Wiener Festwochen: Mary Said What She Said

Regie und Bühne: Robert Wilson

Mary Stuart: Isabelle Huppert

Text: Darryl Pinckney

Musik: Ludovico Einaudi

Wenn die Schauspielikone Huppert und der Regieberseker Wilson sich zusammentun, dann muss es ja „ein Theaterereignis“, „eine Sternstunde“ werden. Und wurde es auch, liest man die Kritiken. Doch die Realität sah etwas anders aus. Ich weiß, ich spiele wieder einmal die Rolle des Kindes im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Niemand wird so große Namen kritisieren. Ich tue es.

Roter Samtvorhang mit goldenen Fransen – wohl eine Anspielung an klassisches Theater – was aber es aber ganz und gar nicht sein wird. Im Samtvorhang ein goldener Bilderrahmen, in dem ein schwarz-weißer kleiner Hund minutenlang im Kreis läuft und seinen Schwanz erwischen will. 1. Rätsel – eines von vielen, die ich nicht lösen könnte. Irgendwo las ich ich einmal, dass Mary bei ihrer Hinrichtung einen Hund unter ihrem weiten Rock versteckt hatte – eine Anspielung darauf? Oder auch nicht – denn im Laufe des Abends muss ich mir eingestehen, dass ich kaum Zeit hatte, die Symbolik, die Wilson seinem Publikum anbietet, zu enträtseln. Denn der Text rennt, rast … im Höllentempo in ein Irgendwohin..

Der Vorhang geht auf und man sieht eine Schattenfigur in Renaissancekostüm, die dem Publikum den Rücken zukehrt. Sie beginnt zu sprechen. Und damit begann mein Dilemma: Ich will verstehen, was sie sagt – immerhin geht es um Maria Stuarts letzte Gedanken vor ihrer Hinrichtung. Aber diese Marionette redet im Doppeltempo, dreht sich im rasanten Gedankenkreis – eine tolle Gedächtnisleistung von Isabelle Huppert, das muss ich eingestehen. Aber ich bin überfordert: Bühne, Französisch, das wahrscheinlich nicht einmal die anwesenden Franzosen richtig verstehen werden, die Übersetzung, die natürlich in demselben Tempo mitlaufen muss – ich weiß nicht, ob ich mich auf die Übersetzung konzentrieren soll, auf das Spiel – oder am besten auf gar nichts. Letzteres tat ich mit dem Ergebnis, dass mich das Ganze ziemlich kalt ließ. Vielleicht war das auch die Absicht der drei Gestalter: Mary will nicht Mitleid, will nicht Empathie, will nur vor sich hin sinnieren. Am Ende langweilt die selbstgefällige Überstilisierung, die nicht Theater, nicht Lesung ist – ja was denn eigentlich? Wenn Theater zum reinen Ästhetizismus verkommt, hört es auf, Theater zu sein.

Interessant die Reaktion des Publikums (in der Aufführung am 31. Mai, also nicht Première): ein Drittel tobte vor Begeisterung, ein Drittel spendete höflichen Applaus, ein Drittel verweigerte den Applaus.

Draußen im Hof des Museumsquartiers spielten die Wiener Symphoniker live Mendelssohns „Italienische Symphonie“, den 1. und 4. Satz. – Reines Labsal.

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