Sandro Veronesi: Der Kolibri.Zsolnay Verlag

Aus dem Italienischen von Michael Killisch-Horn

Marco Carrara ist Augenarzt. Vom Psychoanalytiker seiner Frau erfährt er, dass diese ihn mit einem Piloten betrügt und von ihm ein Kind erwartet.

Der Schock sitzt tief, wie ein im Netz gefangener Kolibri sucht Carrara nach einem Ausweg. Aber seit seiner Kindheit zieht er das Unglück an, ohne es wirklich zu verursachen. Er verliert Freunde, kämpft sein ganzes Leben lang um die große Liebe, gewinnt sie nur platonisch. Was immer er auch tut – und er bewegt sich viel und schlägt um sich – es will nicht gelingen. Im Nichtgelingen erinnert die Figur an den „Mann ohne Eigenschaften“ .

Trotz aller Lobeshymnen, die der Roman in Italien und auch im deutschsprachigen Raum einheimst, kann ich ihm nichts abgewinnen. Das liegt zunächst einmal an der leseunfreundlichen äußeren Form: seitenlange Aufzählungen, Gedanken ohne Absätze …da verlässt mich die Leselust.

Besonders die viel gelobte Erzählform – so man überhaupt von einer Form sprechen kann – verärgert mich. Veronesi bröselt das Geschehen in Zeitensprüngen, E-mails, Briefen, Erinnerungen, Personenwechsel, Listen auf. Das ermüdet. Ich fand den Romanstil quälend. Vor allem auch, weil er modisch ist. Das hätte ein Veronesi nicht nötig. Allzu viele in den letzten fünf Jahren erschienenen Werke bedienen sich der „Zertrümmerung“ des Erzählduktus. Da meldet sich bei mir sofort eine Stimme: „Nein, nicht schon wieder!“

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