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Pierre Lemaitre, Drei Tage und ein Leben, aus dem Französischen Tobias Scheffel. Klett-Cotta Verlag

  • Silvia Matras
  • 1. Okt. 2017
  • 1 Min. Lesezeit

Ein Kriminalroman mit umgekehrten Vorzeichen: Der Mörder ist der 12jährige Antoine. Enttäuschung, Zurücksetzung und Spott seiner heimlich angebeteten Nachbarin machen ihn so wütend, dass er den sechsjährigen Nachbarbuben Rémi mit einem Stock erschlägt. Das erfährt der Leser gleich auf den ersten Seiten. Im rasanten Erzähltempo geht der Autor sofort in medias res. Dann zieht er gleichsam die Notbremse. Langwierige Untersuchungen, Verdächtigungen – Antoine lebt in Dauerangst, als Mörder entlarvt zu werden. Er ist zeitweise froh, dass es einen Verdächtigen gibt und hätte keine Silbe zu dessen Freilassung gesagt. Die Jahre vergehen, er glaubt sich sicher, studiert Medizin und meidet das Dorf seiner Kindheit. Doch dieses holt ihn zurück – widerwillig muss er das Nachbarmädchen heiraten, da sie von ihm schwanger ist. Einem Vaterschaftstest kann und will er sich nicht unterziehen, da man inzwischen die Leiche und an ihr ein Haar des Täters gefunden hat. Anhand des Gentestes könnte er als Mörder entlarvt werden. Sein Leben besteht nun aus der traurigen Routine eines Landarztes und eines lieblosen Ehemannes, bis am Schluss eine neue Wendung eintritt…

Lemaitre ist ein Meister der Charakteranalyse, die er streckenweise all zu sehr auf die Spitze treibt. Durch häufigen Tempowechsel – einmal geschieht viel auf wenig Seiten, dann lange, auf vielen Seiten fast gar nichts – hält er den Leser, der vielleicht schon aufgeben will, bei der Stange. Der Roman ist aber mehr als ein „Landkrimi“. Vielmehr liest er sich als kritische Studie eines Dorfes und seiner Bewohner, die in Bespitzelung, Brutalität und Dumpfheit dahinleben. Jeder mit einer anderen Lebenslüge auf dem Buckel.

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