Euripides: Die Bakchen. Burgtheater

Übersetzung aus dem Altgriechischen: Wolfgang Schadewaldt, mit zusätzlichen Zitaten von Nietzsche. Endgültige Fassung: Sebastian Huber (Dramaturgie) und Ulrich Rasche (Regie und Bühne)

Euripides gilt als der Dramatiker, der sich von der griechischen Götterwelt verabschiedete. Seine Personen motivierte er eher psychologisch als religiös. Deshalb sieht man in ihm den Aufklärer, im Gegensatz zu Aischylos und Sophokles, die ihre Protagonisten als von den Göttern Bestimmte und in Schuld Behaftete zeichneten.

Doch „Die Bacchantinnen“, wie dieses Drama allgemein betitelt wird, gibt Rätsel auf. Euripides schrieb es 406 v. Christus, als er enttäuscht von der Politik seiner Heimatstadt Athen ins freiwillige Exil nach Pella ging. Kehrte er mit diesem Alterswerk in die Welt des Irrationalen, des Mythos, der Ekstase zurück? Oder sieht er den Untergang der Zivilisation in der wahnhaften Rückkehr des Dionysischen? Alles blieb offen.

Der Regisseur Ulrich Rasche bestückt sein Maschinentheater mit einer gigantischen Drehbühne, die an den Bauch einer ausrangierten Fabrik oder einer entmenschten Stätte erinnert. Auf riesigen Laufbändern treten die Schauspieler auf der Stelle, kommen kaum weiter und brüllen in quälend langsamen Rhythmus ihren Text in den Raum. An beiden Seiten der Bühne sind die Musiker (Musik von Nico van Wersch) aufgestellt: links die Streicher, rechts am Schlagwerk Katelyn King, die unermüdlich zu den Worten der Schauspieler den Rhythmus drommelt. Bewundernswert, wie diese zarte Person diesen Kraftakt durchsteht. Im Publikum halten sich einige die Ohren zu, weil der Lärm unerträglich ist. Erst in der Pause erfährt man, dass das Personal gratis Ohrstöpsel zur Verfügung stellt. Nur sagt einem das keiner vorher. Ein kleiner Zettel an der Gangwand weist darauf hin. Zu diskret. Nach dem ersten Teil haben deshalb ein gutes Drittel das Theater verlassen. Verständlich! Denn der Lärm geht auch aufs Herz. Man spürt deutlich, wie es die Schläge der Musik aufnimmt, was auf die Dauer sehr unangenehm ist. Wie sagte der Regisseur Ulrich Rasche in einem Interview: „Theater soll anstrengend sein!“ Und beweist das gleich mit dieser Inszenierung.

Dionysos (Franz Pätzold) zieht in Theben ein, führt Krieg gegen den König Pentheus (Felix Rech), der ihn nicht anerkennt. Denn er vertritt die Ordnung und die Gesetze, die den Thebanern ein Leben in Frieden sichern. Doch mit dem Frieden ist es vorbei. Zu mächtig ist die Verführung des Gottes: Die Scharen folgen ihm – in dieser Fassung Frauen und Männer. In der Antike bestand das Gefolge des Dionysos nur aus Frauen. Trance, Orgie, Blutrausch werden die „Mitte, die Mittelmäßigkeit bedeutet“, zerstören, prophezeit der Gott. Und so geschieht es. Am Ende triumphiert das Chaos. Pentheus wird von den Bakchen in Stücke gerissen und Agaue (Katja Bürkle), die als erste Dionysos in das Gebirge folgte, hält den Kopf ihres Sohnes in den Händen. Entsetzt erwacht sie aus der Trance, in der sie Dionysos einst gefolgt ist.

Man muss den Einsatz aller Schauspieler, insbesondere des Chores, die gegen den Lärm der Musik anschreien müssen, bewundern. Aber auch den Rest des Publikums, das bis zuletzt ausharrte. Der Applaus galt den Schauspielern, aber wohl auch sich selbst. Als Selbstbestätigung der eigenen Leidensfähigkeit, diese monströse, aber doch auch großartige Zwangsverunglückung ausgehalten zu haben.

Man darf neugierig sein, wohin die Burg unter dieser neuen Instanz steuern wird..

Ein Wort noch zum Programm: Passend zur Düsternis des Bühnenbildes ist es in schwarz-grau gehalten. Was bewirkt, dass die Texte nur bei Tageslicht gelesen werden können. Im Theater selbst ist es unmöglich.

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