Milena Michiko Flasar: Ich nannte ihn Krawatte. Wagenbach Verlag

Es ist die Erzählung über das langsame Wachsen einer subtilen Freundschaft. Ein Arbeitsloser („die Krawatte), der eben gekündigt wurde und es seiner Frau nicht zu gestehen wagt und vorgibt, täglich zur Arbeit zu gehen, und ein junger „Hikikomori“ – so werden in Japan Jugendliche bezeichnet, die nicht mehr aus dem Haus gehen und jeden menschlichen Kontakt verweigern – begegenen einander auf einer Parkbank, jeder verunsichert, dem Leben entfremdet. Ganz langsam beginnen sie Kontakt aufzunehmen.Das ist der äußere Plot. Aber das Buch enthält wunderbare poetische Stellen, Beobachtungen aus dem Alltag. Der Icherzähler – eben einer der vielen Hikikomori – hat sich vor Jahren aus dem Leben, dem Schulbetrieb und dem Kontakt mit den Eltern zurückgezogen, als er mitansehen musste, wie sich sein Freund vor ein Auto warf. Nach Monaten wagt er sich ganz vorsichtig wieder auf die Straße und schafft es bis zu dieser Parkbank.Und lässt den Blick des Fremden auf ihn zu. Denn schon allein Blicke tun dem Menschenkontakt- Verweigerer weh. Diesmal aber lässt er es zu. „Ich ahnte es. Dass ich jetzt, da er mich bemerkt hatte, ein Bild in ihm geworden war. Er hatte jetzt eine Vorstellung von mir…Ich ließ es zu…Schaute selbst auch zu ihm hin. Nahm ihn weiter in mich auf. So wurde aus unserer minimalsten Bekanntschaft eine minimale Freundschaft.“ Und über Tage, Monate beginnen die beiden, einander ihre Verwundungen, ihren Rückzug aus dem Leben zu erzählen. Durch dieses sich Öffnen dem anderen gegenüber nähern sich beide auch wieder dem Leben. „Krawatte“ beschließt,seiner Frau den Verlust der Arbeit zu gestehen. Doch bevor es dazu kommt, stirbt er. Der Junge setzt sich wieder an den Tisch mit seinen Eltern. „Nach alledem beieinander zu sitzen und uns mit Hilfe des Uneigentlichen über das Eigentliche zu verständigen, war wie ein erstes Aufatmen, nachdem wir alle drei unter Wasser gewesen waren. Das Durchbrechen der Oberfläche. Wir prusteten noch.“ Die Rückkehr des Jungen in die WElt ist ein Anfang, geschuldet der Freundschaft zwischen ihm und er Krawatte.
Das Wunderbare an dem Buch: Es passiert fast nichts, dieses Nichts zieht dich aber wie ein Sog in die Zeilen hinein. Immer wieder stellt die junge Autori Lebensfragen, wie über die Lüge, die Illusion und das Glück.
Wie sie mit so viel Zartheit und Poesie alte Weisheiten über das Leben niederschreibt, ist ein literarisches Wunder.