Vindobona: „O du mein Österreich“ mit Joseph Lorenz

Wien hat seit 2020 eine neue, vielseitige Bühne, das „Vindobona“. 1919 bereits Kino, dann nach unterschiedlichen Betreibern 2020 von dem Gastronom und Manager Wolfgang Ebner üernommen und zu einem vielseitigen Betrieb ausgebaut: Café, Restaurant und Bühne für Kleinkunst, Shows und Kabarett.

Joseph Lorenz ( © Ch._Zada)

Joseph Lorenz eröffnete mit seiner Lesung „O du mein Österreich“ den Reigen der literarischen Abende/Matinees. Bekannt aus vielen Schnitzlerinszenierungen und Lesungen verschiedener Novellen von Zweig und Schnitzler, kann Lorenz auch urkomisch und zutiefst abgründig sein. Mit umwerfendem Humor und feiner Ironie bereitete er vor dem Publikum in der Lesung „O du mein Österreich“ eine reiche Palette von österreichischen Urtypen aus: den Raunzer, den Beamten, den betrunkenen Propheten, den befehlshörigen Soldaten und viele mehr. Dazu braucht Lorenz weder ein Bühnenbild noch mitwirkende Schauspieler. Denn er füllt jede Figur mit prallem Leben, switcht von einem Charakter in Sekundenschnelle in einen anderen. Die Ansammlung von kuriosen Ereignissen und Personen bezeichnet er treffend als „österreichische Merkwürdigeiten“. Und merkwürdig und denkwürdig sind sie alleweil, treffend festgehalten von Anton Kuh, Alfred Polgar, Peter Hammerschlag,Hugo Wiener oder Friedrich Torberg. Wenn er die leicht bescheuerten Feldwebel, den Betrunkenen, der die Zukunft weissagt, die belämmert aussehenden Beamten im Arbeitsamt, die gelangweilten Adeligen im Demel spielt, dann gibt er allen die passende Sprache. Urkomisch etwa die Szene im Dehmel nach dem 1. Weltkrieg: Trautmannsdorf und andere zu Null degradierte Adelige nuscheln sich über die Probleme nach dem Krieg einfach hinweg. Das Seviermädel knickst, versteht nix, aber das macht nix, Hauptsache ist die Sachertorte.

Einmal wird er ernst: Er erinnert an seinen Vater Willy Lorenz, der Soldat, Widerstadskämpfer, Kommunist, Diplomat und Historiker war. Sein Text „Nekrolog auf eine Ribisel“ ist eine Abstrafung des Österreichers, der sich sprachlich und auch sonst sehr schnell an Gegebenheiten anpasst und ohne Probleme seine eigene Sprache, Idendität aufgibt, wenn die Mehrheit es so will.

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Kultursommer Semmering: Loriot und die Welt der Musik. J.Lorenz und D. Keberle

Am Klavier: Cécile Restier

Hatten wir die letzten beiden Jahre nichts zu lachen – an diesem Nachmittag konnten wir das Manko zur Genüge auffüllen.

In dem wunderbar dekadenten, leicht ruinösen Südbahnhotel boten Joseph Lorenz und Daniel Keberle Kabarett vom Feinsten, vom Feinsinnigsten und verdienten sich den Ehrentitel „Castor und Pollux am Sternenhimmel des Kabaretts“. Beide sind ein eingespieltes Paar. Treue Besucher des „Kultursommer Semmering“ werden sich an das ironische Pingpong zwischen Max und Anatol erinnern.

Unter dem Motto „Ein bisserl Oper am Semmering“ gab es zu Beginn Loriots bissige Gedanken zu Opern von Bizet, Rossini , Händel, Mozart. Besser gesagt zu den nicht immer logisch nachvollziehbaren Libretti. Alles kam locker hinüber, unvorhergesehene Hoppalas und Zwischenfälle waren geschickt eingeplant und platziert. Cécile Restier spielte aus den jeweiligen Opern die bekanntesten Stücke, dazu passend in flotter „Gassenhauer-Manier.“

Nach Loriot wühlten Castor und Pollux in der Humorkiste und wurden bei Hugo Wiener, Anton Kuh, Friedrich Torberg und Leo Slezak fündig. Gustostückerln aus der berühmten Doppelconférance Farkas-Waldbrunn, etwa über den Statistiker oder die Levkojen bereiteten den beiden ebenso viel Vergnügen wie dem Publikum. Dass Joseph Lorenz auch singt und pfeift, ist für „Lorenz-Kenner“ ein Novum. Im tiefsten Meidlingerisch sang und pfiff er die deftige „Bassenamelodie“ (aus der Liedersammlung von Kurt Sowinetz) über den „Hausmasta“, der alle bespitzelt und verleumdet. Daniel Keberle ließ sich nicht lumpen und forderte Lorenz zum Kunstpfeifduell heraus. Zu Lachsalven reizte Joseph Lorenz das Publikum mit seiner mitreißenden Darstellung des leidgeplagten Kapellmeisters (Text: Anton Kuh), der den Tristan dirigieren muss und alles, Musik und Instrumente, in Grund und Boden hasst. Als herausforderndes Pinpong gestalteten die beiden den Schluss als Schüttelreimduell. Das Publikum dankte dem Trio mit viel Applaus!

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Eva Mattes las Stefan Zweig: Maria Stuart

Landestheater Salzburg, Salzburger Festspiele

Eva Mattes sprang kurzfristig für die erkrankte Hanna Schygulla ein. Viel Zeit blieb ihr nicht, um sich mit der (sehr klugen) Textfassung von Bettina Hering vertraut zu machen. Deshalb ließ sie sich auf keine Extravaganzen ein, sondern las den Text solide, ohne dramatische Höhen und Tiefen herauszuarbeiten. Dieses mutige Einspringen belohnte das Publikum mit dankbarem Applaus. Dass in dem Text mehr Gestaltungsmöglichkeiten stecken, war klar, konnte aber aus den gegebenen Umständen nicht erwartet werden.

„Ich hatte genug von Biografien“, schreibt Stefan Zweig in „Die Welt von Gestern“. Aber da fällt ihm ein Bericht über die Hinrichtung Marias in die Hände und schon war seine Neugierde geweckt. Mehrere Bücher mit gegenteiligen Aussagen über die unglückliche Königin verleiten Stefan Zweig, sich wieder dem Genre „Biografie“ zuzuwenden. Und es entstand eine Werk über die beiden Königinnen, das deren Impulse, ihr Wesen, wie sie geworden sind und warum sie so geworden sind, feinsinnig beleuchtet.

„Maia Stuart“ wurde neben der Biografie über „Maria Antoinette“ sein größter Erfolg. “ Ihre „Maria Stuart“ liest sich hinreißend. Sie erwecken die Personen zum Leben“, schreibt Romain Rolland an Stefan Zweig im April 1933 (Zitat aus dem Programm zur Lesung). Obwohl Zweig nicht gerne als „Biograph“ bezeichnet werden wollte, so ist er doch der Vater der heute so beliebten „Romanbiografie“. Er ist sich der Paradoxie, in der ein Biograph steckt, bewusst: Der Leser erwartet die Wahrheit über die beschriebene Person. Doch die Wahrheit kann nur die Wahrheit des Autors sein, also subjektiv. Es war wohl diese Zwickmühle, aus der Zweig einen Ausweg suchte. Und der Ausweg hieß eben „Romanbiografie“. Obwohl es dieses Genre expressis verbis damals noch nicht gab, bereitete Zweig mit „Maria Stuart“ dazu das Feld für dieses heute so gern geschriebene und gern gelesene Genre vor. Er beginnt wie ein Historiker, zählt Fakten wie Jahreszahlen und Orte der Handlung auf. Doch im Verlauf des Textes wird er mutiger, wagt seine persönliche Sichtweise auf den Charakter Marias.. Erklärt ihren Werdegang psychologisch, führt ihre Leidenschaft für Bothwell als Motiv für alle folgenden Taten und Untaten an.

Eine derartige in die Tiefe der Seele hineinleuchtende Interpretation war neu, faszinierte und fasziniert bis heute die Leser. Seit Zweig besteht eine Biografie nicht nur aus( historisch gesicherten?) Fakten, sondern fast zwingend wird vom Autor erwartet, dass er über das HIstorische hinausgeht. Gedanken, ja sogar die innersten Wünsche der Protagonistin Maria dürfen, ja sollen beleuchtet werden. Der Erzähler Stefan Zweig verschwindet hinter der Figur, wird die Figur. Aus dieser Anmaßung, wenn man so will, schildert Zweig die Hinrichtung Marias, lässt den Leser die grauenvollen Minuten miterleben. Er ist nicht Voyeur, sondern Erleidender. Ein starker Schluss, den Eva Mattes unaufgeregt, ohne Pathos vortug.

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Kultursommer Semmering: Briefwechsel Friederike und Stefan Zweig: „Sei vergnügt und wenig untreu!“

Lesung: Martina Ebm und Michael Dangl, Musik: Maria Fedotova:Flöte, Sebastian Gürtler: Violine

Friederike von Winternitz lernte Sefan Zweig 1912 kennen und verliebte sich in den damals schon bekannten Schriftsteller Hals über Kopf, ließ sich scheiden und lebte zunächst mit ihm zusammen. 1920 heirateten die beiden. Bald musste Friederike erkennen, dass sie Zweig nicht im Haus am Kapuzinerberg halten kann. Salzburg mit seiner „Schlaffluft“ wurde dem Reiselustigen mehr und mehr zuwider.

Es war pures Vergnügen mitzuerleben, wie die beiden Künstler die feinen Brüche und Umbrüche dieser schwierigen Beziehung herausarbeiteten. Martina Ebm zuerst als gurrendes, verliebtes „Lamm“ – so einer ihrer Briefunterschriften -, die sich ihrem „Gebieter“ unterordnet und sich brav um das Haus kümmert. Im Laufe der Beziehung schleichen sich immer mehr vorischtige Kritiken in ihre Briefe und schließlich auch eindeutige Mahnungen, dass sie von ihm mehr als nur kurze Reisestatements erwarte.Der Übergang vom verliebten Hascherl zur selbstbewussten Frau gelang Martina Ebm ausgezeichnet. Michael Dangl konnte einmal mehr den Frauenheld und Frauenliebling herauskehren, wie er auch in der Rolle als berühmter Schriftsteller – nämlich als Stefan Zweig – in der dramatisierten Novelle „Brief einer Unbekannten“ an der Josefstadt in der vergangenen Saison brillierte. Mancher Lacher blieb dem Publikum im Halse stecken, wenn Zweig diskret, aber eindeutig seiner Frau die erotischen Abenteuer andeutet. Zunächst antwortet sie scheinbar gelassen: „Sei vergnügt und wenig untreu!“ Doch bald zerbricht unter der herablassenden Behandlung Stefan Zweigs die Ehe. Das Ende kommt rasch, als sein Haus durchsucht wird und er ahnt, dass er bald in Deutschland und Österreich keine Leser mehr haben wird. Sein „Wunsch, die Welt noch einmal rund zu sehen, ehe sie zusammenkracht“, sollte früher, als er dachte, in Erfüllung gehen: Nach der Scheidung von Friederike flieht er nach Brasilien, wo er mit seiner zweiten Frau 1942 Selbstmord begeht. Mit dem berührenden Abschiedsbrief an Friederike endete dieser Abend, der das Publikum teils amüsiert, die meisten aber nachdenklich entließ.

Für den passenden musikalischen Rahmen sorgten Maria Fedotova auf der Flöte und Sebastian Gürtler auf der Violine. Sie spielten aus den „Duos für zwei Violinen“ von Bela Bartok und zeigten ihre Virtuosität in modern anmutenden Kompositionen, wie die von Peeter Vähi. Die ausgewählten Musikstücke passten perfekt zur jeweiligen Gefühlstemperatur des Ehepaares Friederike und Stefan Zweig – mal romantisch verspielt, dann wieder spöttisch-distanziert. Auch der Ehekrach kündigte sich in musikalischn Dissonanzen an.

Ein hoch künstlerischer Abend voller Intensität, mit klug ausgewählten Textstellen, hervorragenden Interpreten und intensiver Musik!

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Kultursommer Semmering: Eine Pilgerfahrt zu Beethoven – „Die Unspielbare“

Joseph Lorenz – Lesung

Florian Krumpöck -Klavier

Florian Krumpöck, Pianist und Intendant des „Kultursommer Semmering“, ehrte Beethoven mit seinem grandiosen Spiel der Sonaten für Klavier Nr. 27 und 29, die als unspielbar galten. Mit höchster Konzentration, frei ohne Noten, spielte er beide Musikstücke. Er kümmerte sich nicht um die Anweisungen, wie „durchaus mit Empfindung…, sehr singbar“, sondern führte den verzweifelten, das gängige Musikleben missachtenden KOmponisten vor. Hart, kompromisslos mit sich, mit den Zuhörern.

Danach las Joseph Lorenz den von Nina Sengstschmid feinfühligen und spannend geschriebenen Text über Beethovens große, geheime Liebe zur Baronin von Stackelberg und über Beethovens ebenso verzweifelte Liebe zu seinem Neffen und Ziehsohn Karl. Der Komponist, 1812 am Höhepunkt seines Schaffens, soll die verheiratete Baronin von Stackelberg leidenschaftlich geliebt haben. Eine einzige Liebesnacht hatte wahrscheinlich Folgen. Genau 9 Monate später gebar die Baronin ein Mädchen, dem sie den Namen Minona gab – was von rückwärts gelesen „Anonim“ ergab. Beethoven sah seine Tochter nie. S starb 1896 vereinsamt und kinderlos. Beethoven schrieb damals in sein Tagebuch:“Für dich gibt es kein Glück“. Und so konzentrierte er seine ganze Liebesfähigkeit auf seinen Neffen Karl, für den er im ewigen Rechtsstreit mit dessen leiblicher Mutter, die er für eine liederliche Person hielt, lag. All diese Sorgen und Qualen schleuderte Joseph Lorenz als Beethoven Gott entgegen und schuf mit weit ausladenden, bittenden, flehenden Gesten einen tief verzweifelten Beethoven. Man hörte ihm bis ins tiefste erschüttert zu. Zugleich gab er dem Kind Karl, später dem jungen Erwachsenen seine Stimme, der unter der erdrückenden Liebe seines Ziehvaters sehr litt und sich diesem Gefühlsgefängnis nur durch Selbstmord glaubte retten zu können. Beethoven und Karl litten gleichermaßen unter diesem „Liebeszwang“. Der Verzweiflung beider gab Lorenz Raum und genialen Ausdruck.

Der sehr emotionale Abend endete mit viel Bravorufen und einem begeisterten Applaus.

Informationen und Karten:http://www.kultursommer-semmering.at

Kultursommer Semmering: Senta Berger liest Alfred Polgar „Sie und Er“.

Musikalische Begleitung: Semmeringer Salonquartett

Senta Berger hat vom ersten Augenblick die volle Aufmerksamkeit des Publikums. Locker erzählt sie über ihren Zugang zu dem Schriftsteller Alfred Polgar, den sie erst im zweiten Anlauf als einen „intelligenten Beobachter der archaischen Eigenschaften der Menschen“ kennen lernte.

Sofort ist das Publikum gebannt von den Figuren, die Senta Berger entstehen lässt: Mit Stimmwechsel, sparsamen Gesten, einem feinen Minenspiel und vor allem auch gekonnten Pausen, die auf die Pointe vorbereiten, entstehen lebendige Figuren, die allen im Publikum irgendwie vertraut sind. „Sie und Er“ sind Menschen des Alltags, die streiten, zanken und letztendes doch ein Zueinander finden trotz aller Widrigkeiten. Die feine Balance zwischen Ironie und Bitterkeit, zwischen Eifersucht und bedingungslosem sich Fügen, zwischen Angst, den anderen zu verlieren, und Ärger über den Partner, der sich bis zu momentanem Hass steigern kann, all dieses Panorama menschlicher Beziehungen fängt Alfred Polgar in fein gesponnenen Alltagsbeobachtungen ein. Ja, es „menschelt“ sehr. Und Senta Berger gibt diesen Menschen ihre Stimme, macht aus den Texten Minikomödien. Dem grantigen Ehemann, der seine Frau beim Essen beobachtet, gibt sie ihre Stimme genaus so wie den intriganten Freunden, die hämisch beobachten, wie aus dem ehemals gestandenen Kerl nach der Hochzeit ein „Schlucksi“, ein seiner Angetrauten hündisch ergebener Ehemann wird.

Begleitet wurde sie vom „Semmeringer Salonorchester“, die flotte, frisch-freche Musik von Carl Michael Ziehrer, Fritz Kreisler und Ferdinand Ries passend zu Texten spielten. (Luís Morais 1. Violine, Anna-Katharina Tittgen 2. Violine, Giorgia Veneziano Viola, Ute Groh Cello)

Im nachfolgenden „Künstlergespräch“ mit Florian Krumpöck erzählte sie über ihre Eltern, die trotz der ärmlichen Verhältnisse, in denen sie lebten, ihr eine künstlerische Erziehung boten. Gefragt nach Gedanken zum Tod – die Künslterin wurde gerade 80 – meinte sie: „Ich muss Endlichkeit erst lernen. Immer noch glaube ich, dass ich unsterblich bin.“ Freimütig gestand sie ein, dass sie in den Morgenstunden sehr wohl die trüben Gedanken vertreiben muss. Dennoch hat sie sich ihren Grabstein und die Schrift darauf schon ausgesucht. Dann mit Augenzwinkern: „Ich will ja wissen, unter welchem Grabstein ich liegen werde.“ Ihr lebensbejahender Humor und ihre Liebe zur Familie sind wohl die Hauptstützen, die sie durch ihr Leben tragen. Eher nüchtern handelte sie ihre Filmkarriere in Hollywood ab. Als sie die Rolle der Buhlschaft übernahm, war sie sehr froh, „in die eigene Sprache und Lebensweise zurückzukehren.“ Stolz ist sie auf die Filme, die sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Michael Verhoeven drehte. Dass sie der berühmten Schauspielerin Catherine Deneuve ihre Synchronstimme lange Jahre lieh, war wahrscheinlich nicht allen im Puvlikum bekannt. Obwohl Senta Berger anlässlich ihres 80. Geburtstages schon zahlreiche Interviews in Radio und Fernsehen gab, wirkte sie im Gespräch, als erzählte sie alles zum ersten Mal. Auch das ist große Kunst.

Alle Infos zu den kommenden Veranstaltungen unter:

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Mit Maria Happel als intrigante Marquise und Michael Maertens als der Dauerverführer Valmont.

Angelika Hager, Intendantin des „Schwimmenden Salons“: Happel und Maertens, die beide in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum feiern, werden sie in die verderbte und sittenlose Rokokowelt einführen.“

Bevor Happel und Maertens in ihre Rollen schlüpften,skizzierten sie diese „verderbte Welt“: Es war die Zeit des Puders und Parfums statt Seife und Waschzuber, die Zeit der 4 Meter hohen Perücken und der überdimensionalen Reifröcke. Während das Volk verhungerte, feierte der Adel und verfing sich in Klatsch und Intrigen. Um die Atmosphöre ironisch zu veranschaulichen, brachten die Kinder von Maertens einen riesigen Fächer, eine Perücke und ein Silberkästchen auf die Bühne. Dem Publikum gefiel diese „Petitesse“, um im Jargon zu bleiben.

Laclos Briefroman ist ein bitterböses Sittenbild des 18. Jahrhunderts. Er reißt dem Adel die Maske vom Gesicht, aber ohne moralischen Zeigefinger. Eher mit ironischer Gelassenheit lässt er die beiden Protagonisten ihre bösen Spiele spielen. Als die Spiele tödlich enden, kommt ein Schaudern beim Zuhörer/Leser oder Zuseher auf ob der Gleichgültigkeit der adeligen Gesellschaft, mit der sie die Ereignisse kommentieren.

Nun war es ein riskantes Unterfangen, in einer Lesung diesen tödlichen Schauder dem Publikum zu vermitteln. Einerseits haben die meisten den Film in der Regie von Stephen Frears und viele vielleicht die Dramatisierung von Christopher Hampton mit Herbert Föttinger als Valmont und Andrea Jonasson als Marquise in Erinnerung. Gegen diese inneren Bilder mit einer Lesung anzutreten, ist nicht leicht. Noch dazu in einer gekürzten Fassung von eineinviertel Stunden. Mit witzig-ironsichen Wortschöfpungen wie „Klosterschwalbe“ für die junge Klosterschülerin Cécile oder „durchlüften“ für heftiges Bearbeiten der Vagina wurde der manchmal recht sperrige Text „durchlüftet“. Maria Happel gab eine grantige, böse Frau, die ihre Zeit dazu benützt, andere ins Verderben zu stürzen. Den alternden Verführer, der sich nicht scheut, seine sittenstrenge Geliebte Madame Tourvel in den Tod zu treiben und die Klosterschülerin Cécile hinterlistig zu entjungfern, gab Michael Maertens. Er präsentierte Valmont als Weichling ohne Gewissen.

Leider ist der Schluss ziemlich gekürzt worden, und so verlief das tragische Ende aller Beteiligten irgendwie in den Sand – besser gesagt in den Wind, der schon recht kühl über die Köpfe der Zuhörer wehte, die auch schon gleich nach dem ersten freundlichen Applaus das Weite suchten.

Programm und Infos zum „Schwimmenden Salon“:

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Ein Abend mit Andrea Jonasson im Theater „Komödie am Kai“

Ein Benefizabend zu Gunsten des Theaters „Komödie am Kai“

„Ich trage den Smoking von Giorgio Strehler.“ So begann ein interessanter und berührender Abend. Ein Gespräch, zu dem die Schauspielerin gleichsam in ihr Wohnzimmer einlud. Im Mittelpunkt Erinnerungen an Giorgio Strehler, dem Theatergiganten und Ehemann. „Er fehlt mir sehr“, gesteht sie. In den Erinnerungen, die sie dem Publikum an diesem Abend schenkt, wird er lebendig. Bringt ihr Italienisch bei, quält sie mit Details, die aber ungeheuer wichtig sind. Lässt sie Sätze hundert Mal üben. Selbst Jahre nach seinem Tod spürt man die Verbundenheit dieser beiden Theatermenschen.

„Wie erklärt man ein Genie?“ fragt Andrea Jonasson. Sie versucht es. Giorgio Strehler, der Magier: Mit wenigen Effekten und einfachen Mitteln zaubert er das Licht und die Wellen Venedigs auf die Bühne. „Ich hatte großes Vertrauen in ihn. Ich wusste gar nicht, dass ich so gut bin“, sagt sie hörbar bewegt. Strehler war es, der sie immer und immer wieder auf die Bühne stellte und mahnte, sie dürfe nie das Theater verlassen. „Und nun habe ich nichts, keinen Theatervertrag“, gesteht sie mit berührender Offenheit. Wahrscheinlich fragen sich alle im Publikum, warum der Direktor des Theaters in der Josefstadt sie nicht beschäftigt.

Zwischen den Erinnerungen an Giorgio Strehler liest sie Gedichte von Heinrich Heine, Bert Brecht und aus den „Alten Meistern“.

Ein Abend, an dem eine große Schauspielerin unerwartet offen über ihre große Liebe und Bewunderung für Giorgio Strehler spricht und Kostproben ihrer Interpretationskunst dem Publikum schenkte.

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Joseph Lorenz: Traumnovelle von A. Schnitzler. Kultursommer Semmering

Dunkle Wolken ballen sich über dem Südbahnhotel zusammen. Sie werden bald die Schwüle des Tages beenden. Als der schwere Regen auf die Terrasse prasselt und kühle Bergluft in den Saal hereinweht, beginnt Joseph Lorenz das Publikum in die „Traumnovelle“ hineinzuführen. „Es ist Zeit schlafen zu gehen“ – das Thema Schlaf und Traum ist angekündigt.

Fridolin und Albertine kommen von einer Redoute, die einen Hauch von Abenteuer in das Alltagsleben des Ehepaares wehte. Sie erzählen einander von nicht erfüllten erotischen Begegnungen. Die Geständnisse klingen harmlos, wühlen aber in beiden den Wunsch nach Erotik und Sex außerhalb des Ehelebens auf. Fridolin treibt es mitten in der Nacht hinaus aus der Häuslichkeit, auf die Straße. Ihm werden die blasse Marianne, die ihn verzweifelt anbetet, die blutjunge Prostituierte und die verrückte Tochter des Kostümverleihers begegnen. Sie alle könnte er leicht verführen, ganz ohne Anstrengung. Aber er ist ruhelos, will weiter. Bis er durch die Vermittlung des Klavierspielers Nachtigall Zutritt zur geheimnisvollen Villa findet. Ein Nobelclub der ERotik, der Schwüle, lebensgefährliche Begegnungen mit einer geheimnisvollen Frau – zuerst verschleiert, dann nackt… Später dann findet er sich wieder auf der morgengrauen Straße, taumelt heim. Albertine erzählt ihm ihren erotisch aufgeladenen Todestraum, in dem sie ihren Ehemann töten lässt. Ihr Traum als Ahnung, als Rache an den ERotikwünschen ihres Mannes? Wo endet die Kraft des Traumes?

Fridolin fühlt die Kluft, die sich zwischen ihnen auftut. Am Morgen geht das Leben in der Scheinnormalität weiter.Doch nichts ist mehr normal. Die geheimnisvolle Frau aus der Villa hat vielleicht Gift genommen – Fridolin taumelt in die Pathologie: Ist sie es?

Schnitzler schreibt über das Verwobensein geheimer Erotikwünsche, die in den Alltag hineinspielen. Manches aus dem Unbewussten steigt an die Oberfläche auf, lässt Realität und Traum eins werden. Lange hat sich der Arzt Schnitzler mit Traumanalyse beschäftigt, die Wirkung der unerfüllten Sehnsüchte auf das Ich analysiert. In der „Traumnovelle“ bleiben Traum, Schlaf und Tagleben ineinander verwoben. Die unerfüllten Wünsche wirken in den Traum hinein, der Traum in den Tag. Albertine lebt ihre Rache im Traum aus. Fridolin erlebt eine Nacht voller Erotikbegegnungen, die unerfüllt bleiben. Beide werden sich in der Ehe immer weiter voneinander entfernen. Trotz des Versprechens, sich immer alles wahrheitsgemäß zu erzählen.

Joseph Lorenz gestaltet die Novelle zu kleinen Dramoletten. Jede Figur bekommt einen Charakter mit Wiedererkennungseffekt, den er mit Tonfall, Pausen, Gesten und Mimik herausarbeitet. Köstlich und komödiantisch ist etwa die Szene mit dem Mädl, das sich Fridolin schüchtern-verschämt als Prostituierte anbietet. In einem zärtlichen Wienerisch zaubert Lorenz ein Mädl vor die Augen des Publikums, das man gern haben muss. Intensiv in Sprache und Gestik schwappt die schwüle Erotik, die Fridolin in der Villa erlebt, in das Publikum. Man ahnt den Geruch von Begehren, Sex und Todesnähe. Man sieht die geheimnicvolle Schöne vor sich, taucht ein in die Tiefe dieser Augen…Das alles kann Lorenz. Denn er wagt das Pathos, die große Geste, die lange Pause zwischen den Worten. Darum sind seine „Lesungen“ keine Lesungen im üblichen Stil, sondern ein Einmann-Theater!!!

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Musikalisch eingerahmt von den „Wiener Instrumentalsolisten“

Ein Sommertableau, wie es in den diversen Bücheln von Altenberg bis Schnitzler nachzulesen ist, gibt den Hintergrund des heiteren Abends ab: Durch die hohen Fenster des Waldhofsaales in dem verwunschen schönen „Südbahnhotel“ streift eine milde Abendsonne die Waldrücken. HIe und da glimmt das Türmchen einer verspielten Jahrhundertwendevilla durch die Bäume auf.

Dazu spielen die Wiener Instrumentalsolisten (Karl Eichinger Klavier, Rudolf Gindlhumer Querflöte und Christian Löw Trompete) alles, was zu einer frohen Sommerstimmung passt, angefangen von Piazzolla (das Bandoneon fehlt schmerzlich), über Beethoven, Gulda bis Bolling.

Mit sommerlich launiger Stimme führt Petra Morzé durch den literarischen Gemüsegarten und pflückt Erinnerungen an die Zauberberge rings um die Rax. Da wird geflirtet, von Liebe geredet und so schnell wieder vergessen, wie geschworen. Halt, nein, ein Flirt sollte tiefer gehen: der zwischen Arthur Schnitzler und Olga Waissnix. Pech nur für Schnitzler, dass Olga einen rasend eifersüchtigen Ehemann hatte. So kam es nur zu verliebten Worten und heimlichen Küssen. Was blieb, war Olgas untrüglicher Sinn für gute Literatur. Sie wurde Schnitzlers erste und wichtigste Kritikerin.

Passend zur Zauberstimmung, die durch die Fenster hereinströmt, schließt Petra Morzè mit Rilkes Gedichten an die Schönheit und Süße des Sommers.

Doch halt, noch schließt sie nicht. Den krönenden Abschluss bildet der Text „Sommerepilog“. Schnell errät das Publikum, dass es ihre eigenen Erinnerungen sind. Als sie vor 14 Jahren mit ihren Kindern nach Reichenau fuhr, wo sie die Genia in Schnitzlers „Das weite Land“ genau an diesem Platz vor der Terrasse mit dem Blick hinaus in die Landschaft spielte. „Es war und ist eine Welt hinter der Welt“, resümiert Morzé ein wenig wehmütig.

Joseph Lorenz las im „Theater im Salon“ A. Christies Kurzgeschichte „Das Abenteuer des ägyptischen Grabes“

Fotocredit: Theater im Salon

Schon in ihrer Jugend unternahm Agatha Christie mit der Mutter Reisen in den Nahen Osten. Als sie 1930 den Archäologen Max Mallowan heiratete, vertiefte sie sich immer mehr in dieses Thema. Die Kurzgeschichte „Das Abenteuer des ägyptischen Grabes“ macht den Anfang einer Serie von Erzählungen, die im Orient spielen.

Ganz englischer Gentleman betritt Joseph Lorenz mit zwei Rosen in der Hand die Bühne, begrüßt die Gäste im „very British English“, legt eine Rose unter das Bild der Autorin und verneigt sich als galanter Rosenkavalier vor Maresa Hörbiger, der Initiatorin des „Agatha Christie Festivals“.

Geheimnisvolle Morde geschehen an der Ausgrabungsstätte des Pharao Men-her-Ra. Lady Willard, deren Mann eines der Opfer war, beuftragt Hercule Poirot mit der Aufklärung, was diesem natürlich bravourös gelingt.

Wenn Joseph Lorenz „liest“, dann ist das nie nur eine Lesung, sondern ein Spiel „en miniature“. Es ist pures Vergnügen mitzuerleben, wie er die Figur des Hercule Poirot herausarbeitet: Mit nur leicht französischem Akzent und einigen französischen Floskeln entsteht vor den Augen und Ohren des Publikums der „berühmte“ Poirot. Doch gleich darauf trübt Lorenz mit feiner Ironie den Glanz der Figur, wenn er ihn schwitzend und fluchend auf dem Kamel und zuletzt auf dem Esel durch die Wüste reiten lässt. Am Ende ist Poirot ganz der alte, der seine Leistung nie unter den Scheffel stellt: „Meine kleinen grauen Zellen funktionieren perfekt!“ Doch nicht nur Poirot bekommt durch Lorenz deutliche Facetten des Charakters, auch alle Nebenfiguren. Mühelos erarbeitet er den bewundernden Hastings heraus oder den bösen Arzt, der all diese Morde beging. Auch Lady Willard tritt mit weiblicher Würde auf. Das Publikum dankte mit viel Applaus für dieses spannende akustische „Figurentheater“.

Im ersten Teil las Anu Anjuli Sifkovits eine einleitende Erzählung zu „Mord im Pfarrhaus“.

Wie immer wurden -diesmal direkt im Salon an kleinen Tischen – delikates Fingerfood und Wein und Sekt von Schlumberger serviert.

Das „Agatha Christie Festival“ dauert noch bis 3. September.

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Kultursommer Semmering: Joseph Lorenz liest Schnitzler: Spiel im Morgengrauen

Genau dort, wo Arthur Schnitzler mit vielen anderen Künstlern die „Sommerfrische“ genoss, darf Kunst nach langer Absenz wieder stattfinden: Im verzauberten „Südbahnhotel“ am Semmering.

Joseph Lorenz las „Spiel im Morgengrauen“

Zuvor plauderte Florian Krumpöck, Initiator und Leiter dieses Kultursommers, mit Joseph Lorenz über das Theater heute. Wie sieht er die Theaterästhetik mit den zahlreichen Videoinstallationen und manchmal krampfhaft bemühten Modernisierungen alter Stoffe? „Man kann Stücke zu Tode modernisieren, dann langweilt sich das Publikum“, meinte der erfahrene Schauspieler. Wie wahr und vielen Zuhörern aus der Seele gesprochen! Aber – so Lorenz – nur texttreues Abfeiern ist auch fad. „Leichte Überforderung des Publikums ist notwendig, sonst schläft es ein.“ Gegen Ende des Gespräches kam Joseph Lorenz auf den Unterschied zwischen Autor und Dichter zu sprechen: Dichter wie Schnitzler, Hofmannsthal, Werfel oder Thomas Bernhard sehen tiefer in die menschliche Seele. Psychologische und gesellschaftliche Zusammenhänge werden genial in Literatur gegossen. „Nur solche Werke berühren uns“, meint Joseph Lorenz und bewies die These gleich darauf in seiner Lesung.

In der Novelle „Spiel im Morgengrauen“ geht es Schnitzler einmal mehr um Gesellschaftskritik: Leutnant Wilhelm Kasda trudelt ziellos durchs Leben. Der Waffenrock gibt ihm das Ansehen, das er als Zivilist per se nie genießen würde. Oberflächliche Kameraderie, kurze Affären, die auf ihr Potential als Mitgiftspenderinnen abgeklopft werden, Kartenspiel und Soupers – so sieht sein Alltag aus. Bis er von Willy Bogner, einem ehemaligen Kameraden, dringend um finanzielle Hilfe gebeten wird. Kasda, ein leidenschaftlicher, aber bisher vorsichtiger Spieler, hofft, die Summe im Kartenspiel zu gewinnen, was ihm auch gelingt. Dann aber fasst ihn die Gier, der Rausch. Er kann nicht aufhören. Und am Ende hat er 11.000 Gulden Schulden, die er nie zurückzahlen kann. Aber Spielschulden sind Ehrenschulden. Rettung erhofft er von Leopoldine, der jungen Frau seines Onkels, die er einmal nach einer Liebesnacht mit einem Geldschein zur professionellen Hure degradierte. Nach einer neuerlichen gemeinsamen Nacht legt nun sie ihm 1.000 Gulden als „Lohn“ auf den Tisch und gibt ihm dadurch zu verstehen, wie tief er sie damals verletzt hatte. Weil er die Spielschulden nicht begleichen kann, erschießt sich Wilhelm Kasda, nicht ohne Bogner vorher die 1.000 Gulden zukommen zu lassen.

Joseph Lorenz „temperiert“ den Text: Zu Beginn müssen die Fakten auf den Tisch. Nüchtern, ohne Pathos beschreibt er das Leben Kasdas. Langsam steigert er die Temperatur – bis zum ersten Höhepunkt: Das Kartenspiel gleicht einem Höhenrausch, einem wirren Traum, den Lorenz uns im Höllentempo erleben lässt. Dann fällt die Temperatur wieder ab, alles wird leiser. Bis zur Liebesnacht zwischen Kasda und Leopoldine. Schnitzler macht daraus eine Traumsequenz aus zarten Erinnerungen, jäh unterbrochen vom harten Erwachen in einer aussichtslosen Gegenwart. Gebannt folgt das Publikum bis zum ruhig und pathosfrei vorgetragenen Ende der Tragödie und erlebte einmal mehr den inneren Gleichklang zwischen Dichter und Interpret.

Langer, begeisterter Applaus. Danach konnte man noch ein wenig den Blick von der Terrasse auf die verwunschene Landschaft genießen und durch die verfallene Pracht dieses Jahrhundertwende- Hotels schlendern.

Die nächsten Schnitzler-Lorenz Abende im Südbahnhotel: 22. August „Traumnovelle“, am 23. August: „Spiel im Morgengrauen“.

Das ganze Programm unter:

http://www.kultursommer-semmering.at