Silvia Avallone, Marina Bellezza

Schauplatz: Italien, genauer Piemont, noch genauer die ehemealige Industriestadt Biella und die Gebirgstäler. Silvia Avallone schreibt den Roman der verlorenen Generation, die mitten in der wirtschaftlichen Krise Italiens keine beruflichen Chancen hat. Ein trockenes Thema? – Ganz und gar nicht. Die Autorin hat einen „blühenden“ Sprachschatz, manchmal überbordend in ihren Vergleichen, zuweilen auch ausufernd. Aber die Bilder sind stark.

Der Plot ist einfach: Andrea, Sohn des Ex-Bürgermeisters von Biella, liebt die Provinzdiva Marina Bellezza. Gegenssätzlicher könnte ein „Paar“ gar nicht sein: Er möchte wie einst sein Großvater auf eienr Alm Kühe hüten und Käse machen, sie träumt von einer Sängerkarriere. Der Start gelingt ihr auch recht viel verspechend. Doch eingebildet und unberechenbar  wie sie ist, bricht sie immer wieder aus dem Zirkus um sie herum, TV, Manager, Fans aus und kehrt zu Andrea zurück. Aber auch nur, um sicher zu gehen, dass er ihr noch immer verfallen ist. Die Heirat der beiden kann nur in neuerlicher Trennung enden.

Der Roman ist stark, wo er die Menschen in der Krise, die karge Gebirgslandschaft und die verlassenen Dörfer  schildert. In der Konstruktion hat er Schwächen: Die Autorin hätte gut daran getan, ihre ausufernde Sprachgewalt ein wenig zu zügeln – manchmal sind dieVergleiche, weil sie immer wieder kehren, mühselig. Auch die inhaltlichen Wiederholungen – teilweise liest sich der Roman wie ein Roadmovie der Beziehungen – ermüden ab der 2. Hälfte. Weniger wäre mehr. Man wünscht sich für den nächsten Roman,  dass sich  Silvia Avallone, die  ein großartiges Gespür für die richtigen Themen und für einprägsame Charaktere hat, ihre Bilderfreude ein wenig zähmt und inhaltlich stringenter wird.

Auf jeden Fall ist „Marina Bellezza“ trotz der manchmal gefährlichen  Nähe zur Trivialliteratur ein toller Roman, ehrlich und packend – bis zur Hälfte.  Bis zum Ende (560 Seiten) muss man sich dann durchkämpfen, die Energie ist irgendwie draußen.