Theater Nestroyhof/Hamakom: Rose mit Andrea Eckert

Text: Martin Sherman, Regie: Ruth Brauer-Kvam, Video: Lukas Wögerer, Bühne: Alina Helal

Die Bühne ist aufs Nötigste reduziert: Ein Schaukelpferd, eine Vitrine. Videos sind spärlich eingesetzt, mal auf dem Boden, mal an der Wand. Rose sitzt, die Beine untergeschlagen neben einem kleinen Holzpferd. Sie wirkt verloren in dem großen Rund der Bühne, verloren in der Welt. Sie spricht leise, geht zurück in ihren Erinnerungen an die Kindheit in einem kleinen jüdischen Dorf irgenwo in der Weite Russlands. Die Zuschauer nehmen teil an der innersten Privatheit der Figur Rose. Und weil Andrea Eckert wie immer mit starker Präsenz spielt, wird aus der Bühnenfigur ein Mensch, der seine leidvollen Erfahrungen mit uns teilt.

Die Kindheit war von Armut geprägt. Die Mutter ist eine „Heilige“ – so nennen sie die Dorfbewohner, weil sie mit vollem Arbeitseinsatz hilft, wo sie gebraucht wird. Als die Kosaken einfallen und das Haus verwüsten.stirbt der Vater. Rose hält ihre erste Totenwache – Schiv’a. Die Mutter kehrt die Scherben zusammen und das Leben geht weiter. Ihr Innerstes zeigt die Heilige nur draußen im der Waldeinsamkeit, wo sie sich in hexenhaften Trancetänzen auslebt. Roses Bruder geht nach Warschau, Rose folgt ihm bald, erlebt mit dem Mann, in den sie sich von einer Sekunde in die andere verliebte, glückliche Zeiten. eine Tochter wird geboren. Doch die Zeit des Glücks ist kurz, die SS besetzt Warschau, die Juden werden in das Ghetto gesperrt. Sie findet Arbeit außerhalb. Deshalb überlebt sie auch den Brand, in dem ihre Tochter erschossen wird und ihr Mann verschwunden ist. Rose hält – wie sie es auch schon für ihren Vater getan hat – Totenwache für alle ihre Lieben. Danach beginnt ihr Weg ins Unbekannte. Über Hamburg auf ein Schiff in das ersehnte Land Palästina. Doch sie und die anderen Mitreisenden dürfen nicht bleiben. Die Briten bringen alle zurück nach Hamburg. Im letzten Moment springt sie aus dem Zug, der sie wahrscheinlich in ein Todeslager gebracht hätte. Sie emigiriert nach den USA, heiratet, bekommt zwei Kinder. Der Ehemann stirbt, sie hält Totenwache. Eine zweite Ehe, sie wird Hotelbesitzerin. Der Sohn zieht für immer nach Israel, heiratet eine Frau, die vom Katholizismus zum Judentum konvertiert. Enkelkinder kommen – und bald bricht die brennende Frage auf: Wem gehört das Land? Der Enkelsohn erschießt ein neunjähriges Palästinensermädchen – Nora. Rose hält für dieses Mädchen die Totenwache – woraus der Konflikt zwischen dem Sohn, der diese Tat verteidigt, und ihr aufbricht.

Das Stück ist hochaktuell, geht in die Tiefe, an die Wurzeln des Konfliktes: Rose, die aus der Generation der gerade noch Überlebenden stammt, wird das Verständnis für die Generation der Enkel abgesprochen. Diese wollen nur nach vorne schauen, im Staat Israel eine Zukunft haben. Dass Rose für ein Palästinamädchen die Totenwache hält, stößt auf Ablehnung. Klüfte des Denkens und Lebens tun sich zwischen allen auf. Klüfte, die größer werden und das Verzeihen verwehren.

„Rose“ ist bis 26.Jänner und vom 14. – 16. März 2024 zu sehen.

http://www.hamakom.at

Im „Vindobona-Wien“ ist Andrea Eckert als Maria Callas in der legendären Aufführung „Meisterklasse“ zu erleben. Termine und Tickets: http://www.vindobona.wien