Sommerspiele Perchtoldsdorf: Heinrich v. Kleist: Der zerbrochene Krug

Heinrich von Kleist war alles, nur kein Komödienschreiber. Ein unsteter, rastloser Besucher dieser Erde, die er so bald wie möglich verlassen wollte. Am besten in Begleitung. In Henriette Vogel, die unheilbar krank war, fand er eine ähnliche Seele. Beide verließen 1811 gemeinsam und freiwillig die Erde.

Zu Lebzeiten hatte Kleist mit seinen Werken keinen nennenswerten Erfolg. Als der Dichterfürst Goethe den zerbrochenen Krug inszenierte, schrieb er eigenmächtig einiges um. Trotzdem war das Stück kein Erfolg. Kein Wunder, weil die so genannte Komödie eine bitterböse Satire auf die Gesellschaft, ihre Verlogenheit und ihre Heimtücke geworden ist. Und genau auf dieser Schiene fährt die Regie Veronika Glatzners: Nichts und niemand ist in diesem Stück frei von Tücke. Lug und Täuschung, versuchte Vergewaltigung – alles bringt sie schonungslos aufs Tapet. Karl Maertens spielt den der Dorfrichter Adam als hämisch kichernden Teufel in der Gerichtsrobe. Dass er nuschelt und spuckt, daher nicht immer verständlich ist, mag seiner Rolle geschuldet sein. Ein netter Regieeinfall ist wohl das am Richtersessel angebrachte Mikrofon, in das er seine perfiden Urteile hineinzischt. Sehr zum Gaudium des Publikums, das sich wohl an jüngste Vorfälle in Ausschüssen mit diversen Vorsitzenden erinnert. Nicht ganz so fies ist zu Beginn der Schreiber Licht, diskret mies von Emanuel Fellmer gespielt. Dass er auf den Posten des Dorfrichters spitzt, wird erst gegen Schluss klar. Der Dritte im Bunde der Gerichtsbarkeit ist der Gerichtsrat Walter, glatt und undurchschaubar von Dominik Warta gespielt. Von Kleist als „deus ex machina“ eingesetzt, der Adam durchschauen und überführen soll. Was ihm nur unzulänglich gelingt, vergisst er doch, Adam nach seinem rechten Fuß zu fragen, der, wie der Schreiber Licht schon wiederholt hinwies, ein Klumpfuß ist. Warum die Regie diese doch wichtige Frage wegließ, ist logisch nicht erklärbar. Auch Walter bekommt in dieser Aufführung von der Regie sein Fett ab: Nach der offiziellen Absetzung Adams und Klärung des Falls küsst er das überraschte Evchen, die ihn empört in die Lippen beißt und wegstößt. So, also einmal mehr Metoo hinein ins Stück, das kann nicht schaden, dürfte sich die Regisseurin gedacht haben. Brav und ein wenig dümmlich spielt Philipp Laabmayr den Bauernsohn Ruprecht. Zuerst beschimmpft er Eve als Metze, möchte die Verlobung auflösen. Noch bevor er wirklich weiß, was geschehen ist. Man fragt sich, woher Kleist sein so arg negatives Männerbild hatte. Dass Veronika Glatzner dieses genüsslich übernimmt, ist angesichts der laufenden Feminismus- und Meetoobewegung klar. Aber Gott sei Dank differenziert sie ein wenig und lässt auch die Frauen nicht ungeschoren davonkommen: Die Mutter (Birgit Stöger) ist eine dümmliche Schwätzerin, die Nachbarin (Marie-Christine Friedrich) eine eitle Selbstdarstellerin, die gar nicht aufhören kann, ihre nächtlichen Beobachtungen oft und oft zu wiederholen. Eve (Hannah Rang) hat die undankbare Rolle der schweigsamen Dulderin, die nur eines will: ihren Ruprecht vor dem Militärdienst im fernen Osten zu retten. Dass sie am Ende, gänzlich reingewaschen von allen Vorwürfen, als einzig ehrliche Person dasteht, ist wohl auch dem Geschmack der Zeit zu verdanken: Eine Komödie -und als solche wird sie betitelt – muss einen positiven Schluss haben.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Das gesamte Ensemble kommt mit der schwierigen Sprache Kleists, die so ihre Tücken hat, gut zurecht. Obwohl, wie man in der Einführung hörte, das Stück um mehr als die Hälfte gestriechen wurde, ist es stellenweise doch ermüdend. Zu oft wird derselbe Vorgang wiederholt. Ja, man versteht schon: Jede Person hat ihre persönliche Erinnerung an einen Vorfall, und die Wahrheitsfindung ist nicht immer leicht. Aber das muss nicht bis ins Letzte auf Kosten der Geduld der Zuschauer durchexerziert werden.

Sehr positiv sind der Einsatz der Drehbühne und die schrägen, bunten Kostüme zu vermerken. Beides von Marie und Paul Sturminger. Dadurch wurde die etwas zähe Handlung leichter, flotter und heutiger.

Informationen unter:http://www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at