Miguel Herz-Kestranek liest Friedrich Torberg

Ort: Das legendäre Südbahnhotel am Semmering

Es bestätigte sich einmal mehr: Das Hotel fängt die Besucher mit seinem verfallenden Flair ein. Es umhüllt sie mit seinen Räumen und kapselt sie für einige Stunden von der Welt ab. Auf der Terrasse mit einem Glas Prosecco in die verblauenden Hügel und Berge zu schauen und zu wissen: In den nächsten Minuten wird sich wieder das Wunder ereignen: Einer entführt uns in die Gedanken eines Schriftstellers und lässt uns das Jetzt vergessen.

Und so war es: Miguel Herz-Kestranek las zuerst Gemischtes von Friedrich Torberg. So zum Aufwärmen, aus den „Wiener Sonetten“ oder „Heiteres vom Totenbett“. Köstlich Torbergs neu geschriebener „Jedermann“ oder Anekdoten aus dem Leben des komischen Vogels Dr. Sperber, humoristischer Advokat. Ernster – die Gedanken des Schülers Gerber über die Frage, was einen Lehrer (zu ersetzen eventuell Vater, Vorgesetzter…) dazu berechtigt, einen Menschen als nicht genügend für das Leben zu verurteilen.

Nach der Pause fesselten Torberg und Kestranek das Publikum mit der Novelle „Der letzte Ritt des Jockeys Matteo“, geschrieben im Exil in den Staaten. Ein berührendes Bild eines Menschen, der sich plötzlich ins unnützte Abseits gestellt sieht und es noch einmal wissen will: Noch einmal will Matteo ein Derby reiten. Es gelingt ihm, seinen ehemaligen Chef, den Rennstallbesitzer Graf Ottenfeld, dazu zu überreden, ihm sein bestes Pferd reiten zu lassen. Ein spannendes Rennen beginnt…und das Publikum sitzt gebannt. Wie Kestranek die verschiedenen Sprachfärbungen vom Hietzinger Wienerisch über ein Deutsch-Italienisch bis ins ungarisch gefärbte Deutsch liest, ist große Kunst. Der Rennplatz entsteht vor den Augen, die Spannung während des Rennens wird spürbar…wie wird es ausgehen?

Torberg als Sportfanatiker und insgeheimer Anhänger der alten Monarchie lässt in dieser Novelle noch einmal die Welt um 1900 auferstehen, als man sich am Rennplatz amüsierte, ruinierte und unterging. Der letzte Ritt Matteos ist der Galopp der österreichischen Monarchie in den Untergang.

Zum Abschluss als Zugabe: Gedicht auf das Lieblingswort: Merde!

Begeisterter Applaus

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