Raffaella Romagnolo, Das Flirren der Dinge. Verlag Diogenes

Aus dem Italienischen von Maja Pflug

Der Fotograf Alessandro Pavia holt den 11-jährigen Antonio Casagrande aus dem Waisenhaus und bringt ihm das Fotografieren bei. Wir sind in Italien im Jahre 1860 und später. Unruhige Zeiten, Umbrüche. Garibaldi zieht mit seinen „Tausend“ bis nach Sizilien, Giuseppe Mazzini strebt auf demokratischen Wegen die Einigung Italiens. Sein Gegner ist Cavour, der die Einigung durch das Königshaus Savoyen vorantreibt. Die Zeit zwischen 1860 und 1870 zählt zu den schwierigste Perioden in der Geschichte Italiens.

Vor diesem Hintergrund lässt Raffaella Romagnolo Pavia und den Lehrbub Antonio durch die Lande ziehen. Pavia wird zu einem fürsorglichen Ziehvater, bringt Antonio nicht nur lesen, schreiben und rechnen bei, sondern auch, das besonders, die Kunst des Fotografierens. Wie man den richtigen Ausschnitt, den richtigen Moment einfängt. Weiters die Grundlagen der Entwicklung des Bildes. Das alles saugt Antonio gierig auf. Er wird im Laufe der Jahre eine der bedeutendsten Fotografen Italiens. Trotz seines Fehlers: Ihm fehlt ein Auge. Wenn er durch die Linse schaut, überfällt ihn oft ein Schwindel, alles flirrt ( vielleicht deshalb der deutsche Titel), das „blinde Auge“ wird sehend und prophezeiht ihm das Schicksal der porträtierten Personen. Als Pavia stirbt, pflegt Antonio ihn aufopfernd. Zum Schluss heiratet er seine Liebe und das Paar adoptiert einen Sohn.

Das alles klingt nach einem spannenden Roman. Leider aber verliert sich die Autorin allzusehr in ihren Recherchen, wird ein Opfer der Detailverliebtheit. Streckenweise liest sich der Roman wie „Die Geschichte der Fotografie von den Anfängen bis in die Zeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts“. Wer sich in der Geschichte Italiens nicht gut auskennt, verliert den Faden. Die wesentlichen Personen wie Garibaldi, Mazzini oder Cavour spielen nur eine Randrolle, die Geschichte Italiens bleibt diffuses Randgeschehen. Es gelingt der Autorin nicht, den geschichtlichen Hintergrund mit den Personen zu verknüpfen. Wie so oft: Weniger wäre mehr, und das bitte präziser. griffiger.

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