Salzburger Festspiele- Eva Mattes las Stefan Zweig: Maria Stuart.

Eva Mattes sprang kurzfristig für die erkrankte Hanna Schygulla ein. Viel Zeit blieb ihr nicht, um sich mit der (sehr klugen) Textfassung von Bettina Hering vertraut zu machen. Deshalb ließ sie sich auf keine Extravaganzen ein, sondern las den Text solide, ohne dramatische Höhen und Tiefen herauszuarbeiten. Dieses mutige Einspringen belohnte das Publikum mit dankbarem Applaus. Dass in dem Text mehr Gestaltungsmöglichkeiten stecken, war klar, konnte aber aus den gegebenen Umständen nicht erwartet werden.

„Ich hatte genug von Biografien“, schreibt Stefan Zweig in „Die Welt von Gestern“. Aber da fällt ihm ein Bericht über die Hinrichtung Marias in die Hände und schon war seine Neugierde geweckt. Mehrere Bücher mit gegenteiligen Aussagen über die unglückliche Königin verleiten Stefan Zweig, sich wieder dem Genre „Biografie“ zuzuwenden. Und es entstand eine Werk über die beiden Königinnen, das deren Impulse, ihr Wesen, wie sie geworden sind und warum sie so geworden sind, feinsinnig beleuchtet.

„Maia Stuart“ wurde neben der Biografie über „Maria Antoinette“ sein größter Erfolg. “ Ihre „Maria Stuart“ liest sich hinreißend. Sie erwecken die Personen zum Leben“, schreibt Romain Rolland an Stefan Zweig im April 1933 (Zitat aus dem Programm zur Lesung). Obwohl Zweig nicht gerne als „Biograph“ bezeichnet werden wollte, so ist er doch der Vater der heute so beliebten „Romanbiografie“. Er ist sich der Paradoxie, in der ein Biograph steckt, bewusst: Der Leser erwartet die Wahrheit über die beschriebene Person. Doch die Wahrheit kann nur die Wahrheit des Autors sein, also subjektiv. Es war wohl diese Zwickmühle, aus der Zweig einen Ausweg suchte. Und der Ausweg hieß eben „Romanbiografie“. Obwohl es dieses Genre expressis verbis damals noch nicht gab, bereitete Zweig mit „Maria Stuart“ dazu das Feld für dieses heute so gern geschriebene und gern gelesene Genre vor. Er beginnt wie ein Historiker, zählt Fakten wie Jahreszahlen und Orte der Handlung auf. Doch im Verlauf des Textes wird er mutiger, wagt seine persönliche Sichtweise auf den Charakter Marias.. Erklärt ihren Werdegang psychologisch, führt ihre Leidenschaft für Bothwell als Motiv für alle folgenden Taten und Untaten an.

Eine derartige in die Tiefe der Seele hineinleuchtende Interpretation war neu, faszinierte und fasziniert bis heute die Leser. Seit Zweig besteht eine Biografie nicht nur aus( historisch gesicherten?) Fakten, sondern fast zwingend wird vom Autor erwartet, dass er über das HIstorische hinausgeht. Gedanken, ja sogar die innersten Wünsche der Protagonistin Maria dürfen, ja sollen beleuchtet werden. Der Erzähler Stefan Zweig verschwindet hinter der Figur, wird die Figur. Aus dieser Anmaßung, wenn man so will, schildert Zweig die Hinrichtung Marias, lässt den Leser die grauenvollen Minuten miterleben. Er ist nicht Voyeur, sondern Erleidender. Ein starker Schluss, den Eva Mattes unaufgeregt, ohne Pathos vortug.

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