Franz Werfel: Jakobowsky und der Oberst. Theater in der Josefstadt.

Janusz Kica könnte man fast schon als Haus- und Hofregisseur der Josefstadt bezeichnen. „Die Reise der Verlorenen“ oder „Der Engel mit der Posaune“ sind in bester Erinnerung. Wenn er Regie führt, dann mit überzeugender Schlichtheit, sowohl im Bühnenbild, für das er auch diesmal verantwortlich zeichnet, als auch in der Personenführung.

Während der Flucht aus dem Naziösterreich lernte Franz Werfel tatsächlich in Frankreich einen jüdischen Bankier S.L. Jakobovicz kennen, der ihm seine Erlebnisse mit einem polnischen Offizier erzählte -nachzulesen im Programmheft. Daraus und aus seinen eigenen Fluchterfahrungen schuf er später das Drama.

Vertreibung aus der Heimat und Leben in der Fremde mit unsicheren Faktoren – das sind immer wiederkehrende Themen. Heute ist die Flüchtlingsdebatte aktueller denn je. Jedes Theater fühlt sich bemüßigt, wenigstens ein Stück mit diesem Thema im Repertoire zu haben. Die meisten davon leiden unter unerträglicher Holzhammermethode, mit der man glaubt, das Publikum erziehen zu müssen. Nun endlich ein Stück, das die Schrecken des Krieges und der Vertreibung mit komödiantischer Leichtigkeit auf die Bühne bringt. Das liegt natürlich in erster Linie am Stück selbst, aber auch an der Regie. Janusz Kica verzichtet auf Pathos, tragischen und lauten Pomp, Bühnengetöse und dazugehörigem Kriegsgerümpel. Er braucht keine Maschinen, keine riesigen Bühnenaufbauten.

Die Schauspieler sprechen ohne Mikroport. Was sie zu sagen haben, formulieren sie leise, fast im Alltagsplauderton. Nur der Oberst darf seine patriotischen Parolen laut herauspoltern. Das macht Herbert Föttinger mit ironischer Inbrunst. Herrlich, wie er diesen in seiner heldischen Einfalt sich suhlenden Esel spielt! Da braucht Johannes Silberschneider nicht viel Komik dagegen zu setzen – die ergibt sich von allein aus der tragischen Situation. Die Stärke dieses hervorragenden Schauspielers liegt wie immer in seiner gespielten Schwäche. Wie er diesen schlauen Juden spielt, der sich durch die Nationen laviert, für jede Gelegenheit ein anderes Papier parat hat, oder wenn nicht, seiner Menschenkenntnis vertrauend sich mit Tricks aller Art durchbringt, ist ein schauspielerisches Meisterstück. Alles ganz still, unprätentiös und deshalb um so tragischer! Pauline Knof als Marianne spielt die einfältige Dame, das Trutscherl voll aus, schwirrt im Negligée dumm verliebt über die Bühne, wird im Laufe der Ereignisse zur energischen Fluchtbegleiterin und am Schluss – was Werfel so nicht geschrieben hat – zur Widerstandskämpferin. Der Vierte im Bunde ist der Bursche, der „Leibeigene“ des Oberst mit dem schwierigen Namen Szabuniewicz. Mathias Franz Stein spielt den treu Ergebenen mit viel Witz. Wie immer kann es sich die Josefstadt leisten, auch die kleinsten Rollen bestens zu besetzen: Therese Lohner ist eine treu ergebene Ginette, Marianne Nentwich eine egoistische alte Dame und Siegfried Walther ein perfekter Wirt. Eine bewundernswerte Ensembleleistung!

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