Klaus Maria Brandauer liest Heinrich Heine. Burgtheater

Man hätte in der Programmankündigung schreiben sollen: Brandauer liest politische Texte von Heinrich Heine. Vielleicht wäre man nicht so enttäuscht gewesen, weil man vorbereitet gewesen wäre. So aber machte sich bald eine gepflegte Langeweile breit. Denn Brandauer las mit „epischer Gleichmut“, was eine nette Umschreibung für „monoton“ ist. Und das war den Texten nicht gerade zuträglich.

Heinrich Heine verließ 1831 Deutschland, enttäuscht von der Politik und verärgert über die antisemitische Stimmung im Lande. Obwohl er sich als Dichter und scharfsinniger Denker bereits einen Namen gemacht hatte, verließ er seine Heimat mit dem Gefühl, nichts gegen Engstirnigkeit und Judenfeindlichkeit ausrichten zu können. Er siedelte nach Paris, wo er sich ein freies Leben erhoffte. Doch schon 1832 wütete die Cholera in der Stadt. Viele flohen, er blieb, um der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ über das grauenhafte Geschehen zu berichten. Was das Publikum da zu hören bekam, erinnerte ganz und gar an die Coronaepidemie. Nur alles viel grausamer und grauslicher: Zunächst nahm niemand die Krankheit ernst, man amüsierte ich. Als die ersten Toten auf der Straße liegen, begann das Volk zu wüten: Die Cholera machte den Nachbarn zum Feind, den Freund zum Superspreader, den man vorsichtshalber gleich umbrachte. Es hieß: Töte oder stirb selbst. Heine beschreibt die Berge von Leichensäcken, und vor dem geistigen Auge der Zuhörer tauchen die Bilder aus Bergamo auf. Da wie damals Fakes? Was Brandauer zu diesem Text bewog? Wollte er uns vor Augen, besser Ohren führen, wie weit die Menschen in einer Epidemie gehen und in Todesgefahr die Menschenwürde treten und ab wann der brave Bürger zum Vernaderer oder gar zum Mörder wird? In den restlichen Texten bekundete Heinrich Heine seine Begeisterung für die Revolution und für Napoleon, den er allerdings nie kennen gelernt hatte. Eigenartig seine (spöttische?) Einstellung zur Guillotine: Da hörte man doch tatsächlich so etwas wie Bewunderung für diese Maschine heraus, die König Luwig XVI. einen raschen Tod bescherte. Sinngemäß meinte Heine: Der König durfte froh sein, dass ihm ein langsamer, qualvoller Tod erspart blieb.

Der Versuch, Heinrich Heine als Begründer des Feuilletons zu präsentieren, war gut gemeint, aber mißlang. Ganz einfach, weil diese schwierigen Texte nicht für das Hören, sóndern für das Lesen geschrieben wurden- Warum Brandauer nur die düstere Seite Heines aufzeigte?. Sicher, man bewunderte Heine als scharfsinnigen Denker, Analytiker der Situation und erfuhr, dass auch er nicht von zeitbedingten Irrtümern und Fehlurteilen frei war. – Eben das Schicksal eines jeden Journalisten oder politisch denkenden Menschen. Aber wo blieb der Dichter mit dem feinen Humor, der spitzen Feder, der mit einem Lächeln die bourgeoise Gesellschaft vorführte?

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