ihren eigenen Stil und Erfolg erklärt. An diesem Erfolg ist die Übersetzerin Karin Krieger sicher nicht ganz unbeteiligt. Ihr gelingt es, den Schwung, die Atmosphäre  und die Klangfarbe des Dialektes gut ins Deutsche hinüber zu transportieren.

 

 

Michela Murgia, Chirú.Übersetzung aus dem Italienischen: Julia Brandestini. Wagenbach Verlag

Der Roman lässt mich etwas ratlos zurück: Ich weiß nicht, ob ich dieser ziemlich abgehobenen und selbstverliebten Hauptfigur auch nur ein Fünkchen Sympathie entgegen bringen kann, soll oder müsste. Eleanora ist achtunddreißig Jahre alt,  Sardin und eine erfolgreiche Theaterschauspielerin. Gerne nimmt sie junge Burschen so zwischen 16 und 18 als „Schüler“ an – und da beginnt mein Dilemma: Was lehrt sie diese Burschen? Sich richtig benehmen und kkleiden, im Kreis illustrer VIPs die richtigen Leute zur richtigen Zeit ansprechen? – Agentin ist sie keinesfalls, auch nicht wirklich „Lehrerin“. Der Verdacht kommt auf, dass sie diese Jungs  als Adoranten holt, um  sich in deren Bewunderung zu bestätigen. Einen „Schüler“ hat sie unwissentlich in den Selbstmord getrieben, weil sie nicht erkennen wollte und auch nicht erkennen konnte, dass er in sie schwer verliebt war.

Nach diesem „Unfall“ vergehen Jahre, bis sie – nun achtundreißig – den achtzehnjährigen Geiger Chirú kennenlernt und sich ihm als „maestra“ anbietet. Doch dieser Junge übt eine starke Anziehungskraft aus, mit der sie  zuerst nicht gerechnet hat, dann aber kokett spielt. Erotische Spiele sind erlaubt, Küsse, Streichelgaben, aber nicht mehr. Gerade so viel, dass sie sich ihrer Wirkung sicher sein kann. Denn sie hat sich inzwischen in einen berühmten Dirigenten verliebt, den sie am Ende auch heiratet. Eine Wiederbegegnung mit Chirú nach einigen Jahren gibt ihr immerhin einen Stich ins Herz, aber ganz ohne Schuldgefühl.

Tja, wo liegt nun genau mein Problem? – Dass die Autorin die Figur ganz sicher als eine kluge, gebildete Frau schildern möchte, die sich Gedanken über menschliche Beziehungen macht. Keinesfalls – so denke ich wenigstens – soll Eleonora als eine Frau erscheinen, die junge Burschen braucht, um sich in der deren Jugend zu sonnen. Das war ganz sicher nicht die Intention von Michela Murgia. Denn sie überträgt auf Eleonora wohl ihre eigenen Gedanken, philosophischen Überlegungen zur Welt und zu dem, was richtig und falsch ist. Nur leider – der Faden der Erzählung läuft gegenteilig. Ich staunte immer mehr über die Selbstgefälligkeit der Hauptfigur, ihre arrogante Art, mit diesen „Schülern“ umzugehen. Also ich hätte nie sie als „maestra“ akzeptiert. Wie sagen die Wiener zu einer Person wie Eleonora eine ist? – Zicke oder Tussi.

Jochen Schmidt, Zuckersand. C.H. Beck Verlag

Schmidt ist ein Autor mit Humor und genauer Beobachtungsgabe. Er sieht die Welt aus den Augen eines zweijährigen Kindes, das im Begriffe ist, die Umgebung zu erobern. Karl, so heißt das neugierige, willenstarke Kerlchen, hat seinen eigenen Kopf, seine eigenen Vorstellungen. Egal, ob im Supermarkt, wo er großen Gefallen an der Maschine für Flaschenretouren findet und sie mit allerlei Waren füttert oder sonst irgendwo „Unordnung“ in die allzu geordnete Welt der Erwachsenen bringt, der Vater hat dafür Verständnis. All die kleinen Aktionen seines umtriebigen Karl erinnern den Vater an seine eigene Kindheit. Mit viel Humor gelingt  es Jochen Schmidt, das Bild einer  allzu organisierten Gesellschaft, zu hinterfragen.  Von der Mutter Karla, die dieser perfekten Welt anhängt,  kommen aus ihrem Büro per SMS Anweisungen, wie Karl zu erziehen sei.  Sie ist das Urbild der überbehütenden Mutter, die ihr Kind zwar nicht selbst erzieht, da sie den ganzen Tag arbeitet, aber genaue Vorstellungen von Erziehung hat. Karl und der Vater unterlaufen diese ständig, obwohl sich der Vater redlich bemüht, ein „ordentlicher“ Vater zu sein.

Bei all den Aktionen, die der Vater und Karl unternehmen, schmunzelt der Leser, erinnert sich vielleicht an die eigene Kindheit. Der Autor fordert jedoch auch die Geduld des Lesers heraus, wenn er seine skurrilen Einfälle all zu sehr in die Länge zeiht.. Zum Beispiel: Karla und er wollen endlich eine größere Wohnung. Doch die Vorstellungen der beiden über die Einrichtung triften weit auseinander: Er möchte „ein Loch in der Wand, durch das manchmal ein Elefant seinen Rüssel steckt.“ Die Idee ist amüsant, verliert jedoch an Spaßkraft, wenn noch ein langer Katalog von ähnlichen Wünschen angefügt wird. Man hat als Leser oft das Gefühl, der Autor kann mit seiner überbordenden Witz-Phantasie nicht ökonomisch umgehen und will unbedingt den Zettelkatalog aller schrägen Einfälle abarbeiten. Weniger wäre manchmal mehr.

Das zauberhafte Umschlagbild von Line Hoven, das eine Erwachsenenfigur mit einem Kind an der Hand zeigt, die mitten im Dschungel einen Fluss über eine fragile Hängebrücke überqueren, ist eine gelungene Umsetzung und Zusammenfassung des Romans. Ebenso die Vignetten vor den einzelnen Kapiteln.

 

 

Margret Greiner; Charlotte Salomon. Es ist mein ganzes Leben. Knaus Verlag

Charlotte Salomon – eine faszinierende Persönlichkeit, von der Autorin Margret Greiner faszinierend in eine Romanbiografie gefasst. Wieder einmal hat die Autorin bewiesen, dass sie durch intensive Recherchen, hohe Einfühlsamkeit und starke Sprachbilder einen Charakter dem Leser in die Seele schreiben kann. Charlotte Salomons Schicksal wurde während der Salzburger Festspiele  2014 in dem gleichnamigen „Sing-Spiel“ von Marc-André Dalbavie auf der Bühne der Felsenreitschule inszeniert. Im nachfolgenden Jahr zeigte das Rupertinum in Salzburg einen Großteil ihrer Bilder.

Charlotte Salomon wurde 1917 in Berlin in eine großbürgerliche, jüdische Familie hineingeboren. Früh schon wurde ihr Mal- und Zeichentalent erkannt. Wegen anhaltender Diskriminierung und Gefährdung des Lebens schickten ihre Eltern sie 1939 zu den Großeltern nach Villefranche in  Südfrankreich. Hier beginnt sie die Stationen ihres Lebens in vielen hundert Gouachen und Texten aufzuarbeiten. Malen wird zur Lebensbewältigung und hilft ihr, die Angst einzudämmen. 1943 heiratet sie Alexander Nagler. Beide werden noch im selben Jahr verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo sie – im fünften Monat schwanger – ermordet wird. Ihr Ehemann stirbt 1944 im Lager.

Im Leben dieser Künstlerin war der Selbstmord ein alles beherrschendes Thema. Ihre Mutter, Großmutter und eine Tante hatten sich das Leben genommen. Sie dagegen ist entschlossen, diesem Fluch nicht zu erliegen. Auch in der größten seelischen Not in Villefranche, nach dem Selbstmord der Großmutter und dem natürlichen Tod des Großvaters gibt sie sich nicht auf. Sie schließt sich über Monate in eine Kammer ein, geht kaum aus und malt, malt, malt. Malen ist das Heilverfahren, mit dem sie sich vor Ängsten schützt und in dem sie alle Verluste in ihrem kurzen Leben aufarbeitet.

Margret Greiner findet großartige Sprachbilder für den Malprozess selbst und die Interpretation der Bilder.(Dem Verlag sei gedankt, dass ein reiches Bildmaterial abgedruckt werden konnte!)  Sie taucht in die Seele der Künstlerin ein. Ihre Sprachkraft ist der Begabung und dem Charakter Charlottes gewachsen. Deshalb darf sich die Autorin auch die intimsten Gedanken Charlottes aneignen. „Bilder fielen in sie ein..“(S 261) heißt es da, und der Leser erlebt durch die immense Sogwirkung der Sprache haut- und seelennah die Qualen und  Gedanken der Künstlerin mit. Für Charlotte Salomon hieß malen existieren und das Leben verstehen. „Alle Wege lernte ich gehen und wurde ich selbst“ schreibt sie und titelt ihr Werk: „Es ist mein ganzes Leben“.

Silvia Matras empfiehlt dieses Buch allen, nicht nur den Kunstinteressierten. Es kann auch als „Zeitzeugenbuch“ gelesen werden, als lebendiges Zeugnis über die Gräuel der Nazizeit. Wobei Margret Greiner es vermeidet, dem Horror dieser Zeit Sprache zu verleihen . Indem sie diesen ausspart oder nur in nüchternen Fakten bestehen lässt, ist er um so stärker präsent.

Weitere Bücher von

Margret Greiner: Emilie Flöge. Modeschöpferin und Gefährtin Gustav Klimts, K&S Verlag

Margret Greiner: Charlotte Berend-Corinth und Lovis Corinth. Herder Verlag

 

Elena Ferrante, Meine geniale Freundin. Suhrkamp

„Alle Welt liest Elena Ferrante“ soll die FAZ geschrieben haben. So steht es jedenfalls auf der Rückseite des Covers. Das mag eine Übertreibung sein, aber wahr ist: Viele reden über das Buch, über die Autorin, von der man nicht weiß, wer dahinter steckt – angeblich soll ein Journalist das Geheimnis schon verraten haben. Aber das alles gehört in den Bereich „marketinggag“ und Verkaufsstrategie.

Tatsache ist: Das Buch ist wirklich ausgezeichnet! Und man beendet es nur ungern – aber es gibt ja schon den 2. Teil. Vordergründig geht es um die Geschichte einer Kinder- und Jugendfreundschaft in den 50er Jahren in Neapel. Lila und Lenu sind unzertrennliche Freundinnen. Lila bestimmt, was gespielt wird, Lenu folgt ihr wie ein Hündchen. Ihre Wege trennen sich für kurze Zeit, als Lenu das Gymnasium besuchen darf. Aber sie bleiben dennoch immer im Kontakt, denn zu sehr hängt Lenu von „ihrer genialen Freundin“ ab. Mit der Pubertät tritt Lenu in eifersüchtige Distanz zu Lila, die sich mit einem wohlhabenden jungen Mann verlobt. Der Roman endet mit der Hochzeit Lilas. Dieser Plot klingt banal. Aber der Autorin gelingt es, so ziemlich alle Probleme der Stadt und der Nachkriegszeit ohne moralischen Zeigefinger hineinzupacken: Die Armut der Familien, die Chancenlosigkeit der ungebildeten Eltern und Kinder. Lenu ist eine der wenigen Ausnahmen, die statt irgendeine Lehre zu absolvieren oder gleich zu heiraten, das Gymnasium wählt. Die sprachliche Barriere zwischen der bürgerlichen Schicht, die Italienisch spricht und sich dementsprechend ausdrücken kann, und den Bewohnern des Rione, wo nur Dialekt gesprochen wird, wird immer wieder angeführt, ebenso all die Grenzen und Barrieren, die die Kindern dieses Viertels wahrscheinlich nie in ihrem Leben werden überwinden können. Ein Neapel der Chancenlosigkeit, aber nicht der Lieblosigkeit schildert Ferrante. Denn trotz der Armut haben die Kinder eine fast sorglose Kindheit: sie spüren die Armut nicht, weil alle gleich arm sind. Erst die Ausflüge in die andere Welt der weniger Armen, der Begüterten und der Reichen machen ihnen den Abstand zur Welt des Erfolges bewusst. Dass es unter den Bewohnern des Rione auch weniger Arme gibt, die mit Mafia-Methoden die anderen in der Hand haben, ist auch ein Thema.

Man erfährt viel mehr über Neapel und über die Probleme der Nachkriegszeit als in Curzio Malapartes Roman „Die Haut“, wo die Grausamkeiten um ihrer selbst willen beschrieben werden. Bei Ferrante existiert das Grausame, das Teuflische (sie setzt ja den Auftrag Gottes an Mephisto aus Goethes Faust als Motto voran), aber schreibt es dem menschlichen Charakter als immanent zu, geboren aus den Missständen.

Bruno Pallandini: Dieses altmodische Gefühl. Residenz Verlag

Ein erfrischend unzeitgemäßes Thema: Die altmodische Liebe eines 50 Jährigen zu einer 70jährigen Schauspielerin in Pension. Der Erzähler ist Architekt, mangels Aufträge hat er auf Baumeister umgesattelt. Die Firma läuft bestens, Geld spielt keine Rolle. Er gibt sich den komischen Namen „Ildefons“ – wer denkt da nicht an das Konfekt Ildefonso? – seine Angebetete nennt sich Pernilla.Schon die Wahl der Namen führt dem Leser vor Augen, wie realitätsfern Thema und Personen sind. Er lernt sie kennen, als seine Arbeiter gerade dabei sind, den Plafond ihrer Wohnung zu durchbohren. Pernilla nimmt Chaos und Schmutz mit erstaunlicher Gelassenheit. Ildefons entschuldigt sich für dieses Missgeschick – und da beginnt die Beziehung. Zuerst ist er nicht mehr als begleitender Kavalier. Bei den Einladungen immer an ihrer Seite. Aus der Freudschaft wird von seiner Seite mehr. Sie aber gestattet nur zarte Wangenküsschen, maximal Händchenhalten. Als Ildefons mit ihr schlafen will, zieht sie sich zurück, bleibt für ihn durch Wochen unauffindbar. Er betrinkt sich, baut einen schweren Autounfall und hinkt von dieser Zeit an. Gerührt von seiner Verzweiflung eilt Pernilla herbei, um ihn zu pflegen. Offener Schluss. Alles bleibt in Schwebe.

Pellandinis Figuren könnten aus einem Schnitzlerstück entnommen sein: Ildefons, der sorglose Lebensgenießer. ER hat wenig Bodenhaftung, vergisst über diese aussichtslose Liebe sein Geschäft, schlittert fast in den Konkurs. Pernilla die kaprizierte Schauspielerin, die sich die Freunde wie Lakaien hält. Wien als parfümierte Umgebung: Salons, in denen man zum Diskutieren, Trinken und Intrigieren zusammenkommt. Ja, und natürlich die Liebe, was immer man darunter zu verstehen hat. Denn  genau weiß es Ildefons auch nicht. Obwohl er oft über „dieses altmodische Gefühl“ spricht. Pellandini zieht das heikle Thema – ältere Frau mit viel jüngerem Liebhaber – elegant und mit der angenehmen Würze der Ironie durch, ohne je moralisierend zu werden. Wie die Beziehung in der so genannten guten Gesellschaft Wiens aufgenommen wird, zeigt Pellandini mit lächelnder Distanz.

Daniela Strigl: Berühmt sein ist nichts. Marie von Ebner-Eschenbach. Eine Biographie. Residenz Verlag

Nun habe ich mich durch Wochen in das Leben von Marie Ebner-Eschenbach hineingelesen.  Je näher das Buch und ihr Leben sich dem Ende zuneigte, desto weniger Seiten las ich pro Tag. Denn ich wollte mich nicht verabschieden – wollte nicht, dass ihr Leben endet, wollte nicht, dass das Buch endet. Ich zögerte den Tod hinaus, wollte die Dichterin nicht loslassen.

Daniela Strigl ist eine bekannte Literaturwissenschaftlerin. Mit dieser Biographie hat sie sich in die Herzen aller hineingeschrieben, die  Marie Ebner-Eschenbach schon immer als Autorin schätzten. Sie beschreibt das Leben einer Frau, die von Kindheit an wusste, sie will Dichterin werden. Ebner-Eschenbach hatte als Frau sich ihren Platz in der Literatur mühsam erkämpfen müssen. Die Familie, ihr Ehemann – sie alle hielten nichts von ihrer „Schreiberei“. Sie sollte sich – wie alle adelige Frauen – um Haushalt und Familie, um Arme und Kranke kümmern und nur eines nicht tun: Dichten. Aber Marie Ebner-Eschenbach ließ nicht nach, schrieb gegen alle Widerstände an, versandte immer wieder ihre Novellen und Dramen – jahrelang mit wenig Erfolg. Zwar wurde hin und wieder eines ihrer Dramen am Burgtheater gespielt, aber der große Durchbruch blieb lange aus. Erst als sie sich entschloss, vom Drama zu lassen, und sich dem Roman zuwandte, stellten sich die Erfolge ein. Mit „Bozena“, „Lotti die Uhrmacherin“ und vielen anderen Romanen  erschrieb sie sich einen Ehrenplatz in der damaligen Literaturszene. Je älter sie wurde, desto mehr Ehrungen erhielt sie, unter anderem auch das Ehrendoktorrat der Akademie der Wissenschaften.

Marie Ebner-Eschenbach war eine Kämpferin für Frauenrechte, gegen den Krieg und gegen jede Gewalt. In ihren Werken kritisert sie den Standesdünkel und die Kälte des Adels im Umgang mit ihren Dienstboten, kritisiert die unterwürfige Rolle der Frau in der Ehe. Sie hilft Armen, wo sie kann. Mit Geldspenden, Briefen und persönlichen Gesprächen. Oft bleibt ihr nur wenig Zeit für ihre eigentliche Arbeit, das Schreiben.

Daniela Strigl gelingt es, die wissenschaftlichen Aspekte gut in eine lebhafte Schilderung zu integrieren. Präzision und Ausführlichkeit gepaart mit einer farbigen Charakterisierung der Personen machen die Biographie zu einem leicht lesbaren und wertvollen Zeitdokument des 19. Jahrhudnerts. Man erlebt nicht nur die Entwicklung der Dichterin, sondern auch die politischen Probleme. Marie Ebner-Eschenbach weiß um den fragilen Bestand der Monarchie und fürchtet, dass nach dem Krieg nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Sie stirbt wenige Monate vor ihrem so verehrten Kaiser Franz Joseph.

Silvia Matras empfiehlt diese Biographie allen, die sich für österreichische Literatur interessiern.

Marie Luise Lehner: Fliegenpilze aus Kork. Kremayr&Scheriau

Ein Lesevergnügen der besonderen Art! Die 22 Jahre junge Autorin erzählt – nein, besser: sie protokolliert – in Stakkatosätzen über ihren recht ungewöhnlichen Vater. Sie erzählt in der Ichform, aus der Perspektive eines Kindes, das seinen Vater (fast) bedingungslos liebt. Die Eltern sind getrennt. Das Protokoll beginnt mit der Stunde Null, der Geburt, und setzt sich über die Jahre bis ins 20. Lebensjahr fort. Die Kapitel heißen: Eins werden, Zwei werden…und so fort. Schon diese Übertiteln lassen einen ungewöhnlichen Erzählstil vermuten, dessen Reiz in dem naiven, unbedingten Glauben an alles, was der Vater tut und sagt, liegt. Der Vater hat – wienerisch gesagt – eine ordentliche Makke. Aber dem Kind gefällt es, findet alles normal, ja genießt dieses Außenseitertum des Vaters, ohne es als solches zu erkennen. Er bringt dem Kind auch allerlei Schmähs bei, zum Beispiel, woran es Kontrollore in der Straßenbahn erkennen kann – denn Schwarzfahren ist Ehrensache. Er bringt ihm bei, wie sie Brötchen im Buffet der Oper klauen können. Aber auch Eislaufen oder Bilder malen. Mit dem Älterwerden entsteht eine gewisse Distanz, der Vater wird immer wirrer, seine Emails immer unverständlicher. Da beginnt sich der Charme des Stils und der Figuren ein wenig abzunützen, als wären dem Vater und der Autorin die Ideen ausgegangen. Insgesamt aber ein viel versprechender Debütroman.

Sabine Gruber, Daldossi oder Das Leben des Augenblicks. C.H. Beck

Ein Roadmovie der besonderen Art: Bruno Daldossi ist Kriegsfotograf, von sich und seinem Beruf angeekelt, Trinker und überhaupt kaputt. Marlis, sein Beziehungsanker durch Jahre, hat ihn verlassen. Sie kann und will nicht mehr mit seinen schrecklichen Geschichten leben, nicht in all ihrem Tun und Handeln relativiert und in Beziehung zum Leben in den Kriegsgebieten gesetzt werden. Sie zieht zu einem italienischen Gymnasiallehrer nach Venedig. Und Bruno fährt ihr nach, versucht verzweifelt, sie zurückzugewinnen. Doch sie ist von dem betrunkenen und lallenden Kerl nur angewidert. Aus dieser plötzlichen Lebens- Leere heraus beschließt Bruno, Johanna nach Lampedusa nachzufahren.   Johanna ist Journalistin und erhält den Auftrag, in Lampedusa über die Lage der Flüchtlinge zu recherchieren. Doch als Bruno sie findet, ist sie bereits krank, hat hohes Fieber. Er kümmert sich um sie, versucht auch so etwas wie eine sexuelle Beziehung aufzubauen, was aber nicht gelingt. Schließlich organisiert er für sie den Rückflug nach Österreich. Er selbst kauft ein Boot und macht sich auf die Suche nach einem Jungen irgendwo in Afrika. Der Roman endet mit einem Foto, das Brunos Mutter mit diesem Jungen auf einer Parkbank in Meran zeigt.

Ein hartes Lesebrot, dieser Roman. Die Autorin zeigt zwei Realitäten auf: Die von Marlis, die Zoologin ist und sich um Bären kümmert, die von Bruno, der dem ultimativen Foto nachjagt, im Dreck und Elend lebt, um Dreck, Elend und Schrecken im Bild festzuhalten. Nicht aus moralischen Gründen. Er will nichts verbessern, nicht anklagen, er will nur seine Bilder gedruckt und prämiert sehen. Dass ihn dieses Leben kaputt macht, machen muss, ist klar. Aber so lange er Marlis als Anker in der normalen, bürgerlichen Welt hat, zu der er immer wieder zurückkehren kann, hält er den Druck aus und jagt weiter von einem Kriegsschauplatz zum anderen.  Dann aber, nach der Trennung, verliert er den Boden unter den Füßen. Besäuft sich, kotzt sich an – wird widerlich, unerträglich- unerträglich schildert Sabine Gruber diesen Mann und  seine Fotos, die sie als Bildtext in das Geschehen hineinsetzt.

Brauchen wir so einen Roman? Im Feuilleton wurde er hoch gelobt. Leserinnen – ja, vor allem Frauen  – reagieren unterschiedlich. – Reaktionen aus dem Lesekreis: „Auf S 50 aufgegeben, auf S 126 aufgegeben. Nur mehr quergelesen. Doch auch einige positive Stimmen: Gruber führt uns vor, wie voyeuristisch unsere Gesellschaft ist. Sie braucht solche Bilder, um sich nach dem Betrachten/Lesen dann um so wohliger wegzudrehen und sich dem bürgerlich gesicherten Alltag genüsslich zuzuwenden. Das hat übrigens schon Goethe im Faust I gewusst. Das wissen wir alle. Das ist nicht neu. Warum dann der Roman? Vielleicht um ihren 1999 im Kosovo gefallenen Freund, der Kriegsfotograf war, ein Denkmal zu setzen? Oder vielleicht, um allen zu sagen: Seht her, wie kaputt dieser Beruf macht – auch das wissen wir.Am überzeugendsten wirkt der Roman gegen Schluss, wenn Sabine Gruber die Zustände auf der Insel Lampedusa beschreibt – die Überforderung der Bewohner, die sich gegen das Elend durch Gleichgültigkeit abschotten oder daran verdienen.

Sabine Grubers Sprache ist hart, dicht. Sie findet neue Wendungen, wie“ Sehwürmer“ oder „Traumvernichter“ für Fotos, die man nicht aus dem Hiirn raus bekommt. Ohne Beschönigung analysiert sie den Charakter Bruno Daldossis. Wahrhaft ein gnadenloser Roman.

Denton Welch, Freuden der Jugend. Wagenbach Verlag

Den fünfzehnjährigen Orvil muss man einfach mögen. Mit welcher Intensität er die Ferien erlebt! Das Internat hasst er ganz gewaltig. Deshalb kann er es kaum erwarten, von seinem Vater in einem großen, eleganten Auto abgeholt zu werden. Er wird mit ihm und seinen beiden älteren Brüder die Ferien in einem Nobelhotel nahe der Themse in Surrey verbringen. Zu seinem Vater hat er keine besondere Verbindung. Er sieht ihn nur alle drei Jahre. Dass er von ihm Microbe oder Made genannt wird, stört ihn nicht weiter. Orvil durchstreift tagsüber die Umgebung des Hotels, meidet den Kontakt zu seinem ältesten Bruder, vor dem er sich fürchtet. Es sind die kleinen Erlebnisse, das Durchstöbern der Welt um ihn herum, die das Buch so liebenswert machen. Denn Orvil ist trotz seiner fünfzehn Jahre noch immer ein Kind, das sich freut, wenn er sich vom Taschengeld ein kleines Parfumfläschen kauft, wenn er in der Kirche herumstöbert und heimlich still und leise die Madonnenstatue küsst. Als er in ein Gewitter kommt und in einer Hütte bei einem  Mann Unterschlupf findet, zählt das für Orvil zu den unvergesslichen Abenteuern in seinem bisherigen Leben. So reiht sich Abenteuer an Abenteuer, in denen Orvil die Welt entdeckt, die ihm im Internat ja verboten ist. Als er am Ende der Ferien ins Internat zurückkehren muss, ist er um viele Erfahrungen reicher. Die Rückkehr in die verhasste Schule erträgt er mit einem stoischen Lächeln.

Eine fein gesponnene Erzählung über eine Jungend in England noch vor dem WEltkrieg.