Wiener Staatsballett: Le Pavillon d`Armide und Le Sacre.

Staatsoper, 20. März 2019

John Neumeier ist der Grandseigneur unter den Choreographen. Elegant, immer aus einem Guss, auf höchstem tänzerischen Niveau und immer sehr intensiv – so erlebt das Wiener Publikum seine Werke.

„Le Pavillon d‘ Armide“ ist dem großen Tänzer des Ballets Russes Vaslav Nijinsky gewidmet. John Neumeier erzählt mit subtilem Einfühlungsvermögen das grausame Schicksal dieses genialen Revolutionärs des Tanzes: Von 1919 bis zu seinem Tode 1950 lebte Nijinsky in der Psychiatrie, verfolgt von den quälenden Erinnerungen seiner berühmten Rollen. Mihail Sosnovschi verkörpert diesen genialen, kranken Mann. Bewundernswert, wie tief er in diese Rolle einsteigt, wie er in einem atemberaubenden Solo all seine Qualen heraustanzt, um nicht zu sagen: herausschreit. Man erlebt den Wechsel von katatonischer Erstarrung über die vergeblichen Versuche, die Bewegung aus der Erinnerung einzufangen, bis hin zu den hellen Momenten, wenn sich die Gliedmaßen vom Stupor befreit in Harmonie bewegen. Wie immer ist Neumeier auch für Licht, Bühnenbild und Kostüme verantwortlich – nur so kann ein Werk wie dieses aus einem Guss entstehen. Einzelne aus der großartigen Gesamtleistung hervorzuheben, fällt schwer. Denn John Neumeier arbeitet an jeder Figur, und sei sie noch so „unbedeutend“, bis ins kleinste Detail das Innere, das Wesen heraus. Nie werden hier Choreographien abgetanzt, sondern immer aus dem Charakter der Figur ertanzt, erlebt

Michael Boder war ein congenialer Dirigent, der die Tänzer durch die wunderbare Musik von Nikolai Tscherepnin behutsam führte.

Nach der Pause das Kontrastprogramm: Der wilde Furor des „Sacre“ von Strawinski. Das Ballett, das bei der Uraufführung in Paris in der Interpretation von Nijinsky den größten Theaterskandal aller Zeiten ausgelöst hatte. John Neumeier lässt die Tänzer im Nudekostüm tanzen. Der menschliche Körper ist die Welt, die Kulisse, die Aktion. Figuren finden zusammen, lösen sich auf. Exakt, wild, losgelöst von Konventionen und Normen rasen, fliegen, krümmen sich die Menschen. Man könnte es einen Skulpturentanz nennen, wenn man so will.

Tosender Applaus, Blumen fliegen auf die Bühne. Ein Abend, den man nicht oft genug erleben kann!!

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Theater Akzent

Valerie Pachner, ein junger aufsteigender Star, bekannt als Wally Neuzil in dem Film „Egon Schiele“ in der Regie von Dieter Berner und als Lola in dem Film „Boden unter den Füßen“ in der Regie von Marie Kreutzer, bezauberte das Publikum des Theaters Akzent mit ihrer schlichten und unprätentiösen Interpretation diverser Texte aus der Zeit der Jahrhundertwende. Alle ausgewählten Texte hatten eine deutliche Stoßrichtung: gegen die damalige Dominanz und Präpotenz der Männerwelt.

Alma, wie sie als Mädel schon war: frech, selbstsicher und kokett. In ihr Tagebuch schreibt sie: Klimt, du bist meiner nicht würdig. Und doch wartet sie auf den Kuss von ihm, freut sich, dass er ihr in Venedig nachstellt, ärgert sich über ihren Stiefvater Carl Moll, der Klimt ganz unverblümt das Haus und die Alma verbietet. Sie beklagt sich über das Verbot und seufzt: „Ach wär ich doch ein Mann!“ Schnitzler bekommt sein Fett weg. Die kluge Auswahl Valerie Pachners entlarvt ihn als ziemlich miesen Frauenheld, der am liebsten einen Harem von süßen Mädeln um sich scharen möchte. Die schmachtende Adele Sandrock geht ihm auf die Nerven. Ihre Liebe hält er für pathetische Schauspielerei. Mahler wird mit „dem“ Brief an seine Verlobte Alma desavouiert: Er verlangt nichts anderes, als dass sie ihre Komponiererei aufgibt! Denn, so fragt er sie ohne Scham: Wie soll sie sich ihm und seinem Wohlergehen widmen, wenn sie komponiert. Das soll sie schön bleiben lassen. Und sie ließ es bleiben. Zu mindest bis zu Mahlers Tod. Auch Schiele wird gehörig zerrupft: Weil er Geld braucht, plant er die Heirat mit der reichen Edith Harms. Seinem Model und Lebensgefährtin Wally Neuzil erklärt er unumwunden, dass sie ausgedient hat. Wenn sie wolle, dann würden sie 1x im Jahr alle drei gemeinsam Urlaub machen. Das hätte ihm so gefallen. Aber nicht Wally. Sie steht auf und geht. Einfach so.

Man spürt, wie engagiert Valerie Pachner hinter all diesen verletzten Frauenfiguren steht und man genießt es, wie dezent, aber wirksam sie den Männern die Maske vom Gesicht nimmt, nein reißt.

Aufgelockert wurde der Abend durch das Streichquartett Sonare, das unter anderem Franz Schubert, Der Tod und das Mädchen und das Adagio aus Mahlers 5. Symphonie sehr stimmig und ruhig darbrachte. http://www.akzent.at

Mehr über Valerie Pachner:

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Elisabeth- Joe Harriet lud als Erzherzogin von Österreich ins Hofmobiliendepot.

Würdevollen Schrittes, auf einen edlen Spazierstock gestützt, leitet die einzige Tochter des Kronprinzen Rudolf ihre Gäste durch die Räume des Hofmobiliendepots. Getragen ist ihre Vortragsweise, mit langen Pausen, als ob Erinnern schmerzt und den Atem nimmt. 500 Exponate sind im Depot ausgestellt, alle von ihr an die Republik Österreich geschenkt. Darunter Möbel, Bilder, Fotos und vieles mehr.

Obwohl nie Kaiserin, soll sie doch ein ziemlich imperiales, des Öfteren auch herrsiches Auftreten gehabt haben, wie Friedrich Weissensteiner in seinem interessanten Buch „Die rote Erzherzogin“ schreibt, das 1983 im Österreichischen Bundesverlag erschien.

Harriets Erzherzogin ist mehr eine Wehmütige, die in Erinnerungen an den geliebten Großvater, an die wenigen, kostbaren Stunden mit ihrem Vater und an die ungezwungenen Aufenthalte mit ihrer Großmutter Kaiserin Elisabeth in Miramar schwelgt. Von dem eigentlichen Zwiespalt zwischen hochadeliger Geburt und sozialistischer Parteimitgliedschaft, der sicher in diesem Charakter eingeschrieben war, erfährt man zu wenig.Als Tochter des Kronprinzen und als Enkelin des Kaisers ist sie gewohnt, selbstsicher aufzutreten. Den Adel konnte und wollte sie nie ablegen. Für die Außenwelt war sie nach dem Zerfall der Monarchie die „Gnädige Frau“, für ihr nahestehende Bedienstete blieb sie bis zum Lebensende die (kaiserliche) Hoheit. (An der Stelle soll auch die Schauspielerin Sylvia Reisinger lobend erwähnt werden, die als treue Dienerin Pepi Steghofer mitwirkte.) Und doch wurde die Erzherzogin – trotz dieses Habsburger-Hintergrundes – nach dem Zerfall der Monarchie Mitglied der Sozialistischen Partei und heiratete den Sozialdemokraten Leopold Petznek. Diese politische und seelische Wandlung, dieses Umdenken kam nicht von heute auf morgen, schon gar nicht aus Opportunismus. Freilich hatte sich Elisabeth Marie, von allen liebevoll „Erzsi“ genannt, schon als Jugendliche für die sozialen Probleme des Reiches interessiert und ihren Großvater auf die Missstände in den Armenbezirken Wiens hingewiesen. Als Hunger und Not am größten waren, teilte sie Gemüse und Obst aus ihrer Plantage im Schloss Schönau an die Bevölkerung aus. Diese Haltung war jedoch jedem Mitglied des Hofes als eine selbstverständliche in der Erziehung eingeschrieben. Caritative Tätigkeiten gehörten zum guten Ton. Elisabeth Marie half sicher nicht aus Pflichtbewusstsein, sondern aus einem tiefen Bedürfnis heraus. Damit ist ihr Engagement für die Partei jedoch nicht genügend erklärt. Weissensteiner sieht die starke liberale Neigung aus zwei Lebensströmungen gespeist: „aus dem väterlichen Erbe und als Abwehrreaktion gegen die Bigotterie der Mutter“. Sicher ist für viele Geschichtsinteressierte diese Frage am spannendsten. Natürlich hört man mit einem gewissen voyeuristischem Interesse Details aus der missglückten Ehe mit dem Fürsten Windisch-Graetz, der ein fürchterlicher Lump gewesen sein soll. Der Streit um die vier Kinder war ja der Skandal schlechthin, Gendarmerie rückte aus, die Arbeiter verhinderten eine gewaltsame Wegnahme der Kinder… Skandale, wie sie auch heute noch die Gazetten füllen. Aber das Leben als sozialistisch denkende Erzherzogin blieb ein wenig außen vor. Erwähnt wurde, dass Renner und Kreisky bei ihr zu Besuch waren. Was wollte sie, welche sozialistischen Ziele hatte sich die ehemalige Erzherzogin von Österreich gesetzt? Vielleicht plant Elisabeth-Joe Harriet darüber einmal ein neues szenisches Theater?

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Foto: Moritz Schell

Ein packendes Stück, von Stephanie Mohr mit der nötigen Demut vor dem Thema und dem Text – was heute unter Regisseuren schon selten ist – umgesetzt.

„Die Gegend kann i net auf dem Buckel mittragen“, sagt einer, der Haus und Hof verlassen muss. Von Vertreibung handelt das Stück. Vertreibung ist immer mit Gewalt verbunden. Da muss es einen geben, der das befiehlt, und andere, die sich nicht wehren können. Schönherr wählte für sein Drama das Schicksal der Tiroler Bauern, die 1837 auf Befehl des Kaisers Haus und Hof verlassen mussten, wenn sie protestantisch waren. Dass viele lieber ihrem Glauben treu blieben, mag heute so mancher Kritiker nicht verstehen. Da wird moniert, dass die Glaubensfrage heute kein Thema mehr ist. Das sind zu kurz gegriffene Einwände. Denn es geht um die Frage, wie weit man seiner Überzeugung treu bleibt. Der Unterschied zwischen Jägerstätter, der nicht in den Krieg ziehen will, weil er nicht töten will, und dem Bauern Christoph Rott – hervorragend gespielt von Raphael von Bergen- ist nicht auszumachen. Da wie dort stehen mutige Menschen, die sich vor keiner politischen Macht beugen.

Wieder einmal ist dieses Stück ein Beweis, über wieviel exzellente Schauspieler die Josefstadt verfügt. Da ist jede Rolle punktgenau besetzt, bis hin zum Schuster, der für die Ausgewiesenen die Schuhe nagelt.

Kostüme (Alfred Mayerhofer) und Bühnenbild (Miriam Busch) liefern gerade so viel Lokalkolorit wie nötig.

Wer das Stück bis zum Schluss aushält – einige verließen das Theater in der Pause -, dem wurde wieder einmal klar: Gewalt bleibt immer Gewalt, egal unter welchem Vorwand sie ausgeübt wird. Eine banale Erkenntnis? -Ja, aber immer wieder ist es nötig, sie vor Augen geführt zu bekommen.

Anhaltender Applaus und Bravorufe für das ganze Ensemble!

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Familie Flösz: Hotel Paradiso. Theater Akzent

Wenn Sie heute Abend noch nichts vorhaben: schnell, schnell ins Theater Akzent! Nützen Sie die Gelegenheit, diese Familie Flöz zu erleben!! Besonders, wenn Sie gerade ob des schlechten Wetters oder aus anderen Gründen ein wenig mieselsüchtig sind: Ich garantiere Ihnen, für eineinhalb Stunden werden Sie all Ihre Sorgen vergessen und die gute Laune kehrt für eine Weile zurück.

In dem kleinen Alpenhotel Paradiso gibt es alles andere als paradiesische Zustände. Die Besitzerin ist eine Alte, die mit ihrem Stock die Mannschaft in Schach hält. Die Mannschaft, die da ist: der tanzende Nachtportier, die herrschsüchtige „Managerin“, das Stubenmädel, das alles stiehlt, was herumliegt, und unter ihrem Kittel versteckt, und vor allem der Fleischer, der nicht nur das Schwein zersägt, sondern auch unliebsame Gäste. A propos Gäste: da marschieren herein: der Bankräuber, die Verliebte, der Manager und viele andere.

Vier Personen spielen etwa zehn Personen. In Masken, die ohne Worte mehr als nur Worte ausdrücken. Slapstick und eine witzig-spritzige Choreografie versetzen die Zuschauer ins reinste Entzücken. Wie gut tut das Lachen über die skurrilen Einfälle und die Schwächen der Masken, die wir doch alle in uns kennen.

HINGEHEN – Heute noch!

Mit: Philipp Hochmair und Die Elektrohand Gottes. Als Buhlschaft: Ulrike Beimpold.

Philipp Hochmair ist ein Berseker. Er schont sich nicht, er schont das Publikum nicht. Das weiß man, wenn man seine Performance besucht und schätzt seinen vollen Einsatz bei Kafka „Amerika“, seine ungewöhnliche Rezitation der Schillerschen Balladen oder seine Wertherinterpretation.

Doch im Jedermann übertreibt Hochmair bis zum Exzess. Lärm (seine Band sorgt im Übermaß dafür) und ein über weite Strecken unverständlicher Text machen die an sich interessante Performance zu einem Höllenspektakel. Würde man nicht den Text Hofmannsthals so ungefähr im Gedächtnis haben, wüsste man über weite Strecken nicht so recht, worum es geht. Bekanntlich spielt ja Hochmair immer alle Rollen. Diesmal leuchten zur besseren Orientierung des Publikums im Hintergrund die Namen der jeweiligen Rollen auf.

Es geht -no na – um den schäbigen Reichtum, den Jedermann anhäuft. Es geht um den Geiz und die Gier. Auch das ist bekannt. Es geht um die Unbarmherzigkeit. Es geht um die Angst vor dem Sterben. Alles bekannt. Um dem Bekannten eine neue Note zu geben, schreit, tobt Hochmair durch das Schicksal Jedermanns mit einem unermüdlichen Furor. Da gibt es keine leisen Töne, kein Innehalten, keine Änderung des Höllentempos. Es ist, als ob ein Pferd zum Sprung ansetzt und am höchsten Punkt mit allen vier Beinen in der Luft stehen bleibt, nie auf dem Boden landet. Da gibt es kein Ziel, keine Ankunft. Dieses Stilmittel – oder besser Unstilmittel – ermüdet und wirkt oft auch ungewollt lächerlich. Die einzige, die den Rasenden für kurze Zeit auf den Erdboden bringt, ist die Buhlschaft. Beimpold überzeugt und berührt. (Warum ist niemand auf die Idee gekommen, sie als Buhlschaft nach Salzburg zu rufen?)

Am Ende der Clownerie ist man froh, dass der tobende Jedermann seine Ruhe gefunden hat und man heimgehen darf.

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Wer wie ich eine regelmäßige und begeisterte Besucherin des Volkstheaters unter Werner und Schottenberg war, der ist sicher neugierig auf dieses Buch. Gleich zu Beginn musste ich mich daran gewöhnen, dass die Autorin von sich in der dritten Person spricht und sich als E. bezeichnet. Der Sinn dieser distanzierten Betrachtung auf die eigene Person wurde mir bis zum Ende des Buches nicht als zwingend notwendiges Stilmittel klar. Manchmal – besonders in der Mitte, wenn Emmy Werner über E. als Theatermacherin der Drachengasse und als Direktorin des Volkstheaters spricht- meinte ich, sie erzählt von einer anderen Person.

Die Kindheit

Obwohl E. ihre Kindheit während des Krieges und in der Nachkriegszeit verbringt, ist sie ein glückliches Kind. Von Mutter und dem älteren Bruder behütet, ohne bewacht zu werden, kann sie ihre Phantasie entfalten. Die Erinnerungen an Bomben sind bleibend, aber nicht traumatisierend. Ihr Verhältnis zum Vater, der spät erst aus dem Krieg zurückkehrt, ist sehr innig. Die ganze Familie ist „opern- und theaternarrisch“. E. beglückt Eltern und Freunde mit von ihr selbst ausgedachten Theaterstücken, streift durch die Umgebung und entdeckt ihre Liebe zu den Möwen, die am Donaukanal kreischend ihre Flugkreise ziehen. Die Zeilen aus dem Gedicht von Morgenstern: „Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen“, deutet sie für sich als gutes Omen und sie sind dann auch titelgebend für ihre Lebenserinnerungen. Ich schmunzelte über so manche Parallelen, die ich selbst auch in meinem Erinnerungskasterl gespeichert habe. Etwa die unerfreuliche Tanzschule, die Freude über Pakete aus dem Ausland, die Ferien auf dem Bauernhof…

Die Liebe zum Theater

E. will Schauspielerin werden, verfehlt ganz knapp die Aufnahmsprüfung am Reinhardtseminar, nimmt Privatunterricht und erhält da und dort kleine Rollen, vor allem am Theater der Jugend. Sie verliebt sich, wird schwanger und heiratet ganz jung. Ihren Ehemann und Sohn erwähnt sie nie namentlich. Man muss es einfach wissen oder googeln: Ehemann und später Ex-Ehemann Georg Lhotzky war Regisseur und drehte unter anderem den Film „Moos auf den Steinen“. Sohn Alexander war Schauspieler. Beide sterben 2016 – das bleibt unbesprochen. E. will über ihren ganz privaten Schmerz nicht reden. Wie sie überhaupt allzu Privates wegblendet. Lieber schreibt sie über ihre Kämpfe und Erfolge bei der Gründung der Drachengasse und ihre Ängste, als Direktorin am Volkstheater Fehler zu machen.

Die Zeit E.’s als Theaterdirektorin wirkt für mich wie eine Aufzählung von Fakten. Nur wenige Namen von Autoren und Schauspielern und Schauspielerinnen werden erwähnt. Da fehlt das erzählerische Fleisch an den nüchternen Knochen. E. begründet diese Erzählhaltung: „…ihr (nämlich E.’s) „Noli me tangere“, ihr Abwehren von allzu viel Nähe war ja evident.“ So lässt die Autorin auch zwischen dem Leser und E. keine wirkliche Nähe aufkommen.

Ihre Leser kann Emmy Werner erst wieder in den Bann ziehen, wenn sie über die Zeit nach dem Theater erzählt, über all die Versuche, das „Leben danach“ sinnvoll zu gestalten. Ab da entsteht zwischen Leser und E. wieder ein empathischer Faden. „Carpe noctem“ ist E.’s Devise – sie nützt die Nacht, um all ihre Lieblingsautoren wieder zu lesen oder neue zu entdecken. Sie spaziert durch ihr geliebtes Wien, entdeckt ihr unbekannte Schönheiten. Sie lernt „genießen zu können“. Der letzte Teil liest sich wie ein amüsanter Ratgeber über das Älterwerden.

http://www.residenzverlag.com/

In einem alten, aber stimmigen Bühnenbild haucht Elina Garanca als Santuzza der alten Inszenierung von Jean-Pierre-Ponnelle dramatisches Leben ein. Eigentlich müsste diese Oper „Santuzza“ heißen. Denn Elina Garancas gibt durch die Intensität ihrer Rollenauffassung dieser Oper neue Tiefen und feuert alle Mitagierenden zu Höchstleistungen an. Mit ihrem weichen Mezzosopran führt Elena Garanca die Santuzzza durch alle Qualen der Liebe, Eifersucht und Erniedrigung. Yonghoon Lee als Turiddu kann da nur schwer mithalten.

Die Szenerie erinnert an griechische Tragödien: Graue Steinhäuser ohne Farbe, ein blasser Himmel, schwarz gekleidete Frauen, die in ihrer unerbittlichen Frömmigkeit erstarren. Die einzig Lebendige in dieser archaischen Gesellschaft ist die Ausgestoßene – Santuzza. Dank Garanca ein großartiger Abend.!! (Mit Graeme Jenkins steht ein einfühlsamer Dirigent am Pult!)

Ach ja, es gab nach der Pause Leoncavallos „Pagliacci“ – darüber gibt es nichts zu berichten.

fotocredit: eg-news-13pngh

Martina Gedeck und Vienna Clarinet Connection im Theater Akzent

Ein intensiver Abend über die Bukowina, die einst zur Habsburger Monarchie gehörte. Martina Gedeck las Texte von Paul Celan, Rose Ausländer, Karl Emil Franzos u.a. Für die musikalische Untermalung sorgte das „Vienna Clarinet Connection“ Ensemble. Zusammengestellt wurde der Abend von Alexander Kukelka, Komponist, Autor und Regisseur. Die Texte umfassten die Zeit von der Mitte des 19. Jahrhunderts, als das Gebiet von Deutschen, Juden, Russen und anderen Ethnien bewohnt war, bis nach dem Zweiten Weltkrieg, als es zwischen der Ukraine und Rumänien aufgeteilt wurde.

Martina Gedecks ruhige und sehr intensive Vortragsweise hob die Kultur- und Völkervielfalt aus der Vergangenheit heraus in die Gegenwart. Man schmunzelte über die Erzählung (von wem?) über Kaiser Franz Josef, der an einem Hering fast erstickt wäre, über die schlauen Bewohner, die die Eisenbahnschienen stehlen.

Foto: Karel Kühne

Man erlebte die Zeit der Verfolgung und die tiefe Sehnsucht des Dichters Paul Celan nach dem Land, das einst Heimat war und nun zerrissen und von der Welt vergessen ist. Schade, dass kein Programmzettel vorhanden war. Denn man hätte schon gerne gewusst, von wem die Texte waren. Nicht alle ließen sich eindeutig zuordnen.

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ELISABETH-JOE HARRIET

Einmal Zita, einmal Olga Schnitzler, einmal Sisi, einmal literarische Reisebegleiterin durch Venedig oder durch Bosnien-Herzegowina, einmal Spurensucherin in Reichenau und Umgebung. Die Liste ließe sich fortsetzen, aber Interessierte schauen besser in die Homepage, da erfahren sie alles genau.

Wer ist diese vielseitige Frau, fragten mich einige Leserinnen meines Blogs. Ein guter Anlass, sie um ein Interview zu bitten, dachte ich. Die Einladung in ihre Wohnung im 6. Stock eines Hochhauses im Zentrum Wiens kam ohne Zögern.

Der Blick schweift über die Dachlandschaft des Ersten Bezirkes, aus der einige Kirchturmspitzen herausragen. Ein stiller Ort in luftiger Höhe, trotzdem in der Mitte des kulturellen Geschehens, an dem Elisabeth-Joe Harriet nicht ganz unbeteiligt ist.

Im Laufe des Gespräches fallen Formulierungen wie „glücklich geschieden“, „harte Zeiten, wenig Geld“, „Lebensmotto: You wanna do it? – Do it!“ – Sätze, die mir von so manch anderen Interviewpartnern als fertige Stehsätze serviert wurden, um ein vorgeformtes Bild abzuliefern – für Elisabeth-Joe Harriet markieren sie durchlebte und durchlittene Lebensstationen, die sie prägten.


Harte Zeiten

Harte Zeiten waren nicht immer. In der Kindheit durfte sie vor der versammelten Sonntagsgesellschaft schon als kleines Mädchen tanzen, singen und Gedichte aufsagen. Das klinge ein wenig nach Dressur, ob das alle so wollten und goutierten, frage ich skeptisch. Ganz sicher nicht, denn sie wäre laut Aussage der Gäste wirklich gut gewesen, versichert sie glaubhaft. Und vor allem sei sie absolut nicht dressurfähig, sie habe schon damals nur getan, was ihr und anderen Freude macht. Diese Frau hat offensichtlich schon als Kind die richtige Portion Selbstbewusstsein entwickelt, stelle ich fest. Den ersten nichtverwandtschaftlichen Beifall erhält Elisabeth – Joe Harriet auf dem Schultheater. Nach der Matura nimmt sie Unterricht in der Schauspielschule Krauss und bei Oskar Willner. Und bekommt ein Engagement am Volkstheater. Da nimmt das Glück seinen unglücklichen Verlauf: Dort verliebt sie sich in einen Schauspielerkollegen, der ihr zwei Monate nach Beginn dieses ersten Engagements 1973 auf der Bühne einen Heiratsantrag macht. Sie ist erst 19 Jahr jung und nimmt ihn an, obwohl die Bedingung lautete, dass sie nicht mehr weiter auf der Bühne stehen dürfe. Und so machte  sie während der Ehe ihre Ausbildung zur Volks-, Hauptschul- und a.o. Religionslehrerin. „Auch das ist eine Form von Bühne, mit einem kritischen jungen Publikum, das begeistert und geführt werden will. Das Unterrichten war eine wunderbare und lehrreiche Zeit, die ich nicht missen möchte“, merkt sie an. 1985 wird sie von ihrem, wie sie selbst sagt, recht anstrengenden Mann glücklich geschieden und begann neben dem Unterrichten mit ersten Soloprogrammen sofort wieder Bühnenluft zu schnuppern. Die Entscheidung den Lehrberuf nach neun Jahren an der Hauptschule in Klosterneuburg endgültig an den Nagel zu hängen und sich ganz der Schauspielerei hinzugeben, wurde durch den Schulinspektor ausgelöst, der ihre Bühnenauftritte nicht mit dem schulischen Ethos für vereinbar hielt. So kündigte sie als geschiedene Mutter mit zwei Kindern ihre pragmatisierte Stellung und es begannen harte Zeiten, in denen sie oft nicht wusste, wie sie ihre Kinder und sich durchbringen sollte.

You want to do it? – Do it!

So lautet das Lebensmotto von Elisabeth-Joe Harriet, das viel Mut und Risikobereitschaft erfordert: „Mehr als schief gehen kann es doch nicht, und nur aus Fehlern und Rückschlägen kann ich etwas dazulernen und mich verbessern.“

Ihrem vielfältigen Talent und ihrer Lernbegierigkeit verdankt Elisabeth-Joe Harriet zwei weitere Karrieren, die ihr die Möglichkeit geben, finanziell endlich abgesichert zu sein, nicht jedes Engagement als Schauspielerin annehmen zu müssen und in Folge ihre eigenen Ideen entwickeln zu können. Ab 1988 arbeitet sie nebenbei als Trainerin und Coach und ab 1990 als gefragte Eventkreateurin in der Wirtschaft. In dieser Zeit startete auch ihre Fernsehkarriere als Moderatorin beim deutschen Sender VOX.

1998 lernte sie dann Friedhelm Boschert kennen, damals Banker, heute vermittelt er den ehemaligen Berufskollegen „mindful finance and solutions“ in seinem  gleichnamigen Unternehmen.  Seit 2006 sind die beiden verheiratet. „Mein Herz und meine Seele haben bei ihm ihre Heimat und sicheren Hafenplatz gefunden“, sagt Elisabeth-Joe Harriet. Aus Glück schöpft man immer noch mehr Kraft und so setzte sie 2003 ihre Idee von literarisch-musikalischen Pfaden mit „Literatur-on-Tour“ um. Sie stellt Kultur vom Kopf auf die Füße und macht die reiche österreichische Literatur und die damit verbundene Musik und Kunst an Originalschauplätzen erlebbar. Sie rezitiert und singt auf der Straße, in Innenhöfen und Museen.  Mittlerweile nicht nur in Wien, sondern auch bei Erlebnisreisen in den ehemaligen Kronländern

„Dabei ist es mir ein großes Anliegen, einen direkten Kontakt zwischen der Bevölkerung und den Gästen herzustellen. Nicht die Sehenswürdigkeiten allein sind es, sondern die Menschen vor Ort, die ein Land oder Region ausmachen.“ Inzwischen sind ihre Reisen so erfolgreich, dass sie in Windeseile ausgebucht sind.

2012 betrat Elisabeth-Joe Harriet mit ihrem „Historientheater“ nochmals neue Wege. Seit damals schlüpft sie in historische Persönlichkeiten und erzählt als solche aus deren Leben und Zeit. Um authentisch zu wirken, schreibt sie sich dafür kein Manuskript, sondern arbeitet sich lesend in die Lebensgeschichten ein, wird zu dieser Person und kann als solche dem Publikum auch direkt Fragen beantworten. Bisher spielte sie  Constanze Mozart, Olga Waissnix, Kronprinz Rudolfs Tochter Elisabeth („Die Rote Erzherzogin“), eine Tochter von Maria Theresia („Die kropferte Liesl“), Lina Loos oder Olga Schnitzler. Als Kaiserin Zita begleitet sie die Besuchern noch bis Ende Juni 2019 durch die Sonderausstellung des Hofmobiliendepots.

Spielen, intensive Recherchen für ihr Historientheater, Vorbereitungen der Reisen, Tagesfahrten und Pfade – wie kann das ein einzelnes menschliches Gehirn erarbeiten und behalten? Elisabeth-Joe Harriet verrät mir ihr Geheimnis: „Ich habe ein fotografisches Gedächtnis und verbinde Situationen und Gefühle mit Bildern, die ich jederzeit abrufen kann.“ Ja, wenn das so ist, dann ist es ein Leichtes zu sagen: „I want to do it – I do it!“

Das vollständige Programm unter: www.elisabeth-joe-harriet.com

Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler.

Es gibt Bücher, die muss man einfach mögen. Dazu gehört ganz sicher dieser neue Roman „Drei Frauen“ von Dacia Maraini. Seit Maraini Bücher schreibt, kämpft sie für die Rechte der Frauen, ohne das Wort „Emanzipation“ je in den Mund – besser in die Feder – zu nehmen. Zu Zeiten, als in Italien unverheiratete Frauen aus „gutem Haus“ um 21h zu Hause zu sein hatten, wollten sie nicht als leichte Mädchen gelten, schrieb Dacia Maraini für die Freiheit und Selbstbestimmung der Frau. Als man von der Me -too – Bewegung noch Lichtjahre entfernt war, erschien ihr Roman „Die Stumme Herzogin“ (2002) und erregte weltweit Aufsehen, weil er ein Tabuthema aufgriff: Das Opfer der Vergewaltigung, eben die stumme Herzogin, wird mit ihrem Vergewaltiger, einem alten Onkel, sogar noch verheiratet, damit die Schande unter dem Deckel bleibt. Doch das Opfer lernt, dieses Trauma der Vergewaltigung zu überwinden und das Leben selbst bestimmend zu gestalten

Nun also „Drei Frauen“ – eine ganz neue, heitere Dacia Maraini. In einer Art WG leben die 60- jährige Großmutter Gesuina, die ca. 40-jährige Mutter Maria und die 16-jährige Tochter Lori zusammen. Gesuina verkörpert die jugendliche Alte, die sich im Internet junge Adoranten angelt, beim Bäcker jeden Morgen Brot und einen Kuss holt. Ja, eigentlich ist diese Großmutter eine patente Frau, wundert sich über die Kapriolen und Launen der Enkelin, akzeptiert sie aber so, wie sie ist. Lori ist das, was Nestroy eine „Krätzn“ nennen würde: Sie nimmt sich, was ihr gerade in den Sinn kommt, schläft mit einem Mitschüler und verführt Francois, den Geliebten der Mutter. Maria hält den Haushalt aufrecht, putzt, kocht und arbeitet an der Übersetzung von „Madame Bovary“. Sie ist die einzige, die wirklich arbeitet und das nötige Geld verdient. Als Ersatz für ihr eher tristes Dasein schreibt sie an den fernen Geliebten poetische Briefe über ihre Liebe zu ihm. Manchmal gehen die beiden gemeinsam auf Reisen. Als Francois, ein wirklich schöner Mann, Maria besucht, setzt Lori ihn sofort auf ihre Eroberungsliste und verführt ihn. Die Folge: sie ist schwanger von ihm. Er reist ab, ohne davon zu erfahren. Als Lori der Mutter alles gesteht, versucht diese sich umzubringen. Sie kann gerettet werden, aber ob sie je aus dem Koma erwachen wird, ist mehr als fraglich. Gesuina pflegt die im Koma Liegende zu Hause, Lori bekommt einen Sohn.

Die Autorin lässt den Roman mit einem hoffnungsfrohen Lächeln ausgehen. Am Ende haben alle ihre Chance. Sogar Lori.

Dacia Maraini wählt einen jungen, flotten Stil. Sie verlässt die auktoriale Erzählstruktur. Jeder der drei Frauen schreibt sie ein bestimmtes Medium als Erzählform zu: Gesuina ihr Diktiergerät, Lori ihr Tagebuch und Maria die Briefe an Francois. Dass ihre Sympathie letztendlich Gesuina gilt, ist nicht verwunderlich, schon allein wegen des Alters. Diese Frau hat das Leben begriffen: Zupacken, wenn nötig, und sich nicht den Freuden, die das Leben noch immer zu bieten hat, verschließen. Die Jugend in der Gestalt von Lori kommt irgendwie am schlechtesten weg: Sie sieht das Leben wie eine Torte, von der sie für sich das größte und beste Stück beansprucht. Ihre Launen müssen von der Umgebung ignoriert, besser noch: als notwendige Lebensform akzeptiert werden.

Maraini versucht hier nicht, ein so genanntes „typisches“ Generationenbild zu entwerfen, dazu sind die Figuren viel zu differenziert und eigenwillig durchgezeichnet. Der Roman ist ein Möglichkeitsentwurf: So können drei Generationen neben- und dann auch miteinander leben, wenn jede die Freiheit und Existenz der anderen respektiert. Lori gelingt das am aller wenigsten, doch am Ende glimmt ein Funken Hoffnung auf.

www.folioverlag.com

Deutsch von Corinna Brocher und Peter Zadek.

Vielleicht sollte ich den Vergleich nicht anstellen! Aber er bietet sich so heftig an: Während die Burgtheaterinszenierung des Ayckborn-Stückes „Schöne Bescherungen“ in einem überinszenierten Klamauk erstickte (Regie Barbara Frey), setzte Marcus Ganser (Inszenierung und Bühne) in der Komödie „Ab jetzt!“ ganz auf das Können seiner Schauspieler und schraubte die Klamaukkomik auf Null. Dass die Komödien des englischen Vielschreibers und gefeierten Autors ohne simple Gags und Slapstick direkter wirken, erlebte man in der Scala-Aufführung.

Es geht um die Fragen, wie menschlich kann ein Roboter sein. Wie gehen Menschen mit Robotern um, wie sehr machen sie sich von ihnen abhängig. Ayckbourn schrieb das Stück 1987 als eine Art Science-Fiction-Komödie. Man erschrickt, wie nah diese einstige Zukunft heute ist.

Jerome ist ein Techniknerd. Mitten in einem Kriegsgebiet lebt er, abgeschottet von der Außenwelt, in seinem Tonstudio. Seine Mitbewohnerin ist die Roboterfrau Gou, die er jedoch bald ziemlich genervt entsorgt, das heißt : vom Netz nimmt. Er braucht eine menschlich-echte Frau, denn er will seine Exfrau von seinem häuslichen Leben überzeugen, damit sie ihm den Umgang mit ihrer gemeinsamen Tochter gestattet. Die Schauspielerin Zoe soll diese Scheinidylle darstellen. Doch sie flieht, tief enttäuscht, da sie merkt, dieser Mann kann keine echten Gefühle aufbringen. Eine neue Roboter-in soll das besser hinkriegen. Gou 300F neu. Sie bezaubert tatsächlich alle, zähmt sogar die ungebärdige Tochter.

Ayckburn schrieb eine bittere Komödie: Menschen, die einmal von dem Technikvirus befallen sind, wie eben Jerome, können nicht mehr mit der Alltagsnormalität fertig werden. Er hätte die Chance, mit seiner Exfrau und der Tochter wieder neu anzufangen, aber er lässt sie verstreichen.

Wie immer im Theater Scala sind es die hervorragenden Leistungen der Schauspieler, die den Text in eine schräg-absurde Metaebene heben. Ganz besonders glänzen Christina Saginth in der Doppelrolle als dümmliche Roboterin und als verzweifelte Exfrau und Martine Dahne als aufgedrehte Nervensäge und als sexy Blondinenroboterin. Anselm Lipgens ist ein glaubhafter Nerd, Wolfgang Lesky ein überdrehter Sozialbeamter.

/http://www.theaterzumfuerchten.at/TheaterScala/

Konzertante Aufführung in englischer Sprache mit deutschen Untertiteln.

Eine gigantische Leistung des Orchesters der Volksoper (Dirigent Joseph Olefirowicz), des Chores (Leitung Thomas Böttcher) und vor allem der Sänger. Obwohl man in manchen Szenen eine theatralische Umsetzung vermisste, gelang es dem Gesamtensemble, diesen Mangel durch intensive, interaktive Darbietungen wettzumachen. Einige Melodien sind ja bekannte Ohrwürmer, die gesamte Oper in ihrer Wucht zu erleben ist dann doch etwas ganz anderes.

Morris Robinson mit seinem voluminösen Bass beeindruckte als Porgy. Er war ein Porgy, dem man die kindliche Freude an „seiner“ Bess, die bedingungslose Liebe zu ihr abnahm. Die Rolle birgt die Gefahr des Gefühlskitsches in sich: armer, verkrüppelter Bettler wird von der schönen, begehrenswerten Bess geliebt. Dieser Gefahr entgeht Robinson durch seine einfache, klare Stimmführung und dezent eingesetztes Spiel. Melba Ramos, in vielen Rollen dem Volksopernpublikum bekannt, brillierte als Bess – zurückhaltend, ohne die verführerische Prostituierte herauszukehren. Zwischen den beiden steht der Zuhälter Crown. Lester Lynch gibt dieser Rolle, was sie braucht: Mut zur seelischen und körperlichen Hässlichkeit. Er ist ein Widerling durch und durch. Sein Bariton ist in den Tiefen besonders bedrohlich. Rebecca Nelson ist eine berührende Mutter, wenn sie ihr Baby mit dem Hit „Sommertime“ in den Schlaf singt. Julia Koci bekam langen Szenenapplaus, als sie mit ihrem warmen Sopran das Klagelied „My man´s gone now“ sang. Die als Maria für Bongiwe Nakani einspringende Bonita Hyman machte ihre Sache ganz ausgezeichnet.

Insgesamt eine Aufführung, die zu Recht langen, begeisterten Applaus verdiente.

Weitere Vorstellungen: 22. und 25. Februar 2015

Information:

http://www.volksoper.at

Nach dem gleichnamigen Roman von Anna Weidenholzer

Es spielen: Petra Strasser, Elisabeth Veit, John F. Knittl

Inszenierung: Margit Mezgolich

Raumgestaltung: Agnes Hamvas

Kostüme: Katherina Kappert

Produktion: Liesa Marie Wondraschek

Ein Theaterabend der besonderen Art, den man auf keinen Fall versäumen soll!!

Alles an diesem Abend ist ungewöhnlich: Gespielt wird in einem aufgelassenem Gassenlokal im 14. Bezirk, drei SchauspielerInnen spielen ca. zehn Figuren, Bühne im herkömmlichen Sinn gibt es keine. Bei Raumbedarf werden die Zuschauer gebeten, sich wo anders hinzusetzen. Requisiten sind Bänke, Küchenstockerln aus den 50er Jahren, Kostüme könnten von Humana sein. Wie die Gruppe mit dieser Minimalausstattung einen intensives Theater hinbekommt, ist ein kleines Wunder

Alles klappt wie am Schnürchen: Blitzschnell wechseln die Personen ihre Rollen, blitzschnell ist ein und derselbe Raum einmal Wohnzimmer, dann Boutique, dann Arbeitsamt.

Rosa (Petra Strasser) ist 52 Jahre alt, hat 25 Jahre in einer Boutique gearbeitet und ist nun schon 2 Jahre arbeitslos. Ihr Gang zum Arbeitsamt ist die reinste Demütigung. Sie träumt sich zurück in ihr Leben, das auch nicht gerade rosig war. Elisabeth Veit ist Rosa in jungen Jahren, dann wieder die Kollegin in der Boutique, dann die Beamtin im Arbeitsamt. Kutil spielt den Boutiquenbesitzer, den Chef des Arbeitsamtes, den Ehemann der jungen Rosa und wenn Not an einer Frauenrolle ist – auch eine Frau. Dieser schnelle Rollenwechsel fasziniert und nimmt der traurigen Geschichte von Rosa, die völlig vereinsamt und ohne Aussicht auf Arbeit lebt, die Rührseligkeit, die eventuell in der Geschichte stecken könnte. Überraschung am Ende: Wer möchte, kann die ausgestellten Klamotten der Boutique (alle von Jungdesignerinnen) auch kaufen!

Infos

Spielort: Gassenlokal, 1140 Wien, Hütteldorfer Straße 141, Eingang Gründorfgasse

Wiederaufnahme: 21., 22., 23., 28. Februar, 01., 02., 07., 08., 09. März.2019 Beginn : 19.30h

http://www.igfokus.wordpress.com

Mit Elisabeth-Joe Harriet und Stephan Paryla-Raky. 

Gesang: Diana Finta

Ort: Eden Bar

Zeit: Valentinstag, Abend.In der überfüllten Edenbar herrscht Hochstimmung! Harriet und Paryla-Raky brennen ein buntes Feuerwerk an ironisch-witzig-bissigen und hin und wieder auch romantischen Texten ab! Geschickt spielen sie einander die Wortbälle zu, wechseln rasch von einem Text zum anderen. Mit Erich Frieds bekanntem Liebesgedicht „Sagt die Liebe“ werden die Spielarten der Liebe und die Rollenverteilung von Mann und Frau abgesteckt. Eine kurze geschichtliche Zusammenfassung über den heiligen Valentin wird launisch aufbereitet, bevor es ins Eingemachte geht. Köstlich der fiktive Briefwechsel zwischen Maria Theresia und Friedrich – zu diesem Zeitpunkt noch nicht der Große. Er gesteht ihr seine Impotenz und stellt ihr garantierte Kinderlosigkeit in Aussicht, falls sie ihn als Ehemann akzeptiert. Ihre Antwort: „Na danke, samma lieba glei bös!“ Berührend der Brief des Schriftstellers Erich Maria Remarque an Marlene Dietrich, poetisch und zerbrechlich die Beziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, voller bissigem Humor der Streit zwischen dem grantigen Ehepaar „Das Ei ist hart“ von Loriot und dazwischen immer wieder Auszüge aus dem „Tagebuch von Adam und Eva“ von Mark Twain. Wenn Adam am Anfang von diesem „ES“, wie er dieses neue Geschöpf in seinem Garten nennt, gar nicht begeistert war, so muss er am Ende zähneknirschend gestehen: „Ich habe mich geirrt. Es ist besser, mit ihr außerhalb des Gartens zu leben als ohne sie im Garten.“ Mit dieser galanten Verbeugung des Mannes vor dem weiblichen Geschlecht endet dieser feine, klug komponierte Regenbogen über die Liebe.

Zum Abschied gab es für jeden Gast einen dunkelroten Liebesapfel und eine englische Valentinskarte aus 1876.

Infos über die ganze Programmpalette von Elisabeth-Joe Harriet: http://www.elisabeth-joe-harriet.com

Ein bisschen viel Liebe diese Woche! Valentinsabend in der Eden Bar, die Oper „Lucia di Lammermoor“ und der Film: Poesie der Liebe. Aber ich verspreche meinen Lesern, ich werde mich bessern und nüchterner werden

Ich habe noch die Bilder aus der Met im Kopf, als Anna Netrebko und Piotr Beczala das Liebespaar sangen! Das war Donizetti pur, Liebe pur, Schmerz und halt die ganze Palette, die in dieser Oper drinsteckt. Und dann diese Aufführung! Kalt, nüchtern, kopfgesteuert!

Es war die erste Aufführung nach der Première, die dann am Freitag, 15. Februar vom ORF übertragen wurde.

Der Dirigent Evelino Pidò war ganz in der Musik Donizettis drinnen, webte die herrlichsten Liebesmelodien und ließ sich von der kalten Inszenierung nicht beeindrucken. Kalt war es optisch (es schneit und es liegt eine dicke Schneeschicht) und auch sonst zwischen den Menschen. Dass in einer kalten Welt keine Liebe gedeihen kann, war wohl die Grundidee des Regisseurs Laurent Pelly. Er lässt die Menschen über Schneehügel stapfen, jeder eingefangen in Egoismus, Hass oder verstiegenen Liebesvorstellungen. Menschen, die sich nicht näher kommen – auch zwischen den Liebenden lässt Laurent Pelly einen großen Abstand,. Klar, dass Flórez als Edgardo nicht so recht weiß, wie er agieren soll: Die Musik spricht von einem Liebenden, der Regisseur will ihn aber als kalten Berechnenden. Das kann nicht gut zusammenpassen – und man merkte auch, dass Flórez keinen idealen Zugang zu dieser Rollenauffassung fand. Dennoch: Sein Gesang – lupenrein und berückend. Olga Peretyatko sollte von Anfang an eine labile, um nicht zu sagen, psychisch Kranke sein. Der Wahnsinn war dann bloß der Ausbruch der schon in ihr schlummernden Krankheit. Und die Liebe – alles nur Wahn. Sie kam mit dieser Rollenauffassung besser zurecht als Flórez.

Dennoch: Das Publikum belohnte die Akteure des Abends mit viel Beifall. Flórez flog aus der linken Bühnenloge ein großer Blumenstrauß zu. Wie kann das sein, dass in der Fernsehübertragung von genau dieser Aufführung plötzlich Peretyatko diesen Strauß bekam?? Wozu diese Schummelei? Und wie haben die Techniker diesen Trick hingekriegt?

http://www.staatsoper.at

Großes Kino! Gutes Drehbuch, ausgezeichnete Schauspieler. Grandios: Doria Tillier als Sarah, Nicolas Bedos als Victor. Sarah verliebt sich Hals über Kopf in den Schriftsteller Victor. Mit Witz und Ausdauer fängt sie ihn ein. Die Liebe hält 40 Jahre. Nach seinem Begräbnis erzählt Sarah einem Journalisten aus dem gemeinsamen Leben.

Berührend ohne Kitschanflug! Unbedingt anschauen!

Absolut sehenswerter Film, wenn auch ein Hauch von Amerika-Klischee über allem liegt.

Farrelly drehte eine wahre Begebenheit aus den 1960er Jahren. Mahershala Ali übernahm die Rolle des schwarzen Pianisten Don Shirley, der einen Fahrer für seine Konzerttournee in die Südstaaten sucht. Er entscheidet sich für den ungehobelten Lip (Viggo Mortensen), aus einer italienischen Familie stammend, herzensgut, aber ohne Bildung und Manieren. Sie starten mit dem „Green Book“ – einem Handbuch für Schwarze, die in die Südstaaten reisen. Dort werden Restaurants und Hotels aufgelistet, wo Schwarze akzeptiert werden. Nun beginnt ein heiteres Road-Movie mit bitteren Blicken in die Welt der weißen Südstaatler, die zwar einen Schwarzen in ihre Konzerthallen einladen, ihn aber aus dem Nobelrestaurant ausweisen. Lip haut ihn im wahrsten Sinn des Wortes aus allen brenzligen Situationen heraus. Don Shirley steigt von seinem versnobten Ross eines Bildungsbürgers herab, und zwischen beiden entsteht eine Freundschaft, die ein Leben lang hält.

Super Schauspieler, eine berührende Story, die sehr nachdenklich stimmt. – Was will man mehr!

Mechtild Borrmann – mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin – gelingt in diesem Buch Spannung, Familiengeschichten und historische Aufarbeitung exzellent zu vereinen. Geradlinig und ohne schriftstellerische Verrenkungen, wie sie leider immer wieder in der aktuellen deutschsprachigen Literatur Mode sind und oft nicht mehr als das Ego des Schreibers befriedigen, erzählt sie das berührende Schicksal eines 3jährigen Knaben, der am Ende des 2. Weltkrieges in Hamburg mitten in den Trümmern von zwei Kindern gefunden wird. Sie nehmen ihn ohne zu zögern mit nach Hause. Die Mutter nimmt ihn ganz selbstverständlich wie ihr drittes Kind auf. Er wächst als Joost Dietz auf. Viele Jahre später stößt er auf die Geschichte seiner eigentlichen Familie und entdeckt eine grausame Tragödie…

Borrmann erzählt über Hunger, Flucht und Tod in einer schlichten Sprache, die nahe geht, ohne je rührselig zu werden. http://www.droemer-knaur.de

Untertitel: Am Rand Europas, in der Mitte der Welt.

Aus dem Englischen: Brigitte Hilzensauer

Kapka Kassabova reist in die Region ihrer Kindheit – das geheimnisvolle Land, das einst Thrakien hieß. Thrakien – wo Gold so reichlich vorhanden war wie anderswo Brot. Heute liegt das Land in der Türkei, Griechenland und Bulgarien und ist von der Welt vergessen und die Menschen von Armut und Depression geprägt sind.

Wer einmal so wie ich das griechische Thrakien bereist hat, der weiß, welche Faszination ein Land ohne Touristen ausübt. Doch Romantizismus und Klischeeschwärmerei ist nicht Sache der Autorin. Im Gegenteil: Sie recherchiert mit kühlem Kopf, aber mit teilnehmender Seele.

Kapka Kassabova fasst ihre Recherchen zu einzelne Erzählungen. Es entstand ein Sachbuch über eine vergessene Region. Sie reist durch menschenleere oder fast menschenleere Dörfer im Rhodopen Gebirge oder in der Strandscha, begegnet Schmugglern, Aussteigern, Plünderern und ehemaligen Grenzsoldaten. An der Grenze zu dienen war gefürchtet. Denn in der Isolation ohne Kontakt zur Außenwelt wird der Mensch zum willfährigen Befehlsempfänger. Die Narben aus der DDR-Zeit sind in der Landschaft und in der Seele der Menschen geblieben.

Ein Buch, das man nicht ein einem Zug durchliest. Von Erzählung zu Erzählung dringt man langsam in diese durch Isolation und Politterror geprägte Landschaft.

http://www.hanser-literaturverlage.de

Einer kommt mit dem Schiff im Hafen von New York an. Die Hoffnung, die Neugierde, die Angst vor dem Neuen, vorm Verlorensein. Die Freiheitsstatue – machtvoll, von der Freiheit kann der Ankömmling nur träumen. Enttäuschungen, Härten, Armut, Bitternis – all das erwartet ihn. Diese Amerika-Stereotype liest man häufig, in jüngster Zeit etwa in den beiden großartigen Romanen: Theodora Bauer, Chikago (sic) und Klaus Zehrer, Das Genie. (beide Romane sehr zu empfehlen!)

Karl Roßmann

Kafka war nie in Amerika. Und dennoch weiß er alles über dieses gigantische Land. Weiß von dem Moloch, der die Neuankömmling verschluckt, ausbeutet und ausspuckt. Dennoch ist es mit Karl Roßmann ein wenig anders. Wie anders, das holt Philipp Hochmair aus dem Text heraus. Er spielt Karl als einen „tumben Tor“, der mit seinen 17 Jahren noch nichts von der Bosheit der Menschen weiß, obwohl ihn seine Eltern ziemlich schroff hinausgeworfen und auf das Schiff nach Amerika verfrachtet haben. Philipp Hochmairs Karl ist halb Parzival, halb Don Quijote. Als edler junger Ritter kämpft er für den Heizer – erfolglos natürlich. Wie durch ein Wunder nimmt ihn ein reicher Onkel (das Klischee des „reichen Onkels von Amerika“, auf den in Europa viele gesetzt haben!) auf, bildet ihn aus, wirft ihn hinaus, als er sich über ihn ärgert. Und Karl stürzt völlig hilf- und ratlos, aber nie wirklich verzweifelt, von Stufe zu Stufe in den Abgrund. Bis er nach einer langen Zugfahrt im „Naturtheater von Oklahoma“ ankommt, sich bewirbt und engagiert wird.

Hochmair – das enfant terible

Philipp Hochmair ist kein Schauspieler, der sein Publikum in der Wohlfühlzone dösen lässt, wo sie einen gemütlichen Theaterabend genießen können. Gemütlich wird es nie, wenn er auf der Bühne ist, seinen Körper, seinen Geist, ja selbst die Bühnenbretter aufs Äußerste fordert. Er spielt nicht Karl, er sprüht ihn in die Zuschauer! Er redet nicht davon, wie Karl geschlagen wird, er schlägt ihn, er malträtiert ihn, wirft sich ungebremst auf die Bretter. Ist Karl, ist Onkel, ist Heizer, ist Gauner zugleich.

Philipp Hochmair ist ein Theaterereignis!

Das Publikum dankte ihm mit frenetischem Applaus, holte ihn wohl zehn Mal von ganz hintern nach vorne zur Rampe. Hochmair ging nicht, er stürmte vor, bis es ihm zu viel wurde und er abwinkte!! Auch ein Philipp Hochmair wird einmal müde.

Ich muss wieder einmal staunen, welch Geschick die Intendantin Maria Rötzer bei der Stückauswahl beweist. Da ist alles drin, was ein volles Haus sichert. Das Programm ist spannend, anspruchsvoll und niveauvoll. Schräge Verblödelung eines Textes gibt es nicht. Und das ist gut so.

In Wien fragt man sich immer wieder, was mit dem Volkstheater nach dem Abgang von Badora (endlich) geschehen soll. Warum so ratlos? Ein Blick auf das Landestheater Niederösterreich genügt, um die Marschrichtung für das Volkstheater festzulegen!!

Liebe Frau Mag. Kaup-Hasler tun Sie das

Bild: Helene Funk, Akt, in den Spiegel blickend. 1908

Durch die Ausstellung führte die Kuratorin Sabine Fellner

Wien, Stadt der Frauen? Ironie oder Statement? „Beides“, meint Sabine Fellner. Am Ende der Ausstellung gelangt man zur Überzeugung, dass Malerinnen in der Zeit zwischen 1900 und 1938 tatsächlich ein beachtlicher Durchbruch gelang. Obwohl ihnen das Studium an den verschiedenen Akademien verwehrt wurde, wurden sie als Künstlerinnen durchaus wahrgenommen. Sie stellten in der Sezession, im Hagenbund und in renommierten Galerien Wiens aus, waren gut mit dem Ausland vernetzt und waren anerkannte Weggefährtinnen der Wiener Moderne. Vielleicht waren sie nicht unbedingt die großen Neuerinnen, nie jedoch nur schlichte Nachahmerinnen. Um sich gegen die männliche Konkurrenz durchzusetzen, bedurfte es immenser Anstrengungen, sturköpfiger Ausdauer. Vor allem galt es, die Vorurteile in der Gesellschaft gegen Künstlerinnen, im Speziellen gegen Malerinnen, auszumerzen. „In der Zeit von 1900 bis 1938 machten die Frauen große Fortschritte in der Emanzipation. Nach 1945 war es aus. Entweder landeten die Künstlerinnen, weil sie Jüdinnen waren, in Lagern oder sie emigrierten.“ So Sabine Fellner. Die Bilder verschwanden in Kellern, in Privatdepots. An die Namen erinnerte sich nach 1945 kaum einer.

Sabine Fellners großes Verdienst ist es, die mehr als fünfzig Malerinnen aufgespürt zu haben. Ein wenig erzählt sie während der Führung über die schwierigen Wege des Findens.

Mit Verblüffung stellt man das immense künstlerische Potential dieser Frauen fest. Mutig malten sie Akte, obwohl Frauen der Zugang zum Aktstudium nicht erlaubt war. Mutig malten sie ihren eigenen nackten Körper oder den von geschundenen Frauen der Unterschicht. Der weibliche Körper war nicht mehr erotisches Objekt, den begierigen Augen der Bewunderer ausgesetzt, sondern opponierte gegen Macht, Männerblicke und Ausbeutung. „Gefälligere“ Themen, wie Stillleben oder Landschaften, wurden durch exzessive Pinselführung und glühende Farben zu selbstbewussten Manifesten der Eigenständigkeit.

Wer von den vielen Künstlerinnen dieser Ausstellung wird sich posthum doch noch einen Namen machen? Verdient hätte es jede einzelne.

Information zu Kunstführungen:

http://www.belvedere.at/kunstvermittlung

Aus dem Zyklus „world unplugged“

Das portugiesische Akkordeonquartett „Dancas Ocultas“ macht Musik, die den Zuhörer „zu Reisen zwischen Himmel und Erde einlädt“, wie es im Programm heißt. Mit solch einer Vorgabe angekündigt, erfüllte dann das Quartett mehr als alle Erwartungen des Publikums.

Das Licht im Saal ist auf Dämmerung heruntergedimmt. Stampfende, dumpfe Töne wie die einer alten Dampflok – dann setzen die Musiker ein und von da ab ist man total in ihrem Bann, in einer anderen Welt. Die Fülle an innovativen Improvisationen, gespickt mit Zitaten aus der Welt des Tango Nuevo, des Walzers oder aus Filmen ist so dicht, dass man aufhört zu analysieren, sondern sich nur mehr vom Rhythmus und der Klangfülle forttragen lässt. Die Stimmungen wechseln innerhalb eines Stückes blitzschnell – Melancholie des Fado wechselt zu witzigen Schnörkelrhythmen oder zu frech – herausfordernden Verfremdungseffekte.. Dann wieder bauen die Vier (Artur Fernandes, Francisco Miguel, Filipe Cal und Filipe Ricardo) Töne auf – groß wie eine Architektur. Dabei ziehen, dehnen und drehen sie den Balg bis in Äußerste, was sie wie Musikarchitekten, Musikakrobaten erscheinen lässt. Perfekt unterstützt wird diese Musikarchitektur durch eine gekonnte Lichtregie. Manchmal glaubt man sich auf einer Kuhweide, die Glocken bimmeln lieblich, doch sofort ändert sich die Stimmung und man glaubt sich einem Tieffliegerangriff ausgesetzt. – Ein Musiktheater, in der die Akkordeonisten Schau-Spieler werden, uns mit der exzellenten Mischung aus Emotion und Coolness von einer Szene in die nächste katapultieren.

Mit an Bord : Dom La Nena, eine brasilianische Cellistin und Sängerin. Ganz ehrlich: Gegen diese vier Musikkaliber war es nicht leicht für sie, sich zu behaupten. Sie ist eher der Typus der Salonmusikerin. Tapfer kämpfte sie mit ihrem Cello gegen die Macht der vier Akkordeons an.

Begeisterter Applaus und drei Zugaben.

Nächstes Konzert in dieser Reihe: 13.03.2019: Blick Bassey und Aline Frazao.

Weitere Infos: http://www.konzerthaus.at


Foto: ChristianHusar.jpg

Architekt Manfred Wehdorn und sein Team planten ein Jahr lang, verhandelten mit dem Denkmalschutz und installierten die Hofloge und den Musikerbalkon in nur zwei Wochen. Reife Planungsleistung!

Es war eine große Herausforderung, in diesem historischen Ambiente die Umbauten umzusetzen. Architekt Manfred Wehdorn konnte seine Jahrzehnte lange Erfahrung mit Renovierung und Umbau von historischen Gebäuden einbringen. Die Hofloge ist – wie man es von seinen Arbeiten gewohnt ist – ein dezenter Akzent aus der heutigen Zeit geworden. Stilistisch im positiven Sinn unauffällig passt sie sich den historischen Gegebenheiten perfekt an. Willkommener Nebeneffekt: Sie bringt der Hofreitschule durch die zusätzlichen Sitze fast eine Million Euro an Mehreinnahmen pro Jahr.

http://www.srs.at/

http://www.wehdorn.at/

Ein Irrsinnsfilm!! Drei englische Ladies, die alles andere als Ladies sind, intrigieren gegeneinander, dass es für die Zuschauer eine reine Freude ist! Der Regisseur Giorgos Lanthimos inszeniert keinen puren Kostümfilm, sondern ein Sittenbild des 18. Jahrhunderts. Die politischen Player ähneln in ihrer Gewissenslosigkeit ganz stark den heutigen. Parallelen dürfen gezogen werden und sind erwünscht.

Hervorzuheben sind die schauspielerischen Leistungen der drei Ladies, allen voran Olivia Colman. Mit dem Mut der Selbstverleugnung spielt sie die launische, leicht dümmliche und urhässliche Königin Anne, die mit Lady Sarah – exzellent: Rachel Weisz – ein lesbisches Verhältnis hat und ihr das Regieren überlässt. Bis die Magd Abigail (Emma Stone) auftaucht, die sich mit weiblicher Klugheit in das Herz der Königin spielt und Sarah ins Out schickt. Fazit: Superschauspielerinnen und fulminante Regieführung!!

Ferdinand Raimunds Geister- und Feenstück, das vielen als eingestaubt und altbacken gilt, beginnt unter der Regie von Josef E. Köpplinger neu und frisch aufzuglänzen. Ganz wesentlich unterstützt von den phantasievollen Kostümen Alfred Mayerhofers, der die Geister der Zauberwelt in eine Mischung aus Faschings- und etwas bäuerlich angehauchten Gewänder steckte. Vor Beginn des Stückes hat das Stück schon begonnen: Am Rande der Bühne und im Zuschauerraum stolzieren Feen, kleine Geister und Gnome umher. Die Bühne – gestaltet von Walter Vogelweider – wird von der roten Leuchtschrift „GEISTERREICH“ beherrscht, die zur Szene passend einmal zu „geistreich“ oder „reich“ mutiert. Mit wenigen Versatzstücken befinden wir uns in dem „Palast“ des reich gewordenen Bauern, den Michael Dangl als polternd-derben Menschen spielt, der seine Ziehtochter (Lisa-Carolin Nemec) rüde durch Gegend schleudert, sie beschimpft und verjagt. Vielleicht wäre manchmal ein etwas gemildeteres Gepolter ganz gut. Immer und überall haben die bösen und die guten Geister ihre Hände mit im Spiel. Sie hüpfen, tanzen, turnen durch das Geschehen wie eine übermütige Straßenbubenbande. (Tolle Ensembleleistung!)

Gespannt wartet man natürlich auf den Auftritt oder besser den Abschied der Jugend. Allzu leicht kann das rührselig werden. Nicht so in dieser Inszenierung -Theresa Dax ist eine erfrischend frische Jugend mit einem hellen, ungekünstelten Sopran. Ein weiterer Höhepunkt des Abends war Wolfgang Hüsch als das hohe Alter. Er spielt er diese Rolle machtvoll, herrisch und witzig zugleich. Das Publikum dankte und ehrte ihn mit Sonderapplaus. Heikel ist immer wieder die Rolle der Zufriedenheit. Julia Stemberger – im schlichten schwarzen Kleid – bringt die nötige Zurückhaltung für diese Rolle mit und kühlt den moralisierenden Text auf eine gute Alltagssprache herunter.

Unter der Leitung von Jürgen Goriup begleitet ein erfahrenes Ensemble das Spiel mit flotter Musik. Insgesamt ein äußerst gelungener Abend, der wieder einmal beweist, über welch großes und gut eingespieltes Ensemble die Josefstadt verfügt.

http://www.josefstadt.org

Ein Schnitzler, in der Kühlbox des Lebens eingefroren!

Blassblaue Türen, blassblaue Wände. Alle sehr hoch, sehr schmal, ein kaltes Licht liegt über Raum und Figuren (Bühnenbild: Raimund Orfeo Voigt und Kathrin Kemp). Die Regisseurin Matejka Koleznik macht aus den Schnitzlerfiguren blutleere Menschen, die nur eines wollen und tun: sterben. Gut, das ist das ewige Thema der Menschheit und insbesondere Schnitzlers. Nur: wie Koleznik sie uns vorsetzt, verlieren sie von vornherein jedes Leben, und das ist unfair dem Dichter gegenüber. Verstärkt wird der Eindruck der Leblosigkeit noch durch die einheitlich blassblauen Kostüme (Alan Hranitelj), die Hintergrundmusik und Hintergrundgeräusche, die leise durch den Raum sirren, und vor allem durch den Ton, der durch Microports gebrochen, hallig wirkt. Insbesondere dann, wenn die Figuren im Zwischenraum der Doppeltüren oder dahinter sprechen. Für alle, die das Pech haben, in einer Bühnenloge oder auf einem Randsitz im Parkett zu sitzen, wird aus dem Schau-Spiel streckenweise ein Hör -Spiel.

Schnitzler neu?

Ist ein Autor einmal mit Bildern und Tönen in den Hirnen der Zuschauer fixiert, ist es schwer, diese durch neue zu ersetzen. Jedem Regisseur, der so etwas wagt, dem sind Kritikerlorbeeren sicher. Ob die Zuschauer es goutieren? Noch dazu das Josefstädterpublikum! Die meisten von ihnen haben mindestens schon dreimal den „Einsamen Weg“ gesehen, einige vielleicht noch mit Leopold Rudolf als Sala. Der Applaus war freundlich, aber nicht mehr!

Die Schauspieler gaben ihr Bestes: Alma Hasun war eine nervöse Johanna, deren Gebärden an Patienten der Psychiatrie erinnerten. Bernhard Schir ein leicht lüsterner, mit dem Tod in einem koketten Spiel verbandelter Sala. Alexander Absenger musste einen weinerlichen, lebensuntüchtigen Felix darstellen. Maria Köstlinger durfte ihre Rolle als ironisch-herbe sitzengebliebene Geliebte des Malers auch nicht voll ausspielen. Ulrich Reinthaller als Maler Felix Fichtner stand immer irgendwie daneben … Was Schnitzler zu dieser Inszenierung gesagt hätte??

Weitere Infos:

http://www.josefstadt.org

nach Fjodor M. Dostojewskij von Thomas Birkmeir

Thomas Birkmeir, Leiter des „Theater der Jugend“, ist bekannt dafür, dass er nie zimperlich in der Wahl der Stücke ist, wenn es darum geht, die Jugend herauszufordern. Kühn wie immer wagt er sich diesmal an Dostojewskijs Roman, bearbeitet ihn großartig und stellt geradezu ein Meisterwerk auf die Bühne. Ein Wagnis, das aufzugehen scheint, großartige Kritiken bekommt – zu Recht – aber: Wo bleiben die Jugendlichen? An dem Abend (22. Jänner) sah ich gerade einmal zwei Mädchen, ca 16, 17 Jahre alt, sonst nur Erwachsene.Im Programm steht: Für Jugendliche ab 13 Jahren und Erwachsene. Im Interview auf Ö1 betont Birkmeir, dass er kein Problem damit habe, die Morde auf der Bühne zu zeigen und das Thema durchaus einem/r 13-Jährigen zumutbar sei . Ich wäre gerne mit einem (r) 13-Jährigen in der Vorstellung gewesen und mit ihm (ihr) danach darüber diskutiert – leider kenne ich keine(n).

Doch nun zur Aufführung: Die Bühne ist von einem blauen Lichtrahmen eingefasst, wodurch das Geschehen wie in einem Film abläuft und sehr heutig wirkt. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch die schnellen Schnitte von Szene zu Szene. Außer einer versenkbaren Bank, die als Bett dient, einem Tisch und einem Sessel, die bei Bedarf hergeräumt werden, ist die Bühne leer. Die Konzentration des Publikums fokussiert sich auf die Schauspieler, den Dialog und die Handlung. Der Jusstudent Raskolnikow, sehr intelligent, aber bettelarm, maßt sich an, Herr über das Leben „sozialer Ratten, die nicht wert sind zu leben“, zu sein. Den ersten Mord begeht er aus dieser Überzeugung, den zweiten als Folge des ersten. Auf der Bühne sieht man Raskolnikov, der mit der Axt den Schädel zweier Frauen spaltet. (Nietzsches Übermensch war da noch nicht geschrieben!) Mit Jakob Eisenwenger hat Birkmeir den idealen Raskolnikow gefunden. Nervig, hochsensibel, hochexplosiv, klug, hinterhältig, brutal, eingebildet, selbstverliebt – das alles und mehr ist Raskolnikow, ist Eisenwenger. Alle Rollen um ihn herum, spielen auf demselben hohen Niveau und machen das Stück zu einem spannenden, reißerischen (muss so sein, es geht ja um Mord), intensiven Theaterabend.

Was geht nun im Zuschauer vor? – Verurteilt man den Mörder, hat man Mitleid mit ihm, weil er tatsächlich ein armer Teufel ist? Unweigerlich zieht man die Parallele zur heutigen Zeit (ist ja wohl der Grund der Stückweahl), in der Brutalität als „cool“ gilt und Zuschlagen die Auseinandersetzung auf politischer Ebene ersetzt. Vielleicht denkt so mancher an die Scharia, in der Ehrenmord akzeptiert, ja gefordert wird. Vielleicht denkt man an viele Jugendliche, die aus ihrer Heimat flohen und hier im Westen in einer für sie „verkommenen Moralgesellschaft“ angekommen sind und ihre Unsicherheit nicht anders als mit Gewalt überspielen können. Die Parallelen zur Gegenwart drängen sich vielfältig auf. Und zuletzt wird man noch vor die Frage gestellt: Kann man Raskolnikow seine Reue glauben? Kann man ihm vergeben?

Ein ganz schön forderndes Stück, jenseits von Moralpredigten!!

Infos unter: http://www.tdj.at


Sisis – Intim! Der Titel ist verlockend, besonders für Skeptiker! Die könnten sich fragen, was es über Sisi, sprich Kaiserin Elisabeth, noch viel Neues zu berichten gibt. Neues – vielleicht nicht, aber Details gut aufbereitet und interessant vorgetragen – das kann die Schauspielerin Elisabeth- Joe Harriet garantiert gut. Man trifft sich im Foyer der Silberkammer in der Wiener Hofburg. „Ein unergründlich tiefer See ist meine Seele, den ich oft selbst nicht versteh“ – mit diesem Zitat aus den poetischen Tagebüchern der Kaiserin beginnt Elisabeth- Joe Harriet die „Führung“ durch Elisabeths Leben, ihre Höhen und vor allem ihre Tiefen mit Textstellen aus dem Tagebuch auslotend. Entgegen der allgemeinen Meinung, dass Elisabeths Gedichte rührselig waren, hören wir erstaunt, wie begabt und mit welchem sicheren Gespür für gesellschaftliche und politische Umbrüche sie ihre Umwelt – den Kaiser, die Verwandten und die für sie langweilige Welt der Diplomaten- beschreibt. Man schlendert durch die Silberkammer und bewundert den Reichtum in Gold, Silber und Porzellan, etwa den Mailänder Tafelaufsatz aus Gold mit seinen zahlreichen zierlichen Figuren. Elisabeth- Joe Harriet: „Die Habsburger verdanken einen Großteil ihres Reichtums eigentlich Sisi. Denn sie war so klug, all ihr Vermögen in der Schweiz anzulegen.“ Zur Schweiz hatte sie besonderes Vertrauen, so Joe – Harriet weiter, denn sie verfügte, dass 60 Jahre nach ihrem Tod die poetischen Tagebücher in der Schweiz geöffnet werden sollen.

Über die Kindheit in Possenhofen, den Schürzenjägerischen Vater, dessen Reitleidenschaft Sisi erbte, über das ungezwungene Leben in diesem Haus, über ihre Angst vor Massen, ihre Abneigung gegen Sex, ihre fluchtartigen Reisen erzählt Joe-Harreit äußerst spannend. „Ich hab´ ihn (-Kaiser Franz Josef) ja so lieb, wenn er nur ein Schneider wär´“, soll Sisi öfter gesagt haben. Joe-Harriet korrigiert auch das Bild von der bösen Schwiegermutter Sophie, wie sie überhaupt so manches „historische Detail“ aus den Sisifilmen zurecht rückt.

In der Konditorei Demel

Der 2. Teil des Sisinachmittages findet im Extrastüberl der Konditorei Demel statt, wo ja Sisi ihre kandierten Veilchen immer bestellte. Liebenswürdige Demelerinnen servieren Tee, Kaffee oder heiße Schokolade und eine reiche Tortenauswahl. Dazu liest Elisabeth-Joe Harriet aus Sisis Tagebuch vor – dezent setzt sie Akzente, Fragezeichen, ironische Töne ein, um aus dem Gedicht ein ganz persönliches Bild der Kaiserin zu zeichnen. Mit Erstaunen hört man: Dass Sisi eigentlich blonde Haare hatte, aber sie mit Henna dunkel färbte. Dass sie bis zum Boden reichten und alle drei Wochen nur gewaschen wurden. Die Prozedur dauerte einen ganzen Tag. Dass sie den Sport- und Diätwahn hatte. Dass sie ganz genau über die politische Lage der Monarchie Bescheid wusste. Und vieles mehr. Am Ende haben alle ihren Kaffee und die Torte genossen und verlassen mit vielen Komplimenten den Saal, einige werfen noch einen Blick in die alte Backstube und in das unterirdische Museum der Konditorei. Elisabeth-Joe Harriet zum Schluss ihres Sisi-Nachmittages:“Ich habe mich durch alle Literatur durchgeackert, um diese Person zu verstehen.“ Und wir, ihre Gäste, sind überzeugt, dass wir jetzt ein anderes, reflektierteres Bild von der Kaiserin haben. Wir sind dankbar, dass wir tatsächlich einen Blick in ihre Seele werfen durften. Der Titel der Ankündigung „Sisis Intim“ war nicht nur ein Werbeslogan!

P.S.: Das Ticket für die Silberkammer gilt ein Jahr lang auch für das „Sisi Museum“ und die KaiserappartementsAlle Programme vonElisabeht- Joe-Harriet: http://www.elisabeth-joe-harriet.com

Tickets nur im Vorverkauf unter: 0676/899 68 50 oder sylviareisinger@aon.at

Mit Brillanz, Fachwissen und dem nötigen Schuss Ironie und Humor fabulierte Thomas Maurer über Zukunft – die Zukunft, wie sie für ihn als Kind, als Jugendlicher aussah und wie sie für ihn im Moment aussieht und in den nächsten Jahrzehnten, Jahrhunderten aussehen wird oder könnte. Thomas Maurer ist kein Kabarettist, der das Publikum zu Lachorgien und Schenkelklopfen anfeuert. Fein ziselierte, ausgefeilte Sätze animieren zum Querdenken. Man schmunzelt, lacht, auch des Öfteren sehr herzlich – und wird nach – denklich.

Zukunft heißt Digitalisierung, Robotisierung und künstliche Intelligenz, die einst den Menschen unnötig, ja ausradieren könnte. Vom simplen Handy, mit dem man „nur“ telefonieren konnte, über das Smartphone, das selbstfahrende Auto, den Roboter, der die Altenpflege übernimmt, bis hin zur kybernetischen Intelligenz breitet Maurer eine Zukunft aus, die wir uns so nicht wünschen.

Geschickt baut er sich selbst als digitale Figur ein: Er erscheint auf einem Riesenbildschirm. Gleich zu Beginn bekommen die Politiker ihr Fett ab und man kapiert: Hallo, für diese Zukunft sind sie ziemlich verantwortlich. Da heißt es: Hinschauen und auf Veränderungen reagieren. Dann verlässt der virtuelle Maurer den Schirm und tritt in die Realität ein.

Digitalisierung und Robotisierung sind trockene, schwierige Themen – wer versteht wirklich, was alles dahinter steht und uns vielleicht bedroht. Thomas Maurer gelingt es, die Themen so aufzulockern, dass man mitdenken kann. Keine ganz leichte Kost, denn der Abend verlangt Hirnschmalz – auch vom Publikum!

Aus dem Italienischen von Petra Koch. Bastei Lübbe

Angemüdet von so manchen mühsam zu lesenden Neuerscheinungen, besonders von den „Debütromanen“, in denen der/die Schriftsteller/in seine/ihre Sprachakrobatik unter Beweis stellt, griff ich zur Belletristik. Der italienische Autor Luca Di Fulvio versteht sein Handwerk: Er kann erzählen! Eine Gabe, die immer seltener wird! Mitreißend schildert er New York und Hollywood aus dem Blickwinkel eines Jungen, der durch Witz, Intelligenz, Humor und Empathie sich aus dem tristen Gangstermilieu der 1920er Jahre emporarbeitet. Eine wahre Leseerholung!!!


Verlag und Copyright: Kremayr & Scheriau

Ein brennheißes Thema: Wie weit darf Überwachung gehen, wie weit wird sie in Zukunft gehen und die Individualität des Einzelnen stören, gar zerstören.

Aktueller denn je! Leider hat die Autorin ihren allzu spürbaren poetischen Ehrgeiz dem Thema untergeordnet. Es scheint, als wollte sie vorzeigen, was alles sie in diversen Literaturaufenthalten und Seminaren bezüglich „neuer Roman, junge Literatur“ gelernt hat.

Nicht von ungefähr ziert Botticellis „Primavera“ das Cover: Die beiden Protagonisten Anna – eine Schriftstellerin und Schreibinsegnantin – und ihr Gefährte Adrian – ein Werbetexter – üben sich im Zusammensetzen eines Puzzles eben dieses Bildes, das wohl symbolisch für die Art zu schreiben steht: Viele kleine Teile, die nur mühsam ein Ganzes geben.Ich rate dem Leser, zuerst die Inhaltsangabe auf dem Buchumschlag zu lesen, um sich wenigstens einigermaßen an einem inhaltlichen Faden festhalten zu können. Und dann sich mit Geduld und Leseausdauer zu rüsten. Denn obwohl das Werk nur 187 Seiten umfasst, ist es mühselig zu lesen. Die Autorin verliert, selbstverliebt in ihre Bilder und Verschränkungen, das Thema, triftet ab, fügt ein, dreht ab.

Der Plot ist einfach erzählt: Adrian bekommt von seiner Werbefirma den Auftrag, im Prototyp eines Smart Home Hauses zur Probe zu wohnen und es auf eventuelle Mängel zu testen. Die absolute Unfreiheit im Handeln lähmt ihn, er ist froh, wenn er nach einigen Tagen diesem Überwachungskerker entfliehen kann.

http://www.kremayr-scheriau.at

Wagenbach Verlag. Aus dem argentinischen Spanisch von Rike Bolte.

Lucía Puenzo, argentinische Journalistin und Filmemacherin, griff in dieser Romanfiktion ein heißes Eisen, nämlich die engen Beziehungen Argentiniens zu den nach 1945 geflohenen Nazis, auf. Dem Diktator Juan Perón waren sie mehr als willkommen. So auch Josef Mengele, der als Arzt in Auschwitz Millionen Menschen zwangssterilisiert, mit unmenschlichen Versuchen zu Tode gequält und Abertausende in die Todeskammern geschickt hatte. Er lebte nach seiner Flucht aus Deutschland nachweislich bis 1959 unbehelligt in Buenos Aires. Gewarnt von Freunden, dass man eventuell nach ihm suchen könnte, reist er in den Nobelort Bariloche im Süden Argentiniens. Auf der Reise dorthin schließt er sich einer Familie an, deren kleinwüchsige Tochter Lilith ihn fasziniert. An ihr und der schwangeren Mutter beginnt er mit seinen Experimenten, injiziert skrupellos beiden Hormone, die schwere körperliche und seelische Schädigungen verursachen. Mit dem Vater frönt er einer seltsamen Leidenschaft: Sie erzeugen Puppen, die rein arische Gesichtszüge tragen. Sie sollten später zu heilig gehaltenen Symbolen der Nationalsozialisten in Südamerika werden.

In diesem grausam-gruseligen Kontext kann Mengele seine Untersuchungen und Versuche in Ruhe fortsetzen. Seine Sicherheit zerbröselt, als er von Eichmanns Verhaftung erfährt und ihn eine Jüdin aufspürt, die er im KZ Auschwitz zwangssterilisierte. Doch bevor sie ihn dem jüdischen Geheimdienst melden kann, wird sie in einer Gletscherspalte tot aufgefunden. Mengele bereitet in aller Ruhe seine Abreise vor. Zurück bleibt Lilith, die ihr ganzes Leben lang an dieser schrecklichen Begegnung leiden wird.

In einem nüchtern-präzisen Stil schildert Puenzo den Charakter Mengeles. Gerade in einer scheinbaren Alltäglichkeit wird das Monströse in seinem Charakter um so erfahrbarer. Mengele, nützt die Schwärmerei Liliths skrupellos aus, bezaubert das hilflose Mädchen, vergewaltigt die Ahnungslose. Finanziell von den in Bariloche lebenden Nazis unterstützt, kann er ein bürgerliches Leben leben. Und wird es auch bis zu seinem Tod weiterführen können. Er stirbt 1979 in Brasilien eines natürlichen Todes. Aber diese Angaben sind keineswegs gesichert.

Nach „Schönen Bescherungen“ im Burgtheater ist „Josef und Maria“ – eine wahre Wohltat, ein echtes Geschenk. Peter Turrinis Theaterpranke und Schauspieler wie Ulli Maier und Johannes Silberschneider „bescheren“ dem Publikum einen Abend der Sonderklasse!

Höchste Schauspielkunst

Kunstschnee, ein roter Riesenball (Bühne: Florian Etti), leise Schmeichelmusik, eine Stimme aus dem Off (Herbert Föttinger) preist Verkaufshits an, wünscht ein schönes Fest und verkündet die Schließung des Kaufhauses. Die Eisbärendekos rollen weg und die Putzfrau Maria (Ulli Maier) schlurft lustlos herein, zieht sich um, redet mit sich, träumt von einem Weihnachtsfest mit ihrem Sohn, Schwiegertochter und Enkel, weiß aber, dass sie längst schon ausgeladen wurde. Der Nachtwächter Josef (Johannes Silberschneider) stört ihren Monolog. Nun entwickelt sich zwischen den beiden ein ganz intimes Spiel. Zunächst redet jeder vor sich hin, erinnert sich an die eigene Vergangenheit, Maria an ihre „Karriere“ als Künstlerin, Josef an sein Scheitern als Revolutionär. Doch mehr und mehr legen sie ihre Masken ab, hören dem anderen zu, gestehen sich und dem noch immer fremden Visavis ihre zukunftslose Gegenwart und ihre Sehnsucht nach Liebe. Beide erkennen, wie allein jeder ist. Ohne Rührseligkeit entstehen dichte Momente, wie sie selten im Theater zu erleben sind. Die Mischung aus stillem Humor und einem Schuss Absurdität hebt das Stück aus jeder Banalität.

Die Größe der Lächerlichkeit (Turrini)

Peter Turrini schrieb „Josef und Maria“ in den 1990er Jahren, und es hat bis heute nichts an Aktualität verloren: Die Alten, die Armen werden irgendwo versteckt, abgeschoben. In einem Brief aus dem Jahr 1992 schrieb Turrini: „Ich bin nicht der Deix der österreichischen Literatur. Alle meine Figuren, die Lächerlichsten und Ausgestoßensten, haben eine Würde….Heute ist es…Mode, vor allem in der Literatur, im Menschen nur und ausschließlich einen Haufen oder ein Häufchen Dreck zu sehen.“(Nachzulesen im Programmheft) Diese Würde haben Josef und Maria in jedem Moment, dank der großartigen Schauspielkunst von Ulli Maier und Johannes Silberschneider. Dass sich Maria und Josef in einer stillen Liebe finden, ist eine tröstliche Botschaft, die der Regisseur Alexander Kubelka mit Fingerspitzengefühl und Respekt inszeniert hat.

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Albtraum-Bescherung über gefühlte vier Stunden. Angegebene Spielzeit: Zweieinhalb. Was die Burg an bekannten Namen hat, wird aufgeboten und müht sich redlich, aus dem Stück eine Komödie zu machen: Nicholas Ofczarek als Bastelonkel, Katharina Lorenz als Nervensäge, Maria Happel als komische Figur, Falk Rockstroh als schießwütiger Onkel, Michael Maertens als vertrottelter Arzt, der mit seinem Puppentheater alle nervt, Dörte Lysseewski als komisches Hippiegirl, Tino Hillebrand und Marie – Luise Stockinger als nichtssagendes Ehepaar und Fabian Krüger als Jungschriftsteller. Krüger als hilfloser, unfreiwilliger Don Juan hat noch die beste Rolle – und er weiß sie zu nützen.

Was dem Stück fehlt, ist Spannung. Ein Gag spult nach dem anderen ab. Der Witz kommt aus der tiefsten Schublade und ist immer vorhersehbar. Da ist auch eine Regisseurin wie Barbara Frey überfordert: Wo nix ist, da kann man auch nichts hineinbasteln. Das Publikum lacht brav bei den Gags, aber der Applaus ist nicht mehr als freundlich.

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Werner Schwab: Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos. Akademietheater.

Mit den Puppen von Nikolaus Habjan

Ein Sprachberserker wie Werner Schwab braucht einen Theaterberserker wie Nikolaus Habjan. Er schuf die grauslichsten Puppen für die grauslichen Bewohner des Zinshauses, vielleicht genau so, wie Werner Schwab – wenn er noch lebte – sie hätte haben wollte. Mit ihrem breiten Maul und ihren entsetzlich-hässlichen Gesichtern dürfen sie alle Schweinerein in das Publikum hinaustönen. Und nie wirkt es peinlich, übertrieben. Den Puppen nimmt man alle Gemeinheiten ab – vielleicht deshalb, weil sie Puppen sind. Würden Schauspieler diese abgründig-schweinischen Texte sprechen, wäre die Aufnahme im Publikum weniger gnädig. Einige würden sicher empört den Saal verlassen – wie etwa bei den „Präsidentinnen“, wo nur Schauspielerinnen agieren, geschehen. Puppen schaffen Distanz und in dieser Distanz ist ihnen alles erlaubt: Da beschimpft die bösartige Mutter ihren debilen Sohn, der wiederum träumt davon, ihr ein Messer ins Gehirn oder in die Vagina zu treiben. Ein Vater vergewaltigt genüsslich seine beiden Töchter, die Mutter schaut gelassen zu. Die ganze Familie säuft.

Die Puppen werden wie durch Zauberhand von Nikolaus Habjan, Manuela Linshalm, Sarah Viktoria Frick und Alexandra Henkel hochprofessionell bespielt und belebt.

Nestroy und Bernhard lassen grüßen

In einem aus Plastikhaut bestehendem Wohnhaus (Bühne:Jakob Brossmann – zum Geschehen perfekt hingebaut) agiert, schimpft, droht, flucht der Pöbel im Erdgeschoß – beobachtet und beherrscht von Frau Grollfeuer – grandios, ganz ohne Puppenmaske dargestellt von Parbara Petritsch. Sie ist die Hausbesitzerin und schaut vom ersten Stock auf das Treiben ihrer Mieter herab. (Nestroy lässt grüßen!). Dazu muss angemerkt werden, dass Werner Schwab mit dem Stück keine Sozialkritik intendierte: „Meine Aufgabe ist, die Dinge bei sich zu lassen, anzusehen, auszubauen, und nicht zu kritisieren“ (Nachzulesen im Programmheft, Auszug eines Interviews, das Joachim Lux 1992 mit dem Autor führte)

Im zweiten Teil lädt Frau Grollfeuer die ganze Mischpoche anlässlich ihres Geburtstages zu sich in den Oberstock ein. Alle schaufeln gierig, saufen, was das Zeug hält, bis sie tot umfallen, von Frau Grollfeuer genüsslich vergiftet. Danach hält sie in einem Bernhard ähnlichen Monolog (Chapeau für diese Meisterleistung!) Abrechnung mit ihrem Egoismus und Selbstverliebtheit. Beides hat sie in die Alterseinsamkeit getrieben. Keine Lösung außer vielleicht Selbstmord durch Zutodesaufen in Sicht. Nebel und ein Urknall lassen das Plastikhaus zusammenbrechen. Anzumerken wäre, dass die übertriebene Länge des Monologs sehr viel von der Wirkung nimmt. Kürzen wäre keine schlechte Idee!

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Medea, Simon Stone nach Euripides

Am besten, man vergisst vom Anfang an Euripides und Grillparzer. Denn diese Medea hat nur peripher mit der antiken Figur zu tun: Sie ist mit einer Memme verheiratet, hat mit ihm zwei Kinder, ist rasend auf die junge Geliebte eifersüchtig, bringt sie um, zündet Haus, Kinder und sich am Ende an. Ihr Mann bleibt fassungslos über.

Hat man als Zuschauer erst einmal die tragische Figur der Medea aus dem Gehirn verbannt und sich auf Anna, Ärztin und psychisch sehr labil (Caroline Peters) eingestellt, dann erlebt man einen spannenden Abend, dem allerdings die Fallhöhe, die tiefe Tragik einer antiken Figur fehlt. Es ist ein Ehedrama, wie man es zwar nicht alltäglich (Gott sei Dank) erlebt, aber das Grundschema – Frau wird für eine jüngere Geliebte stehen gelassen und reagiert heftig – ist ziemlich häufig. Stone bricht die Tragik ins Verstehbare hinunter, verankert die schaurigen Taten Annas in ihrer gekränkten Eifersucht und banalisiert sie so.

Stechend weiße Mauern, an denen das Auge keinen Halt findet, umgeben die Figuren. Sie tauchen auf, verschwinden im Nichts, Schemen ihrer eigenen Persönlichkeit. Regie (Simon Stone) und Bühnenbild (Bob Cousins) setzen konsequent auf klinisch-kaltes Ambiente.

Anna wird aus der psychiatrischen Anstalt entlassen. Ihr Mann (Steven Scharf) erwartet sie. Der distanzierte Dialog zwischen den beiden wird über ein Video übertragen -man erlebt die Hoffnung, dann die langsame Enttäuschung Annas, die auf einen Neuanfang gehofft hat. Caroline Peters spielt diese nervige Anna ganz grandios.

Spannung baut sich auf

In der ersten Hälft zieht sich die Handlung dahin, von unnötigen Passagen unterbrochen und in ziemlich abgehackten und banalen Dialogen erstickend. Ab der Mitte wird es dicht. Anna und Lukas sind im innersten Kampf und wir erfahren, dass Anna als Wissenschaftlerin auf die Lorbeeren ihrer Forschung zu Gunsten ihres mittelmäßig begabten Mannes gerne und aus Liebe zu ihm verzichtete. Doch er dankte ihr es nicht, sondern machte sich an die Tochter des Firmenbesitzers (ziemlich farblos: Mavie Hörbiger) heran. Von da an rast Anna und rastet aus. Vergiftet so peu à peu ihren Mann (schon ziemlich heftige Eifersucht!, aber solche Eifersuchtsaktionen sollen ja häufiger vorkommen als man gemeinhin annimmt), kämpft verbissen um Mann und Kinder. Wie Caroline Peters diesen Kampf konsequent bis zur Raserei darstellt, ist große Schauspielkunst. Steven Scharf als ihr Mann Lucas (für den erkrankten Meyerhoff) ist die ideale Besetzung: Feige, immer ausweichend, hoffend, dass sich Anna verständig zeigen wird. Der furiose Schluss beeindruckt: Anna bedeckt sich und ihre Kinder mit Asche, die langsam von oben herabrieselt.

Lange Applaus und für Caroline Peters viele Bravorufe

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Das hässliche Entlein und Tausendundeine Nacht am 21. Dezember 2019

Der Titel „Märchenwelt“ erfüllt sich voll und ganz – nicht nur für Kinder, die begeistert mitgehen, auch für Erwachsene, sofern sie Märchen und Ballett lieben. Die Kombination beider ist perfekt gelungen.

Das hässliche Entlein – Musik: Mussorgski/Ravel, Choreographie: Andrey Kaydanovskiy

Die Geschichte ist einfach und für Kinder gut verstehbar: Das hässliche Entlein – an diesem Abend getanzt von Alexander Kadem – wird am Hühnerhof von allen zurückgestoßen, muss ihn verlassen, zieht hinaus in die Welt und macht einige traurige Erfahrungen. Erst als Schwäne ihn als einen der Ihrigen anerkennen und er zum „stolzen Schwan“ mutiert, ist die Welt für ihn in Ordnung. Mit Humor und viel Witz wird die offensichtliche moralische Aussage des Märchens durchkreuzt. Denn nichts ist peinlicher als ein allzu offensichtlicher Zeigefinger.

Das Ensemble der Schwäne, Enten und Hühner tanzt entzückend, besonders humorvoll sind die Rollen der beiden Küken (Zuzanna Kvassayova und Mila Schmidt). Wenn sie in Kükenmanier über die Bühne watscheln, ist man schon mitten in der Welt der Hühner! Alexander Kaden als hässlicher Schwan ist rührend traurig, man leidet mit ihm. Eine Bitte hätte ich an den Dirigenten Alfred Eschwé: Am Beginn der „Bilder einer Ausstellung“ die Bläser weniger martialisch erklingen lassen!

Tausendundeine Nacht- Musik Nikolai Rimski-Korsakow: Scheherazade“. Choreographie: Vesna Orlic

Nicolaus Hagg adaptierte den Text aus „Tausendundeine Nacht“ geschickt für das Ballett, indem er den „Guten Geist aus der Lampe“ als Erzähler einführte. Kinder und Erwachsene waren von Boris Eder als launig-kauziger Erzähler im bunten Märchengeand schwer begeistert! Als er in einer Riesenlampe mitten im Publikum erschien, da kannte das Entzücken der jungen Zuschauer keine Grenzen!

Aladin ( Felipe Vieira) liebt schon seit seiner Kindheit die Prinzessin Budur (Dominika Kovacs-Galavics), ohne zu wissen, dass sie eine Prinzessin ist. An ihrem 18. Geburtstag hält ein reicher Wesir (Samuel Colombet) um ihre Hand an. Als sie ihn zurückweist, lässt er sie von seiner Truppe entführen. Der tapfere Aladin kämpft sie frei und bekommt sie zur Frau. In einer zauberhaften Kulisse und in farbenreichen Kostümen (beides: Alexandra Burgstaller) wird vom ganzen Ensemble mit ganzem Einsatz getanzt. Unter den wirklich guten Leistungen möchte ich Felipe Vieira als Aladin und Samuel Colombet als Wesir ganz besonders hervorheben. Die beiden legen Kampfszenen hin, dass man nur staunen kann! Sie wären durchaus als Solistin geeignet!

Ein amüsanter Ballettabend auf hohem Niveau, nicht nur für Kinder!

Weitere Termine unter:

http://www.volksoper.at, www.wiener staatsballett.at

Lucia Puenzo: Der Fluch der Jacinta Pichimanahuida.

Verlag Wagenbach. Aus dem argentinischen Spanisch übersetzt von Rike Bolte.

Wer von Lucia Puenzo den spannenden und sehr gut geschriebenen Roman über ausgebeutete Straßenkinder in Buenos Aires und Uruguai kennt („Die man nicht sieht“), der wird  nach der Lektüre  über Jacinta P.überrascht und auch enttäuscht sein. Der Fluch der J.P. ist  eine wahre Geschichte, die die Autorin romanhaft verarbeitet hat. Wieder geht es um ausgebeutete Kinder. Für eine Fernsehserie über eine Lehrerin und ihre Schüler werden Kinder gecastet. Die genommen werden, denen wird ein zukünftig eigenständiges Leben verwehrt, weil sie immer die Figur aus dem Stück bleiben. Pepino und Twiggy gehörten zu ihnen. Was auf den ersten Blick als Glück erschien, entpuppt sich als Fluch. Der Drehbuchautor lässt die Kinder wie Marionetten agieren, immer seiner Schreibe gehorchend. Twiggy aber wehrt sich, wird drogensüchtig.

Das Thema wäre spannend. Aber leider verpatzt Lucia Puenzo diesmal ihre Chance. Aus dem aufregend-wichtigen Thema wird ein Plot, der in alle Richtungen zerfließt. Erzählzeitebenen verschwimmen, Figuren verlieren sich im Nirgendwo des Textes. Der Leser (sprich ich) gab es auf S 107 auf, dem wirren Schicksal der einzelnen Kinderschauspieler zu folgen

http://www.wagenbach.de

Volker Hage: Die freie Liebe. Luchterhand Verlag

Volker Hage ist ein Literaturmensch, forscht, lehrt und schreibt über Literatur. Seine Romanbiografie über Arthur Schnitzler „Des Lebens fünfter Akt“ ist feinsinnig und einfühlsam geschrieben. Also wurde ich neugierig und las „Die freie Liebe“. Darin verarbeitet der 1949 geborene Autor wohl vieler seiner eigenen Erfahrungen über die sexuellen Freiheiten der späten 60er und 70er Jahre, die sich der Jugend plötzlich eröffneten. Gerade hatte sich Wolf aus einem engen Elternhaus und von einer frustrierenden Beziehung befreit, ist  nach München gezogen, um zu studieren, da erlebt er in einer WG „die große sexuelle Befreiung“ – er verliebt sich hals über kopf in die nervige Lisa, die ihrerseits mit dem toleranten Andreas verlobt ist. Es hat den Anschein, als ob die Dreierbeziehung funktionieren könnte. Aber eben nur könnte.

Das wirklich Interessante an diesem Buch sind nicht die ausführlichen Beschreibungen der sexuellen „Tätigkeiten“, sondern die Hinweise auf Filme und Bücher, die in den 70ern aktuell waren. Der Rest ist langweilig und nicht immer glaubwürdig. 

http://www.randomhouse.de/Verlag/Luchterhand-Literaturverlag/2400.rhd

Leonard Bernstein, Wonderful Town. Volksoper Wien.

Sarah Schütz (Ruth Sherwood) und das Wiener Staatsballett

Eine Hommage an Leonard Bernstein anlässlich seines 100. Geburtstages. Warum gerade dieses Stück, das ziemlich seicht ist? „West Side Story“ oder „Candide“ hätten Bernstein sicher besser als Geburtstagsgeschenk gefallen.

Also gut: „Wonderful Town“ – Musik schwungvoll, alles da: Rock, Twist, Swing – nur manchmal überlaut, dass sie in den Ohren dröhnt (Dirigent James Holmes).

Inhalt: schnell erzählt: Zwei Schwestern aus der Provinz erleben Abenteuer in New York während der  „goldenen 20er Jahre“ und finden natürlich ihren Traummann. Als besonderes Tanz- Gesangs- und Schauspieltalent fällt Sarah Schütz als die Intellektuelle“ der beiden Schwestern auf. Sehr gute Choreographie der Tanzszenen (Melissa King), etwas düstere Kulissen (Mathias Fischer-Dieskau), farbenfrohe Kostüme. Gute Gesamtleistung des Ensembles.

Fazit: Für Liebhaber des Musicals zu empfehlen. Wer wegen  Bernstein kam, wird vielleicht enttäuscht sein.

 http://www.volksoper,at 

Francesca Melandri, Alle außer mir.

Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Wagenbach Verlag

Francesca Melandri ist eine gute Erzählerin, die geschichtliche Fakten geschickt mit einem romanhaften Geschehen verknüpfen kann, wie etwa in dem Roman „Eva schläft“.Das Rezept wendet sie auch diesmal an. Aber sie läuft in die Falle, die sie sich selbst gestellt hat: Sie kann von dem eifrig zusammen getragenen historischen Fakten über die Geschichte Äthiopiens, die Zeit der italienischen Kolonialherrschaft, über die Politik der Ära Berlusconi, über die aktuelle Flüchtlingspolitik auf kein erforschtes oder erarbeitetes Detail verzichten. Streckenweise liest sich der Roman wie eine historische Dokumentation. Um es dem Leser besonders schwer zu machen, gibt es den Namen der Hauptperson gleich fünfmal, aber immer ist es wer anderer. Dazu verschränkt sie die Zeiten und ändert den Erzählstil – alles insgesamt sehr mühsam zu lesen.

http://www.wagenbach.de

Peer Gynt. Ballett an der Wiener Staatsoper

Edward Clug, Ballettchef am Slowenischen Nationaltheater in Maribor, zählt zu den  Choreographen, die das erzählende Ballett ohne peinliche Übergestik auf die Bühne bringen.  

An der Wiener Staatsoper sah man (letzte Aufführung am 10. Dezember) seine kluge Bearbeitung von Ibsens Drama „Peer Gynt“. Durch die feinfühlige musikalische Zusammenstellung mit ausschließlich Werken von Edvard Grieg gelang ein rund um gelungener, faszinierender Ballettabend. „Peer Gynt“  wird zur Parabel von einem, der nicht begreift, was im Leben am wichtigsten ist -die Liebe. Von Eitelkeit und kindischem Egoismus getrieben tanzt er durch das Leben, zerstört Beziehungen, reist durch das Land der Trolle, zeugt mit der Frau in Grün (ausgezeichnet getanzt von Nikisha Fogo) ein Kind, fliegt nach Marokko, wo er sich wie mieser Kolonialherrscher aufführt und landet für eine Zeit im Irrenhaus. Denys Cherevychko verkörperte alle Altersstufen Peer Gynts ausgezeichnet: den schlaksig-unbekümmerten Knaben und den satten, egoistischen Mann, der am Ende seines Lebens als gebrochener Greis zu Solveig zurückkehrt. Nina Polákova – einmal nicht in der Rolle einer eiskalten Frau – verkörpert Solveig mit Anmut und tänzerischer Leichtigkeit. Berührend ist die Schlussszene, in der sie das Haus auf dem Rücken tragend Peer Gynt einlädt, einzutreten. Doch für ein gemeinsames Leben ist es zu spät.

Edward Clug fügt Peer Gynt einen Hirsch als Alter Ego bei, der ihn in die Welt hinauslockt, zu den unmöglichsten Abenteuern verleitet. Zsolt Török tanzt ihn mit verführerischer Grazie. Die Figur des Todes (Eno Peci) entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Statt Peer Gynt in sein Reich zu führen, paukt er den Draufgänger immer wieder aus gefährlichen Situationen heraus. Humor ist ein wesentlicher dramaturgischer Griff von Edward Clug – wobei ihn Leo Kulas mit fantasievollen Kostümen und Marko Japeli mit verblüffend einfachen Bühnenbildern tatkräftig unterstützen. Dazu kommt noch die verführerisch schöne Musik Edvard Griegs, die Simon Hewett mit hoher Konzentration auf die Tänzer und sehr einfühlsam dirigiert. Ein Abend, den man voll genießen kann, ohne sich bei jeder Szene nach der Symbolik und dramatischen Aussage fragen zu müssen. Zurücklehnen, hören, schauen und staunen! 

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Juli Zeh ist Meisterin im Finden aktueller Themen. In ihrem vorletzten Buch „Unterleuten“ legt sie ihren Schreibfinger auf das Leben in einem Dorf im ehemaligen Ostdeutschland, schildert tief in die Seelen der Bewohner schürfend deren Abgründe.

In ihrem neuesten Roman „Neu Jahr“ scheint alles zu passen: Nette Familie, Vater, Mutter, zwei Kinder. Vater Henning beschließt über Weihnacht ein Ferienhaus in Lanzarote zu buchen. Alles perfekt: Wetter, Haus und Insel. Bis sich Henning aus einem ihm unerklärlichen Trieb heraus früh am Morgen aufs Fahrrad setzt und nach Femès hinaufradelt. (Kennt Juli Zeh den wunderbaren Roman „Mararía“ von Rafael Arozarena? Er spielt  in Femès der 1950er Jahre, als Insel und Dorf noch im dunklen Mittelalter lebten) Oben angekommen labt Lisa, eine alleinstehende Frau und Künstlerin, den total Erschöpften. Ein Brunnenschacht, bemalte Steine im Ausstellungsraum rufen in ihm Erinnerungen aus der Kindheit wach. Er war schon einmal in diesem Haus, hat schreckliche Dinge erlebt, von denen er bis ins Erwachsenenalter Albträume und unerklärbare Erregungszustände hat. Der Sommer mit seinen Eltern und seiner Schwester steigt in seiner Erinnerung auf. In diesem Haus hat sich Fürchterliches abgespielt! Vor den Augen des Lesers entwickelt July Zeh einen Seelenkrimi, spannend wie ein echter Thriller.

Großartig, wie Juli Zeh die Zaubermacht der Insel Lanzarote mit unserer heutigen, nüchternen Welt verknüpft. Auf der Vulkaninsel kommen im Menschen Kräfte hoch, wie durch Magma ins Bewusstsein getrieben. Das kann befreiend sein für denjenigen, der die Erkenntnisse akzeptiert, aber auch bedrohlich und alle Kraft raubend.

Juli Zeh einmal ganz anders! Absolut lesenswert.

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Natürlich denkt man sofort an Schnitzlers „Reigen“, insbesondere an die Szene „Das süße Mädel und der Dichter“. Glattauer dreht jedoch die Verhältnisse um: Das süße Mädel ist gar nicht süß. Martina Ebm als Lisa ist frech, selbstbewusst, vor allem jung und heizt dem um Jahrzehnte älteren und arroganten Dichter Frederic Trömerbusch (August Zirner) ganz ordentlich ein, reduziert seinen männlichen Stolz auf Null, empfiehlt ihm Viagra, gibt ihm zu verstehen, dass sie von seinen Romanen ebenso wenig hält wie von seiner Männlichkeit. In dieser Schlüsselszene zeigen beide ihr Können: Ohne ins Klischee des abgehalfterten Dichters und Mannes allzu sehr abzugleiten, lässt August Zirner die Verletzlichkeit spüren, die in dem großen  „Dichterfürsten“ liegt. Martina Ebm ist ehrlich, brutal -offen und fast unsympathisch in ihrer aufdringlichen Jugendlichkeit. Glattauer spielt hier gekonnt mit dem Klischee „älterer Mann“ und „junge Frau“. 

Klischees aufzudecken, sie vordergründig zu bedienen und zugleich zu demaskieren, ist ja Glattauers Stärke. Er lässt das Stück in einem ehemaligen Luxushotel, das seine Glanzzeit schon lange hinter sich gelassen hat, spielen. Fauteuils, Betten aus den frühen 60er Jahren, eine verblasste Tapete füllen die Bühne (Ece Anisoglou). Der verzweifelte Erbe dieses schäbigen Hotels mit dem bezeichnenden Namen David-Christian  Reichenshoffer  (Dominic Oley) – er hofft vergeblich auf reiche Gäste -möchte mit  Lesungen und Interviews bekannter Persönlichkeiten ein kulturaffines Publikum anlocken. Susa Meyer als supergut vorbereitete und in Anbetung erstarrende Interviewerin und August Zirner als gelangweilter „großer Dichter“ sind das Paradebeispiel für Interviews der langweiligsten Art, wie man sie aus „Gesprächsrunden mit wichtigen Persönlichkeiten“ aus Radio oder Fernsehen kennt. Alles geht schief, der Dichter boykottiert die Fragen der allzu peniblen Moderatorin, der Hotelbesitzer erkennt, dass mit den „Sternstunden“, wie er die Gespräche nennt, keine Gäste anzulocken sind. „Ich habe ein Kulturhotel und keine Kultur“ – mit dieser Erkenntnis kündigt er seiner glücklosen Moderatorin.

Daniel Glattauer hat wieder einmal dem Hang nach einem positiven Schluss nachgegeben und lässt die beiden Verzweifelten, den gerade von seiner jungen Geliebten geschassten Dichter, und die arbeitslose Moderatorin zusammenfinden. Die energiegeladene Lisa angelt sich den gescheiterten Hotelier. So ein Schluss verlangt von den Schauspielern eine gehörige Portion Ironie, um sie aus dem Griff des all zu Platten zu befreien. Das Quartett schafft das locker, professionell unterstütz vom Regisseur Michael Kreihsl.

Man schmunzelt, lacht, erkennt eigene Eitelkeiten und die unserer Gesellschaft. Perfekt, vielleicht ein wenig zu glatt-perfekt. Unterhaltsam allemal.

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Festspielhaus St. Pölten

Ein herrlicher Spaß auf hohem Niveau! Zunächst beginnt alles sehr harmlos: Auf der Bühne – eine Familienidylle: Kleinkinder spielen, Frauen und Männer stricken, häkeln und sticken. Eine ganze Weile. Langsam verändert sich das Bühnenbild, ein Glaskirchenfenster wird hochgezogen, die Möbel werden zu einer Art Empore aufgebaut, auf der sich die Musiker etablieren. Männer – manche in weißen Hemden und „Huber-Unterhosen“, wohl um die Familienatmosphäre zu unterstreichen – und Frauen spazieren umher, reden und singen unverständliche Texte, zu denen auch getanzt wird. Man meint in einer Dada-Aufführung der 20er-Jahre zu sitzen, wo Sophie Taeuber-Arp surrealistische Lauttexte tänzerisch interpretiert. Figurentanz auf Rollschuhen. Doch bald geht es an die Sache: Die Truppe formiert sich, man „spielt“ eine Messe der ungewöhnlichen Art – daher auch der Titel. Die Musik schwankt zwischen Volksmusik und Kirchenmusik. Kirchendisco auf Dada! Ungewöhnliche Instrumente, wie das Hang oder die Säge, entführen in ferne Welten.

Zwischen Traum und harter Zirkusrealität entwickelt sich spielerische Akrobatik: Menschenpyramiden, Trapezkunst ohne Netz, fliegende Körper ohne Schwerkraft.  Dazu immer wieder Anspielungen an das Kirchenritual – nie provokant oder peinlich, sondern intelligent- ironisch: Eine Kirchenbank wird zum Kreuz, das einer über die Bühne schleppt, eine Taufe wird zelebriert, Weichrauchgefäße surren durch die Luft. Das einmalige Feuerwerk an Phantasie und Können begeisterte das Publikum. Am Ende präsentierte sich die Truppe mitsamt Kleinkindern und Baby, um zu demonstrieren: Wir sind eine Familie! Den Kern des aus Kanada stammenden Ensembles bilden Antoine Carabinier, Geneviève Gauthier, Julie Carabinier und Alain Carabinier

 Festspielhaus St. Pölten: Am 22., 23., 24. März 2019 wir der Cirque Eloize gastieren. Spaß, Akrobatik und Poesie!.

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Aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch. Tropen Verlag

Michal Hvorecky, geboren 1976 in Bratislava, ist Autor, Journalist und engagierter Kämpfer für die Pressefreiheit und gegen antidemokratische Bestrebungen. In dem Roman „Troll“ führt er uns die allzu nahe Zukunft vor Augen: Die EU – lahme Ente, die Trolle im Internet beherrschen das politische Geschehen im „Reich“ – eine Anspielung auf Russland oder auch andere Diktaturen. „Trolle“ agieren im Internet ohne Identität, verbreiten Hass und Unwahrheiten, die emotional geladen und so geschickt getarnt und formuliert sind, dass die Community sie für wahr hält. Nachrichten dieser Art verbreiten sich im Netz in unglaublicher Schnelligkeit und können Wahlen manipulieren und Staaten destabilisiere

Der namenlose Erzähler lernt in einer Heilanstalt die schwer traumatisierte, drogenabhängige und hoch intelligente Johanna kennen. Die beiden werden Freunde und beschließen gegen das autoritäre System und die Lügen im Netz zu agieren. Sie lernen sich als Trolle im Internet zu bewegen, torpedieren die Zentrale der Trolle, setzen sie außer Kraft und gründen ein Team von Freiwilligen, die alle Lügen des Staates aufdecken und in den Schulen Medienerziehung einrichten, damit die Jugend auf Propaganda und Lügen richtig reagieren lernt. Doch der „Sieg“ ist fragil, immer wieder wird Johanna angegriffen. Der Erzähler hat sich einer Gesichtsoperation unterziehen müssen, weil der Mob seine Identität im Netz aufgedeckt hat und sich ganz aus dem Internet zurückgezogen.

Was dem Leser  vielleicht als übertrieben oder als ferne Zukunft erscheint, ist beinharte Realität, die schon in den Startlöchern lauert. Ein Roman, der allen, wirklich allen, die noch an eine bourgeoise Sicherheit glauben, dringend zu empfehlen ist. Sicherheit ist nirgendwo, das ist die bittere Conclusio des Romans. Er erinnert in seinem Bedrohungsszenario an Houellebecqs „Unterwerfung“. Das rasante Tempo und der messerscharfe Stil, in dem Michal Hvorecky erzählt, entspricht ganz der Gefährlichkeit des Geschehens. 

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Sona Mac Donald und Joseph Lorenz lasen aus dem berühmten Briefwechsel zwischen Peter Tschaikowski und Nadesha von Meck. Am Klavier: Boris Bloch. Silvia Adler, Gesangspädagogin in Darmstadt, wählte aus den 1200 Briefen, die sich die beiden zwischen 1876 und 1890 schrieben, besonders diejenigen aus, die das langsame Vertrautwerden, den Höhepunkt ihrer Beziehung und das Abflauen bis zum bitteren, unerklärlichen Ende zeigen. In einem Flyer kann sich das Publikum über diesen seltsamen Briefwechsel und die schwierige Beziehung zwischen den beiden Persönlichkeiten vorinformieren (sehr nützlich!).

Als Peter Simonischek und Brigitte Karner 2016 diesen Briefwechsel lasen, legten sie das Hauptgewicht auf die Fürsorge und Sorge, die die Gönnerin für den großen Komponisten hegte. Von Liebe war nur vorsichtig, eher als liebevolle Freundschaft die Rede.  Und es blieb immer eine Lesung.

Zwischen Sona Mac Donald und Joseph Lorenz hingegen entstand vom ersten Moment an eine dramatische Spannung. Der reichen Witwe Nadesha von Meck, Mutter von elf Kindern und große Musikliebhaberin, ging es in erster Linie um Liebe. Sie schlich sich mit ihrer unendlichen Bewunderung und großzügigen finanziellen Unterstützung in die Seele des Komponisten ein. Vorsichtig, sehr vorsichtig steigerte Sona Mac Donald die Temperatur – zuerst sehr gemäßigt, voller fast unterwürfiger Bewunderung, dann immer fordernder – eine Fotografie und das Duwort sollen mehr Nähe erzeugen – bis zum  Liebesgeständnis.    Da wird nicht zart angedeutet, sondern voll aus- und angespielt. 

Joseph Lorenz hat den weitaus schwierigeren Part. Ab dem Augenblick, wo er die Bühne betritt, ist er der verbitterte, verarmte, misstrauische Dichter. Der Mund verkniffen, die Augen halb geschlossen geht er nur sehr zögernd auf die Anfragen dieser reichen Witwe ein. Was will sie von ihm? Liebe kann er ihr nicht geben, wie sie es mit immer größerer Deutlichkeit verlangt. Wohl aber Freundschaft, aus Distanz bitte! (Sie begegneten einander nur zweimal sehr flüchtig auf der Straße). Als er Nadesha, seiner lieben Freundin, wie er sie inzwischen nennt, seine erzwungene Ehe gesteht, da windet er sich in Verzweiflung, nahe am Wahnsinn. Nadeshda von Meck leidet, aber reagiert mit Kalkül: Sie überweist ihm eine große Summe, damit er sich weit weg von der ungeliebten Ehefrau erholen kann. Ein Kammerschauspiel der besonderen Art liefert daraufhin Lorenz ab: Er windet sich zwischen Demütigung und Demut und Dankbarkeit, die er doch immerhin zeigen muss. Aber kein Wort von Liebe. Die kann er nicht empfinden, nicht so, wie Nadeshda es sich ersehnt. Nach zwei glücklichen Sommern, in denen sie nahe beieinander wohnen, aber nicht direkt Kontakt haben, ist diese Liebe ihrerseits zu Ende und die finanzielle Unterstützung ebenfalls. Warum, weiß auch Tschaikowski nicht. Er ahnt es zwar.

Beiden Schauspielern gelingt es, aus einer Lesung ein Drama zu gestalten, das die Seelenzustände beider Protagonisten bis ins Detail nachzeichnet. Ein großartiger Abend! 

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Margret Greiner

Margret Greiner ist Expertin für Künstler-Romanbiografien. Dank intensiver Recherchen und einer feinen Feder veröffentlichte sie bereits einige Porträts interessanter Frauen, wie Emilie Flöge, Charlotte Salomon oder Margrethe Stonborough-Wittgenstein.

Nun also Sophie Taeuber-Arp, die wenig bekannt ist und doch zu ihrer Zeit großen Einfluss auf die Dada-Bewegung, die Anerkennung des Kunsthandwerkes als Teil der Kunst und die Strömung des Konstruktivismus hatte.

Bei der Lektüre des Buches steigt der Respekt vor der Autorin! Mit welcher Akribie und Forschungsfreude sich Margret Greiner in eine doch wenig bekannte Welt eingelesen, Briefe „ausgegraben“ und die verschiedenen Verbindungen unter bekannten und weniger bekannten Künstlern aufgezeigt hat, das gleicht wertvoller wissenschaftlicher  Grundsatzarbeit. Dennoch liest sich das Buch nicht wie eine trockene wissenschaftliche Abhandlung, da Margret Greiner mit viel Empathie immer nahe am Leben von Sophie Taeuber-Arp dranbleibt. Allerdings ermüden manchmal die zahlreichen  Namen von Künstlern, die heute vielleicht nur mehr Spezialisten der Szene bekannt sind.

Sophie Taeuber stammte aus Appenzell in der Nordostschweiz. Sie arbeitet von 1916 – 1929 als Lehrerin an der Kunstgewerbeschule in Zürich, wo sie sich für die Aufwertung des Kunstgewerbes aktiv einsetzt und gegen die Vereinnahmung durch Kitschproduktionen wettert. Vielseitig und neugierig wie sie ist, tanzt sie im „Cabaret Voltaire“  und erregt großes Aufsehen. Bald lernt sie den Maler, Lyriker, Dadaisten, Konstruktivisten und Surrealisten Hans Arp kennen. Trotz aller Differenzen im Lebensstil werden die beiden heiraten und gemeinsam in der Avantgarde des 20. Jahrhunderts tonangebend sein. Ihr Abscheu vor dem Hitlerregime zwingt beide nach Südfrankreich zu fliehen, wo sie bei Freunden in Grasse Unterschlupf finden. Doch bald müssen sie auch von dort fliehen. Sie erhalten Visa für die Schweiz, wo Sophie 1943 an einer Kohlenmonoxydvergiftung stirbt.

Margret Greiner hebt in dieser Romanbiografie die vielseitige künstlerische Kraft von Sophie Taeuber-Arp hervor. Sie war nicht nur eine exzellente Lehrerin, eine überaus begabte Tänzerin und Innenarchitektin, sondern auch eine konsequente Malerin. Ihre abstrakten Bilder fanden Anerkennung im Kreis der Konstruktivisten und sind heute in verschiedenen Museen zu bewundern.

Am 13. November war Olga Esina in der Rolle der Nymphe Sylvia zu erleben. Und es wurde, wie erwartet, ein großartiges Erlebnis. Die Choreografie des Ballettchefs Manuel Legris, die wunderbare Musik von Léo Delibes, einfühlsam dirigiert von dem erfahrenen Ballettmusikkenner Kevin Rhodes, und die Gesamtleistung des Ensembles ergaben einen runden, in sich stimmigen, sehr romantischen Abend. A propos „romantisch“. Ich möchte an dieser Stelle auf den Artikel von Wilhelm Sinkovicz, erschienen  in der „Presse“ vom 11. November 2018, hinweisen, wo er unter dem Titel „Die Sehnsucht nach dem Schönen, die Angst vor dem Kitsch“ den Mangel an großen Gefühlen auf der Bühne anmahnt. Im Alltag, so Wilhelm Sinkovicz, gieren wir nach mehr Romantik. Auf den Bühnen meiden Regisseure und Bühnenbildner sie oft aus Angst, als kitschig, gefühlig abgeurteilt zu werden. Nun: Legris und die congeniale Kostüm- und Bühnenbildnerin Luisa Spinatelli kennen diese Angst nicht. Gut so! Da darf ein Hain, die Statue des Eros, der Tempel der Diana auf der Bühne sein, da darf Eros in einem sexy Tanger, Diana, Sylvia und alle weiblichen Tänzerinnen in zarten, an die Antike und ihre Feste erinnernden Kostümen tanzen. Oft wird man an die Tableaux von Antoine Watteau erinnert, dann wieder an Ausschnitte aus pompejanischen Wandgemälden oder an Gruppierungen, wie sie gerne John Neumeier auf die Bühne bringt. Manuel Legris ist ja ein bekennender Bewunderer von John Neumeier.

Die Rolle der Nymphe Sylvia ist Olga Esina wieder einmal auf den Leib geschrieben. Sie ist fähig, die subtilsten Regungen auf ihre Bewegungen zu übertragen. Niemals absolviert sie nur eine „Performance“, sondern zeigt, was an Gefühlen der Figur innewohnt.

Credits: Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

Sylvia ist eine treue Gefährtin der Göttin Diana, die von sich selbst und von Sylvia totale Abstinenz in Sachen Liebe verlangt. Katevan Papava gibt die Diana als stolze, unter ihrer Lieblosigkeit leidende Göttin ganz ausgezeichnet. Ein Leben ohne ERos? Das kann sich der Gott nicht bieten lassen. Er greift ein. Der junge Tristan Riedel ist nicht nur verboten schön, sondern kann auch tanzen! Nun dreht sich alles um Erotik , Lebensfreude. Gestört wird dieses romantische Lebensgefühl von dem „Schwarzen Jäger Orion“, der Sylvia mit sich in sein finsteres Reich entführt. Robert Gabdullin macht seine Sache als Bösewicht recht gut, aber irgendwie fehlt ihm noch ein Schuss gefährlicher Männlichkeit. Die hätte Vladimir Shishov reichlich bieten können. Was wäre das für eine Paraderolle für ihn gewesen! Aber er musste leider krankheitshalber absagen. Sylvia hat gegen Orion ein leichtes Spiel, sie macht ihn betrunken – und husch ist sie verschwunden. Dass alles in einem fröhlichen Bacchusfest endet, ist klar. Eros hat gewonnen, Sylvia darf ihren Hirtenbuben lieben (Jakob Feyferlik recht passend in dieser Rolle), Diana darf den schlafenden,  immer müden Endymion anschmachten, aber nur aus der Ferne.

Großer Jubel im Publikum, Rosen für Esina und Feyferlik, Extraapplaus für den Dirigenten und für Legris.

Weitere Infos: www.staatsoper.at

Dürrenmatts alte Dame hat wieder einmal Hochkonjunktur. Im Burgtheater versucht Maria Happel sie nicht ganz überzeugend darzustellen, im ORF konnte man Christiane Hörbiger in einem Film aus 2008 als das weichgespülte Monster sehen. Nun also die Inszenierung von Stephan Müller mit Andrea Jonasson in der Hauptrolle. Ein Vergleich der beiden Darstellerinnen Hörbiger und Jonasson zeigt die große Bandbreite  an Interpretationsmöglichkeiten dieser Figur auf: Christiane Hörbiger ist nicht mit ganzer Seele die Rächerin, sie hätte ganz gern auch ein wenig Mitleid mit Ill. Manchmal schimmert in ihren Augen so etwas wie wehmütige Erinnerungsliebe auf. Tatsächlich versucht sie am Schluss den Mord an Ill noch zu verhindern – zu spät, die Güllener haben bereits zugeschlagen.

Ganz anders geht der Regisseur Stephan Müller die Sache an: Radikal, brutal, dämonisch, herrschsüchtig, ohne Mitleid, ohne sentimentale Erinnerungen fordert Claire Zachanassian den Tod Ills. Wenn Andrea Jonasson den Güllenern den Besuch abstattet, dann weiß der Zuschauer sofort: Sie kennt kein Pardon. Sie wird ihr Ziel, die Ermordung Ills , erreichen. In ihrem schwarzen, bodenlangen Mantel, mit Halbglatze und einer ehernen Kappe am Hinterkopf, das Gesicht zu einer hinterhältigen Maske aufgepolstert (Kostüme: Birgit Hutter) ist sie die versteinerte Rachegöttin. Großartig! Ihre Befehle erteilt sie knapp, ihre Gesten sind herrisch und dulden keinen Widerspruch. In Kombination mit dem stummen Butler – Markus Kofler erscheint wie eine Version aus dem Film Fahrenheit 451-, ihren lächerlichen Ehemännern (alle 7-9 von Lukas Spisser) und dem bedrohlich knurrenden Panther ist sie eine herrliche Parodie auf all die reichen Milliardäre, denen das Leben ohne solche Absurditäten nicht lebbar ist. Stephan Müller zippt die Szene in die ganz aktuelle Gegenwart, indem er die Meute der Journalisten und vor allem Journalistinnen (großartig Martina Stilp und Alexandra Kismer) auf die Güllener hetzt. Mit ihrer überlästigen Invasion und Gier nach Storys machen sie sich teilschuldig an der Ermordung Ills. Michael König spielt den Ill als einen schicksalergebenen Einfaltspinsel, der Schritt für Schritt zur Erkenntnis seiner Schuld gelangt. Großartig auch die Schar der scheinheiligen Güllener. Allen voran Siegfried Walther als schmieriger Bürgermeister, André Pohl als Pseudohumanist und Johannes Seilern als gefinkelt argumentierender Pfarrer. Dürrenmatts Drama kann man immer wieder neu inszenieren und das Publikum ist immer wieder neu fesseln, denn die Figuren zeigen die menschlichen, allzu menschlichen Schwächen auf, die wir alle in uns haben.

http://www.josefstadt.org

Volker Hage
Des Lebens fünfter Akt
Luchterhand Verlag

Für alle, die sich für die Literatur um und nach 1900 und für Arthur Schnitzler interessieren, ist dieses Buch ein MUSS. Volker Hages biografischer Roman über Schnitzlers drei letzten Lebensjahre ist ein Seelenporträt vom Feinsten. Obwohl der Autor bis in die tiefsten Gedanken Schnitzlers dringt, wird er nie gefühlig, sondern wahrt immer die notwendige Distanz.

Als Schnitzler die Nachricht vom Selbstmord seiner Tochter Lili erhält, verändert sich für ihn alles. Er fühlt das Alter nahen, liest und archiviert die Tagebücher der Tochter, erleidet dabei ihre seelischen Qualen noch einmal mit .Er muss sich eingestehen, dass er zu wenig  auf die Zeichen achtete, die ihm einen Hinweis auf ihre seelische Instabilität hätten geben können.  Die Trauer hüllt ihn ganz ein. Wären da nicht die Frauen um ihn herum, die ihn quälen, er würde sich nicht mehr spüren. Seine Exfrau Olga möchte wieder zu ihm zurück, die Möchtegernschriftstellerin Clara Pollaczek quält ihn mit Eifersuchtsanfällen und Selbstmordversuchen. Ein wenig Ruhe und Abwechslung bietet ihm Hedi Kempny, die ihn mit  offenherzigen Erzählungen über ihre Erotikabenteuer von seiner Trauer ablenkt. Das Leben wird erst wieder erträglich, als er sich in die junge Suzsanne Clauser verliebt. Sie wird seine Werke ins Französische übersetzen, beide erleben eine tiefe Liebe füreinander, getragen vom  beiderseitigen Verstehen. Volker Hage wagt es sogar, die allerletzten Minuten Schnitzlers, das Herannahen des Todes, bis zum endgültigen Ende zu beschreiben. Ein Wagnis – aber es darf sein, weil es in mitfühlender Distanz geschieht,

Bei aller spürbaren Bewunderung für Schnitzler verfällt der Autor nicht in unkritische Bewunderung. Indem er Schnitzler nüchtern Bilanz über seine vergangenen Amouren ziehen lässt, zeigt er auch die eitle, verantwortungslose Seite des Dichters auf. Wie viele Frauen hat er erobert und gleich vergessen, wie viele unglücklich gemacht! Aber er bereut nichts, sondern bemitleidet sich selbst als ein von den Frauen Umkreister, Getriebener. Bei diesen Rückerinnerungen an gewesene Eroberungen weht ein leiser Hauch von Ironie durch die Zeilen. Das ist gut so und notwendig, damit eine gewisse Objektivität des Autors manifestiert wird.

Lea Singer:
Die Poesie der Hörigkeit.
Hoffmann und Campe Verlag

Man erkennt den Stil der Autorin nicht wieder. Wer etwa die Romanbiografie „Konzert für die linke Hand“ über Paul Wittgenstein gelesen hat, der glaubt es kaum, dass „Die Poesie der Hörigkeit“ von derselben Autorin stammt. Sprachlich absichtlich bis manchmal zum Unverständnis verknappte Satzstrukturen machen dem Leser Mühe, die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Sätzen zu verstehen. Dazu kommen sprachliche Unsinnigkeiten, wie etwa „Benn hatte mit Freiraum geaast“. Man hat den Eindruck, Lea Singer hat zu viel Gedichte von Gottfried Benn gelesen und wollte es ihm an Vieldeutlichkeit bis zur Undeutlichkeit gleichtun. Nur: Gottfried Benn schrieb Gedichte, Lea Singer eine Romanbiografie.

Das Thema: Die Tochter von Carl und Thea Sternheim – Mopsa genannt – verliebt sich schon als Kind in den hässlich – vierschrötigen Gottfried Benn, Arzt und damals in den 20er Jahren schon berühmten Dichter. Doch der Haken ist der: Auch ihre Mutter liebt ihn – mit mehr Erfolg als Mopsa. In diesem ewigen Dreiecksverhältnis spielt sich das Leben ab. Mopsa ist besessen von Benn. Auch als er sich den Nazis anbiedert, sie und die Mutter nach Pars fliehen, sie in ein Lager deportiert wird, dort lebend wieder herauskommt, hat sie nur eines im Sinn: Benn zu sehen und von ihm auch nur ein einziges Mal zu hören: Ich liebe dich. Der hat jedoch andere Frauen, heiratet eine bequeme Ilse, ist nach dem Ende der Nazizeit wieder hoch gelobter Dichter. Mopsa stirbt an Krebs, ohne von ihm ein Liebeswort gehört zu haben.

In jedem Sinn – schwere Kost.

Puccini: La fanciulla del West
Live aus der Met in New York

Was für ein Abend! Noch nie zuvor hörte und sah man derart intensive Sänger-Darsteller. Allen voran Eva Maria Westbroek als Minnie, die Wirtin der Goldgräberschenke. Sie ziselierte diesen Charakter mit unglaublicher Intensität und Wandlungsfähigkeit. Keine Spur von resoluter Schenkenwirtin, wie  Nina Stemme sie zeichnet. Eher ein Mädchen, das mit seiner treuen Fürsorge um „ihre“ wilden Goldgräber von ihnen allen verehrt und heimlich -eben nur heimlich – geliebt wird. Als sie sich für die Liebe zum Banditen Dick Johnson entscheidet, da wird sie zur liebenden Furie. Wenn auch manchmal in all der Aufregung die Stimme in der Höhenlage schrill wird – sie überzeugt trotzdem voll durch ihr Spiel und Gesang. Wie stark sie in der Rolle drinnen ist, merkt der Zuseher in der Pause, als sie vollkommen erschöpft vom Kampf um Dick ein Interview gibt: sie findet nur schwer aus der Rolle in die wirkliche Wirklichkeit zurück.

Durch ihr intensives Spiel zieht sie auch Jonas Kaufmann mit, der zu Beginn einen eher zurückhaltenden Part hat und auch erst zögerlich in die Rolle des ehrlich Liebenden einsteigt. Beide stimmlich großartig im dramatischen Finale. In dieser Inszenierung reiten sie nicht in den Horizont hinaus wie in der Inszenierung, die in Wien mit Kaufmann und Stemme zu sehen war, sondern gehen langsam gemeinsam in einen rosarot gefärbten Horizont. Die Bande der Goldgräber singen ein wehmütiges Adieu.

Marco Armiliato dirigierte frei, ohne Partitur, immer die Musiker und Sänger im Blick behaltend und brachte die Musik Verdis in allen Feinheiten zum Schwingen.

Ein Abend, wie man ihn selten an der Met erlebt!!!

Dennis Lehane: Der Abgrund in dir
Aus dem Amerikanischen von Steffen Jacobs und Peter Torberg. Diogenes Verlag

Der Autor packt in den 500-Seiten starken Krimi alles hinein, was gerade im Krimi- und Belletristikgenre en vogue ist:

1. Die Protagonistin Rachel geht nach dem Tod ihrer Mutter auf Vatersuche – nicht sehr logisch, warum nicht zu Lebzeiten der Mutter.? Das Waisenkind, der Jugendliche ohne Vater – ein beliebtes Motiv in der amerikanischen Literatur.

2. Ihre Vatersuche dauert bis auf Seite 300 – da beginnt  der Leser die Hauptfigur  als sehr nervig zu empfinden und steigt schon teilweise aus.

3. Natürlich darf das in der Belletristik überstrapazierte Motiv „Frau sucht Mann“ nicht fehlen. Rachel findet sehr schnell einen Ehegespons und ist auch sehr schnell wieder geschieden.

4. Rachel macht Karriere. Als berühmte Fernsehreporterin berichtet sie über das große Erdbeben in Haiti, wird aber bald von dort abgezogen, weil ihre Reportagen zu „gefühlig“ sind. Sie selbst kann das Elend, das sie gesehen hat, nicht vergessen, fühlt sich irrationaler Weise für den Tod eines Mädchens schuldig und erleidet so heftige Panikattacken, dass sie sich nicht mehr aus dem Haus traut. Die Panikattacken werden ausführlich – zu ausführlich – beschrieben.

5. Der Leser fragt ungeduldig: Wann beginnt der Krimi?

6. Wie so das Leben spielt: Rachel verliebt sich in einen charismatischen Mann, die beiden heiraten und führen eine glückliche Ehe. Noch immer kein Krimi, aber der Leser beginnt zu ahnen, dass das Glück bald bröckeln wird.

7. Ab Seite 377 wird es wüst – die Welt um Rachel zerbröselt, ist ihr Ehemann ein Krimineller, ein Bigamist?  2 Kriminelle dringen in die Wohnung ein, schießen Rachel ins Rückenmark. Da heißt es: „Die Knochensplitter trieben in ihrem Blutkreislauf“ – doch Rachel marschiert unversehrt aus der Wohnung! Wie geht das????

8. Es kommt noch wüster: Rachel erschießt ihren Ehemann und wirft die Leiche ins Meer. Doch oh Wunder, als sie den Leichnam mit Steinen beschweren will, ist er pfutsch. Denn er lebt….Da spätestens verließ ich die Story.

Le nozze di Figaro
Wiener Staatsoper 12. Oktober 2018

Schade um die schönen Stimmen! Erwin Schrott als Graf Almaviva, Chen Reiss als Susanna, Riccardo Fassi als Figaro und Svetlina Stoyanova als Cherubino bemühten sich redlich, diese Burleske mit Anstand über die Bühne zu bringen. Der Dirigent Sascha Goetzel ebenso. Aber was konnten alle gegen eine platte Burleske-Inszenierung tun? Jean Louis Martinotys Regie und Hans Schavernochs Bühnenbild machten aus der zauberhaften Erotikkomödie ein plattes Lustspiel. Ich dachte mit Wehmut an die Klaus Guth-Inszenierung der Salzburger Festspiele.

Petra Piuk: Toni und Moni. Verlag Kremayr & Scheriau

Heimatromane, Dorfgeschichten haben eine lange Tradition. Zu den besten zählen wohl die Novellen von Marie Ebner von Eschenbach. Sie war eine genaue Beobachterin und kritisierte vor allem die Herzlosigkeit der Oberschicht. Einen liebevoll-verständnisvollen Blick hatte sie für die „kleinen Leute“, deren Nöte sie nur allzu gut verstand. Einen ähnlichen Blick mit Herz und Verstand und wacher Kritik für Strömungen des aufkommenden Nationalsozialismus im ländlichen Österreich hat Theodora Bauer in ihrem Debütroman „Chikago“ (sic!). Juli Zeh wiederum entwirft in ihrem 600 Seiten starken Roman „Unterleuten“ ein kritisches Bild eines Dorfes, das die Zeiten der DDR bis heute nicht vergessen konnte. Mord, Bestechung, Spekulation und Neid sind an der Tagesordnung.

Nun also „Toni und Moni“. Kremayr & Scheriau hat es sich zur dankenswerten Aufgabe gemacht, junge Autoren und Autorinnen besonders zu fördern. Petra Piuk ist eine davon. Sie stammt aus dem Südburgenland und kennt „ihre Pappenheimer“  Im Untertitel „Anleitung zum Heimatroman“ wird die Stoßrichtung deutlich: Mit Witz, Humor und Satire nimmt sie ländliches Denken, Handeln aufs Korn. Da werden Familienidyllen zerstört – : „wie ich der Mama den letzten Verstand raubte“. Seite für Seite wird die Idylle des fiktiven Dorfes Schöngraben an der Rauscher aufgebaut und sukzessive demontiert. Ein Mord geschieht, ohne ihn kommt ja keine Dorfgeschichte aus!  Die Leiche wird zerstückelt und auf dem Viehfriedhof des Dorfes verscharrt. Die Moni heiratet den Toni, bekommt das Kind. Dann vergiftet sie den Toni, erstickt das Kind und erschießt alle Dorfbewohner. Die Heimatidylle als volles Fiasko! Man lacht, weil die Autorin sich in schrägen Ideen überschlägt, dauernd die Erzählperspektiven ändert und überhaupt wie der Puck im Sommernachtstraum ihr Unwesen im Dorf und im Roman treibt. Wer finsteren Humor mag, dem sei das Buch empfohlen.

Verena Stauffer: Orchis. Verlag Kremayr&Scheriau

Ein Romanerstling, der einiges verspricht., Wenn die Autorin einmal ihre ausufernde Sprachphantasie in etwas kontrolliertere Bahnen lenkt, dann darf man in Zukunft einige aufregende Texte von ihr erwarten.

Deutschland, Mitte des 19. Jh., im Erzgebirge. Dort wohnt der Orchideenforscher Anselm – noch immer bei seinen wohlhabenden Eltern. Er ist von der Idee besessen, die seltene Orchidee, den „Stern von Madagaskar“, als Erster zu finden und zu botanisieren.  Dabei treiben ihn wissenschaftliche Neugier und die Sucht nach Ruhm an. Also bricht er zu der Insel im Indischen Ozean auf. Auf dem Schiff findet er einen Interessensgenossen, den Engländer Lendy. Gemeinsam starten sie die gefährliche Expedition in den Osten der Insel. Dabei hat der Leser genügend Gelegenheit, die blühende Phantasie der Autorin zu bewundern. Wie sie die Insel in aller Exotik, Buntheit und Gefährlichkeit schildert, das zeugt von eindrucksvoller poetischer Kraft  Allerdings werden einzelne Passagen ermüdend lange ausgedehnt – eine Kritik, die für das ganze Buch gilt-. Anselm findet wie in einem totalen Sinnesrausch die Orchideen in der vollen Blühphase, dazu noch die seltene Sobralia, die eine ganze Wiese bedeckt. Er verfällt in einen totalen Rausch, den Lendy nicht nachvollziehen kann. Mühevoll kehren sie mit den seltenen Exemplaren beladen in den Hafen zurück und besteigen das Schiff, das sie nach Deutschland zurückbringt. Auf dem Schiff gehen einige wertvolle Exemplare der Orchideen verloren und Anselm wird durch den Schock schwer nervenkrank. Nach der Entlassung aus der Nervenheilanstalt und einer kurzen  Zwischenzeit als Professor an einer deutschen Universität fährt er zu einem Orchideenkongress in London, wo ihn geheimnisvoller Botaniker auf die Fährte einer seltenen Orchidee in China setzt. Dass das alles nur eine Finte war, um Anselm zu blamieren und aus London wegzulocken, erfährt er zwar später. Doch da ist er schon auf dem Weg nach China. Dort gelangt er in ein abgelegenes „Färberdorf“, wo die Bewohner aus einer seltenen Orchidee Stoffe blau färben. Es hat den Anschein, als ob der Wirrkopf und Phantast Anselm endlich angekommen ist.

Der Stil ist ein Gemisch aus banalen Schilderungen (Kutsche besteigen, Koffer packen), langen wissenschaftlichen Abhandlungen und phantasievollen Schilderungen von Landschaften und Traumsequenzen.

Mit diesem Roman muss man Geduld haben, ihn „kommen lassen“ oder besser: sich auf ihn einlassen. Eilige Leser werden ihn bald weglegen.

 

 

Ein Sonntag im Theater: Matinée mit Joseph Lorenz und Marcus Bluhm
Am Nachmittag : Die Reise der Verlorenenen . Am 7. Oktober im Theater in der Josefstadt

Der Sonntag  im Theater in der Josefstadt begann mit einer Matinée. Eva Maria Klinger stellte mit viel Charme und Humor zwei „Neulinge“ im Ensemble vor: Marcus Bluhm und Joseph Lorenz. „Beide sind keine Jungspunds“, meinte sie lächelnd. Beide etwa im Alter zwischen 50 und 60 haben vieles gemeinsam: sie haben eine gelungene Karriere hingeschmissen und sind in den Raum der „Freien“ eingetaucht.  Joseph Lorenz verließ das Burgtheater und begründete seinen Abgang so:“ Was nützt mir ein schönes Zimmer ohne Aussicht?“ Marcus Bluhm wollte eine Familie gründen, zog nach Italien,  heiratete Theresa Hübchen. Joseph Lorenz wurde der Star bei den Festspielen Reichenau und brachte Texte von Zweig, Schnitzler oder Werfel zu intensivem Leben. Nun haben beide nach Jahren des Lebens im Freiraum eine Heimat im Josefstädter Ensemble gefunden.

Am Nachmittag erlebte man Joseph Lorenz und Marcus Bluhm in „Die Reise der Verlorenen“ von Daniel Kehlmann, der die Bühnenfassung basierend auf dem Buch „Voyage of the Damned“ von Gordon Thomas und Max Morgan-Witts schrieb.

Der polnische Regisseur Janusz Kica, schon seit Jahren erfolgreich an der Josefstadt arbeitend, präsentiert dem Publikum einen klaren Faktenchek: Die Schauspieler treten an die Bühnenrampe und schildern dem Publikum – quasi direkt ins Gesicht – ihr Schicksal. Das passiert ohne Larmoyanz, ohne Moralkeule und schon gar nicht Mitleid heischend.  Tausend jüdische Passagiere sollen zu Beginn des 2. Weltkrieges nach Kuba verschifft werden. Doch Kuba verweigert die Aufnahme. Das politische Gezerre zwischen Kubas Präsident, der vor den Wahlen steht und daher gegen die Aufnahme der Flüchtlinge ist, dem Vertreter der jüdischen Vertretung in Amerika, dem amerikanischen und dem englischen Botschafter entpuppt sich als Politfarce. Keiner will die Flüchtlinge aufnehmen, bis sich doch Frankreich, Holland und Belgien bereit erklären, jeweils eine gewisse Anzahl aufzunehmen. Was wie ein „glückliches Ende“ scheint, entpuppt sich als Todesfalle. Die meisten von ihnen kommen in Lagern, die von den Deutschen in diesen Ländern später errichtet wurden, um.

Das ganze Ensemble wird aufgeboten und leistet eine beeindruckende Performance. Allen voran Herbert Föttinger als Kapitän des Schiffes, der verzweifelt versucht, die Passagiere zu retten. Der Applaus war lang andauernd, viele Bravorufe – eine für das Josefstadt-Publikum ungewöhnliche Reaktion.

Die Parallelen zur Gegenwart ergeben sich klar und deutlich. Im Stück wird nicht explizit darauf hingewiesen – was auch nicht nötig wäre. Im Programmheft belegen Zitate aus der gegenwärtigen Flüchtlingsdiskussion die Parallelen.

Fazit: Eine großartige Aufführung. Unbedingt ansehen.

Infos und Karten unter: www.josefstadt.org

Liessmann: Die kleine Unbildung. Gezeichnet von Nicolaus Mahler. Zsolnay Verlag

Eine köstliche Kurzfassung von Liessmanns Scheltensammlung: Bildung als Provokation (ebenfalls Zsolnay).

Da beutelt uns Liessmann ganz schön her, packt unser eingerostetes Denken beim Schopf.. Unterstützt von Nicolaus Mahlers Zeichnungen, der uns Lesern die Dummheit in der Welt und die eigene Dummheit mit kräftigen Strichen vor Augen führt. Witzig, provokant, unterhaltsam allemal. Liessmann weckt uns auf, wenn wir bei den Kultursendungen im ORF 2 und III  über der kritiklosen Berichterstattung eingeschlafen sind. Amüsant, aber eigentlich zum Weinen, wenn er die Bildung als hinschwindendes Gespenst, das es bald nicht einmal mehr als Gespenst geben wird, einmahnt Eine pure Freude hat man, wie er sich auf Begriffe wie „Kompetenz“, „Reformbedarf“, „Evaluierung“ einschießt. Mahler nimmt sie auf die zeichnerische Schaufel, und tut sie als gewogen, aber für zu leicht befunden ab. Man möchte das Büchlein allen Politikern, besonders den für Schule, Kultur und Bildung zuständigen, aufs Nachtkasterl oder den Schreibtisch legen!!

Meine Lieblingszeichnung finde ich auf Seite 73. Anschauen! Ich verrate nicht, was und warum.

Meine Empfehlung: Das Büchlein immer mit sich tragen und bei guten Gelegenheiten daraus zitieren – besonders in „bildungsbeflissener“ Gesellschaft.

Colm Tóibín: Marias Testament
Eine Aufführung der Hamburger Kammerspiele im Theater in der Josefstadt

Regisseur Elmar Goerden bearbeitete den Roman des irischen Autors Colm Tóibín für die Bühne, immer im Hinblick auf die Besetzung Marias durch Nicole Heesters. In Hamburg feierte das Publikum die Schauspielerin mit standig ovations.

Nun also ist „Marias Testament“ im Theater in der Josefstadt zu sehen.

Maria steht allein auf der Bühne, unsichtbar bedroht von ihren Aufpassern – wahrscheinlich ein oder zwei Jünger, die die Version der Kreuzigung unbedingt als Welterlösungsgeschichte für die Nachwelt aufschreiben wollen. Eben so, wie wir sie heute lesen. Aber Maria ist damit nicht einverstanden, lässt sich nicht einschüchtern. Sie will die Wahrheit erzählen, wie sie sie erlebt hat. Die ist natürlich den Schreibern nicht genehm (ein Seitenhieb des Autors auf die Fragwürdigkeit jeglicher Berichterstattung). Maria, wie die Zuschauer sie erleben, hat nichts mit der verkitschten Heiligenfigur aus diversen Bildern zu tun. Sie ist eine starke, kluge Frau, die ihren Sohn sehr kritisch sieht: Er sammelt nur Nichtsnutze um sich -„keiner von ihnen ist normal“. Sie erlebt, wie ihr Sohn und seine Freunde“ wie eine Horde von Heuschrecken“ in das Grab von Lazarus eindringen – es gruselt sie. Die Auferweckung von den Toten und andere „Wunder“ hält sie eher für Scharlatanerie, ebenso das „Wunder von Kanaa“. Dass sie ihren Sohn mit ihrem Ehemann gezeugt hat, davon ist sie überzeugt. Von einem Engel und göttlicher Einmischung will sie gar nichts wissen. Als Realistin ahnt sie die Gefahr, in der ihr Sohn durch seine „Erlösungstendenzen“ schwebt. Die Kreuzigung schildert sie so, wie sie sie erlebt hat: Banalitäten des Alltags ringsum, während ihr Sohn ans Kreuz genagelt wird. Da packt sie die nackte Angst und sie flieht. Bis nach Ephesus, wo sie nun in der bescheidenen Behausung ihre Sicht der Dinge darstellt. Erlösung der Welt durch den Kreuzestod? „War es das wert?“ fragt sie zum Schluss und zieht damit die ganze Erlösungsgeschichte in Zweifel.

Diese Rolle verlangt viel, alles von einer Schauspielerin ab. Nicole Heesters ist eine sehr entschlossene, erdverhaftete Mutter, die den  Erlösungsphantasien der Jünger und den prahlerischen Auftritten  ihres Sohnes nichts abgewinnen kann. Sie ist in erster Linie Mutter. Das gelingt Nicole Hessters ganz wunderbar, ohne Wehmut und falsche Larmoyanz, Als sie die Kreuzigung bis ins Detail – die Nagelung und die Schmerzensschreie – schildert, da genau  fing ich an, mich zu fragen: Wir, das Publikum, sitzen da im Zuschauerraum und hören Nicole Heesters zu, wie sie diese Details und ihr Entsetzen erzählt. Für mich waren die Grenzen des Theaters in diesen Momenten überschritten. Denn es war der Schauspielerin anzumerken, wie sehr ihr diese Textstellen zu schaffen machten. Die Tränen waren wohl keine Theatertränen.

Dennoch: Eine großartiger Text für eine großartige Schauspielerin!

Infos und Karten: www.josefstadt.org

Brecht: Der gute Mensch von Sezuan. Landestheater Niederösterreich

Es regnet, es regnet – wer kauft bei der Wasserflut dem Wasserverkäufer noch Wang Wasserflaschen ab? In seiner Verzweiflung hofft er auf das Erscheinen der Götter, die in der Stadt Sezuan erwartet werden. Die sind auf der Suche nach einem guten Menschen – bisher überall erfolglos. Die Prostituierte Shen Te bietet ihnen eine Unterkunft an und bekommt für ihre gute Tat einen ordentlichen Batzen Geld. Den Laden und das Geld hat sie nicht lange, denn die Schmarotzer belagern sie zu Hauf. Sie gibt, bis sie bankrott ist, da kommt ihr die Idee, den Vetter Shui Ta zu erfinden, der sie durch seine Härte vor dem finanziellen Ruin kurzfristig rettet.. Bis der arbeitslose Flieger Yang Sun ihr die letzten Reserven mit einem windigen Heiratsversprechen herauslockt. Sie, die an seine Liebe glaubte, ist tief enttäuscht. Wieder soll ihr Vetter alles retten. Der zieht mit harten Mitteln eine Fabrik auf, wirft die Schmarotzer raus und macht Yang Sun zum Vorarbeiter, der die anderen nun schindet. Am Schluss soll ein Gericht der Götter entscheiden, ob Shen Te ein guter Mensch ist und Shui Ta verurteilt werden soll. Das Ende lässt Brecht offen.

Soweit die Story. Oder wie Brecht sagt: Die Parabel. Er schrieb sie zwischen 1938-40, zu einer Zeit, da die Arbeitslosigkeit schon viele Menschen in den Suizid getrieben hatte. Was als Text eher trocken und theorielastig daherkommt, haben der Regisseur Peter Wittenberg und das ganze Ensemble mit Leben und Aktualität erfüllt. Deutlich verknüpft Wittenberg die Probleme von damals mit heute: Wasser – Überflutung und Knappheit, ein Wirtschaftsfaktor für Firmen wie Cola, Nestle.Korruption, Schmarotzertum, Ausbeutung der Arbeiter, die Ausbeutung der „Guten“, die Frage, wie weit kann, darf man helfen. Das Versagen der Religion – die Götter sind nur mehr Witzfiguren, die sich unter der Erde verkriechen, wenn sie nicht weiter wissen.

Brechts Lehrstücke heute zu inszenieren ist nicht ganz leicht, die Gefahr des moralischen Zeigefingers ist stückimmanent. Dem entgeht das Ensemble : mit viel Witz und Körpereinsatz wird voll gespielt. So müssen die Schauspieler fast das ganze Stück im veritablen Regen und in Wasserlacken spielen – nicht sehr angenehm, aber sie ertragen es heroisch. Lili Epply ist eine bezaubernde Shen Te, die an die Liebe und an die Hilfsbereitschaft glaubt. Was sie ein wenig vermissen lässt, ist die Brutalität Shui Tas.  Vielleicht  mit Absicht – um zu zeigen, dass sie nur gezwungenermaßen den Vetter erfinden muss. Aber ein wenig mehr Brutalität im Spiel hätte der Problemstellung gut getan, um den krassen Gegensatz zwischen Mildtätigkeit und Versklavung herauszuarbeiten. Mit voller Charmeoffensive spielt Stefano Bernardin den schmierigen Flieger Yang Sun, Tim Breyvogel mit totalem Einsatz den Wasserverkäufer, die drei Götter sind von herzerfrischender Naivität, mit totaler Dummheit geschlagen. (Tobias Artner, Bettina Kerl, Tobias Vogt). Joesphine Bloeb als kaugummikauende und Hinterteil wackelnde Schmarotzerin ist umwerfend provokant. Durch eine offene Bühne mit einem einfachen Dach für den Tabakladen und dem dahinter liegenden Berg von Kleidung, aus dem sich die Schauspieler in Windeseile für die nächste Rolle ihr Kostüm heraussuchen, bekommt der Zuschauer das ganze Geschehen voll mit, es wird nie langweilig. Fazit: Eine gelungene Aufführung, die dem Brechtstück eine gehörige Vitaminspritze verabreicht, verstärkt durch die Musik von Paul Dessau in Bearbeitung von Paul Moshammer.

Ein gut gemachtes Programmheft zieht die Parallelen zur Gegenwart.

Infos unter: www.landestheater.net, Tel: 02742/90 80 80 600

Ballett „Giselle“ nach der Choreografie von Tschernischova an der Wiener Staatsoper

Giselle ist ein heikle Rolle – sie verlangt von der Tänzerin Einfühlungsvermögen und ein Gespür für „too much“. Nur die besten Ballerinas haben sich an diese Rolle gewagt und darin reüssiert, zum Beispiel Anna Pawlowna Pawlowa. Und Olga Esina in dieser Rolle ist ein unübertroffenes Tanzwunder! Ihre Interpretation ist feinsinnig, jede kleine Geste spricht von der romantischen Liebe dieses Mädchens, die von Herzog Albrecht – wunderbar getanzt von Roman Lazik – so schmählich verraten wird. Was ich an der Interpretation Esinas so mag, sind die hauchzarten Pausen, die sinnlich langsamen Bewegungen – da werden keine Choreografien „heruntergetanzt“ -und ihre reife Ausdeutung der Liebe über den Tod hinaus. So manch einer/eine mag sagen, das alles ist romantischer Mumpitz – aber nur einer, der Esina nicht tanzen sah, kann so reden!!! Das Publikum empfing sie mit Auftrittsapplaus, und man spürte fast körperlich die Spannung im Zuschauerraum – aber auch im ganzen Ballettensemble. Denn fast schien es, als ob Esinas Präsenz auf alle überging. Denn keine/ keiner schluderte. Die Anspannung, gut zu sein, herrschte wie ein ungeschriebenes Gesetz. Deshalb mag man mir verzeihen, wenn ich nicht alle tollen Tänzer/innen hier aufzähle. Denn alle, wirklich alle, tanzten, als wären sie von einem geheimen Antrieb zu Höchstleistungen angespornt.

Nun zu Olga Esinas Rolle im Einzelnen: Sie tanzt das junge Mädchen, das von Leid nichts weiß und sich mit vollem Überschwang in den Herzog verliebt, ohne zu ahnen, wer er ist, mit Grazie und Zartheit. Als sie miterleben muss, wie er sie vor der Hofgesellschaft verleugnet rast sie in den Wahnsinn. Diese Wahnsinnsszene muss man gesehen haben: verletzlich, ohne übertriebene Raserei tanzt sie tief verletzt in den Tod.

Dann ihre Bitte an die Königin der Wilis, Herzog Albrecht zu verschonen. Ihr Tanz ist Gebet – anders lässt sich das nicht ausdrücken.

Ein ganz großer Ballettabend!!! Viele Applaus und Standing Ovations für alle, auch für Ermanno Florio, der sehr einfühlsam dirigierte.

Barbara Rieger, Bis ans Ende, Marie. Kremayr&Scheriau

Barbara Rieger wird zur so genannten jungen Literatur gezählt. Und in mir entsteht der Verdacht – nach einigen Romanen dieses Genres und vielen Stunden, die ich mit Lesen dieser verbrachte, dass junge Literatur zumeist sich  aus folgenden Verben zusammensetzt: ficken, kotzen, saufen, kiffen.

Nun aber etwas ernster: Die Icherzählerin -jeder 2. Satz beginnt mit „Ich“ – ist nach ihrer Scheidung ziemlich haltlos. Sie studiert, aber nur pro forma. Verliebt sich in einen Studenten, der sie aber nicht beachtet . So lässt sie sich in die Welt von Marie fallen, die nur eines will: Sex, egal mit wem, möglichst oft. Die verklemmte Icherzählerin bewundert Marie, möchte mit ihr gleichziehen. Säuft – das tut ihr nicht gut – sie kotzt, kifft – das tut ihr nicht gut – sie kotzt und wird krank, nur eines kann sie noch nicht: ficken. Doch am Ende kommt es doch zu einem „Dreier“: Sie, Marie und deren Freund Tom. Ende gut, alles gut, als Tom das Kondom aus ihr herauszieht, kann sie endlich lachen und findet alles o.k. Ob es ein befreites oder verzweifeltes Lachen ist, bleibt unklar.

Nur um dem Vorwurf entgegenzuwirken, dass ich prüde wäre. Nein, als geübte Leserin habe ich schon mehr verdaut als dieses Anfangswerk. Aber es ist eben ein Anfangswerk – Sprache simpel, Inhalt simpel, auch wenn sich die Autorin bemüht, die Story mit wilden Träumen aufzumotzen.

Wiener Staatsballett: Ein Sommernachtstraum. Volksoper

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Unterhaltsam, kraftvoll, witzig, seine Sprünge gut in der Rolle fixiert, seine Mimik und Gestik als Puck voll erfüllend war an diesem Abend: Richard Szabo. Er sorgte dafür (mit den kleinen Glühwürmchen-Elfen) dass das Publikum bei der Stange blieb und die endlos langen und langweiligen Gruppentänzchen – alle recht brav vom Corps de Ballet ausgeführt – geduldig ertrug. Die Langeweile ein wenig aufgelockert hatte das Bühnenbild von Sandra Woodall. Geheinisvoll und fast nicht deutbar blieb jedoch die braune Wand mit einem antiken Relief – was genau, war nicht auszumachen, ist wohl als griechisches zu deuten gewesen. Ulkig war die Gestiksprache: Alle Thebaner ahmten gleichsam die eckigen Bewegungen und Kopfstellungen dieser antiken Relieffiguren nach, die anderen führten untereinander eine Art von Comic-Zeichensprache. Gespannt war man auf das Paar Oberon und Titania, getanzt von Vladimir Shishov und Ketevan Papava – eigentlich ein Traumpaar. Doch Shishov wirkte müde, Papava sehr bemüht, ihre Choreografie exakt auszuführen. Die Seele fehlte. Obwohl Jorma Elo  für diese aus dem Jahr 2010 stammende Choreografie einige Preise einheimste, überzeugt sie heute nicht mehr.   John Neumeier machte es mit seinem „Sommernachtstraum“ (Choreografie 1977) märchenhaft und  gültig vor.

Andreas Schüller dirigierte das Orchester der Volksoper ziemlich laut bis unsensibel.

Festspielhaus St. Pölten: Acosta Danza und das Tonkünstler Orchester Niederösterreich: Carlos Acosta a Celebration

In dem 4-teiligen Abend konnte die weltbekannte Gruppe „Acosta Danza“ ihre Vielseitigkeit unter Beweis stellen.

In „Punta a Cabo“ bringt die Gruppe ihre Stärke im Streetdance à la Westside-Story an. Unter der Choreographie von Alexis Fernandez erlebt man vor der Videowand, die vielleicht Havanna und die Promenade El Malecon zu verschiedenen Tageszeiten zeigt, die vitalen Jungen von Havanna, ihr Alltagsleben zwischen Streit, Verliebtheit, Disco. Alles unter dem Motto: Tanz ist Ausdruck der Lebensfreude.

Höchstspannung in „Fauno“. Nach der Musik von Débussy „Prélude à l’après-midi d’un Faune“ , raffiniert gekreuzt mit der Musik von Nitin Sawhney entwickelt Sidi Larbi Cherkaoui eine wild-tierische Choreographie.  Carlos Luis Blanco und Zeleidy Crespo legen einen fulminanten Sexkampf hin, der an Riesenkraken denken lässt. Was für ein Unterschied zur Interpretation von Njinsky und Nurejev, die beide einen unter dem Tier-Mensch – Dasein leidenden Faun tanzen und in Noblesse und Eleganz den Coitus mit einem Schleier der Angebeteten vollziehen. Ganz anders nun Blanco als Faun und Crespo als sexhungrige Kraken, die sich gegenseitig verschlingen. Noblesse adé, Chapeau vor dieser Tanzleistung!

Zur Erheiterung: „Rooster“ unter der Choreografie von Christopher Bruce läuft eine heitere Show der 60er Jahre ab: Die Männer gebären sich wie eitle Gockeln, angelockt von den kindlich-vampirhaften Mädels. Spaß und Ironie zur Musik der Rolling Stones!

Nach der Pause dann „Carmen“ – in einer inhaltlich erweiterten Choreografie von Carlos Acosta. Er lässt Carmen und Don José für eine Weile ein bürgerliches Liebesglück vor einem roten Samtbett und Kommode tanzen. Dieser Traviataverschnitt wirkt eher peinlich. Vielleicht auch etwas zu viel: der tanzende Stier als böses Element. Die Tänzer leisten gute Basisarbeit im Ballett, sind aber besser im modern Dance. Interessant war es, Carlos Acosta himself als Escamillo tanzen zu sehen.

Paul Murphy führte die Tonkünstler versiert und sicher durch die Musik von Débussy, Sawhney, Bizet – gemischt mit Musik Rdion Shchedrin und Martin Yates.

Begeisterter Applaus!

Staatsoper: Solistenkonzert Günther Groissböck. Am Flügel Gerold Huber

Nicht gerade häufig ist Günther Groissböck an der Staatsoper zu hören. Als König Heinrich im Lohengrin zum Saisonende und vor Jahren als Wassermann in Rusalka. Daher war der Liederabend eine gute Gelegenheit, diesen exzellenten Bass wieder zu erleben. Im ersten Teil waren die „Vier ersten Gesänge“ von J. Brahms und Robert Schuhmanns „Liederkreis op.39“ zu hören. Keine leichte Kost, geht es doch um Tod, Verlust, Trauer. Groissböck lieferte eine feinsinnige Interpretation. Aber offensichtlich hatten viele aus dem Publikum etwas anderes von dem Sänger mit dem voluminösen Bass erwartet – mehr opernhafte Theatralik. Wahrscheinlich deshalb war der Stehplatz nach der Pause fast leer und einige Sitzplätze ebenso. Aber: Schadenfroh kann ich sagen: Sie haben versäumt, was sie eigentlich erhofften. Mit 6 Liedern von Tschaikowski auf Russisch, darunter auch Goethes Mignon-Liedvertonung „Nur wer die Sehnsucht kennt“ und 6 von Rachmaninow konnte Grosisböck seinen Bass so richtig aufdrehen. Wer da nicht beeindruckt war, war am falschen Platz. Groissböck bewies, begleitet von dem congenialen Pianisten Gerold Huber – wie man Lieder hochdramatisch gestalten kann.

Nach einem frenetischen Applaus, Bravos und Standing ovations gab es  Zugaben: Paolo Conte, Ti ricordi ancora und  Franz Schuberts „Erlkönig“ . Fazit: Wer zu früh geht, den bestrafen die Götter!

Theater in der Josefstadt: Der Gott des Gemetzels (Yasmina Reza)

Herbert Föttingers gewagtes Rezept, bekannte Vorlagen aus Film und Theater neu aufzustellen, ist auch diesmal wieder aufgegangen. Theaterbegeisterte erinnern sich an die Aufführung im Burgtheater aus 2008 mit Maria Happel, Annette Christiane Pölnitz, Joachim Meyerhoff oder an die Verfilmung (2011) mit Christopher Waltz, Judie Foster, Kate Winslet, John Relley. Da wie dort – große Schauspielkunst. Yasmina Reza weiß eben, wie man gute Dramen und tolle Rollen für Schauspieler schreibt.

Nun treten Judith Rosmair als Véronique, Marcus Blum als Michel, Susa Meyer als Annette und Michael Dangl als Alain gegen diese Erinnerungen an. Gleich vorweg: Sie schaffen locker, die Konkurrenz vergessen zu lassen. Auf einem stylisch-reduzierten Bühnenbild (Herbert Schäfer) entwickelt sich der heuchlerische Schlagabtausch zwischen den beiden Ehepaaren. Was als Demonstration des zivilisierten Umgangs beginnt, steigert sich so langsam zur vollen Demaskierung aller Personen. Einzig Alain – von Dangl mit herrlicher Gleichgültigkeit gegenüber allen gesellschaftlichen Normen gespielt – bleibt vom Anfang bis zum Schluss der Widerling. Und irgendwie kann man am Ende seine kalte Skepsis gegenüber dem Scheinmanöver und den Humanparolen verstehen. Köstlich sein Reinigungsritual unter der Dusche: Minutenlang lässt er auf seinen nackten Body das Wasser rinnen, um sich dann erst langsam wieder anzuziehen. Das Publikum hat inzwischen genügend Zeit, seine Statur zu bewundern. Judith Rosmair ist eine vom Anfang bis zum Ende nervende Kämpferin für gutes Einvernehmen, für die Rettung der Welt, insbesondere Afrika. In dieser Rolle demaskiert Yasmina Reza alle Gutmenschen, die mit Parolen gekonnt umgehen, die Realität aber leugnen. Marcus Blum gibt ihren gutmütigen Ehemann, dessen Geduld endenwollend ist. Susa Meyer hat die schwierigste Rolle: als Ehefrau des skrupellosen Anwalts, der außer seinem Handy und seinem miesen Geschäftspraktiken kein anderes Leben kennt, kotzt sie sich über ihn und seine Machenschaften die Seele aus dem Leib.

Torsten Fischer hat als Regisseur keinen großen Spielraum – die Dynamik des Stückes ist vorgegeben. Die Steigerung bis zum Inferno (Tulpen fliegen durch den Raum, die Frauen tanzen und kreischen hysterisch) ebenso. Kleine dramaturgische Aufbesserungen (Dusche etc…) passen gut hinein.

Spielplan und Infos: www.josefstadt.org

Mephisto nach dem Roman von Klaus Mann. Burgtheater

Der Regisseur Bastian Kraft hat sich viel vorgenommen – in manchen Szenen zu viel.

Der Roman von Klaus Mann (Sohn von Thomas Mann) war in den 1920er Jahren mit dem Schauspieler Gustaf Gründgens befreundet. Seine Schwester Erika Mann war kurz sogar mit Gründgens verheiratet. Aus der Freundschaft wurde Distanz, um nicht zu sagen Verachtung. Verachtung für einen Mitläufer des Hitlerregimes. Daraus entstand der Roman „Mephisto“ – egal, ob Schlüsselroman oder nicht – die Hauptfigur Hendrik Höfgen ist Gustaf Gründgens.

Kraft bearbeitete den Roman für die Bühne und führte Sebastian Bruckner als Erzähler, Kommentator und Romanschreiber ein. Ein Trick, der gut aufgeht, denn  Bruckner wird, wie einst Klaus Mann, vom Freund zum Kritiker, bis er ins Exil verschwindet. (Klaus Mann begann den Roman 1936, da lebte er bereits im Exil)

Fabian Krüger spielt diese Figur äußerst feinnervig – dass Martin Kusej auf ihn verzichten wird, versteht keiner. Er ist wohl so etwas wie das Spiegelgewissen von Hendrik Höfgen und spielt die Rolle schillernd zweideutig – schleimig bis unterwürfig, dann wieder mahnend.

Höfgens auf der Bühne darzustellen – als Schauspieler einen Schauspieler zu spielen, ist nicht leicht. Nicholas Ofczarek spielt nicht, wie sonst meist, den Berserker, sondern einen eitlen, egozentrischen Menschen, der nur ein Ziel hat: seine Karriere voranzutreiben. Unterstrichen wird diese Streben nach oben an die Macht durch ein kluges Bühnenbild. Peter Baur stellt ein riesiges Laufband auf die Bühne, auf der sich Höfgen keuchend nach oben an die Rampe abmüht – immer in Gefahr zu stürzen oder gar abzustürzen. Was der Darstellung Ofczareks fehlt ist  Vielschichtigkeit und ein Schuss abgefeimte Dämonie. Er wirkt in manchen Szenen zu eingleisig.

Das Ensemble rund um ihn ist durchwegs gut bis großartig. Etwa Petra Morzé als Lotte Lindenthal, zuerst Geliebte, dann Ehefrau des „Ministerpräsidenten“ (also Göring). Verblüffend, wie nahe Kostüm und Maske (Annabelle Witt) aus Petra Morzé Lotte Lindenthal alias Emmy Göring macht. Es ist, als ob Morzé sich in diese selbstverliebte, plump-dumme Frau auf offener Bühne verwandelt – ein Effekt, der durch die riesige Vergrößerung ihres stark geschminkten Gesichtes auf Video grausam verstärkt wird. Wirklich unverständlich, dass der zukünftige Chef der Burg auch auf diese exzellente Schauspielerin verzichten wird!

Verstärkt wird das glänzende Ensemble durch Judith Schwarz, die mit ihrem Schlagzeug dem Drama Tempo vorgibt. Aber da sind wir auch schon beim Schwachpunkt des Abends: Bastian Kraft hat die Bühnenbearbeitung des Romans allzu breit und teilweise platt als Parallele zur Gegenwart ausgewalzt. In den politischen Monologen diverser Figuren müsste er radikal kürzen und weniger mit der Moralkeule (habet acht! – so war es einst, es könnte wieder so werden) arbeiten.

Mein Rat an zukünftige Zuseher: Zuerst den Roman lesen. Dann lösen sich viele Szenen klarer auf!

www.burgtheater.at

 

Grafenegg Festival: Sächsische Staatskapelle Dresden: Prokofjew und Mahler

Ein Programmkonzept, das immer aufgeht: Vor der Pause ein Violinkonzert mit einer tollen Geigerin und viel Gefühl, nach der Pause die Wucht einer Symphonie. So vor einer Woche mit der sensationellen Geigerin Hilary Hahn, die das  Violinkonzert von Sibelius spielte und das Publikum intensiv mitnahm, danach Beethovens 5. Diesmal spielte die aus Georgien stammende junge Geigerin Lisa Batiashvili das Violinkonzert Nr.2 von Sergej Prokofjew und danach hörte man die 1. Symphonie von Gustav Mahler mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter Alan Gilbert.

Gleich vorweg: Es war ein rauschhafter Abend, wir, das Publikum, wurden in die Höhen der Musikwelt entführt. Lisa Batiashvili begann den 1. Satz des Violinkonzertes zart, gefühlvoll, dann kraftvoll mit sicherem Strich. Tempo- und Gefühlsweltenwechsel vollzog sich ohne Riss. Alan Gilbert – ein Dirigent, den man gerne öfter erleben möchte – führte das Orchester behutsam, ließ es fein ziseliert unter der Violine spielen. Im 3. Satz dann  stampft, schwingt sich die Musik zu einem wilden Tanz auf, zu dem sich Violine und Orchester glanzvoll vereinen. Für Batiashvili eine Herausforderung, die sie locker mit Bravour nahm. Begeisterung im Publikum. Als Zugabe gab es aus Prokofjews Ballett „Romeo und Julia“.

Nach der Pause dann ertönte die wuchtige 1. Symphonie Gustav Mahlers – eine großartige Leistung des Orchesters und seines Dirigenten. Selten noch wurde diese Symphonie so präzise gespielt, die Pausen effektvoll eingesetzt. Das Hauptthema – der Kuckuck – immer wieder leise perlend, wie Tropfen auf einer Glaswand. Fein eingewoben die Zitate aus dem Lied „Ging heut morgen übers Feld“, oder „Bruder Jakob“. Das Volksliedhafte neben dem Titanenhafte – ein Thema, das Mahler immer wieder ausführt, um den Riss, der durch die Welt geht, zu intonieren. Das glanzvolle Finale mit den im Orchester stehenden Bläsern hatte „Gänsehauteffekt“. Viel Applaus für den großartigen Dirigenten Alan Gilbert und die Sächsische Staatskapelle Dresden.

Evelyn Waugh; Expedition eines englischen Gentleman. Diogenes. Aus dem Englischen: Matthias Fienbork

Der Autor und Reisejournalist Evelyn Waugh reiste im Oktober 1930 nach Addis Abeba, um über die Krönung Haile Selassies zum König von Äthiopien zu berichten. Für mich ist dieses Buch eine Reise in die Vergangenheit meiner eigenen Vergangenheit. Nein, ich bin noch nicht so alt, dass ich dieses Ereignis hätte miterleben können. Aber die beschriebenen Orte: Addis Abeba, Harar, Aden und dieInsel Sansibar habe ich in um die Jahrtausendwende selbst bereist. Daher war es für mich interessant zu lesen, wie Evelyn Waugh sie sieht und beschreibt.

Addis Abeba war für mich eine blick- und charakterlose Stadt, es gab kein ausgewiesenes Zentrum, jemanden aufzusuchen war nur mit einem erfahrenen Taxler möglich. Die Regierung übte strenge Kontrollen auf die Medien aus – die erste Redaktion, die ich besuchen wollte, war geschlossen: Alle Redakteure waren am Vortag ins Gefängnis gesteckt worden. Der Grund war nicht nachvollziehbar. Dieses Chaos – nur anders gelagert – beherrschte schon 70 Jahre vorher die Stadt. Die Krönung schildert Evelyn Waugh eher wie eine Disneyverfilmung, nichts ist ernst zu nehmen. Man schmunzelt über die aufgeblasenen Zeremonien und das Protokoll, das ewig aus dem Ruder läuft. Harar habe ich als faszinierende Stadt in Erinnerung – geheimnisvoll und wunderschön. Er sieht sie eher als disaströs. Die Hafenstadt Aden war bei meinem Besuch nur eine Anhäufung von dreckigen Straßen und kaputten Häusern, Waugh hingegen gefiel sie. Vor allem wegen der gemütlichen Clubs, in denen sich die buntesten Gestalten trafen. Nun, die sind wohl alle schon längst Geschichte. In Sansibar, wo ich  ich begeistert zwischen den alten Häusern der Hauptstadt umherstrich, langweilte er sich entsetzlich, weil es keine politischen Debatten gab und alles seinen gemächlichen, langweiligen Gang ging.

F ür Leser, die noch keinen der genannten Orte besucht haben, ist Waughs „Expedition“ -der Titel ist eine ironische Übertreibung – wahrscheinlich  einschläfernd. Wer diesen Teil Afrikas ein wenig kennt, der kann interessante Vergleiche ziehen-.

Lucía Puenzo, Die man nicht sieht. Wagenbach

Dem Wagenbach-Verlag muss großes Lob gespendet werden, weil er sich um junge Literatur, insbesondere um lateinamerikanische Erzählerinnen bemüht. Lucía Puenzo, geboren 1976 in Buenos Aires, gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen Argentiniens. Als Filmemacherin heimste sie beim Filmfestival in Cannes für ihren Debütfilm „XXY“ viele Preise ein. Auch als Romanautorin ist sie äußerst erfolgreich.

Mit dem Roman „Die man nicht sieht“ (sehr gut übersetzt von Anja Lutter) hat sie treffsicher ein brennendes Problem spannend aufgegriffen: Die Straßenkinder von Buenos Aires. Man sieht sie überall: Als Kartonsammler, als Blumenverkäufer, als Autoscheibenwäscher an den Kreuzungen und als Bettler. Puenzo schildert in diesem Roman das Schicksal dreier Kinder, die von einem gewissenlosen Boss für Hauseinbrüche eingesetzt werden. Ismael ist 15 und kennt alle Tricks, Enana ebenfalls 15 und kennt keine Furcht, ihr Bruder Ajo ist gerade einmal 6 und auf Grund seiner Wendigkeit ein wichtiges Mitglied der Gruppe. Sie sind so erfolgreich, dass sie der Boss nach Uruguay verkauft, wo sie unter unmenschlichen Bedingungen, nur auf sich allein gestellt, nach Anweisungen per Handy in die Villen von Superreichen einbrechen sollen. Dass das nicht lange gut geht, ahnen sie bald…

Puenzo kennt sich in dieser Szene aus, weiß, wie bestechlich die Securitymänner, wie korrupt die Reichen sind und wie hilflos die Kinder ihren Ausbeutern ausgeliefert sind. Ihr Stil ist trocken, nie Mitleid heischend, nie sozialvoyeuristisch. Man liebt diese drei Kinder von Anfang an, folgt ihnen atemlos durch ihre Einbrüche und Abenteuer und kann sie erst loslassen, wenn die letzte Zeile gelesen ist. Puenzo gelingt es, kritische Blicke in die Gesellschaft der Reichen von B.A. und Uruguay zu werfen, ihren überbordenden Luxus mit einem Schuss Humor zu schildern. Köstlich die Szene, als die Kinder in das Schlafzimmer eines Hauses eindringen und die nackte Ehefrau mit nacktem Liebhaber mitsamt wenig erstauntem Ehemann – der allerdings im Anzug – antreffen.  Wenn sich Ajo über das Spielzeug der Kinder mit Lust hermacht und in seinen Rucksack einpackt oder Ismael sich nicht genug über selbst schließende Sportschuhe wundert, wenn dieses fremde Luxusleben den Kindern so fern erscheint, wie der Mond.

Das Buch gehört gelesen!!! Es steht ganz oben auf der Silvia-Matras-Bestsellerlist!!!

www.wagenbach.de

„Maslans Frau“ + „Tiefer als der Tag“ im „Thalhof wortwiege“, Reichenau an der Rax.

loniGroßartig die Novelle „Maslans Frau“ von Marie von Ebner-Eschenbach und großartig Petra Gstrein in der Rolle der Evi, Maslans Frau!Diese hochdramatische Novelle erzählt sehr leise von Liebe, Leidenschaft, Raserei, Verzeihen. Es war ein Leichtes, das Werk zu dramatisieren, denn Marie von Ebner-Eschenbach schrieb es  in lebendigen, intensiven Dialogen. Anna Maria Krassnigg/Anna Poloni folgt in der Textbearbeitung fast wortwörtlich der Vorlage – und es rollt sich ein grandioses, fast antikes Geschehen vor den Augen der Zuschauer auf! Im Mittelpunkt steht Evi, die ihren Mann über alles liebt, ihm immer wieder seine Seitensprünge verzeiht, bis sie von einem unehelichen Kind, das er mit seiner Dauergeliebten in Wien zeugte, erfährt. Da verschließt sie ihm bei seiner reuevollen Rückkehr die Tür. Beide schwören nicht eher nachzugeben, als bis sie vom anderen gerufen werden. Der Stolz beider und die Bindung an den Schwur verhindern eine Versöhnung. Man muss Petra Gstrein in dieser Rolle erleben! Wie sie mit wenigen Gesten, stiller, intensiver Mimik das Dulden, das Lieben, das Verzeihen, das Sehnen nach dem geliebten Mann spielt. Als sie von seinem Tod erfährt und sie ihn zu sich nach Hause bringen lässt, ihn mit zärtlichen Worten der Liebe umfängt – das ist großes Theater, fern von lautem Getöse, nie auch nur ein Hauch von Peinlichkeit. Danach war es im Publikum still – keiner wollte klatschen. Es passte einfach nicht.

Mit Petra Gstrein präsentiert sich wie immer das gut eingespielte Team des Thalhofs: Daniel Kamen als  Pfarrer, der lernt, was Liebe und Leidenschaft in der Ehe anrichten können, Martin Schwanda als verständnisvoller Doktor, der das Geschehen von Außen kommentiert, und Jens Ole Schmieder als Maslan -großartig in der Wandlung vom Geck zum todkranken Liebenden. Dazu schuf Lydia Hofmann eine schlichte Bühne und Antoaneta Stereva eindrucksvolle Kostüme.

 

Etwas ratlos erlebte man den zweiten Teil:  – Die Novelle Ebner – Eschenbachs wurde von Krassnig/Poloni  unter dem Titel „Tiefer als der Tag“in die Gegenwart übertragen. Der Titel (Teil eines Nietzsche-Zitates) bleibt geheimnisvoll und erklärt sich auch nicht durch das Stück. Die Autorin spielt mit der Rollenumkehr: Die Frau ist nicht mehr die still Leidende, Wartende, sondern weiß, wie sie „die Glut ihrer Ehe“ nicht ausgehen lässt: indem sie einfach einen Liebhaber nach dem anderen konsumiert. Doch der Text bleibt spröde, kopflastig. Eher wirkt alles wie ein Abtausch von Thesen. Petra Gstrein in der Rolle der Psychiaterin Dr. Alba bemüht sich, der Figur Leben einzuhauchen. Daniel Kamen gibt einen coolen Anwalt, der gar nicht so cool ist, wie es scheint.

Infos, Termine und Kartenbestellungen:

www.thalhof-wortwiege.at

Telefon: 0676/5625502

Elsa Ferrante, Die Geschichte des verlorenen Kindes.Suhrkamp

Eine Enttäuschung! Nach den spannenden und gut geschriebenen ersten 3 Teilen ist der Autorin offenbar die Erzählluft ausgegangen. Die Geschichte umfasst die 70er -bis 2000er Jahre. Wenig politisch, eher leicht hysterische Nabelschau. Die Erzählerin erreicht als Schriftstellerin ein gewisses Maß an Bekanntheit, ihre Scheidung von Ehemann, ihr Scheitern der neuen Beziehung mit Nino, das Erdbeben in Neapel, die Probleme mit den Kindern – all das wird sehr langatmig erzählt. Besonders ausführlich aber ergeht sich Ferrante über die Schreibprobleme der Protagonistin – sieht ganz danach aus, als wären es ihre eigenen.

Salzburger Festspiele 2018

Ein Überblick über die Vorstellungen, die ich besuchte. Mit sehr persönlichen Gedanken.

 

Den Auftakt machten Jonas Kaufmann und Diana Damrau mit Liedern aus dem „Italienischem Liederbuch“in der deutschen Fassung von Paul Heyse, vertont von Hugo Wolf. Auf dem Klavier begleitete sie einfühlsam wie immer der großartige Pianist Helmut Deutsch. Es war ein vergnüglicher Abend, Damrau und Kaufmann in Bestform. Sie arrangierten die Lieder zu einer Art Kurzerzählung über zwei Liebende, die miteinander streiten, sich versöhnen. Köstlich das Spiel der beiden, die jedes Lied zu einer kleinen Szene formten.

 

Das Schauspiel „Hunger“ nach den beiden Romanen „Hunger“ und „Mysterien“ von Knut Hamsun wurde zur reinen Tortur für die Zuschauer. Man schwitzte vor sich hin, die ersten wanderten bereits nach einer halben Stunde ab. Denn der Regisseur Frank Castorf quälte mit endlos-sinnlosen Szenen das Publikum. Ich ging nach gefühlten 4 Stunden- es waren aber gerade mal eineinhalb vergangen. Die ersehnte Pause kam und kam nicht. Noch lange vor der Pause strömten in Scharen die Menschen heraus, einige fluchend, andere erleichtert, endlich entkommen zu sein.

 

Die reine Freude und für mich der Höhepunkt der Festspiele war die Oper von Gioachino Rossini „L’Italiana in Algeri“. Man weiß ja längst: Wo Bartoli drin steht, da ist höchste Qualität selbstverständlich. Unter dem Dirigat von Jean -Christophe Spinosi perlte die Musik in echter „italianità“ auf die Zuhörer. Das heiter-bunte Bühnenbild von Christian Fenouillat ( weit entfernt von Peinlichkeit und sehr witzig), die einfallsreichen Kostüme von Agostino Cavalca und die humorvollen Videos von Ètienne Guiol versetzten uns Zuschauer in Euphorie! Und natürlich die Stimmen!!! Cecilia Bartoli – großartig wie nicht anders zu erwarten – als Isabella, die die Intelligenz, die Schönheit des weiblichen Geschlechtes besingt und die Männerwelt dumm aussehen lässt. Perfekt! Ihr Gegenpart, den sie nach Strich und Faden dumm dastehen lässt: Ildar Abdrazakov als Mustafa! Ein Hochgenuss an Komik! Wie er sich in diese Rolle mit Selbstverleugnung und Spielfreude hineinstürzt, ist einfach unvergleichlich. Sein herrlicher Bass ist ja längst schon >Weltlegende. Auch alle anderen Rollen waren bestens besetzt. Der junge Tenor Edgardo Rocha als LIndoro erntete viel Applaus, ebenso Alessandro Corbelli als Taddeo. Standing ovations und begeisterte Bravorufe!

 

Das zweite Schauspiel dieser Saison ist „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist in einer Textfassung von Vasco Boenisch. Auf einer schwarzen Bühne (Johannes Schütz) leuchten nur die weißen Körper der Darsteller heraus: Sandra Hüller als Penthesilea und Jens Harzer al Achilles. Und leider war Sandra Hüller der Sprache Kleists nicht gewachsen. Sie haspelte in enormer und unverstehbarer Schnelligkeit ihren Text hinunter. Ich versuchte ihren Part in der englischen Übertitelung einigermaßen zu verstehen. Ihre übernervöse Gestik – sie fuhr sich pausenlos durch die Haare und über das Gesicht – und ihr nerviges Herumgezappel machten die Sache nicht besser. Jens Harzer war ein recht tapferer Achill, will sagen, er kämpfte sich akustisch deutlich verstehbar durch die Szenen.  lWarum ist dem Regisseur Johan Simons die fehlende Wortdeutlichkeit seiner Hauptdarstellerin nicht aufgefallen? Gab es zu wenig Proben?

Erfrischend war der Liederabend von Raolando Villazon, Er sang, einfühlsam begleitet von Carrie-Ann Matheson, spanische Volkslieder von Manuel de Falla, klassische Lieder von Fernando Obradors, Silvestro Revueltas und anderen. Es war ein Abend wie in alten Zeiten: Villazon in Bestform – die Lieder verlangten ja keine hohen Töne -, seine warme Mittellage war ganz wunderbar. Ein paar raue Stellen störten nicht, sie konnten als Charakterisierung des Volksliedes interpretiert werden. Gekonnt mischte Villazon Heiteres – etwa „Herr und Frau Echse“ von Revueltas – mit romantischen Liedern von Obradors, etwa „Mit Liebe, meine Mutter“ oder „Aus deinem seidenweichen Haar“.Das Publikum dankte ihm mit frenetischem Applaus, er dankte mit drei Zugaben zurück. Zusammenfassend: Villazon wie man ihn kennt und liebt!

„Shakespeare im Park“: Viel Lärm um Nichts

Es wird gehuscht, gerannt, gerutscht, gerauft, gekämpft und heftig gestritten und intrigiert. Shakespeare „auf jung“. Die (manchmal übertriebene) Dynamik verdankt die Inszenierung Roberta Brown, einer Kampfchoreografin aus den USA. Dass die drei Prinzen zu Beginn im Fußballerdress auftreten ist ein müder Gag. Eine etwas ruhigere Choreografie hätte dem Stück  gut getan. Dann wären Wortwitz und Situationskomik besser zur Wirkung gekommen. Die Schauspieler und -Innen spielen mit vollem Körpereinsatz und großer Begeisterung. Das junge Liebespaar Claudio und Hero wird von Schauspielschülern dargestellt: Valerie Bast ist eine schüchterne Hero und Miguel Casas Reyes ein etwas linkischer Claudio.

Aus dem Ensemble stechen besonders Simon Brader als liebesunwilliger Benedikt und Barbara Fressner als Beatrice hervor. David Jonas Frei ist ein ruhiger Don Pedro, Martin Schranz ein würdiger Leonato. Gut auch Christina Laas als Intrigant und als Ursula und Bote. Ein Talent zur Komik bewies Momo Maresch, eine Schauspielschülerin von Eric Lomas, der die Gesamtregie über hatte.

Weitere Aufführungstermine und Infos: www.shakespeare-park.com

Festspiele Reichenau 2018 -Zusammenfassung

Zuerst meine – sehr persönliche – Reihung der diesjährigen Aufführungen:

Platz 1 : Tennessee Williams: Endstation Sehnsucht

Platz 2: A. Schnitzler: Das Vermächtnis

Platz 3: Franz Werfel: Cella

Platz 4: Joseph Roth: Das falsche Gewicht

Platz 5: Kabarett: „Schau’n Sie sic das an!“

 

Meine Begründungen und Kommentare:

Zu T. Williams, Endstation Sehnsucht

Der „Neue Spielraum“ erweist sich als ideale Bühne: Wenig Umbauten, die Zuschauer sind ganz nahe am Geschehen, was eine starke Herausforderung für die Schauspieler ist, der sich aber  alle grandios stellen. Allen voran Petra Morzé. Sie kennt keine Scheu, die Schwächen der Blanche voll auszuspielen. Zunächst ist sie ein flatternde, eitle Frau, egoistisch bis an die Grenze des Erträglichen. Ohne Scham flunkert sie ihrer Schwester (Johanna Arrouas) die Landlady, die tolle Lehrerin vor, die eine  Auszeit braucht. Jedoch das Bild, das sie von sich für die anderen und für sich selbst als Schutzschild gegen die Wirklichkeit, die sie nicht erträgt, entwirft, wird von Minute zu Minute durchsichtiger, bis es gegen Ende ganz auseinanderbricht. Faszinierend, wie Petra Morzé in dieser Rolle drinnen ist. Wie sie verzweifelt versucht, ihren seelischen Zusammenbruch aufzuhalten, ihr Selbstbild vor sich und den anderen zu retten. Berührend, ohne je in die Gefahr des Kitsches zu geraten, sind die Szenen zwischen ihr und Mitch (Dirk Nocker): In einer Ehe mit ihm sieht sie ihre letzte Hoffnung, Rettung vor dem totalen Nichts. Doch er weiß bereits die Wahrheit über ihre Vergangenheit. Verzweifelt bittet sie ihn um die Ehe, erniedrigt sich. Doch er weist sie zurück. Dirk Nocker gelingt es, mit wenigen Gesten und einer stillen Mimik diesen vom Mutterterror geplagten Mann zu spielen. Er liebt Blanche, aber die Mutter würde die Ehe nie gut heißen. Innig ist das Verhältnis zu ihrer Schwester. die ihr blind vertraut. Johanna Arrouas spielt die Schwester in berührender Schlichtheit. Zerrissen zwischen ihrer Liebe zu Blanche und der sexuellen Abhängigkeit von ihrem Ehemann versucht sie zu vermitteln. Ihr schlichtes, undramatisches, dafür aber um so dichteres Spiel überzeugt vollkommen. Für den erkrankten Daniel Jesch als Stanley sprang Tobias Voigt ein und machte seine Sache hervorragend. Brutal entlarvt er Blanche, reißt ihr die Maske herunter, zwingt sie mit körperlicher Gewalt zum Geständnis. Blanche-Morzé ist ein offenes Buch, zeigt ihre Gefühle und Träume bis zur entblößenden seelischen Nacktheit.

Das schönste Kompliment, das man dieser Aufführung (Regie Beverly Blankenship) machen kann: Kein Zuschauer sprach nach der Vorstellung mehr von der legendären Verfilmung mit Vivien Leigh und Marlon Brando!

 

Schnitzler: Das Vermächtnis

Das wenig bekannte Stück Schnitzlers wird von vier Schauspielern getragen: Joseph Lorenz als aalglatter Karrieremann, Regina Fritsch als die brave Ehefrau, die gegen ihr Gewissen sich dem Befehl ihres Ehemannes unterordnet, Stefanie Dvorak als Emma Winter und Nannette Waidmann als die Geliebte Hugos. Zwischen den Vieren entwickelt sich ein fein gesponnenes Drama: Wie reagiert eine gut bürgerliche Familie (auch heute noch), wenn eine fremde Person im Haus aufgenommen werden muss. Ein Stück für klassische Schauspielkunst.

 

Franz Werfel: Cella. Bühnenfassung: Nicolaus Haag

Das Romanfragment entstand 1938/39. Mit unglaublicher Hellsichtigkeit beschreibt Franz Werfel den Weg Österreichs in den Nationalsozialismus. Am Beispiel des Schicksals des Rechtsanwaltes Bodenheim und seiner Frau und Tochter spielt er die ganze Skala von politischer Brisanz, Gefahr, Entwicklung und Schwierigkeit, sich in Zeiten wie diesen richtig zu entscheiden, durch.

Geschickt lässt Werfel alle in dieser Zeit typischen Figuren auftreten: Den Oberstleutnant, der gegen Hitler kämpfen will und die Rettung des Staates durch Otto von Habsburg  erhofft(Toni Slama), den Juden, der nicht glauben will, dass er in Gefahr ist (großartig August Schmölzer), die hellsichtige Ehefrau (Julia Stemberger), den ebenso klar vorausschauenden Musikprofessor (Martin Schwab) und den typischen Wendehals, der es sich richtet(Sascha Oskar Weis). Berührend auch André Pohl als jüdischer Industrieller, der das drohende Unheil voraussieht, aber nicht abwenden kann.

Solide Regie: Michael Gampe

 

Literatur in Szene: Joseph Roth: Das falsche Gewicht

Regie: Renate Loidolt

Die Erzählung Roths lebt von den zahlreichen Figuren, die alle Typen aus dem fernen Galizien sind. Schmuggler, Betrüger, Kneipenwirte und Zigeuner leben gut miteinander, keiner kontrolliert den anderen. Bis der neue Eichmeister Anselm Eibenschütz plötzlich frischen Gesetzeswind bringt. Doch nicht lange, der Kneipenwirt weiß ein probates Mittel gegen die Redlichkeit des Neuen: die schöne Zigeunerin Euphemia. Das Drama beginnt. Gut erzählt und gespielt von Josph Lorenz als Erzähler, Kneipenwirt und in anderen Rollen. Marcello de Nardo als Eichmeister hatte diesmal Probleme mit der Wortdeutlichkeit. Trotz Mikroport verstand man ihn streckenweise nur schlecht. Großartig Julia Stemberger als Zigeunerin.

Schau’n Sie sich das an!“ – da gibt es nicht viel zu sagen. Ein Abend, an dem man mit Wehmut an Farkas und Waldbrunn zurückdachte. Sehr bemüht, aber eben nur bemüht!

 

 

 

 

Olivia Elkaim, Modigliani, mon amour. Verlag Ebersbach & Simon.

Elkaim beschreibt die furiose Liebe zwischen dem Maler Modigliani und der um 14 Jahre jüngeren „Hobbymalerin“ Jeanne Hébuterne.  Sie stammt aus einem bigotten, tiefbürgerlichen Haus, verlässt ihre Eltern und zieht ins Atelier Modiglianis. Erlebt die Pariser Kunstszene gegen Ende des 1. Weltkrieges. Wird schwanger, erleidet Hunger, Verlustängste, Modigliani lässt sie immer wieder im Stich. Als er todkrank wird, pflegt sie ihn bis zu seinem Tod. Dann stürzt sie sich aus dem 5. Stock der elterlichen Wohnung. Man fasst es nicht, was diese junge Frau, fast noch ein Mädchen, alles auf sich genommen hat, sich selbst und ihr Maltalent total verleugnend, Spott, Armut und Schmerzen ertrug, und dennoch an dieser schier tödlichen Liebe festhielt.

Die Autorin findet eine rasante, furiose und dennoch kühl-distanzierte Sprache, ohne je ins Klischee abzugleiten. Ein mitreißendes Buch. Die Übersetzung von Judith Petrus ist kongenial.

Eifman Ballett St. Petersburg: Tschaikovsky: Pro et Contra

Der Großmeister des erzählenden Balletts hat wieder eine großartige Choreographie präsentiert!!!! Er scheut sich nicht, das Leben des Komponisten mit packenden Bildern aus den berühmten Balletten „Schwanensee“, Nussknacker“, „Eugen Onegin“ und „Pique Dame“ zu verknüpfen und Rückschlüsse auf das Schicksal Tschaikovskys zu schließen. Tschaikovsky liegt im Sterben, ihn plagen Dämonen, sein Alter Ego drängt ihn zu einer Innenschau. Die Erinnerungen kommen wie ein Sturm über ihn, im Höllentempo verwandeln sich die Figuren der diversen Balllette. Dem Zuschauer bleibt der Atem weg. Wie hält Oleg Markow dieses Tempo bei der Dauerpräsenz  aus? Er ist im 1. Akt fast eine Stunde im intensiven Einsatz, hat keine auch noch so kurze Pause. Wie ein Wirbelsturm ziehen ihn die Gestalten hinein in seine Höhen und Tiefen: Er lernt seine Gönnerin Frau von Meck kennen, die bezaubernde Daria Reznik umschwebt ihn, ist einmal Odette, dann wieder seine Frau, die er nur heiratet, um  der Gesellschaft eine Ehefrau präsentieren zu können und die Gerüchte über seine Homosexualität verstummen zu lassen. Wenn Daria Reznik tanzt, dann ist sie ganz in der Rolle. Ihre Bewegungen scheinen wie ein Hauch zu schweben und doch auch, wenn es notwendig ist,  voller gelebter Tragik und Verzweiflung zu sein. Oleg Markov und Daria Reznik – so ein großartiges Künstlerpaar wünschte man sich an der Wiener Oper!!!! A propos: wann sieht man wieder ein Eifman-Ballett an der Volksoper???

Die Schreiberin fühlt sich außerstande, all die berauschend schönen, eindrucksvollen Bilder zu schildern, die Eifman und seine Compagnie auf die Bühne zauberten. Daher  finde ich es sehr schade, dass es nur drei Vorstellungen gab.

Wilde-Jelinek: Ernst ist das Leben. Burg Perchtoldsdorf

Ob man die Komödie Wildes oder die Bearbeitung Jelineks besser findet, ist Geschmacksache. Ob man die Überinszenierung von Michael Sturminger gut findet, hängt davon ab, ob man Klamauk grundsätzlich mag. Man darf ihn mögen, man darf ihn auch nicht mögen. Ich gehöre zu denen, die ihn nicht mag. Nicht grundsätzlich, eher nur weil er schon allzu viele Bühnen überflutet. Offensichtlich waren unter den Zuschauern auch nur wenige, die den Klamauk zum Lachen fanden. In der Pause hörte man: Ganz nett…was eigentlich ein vernichtendes Urteil ist.

Sturmingers Idee, alle Rollen von Frauen spielen zu lassen, ging meiner Meinung nicht besonders gut auf, blieb mehr ein Gag. Mir gefielen alle Frauen, die Frauen spielten, weitaus besser, als Frauen, die Männer spielten. Bis auf Karola Niederhuber, die aus der fast stummen Rolle ziemlichen Witz herausholte. Als nervig empfand ich Elzemarieke de Vos als Algernon Moncrieff. Zwar war ihr körperlicher Einsatz zu bewundern, sie schlitterte und turnte ziemlich gekonnt über die Bühne, aber die Mikel Jackson-Parodie war einfach zu überspielt und nervte. Raphaela Möst als Jack fügte sich schon besser in die Männerrolle. Wenn aber eine Frau, die einen Mann spielt, einen anderen Mann, der eigentlich eine Frau ist, küsst und sexuell bedrängt – dann kann das peinlich wirken  – Genderthematik hin oder her.Aber nun doch zu den Frauen. Den Vogel für wirklich gute Komik schießt wohl Michou Friesz als Lady Bracknell ab. Mit komödiantischer Sicherheit manövriert sie diese Hyäne einer Mutter durch ihre Rolle.- Einfach großartig. Miriam Fusseneger als Gwendolen ist ein richtige verwöhnte Zicke und Maresi Riegner eine bezaubernd naiv-hinterhältige Cecily. Etwas verschwendet ist das Talent von Maria Hofstätter als Pastor Chasuble. Sie hat nicht viel mehr zu sagen als hmm, hm zu brummen. Renate Martin durfte sich  in quietschbunten Kostümen austoben, die sich gegen das weiße Lackinterieur der Bühne (Manuel Biedermann und Paul Sturminger) effektvoll abhoben.

Weitere Termine und Karten: www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at/tickets

Jürgen-Thomas Ernst, Schweben. Braumüller Verlag

Für mich eine Neuentdeckung! Jürgen-Thomas Ernst hat , unbemerkt vom Feuilleton, eine kleine Kostbarkeit geschrieben. Seine bewusst einfache, klare Sprache ist angepasst an das Tun und Denken der beiden Protagonisten Josef und Rosa. Beide sind nicht mit Reichtümern gesegnet, arbeiten unter widrigen Umständen in einer Fabrik. Aber sie haben einander – schon allein der Gedanke und das Wissen um den anderen macht sie glücklich. Josef träumt oft vom Schweben und das Glücksgefühl, das er dabei empfindet.  Er weiß auch, dass Rosa die Ursache für diese Träume  ist. Es ist ein Roman vom Glücksgefühl, das Menschen empfinden, die nicht vom Leben verwöhnt werden, und dennoch in ganz alltäglichen Situationen zufrieden mit dem. wie es ist, sind. Immer wieder ist es Rosa, die Josef auf solche Moment hinweist. Beim Lesen dieses zauberhaften Romans denke ich  an Robert Seethalers Buch „Ein ganzes Leben“: Andreas Egger hat ein hartes Leben, er überlebt Krieg und Katastrophen. Und hadert nie mit seinem Schicksal. Beide Schriftsteller schreiben über Menschen, die unaufgeregt leben und gerade darin ihre Stärke beziehen.

Ich empfehle allen dieses Buch zu lesen, besonders dann, wenn sie gerade „auf höchstem Niveau“ ihr eigentlich gutes Leben bejammern. Vielleicht mag der eine oder andere Leser meinen, die Art, das Leben zu betrachten, wie es Rosa und Josef tun, sei unrealistisch, kindlich oder kitschig. Für solche Lebensskeptiker empfehle ich das Buch doppelt und dreifach!

Anthony McCarten: Jack. Diogenes Verlag

Ich gehöre einer Generation an, die sich aus den „Beatniks“ nicht viel gemacht hat. Für mich war diese Strömung der Wilden, Drogensüchtigen, Rauschdichter etc passé. Ich habe die Literatur dazu einfach nicht beachtet. Nun bekomme ich McCartens Roman „Jack“ in die Hand. Gleich einmal entstand für mich die Frage: Ist das nun ein Roman, eine Romanbiografie oder eine Pseudoromanbiografie? Ich musste erst einmal nachschlagen, ob es den Dichter Kerouac überhaupt gegeben hat. Und ob es ihn gab!! Er soll ja den Begriff „Beatniks“ geprägt haben. Sein Roman „Unterwegs“(1959) war und ist für viele die Bibel, eine Anleitung zum ungeordneten, aufmüpfigen Leben. Und dann denke ich: Kerouac könnte auch der heutigen Junggeneration, die als „lost Generation“ gerne bezeichnet wird, Antrieb zum Umtrieb geben.

Doch zum Roman: Der einst so berühmte Dichter Jack >Kerouac (1922-1969) ist in der Versenkung verschwunden und die Literaturstudentin Jan Weintraub stöbert ihn auf. Es gelingt ihr, sein Einverständnis für eine Biografie zu bekommen. O.k, – bis hierher ein häufiger Trick in Gegenwartsromanen: Einer, eine macht sich auf die Suche nach einem wirklichen oder erdachten Autor, Musiker, Genie etc auf und entdeckt dabei sich selbst. Oder entdeckt, dass er/sie doch anders ist, als sie/er von sich bisher geglaubt hatte. Aber McCarten strickt ein anderes Muster: Er liefert mehrere Möglichkeiten des Ichs, die Figuren führen nicht ihr eigenes Leben, sondern ein vorgetäuschtes. Die alte philosophische Frage nach dem Ich wird immer wieder neu aufgerollt, neu bespiegelt. Am Ende ist Kerouac nicht fassbar, die Literaturstudentin nicht diejenige, als die sie sich ausgibt.

Ein geschickt gebauter Roman rund um die Frage: Wer bin ich? Nicht als Krankheitsbild oder als philosophischer Diskurs behandelt – die Antwort bleibt natürlich aus.

Tipp: Anthony McCarten schrieb auch das Drehbuch zu dem Film: „Die dunkelste Stunde“ – spannend und absolut sehenswert!

Desaster an der Wiener Staatsoper: Der Freischütz

Wäre noch Joan Holender  Direktor der Wiener Staatsoper, er hätte Christian Räth die Regie für den „Freischütz“ entzogen oder sie ihm gleich gar nicht angeboten. Wie kann man nur aus dieser Geschichte ein so wirres Zeug stricken? Manchmal glaubte ich, der Regisseur macht sich über seine eigene Regie lustig. Die Sänger, allen voran Schager als Max, kämpfen sich tapfer durch diesen Wirrwarr. Ein solches Buhkonzert wie das Team um Räth zu hören bekam, habe ich in der Staatsoper noch nie erlebt. Vielleicht sollte Direktor Meyer doch hin und wieder bei Proben dabei sein, um solch ein Desaster rechtzeitig zu vermeiden. Nach dem Badewannendesaster in „Samson und Dalila“ wieder eine herbe Enttäuschung!

Joachim Missfeldt, Sturm und Stille. Rowohlt

Joachim Missfeldt schrieb eine feinsinnige Geschichte über den Dichter Theodor Storm und seine Liebe zu Doris Jensen und  zugleich auch ein Zeitporträt. Schon als junges Mädchen verliebt sich Doris in den arrivierten Rechtsanwalt und bekannten Dichter Theodor Storm. Sie schwärmt ihn an und er nimmt die Schwärmerei wohlwollend wahr, fördert sie mit kleinen Gesten. Für Doris ist es eine ausgemachte Sache, dass Storm ihre große Liebe ist, an der sie auch festhält, als Storm seine Verlobte Constanze heiratet. Im März 1847 bricht über Husum ein Sturm los und bald darauf Stille. Eine Stille, die der jungen Doris gut tut. Eine vollkommene Stille, wie sie sonst nie das Haus erfüllt. Da hört Doris, wie jemand über die Efeuranken zu ihrem Fenster emporklettert. Es ist Storm. Sie öffnet ihm Fenster und Herz und eine lange, für sie ein Leben lange Liebe beginnt. Aber die Affäre wird bald publik, Doris verlässt ihr Elternhaus. Storm heiratet seine Constanze, die ihm sieben Kinder schenken wird. Die Ehe ist glücklich. Als Constanze stirbt, flammt die Liebe wieder auf – für Doris war sie nie erloschen. All die Jahre hat sie geduldig ausgeharrt, Storm lange Zeit nicht gesehen. Nach einem Trauerjahr heiraten die beiden…

Das ist in großen Zügen die Geschichte. Doch wie Joachim Missfeldt sie beschreibt, zeigt die große Kunst eines Biographen, der tief in das Seelen- und Gedankenleben einer Frau einzusteigen wagt. Er erzählt aus ihrer Sicht, verknüpft geschickt die Wetterbeobachtungen, die Doris getreulich in ihr Tagebuch einträgt, mit dem Seelenleben. Sturm und Kälte, Regen, ein heißer Sommer, die Landschaft und das Leben der Menschen in ihr und mit dem Wetter sind agierender Teil des Romans, den man wohl eher Romanbiografie nennen sollte. Es verblüfft, wie sich der Mann Joachim Missfeldt in die Seele einer Frau hineinversetzen kann. Noch dazu in die einer Frau, die viele Jahre ohne zu klagen oder aufzubegehren auf „ihre Liebe“ wartet. Das mag aus heutiger Sicht unverständlich sein, aber so war es eben. Und diese fast unwahrscheinliche Liebe glaubhaft zu schildern ist dem Autor sehr gut gelungen.

Camille Saint-Saens: Samson et Dalila. Staatsoper . 15. Mai 2019

Wasserschaden in der Staatsoper! Unter der Regie von Alexandra Liedtke ging die schönste aller Opern in dieser Saison baden. Das Liebesduett am Rande der Badewanne! Gott sei Dank mussten sich Garanca und Alagna nicht ausziehen! Dass es dazu noch in das „Badezinmer“ hineinregnete, war wohl nur mehr als Scherz zu verstehen.

Schade um so tolle Stimmen wie Garanca, Alagna und Alvarez!!!

Jacques Offenbach: Hoffmanns Erzählungen. Volksoper

Die vier Stunden waren weg wie nix! Das ist einerseits der Musik Offenbachs zu verdanken, andrerseits dem einfallsreichen Bühnenbild und den witzigen Kostümen von André Barbe. Teils hervorragende Stimmen, wie etwa Josef Wagner in  4 verschiedenen Rollen (Lindorf, Coppelius, Mirakel und Dapertutto) oder Sophia Theodorides als Olympia trugen zum akustischen Vergnügen bei. . Dieser Auftritt hatte es in sich! Abgesehen von ihrer ausgezeichneten gesanglichenLeistung, waren da die Kostüme – besonders das von Olympia – besonders phantasievoll. Es war purer Spaß, wie Theodorides die Performance dieser Rolle hinlegte.Anja Nina Bahrmann war eine bezaubernde Antonia . In diesem Akt vermisste man besonders schmerzlich die französische Sprache. In ihrem Chanson d’amour konnte man sich vorstellen, wie es gewesen wäre, wenn…Ein wenig strapaziert wirkte an diesem Abend Vincent Schirrmacher als Hoffmann. Seine Stimme klang angestrengt. Vielleicht hätte der Dirigent Geritt Prießnitz darauf ein wenig Rücksicht nehmen müssen und nicht derart voll auf die Pauken hauen lassen.

Der Regisseur Renaud Doucet setzte erfreulicherweise auf quirlig-turbulente Unterhaltung. Die Rechnung ging voll auf – das Publikum dankte mit viel Applaus.

Eugene O’Neill, Eines langen Tages Reise in die Nacht. Burgtheater

Andrea Breths Inszenierung gerät tatsächlich als lange Reise, die dem Zuschauer einige Geduld und Sitzfleisch abverlangt. Von Andrea Breth sagt man ja, dass sie jeden Beistrich mitinszeniert. In O’Neills Drama inszeniert sie auch jeden Punkt und Gedankenstrich zu einer langweilig ausufernden Zeremonie. Das Drama, in dem eine Familie an ihren eigenen Lügen erstickt, erstickt auch die Lust des Publikums, zu folgen. Man schaut in ein ermüdend schwarzes Bühnenloch, auf dem einige Felstrümmer und Sessel verloren herumkreisen. (Bühne Martin Zehetgruber). Untergangsstimmung überinszeniert! Die Dialoge, bzw. Monologe ziehen sich dahin, werden abgewandelt und bleiben inhaltlich doch gleich: Da ist der Vater, ein Blender, Vielredner und Geizhals (Sven-Eric Bechtolf), dann die drogenabhängige Mutter (gut gespielt von Corinna Kirchhoff), der aufmüpfige Sohn James (Alexander Fehling). Seine Rebellion verrinnt, kaum begonnen. Und schließlich der an Weltschmerz und Schwindsucht erkrankte Edmund (August Diehl). Dieses Vierergespann dreht sich in Vorwürfen, Lügen, Verbergen um die eigene Achse, kommt nicht vom Fleck. Wehmütig dachte ich an Dramen von Tenessee Williams, der die „amerikanische Familienkrankheit“ von Sucht und Abhängigkeiten um vieles brillanter auf die Bühne brachte.

Nun hat man von Breth schon äußerst interessante Inszenierungen gesehen, etwa den „Prinz Friedrich von Homburg“. August Diehl durfte darin einen interessanten, in sich gespaltenen Charakter entwickeln, und das Publikum folgte ihm fasziniert. Bei O‘ Neill gibt es keine Entwicklung, die Figuren sind vom Beginn an festgelegt. Ihr Insistieren im ewig gleichen Gedanken- und Redegut ermüdet. Interessanter ist das Programmheft. Man wird bestens über die autorbiographischen Hintergründe zum Stück  informiert.

www.burgtheater.at

Felix Mitterer: In der Löwengrube. Theater in der Josefstadt.

Wenn Mitterer draufsteht, dann sind Spannung, Aktualität und Dramatik garantiert drinnen!. Geschickt verflicht Mitterer in dem Stück drei historische Handlungsstränge aus der Zeit des Nationalsozialismus.: 1938 wurden zahlreiche Schauspieler jüdischer Abstammung in den Theatern in Deutschland und Österreich ( unter anderem auch im Theater in der Josefstadt) entlassen. Als Hauptgrundlage diente Mitterer jedoch die Geschichte des Schauspielers Leo Reuss, der von deutschen Bühnen als Jude verjagt nach Wien kam, hier ebenfalls keine Arbeit fand, sich nach Salzburg zurückzog, wo er sich einen Bart wachsen ließ, den Dialekt lernte und mit einem Empfehlungsschreiben von Max Reinhardt ausgerüstet auf den Wiener Bühnen als Kaspar Altenberger  Riesenerfolge feierte. Mitterer verlegt das Geschehen nach Berlin, macht aus dem Salzburger Bauern einen Tiroler aus dem Ötztal, der große Erfolge feiert und sogar Göring beeindruckt. Ähnlich wie einst Gründgens hat er plötzlich die Macht, Schauspieler zu fördern oder zu entlassen. Doch das war nicht der Effekt, den er wollte. Mit Entsetzen muss er erkennen: Wer sich mit der Macht einlässt, wird schuldig.

Für Florian Teichtmeister ist die Rolle des Schauspielers Kirsch eine große Herausforderung, muss er doch blitzschnell von einer Sprachebene in die andere wechseln: Gerade noch der Mensch Kirsch, dann gleich der Tiroler Bauer, dann der Bauer, der Tell mit leichtem Tiroler Einschlag spielt. Wie das Teichtmeister hinbekommt, ist einfach verblüffend. Dazu ein Ensemble, das in der Regie von Stephanie Mohr umsichtig und geradlinig spielen darf, ohne verwirrende Mätzchen. André Pohl als von Kirsch entlassener Schauspieler hat berührende Auftritte, Alexander Strobele gibt den brummigen und ehrlichen Kulissenschieber und Requisiteur ganz hervorragend, Alma Hasun als jüdische Jungschauspielerin und Pauline Kopf als karrieresüchtige Ehefrau von Kirsch sind klassische Frauenfiguren aus dieser Zeit. Peter Scholz als verzweifelter Theaterdirektor, der nur eines will: sein geliebtes Theater trotz Nazidrohungen über die Runden zu bringen, sorgt für manche heitere, aber auch nachdenkliche Momente.

Mein Tipp: Unbedingt vorher das Programm studieren – dort ist die wahre Geschichte des jüdischen Schauspielers Leo Reuss dokumentiert. Mit diesem Hintergrundwissen hält man das Drama nicht für einen vom Autor gut erfundenen Schwank, sondern man erlebt intensiver mit, wie groß die Gefahren des Mitmachens, des Vernaderns um der eigenen Karriere willen damals waren und sicher heute auch noch sind.

www.josefstadt.org

Christoph Poschenrieder: Kind ohne Namen. Diogenes Verlag

Wer Poschenrieder kennt, der weiß, was ihn erwartet: Nix ist fix, alles ist möglich, die Abenteuer sind im Kopf. Die Phantasie regiert. So auch in diesem Roman. In einem Dorf, ganz ohne Handyempfang, kann sein in Deutschland, Schweiz, Österreich, kann aber auch überall sein, passiert Gespenstisches. Ein geheimnisvoller Burgherr herrscht über die Bewohner, tyrannisiert die Mutter von Xenia, hat ihren Sohn zu seinem persönlichen Sklaven gemacht. Xenia kehrt aus der großen Stadt zurück ins Dorf. Sie erwartet ein Kind, will aber es weder die Mutter noch die Dörfler wissen lassen. Da werden Flüchtlinge in der aufgelassenen Schule einquartiert. Und es kommt, wie erwartet: Sie werden von den Bewohnern gemobbt, ja sogar gehasst. Nur Xenia und ihre Mutter suchen die Kontakte und die Deeskalation. Xenia verliebt sich sogar in den Flüchtling Ahmed, hofft, sie kann mit ihm ein Leben aufbauen. Das Kind kommt zur Welt. Der Burgherr erhebt aufgrund eines mysteriösen Vertrages mit der Mutter Xenias Anspruch auf dieses Kind, solange es nicht getauft ist. In einer Nacht- und Nebelaktion lässt Xenia das neugeborene Mädchen taufen. Damit ist dieser ziemlich verwirrende Erzählstrang abgehandelt. Den Leser lässt er etwas ratlos zurück. Aber so ist Poschenrieder….Er schreibt und phantasiert, nicht immer an seine Leser denkend. Der geschäftstüchtige Burgherr plant Container im Dorf aufzustellen, um noch mehr Flüchtlinge unterbringen zu können und mit ihnen gutes Geld zu machen. Doch da explodiert der Volkszorn. Ahmed flieht. Xenia lässt den Burgherren in den Tod fahren—–eine wilde Story. Am Ende scheint sich alles zum Guten zu wenden – die Dörfler machen ihren Frieden mit den Flüchtlingen.

Poschenrieder handelt in dem Roman subtil die ganze Skala der Fremdenfeindlichkeit und der allzu häufig gehörten Meinungen der Gutmenschen ab und versucht dabei als objektiver Erzähler zu wirken. Was ihm nicht gelingt, denn seine Sympathien sind eindeutig  bei Xenia, der mutigen „Retterin“.

Ronald Harwood, Der Garderober. Kammerspiele der Josefstadt

Ein  Theaterabend mit großartigen Schauspielern. Ein gediegener Text, der die Handschrift eines gewieften Dramatikers trägt. Kurz: Ein toller Abend.

Garderober wird einer genannt, der sich für „seinen“ Schauspieler aufopfert, mit unendlicher Geduld seine Launen erträgt und dafür sorgt, dass alle Requisiten bereit liegen, die Kostüme gereinigt und geflickt sind und vor allem, dass sein „Herr und Meister“, der Schauspieler, fit genug ist, damit das Stück stattfinden kann.

Ronald Harwood weiß, wovon er erzählt, war er doch selbst 1953-58 Garderober des englischen  Schauspielers Sir Donald Wolfit. Dieser war Prinzipal einer von ihm geführten und bezahlten Theatertruppe und zog während des Zweiten Weltkrieges über die Lande, um die Menschen vom Krieg und Bombenhagel abzulenken. (Nachzulesen im Programm).

Martin Zauner als Garderober Norman und Michael König als Prinzipal, von allen nur „Sir“ genannt, liefern eine schauspielerische Performance ab, wie man sie nur in Sternstunden auf dem Theater sieht. Ich habe Michael König noch nie so intensiv erlebt Schon sein Auftritt als verwirrter, leicht dementer Alter, der nicht einmal weiß, dass er Schauspieler ist, nur stumm und verloren vor sich hin starrt, ist ganz große Theaterkunst. Dem Garderober fällt nun die schwierige Aufgabe zu, diesen zu Tode erschrockenen und erstarrten Mann für die Rolle als König Lear vorzubereiten. Das Pingpongspiel zwischen den beiden ist amüsant, grotesk und tragisch: Die Zeichen deuten auf Niederlage – Sir will nicht spielen, ist krank, weiß nicht einmal, welche Rolle er spielen soll und hat seinen Text vergessen. Mit Geduld und Fingerspitzengefühl drängt der Garderober ihn, sich zu schminken und anzukleiden. Und der Zuschauer ist Zeuge, wie sich aus einem alten Tattergreis ein Lear herausschält. Die Stimme gewinnt an Kraft, der Körper spannt sich…er wird einen mächtig guten, ja seinen besten Lear spielen. Das Ende sei hier nicht verraten. Unbedingt ansehen! Große Schauspielkunst!

In dem informativen Programm erfährt man Einiges über die Theatersituation in London während des 2. Weltkrieges und danach. Wer war Sir Donald Wolfit? Wie erfolgreich war Ronald Harwood als Dramatiker und Drehbuchschreiber? Es zahlt sich aus, mit diesen Vorinformationen in das Stück einzusteigen.

Madame Bovary. Theater in der Josefstadt (Bühnenfassung Anna Bergmann und Marcel Luxinger)

Eine interessante, aber etwas mühevolle (für den Zuseher) Inszenierung von Anna Bergmann. Die Aufteilung der Hauptperson Emma Bovary auf fünf Schauspielerinnen wirkt wie eine modische Regieidee. (Besser gelungen ist das Jelinek in ihrem Eurydike-Text. Gar nicht gelungen in der „Romeo und Julia“-Inszenierung im Volkstheater) Maria Köstlinger ist die Hauptfigur und sie spielt die Rolle mit großem Einsatz, steht über 2 Stunden pausenlos auf der Bühne, agiert überzeugend als Emma, die hysterisch nach Liebe sucht und nicht kapiert, dass sie dem großen Irrtum aufsitzt und Sex mit Liebe verwechselt. „Aber die Liebe wird kommen. Sie muss!“, sagt sie sich gebetsmühlenartig vor und hält das routinierte Liebesgesäusel von Leon (sehr gut in der Rolle Meo Wolf) und des reichen Lebemanns Rodolphe Boulanger (ebenfalls überzeugend Christian Nickel) für „echte Liebe“. In Bergmanns Inszenierung ist Emmas Ehemann Charles Bovary (sympathisch und schnörkellos gespielt von Roman Schneider) ein  liebevoller Mann und man versteht eigentlich nicht, warum sie ihn so abgrundtief verachtet. (IM Roman ist er wesentlich krätziger, Emmas Aufbegehren daher verständlicher).

Etwas überzogen wirkt das Bühnenbild von Katharina Faltner. Warum klappen aus den Wänden Bretter auf, aus denen die diversen Emmas herausfallen?  Warum müssen die Emmas über Leitern die Wände hoch und nieder klettern? Um die Hysterie zu verdeutlichen? Mit diesen obskuren Einfällen riskiert die Regisseurin, dass das Stück jns Lächerliche abgleitet. Ebenso überzogen wirken die Kostüme(Lane Schäfer). Die Emmas tragen riesige Perücken, oft seltsame Gewänder…auch hier wäre weniger mehr. Denn der Stoff des Romans (in der Übersetzung von Elisabeth Edl), woraus ganze Passagen wörtlich zitiert werden, hat bis heute seine brisante Wirkung nicht verloren: Die unbefriedigte Frau, die hysterisch nach der so genannten Liebe sucht, sich selbst und die Familie ruiniert. Selbstverwirklichung und Selbstverführung durch falsche Vorstellungen vom Leben, genährt durch oberflächliche Lektüre, wie Gesellschaftsmagazine und billige Liebesromane – all das ist gestrig und heutig. Deshalb lässt Anna Bergmann den 2. Teil nach der Pause auch im Heute spielen. Allerdings ist dieser 2. Teil ziemlich wirr und ermüdend. Die Aufmerksamkeit und eventuelle Empathie mit Emma lässt beim Zuschauer spürbar nach.

Freundlicher Applaus.

www.josefastadt.org

Das  Programmheft einhält einige gute Beiträge über Flauberts Arbeit an dem Romans.

Ferdinand Schmalz, jedermann (stirbt). Burgtheater

Was ergeben: Ein kluger Text (Schmalz), eine ebenso kluge Regie (Stefan Bachmann), ein faszinierendes Bühnenbild (Olaf Altmann), interessante Kostüme (Esther Geremus) und dazu noch Live Musik (Sven Kaiser und Béla Fischer jr.) – also was ergibt das alles zusammen? – Einen spannenden Theaterabend!

Ferdinand Schmalz hat sich an den „heiligen, unantastbaren“ Text des „Jedermann“ gewagt und daraus ein durchaus gültiges, heutiges Stück ohne Pathos und triefende Moral geschrieben. Ein bisserl bei Goethes Faust, ein bisserl bei Karl Marx im „Kapital“ geblättert und ganz viel sich in Hofmannsthals Jedermann vertieft, diesen gehörig gerührt und geschüttelt und vor allem entlüftet. Der Mottenkugelduft ist draußen, ein frischer Wind weht durch das alte Todesthema.

Markus Hering ist ein durch und durch heutiger „jedermann“, einer, der das Geld, das Kapital verehrt, die Regeln der Wirtschaft kennt. Seine Frau (Katharina Lorenz) ist brav angepasst. Barbara Petritsch ist Buhlschaft und Tod und das ergibt durchaus einen guten Sinn. Für humorige Szenen sorgen die beiden Vettern Markus Meyer und Sebastian Wendelin. Mavie Hörbiger ist ein reizender Mammon und eine arme Vertreterin der guten WErke. Oliver Stokowski ist Gott und geht die Wette um die Rettung Jedermanns mit den Teufeln ein, um gleich danach „jedermann“ als „armer Nachbar“ die Maske der Loyalität und Hilfsbereitschaft herunterzureißen.

Der Abend hat es in sich. Mein Rat: Man muss gut ausgeschlafen sein, um dem nicht immer ganz leichten Text voll mitzubekommen.

Helmut Lethen: Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich. Rowohlt Berlin

DaNach der politischen Idee aus der Zeit der Weimarer Republik wurden 1933 neue „Staatsräte“ ernannt. Ihr offizieller Aufgabenbereich: „Sie stehen dem Führer mit Rat, Anregung und Gutachten zur Seite“ – so die Definition des Juristen Dr. Carl Schmitt, einer der vier Staaträte, die Helmut Lethen in seinem Buch beschreibt.  Ihre politische Wirkungsmacht ist zweifelhaft. Man kann eher von Scheinwirkungen sprechen. Die Idee kam von Hermann Göring: Es wurden Männer ausgesucht, die nichts im Staate zu sagen hatten, aber doch bedeutende Namen trugen, wie  Gustav Gründegens, Schauspieler und Intendant des Staatlichen Schauspielhauses, der Dirigent Wilhelm Furtwängler, der Chirurg Ferdinand Sauerbruch und der Jurist Dr. Carl Schmitt. HelmuthLethen lässt die vier Staatsräte viermal zu geheimen Gesprächen zusammenkommen. Diese Treffen fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt ohne irgendeinen politischen Auftrag. Übrigens hielt Hitler selbst nichts von der Idee der Stadträte, kam zu keinem Treffen und fragte auch keinen dieser Herren um Rat.

Lethen „rekonstruiert“ nun diese vier Gesprächsrunden. Da es keine Aufzeichnungen gibt, nennt er sie „Geistergespräche“. Die Erfindung dieser Gespräche ist zugleich die Crux des Buches: Die Gespräche geraten dem Autor allzu theoretisch. Gründgens spricht über den Schein, die drei Zuhörer (und der Leser) langweilen sich. So nebenbei erfährt der Leser etwas über die Prunksucht des Schauspielers, sein riesiges Anwesen und seinen luxuriösen Lebensstil. Beim zweiten Treffen, das auf dem Landgut Görings stattfindet, spricht der Jurist Carl Schmitt über den Begriff „Feind“. Auch er stößt nicht auf allzu viel Interesse. Im dritten Treffen brilliert der „große Chirurg“ Sauerbruch über den Vorteil des Krieges, der ihm die Möglichkeit gab, ganz neue Prothesen zu entwickeln. Zynisch lässt er Kriegsverletzte mit Prothesen als Schauobjekte auftreten. Das vierte Gespräch findet im Dirigentenzimmer Furtwänglers statt. Die vier überhören die Sirenen, die britische Bomber ankündigen. Es ist zu spät, um in den Luftschutzkeller zu rennen. Furtwängler spricht gelassen weiter über die Harmonie in der klassischen Musik und wettert gegen die „Neutöner“.

Die vier Männer hatten im politischen System nichts zu sagen und zu entscheiden. Sie wähnten sich sicher während der ganzen Nazizeit und nach dem Zusammenbruch genau so sicher vor gerichtlicher Verfolgung. Und tatsächlich kam es nur zu einem kurzen Karrierestopp. Nach einigen eher ungemütlichen Verhören konnten alle bis auf Schmitt ihre Karriere ungehindert fortsetzen. Schmitt wird dreimal verhaftet und verhört, verliert seine Professur an der Berliner Universität. Gründgens steht 1947 schon wieder auf der Bühne – ausgerechnet als Orest in Sartres Résistancedrama „Die Fliegen“. Sauerbruch bleibt auch nach Kriegsende Chef der Chirurgischen Klinik der Charité. Furtwängler wird 1946 von einer Berliner Untersuchungskommission von jeglicher Schuld freigesprochen, Zitat: „Bis zu seinem Tod geistert Furtwängler als heiliggesprochener Dirigent durch die Konzertsäle Europas.“

Was war das Ziel des Autors? – vielleicht aufzuzeigen, wie es sich so manche im Dritten Reich richten, ihr Gewissen beruhigen und sich mit der Macht arrangieren konnten. Doch der Autor strapaziert die Geduld des Lesers durch theoretische Exkurse allzu sehr.

Andrea DeCarlo: Das Meer der Wahrheit. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Diogenes Verlag.

Andrea DeCarlo ist für ganz Italien, was Donna Leon für Venedig ist: Er wählt brisante, aktuelle Themen, packt sie in ein spannendes Sujet mit dazu passendem Umfeld. Diesmal geht es um das heikle Thema der Empfängnisverhütung, die ja immer noch vom Vatikan aus verboten ist. Doch es gibt – so im Roman – eine brisante Aufforderung eines gewissen Kardinals Ndionge, der vor seinem Tod noch ein eindringliches Schreiben an den Vatikan richtet. Doch das Dokument ist verschwunden. Wurde von Mitgliedern der Mitte-Links Partei „Mirto Democratico“ im Interesse und Auftrag des Vatikans vernichtet.

Geschickt baut Andrea DeCarlo in der Geschichte zwei Lebensformen, typisch nicht nur für Italien, auf: Da ist Lorenzo, der erfolgreiche Politiker, der nur für seine Karriere lebt, kämpft und sogar morden lässt, und auf der anderen Seite sein Bruder Fabio, der typische Aussteiger. Er hat sich in ein einsames Dorf im Apennin zurückgezogen aus Sehnsucht nach „einem nicht besetzen Raum“.  De Carlo stellt in dem Roman die Frage, wie Lebenstentscheidungen entstehen: Ist es sinnvoll, alles abzubrechen und unter primitiven Bedingungen zu leben? Ist es sinnvoll, in der hektischen Stadt durch Beruf und Ehrgeiz gestresst zu leben?

FAzit des Romans: Die italienische Politik – und nicht nur die italienische – liegt im Argen. Dass die Jagd nach der letzten noch vorhandenen Kopie des Dokuments ein eher hollywoodähnliches Ende nimmt, mag man dem Autor gern verzeihen. Denn der Roman ist faszinierend und bis zum Schluss spannend.

Erwin Schrott im Wiener Konzerthaus (2. April 2018)

Da  seine angekündigte Partnerin Golda Schultz krankheitsbedingt absagen musste, bestritt Erwin Schrott den Abend allein. Vorweg: Grandios!

Erwin Schrott ist nicht nur ein glänzender Bass-Bariton, sondern auch eine „Rampensau“ – so nennt man im Fachjargon Künstler, die über eine ungeheure Bühnenpräsenz und Spielfreude verfügen. Schrott kam, sah und siegte mit der Registerarie des Leporello. Siegessicher brillierte er mit Witz, Charme und natürlich mit seiner Stimme! Dann stieg er auf die zweite Rolle um, die ihm auf den Leib geschrieben ist: Mephisto ! Einmal mit der Arie „Le veau d‘ or“ aus Gounods Faust, und zweimal mit Arien aus Mefistofele von Arrigo Boito. Da durfte er so richtig  witzig -böse sein, der Geist, der stets verneint. Kraftvoll-nachdenklich ließ er die Arie des Attila aus der gleichnamigen Oper von Verdi erklingen und nachdenklich, berührend klang das Programm mit der berühmten Arie des Philippe aus Don Carlos: Elle ne m’aime pas“ aus.

Dann gab es noch zwei Zugaben – einen „trockenen“ Tango aus seiner Heimat Uruguai – ohne Instrumentenbegleitung –  und den Schlager „Besame mucho!.

Begleitet wurde er von der Janacek Philharmonie Ostrava unter dem Dirigenten Claudio Vandelli. Sie spielten mit unterschiedlicher Sensibilität – manchmal zu routiniert – Ouvertüren zu Don Giovanni, Philemon und Baucis (Gounod), Les vêpres siciliennes (Verdi) und ein Intermezzo aus Manon Lescaut (Puccini). Der manchmal  heftige Orchesterklang konnte dennoch nie die Stimme Schrotts übertönen. Er war der Beherrscher der Bühne.

Begeisterter Applaus!

Weiter Konzerte im Rahmen der „Great Voices“:

Sonderkonzert Jonas Kaufmann: 13. Mai 2018

Olga Peretyatko: 26. Mai 2018

www.greatvoices.at, www.konzerthaus.at

Hans Pleschinski, Wiesenstein. C.H.Beck Verlag

Auf 544 Seiten lebt der Leser das langsame Sterben Gerhart Hauptmanns mit. Der Verlag nennt das Buch einen Roman. Passender wäre „Romanbiografie“. Denn Pleschinski hat genauestens recherchiert und nur wenig der Phantasie überlassen. Diese Genauigkeit ist das Plus und das Minus des Werkes. Denn offenbar wollte der Autor auf kein einziges Detail seiner  Forschungen verzichten. Was teilweise zu einer abundanten Information führt, vor der so mancher Leser kapitulieren könnte. Wer sind die intendierten  Leser dieses „Romans“? – Einerseits Germanisten, die sich für das letzte Lebensjahr des Dichters interessieren. Andrerseits Historiker, die Genaueres über die letzten Kriegsmonate nach der Zerstörung Dresdens und das Schicksal Schlesiens wissen wollen.

Der schwer kranke Gerhart Hauptmann kann dem brennenden Dresden entkommen. Er will in seine geliebte Villa Wiesenstein im Riesengebirge, in der Hoffnung, dort in Frieden sterben zu können. Begleitet wird er von seiner (2.) Ehefrau Margarete, einem Heilmasseur, einer Sekretärin und einer Zofe. Trotz der immer schwieriger werdenden politischen Lage – in Schlesien weiß niemand, wie es nach dem Zusammenbruch des „tausendjährigen Reiches“ weitergehen wird, wem Schlesien gehören wird – versucht das Ehepaar so etwas wie Normalität zu leben. Dazu gehören karge, aber regelmäßige Mahlzeiten, zu denen der Butler mittels Gongschlag ruft, und Diskussionen über das Werk Hauptmanns. Dabei sucht man eifrig nach Stellen im Werk des Dichters, die seine kritische Haltung gegenüber dem Naziregime bestätigen sollen. Man weiß ja nie, welche Machthaber in Zukunft das Schicksal Hauptmanns bestimmen werden. Dass er Kontakte zu politischen Ungeheuern wie Hans Frank hatte, macht Sorgen. Als die Rote Armee näher rückt, drehen sich die Gespräche nur um ein Thema: Was kann Hauptmann vorweisen, um als politisch unbescholten zu gelten? Und wird allein sein Name ihn und sein Gefolge vor der Wut der Plünderer schützen?

Als das Inferno fast schon die Villa Wiesenstein erreicht, da scheint der Autor die Kontrolle über sein Werk zu verlieren. Fast wirkt es, als fände er Gefallen an der Schilderung der maßlosen Gräuel. Mit Akribie schildert er die Not der Flüchtenden, die Toten am Wegrand, zählt die Selbstmorde auf. Als die Russen einmarschieren, wird der Horror neuerlich überdeutlich ausgeführt. Mit dieser Überfütterung an grauenvollen Einzelheiten geht die Gefahr einer gewissen Banalisierung einher. Gekonnte Reduktion wäre mehr!

Gerhart Hauptmann erfährt die Gnade eines raschen Todes. Er darf in seiner Villa Wiesenstein sterben. Danach erfolgt die Evakuierung der gesamten Habe und des Personals.

Rusalka- Wiederaufnahme an der Wiener Volksoper (27. März 2018, 25. Vorstellung)

Das Regie- und Ausstattungsduo André Barbe und Renaud Doucet setzt voll auf Märchen für Kinder. Mit ein wenig erhobenem Finger – nicht der Zeigefinger, gerade nur der kleine Finger: Kinder, Publikum, wenn ihr nicht aufpasst, dann wird der Wald, unsere gesamte Welt so aussehen, wie ihr sie auf der Bühne seht: Entlaubte Wälder, Müll quillt aus schwarzen Plastiksäcken, Elfen wühlen darin und spielen damit. Die Höflinge sind dick, können sich kaum mehr bewegen, oder sind von Chirurgen bis zur Fratze verformt. Nette Idee am Rande: Gesichter mit Schrauben zum Nachspannen der Falten!. Der Mann im Mond radelt in einer Riesenscheibe über den Himmel. Dicke Staubmäuse begleiten die Hexe Jezibaba.

Unter dem schwungvollen Dirigat von Alfred Eschwé rauscht die Musik Dvoraks über Publikum und manchmal auch Sänger hinweg. Mehrzad Montazeris Rollendebüt als Prinz ging anfangs unter der Klanggewalt unter. Carolina Melzer war eine stimmlich und schauspielerisch firme Rusalka. Den Zauber, der von dieser Figur ausgeht, vermisste man an manchen Stellen, was aber vielleicht der Regie anzurechnen ist. Martina Mikelic reüssierte als neue Jezibaba. Wie immer hervorragend: Yasushi Hirano als Wassermann. Nicht unerwähnt sollte die Leistung der Akrobaten als Waldschratten und Waldelfen bleiben.

Insgesamt eine heitere Aufführung, bunt, fröhlich. Ohne tiefenpsychologische Deutung, sondern einfach als Märchen mit einigen pädagogisch gefärbten Mahnungen erzählt.

„All About Eve“ in den Kammerspielen

Ich gehöre wahrscheinlich zu den wenigen, die den Film von Mankiewicz (1950) nie gesehen haben. Deshalb trübten keine Vergleiche das  pure Vergnügen. Die deutsche Bearbeitung von Daniel Kehlmann ist gelungen, die Regie von Herbert Föttinger flott. Walter Vogelweider lieferte ein karges Bühnenbild, gerade so wenig oder viel, wie es brauchte, um einen Raum zu imaginieren. Birgit Hutter passte die Kostüme den  50er Jahren an. Allerdings fragte ich mich manchmal, warum ausgerechnet die Kleider des Stars Margo so hässlich und schlecht sitzend sein mussten.

Gespielt wurde mit vollem Einsatz. Ein totaler Gewinn für die Kammerspielrunde ist Joseph Lorenz. Er war als Zyniker und Kritiker DeWitt voll in seinem Element – die herrlichste Bühnenkanaille, die es schon lange nicht so vortrefflich gab. Der Streit mit Eve, die sich als absolute Siegerin auf allen Linien sieht, und der Triumph über sie, die bis dahin alle, vor allem  den Star Margo eingekocht und ausgebootet hat, das war eine seiner großartigen Szenen! Von denen es noch einige mehr gab. Etwa Eve (Martina Ebm) in ihrer Antrittsszene als grau-schlaues Mäuschen! Oder in der Schlussszene, als Eve kapiert, wie einsam und angreifbar das Stardasein macht. Sandra Cervik war als die vergötterte Margot manchmal etwas zu routiniert divenhaft, spielte jedoch im zweiten Teil, als sie als große Diva von Eve abgelöst wird, auf einer facettenreicheren Ebene. Großartig war Susa Meyer als Birdie. Handfest, uneitel und klug vorausschauend. Das nahm man ihr voll und gerne ab.

Ein Abend, an dem viele aktuelle Probleme auf amüsant-leichte Art serviert werden: Etwa die Angst der Frau (nicht nur der Schauspielerinnen) vor dem Älterwerden. Der Krieg um Rollen (kann auch ersetzt werden durch: Kampf um Arbeitsplätze). Die Manipulationen im Showbusiness, die Macht der Kritiker und sonst noch mehr…

Spielplan und Infos: www.josefstadt.org

Oliver 2.0 -Fehler im System. Komödie von Folke Brabant. Theater Akzent

Es gibt sie noch – die gescheite Komödie. Was ist eine „gescheite Komödie“? – Ein Widerspruch auf den ersten Blick. Tiefsinnig, wenn man weiter denkt. Wenn hinter dem Lachen Erkenntnisse aufblitzen über das Leben und die Gefahren. Folke Brabant schrieb so eine. Und Makon Hirzenberger setzte sie grenzgenial um. Dem spielfreudigen Ensemble setzte er der Lust am totalen Unsinn, hinter dem ein tiefer Sinn steckt, keine Grenzen.

Stefano Bernardin spielte sich zweimal: Einmal das Ekel Oliver, den seine Freundin Emma (Maddalena Hirschal) gerade hinausgeworfen hat, und den Roboter 2.0, der mir nix dir nix durch die Tür hereinspaziert und den „echten“ Oliver ersetzt. Bald entsteht zwischen Oliver 2.0 ein Nahverhältnis, das zu exzessivem Sex (wie immer im Theater Akzent -dezent hinter einem mächtigen Sofa!) führt. Zum herrlichen Klamauk wächst sich das Stück aus, als Emmas Vater (großartig von Eduard Wildner gespielt) in Frauenkleidern – er entdeckt gerade seine eigentliche Natur – dazukommt. Nun kennt sich keiner mehr aus: Who is who, wer ist echt, wer ist Roboter? In bester Feydeauscher Manier kommt der echte Oliver bei der einen Tür rein, rennt der Roboter bei der anderen Tür raus. Um den Spaß auf die Spitze zu treiben, wird der echte Oliver vom Kontrollbeamten der Roboterverleihgesellschaft (Sven Sorring) quasi entsorgt und kommt als Oliver 2.0 wieder zurück, allerdings etwas lädiert. Langsam mutiert auch Emma zu einem Roboter. Beide gemeinsam „wollen sie die Welt retten“.

Der kürzlich verstorbene geniale Physiker Steven Hawkin wies immer wieder auf die Gefahr des exzessiven Ausbaus der künstlichen Intelligenz hin. Es droht die Gefahr, dass die künstliche Intelligenz einst die Menschen beherrschen wird, meinte er mahnend. Genau das ist das Thema dieser  blitzklugenKomödie!

Infos und Programm: www.akzent.at

Fritz von Friedl: Roda Roda. Lesung mit Musik im Literatursalon Wartholz

Helmut Korherr, der sich viel mit der Epoche von 1900 bis nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt, verfasste auch einen Essay über Roda Roda, den Fritz von Friedl mit viel Einsatz las. Begleitet wurde er von der Pianistin Petra Greiner Pawlik, die passend zur Zeit und den Orten, wo sich der Nomade Roda Roda aufhielt, flotte Musik dazwischen spielte. Schloss Wartholz in Reichenau organisiert an Wochenenden Lesungen, Musik- und Kinoabende. Vor allem die Wiener kommen gern, besonders an so einem schönen Frühlingstag, ins „Wartholz“, genießen zum Beispiel den Ostermarkt in der Gärtnerei, den Kaffee im Restaurant und eben auch  Lesungen, wie die von Fritz von Friedl.

Roda Roda wurde als Alexander Rosenfeld 1872 in Mähren geboren. Aus seinen Erfahrungen während seiner  Militärzeit als Offizier veröffentlichte er humorvoll-ironische Geschichten, die weit über Wien hinaus bekannt wurden. Bis heute erinnert man sich an ihn als Autor des Theaterstückes „Der Feldherrnhügel“. Roda Roda war ein unruhiger Geist, reiste mit der gesamten Familie (später mit Tochter Dana  und Schwiegersohn Ulrich Becher) zunächst freiwillig, unter Hitler dann zur Flucht und Emigration gezwungen, quer durch Europa. 1940 gelang ihm und seiner Frau – Tochter und Schwiegersohn kamen später nach- die Flucht in die USA, wo er als Schriftsteller erfolglos blieb. Er starb 1945. Sein Leben spiegelt die Härten und Probleme dieser Zeit wider, den Aufstieg des Nationalsozialismus und die Verfolgung der Juden und Minderheiten.. Man vermisste allerdings im Text Korherrs genauere Informationen über die persönlichen Gedanken Roda Rodas zur politischen Lage. Der Text glitt leider manchmal in eine Aufzählung der einzelnen Reiseziele ab, was ein wenig  ermüdete.

Das Programm im Literatursalon Wartholz ist unter www.schlosswartholz.at zu finden.

Joseph Lorenz liest: F. Werfel, Eine blassblaue Frauenschrift. Theater Akzent

Wenn Joseph Lorenz Schnitzler, Roth oder Werfel liest, dann füllt sich der Saal bis in die letzten Reihen.   Nach mehreren Abenden im „Dachstüberl“ des Theaters, wo es geschätzte 50 bis 80 Sitzplätze gibt und viele Fans keine Karten mehr bekamen, – nun also endlich die Übersiedlung in den Hauptsaal!

Mit seiner starken Bühnenpräsenz erreichte Joseph Lorenz auch die Besucher in den letzten Reihen. Es muss wieder einmal gesagt werden: Selten zieht ein Schauspieler bei Lesungen das Publikum so tief in die Erzählung hinein. Man meint, in einem Theaterstück zu sitzen, so plastisch erscheinen die einzelnen Figuren!

Die Erzählung „Eine blassblaue Frauenschrift“ schrieb Franz Werfel 1940 in Sanary sur Mer, wo er mit seiner Frau auf eine Ausreise in die Staaten wartete. Es ist eine Rückschau auf das Jahr 1936, als Wien schon ganz schön braun eingefärbt war und man  Juden verächtlich als „Israeliten“ bezeichnete. Werfels Erzählung ist nicht hasserfüllt und ergeht sich auch nicht in einer simplen Schwarzweißmalerei, sondern ist eher eine fein gesponnene, subtile Entlarvung eines „Mitläufercharakters“: Leonidas  stammt aus ärmlichen Verhältnissen und verdankt seinen Aufstieg in die Wiener Gesellschaft dem Selbstmord seines jüdischen Nachbarn, der ihm einen Frack hinterließ. Mit diesem Kleidungsstück erschwindelt er sich den Eintritt in die „gehobene Wiener Gesellschaft“. Nun ist er mit 50 Jahren am Höhepunkt seiner Karriere: Auf den angesehenen Ministerialbeamten im Unterrichtsministerium hören Minister. Er kann mit seinem Leben zufrieden sein. Was will ein Mann mehr: eine reiche, schöne, um Jahre jüngere Frau, dezente Seitensprünge, die nie seine Ehe gefährdeten. Alle längst vergessen. Bis auf Vera, die schöne Jüdin. Ihr Brief rüttelt ihn auf, gefährdet sein Gleichgewicht. Doch am Ende ist alles gut: Er braucht sich um nichts und niemanden zu sorgen: Vera verschwindet nach Montevideo. …Alles wie vorher, kein Grund für Geständnisse, für Gewissensbisse.

Joseph Lorenz taucht in den Text bis tief  auf seinen Grund, lässt Worte bedeutungsschwer aufglänzen. Etwa, wenn er über den Frack spricht, den der verzweifelte jüdische Student Leonidas vermacht. Da hallt das Wort in den Köpfen der Zuschauer wider und bleibt dort drinnen als Symbol der Heuchelei. Oder wenn er die „Israeliten“ mit all der Verachtung, die Leonidas für die Juden aufbringt,belegt. Mehr braucht es nicht, und das Bild des braunen Wien entsteht vor dem geistigen Auge der Zuschauer. Lorenz macht aus Erzählungen Dramen, eingeteilt in Miniakte. Er ziseliert die Figuren subtil heraus, wird zum Heuchler Leonidas, in der nächsten Sekunde wechselt er die Fronten und ist die  Ehefrau Amelie, die in hysterisches Schluchzen ausbricht. Textstellen, über die man vielleicht beim Lesen hinwegsieht, arbeitet er zu Wortkostbarkeiten aus. Mit dieser intensiven Dichte führt er die Zuhörer durch die Erzählung, ohne sie auch nur eine Sekunde in ein gemächliches Zuhören verfallen zu lassen. Bis zum Rande des Möglichen erschöpft, entlässt er sich selbst nur langsam aus der Erzählung.

Ein begeistertes Publikum spendete viel Applaus und Bravos!

Theater Akzent – Programm und Karten: www.akzent.at

 

Ballett „Raymonda“, Wiener Staatsoper. Aufführung: 9. März 2018

 

Dieses glanzvolle Zeugnis des klassischen Balletts mit der ebenso glanzvollen Musik von Alexander Glasunow wurde 1898 in der Choreographie von Marius Petipa im Mariinski-Theater in St. Petersburg mit großem Erfolg uraufgeführt. 1964 adaptierte Rudolf Nurejew es für das 20. Jahrhundert und brachte es 1965 an die Wiener Staatsoper. In dieser Fassung wurde es 1997 wieder aufgenommen und erlebte am 9. März die 48.Aufführung.

Unter dem schwungvollen Dirigat von Kevin Rhodes entfaltete die Musik ihren Glanz. Leichtfüßig, romantisch und dann wieder dramatisch erinnert sie oftmals an eine Operette. Dazu passten auch das  Bühnenbild und die Kostüme von Nicholas Georgiadis: Tücher und Fahnen in Rot bis Godlgelb wehten durch den Bühnenraum und imaginierten ein Schloss. Im Hintergrund blitzten manchmal Feuer und Fahnen der Belagerer auf. Es ist Krieg: Die Sarazenen unter der Führung des Fürsten Abderachman belagern das Schloss, dessen Besitzer auf einem der Kreuzzüge ist. Die Bewohner sind also schutzlos den Sarazenen ausgeliefert. Dennoch tanzt und singt man und bereitet mit großem Aufwand die Hochzeit Raymondas mit dem Ritter Jean de Brienne vor. Wie es im Märchen so geht, verliebt sich der Sarazenenfürst in die schöne Raymonda, wirbt um sie, will sie entführen. Da erscheint als strahlender Held Raymondas Verlobter, rettet sie und tötet im Zweikampf den bösen Sarazenenfürsten. Dann wird Hochzeit gefeiert. Ein Märchen aus dem Mittelalter, das dem Publikum äußerst kulinarisch erzählt wird.

Liudmila Konovalova ist eine bezaubernde Raymonda, Leonardo Basilio ein hübsch anzusehender rettender Ritter. Publikumsliebling Mihail Sosnovschi tanzte den Sarazenenfürsten mit Bravour und dem Stolz, den er der artigen Schlossgesellschaft und ihrem gezierten Benehmen entgegensetzte. Die Sarazenen fungieren in dem Ballett als eine Art „Barbaren“, auf die die adelige Schlossgesellschaft mit Verachtung schaut. Den edlen Bösewicht zu tanzen verlangt vor allem feine Charakterisierung, was in dem Kanon der klassischen Ballettfiguren nicht immer leicht ist. Doch Sosnovschi gelingt es mit kleinen Gesten ebenso wie mit wildem, aufrührerischem Tanz, Verachtung, Stolz, Erotik und Begehren zu  vermitteln. Deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass es beim Schlussapplaus Blumensträuße auf ihn herabregnete. Das ganze Ballettensemble konnte in den Tanzszenen sein Können zeigen und wurde mit viel Applaus belohnt.

Doch zurück an den Anfang:Nach einem voluminösen Vorspiel wird die Szene von der tanzfreudigen Jugend des Schlsosses beherrscht. Alle sind elegant gekleidet und bewegen sich ebenso elegant. Unter ihnen wirkt die zarte Raymonda wie eine weiße Unschuldsflocke, Sie wird mit dem Prinzen in einem „Blind Date“ verlobt, kennt nur sein Bild auf einem Gemälde, das sie jedoch voll entzückt. Dass vor den Toren des Schlosses die Sarazenen lagern und der Untergang des Schlosses droht, scheint niemand wirklich zu stören. Die Parallele zur heutigen Welt mag so manchen im Publikum nachdenklich stimmen. Wunderbar dann der Traumakt. Raymonda schläft bei Lautenspiel ein und tanzt, bedeckt und geschützt unter ihrem Brautschleier, ihre erotischen Sehnsüchte aus.. Zur zarten Harfenmusik tritt der Prinz aus dem Gemälde und die beiden träumen in einem Pas de deux von ihrer Zukunft. Weil eben alles nur ein Traum ist, verwandelt sich die Gestalt des Prinzen in den werbenden Sarazenenfürsten.  – Freud hätte an dieser Szene seine Freude gehabt! Diese Traumsequenzen gehören zu den schönsten des Abends und des klasssischen Balletts überhaupt.

Als der Sarazenenfürst zum Fest zu Ehren Raymondas lädt, entwickelt sich ein interessantes Gesellschaftsabbild, das sich so auch heute abspielen könnte: Seine Einladung wird von der Schlossgesellschaft und Raymonda zunächst mit Verachtung bestraft, dann doch aber angenommen. Wie um  ihm zu zeigen, was ein kultiviertes Fest ist, tanzt man ihm „gesellschaftlich richtiges Benehmen“ vor. Doch mehr und mehr übernehmen die Sarazenen das Tanzparkett, die Musik wird wirbelnder, ausgelassener. Barbarisch, würde die Schlossgesellschaft dazu sagen und drückt es im Tanz aus. Da holt der Sarazenenfürst Raymonda zum Tanz. Zuerst widerstrebend, dann seiner Werbung nachgebend ist sie fast bereit, mit ihm zu fliehen. Doch da erscheint – der strahlende Retter, der Prinz. Selten noch sah man in einem urklassischem Ballett so feine Ironie gepaart mit  Gesellschaftskritik und bewundert, was Nurejews Neubearbeitung im Rahmen des klassischen Figurenkanons alles ermöglicht. Der unausweichliche Zweikampf zwischen den beiden ungleichen Männertypen geht – leider – tödlich für den Sarazenenfürsten aus. Auch diese Szene wird mit viel Ironie gewürzt – : Die hölzernen Riesenschlachtrösser unterlaufen witzig die „Tragik“ der Situation. Nach dem Tod des Bösewichtes darf die Schlsossgesellschaft ausgiebig feiern.

Jubel und viel Applaus!

Weitere Aufführungen mit unterschiedlicher Besetzung: 10., 11. 12. März 2018

Margret Greiner: Margaret Stonborough-Wittgenstein. Grande Dame der Wiener Moderne. Kremayr-Scheriau

Die Wittgensteins zählten zu den reichsten Familien Wiens und der Donaumonarchie. Karl Wittgenstein war ein strenger Patriarch, der über seine Ehefrau Leopoldine und seine sieben Kinder ziemlich unbarmherzig herrschte. Dass drei seiner Söhne Selbstmord begingen, ist sicher auch auf die überstrenge Erziehung zurückzuführen. Gretl, wie sie von allen genannt wurde, ließ sich jedoch nicht von ihrem Vater unterjochen, sie wusste sich durchzusetzen und wurde eine starke, selbstbestimmte Frau, die sich neben Kunst auch intensiv mit Naturwissenschaften und Mathematik beschäftigte und sogar ein Semester lang in Zürich studierte. Sie heiratete den Amerikaner Jerome Stonborough und nannte sich fortan Margaret Stonborough-Wittgenstein. Obwohl die Ehe alles andere als gut war, bekam sie zwei Söhne und ließ sich trotz aller Schwierigkeiten von ihrem depressiven Ehemann nie scheiden. Ihren Reichtum verwendete sie nicht nur für sich und ihre Familie, sondern half mit Geld und guten Kontakten in und zwischen den beiden Weltkriegen überall, wo sie Not sah. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie in der von ihr so geliebten Villa Toscana in Gmunden, wo sie trotz Krankheit bis zum Schluss ein offenes Haus führte.

Margret Greiners Stärke ist die Romanbiografie. In dieser  literarischen Form ist sie zu Hause.  Sie erlaubt es ihr, gleichsam in auktorialer Erzählweise die Hauptfigur zu begleiten, ihre Gedanken zu formulieren und Entscheidungen und Taten mit dichterischer Freiheit zu interpretieren. Diese Erzählweise ist nur durch ein intensives Studium der Briefe, Dokumente aus der Zeit und Interviews möglich. Dadurch werden simple Aufzählungen von Namen und Fakten, die so oft Biografien langweilg werden lassen, ausgespart. Gleich zu Beginn schildert Margret Greiner eine der vielen Einladungen im Hause Wittgensteins. Das gibt ihr Gelegenheit, den Prunk der Räume zu entfalten. Die Gäste, wie Brahms, Alt, Klimt und Josef Hoffmann werden nicht im name-dropping aufgezählt, sondern in lebhaften Gesprächen eingeführt. So entsteht ein buntes Tableau der so genannten „guten Gesellschaft“ Wiens. Man hört Schuberts „Winterreise“ – eine Vorausahnung des Todes streift durch den Raum. Der Tod wird in der Familie ein schrecklicher Gast sein: Die Brüder Hans, Kurt und Rudi werden Selbstmord begehen.

Feiner Humor und leise Ironie sind Greiners bevorzugte Stilmittel der Personencharakterisierung. Gretl komponiert zur „Mordsgaudi“ der Familie ein Couplet, in dem sie sich über die Scheinheiligkeit der Reichen mokiert. Vom Schlussrefrain „Hauptsache, die Fassade bröckelt nicht…“ fühlte sich niemand im Hause Wittgenstein im Geringsten angesprochen“. Mit diesem trockenen Nachsatz wird nicht nur die Familie charakterisiert, sondern mit auch  die Gesellschaft rund um die Jahrhundertwende. Ironie blitzt auch bei der Beschreibung der Hochzeitsnacht und des ehelichen Sexuallebens Margarets durch. Da heißt es: „Alles falsche Überhöhung.“

Immer wieder verblüfft es, mit welcher Feinfühligkeit Margret Greiner  künstlerische Werke  interpretiert: Klimt malt Gretl und „was er entdeckte, war die Eleganz ihrer Erscheinung, ihre unkonventionelle Schönheit , eine Sicherheit im Auftreten, wie sie Bildung und Geld verleihen. Unerschrockenheit, kühlen Verstand.Was er erahnte, war ein Herz, das jederzeit der größten Empathie fähig war.“ Besser könnte man den Charakter Margarets, wie er im Bild Klimts aufscheint, nicht charakterisieren.

Gespür für typisch wienerische Ausdrücke ist notwendig, um den Ton der Gesellschaft zu treffen. Auch darin zeigt sich Margret Greiner firm genug. Da ist die Rede von einem „Gschlader“ für schlechten Kaffee, man sudert, raunzt, zerkugelt sich usw. Es ist erstaunlich, wie gut sich die Autorin in das Wiener Milieu der Jahrhundertwende einfühlt. Ihre Stärke ist und bleibt die Romanbiografie. Das bewies sie ja bereits in dem Buch über Emilie Flöge  „Auf Freiheit zugeschnitten“, das 2015 bei Kremayr & Scheriau erschien. Beide Romanbiografien eröffnen dem Leser ein „Tableau vivant“ der Jahrhundertwende. Ihr punktgenau treffender Stil macht das Buch zum puren Lesegenuss.

Buchpräsentation: Margret Greiner, Margaret Stonborohgh-Wittgenstein.

Margret Greiner hat schon ihre Fangemeinde. Seit ihrer Romanbiografie über Emilie Flöge, die Gefährtin Gustav Klimts, ist sie als Autorin bekannt, die es versteht, die Protagonistinnen in die Zeit zu stellen und lebendig werden zu lassen. Nun ist also im Verlag Kremayr&Scheriau  ihr neues Buch erschienen:“ Margaret Stonborough-Wittgenstein. Grand Dame der Wiener Moderne.“ Schon vor Wochen waren die Karten für diese Lesung in der Klimtvilla ausverkauft. Denn das Publikum weiß: Wenn Margret Greiner liest, dann wird es spannend und auch immer wieder humorvoll. Sie spannte gekonnt den Lebensbogen der „Grand Dame“ von der Kindheit in dem reichen, aber emotional kalten Elternhaus über die nicht sehr glücklichen Ehejahre und die schwierige Zeit unter dem Nationalsozialismus bis hin zu ihren letzten Jahren in der Villa Toscana in Gmunden. Die zahlreichen Fragen aus dem Publikum beantwortete sie aus ihrem reichen Wissensschatz ausführlich und charmant. Eben ein echter Profi!

Trost für alle, die keine Karten bekamen: Margret Greiner wird am 8. März 2018 in der Buchhandlung „tiempo nuevo“, Taborstraße 17a, 1020 Wien um 19h aus ihrem neuen Buch lesen. Rechtzeitig kommen, es gibt keine Reservierungen.

Max Haberich, Arthur Schnitzler. Anatom des Fin de Siècle. Kremayr & Scheriau

Als zweiter Untertitel steht: „Die Biografie“, was etwas irreführend ist. Denn der Autor beschreibt  nicht so sehr das Leben Schnitzlers, als vielmehr anhand der Werke die politische Entwicklung der Zeit, vor allem den immer stärker werdenden Antisemitismus.

Dem informierten Leser, der Schnitzlers Werke und die politische Entwicklung um die Jahrhundertwende einigermaßen kennt, vermittelt das Buch nicht viel Neues. Ein Titel wie zum Beispiel “ Schnitzler und der Antisemitismus“ wäre dem Inhalt gerechter gewesen.  Der Autor zählt in chronologischer Reihe  penibel die Novellen, Romane und Dramen auf, beschreibt ihren Inhalt und die Aufführungen der Theaterstücke und führt genau Buch über die jeweiligen antisemitischen Äußerungen und Strömungen, die Schnitzler in Briefen erwähnt oder in seine Werken einfließen lässt. Diese eher biedere Herangehensweise an den Autor Schnitzler ermüdet mitunter den Leser.

Gerne und ausführlicher schildert Haberich Schnitzlers Beziehungen zu den Mädels aus den weniger vornehmen Kreisen und entwirft ein interessantes Frauenbild, das vom Klischee abweicht: Er führt überzeugend an, dass in vielen Werken Schnitzlers diese Frauenfiguren nicht immer nur die Beute der reichen Nichtstuer sind, sondern sich durchaus behaupten können und eigene Lebensentwürfe haben. Diese Argumentation macht Sinn.

Zu wenig widmet sich Haberich der schwierigen Beziehung zwischen Schnitzler und seiner Ehefrau Olga. Dazu sind im Anhang zwar Briefe zwischen Olga und Schnitzler aus der Handschriftensammlung Marbach abgedruckt. Sie dokumentieren, wie schnell die anfängliche Begeisterung Schnitzlers vom ersten Kontakt bis hin zur (eher widerwillig eingegangenen) Eheschließung und zur Scheidung nachlassen. Aber die Briefe geben nur ein fragmentarisches Bild des Zerwürfnisses. Nur wenige Jahre leben die beiden ohne Streit und Hass.. 1920 trennen sich bereits, 1921 lassen sie sich scheiden. Aber so ging es Schnitzler mit all seinen Beziehungen: Sobald die erotische Anziehungskraft nachließ, flaute auch sein Interesse ab. Denn Schnitzler war in erster Linie Schriftsteller, dann erst Liebhaber oder Ehemann.

Etwas eingleisig behandelt  Max Haberich die Stellung des Judentums in Schnitzlers Leben und Werk und  macht es zum Zentralthema. Ohne Zweifel setzte sich Schnitzler mit dem immer stärker werdenden Antisemitismus intensiv auseinander und lässt die diesbezüglichen Sorgen und Probleme in seine Werke einfließen. („Professor Bernhardi“). Aber dass es wirklich das einzig wichtige und alles beherrschende Thema im Leben und Werk Schnitzlers war, ist anzuzweifeln.

Ernst Lothar, Die Rückkehr. Zsolnay Verlag

Ernst Lothar emigrierte 1938 in die USA und kehrte nach Kriegsende nach Wien zurück. In dem Roman verarbeitete er nun eigene Erlebnisse und Eindrücke ,. Seine Figuren legen Zeugnis ab von dem politischen, sozialen und seelischen Chaos, in dem man damals in Wien lebte: Da gab es immer noch die Nazis, die Mitläufer, die Sozialisten und Kommunisten und natürlich die Amerikaner als Besatzungsmacht. In dieses Chaos führt uns der Autor mitten hinein, ohne zu verurteilen. Das Buch ist ein Plädoyer gegen Hass, Wut, Neid und Vernaderei, gegen den nicht auszulöschenden Antisemitismus und gegen Ressentiments, die man in Wien nach 1945  gegen „Rückkehrer“ hatte.

Der Jurist Felix von Geldern und seine Familie sind 1938 in die Staaten emigriert. Nur seine Mutter blieb aus Liebe zu einem Nazibonzen zurück. Felix hat gerade die amerikanische Staatsbürgerschaft bekommen und er macht seiner Freundin Livia ein vages Heiratsversprchen. Er ist also Amerikaner geworden, aber nur auf dem Papier. Im Herzen ist er Österreicher, Wiener geblieben. Als seine Familie ihn beauftragt, nach dem Vermögen und den Immobilien der Familie zu sehen und Rückerstattung zu fordern, ist er sofort bereit, aufzubrechen. Begleitet wird er von der lebensklugen Großmutter Viktoria, die dem Leben gegenüber trotz ihres Alters und Herzleidens sehr positiv eingestellt ist. Sie wird Felix eine tatkräfige und entschlussfreudige Ratgeberin in Wien sein. Denn er selbst verstrickt sich mehr und mehr in alte Liebesgeschichten, Schuldfragen und kommt sogar  in den völlig absurden Verdacht, mit einem ehemaligen Nazi zusammengearbeitet zu haben. Und so erkennt Felix sehr bald: „Nichts passte zu nichts!“ Und er selbst zu niemandem mehr. Aber dennoch  geht er mit offenen Augen und wehem Herzen durch Wien, sieht das Elend der hungernden Kinder, spürt den Hass, der überall lauert und kann sich des Mitleids nicht erwehren mit den Menschen, die zurückgeblieben sind, egal, ob Mitläufer, Täter oder Opfer des Naziregimes. Der Hass, der die Menschen beherrscht, macht einen offenen, unverstellten Zugang unmöglich.

Ernst Lothar erzählt mit Gefühl und Herz. Des öfteren gleitet die Sprache ins Pathetische ab , weil der Autor sich der allzu großen Gefühlsaufwallung nicht erwehren kann. Etwa, wenn er den Spaziergang durch Grinzing oder den Blick auf die Donau und den Kahlenberg schildert. Dieses Abgleiten in starke Gefühle akzeptiert man, weil die Ernsthaftigkeit des Autors dahinter steht.

Der Roman zeigt den Riss, der nach 1945 stärker denn je durch die Bevölkerung Wiens (und Österreichs) geht. Ein Riss, der heute wieder spürbar ist. Deshalb ist „Die Rückkehr“ mehr als nur ein Roman, eher eine Mahnung, achtsam zu sein.. Denn leicht kann es sein, dass man die Kräfte unterschätzt oder gar nicht wahrnimmt, die den Riss verantworten zu haben.

Gloria Goldreich, Die Tochter des Malers, aufbau taschenbuch

Ida Chagall ist die viel geliebte und behütete Tochter des Malers Marc Chagall und seiner Frau Bella. Der biografische Roman konzentriert sich auf das Leben der Tochter, deren konzentrischer Lebensmittelpunkt immer ihr Vater war. So erfährt man viele Details über Marc Chagall als Mensch und als Künstler.

Die Autorin hält sich streng an die Chronologie und an die Fakten, die gut dokumentiert und überliefert sind. Die Geschichte beginnt in Paris. Chagall und Bella leben in gutbürgerlichen Verhältnissen, ohne allzu große Reichtümer. Im Hintergrund ziehen die Kriegswolken auf, Hitler droht in Frankreich einzumarschieren. Ida heiratet sehr früh ihre Jugendliebe. Die Familie flieht nach Südfrankreich, von wo ihr mit knapper Müh und Not und mit Hilfe des mutigen Fluchthelfers Varian Fry und durch  den selbstlosen Verzicht der Schwiegereltern auf ein Visum die Flucht nach New Yor gelingt. Auch dort wird Chagall bekannt und kommt finanziell gut über die Runden. Es ist immer Ida, die alle seine Ausstellungen kuratiert, Verträge macht und für den ganzen Vertrieb der Bilder sorgt. Dabei vernachlässigt sie ihr Privatleben und ihren Ehemann, bis sich die beiden scheiden lassen. In New York stirbt Bella. Marc und Ida kehren nach dem Krieg nach Frankreich zurück. Aufenthalt in Paris und Vence, wo er in der Nähe eine Villa erwirbt. Seine langjährige Gefährtin Virginia Haggard verlässt ihn und nimmt den gemeinsamen Sohn David mit. Ida heiratet den reichen Kunsthändler und Kunsthistoriker Franz Meyer. Ein Sohn und Zwillinge kommen zur Welt. Chagalls „Gesellschafterin“ Valentina Brodsky erreicht es, dass er sie heiratet. Von nun an schwingt sie das Szepter über Chagall, das Haus und die Ausstellungen.

Ein leicht zu lesender Roman, in dem man viel über Chagall erfährt: Eitel und egoistisch, jähzornig und selbstgerecht sind nur einige Eigenschaften, die ihn nicht gerade sympathisch machen. Dass er am Schluss unter der Fuchtel seiner 2. Frau lebt, vergönnt man dem Tyrannen wahrhaftig. Als Maler war er ein „Monster“, wie er selbst sagt: ungeheuer produktiv, von Einfällen nur so sprühend. Die Malerei war ihm das Wichtigste im Leben. Ihr ordnete er alles andere unter.

Einige Einwände sind gegen den oft ausufernden, in den Kitsch abgleitenden Stil zu erheben. Verwunderlich sind schlampige Angaben, etwa dass das Ghetto Nuovo auf der Giudecca liegt. Wünschenswert wären eine Chronologie der Ereignisse und ein Personenregister am Ende des Romans.

Ballett: „Spartacus“ in der Bayrischen Staatsoper München

Was für ein Abend! Spartacus als fliegender Held, der die Schwerkraft leugnet und den Widerstand gegen jegliche Art der Unterdrückung wütend lebt und tanzt. Dessen Augen vor Heldentum glühen, dessen Liebe zu seiner Gefährtin Phrygia sich in erotisch-feinen Figuren materialisiert.

Doch langsam, vom Anfang an! Der römische Sklave und Gladiator Spartacus führte 73 v.Chr. seine Leidensgenossen zum Kampf gegen das römische Heer an und starb nach anfänglichen Siegen 71 v. Chr. auf dem Schlachtfeld.

Dieser Freiheitsheld wurde von der russischen Revolution als Galionsfigur eingesetzt. Man sah in ihm das Inbild des Revolutionärs schlechthin und bald auch  wurde er zur Vorzeigefigur der russischen Ballettästhetik. 1951 bis 1954 komponierte kein Geringerer als Aram Chatschaturjan die Musik nach der Novelle „Spartacus“ von Raffaello Giovagnolli und dem Szenario von Nikolai Volkov. Nach verschiedenen Choreografien und Fehlschlägen gestaltet Yuri Grigorovich, seit 1964 Direktor des Bolschoi-Ballettes, alles neu. Er kürzt radikal, kommt ohne große Gestik und Pantomime aus und konzentriert sich auf den Kampf zwischen dem Freiheitshelden Spartacus und dem dekadenten römischen Feldherrn Crassus. Die jeweiligen Frauenfiguren werden charakterlich deutlich herausgearbeitet: Phrygia, die zärtliche Geliebte des Spartacus, Aegina, die schlaue Verführerin an der Seite des Crassus.

Doch nun zu dem Abend vom 10. Jänner 2018. Da tanzte nämlich den Spartacus kein geringerer als Vladimir Shklyarov, für mich zur Zeit der beste Tänzer im Bolschoi. Wenn er im „grand jeté“ in die Luft aufsteigt, dann bleibt dem Publikum die Luft weg. Denn er scheint nie  mehr auf den Boden zurückkehren zu wollen. Es ist, als ob er für eine kurze Sekunde hoch oben schwebend verharren will. So lange, bis ihn die Schwerkarft zu Boden zwingt. Er tanzt den Spartacus nicht nur mit vollem Körpereinsatz, sondern er ist für die drei Stunden tatsächlich der Freiheitsheld. Seine Augen glühen vor Begeisterung, Zorn, Widerstand oder schmelzen in Liebe zu Phrygia, die von seiner Lieblingspartnerin Maria Shirinkina getanzt wird. Diese Elfenfigur schmiegt sich im pas de deux vertrauensvoll in die Arme des Partners, gleitet mühelos mit ihm von einer Figur in die andere. Nie reißt der Faden der „Erzählung“ ab, nie wird nur „Choreografie getanzt“, sondern sie gleiten durch ihre Gefühle. Ein wundervolles Miteinander.

Um nicht in den Gefühlskitsch abzugleiten, arbeitet Grigorovich Crassus als verweichlichten Widerling heraus. Und den tanzt Erik Murzagaliyev in voller Hingabe an die Lust und das Fressen. Als Feldherr hätte er kläglich versagt, hätte nicht seine schlaue Geliebte Aegina eingegriffen. Prisca Zeisel legt einen Verführungstanz hin, der der Phantasie keinen Raum mehr lässt – lasziv, erotisch, schamlos deutlich.

Das dunkel gehaltene Bühnenbild von Simon Virsaladze entführt uns in eine römische Architektur der Machtdemonstration, wie sie auch später Mussolini, Hitler und andere Diktatoren liebten.

Unter dem Dirigenten Karen Durgaryan spielte das Bayrische Staatsorchester mit spürbarer Lust und Temperament und ließ die Musik Chatschaturkans fast wie zu einem Filmepos aufblühen.

Das Publikum dankte mit Bravorufen und stading ovations.

Weitere infos und Spielplan: https://www.staatsoper.de

 

Armin Strohmeyr: Geheimnisvolle Frauen. Piper

Im Untertitel umreißt der Autor den Kreis der geheimnisvollen Frauen: Rebellinnen, Mätressen, Hochstaplerinnen. Die Grundgedanken zu diesem Buch liefert das Zitat von Baronin von Berchtesgaden in Theodor Fontanes Roman: Der Stechlin: „…Eine Frau, die nicht rästselhaft ist, ist eigentlich gar keine.“ Ein Satz, den man allen Facebook-Twitter und Blogabhängigen in ihr Hirn schreiben möchte. Wo bleibt heute die Rätselhaftigkeit oder das Geheimnis der Frau? Aber nicht nur der Frau? Auch die Männer verlieren an Charme, Anziehungskraft. Wen interessiert noch ein Mann, eine Frau, der, die jedes Würstel, das sie, er verzehren,  in das Netz stellen? Nicht nur das Würstel, sondern sich selbst dazu beim Verzehren desselben. Die Banalität greift um sich und stilisiert sich hoch zum Alltagsabenteuer.

Nun will ich damit nicht sagen, dass jede Frau eine Filmkarriere wie Greta Garbo anstreben kann oder eine zweite Sissy oder so eine gefährliche Mörderin wie Bonny Parker werden soll oder kann. Denn mit dem Können haperts ja bei den meisten. Aber ein wenig Mut zum Ungewöhnlichen und ein Hauch von Unnahbarkeit täte vielen gut.

Armin Strohmeyrs Auswahl ungewöhnlicher Frauen reicht von der Kaisermörderin Agrippina, die ihren  Ehemann Kaiser Claudius  vergiftete, um ihren Sohn Nero möglichst rasch und sicher auf den Thron zu hieven, über das ziemlich ungewöhnliche Leben der schwedischen Königin Christina bis zur Kaiserin Elisabeth von Österreich. Dabei erfährt man neben viel Bekanntem auch einige verblüffende Details. In der zweiten Riege stehen die Geliebten der Großen, etwa Maria Mancini Colonna, die als junges Mädchen die Geliebte des Sonnenkönigs war. In der dritten Riege findet man die Betrügerinnen, die mit ihrem Charme den Menschen riesige Vermögen abknöpfen. So wie Thérèse Humbert, in deren Salon sich die ganze Pariser Nobelgesellschaft einfand. Weil die charmante Thérèse hohe Zinsen versprach, gab man ihr, fast zwang man ihr hohe Summen auf. Um am Ende zu erfahren, dass sich das Geld in Schall und Rauch aufgelöst hatte. Und in der letzten Riege finden sich auch einige „gute, geheimnisvolle Frauen“,wie die Krankenschwester Edith Cavell, die als Fluchthelferin im Ersten WEltkrieg fungierte und als Spionin von den Deutschen erschossen wurde.

Es entsteht der Verdacht, dass die edlen, empathischen Frauen sich weniger für eine interessante Biografie eignen. Das Böse scheint anziehender, faszinierender zu sein.

 

Vincezo Bellini: I Puritani, Staatsoper Wien

Obwohl es bereits die 63. Aufführung in dieser Inszenierung -über die  nicht mehr zu sagen ist als: düster, statisch, einfallslos – war, war es eine Art >Première. Denn für fast alle Sänger war es entweder ein Rollendebüt oder ein Debüt an der Wiener Staatsoper. Das machte den Abend spannend.

Unter dem Dirigenteb Evelino Pidò wurde die Musik Bellinis zu einem faszinierendem Blütenreigen an Arien, sensibel leitete er das Orchester, immer mit Blick auf die Sänger. Er „ziselierte“ gleichsam jede einzelne Arie zu einem Kunstwerk. Und die Sänger dankten es ihm – alle ohne Ausnahme waren hervorragend. Dmitry Korchak mit seiner strahlenden Tenorstimme begeisterte als Arturo. Bewundernswert, wie er den 3. Akt durchhielt, wo er im Dauereinsatz war! Bezaubernd auch Venera Gimadieva als Elvira. Ihr herrlicher Sopran passte genau zu dieser Rolle. Allerdings hätte ihr ein wenig Hilfe von seiten einer Regie not getan, denn die Partie der durch Schock und Enttäuschung irre Gewordenen gelang ihr zwar gesanglich, nicht aber darstellerisch. Da blieb sie zu starr, statisch.

Begeisterter Applaus und viele Bravorufe, vor allem auch für Pidò und das Orchester.

Weitere Termine: 7. und 10. Jänner 2018

www.wiener-staatsoper.at

 

„Madame“ – Film. Regie: Amanda Sthers

Endlich ein kluger, gut gemachter Film mit witzigen Dialogen und tollen Schauspielern. Allen voran ist da Rossy de Palma als das Dienstmädchen Maria zu nennen. Sie spielte bisher hauptsächlich in Pedro Almodovars Filmen Nebenrollen, für die sie auch mehrfach ausgezeichnet wurde. Nun also ihre erste Hauptrolle. Eine bessere hätte die Regisseurin Amanda Sthers für diese Rolle gar nicht finden können! Großartig, wie de Palma die „Madame“ wider willen spielt. Bei einem Dinner fehlt plötzlich eine 14. Person und so beschließt Anne, die eigentliche Madame des Hauses, kurzerhand, ihr Dienstmädchen Maria für diesen Abend in eine Lady umzufunktionieren.  Ein Stoff, in den viel Gesellschaftskritik leichtfüßig hineingepackt werden kann: Hier die reiche, verwöhnte Anne, die es nicht hinnehmen kann, dass Marias Charme plötzlich einen Gentleman aus ihren Kreisen betört. Auf der anderen Seite das Dientspersonal, alles Emigrantinnen. Die Kluft könnte nicht größer sein zwischen diesen WElten. Und der Schluss: Gut, dass es nicht gut ausgeht! Ein kluges, fein gesponnenes Ende, das zu Diskussionen anregt.

Sehr zu empfehlen!

Andrea De Carlo, Ein fast perfektes Wunder. Diogenes

Die Figuren aus der Showwelt, ihre fiesen Charaktere haben es Andrea De Carlo angetan. Ähnlich wie in dem furiosen Roman „Villa Metaphora“ geht es auch diesmal um die beiden Gegenwelten: Auf der einen Seite die schlichte, herzergreifende Gelateriabesitzerin Milena. Sie begegnet ungebremst dem irren Haufen der Bandgruppe „Bebonkers“ und ihrem verführerischen, charismatischen Leadsänger Nick. Der hat eine Riesenvilla, Security, Autos, Flugzeuge und eine zu Recht eifersüchtige Noch-nicht-Ehefrau, die gerade mit wütender Akribie die Hochzeit vobereitet. Doch Milena mit ihrem einmalig guten Eis funkt dazwischen. Und so geschieht ein fast perfektes Wunder: Der Star Nick verliebt sich in die „kleine Eisverkäuferin“ und sie sich in ihn. Das wäre der beste Bratenfond für einen Kitschroman – nicht so bei Andrea De Carlo. Durch seine punktgenaue Analyse der Fan- und Musikwelt, des Größenwahns und Irrsinns, der in dieser Welt herrscht, verflüchtigt sich der Kitsch auf gleich Null. Auch Milena wird nicht allzu sehr mit Romantik ausgestattet. Sie lebt in einer lesbischen Beziehung. Die beiden Frauen haben beschlossen, ein Kind zu bekommen. Milena soll es mittels künstlicher Befruchtung zur Welt bringen.

So die Fakten, als Nick und Milena wie zwei Meteore aufeinanderprallen. Das kann nur schrecklich enden! Meint man. Und tatsächlich fliegen die Vasen, die Beleidigungen durch die Räume der Villa. Der Show-down könnte nicht herrlicher sein. Kein Stein, keine Vase bleibt ganz. Körper wälzen sich auf dem Boden.  Doch leise, leise schleicht Nick aus dem Haus, leise, leise Milena aus ihrer Wohnung. Sie gehen wie Schlafwandler aufeinander zu. – Am Flughafen, wo natürlich das Flugzeug Nicks steht, treffen sie aufeinander. So viel Ironie schützt vor Kitsch. Aber dennoch genießt der Leser den Hauch von Romantik, der über dem Ende liegt. Die hauchdünne Nahtstelle zwischen Kitsch und Ironie weiß Andrea De Carlo genauestens zu orten und zu nutzen.

 

„Weibsbilder“ im Theater Akzent

Angelika Kirchschlager (am Klavier begleitet von Arabella Cortesi), Maria Happel und Ulrike Beimpold  entwarfen verschiedene Bilder vom Weib. Da leider kein Programmzettel vorlag, wusste man zu Beginn nicht so recht, wo der Weg hingehen sollte. So langsam entkernte sich ein Thema: Der Blick auf „Frau“, die endlich auch „offiziell  zur  Gattung Mensch  gezählt wird“, reicht vom naiven Weibchen, das von treuer Liebe träumt und mit dem Erwachesenenwerden zur heiter-witzigen Kritikerin ihrer einstigen Träume wird – diese Rolle stand Ulrike Beimpold großartig – über das pointiert-ironische Bild auf die WEiblichkeit -bestens interpretiert von Maria Happel. Gustostückerln waren etwa Gedanken über die  Zeit, das Altern oder die Magerkeit der Models – „wo haben die ihre Organe? – im Handtaschl? fragt Happel, denn im ausgemergelten Körper ist dafür kein Platz. Dazwischen sang Angelika Kirchschlager – ja was? Nur einiges war zu erkennen, weil eben allgemein bekannt: Gretchens trauriges Lied „Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer“ und die „Habanera“  aus Bizets „Carmen“. Beides nicht ganz überzeugend, aber es gefiel. Die restlichen Lieder???

Zum Schluss – der altbekannte „Rausschmeißer“ : „Wenn die beste Freundin mit der besten Freundin“..Und er wirkte, wie immer: Begeisterter Applaus

Die Serie der tüchtigen, selbstbewussten Weibsbilder wird mit Tini Kainrath, Nina Proll, Kerstin Heiles und Helen Schneider im Jänner und Februar 2018 fortgesetzt.

www.akzent.at

 

Alexander Ostrowskij, Schlechte Partie. Burgtheater

Der Regiesseur Alvis Hermanis setzt auf Tragikkomödie, Trash und Slapstick. Auf der Drehbühne entfaltet er ein Kaleidoskop bürgerlicher Szenarien: Sofas, Vitrinen, Fauteuils, jede Menge Familienfotos  und Pistolen als Wandschmuck. Die Bühne als Spiegelbild der Gesellschaft – gut. Auf den Sofas schnarchen betrunkene Kaufleute, Beamten. Und einige im Puplikum schließen sich an und machen ihr Weihnachtsnickerchen. Denn leider ist vor allem der erste Teil ziemlich langweilig. Das liegt vor allem an der mangelnden Wortdeutlichkeit. Von Michael Maertens ist man ja das verschwulte Dahinnuscheln schon gewohnt. Als einfältiger Beamter, der um die schöne Larissa (Marie-Luise Stockinger) saufend und stotternd wirbt , übertreibt er manchmal bis zur Unverständlichkeit. Saufen ist überhaupt  die Hauptaktion in diesen 3 Stunden. Das imaginierte Betrunkensein hat aber fast alle Schauspieler sprachlich beeinträchtigt. Unerträglich übertrieben  muss der arme Fabian Krüger einen torkelnden, speienden, nuschelnden, stotternden Trottel mimen. Eine peinliche Übertreibung!

Die interessanteste Figur in dem ganzen Torkeldrama ist die junge Larissa. Sie ist zum äußeren Zeichen ihrer Naivität in bäuerliche Buntheit gekleidet, meist wirkt sie darin dümmlicher, als die Figur selbst es erlaubt. Die Männer schielen alle nach ihr. Sie  aber  wird von der Mutter (Dörte Lyssewski) an eben den unerträgichen Julij verkuppelt.  Sie jedoch hofft auf die Gunst des reichen Unternehmers Sergej Paratow – gut widerlich von Ofczarek gegeben -. Der gaukelt ihr Liebe vor und als er am Ziel seiner Wünsche ist, seilt er sich ab. Übrig bleibt eine verzweifelte Larissa. Es gibt einige starke Szenen, etwa wenn die gierigen Blicke der Männer die kindlich tanzende Larissa verschlingen. Und die Schlussszene: Larissa hat verstanden – sie ist nicht mehr als ein Objekt, um das gestritten und verhandelt wird. Als Individuum ist sie abgemeldet.

Leila Slimani, Dann schlaf auch du. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Luchterhand

Es beginnt mit einem Paukenschlag, der dem Leser den Atem nimmt. Ganz langsam wird der Tragödie Urgrund aufgerollt, um letzten Endes doch nicht 100% aufgeklärt zu sein. Mit einem hauchfeinen Sprachpinsel zeichnet Slimani die Charaktere: Myriam und Paul sind das Bilderbuchpaar à la Bobos: guter Mittelstand, beide im Beruf tüchtig. Myriam ist Mutter zweier Kinder – zu Beginn ist sie eifrige Mutter, bis der Eifer immer mehr nachlässt und sie sich nach einem Beruf sehnt. Die Gelegenheit bietet sich und sie greift zu. Doch wohin mit den Kindern? – Ach, was haben sie doch für ein Glück mit Louise! Zuverlässig, pünktlich, sauber! Der Haushalt hat noch nie so gut funktioniert, die Kinder vergöttern sie und sie die Kinder. Alles perfekt! Man nimmt Louise mit in den Urlaub  auf die griechische Insel Sifnos. Und Louise träumt von einem Zuhause, das ihr Pul und Myriam geben könnten. Könnten, aber nicht wollen. Denn Abstand muss sein -trotz aller Sympathie. Wie und wo Louise ihre Abende und freien Wochenenden verbringt, interessiert Paul und Myriam nicht. Dass sich Louise oft seltsam benimmt, den gesellschaftlich geforderten Abstand zu ihren Arbeitgebern nicht einhält oder besser: als nicht existent übergeht, nehmen sie wahr, aber fragen nicht weiter. Bis die „Zudringlichkeiten“ immer heftiger werden.Als  Louise fürchtet, ihren Arbeitsplatz  und die  von ihr so ersehnte Zugehörigkeit zur Familie zu verlieren, wird sie immer absonderlicher…Es geschieht das Fürchterliche….

Slimanis Sprache ist schlicht, aber tief gehend: Kurze Sätze, keine Sprachspielerein, keine literarischen Turnübungen. Sie liefert eine beinharte Analyse der Gesellschaft: Hier die Gutverdiener, da die Dienenden. Dabei wertet sie nicht. Sie beobachtet, hält fest, ganz ohne Vorurteile und Vorverurteilungen.

Eiin großartiges literarisches Kleinod!

Unbedingt lesen!!!

Ballettabend in der Staatsoper: „Verklungene Feste und Josephslegende“

Da kamen alle Ballettfans und freuten sich über ein Wiedersehen mit einem typischen John Neumeier-Festabend! Und über ein Wiedersehen mit Vladimir Shishov und Mihail Sosnovschi! Beide tanzten schon 2015in den „Verklungenen Festen“ mit unglaublicher Eleganz und Finesse. Die Elegie und Melancholie der Atmosphäre spiegelt sich ganz und gar in der Choreographie – viele sehr langsame, durchaus erotische Figuren. Starker Applaus für die Tänzer, was besonders hoch zu werten ist, da viele im Publikum eigentlich nur auf die „Josephs Legende“ warteten. Doch die „Verklungenen Feste“ sind ideal, um sich von den eigenen Erinnerungen an „verklungene Feste“ einspinnen zu lassen.Die Musik von  Richard Strauss unter dem subtilen Dirigat von Gerrit  Prießnitz tat alles dazu.

Nun denn – zum furiosen 2. Teil des Abends:

Denys Cherevychko tanzte wie schon 2015 den gar nicht so keuschen Joseph – sein eher spärliches Kostüm musste ja Potiphar dazu verleiten, es ihm runterzureißen. Aber erst mal langsam: Joseph wird von Sklavenhändlern an den Hof Potiphars verschleppt. Dort langweilt sich Mrs. Potiphar – herrlich Rebecca Horner – zu Tode und straft ihren erotisch aufgeladenen Ehemann _ Eno Peci – mit Missachtung. Obwohl der eigentlich über weitaus mehr Sexappeal verfügt, ist sie von dem armen – ach so unschuldigen – Joseph total begeistert, umtanzt ihn mit einer Rasanz, scheint ihn dann endlich unter ihren kräftigen Armen zum ersehnten Coitus gebändigt zu haben, als -Pech für beide – der Ehemann dazukommt. Nun wird Joseph ziemlich hergebeutelt, aber bevor er total erschöpft tot umsinkt, holt ihn sein Engel  in himmlische Gefilde. Einst tanzte Kirill Kourlaev bravourös diesen Engel – wo ist dieser Startänzer jetzt? Doch nicht schon in Pension???????????? Jetzt ist es Jakob Feyferlik – sein Engel ist ätherischer, kindlicher -halt eher ein Schutzengerl. Und Potiphar? -Sie tanzt alleine einen wunderbaren Trauertanz. Gerrit Prießnitz führte das Orchester in wahre Furioshymnen und ließ die Musik von Richard Strauss einmal mehr nach allen Regeln aufleuchten.

Ein wahrer Sturm an Applaus brach los. Am Ende gab es standing ovations!

 

Roméo et Juliette. Volkoper

Soll ich schreiben „Oper mit Ballett“ oder „Ballett mit Oper“?  Im Programmheft heißt es lakonisch: „Ballett in zwei Teilen“. Aber Hector Berlioz, von dem die Musik stammt, liebte es, verschiedene Gattungen zu vereinen. Deshalb ist „Roméo et Juliette“ mehr als nur ein Ballett, sondern eben ein Ballett mit Chor und zwei großen Arien – die der Amme über die erste Liebe und die des Priesters San Lorenzo. Und der Anteil des Chores ist auch nicht unerheblich. Deshalb wunderte ich mich, dass die Gesangsstücke nicht übertitelt wurden. Denn es wäre vor allem am Schluss nicht uninteressant zu verstehen, was der Priester nach dem Tod von Romeo und Julia singt. So viel ich verstanden habe, geht es um die Bitte des Priesters, dass Gott den beiden verfeindeten Familien eine friedliche Gesinnung eingebe und diese ihren blutigen Zwist begraben mögen.  Denn in der interessanten Inszenierung, wenn auch manchmal etwas langweiligen Choreografie von Davide Bombana geht es zwar auch um die Liebesgeschichte – sie bleibt der Kern -, aber vor allem um eine Auseinanderseztung zwischen zwei Gesellschaftsschichten:

Die Capulets gehören in dieser Inszenierung eindeutig der reichen, herrschenden Schicht an, die Montagues sind die Unterlegenen. Das wird besonders in den Kostümen deutlich: Die Montagues sind wie Kinder der Straße, wie Gangs gekleidet, die Capulets edel. Der Kampf zwischen den beiden entzündet sich immer wieder, der Hass scheint unüberwindbar. Die Kampfszenen gehören zum Besten in diesem Stück.

Die große Liebesszene zwischen Romeo (Masayu Kimoto) und Julia (Maria Yakovleva) gelingt nur bedingt, da vor allem Romeo noch nicht über die nötige Bühnenpräsenz verfügt. Er tanzt brav, fehlerlos, aber letzten Endes seelenlos.  Maria Yakovleva hingegen ist eine bezaubernde Julia, mit Elan und Leichtigkeit sürzt sie sich in die junge Liebe.

Was am meisten beeindruckt, sind das Bühnenbild, die Lichtregie und die Kostüme. Alles von Gudrun Müller, alias rosalie. Sie starb während der Arbeit für dieses Stück. Ihre Pläne wurden von Thomas Jürgen und Angelika Berger finalisiert. rosalie stellte einen Raum durch Leuchtstäbe her, die sich je nach Stimmung und Ort farblich veränderten. So entstand ein  fast irrealer Raum, passend zu der irrealen Musik von Berlioz und dem Geschehen auf der Bühne.

Eine interessante Figur ist die Königin Mab, getanzt von Rebecca Horner. Mit einer zu Hörnern geformten Perücke, einem Tütü in Blau tanzt sie diese Figur wie ein böses Tier, das, gierig nach Blut und Zwietracht, zwischen den Figuren umherhuscht. Wenn der Priester Lorenzo nach dem Tod der beiden Liebenden die verfeindeten Familien um Frieden anfleht, dann ist sie es, die die sich zögernd bildende Eintracht zerstört und Hände, die sich mit dem Nachbar verbinden wollen, voneinander trennt.

Sehr zum Verständnis der Stückintention tragen die Texte im Programmheft bei. Durch sie versteht man wenigstens teilweise, worum es in den Arien und Chorstücken geht.

Weitere Vorstellungen: 19., 22. und 27. Dezember 2017

www.volksoper.at

 

Great Voices: Rolando Villazon und Ildar Abdrazakov. Wiener Konzerthaus

Ein Raunen ging durch den Saal – er wird absagen!!! Nein, nicht ganz, er – Rolando Villazon – ließ sich nur „ansagen“ – die vornehme Art, dem Publikum verstehen zu geben, dass die Stimme nicht ganz voll da sei.

Also gut, das sind wir schon gewöhnt, Hauptsache, er singt überhaupt. Also Erleichterung. Zur Beruhigung und Einstimmung spielte die „Janacek Philhamronie Ostrava“ unter dem temperamentvollen Dirigenten die Ouvertüre zu „Donna Diana“ von Reznicek. Ein Ohrwurm mit Schwung! Spannung – jetzt kommt Rolando, wie ihn die zahlreich anwesenden Fans nennen. Er strahlt, konzentriert sich und singt die berührende Arie „L´Esule“ von Verdi. Erleichterung im Publikum, das ging ja noch mal gut. Nicht glanzvoll gut, nur gut. Dann – Ildar Abdrazakov, der Urmann, il fusto, wie die Italiener sagen würden. Er singt die Arie des Attila aus der gleichnamigenn Oper Verdis.Ein Sturm an Stimme und Temperament, dieser Attila. Mit wenigen Gesten ist Ildar Attila, schon mit den ersten Tönen hat er das Publikum in seinen Bann gezogen. Und so bleibt es den ganzen Abend: Das Publikum honoriert Rolandos Arien mit freundlichem, manchmal auch mit mehr als freundlichem Applaus, steigert den Applaus nach den Auftritten Ildars ins Enthousiastische. Besonders nach der Arie des Mefisto „Son lo spirito che nega“ von Arrigo Boito. Er fegt mit seiner Stimme über unsere Köpfe hinweg, pfeift als Geist, der stets verneint, auf Gott und alles, was heilig ist. Er pfeift wirklich, fordert das Publikum auf, gegen ihn anzutreten – einige versuchen es, aber sein Pfiff bleibt der stärkste. Längst schon ist klar: Ildar Abdrazakov ist der Star des Abends, das Zugpferd.

Nach der Pause kann Rolando seine Stärke besser einsetzen: Er darf  mit seinem Partner um die Wette spaßen, man überhört gerne, wenn er nicht „voll“ singt, wie etwa in dem Ohrwurm „Musica proibita“.  Mit „Schmalz mit Humor“ servieren beide das bekannte Lied „Schwarze Augen“  und gänzlich reißen sie das Publikum von den Sesseln, als sie mit Witz und Ironie „Granada“ schmettern“. Die 5 Zugaben werden mit standing ovations, Blumen, Vanillekipferln und anderen Liebesgaben belohnt,

Die nächsten „Great-Voices“ -Konzerte – s. unter www.konzerthaus.at

Henrik Ibsen: Ein Volksfeind. Burgtheater

Eigentlich müsste es heißen: „Ein Volksfeind. NACH Ibsen“. Denn Frank -Patrick Steckel schrieb eine- faszinierende – Neufassung in deutscher Sprache, und seine Tochter Jette Steckel setzte sie congenial um. Als Dr. Stockmann, Querdenker und meinungsunabhängiger Kämpfer gegen Korruption, agiert Joachim Meyerhoff. Wie immer – ein exzellenter Einzelgänger, wie das Publikum ihn kennt und schätzt.

Das Regiekonzept von Jette Steckel wirkt zunächst befremdend, doch mit fortschreitender Spielzeit geht es mehr und mehr auf und wird verständlich, ja zwingend. Da steht auf einer schwarzen Bühne eine Gruppe von Riesenzwergen, die je nach Bedarf unbeweglich aus dem Hintergrund das Geschehen beobachten oder langsam und bedrohlich vorrücken, Personen einkreisen, fast erdrücken. Sie stellen die öffentliche Meinung, das „Volk“, wenn man so will, den Gemeinderat, die Aktionäre und nicht zuletzt das stumm dasitzende Theaterpublikum dar.Im Programmheft, das mit interessanten Beiträgen die Neufassung Steckels akkompagniert, werden die Zwerge mit einem Zitat von Karl Kraus begründet: „Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten.“ Zwerge sind wir alle, die wir tatenlos dem Ausverkauf unserer Natur, des Wassers, der Bodenschätze und aller Resourcen zusehen. Jette Steckels zweiter interessanter Regieeinfall: Sie lässt alle Personen, die ihre Meinung nach Bedarf ändern, allen voran den Bürgermeister und natürlich auch die Medienvertreter, auf Schlittschuhen laufen. Einzig Dr. Stockmann und seine Familie dürfen mit festen Schuhen über das glatte Meinungsparkett stapfen.

Dr. Stockmann wird zum Volksfeind erklärt, weil er den Fortschritt und den Reichtum, den die neu entdeckte Heilquelle verspricht, in Gefahr bringt.  Das „Heilwasser“ ist durch die Abwässer der nahen Gerberei vergiftet. Schuld daran ist das hexavalente Chrom, auch Chrom VI genannt, mit dem die Häute geschmeidig gemacht werden. Das Gutachten, das Stockmann mittels eingesendeter Wasserproben erstellen ließ, beweist eindeutig die Gefährlichkeit dieses Mittels. Gelangt es ins Wasser, dann vergiftet, tötet es die Menschen.

Wie sieht das heute aus, frage ich mich während der Vorstellung. Woher kommt das Leder, mit dem die Berge von Schuhen zu Billiglöhnen und -preisen hergestellt werden? Während ich diesen Text schreibe, frage ich eine Expertin: Silvia Proy hat ein kleines Taschengeschäft in Wien Hietzing, wo sie Taschen und Gürtel aus eigener Produktion verkauft.Auf meine Frage, woher sie das Leder bezieht, nennt sie einen italienischen Hersteller, der nur Pflanzen zur Färbung verwendet, und eine deutsche Firma, die ein weit weniger giftiges Chrom als das  Chrom VI. einsetzt. Das sei, so Silvia Proy, nicht gesundheitsgefährdend.  Leder aus China, Bangladesch oder Marokko verwende sie hingegen niemals. Dass ihre Produkte natürlich preislich nicht mit den Billigerzeugnissen mithalten können und daher nur von einer potenten Käuferschicht erstanden werden, lässt mich zur Hauptfrage des Dramas zurückkehren, in dem es immer nur um Gewinnmaximierung  um jeden Preis geht. „Wie kann ich aus dem Nest, dem ich als Bürgermeister vorstehe, einen reichen Ort machen, mit Flughafen und allen Annehmlichkeiten der schönen, neuen Welt?“ lautet die Frage des Bürgermeisters (exzellent in dieser Rolle: Mirco Kreibich), der sich zur Wiederwahl stellt. Als aalglatter Politiker (im blauen Anzug!) scheut er sich nicht davor, seinen eigenen Bruder, der als unbestechlicher Kurarzt seine Karriere gefährdet, zu feuern. Denn er will wiedergewählt werden. Um jeden Preis, und sei es auch um die Gefahr, dass Menschen durch das vergiftete Wasser zugrunde gehen. Seine Rede vor den Medienvertretern ist einer der  Glanz- und Höhepunkte in dieser Aufführung: Elegant legt er passend zu seinen Versprechungen eine Kür aufs glatte Parkett hin, Sprünge,elegante Walzerdrehungen, Stopps,  gerade so, wie es die passende Musik und die hochfliegenden Versprechungen verlangen.

Die Neufassung von Steckel ist voll von Anspielungen auf die prekäre aktuelle Weltlage und auf die politische Situation in Österreich. Politikerzitate, wie wir sie in letzter Zeit immer wieder hörten, Umweltkatastrophen, die Gier der Weltkonzerne und die Tatenlosigkeit der Wähler  – alles findet seinen Platz. Gegen Ende wird die Botschaft noch einmal direkt in die Gesichter des Publikums hineingepaukt. Da waren wir schon etwas müde der Rügen. Wie immer: Weniger wäre mehr gewesen. Schade ist auch, dass Steckel statt des harten Schlusses, wie ihn Ibsen schrieb – Dr. Stockmann verlässt mit seiner Familie das Land – einen positiven Ausgang wählte: Der Gerbereibesitzer entpuppt sich als deus ex machina, als Saulus, der zum Paulus mutiert: Er wird kein Chrom mehr verwenden, die Abwässer filtern und so dafür sorgen, dass das Wasser der Kuranstalt tatsächlich ein Heilwasser und kein Grifttrank ist. Dem zukünftigen Wohlstand steht daher nichts mehr im Wege. Ein ironischer Schluss??????

Begeisterter Applaus des Publikums.

Meine Empfehlung: Unbedingt anschauen und das Programmheft kaufen, das aufschlussreiche Beiträge zum Thema und zur Inszenierung beinhaltet.

www.burgtheater.at

Thilo Wydra, Ingrid Bergman. Ein Leben. DVA

Eine minutiös recherchierte Filmografie, das Biografische wird in der ersten Hälfte nur angerissen.  Über politische und private Probleme in Ingrid Bergmans Leben geht der Autor  anfangs elegant hinweg. Etwa über ihre Einstellung zu Hitler und den Nazis. Vielleicht um ihr Image zu retten, stellt Thilo Wydra sie als politisch naiv und uninteressiert dar, als eine Frau, die nur an ihrer Filmkarriere interessiert war. Ihre Ehen und Liebesaffären haben zwar weltweit für Aufsehen gesorgt, aber sie „sei für ihre Courage zu bewundern“, mit der sie sich über gesellschaftliche Schranken hinweg setzte. Durch die Reduktion auf eine fast reine Filmografie entsteht im ersten Teil des Buches in den wenigen privaten Einschüben der Eindruck, dass sie sich über Menschen, die für sie arbeiteten, die mit ihr lebten, ohne Skrupel hinwegsetzte. Kurzsichtigkeit in Sachen Weltpolitik ist ihr jedenfalls nicht abzusprechen.

Fans, die sich ausschließlich für ihre filmische Karriere interessieren, finden ausreichende Informationen. Interessant ist zum Beispiel  die Casablanca-Story, weil es davon viele Versionen gibt. So wurde etwa in Deutschland lange Zeit eine politisch gereinigte Version gezeigt, in der das Nazi-Deutschland nicht vorkommen durfte.

Ab der zweiten Hälfte des Buches widmet sich Thilo Wydra mehr dem Biographischen.

Sieben Jahre war Ingrid Bergmann unter Vertrag des Filmbosses David O. Selznick, der sie wie eine Arbeits- und Erfolgsmaschine an andere Produzenten verlieh und den Großteil der Gagen einstrich. Für viele Jahre arbeitete sie unter Alfred Hitchcock, bevor sie schließlich 1949 Roberto Rosselini kennen lernte.  Diesem schmerzvollen Abschnitt im Leben der Schauspielerin widmet der Autor viele Seiten. Ausführlich schildert er den Kampf der Schauspielerin -damals noch  verheiratet mit Petter Lindström –  um die Scheidung, dann um das Sorgerecht der Tochter Pia, die turbulente Zeit vor der Ferneeheschließung mit Roberto Rossellini, die Geburt ihres Sohnes und die Trennung von Pia. All diese Skandale zu überstehen, erforderte die ganze Kraft Ingrid Bergmans. Doch sie schaffte es, trotz aller Widrigkeiten, in Hollywood mit dem Film „Anastasia“ wieder Triumphe zu feiern. Sie wird bis zu ihrem Tod 2015 noch viele Erfolge feiern, sich von Rossellini scheiden lassen, Lars Schmidt heiraten und sich auch von ihm trennen. Das alles ertrug sie, weil sie ihre Arbeit hatte, die ihr alles bedeutete. Sympathie und Hochachtung, die der Autor der Schauspielerin und dem Menschen Ingrid Bergman entgegen bringt, ist deutlich zu spüren.

Wertvoll sind die Anhänge: Anmerkungen zu den Zitaten, Filmregister, Filmographie, Personenregister, Zeittafel und Bibliographie.

 

 

 

 

 

Shakespeare: Richard III. Im Bronski & Grünberg Theater

Ein neues Theater mischt auf! Klein, verwinkelt , in der Atmosphäre an die wunderbare Zeit der progressiven  Kellertheater erinnernd. Es geht in die zweite Saison und schon spricht die Theatergemeinde von ihm: „Warst du schon im Bronski?“ fragt einer den anderen. Alexander Pschill legt als einer der Leiter und Ideengeber das Konzept auf der Homepage dar: „Wir – Kaja Dymnicki, Julia Edtmeier, Salka Neber und Alexander Pschill wollen der Stadt ein neues Theater bieten, einen Ort frisch interpretierter, künstlerischer Unabhängigikeit.“ Was voll und ganz aufgeht! Die Inszenierung von Richard III. verblüfft, erheitert, reißt mit und ist – ganz neu gesehen!

Die Wände der Guckkastenbühne sind gleichsam Memos für Schauspieler und Zuschauer. Alle lebenden und schon lange toten Mitglieder der Yorks und Lancaster, Grafen und Bürgermeister sind auf der Wand mit ihrem jeweiligen Bühnenattributen aufgelistet. Dieses intelligente Bühnenbild von Daniel Sommergruber, der auch die Kostüme entwarf, spielt quasi mit, als Infotafel, die Tote und noch Lebende auflistet. Wenn Richard wieder einen lästigen Gegenspieler auf seinem Weg zum Thron um die Ecke gebracht hat, dann wird der Name mit roter Farbe ausgestrichen. Am Ende bleiben nur er und Bosworth über. Es kommt zum Showdown, das „Monster“, wie Richard von allen genannt wird, ist tot. So weit der Inhalt – sehr vereinfacht, in Wirklichkeit sehr kompliziert ( Den Inhalt von Verdis Troubadour zu durchschauen  ist dagegen ein Klax).  Nun kommt diese Aufführung mit sage und schreibe nur vier Personen aus. Josef Ellers ist Richard, großartig einfach: ein Monster, von dem man sich wünscht, er stürbe so rasch wie möglich. Mitleid hat niemand mit ihm, weder die Figuren um ihn, noch das Publikum. Josef Ellers spielt den Richard mit leichtem Buckel und verkrüppelter linker Hand, kriechierisch, schleimig und sehr überzeugend! Dann ist da noch David Jakob, der abwechselnd Frauen, den Bruder Georg, den Lord Buckingham großartig hinlegt. Ebenso großartig Sophie Aujesky und Johanna Rehm, die Männer, die beiden Prinzen (eine köstliche Parodie!), Bürger, Bürgermeister und Richmond und die beiden Frauen Elisabeth und Anne spielen, In Sekundenschnelle können sie von einer Rolle in die andere umsteigen. Immer ganz drin in der Rolle, kein „Danebenstehen“ oder „Deklamieren“. Man sieht Tränen der Trauer, Augen voll Zorn, Verachtung. Alle vier Darsteller von gleicher Intensität!

Für die intelligente Regie und Übersetzung ist Helena Scheuba zuständig. Sie bricht Shakespears Sprache sehr oft in die Niederungen unseres Alltags hinunter, um sie gleich wieder in poetische Ausschweifung à la Shakespeare zu heben. Das sorgt für intensive Spannung, ohne die Aufmerksamkeitsbereitschaft des Publikums zu überfordern.

Fazit: Richard III. sollte man nicht verpassen. Weitere Termine: 29., 30. November, 8., 9., 10. Dezember.

Und noch ein Fazit: Bronski ist ein Newcomer, den sich Theaterfans merken sollten.

www.bronski-gruenberg.at

Oscar Wilde: Bunbury. Theater Akzent

Ein herrlicher Spaß! Ich konnte mich nur wundern, wie aus der eher langweiligen Salonkomödie eine  e c h t e Komödie geworden ist. Das ist einerseits dem quirlig-energiegeladenen Ensemble und andrerseits dem Regisseur Hubsi Kramar zu verdanken. Der lässt nämlich, so erzählte er mir, bei der Probe jeden noch so absurden Einfall gelten und ins Spiel einsetzen. So entstand eine frische, auch in der Sprache (Textanpassung ebenfalls Hubsi Kramar) klug  runderneuerte Komödie. Aus der steifen Salonangelenheit wurde ein Superspaß. Wir im Publikum wurden über die selbstverliebten Sprachspielerein Oscar Wildes mit einer Leichtigkeit und frecher Subtilität getragen. Unterstützt wurde diese Art von Regie durch einfallsreiche Kostüme (von wem erfährt man leider im Programm nicht), die zwischen einst und jetzt mit witziger Übertreibung beider Stile sich einpendelten und einer Bühne, die aus einer  herrlichen Kitschromantik ausgiebig schöpfte (Markus Liszt). In diesem stimmigen Rahmen durfte Stefano Bernardin in einem seiner Lieblingsoutfits – dem Pyjama – frech und respektlos als Algernon agieren. In dieser Figur stecken ja die meisten Zitate Oscar Wildes, sie ist so zusagen sein Sprachrohr. Und Bernardin  macht daraus eine Kunstfigur, die eher im Heutigen angesiedelt ist. Der Sprachwitz wird durch eine heutige  Gestik und überschäumende Choreografie verstärkt, manchmal sogar überdeckt, was aber nicht stört, im Gegenteil. Ähnlich agieren auch Maddalena Hirschal als vorsichtig aufmüpfige Gwndolen und Dagmar Bernhard als verspielte Cecily. Star des Abends ist aber ganz sicher Lucy McEvil als Lady Bracknell. Lucy, eine der schillerndsten Bühnenfiguren der Wiener Theatersezne, kann hier ihre Stärken voll ausspielen: Als Lady Bracknell ist sie Frau, aber in Bewegung und Aktion ein Mann. Herrlich, wie sie im 2. Teil das Bühnengeschehen körperlich und geistig überragt: Sie dirigiert, weiß die Fäden zu ziehen und den Knoten zu lösen..

Aufführungen noch am 2. und 5. Dezember. Nicht versäumen! www.akznt.at

Susanna Ernst: Der Herzschlag deiner Worte. Knaur

Mhmmm, schwierig zu besprechen. Susanna Ernst ist nicht Rosamund Pilcher, aber auch nicht Elsa Ferrante oder Julie Zeh. Auch nicht Charlotte Link. Für mich, die ich gar keine Scheu vor Kitsch habe, ist dieser Roman doch  zu kitschlastig. Eines steht fest: Susanna Ernst kann ganz gut schreiben, der Plot fließt nur so. Aber so viel Tod, Krankheit, Liebe und vor allem Tote, die auf die Erde runtergucken und ihren Lieben beim Leben zuschauen, das muss man aushalten.

Ein Mann -Vincent – stirbt plötzlich auf dem Golfplatz. Bei der Beerdigung sind sie alle versammelt: Sohn Alex, der gar nicht sein Sohn ist, Tochter Cassie, seine Exfrau und die geheimnisvolle „Tante Jane“, die im Rollstuhl sitzt und an einer todbringenden Krankheit leidet. Sie kann nicht mehr sprechen, nur mehr durch ihre Augen mit einem Computer kommunizieren. Aber sie hat die Fäden der Vergangenheit in der Hand. Nur sie kann die vielen Rätsel lösen und Alex zu seiner großen Liebe namens Maila führen. Der Leser ahnt sehr bald: Diese Maila ist sicher die Tochter von Jane und Vincent – beide werden sich als Untote, später Ganztote im Jenseits finden. Als alle Rätsel gelöst und Hindernisse beseitigt sind, da sieht man Alex mit Maila glücklich lächelnd im Bett liegen. Zwischen ihnen seine zweijährige Tochter, die während einer kurzen früheren Beziehung gezeugt wurde. Auf die drei Glücklichen blicken Vincent und Jane aus dem Jenseits, nein eher Halbjenseits. Klingt komplizerter als es ist.

 

 

Adriana Lecouvreur (Francesco Cilèa) an der Wiener Staatsoper

Ein Abend der höchsten Qualität! Anna Netrebko als Adriana: Wenn sie die berühmte Arie „Ecco: respiro appena“ singt, dann vergißt man, dass man in der Oper sitzt- sie ist die Magd, die sich der Kunst und dem Künstler, der sie schafft, unterordnet, eine bescheidene Interpretin. In dieser zarten, innigen Arie setzt Netrebko ihr höchstes Können ein: feine, zarte Töne, tiefe, warme, um dann zu strahlenden Höhen aufzusteigen. Ihre zweite große Arie „Poveri fiori“ ist geprägt von Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, – ganz wunderbar wechselt sie zu intensiver Lebenslust, als  Maurizio, Conte di Sassonia, voller Reue zu ihr zurückkehrt und ihr seine Liebe gesteht. Doch zu spät  – Adriana stirbt in seinen Armen nach einem hinreißend schönen Liebesduett. Keine stirbt so schön wie Anna!

Piotr Beczala ist ihr congenialer Partner, mit strahlendem Tenor und sicherern Höhen singt er den Conte.

Die herrlichen Melodien dieser Oper brachte das Wiener Staatsopernorchester unter Evelino Pidò voll zur Geltung.

Blumenregen und minutenlanger (12?, 15?) Applaus.

www.wiener-staatsoper.at

Stephanie Butland, Ich treffe dich zwischen den Zeilen. Knaur Verlag

Mit viel sprachlichem Einfühlungsvermögen erzählt die Autorin von einer jungen Frau, die mit 10 Jahren von einem Moment auf den anderen beide Eltern verliert: Der arbeitslose Vater quält und schlägt seine Frau. Das Kind mit dem ungewöhnlichen Namen Loveday liebt ihn trotz allem, fürchtet zugleich um ihre Mutter. Als sie eines Tages von der Schule nach Hause kommt, hat die Mutter aus Notwehr den Ehemann mit der Bratpfanne erschlagen. Von da an wird das Leben für Loveday zur Qual. Die Mutter kommt ins Gefängnis, sie zu einer Pflegemutter, die sich alle Mühe mit dem Kind gibt, das sich von der Umwelt verschließt, kaum spricht und keine Kontakte, auch nicht mit der Mutter, will. Erwachsen geworden arbeitet sie in einem Buchladen, den der schrullige Archie führt. Loveday liebt Bücher, lässt sich die Anfangssätze ihrer Lieblingsbücher in die Haut tätowieren. Um ihr Äußeres kümmert sie sich nicht, rennt in alten Klamotten durch die Gegend. Einmal lässt sie sich auf eine kurze Beziehung ein, doch Rob ist wegen Gewalttätigkeit in Behandlung. Loveday verlässt ihn, er aber lässt nicht locker. Aus Angst vor körperlicher Nähe lässt sie auch Nathan, den liebenswerten Zauberer und Slum-Poet nicht an sich heran. Sie zieht sich vom Leben zurück, nur mit ihrem Chef  Archibald versteht sie sich einigermaßen. Der nämlich lässt sie gewähren.

Als eines Tages Bücher ihrer Mutter vor dem Laden garagiert werden, kocht die ganze Vergangenheit auf.

Wie aus der äußerst fragilen Person mit allen Ängsten und Aggressionen eine Frau wird, die wieder lieben kann, beschreibt die Autorin großartig. Ihre Sorache ist frech, aufmüpfig und hochsensibel zugleich.

„Dionysien“. Das Landestheater Salzburg im Festspielhaus Salzburg

Carl Philip v0n Maldeghem, seit 2009 Intendant des Salzburger Landestheaters, hatte den genialen Einfall, das antike Fest des Gottes Dionysos,  die so genannten „Dionysien“ nach Salzburg zu verlegen. Dazu mietete er sich im Festspielhaus ein und lud das Publikum zu einem vierstündigen grandiosen Fest ein.Dionysos war der Gott des Weines, des Rausches, des Frühlings und der Ekstase. Für ihn wurden alljährlich mehrtägige Feste mit Tragödien, Komödien und Satyrspielen aufgeführt. In Thrakien, von wo der Dionysoskult seinen Anfang nahm, soll es ja besonders wild zugegangen sein. Im Frühjahr, wenn die Natur erwacht, zog er mit seinem Frauengefolge, den Mänaden, durch die Lande. Kein Mann durfte den Mänaden und den Frauen, die sich diesem Festzug anschlossen, seine sexuellen Dienste verweigern!

So wild und ungezähmt ging es natürlich im Festspielhaus nicht zu. Aber doch waren Grenzen, Normen, Gebräuche gebrochen. Gemäß dem antiken Fest sah man Tragödien und am Ende eine Komödie, die in ERinnerung an  die dionysische Ekstase in eine wilde Tanzparty ausufern sollte. Eben nur „sollte“. Denn leider zog es die meisten Leute nach Hause vor den Fernseher und nicht auf die Bühne, wo die Darsteller die Zuseher zu einer schaumgebremsten Art des Dionysostanzes aufforderten.

Alles begann sehr tragisch: Prometheus – wir sind in der Tragödie des Aischylos -, der eigentlich im Götterstreit auf der Seite von Zeus stand, wird gerade von diesem dazu verurteilt, auf ewig an einen Felsen im Kaukasus gekettet, sein Leben auszuhauchen. Denn im Kampf um die absolute Weltmacht gefiel es Zeus überhaupt nicht, dass Prometheus den Menschen das Feuer brachte  und sie verschiedene Überlebenskünste lehrte. Da könnten ja die Menschen mächtiger als die Götter werden, war die Angst des Potentaten. Zeus selbst hat genug mit seinen Frauengeschichten zu tun: Als  göttlicher Stalker stellt er der schönen Io nach. Weil diese nicht willig ist, verwandelt er sie in eine Kuh, die von einer Bremse dauergeplagt wird. Wem fallen da nicht die Parallelen zu heute ein? Der Mann bleibt ungeschoren, das Opfer wird von der Umwelt stigmatisiert (gestochen). Prometheus jedoch weiß sich zu retten. Unter Blitz und Donner kommt er frei. Über bleibt die arme Io mit ihren Hörnern und ihrem Quälgeist. Unter der Regie des Intendanten spielt Christoph Wieschke einen beeindruckend starken Helden, Nikola Budle eine komisch-tragische Io. Auch die anderen Figuren dieser antiken Tragödie sind stark besetzt. Maldeghem, der hier selbst Regie führt, weiß, wie man einen antiken Stoff in die heutige Zeit transportiert. Auch das Bühnenbild von Stehanie Seitz ist in seiner monumentalen Schlichtheit beeindruckend: Prometheus hängt an einer glatt gehämmerten, silbrig glänzenden Aluwand. Unter ihm streiten Götter, Halbgötter und Menschen. Man könnte auch in der Interpretation noch ein Stück weiter gehen und in Prometheus einen Christus sehen, der gekreuzigt und dann befreit, den Menschen ihre Würde bringt.

Auf die Tragödie folgte ein stark wirkungsvolles Handlungsballett: Medea – der Fall M. Nach der Tragödie von Euripides gestaltete der neue Ballettdirektor des Salzburger Landestheaters, Reginaldo Oliveira,  eine gewaltige, sehr sensible Choreographie, die niemand im Zuschauerraum unberührt ließ! Anna Yanchuk tanzte eine zarte, vom Schicksal gebeutelte Medea, die aus Eifersucht Creusa umbringt, um die Liebe Jasons vergeblich bettelt und die Kinder erwürgt, um Jason besonders tief zu verletzen. Nervenaufreibend sind die Pas de deux zwischen Medea und Jason (Flavio Salamanka). Fast unerträglich  anzusehen der Schmerz Medeas nach der ERmordung ihrer Kinder. Gefangen in einem riesigen Stuhl, wie in einem Folterinstrument, überlässt sie sich ihren Qualen. Fast schon dem Tode nahe wird sie von Jason aufgehoben. Diesen Abschiedstanz zwischen den beiden muss  man durchaus zu den Sternstunden des modernen Balletts zählen.

Danach brauchten Darsteller und Publikum eine Pause! Es gab griechische Schmankerln frei Haus! Bei Feta, OLiven und Weintrauben wurde heftig über die Stücke diskutiert.

Nach der Pause war „Oedipus Rex“, das Opernoratorium nach Sophokles zu erleben. Strawinsky komponierte die Musik zu dem Libretto von Jean Cocteau. Jean Daniélou übertrug das Drama ins Lateinische. Der Intendant Maldeghem inszenierte ein Gesamtkunstwerk aus Oper, Schauspiel und Tanz, choreographiert von Oliveira. Ödipus im weißen Anzug ist ganz der eitle und selbstbewusste Politker, der liebend gerne die Hände seiner Anhänger schüttelt, sich dann sofort seine eigenen desinfiziert. Alles lobt und preist ihn – eindrucksvoll der Chor der Thebaner, die in ihm den Retter der Stadt sehen. Doch die Pest geht um. Schuld daran ist der Mörder des König Laos.  Dass Ödipus seinen eigenen Vater umgebracht, die Mutter Jokaste geheiratet, mit ihr Kinder gezeugt hat, wissen wir längst, lange vebor er selbst erfährt, dass er der Mörder seines Vaters ist. Die Überheblichkeit des Menschen, der alles für machbar hält, nannten die Griechen Hybris. Um die geht es. Und um die Einsicht, dass der Mensch gegen  (damals göttliche, heute menschliche) Gewalt der Mächtigen nichts ausrichten kann.

Nach so viel schwerer Kost kam in der Antike der Komödienschreiber Aristophanes auf die Bühne und erheiterte die Zuschauer mit Zoten und Witzen weit unter der Gürtellinie. Das wurde so gefordert. Das Spiel „Frieden“ nach Aristophanes fiel in Salzburg etwas weniger derb aus. Wieder führte Maldeghem Regie und er ließ keine noch so große Peinlichkeiten aus. Und zwar bewusst und herrlich provokant.Der Bauer Trygaios (Tim Obrließen) hat genug vom Krieg. Er reist mit seinem Mistkäfer – einem ausrangierten VW in Kleinformat -in den Olymp, um sich bei den Göttern über den Krieg zu beschweren und die Göttin des Friedens mit auf die Erde zu nehmen. Doch leider, leider sind die Götter ausgeflogen, sie haben vom Krieg und den Menschen genug. Keiner Zu Hause im Götterhimmel. Pax, die Freidensgöttin, hat sich in einen Keller verkrümmelt und keine Lust, auf die Erde zu kommen. Doch der tapfere Trygaios hieft sie gewaltsam auf die Erde – und eine Riesenparty beginnt. Unter dem Geklatsche, Gelächter des Publikums wird getanzt bs in den Abend hinein (Das Stück begann zm 15h) Wann Ende war, weiß ich nicht, da ich den letzten Zug der Westbahn um 20h erreichen musste.

Meine dringende Anfrage an die Festspielpräsidentin Rabl-Stadler: Könnte man diese tolle Inszenierung nicht in das Festspielprogramm 2018 aufnehmen? Da geht es seit dem Abgang von Alexander Pereira ohnehin viel zu bierernst zu!

Noch zu sehen bis 21. November 2017. www.salzburger-landestheater.at

 

Matthias Goerne/ Alexander Schmalcz: Winterreise. Festspielhaus St. Pölten

Der Liederzyklus nach den wunderbaren Texten von Wilhelm Müller ist für jeden Liedsänger eine Herausforderung. Matthias Goerne, zur Zeit einer der besten, wenn nicht überhaupt der beste Interpret der „Winterreise“, bewies wieder einmal seine hohe Liedkunst und sensible Interpretation. Begleitet von dem hervor-ragenden Pianisten Alexander Schmalcz führte er sein Publkum in die tiefsten Tiefen, dort der Tod das Leben bedroht, vielleicht auch sanft in eine andere Zeit und in ein anderes Sein hinüberführt. Doch etwas lief irgendwie unrund. Ich hatte gleich das Gefühl, Goerne steigt nicht voll ein. Dann -vor dem „Lindenbaum“ – unterbricht er, weil er sich von dem Geräusch der Klimaanlage gestört fühlt und er sich nicht konzentrieren könne. Er eilt hinaus, kommt lange nicht wieder, tritt auf, horcht, nein, es passt immer noch nicht. Geht wieder ab. Dann endlich war er zufrieden und konnte sich voll auf die Interpretation konzentrieren. So beginnt er den Lindenbaum zärtlich, unpathetisch, um dann die „kalten Winde“ um so härter blasen zu lassen. Fast schon überirdisch zart  erklingt  das „Irrlicht“. Goerne  spielt mit dem leisen, hohen Ton des I, wenn er das Leben als eines „Irrlicht Spiel“ an den Zuhörern vorbeiziehen lässt. Der abrupte Wechsel von zarter, zärtlicher Imagination und dem Wechsel in die Kälte des Lebens liegt Goerne ganz besonders, etwa im „Frühlingstraum“. Stark und fast frohlockend beginnt „Die Post“. Wenn zunächst das  Herz hoffnungsfroh „aufspringt“, dann bricht es an der Hoffnungslosigkeit, um am Ende nur noch in einer Frage nach der verlorenen Liebe ganz leise zu schlagen. Eine lange Pause leitet das Lied „Die Krähe“ ein. Es rauscht die Todesahnung im Gefieder des Vogels, und die Einsamkeit schlägt über dem Sänger zusammen. Diese unerträgliche Einsamkeit verbindet ihn mit dem „Leiermann“, dessen von niemandem gehörte Melodie durch Matthias Goerne zum Gebet des Lebens wird.

Ein unvergesslicher Abend!

Macmillan/Mcgregor/Ashton – Ballettabend an der Wiener Staatsoper

Der dreiteilige Ballettabend ist ganz der Tradition des britischen Balletts gewidmet und bietet für jeden Geschmack etwas: Den schwungvollen Auftakt macht Kenneth Mac Millan mit seiner Choreographie „Concerto“ nach  Schostakowitsch, Klavvierkonzert Nr.2. Dirigent : Valery Ovsyanikov. Am Klavier hervorragend: Igor Zapravdin, der langjährige Ballett-Korrepetitor an der Wiener Staatsoper.. Ein Reigen in Blau und Lila, interessante Abstraktionen, bei denen es vor allem um die exakte Gleichheit der Gruppe und die tänzerischen Qualitäten der Solisten geht. Denys Cherevychko zeigt seine  ausgezeichnete Sprungkraft,  Nina Polakova und Roman Lazik brillieren mit romantischen Hebefiguren, Alice Firenze legt ein spannendes Solo hin.

„Es folgte“Eden“ -Musik von Steve Reich aus der Konserve – ist ein interessantes Projekt von Wayne McGreor aus 2006. Eden ist kein Paradies, die Menschen sind kaputte Engerlinge, die sich in ihrer Existenz winden. Ein dürrer Baum auf der Bühne, ein Kreis, in dem die Tänzer gefangen sind, alles ein wenig verwirrend.

Den Abschluss bildete das einst vom Publikum favorisierte und durch das Traumpaar Nurejew -Fonteyn zu Weltruhm gelangte Ballett: “ Marguerite and Armand“ – eine Kurzversion des Romans „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas. Jakob Feyferlik ud Liudmila Konovalova tanzten nach der Musik von Franz Liszts Klaviersonate h-Moll das Liebespaar mit voller Hingabe. Dennoch haftet der Inszenierung und der Choreografie etwas leicht Altmodisches an. Aber was soll`s – Liebestragödien sind immer ein Garant für Erfolg.

Lang anhaltender Applaus und begeisterte Bravorufe!

www.staatsoper.at. Nächste Vorstellungen: 10. November 2017 und 8. Juni 2018.

Aischylos: Die Perser. Akademietheater

Michael Thalheimer gilt als radikaler Regisseur, der tief in das Fleisch eines Stückes schneidet. Seine Inszenierungen an der Burg – Elektra von Hofmannsthal oder Jelineks Schutzbefohlene – tragen den Stempel eines unerbittlichen Regisseurs, der bis an die Grenzen geht. So auch in „Die Perser“ von Aischylos. Auf der kahlen Bühne (Olaf Altmann) schreitet Atossa, die Mutter des König Xerxes und Witwe des Darius, (Christiane von Poelnitz) in einem Goldgewand mit langer Schleppe langsam an die Bühnenrampe. Dort verharrt sie lange, reglos. Sie strahlt Macht aus, schließlich ist sie die Mutter des Perserkönigs Xerxes. Dann beginnt der Chor des Ältestenrates -gesprochen von nur einer Person, nämlich Falk Rockstroh, die Lage des Reiches zu bejammern: Nur mehr Frauen, Alte und Kinder sind über, alle wehrfähigen Männer des Reiches sind mit Xerxes in den Krieg gezogen. Noch immer bleibt Atossa ruhig, fragt nicht. Steht, wartet, wissend, dass das Schicksal – oder die Götter – bitter zuschlagen wird. Ihre Ahnung bestätigt sich: Ein Bote (Markus Hering) bringt die Kunde von der Vernichtung des Heeres. Nur wenige sind davongekommen, darunter auch Xerxes. Nach einer Klage des toten Darius (Branko Samarovski) über die Hybris seines Sohnes, der durch sein unbedachtes und überhebliches Handeln das Heer in den Untergang geführt hat, erscheint Xerxes. Nackt, blutüberströmt schleppt er sich vor zur Mutter, die ihn in sprachloser Starre auf ihren Schoss nimmt. Unter langandauernden Neinrufen des Altenrates versinkt das Bild der Pietà vor den Augen des Publikums.

Was diese Aufführung so besonders auszeichnet, ist die grandiose Sprachdisziplin aller Schauspieler. Die Bearbeitung-Übersetzung von Durs Grünbein erfasst sehr gut den Rhythmus, sagen wir salopp den Sound der griechischen Tragödie. Diesen aufzunehmen und immer verständlich zu bleiben, ist der eine große Verdienst der  Aufführung. Dass die Schauspieler den Text bis an die Grenze des Erträglichen ausspielen, ohne in hohles Pathos zu verfallen, wie das oft bei griechischen Tragödien passiert, ist der zweite große Verdienst. Dass keine moralischen Floskeln über Gut und Böse gedroschen werden, sondern der Krieg in seiner unfassbaren Wucht dargestellt wird, ist der dritte Verdienst – des Regisseurs. Ob das nun von Aischylos als Antikriegsdrama geschrieben wurde oder nicht, wie im Programmheft heftig diskutiert wird, ist nicht wirklich von Belang. Der Krieg, ausgelöst von einem unberechenbaren Herrscher wie Xerxes einer war, lässt an andere politische Figuren – vergangene wie Hitler oder gegenwärtige wie Trump – denken.

Sehr sehenswert.

www.burgtheater.at

 

Igor Stravinsky: Petruschka,Movements und der Feuervogel. Ballettabend in der Wiener Volksoper

Ein Abend, an dem das Ensemble des Wiener Staatsopernballetts mit tänzerischer Überzeugungskraft und choreographischen Einfällen brillieren konnte. David Levi, an der Volksoper häufiger Gast, dirigierte mit viel Einfühlungsvermögen die Musik Stravinskys.

Petruschka – Ballettmusik Igor Stravvinsky, 1911

Eno Peci, seit 2009 Solotänzer des Balletts der Wiener Staatsoper und erfolgreicher Choreograph, formte die ursprüngliche Choreographie von Michael Fokin congenial zu einem Thema unserer Zeit um: Aus dem armen Schausteller Petruschka, der an der Grausamkeit des Gauklers und des Jahrmarktpublikums leidet, wird der Lehrer, der von seinen Schülern attackiert, von der Direktorin verhöhnt und schließlich von Frau und Kind verlassen wird. Er verschwindet ins Nichts, aufgelöst und gemartert. Andrey Teterin war ein überzeugender Lehrer, furios in seinem Kampf gegen die wilde und aggressive Horde der Klasse, die  ganz exzellent eine toll gewordener Breakdance – Performance hinlegte. Natascha Meir tanzte die zarte, hilflose Ehefrau des Lehrers, die an dem Berufsstress und der Existenzangst ihres Mannes verzweifelt. Weniger überzeugte Nikisha Fogo als Direktiron. Trotz ihres gelbschwarzen Kostümes (Pavol Juras), das sie als giftig- gefährliches Tier auswies, blieb dieser Effekt aus.

Movements to Stravinsky

Dem ungarischen Trio Andras Lukacs (Choreographie, Bühnenbild), Monika Herwerth (Kostüme), Attila Szabo (Licht) gelang ein außergewöhnlich inniges, ganz auf die Schönheit der Bewegung und des Tanzes ausgerichtetes Ballett. Vor einem silbergrauen Hintergrund schritten, tanzten oder bewegten sich in bewusster Langsamkeit Paare oder vereinzelte Tänzer. In den schwarzen Kostümen, die Teile des Körpers frei ließen, wurden die Tänzer zu emblematischen Figuren. Hell angeleuchtet vor einem schwarzen Hintergrund wurde der Effekt dann farblich umgedreht. Die sehr meditativen Musikstücke (z.B. Pulcinella Suite oder Suite Italienne) wurde von David Levi mit aller Achtsamkeit dirigiert.

Der Feuervogel -Stravinsky 1910

Es durfte auch gelacht, zumindest geschmunzelt werden, obwohl das Thema bitterernst ist. Andrey Kaydanovskiy machte aus dem russischen Volksmärchen eine aktuelle Parodie, Groteske auf das Ringelspiel der Macht. Ivan, in dem lächerlichen Kostüm eines Huhns, verteilt Flyer zur Eröffnung eines Kaufhauses. Verwundert und fasziniert von der Welt hinter den Scheiben des neuen Einkaufstempels, dringt er mit Hilfe des Feuervogels ein und wirbelt Putztrupp, Verkäuferinnen und Waren durcheinander. Schließlich tötet und entmachtet er den grausamen Boss. Aber statt eine neue, menschenfreundliche Führung  einzuläuten, übernimmt er mit dem Mantel des Getöteten seine Strategien: Unmenschlichkeit und Grausamkeit. Der Feuervogel, der ihm bis dahin geholfen hat, verschwindet. Andrey Kaydanowskiy übernahm selbst den Part des Bosses. Sein Tanz drückte Gier, Herrschsucht und am Ende die Verzweiflung des Verlierers aus. Massyu Kimoto entwickelte die Figur des Ivan: aus dem tumben Tor wird der Machtpolitiker. Kaydanovskiy machte aus dem Märchen eine aktuelle Analyse über das Scheitern aller Revolutionen: Niemand ist frei von Korruption, sobald er die Macht in den Händen hält. Für Heiterkeit sorgt der furiose Tanz der Putzfrauen und die traurige Phalanx der Verkäuferinnen. Die Groteske am Rande des Abgrundes erschreckt am Ende durch ihre Aktualität.

Begeisterter Applaus und Bravorufe!

Mein Rat: Unbedingt die Kommentare im Programmheft lesen. Hilft für das Verständnis!

Wiederaufnahme im April 2018. Infos zum Spielplan: www.volksoper.at

 

 

 

 

 

Joseph Lorenz las die Novelle „Lenz“ von Georg Büchner.

Anlässlich des 180. Todestages von Georg Büchner las Joseph Lorenz die Novelle „Lenz“ im Alumni Club der Medizinischen Universität Wien. Wer sonst als Lorenz könnte es wagen, diese poetische Analyse eines beginnenden Wahns zu lesen? – Nein nicht lesen, leben, erleben lassen. Sich in die Person des vom Wahn getriebenen jungen Dichters Lenz hineinwerfen, mit ihr verschmelzen. Seinen Kampf mit der Sprache, wenn ihm die Worte fehlen, er den Anfang eines Wortes nicht findet, sucht, aufgibt –  schreit,  mit Grimmassen der Verzweiflung seine Umgebung in Schrecken versetzt – all das nicht nur lesen, sondern leben. Wie kein anderer kann Joseph Lorenz das Publikum vergessen lassen, dass es sich um eine Lesung handelt. Es ist Schauspiel, das in seiner Unmittelbarkeit zum EReignis wird. Präzise zuerst die Beschreibung der Natur, die dem Dichter Lenz mehr Bedrohung als Trost ist. Dann die ersten Worte Lenz` an den Pfarrer – ein Suchen, ein Stottern, lange Pausen, in denen es im Hirn des Dichters arbeitet, er nach Klarheit sucht. Klarheit, die nimmer mehr sein wird. Verzweiflung und viele Versuche, sich zu Tode zu bringen. Sie gelingen nicht. Schließlich der Rücktransport in der Kutsche – zurück in ein Leben, das keines ist. „und so lebte er dahin..“ Mit diesen Worten – ganz ruhig und langsam gesprochen – entlässt Joseph Lorenz ein Publikum, dem er fast in Trance diese traurige Figur des Dichters vor Augen führte.

Styne-Laurents-Sondheim: Gipsy. Volksoper

Was kann man anderes über diese Aufführung sagen als: GROSSARTIG! Unter der intelligenten Regie von Werner Sobotka wirbelt ein exzellentes Ensemble in witzigen Kostümen (Elisabeth Gressel) über eine schlichte, aber passend eingerichtete Bühne (Stephan Prattes). Die Musik von Jule Styne ist mitreißend, leider sehr oft von Lorenz Aichner zu laut dirigiert, so dass Maria Happel in ihren Soli die Stirnadern hervortreten und der Schweiß in Strömen rinnt. So sehr muss sie sich plagen, um das Orchester der Volksoper Wien zu übertönen. Dennoch: Maria Happel ist das Zugpferd des ganzen Ensembles, das durch die Bank perfekt besetzt ist.

Rose (Maria Happel) ist eine ehrgeizige Mutter, die ihre beiden Töchter Louise und June zunächst als Kinderstars groß herausbringen will. Livia Ernst als Baby June singt und tanzt wie eine Große, Sophie-Maria Hoffmann spielt gut Baby Louise, die im Schatten ihrer Schwester steht. Doch aus den Babys werden junge Damen, eine neue Show muss her. Verzweifelt reist die Gruppe wie die „Zigeuner“ ( „Gipsy“) von Stadt zu Stadt zu diversen Castings, begleitet vom getreuen Agenten Herbie (großartig Toni Slama), bis schließlich June (als Erwachsene: Marianne Curn) die Truppe verlässt und heiratet. Nun „managt“ Rose ihre unbegabte Tochter Louse (sensibel und beeindruckend : Lisa Habermann). Wenn Rose ihren Song anhebt: „Ich hatte einen Traum“, dann erinnert man sich an den Mann von La Mancha. Beide Figuren verbindet die Verweigerung der REalität und das unbeirrbare Festhalten an einem Traum. Auch musikalisch fühlt man sich an dieses wunderbare Musical aus den 60er Jahren erinnert.

Werner Sobotka gelingt es, einen feinsinnigen Abend auf die Bühne zu bringen, in dem er die Doppelbödigkeit des Stückes zelebriert: Einerseits gibt es Lachnummern zum Brüllen – etwa den Tanz mit der Kuh. Zugleich aber spürt man dahinter die ganze Tragik eines missglückten Kunst- und Lebenskonzeptes und die brutale Härte im Showbusiness.  Über den manischen Hang der amerikanischen Tanzszene zum Kitsch darf ausgiebig geschmunzeltt werden.  Sobotka scheut sich auch nicht, wirklich berührende Szenen bis an die Grenze ausspielen zu lassen, ohne dass es je peinlich wird. Etwa in der Tanzszene zwischen Tulsa (Peter Lesiak) und Louise: Tulsa studiert eine eigene Nummer ein, tanzt auch die fehlende Figur der Frau, merkt nicht, wie sehr Louise diese Partnerin sein möchte. Louises Figur ist neben Rose die zweite großartige Frauenfigur: Vom unbegabten Entlein steigt sie zum erfolgreichen Striptease-Star auf. Die Wandlung gelingt Lisa Habermann mehr als überzeugend. Zum Intensivsten gehören die Szenen zwischen Herbie und Rose: Er liebt sie, hält treu zu ihr und unterstützt ihren „Traum“ so lange, bis sie Louise zwingt, als Stripperin aufzutreten und  ihn im Hochzeitsanzug und mit dem Brautstrauß in der Hand – Rose hat endlich in die Heirat mit ihm eingewilligt – brutal stehen lässt. Die Abschiedsszene gehört ebenfalls zu den berührender Glanzszenen dieser überaus gelungenen Inszenierung. Am Schluss steht Rose in einem schäbigen Mantel vor den Trümmern ihres eigenen Traumes: Was sie von ihren beiden Töchtern abverlangte, nämlich Stars zu werden, war eigentlich ihr Wunsch seit Kindheit an. In verzweifelter Irrealität sieht sie sich am Ende als zukünftigen Star.

Begeisterter Applaus und Bravorufe!

Spielplan und Infos: ww.volksoper.at

Pierre Lemaitre, Drei Tage und ein Leben, aus dem Französischen Tobias Scheffel. Klett-Cotta Verlag

Ein Kriminalroman mit umgekehrten Vorzeichen: Der Mörder ist der 12jährige Antoine. Enttäuschung, Zurücksetzung und Spott seiner heimlich angebeteten Nachbarin machen ihn so wütend, dass er den sechsjährigen Nachbarbuben Rémi mit einem Stock erschlägt. Das erfährt der Leser gleich auf den ersten Seiten. Im rasanten Erzähltempo geht der Autor sofort in medias res. Dann zieht er gleichsam die Notbremse. Langwierige Untersuchungen, Verdächtigungen – Antoine lebt in Dauerangst, als Mörder entlarvt zu werden. Er ist zeitweise froh, dass es einen Verdächtigen gibt und hätte keine Silbe zu dessen Freilassung gesagt. Die Jahre vergehen, er glaubt sich sicher, studiert Medizin und meidet das Dorf seiner Kindheit. Doch dieses holt ihn zurück – widerwillig muss er das Nachbarmädchen heiraten, da sie von ihm schwanger ist. Einem Vaterschaftstest kann und will er sich nicht unterziehen, da man inzwischen die Leiche und an ihr ein Haar des Täters gefunden hat. Anhand des Gentestes könnte er als Mörder entlarvt werden. Sein Leben besteht nun aus der traurigen Routine eines Landarztes und eines lieblosen Ehemannes, bis am Schluss eine neue Wendung eintritt…

Lemaitre ist ein Meister der Charakteranalyse, die er streckenweise all zu sehr auf die Spitze treibt. Durch häufigen Tempowechsel – einmal geschieht viel auf wenig Seiten, dann lange, auf vielen Seiten fast gar nichts – hält er den Leser, der vielleicht schon aufgeben will, bei der Stange. Der Roman ist aber mehr als ein „Landkrimi“. Vielmehr liest er sich als kritische Studie eines Dorfes und seiner Bewohner, die in Bespitzelung, Brutalität und Dumpfheit dahinleben. Jeder mit einer anderen Lebenslüge auf dem Buckel.

 

Ernst Lothar, Der Engel mit der Posaune. Theater in der Josefstadt

Gleich vorweg: Dieses schwierige und gigantische Projekt konnte nur dank der gelungenen Bühnenfassung von Susanne F. Wolf gelingen. Den Roman, der über 500 Seiten umfasst und die Geschichte einer Wiener  Familie von  1889  (Selbstmord des Kronprinzen Rudolf) bis zur Machtübernahme der Nazis,  packend auf die Bühne zu bringen, ist schon eine Meisterleistung. Dazu muss noch gesagt werden: Ohne die wirklich überzeugende und concise Leistung des Ensembles wäre auch die beste Bühnenfassung zum Scheitern verurteilt gewesen.

Im rasanten Szenenwechsel (Regie:Janusz Kiza) läuft das Geschehen ab. Wer den Roman nicht kannte, hatte wahrscheinlich Schwierigkeiten, die schnellen Übergänge richtig einzuordnen.  In der  Annagasse 10, dem düsteren und nicht sehr komfortablen Stadtpalais (das Bühnenbild von Karin Fritz glich aber eher einer schwarzen Fabriksruine) herrscht Empörung, Aufregung: Franz Alt, Chef der Klavierfabrik, heiratet Henriette Stein. Sie ist jung, schön und entspricht so gar nicht der Vorstellung von Ehefrau, die sich die Familie für Franz wünscht. Henriette, die mit Kronprinz Rudolf ein schwärmerisch-romantisches Verhältnis hatte, heiratet aus Vernunftsgründen. Michael Dangl als Franz Alt und Maria Köstlinger als seine Frau Henriette liefern ein subtiles Kammerspiel: der junge Franz, blind verliebt, Henriette kühl, abweisend. Mit den Jahren wächst die Distanz zwischen den beiden. Henriette hat nur Verachtung für ihren Ehemann. Er bleibt ihr treu ergeben, tötet im Duell Henriettes Liebhaber. Doch im Alter – er schwer von einem Schlaganfall gezeichnet – finden sie zusammen und knapp vor seinem Tod erkennt Henriette, wie tief Franz sie trotz allem geliebt hat. Diese Sterbeszene war geprägt von hoher Schauspielkust und tief berührend.

Eingerahmt wird das Familiengeschehen von den politischen EReignissen: Der Selbstmord Rudolfs, der Henriette schwer belastet, die ERmordung der Kaiserin, die Ermordung des Thronfolgerpaares, der Erste Weltkrieg, der Tod des Kaisers, der Zusammenbruch der Monarchie, die Machtübernahme der Nazis in Österreich. Die unterschiedlichen Reaktionen der Familienmitglieder reflektieren stellvertretend die verschiedenen politischen Haltungen und Figuren, wie sie für die Monarchie typisch waren: Otto Eberhard Alt (- sehr gut von André Pohl verkörpert) ist der knöcherne Beamte, dem Gesetzestreue über alles geht. Die Kinder von Henriette und Franz spiegeln die Generation aus der Zeit nach dem Zusammenbruch der Monarchie: Hans  (Alexander Absenger) der Idealist und  Romantiker, letztendlich der einzige, der dem Naziterror Widerstand leistet, Hermann (Matthias Franz Stein), der zum fanatischen Nazi wird, Martha Monica (Silvia Meisterle) ist die Unbekümmerte, die von Politik rein gar nichts wissen und nur das Leben genießen will. Die junge, begabte Selma Hasun spielt die Schauspielerin Selma Rosner, die Hans trotz aller Widerstände der Familie heiratet und von Hermann vergiftet wird.

Tragödie über Tragödie, keiner außer Hans überlebt. Doch es bleibt offen, wie lange. Irgendwann wird die Gestapo seinen Geheimsender entdecken, über den er beharrlich gegen den Naziterror Reden in den Äther schickt.

Es ist auf jeden Fall vorteilhaft, den Roman vorher zu lesen. Im Programmheft finden sich erhellende Aufsätze von Eva Menasse über Ernst Lothar und denRoman und von Iris Sinzinger über das Wien der Jahrhundertwende.

Ein großartiger Theaterabend mit einem gut eingespielten und hoch motivierten Ensemble. Viel Applaus und Bravorufe!

Weitere Termine: www.josefstadt.org

Joseph Lorenz, Spiel im Morgengrauen. Theater Akzent

Wenn Joseph Lorenz liest, dann ist die Studiobühne im Theater Akzent bis zum letzten Platz gefüllt. Diesmal also: „Spiel im Morgengrauen“ von Arthur Schnitzler. Ich kenne zur Zeit keinen Sprecher/Schauspieler, der Schnitzler besser lesen könnte als Joseph Lorenz. Mit hoher Sensibilität für Tempo, Zurücknahme, sich aufbauender Dramatik erzeugt Lorenz atemlose Spannung. Alles beginnt sehr unspektakulär: Leutnant Wilhelm Kasba erwacht an einem Sonntagmorgen – wie immer bringt ihm seine Bursche den Kaffee und meldet Besuch an (köstlich, wie Lorenz vom Schnitzlerdeutsch in den böhmische Dialekt umsteigt und gleich steht vor uns die liebenswerte, treuherzige Figur des Burschen). Der ehemalige Dienstkamerad Otto von Bogner bittet ihn um 900 Gulden, die er aus der Firmenkasse „entliehen“ hat und bis zum nächsten Morgen zurücklegen muss. Klar, dass Wilhelm diese Summe nicht hat, er verspricht aber, sein Glück im Baden beim Kartenspiel zu versuchen. Und ab da wird das Erzähltempo rasant, Lorenz lässt die >Zuschauer  bis unter die Haut spüren, was Spielsucht bedeutet: Ausgeliefertsein einer Lust, die ins Verderben führt, führen muss. Als Verführer und Gegenspieler tritt Konsul Schnabel auf, der den Leutnant genussvoll ins Verderben rennen – spielen – lässt. Atemlos rast das Spielgeschehen dahin bis zu dem Augenblick, als Wilhelm um 3h früh mit einer Spielschuld von 11.000 Gulden das Café verlässt. Diabolisch freundlich verlangt der Konsul die Rückerstattung bis zum nächsten Tag. Absturz in die Hoffnungslosigkeit – auch der vermeintlich begüterte Onkel kann nicht helfen. Der Selbstmord scheint der einzige Ausweg. Doch einen Versuch hat Wilhelm noch: Er erniedrigt sich und bittet Leopoldine, die junge Frau des Onkels, um das Geld. Sie könnte es ihm geben – aber zuvor will sie Rache -Rache für eine lang zurückliegendeLiebesnacht, in der Wilhelm sie wie eine Dirne bezahlte und sich davonmachte. Sie jedoch hat den jungen Leutnant damals geliebt, wollte Zärtlichkeit und Vertrauen . Diese Szene las Lorenz mit  großem Feingefühl für weibliche Verletzlichkeit – man konnte die Rache, die Leopoldine nahm, verstehen und mitempfinden: Nach einer Liebesnacht „bezahlt“ sie ihn mit 1000 Gulden und geht. Der Abgrund tut sich auf. Stille im Raum. Selbstmord. Ironie und doppelte Rache der Leopoldine: Sie übergab ihrem Ehemann die 11.000 Gulden für Wilhelm. Als dieser sie seinem Neffen bringt, ist alles zu spät. Berührend der Schluss: Der Onkel ahnt, dass seine Frau den Leutnant besuchte. Doch der Bursche zerstreut den Verdacht und bestätigt schlau und treuherzig den Besuch eines Kameraden. Am Ende hat Bogner die 900 Gulden (der „Lohn“ für die Liebesnacht), Leopoldine ihre Rache und Wilhelm hat sein Leben sinnlos „verspielt“. In zwei Stunden ließ Joseph Lorenz das ganz Spektrum der Sinnlosigkeit und Orientierungslosigkeit eines Offiziers, dem die Ehre mehr galt als sein Leben, vor uns abrollen.

Elena Ferrante, Die Geschichte der getrennten Wege. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp

Nun begleiten sie uns wieder für eine Weile: Elena und Lila aus Neapel, genauer aus dem heruntergekommenen Viertel Rione. Die späten 60er und die beginnenden 70er Jahre bilden den politische Rahmen. Das Buch ist eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit vieler Leserinnen, die sich in der Figur Elenas teilweise wiedererkennen werden.

Lila hat sich von ihrem Ehemann und von ihrem Geliebten getrennt und schuftet in einer Wurstfabrik, wo die Arbeitsbedingungen entwürdigend und gesundheitsgefährdend sind. Sie kann sich und ihren  Sohn Gennaro, von dem sie nicht genau weiß, welcher der beiden Männer der Vater ist, nur mit Mühe durchbringen. Enzo, ein Freund aus den Jugendtagen, hilft ihr selbstlos, wo er nur kann. Den Alltag zu bewältigen und nicht einzuknicken ist ihr einziges Lebensziel. Während alle rings um Lila sich in der Politik engagieren, hat sie dafür keinen Sinn. Doch wird sie gegen ihren Willen zur Ikone der Revolution und des Widerstandes, als sie sich gegen den Chef der Fabrik zur Wehr setzt und die verheerenden Arbeitsbedingungen publik macht. Es kommt zu Schlägerein, es gibt Tote, sie verlässt seltsam ungerührt von den Ereignissen die Fabrik.

Elena hat nach dem Studium in Pisa ein Buch geschrieben, das kurzfristig großen ERfolg hat. Sie verlobt sich mit Pietro, dem Sohn ihres Verlegers. Stolz kehrt sie für kurze Zeit nach Neapel zurück, wo sie sowohl von Lila als auch von ihrer eigenen Familie distanziert behandelt wird. Für ihren Bucherfolg hat man kein Verständnis. Verwirrt muss Elena erkennen, dass sie politisch völlig ungebildet ist. Um sich in den linken Kreisen, zu denen sie gerne gehören möchte, Zutritt zu verschaffen, beginnt sie sich in die „linke Literatur“ einzulesen. Doch ihre Wortmeldungen in dem kämpferschen Kreis von Linken, Kommunisten und anderen Revoluzzern bleiben leere Satzhülsen. Sie heiratet Pietro und zieht mit ihm nach Florenz, wo er einen Lehrauftrag an der Universität hat. Ihre zwei Töchter machen aus Elena eine lustlose Mutter und Hausfrau. Angestrengt versucht sie, an einem neuen Buch zu schreiben, was ihr nicht gelingt. Die Ehe ist eine einzige Enttäuschung, sie denkt an Scheidung. Mit Lila hat sie nur telefonischen Kontakt. Aus dieser Depression rettet sie Nino, der Jugendfreund aus Neapel. Er weckt sie aus ihrem geistigen und sexuellen Dornröschenschlaf. …

Hauptakteur in diesem 3. Band ist die Politik, die Jahre der Jugendrevolten, der Gewalt gegen den Staat und seine Repräsentanten, des Kampfes der Frauen um mehr Rechte. Elena ist die typische Vertreterin zwischen den Fronten: Sie will bürgerlich leben, ist auch stolz auf diesen Status und will zugleich politisch aktiv sein, was aber nicht ihrem innersten Wesen entspricht, das auf Ausgleich und Harmonie ausgerichtet ist. Stachel in ihrem Denken ist immer wieder Lila, die sich um nichts und niemanden kümmert, ihren Weg im Rione geht und auf Elenas Bürgerlichkeit spuckt. Geschickt flicht die Autorin in die Fguren, die sich um Elena und Lila ranken, die Typen der damaligen Zeit ein: Die Kinder der Adeligen und Bildungsbürger proben mit Genuss den Aufstand gegen ihre Eltern, bringen aber außer Drogensucht und Streit nichts Effektives zustande. Es sind die typsichen Möchtegernrevoluzzer. Pietro ist der Professor, der die Zeitentwicklung verpasst und mit seinen Studenten und Kollegen im Dauerstreit liegt. Einige Jugendfreunde Elenas und Lilas engagieren sich in Gewerkschaften, sind Dauerdemonstrierer. Doch gegen die mafiosen Mächtigen im Rione und Neapel haben sie keine Chance.

Elena Ferrante entwirft ein Gesellschaftsgemälde mit allen Figuren, die damals wie heute noch genauso aktiv sind. Und das nicht nur in Italien,

Mehr zur Romantetralogie und der Anonymität der Autorin unter: www.elenaferrante.de

 

André Uzulis, Hans Fallada, Biografie. Steffen Verlag

Eine gut recherchierte Biografie, die trotz ihrer überpeniblen Genauigkeit nicht trocken oder langweilig wirkt. Fallada, mit bürgerlichem Namen Rudolf Dietzen (1993 -1947) lebte wahrlich in schweren Zeiten. Als Sohn eines gutbürgerlcihen Beamten (Richter) rebellierte er in der Jugend gegen ihn und das allzu geregelte Leben, plante mit einem Freund einen Doppelselbstmord, wobei er den Freund erschoss und sich selbst schwer verwundete. Dem ersten Aufenthalt in einer Nervenklinik sollten bis zu seinem Tod noch unzählige folgen. Alkohol- und Morphiumsucht machten ihm das Leben zeitweise zur Hölle, aus der ihn nur eines rettete: Schreiben, schreiben, schreiben. Gefängnisaufenthalte – er hatte Geld unterschlagen, um sich Morphium zu beschaffen – nutzte er für einen Entzug, der nicht lange anhielt. Seine Ehe mit Anna Dietzen war die ersten Jahre recht glücklich, weil sie sich ihm unterordnete und seine häufigen Zornausbrüche verzieh. Dann hatte es den Anschein, dass er zu sich fand. Seine Bücher hatten manchmal große Erfolge, dann wieder wurden sie von der Kritik in Grund und Boden gestampft. Doch der Verleger Ernst Rowohlt half ihm, so viel und oft er konnte. Auch in der schwierigen Zeit des Nazionalsozialismus. Da „lavierte“ sich Hans Fallada durch, biederte sich an, zog sich zurück – er wollte nur eines: unbehelligt schreiben. Als Ernst Rowohlt emigrierte und der Verlag beschlagnahmt wurde, bekam Hans Fallada die ganze Härte der Nazibürokratie zu spüren. Doch er verließ Deutschland dennoch nicht. Nach Kriegsende ließ er sich von den Russen, die er als „Befreier“ bezeichnete, vor den Werbekarren spannen, hatte mit seinem letzten Werk „Jeder stirbt für sich allein“ nochmals einen großen Erfolg. Doch da war er körperlich und geistig schon am Ende – er stirbt in einer Nervenklinik. Der Autor schreibt: an einer Überdosis Schlafmittel, die ihm seine 2. Frau Ulla unwissentlich verabreicht hat. Sehr mysteriös.

Seine Werke: „Kleiner Mann was nun?“, „Wer einmal aus de Blechnapf frißt“ und „Jeder stirbt für sich allein“ gehört zum Besten, was in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschrieben wurde. Fallada schildert minutiös die Ängste, kleinen Freuden, Bedrohungen im Alltag, Neid, Hass – eben das Leben „von unten“, das er aus eigener Erfahrung bestens kannte.

Das Pittsburgh Symphony Orchestra und Matthias Goerne in Grafenegg (31.August 2017)

Wieder einmal hat der Wettergott dreingepfuscht, und das Konzert musste vom Wolkenturm ins Auditorium verlegt werden. Wahrscheinlich hatten die  Musiker des Pittsburgh Orchesters und der Dirigent Manfred Honeck sich auf die Akustik des Wolkenturms eingestellt, wo ja so richtig auf die Pauke gehaut werden darf, ohne dass Wände und Ohren bersten. Das Auditorium hingegen fasst wahrscheinlich ein viel geringeres Klangvolumen. Anders ist nicht zu erklären, dass die „Rusalka Fantasy“ von Anton Dvorak, zusammengestellt und bearbeitet vom Dirigenten Manfred Honeck, so überlaut daherkam. Man hatte den Eindruck, einen Hollywood-Dvorak zu hören. Als hätte der Komponist  für einen Rusalkafilm die Musik geschrieben. So laut, so wuchtig und plakativ wurde gespielt und dirigiert. Erst „Rusalkas Lied an den Mond“, zart und innig von einer Solovioline gespielt, konnte mich versöhnen.

Danach Matthias Goerne, dessen „Winterreise“ mit Markus Hinterhäuser am Klavier legendär geworden ist, trotz der (für mich) so störenden Videos von William Kentridge. Ich möchte dazu ein Zitat aus dem Grafenegger Programmheft anführen: „Mahler bezeichnete es als Barbarei, wenn Musiker vollendet schöne Gedichte in Musik setzen. Das sei für ihn, als ob eine meisterhaft gemeißelte Marmorstatue nachträglich von einem Maler mit Farbe übertüncht würde.“ Im Falle der Winterreise wirkten die Videos wie eine Übertünchung. In Salzburg nochmals ein ähnliches Schicksal: Büchners verstörendes Drama „Wozzeck“ und die wuchtige Musik von Alban Berg waren offenbar den Verantwortlichen nicht wirksam genug – es musste wieder Kentridge her, der die Bühne mit seinen Videos zumüllte.   Aber zurück nach Grafenegg:

Diesmal also Goerne ohne Kentridge. Nur mit dem Pittsburh Orchestra unter Manfred Honeck. Orchester und Dirigent waren nicht wiederzuerkennen. Sie wirkten wie ausgewechselt und erwiesen sich als die idealen Partner für Goernes intensive Interpretation der Mahler Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“. Goerne ist ein Sänger, der den von ihm ausgewählten Liedern auf den tiefsten Grund geht und dabei sich selbst nicht schont, seine Seele und seinen Körper in die Musik einflicht bis zur existentiellen Selbstentblößung. Das kann für die Zuhörer oft hart werden. „Ich zieh‘ in Krieg auf grüner Haid, die grüne Haid die ist so weit. Allwo dort die schönen Trompeten blasen, da ist mein Haus von grünem Rasen“- da wird aus dem zarten Liebeswerber ein Todgeweihter. Das Todesmotiv herrscht vor, schaurig im Lied „Das irdische Leben“: Das Kind verhungert, die Not ist zu groß. An die Grenze irdischer Existenz treibt Goerne sich und uns im LIed „Urlicht“. Die ganze Tiefe seines Baritons legt Goerne in die letzten beiden Lieder „Revelge“ und „Der Tamboursg’sell“. Wenn er die Sterbensworte des Tambourgesellen im Raum verklingen lässt, dann herrscht atemlose Stille im Publikum und auf dem Podium. Goernes Gesangskunst ist existentiell.

Es werden mir hoffentlich alle verzeihen, wenn mir für Beethovens 7. Symphonie, die nach der Pause folgte, die Lobesworte fehlen, ich habe sie alle für Goerne aufgebraucht.

Melanie Raabe. Die Falle. btb

Melanie Raabe kann Spannung erzeugen, den Leser fesseln. Der Trick: kein  Dedektiv forscht endlos langweilig, sondern die Zeugin eines Mordes sucht den Mörder in eine Falle zu locken. Dann beginnt ein Katz- und Mausspiel, in dem der Mörder den Spieß umdreht und der Zeugin suggeriert, sie wäre die Mörderin! Ein genialer Einfall der Autorin. Durch diesen Dreh der Perspektive wird der Leser stark verunsichert und die Spannung intensiviert. Aus der Zeugin wird über eine kurze Strecke die mögliche Mörderin. Sie fragt sich, ob nicht sie es war, die mit zahllosen Messerstichen ihre Schwester umgebracht hat. Sie forscht, horcht in ihr Inneres, hinterfragt ihr Verhältnis zu ihrer Schwester und hält es zunächst durchaus für möglich. Bis sie  das gefakte Alibi des Mörders aufdecken kann. Leider retardiert die Autorin den Gang der Handlung und die Spannung durch Einschübe eines Romans im Roman, der aber keine neuen Perspektiven einbringt.

Auf jeden Fall ist dieser Thriller eine ideale Urlaubs- und Sommerlektüre. Perfekt, um voll abzuschalten und ein wenig aus dem Alltag auszusteigen.

 

Nurejew-Gala 2017. Wiener Staatsoper

Ein rauschendes Fest für Augen und Ohren! Manuel Legris ließ seine „Puppen tanzen“ – und wie! Nach einer eher einschläfernden Introduktion aus Dornröschen ging es in ein „Solo“, das von Kimoto, Szabo und Wielick mit Höllentempo nach Musik von Bach hingetanzt wurde. Man war wach – und das war gut so, denn schon folgte einer der Höhepunkte des Abends: Maria Shirinkina und Vladimir Shklyarow tanzten das Adagio aus „Spartacus“. Nach der intensiven Musik von Chatschaturjan und der Choreographie von Juri Grigorowitsch verschmolzen die beiden in einem innigen-tragischen Liebestanz. Für sie galt kein Gesetz der Schwerkraft, die Liebe trug sie hinweg über das  Leid, der Tanz erlöste sie aus den Qualen alles Irdischen. Selten war ein Paar so aufeinander eingestimmt, es war ein pas de deux der zum Solo für zwei Körper wurde. Beide hatten diese Rollen schon erfolgreich an der Bayrischen Staatsoper getanzt. Berührend war die schlichte Choreographie von John Neumeier. Zur Musik von Bach sang Margaret Plummer ein inniges „Miserere“, es tanzten Nina Tonoli und Jakob Feyferlik. Überschattet wurde die glanzvolle Gala durch den Unfall vonDavide Dato – er stürzte und wurde mit einer schweren Knieverletzung ins Spital gebracht.

IM zweiten Teil sah man Ausschnitte aus „La Bajadère“ (Musik: Marius Minkus). Es gab wohl niemand im Publikum, der von dieser traumhaften Inszenierung nicht begeistert war. So manch einer wünschte, die Wiener Staatsoper würde dieses Ballett wieder einmal komplett auffühen. Wenn Vladimir Shklyraov mit Liudmila Konovalova den Liebestanz im Reich der Schatten tanzt, dann ist man Zeuge, wie der Körper die Schwerkraft besiegt.

Im dritten Teil begeisterten Vladimir Shishov und Elena Vostrotina (als Gast) in der Choreographie von William Forsythe und der Musik von Thom Willems. Als wäre der italienische Futurismus auf die Bühne projeziert worden.  Maschinenmenschen, die nach Berührung gieren. Ganz großes Ballett!

Passend dazu Rebecca Horner in ihrem bereits legendären Solo aus „Le Sacre“ in der Choreographie von John Neumeier.

Der rauschende Schlussbeifall galt jedem einzelnen der Mitwirkenden, dem ausgezeichneten Dirigenten Kevin Rhodes und vor allem dem Chef Manuel Legris.

 

 

 

 

DDelphine de Vigan, Das Lächeln meiner Mutter. Droemer. Aus dem Französischen von Doris Heinemann

Es ist eines der Hauptthemen, das Delphine de Vigan immer wieder beschäftigt: Die Frage, wieviel in einem Roman, einem literarischen Werk jeglicher Gattung Fiktion, wieviel reine Berichterstattung sein darf. In dem vorliegenden Fall eine besonders heikle Frage, da es sich um die Aufarbeitung der Krankheit (Schizophrenie) ihrer Mutter, die sich dasLeben nahm, handelt. „Anfangs, als ich den Gedanken, dieses Buch zu schreiben….akzeptiert hatte, dachte ich, es würde mir ganz leicht fallen, Fiktives einzubauen. …Stattdessen kann ich an nichts rühren, …voller Schrecken bei dem Gedanken, ich könnte Verrat an der Geschichte üben, mich in den Daten, Orten, Altersangaben irren.“ Diese Gewissensfrage durchzieht den Text und den Fortlauf der Erzählung. Immer wieder unterbricht die Autorin, stockt, fragt sich, ob es richtig ist, die Familienmitglieder mit Fragen nach Erinnerungen zu belästigen, sie im Text miteinzubeziehen. Das macht das Buch in der ersten Hälfte schwerfällig. Erst mit dem voranschretend Erzählfluss scheint de Vigan es mit ihrem Gewissen vereinbaren zu können, über die intimsten Situationen und Gefühle der Mutter, ihrer Geschwister und Freunde, über ihre eigenen Gefühle und die ihrer Schwester nach dem Selbstmord zu berichten. Dann immer wieder die Frage: Ist diese Krankheit erblich? Wird der Hang zum Selbstmord an die nächste oder übernächste Generation weitergegeben? Eine Frage, die sich auch Charlotte Salomon in ihrem Buch stellt. (siehe auch meinen Beitrag: Marget Greiner, Charlotte Salomon). Eine andere Frage ist ebenso wichtig: Hat sie als Tochter, als Autorin  das Recht, die Geheimnisse ihrer Familie aufzudecken, zu schreiben, dass der allgegenwärtige Vater (ihr Großvater) ihre Mutter sexuell missbraucht hat? Hat sie das Recht, den Mythos der heilen Familie zu zerstören?Das Werk ist kein Roman, sondern eine Aufarbeitung, eine literarische Familienaufstellung, bei der  Verwundungen, Freuden,  Leiden,  Probleme, aber auch so manch schöne Erinnerungen an ihre kluge, überaus schöne Mutter Lucile wie Luftblasen aus dem Teich aufsteigen und vor dem Verschwinden durch Sprache, Schreiben festgehalten werden. Letztendlich ist es eine Liebeserklärung an eine Frau, die ihre Krankheit mit allen Mitteln bekämpft, immer wieder ins Leben zurück findet. Dann aber, erschöpft von den Kämpfen, den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmt, als letzte große Freiheitsgeste.

Jean-Luc Seigle, Ich schreibe Ihnen im Dunkeln. C.H.Beck

Andrea Spingler verdanken wir die ausgezeichnete Übersetzung eines literarisch hochinteressanten und faszinierenden Werkes. Jean-Luc Seigles Sprache ist hart-realistisch und zugleich sehr poetisch. Ihre starke Sogwirkung zieht den Leser in das Geschehen hinein, auch in die grausamsten Stellen, wie etwa die Vergewaltigungsszene.

Einmal mehr geht es um eine wahre Geschichte! – Es scheint, dass in der Gegenwartsliteratur die Neigung sowohl bei Autoren, Verlagen und wahrscheinlich auch bei Lesern für wahre Begebenheiten oder Biografien zunimmt und das Interesse an der rein fiktionalen Literatur abnimmt. (Siehe auch meine Besprecheung von de Vigan, Eine wahre Geschichte) Vielleicht liegt es an der allzu subjektiven sprachlichen Nabelschau, die besonders der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nachgesagt wird.

Pauline schreibt ihre Geschichte in ihrem Haus in Essaouira auf. Dorthin ist sie aus Frankreich geflohen, um ihrer Erinnerung zu entgehen und mit neuem Namen ein neues Leben zu beginnen. Ihre Kindheit in Frankreich während des 2. Weltkrieges war geprägt von Trauer: Zwei ihrer Brüder sind im Krieg gefallen, die Mutter verweigert sich monatelang dem Leben und ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Kochen. Da sendet der Vater die junge, hübsche Pauline als Krankenschwester zu einem deutschen Arzt, in der berechtigten Hoffnung, dass ihre Schönheit diesen betören und er sie mit ausreichend Lebensmittel versorgen wird. Dieser perfide Plan geht auf – Pauline wird nicht nur die Assistentin, sondern auch seine Geliebte. Und sie bringt Lebensmittel nach Hause. Was der Vater hoffte, passiert:: Die Mutter beginnt wieder zu kochen und sich dem Leben zuzuwenden. Doch bei Kriegsende wird Pauline vom Pöbel aus dem Haus gezerrt, als Deutschhure geschoren und grausam vergewaltigt. In letzter Minute kann der Vater aus sie aus diesem Albtraum heraus holen. Er bringt sie in ein Dorf, wo niemand sie kennt und sie sich in seelischer Dunkelheit verkriecht. Doch der Vater fordert ihre Intelligenz und ihren Lebensmut heraus – sie beginnt Medizin zu studieren, verliebt sich über alle Maßen in einen Studenten aus gutem Haus. Als er von ihrer Vergangenheit erfährt, wendet er sich ab und beschimpft und verspottet sie. Sie erschießt ihn im Affekt. Ihr Prozess wird eine Show – man stellt sie als Monster hin, verurteilt sie zu Tode, dann jedoch zu lebenslänglicher Gefängnisstrafe, aus der sie nach 9 Jahren frei kommt. Inzwischen ist ihre Geschichte auch verfilmt worden und sie entzieht sich dieser Qual, immer wieder ihrer Geschichte zu begegnen, und beginnt ein neues Leben in Essaouira( Marokko). Dort verliebt sie sich in einen Marokkaner, der sie heiraten möchte. Für ihn schreibt sie die Geschichte auf. Doch als er die „Wahrheit“ über sie erfährt, wendet er sich von ihr ab.

In einer Sprache, die den Skandal und die Effekthascherei scheut, zieht der Autor den Leser in die Tiefen einer gequälten Seele hinein. Man folgt ihr, widerstrebend bis in die tiefste Erniedrigung der Vergewaltigung. Ohne sich dabei des Voyeurismus zu bezichtigen. Man muss ihr folgen. Wie um mit ihr durch einen Reinigungsprozess zu gehen. Das Buch hat die Kraft einer Wiederbelebung: Pauline wird stellvertretend für viele Frauen, die solch ein Schicksal erlitten, durch ein literarisches Reinigungsritual von jeglicher Schuld der „Konspiration mit dem Feind“ frei gespochen. Die Schuld trifft die Menschen, die solche Racheakte vollzogen.

Salzburger Pfingstfestspiele: „La Sylphide“ -Ballett des Mariinsky-Theaters, Petersburg

FürBallettkenner oder auch nur Liebhaber war die Aufführung eine herbe Enttäuschung. Das Petersburger Ballett des Mariinsky-Theaters brachte „La Sylphide“ in der ursprünglichen Fassung aus 1836, nach der Original-Choreografie von August Bournonville. Die Musik des unbekannten Komponisten Herman Severin Lovenskiold (1815-1870) war noch das Beste dieses Abends. Valery Ovsyanikov dirigierte brillant das Mozarteumorchester Salzburg. Nun muss ja nicht jedes Ballett in die Gegenwart und mit einer neuen Choreografie versetzt und getanzt werden. La Sylphide gilt ja als so eine Art „Urballett“ – als die Geburtsstunde einer abendfüllenden Ballettaufführung. Daher hat sich der Besucher auf ein anderes Bewegungs- und Tanzrepertoire einzustellen. Aber es ist halt doch auf die Dauer langweilig und füllt einen Abend nicht aus, wenn die Tänzer Gefühle – und die gibt es in diesem romantischen Ballett zu Hauf – zumeist nur durch Gestik ausdrücken. Da werden die allzu pathetischen  Armbwegungen wichtiger als der Tanz an sich. Zwar sind Kostüme (Irina Press) alle zur Zeit und dem Ort der Handlung (Schottland) passend, die Bühne (Vyacheslav Okunev) spiegelt Romantik pur wider – aber all das genügt heute nicht mehr. Die Handlung ist ein Mix aus Schwanensee und Giselle: Am Abend vor seiner Hochzeit schwebt dem Bräutigam James die Fee Sylphide in den Raum, bezaubert ihn, er vergisst Braut und Hochzeit, folgt ihr in den Wald, erhält von einer hinterlistigen Hexe einen vergifteten Schal, den er Sylphide zum Geschenk macht. Sie stirbt unter Qualen. Trauer und Wehmut am Ende.  Schade – die Tänzer konnten in dieser Choreografie nur einen winzigen Bruchteil ihres Könnens zeigen und hatten sichtlich Mühe mit dem Pathos der Gestik. Olesya Novikova war eine zierliche Sylphide, Philipp Stepin ein etwas biederer James, Igor Kolb eine Hexe aus dem Märchenbuch.

 

 

Delphine de Vigan, Nach einer wahren Geschichte. Aus dem Französischem von Doris Heinemann. Dumont

Die Autorin stellt die Frage: Wieviel Autobiographisches, wieviel Reales soll, darf ein Roman enthalten. Es gab eine Ära in der Literaturwissenschaft, da galt es als verpönt, nach biographischen Fakten in dem jeweiligen Werk zu fragen. Nun scheint eine Kehrtwende um 180 Grad eingetreten zu sein. „Das Wahre, die Wahrheit“ – siehe Titel – spielt eine Hauptrolle -fragt sich nur : Wahrheit über wen und was, und : Gibt es diese Wahrheit? Mit diesen Fragen spielt Delphine de Vigan geschickt und intelligent, mit enormer Sprachbegabung. Der Forderung nach Wahrheit bis zur Bloßstellung kommt zum Beispiel der Autor Thomas Melle in seinem schonungslosen Bericht über seine Krankheit nach. Ob so ein Buch dann noch Roman genannt werden kann?

Delphine de Vigan packt diesen Fragenkomplex in einen Thriller. Die Ich-Erzählerin ist eine gefeierte Autorin, die von den Lesereisen, dem Erfolg ihres Buches ermüdet ist, sich zurückziehen möchte, um das vom Verlag so dringend geforderte neue Buch zu schreiben. Doch sie hat eine totale Schreibhemmung, kann weder einen Bleistift halten noch sich an den Computer setzen. Da tritt L. in ihr Leben – eine Frau ihres Alters. Sie hat keinen Namen, nur L. Mehr und mehr übernimmt L. die Führung im Leben der Erzählerin, tritt sogar als diese auf. Im Zusammenleben der beiden geht es nicht immer friedlich zu. L. verlangt von der Erzählerin, dass sie das „ultimative Buch“ schreiben soll, wobei in den Diskussionen nicht klar wird, was sie darunter versteht. Doch taucht immer wieder die Frage auf, wieviel persönliches Leben in ein Werk einfließen soll oder darf. Fiktion allein genüge nicht mehr, das hätten die Leser zur Genüge gehabt. Reales, Wahres ist gefordert. Die Diskussionen um die Relevanz eines Romanes bilden die Metaebene, die Handlung selbst ist spannungsgeladen. Der Leser fragt sich, wann und wie kann sich die Icherzählerin aus den Fängen von L. befreien?

 

 

 

 

 

Der Feuervogel. Ballettabend in der Volksoper

Tänzer der Wiener Staatsoper und Volksoper stellten ihr Regietalent unter Beweis. Für das Publikum war gleich der 1. Teil „Petruschka“ nach der Musik von Stravinsky (Fassung 1947) eine Herausforderung. Eno Peci, allen Ballettfreunden als hervorragender Tänzer bekannt, zeichnete für die Choreographie und Dramaturgie (gemeinsam mit Pavol Juras) verantwortlich. Und er hatte den Mut, ein ganz neues Konzept auf die Bühne zu bringen. Man kann ruhig von einem Regietheaterballett sprechen. „Vor dem Hintergrund unserer gegenwärtigen WElt sehe ich eine Vielzahl von „Petruschkas“ – Menschen, die aus verschiedenen Gründen (sei es die Situation am Arbeitsplatz oder andere) unglücklich sind. “ (So Peci im Programmheft) Von dieser Prämisse ausgehend ist sein Petruschka ein Lehrer, der mit dem Beruf völlig überfordert ist, die Familie vernachlässigt und die Liebe zu seiner Frau verliert. Ein wenig ist man während der Szenen in der Schulklasse an Nestroys „Die schlimmen Buben in der Schule“ erinnert: Es wird gestritten, gerauft, mit Büchern und anderen Gegenständen umhergeworfen. Petruschka ist hilflos. Es nützt nichts, dass er auf die Tafel groß: Miteinander, Respekt und Liebe schreibt. Das Chaos ist unregulierbar. Gewalt bricht aus, als die junge Frau des Lehrers die Klasse betritt. Fast kommt es zur Vergewaltigung. Die Szene löst sich gespenstisch auf, als die Schuldirektorin die Klasse betritt. Tänzerisch großartig: Davide Dato als Lehrer, berührend Nina Tonoli als seine junge Frau und ganz hervorragend Rebecca Horner als Direktorin: halb Schlange, halb weiblicher Dämon – in einem fantastischem Kostüm (Pavol Juras). Nun könnte man einwenden, dass Peci hier alle nur möglichen Klischees bedient, die man so aus der Schuldiskussion kennt. Das ist wahr, aber zugleich bewahrheitet sich ein Satz: Alle Klischess sind in der Realität verankert.

Im Mittelteil des Abends „Movements to Stravinsky“ kann sich das Publikum an einem klassisch choreographierten Ballett erfreuen: András Lukács, Tänzer und Choreograph seit 1999, lieferte ein sehr innige, unaufgeregte Choreographie, in der 6 Paare ihr Können zeigen. Musik aus verschiedenen Werken Stravinskis.

Den Schluss bildete „Der Feuervogel“. Andrey Kaydanovskiy – seit 2015 Halbsolist der Staatsoper und erfahrener Choreograph – unterwarf das alte Märchen einer sehr eigenwilligen Neudeutung: Ivan (Masayu Kimoto) ist ein armer Student, der sich mit Hilfe des Alterego-Feuervogels (Davide Dato) in ein Einkaufszentrum einschleicht, den Besitzer (Mihail Sosnovschi) entmachtet, sich dessen Geliebte (Rebecca Horner) schnappt. Die Stärke dieser Choreographie liegt in den Massenszenen: Herrlich ironisch der Auftritt der Putzbrigade, der Verkäuferinnen und der Kunden. Alles in allem ein regielastiges Ballett mit vielen skurrilen und witzigen Einfällen.

Nicht unerwähnt darf das exzellente Dirigat von David Levi bleiben. Er brachte alle Nuancen der Musik Stravinskis zum Blühen.

www.volkoper.at

Mein Rat an alle zukünftigen Besucher: Unbedingt vorher das Programmheft lesen! Die drei Choreographen erläutern darin sehr klar ihre Ideen.

Weitere Termine: 11., 16., 21., 22., 23., 28. Mai, 2., 7. Juni 2017

 

„Salon Zuckerkandl. 1938 geschlossen“ im KIP-Kultur im Prückel

Dieses Theater unter dem Café Prückel muss man einfach mögen: Versteckt unter dem immer voll besetzten Café steigt man über Stufen hinunter in eine Welt von gestern, Jugendstilambiente in hellem Grün. Das Theater selbst hat noch das typische Flair eines ehemaligen Kellertheaters – allerdings auf edel: rote Sitze, roter Samtvorhang, die Guckkastenbühne rot ausgeschlagen. Und so passen die Stücke, die hier gespielt werden, zu dieser Vergangenheit. Es ist die österreichische Vergangenheit – Beginn um die Jahrhundertwende bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges, die im „Salon Zuckerkandl“ gezeigt wird. Verblüffend, wie oft man als Zuseher denkt: Gut, dass dieses mahnende Stück jetzt gespielt wird, es ist genau der richtige Zeitpunkt: rundum in Europa und auf der WElt  wird der Ruf nach dem „starken Mann“ laut. Wohin so ein Wunsch führt, zeigt dieses Stück ganz deutlich.

Berta Zuckerkandl führte ihren Salon in Wien in der Oppolzergasse mit viel Gespür für kulturelle und politische Entwicklungen. Sie floh vor den Nazis 1938 zuerst nach Frankreich und später nach Algerien. Wenige Monate nach Kriegsende stirbt sie in Paris.

Helmut Korherrs Theaterstück ist ein lebendiger Geschichtsunterricht: Im Hintergrund werden Projektionen der jeweiligen Handlungsorte eingeblendet – von der Pariser WEltausstellung 1937 beginnend bis zum Purkersdorfer Sanatorium, wohin sich Berta ZUckerkandl vor den Nazis zurückzog. Dazwischen sieht man die Karikatur des Autors Karl Kraus, der seine kritisch-bissigen Kommentare( gesprochen von Itze Grünzweig) über „die Zuckerkandl“ abgibt. Der Regisseur Kurt Ockermüller kommt mit 4 Schauspielern aus: Ulli Fessl sehr glaubwürdig und besonders im 2. Teil berührend als Berta Zuckerkandl, Roman Kollmer, Kurt Hexmann, Reinhard Steiner in ganz unterschiedlichen Rollen. Jeder wechselt blitzschnell von einer Rolle in die andere, wodurch die Spannung erhalten bleibt. Alle wechseln ohne Pobleme in die verschiedenen Sprachfärbungen und schlüpfen gekonnt in die verschiedenen Charaktere, wie Freud, Hofmannsthal, Schnitzler etc. Schmunzelnd registriert man als Zuseher die typischen Wiedererkennungeffekte. So ist etwa Gustav Mahler gut an seiner exaltierten Gestik zu erkennen, Freud an seinem durch den Zungenkrebs gehinderten Sprechen.

Ein Theaterabend, der zum richtigen Zeitpunkt stattfindet. Interessant gestaltet und gut gespielt.

Weitere Termine: 26., 27., 28. April, 3., 4., 5. Mai 2017 Karten: 01/ 512 54 00 oder: office@kip.co.at

www.kipp.co.at

„Die Welt im Rücken“ nach dem Roman von Thomas Melle. Akademietheater.

Es musste so kommen: Joachim Meyerhoff las den Roman „Die Welt im Rücken“ und wusste sofort: Diese Geschichte will ich auf die Bühne bringen! Die Affinität zwischen Meyerhoff und dem Autor Thomas Melle  ist augenscheinlich, was nicht heißen soll, dass Meyerhoff unter derselben Krankheit (manisch-depressiv) leidet, aber dass er seit seiner Kindheit viel Verständnis für außergewöhnliche Ausformungen der menschlichen Seele hat.

Also: Joachim Meyerhoff setzte sich mit Jan Bosse, seinem bevorzugten Regisseur für alles „Ver-rückte“, zusammen und gemeinsam dramatisierten sie Teile des Romans. Heraus kam ein intensiver und beängstigend nahe gehender Abend. Es begann harmlos mit Tischtennis. Pingpongbälle fliegen über die Bühne, man lacht, dann verlässt der Partner die Bühne, Meyerhoff spielt noch eine Weile vor sich hin, dann beginnt er zu erzählen. Im Imperfekt, als wäre schon alles überstanden. Zunächst von seiner Bibliothek, die er in einem Anfall von „alles muss raus“ verkaufte. Das Publikum beginnt zu ahnen, dass mit dem Menschen da oben nicht alles in Ordnung ist. Die ersten Ausbrüche – Meyerhoff wechselt ins Präsens, sein Spiel wird intensiv, aus dem distanzierten Erzähler wird er zum leidenden Autor Thomas Melle. Bis er sich in seine Körperteile auflöst, sich als Fotokopie an die Wand heftet und zu Christus wird. Melle hat ja während seiner manischen Phase den Glauben, er müsse als Christus die Welt retten. Dann die Pause. „Ich muss da jetzt zusammenräumen“, sagt Meyerhoff wieder ganz „nüchtern“. „Zusammenräumen“ meint  die Seele wieder in die Realität zurückholen.

Nach der Pause „erzählt“ er von den Aufenthalten in der Klinik, der Verzweiflung und dann die Hoffnung, dass er/Melle wieder wird schreiben können. Eine riesige weiß-rosa Wolke aus Plastik wird hereingerollt. Meyerhoff zieht sich hinauf – hinein, kriecht darin herum. Als wäre es sein Gehirn, in dem er nach der Ursache seiner Krankheit sucht. Ende. Begeisterter Applaus und standing ovations für die Leistung eines Schauspielers, der körperlich und geistig sich an  dem Abend vollkommen verausgabt.

Im Programmheft stehen Beiträge verschiedener Schriftsteller zum Thema, Auszüge aus dem Roman von Thomas Melle. Oft gestellte  Fragen zu dieser Krankheit werden als Bildgeschichte dargestellt.

Die nächsten Termine: 22. April, 14., 17. Mai, 2. Juni.    www.burgtheater.at

Elena Ferrante, Die Geschichte eines neuen Namens. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp

Sie hat es wieder getan! Elena Ferrante hat uns mit dem 2. Band ihrer „Neapolitanischen Saga“, wie sie ihr Werk selbst nennt, wieder völlig in den Bann geschlagen. Lila hat geheiratet, von allen wegen ihres „Reichtums“ beneidet, zieht mit ihrem Ehemann Stefano in ihre blitzblanke neue Wohnung ein und schon beginnt der Kampf zwischen ihr und ihrem Mann. Sie ist – wie immer – die Überlegene. Lenu – die Icherzählerin beneidet ihre Freundin um diesen „Aufstieg“. Wie die Jugendjahre zwischen 17 und 24 sich entwickeln, ist spannend, lässt an eigene Kämpfe in der Jugendzeit erinnern.

Der Rione ist heruntergekommen, wie ganz Neapel. Das Zentrum nur äußerer Glanz, Korruption und Mafia, Streit, Rauferein, Intrigen beherrschen den Alltag. Lila ist über ihren neuen Namen – Carracci – unglücklich, fühlt sich beschmutzt. Er frisst ihr Inneres auf. Deshalb zerstört sie auch ihr Foto im Schuhgeschäft, übermalt es und zerlegt es bis zur Unkenntlichkeit. So fühlt sie sich.

In einem Sommer auf Ischia droht die Freundschaft zwischen Lila und Lenu zu zerbrechen: Lila schnappt sich den von Lenu angebeteten Freund, schläft mit ihm, bekommt ein Kind. Zieht von Stefano weg. Lenu beginnt ein Studium in Pisa, macht ihr Doktorrat, ihr erstes Buch wird veröffentlicht. Die Kluft zwischen ihr und Lila könnte nicht größer sein. Doch sie erkennen, dass trotz der Kluft zwischen ihnen die Freundschaft weiter bestehen wird.

Ferrantes Erzählkunst ist einmalig: Immer wieder überrascht sie mit treffenden, detailreichen Szenen, die Milieu und Menschen treffend charakterisieren. Beispielsweise entlarvt sie gekonnt das Partygeplapper der so genannten Gebildeten, die politische Parolen und literarische Neuigkeiten einander wie Pingpongbälle zuwerfen, um damit zu prahlen.

Faszinierend schildert sie den Kontrast der beiden Freundinnen: Lila ist ein gefährliches Tier, unberechenbar, kann jederzeit zubeißen, kümmert sich nicht um das Gerede rund um sie. Lenu – schüchtern, unsicher, orientiert sich immer wieder an der Kraft der von ihr so bewunderten Freundin, bemüht, es ihr gleichzutun, wenn nicht gar sie zu überflügeln.

Ganz leichtfüßig erfährt der Leser von den Problemen Italiens, von der politischen Lage der 60er Jahre. Da sind keine langen Belehrungsszenen, alles wird über Gespräche, Ereignisse transportiert. Aktion und Reflexion sind geschickt ineinander verwoben und ergeben den zupackenden Fluss, der uns in das Geschehen hineinzieht. Da heißt es im Buch über das Buch, das Lenu geschrieben hat: „Da ist Ehrlichkeit, Natürlichkeit und etwas Gehaltvolles im Stil, wie man es nur in wahren Büchern findet.“ (S594) – Damit hat Ferrante wohl ihren eigenen Stil und Erfolg erklärt. An diesem Erfolg ist die Übersetzerin Karin Krieger sicher nicht ganz unbeteiligt. Ihr gelingt es, den Schwung, die Atmosphäre  und die Klangfarbe des Dialektes gut ins Deutsche hinüber zu transportieren.

 

 

Orestie von Aischylos. Burgtheater

Gleich vorweg: Eine faszinierender Abend mit großartigen sprachlichen Leistungen. So exakt und deutlich verstehbar hat man noch selten einen antiken Sprechchor erlebt (Leitung: Bernd Freytag)! Da könnten so manche Schauspieler im deutschsprachigen Raum lernen, wie  geschultes Sprechen geht.

Zum Stück: Vor allem ist der Erfolg des Abends der genialen Übersetzung von Peter Stein geschuldet. Ihm gelang es, das Archaische, Wuchtige der Sprache Aischylos‘  so zu übersetzen, dass auch dem nicht mit der verworrenen Familientragödie der Atriden Vertrauten das Geschehen klar wurde. Der Regisseur Antú Romero Nunes – hier in Wien kein Unbekannter – pendelte in der Inszenierung geschickt zwischen Antike und Gegenwart, indem er die Figuren wie aus einem Comicheft oder von einer Graffitiwand herausgeschnitten aussehen ließ. Durch diese „Verfremdung“ entstand eine intensive Spannung zwischen antikem Drama und heute. Sieben Frauen – das zu betonen ist wichtig, denn im antiken griechischen Theater spielten ja nur Männer – waren sowohl Chor, Volk und die einzelnen Figuren. Mit wenigen Handgriffen am Kostüm (entworfen von Victoria Behr), das aus Tüchern und Bandagen in Hautfarbe bestand, verwandelte sich Maria Happel in Agamemnon, Caroline Peters in Klytaimestra. Peters machte aus dieser Rolle ein wahres Kammerstück: Einmal kokett sich in den Hüften wiegend, dann wieder tief betroffen vom (vermeintlichen) Tod ihrer Tochter Iphigenie und dann als rasende Mordende. Dabei fällt auf, dass Nunes die Morde auf der Bühne geschehen lässt, während in der Antike alle Grausamkeiten durch einen Boten oder den Chor berichtet wurden. Man versteht, dass er mit dieser fundamentalen Änderung  das grausame Blutvergießen, das wir in Syrien und weltweit erleben, drastisch nahe bringen wollte. Interessant war auch die Doppelrolle von Barbara Petritsch: Gerade noch Amme, die das Morden in dieser schrecklichen Todesfamilie beklagt, dann gleich der freche und siegessichere Aigisth. Sarah Viktoria Frick als Elektra war etwas nervig – teils der Rolle geschuldet, teils ihre Art zu spielen. Deshalb geht auch die berühmte Erkennungszene zwischen ihr und Orest ziemlich daneben.  Andrea Wenzl als Kassandra war sehr berührend. Aenne Schwarz spielte Orest als unsicheren Sohn und Bruder, der von Elektra aufgehetzt, seine Mutter liebt und sie dennoch umbringen  -muss -. Hier treibt der Nunes die Grausamkeit des menschlichen Wesens auf die Spitze. Der Auftritt von Irina Sulaver als Athene war beeindruckend und führte direkt in die Gegenwart: Sie übergibt die richterliche Macht aus ihren Händen an die menschlichen Richter, die sie zu Einsicht und Menschlichkeit mahnt. Eine Mahnung, die heute genau so wichtig ist wie damals, als die Oligarchen in Athen die Macht an das Volk abgeben mussten. Jüngste Ereignisse lassen jedoch Zweifel aufkommen, ob das Volk immer und überall diese Einsicht hat.

Lang anhaltender Applaus.

Das Programmheft bietet eine intensive Auseinandersetzung mit dem antiken Drama. Eine nützliche, zusätzliche Information!

Weitere Termine: 10., 17. 26. Mai, 5. Juni. www.burgtheater.at

La Wally. Volksoper Wien

Ein großartiger, atemberaubender Abend! Alfredo Catalanis Oper, bisher nicht allzu oft gespielt, wurde in der Volksoper vom Bühnenorchester der Wiener Staatsoper unter dem fast rauschhaften Dirigat von Marc Piollet und der subtilen Regie von Aron Stiehl erfolgreich auf die Bühne gebracht. Beeindruckend wurde Stiehl von dem Bühnenbildner Frank Philipp Schlössmann unterstützt, der mit seinen riesigen Schwarzweiß-Blöcken das bedrohliche Gebirge als auch die einengenden Mauern eines Gebirgsdorfes – in dem Fall Sölden – kitschfrei in Szene setzte. „Kitschfrei“ ist das richtige, zusammenfassende Wort für die gesamte Inszenierung, die nie auch nur in die Nähe eines Heimatdramas gerät. Von der Wally, wie wir sie aus verschiedenen Filmen kennen, ist diese Wally -hervorragend gespielt und gesungen von Kari Postma – meilenweit entfernt. Bis auf Vincent Schirrmacher, der mit der Rolle des Machojägers Hagenbach nicht so wirklich stimmlich und darstellerisch zu Rande kommt, sind alle anderen Rollen hervorragend besetzt: Eindrucksvoll, jung und berührend zart Beate Ritter in der Hosenrolle als Walter. Ihr Lied gleich zu Beginn nimmt den Tod Wallys schon vorweg. Kurt Rydl als Gutsherr und Vater Wallys ist ein brummiger, strenger Vater. Die schwierige Rolle des Gutsverwalters Stromminger, der Wally verzweifelt und hoffnungslos liebt, löst Morten Frank Larsen grandios. Interessant die aufgewertete Rolle des Infantristen, gesungen und gespielt von Daniel Ohlenschläger: Er begleitet als spiritus operae, als Tod, als Schicksal, als böser Geist, ähnlich einem Mesphisto, die Figuren und lenkt das Schicksal Wallys bis in den Tod. Regisseur Stiehl vermeidet den im Original verlangten Lawinentod, sondern lässt Wally in einer berührend gesungenen Liebesvision gemeinsam  mit Hagenbach in einen sanften Tod gehen. In einem ausführlichen Interview im Programmheft  erklärt Aron Stiehl die Notwendigkeit dieser Änderung.

Silvia Matras meint: Diese Aufführung gehört zu den besten der Volksoper in dieser Saison. Man sollte sie nicht versäumen!

Die nächsten Aufführungen: 20., 23. April, 4., 15., 17. Mai 2017 www.volksoper.at

 

Michela Murgia, Chirú.Übersetzung aus dem Italienischen: Julia Brandestini. Wagenbach Verlag

Der Roman lässt mich etwas ratlos zurück: Ich weiß nicht, ob ich dieser ziemlich abgehobenen und selbstverliebten Hauptfigur auch nur ein Fünkchen Sympathie entgegen bringen kann, soll oder müsste. Eleanora ist achtunddreißig Jahre alt,  Sardin und eine erfolgreiche Theaterschauspielerin. Gerne nimmt sie junge Burschen so zwischen 16 und 18 als „Schüler“ an – und da beginnt mein Dilemma: Was lehrt sie diese Burschen? Sich richtig benehmen und kkleiden, im Kreis illustrer VIPs die richtigen Leute zur richtigen Zeit ansprechen? – Agentin ist sie keinesfalls, auch nicht wirklich „Lehrerin“. Der Verdacht kommt auf, dass sie diese Jungs  als Adoranten holt, um  sich in deren Bewunderung zu bestätigen. Einen „Schüler“ hat sie unwissentlich in den Selbstmord getrieben, weil sie nicht erkennen wollte und auch nicht erkennen konnte, dass er in sie schwer verliebt war.

Nach diesem „Unfall“ vergehen Jahre, bis sie – nun achtundreißig – den achtzehnjährigen Geiger Chirú kennenlernt und sich ihm als „maestra“ anbietet. Doch dieser Junge übt eine starke Anziehungskraft aus, mit der sie  zuerst nicht gerechnet hat, dann aber kokett spielt. Erotische Spiele sind erlaubt, Küsse, Streichelgaben, aber nicht mehr. Gerade so viel, dass sie sich ihrer Wirkung sicher sein kann. Denn sie hat sich inzwischen in einen berühmten Dirigenten verliebt, den sie am Ende auch heiratet. Eine Wiederbegegnung mit Chirú nach einigen Jahren gibt ihr immerhin einen Stich ins Herz, aber ganz ohne Schuldgefühl.

Tja, wo liegt nun genau mein Problem? – Dass die Autorin die Figur ganz sicher als eine kluge, gebildete Frau schildern möchte, die sich Gedanken über menschliche Beziehungen macht. Keinesfalls – so denke ich wenigstens – soll Eleonora als eine Frau erscheinen, die junge Burschen braucht, um sich in der deren Jugend zu sonnen. Das war ganz sicher nicht die Intention von Michela Murgia. Denn sie überträgt auf Eleonora wohl ihre eigenen Gedanken, philosophischen Überlegungen zur Welt und zu dem, was richtig und falsch ist. Nur leider – der Faden der Erzählung läuft gegenteilig. Ich staunte immer mehr über die Selbstgefälligkeit der Hauptfigur, ihre arrogante Art, mit diesen „Schülern“ umzugehen. Also ich hätte nie sie als „maestra“ akzeptiert. Wie sagen die Wiener zu einer Person wie Eleonora eine ist? – Zicke oder Tussi.

Jochen Schmidt, Zuckersand. C.H. Beck Verlag

Schmidt ist ein Autor mit Humor und genauer Beobachtungsgabe. Er sieht die Welt aus den Augen eines zweijährigen Kindes, das im Begriffe ist, die Umgebung zu erobern. Karl, so heißt das neugierige, willenstarke Kerlchen, hat seinen eigenen Kopf, seine eigenen Vorstellungen. Egal, ob im Supermarkt, wo er großen Gefallen an der Maschine für Flaschenretouren findet und sie mit allerlei Waren füttert oder sonst irgendwo „Unordnung“ in die allzu geordnete Welt der Erwachsenen bringt, der Vater hat dafür Verständnis. All die kleinen Aktionen seines umtriebigen Karl erinnern den Vater an seine eigene Kindheit. Mit viel Humor gelingt  es Jochen Schmidt, das Bild einer  allzu organisierten Gesellschaft, zu hinterfragen.  Von der Mutter Karla, die dieser perfekten Welt anhängt,  kommen aus ihrem Büro per SMS Anweisungen, wie Karl zu erziehen sei.  Sie ist das Urbild der überbehütenden Mutter, die ihr Kind zwar nicht selbst erzieht, da sie den ganzen Tag arbeitet, aber genaue Vorstellungen von Erziehung hat. Karl und der Vater unterlaufen diese ständig, obwohl sich der Vater redlich bemüht, ein „ordentlicher“ Vater zu sein.

Bei all den Aktionen, die der Vater und Karl unternehmen, schmunzelt der Leser, erinnert sich vielleicht an die eigene Kindheit. Der Autor fordert jedoch auch die Geduld des Lesers heraus, wenn er seine skurrilen Einfälle all zu sehr in die Länge zeiht.. Zum Beispiel: Karla und er wollen endlich eine größere Wohnung. Doch die Vorstellungen der beiden über die Einrichtung triften weit auseinander: Er möchte „ein Loch in der Wand, durch das manchmal ein Elefant seinen Rüssel steckt.“ Die Idee ist amüsant, verliert jedoch an Spaßkraft, wenn noch ein langer Katalog von ähnlichen Wünschen angefügt wird. Man hat als Leser oft das Gefühl, der Autor kann mit seiner überbordenden Witz-Phantasie nicht ökonomisch umgehen und will unbedingt den Zettelkatalog aller schrägen Einfälle abarbeiten. Weniger wäre manchmal mehr.

Das zauberhafte Umschlagbild von Line Hoven, das eine Erwachsenenfigur mit einem Kind an der Hand zeigt, die mitten im Dschungel einen Fluss über eine fragile Hängebrücke überqueren, ist eine gelungene Umsetzung und Zusammenfassung des Romans. Ebenso die Vignetten vor den einzelnen Kapiteln.

 

 

Margret Greiner; Charlotte Salomon. Es ist mein ganzes Leben. Knaus Verlag

Charlotte Salomon – eine faszinierende Persönlichkeit, von der Autorin Margret Greiner faszinierend in eine Romanbiografie gefasst. Wieder einmal hat die Autorin bewiesen, dass sie durch intensive Recherchen, hohe Einfühlsamkeit und starke Sprachbilder einen Charakter dem Leser in die Seele schreiben kann. Charlotte Salomons Schicksal wurde während der Salzburger Festspiele  2014 in dem gleichnamigen „Sing-Spiel“ von Marc-André Dalbavie auf der Bühne der Felsenreitschule inszeniert. Im nachfolgenden Jahr zeigte das Rupertinum in Salzburg einen Großteil ihrer Bilder.

Charlotte Salomon wurde 1917 in Berlin in eine großbürgerliche, jüdische Familie hineingeboren. Früh schon wurde ihr Mal- und Zeichentalent erkannt. Wegen anhaltender Diskriminierung und Gefährdung des Lebens schickten ihre Eltern sie 1939 zu den Großeltern nach Villefranche in  Südfrankreich. Hier beginnt sie die Stationen ihres Lebens in vielen hundert Gouachen und Texten aufzuarbeiten. Malen wird zur Lebensbewältigung und hilft ihr, die Angst einzudämmen. 1943 heiratet sie Alexander Nagler. Beide werden noch im selben Jahr verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo sie – im fünften Monat schwanger – ermordet wird. Ihr Ehemann stirbt 1944 im Lager.

Im Leben dieser Künstlerin war der Selbstmord ein alles beherrschendes Thema. Ihre Mutter, Großmutter und eine Tante hatten sich das Leben genommen. Sie dagegen ist entschlossen, diesem Fluch nicht zu erliegen. Auch in der größten seelischen Not in Villefranche, nach dem Selbstmord der Großmutter und dem natürlichen Tod des Großvaters gibt sie sich nicht auf. Sie schließt sich über Monate in eine Kammer ein, geht kaum aus und malt, malt, malt. Malen ist das Heilverfahren, mit dem sie sich vor Ängsten schützt und in dem sie alle Verluste in ihrem kurzen Leben aufarbeitet.

Margret Greiner findet großartige Sprachbilder für den Malprozess selbst und die Interpretation der Bilder.(Dem Verlag sei gedankt, dass ein reiches Bildmaterial abgedruckt werden konnte!)  Sie taucht in die Seele der Künstlerin ein. Ihre Sprachkraft ist der Begabung und dem Charakter Charlottes gewachsen. Deshalb darf sich die Autorin auch die intimsten Gedanken Charlottes aneignen. „Bilder fielen in sie ein..“(S 261) heißt es da, und der Leser erlebt durch die immense Sogwirkung der Sprache haut- und seelennah die Qualen und  Gedanken der Künstlerin mit. Für Charlotte Salomon hieß malen existieren und das Leben verstehen. „Alle Wege lernte ich gehen und wurde ich selbst“ schreibt sie und titelt ihr Werk: „Es ist mein ganzes Leben“.

Silvia Matras empfiehlt dieses Buch allen, nicht nur den Kunstinteressierten. Es kann auch als „Zeitzeugenbuch“ gelesen werden, als lebendiges Zeugnis über die Gräuel der Nazizeit. Wobei Margret Greiner es vermeidet, dem Horror dieser Zeit Sprache zu verleihen . Indem sie diesen ausspart oder nur in nüchternen Fakten bestehen lässt, ist er um so stärker präsent.

Weitere Bücher von

Margret Greiner: Emilie Flöge. Modeschöpferin und Gefährtin Gustav Klimts, K&S Verlag

Margret Greiner: Charlotte Berend-Corinth und Lovis Corinth. Herder Verlag

 

Elena Ferrante, Meine geniale Freundin. Suhrkamp

„Alle Welt liest Elena Ferrante“ soll die FAZ geschrieben haben. So steht es jedenfalls auf der Rückseite des Covers. Das mag eine Übertreibung sein, aber wahr ist: Viele reden über das Buch, über die Autorin, von der man nicht weiß, wer dahinter steckt – angeblich soll ein Journalist das Geheimnis schon verraten haben. Aber das alles gehört in den Bereich „marketinggag“ und Verkaufsstrategie.

Tatsache ist: Das Buch ist wirklich ausgezeichnet! Und man beendet es nur ungern – aber es gibt ja schon den 2. Teil. Vordergründig geht es um die Geschichte einer Kinder- und Jugendfreundschaft in den 50er Jahren in Neapel. Lila und Lenu sind unzertrennliche Freundinnen. Lila bestimmt, was gespielt wird, Lenu folgt ihr wie ein Hündchen. Ihre Wege trennen sich für kurze Zeit, als Lenu das Gymnasium besuchen darf. Aber sie bleiben dennoch immer im Kontakt, denn zu sehr hängt Lenu von „ihrer genialen Freundin“ ab. Mit der Pubertät tritt Lenu in eifersüchtige Distanz zu Lila, die sich mit einem wohlhabenden jungen Mann verlobt. Der Roman endet mit der Hochzeit Lilas. Dieser Plot klingt banal. Aber der Autorin gelingt es, so ziemlich alle Probleme der Stadt und der Nachkriegszeit ohne moralischen Zeigefinger hineinzupacken: Die Armut der Familien, die Chancenlosigkeit der ungebildeten Eltern und Kinder. Lenu ist eine der wenigen Ausnahmen, die statt irgendeine Lehre zu absolvieren oder gleich zu heiraten, das Gymnasium wählt. Die sprachliche Barriere zwischen der bürgerlichen Schicht, die Italienisch spricht und sich dementsprechend ausdrücken kann, und den Bewohnern des Rione, wo nur Dialekt gesprochen wird, wird immer wieder angeführt, ebenso all die Grenzen und Barrieren, die die Kindern dieses Viertels wahrscheinlich nie in ihrem Leben werden überwinden können. Ein Neapel der Chancenlosigkeit, aber nicht der Lieblosigkeit schildert Ferrante. Denn trotz der Armut haben die Kinder eine fast sorglose Kindheit: sie spüren die Armut nicht, weil alle gleich arm sind. Erst die Ausflüge in die andere Welt der weniger Armen, der Begüterten und der Reichen machen ihnen den Abstand zur Welt des Erfolges bewusst. Dass es unter den Bewohnern des Rione auch weniger Arme gibt, die mit Mafia-Methoden die anderen in der Hand haben, ist auch ein Thema.

Man erfährt viel mehr über Neapel und über die Probleme der Nachkriegszeit als in Curzio Malapartes Roman „Die Haut“, wo die Grausamkeiten um ihrer selbst willen beschrieben werden. Bei Ferrante existiert das Grausame, das Teuflische (sie setzt ja den Auftrag Gottes an Mephisto aus Goethes Faust als Motto voran), aber schreibt es dem menschlichen Charakter als immanent zu, geboren aus den Missständen.

„Onegin“ Ballett von John Cranko. Staatsoper. 4.März 2017

Es war, wie zu erwarten, ein bezaubernd-berauschender Abend. Dieses Handlungsballett nach dem Roman von Alexander Puschkin in der Choreographie von John Cranko hat ja seine Tücken. Besonders für die Figur des Onegin. Schon Shishov hatte damit seine Schwierigkeiten. Denn wie tanzt man einen gelangweilten Schnösel? Cranko operiert da mit allzu übertriebener Gestik. An diesem Abend war Eno Peci in dieser Rolle zu sehen. Auch  er hatte im 1. Akt  mit diesem Problem zu kämpfen. Herrlich gelangen ihm jedoch mit Maria Yakloveva als Tatjana die Traumszene und der Abschied. Hier stimmte die Choreographie und kommt ganz ohne weitausladende pantomimische Gestik aus. Fröhlich jung genießen Natascha Mair und Denys Cherevychko als Olga und Lenski ihre unbeschwerte Liebe. Mair, 2016 zur Solotänzerin avanciert, wird von Mal zu Mals besser. Vorbei sind die Zeiten, in denen sie zwar perfekt die Chreographie abtanzte, aber die Verbindung mit dem inneren Charakter der Figuren vermissen ließ.

Guillermo Garcia Calvo ließ die Musik Tschaikowskis so ordentlich über die Bühne brausen, aber in der Traumszene führte er das Orchester mit großer Sensibiltiät. In der Abschiedsszene differenzierte er perfekt und ließ Anziehung und abrupte Ablehnung deutlich aufklingen.

Lang anhaltender Applaus!

www.wiener-staatsoper.at

Bruno Pallandini: Dieses altmodische Gefühl. Residenz Verlag

Ein erfrischend unzeitgemäßes Thema: Die altmodische Liebe eines 50 Jährigen zu einer 70jährigen Schauspielerin in Pension. Der Erzähler ist Architekt, mangels Aufträge hat er auf Baumeister umgesattelt. Die Firma läuft bestens, Geld spielt keine Rolle. Er gibt sich den komischen Namen „Ildefons“ – wer denkt da nicht an das Konfekt Ildefonso? – seine Angebetete nennt sich Pernilla.Schon die Wahl der Namen führt dem Leser vor Augen, wie realitätsfern Thema und Personen sind. Er lernt sie kennen, als seine Arbeiter gerade dabei sind, den Plafond ihrer Wohnung zu durchbohren. Pernilla nimmt Chaos und Schmutz mit erstaunlicher Gelassenheit. Ildefons entschuldigt sich für dieses Missgeschick – und da beginnt die Beziehung. Zuerst ist er nicht mehr als begleitender Kavalier. Bei den Einladungen immer an ihrer Seite. Aus der Freudschaft wird von seiner Seite mehr. Sie aber gestattet nur zarte Wangenküsschen, maximal Händchenhalten. Als Ildefons mit ihr schlafen will, zieht sie sich zurück, bleibt für ihn durch Wochen unauffindbar. Er betrinkt sich, baut einen schweren Autounfall und hinkt von dieser Zeit an. Gerührt von seiner Verzweiflung eilt Pernilla herbei, um ihn zu pflegen. Offener Schluss. Alles bleibt in Schwebe.

Pellandinis Figuren könnten aus einem Schnitzlerstück entnommen sein: Ildefons, der sorglose Lebensgenießer. ER hat wenig Bodenhaftung, vergisst über diese aussichtslose Liebe sein Geschäft, schlittert fast in den Konkurs. Pernilla die kaprizierte Schauspielerin, die sich die Freunde wie Lakaien hält. Wien als parfümierte Umgebung: Salons, in denen man zum Diskutieren, Trinken und Intrigieren zusammenkommt. Ja, und natürlich die Liebe, was immer man darunter zu verstehen hat. Denn  genau weiß es Ildefons auch nicht. Obwohl er oft über „dieses altmodische Gefühl“ spricht. Pellandini zieht das heikle Thema – ältere Frau mit viel jüngerem Liebhaber – elegant und mit der angenehmen Würze der Ironie durch, ohne je moralisierend zu werden. Wie die Beziehung in der so genannten guten Gesellschaft Wiens aufgenommen wird, zeigt Pellandini mit lächelnder Distanz.

Shakespeare, Die Komödien der Irrungen. Burgtheater

Eigentlich müsste es heißen: „Nach Shakespeare“, denn Shakespeare sah man keinen, nur Klamauk à la Herbert Fritsch, der für Regie und Bühne zuständig ist. Hat man als Zuschauer erst einmal begriffen, dass man nichts begreifen muss und auch nicht kann, weil auf der Bühne geschrien oder maximal unverständlich gebrabbelt wird, dann kann man sich entspannt zurücklehnen und das Feuerwerk an Nonsens über sich ergehen lassen. Oder einfach nur die farbenprächtigen Bilder genießen, die Bettina Helmi mit den Kostümen und Herbert Fritsch mit dem Bühnenbild zauberten. Farbe ist angesagt, viel Rot, Orange, ein bisserl Blau und Weiß. Der Schnitt der Kostüme ungewöhnlich und witzig, wie gerade aus der Mottenkiste der Commedia dell´ arte entnommen. Die Schauspieler – alle körperlich super drauf – bewegen sich wie Puppen oder wie Figuren aus der Commedia dell`arte. Manchmal hatte ich auch den Eindruck, in einer Aufführung  aus dem Dadaimus zu sitzen. Als Straßenbahnlektüre für nachher empfiehlt sich das Programm zu studieren. Die Dramaturgin Evy Schubert hat sich zeichnerisch ausgetobt. Und über die Farbe Rot gibt es vier Seiten. Die Szenenfotos sind auch recht witzig.

Zur Publikumsreaktion: Einige verließen das Theater noch während der Vorstellung (es war ja keine Pause). Was ich ganz unfair fand, dass sich einige Schauspieler und Leute aus dem Publikum über die Abgänger amüsierten. Sicherlich wären mehr noch gegangen, fanden das aber peinlich und wollten nicht demselben spöttischen Gelächter ausgesetzt werden. Eine aus dem Publikum, die bis zum Schluss blieb: „So einen Schmarrn – sie sagte es deftiger – habe ich überhaupt noch nicht gesehen“.  Andere lachten bei jedem zweiten Satz – besonders zwei Burschen, ich hatte den Verdacht, dass sie als Lach-Claqueure engagiert waren. Zum Schluss gab es ausreichend Applaus.

Mein Rat an alle, die hingehen wollen: Zuerst die Komödie lesen oder zumindest eine genaue Inhaltsangabe. Denn sonst kennt man sich nicht aus.

Ballettabend/Wiener Staatsoper: „Le pavillon d’Armide“ und „Sacre“/ Premiere

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Foto: Wiener Staatsopernballett, Ashley Taylor

Mit diesem hervorragenden Ballettabend feierte John Neumeier seine  vierzigjährige Zusammenarbeit mit der Wiener Staatsoper. Und es wurde ein gelungenes Fest! Wie immer, wenn John Neumaier für Choreographie, Bühnenbild, Kostüme und Lichtregie verantwortlich ist, entsteht ein Meisterwerk.Unter seiner Führung zeigte das  Staatsopernballett seine Fähigkeit zu extremen Leistungen, nicht nur tänzerisch, sondern auch darstellerisch. Denn Neumeier ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, wofür er Tänzer braucht, die mehr als nur Sprünge beherrschen.

Im „Pavillon d´Armide“ schlüpfte Mihail Sosnovschi in die Rolle des Tänzers Vaslaw Nijinsky – falsch – er war Nijinsky. Mit unwahrscheinlicher Intensität tanzte er den gebrochenen Tänzer, der nach seiner großen Karriere die letzten 30 Jahre seines Lebens im Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen in der Schweiz verbrachte. In wahnhaften Visionen sieht er sich im Ballett „Le Pavillon d`Armide“ mit Anna Pawlowa (Nina Polatkowa) tanzen. Großartig gelingt es Neumeier, die beiden Zeitebenen ineinander zu verweben. Sosnovschi tanzt den kranken Nijinsky mit irrem, starrem Blick. Dazwischen leuchtet der begnadete Tänzer von einst auf. Das war ganz große Tanzkunst! Sosnovschi lässt die Frage nach Technik und Können hinter sich – weil das ja bei einem wirklichen Künstler, der in der Rolle, egal ob Sänger, Tänzer oder Schausspieler, drin ist, überhaupt nicht relevant ist. Unterstützt wurde er von Michael Boder, der die Musik von Nikolai Tscherepnin genüsslich fließen ließ.

Mit einer langen Stille begann der Ausschnitt aus „Sacre du printemps“. Neumeier ließ Paare wie Scherenschnitte langsam über die Bühne schreiten. Im Vordergrund liegt bereits das Opfer, die Leiche. Neumeier geht es nicht um die Geschichte des Rituals rund um ein Frühlingsopfer, sondern um die Vision des totalen Zusammenbruchs. Die Welt steht vor dem Untergang. Menschen werden von einer unbekannten Macht verschlungen, suchen Zuflucht miteinander und ineinander – großartig getanzte Kopulationsszenen, in denen die ganze Verzweiflung und die Suche nach Rettung im anderen herauszuspüren sind. Bilder, wie aus Kriegsfilmen, Menschenskulpturen, die an Rodins „Bürger von Calais“ erinnern. Am Schluss tanzt Rebecca Horner einen Untergangstanz, in dem Selbstzerstörung, Aggression und tiefe Verzweiflung förmlich stumm herausgeschrien werden. Ihr wurde übrigens nach der Aufführung der Titel „Solotänzerin“ verliehen.

Michael Boder dirigiert Strawinsky hart, fast ohne Erbarmen. Das Orchester der Wiener Staatsoper kann beides: Die sanfte Romantik von Tscherepnin und die Härte Strawinskys.

 

Ein Abend, der Geschichte schreiben wird.

 

Daniela Strigl: Berühmt sein ist nichts. Marie von Ebner-Eschenbach. Eine Biographie. Residenz Verlag

Nun habe ich mich durch Wochen in das Leben von Marie Ebner-Eschenbach hineingelesen.  Je näher das Buch und ihr Leben sich dem Ende zuneigte, desto weniger Seiten las ich pro Tag. Denn ich wollte mich nicht verabschieden – wollte nicht, dass ihr Leben endet, wollte nicht, dass das Buch endet. Ich zögerte den Tod hinaus, wollte die Dichterin nicht loslassen.

Daniela Strigl ist eine bekannte Literaturwissenschaftlerin. Mit dieser Biographie hat sie sich in die Herzen aller hineingeschrieben, die  Marie Ebner-Eschenbach schon immer als Autorin schätzten. Sie beschreibt das Leben einer Frau, die von Kindheit an wusste, sie will Dichterin werden. Ebner-Eschenbach hatte als Frau sich ihren Platz in der Literatur mühsam erkämpfen müssen. Die Familie, ihr Ehemann – sie alle hielten nichts von ihrer „Schreiberei“. Sie sollte sich – wie alle adelige Frauen – um Haushalt und Familie, um Arme und Kranke kümmern und nur eines nicht tun: Dichten. Aber Marie Ebner-Eschenbach ließ nicht nach, schrieb gegen alle Widerstände an, versandte immer wieder ihre Novellen und Dramen – jahrelang mit wenig Erfolg. Zwar wurde hin und wieder eines ihrer Dramen am Burgtheater gespielt, aber der große Durchbruch blieb lange aus. Erst als sie sich entschloss, vom Drama zu lassen, und sich dem Roman zuwandte, stellten sich die Erfolge ein. Mit „Bozena“, „Lotti die Uhrmacherin“ und vielen anderen Romanen  erschrieb sie sich einen Ehrenplatz in der damaligen Literaturszene. Je älter sie wurde, desto mehr Ehrungen erhielt sie, unter anderem auch das Ehrendoktorrat der Akademie der Wissenschaften.

Marie Ebner-Eschenbach war eine Kämpferin für Frauenrechte, gegen den Krieg und gegen jede Gewalt. In ihren Werken kritisert sie den Standesdünkel und die Kälte des Adels im Umgang mit ihren Dienstboten, kritisiert die unterwürfige Rolle der Frau in der Ehe. Sie hilft Armen, wo sie kann. Mit Geldspenden, Briefen und persönlichen Gesprächen. Oft bleibt ihr nur wenig Zeit für ihre eigentliche Arbeit, das Schreiben.

Daniela Strigl gelingt es, die wissenschaftlichen Aspekte gut in eine lebhafte Schilderung zu integrieren. Präzision und Ausführlichkeit gepaart mit einer farbigen Charakterisierung der Personen machen die Biographie zu einem leicht lesbaren und wertvollen Zeitdokument des 19. Jahrhudnerts. Man erlebt nicht nur die Entwicklung der Dichterin, sondern auch die politischen Probleme. Marie Ebner-Eschenbach weiß um den fragilen Bestand der Monarchie und fürchtet, dass nach dem Krieg nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Sie stirbt wenige Monate vor ihrem so verehrten Kaiser Franz Joseph.

Silvia Matras empfiehlt diese Biographie allen, die sich für österreichische Literatur interessiern.

Marie Luise Lehner: Fliegenpilze aus Kork. Kremayr&Scheriau

Ein Lesevergnügen der besonderen Art! Die 22 Jahre junge Autorin erzählt – nein, besser: sie protokolliert – in Stakkatosätzen über ihren recht ungewöhnlichen Vater. Sie erzählt in der Ichform, aus der Perspektive eines Kindes, das seinen Vater (fast) bedingungslos liebt. Die Eltern sind getrennt. Das Protokoll beginnt mit der Stunde Null, der Geburt, und setzt sich über die Jahre bis ins 20. Lebensjahr fort. Die Kapitel heißen: Eins werden, Zwei werden…und so fort. Schon diese Übertiteln lassen einen ungewöhnlichen Erzählstil vermuten, dessen Reiz in dem naiven, unbedingten Glauben an alles, was der Vater tut und sagt, liegt. Der Vater hat – wienerisch gesagt – eine ordentliche Makke. Aber dem Kind gefällt es, findet alles normal, ja genießt dieses Außenseitertum des Vaters, ohne es als solches zu erkennen. Er bringt dem Kind auch allerlei Schmähs bei, zum Beispiel, woran es Kontrollore in der Straßenbahn erkennen kann – denn Schwarzfahren ist Ehrensache. Er bringt ihm bei, wie sie Brötchen im Buffet der Oper klauen können. Aber auch Eislaufen oder Bilder malen. Mit dem Älterwerden entsteht eine gewisse Distanz, der Vater wird immer wirrer, seine Emails immer unverständlicher. Da beginnt sich der Charme des Stils und der Figuren ein wenig abzunützen, als wären dem Vater und der Autorin die Ideen ausgegangen. Insgesamt aber ein viel versprechender Debütroman.

Der schwarze Bär für die drei schlechtesten Filme des Monats

Den 1. Preis erhält: Die Hölle. Ein Machwerk der grauenhaftesten Art – Hautabziehen, verbrennen der Opfer  und andere Schmankerln. Warum Ruzowitzky so ein Kampfszenario der Sonderklasse machte, ist völlig unverständlich.

Den 2. Preis in der Kategorie der schlechtesten Filme des Monats Februar räumt der Film „Die Blumen von gestern“ ab. Regie Chris Kraus. Ein Holocaust-Kongress soll stattfinden. Aber darum geht es nur am Rande. Die meiste Zeit nerven ein hysterischer  Organistor und seine übergeschnappte Assistentin die Zuschauer.

Den 3. Preis vergebe ich an das hochgelobte Filmwerk „Toni Erdmann“. Genügt es denn, Simonischek mit schwarzer Perücke und einsetzbarem Vordergebiss auftreten zu lassen? – Nein, er nervt.

 

 

„Die Verdammten“ nach Luchino Visconti. Theater in der Josefstadt

Mit dem Regisseur Elmar Goerden hat die Josefstadt einen der interessantesten Theatermacher im deutschsprachigen Raum ins Haus geholt. Seine Inszenierungen von Ibsens „Borkman“ (2012) und „Kafka-Projekt“(2015) wurden mit Preisen für die beste Regie ausgezeichnet. Mit den „Verdammten“ liefern Goerden und das ganze Ensemble einen der intensivsten Theaterabende der laufenden Saison.

Es geht um die Kruppfamilie. Man kennt die Geschichte, hat vielleicht den Film von Ponti „Die Eingeschlossenen von Altona“ nach Jean-Paul Sartre oder die „Götterdämmerung“ („La caduta degli dei“ 1970) von Visconti in Erinnerung. Viscontis Film war für Elmar Goerden gleichsam „das Schlüsselloch“ (Interview im Standard vom 4.11.2016), das ihm einen Blick auf die Familiengeschichte werfen ließ. Unübersehbar in der Inszenierung auch die Anspielungen auf Figuren aus den „Buddenbrooks“ und auf Mitglieder der Thomas- Mannfamilie – besonders die Figuren der beiden Jungerben Martin und Günther, gespielt von den Alexander Absenger und Meo Wulf. Es geht um mächtige Familien, egal ob sie Krupp, Thyssen, Buddenbrook oder Mann oder wie hier im Drama Essenbeck heißen. Um Machtstrukturen innerhalb des Clans, um Verflechtung von Industrie und Politik – aktueller denn je -, um Widerstand gegen das Patriarchat, letztendlich auch um die „Moral und Verantwortung“, Worte, die von jedem im Munde geführt werden, aber immer nur als Deckmantel für irgendwelche Abgefeimtheiten dienen. Jedoch ist das Stück keine plumpe Abmahnung der Reichen – das wäre dem Regisseur sicherlich zu vordergründig gewesen. Denn wir als Zuseher haben durchaus auch Sympathie für die intrigante Sophie von Essenbeck – großartig gespielt von Andrea Jonasson – , lächeln über ihre zynisch-erotischen Verführungskünste, verachten mit ihr den unterwürfigen Hampelmann und Geliebten Friedrich Bruckmann – André Pohl brilliert in dieser schwierigen Rolle. Fast alle Mitglieder der Familie haben ihre Doppelseite des Charakters, nur der Hauptsurmführer Wolf von Aschenbach ist von Beginn an eingleisig und ohne Wenn und Aber für das Naziregime. Amüsant ist auch, wie Goerden die Machtgier mit ganz einfachen Tricks auf die Bühne bringt: Da geht es um Sessel, die zu besetzen und besitzen wichtig sind, die dem einen unter dem Hinterteil weggeschoben, dem anderen unterschoben werden, um Tische, die Herrschaft und Autorität symbolisieren. Goerden lässt ganze Tisch- und Sesseltänze aufführen und liefert so die einzelnen Familienmitglieder der Lächerlichkeit aus. Grausam aktuell der Schluss: alle bis auf Baron Martin und Wolf von Aschenbach sind tot. Beide stehen in Naziuniformen da, triumphieren und Wolf von Aschenbach hält eine flammende Schlussrede: „Ihr werdet euch noch wundern, was alles möglich ist.“ Lang anhaltender Applaus für das ganze Ensemble.

Sehr zu empfehlen ist das Programmheft, das gute Hintergrundinformationen liefert.

Die nächsten Termine: 10., 11., 12., 18., 19. März 2017. Karten und Infos: www.josefstadt.org

 

 

Verdi, Il Trovatore. Staatsoper – 5.2.2017/ Première

Hinreißende Musik, Ohrwürmer, die man mitsingen möchte. Leider keine Sehwürmer – Sabine Gruber wird mir den Wortdiebstahl verzeihen, den ich aus ihrem Roman „Daldossi“ geliehen habe, Ich gebe ihn bald wieder zurück.

Die wirre Handlung ist ganz unwichtig. Wer jetzt wessen Sohn ist und wen die Zigeunerin Azucena ins Feuer geworfen hat, auch. Im Trovatore geht es um Stimmen, um Folklore, um heftige Musik, die manchmal so heftig laut  wird, dass Herz und Körper sich dagegen auflehenen. Aber durchstehen ist alles. Denn Anna Netrebko ist die Leonora. Und sie zieht die stimmlich guten, aber darstellerisch glanzlosen Kollegen und Kolleginnen wie eine nimmermüde Lokomotive durch das Geschehen. Ihr ist es zu verdanken, dass die Buhrufe für das Team um Daniele Abbado (Regie) nicht noch stärker ausfielen. Denn man fragt sich, wann und wie hat er Regie geführt. Per Skype aus Mailand? Vielleicht kam die Anweisung: Es genügt, schön zu singen, sonst braucht ihr gar nichts zu tun. Nun, das Singen allein ist wahrlich anstrengend, und man merkt es allen an – auch Netrebko. Aber heutzutage gehört zu einem Opernerfolg auch eine gelungene Inszenierung dazu. Und das ist diese wahrlich nicht. Ein langweiliges Bühnenbild (Graziano Gregori), schlechte Lichtführung (Alessando Carletti)  und absolut hässliche Kostüme (Carla Teti). Wenn wiederum die faschistischen Militärs in typischen Uniformen und Stiefeln, Gewehre und Kanonen und eine Marienstatue schleppend über die Bühne ziehen, dann fragt man sich: Wie oft habe ich diese Szenerie schon gesehen?

Fazit: Gute Stimmen, keine Personenführung, einfallsloses Bühnenbild.

Sabine Gruber, Daldossi oder Das Leben des Augenblicks. C.H. Beck

Ein Roadmovie der besonderen Art: Bruno Daldossi ist Kriegsfotograf, von sich und seinem Beruf angeekelt, Trinker und überhaupt kaputt. Marlis, sein Beziehungsanker durch Jahre, hat ihn verlassen. Sie kann und will nicht mehr mit seinen schrecklichen Geschichten leben, nicht in all ihrem Tun und Handeln relativiert und in Beziehung zum Leben in den Kriegsgebieten gesetzt werden. Sie zieht zu einem italienischen Gymnasiallehrer nach Venedig. Und Bruno fährt ihr nach, versucht verzweifelt, sie zurückzugewinnen. Doch sie ist von dem betrunkenen und lallenden Kerl nur angewidert. Aus dieser plötzlichen Lebens- Leere heraus beschließt Bruno, Johanna nach Lampedusa nachzufahren.   Johanna ist Journalistin und erhält den Auftrag, in Lampedusa über die Lage der Flüchtlinge zu recherchieren. Doch als Bruno sie findet, ist sie bereits krank, hat hohes Fieber. Er kümmert sich um sie, versucht auch so etwas wie eine sexuelle Beziehung aufzubauen, was aber nicht gelingt. Schließlich organisiert er für sie den Rückflug nach Österreich. Er selbst kauft ein Boot und macht sich auf die Suche nach einem Jungen irgendwo in Afrika. Der Roman endet mit einem Foto, das Brunos Mutter mit diesem Jungen auf einer Parkbank in Meran zeigt.

Ein hartes Lesebrot, dieser Roman. Die Autorin zeigt zwei Realitäten auf: Die von Marlis, die Zoologin ist und sich um Bären kümmert, die von Bruno, der dem ultimativen Foto nachjagt, im Dreck und Elend lebt, um Dreck, Elend und Schrecken im Bild festzuhalten. Nicht aus moralischen Gründen. Er will nichts verbessern, nicht anklagen, er will nur seine Bilder gedruckt und prämiert sehen. Dass ihn dieses Leben kaputt macht, machen muss, ist klar. Aber so lange er Marlis als Anker in der normalen, bürgerlichen Welt hat, zu der er immer wieder zurückkehren kann, hält er den Druck aus und jagt weiter von einem Kriegsschauplatz zum anderen.  Dann aber, nach der Trennung, verliert er den Boden unter den Füßen. Besäuft sich, kotzt sich an – wird widerlich, unerträglich- unerträglich schildert Sabine Gruber diesen Mann und  seine Fotos, die sie als Bildtext in das Geschehen hineinsetzt.

Brauchen wir so einen Roman? Im Feuilleton wurde er hoch gelobt. Leserinnen – ja, vor allem Frauen  – reagieren unterschiedlich. – Reaktionen aus dem Lesekreis: „Auf S 50 aufgegeben, auf S 126 aufgegeben. Nur mehr quergelesen. Doch auch einige positive Stimmen: Gruber führt uns vor, wie voyeuristisch unsere Gesellschaft ist. Sie braucht solche Bilder, um sich nach dem Betrachten/Lesen dann um so wohliger wegzudrehen und sich dem bürgerlich gesicherten Alltag genüsslich zuzuwenden. Das hat übrigens schon Goethe im Faust I gewusst. Das wissen wir alle. Das ist nicht neu. Warum dann der Roman? Vielleicht um ihren 1999 im Kosovo gefallenen Freund, der Kriegsfotograf war, ein Denkmal zu setzen? Oder vielleicht, um allen zu sagen: Seht her, wie kaputt dieser Beruf macht – auch das wissen wir.Am überzeugendsten wirkt der Roman gegen Schluss, wenn Sabine Gruber die Zustände auf der Insel Lampedusa beschreibt – die Überforderung der Bewohner, die sich gegen das Elend durch Gleichgültigkeit abschotten oder daran verdienen.

Sabine Grubers Sprache ist hart, dicht. Sie findet neue Wendungen, wie“ Sehwürmer“ oder „Traumvernichter“ für Fotos, die man nicht aus dem Hiirn raus bekommt. Ohne Beschönigung analysiert sie den Charakter Bruno Daldossis. Wahrhaft ein gnadenloser Roman.

Joseph Lorenz liest „Der unbekannte S“ (Schnitzler) Theater Akzent. Wiederholung

Wiederholungen von Abenden, die mich einmal begeisterten, sind eine gefährliche Sache. Oft stellt sich eine gewisse Enttäuschung ein. Nicht so, wenn Joseph Lorenz liest – fast muss man sagen – spielt. Alles wirkt wie das erste Mal gehört, seine Gesten, seine Mimik und vor allem der Stil seines Vortrages reißen mit. Wie eine Zuhörerin nachher sagte: Man ist so intensiv im Geschehen, dass man nicht eine Sekunde abdriftet, an andere Dinge denkt. Es begann mit der starken ERzählung „Der Mörder“ – das Psychogramm eines jungen, verwöhnten Schnösels, der sich mit einer reichen Fabrikantentochter verlobt, obwohl er eine Geliebte hat. Die aber ist aus armen Verhältnissen. Er nützt aus, dass sie schwer herzkrank ist und bringt sie kaltblütig mit einer Überdosis Morphium um. Doch auch er wird nicht davonkommen – er verliert die Verlobte und sein Leben. Wie Lorenz diese fiese Figur charakterisiert, ist einfach großartig. Ebenso intensiv die Erzählung „Der Andere“: Ein Witwer trauert um seine innig geliebte Ehefrau, steigert sich in immense Wut und Eifersucht auf eine nicht nachweisbare Liason seiner toten Frau und verliert seine Ruhe. In „Die Braut“ öffnen Schnitzler und Lorenz das innerste Triebleben einer jungen Frau. Wahrscheinlich sind einige der Zuhörer und -innen heute noch genau so geschockt über die Offenherzigkeit des Geständisses der jungen Frau,  wie sie es zu Schnitzlers Zeiten waren. Damit der Abend heiter ausklingt, las er „Park“ – ein heiter, hintergründiges Seelnpanorama eines braven Bürgers, der plötzlich den Boden unter seinen Füßen verliert.

Weitere Termine: am 23.3. wiederholt Joseph Lorenz wieder im Akzent „O du mein Österreich“ Karten und Infos: www.akzent.at

Und natürlich bei den Festspielen Reichenau: Er führt Regie und spielt selbst die Hauptrolle in Ibsens „Baumeister Solness“. Weiters wird man ihn als Amokläufer in Stefan Zweigs Novelle „Amok“ erleben. Karten und Infos: www.festspiele-reichenau.com

Frankl&Niavarani: Reset. Theater Akzent

Wenn es draußen so richtig grau ist und die Seele vor sich hin muffelt, dann hilft Lachen. Und das kann man ausgiebig in dieser Komödie. Roman Frankl und Michael Niavarani schrieben ein Stück, in dem die Pointen nur so durch die Bühne fliegen und im Publikum Dauerlachsalven provozieren. Des öfteren passiert es auch, dass die Schauspieler vor Lachen fast aus der Rolle fallen. Wie in einer Oper hat jede Figur ihre Paradeszene: Bernhard Murg als Herbert Gruber, der vorgibt sein Gedächtnis verloren zu haben, liefert eine Paradenummer nach der anderen. Wenn er mit einer Kabelhaube, die seine Hirnströme kontrollieren soll, herumrennt und  Ehefrau, Geliebte, Freund und Halbbruder mit seinem immer gleichen Spruch: Ich weiß nicht, ich erinnere mich nicht, zur Verzweiflung treibt. Wenn Stefano Bernardin als schwuler Halbbruder abwechselnd in die Rolle des heterosexuellen Bruders schlüpft, wenn Hemma Clementi als verzweifelte Ehefrau die komischesten Yogastellungen einnimmt, um sich zu beruhigen, Julian Loidl als Martin Feldmann auf Drogentripp ist, dann bleibt kein Auge trocken. Die Schraube der Komik wird noch um eine Umdrehung bis ins Absurde gedreht. Wenn man schon glaubt, absurder, unsinniger geht es nicht mehr, dann setzen die Autoren und die Schauspieler noch eines drauf. Während übliche Boulevardkomödien szenisch und textlich im so genannten Rahmen des Komischen bleiben, setzt „Reset“ auf die Übertreibung ins Maßlose. Mich erinnerte der Abend an Dario Fos Komödie „Bezahlt wird nicht“: Kluger Klamauk bis hin zur totalen Sinnlosigkeit.

Das kommende Programm des Theaters Akzent: www.akzent.at

„Reset“ – alle Termine unter: www.resetdiekomoedie.at

Bellini, La Sonnambula. Wiener Staatsoper

Stimmt gar nicht, dass Freitag der Dreizehnte ein Unglückstag ist. Für die Staatsoper jedenfalls nicht. Denn Juan Diego Florez hatte Geburtstag und sang den Elvio – ja wie? er singt ja immer toll – also sagen wir exzellent, schmetterte das hohe C so leicht heraus, als wäre er im Badezimmer. Dazu die Musik Bellinis – gut dirigiert von Guillermo Calvo – und das einnehmende Bühnenbild von Marco Arturo Marelli (Regie,, Bühne und Licht) – also was will man mehr!!! Die liebende Schlafwandlerin war Daniela Fally. Sie ist stimmlich bis auf ein paar scharfe Töne ganz gut, aber in den Schlafwandlerszenen zu real. Ihr fehlt in der Stimme, im Spiel das Magische, Verträumte, wie es die Callas oder die Netrebko in der Arie Ah non credea mirarti hatten.. Fally war einfach ein braves Mädchen, sehr verliebt, träumt von der Hochzeit mit Elvio. Florez als Elvio war stimmlich wie schon gesagt auf der vollen Höhe – ist er eigentlich immer. Aber den schwierigen Charakter dieses Elvio – krankhaft eifersüchtig, Macho, Muttersöhnchen – all das lag ihm nicht besonders. Vielleicht auch deswegen, weil er mit dummen Menschen nichts am Hut haben will. Gut auch Luca Pisaroni als Conte Rodolfo und Maria Nazarova als Lisa.

25 Minuten Applaus, standing ovations und: Wir alle im Publikum sangen aus voller Kehle: Happy Birthday, dear Diego!

 

Der Sturm -Akademietheater, zweiter Besuch

Es passiert nicht oft, dass ich ein Theaterstück mehr als einmal sehen will – der „Sturm“ war es wert! Beim zweiten Besuch konnte ich die Feinheiten des Textgewebes intensiver nachspüren. Was ich diesmal besonders genossen habe, war die Rolle von Oest, der zwischen Prospero und Erzähler, bzw. Shakespeare hin- und herwechselt, und das passiert ohne große Tricks. Man versteht einfach und ist gebannt! Dass  Maria Happel und Joachim Meyerhoff brillant in ihren Doppel- bzw. Dreifachrollen sind, ist selbstverständlich!

Wer den „Sturm“ noch nicht gesehen hat, sollte ihn nicht versäumen! Nächste Vorstellung: 2. Februar 2017. www.burgtheater.at

Arthur Miller: Hexenjagd. Burgtheater

Dass Arthur Miller ein exzellenter Dramatiker ist, wissen wir. Dass er ein Gespür für die Gefahren in der Gesellschaft hat, wissen wir auch. Sein Drama „Hexenjagd“ schrieb er Anfang der  1950er Jahre vor dem Hintergrund der Kommunistenverfolgung durch den Ausschuss des Senators McCarthy in den USA.  1956 wurde er selbst vor den Ausschuss zitiert. Weil er sich weigerte, Namen ihm bekannter Kommunisten zu nennen, wurde er zu einer Gefängnis- und Geldstrafe verurteilt. Der Pass wurde ihm entzogen. 1958 wurde dieses Urteil aufgehoben. Die schreckliche Mahnung dieses Stückes verstärkt sich noch, wenn man erfährt, dass Arthur Millers Drama auf einem historisches Geschehen basiert. Nämlich auf der Hexenjagd in Massachusetts im Jahre 1692, in einer Zeit “ als die Menschen eine Theokratie entwickelten, eine Verbindung von staatlicher und religiöser Macht“ (Arthur Miller, Anmerkungen zur Hexenjagd, zitiert aus dem Programmheft). Im Christentum erlebten die Menschen Verfolgung durch die Allmacht der Inquisition, und heute erleben die Menschen die Grausamkeit des IS. Und die Gefahr der Verleumdung lauert immer und überall, verstärkt durch die Anonymität der sozialen Medien. WEil die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird, wächsen Neid und Hass. – Der Boden, auf dem die Figuren Millers agieren.

Dieses Drama gerade jetzt auf die Bühne zu bringen ist klug und mutig. Martin Kusej die Regie zu übertragen, ist vielleicht eher auf die Spekulation zurückzuführen, dass sein Name einen Skandal verspricht. Was er prompt auch zu liefern im Sinne hatte. Doch der Skandal blieb aus. Vielleicht deshalb, weil das Publikum Masturbation, Vergewaltigung und Aufhängen auf der Bühne schon als „normal“ empfindet? Als zu oft schon gesehen? Manche im Publikum reagierten mit Gelächter.

Martin Zehetgruber stellt einen Wald von bedrohlich hohen Kreuzen auf die Bühne. Bis auf die letzte Szene im Gefängnis bleiben sie stehen, als Mahnmale, als Bedrohung. Zu Beginn schwirren Mädchen durch den Wald, ziehen sich aus und masturbieren. Gestöhne auf der Bühne, Gelächter im Publikum. Dann beginnt der Wahn: zuerst ist von Exorzismus die Rede, dann von Hexenzauber. Die Menschen bezichtigen ihre eigenen Verwandten, Kinder die Eltern, Nachbarn die Nachbarn. So lange, bis der Stellvertreter des Gouverneurs (großartig gespielt von Michael Maertens) gerufen wird, „um diesen Sumpf trocken zu legen“. Was er kalten Herzens ausführt und reihenweise Todesurteile verhängt. Das Massenschicksal wird an dem Ehepaar Procter vereinzelt und drastisch spürbar. Elisabeth (berührend schlicht: Dörte Lyssewski) wird ebenfalls der Hexerei beschuldigt, ihr Todesurteil aber bis zur Geburt ihres Kindes aufgeschoben. Sie könnte sich „retten“, wenn sie gesteht. Ihr Ehemann John – schlicht und stark: Steven Scharf – versucht seine Frau zu retten, wird aber ebenso zum Tode verurteilt. Durch Hängen – vor den Augen eines schon ermüdeten Publikums.

Ein starkes Stück.Leider verordnet Kusej den Schauspielern eine schleppende Sprechweise mit vielen Pausen zwischen jedem Satz. Das Publikum hustet, gähnt, schlummert oder lacht. Vielleicht lacht es sich auch über den Schrecken hinweg.

Im Programmheft findet man gute Texte zu dem Thema!

www.burgtheater.at

Denton Welch, Freuden der Jugend. Wagenbach Verlag

Den fünfzehnjährigen Orvil muss man einfach mögen. Mit welcher Intensität er die Ferien erlebt! Das Internat hasst er ganz gewaltig. Deshalb kann er es kaum erwarten, von seinem Vater in einem großen, eleganten Auto abgeholt zu werden. Er wird mit ihm und seinen beiden älteren Brüder die Ferien in einem Nobelhotel nahe der Themse in Surrey verbringen. Zu seinem Vater hat er keine besondere Verbindung. Er sieht ihn nur alle drei Jahre. Dass er von ihm Microbe oder Made genannt wird, stört ihn nicht weiter. Orvil durchstreift tagsüber die Umgebung des Hotels, meidet den Kontakt zu seinem ältesten Bruder, vor dem er sich fürchtet. Es sind die kleinen Erlebnisse, das Durchstöbern der Welt um ihn herum, die das Buch so liebenswert machen. Denn Orvil ist trotz seiner fünfzehn Jahre noch immer ein Kind, das sich freut, wenn er sich vom Taschengeld ein kleines Parfumfläschen kauft, wenn er in der Kirche herumstöbert und heimlich still und leise die Madonnenstatue küsst. Als er in ein Gewitter kommt und in einer Hütte bei einem  Mann Unterschlupf findet, zählt das für Orvil zu den unvergesslichen Abenteuern in seinem bisherigen Leben. So reiht sich Abenteuer an Abenteuer, in denen Orvil die Welt entdeckt, die ihm im Internat ja verboten ist. Als er am Ende der Ferien ins Internat zurückkehren muss, ist er um viele Erfahrungen reicher. Die Rückkehr in die verhasste Schule erträgt er mit einem stoischen Lächeln.

Eine fein gesponnene Erzählung über eine Jungend in England noch vor dem WEltkrieg.

Ludwig II. nach dem Film von Luchino Visconti. Akademietheater

Was für ein Abend! Man geht berauscht, verwirrt und seltsam gefesselt von so einer überwältigenden Bilderflut aus dem Theater. Und versucht sich an verschiedenen Interpretationen. Mein Rat: Gehen Sie nicht allein zu diesem Theaterabend, denn dann haben Sie nachher niemanden, mit dem sie darüber diskutieren können. Und Diskussion, Überlegung braucht es danach unbedingt. Am besten wäre, man geht mit jemandem, der den Film von Visconti noch  im Detail präsent hat. Denn das braucht es, sonst ist man bei manchen Szenen verloren.

Zuerst einmal zu dem faszinierenden Bühnenbild (Peter Baur), das zwischen „Kitsch und Kühle“ (Zitat aus dem Dialog zwischen Ludwig und Elisabeth) oszilliert, mit Zitaten aus dem Film selbst,  Anspielungen aus dem Manierismus und den Präraffaeliten und der Postmoderne spielt und arbeitet: Die drei Hauptfiguren – Markus Meyer als Ludwig II, Regina Fritsch als Kaiserin Elisabeth und Johann Adam Oest als Wagner – sind alle in ätherisch-unwirkliches Weiß gekleidet, Ludwig und Elisabeth ziehen  als Zeichen ihrer imperialen Würde eine lange Schleppe hinterher. In einem riesigen Spiegel über ihnen spiegeln sich die Figuren zu einem TAbleau aus den eben genannten Perioden der Kunstgeschichte. Das wäre die erste und klarste Spielebene. Gemeisnam mit Peter Baur  und Jonas Link (Video) geht der Regisseur Bastian Kraft noch eine Stufe weiter in eine Art Metaebene, in der auf dem Videoschirm die realen Personen des Bühnengeschehens mit Ludwig verschmelzen. Diese multiperspektivische Regietechnik hat Bastian Kraft schon bei seiner „Dorian Grey“- Fassung – ebenfalls mit Markus Meyer mit ERfolg angewendet. Ludwig sieht sich gleichsam selbst in diesen Figuren zu, sieht seine eigenen Fantasien auf der Videowall. Und sieht, wie sich sein Bild in das Bild im Film verwandelt. Diesem Verwirrspiel ist der Zuschauer ausgesetzt und verfolgt mit Spannung, was mit Ludwig in den verschiedenen Spielebenen passiert und was gleichzeitig mit ihm selbst als Zuschauer passiert. Er spürt sich einer medialen Reizüberflutung ausgesetzt, die vom Regisseur so beabsichtigt ist. Verwirrung allseits – in Luswig, in den Figuren, bei den Zusehern. Das Bild entfaltet seine Macht. Und wir entkommen ihm nicht. Einige Ideen in der Inszenierung erweisen sich als Mätzchen, etwa die tintenschwarzen Flecken auf den Kleidern Ludwigs und Elisabeths. Oder die Blendung der Zuseher durch Spiegel. Dahinter sehe ich keinen Sinn.

Wer sich dem Geschehen voll aussetzen will und kann, der wird einen faszinierenden Theaterabend erleben! Fast vergaß ich die überragende Leistung von Markus Meyer hervorzuheben. Er ist Ludwig auf der Bühne, ist Ludwig im Film, ist Sophie, Bülow, Frau von Bülow, Wagner und all die anderen Figuren im Film Viscontis. Wenn am Schluss diese Figuren ihre Schminke abziehen, kommt darunter das nackte Gesicht Meyers hervor. Und nackt ist er auch als Ludwig. Als er als Herrscher und Mesnch am Ende ist, sich seiner Kleider entledigt und hofft, noch Halt auf seiner eigenen Statue zu finden. Wie ein armer Ertrinkender klammert er sich an sie, sieht ein, es gibt für ihn kein Leben mehr und verschwindet im dunklen Loch des Sees. Auf dem Flatscreen spiegeln sich der nackte Ludwig und die ersten zehn Reihen der Zuseher. Wir  -die Zuseher – sehen gelassen dem Medienereignis zu: Ein König scheitert und ertränkt sich.

 

 

 

 

Kottan ermittelt – Bühne im Hof. St. Pölten

Ich folge ja Nikolaus Habjan mit Begeisterung überall hin – diesmal nach St. Pölten in die sympathische „Bühne im Hof“. Dort ist freie Platzwahl und man hat sich etwas Witziges einfallen lassen: Im Programmheft gibt es eine Reservierungskarte zum Abtrennen. Darauf ist mit schwarzer Tinte zu lesen: „Hier sitzt“ – im freien Raum darunter schreibt man seinen Namen hin, legt die Karte auf einen Platz seiner Wahl und – genießt in Ruhe den Wein und die Brötchen im Pausenraum.

So, nun aber zur Aufführung:

Ich wundere und bewundere immer wieder, mit welch enormer Fantasie und hohem,künstlerischem Anspruch Nikolaus Habjan an seine Arbeiten herangeht. Für diese Neuauflage von „Kottan ermittelt“ – angelehnt an „Mein Hobby: Mord“ – baute er acht Puppen, die er mit seiner congenialen Partnerin Manuela Linshalm abwechselnd bespielt. Da gibt es natürlich den verschlagen- dümmlichen Schrammel, den Poizepräsident Pilch, Mamma und Ilse Kottan. Neu sind: der Frauenmörder Edgar, die Bardame Ludmilla, der drogenabhängige und homosexuelle Kelvin und der namenlose Vizebürgermeister. Die Story ist zum Schreien komisch – den korrupten Vizebürgermeister und den Mörder entlarvt nicht Kottan, sondern seine Mamma mit Hilfe modernster Technik, wie GPS und Internet. Was ich an der Puppenspielkunst Habjans und Linshalms am meisten bewundere, sind die seiltänzerische Fähigkeit und Geschwindigkeit, von einer Rolle in die andere zu schlüpfen. Die Bewegungen der einzelnen Figuren sind bis in die kleinste Handbewegung durchstudiert – etwa die Drehungen und Wendungen des homosexuellen Kelvin. Die Stimmen sind genau auf den Charakter abgestimmt. Habjan und Linshalm beherrschen aus dem Stand verschiedene Dialekte, die sie im schnellen Szenenwechsel einsetzen können.

Was den Abend ganz besonders auszeichnet, ist der unbekümmerte Umgang mit himmelschreiendem Unsinn. Der wird bis zu höchsten Spitzen angetrieben, etwa in der Szene, in der Kottan entlassen wird und Schrammel einen Größenwahnsinnstanz ansetzt. Weil es Puppen und keine menschlichen Darsteller – bis auf Kottan selbst – sind, kippt das Stück nie ins Peinliche.  Um alle witzigen Details zu inhalieren, müsste man das Stück mehrmals sehen. Aber … ausverkauft heißt es leider im Rabenhoftheater. Und nach St. Pölten kommt Kottan in nächster Zeit leider nicht mehr.

Kottan ermittelt:

Idee: Jan und Tibor Zenker, angelehnt an die Idee von Helmut Zenker

Mitwirkende: Christian Dolezal als Kottan, Nikolaus Habjan und Manuela Linshalm als Puppenspieler. Musik: Kyrre Kvam.

Im Rabenhoftheater (www.rabenhoftheater.com) vielleicht noch Restplätze für 31.1. und 2. und 3. 2. 2017.

Programm der „Bühne im Hof“: www.buehneimhof.at

 

Cendrillon (Aschenputtel), Ballett in der Wiener Volksoper

Musik: Sergej Prokofjew. Choreographie: Thierry Malandin.

In einer Art riesigen Schuhschachtel – an den Wänden sind sicher mehr als zweihundert Schuhe aufgespießt – tanzt das Aschenputtel( Cendrillon) aus der Asche in den Himmel ihres Prinzen. So könnte man kurz diesen Ballettabend zusammenfassen. Aber das würde der intelligenten und witzigen Choreographie von Malandin nicht gerecht werden. Das Wichtigste an diesen Abend ist nicht das Aschenputtel – brav getanzt, aber ohne Ausstrahlung: Mila Schmidt –  auch nicht der Prinz -Andrés Garcia Torres. Der hat zwar schöne Sprünge und Pirouetten zu bieten, aber ihm fehlt das gewisse Etwas, das ihn begehrenswert macht. Der eigentliche Motor des Abends sind das Trio Infernal, die Stiefmutter und ihre beiden Töchter. Genial getanzt von drei Männern: Die Mutter – herrlich böse, oft auf Krücken drohend sich auf der Bühne umherschwingend: László Benedek. Urkomisch und immer daneben in den devoten Bemühungen um den Prinzen: Samuel Colombet als Javotte und Keisuke Nejime als Anastasie. Die drei mischen den Abend zu einer humorvollen Show auf. Immer, wenn sie antanzen, darf gelacht werden – wenn etwa die beiden Töchter bei einem Tanzlehrer – sehr gut in dieser Rolle: Gleb Shilov – für den Ball Tanzunterricht an der Stange nehmen.  Oder die Ballszenen, wo sie  um die Aufmerksamkeit des Prinzen buhlen. Was wäre das Gute (Prinz und Aschenputtel) ohne das Böse! Nicht nur auf der Bühne!Malandin inszeniert das Böse in den Mittelpunkt des Geschenes hinein, wissend, dass die Szenen mit den Elfen, der Fee, dem Aschenputtel und dem Prinzen allein nicht unbedingt faszinieren, obwohl die Musik unter dem Dirigenten Guillermo Garcia Calvo auch da bezaubert. Alles in allem eine gelungene Aufführung, gerade deswegen, weil dieses Märchenballett ohne Kitschszenen auskommt.

Die nächsten Termine: 16. 22. 26 und 29. Jänner 2017. www.volksoper.at

Shakespeare. Sturm. Akademietheater

GENIAL!

Mehr Worte zu dieser Aufführung braucht es nicht! Einfach genial!  Aber leider gibt es die Einwortkritik nicht. Was ein ordentlicher Berichterstatter oder Kritiker sein will, der muss fleißig palavern, gescheite Worte machen. Und eine ordentliche Kritikerin will ich ja sein. Also deshalb – Worte zu diesem Sturm, zur besten Aufführung dieser Saison :

Die Regisseuse Barbara Frey hatte die geniale (schon wieder!) Idee, das Drama zu entkernen, es auf drei Hauptfiguren zu konzentrieren, Prospero, Ariel und Caliban. Mit Maria Happel als Caliban und Miranda, Joachim Meyerhoff als Ariel, Ferdinand und besoffener Trinculo, Johann Adam Oest als Prospero und besoffener Stefano gelingt diese Verknappung ganz wunderbar. Mit einer intelligenten Bearbeitung und dem Trick, Prospero auch als Erzähler der Handlung, die man auf der Bühne nicht sieht, einzusetzen, wird diese Fassung in sich stimmig. Das funktioniert auch deshalb so gut, weil die drei einfach fantastische Schauspieler sind. Oest ist ein menschlich zu tiefst berührender Prospero, der Macht ausübt, sie zugleich aber hinterfragt. Meyerhoff gibt einen Ariel, der mit subtilen Bewegungen  an einen Vogel und an einen Hund  erinnert und so den Charakter eines Luftgeistes zeichnet, der Prospero hündisch ergeben ist, aber doch sich seiner Zauberkraft bewusst ist. Flugs verwandelt er sich in einen dümmlichen Prinzen, der sich in die zum Schreien komische Miranda – Happel mit Blumenkranz auf dem Glatzkopf – verliebt. Gerade noch war Happel der böse Caliban, ein widerlicher Fleischbrocken, und drei Sekunden später eine in ihrer Einfalt berührende Miranda! Ein Shakespeare, wie man ihn noch nie so gut gesehen hat!

Unbedingt hingehen und nicht vergessen, das Programmheft zu kaufen! Denn da liest man eine gescheite Diskussion zwischen Barbara Frey und dem Enssemble.

Nächste Aufführung: 4. Jänner 2017. www.burgtheater.at

Robert Seethaler, Die weiteren Aussichten. Kein&Aber Pocket

Also gleich noch einmal Seethaler! Auch diesmal nicht mit derselben Begeisterung wie bei den Romanen „Der Trafikant“ und „Ein ganzes Leben“. Obwohl Thematik und Struktur dieses Romans sich in vielen Punkten ähneln, gibt es einiges, das ganz einfach „nervt“.

Schauplatz: Irgendwo in irgendeiner Provinz – „Provinz“ im pejorativen Kontext zu verstehen. Dort gibt es nichts als eine Tankstelle und eine Landstraße, auf der kaum Autos vorbeifahren und daher auch kaum wer zum Tanken stehen bleibt. Herbert Szevko lebt dort mit seiner Mutter und dem Fisch Georg. Er ist  Epileptiker und wird von allen als nicht ganz gesund im Kopf belächelt oder auch gemobbt. Seine Mutter liebt ihn, zwar mit herber Strenge, aber dennoch…

In dieses öde Leben bricht Hilde ein.  Auf einem blauen Klapprad fährt sie vorbei. Hilde ist klein, rund, robust und in Herberts Augen das schönste Mädchen weit und breit. Herbert folgt ihr in das Hallenbad, wo sie als Putzfrau arbeitet, springt für sie sogar vom Fünfmeterbrett und verliebt sich in sie. Und sie in ihn. Ohne große Umstände zieht sie zu ihm. Das mit der körperlichen Liebe klappt noch nicht so recht., Die Mutter ist unzufrieden mit Hilde, schikaniert sie, wo sie nur kann, trotzdem bleibt Hilde. Als die Mutter wegen Krebs ins Krankenhaus eingeliefert wird, beginnt der Teil des Romans, der „nervt“. In einem schier endlosen, absurden, manchmal witzig – eher aberwitzigen Roadmovie entführen Herbert und Hilde die Sterbende aus dem Krankenhaus und rattern mit ihr, die sie auf der Krankenliege festgezurrt haben, durch die Gegend, durch Schlamm, durch Wälder und Wiesen, immer auf der Suche nach Freiheit, nach Freisein von vermeintlichen Verfolgern. Da hat der Autor sichtlich vergessen, die Reißleine zu ziehen. Er begibt sich in ein für ihn ungewöhnliches Fahrwasser – ins abstrus Unwahrscheinliche. Als die Todkranke diesen Horrortrip nicht übersteht und stirbt, graben die beiden unter größten Mühen sie in einem Feld ein. Immer ist der Fisch Geog mit dabei, wird in seinem Aquarium hin und hergeschüttelt. Das wäre recht witzig, wenn Seethaler den Fisch nicht so oft mitspielen ließe …das Motiv wird bis zur Ermüdung ausgequetscht.

Erheiternd ist der Showdown: Hilde und Herbert zünden die Tankstelle an und unter einem heftigen Gewitter mit Blitz und Donner birst diese in tausend Teile. Danach sollen, so berichtet ein Dorfbewohner, die beiden Hand in Hand glücklich die Dorfstraße hinunter gewandert sein, bis sie der Horizont verschluckte. Natürlich Fisch Georg mit dabei. Wie immer gelingt es Seethaler, für die beiden Außenseiter Hilde und Herbert Mit-Leiden und Sympathie beim Leser zu wecken. Und auch Verstehen, das allerdings dann aussetzt, als das Geschehen ins Irrwitzige abtriftet.

Hilary Hahn und das Orchestre Philharmonique de Radio France unter Mikko Franck im Wiener Konzerthaus

Natürlich waren alle, wirklich alle gekommen, um Hilary Hahn zu hören. Sie tourt gerade mit Max Bruchs Violinkonzert durch Europa. Eine Musik, von der sie selbst sagt,“ dass sie einem fast das Herz brechen kann und zugleich wie Rock’n Roll klingt, wenn es schneller wird.“ Und so klang es denn wirklich.

Aber zuerst war Maurice Ravels Ballettmusik „Ma mère l´’oye“ (Meine Mutter Gans) zu hören, fünf Kinderstücke, die Ravel für die Kinder des befreundeten Ehepaares Godebski komponierte. Unter dem superben Dirigat von Mikko Franck wurde es ein leichter, märchenhafter Anfang. Da trippelten lautmalend chinesische Hofdamen, flatterten Vögel durch die Konzertluft und flogen Feen an uns vorbei.

Dann trat Hilary Hahn auf. -Obwohl: Sie „tritt nicht auf“. So sagt man zu jemandem, der Starallüren hat. Davon ist die beschiedene, unaufgeregte Hilary Hahn weit entfernt. Schon die ersten Noten, die wir alle gut kennen, schwebten zart durch den Raum, so als wären sie gerade aus ihr geboren. Und plötzlich dann wird Bruch zum „Rock’n Roll Composer“. Dieser schnelle Wechsel, zwischen kraftvoll fordernd und zärtlich romantisch, ist Hilarys Stärke. Sie entstaubte das allzu oft gehörte und bis zum Abwinken ins romantische Gedusel abtriftende Konzert Max Bruchs und ließ es uns neu hören. Von dem Orchester und dem Dirigenten Mikko Franck wurde sie perfekt unterstützt. Lang anhaltender Applaus und begeisterte Bravorufe!

Nach der Pause hörten wir Jean Sibelius, Sympjonie  Nr.2. Da war der geborene Finne Mikko Franck in seinem Element. Sibelius schrieb die Symphonie während eines friedvollen Aufenthaltes an der ligurischen Küste 1901. Der Beginn klingt fast bukolisch. Alles ist hell,nur ein leises Grollen der Trommeln, doch im ersten SAtz siegen die Streicher. Im 2. Satz droht Unheil, bis die Streicher triumphal wieder Frieden bringen. Alles strebt dem emphatischen Schlusssatz zu. Da fordert Mikko Franck vom Orchester alles ab. Aus dem anfänglichen Aufruhr steigen die Bläser siegend empor und bringen kurz pastoralen Frieden. Am Ende steigert Franck die Musik zu einem prunkvollen Sieg, zu einer Apotheose. Wegen dieser siegreichen Coda feierte die Symphonie in der Heimat Triumphe und wurde fast wie eine Nationalhymne aufgenommen.

Das Publikum feierte Orchester und Dirigent mit anhaltendem Applaus.

Wiener Staatsopernballett: Balanchine, Liang, Proietto. 2.11. 2016

Georges Bizet: Symphonie in C

Die  Choreografie von Balanchine ist eine Hommage an das klassische Ballett. Vor einem klaren blauen Hintergrund tanzen die Tänzerinnen in weißem Tüllröckchen und die Männer in Schwarz. Jeder der 4 Sätze wird von einem anderen Solistenpaar,  anderen Solopaaren und dem Ensemble  getanzt. Im ersten Satz „Allegro vivo“ tanzen Natascha Mair und Jakob Feyferlik einen harmonischen Pas de deux. Auffallend ist die Sprungkraft des jungen Feyferlik!

Im 2. Satz „Adagio“ konnten wir endlich nach langer Absenz (wegen Knöchelverletzung) Vladimir Shishov erleben. Seine Bühnenpräsenz ist in diesem Part mit Nina Polakova so stark, dass man wie gebannt der Eleganz seiner Bewegungen zusieht, obwohl er keine atemberaubende Sprünge – wie sonst – vorzeigt. Aber wie er Polakova mit der Sinnlichkeit eines wissenden und in der Rolle sicheren Tänzers durchträgt, das zeugt von ganz großer Klasse.

3. Satz „Allegro vivace“: Hier wird Freude am Tanz geboten, die sich im 4. Satz zu einem zu einem furiosen Abschluss steigert.

 

„Murmuration“ in der Choreografie von Edwaard Liang zu Ezio Bossos Violinkonzert.(Violine: Albena Danailova)

Murmuration bezeichnet die verschiedenen Fromationen der Stare, wenn sie im Winter in den Süden ziehen. Doch man kann auch, wenn man will, darin die Formationen der Menschen in einer Großstadt sehen, die einander begegnen und wieder auseinander triften. Wie auch immer – Musik, Tänzer und die Choreografie führen in eine Art Trance, aus der man nur schwer in die Realität zurückkehren will. Was Roman Lazik in seinen Soloparts und mit Nina Polakova im pas de deux an Traumsentenzen auf die Bühne zaubert,  ist wohl unvergesslich.

Am Schluss die in den Medien mit großen Vorschusslorbeeren überschüttete Uraufführung: „Blanc“ nach der Musik von Mikael Karlsson und Chopin, Prélude und Klavierkonzert Nr.1.

Der Choreograf Daniel Proietto beauftragte den jungen norwegischen Tänzer, Autor und Choreograf Alan Lucien Oyen zu diesem Ballett einen Text zu schreiben. Der Schauspieler Laurence Rupp spricht diesen Text und mischt sich auch unter die Tänzer. Die große Crux ist nun gerade der Text – ein Lamento eines Dichters, der Schreibhemmungen hat – das weiße Blatt Papier (Titel) füllt sich nicht und nicht mit Worten. Im wehleidigen bis pathetischen Ton vorgetragen wirkt der Text eher peinlich, am Rande des Kitsches. Vor allem gelingt Proietto keine wirklich einsichtige Verknüpfung mit dem tänzerischen Geschehen. Ja, man versteht schon, der arme Poet sucht unter den Grazien seine Muse, was aber für eine innige Anbindung an das eigntliche Ballettgeschehen nicht genügt. Und etwas verärgert denkt man: Wenn der einfallslose Poet nichts zu sagen hat, dann soll er doch schweigen.  Doch die Bilder, die Daniel Proietto durch seine romantisch-zärtliche Choregrafie entwirft, machen alles wieder gut.

Während die beiden ersten Teile des Ballettabends vom Publikum begeistert aufgenommen wurden, war der Applaus nach „Blanc“ ziemlich kühl. Nicht unerwähnt soll das kluge und einfühlsame Dirigat von Faycal Karoui bleiben.

Weitere Aufführungstermine: 5. und 18. November. Eine Aufführung, die man nicht verpassen sollte!

 

Don Pasquale, Wiener Staatsoper, 31.11.2016

Freude am Spielen, am Ulk ohne Peinlichkeit, flotte Musik – so kann man den Abend zusammenfassen. Unter dem facettenreichen Dirigat von Frédéric Chaslin, in der bekannten Inszenierung von Irina Brook und auf  der bewusst kitschigen Bühne scherzten Michele Pertusi als Don Pasquale – ein schauspielender Sänger durch und durch – und Alessio Arduini als Malatesta, der Pertusis ebenbürtiger Gegenspieler war. Valentina Nafornita war eine entzückende freche Norina. Einzig Dimitry Korchak als Ernesto stimmte mich ein wenig traurig, da ich an die brillant-ironische Darstellung von Juan Diego Florez dachte. Aber trotz allem legte Korchak eine brave Leistung hin. Ihm fehlen halt das spielerische Talent und die starke Bühnenpräsenz eines Florez.

Joseph Lorenz liest: „Unbekannter Arthur S.“ im Theater Akzent/Studio

Es war eine “ Joseph Lorenz-Woche“.

Zum 85. Todestag Arthur Schnitzlers las Joseph Lorenz am 17.10. in der MedUni Wien die „Traumnovelle“ (s. dazu den Beitrag) und am 20. 10. in der Studiobühne im Theater Akzent „unbekannte Texte“.

Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich kann es nicht oft genug schreiben, sagen: Seine Stimme, seine Gestaltungskraft schafft ein Universum, ist ein Universum. Deshalb passen Schnitzler und er so genial zusammen. Denn worüber schrieb Schnitzler? Über Liebe, Erotik, Sex, verbotene Träume, Lüste, Hass .. das alles macht ja unser gesamtes Gefühlsuniversum aus. Und das alles lässt Lorenz an so einem Abend wie diesen in uns wach werden – mit den Worten Schnitzlers – natürlich.

Wie der Titel versprach, las er unbekannte Texte. Zu Beginn „Der Andere. Aus dem Tagebuch eines Hinterbliebenen“. Ein Mann trauert um seine geliebte Ehefrau. Besucht täglich ihr Grab. Bis er den „Anderen“ eines Tages an ihrem Grab entdeckt. Der Andere ist „jung und schön“ – unbändiger  Hass auf ihn lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Eifersucht wühlt in ihm.  ( Das Thema kehrt wieder m „Weiten Land“ -Hofreiter tötet im Duell den Fähnrich, nicht weil er vielleicht mit seiner Frau eine Liebesbezehung eingegangen sein könnte, sondern weil er jung ist.)  War seine Frau eine Heilige, war sie eine Verworfene? Er starrt auf ihr Bildnis auf seinem Schreibtisch. Ohne Antwort.

Auch in der Erzählung „Die Braut“ geht es um das Bild, das sich die Gesellschaft von der Frau macht, wie sie zu sein hat: rein, bräutlich. Anders darf sie nicht sein, oder sie wird an den Rand der Gesellschaft gestellt. Der Icherzähler begegnet auf einem Maskenball einer Frau, die sich ohne Scham als Prostituierte deklariert. Er will über diese Frau mehr erfahren – und sie erzählt ihm ihre Geschichte. Wie sie nicht die Braut ihres Verlobten sein wollte, sich lossagte, um ihren Trieben, ihrer Lust zu leben. „Es war wieder Trieb geworden, wütender, durstiger Trieb, der den Mann wollte, einfach den Mann-“ Was wissen wir Männer von den Frauen, auch  im Augenblick der höchsten Lust verschließt sich uns ihr Wesen, meint der Icherzähler.

Zur Auflockerung las Joseph Lorenz die skurrile Erzählung „Ich“. Von einem, der an der Wirklichkeit zu zweifeln beginnt und alles, Menschen und Objekte, beschriften muss. Als er auch seine Familie mit Namenszetteln versieht, holt diese den Arzt. Um sich seiner selbst sicher zu sein, hält er dem Arzt einen großen Zettel mit der Aufschrift :ICH“ entgegen.

Nach der Pause schleuderte Joseph Lorenz uns in das Seelenleben eines Mörders hinein. Alfred,ein junger Mann aus der „guten Gesellschaft“, geht eine Liaison mit einem Mädel aus der nicht-feinen Gesellschaft ein. (Beliebtes Thema bei Schnitzler). Alfred meint Elise zu lieben, schätzt ihre Gesellschaft, so lange, bis er Adele, die Tochter eines reichen Kaufmannes, kennen lernt. Er hält um ihre Hand an. Der Vater stellt eine einährige Probezeit, in der sich beide nicht sehen noch schreiben dürfen, als Bedingung. Nun will er Elise los werden. Ihr offen eingestehen, dass er sich mit einer anderen verloben will, wagt er nicht. Auf einer langen Reise erleidet sie Herzattacken. Er tötet sie mit einer Überdosis Morphium und redet sich den Mord als notwendige Tat ein. Zurück in Wien muss er erfahren, dass Adele sich mit einem anderen verlobt hat. Alfred stirbt im Duell. Eine grausame Erzählung. Joseph Lorenz führt uns mit unglaublicher Intensität in die Untiefen dieses Mannes, mit  einer Intensität, die fast nicht zu ertragen ist. Man möchte rufen: Halt, nicht alles preisgeben, ein Quentchen zurück! In diesem eher unsympathischen Ort – das Studio ist klein, eng die Sitze aneinander gekoppelt – ist sein Spiel, seine Sprache zu stark. Sprengt den Rahmen einer Lesung, wird Ereignis, findet statt. Und man ist aufgewühlt.

Stille danach – dann erst Applaus.

 

 

Joseph Lorenz liest die „Traumnovelle“ von Arthur Schnitzler.

Wenn Jospeh Lorenz Schnitzler liest, ersetzt er uns Zuhörern jeden Film oder auch jeden Theaterabend. So klar und von einander abgesetzt führt er uns die einzelnen Figuren vor Augen.

Es beginnt harmlos. Die übliche Eheszene: Fridolin und Albertine kommen von einem Ball zurück. Geplauder. Die ersten Geständnisse: Sie erzählt von dem schönen jungen Dänen, dem sie fast gefolgt wäre, er von dem jungen Mädchen am Strand. Langsam lässt Lorenz die Atmosphäre schwüler werden. Erotik – eingestandene und erträumte, erhoffte, schafft einen feinen Riss zwischen den beiden Eheleuten. Fridolin wird zu einem Krankenbesuch gerufen – und in dieser Nacht folgt er all seinen Lüsten und Vorstellungen. Alle Frauenfiguren, denen er in dieser Nacht begegnet, sind Verkörperungen des männlichen Begehrens oder der Ablehnung. Wie Jospeh Lorenz diese Frauen mit seiner feinen Gestaltungskraft körperlich vor den Zuhörern erstehen lässt, ist immer wieder erstaunlich. Er ist die blasse, schüchterne Marianne, die ihm verschämt ihre Liebe gesteht, dann die blutjunge Prostituierte Mizzi, die für den verstörten Fridolin viel Verständnis aufbringt und vor allem die unbekannte Schöne, die ihn während des Festes, das Schnitzler so zwischen einem Swingerclub und einem erotischen Geheimbund schildert. All diese Frauen lässt Lorenz als lebensvolle Charaktere erstehen, gibt ihnen durch seine Stimme und Gestaltungskraft Aussehen und Auftreten.

Vielleicht, so hörte ich, gibt es eine Wiederholung. Wir hoffen.

Hugo von Hofmannsthal: Der Schwierige. Theater in der Josefstadt

Es ist schon recht schwierig mit dem Schwierigen. Inszeniert ihn ein Regisseur in einem traditionellen Bühnenbild, also in einem Wiener Salon der Jahrhundertwende, wird ihm sicher Einfallskosigkeit und Altertümelei vorgeworfen. Der Regisseur Janusz Kica entschied sich für eine moderne Version und ließ Karin Fritz eine kahle Bühne in Schwarz-Weiß bauen. Einziges Inventar eine niedere Bank.
In diesem Ambiente müssen sich die Schauspieler um so mehr auf die Sprache konzentrieren – die aber wiederum im allzu starken Kontrast zur Umgebung steht. Deshalb hat auch Michael Dangl als Hans Karl Bühl zu Beginn einige Schwierigkeiten, den Überdruss an dem gesellschaftlichen Leben zu spielen. Erinnerungen an den Krieg quälen ihn. Trotzdem muss er sich mit den dümmlichen Wünschen seines Neffen Stani – gut Matthias Franz Stein – herumschlagen und seiner Schwester zuliebe auf die Soirée gehen. Das alles ist ihm zuwider,zu hohl. Nun ist es nicht leicht,dieses „taedium vitae“ im leeren Raum zu spielen. Die so fein gesponnene Sprache Hofmannsthals läuft Gefahr, sich zu verlieren und manchmal deplaziert zu wirken. Etwa wenn ihn seine Schwester Crescence – großartig Ulli Maier – in der 3. Person anredet: „Weiß er, was er da meint?“ – Nein, Kari, wie er von allen genannt wird, weiß es nicht. Denn so manche Sätze Hofmannsthals kommen wie Lehrsätze über das Leben daher. Ihre Sprödigkeit aufzulockern ist selbst für Michael Dangl nicht immer leicht.
In dem durchwegs gut besetzten Ensemble fällt nur Alma Hasun heraus. Ihre Helene ist allzu blass. Sie sollte ja in dieser Komödie die starke Frau im Hintergrund sein, die in sich ruht und dem Treiben der Gesellschaft gelassen zusieht. Aus dem sicheren Wissen, was richtig ist, wird sie Kari schließlich einen Heiratsantrag machen.Aber diese Stärke strahlt Alma Hansun nicht aus. Sie wirkt eher wie ein stilles Mauerblümchen. Dadurch verliert das Stück an Spannung.

So stellt man sich am Ende die Frage, ob Hofmannsthals Sprache nicht doch Tapeten, Samtsofas und das Flair eines Salons braucht, um zu wirken?

René Freund, Niemand weiß, wie spät es ist. Deuticke Verlag

Brillant, witzig, ironisch, spannend – also alle Epitheta ornantia, die eines Schriftstellers Herz erfreuen, passen auf diesen Roman. Unbestritten: Freund kann ungewöhnliche Stories bauen. Diese da erinnert ein wenig an das Froschkönig-Märchen: Der ganz und gar uncoole Typ Bernhard, Veganer und Ordnungsfanatiker, Alles- und Besserwisse entpuppt sich im Lauf der Handlung als wahrer Traummann. Nora allerdings ist nicht gerade die Prinzessin, die ihn wachküsst. Eher er sie. Aber einmal langsam: Nora soll die Asche ihres Vaters irgendwo in Österreich, westlich von Wien, verstreuen. Auf dieser Wanderung mit unbekanntem Ziel – so verfügt es ihr Vater im Testament – wird sie eben jener Bernhard, vom Beruf Notar, im Privatleben Langeweiler, Provinzler – wie Nora meint, begleiten. Nora, eine ziemlich verwöhnte Tussy, macht sich über ihren Begleiter lustig, kann den Tag nicht erwarten, bis sie sich von ihm verabschieden kann.
Im Laufe der Wanderung von Wien in den unbekannten Westen, ändert sich alles. Wie …das soll hier nicht verraten werden.
René Freund kennt seine Figuren ganz genau: die fesche Nora, Gesellschaftsnudel und Exjournalistin, gibt dem Autor genug Gelegenheit, sich über die Bobos lustig zu machen. In Bernhard lebt zunächst das Bild des faden, überkorrekten Gutmenschen auf, der immer Ordnung hält, gut vorbereitet ist und ganz sicher eine politisch korrekte Haltung immer und überall einnimmt. Wie in einem Kaleidoskop ändern sich die Konstellationen, Charaktere und die Perspektiven. Kaum glaubt der Leser, den richtigen Faden und die richtige Einstellung zu den Figuren gefunden zu haben, kippt auf der nächsten Seite wieder alles in die entgegengesetzte Richtung. Diese unerwarteten WEndungen und der flotte Schreibstil machen das Buch zu einem echten Leseknüller.
Silvia Matras empfiehlt dieses Buch!!!

Emanuel Bergmann, Der Trick, Diogenes Verlag

Das ist so ein Buch, von dem man hofft, es endet nie. Geht es dem Ende zu, verspürt man eine gewisse Traurigkeit – denn der Abschied naht. Der Abschied ist hoffentlich nicht so endgültig. Denn so ein grandioser Schriftsteller wie Emanuel Bergmann hat sicher schon seinen 2. Roman im Kopf, wenn nicht gar im Computer. Vielleicht ist der Verlag gerade dabei, ihn zu drucken. Hoffen darf man ja.
Geschickt verschränkt Bergman zwei Zeiten und zwei Kulturen: Da hofft der neunjährige Max Cohn, der mit seinen Eltern in Los Angeles des 21. Jahrhunderts lebt, dass sich seine Eltern nicht scheiden lassen. Er versucht alles, um die Scheidung zu verhindern. Als er von einem Zauberer namens Zabbatini hört, der mit einem Zaubertrick die Liebe zweier Menschen wieder heraufbeschwören kann, macht er sich auf die Suche nach diesem Magier. In Los Angeles keine leichte Sache. Aber Max ist zäh.
Der zweite Handlungsstrang spielt im Prag nach der Jahrhundertwende. Dem Rabbinersohn Mosche Goldenhirsch ist dieses Prag zu eng. Er zieht mit einem Zirkus mit, lernt die Zauberei, wird in Berlin reich und bekannt und nennt sich fortan „Zabbatini“. Selbst SS-Leute und auch Hitler nehmen seine Dienste als „Gedanken und Zukunftleser“ in Anspruch. Seine jüdische Herkunft bleibt lange unentdeckt, bis er eines Tages enttarnt und nach Ausschwitz abtransportiert wird. Jahrzehnte später treffen wir ihn als alten, gebrochenen Mann in Los Angeles wieder. Er hat das Konzentrationslager überlebt. Und Max findet ihn in einem Altersheim. Ohne rührselig zu werden oder in Hollywoodkitsch abzugleiten erzählt Bergmann die Begegnung der beiden.
Silvia Matras empfiehlt: Emanuel Bergmann, Der Trick.

Goran Vojnovic, Vaters Land. Aus dem Slowenischen von K.D. Olof. Folio Verlag

1991 endete abrupt die Kindheit des Icherzählers Vladans. Plötzlich muss er das sommerliche Pula verlassen und mit Mutter und Vater ins für ihn unbekannte und ungeliebte Belgrad aufbrechen. Dort verlässt der Vater die Familie mit den Worten: „Bald wird alles vorbei sein.“ Aber der Vater kommt nicht wieder. Vladan reist mit seiner Mutter zu Verwandten nach Novi Sad, wo sie auf die Rückkehr des Vaters warten. Doch er meldet sich nur hin und wieder telefonisch, alle tun sehr geheimnisvoll, vor allem fällt immer seltener der Name des Vaters, bis seine Mutter ihm eines Tages erklärt, dass er tot sei. Als Vladan schon erwachsen ist, erfährt er, dass sein Vater lebt und als Kriegsverbrecher gesucht wird. Er macht sich auf, um ihn zu finden. Den Vater oder den Kriegsverbrecher? Vladan weiß nicht mehr, was er denken soll. Immer wieder gehen seine Gedanken in die Vergangenheit zurück, er forscht nach, ob sein von ihm so geliebter Vater wirklich die Verbrechen begangen haben soll. Die Suche führt ihn nach Wien, wo er den Vater trifft und ihn vergebens ein Schuldbekenntnis abringen will. Er muss erkennen, dass sein Vater die Verbrechen begangen hat, aber alle Schuld von sich weist. Seine Enstschuldigung ist die allzeit bekannte: Glaubst du wirklich, dass ich eine Wahl hatte? Vladan ist entsetzt, fühlt sich aber auch schuldig, weil er im Grunde seines Herzens den Vater verstehen und ihm verzeihen will, aber nicht kann. Er schämt sich, dass er fast bereit gewesen wäre, die Ausrede des Vaters zu akzeptieren. Kurz nach dieser Begegnung begeht der Vater Selbstmord. Vladans Leben zerfällt ebenso.
Der Autor stellt die Frage nach Schuld und Sühne, zugleich auch die Frage, wer hier richten soll oder darf, wenn alle in diesem furchtbaren Krieg sich schuldig machten? Wie sieht ein Sohn seinen Vater? Als Vater oder als Verbrecher? Wie kann der Sohn dem Vater vergeben? – Zutiefst menschliche Fragen.

Stefanie Schröder: Gabriele Münter. Im Banne des Blauen Reiters. Romanbiografie. Herder Verlag

Einmal mehr beschäftigt sich Stefanie Schröder mit der Biografie einer Künstlerin, die fast ihr ganzes Leben lang um Anerkennung kämpfen muss. Gabriele Münter wächst behütet in einem gut bürgerlichen Haushalt in Bonn auf. Zeichnen war für sie so selbstverständlich wie Essen und Trinken. 1882 besucht sie eine „private Damenakademie“ in München -. Für Frauen war ja die staatliche Akademie für Kunst nicht zugänglich. Für die junge Gabriele, die erst vor kurzem von einem langen Aufenthalt in Amerika zurückgekehrt war und dort die Freiheit in vollen Zügen genossen hatte, ziemlich schwer zu verstehen. 1902 wird Wassily Kandinsky ihr Lehrer und beginnt sie stürmisch zu umwerben. Sie ist zunächst verunsichert, dann aber lässt sie sich auf ein Leben als Geliebte an der Seite des damals schon berühmten Malers ein. Er ist verheiratet, verspricht ihr aber, sich bald scheiden zu lassen. Das „Bald“ tritt erst viele Jahre später ein, Jahre, in denen Gabriele Münter sich ganz den Launen des schwierigen Mannes unterwirft. Sie drängt immer wieder auf Ehe, er weicht aus. Nach 16 Jahren verschwindet er auf Nimmerwiedersehen nach Russland, wo er eine um viele Jahre jüngere Frau ehelicht. Gabriele ist gebrochen. Das Haus in Murnau, das sie für beide als Heim gekauft und eingerichtet hat, wird ihr unerträglich. Ihr früheren Erfolge als Malerin gelten nichts mehr. Unter den Nationalsozialisten gilt ihre Kunst als entartet. Nach dem 2. Weltkrieg lernt sie den Kunsthistoriker Johannes Eichner kennen. Er hilft ihr, wieder zu sich selbst und zu ihrer Malerei zurückzufinden. Im hohen Alter erlebt sie noch einmal die Würdigung ihrer Werke. Viele Ausstellungen werden eröffnet. Mit ihrer Hilfe schreibt Eichner das viel beachtete Werk: Kandinsky und Gabriele Münter. Von Ursprüngen moderner Kunst. Sie stirbt 1962 -vier Jahre nach Eichner – mit sich und der Welt ausgesöhnt.
Der Autorin beschäftigt sich ausführlich mit der Kunstwelt rund um den „Blauen Reiter“ mit Münter, Kandinsky, Franz Marc und August Macke. Eine interessante Zeit, in der die „abstrakte Malerei“ ihre Anfänge hatte und heftig um den Kunstbegriff gestritten wurde. Etwas schwierig wird dem Leser die Lektüre durch eine Anhäufung von Namen gemacht, die heute nicht mehr oder nur mehr wenigen Kunstkennern bekannt sind. Dadurch wird der ERzählfluss dauernd unterbrochen. Man hat den Eindruck, die Autorin schrieb unter großem Zeitdruck. Die beiden Hauptfiguren -Münter und Kandinsky -verliert man dabei aus dem Fokus.

Bachtyar Ali, Der letzte Granatapfel. Unionsverlag

Aus dem Kurdischen übersetzt von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim.Der Autor gilt als der bedeutendste kurdische Schriftsteller. Dieser Roman ist der erste, der auf Deutsch übersetzt wurde.
Eine Art Sheherezade-Erzählung, in der ein Erzählkreis in den anderen übergeht, sich überschneidet, auseinandertrifft und irgendwie wieder zusammenfindet. Diese Art des Erzählens erinnert stark an orientalische Märchen. Ausufernd in den Beschriebungen, sich bewusst wiederholend. Die Wiederholung ist ein deutliches Erzählprinzip: Der Icherzähler Muzafari Subhdam erzählt seine Lebensgeschichte auf dem Boot, das ihn und die Flüchtlinge nach Europa bringen soll:
21 Jahre lang war er in der Wüste gefangen gehalten worden, dann von einem Mächtigen befreit und in ein Schloss im Wald gebracht. Von dort aber macht er sich auf, seinen Sohn Saryasi zu suchen. Ziemlich verwirrend stellt sich heraus, dass es drei Saryasi gibt. Ob alle drei seine Söhne sind oder keiner, wird nicht klar. Wie vieles sehr wirr ist und man als Leser bald die Geduld verliert und quer zu lesen beginnt. Am Ende steht fest: In all den Wirren des Krieges in einem Land unter einem Diktator, unter Bürgerkrieg und Revolutionen ist ein Saryasi tot, einer im Gefängnis und einer in England. Um ihn zu finden, macht sich der Icherzähler auf. Das Ende bleibt offen.

Barbara Krause: Camille Claudel. Ein Leben in Stein. Herder Verlag

Ein großartiges Buch über eine großartige Frau! Bestechend im Stil: Einmal hoch poetisch, dann wieder kühl aufzählend. Die Autorin führt die Leser bis tief in die Seele der jungen Claudel, die schon als Kind wusste, dass sie Bildhauerin werden wollte – und das in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, als man von Frauen nur erwartete, dass sie Klavier spielen, kochen und Kinder aufziehen können. Die Mutter ist dagegen, ihr Vater unterstützt sie und versteht ihren künstlerischen Drang. Als sie die „Schülerin“ Rodins wird, beginnt eine intensive Zeit des Lernens für Camille Claudel. Bald schon ist sie nicht mehr Schülerin, sondern seine Muse, Beraterin und später Geliebte. Doch sie leidet unter der Beziehung, auch daran, dass Rodin nicht eingesteht, dass viele Ideen für seine WErke von ihr kommen, zum Teil auch von ihr verwirklicht wurden. Das grausame Schicksal dieser Kämpferin nimmt seinen Lauf…

Silvia Matras empfiehlt dieses Buch!!!

Salzburger Festspiele: Charles Gounod: Faust

„Rien“ steht in großen Lettern über dem Bühnenbild. Und mehr ist zu dieser Musicalinszenerung von Renhard von der Thannen auch nicht zu sagen. Gute Sänger (Beczala als Faust, Agresta als Marguerite und Ildar Abdrazakov als etwas langweiliger Mephisto).

Salzburger Festspiele: Don Giovanni

Obwohl ich diese Inszenierung schon vor zwei Jahren sah, war ich auch dieses Mal begeistert, als sähe ich sie zum ersten Mal. Einen besseren Don Giovanni als Ildebrando D’Arcangelo gibt es zur Zeit nicht. Mit unglaublicher Bühnenpräsenz und einer Stimme, die wohl am Höhepunkt ist, singt, spielt und ist er ganz einfach Don Giovanni. Einer, der das Leben und die Frauen genießt, sich aus allen schwierigen Lagen herauswindet. Einmal zärtlich, berückend, dann wieder brutal. Luca Pisaroni ist der ideale Leporello: ängstlich, unterwürfig, schlau – eben wie ein Diener Don Giovannsís sein muss. Die beiden verwandeln die Tragödie in eine „Boulevardtragödie“ .Das liegt auch an der tollen Regie und Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf. Er führt die Figuren mit einem Augenzwinkern. Deshalb darf Don Giovanni auch nicht endgültig tot sein. Sondern springt aus der Totenstarre auf und hastet dem nächsten Frauenkittel nach.
Apropos Frauen: Reizend und stimmlich auf der Höhe ist Valentina Nafornitsa als Zerlina, über die anderen Frauenrollen darf geschwiegen werden.
Begeisterter Applaus!

Brigitte Glaser, Bühlerhöhe. Listverlag

Selten gibt es eine Sommerlektüre mit Niveau! – Brigitte Glaser erfüllt diesen Wunsch punktgenau! Sie ist eine äußerst begabte ERzählerin, zieht den Leser in das Geschehen hinein, und man kann so schnell nicht aufhören. Geschickt verflicht sie die Geschichte Israels nach dem 2. Weltkrieg mit der Geschichte Deutschlands. Bundekanzler Konrad Adenauer will unbedingt das Wiedergutmachungsgesetz durchbringen. Als er wie immer im Nobelhotel Bühlerhöhe Urlaub macht, fürchtet man ein Attentat auf den Kanzler. Manche Gruppierungen – sowohl israelische als auch deutsche – wollen dieses Gesetz verhindern. Aus Israel wird Rosa Silbermann in das Hotel geschickt, um eventuelle Attentate aufzudecken oder sogar zu verhindern. Ihr zur Seite soll Ari, ein gewiefter Geheimagent, der für Israel arbeitet, stehen. Nun ist Rosa Silbermann wider ihren Willen zur Agentin avanciert. Sie erregt bald den Argwohn der Hausdame des Hotels,Sophie Reisacher. Es kommt zu einem recht unterhaltsamen Katz- und Mausspiel, man erfährt einiges über die schwierige Führung eines Grand Hotels und die Gepflogenheiten des Kanzlers, der ja tatsächlich in diesem Hotel, das bis heute existiert, aber zur Zeit geschlossen ist, in den 50er Jahren Urlaub machte. Das im Roman versuchte und verhinderte Attentat im Hotel hat allerdings nicht stattgefunden.
In der politischen Realität dauerte die Debatte um das Wiedergutmachungsgesetz tatsächlich lange an und wurde heftig geführt. Im Vorfeld gab es auch zwei Attentatsversuche – allerdings nicht im Hotel. Der Kanzler wurde nicht verletzt.Im September 1952 unterzeichnete Deutschland ein Abkommen mit Israel und zahlte 3 Millionen DM als Wiedergutmachung an Israel.
Brigitte Glaser hat sorgfältig recherchiert und geschickt die politische Realität dieser Nachkriegszeit mit einem humorig- spannenden Romanplot gemischt.

Julya Rabinowich, Krötenliebe. Deuticke

Ein Buch, das jeden fesseln wird, der sich für Alma Mahler-Werfel und die Wiener Gesellschaft um 1900 interessiert. Noch dazu brillant geschrieben und gründlich recherchiert. Alma, die Männer vergiftet, Alma, die Männer anzieht, von sich stößt, wie es ihr gefällt. Alma ohne Glorienschein. Aber nie reißerisch, eher hoch poetisch. (Allerdings vermisst man manchmal das wachsame Korrektur- Auge eines Lektors!)Schon das Titelbild sagt alles aus: Vier Glasgefäße, in einem ein Lurch, dann Kokoschka, im mittleren Glas Alma, rechts der Naturwissenschaftler Paul Kammerer. Es beginnt mit Dresden 1918, Kokoschka hat sich nach der Trennung eine Almapuppe machen lassen. Doch der sexuelle Akt mit ihr befriedigt ihn keineswegs. Er tobt gegen Alma, verwünscht sie und begehrt sie. Dass wir, die Leser und Nachwelt, überhaupt erst einmal etwas über diesen genialen Naturwissenschaftler Paul Kammerer erfahren, ist das Verdienst der Autorin. Sie brachte diese tragische Figur ans Tageslicht, seine aussichtslose Liebe zu Alma, seinen verzweifelten Selbstmord. Ein faszinierendes Buch, man möchte es in einem Atemzug durchlesen. Aber dazu ist die Sprache zu kostbar. Die sollte man seitenweise genießen. Das Abstoßende, Abgründige ist selten noch in so schlicht-kostbare Sätze gegossen.
Silvia Matras empfieht: J. Rabinowich, Krötenliebe!!!!!

Margaret Mazzantini, Niemand rettet sich allein. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Dumont

Delia und Gaetano treffen sich in einem Restaurant in Rom, um über ihre Trennung zu reden. Es geht um die Erziehung der Kinder, wie sich ihrer beider Zukunft gestalten wird. Jeder für sich alllein. Obwohl sie sich vor der zukünftigen Einsamkeit fürchten, gibt es kein Zurück in die Zweisamkeit. Ein sehr genaues Bild, wie eine Ehe langsam in die Brüche geht. Kein Buch für traurige Tage. Denn es gibt keinen Trost, kein Happyend.
Mazzantini beobachtet die kleinsten Regungen ihrer Protagonisten mit sehr viel Einfühlungsvermögen. Das kann manchmal etwas nerven und man ist geneigt, quer zu lesen. Doch dann ist man wieder mitten im seelischen Dilemma der beiden, erkennt eigene Probleme wieder. Ein Roman, dem man mit Geduld begegnen sollte.

Clementine Skopril: Guter Mohn, du schenkst mir Träume. Löcker Verlag

Die Autorin nennt ihr Buch „Kriminalroman“. Aber die Krimistory ist eher dünn und die Auflösung sehr unklar. Jedoch: Clementine Skopril kennt die Geschichte Chinas um 1927 und das Leben damals in Shanghai bestens, leider zu gut. Sie mutet uns unbedarften Lesern einfach zu viel zu. Obwohl sie ein Verzeichnis der erfundenen und historischen Personen voran stellt, tut sich der Leser schwer, mit all den chinesischen Gruppen, Untergruppen und Gegengruppen, den russischen Drahtziehern und letztlich auch den weißen Langnasen, wie die Chinesen die Westler nannten, zu Recht zu kommen. Der Verlauf der Handlung wird immer wirrer und unklarer, man beginnt quer zu lesen.
Die Story beginnt amüsant: Der Icherzähler Wen Pi ist ein armer Schlucker aus dem Elendsviertel Shanghais. Er schlägt sich so recht und schlecht durchs Leben, bis er bei dem Medizinstudenten Lou Mang unterkommt und lesen und schreiben lernt. Seine Informationsquelle über das Leben der weißen Langnasen wird „Anna Karenina“. Jedes Kapitel beginnt mit Gedanken über die Figuren dieses Romans, deren unnötige Sorgen er seinen Problemen in witziger Weise gegenüber stellt. Da kommt schon auch uns Lesern der Gedanke, um welch unwichtige Dinge wir uns sorgen..auf hohem NIveau. Amüsant ist auch, wie WEn Pi so langsam die Fortschritte der Technik kennenlernt und wie er sie benennt: Das Telefon -damals noch brandneu und nur für die Reichen -nennt er elektrischen Sprecher aus zwei Teebechern an der Schnur. WEgen dieser liebenswürdigen Details liest man den Roman gerne.
Dass die Revolution, die der Student Lou Mang mit seinen kommunistischen Kampfgefährten anzettelt, fehl schlägt, ist zwar traurig, aber da fehlt dem Leser die Empathie. Denn er muss sich durch ein Gewirr von Namen und Ereignissen durchkämpfen, bis er erschöpft am Ende angelangt ist.

Marget Greiner, Charlotte Berend-Corinth & Lovis Corinth

Sie hat’s schon wieder getan! Eine Romanbiografie über eine tolle Frau geschrieben! Und wieder ist es wie die Lebensgeschichte der Emilie Flöge ein Buch geworden, zu dem man nur sagen kann: SCHADE, dass es schon aus ist. Ich habe mir jeden Tag nur 10 Seiten verordnet von dem Suchtmittel. Und wünschte mir am Ende, dass das Buch noch 200 Seiten mehr hätte. Denn Margret Greiner kann, wie keine andere Autorin, die Protagonistin – in dem Fall die lebenstüchtige Charlotte Berend – so intensiv vor unser Auge und Herz rücken, dass man nur ungern von ihr Abschied nimmt. Charlotte Berend ist jung und keck. Sie dringt in das Atelier des brummigen Corinth ein, wird seine Schülerin, dann seine Geliebte und später seine Ehefrau. Corinth ist kein einfacher Mensch, ganz Künstler und daher auf sich selbst konzentriert. Charlotte hält all die Demütigungen, die er ihr bewusst und unbewusst zufügt, tapfer aus. Obwohl sie als Künstlerin und schöne Frau von anderen Männern begehrt wird, bleibt sie bei Corinth. Als er stirbt, verkriecht sie sich in ihrer Trauer, um nach 2 Jahren zu sich selbst, zu ihrer Malerei und zu ihrer Lenbensfreude zurückzufinden. Man erfährt viel über das verrückte Berlin der 20er Jahre, über Frauen, die alleine durch den Kontinent reisen, über den Künstler Corinth. Was fehlt, sind Fotos. Ich wäre schon neugierig auf Charlottes Porträtmalerei oder italienische Landschaften. Auch wollte ich gerne wissen, wie die beiden miteinander auftraten. Wie war Charlotte als viel gerühmte Schönheit? Auf dem Titelbild sieht sie eher pummelig und uninteressant aus.
Mein Tipp: Dieses Buch langsam genießen und dabei die hohe Sprachkultur der Autorin bewundern.

Yasmina Reza, Bella Figura. Akademietheater

Gelbes Cabrio, blaues Meer, Strand – ein Bild wie aus einer Tourismuswerbung. Dazu ein Paar wie aus einem schlechten Film: Boris (wie immer mit bei einer Rezapartie: Joachim Meyerhoff), der zwischen nervösem Macher und ängstlichem Looser hin- und herpendelt und sich mit seiner langjährigen Geliebten Andrea (Caroline Peters) trifft, um „einen schönen Abend mit ihr zu verbringen“, der ihn den drohenden Konkurs seines Unternehmens vergessen lassen soll. Sie nervt ihn mit ihrer Raucherei, ihrem Oberflächengequatsche, aber auch mit ihren ziemlich bohrenden Fragen nach seiner Frau. Die Stimmung ist alles andere als „himmelblau“. Eigentlich haben beide keine Lust mehr, den Abend fortzusetzen, aber weil man eben „bella figura“ macht, tut man immer weiter. Als Boris im Retourgang die Mutter eines Bekannten (Kirsten Dene) anfährt, wird die Situation peinlich und absurd: Besagte Mutter wurde für ihren Geburtstag von ihrem Sohn (Roland Koch) aus dem Altersheim geholt, ist leicht dement, aber sonst von umwerfender Harmlosigkeit. Verletzt hat sie sich nicht – sie will essen, hat Hunger. Die Schwiegertochter (Sylvia Rohrer) ist pikiert, dass Boris,der Ehemann ihrer besten Freundin, fremdgeht, und droht mit Enthüllung. Deshalb will Boris so schnell wie möglich die Gesellschaft verlassen, was aber Andrea mit an die letzten Nerven kratzender Aufdringlichkeit und Freude an der peinlichen Situation zu verhindern weiß. Alle machen gute Miene zum bösen Spiel – sie wollen eben alle eine bella figura darstellen. Alle, bis auf die Mutter, die mit ihrer scheinbaren Unschuld des Alters in dem ganzen Spiel um die bella figura pfiffig und gelassen bleibt. Auch als sie Andrea und Boris beim Sex in der Toilette ertappt, ist sie nicht schockiert. Sie ist die einzige in dieser Farce, die ehrlich zu sich und ihrem Wünschen steht, die keine bella figura machen will.
Es ist sicher nicht Rezas stärkstes Stück. Denn ein Drama zu schreiben über Personen, die jede ehrliche Auseinandersetzung zwischen ihnen vermeiden, weil sie Angst vor Blamage haben und die Konvention, die bella figura eben, stärker ist als alles – das ist sicher schwierig. Auf dem schmalen Grat zwischen Klamauk und kritischer Gesellschaftskomödie bewegt sich Yasmina Reza dank ihres Talentes gekonnt hin und her. Bedient alle Klischees, die zu einer Gesellschaft dieser Art passen. Mit der hinterlistigen Ausrede: Ich darf das, denn das ist ja gerade mein Thema.
Dank der hervrragenden Schauspieler wird der Abend recht vergnüglich, aber mehr nicht
.http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=964444835&repertoireView=true

Jona Oberski, Kinderjahre. Aus dem Niederländischen von M. Csollány. Diogenes Verlag

Jan Oberski schildert aus der Perspektive eines Kindes die Grauen des Konzentrationslagers von Bergen-Belsen. Dabei nimmt der Autor die Position des Kindes ein, das mit 4 Jahren deportiert und erst mit sieben befreit wird. „Meine Mutter hatte einen gelben Stern auf meinen Mantel genäht. Sie sagte: Sieh mal, jetzt hast du genau so einen schönen Stern wie Papa. Ich fand ihn zwar schön, aber ich hätte doch lieber keinen Stern gehabt.“ Die Eltern versuchen dem Knaben, das Grauen fernzuhalten, es auf eine kindliche, märchenhafte Welt herunterzubrechen. Das Kind durchschaut zwar die Grausamkeit,erklärt sich sie sich zunächst auf seine Weise: „Ich guckte und sah einen Soldaten in grünen Kleidern mit einem großen braunen Hund. Der Hund sah aus wie der Wolf vom Rotkäppchen.“ Doch als sein Vater im Lager stirbt, fällt diese kindliche Schutzperspektive brutal weg. Und als auch seine Mutter stirbt, fällt er in ein tiefes Koma, aus dem er erst nach vielen Tagen erwacht. Da waren bereits die Insassen aus dem Lager befreit und er mit seiner Tante auf dem Weg in seine Heimatstadt Amsterdam. Sie wird ihn adoptieren. Aber er bleibt lange ein traumatisiertes, schwieriges Kind,das seinen Pflegeeltern eine ganze Menge auszuhalten gab, wie er in einem Nachsatz schreibt.
Jan Oberski schildert das Grauen, das er selbst als Kind erlebte, mit den Worten und Gedanken des Kindes, das er einmal war. Durch diese einfache, kindliche Sprache wirkt das Buch direkt in das Herz des Lesers hinein.

Silvia Matras empfiehlt: Jan Oberski, Kinderjahre

Benedict Wells, Fast genial. Diogenes Verlag

In der in Literatur und Film immer wieder gern verwendeten Form eines Roadmovies schildert Wells die wahre Geschichte eines Jungen aus einem Containerviertel, der auf der Suche nach seinem Vater quer durch die USA tourt. Der Haken ist dabei, dass sein Vater ein unbekanntes Genie gewesen sein soll, der seinen Samen einem Forschungsprojekt zur Verfügung stellte. Das eine Zentralthema des Romans ist also die Frage nach Eugenik und ob ein „futurebaby“ ethisch und moralisch zu rechtfertigen ist. Dabei erinnert sich der Leser unwillkürlich an Dürrenmatts Drama „Die Physiker“, wo das Thema der Umsetzbarkeit von wissenschaftlichen ERkenntnissen behandelt wird. Was einmal von findigen Köpfen gedacht und erfunden ist, lässt sich ja nicht mehr tilgen. Es bleibt virulent und gefährlich, wie schon die Frage nach der Atombombe zeigt. Segen oder Fluch der Wissenschaft? – Wells formuliert das so: „Die Leute vergessen nur, dass jede Tür, die einmal geöffnet wurde, nie mehr geschlossen werden kann. Was machbar ist, wird auch getan, egal, wie gefährlich es ist.“(S 178)
Inhaltsmotor des Romans ist die 2. wichtige Frage: Wie geht es einem „Designerbaby“, das nach langer Suche seinen Vater als versoffenen Looser findet. Von Genie keine Spur.Damit muss der Sohn Francis fertig werden.
Wells behandelt die Elternfrage ja auch in dem Roman „Ende der Einsamkeit“. Was passiert, wenn Eltern fehlen, versagen?
Ein Roman, den die junge Generation sicher interessieren kann.

Lillian Hellman, Die kleinen Füchse. Theater in der Josefstadt

Es war ein berührender und verstörender Abend. Das Spiel zwischen Regina (Sandra Cervik) und ihrem Ehemann Horace (Herbert Föttinger) war so beklemmend, so nahe an einer geglaubten oder echten Realität,dass dem Publikum der Atem stockte. Da sitzt der todkranke Mann im Rollstuhl und weiß um den Betrug der Familie und um die Machtgier seiner Frau. Niemand sonst ist auf der Bühne. Nur er im Rollstuhl. Unbeweglich. Ein leiser sirrender Ton. Sonst nichts.Das dauert etwa zwei Minuten, in denen nichts geschieht. Aber im Gesicht des Ehemannes ist alles abzulesen: Einsamkeit, Trauer über sein Leben ohne Liebe, Wissen um seinen nahen Tod. Eine ganz starke Szene. Und dann die Szene zwischen den beiden: „Ich weiß, dass du bald sterben wirst. Und ich habe meist Glück…daher wirst du sehr bald sterben“ sagt sie zu ihrem Ehemann, den sie nur aus Berechnung heiratete.Horace erleidet einen Herzanfall, bittet seine Frau, ihm die Medizin zu bringen. Doch sie bleibt unbeweglich stehen, sieht zu, wie er langsam stirbt. Eine der stärksten Szenen, die man je auf der Josefstädter Bühne sah. Zwei Schauspieler von höchster Intensität!
Worum ging es der Autorin in diesem Drama? Sie wollte eine Frau aufzeigen, die mächtiger und schlauer ist als ihre Brüder, die vom wirtschaftlichen Erfolg auf Kosten anderer nicht nur träumt, sondern die Träume auch umsetzt. Die dafür ihre Tochter an deren unfähigen
Cousin verheiraten will, ihren Brüdern vom erhofften Gewinn 80% abluchst und schließlich kalt zusieht, wie ihr Mann stirbt. Denn durch seinen Tod wird sie ihr Ziel, die Macht in der Firma zu festigen, erreichen. Eine negative Heldin, eine Antifrau.
Ort und Zeit der Handlung: 1929 in den Südstaaten. Schwarze werden noch als Nigger bezeichnet und ausgebeutet. Ein Deal mit einem Investor aus New York (Roman Schmelzer) steht bevor. Und Regina wird ihn durchziehen. Und geht als Siegerin aus dieser Schlacht hervor. Doch die Tochter (Alma Hasun) flieht vor dieser Mutter, will mit ihrem Geld nichts zu tun haben. Schade nur, dass ihr Schlusssatz so typisch amerikanisch ist. Alma: „Ich verlasse dich, ich will mit deinen übelen Machenschaften nichts zu tun haben..und werde für eine bessere Welt kämpfen.“ So oder so ähnlich spricht sie und rennt weg.Dieses Pathos ist aufgesetzt. Der Autorin war es offensichtlich um einen positiven, das Image Amerikas rettenden Schluss zu tun.
Ein Wort zum Titel: Horace zitiert aus dem Hohelied: „Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse, die uns die Weinberge verderben.“ Und meint damit die überehrgeizigen, über Leichen gehenden Kleinunternehmer, wie eben seine Frau und deren Brüder. Aber niemand außer REgina wird sie fangen. Doch sie ist selbst der gefährlichste Fuchs.

Silvia Matras empfiehlt dieses Stück!!

Marie Antoinette. Ballett an der Volksoper.

Aufführung am 23. Mai 2016

In der Neufassung von Patrick de Bana. Diesmal Natascha Mair als Marie Antoinette. Sie tanzt die Rolle als die Jugendliche, das Mädchen, das in diese Ehe von Maria Theresia hineinpolitisiert wird und sich am französischen Hof recht munter zurecht findet, da und dort flirtet und erst im Gefängnis und knapp vor dem Tod durch die Guillotine die Tragik ihres Lebens erfasst. Ein interessanter Vergleich zur Rollenauffassung von Olga Esina, die Marie Antoinette von Beginn an mit einem Hauch von Tragik tanzt.
Interessant übrigens, dass Marie Antoinette und Elisabeth, die Schwester von Ludwig XVI., als einzige in Spitzenschuhen tanzen, was ihre besondere gesellschaftliche Rolle hervorheben soll.
In einem wunderbaren Rahmen aus reflektierenden dunklen Glaswänden (Bühnenbild Alberto Esteban und Area Efimeros) tanzt die Wiener Hofgesellschaft. Marie Antoinette wird von ihrer Mutter -großartig Laura Nistor, die in dieser Rolle debütiert und ihrer Kollegin Rebecca Horner, die diese Rolle ebenfalls tanzt, in Nichts nachsteht – an den jungen Ludwig verheiratet. Mit immer dabei – mit Argusaugen wachend: Maria Theresia. Wie de Bana Maria Theresia als spinnenartige Beobachterin und Sittenwächterin ihrer Tochter sieht, ist neu, verstörend und sehr spannend.
Zunächst ist das Leben für Marie Antoinette am Hof von Ludwig XVI. heiter und unbeschwert- die Kostüme von Agnes Letestu drücken das gut aus – bis die ersten Revolutionsanzeichen in die Hofgesellschaft flattern. Im 2. Akt bricht die ganze Wucht der Revolution über das Paar und den Hof herein – hervorragend choreographiert – und Ludwig wird zur Guillotine geführt. Zurück bleibt Marie Antoinette in Isolation und Verzweiflung. Knapp vor ihrem Tod glaubt sie sich mit Ludwig und Elisabeth vereint, doch das Schicksal führt auch sie zur Guillotine.
Als packende Figuren führt de Bana „das Schicksal“ und den „Schatten der Marie Antoinette“ ein. Sie tanzen zur rasenden Musik von Carlos Pino-Quintana (Auftragskomposition) den Tod, der Marie Antoinette vom Anfang an bedroht. Francesco Costa und Nikisha Fogo brillieren in diesen schweren Rollen.
Noch ein Wort zur Musik: Sie kommt aus der Konserve und ist ein gut zusammengestellter Mix von Rameau bis Mozart und anderen Komponisten, die zu dieser Epoche passen.

John Hopkins, Diese Geschichte von Ihnen. Akademietheater

Nikolaus Ofczarek in seiner Lieblingsrolle als Berserker! ER darf sich Austoben. Drei Stunden schlägt, quält er sich selbst, seine Ehefrau, seinen Vorgesetzten und das Opfer, schleudert sich und andere quer über die Bühne, dass man um die Knochen der Schauspieler bangt. Nicht alle haben diese heftige Schlagorgie ausgehalten und gingen in der Pause. Die blieben, dankten den Schauspielern für ihre Leistung, vor allem für den körperlichen Einsatz.
Als Polizist mit 20 Dienstjahren am Buckel hat Johnson (Ofczarek) schon viel Grausames gesehen. Dass jetzt aber ein Mädchenschänder sein bestialisches Unwesen treibt, führt ihn an den Rand des Wahnsinns. Er meint, in Baxter (August Diehl) den Täter gefunden zu haben und quält ihn zu Tode, ohne wirklich zu wissen, ob er der Täter war.
Zu Beginn taumelt Johnson betrunken durch seine Wohnung, schlägt Möbel und Ehefrau (Andrea Clausen) kurz und klein.
Dazwischen wimmert er um Verständnis und Hilfe, die Bilder in seinem Kopf quälen ihn so. Man ahnt schon: Hier agiert der eigentliche Täter, der sich aber als Opfer sieht. Recht unglaubwürdig die Szene, in der die Ehefrau Maureen ihm immer wieder ihre Hilfe anbietet, just nachdem er sie grausam durch das Zimmer geschleudert hatte.
Im 2. Akt muss Johnson seinem Vorgesetzten (Roland Koch) Rede und Antwort über den Vorfall stehen. Wie kam es dazu, dass er Baxter zu Tode geprügelt hat? Hier wirkt das Stück langatmig, denn wie im 1. Akt fleht Johnson um Hilfe, kann nicht reden. Der Akt endet – wie man schon ahnt – gewalttätig.
Im 3. Akt findet der eigentlich spannendste Teil des Dramas als Rückblende statt: Der Zweikampf zwischen Johnson und Baxter – ganz großartig gespielt von August Diehl. Der gibt sich zuerst arrogant, droht mit seinem Anwalt. Johnson spielt „lieben Polizisten“, will ihn auf die sanfte Tour zum Geständnis bringen. Doch Baxter ist nicht so leicht weich zu bekommen. Auch nicht, als die ersten Schläge fallen. Mitten in diesem Kampf dreht sich das Geschehen um 180 Grad: Aus dem Verhörer wird ein Verhörter. Geschickt gelingt es Baxter, all die wüsten Vorstellungen von Gewalt und Sexualität, die in Johnson stecken, herauszuholen. Bis Johnson all die Gewalt, die in ihm lauert, frei lässt und Baxter erschlägt.
Ofczarek gelingt es mit dieser Rolle, Parallelen zu den Schergen der KZs wach zu rufen. Nicht umsonst trägt er ein entsetzlich braun-orangfarbenes Hemd, und seine an die Schläfen angeklatschten Haare erinnern ebenfalls an Köpfe der Nazizeit.
Was Hopkins mit diesem Drama bezwecken wollte, ist ambivalent: Einerseits plädiert er um Verständnis für Johnson. So gewalttätig, wie er ist, ist er durch den Beruf geworden, in dem er nur mit Mord, Grausamkeit konfrontiert war. Er hat für die Gesellschaft die Drecksarbeit machen müssen, Leichen aus dem Wasser fischen, vergewaltigte Mädchen im Park finden..All diese Bilder blieben in seiner Seele und haben Schaden angerichtet.
Andrerseits ist dieser Johnson aber an sich ein gewaltbereiter Mensch, der sich aus diesem Hang heraus zur Polizei gemeldet hat.Hopkins rührt mit dem Drama an einem der gravierendsten Probleme in den Staaten und nicht nur dort: Wie gewaltbereit ist oder wird ein Mensch, der um sich nur Gewalt erlebt?

Schlussbemerkung: Alle Schauspieler müssen rauchen, und zwar ziemlich heftig! Das scheint an vielen Bühnen Mode zu sein. Die Schauspieler rauchen, die Zuschauer husten! Gar nicht angenehm!

Gioacchino Criaco, Schwarze Seelen. Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Folio Verlag

Criaco schreibt so, wie er seine Protagonisten leben lässt: wild, sich um keine Klarheiten kümmernd. Der Roman – wenn es denn einer ist – spielt überall dort in Italien, wo Entführung, ERpressung, Mord und Bestechung zum täglichen Ritual wie Zähne putzen oder essen und trinken gehört. Die männliche Jugend des Dorfes Africo in Kalabrien geht vormittag in die Schule, nachmittag bewachen sie „Schweine“ – so werden die Entführungsoper genannt. Manchmal kommt so was wie Zweifel an dem Tun auf. Aber immer siegt der Wunsch nach Geld. Ein Postraub bringt ziemlich viel, hält aber die Burschen nicht ab, weiter zu morden und zu entführen. Die Freunde enden in einem bombastischen Showdown: Einige sterben bei dem Versuch, der Verhaftung zu entkommen, einige landen im Gefängnis.
Ermüdender Stil.

„Bella Ciao“. Italienisches Folk Revival im Wiener Konzerthaus

Che serata meravigliosa, splendida! Erinnerungen steigen auf an Feste auf der Piazza des Dorfes, wo gesungen und getanzt wurde. Eben genau diese Volkslieder, die teilweise uralte Lieder des Widerstandes gegen die „padroni“, die „preti“, die „capi“ (Aufseher) und die „gromiri“ (Streikbrecher) waren, Lieder der Sehnsucht der nach Amerika Ausgewanderten nach ihrer Heimat, aber auch heitere Lieder an die Angebetete, freche Lieder an diverse künstliche Schönheiten, die falsche Brüste, Haare, Zähne etc. in der Hochzeitsnacht ablegen. Auf dieses Lied habe ich gewartet, kam aber leider nicht. Vielleicht, weil die Gruppe fürchtete, so manche Lady im Publikum zu erbosen!
Also die Gruppe: drei fantastische Sängerinnen, mit dem richtigen Timbre für diese Art von Musik- heiser, gebrochen, nur manchmal einer heller Glockengesang: Lucilla Galeazzi, Elena Ledda, Ginevra di Marco – und Allesio Lega als männliche Stimmme. Riccardo Tesi gab mit seinem Knopfakkordeon den notwendigen nostalgischen Ton an, Gigi Biolcati legte mit seiner Percussion einen Hauch von Moderne über die Lieder.
Den Auftakt machten sie mit der langsamen Version von Bella Ciao. Frauen ziehen zur Reisernte. Danach die Partisanenversion. Dass dieses Lied 1964 einen handfesten Skandal beim Festival „Dua Mindi“ in Spoleto entfachte, ist verständlich. Denn bis heute hat es seine rebellische Gültigkeit nicht verloren. Tief melancholisch das Lied über das harte, bittere Leben in der Maremma (westlicher Teil der Toscana), wo die Hirten den Großteil des Jahres fern von der Familie bei den Tieren leben mussten. „Maledetta Maremma“, aber dennoch Heimat, die geliebt wird.
Maledetta ist auch die Stadt Gorizia, wo viele Italiener ihr Leben für einen unsinnigen Krieg lassen mussten. Eine deutliche Offensive an das Militär! Berührend auch der Gesang der Frauen, die beschließen, dem Papst ihr Elend zu klagen. Dass es nichts nützen wird, ahnen sie.
Gegen Ende des Abends wurden die Lieder heiterer, das Publikum klatschte begeistert mit. Drei Zugaben – und wir alle tobten vor Begeisterung!!!

Tosca an der Wiener Staatsoper

Wahrscheinlich geht der 9. April 2016 in die Annalen der Wiener Operngeschichte ein! Denn da stimmte bis auf das Bühnenbild aus uralten Zeiten (aber besser ein so verstaubt-konservatives als eine leere Bühne mit Sesseln) alles: Angela Gheorghiu als Tosca verwandelte sich von der kokettierenden, eifersüchtigen Schönen zur wütenden Frau, die sich nur durch einen Mord vor dem gefährlichen Tyrannen Scarpia retten kann. Bryn Terfel als gierig-grausamer Scarpia war von der Figur und der Stimme her ein idealer Teufel. Allerdings für meinen Geschmack zu wenig bedrohlich in der Darstellung. Glanzpunkt des Abends war jedoch Jonas Kaufmann. Seinetwegen war ja die Oper brechend voll. Alle waren wir gespannt, wie er nach fast dreimonatiger Bühnenabsenz singen wird. Ergebnis: Er ist im Spiel sicherer, steigt tief in die Tiefen dieser Rolle hinein, spielt nicht aufgesetzt und einstudiert, sondern ist in der Rolle drinnen. Seine Stimme ist durch die Pause wärmer, sicherer geworden. Und als er ganz leise, in sich und in seinen Erinnerungen versunken „E luvevan le stelle“ begann, da schuf er ein inneres Bühnenbild, eine innere Rückschau auf seine Liebe zu Tosca. Ich vergaß, dass es Oper war, ich sah nicht mehr das öde Bühnenbild, ich war verzaubert. Leider brauste ein tosender Applaus auf, noch bevor der letzte Ton ganz verklungen war, und riss mich brutal in die Wirklichkeit zurück. Eigentlich hätten ein paar Sekunden totale Stille auf diese Arie besser gepasst. Doch das Publikum tobte so lange, bis Kaufmann staunend und leise lächelnd zum Dacapo ansetzte.
Ein über 20 Minuten anhaltender Schlussapplaus schloss alle Beteiligten ein, auch den Dirigenten Mikko Franck, der nach dem ersten Akt noch einige Buhrufe einstecken musste.

Joseph Lorenz las aus dem Roman „Verdi“ von Werfel

Den „Freunden der Wiener Staatsoper“ ein großes Dankeschön, dass sie den Vorschlag von Joseph Lorenz aufgegriffen haben, zweimal Verdi zu präsentieren: Einmal gelesen, einmal gesungen.
In dem wunderschönen, holzgetäfelten Saal im Haus der Ingenieure ging am Mittwoch, 6. April 2016 von 18-20h ein Engel durch den Raum. So sagt man, wenn etwas Außergewöhnliches passiert. Lorenz las und man war in Venedig. Werfel beschreibt eine historisch nicht belegte Begegnung zwischen Verdi und Wagner in dieser Stadt des Verfalls. Die Figur des 70jährigen Verdi, müde, einfallslos, eröffnete sich uns mit all seinen Selbstzweifeln, seiner Wut auf den ERfolg Wagners, seiner Mut- und Einfallslosigkeit beim Komponieren. Seine innersten Gedanken, seine Neid auf Wagner, seine Enttäuschung und zugleich Schadenfreude über seinen Tod – all das las Lorenz mit einer Verve, einer Kraft und einem Mut zum Pathos, das an Oskar Werner erinnerte. Wir, die wir dieses Ereignis miterleben durften, saßen gebannt von dieser Stimme und bekamen die Gänsehaut.
Etwas lautstark wurden wir in die Ralität zurückgeholt, wenn Monika Bohinec, Sorin Coliban, Paolo Rumetz und Jinxu Xiahou dazwischen Verdiarien sangen. Aber – um ehrlich zu sein – der Abend gehörte Lorenz und Werfel. Die Arien unterbrachen den Fluss der ERzählung. Nur ungern ließ man sich immer wieder herausreißen.
Die Fans vonJoseph Lorenz fragen immer wieder: Warum macht sich dieser begnadete Schauspieler so rar? Denn außer in Reichenau, wo er dieses Jahr gleich in zwei Produktionen (in Doderers Dämonen und als Erzähler in Stefan Zweigs Roman „Brennendes Geheimnis“) zu sehen sein wird, tritt er nirgend sonstwo auf.
Sollte jemand mehr Informationen haben, dann lassen Sie es mich bitte wissen!

Joachim Meyerhoff, Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. Kiepenheuer&Witsch

Joachim Meyerhoff nennt es einen Roman. Im Grunde aber ist es eine Autobiografie. Eine berührende und erheiternde, detailreiche Schilderung seiner Jahre in München. Er wohnt bei seinen geliebten Großeltern und absolviert die ihm verhasste Schauspielschule. Sein Leben könnte nicht kontrastreicher verlaufen: Die Großeltern sind gebildete Großbürger, er ein Philosophieprofessor in Pension, sie eine einst berühmte Schauspielerin. Sie teilen den Tagesablauf nach den alkoholischen Getränken ein: Am Morgen ist Champagnerzeit, zu Mittag leichter Wein, ab 18h Whikytime. Für die Kapriolen und Schwierigkeiten ihres Enkels haben sie jedes Verständnis. Der leidet unter der unsinnigen Ausbildung enorm, hat das Gefühl, man wolle ihm jede Scham austreiben und ihn total brechen und verbiegen.Voller Witz und absurden Einfällen reiht sich dieser Band in die Erfolgsserie seiner beiden anderen Bücher – „Tote fliegen hoch“ und „Wann wird es endlich so, wie es nie war“ ein.
Nach der Lektüre dieses Buches kann man sich nur wundern, wie Meyerhoff trotz dieser katastrophalen Ausbildung zu so einem tollen Schauspieler geworden ist. Wahrscheinlich, weil er sich nicht verbiegen ließ und seinen eigenen Weg und Stil fand.
Silvia Matras empfiehlt dieses Buch!

Henrik Ibsen: John Gabriel Borkman. Akademietheater

Mir war, als wäre ich zwei Personen. Eine, die sieht, was sie sieht – und findet das Dargestellte witzig bis skurril. Wenn sich die handelnden Personen aus der dicken Schneedecke – es schneit die ganzen zwei Stunden durch – herauswühlen, wenn Birgit Minichmayer als Gunhild Borkman mit ihrer brüchig-rauchigen Stimme eine Dauerbetrunkene spielt, die raucht wie ein Schlot, säuft wie ein Einser und brüllt wie ein Waschweib. Wenn die erste halbe Stunde über Internet und Facebook hergezogen wird. Das alles ist witzig. Und man kapiert: Aha, der Regisseur Simon Stone hat den Ibsen in die Jetztzeit transportiert. Eh klar, die Finanzkrisen von heute funktionieren damals wie heute nach demselben System: Einer verzockt das Geld,das ihm gar nicht gehört. So weit – so schlüssig. Dann ist da die andere Zuseherin in mir. Die auf die Tragik des Stückes wartet. Darauf, dass alle Familienmitglieder – außer dem Sohn Erhart, gut gespielt von Max Rothbart – an ihren Lebenslügen ersticken: Gunhild, die ihre Hoffnung auf den Sohn setzt. Borkman (gut gebrüllt von Martin Wuttke), der seine Schuld als Banker nicht einsehen kann und nach der Gefängnisstrafe wieder ganz groß herauskommen will, und Ella Rentheim, die Zwillingsschwester von Gunhild, die ebenso auf Erhart hofft. Er soll ihr die noch zu verbleibenden Lebensmonate erleichtern. Die Tragik des Scheiterns und der Hoffnungslosigkeit bringt Caroline Peters in dieser Rolle – als einzige – wirklich auf die Bühne. Während alle brüllen und sich gegenseitig Scheißkerle nennen, steht sie stumm daneben und kapiert, dass sie auf Erhart nicht zählen kann. Dieses stumme Einsehen ist weit berührender als der brüllende Hass der beiden Eheleute.
Vielleicht sind Zuschauer, die dieses Stück vorher nicht kannten, von der Inszenierung und Neubearbeitung – so sie diese als solche wahrnehmen – begeistert. Und vielleicht stand mir im Wege, dass ich glaube, dass Ibsens Figuren eher an ihren eigenen Lebenslügen scheitern und tragisch enden, als dass sie sich in Hasstiraden anschreien. Ibsen arbeitete um vieles subtiler als Simon Stone.
Was mir noch auffiel: IN vielen Inszenierungen an der Burg und an der Akademie rauchen die Darsteller wie süchtig. (Wassa, Borkman, Drei Schwestern) Für das Publikum – und wahrscheinlich auch für die Schauspieler – eher unangenehm, denn der Rauch zieht sich bis weit hinein in den Zuschauerraum. Gehuste ist unausbleiblich.

Le Corsaire. Ballett. Wiener Staatsoper

Manuel Legris weiß um die Publikumswirksamkeit des Handlungsballetts. Vielleicht ist die Zeit reif, und man hat sich an den abstrakten Tanzperformances schon ein wenig satt gesehen. Im „Corsaire“ ist Legris für Musikauswahl (Adolphe Adam u.a.) und die Choreografie zuständig. Luisa Spinelli liefert dazu farbenprächtige Kostüme und zauberhafte Tableaus. Insgesamt eine opulente, sehr unterhaltsame Aufführung.
Dass Vladimir Shishov verletzungsbedingt ausfiel, war für seine Fans – zu ihnen zähle auch ich mich – natürlich schade. Aber Robert Gabdullin war ein würdiger Ersatz als Corsaire. Nicht nur sprungsicher, sondern auch einfühlsam im Pas de deux mit Liudmilla Konovalova als Medora. Der Abed gehörte aber Mihail Sosnovschi als durchtriebener Sklavenhändler Lanquedem. Wie er die schöne Gulnare – getanzt von der zauberhaften Kiyoka Hashimoto – dem gelangweilten Seyd Pascha als Sklavin anbietet – das tut fast körperlich weh. Wie eine Schale – wenn auch kostbar – legt er sie kriecherisch dem Pascha zu Füßen. Hart, klar und unbeugsam. Lanquedem tanzt den Part des Mannes, dem Frauen nur Waren sind, so intensiv, dass man nicht unberührt bleiben kann. Überhaupt ist das Thema des Balletts ziemlich eingängig: Frauen sind Ware, müssen schön sein, sonst sind sie nichts wert. Das schreibe ich jetzt nicht als Emanze – das bin ich sicher nicht, sondern als weibliche Zuschauerin.
Legris hält die Spannung zwei Akte lang gut durch. Im dritten jedoch strapaziert er die Geduld der Zuseher über die Maßen, wenn er von den Kleinsten der Ballettschule bis hin zu allen Halbsolistinnen alle einen Blumentanz aufführen lässt, der gerade nur als Referenz an die Ballettelevinnen gelten kann. Die Länge macht den Schluss zunichte.
Ein Wort noch zum Dirigat: Valery Ovsianikov atmet mit den Tänzerinnen und Tänzern. Sein aufmerksamer Blick gilt ihnen. Dadurch bewirkt er eine hörbare Einheit zwischen Tanz und Musik.
Lang anhaltender Applaus.

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit. Diogenes Verlag

Drei Geschwister -zwei Brüder und eine Schwester -bilden eine „liebe Familie“, die besonders durch die Mutter zusammengehalten wird. Als die Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen, zerbricht alles. Die Normalität gibt es nicht mehr. Nach vielen Jahren, in denen sie wenig voneinander hören, kommen sie wieder zusammen. Jules, der Jüngste, hat unter dem Verlust der Eltern am meisten gelitten. Marty, der ältere Bruder, ist erfolgreicher Geschäftsmann geworden. Die schöne Liz hat den Boden unter den Füßen ganz verloren, hält sich einen Liebhaber nach dem anderen und kifft sich aus der Realität weg.
2. Teil: Jules ist erwachsen, hat zwei Kinder. Er hat seine Jugendliebe Alva geheiratet. Doch nach acht glücklichen Jahren stirbt Alva an Krebs. Jules rast mit seinem Motorrad gegen einen Baum, überlebt und nimmt das Leben neuerlich an.
Tief im Inneren des Romans geht es um die möglichen und unmöglichen Formen der Liebe und der menschlichen Beziehungen. Da ist einmal die Beziehung der Geschwister untereinander. Sie streiten, sehen einander jahrelang nicht, aber es gibt zwischen ihnen einen tiefen Zusammenhalt. Dann gibt es die unverwirklichbare Liebe Tonis zur schönen Liz, die zwar viele Männer hat,aber immer von einer unerreichbaren Liebe träumt. Für Marty ist Liebe nur ein Wort. Ihm ist Zufriedenheit wichtiger. Zentrum des Romans bildet die tiefe und ausdauernde Liebe Jules zu Alva. Als sie stirbt, beginnt für Jules die Zeit des Erinnerns. Er erkennt, nur wenn er die Menschen an sich heranlässt, gibt es auch Erinnerung und kann er der Einsamkeit entkommen.
Benedict Wells weiß mit dem großen Wort Liebe behutsam und ohne Scheu umzugehen. Gerät nie ins Klischeehafte, obwohl er die Beziehungsformen durchaus auch im Alltäglichen auslotet. Ein Buch, das gut tut.

Arnon Grünberg, Amour fou. aus dem Niederländischen von Rainer Kersten. Diogenes Verlag

Daniel Kehlmann schrieb zu dem Roman ein Vorwort, das auf den Autor neugierig macht.“Ich habe Angst vor Arnon Grünberg“ schreibt er gleich zu Beginn. Als langjähriger Freund kennt er Grünbergg als höflichen, liebenswerten Menschen. Alle seine Romanfiguren sind höfliche Menschen, aber dahinte lautert der Schrecken, schreibt Kehlmann. Besser kann man den Roman nicht charakterisieren.
Marek van der Jagt ist ein Simplizissimus. Ein einfältiger Knabe, der in der Pubertät auf Jagd nach der „amour fou“ geht. Er will hinter dieses in der Literatur so häufig zitierte Phänomen kommen. Doch mit Schrecken muss er erkennen, dass sein Geschlecht Zwergengröße hat und nicht sehr für die ERkundung der amour fou geeignet ist. Seine Familie gleicht eher einem Zerrbild einer Familie: Den Vater lässt alles um ihn herum kalt, ihn interessieren nur geschäftliche Fusionen. Die schöne und exzentrische Mutter quält alle mit ihren Selbstmorddrohungen. Als Marek sie in die Berge nach Bayrischzell begleiten muss, stößt er sie auf einer Wanderung in den Abgrund. Ohne Gewissensbisse kehrt er im Jahr darauf allein dorthin zurück. „Bayrischzell liegt am Ende der Welt, danach kommt nichts mehr, nur noch Berge und nochmals Berge, und dann, zuletzt, Österreich.“ So endet der frivol-heitere-bedrohliche Roman. Und man wird süchtig nach diesem Autor mit seiner überbordenden Fantasie und seiner herrlichen Respektlosigkeit. Ein Feuerwerk an skurrilen Einfällen, Sprachwitz und irrwitzigen Einfällen regnet da auf den Leser herab.

Il re pastore, Konzerthaus Wien

Zu einem netten Gschichterl hat der 19jährige Mozart eine künstlerisch reife Musik komponiert,um ERzherzog Maximilian, einen Sohn Maria Theresias, gebührend zu feiern. Wenn es darum geht, einen hohen Gast als weisen und gütigen Herrscher auf die Bühne zu bringen, dann muss oft Alexander der Große herhalten. Dieser installiert den Hirten Aminta als rechtmäßigen König, verpasst ihm gleich dazu eine Gattin. Doch wie das so ist, liebt Aminta eine andere, nämlich Elisa, und willigt recht wenig begeistert in eine Ehe mit der Prinzessin Tamili ein. Die ist auch nicht von diesem Arrangement begeistert, liebt sie doch Agenore. Als Alexander erkennt, was er da angerichtet hat, kehrt er den einsichtigen, gütigen und weisen Herrscher hervor und lässt die richtigen Paare zusammenkommen.
Der Abend begann mit Bangen, denn Rolando Villazon, der ja das Zugpferd des Abends und des Kartenverkaufs war, ließ sich ansagen. Aber wir alle, die gekommen sind, um ihn endlich auch einmal in Wien zu hören – der Direktor der Wiener Staatsoper scheint ja den Bannfluch über diesen so beliebten Sänger verhängt zu haben – waren dennoch von seiner Bühnenpräsenz begeistert. Denn wie so oft, wenn Villazon mit einer Infektion kämpft und dennoch auftritt, macht er eventuelle Stimmprobleme mit komödiantischem Einsatz wett. So auch an diesem Abend. Sein Schmelz in der Stimme war dennoch zu hören, wenn auch einige Male die Stimme nicht so recht gehorchen wollte. In seiner Rolle als Alexander spielte er eher einen kumpelhaften Herrscher. Als besonderen Gag des Abends trat er mit einer Schüssel Weintrauben auf, die er während seines Auftritts an seine Mitsänger-Innen und an die Damen im Publikum verteilte. So sorgte er für Schmunzeln und Lachen und gerne vergaß oder überhörte man eventuelle Stimmschwächen. Das Publikum liebte ihn und dankte ihm mit Blumensträußen, die er -wie so oft -vor den Augen der Spenderinnen gleich zerpflückte und an seine Truppe weitergab.A propos Truppe. Die war vom Feinsten! Allen voran Martina Janková als Hirte Aminta und späterer König. Bezaubernd auch Regula Mühlmann als seine Geliebte. Les Arts Florissants wurde von William Christie einfühlsam dirigiert.

Es war der dritte Abend in der Reihe „Great Voices im Konzerthaus“.
Weitere: Angela Gheorghiu am 25.5. und Beczala & Sonya Yoncheva am 19.6. 2016.
Infos:www.greatvoices.at und www.konzerthaus.at

Zülfü Livaneli, Serenade für Nadja, aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Klett-Cotta

Livaneli zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern der Türkei. Aus seinen Romanen ist herauszupüren, dass er Filmemacher und Komponist ist. Denn seine Geschichten sind musikalisch und lesen sich wie Drehbücher -so griffig, ergreifend.
Livaneli baut seine Romane nach einem bestimmten Konzept: Immer steckt in einer Geschichte eine andere – die wesentliche, die wichtige, die erst enthüllt werden muss.Ähnlich wie im Roman „Schwarze Liebe, Schwarzes Meer“ erzählt ein alter Mann einer jungen Frau seine Geschichte – er schält aus der Vergangenheit die schrecklichen Ereignisse Scheibe für Scheibe heraus.
Maya, eine junge Türkin, arbeitet an der Universität in Istanbul.Sie bekommt den Auftrag,den betagten Professor Maximilian Wagner,der zu einem Gastvortrag eingeladen wurde, während seines Aufenthaltes zu betreuen. Das erweist sich als schwieriger als angenommen. Der alte Mann hat eigenartige Wünsche, unter anderem bei Eiseskälte an die Küste gefahren zu werden. Dort spielt er auf seiner Geige ein Musikstück. so lange, bis er fast erfriert. Maya rettet ihn vor dem Erfrierungstod, und Maximilian Wagner erzählt ihr die erschütternde Geschichte seiner Frau Nadja, einer deutschen Jüdin. Sie war auf dem bulgarischen Schiff Struma, auf dem über 700 Juden durch eine Explosion ums Leben kamen. Die Explosion war kein Unglück, sondern von England und der Türkei herbei geführt. Man wollte verhindern, dass diese 700 Menschen nach Palästina einreisen.
Wagner kehrt zurück in die Staaten, Maya kündigt an der Universität und beginnt die Geschichte Nadjas und Maximilians aufzuschreiben.
Livaneli ist ein Autor, dem es darum geht, die Verganheit, insbesondere während und nach dem 2. Weltkrieg, aufzudecken. Dabei schont er niemanden, insbesondere nicht die Rolle des türkischen Staates.
Packend erzählt, ohne ins Reißerische abzugleiten.
Silvia Matras empfiehlt diesen Autor!!

Andrea Eckert: Zum Weinen schön, zum Lachen bitter. Theater Akzent

Wie der Titel verspricht: Es war ein Abend zum Be- und Nachdenken, ein Abend zum Schmunzeln und zum Lachen. Selten sah man Andrea Eckert so witzig, komisch und gleich darauf verzweifelt, bis in die Seele betrübt und verstört. Sie brachte Lieder und Texte von jüdischen Autoren, die entweder vor den Nazis ins Ausland flüchteten oder im KZ umkamen. Ohne Bitternis, ohne Vorwürfe. Die Sehnsucht der ins Ausland Geflüchteten hörte man, die unbeugsame Freude am Leben, den hinterlistigen jüdischen Witz. In den komischen Szenen spürte man deutlich, wie das Publikum begeistert mitging. Etwa im bekannten Song „Benjamin, ich hab nichts anzuziehen“ oder in dem bezaubernden Lied über eine Kleptomanin „Schatz, ich kann nicht sehen, wenn wo was steht..“
Zusammen mit André Heller stellte sie das Programm zusammen, einfühlsam am Klavier begleitet von Benjamin Schatz.
Mit drei Zugaben, unter anderem mit dem Wienerlied „Mei Muatterl war a Weanerin“, das ihr Frederic Morton bei jedem New York-Besuch mit Tränen in den Augen vorspielte, wie sie erzählt, begeisterte sie das Publikum total.

Am 7.8.9.14.22.23. April wird Andrea Eckert im Metro Kino in Wien wieder in ihrer legendären Rolle als Callas in „Meisterklasse“ zu sehen sein. .
Weitere Infos: www.andrea-eckert.com
Programminfo Theater Akzent: www.akzent.at

La Traviata in der Volksoper

Diese Traviata muss man gesehen, gehört und erlebt – mitgelebt haben! Nicht nach, sondern neben Netrebko ist Rebecca Nelsen die beste Violetta weit und breit am Opernhimmel. Ihr Stimme, ihre Darstellung reißen mit. Da kann niemand unberührt bleiben. Klug und einfühlsam wird sie von der Regie und dem Bühnenbild (Hans Gratzer) und einer subtilen Lichtführung (Frank Sobotta) unterstützt.
Schon vor Beginn der Oper sehen wir sie in einem leeren Raum auf dem Krankenbett liegen. Regungslos. Nur einmal hebt sie sehnsuchtsvoll die Arme nach einer Kindfigur mit Ball (Tod? – Leben? -ihre Kindheit?). Fast immer ist die an sich leere Bühne durch einen grauen, sehr transparenten Vorhang geteilt. Davor leidet, liebt und stirbt Violetta in totaler Einsamkeit, isoliert auch in der Liebe und erst recht im Tod. Hinter dem Vorhang ist die Welt, die Gesellschaft. Alfredo, gesungen von dem Koreaner JunHo You, agiert nur selten mit Violetta gemeinsam vor diesem Schleier. Meist lässt der Regisseur ihn dahinter singen. Selbst während der Liebes- und Sterbeszene bleibt Violetta allein an der vorderen Bühne. Alfredo steht statuenhaft hinter dem Schleier. So werden ihre abgrundtiefe Einsamkeit und Verzweiflung auch szenisch klar gezeigt. Rebecca Nelsens Gesang und Spiel ist außerdem derartig stark, dass JunHo nur schwer neben ihr bestehen kann. Denn darstellerisch ist von dem Koreaner nicht viel zu erwarten. Wenn auch seine Stimme im Laufe des Abends immer überzeugender wirkt, bleibt er neben der glutvollen Violetta ein steifer Stock. So ist es gut, wenn er hinter dem Schleier singt und agiert. Fast hat es den Anschein, als wollte der Regisseur dem Alfredo eine gewisse Distanz einschreiben.
Großartig gelingen die Massenszenen. Immer wieder mischt sich in die feiernde Gesellschaft eine Gruppe von Figuren wie aus der Comemedia dell‘ arte. Alle tragen weiße Totenmasken und tanzen einen makabren Veits- oder Totentanz. Einfallsreich und beeindruckend gelingen auch die Szenen mit den Zigeunerinnen und die Parodie auf die Liebe des Torerors zu seiner Angebeteten. Nicht unerwähnt soll Ales Jenis als Vater Germont bleiben. Er ist zuerst ein rigoroser Patriarch und am Ende ein zutiefst Bereuender. Unter dem erfahrenen Dirigenten Alfred Eschwé erklingt Verdis Musik wie neu gehört. Und das, obwohl es die 133. Vorstellung war!
Die ganze Inszenierung ist einem eingängigen, klugen Konzept unterworfen, das da heißt: Diese Violetta ist vom Anfang an dem Tod anheim gestellt. Und nichts, weder die schalen Freuden der Gesellschaft, noch die Liebe kann sie retten.
Begeisterter Applaus des Publikums.
Silvia Matras empfiehlt diese Inszenierung sehr!!

Anna Baar, Die Farbe des Granatapfels. Wallstein Verlag

Anna Baar 1973 in Zagreb geboren verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Wien, Kärnten und auf der Insel Brac. In diesem Roman verarbeitet sie ihre eigenen Erinnerungen. Der Roman ist eine subtil-hochpoetische Verarbeitung der Probleme eines jungen Menschen, der zwischen zwei Kulturen – der des „Vaterlandes mit der Vatersprache“ und „der des Mutterlandes mit der Muttersprache“ aufwächst und in keiner der beiden wirklich beheimatet ist.
Das Kind Anna verbringt die Sommer bei ihrer Großmutter Nada auf einer Insel nahe bei Split. Sie liebt die Kargheit des Lebens und der Insel, auf der es wochenlang nicht regnet, sie nur hin und wieder sich waschen darf, Essen nicht weggeworfen wird. Nada ist eine lebensvolle Frau, die das Kind über alles liebt, es vereinnahmt und nur schwer erträgt, wenn es am Ende des Sommers sie verlässt und nach Österreich zurückkehrt.Genau wird die Sprache, ihre grausamen Redewendungen (z.B. „bis zur Vergasung“) ernst genommen. Immer wieder verfällt das Kind in Angstzustände, ausgelöst von der heiß geliebten Nada. Doch je älter das Kind wird, desto mehr löst sie sich von Nada, aber sie bleibt da wie dort, im Vater-Land und im Mutter-Land, ein Zaungast. Als Nada schon gebrechlich ist und im Altersheim in Zagreb wohnt, erzählt sie der nun erwachsenen Anna von den Schrecken des Jugoslawienkrieges, und Anna „stirbt alle Tode mit“. Haus und Garten auf der Insel verwildern und verfallen.
Dieser Roman braucht, manchmal auch verbraucht die Geduld des Lesers. Starke poetische Bilder und minitiös genaue Beobachtungen sind sprachlich überzeugend formuliert, aber in den Wiederholungen ermüdend. Es lohnt jedoch, sich auf dieses Sprachkunstwerk einzulassen, weil vieles, worüber die Autorin reflektiert, vielleicht auch in der Kindheit und Jugend des Lesers selbst noch unbehoben ruht. Im Lesens steigen ähnliche Erinnerungen auf und machen nach-denklich.

„6 Österreicher unter den ersten 5“ im Theater im Rabenhof

„Wie oft hast du das schon gespielt?“ frage ich Nikolaus Habjan nach der Vorstellung. ER sieht seine Partnerin Manuela Linshalm fragend an: 50 Mal ? Sie nickt. Trotzdem wirkt das Stück, als wäre gerade Première. Die drei auf der Bühne – Habjan und Linshalm als Puppenspieler und Richard Schmetterer als Dirk Stermann – suhlen sich so richtig im tiefsten Wienerisch. Schmetterer ist der Deutsche, der nicht am Wienerischen verzweifelt, sich mit Taxifahrern, Würstelstandfrauen und Huren einlässt, versucht sie zu verstehen oder sogar in ihrer Sprache zu sprechen. Das muss unweigerlich herrlich schief gehen. Denn die Wiener Typen würden nicht zulassen, dass der Piefke sich an ihrer so einmaligen Fäkaliensprache beteiligen darf. Denn Wiener zu sein, Wienerisch zu sprechen ist ein Privileg. Die köstlichsten Szenen spielen sich vor dem Würstelstand ab, wenn der Piefke die Feinbetonung und Färbung des Urwieners lernen möchte. Hochstilisiert und fein-kafkaesk ist die Beamtenszene. Da geht das Spiel in schräge Feinheiten über, verlässt die Schenkelklopferaktionen, wie etwa die des furzenden Taxilenkers eine ist. Das war um eine Spur zu lang, doch dem Publikum gefiel`s und es jaulte vor Freude bei jedem Furz auf. Dass der Wiener hier in seiner hypertrophen Haltung „Wir san wir und nach uns kommt lang niemand“ voll auf die Schaufel genommen wird, ist so manchem vielleicht nicht so klar gewesen.
Ein ganz besonderer Reiz liegt natürlich darin, dass es Puppen sind, die sich die ärgsten Schimpfworte mit Genuss an ihre hässlichen Köpfe werfen. Die Puppen (toll gebaut von Lisa Zingerle und Nikolaus Habjan) sind die Barriere, die das Stück vor der Peinlichkeit schützen. Puppen dürfen alles, auch das grausliche Lied auf den „Grüpl“ (= Krüppel) singen, der hilflos im Rollstuhl sitzt und vergeblich auf Hilfe wartet. Das Publikum klatscht und singt eifrig mit.Gruselig.

Onegin. Ballett, Choreografie John Cranko. Wiener Staatsoper

Kurz und bündig: Es war ein großartiger Abend! Die Leistungen der Tänzer durchwegs beeindruckend und in manchen Szenen auch sehr berührend.
Ein transparenter Vorhang mit dem Porträt Puschkins, auf dessen Versroman die Geschichte basiert, lässt den Blick auf eine heitere Gesellschaft frei, die sich unter hohen Birken tänzerisch vergnügt. Besonders glücklich und frühlingseuphorisch ist das Paar Olga – ganz bezaubernd und jugendlich frisch von Natascha Mair getanzt – und Lenski (sehr überzeugend Davide Dato). Der Gesellschaft ausweichend und in ein Buch vertieft sitzt Tatjana – Ketevan Papava – und träumt von Eugen Onegin (Wladimr Shishov). Dieses Paar in seiner ganzen Tragik und Intensität kann nicht besser getanzt und gespielt sein – ja, auch den Balletttänzern verlangt man schauspielerische Fähigkeiten ab -als von diesen beiden. Vielleicht gelingt der sehr schwierige Anfang etwas zu stark akzentuiert: Onegin als eitler Langeweiler, den die Gesellschaft und Tatjana anöden, stolziert zu betont gelangweilt über die Bühne. Aber da ist zu bedenken, dass für Langeweile kein geeignetes Tanzrepertoire zur Verfügung steht. Der Eindruck löst sich sofort, als die beiden in der Traumsequenz ihre Liebe zueinander entdecken. Aber eben nur im Traum. Das bittere Erwachen bleibt Tatjana nicht erspart, als Onegin ihren Liebesbrief vor ihren Augen zerreißt. Die heitere Gesellschaft wird durch die Duellforderung Lenskis in alle Winde zerstreut. Berührend ist Davide Datos Solo vor dem Duell – die Zweifel und die Verzweiflung setzt er in eine fast träumerische Tanzsequenz um.
Zehn Jahre später: Tatjana hat Fürst Gremin (mit der nötigen Würde von Kirill Kourlaev gestaltet) geheiratet. Das Wiedersehen zwischen Onegin und Tatjana explodiert in einem zwischen Ablehnung und Hingabe getanzten Pas de deux. Intensiver ist es wohl nicht möglich. Atemlosigkeit im Publikum, dann tosender Applaus.
Immer wieder beweist sich die Stärke eines Handlungsballetts. Trotz ziemlich verstaubter Kulissen zieht die Choreografie John Crankos aus dem Jahre 1965 das Publikum tief in das äußere und seelische Geschehen hinein. Der Großmeister des Handlungsballetts wusste, wie er sein Publikum faszinieren konnte.Die Musik stellte Kurt-Heinz Stolze aus verschiedenen Werken Tschaikowskis zusammen. So entstand ein stimmiges Werk, das bis heute unverändert das Publikum begeistert.

Salvatore Settis: Wenn Venedig stirbt. Streitschrift gegen den Ausverkauf der Städte. Aus dem Italienischen: Victoria Lorini. Wagenbach Verlag

Man kennt die Argumente, die Salvatore Settis vorbringt. Aber wenn man sie alle, akribisch und wissenschaftlich und empirisch gut dargelegt, Wort für Wort zu lesen bekommt, dann wundert man sich, warum niemand etwas gegen diesen Ausverkauf Venedigs und anderer Städte tut. Die Politik geht vor dem gierigen Markt in die Knie. Das ist beschämend und macht hoffnungslos. Dass jede historische Stadt eine Seele hat, die sie an Tourismus- und Bauindustrie ungeschaut und ungestraft verkauft, ist eine Tatsache, deren sich zwar Bürgermeister und Konsorten bewusst sind, die ihnen aber herzlichst egal ist. Mit „Seele“ kann man kein Geld verdienen, meinen sie. Und vergessen, dass eine von Touristen und Spekulanten zu Tode gebrachte Stadt eines Tages nichts mehr einbringen wird. Weil inzwischen schon Reproduktionen dem Original die Show gestohlen haben. Mit Schaudern liest man von den „Projekten, Venedig zu retten“, die da sind: ein künstliches Venedig – Art Disneylandvenedig – gleich vor den Toren Venedigs hinzustellen oder gigantische Türme, die den Markusdom weit an Höhe überragen, im letzten noch genützten Ackerland oder auf den Inseln in der Lagune zu bauen. Wer schon einmal erlebt hat, wie so ein Riesenkreuzfahrtschiff fast direkt vor den Markusplatz ankert, der weiß, wovon der Autor warnt. Obwohl jeder Politiker um die Gefahr weiß, die solche Schiffe für Venedig bedeuten, ist noch immer diesem verbrecherischen Business kein Riegel vorgeschoben worden.
Jeder, der Venedig liebt, jeder, der sich über den Ausverkauf der Städte Gedanken macht, sollte dieses Buch lesen. Vor allem sollte es den Politikern, Baulöwen und Architekten als Pflichtlektüre verordnet werden. Es gibt genug Architekten, die tatsächlich fordern, Venedig müsse „modernisiert“ werden, indem man neue Architektur mitten in die Palazzi stellt. Ihnen ist jede Altstadt nur Spielwiese für ihre eigene Verwirklichung.

Lena Gorelik, Null bis unendlich. Rowohlt Verlag

Lena Gorelik liebt und pflegt einen schwierigen Stil. Der Leser soll sich anstrengen, über die Zeitsprünge, die abrupten Änderungen in den Protagonisten nachdenken. Denn nichts ist fix in dieser Liebesgeschichte, die auch wieder keine ist. Fix scheint nur die Liebe zu Zahlen zu sein. Elf, Null, Eins, Zwei – sie geben als Kapitelüberschriften Struktur und den drei Menschen, um die es sich handelt, Halt. Die Sprache ist so sprunghaft wie die Charaktere. Nils Liebe – so heißt der männliche Protagonist – erklärt Sanela gleich zu Beginn des Romans, dass er beschlossen hat, sie nicht mehr zu lieben. Am Ende dann kommt er zur Erkenntnis und dem Geständnis, dass er sie liebt. Viel zu viel wird da um die Liebe herumgeredet.
Sanela ist als Kind aus dem jugoslawischen Kriegsgebiet alleine nach Deutschland gekommen, kann nicht die Sprache und weiß nicht viel über das Land. Der überaus intelligente Schüler Nils Liebe freundet sich mit ihr an, hilft ihr, sich zurecht zu finden. Die Freundschaft hält so lange, bis Salena nach einer Reise in ihr Heimatdorf, wo sie nach dem Grab es Vaters sucht, einen Selbstmordversuch begeht. Da trennt er sich von ihr.

Fünfzehn Jahre später hat Sanela einen Sohn, den sie Nils-Tito nennt und der autistische Züge hat. Ihr Ehemann Clemens ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Da meldet sie sich wieder bei Nils Liebe, der inzwischen ein international anerkannter Journalist geworden ist. Sie beginnen ihre Freundschaft von neuem. Als Selena unheilbar krebskrank wird, geht Nils Liebe mit ihr durch die Hölle, bleibt aber bis zum Ende bei ihr.
Ganz ohne Kitsch und Lamento handelt die Autorin das Thema Sterben ab. Fast grausam -lustvoll führt sie aus, welche Qualen die kranke Sanela sich und Nils Liebe zufügt, um nicht in Selbstmitleid zu verfallen. Als sie eine letzte Reise ans Meer unternehmen, verschwindet sie aus dem Leben, indem sie ins Meer hinausschwimmt.
Nils Liebe nimmt die Vaterstelle für den verwaisten Nils-Tito ein.
Lena Gorelik ist keine Autorin, die „berührt“. Ihr Stil ist kalt, schneidend, erbarmungslos. Man muss sich darauf einlassen wollen.

Der eingebildete Kranke im Burgtheater

Zuckerlbarock, Streetdance-Akrobatik, Sprachverrenkungen und alle nur erdenklich geistigen Verrenkungen schleudert der Regisseur Herbert Fritsch in dieser Inszenierung vor die Ohren und Augen des staunenden und amüsierten Publikums. Bekannt als Workaholiker und im Werk Molières mit Inszenierungen des Tartuffe, Schule der Frauen und des Geizigen gut eingearbeitet, bietet er in dieser Burgtheaterinszenierung alles auf, was er so in seiner Theaterkiste hat: Slapstick, absurdes Theater, Klamauk auf höchstem Niveau, hervorragend unterstützt von der Kostümbildnerin Victoria Behr. Da springen und tanzen die Figuren in bonbonartigen Barockkostümen mit hohen Perücken durch die Gegend, die Ärzteschaft in gummiartigen Mänteln mit vampirlangen Fingernägeln und Argan, der eingebildete Kranke, in einer Art Ganzkörperunterhose mit Schnellfeueröffnung am Hinterteil, um für Klistiere allzeit bereit zu sein.
Die Geschichte ist bekannt: Argan zahlt Unsummen für Arzneien und unnötige Behandlungen der Ärzte, will seine Tochter mit einem Dummkopf von Arzt verheiraten. Sie aber ist in einen armen Musikanten verliebt, den sie durch die kluge Intrige das Dienstmädchens Toinette am Schluss doch bekommt. Der Abend steht und fällt mit den Schauspielern, und die leisten Enormes, noch nie auf der Burg so schon einmal gesehen!! Allen voran Joachim Meyerhoff als Argan – er ist in seinem Element, darf extemporieren, was das Zeug hält. Seine gut fünf Minuten andauernde stumme Performance mit dem Cembalo verdient einen Extrapreis.Mit voller Lust an Selbstaufgabe wirft er sich in die Rolle des dummen, eitlen, eingebildeten Kranken. Was für ein Schluss: als er stolz den Ärztemantel anzieht, an die Rampe tritt und eine lange Zeit stumm ins Publikum forscht und dann mit den Worten endet: Lassen Sie mich bitte durch, ich bin Arzt! Tosender Applaus.
Seine Gegenspielerin ist die gewitzte Toinette, gespielt, gehüpft und geturnt von dem grandiosen Markus Meyer, der für die verletzte Caroline Peters kurzfristig „einsprang“ – und das ist wörtlich zu nehmen. Man kennt ja Markus Meyers körperliche Wendigkeit aus anderen Inszenierungen, aber hier übertrifft er sich selbst. Großartig auch Marie-Luise Stockinger als die liebestolle Tochter Argans. Wenn sie sich während der Aufführung ein Schütteltrauma zuzieht, wäre das kein Wunder. Willenlos wie eine ausrangierte Gliederpuppe wird sie herumgeworfen, gewirbelt, wird auf ihr herumgestiegen. – Ein Frauenbild aus dieser Zeit – und sicher auch noch der Gegenwart. Köstlich auch Dorothee Hartingerals intrigante Stiefmutter Bélinde. Die Schar der Ärzte ist durch und durch der Lächerlichkeit preisgegeben.
Langer Applaus und viele Bravos!

Ian McEwan, Kindeswohl, Diogenes

Dieser Autor hat den sicheren Griff für brisante Themen! Diesmal geht es um schwierige gerichtliche Entscheidungen, die die angesehene Richterin Fiona Maye zu fällen hat: Ein 17-jähriger Mark leidet an Leukämie und braucht dringed eine Bluttransfusion. Seine Eltern als überzeugte Zeugen Jehovas lehnen das aus religiösen Gründen ab. Ebenso er selbst. Die Richterin führt im Spital ein langes Gespräch mit dem Kranken, ohne ihn wirklich von der Notwendigkeit der Transfusion überzeugen zu können. Sie entscheidet unter dem Aspekt des Kindeswohls für die Transfusion. Wie sich herausstellt, sind die Eltern und auch der Junge glücklich über diese Entscheidung. Während dieses Findungsprozesses erinnert sich die Richterin an den anderen schwierigen Fall, den sie zu entscheiden hatte: Siamesische Zwillinge sind so unglücklich miteinander verwachsen, dass entweder beide sterben werden oder nur einer durch eine Operation gerettet werden kann. Aber welcher? Fiona Maye entscheidet sich für die Rettung des stärkeren, lebensfähigeren Kindes. Doch diese Entscheidungsfindung hat ihr sehr zu schaffen gemacht und auch ihr Eheleben gestört: Sie entfernte sich immer mehr von ihrem Mann Jack. Durch den zweiten schwierigen Fall wird die Kluft zwischen ihnen noch größer.
Ian Mc Ewan weiß Spannung zu halten. Mark wird gesund, beginnt ihr Dankesbriefe zu schreiben, folgt ihr sogar auf einer Dienstreise nach. Doch den Schluss wollen wir hier nicht verraten…

Ursula Prutsch, Eva Peron. Leben und Sterben einer Legende, eine Biografie. C.H. Beck

Der Historikerin Ursula Prutsch mit Schwerpunkt Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert ist ein kleines Wunder gelungen: Aus dem Dickicht von Mythen, Legenden und privater Erzählungen, Verklärungen und Verdammngen so etwas wie „Wahrheit“ über Eva Peron herauszufiltern. Und das auch noch „sine ira et studio“. Tatsächlich spürt der Leser, dass Ursula Prutsch versucht, der Person Eva Perons gerecht zu werden, ohne eigene mögliche Vorurteile aufkommen zu lassen. Wo sie das Geschehen aus Erzählungen wiedergibt, verwendet sie den Konjunktiv. Wo sie auf Fakten stößt, den Indikativ.
Eva Peron, 1919 geboren als Eva Duarte. verschleiert ihre uneheliche Geburt. In armen Verhältnissen aufgewachsen gelingt es der schönen jungen Frau, im Radio- und Theaterleben Fuß zu wachsen. Sie lernt Juan Peron sehr früh kennen und ist bald eine wichtige politische Kraft an seiner Seite, verhilft ihm zum Wahlsieg. Da sie für die Armen immer ein offenes Herz hatte und unermüdlich sich die Bitten und Klagen aus dem Volk anhörte und sich persönlich um Lösungen der Probleme bemühte, wird sie bald so etwas wie eine Heilige und übertrifft ihren Mann an Beliebtheit. Als sie mit 33 Jahren an Krebs stirbt, stürzt ihr Tod das Land in Unruhen. Eva Perons Leichnam wurde gleich nach dem Tod mumifiziert und einige Male umgebettet. Ein skurriler Streit entsteht um den Besitz der Leiche.
Interessant ist vor allem, wie ursula Prutsch immer wieder auf die Charakteristika des Populismus in der Diktatur Perons hinweist, die Funktionsweisen und Tricks aufdeckt, mit denen das Volk eingelullt wurde. Deshalb ist das Buch auch ein wahres Lehrstück in Sachen Politik, und dazu noch ausgezeichnet geschrieben und gut lesbar.
Im letzten Teil behandelt die Historikerin das Wirken dieser Frau nach ihrem Tod, ihre Mythologisierung in der Literatur und Musik, ihr Fortwirken bis heute in Argentinien. Auch in der ehemaligen, langjährigen Präsidentin Cristina Kirchner, deren Vorbild Eva Peron war. „So kann die Geschichte von Eva Peron auch als Lehrstück für das Handeln von Populisten gelten, heißen sie nun Hugo chavez, Victor Orban, Jean-Marie und Maine Le Pen, Jörg Haider und Sarah Palin.“

Lucy Foley, Die Stunde der Liebenden, übersetzt von Chr. Dormagen und B. Heinrich. Insel Verlag

Dieser erste Roman der Autorin ist zwar noch kein „Pageturner“, aber man darf auf den zweiten gespannt sein, mit dem es ihr vielleicht gelingt, auf die Liste der Bestseller ganz nach oben zu klettern.
Noch hat die Autorin nicht ihren eigenen Weg gefunden, folgt zu sehr den gängigen Romantrends der Gegenwart. So arbeitet sie mit all zu häufigen Zeitensprüngen. Eine Episode ist kaum länger als zehn Seiten, manche nur zwei bis drei.Auch der häufige Perspektivewechsel sorgt für Unruhe. Dadurch kommt die Entwicklung der Personen nicht so recht in die Gänge. Denn einmal sind die Protagonisten jung und haben ein ganz anderes Profil, gleich wieder alt.Einmal befinden wir uns in Paris, dann in Korsika, dann in New York und so weiter.
Es ist die Lebensgeschichte der Engländerin Alice alias Celia und des Malers Tom. Aus der Kinderfreundschaft wird Liebe, die jedoch durch widrige Umstände -Krieg, gesellschaftliche Hürden -sie stammt aus einem reichen Elternhaus, er ist ein armer Schlucker – nie so richtig ausgelebt werden kann. Als sie in ganz jungen Jahren
einmal doch zusammenfinden, wird Alice schwanger. Zum Entsetzen ihrer Eltern. Die Mutter sagt ihr nach der Geburt, das Mädchen sei tot, und gibt es zur Adoption frei. Als Alice diesen Betrug aufdeckt und ihre Tochter kennen lernen möchte, ist es zu spät. Denn diese ist in jungen Jahren gestorben. Aber deren Tochter Kate, also die Enkelin lebt. Und die macht sich auf die Suche nach der ihr bis dahin unbekannten Großmutter Alice. Klingt kompliziert, ist es auch. Kate lernt zunächst Tom kennen, der ein berühmter Maler geworden ist und in Korsika lebt. Von ihm erfährt sie Bruchstücke dieser Liebesgeschichte. Später reist sie zu Alice, die in New York und Paris gut gehende Kunstgalerien betreibt, und erfährt den Rest. Auf dieser Suche durch die Zeiten des Zweiten Weltkrieges bis in das Jahr 1986 breitet die Autorin die Liebesgeschichte aus. Dass sich Alice, als sie knapp vor dem Weltkrieg ihren über alles geliebten Tom wieder findet, doch nicht für ein gemeinsames Leben entscheiden kann, kann die Autorin nicht wirklich gut argumentieren. Wohl deshalb,damit der Roman nicht frühzeitig in einem Happy End endet.
Lucy Foley ist eine begabte Autorin. Mit einer etwas stingenteren Erzählweise könnte sie durchaus in die Fußstapfen von Jojo Moyes treten.

Val McDermid, Der lange Atem der Vergangenheit, übersetzt von Doris Styron. Drömer Verlag

Die bekannte schottische Autorin von Bestsellerromanen liefert mit diesem Kriminalroman einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des Jugoslawienkrieges. Anfangs kommt das Geschehen nur mühselig in die Gänge, der Leser muss sich durch verschiedene Geheimdienste, Polizeiorganisationen und andere Gruppierungen in Schottland, England und dem Kosovo drchkämpfen. Ab ca. Seite 130 gewinnt das Geschehen an Fahrt.
Die Geografieprofessorin Maggie Blake verliebt sich während des Bürgerkrieges in Dubrovnic in den intelligenten, allseits bewunderten Geheimdienstgeneral Mitja Petrovic, der aus dem Kosovo stammt.Zu Beginn des Romans wird ein Skelett auf dem Dach einer Schule mit einem Einschussloch im Schädel gefunden. Es stellt sich heraus, dass es dieser vor acht Jahren verschwundene Mitja ist. Nun entwickelt die Atorin, geschickt die grausame Vergangenheit des Jugoslawienkrieges mit der Gegenwart verknüpfend, die Geschichte von Maggie Blake und Mitja Petrovic. Sie führt durch diesen „Dschungel von Macht“, ohne jedoch zu werten oder zu (ver)urteilen. Die Gräuel, die sowohl die Kroaten den Serben und die Serben den kroaten angetan haben, werden geschildert ( vielleicht ein wenig zu ausführlich -bedient da die Autorin einen gewissen Voyeurismus?). Die Tatsache, dass zu viele Täter davongekommen sind und sich so manche – wie ebene auch Mitja – als private Rächer aufspielen, wird ebenso wie die Frage nach Recht und Gerechtigkeit gestellt. Hat der Mensch das Recht, Rache zu üben? Wie effizient arbeiten Gerichte? Die Frage von Opfer und Täter spielt ebenso eine wichtige Rolle. So wird aus der Kriminalstory fast ein Lehrstück über die Aufarbeitung oder eben Nichtaufarbeitung von Kriegsverbrechen und der Schuldfrage.

Werner Schwab, Die Präsidentinnen. Akademietheater

Trashverliebt, grauslich, punkig, fäkaliensprühend, jedem Bürgersinn für Anstand zuwider spielend..Ja, das alles ist dieses fantastische Stück von Werner Schwab. Viele Besucher verlassen fluchtartig das Theater. ABER: BITTE BLEIBEN, JEDEN ANSTAND VERGESSEN UND ÜBER DIE VERFLUCHT EINSAMEN PRÄSIDENTINNEN LACHEN!
Ja, man kann herzlich lachen, obwohl das Schicksal der drei Frauen zutiefst traurig ist.
Was die drei Schauspielrinnen unter der exzellenten Regie von David Bösch leisten, ist unfassbar komisch und tragisch zugleich:Regina Fritsch mit einer von Motten zerfressenen Pelzhaube, ist bigott, geizig und sparsam, so sparsam, dass der Tag, an dem sie besagte Haube und einen kaputten Fernseher im Müll fand, für sie ein Festtag wurde. Sie vegetiert von einer Mindestrente, träumt von Enkelkindern, die ihr der „verkehrsscheue“ Sohn Hermann sicher nie schenken wird. Ihre Wohnung ist ein einziger Müllhaufen. Dorthin lädt sie die zwei anderen „Präsidentinnen“ ein: Die etwas besser gestellte Pensionistin Grete (Barbara Petritsch),über und über mit Talmi und zerrissenen Spitzen behängt, und das arme Mariedl (Stefanie Dvorak) in dreckiger rosa Unterwäsche, das sich ihren Unterhalt als Kloputzerin verdient, die es „auch ohne macht“, nämlich die verstopfte Klomuschel auch ohne Gummihandschuhe reinigt. Wer von den drei Frauen die ärmste, elendste und traurigste Figur ist, kann man nicht sagen. Wie die drei nun diese Elendshäuflein spielen, ist einfach hinreißend. Man kann herzlich lachen, auch wenn einem manchmal zum Heulen zumute ist.
In ihrer Trostosigkeit träumen sich die drei in ein imaginäres Fest hinein – und da entsteht nun wirklich dichtes, berührendes, tragisches Theater: Grete träumt von einem „echten Kerl“, der ihr auf dem Tanzboden den Heiratsantrag macht, Erna vom Fleischhauer Wottila, der ihr auf dem Fest ebenfalls Avancen macht, und das Mariedl von ihrem triumphalen Erfolg beim Ausräumen der Aborte.Besonders geehrt fühlt sie sich durch die Dose Gulyasch, das Bier und das Parfum, das ihr der Pfarrer als Belohnung am Grund der Aborte versteckt hat. Das Fest endet mit der traurigen Erkenntnis, dass alles nicht so ist, wie geträumt. Nur Mariedl steigt in ungeahnte Höhen auf, von wo aus sie hellsichtig auf die Niedertracht der Menschen blickt.
Silvia Matras empfiehlt dieses Stück. Und auch das Programmheft, das viel über den Autor aussagt.

Barbara Vine, Kindes Kind. Übersetzung: Renate Orth-Guttmann. Diogenes Verlag

Barbara Vines Roman „Kindes Kind“ verblüfft: Immer noch sind Probleme wie Homosexualität, „freie Liebe“ ohne Trauschein und uneheliche Geburt ein Problem in unserer Gesellschaft. Dass in den 50, 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Betroffene mit gesellschaftlicher Ächtung bestraft wurden, ist bekannt. Aber auch heute sind Toleranz und Akzeptanz noch keine Selbstverständlichkeit. Deshalb baut B. Vine eine Art Doppelroman oder Roman mit Rahmenroman.
Sie zeigt vor allem in dem „Rahmenroman“ auf, wie sehr dieses Thema auch in der heutigen Gesellschaft noch tabu ist, lässt aber eine gewisse Hoffnung auf Toleranz durchschimmern. Im Hauptroman, auf den der Titel gemünzt ist, zieht sich als roter Faden das totale Unverständnis für Homosexualität und uneheliche Geburt durch: John, der schwule Bruder der Protagonistin Mauve, ist in seinen attraktiven Partner hoffnungslos verliebt. Der jedoch hält nichts von Treue und erpresst ihn immer wieder mit der Drohung, die Beziehung öffentlich zu machen. Am Ende bringt er John um, weil dieser ihm mit seinen romantischen Liebesbeteuerungen lästig geworden ist. Das eigentliche Hauptthema ist jedoch die „Schande“. Homosexuell zu sein ist nicht nur für den Betroffenen, der mit diesem „Makel“, wie das Gesellschaft sieht, leben muss, sondern für die ganze Familie eine Schande. Eine Schande ist es ebenso, wenn ein junges Mädchen/eine Frau ein uneheliches Kind bekommt.Maud ist noch nicht sechzehn Jahre alt, als sie von einem Klassenkamerad schwanger wird. Die Eltern verstoßen sie, drohen mit Erziehungsheim. Nur ihr Bruder John hilft ihr, zieht mit ihr weg in ein Dorf, wo keiner sie kennt, und gibt sich als Ehemann aus. Das Kind kommt zur WElt, wird ein attraktives, sehr begabtes Mädchen mit dem sinnträchtigen Namen Hope. Doch Mauve hat die Kränkungen, die man ihr angetan hat, nie verwunden und vereinsamt, wird kalt, lieblos auch der einst so vergötterten Tochter gegenüber. Hope rächt sich dafür und lässt sich mit 16 von einem Freund ganz bewusst schwängern. Die beiden heiraten..Vielleicht wird diese Generation toleranter werden, lässt Barbara Vine durchblicken.
Insgesamt ein spannender Roman. Die Frage ist, wie sinnhaft es ist, einen Roman im Roman zu schreiben. Denn der Leser ist im 1. Roman mitten im Geschehen und wird ziemlich abrupt in den 2. Roman hineingestoßen. Dass die oben angeführten Probleme auch heute noch virulent sind, hätte die Autorin sich auch anders aufzeigen können. Da B.vine aber eine Kennerin der menschlichen Seele und der Abgründe darin ist, nimmt man diesen wohl bewussten Bruch auch gerne hin.

Drago Jancar, Die Nacht, als ich sie sah. Aus dem Slowenischen übersetzt von Daniela Kocmut und KlausDetlef Olof. Folio Verlag

Der Titel klingt nach Liebesromanze. Der Roman handelt aber nur zum Teil von der Liebe. Im ersten Teil wird die Liebesgeschichte der schönen, verwöhnten Veronika, die in Ljubeljana mit einem Alligator herumspaziert, der aber dann getötet und ausgestopft werden muss, weil er ihren Ehemann in der Badewanne (sic) gebissen hat.
Was da so skurril und fast heiter-ironisch daherkommt, entwickelt sich zu einem der stärksten Romane über die Zeit, als der Zweite Weltkrieg fast schon zu Ende ging und in Slowenien ein wildes Durcheinander an Kämpfern herrschte. Da gab es noch die königstreuen Truppen des Königs Peter, der aber schon im sicheren Exil weilte. Dann die Deutschen, die die Tito-Partisanen und vermeintliche Kommunisten jagten. Dann jagten die Partisanen die Deutschen und meuchelten die so genannten Verräter an der Sache nieder. Keiner konnte mehr dem anderen trauen. So offen über die Situation knapp vor und nach dem Ende des 2. Weltkrieges in Slowenien hat noch kein Schriftsteller geschrieben. Geschickt knüpft er die Handlung rund um die charismatisch-schöne Veronika, Ehefrau des reichen und etwas zwielichtigen Leo Zarnik. Der junge Stivo, ein begeisterter Königstreuer, soll ihr das Reiten beibringen. Schnell werden die beiden ein Paar, sie verlässt ihren Mann und zieht mit Stivo ganz in den Süden, wohin er zur Strafe wegen dieser unstatthaften Beziehung abkommandiert wird. Doch lange bleibt sie nicht. Schlamm, Hunger und tödliche Langeweile lässt sie wieder zu ihrem Mann zurückkehren, der inzwischen eine Burg gekauft hat. Dort halten die beiden nun Hof. Heißt: Trotz Krieg geben sie Feste, laden Gäste ein, darunter auch Deutsche. Ihr Mann untertützt heimlich die Partisanen, hält aber gute Geschäftsbeziehungen zu den Deutschen, was dem Ehepaar letztendlich zum Verhängnis wird: Ein Arbeiter aus dem Dorf, der auch auf der Burg arbeitet und sich in die schöne veronika verliebt hat, denunziert sie aus verletzter Eitelkeit. Die beiden werden grausam gefoltert und Veronika von der ganzen Truppe vergewaltigt, bevor sie stirbt.
Es ist ein Roman, der von dem Leiden berichtet, das alle Menschen, egal zu welcher Schicht, politischen Partei oder Nation sie gehörten, heimsucht, von der Reue über blutige Taten, die aus blinder Wut und Parteigehorsam geschehen sind und nicht wieder gut zu machen sind. Mit einfühlsamer Sprache ohne Künstlichkeit weiß Drago Jancar den Leser in den Bann zu ziehen.
Silvia Matras empfiehlt: D. Jancar, Die Nacht, als ich sie sah.

Willy Puchner, Unterwegs, mein Schatz. G&G Verlagsgesellschaft. Nilpferd

Heureka! Die Plage und Frage, was schenke ich wem zu Weihnachten, ist für dieses Jahr gelöst. Ganz einfach: Willy Puchners Buch, Unterwegs, mein Schatz, ist das ideale Geschenk Es kann ja niemand in der WElt geben, der dieses Buch nicht mögen wird!! Es ist ein Buch über die Liebe zu Tieren und Menschen, über die Liebe der Menschen zu den Tieren, über die Liebe der Menschen zu Menschen, ein Buch über die grenzenlose Phantasie, die alles ermöglicht. „Sing einfach ein Lied, denn singen ist wie fliegen… als ich zu singen begann, flog ich wie ein Vogel, dann marschierte ich durch Glas und Schnee“ heißt es einmal. Willy Puchner hat die Texte selbst geschrieben und natürlich auch dazu gezeichnet. Es ist ein Buch, das gegen schlechte Laune, Einsamkeit, Traurigkeit hilft, denn man muss es einfach lieben und über die Einfälle lächeln. – Und schon ist das Leben ein wenig leichter!
Silvia Matras empfiehlt Willy Puchner,Unterwegs mein Schatz

Radek Knapp, Der Gipfeldieb. Verlag Piper

Wir wissen: Radek Knapp bezaubert mit leisen Tönen, kleinen Ereignissen und Beobachtungen und mit feinem Humor. So auch wieder in dem neuen Roman „Der Gipfeldieb“. Der Icherzähler ist in Polen geboren, bei seinen Großeltern aufgewachsen und mit 12 Jahren von seiner Mutter „zwangsweise“ nach Wien entführt worden. Diesen Bruch in seinem Leben konnte er ihr lange nicht verzeihen. Gegen seinen Willen bekommt er mit 34 Jahren die öst. Staatsbürgerschaft -irgendwie von seiner Mutter eingefädelt. Darüber ist er gar nicht glücklich, denn es droht ihm die Einberufung zum Heer. Diesem kann er sich durch eine geeschickt Charade entziehen und leistet 3 Monate Zivildienst im Altersheim.
Dieser Plot klingt aufs erste nicht gerade umwerfend interessant. Was aber der Autor daraus macht, ist feinste Prosa. In schlichter Sprache kommen Entdeckungen über das Leben daher,dass man nur so staunt. Man fühlt sich wie Alice im Wunderland: Die einfachsten Dinge des Lebens werden ganz neu gesehen. Wendungen im Leben des Icherzählers sind ungewohnt, verblüffend. So auch seine Entscheidungen. Ob er die Fixanstellung im Altersheim annehmen soll? Köstlich dazu der Weg zur Entscheidungsfindung. Der Erzähler ist keiner, der sich dem Mainstream hingibt, denn er weiß:“Alles, was altmodisch ist, hat eine große Zukunft vor sich.“ So schätzt er auch besonders Menschen, die sich nicht in das Schema Ottonormalverbraucher einordnen lassen, wie etwa den Gipfelstürmer, der von allen großen Gipfeln einen Stein abgebrochen hat. Aus dieser Sammlung schenkt er dem Erzähler einen – er soll sein Glücksstein werden.
Radek Knapp reiht sich mit diesem Roman in die große Tradition der Schelmenromane ein. Sein Schelm stellt sich ähnlich wie Don Quijote gegen den Strom der Zeit. Das Buch tut gut, weil es von der Langsamkeit im Leben schwärmt, von schrulligen, liebenswerten Menschen erzählt und von einer Abwendung von der so genannten digitalen, schönen, neuen Welt.

Milena Michiko Flasar: Ich nannte ihn Krawatte. Wagenbach Verlag

Es ist die Erzählung über das langsame Wachsen einer subtilen Freundschaft. Ein Arbeitsloser („die Krawatte), der eben gekündigt wurde und es seiner Frau nicht zu gestehen wagt und vorgibt, täglich zur Arbeit zu gehen, und ein junger „Hikikomori“ – so werden in Japan Jugendliche bezeichnet, die nicht mehr aus dem Haus gehen und jeden menschlichen Kontakt verweigern – begegenen einander auf einer Parkbank, jeder verunsichert, dem Leben entfremdet. Ganz langsam beginnen sie Kontakt aufzunehmen.Das ist der äußere Plot. Aber das Buch enthält wunderbare poetische Stellen, Beobachtungen aus dem Alltag. Der Icherzähler – eben einer der vielen Hikikomori – hat sich vor Jahren aus dem Leben, dem Schulbetrieb und dem Kontakt mit den Eltern zurückgezogen, als er mitansehen musste, wie sich sein Freund vor ein Auto warf. Nach Monaten wagt er sich ganz vorsichtig wieder auf die Straße und schafft es bis zu dieser Parkbank.Und lässt den Blick des Fremden auf ihn zu. Denn schon allein Blicke tun dem Menschenkontakt- Verweigerer weh. Diesmal aber lässt er es zu. „Ich ahnte es. Dass ich jetzt, da er mich bemerkt hatte, ein Bild in ihm geworden war. Er hatte jetzt eine Vorstellung von mir…Ich ließ es zu…Schaute selbst auch zu ihm hin. Nahm ihn weiter in mich auf. So wurde aus unserer minimalsten Bekanntschaft eine minimale Freundschaft.“ Und über Tage, Monate beginnen die beiden, einander ihre Verwundungen, ihren Rückzug aus dem Leben zu erzählen. Durch dieses sich Öffnen dem anderen gegenüber nähern sich beide auch wieder dem Leben. „Krawatte“ beschließt,seiner Frau den Verlust der Arbeit zu gestehen. Doch bevor es dazu kommt, stirbt er. Der Junge setzt sich wieder an den Tisch mit seinen Eltern. „Nach alledem beieinander zu sitzen und uns mit Hilfe des Uneigentlichen über das Eigentliche zu verständigen, war wie ein erstes Aufatmen, nachdem wir alle drei unter Wasser gewesen waren. Das Durchbrechen der Oberfläche. Wir prusteten noch.“ Die Rückkehr des Jungen in die WElt ist ein Anfang, geschuldet der Freundschaft zwischen ihm und er Krawatte.
Das Wunderbare an dem Buch: Es passiert fast nichts, dieses Nichts zieht dich aber wie ein Sog in die Zeilen hinein. Immer wieder stellt die junge Autori Lebensfragen, wie über die Lüge, die Illusion und das Glück.
Wie sie mit so viel Zartheit und Poesie alte Weisheiten über das Leben niederschreibt, ist ein literarisches Wunder.

Saphia Azzeddine, Zorngebete. Wagenbach

Dass Saphia Azzeddine zu den besten Schriftstellerinnen des Maghreb zählt, beweist sie wieder einmal in dem Roman „Zorngebete“. Die Icherzählerin Jbara ist 16 Jahre altund hütet die Schafe in Tafafilt, einem Ort in der Wüste, in dem kaum Fremde vorbeikommen. Sie weiß nichts von der Welt, auch nicht, dass sie schön ist. „Schönheit git es nur in der Sprache der Reichen“.Sie lässt sich von einem Jungen aus der Umgebung hin und wieder „besteigen“, ohne zu ahnen, wozu dieser Geschlechtsakt führt. Als sie schwanger wird, wird sie vom Vater, der ihr wegen seiner Pseudoreligiosität verhasst ist, vertrieben. Mit dem Bus fährt sie in die nächste Stadt, wo sie das Kind auf der Straße ganz allein auf die Welt bringt und es einfach liegen lässt. Als Putzfrau und auch als Nutte bringt sie sich durch, immer im Gespräch mit Allah, an dessen Existenz sie glaubt, aber ganz genau weiß, dass nur sie allein sich helfen kann. Die Frage nach dem richtigen Tun stellt sie ihm immer wieder und gibt sich selbst die Antwort. Eines Tages gelingt es ihr, in einer Villa der Reichen als Dienstmädchen zu arbeiten. Man liest mit großem Vergnügen, wie sie das absurde Benehmen der Bewohner beschreibt. Sie wird von ihnen als Mensch nicht wahr genommen: „Die Reichen sehen uns nicht“, auch nicht, als der Hausherr sie regelmäßig fickt und danach gleich wieder vergisst. „Es ist schrecklich, niemandem in Erinnerung zu bleiben“. Obwohl sie nicht lesen kann,lernt sie bald den „Unterschied zwischen einer Sonnenbrille von Fendi und Versace“ erkennen. Mit dem Wissen um das Tun und Treiben der Reichen wird sie bald zu einer gefeierten Stripperin, dann die Edelnutte eines Scheichs. Sie ist jetzt „Geschäftsfrau und ihr Körper ist ihr Büro“. Das geht so lange gut, bis ihr Scheich wegen Drogenhandels des Landes verwiesen wird und sie ins Gefängnis kommt.Nach der Haft heiratet sie einen „braven Imam“ und hofft auf ein ruhiges Leben. Doch die Schiegermutter will es nicht so und drangsaliert sie ordentlich. Als ihr Mann einen Schlaganfall erleidet, füttert und badet sie ihn und singt ihm, um die Schmerzen zu lindern, Lieder ihrer Kindheit vor. Immer wieder richtet sie ihre Zorngebete an Allah, hadert mit ihm, zweifelt an ihm, fragt nach dem Sinn des Leidens und des Bösen, um am Schluss zu erkennen: „Gut und Böse gibt es nicht. Dafür bist Du viel zu scharfsinnig. Allah, Du bestehst nur aus Zwischentönen und darum liebe ich Dich.“
Ein berührendes Buch ganz ohne Rührseligkeit. Dafür sorgt schon die direkte, oft sehr harte Ausdrucksweise. Azzeddine nimmt sich kein Blatt vor den Mund, nennt die Dinge beim Namen, ohne billig zu werden. Wenn sie den Geschlechtsakt beschreibt, so geschieht das sehr direkt, in groben Ausdrücken, denn genau so erlebt ihn Jbara.“Im Grunde kann ich mich nicht beklagen. Ich verkaufe Sex..was ist schlecht daran?“ fragt sie. Erst als sie so etwas wie Liebe zu ihrem sterbenden Mann empfindet, wird sie mit sich eins.
Saphia Azzeddine hat ein packendes Buch jenseits der gängigen Moralvorstellungen geschrieben. Sie geht hart mit den Lebensführungen der Reichen um, schildert mitleidlos den Lebensweg eines Mädchens, das von den Männern ausgenützt wird und das ihre Schönheit umgekehrt auch nützt, um am Reichtum mitzunaschen. Azzeddines Kritk richtet sich vor allem gegen eine Männerwelt, die unter dem Vorwand religiöser Gesetze Frauen schamlos ausnützen und sie, um sich ihrer ganz sicher zu sein, unter einen Schleier stecken. „Scheiße nochmal, dieser Schleier kotzt mich an.“ Und sie wird ihn ablegen. Zum Zeichen ihrer neuen Freiheit.

Saphia Azzeddine, Mein Vater ist Putzfrau. Übersetzung Birgit Leib. Wagenbach Verlag

Er hilft seinem Vater, diverse Büros, Bibliotheken des Nachts zu putzen. Paul ist zu Beginn des Romans ein kluger, flinker Knirps mit einer haarscharfen Beobachtungsgabe. Schonungslos analysiert er die Blödheiten der Erwachsenen, wie sie sch gockelhaft benehmen und wie wenig Hirn in ihnen ist. Nur seinen Vater und Priscilla findet er klasse. Für beide bemüht er sich. Seinem Vater, dessen Schwäche er liebevoll akzeptiert, hilft er, wo er nur kann. Die Liebe ist gegenseitig. Es ist rührend, wie sehr sich der ungebildete Vater um die Erziehung seines Sohnes kümmert. „Du sollst nicht so werden wie ich“, sagt er immer wieder. Das tut Paul weh. Weil er den Vater nicht enttäuschen will, lernt er, bringt es sogar bis zum Abitur. (Allerdings ein wenig erschwindelt – mit einer köstlichen Komödie vor der Mathematiklehrerin). Es ist pures Vergnügen, Paul bis zm Erwachsensein zu verfolgen. Er bekommt – natürlich – seine Priscilla nicht.  Er wird Steward. Als er seinem Sohn diesen Beruf erklärt, fasst dieser zusammen: „Also, du putzt, nur eben in der Luft.“

Einer der berührendsten Romane über eine Jugend am Rande von Paris, ehrlich, witzig, frech! Einfach liebenswert!!

Platzmangel oder: Dresscode in der Oper dringend nötig!

In Wien überstürzen sich die kulturellen Ereignisse, stehlen einander die Show, müssen aus Platzmangel verlegt werden – so das Eröffnungskonzert der Wiener Festwochen, das vom Rathausplatz nach Schönbrunn transferiert wurde – wo es thematisch auch besser hinpasste. Am Rathausplatz stellt man gerade die Kulissen für den Lifeball auf – eine Mischung aus ägyptisch-antikischem Luxor-Luxuspomp mit einem Schuss Klimt, von dem man ja auch das Motto: Ver Sacrum ausborgte. Goldene Kühe, die mich an den Tanz ums goldene Kalb erinnern, goldbehelmte Jünglinge – kurz alles Gold, Geld, um das es ja letztendlich geht. Aidsbekämpfung als toller Vorwand für Aufwand.

So auch in der Burg. Zum Galaabend strömten Adabeis und Geldadel im Abendlook – weiße Pelzstola durfte nicht fehlen. Allerdings finde ich die Idee, auf die Eintrittskarte „Elegante Abendkleidung“ als Dresscode zu setzen, ganz gut. Das sollte Meyer auch auf die Opernkarte schreiben lassen. Wieso merkt er eigentlich nicht, wenn er lächelnd Abend für Abend auf der Treppe steht und „Gäste empfängt“, wie manche da angezogen, besser ausgezogen sind? In Babyshort, Ruderleiberl und den Rucksack voll mit Getränken und Speckbrot? Aber zurück zur Burg. Dort rechtfertigten Florez und Netrebko wenigstens zum Teil die hohen Ticketpreise. Den Rest des Abend konnte man unter „nett“ verbuchen. Brave Texte von Rilke oder Zweig zum Thema Frieden und Toleranz – das riecht sehr nach Gutmenschaktion, auch wenn sie von Simonischek oder Minichmayr gelesen werden.  Dass Netrebko ihren Verlobten mit auf die Bühne bringt, um seine Karriere zu puschsen, ist verständlich, aber ihm nicht gerade nützlich. Im Terzett mit ihr und Bezala konnte er nur schwer mithalten. Insgesamt ein freundlicher Abend mit wenig Tiefgang …den sollte er wohl auch nicht haben. Aber nachdenklich stimmt er schon..Während für den Lifeball alles  Gold und Lametta aufgeboten wird, werden die Flüchtlinge  in schnell errichteten Zelten untergebracht. Aus Platzmangel – heißt es.

Aber weiter zu den restlichen EVents, zu Jonas Kaufmann. Er sang nicht im Zelt, sondern im Konzerthaus. Sein Operettenabend war ausgebucht, eine „gmahte Wiesn“. Das Publikum dankte mit frenetischem Apllaus, wohlwollend über die Schwächen seiner Stimme im ersten Teil und die mangelhafte Technik (er sang mit Mikro) hinweghörend. Im Moment kann Kaufmann ja alles singen. Selbst zu Fuchs, du hast die Gans gestohlen werden die Fans noch applaudieren. Ich hatte ihn jedenfalls schon besser gehört. Abe die Stimmschwäche erkklärt sich wohl aus der langen Liste der Konzerte, die Kaufmann seit dem 14. April im Zweitagesrhythmus wuer durch die Lande gegeben hatte.

Vor und in der Oper gibt man ein Wagnerspecial. Live am Platz können alle mithören – vom Mitsehen kann man bei der schlechten Qualität der Videowall nich reden. Wie immer meine Frage: Wann, Herr Direktor, bekommen wir eine bessere Leinwand???

Giselle rouge in der Volksoper Wien

Es war ein Fest für alle Sinne – ein Rausch. Ich wünschte am Ende der Vorstellung, dass alles noch einmal beginnt. Ich gebe ja gerne zu, dass ich ein Fan des narrativen Balletts bin und habe das an dieser Stelle auch schon einige Male betont. Vor allem bin ich ein Fan von Boris Eifman, dem wir ja schon so herrliche Ballettabende verdanken wie Anna Karenina und Carmina Burana. Was er diesmal auf die Beine und die Bühne gestellt hat, übertrifft alles:

Es wird die Lebensgeschichte der russischen Ballerina Olga Alexandrowna Spessiwzewa (1895-1991) erzählt. Ihre Schicksalsrolle war die Giselle, die sie in Russland, später in Paris, New York und Buenos Aires tanzte. Ähnlich wie Giselle verfällt auch Spessiwzewa einer Wahnvorstellung, die dazu führt, dass sie viele Jahre in der Psychiatrie verbringt.

Zu Musikstücken von Tschikowski, Schnittke und Bizet lässt Eifman das Schicksal dieser Tänzerin aufrollen. Olga tanzt zur Zeit der Russsichen Revolution am Marinski Theater in Moskau und ist bereits eine gefeierte Ballerina, von ihrem Lehrer geliebt und gefördert. Ein Kommissar der neuen Zeit macht die Ballerina zu seiner Geliebten. Sie ist zwar von seiner erotischen Macht angezogen, kann sich aber mit der Brutalität der Revolution nicht anfreunden. Er lässt sie nach Paris ausreisen, wo sie sich in den Partner, der im Ballett Giselle den Prinzen tanzt, verliebt. Er verstößt sie jedoch, weil er sich mehr zu einem jungen Balletteleven hingezogen fühlt. Sie fällt während einer Vorstellung in einen Wahn, aus dem sie nicht mehr erwacht. Ihr Leben endet hinter der Glaswand der Psychiatrie.

Ein Stoff, der alles für ein aufwühlendes Ballett hat: Leidenschaft, Kampf, Leiden, Liebe, die Macht der Masse.

Eifmans Choregrafie und das Bühnenbild+ Kostüme von Wiacheslav Okunev sorgen für Atmenlosigkeit im Publikum. Und natürlich die Tänzer: An einem Abend tanzten Ketevan Papava als Ballerina  und Vladimir Shishov als Kommissar einen  faszinierenden Eroberungs- bzw. Unterwerfungskampf. Sie erinnerte mich an Margot Fonteyn, sicher, grandios in ihren Bewegungen. Shishov – ein „Kerl“ von einem Mann, Furcht und Bewunderung einflößend. Sein herrisch-erotischer Tanz mit Papava geht wohl in die Geschichte des Balletts ein. Am zweiten Abend tanzten diese Rollen Olga Esina und Kirill Kourlaev – technisch perfekt, aber mir fehlte der Funke zwischen den beiden.  Kourlaev ist ja für seine enorme Sprungkraft bekannt, mit der er auch an diesem Abend brillierte. Olga Esina tanzte im 2. akt sehr berührend die verwirrte, dem Liebeswahn verfallende Giselle.  Eno Peci als Lehrer in Moskau und Roman Lazik als Partner in Paris waren ebenfalls  sehr überzeugend.

Beeindruckend auch das Corps de ballet als revoltierende Masse und im 2. Akt als Besucher einer Tanzpaar in Paris. Der Charleston hatte Pfeffer!

Auf ein Wiedersehen müssen wir bis Februar 2016 warte. (21.2  und  1.3. und 10 3. und 14.3. 2016)

Angelin Preljocajs B allett „Snow White“ (Schneewittchen) im Festspielhaus St. Pölten

Ich bekenne mich zum narrativen Ballett! Und daher war meine Begeisterung groß! Dieses Ballett ist einfach wunderbar. Wunder – bar, voller Wunder mit Mut zu Emotionen.

Aber nun in Details: Mit dem Vorteil dass dieses Märchen allen bekannt ist, kann sich Preljocaj alle nur erdenklichen Fantasien, Erotik, Traumvisionen und verrückte Einfälle erlauben: „Als ich die 7 Zwerge als Bergarbeiter über eine Felswand herunterpurzeln ließ, meinten alle: Du bist verrückt!“  sagte er mit liebenswürdigem Selbsthumor. Und das ist er -herrlich verrückt, man folgt seinen Einfällen mit offenem Mund und klopfendem Herzen. Das Märchen entwickelt sich auf mehreren Ebenen: Da ist einmal die Geschichte selbst, dann die Choreografie, dann die Musik -meist aus Mahlers Symphonien – dann das intensive Bühnenbild mit der wunderbaren Lichtregie und nicht zuletzt die Kostüme von Jean Paul Gaultier. Das Enfant Terrible in der Mode hat hier sich alle Fantasien geleistet: Schneewittchen im schlichten weißen Wickelschal, der zwischen den Beinen durchgezogen ist und reichliche Einblicke gewährt, die Stiefmutter in einem martialisch-aggressiven Kriegerkostüm als Bösartige, die mit Zärtlichkeit und Erotik Schneewittchen tötet. Eine Szene wird mir wohl viele Jahre im Gedächtnis bleiben: Die Stiefmutter schwebt als schwarzer Racheengel von oben auf das auf dem Boden liegendes Schneewittchen. Der Tötungsakt ist hocherotisch-mystisch, fast tief religiös. So könnte ich jede einzelne Szene hervorheben! Vor allem staunte ich über die tänzerische Hochleistung des ganzen Ensembles!

Schade, dass das Schneewittchen uns schon wieder am Sonntag 22. März verlässt!!

Elisabeth – Joe Harriet, Die unveollendete Geliebte/ Olga Waissnix & Arthur Schnitzler, Amalthea 2015

Hier wird Seelenstriptease auf höchstem Niveau betrieben. Die Autorin hat das Verhältnis der beiden Protagonisten akribisch durchleuchtet. Der Leser fühlt sich fast als Voyeur, wenn er der Liebesgeschichte, die sich im Lauf der Jahre in eine schöne Freundschaft klärte, in Briefen und Tagebucheintragungen folgt. Olga Waissnix ist die „schöne Wirtin“ vom Thalhof in Reichenau. Sie ist nicht nur schön, sondern auch intelligent und gebildet, vom Adel und der Wiener Gesellschaft, die im Thalhof Urlaub machen, umschwärmt. Schnitzler und sie lernen einander in Meran kennen und verlieben sich heftig ineinander. Aber Olga wird nicht seine Geliebte, weil sie den Skandal fürchtet. Ihr eifersüchtiger Ehemann Karl und ihr Vater Ludwig Schneider „überwachen“ mit Argusaugen ihre Tugend. In den Briefen, die zwischen den beiden regelmäßig gewechselt werden, kann man diese schwierige Liebe nachvollziehen. Im Mittelteil des Buches, als sich Schnitzler zahlreichen anderen Frauen zuwendet, wird es mühselig zu lesen. Da wird das Wort „Liebe“ in allen Varianten zu Tode geredet, sehr oft im Klischee erstickt. Schnitzler entpuppt sich als berechnender Egoist, Olga als unentschlossene Nicht-Geliebte.

Interessant wird es wieder, als beide sich für die Freundschaft entschließen und die Diskussionen um das Thema Liebe abflauen. Olga wird die erste und ausadauernde Bewunderin Schnitzlers als Schriftsteller. Als sie schwer an Bauchfellentzündung erkrankt, wird das Verhältnis beider inniger und ehrlicher. Auch wenn sie sich nur selten sehen. Olgas Briefe sprechen von den Schmerzen, die sie 6 Jahre hindurch ertragen muss. In dieser Zeit wird sie die gr0ße Versteherin eines schwierigen Dichters. Sie brauchen einander, um über die Trostlosigkeit des Lebens hinweg zu kommen. Olga stirbt mit 35 Jahren an einer missglückten Operation.

Das Buch ist für alle eingefleischten „Reichenauer“, die Sommer für Sommer nach Reichenau zu den Festspielen und zu Helga Davids Aufführungen pilgern, besonders interessant. Es ist eine Zeitreise in eine Vergangenheit, als dieser Ort noch kultureller und gesellschaftlicher Knotenpunkt war.

Wie ging es weiter mit dem „Thalhof“?

Nach  Olga Wasisnix´s  Tod ging es mit dem Thalhof bergab. In den letzten 16 Jahren wurde ein Teil des ziemlich herabgekommenen Hotels von Helga David als Theaterstätte erfolgreich bespielt. Die neuen Besitzer Ursula und Josef Rath haben den Vertrag mit ihr leider gekündigt. Es heißt, derThalhof wird total renoviert und soll wieder als Theaterstätte fungieren.

Michel Houellebecq, Unterwerfung, Dumont

Die gute Kritik zuerst: Der Plot ist genial, ein Kandidat aus der Bruderschaft der Muslime übernimmt 2021/22 die Herrschaft in Frankreich, und schleichend verändert sich das Stadtbild von Paris, Frauen verschwinden aus führenden Positionen und werden zurück an Heim und Herd beordert. Kritiker, Professoren der diversen Universitäten lassen sich durch weit höhere Gehälter, als sie bisher hatten, kaufen.  Francois, ein Professor für Literatur an der Uni Sorbonne, ist der Protagonist, der all diese Veränderungen registriert. Auch er wird angeworben – und nun der zweite geniale Einfall des Autors: Die letzten 4 Seiten, als es um die Entscheidung geht, ob Francois zum Islam übertreten wird und sich kaufen lässt, ein wahnsinnig hohes Gehalt für eigentlich keine Aufgabe annehmen wird – schreibt Houellebecq alles im Konjunktiv! Ein Hoch auf diese Idee! (ich liebe den Konjunktiv in der Literatur, der meines Wissens zum letzten Mal so genial von Michael Kehlmann in der Vermessung der Welt angewendet wurde). Er führt daher alle Leser, die auf Spannung aus sind – „wie geht das weiter, wie gehts aus“ – an der Nase herum!! Nichts ist entschieden, alles ist offen.

So, das war es schon von meiner Seite mit den Positiva. Ich gebe zu, ich mag einen Roman nicht, der schon mit so viel Lobeshymnen von den Medien eingedeckt wurde, dass der Leser sich schämt zuzugeben, ihm gefällt das Ganze überhaupt nicht. Also – ich gestehe es. Denn die gute Story ist durch ellenlange Abhandlungen über den spätromantischen französischen Schriftsteller Huysmans, über andere Schriftsteller und Philosophen, die man heute kaum mehr kennt – ich zumindest nicht und musste daher dauernd im Internet surfen, um zu lesen, dass der Gesuchte kaum von Bedeutung ist – also – um den Faden aufzunehmen, die gute Story ist durch die literarischen Exkurse über unbekannte Schriftstellerwelten und  Meinungen diverser Literaturhistoriker kaputtgeschrieben. Mühevoll bemüht sich Houellebecq  um existentielle Zusammenhänge, indem er Francois auf den Spuren von Huysmans an christliche Orte schickt, um herauszufinden, ob er im Christentum  Halt finden könnte. Denn durch die islamische Neuorientierung im Lande  und die Kündigung an der Universität ist dem armen Francois der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Vor allem ist ihm sein sexuelles Jagdrevier verloren gegangen, wodurch er sich bisher in seinem Mannsein bestätigt sah. Keine willigen Studentinnen mehr – kein Sex mehr. Auch die Freundin hat sich nach Israel abgesetzt. Deshalb der halbherzige Versuch, es zuerst mit dem Christentum zu probieren, was ihm nicht gelingen will und dann mit dem Islam, der zumindest ein Leben im Luxus garantieren würde. Aber eben nur „würde“ – die Entscheidung bleibt offen. Dafür danke ich dem Autor! Vielleicht auch noch für einige ironische Einschübe, die das Lesen erträglich machen.

Die Meinungen in der Leserunde: Es gab hymnische Beurteilungen, wie: Das wichtigste Buch über unsere von Gewalt und IS bedrohten Zeit (diese Seite des Islam spricht Houellebecq allerdings überhaupt nicht an, ja er scheint sie sogar tunlichst zu meiden). Viele aus der Runde meinten, dass die ersten 40, 50 Seiten sehr mühselig zu lesen waren (besagte Abhandlungen über Literatur und Philosophie), waren aber grundsätzlich von dem Buch angetan, weil der Autor seinen Protagonisten auf Sinnsuche schickt. Es fiel auch die Kritik, dass die Probleme, die sich in einer islamischen Regierung ergeben können,  zu banal dargestellt sind.

Meine zusammenfassende persönliche Meinung: Houellebecq zeigt eher eine gemütliche Unterwerfung unter den Islam auf. Vergleicht man den Titel „Unterwerfung“ mit dem Film „Submission“ (Unterwerfung) von Theo van Gogh, so fällt erst recht die Verharmlosung auf: Denn Theo van Gogh berichtet über die Unterwerfung von Frauen in der islamischen Welt, die zwangsverheiratet, vergewaltigt und geschlagen werden. Er musste seinen Mut ja bekanntlich mit dem Leben bezahlen. Das wollte Houellebecq ganz eindeutig nicht riskieren.

Die Frage nach dem Cover : einige meinten – es sei ein Symbol für die verschleierte Frau, andere sahen in dem Vogelgesicht das wachsame Auge des Geheimdienstes oder des Präsidenten. Auf alle wirkte der schwarze Vogel bedrohlich. Der Zusammenhang mit dem Werk bleibt offen.

 

Corrado Augias, Die Geheimnisse Italiens. Roman einer Nation. C.H.Beckverlag

Italiens Städte werden von einer innerliterarischen Seite durchleuchtet. Augias stöbert in den Werken der Literaten, in Briefen, in Büchern von Philosophen und entwirft zwar kein neues Bild auf Städte wie Rom, Palermo, Neapel, Mailand oder Venedig, aber doch gelingen ihm unübliche Blickwinkel. So weiß man zum Beispiel, dass Palermo ein kultureller Schmelztiegel aus Abendland, Islam und der griech.-byzantisnischen Welt ist, aber dass die Stadt vom Todesgedanken – inklusive Mafia – beherrscht wurde und wird, ist vielleicht nicht allen bekannt. Die Gesellschaft Roms stellt er als eitel, geschwätzig und oberflächlich dar. Interessant ist die Momentaufnahme Neapels aus den letzten Tagen der deutschen Besetzung. Da bewiesen die Bewohner Mut zum Widerstand, und zwar alle – vom Adeligen bis zum Straßenjungen. Doch dieses Aufflackern eines Stolzes verkam zu einem schäbigen Anpassen an die Befreier. Mailand wiederum definiert der Autor über die Geburt des Regietheaters unter Strehler. Mit den politisch brisanten Brechtaufführungen setzte Strehler wichtige gesellschaftliche Zeichen, die heute leider keine Wiederholung finden.

„Die Wahrheit über Italien“ oder die Geheimnisse Italiens hat auch Augias nicht ans Tageslicht bringen können. Denn wo liegt die Wahrheit einer Stadt oder gar einer Nation?? Das sind zu hoch und zugleich zu vage gesteckte Ziele. Aber für alle Italieninteressierte ist dieses Buch eine Bereicherung. Denn der Autor scheut sich nicht vor harter Kritik, die er zwar meist anderen – Literaten, Theater- oder Staatsmännern – in den Mund legt. Kritk dem eigenen Land gegenüber ist allemal besser als eitle Nabelschau.

Margret Greiner, Auf Freiheit zugeschnitten. Emilie Flöge, Verlag Kremayr&Scheriau

Endlich eine Romanbiografie, die sowohl den Namen „Roman“ als auch „Biografie“ verdient. Was weiß man schon über Emilie Flöge? -„Ach ja, das war doch die Geliebte Gustav Klimts“ oder „Gustav Klimt hat sie doch ein paar Mal gemalt“ – mehr kommt da nicht. Darum war es wichtig, dieses Buch über diese interassante Frau zu schreiben und zwar nicht nur als „Beigabe“ zu Klimt, nicht nur in der Konnotation mit Klimt. Denn Emilie Flöge war für ihre Zeit – und wahrscheinlich auch noch für heutige Zeiten – eine fortschrittliche, selbständige Frau. Sie führte ihren eigenen Modesalon zu einer Zeit, als man von Coco Chanel noch nichts wusste. Sie entwarf Mode, um die Frauen aus dem Korsett und den Zwängen des pompösen Kleiderwahns zu befreien. Ihre Entwürfe entstanden in Konkordanz mit den Wiener Werkstätten.

Als Lebensbegleiterin von Gustav Klimt hatte sie sich früh entschlossen, aus dem Kampf um die erotische Vormachtstellung in seiner Gunst auszusteigen,  alle Amouren ohne Kommentar hinzunehmen und ihm „die Frau an seiner Seite“ im öffentlichen und privaten Leben zu sein, ohne jede sexuelle Beziehung. Diese Haltung fiel ihr nicht immer leicht, aber es war für das Paar der einzig mögliche Weg der gegenseitigen Akzeptanz.

Margret Greiner gelingt es in einer unaufgeregten Sprache mit viel Feingefühl, die Figur Flöges lebendig werden zu lassen. Der Leser weiß immer, wo die Romanfiktion beginnt und wo andrerseits die Recherchen sich auf gesichertem Terrain befinden. In inneren Monologen, Dialogen und Reflexionen führt sie uns an den Charakter dieser interessanten Frau heran, und zwar so nahe, wie es ein Roman erlaubt und so distanziert, wie es eine Biografie verlangt.

Unbedingt lesen!

Eine reine Freude: Das schlaue Füchslein

Manche haben vielleicht die Nase gerümpft: Zu wenig tief gehend, zu lieb, zu kindlich, zu , zu, zu…Ja, alle die dem ach so ernsten Regietheater anhängen, waren unzufrieden. Wie Normalos, die unter den kahlen Bühnenbildern und den überzogenen Regieeinfällen leiden, genießen diese hinreißende Aufführung der Oper Janaceks „Das schlaue Füchslein“. Ich gebe ja den maulenden Kritikern recht, die da schreiben: zu wenig die Tiefe des Werkes herausgearbeitet. Aber einmal, wenigstens einmal, darf man sich an der witzigen-einfallreichen Musik – hervorrgend dirigiert von Tomás Netopil, und vor allem an dem zauberhaften Bühnenbidl – ein Wald, wie in alten Märchenbüchern – und den hinreißenden Tierkostümen, beides von der jungen und begabten Amra Buchbinder, ganz kindlich freuen, ohne jetzt groß darüber nachzudenken, ob jetzt Janacek der Tierwelt eine böse Menschenwelt entgegenstellen wollte, oder ob diese Fabel irgendeinen tieferen Sinn hat. Einfach hören, staunen und schmunzeln!!

Großartig: „Die sieben Todsünden“ im Volkstheater

Ein Abend mit Maria Bill, wie man sie liebt und kennt: Tolle Sängerin und berührende Schauspielerin. Unter der sensiblen Regie ihres Exmannes Michael Schottenberg führt uns Maria Bill durch einen Brecht-Weill – Abend wie man ihn schon lange nicht mehr erlebt hat: Dicht, packend und nachdenklich machend.

Im ersten Teil singt Maria Bill neun Lieder nach der Musik von Kurt Weill, unter anderem „Die Seeräuber Jenny“ oder die „Zuhälterballade“ aus der Dreigroschenoper, aber auch das zu einem Jazzstandard gewordene „Youkali“ von Kurt WEill. Sie steht, geschminkt wie eine Diva aus den 30er Jahren in einem engen schwarzen Kleid mit weißer Riesenboa, kerzengerade und riesig groß (auf unsichtbaren Stelzen.) Danach verwandelt sie sich übergangslos in Anna, zieht das schwarze Kleid aus, darunter trägt sie ein armseliges Mädchenkleid. In ausgetretenen Schnürschuhen und mit einem alten Koffer wird sie von ihrer habgierigen Familie (Eltern und 2 Brüder) -hinreißend gesungen und choreografisch im minimalistischen Stil dargestellt von Ivaylo Gruberov, Martin Mairinger, Johannes Schwendinger, Wilhelm Spuller – in die WElt geschickt, damit sie Geld für ein Häuschen in Louisiana verdient. Bill als Anna 1 und Anna 2 – bei der Uraufführung 1933 in Paris von einer Schauspielerin und einer Tänzerin dargestellt – weiß um die Doppelbödigkeit ihres Auftrages, der da heißt: Die 7 Todsünden zu vermeiden. Doch wenn Sünden zu Tugenden werden, weil damit Geld zu verdienen ist, dann ist alles anders: Die Liebe muss bezahlt werden, dann ist sie wertvoll, Gemeinheiten und Zorn sind nützlich, wenn sie zur Wertvermehrung beitragen. Anna durchreist die Stationen der 7 Todsünden in einer doppelbödigen Hellsichtigkeit, wissend, dass sie tun muss, was sie tut, weil die Gesellschaft -sprich die „Familie“ es so verlangt, aber auch wissend, wie sehr ihre Seele – Anna 2 – darunter leidet.

Unter der Leitung von Milan Turkovic spielt das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien flott und mitreisßend, ganz im Stil der 30er Jahre.

Ein Wort noch zu dem großartig gemachten Programm, das den Abend interessant komplettiert: Zu jeder Todsünde gibt es  themenbezogene Werke aus der bildenden Kunst, wie etwa Auszüge aus Bildern von H.Bosch oder Kubin. Dazu passend aktuelle, auf unsere Wirtschaft und Gesellschaft bezogene Interpretationen der so genannten 7 Todsünden, die heute ja alle bis auf die Trägheit zu Tugenden umgeformt wurden.

Unbedingt ansehen. Die nächsten Vorstellungen: 20., 24. November

 

Silvia Avallone, Marina Bellezza

Schauplatz: Italien, genauer Piemont, noch genauer die ehemealige Industriestadt Biella und die Gebirgstäler. Silvia Avallone schreibt den Roman der verlorenen Generation, die mitten in der wirtschaftlichen Krise Italiens keine beruflichen Chancen hat. Ein trockenes Thema? – Ganz und gar nicht. Die Autorin hat einen „blühenden“ Sprachschatz, manchmal überbordend in ihren Vergleichen, zuweilen auch ausufernd. Aber die Bilder sind stark.

Der Plot ist einfach: Andrea, Sohn des Ex-Bürgermeisters von Biella, liebt die Provinzdiva Marina Bellezza. Gegenssätzlicher könnte ein „Paar“ gar nicht sein: Er möchte wie einst sein Großvater auf eienr Alm Kühe hüten und Käse machen, sie träumt von einer Sängerkarriere. Der Start gelingt ihr auch recht viel verspechend. Doch eingebildet und unberechenbar  wie sie ist, bricht sie immer wieder aus dem Zirkus um sie herum, TV, Manager, Fans aus und kehrt zu Andrea zurück. Aber auch nur, um sicher zu gehen, dass er ihr noch immer verfallen ist. Die Heirat der beiden kann nur in neuerlicher Trennung enden.

Der Roman ist stark, wo er die Menschen in der Krise, die karge Gebirgslandschaft und die verlassenen Dörfer  schildert. In der Konstruktion hat er Schwächen: Die Autorin hätte gut daran getan, ihre ausufernde Sprachgewalt ein wenig zu zügeln – manchmal sind dieVergleiche, weil sie immer wieder kehren, mühselig. Auch die inhaltlichen Wiederholungen – teilweise liest sich der Roman wie ein Roadmovie der Beziehungen – ermüden ab der 2. Hälfte. Weniger wäre mehr. Man wünscht sich für den nächsten Roman,  dass sich  Silvia Avallone, die  ein großartiges Gespür für die richtigen Themen und für einprägsame Charaktere hat, ihre Bilderfreude ein wenig zähmt und inhaltlich stringenter wird.

Auf jeden Fall ist „Marina Bellezza“ trotz der manchmal gefährlichen  Nähe zur Trivialliteratur ein toller Roman, ehrlich und packend – bis zur Hälfte.  Bis zum Ende (560 Seiten) muss man sich dann durchkämpfen, die Energie ist irgendwie draußen.

Wien im Lieder-Rausch: Simon Keenlyside und Matthias Görne

Während an der Staatsoper ein etwas öder Alltag eingekehrt ist, spielt sich die interessante Musikszene ganz woanders ab: Am 28. Oktober sang im Musikverein der großartige Bariton Simon Keenlyside Schuberts „Winterreise“ und am 29. Oktober Matthias Görne im Konzerthaus Lieder von Robert Schumann. Zwei Abende, die ihresgleichen suchten.

Ein Vergleich stellt sich ein: Vorne weg: Beide haben einen wundervollen Bariton. Görne sang die „Winterreise“ während der Wiener Festwochen begleitet von Markus Hinterhäuser zu einer Filminstallation des Künstlers William Kentridge. Trotz der für mich nicht unbedingt einsichtig und notwendigen Installation sang  Görne eine Winterreise, die bis ins Innerste drang, von der fragilen Existenz des Menschen wußte. Görne war der Wanderer durch die eisige Welt.

Simon Keenlyside war ein – wenn ich so sagen darf- eleganterer Wanderer durch Eiseskälte. Seine Interpretation lässt irgendwie noch Hoffnung aufkommen, dass es im Jenseits besser wird.  Sein klangvoller Bariton steigt auf und besiegt die Trauer. Ich ging nicht so verstört weg wie nach dem Abend mit Görne. Auf seinen Rigoletto in der Wiener Staatoper Ende Dezember darf man gespannt sein.

Zu Matthias Görnes Schumann-Interpretation: Gewaltig und ziemlich bestimmend wurde er von Matthias Helmchen begleitet. Und Görne braucht so einen Begleiter, denn er liebt die Herausforderung. Ähnlich wie in der Winterreise gibt er alles, schont sich nicht, steigert sich kraftvoll in die Dramatik, um gleich darauf in eine hauchzarte Melancholie zu fallen. “ ..und aus dem Traum, dem bangen, weckt mich ein Engel nur“ -da waren Zuhörer und Interpret in einer anderen Welt und es herrschte eine lange Stille, bevor der Applaus einsetzte.

 

 

Eine etwas andere Alice

Im Schubertheater hatte „Alice“ nach dem Roman von Lewis Carroll in der Fassung und Regie von Simon Meusburger gestern Premiere. Schon der ziemlich rätselhafte Beginn verriet, dass man sich vom üblichen Aliceklischee „nettes Mädchen hat märchenhafte Abenteuer“ verabschieden muss. Hier ist nichts lieblich oder niedlich. Außer vielleicht der Schlafmaus, die mitten in ihrer absurden Erzählung einschläft. Alice ist eine selbstbewusste, um nicht zu sagen selbstgerechte kleine Person. Die Figuren, denen sie begegnet, wirken aburd, bedrohlich und skurril. Besonders die Königin. Sie erscheint als Riesenfigur, die bis zur Decke reicht. Lewis Carroll selbst tritt im Stück auf und fantasiert von kleinen Mädchen, an die er sich immer erinnern wird. (Ob er pädophile Neigungen hatte, ist nicht bewiesen, ist aber aus seinen Briefen an seine diversen kleinen Mädchen fast anzunehmen). Die Aufführung betont das Hintergründige, das Absurde und das Albtraumartige in der menschlichen Seele.

Claudia Six und Lisa Zingerle schufen witzige, liebenswerte Puppen. Was mich persönlichjedoch störte, war  die überstarke Präsenz der Schauspieler auf der Bühne. Sie verschwanden nicht wie sonst in anderen Stücken, die man im Schuberttheater schon gesehen hat, hinter den Puppen, so dass man total den Spieler hinter den Puppen vergessen konnte, sondern blieben immer im Bewusstsein und in der Sicht des Zuschauers. Das zerstörte oft die Stimmung.

Das Publkum dankte mit anhaltendem Applaus.

Weitere Aufführungen unter: www.schuberttheater.at

Die Komische Oper Berlin zu Gast mit der Zauberflöte im Festspielhaus St. Pölten

Halbes Vergnügen, halbes Leiden! So könnte man die Inszenierung auf den Punkt bringen. Regisseur Barrie Kosky und das Team „1927“ brachten Mozarts Zauberflöte als Slapstick-Komödie, als Comictheater, als Stummfilm mit Gesangseinlagen, als Videoclip mit interagierenden Livesängern, die allerdings ein wenig schwächelten. Zu Beginn war ich noch amüsiert, wenn die drei Damen als tratschlüsterne Bassenaweiber mit Hut und pelverbrämten Mantel auftreten, die Königin der Nacht als todbringende Riesenspinne, Sarastro als Deperoverschnitt aus der Zeit des Futurismus. Doch mit der Zeit wurden die vielen Schmetterlinge, Katzen, Totengerippe  und sonstigen Viecher, die die Filmleinwand bevölkerten, langweilig. Die Gags, wie so oft, wenn sie als Dauerbrenner fungieren, nutzen sich ab.

Manch Musikliebhaber wird sich gefragt haben: Dürfen die das? ja, schon, wenn das angepeilte Publikum Kinder sind. Doch ich bezweifle, ob die Fünjährigen, die recht zahlreich waren, das Spektakel überhaupt verstanden haben. Denn bei allem Spaß musste ich mich doch immer wieder angestrengt fragen, warum jetzt ein Elefant über die Leinwand trottet, warum Totenvögel auf den Pfosten hocken etc… Die herzhaft-freche Respektlosigkeit, die anfangs mich schmnzeln ließ, wurde bald recht anstrengend.

Ein Käthchen gegen den Rest der Männerwelt

Maria Happel hat zugeschlagen. Ort des Kampfes: Die Burg Perchtoldsdorf, wo sie das eigentlich unspielbare Stück von Heinrich von Kleist : Das Kathchen von Heilbronn inszenierte. Das soll ein Kleist sein, haben sich einige mit bildungsbürgerlicher Empörung gefragt. Darf sie das? -Ja, nur so kann dieses Stück überhaupt noch auf die Bühne gehoben werden. Denn der Plot ist ziemlich schwer verdaulich: Ein Mädchen verliebt sich in einen Grafen, unterwirft sich ihm ganz und gar – und das ist auch körperlich gemeint – sie wirft sich mit dem ganzen Körper und ihrer Seele vor ihm nieder. Welches Mädchen, welche Frau tut das heut noch? Keine, die ein bisserl Hirn und Selbstbewusstsein hat. Der Mann ist noch dazu ein ziemliches Weichei und Karrieretyp. Denn er macht sich zunächst an die vermeintliche Tochter des Kaisers ran und erst als sich herausstellt, dass eigentlich Käthchen die Tochter ist, eilt er auf Engelsflügeln zu ihr.

Ja, das ist alles sehr komisch. Und so inszeniert Happel das auch: Außer Käthchen und deren Zeihvater werden alle mit Hohn überschüttet. die angeberischen und zugleich feigen Attitüden der Männer werden gnadenlos aufgedeckt. Da wiehern, tänzeln und hopsen die kampfeslustigen und zugleich feigen Männer über die Bühne zum Gaudium des Pubikums. Manchmal hatte man den Eindruck, Buben in einem Kindergarten beim Spielen zuzusehen.

Zur Sprache: Manche Figuren sächseln, manche stottern – aber immer in grosso modo  nach dem Text von Kleist. Da seien besonders 2 Szenen als  köstlich hervorgehoben: Cornelia Köndgen im Rollstuhl mit grauer Langhaarperücke erzählt im sächsischen Dialekt die Geschichte von des Grafen Krankheit. Was sie aus diesem eher langweiligen Text macht , ist absolute Spitzenleistng, pures Amüsement beim Publikum. Oder Wolfgang Hübsch als Kaiser: Er erinnert sich so vage: Da war doch einmal ein Onenightstand in einem Garten, ja ja, es gab ja einmal eine Zeit, in der er noch konnte. Große Schauspielrkunst!!! Nur Käthchens Text scheint unangetastet zu sein. Sie darf Pathos haben, Gefühle bis zum Exzess zeigen. Wie sie dem Grafen nachsetzt – das fiele heute unter den Tatverdacht des „Stalking“ und würde sicher mit Wegweisung oder noch strenger bestraft werden.

 

Gespielt wird durch die Bank mit Einsatz und Spaß an der Burleske. Auf der spiegelglatten schrägen Ebene wird den Schauspielern einiges abverlangt.

Mit dem Käthchen hat man nicht nur Mitleid, weil sie sich den sturen Grafen einbildet, sich ihm andauernd zu Füßen wirft, sondern weil sie auch bei kaltem Wind in einem dünnen, weißen Hemdchen (die pure Unschuld) der Kälte trotzen muss.

Viel Applaus und einige Bravorufe. Gespielt wird noch bis zum 4. August. Unbedingt anschauen!

 

 

So geht Oper! Cosi fan tutte in der Regie von Michael Haneke

Michael Haneke legt die Latte für alle zukünftigen Mozartregisseure hoch! So muss Mozart inszeniert werden! Leider fand dieses Ereignis zum letzten Mal (Theater an der Wien) am 5. Juni statt. Weitere Operninszenierungen wird Haneke nicht mehr machen. Sehr schade!

Haneke durchleuchtet die etwas verquere Handlung so lange, bis sie für heutiges Publikum zu strahlen beginnt und nachvollziebar wird. Dafür verwendet er einige „Tricks“:

Don Alfonso lädt zu einem Kostümfest – einige Gäste erscheinen kostümiert, einige in der Mode von heute, wodurch er zwei Zeitebenen miteinander verschränkt.  Schon zu Beginn wird klar – hier wird harte Kritik an der Bussi- und Schickeriagesellschaft geübt. Der Ritus des Begrüßens, des Sichunterhaltens – all das wird zu einem Tanz und Spiel an der Oberfläche. Und so läßt Haneke auch die Hauptpersonen agieren: Anett Fritsch als Fiordiligi (hervorragend bei Stimme, obwohl die Oper an zwei Tagen hintereinander aufgeführt wurde) und Paola Gardina als Dolabella sind die verwöhnten Mädchen, die sich über die bevorstehende Heirat mit reichen Bubis freuen. Alles ist bestens, oder doch nicht? Der Bruch mit Konvention, schalen Klischees, gesellschaftlichen Usancen wird von Don Alfonso (William Shimell schwächelt am Schluss einwenig) und einer herrlich schrägen Despina (Kerstin Avemo) eingeleitet und gelenkt. Haneke spielt dabei geschickt mit der Verkleidung: der erste Verführungsversuch der beiden jungen Männer Ferrando und Guglielmo muss fehlschlagen. Auch deshalb, weil ihr Outfit wenig reizend ist. Beim  zweiten Versuch, da sind die beiden als Ferrando und Guglielmo schon erkennbar, nur leicht entstellt durch „baffi“,  und es wirkt bereits die  Erotik. Beim dritten Versuch agieren beide Männer ganz ohne Verstellung und Verkleidung , fallen in ihre eigenen Fallen, lieben und wollen von der jeweiligen Partnerin des Freundes wieder geliebt werden. Das Gefühlschaos ist perfekt: Wer liebt jetzt wen? Wer wird wen heiraten?. Aus dem Verstellungsspiel ist Wahrheit geworden. In der alle erkennen: Treue ist nur ein leerer Wahn

Mit Spannung wartet man, wie Haneke den Schluss inszeniert. Der Logik seines  Regiekonzeptes folgend können nun die Paare nicht so ohne weiters zur alten Ordnung zurückkehren, wie es Mozart vorgesehen hat. Zu viel ist passiert. Haneke ändert nicht den Schluss, dazu hat er vor Mozart viel zu viel Respekt, sondern lässt ihn offen:

Unschlüssig wechseln die Paare, einmal stehen sie in der alten Kombination, dann in der neuen vor der Hochzeitstafel. Das  „Bäumchenwecheseldich-Spiel“ endet auch nicht vor dem Traualtar.

Eine Aufführung, in der alles stimmte: Erstklassige junge Sänger, ein einfühlsamer Dirigent (Sylvain Cambreling) und ein beeindruckender Chor.

Mauro Corona, Im Tal des Vajont, Graf Verlag

Eine bedrückend-intensive Geschichte über das harte Leben der Menschen im abgelegenen Bergtal zwischen Friaul und Veneto. Im Dorf Erto spielen sich Natur- und Menschentragödien ab mit der Wucht griechischer Dramen. Die Sprache ist wie geschliffener Marmor. Hart. Eindrucksvoll

Evjenia Fakimu, Aretha und die Frauen des Kleanthes

Eine zu tiefst berührende, fein gesponne Geschichte aus Griechenland zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Mädchen Aretha, das beim geringsten Schock in tagelangen Tiefschlaf verfällt, wird von den besorgten Tanten in eine immer enger werdende Welt gezwungen, um die Gefahren von ihr abzuhalten. Bis ihr nur mehr das Zimmer im 1. Stock des Hauses bleibt. Trost ist ihr die Liebe zu dem Jungen Andreas. …Wer je Griechenlands Wurzeln erahnt oder erlebt hat – eine Ahnung bekommt man ja hie und da auch heute noch – der muss dieses Buch lesen.