Festspiele Reichenau: „Frühlingserwachen“ und „Die Möwe“

Franz Wedekind: Frühlingserwachen. Regie Christian Berkel

Unter der kundigen Hand des Regisseurs können junge Schauspieler aus dem Reinhardt-Seminar ihre ersten Erfahrungen mit Theater machen. Und gleich mit einem Text, der ihnen alles abverlangt. Aber alle meistern die sehr expressionistische Sprache, die kurzen Szenen wirklich sehr gut. Man merkt, sie wissen, es geht nicht nur um die Jugend von 1891 (Entstehungszeit), sondern eben auch um sie. Zwar sind die Probleme der Aufklärung heute nicht wirklich mehr Probleme, aber das Aufbegehren gegen die Elterngemeration, die Frage nach der Zukunft und nach den Werten -all das hat sich nicht geändert.

Viel Applaus für alle Schauspieler!

Anton Tschechow: Die Möwe

Regie: Torsten Fischer, Bühne: Herbert Schäfer

Warum muss man die Bühne so trist gestalten? Noch dazu mit Nebelschwaden! Das gleicht einer Tautologie auf Theaterebene: Ein tristes Stück mit trister Bühne. das ist wie ein weißer Schimmel. Im ersten Teil ist die Langeweile auf der Bühne – und im Publikum – groß. Sandra Cervik als Irina überzeugt nicht, sie weiß nicht so recht, was sie mit ihren Armen und Haaren machen soll. Nils Artmann als ihr Sohn Konstantin übertreibt und wirkt irgendwie angestrengt.

Im 2. Teil nimmt das Stück Fahrt auf. Die Charaktere treten aus den Nebelschwaden heraus und das Publikum erwacht. Aber ein Tschechow, der in Erinnerung bleiben wird, ist diese Auffürung nicht.

Freundlicher Applaus.

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Siehe auch meine Kritik zu „Teufels General“

Wolkenturm- Grafenegg: Philipp Hochmair: Jedermann reloaded mit seiner Band „Die Elektrohand Gottes“

Wer am Vorabend Hochmairs Interpretation der Schillder Balladen erlebt hat (s. den Beitrag vom 29. Juli), der hat ein heftiges déjà vu -Erlebnis: Der Wagen mit dem Leitschutzsystem, die Kreuze -diesmal sehr passend – und die roten Grablichter erinnern daran. Auf dem Wagen werden statt der Balladentitel die Personen angezeigt, die gerade von Hochmair in einer fulminanten Doppelkonference gespielt werden. Und das ist durchaus reizvoll, oft sogar recht humorvoll, bis gewollt respektlos. Hochmair spielt den reichen Protz im Tarnanzug, mit Zigarre und Sonnenbrille, offenbar seine Lieblingskostümierung. Geld, Geld ist ihm das Wichtigste: „Durch Geld wird der Mensch der Gottheit gleich!“ -In diesen Passagen wirkt das Spektakel sehr heutig! Er speist die diversen Bittsteller mit einem Schilling ab, hört sich das Gejammer seiner alten Mutter ungeduldig an. Ungeduldig, weil er seinen Lustgarten für die Buhlschaft endlich fertig stellen will. Anders als in früheren Aufführungen gibt es diesmal keine leibhaftige Buhlschaft, sondern er selbst spielt sie. Als lustvolle Lebensgenießerin, die mit ihm im Lustgarten heiße Küsse tauscht – eine dieser komischen Szenen! Sie zögert keine Sekunde, die Begleitung ins Jenseits dezidiert abzulehnen. (Ganz anders in Salzburg, wo die jetzige Buhlschaft im Interview von „Gleichstellung“ und „Liebe“ zwischen Jedermann und ihr schwadroniert)

Im zweiten Teil des Stückes hat auch Hochmair die liebe Not, die Wandlung des Jedermann vom geilen Geck zum gläubigen Menschen glaubhaft über die Bühne zu bringen. Aber das liegt ganz an der Problematik des Stückes selbst. Einer, der so das Leben genießt und keine Reue oder Mitleid kennt, wird in der Stunde des Todes „gläubig“?. Wenn Hochmair noch so viel Kreuze in die Höhe hält, es ist letztendlich die Todesangst und nicht der Glaube, der ihn ausrufen läst: „Ich glaube!“. Der Schluss ist die Crux des Stückes, weil es Hofmannsthal nicht wirklich gelungen ist, die Umkehr des Reichen in einen Büßer glaubhaft auf die Bühne zu bringen. An diesen letzten Szenen sind schon einige Regisseure in Salzburg gescheitert. Hochmair ist klug, und macht das relativ schlicht, ohne großes Pathos

Ein tatkräftiger Mitspieler ist die Musik der Gruppe – sie treibt den Reichen zu orgiastischen Rocktänzen an (ähnlich wie bei Schillers Balladen), sie führt ihn empathisch durch seine Ängste und wirkt ungewöhnlich leise in den Schlussszenen.

Begeisterter Applaus und standing ovation!!

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Im Wolkenturm von Grafenegg

Mit seiner Band „Die Elektrohand Gottes“ – Tobias Herzz-Hallbauer, Jörg Schittkowaski, Rajko Gohlke, Hanns Clasen.

Der Auftritt glich einem Orgienfest. Mit ekstatischen Schrei: „Schiller, wo bist du? Komm zu uns nach Grafenegg“ – beschwor der Schamane Hochmair den Geist des Dichters herauf. Hochmair als Straßenarbeiter mit Helm, roter Hose und blinkendem Rettungslaiberl, in der Hand Hammer und Rohr. geht schlagend und rufend über die Bühne, die einer ausrangierten Asfinagstation glich: ein alter Stellwagen, auf dem die Autos geleitet und später die Titel der Balladen angezeigt werden. Kreuze, groß, klein, verstaubte Marienstatuen weisen auf alles Möglich hin, nur nicht auf Schiller und seine Zeit. Zum Auftakt wird fest gehämmert, nach Schiller gebrüllt und Nebel in die Luft geschossen. Dann als Versuchsballon „Der Ring des Polykrates“, weils so gut und verwirrend war, gleich nochmals. Jetzt aber mit Vollgas.Ja, wir sollen kapieren: Schiller ist ein Widerständler, misstraut der Macht und den Mächtigen. Auch der Pseudomacht der Frauen und dem blöden Machtgehabe des Königs. Der Jüngling – das Wort gibt es noch und es wirkt ganz heutig!! – vollbringt die sinnlose Mutprobe, wirft jedoch den Handschuh der Dame vor die Füße – „den Dank, Dame, begher ich nicht!“ Fragwürdig ist die Dame – sind die Frauen, die Unmögliches verlangen. („Der Handschuh“)

Ab der Ballade über den Erlkönig steigert sich das Fest, wärmt sich auf zur Orgie. „Now comes the Taucher“ – und wird zum Mysterienspiel über die Ohnmacht des Menschen, der wie Orpheus in den Untergrund steigt, aber aus den Untiefen nicht mehr zurückkehrt. Der Schamane lässt das Laiberl fallen, rappt bis zur Bewußtlosigkeit, kippt in den Untergrund. Als spannendes Drama über Feundschaft tanzt und singt, brüllt und flüstert der Schamane „Die Bürgschaft“ – wird er den Freund noch retten können? Er kanns – und selbst der böse Tyrann hat Tränen in den Augen. Noch eine Steigerung ist möglich: „Wollt ihr das längste Gedicht der Welt hören – die Glocke?“ Das Publikum will, und steigt in den Weltenbau und in die Gesetze, die die Welt zusammenhalten, ein. Am Ende weiß der Schamane: „Schiller lebt! Schiller, du bist da!“ Er spürte ihn.

Bleibt zu hoffen, dass alle, wirklich alle die Reise des Schamenen zu dem Geist Schillers mitgemacht haben. Der Applaus galt der gelungenen Performance und dem immensen Einsatz Hochmairs. Und Schiller?

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Grafenegg: „Insieme“ im Wolkenturm

Bis auf das letzte Wiesenfleckerl war der Wolkenturm ausverkauft. Die Gruppe „Insieme“ („gemeinsam“) – auf italienische Hits spezialisiert – konnte auf ihre Fans zählen. „Insieme“ – das sind Monika Ballwein, Christian Deix, Erik Arnò, René Velazquez – mischten die Stimmung auf, ließen das Publikum bei „felicità“ von Romina Power mitklatschen und mitsingen. Mit „Come è bello fare l`amore“, „Buona sera, Signorina“ wurde die Stimmung immer lockerer. Blieb aber unter den Erwartungen einer heißen Nacht. Nur zögerlich wurde hin und wieder ein Lichtlein gezündet. Manchmal wurde mitgerockt – eher mitgerockerlt. Je nach Alter. Dass der Song von Andrea Bocelli und Hélène Segara nicht so ganz gelang, machte nichts aus – es war romantisch. Bei „volare“ konnte man wieder gewaltig mitsingen. Nach der Pause wurden die Handylichter häufiger, die Stimmung wärmer trotz hereinbrechender Nachtkälte. „Bella ciao“ und viele andere Hits mit Zugaben rissen alle im Publikum zu begeistertem Applaus mit.

Eine Veranstaltung der Agentur „cayenne“ http://www.cayenne.at

Kultursommer Semmering: Thomas Bernhard, Der Ignorant und der Wahnsinnige.

Aufführungsort: Kulturpavillon vor dem Hotel Panhans (Titelfoto ©Hotel Panhans)

Ein Ende des Kultursommers Semmering? – Nicht für Florian Krumpöck.sss Als ihm der neue Besitzer des Südbahnhotels den Vertrag kündigte, fand er im Panhans Hotel rasch und unbürokratisch eine neue Bleibe. Und startete das volle Programm wie geplant mit den bekannten Schauspielern, wie Joseph Lorenz, Senta Berger, Maria Bill und vielen, vielen anderen, die schon seit Jahren den literarischen und musikalischen Anziehungspunkt für Kulturliebhaber bilden.

Dörte Lyssewski, Joseph Lorenz, Wolfgang Hübsch und Jeanette Nagy waren das großartige Quartett dieser szenischen Lesung.

Besser hat man dieses Stück wahrscheinlich nie gesehen! Dörte Lyssewsky war eine urkomische Sopranistin, die sich mit aller Wucht in die Verzweiflungskomik dieser Rolle warf. Der Routine überdrüssig, kündigt sie einen Vertrag nach dem anderen. Und triumphiert, bis sie mit der Nase in den Nobelteller der „3 Husaren“ fällt. Komik und Tragik auf unvergleichlicher Weise verbunden. Wolfgang Hübsch war auf einen blinden und großteils stumm-brummenden Vater reduziert, was dem Stück gut tat. Im Mittelpunkt des Geschehens brillierte Joseph Lorenz als wahnwitziger Arzt, ins Sezieren, in Grausamkeiten, in die Kälte der Wissenschaft und in sich selbst verliebt. Ein wenig auch in die Sopranistin, oder vielleicht auch ein bisserl mehr als wenig. Sein Dirigat und mimischer Gesang zur Musik Mozarts gehörte zu diesen Szenen, die vielleicht ins Buch der „Bernhardschen Theatergeschichte“ eingehen werden. Noch nie sah ich den Arzt so vielschichtig schillernd und urkomisch, Es war Metatheater, nichts ist echt, alles ist künstlich, gerade deshalb hohe Kunst.Jeannette Nagy in der Doppelrolle als FrauVargo und Fräulein Winters – eine stumme Realität.

Das Publikum dankte mit frenetischem Applaus und Bravos!!!

Kartenbestellung und Infos:

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Festspiele Reichenau: Carl Zuckmayer, Des Teufels General.

Regie und Textfassung: Hermann Beil, Bühne: Hans Kudlich, Kostüm: Erika Navas

Gleich vorneweg: Es ist das Beste, was man seit langem auf dem Theater gesehen hat! Ein großartiges Stück von der Meisterhand Zuckmayers, eine unprätentiöse Regie, die sich ganz dem Text unterordnet und vor allem: Ein Ensemble, das alle Wünsche erfüllt. Keine Rolle, die nicht ideal besetzt wäre. Dazu kommt noch die bedrückende Aktualität: Krieg ist Mord, egal ob Angriffs- oder Verteidigungskrieg!

Politiker sollten sich dieses Stück ansehen und über diverse Parolen nachdenken! Und Martin Kusej würde ich auch empfehlen, sich hineinzusetzen, um einmal zu erleben, wie gutes Theater gemacht wird!

Lebensprall, ganz der Rolle eines „Mannsbildes“, das nur zwei Sachen im Kopf hat: die Fliegerei und den Lebensgenuss: Stefan Jürgens als Harras. Dass er Curd Jürgens, der in dieser Rolle zur Filmikone wurde, auch noch in Statur und Optik ein wenig ähnelt, ist gar kein Schaden. Dennoch bleibt Stefan Jürgens nicht an dem Vorbild hängen, sondern arbeitet sehr deutlich den Wandel vom Superhelden, dem die Nazis auf den Geist gehen und der meint, ihm könne das Regime nichts anhaben, zum Zweifler, bis zum Verzweifelten heraus. Besonders intensiv ist die Schlussszene mit Oderbruch (André Pohl ist großartig, ganz zurückgenommen, s. Foto ), als Harras erkennen muss, dass er an dem mörderischen Krieg mitschuldig wurde, auch wenn er immer nur fliegen wollte. Berührend Dirk Nocker als Korrianke – Chauffeur und treuer Freund von Harras. David Oberkogler spielt den Hartmann punktgenau – zermürbt von der ERkenntnis, dass dieser Krieg sinnloses Hinschlachten ist. Rainer Friedrichsen als Sigert von Mohrungen vertritt den Typus des Deutschen, der an Hitler glauben möchte, aber einsehen muss, dass die Werte, an die er glaubte, dahin sind. Den unsympathischen Intriganten gibt Tobias Voigt ganz ohne die übliche „Naziübertreibung“. Jede einzelne Rolle ist ideal besetzt und wird punktgenau in der Rolle gespielt. Die Frauen haben es ja in diesem Stück nicht gerade leicht, aber in dieser Inszenierung sind sie mehr als nur Entourage. Johanna Arrouas ist ein perfide, ehrgeizige und überzeugte Nazifrau, die sich vom koketten „Pützchen“ zur gefährlichen Intrigantin entwickelt. Emese Fay als mahnende und besorgte Olivia, Elisa Seidel als Anne Eilers als fast antike Tragödin spielen sehr überzeugend. Johanna Prosl als junges Mädchen, das dem Charme des „Helden“ Harras sofort erliegt, meidet in der Liebesszene jeden Hauch von Kitsch.

Kostüme, die in die Zeit passen, und wenige, notwendige Requisiten geben der Aufführung den richtigen Rahmen.

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Mario Giordano, Terra di Sicilia. Goldmann Verlag

Untertitel: Die Rückkehr des Patriarchen

Nein, es ist kein Mafiaroman, wie der Untertitel vermuten lässt. Der Patriarch ist Barnaba Carbonaro, ein armer Schlucker, geboren 1890 in Taormina, lange bevor die Stadt zum Nobeltreff von Künstlern, Schwulen und Reichen wurde. Barnaba wächst in ärmlichsten Verhältnissen auf, der Vater verschiwndet, die Mutter verdient ein paar Lira als Heilerin. Der Bub hat es bald heraußen, dass man beim Baron von Gloeden ein bisserl was verdienen kann, wenn man sich nackt fotografieren lässt. Das tut nicht weh, und er lernt dabei einiges. (Von Gloeden wird später mit seinen Nacktfotos berühmt werden und die Schwulenszene in Taormina befördern.) Doch das Geld reicht nie, er schuftet in den Olivenhainen. Als er größer wird und sich verliebt, träumt er davon, für seine Angebetete ein Hotel zu eröffnen. Daraus wird nie etwas. Die Angebetete entschwindet mit seinem „Freund“, dem adeligen Ruggero.

Was Barnaba exzellent kann, ist blitzschnell rechnen. Bevor andere den Bleistift zücken, hat er schon alles ausgerechnet. Obwohl er nicht lesen und schreiben kann, gelingt es ihm schon in jungen Jahren, in das Orangengeschäft ganz groß einzusteigen und in Deutschland die Nummer 1 auf dem Großgrünmarkt zu werden. Dazwichen heiratet er, zeugt vierundzwanzig Kinder, tötet einen Mann. Und am Ende verliert er alles, alles, nur nicht seinen Mut und Stolz. Bis zu seinem Tode wird er optimistisch und weltoffen bleiben.

Mario Giordano erzählt auf 500 Seiten seine spannende Familiengeschichte, wobei er betont, dass er einiges dazu erfunden hat. Denn schließlich ist es ein Roman und keine „Familiensaga“. Mit einer Sprache, die zwischen Witz, leisem Humor und feiner Poesie oszilliert, entführt uns der Autor in ein Sizilien, das aus vielen Armen, die schufteten, ein paar Großverdienern, wie die Familie Florio (deren Imperium existiert heute nur mehr rudimentär) und einem trägen Adel, der sich beim Untergehen zuschaut und nichts dagegen unternimmt, bestand. Wer Sizilien nur ein bisschen kennt, dem fällt auf, dass sich nicht allzu viel geändert hat. Viel von der sizilianischen Tradition ließ der Autor hineinfließen, etwa die genaue Beschreibung der Arbeit in den Orangenhainen, alte Lieder und Sprichwörter und auch den bis heute noch vorandenen Glauben, dass die Toten mit den Lebenden noch eine Weile zusammen bleiben. Aber Giordano ist kein Opfer seiner Recherchen, wie so viele Autoren, die dem Leser ihre Recherchearbeit ganz ungefiltert aufbrummen. Giordano versteht es, all sein Wissen über Sizilien, das Orangengeschäft und die Bedeutung der Familie so spannend zu verarbeiten, dass man traurig ist, wenn der Roman zu Ende ist. Im Nachspann verspricht der Verlag eine Fortsetzung!!

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Stefan Hertmans: Der Aufgang. Diogenes

Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm

Der Verlag nennt das Werk einen Roman. Er ist aber eher eine historische Dokumentation in Erzählform. Der Autor hat die Fäden in der Hand, er zählt über die Spuren, denen er nachgeht. Leser, wie ich, mit der Geschichte der Niederlande nur in großen Zügen vertraut ist, der wird sich bald in den Irrgängen der Recherchen ein wenig überfordert fühlen.

Stefan Hertmans hat in der belgischen Stadt Gent ein altes Haus gekauft, zieht nach Jahren wieder aus und erfährt, dass einst ein gewisser Willem Verhulst mit seiner Familie dort gewohnt hat. Seine Recherchen ergeben, dass dieser Verhulst ein ganz übler Nazikollaborateur war. Er ließ durch seine Spione Listen von Bürgern erstellen, die gegen die deutschen Besatzer waren. Durch diese Zusammenarbeit mit den Deutschen gewann er großen Einfluss in der Stadt und sah ungerührt zu, wenn die von ihm genannten Menschen verhaftet, deportiert oder hinggerichtet wurden. Das wirklich Interessante an dieser Geschichte sind aber seine Frau und seine Kinder. Seine Frau Meintje ist sehr gläubig und aus tiefstem Herzen Pazifistin. Wie kommt sie mit so einem Mann zurecht? Es ist ihr Glaube, der ihr hilft, das alles zu überstehen. Obwohl sie einiges ahnt, was Willem so treibt und sie Hitler und die Nazis aus tiefstem Herzen verachtet, hält sie zu ihm und besucht ihn sogar nach Kriegsende im Gefängnis, wo er für seine Taten sitzt. Sie hält alles aus, bleibt in ihrer Haltung unerschütterlich und gibt das ihren Kindern weiter. Die müssen damit leben lernen, dass ihr Vater ein Nazicollaborateur war. Stefan Hertmans weiß diese Frau sehr sensibel zu beschreiben und macht es auch glaubwürdig, dass sie bis zum Tod des Mannes zu ihm steht. Diese Seite des „Romanes“ ist am berührendsten, weil es vom Klischeebild einer von Nationalsozialismus geprägten Familie durchaus abweicht.

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Nell Leyshon, Ich, Ellyn. Eisele Verlag

Aus dem Englischen von Wibke Kuhn

„Ich lieg auf heu was süß riecht und nach totsommer und ich horche und weinen kommt wieder..“ So beginnt der Roman, – unverkennbar Nell Leyshon. Man erinnert sich sofort an“Die Farbe von Milch“ – in beiden Werken beschreibt Leyshon den Weg eines jungen Mädchens aus der Enge eines Bauernhofes hinaus in die WElt, in der es Sprache gibt. Leyshon gelingt in beiden Romanen das Unwahrscheinliche: Sie greift auf eine „Unsprache“ zurück, in der sich die Mädchen nicht ausdrücken können, im Unvermögen des Sprechens stumpf bleiben, bis sich alles ändert und sie mit der zunehmenden Ausdrucksfähigkeit nicht nur die Welt sich erweitert, sondern sie auch zu einem Selbstbewußtsein finden, das sie mutig macht.

England 1573, irgendwo in der Einöde. Da wächst Elly heran, weiß nichts von sich, von der Welt rundum, kennt nur das Schuften, die Plage und Hunger. In der Familie wird nur das Nötigste geredet – meist nur Arbeitsbefehle oder kurze Gebete. Eines Tages entdeckt Elly die Musik und den Gesang. Sie ahmt nach, entdeckt, dass sie „singen“ kann. Heimlich verlässt sie den Bauernhof und macht sich auf in die Singschule. Mutig verkleidet sie sich als Bub, um aufgenommen zu werden. Sie lernt lesen, schreiben und vor allem -singen. Die Musik bedeutet ihr alles. In ihr wächst mit dem Selbstbewusstsein auch die Sprache. Für den Leser fast unmerklich lässt die Autorin Elly aus der Hilflosigkeit des Ausdrucks in eine zarte poetische Sprache gleiten. Als Elly am Höhepunkt ihrer Ausbildung ist, gibt sie ihre Identität als Mädchen preis und muss die Schule verlassen. Aber sie ist mutig geworden und hat Stolz und selbstsicher verkündet sie am Ende: “ Ich komme dich holen. Ich, Ellyn, ich komme dich holen, Agnes.“ Sie wird ihre kleine, über alles geliebte Schwester Agnes aus dem Elend des Bauernhofes herausholen.

Ein Roman voller Poesie und starker Aussagekraft, in dem man hineinkippt und irgendwie froh und getröstet wieder in den Alltag zurückkehrt.

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Harald Lesch und Klaus Kamphausen:Über dem Orinoco scheint der Mond. Penguin Verlag

Untertitel: Warum wir die Natur des Menschen neu begreifen müssen, um die Welt von morgen zu gestalten.

Titel und Cover verraten bereits, dass es um eine romantische, an die Seele des Menschen und der Natur anrührende Diskussion um den traurigen Zustand der Welt geht und welcher Ausweg aus dem Dilemma sich bietet. Die Gründe, warum die Welt am Rande des Kippens steht, sind bekannt, werden von den Autoren in bekannter Weise angeführt: Die Gier des Menschen nach mehr und immer mehr, die Schwächen, das Unvermögen der Politik, die Digitalisierung, die uns immer weiter in eine technische Abhängigkeit treibt, und immer weiter weg vom Ursprung – nämlich der Natur in ihrem ureigensten Sinn. Es werden große Naturforscher, wie Humboldt, Mathematiker, wie Gödel, Philosophen wie Kant und Schopenhauer aufgerufen. Sie alle werden zitiert, wenn es um den Begriff Natur und Welt geht. Letztendlich geht es den Autoren darum, klar zu machen, dass wir nur Gast auf dieser Welt sind, sie gehört uns nicht. Und die Verantwortung für das WEiterbestehen trägt jeder einzelne und darf nicht den nächsten Generationen überlassen werden. Im Grunde nichts Neues, nur gut in einen romantischen Rahmen verpackt: Die Gespräche finden am Ufer des Orinoco statt, der Mond geht irgendwie romantisch auf, die Moskitos sind real und lästig.

htttps://www.penguinrandomhouse.de

Massimo Carlotto: Die Frau am Dienstag. Folio Verlag

Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler

Obwohl es um Mord und allerlei dunkle Machenschaften geht, schreibt Carlotto keinen Kriminalroman, sondern ein „Kriminalmärchen“. Denn alles, was sich abspielt, ist so irreal, dass man es nur für eine Märchenform halten kann. Im Zentrum steht eine Ex-Prostituierte, die für einen Mord angeklagt und verurteilt wird, den sie nicht begangen hat. Sie ist schön und irgendwie märchenhaft unschuldig, was gleich mehrere Beschützer auf den Plan ruft: Einen Anwalt, der ein schlechtes Gewissen hat, dass er ihr nicht helfen konnte und ihr nach der Entlassung Wohnung und ein neues Leben schenkt. Er verlässt seine Familie, die er liebt und zieht zu der Schönen. Die beiden haben keinen Sex miteinander, sie leben wie gute Freunde zusammen. Das ist schon der erste märchenhafte Einschlag. Dann gibt es da noch einen zweiten Beschützer, einen mit Cowboyhut und Stiefeln. Er ist geheimnisvoll, taucht immer wieder in schwierigen Situationen wie ein deus ex machina auf, um die Schöne zu retten. Weiters sind in den Fall, der zuerst einmal keiner ist, ein Transvestit und Besitzer einer Pension, wo bunte Vögel Unterschlupf finden. und ein EX-Pornodarsteller, der immer weint, verwickelt. Das alles zusammen ergibt ein unentwirrbares Knäuel. Letztendes geht es um die Frage, ob eine Person, die einer Tat fälschlicher Weise verdächtigt wird, irgendwann und irgendwo ihre Ruhe vor der Meute der Medien und der Polizei findet. Ein Thema, das durchaus relevant in der heutigen Zeit ist und einen klareren Text und Wachruf verdient hätte.

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Margret Greiner: „Mutig und stark alles erwarten“ Elisabeth Erdmann-Macke – Leben für die Kunst. btb Verlag

Durch ihre sensible Sprache und die intensiven Recherchen gelingt es Margret Greiner immer wieder, in die Tiefen einer Persönlichkeit hinabzutauchen. Es sind die mutigen Frauen, die ein Leben außerhalb jeglicher Norm führten, die Margret Griener in ihren Romanbiografien lebendig werden lässt.

Elisabeth Gerhardt wächst in einer gutbürgerlichen Familie auf, bekommt die beste Erziehung. Sie ist schön, aber völlig uneitel. Sie ist begabt, ohne damit aufzutrumpfen. Später, in ihrer Ehe mit dem Maler August Macke, wird sie seine Beraterin, Muse und Mitgestalterin werden, ohne je auch nur ein Zipfelchen vom Ruhm für sich zu beanspruchen. Deshalb ist es gut, dass Margret Greiner diese Lichtgestalt an das „Licht der (breiten) Öffentlichkeit“ hebt. Wie schon in ihren anderen Romanen nutzt sie ihr übervolles Wissen und stülpt es gleichsam als unsichbaren Mantel um die Figur Elisabeths. Nur manchmal, besonders in den ersten 70 Seiten, werden die Details über das Stadium des Verliebtseins zu häufig und überschwänglich. Ja, man hat schon begriffen, dass August Macke und Elisabeth Gerhardt füreinander bestimmt waren, wie das so allgemein heißt. Aber da wird halt ein bisserl viel gejubelt, gesungen, Gedichte vorgetragen. So manche Leserin (ich zum Beispiel) denkt dabei, dass es genug sei.

Aber dann, als das Leben von Elisabeth – nun schon lange Macke, gut verheiratet und Mutter zweier Söhne – Stärke abverlangt, als ihr geliebter August 1914 an der Front fällt, da besiegt Elisabeth die Trauer und Margret Greiner die liebliche Sprache. Elisabeht sagt sich täglich vor: dass sie für die Familie, die Freunde, die sie brauchen, da sein muss. Und vor allem sorgt sie sich um das Werk ihres Mannes, das geschützt werden muss. Ab diesem Zeitpunkt wird aus der heiter durchs Leben zwitschernden und musizierenden Elisabeth Macke eine zupackende Erdmann-Macke. Denn sie hat beschlossen, ihre Söhne brauchen einen Vater, sie einen Mann im Haus. Kurzum sie heiratet Mackes besten Freund Lothar Erdmann, bekommt von ihm einen Sohn und eine Tochter. Doch Lothar leidet an Depressionen, ist unsicher, fühlt den übergroßen Einfluss, den August Macke auch nach seinem Tod auf die Familie hat. Elisabeth ist diejenige, die das Leben packt. Als ihr über alles geliebter Sohn Walter an einer schweren Krankheit srribt, auch da findet sie wieder zu sich. Sie ist Zentrum, lenkt ihre Familie durch die Wirren des 2. Weltkrieges und überwindet auch den Tod ihres zweiten Mannes und ihres Sohnes Wolfgang. Sie bleibt stark, widmet sich der Rezeption der Bilder ihres Mannes, organisiert Ausstellungen, erlangt spät, aber doch als „Witwe Mackes“ eine Berühmtheit, die sie mit Genugtuung erfüllt, weil endlich nach langen Kämpfen das Werk August Mackes den Stellenwert in der Kunstszene bekommt, der ihm gebührt. Sie starb im März 1978 im neunzigsten Lebensjahr.

Margret Griener liefert nicht nur eine dichte Biografie, sondern entwirft zugleich auch ein weit umfassendes Porträt der Zeit von 1900 bis 1978, also fast eines Jahrhunderts. Sie forschte unermüdlich alle Freunde aus, die mit Elisabeth und August innigen oder auch nur losen Kontakt hatten, verfolgt alle Spuren der Künstler und Literaten, die für das Kunstgeschehen rund um August Macke relevant waren. Die erste Hälfte des Buches ist fast mehr ein Buch über Macke, seine Art,das Leben und die Kunst zu sehen, als über Elisabeth. Insgesamt schuf Margret Greiner weit mehr als eine Biografie, fast schon ein Kompendium an lebensvollen Zeugnissen aus dieser Zeit.,

http://www.btb-verlag.de

Margret Griener liefert nicht nur eine dichte Biografie, sondern entwirft zugleich auch ein weit umfassendes Porträt der Zeit von 1900 bis 1978, also fast eines Jahrhunderts. Sie forschte unermüdlich alle Freunde aus, die mit Elisabeth und August innigen oder auch nur losen Kontakt hatten, verfolgt alle Spuren der Künslter und Literaten. Das Buch ist mehr als eine Biografie, es ist ein Kompendium an lebensvollen Zeugnissen aus dieser Zeit.,

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Landestheater Salzburg, George Bizet: Carmen

Aufführungsort: Zirkuszelt in der Arena/Messe Salzburg (wegen Renovierung des Landestheaters)

Gabriel Venzago dirigiert das Mozarteumorchester Salzburg

Man blickt auf das Rund der Zirkusarena und wartet auf den Auftritt der Arbeiterinnen aus der Zigarrenfabrik. Doch die kommen nicht, statt dessen eine Schar von Frauen, die sicher nicht in einer Fabrik arbeiten. Man wartet auf Carmen, die Anführerin der kämpfenden und schreienden Schar. Als sie auftritt ist man irritiert: Carmen im sibernen Abendkleid? Ihre Auftrittsarie „si je t`aime..“ singt sie eher so nebenbei, ganz als wäre das eine nebensächliche Alltäglichkeit, die sie mit links erledigt: so ein paar Jungsoldaten verführen. Dann besteigt sie eine Mondschaukel aus Silber und lässt sich in die Höhe ziehen. Dazwischen turnen und jonglieren einige recht planlos, ein Clown steht herum. Man ist ratlos und wird es immer mehr. Erst am Ende des zweiten Aktes fällt der Groschen: Hier wird nicht Carmen gespielt, wie man sie so oft schon erlebte. Man sieht eine Carmen, die eine Art Zirkusprinzessin ist, im Zirkus mit den Akrobaten lebt. Das Leben spielt sich nicht in einer Räuberhöhle oder Wirtshaus ab, sondern mitten im Zirkus. Ab da waren das Regiekonzept von Andrea Bernard und die Kostüme von Stefanie Seitz verständlich.

Doch weit wichtiger als der Regieeinfall waren die Stimmen. Und was für Stimmen!!!! Luke Sinclair als Don José war (für mich) einer der besten in dieser Rolle, die ich je gehört habe. Solch einen Tenor würde man sich an der Wiener Staatsoper wünschen: Klarer Tenor, mühelos in der Höhe, weich in den tiefen. Und er sah noch dazu gut aus und spielte den verletzten Liebenden mit einer Hingabe, die an die Intensität eines Rolando Villazon erinnert. Es geschah für mich zum ersten Mal, dass die Rolle des Don José die der Carmen überstrahlte. l Deniz Uzun als Carmen war ebenfalls sehr überzeugend, Stimme und Spiel passten genau in die Rolle! Höhepunkte der Oper waren das Liebeduett zwischen José und Carmen und natürlich die Schlussszene! Was für eine tiefe, aussichtslose Liebe war es, die José in der Verzweiflung Carmen töten ließ. Doch leider, leider hatte der Regisseur eine unglückselige Idee: José schleppte Carmen in den Kasten, in dem kurz vorher der bekannte Zaubertrick der zersägten Frau vorgeführt wurde. Dann packte José das am Boden liegende Schwert und bohrte es durch das Holz in Carmens Herz. Die dann tot herausfiel. Diese Aktion zerrisss die Intensität des Tötungsaktes und zog sie ins Lächerliche.

Trotz allem; verdienter tosender Applaus für alle, besonders für Deniz Uzun und Luke Sinclair!!! Danach trat auch der Intendant Carl Philipp von Maldeghem vor den Vorhang und bedankte sich beim Publikum für die Treue, die es dem Theater im Zelt „trotz Sturm, Regen, Kälte und Hitze“ gehalten hat. Viel Applaus für Maldeghem, der sich Gott sei Dank gegen Köln entschieden hat. Nach dieser miesen Hetze der Kölner Presse gegen ihn, durchaus verständlich. Und die Salzburger sind glücklich, dass er bleibt!!!

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Landestheater Salzburg: 3x Chopin

Ein Ballettabend Fréderic Chopin gewidmet

Drei Choreographien von: Krystina Borbélyová Paulin, Kristian Lever, Nadav Zelner

Dezemberregen

Wer die Biographie George Sands in Erinnerung hat, der konnte in etwa erraten, worum es in diesem ersten Teil ging. George Sand, die ja jede männliche Berühmheit, die in Paris lebte, sich „aneignete“, hat nun Frédéric Chopin unter ihre „Fittiche“ genommen und beschlossen, die nasskalten Winter in Paris zurückzulassen und mit dem hustenden Chopin Aufenhalt in Mallorca zu nehmen. Doch leider wurde Chopin immer depressiver und sein Husten immer heftiger. Das ist in etwa der Handlungsrahmen, den man sich zusammenreimen muss. Denn leider finden sich keine Informationen und Inhaltsangaben der drei Ballette im Heft. Und die „Einführung“ soll auch nicht erhellend gewesen sein – wie von Teilnehmern berichtet wurde. Also war man aufs Raten angewiesen. Man konnte sehr rasch Flavio Salamanka als Chopin ausmachen, zumal er immer wieder hustete und in Notenblättern kritzelte. Salamanka war ein ausgezeichneter Chopin: Fragil, sensibel und äußerst verletztlich. Die ambivaente Liebe zu George Sand, die Höhen und Tiefen übertrug in eine eindrucksvolle und kraftvolle Performance. Mitreißend und spannend der pas de deux mit Valbona Bushkola als George Sand. Beiden war die Liebe und der ewige Kampf um den ERhalt der Liebe in ihre Bewegungen eingeschrieben. Hingabe, Rückzug und neuerliche ERoberung bildeten den Rhythmus ihres Lebens – und des Tanzes. Wer allerdings die anderen Figuren waren, ließ sich nicht identifzieren. Leider.

Grüneres Gras

Der Choreograph Christian Lever wagte eine Mischung aus Schauspiel und Tanz. Doch die Rechnung ging leider nicht auf. Denn als Zuseher war man weit überfordert mit der Suche nach der alles erklärnden Antwort: Was hat das mit Chopin zu tun? Die Handlung: Ein biederes Ehepaar (Larissa Mota und Flavio Salamanka) haben die üblichen Probleme: zu wenig Sex und ein Sohn, der sich zum Raufhansel entwickelt. Neidisch schauen sie auf die Visavisbewohner, die bei hellster Beleuchtung gut sichtbar tollen Sex haben. – eindrucksvoll getanzt von Valbona Bushkola (Vera) und Falvio Salamnaka (Dave) Dave stirbt an Lungenkrebs (ist das die Verknüpfung mit Chopin????).

Frédéric Superstar

Übertreibung, Selbstüberschätzung, Eitelkeiten – kurz alles, was einen Superstar heute ausmacht, wird vom Ensemble zelebriert. Schlichte Lazzi, gewagte Performances, tolle Figuren in urhässlichen lila Plastikanzügen. Man schmunzelt – und vergisst Chopin, wäre da nicht seine rasante Musik. Aber welche Stücke aus der Dose kamen, konnte man nicht feststellen. Wie überhaupt in allen drei Teilen Hinweise auf verwendete Musikstücke fehlten. Manche Takte klangen vertraut, manche völlig verfremdet. Das ist halt so, wenn sich heutige Superstars mit ehemaligen messen. Die andere Deutung wäre: jeder ist Chopin, jeder kann ein Superstar sein.

Das Publikum trampelte und applaudierte seinen Lieblingen wie wild. Man konnte diese innige Beziehung zwischen Ensemble und Zuseher hautnah spüren. Jemand, der von „draußen“ (Wien) kommt, nimmt das neidvoll wahr.

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Volksoper Wien: Puccini: TURANDOT

Dirigent: Alfred Eschwé. Regie und Choreographie: Renaud Doucet.Bühne und Kostüme: André Barbe. Licht: Guy Simard. Choreinstudierung: Thomas Böttcher.

44. Vorstellung

Besucher der Wiener Staatsoper sind ja nicht gerade verwöhnt, was das Bühnenbild angeht. Das ist entweder nicht vorhanden, also alles schwarz. Bestenfalls stehen ein paar graue Wände um die Sänger. Ausnahmen gibt es natürlich. Die Volksoper hingegen verwöhnt ihr Publikum mit kulinarischen Bühnenbildern und Kostümen! Und muss sich daher nicht um die „Auslastung“ Sorgen machen!

So auch in der „Turandot“. Dieses Märchen von der eiskalten Prinzessin, die unberührt bleiben will, ist ja purer Krieg! Turandot tötet mit Lust, lässt alle Anwärter, die ihre Rätselfragen falsch beantworten, hinrichten. Aber der von Liebe säuselnde Calaf ist ebenfalls ein ziemlich berechnender, kalter Typ. Schaut er doch gelassen zu, wie die arme Liu zu Tode gefoltert wird, weil sie Calafs Namen nicht preisgeben will.

Also: Liebe ist Kampf, Krieg. Erst recht in China – trittst du gegen die Macht (Turandot) auf, bist du schon verloren. Aber – keine Angst, in der Volksoper wird nicht krampfhaft auf aktuell umgedeutet. Das Duo Doucet und Barbe haben ein recht witziges Konzept entwickelt: Die Menschen, die unter Turandots Geißel sich ducken und kriechen, sind mehr Insekten als Menschen. Einige haben lange Fühler, andere eine echsenartige Zeichnungen am Körper.Die königliche Garde gleicht eher Glühwürmchen denn Kämpfern. Schmetterlinge kriechen(!) als Halbwesen über den Boden. Und über allem steht – nicht Turandot, sondern der weibliche Henker. Großartig: Eine Frau mit hinreißender Figur, das Gesicht dunkel, auf dem Kopf einen Helm mit ehernem Busch. Ihre mit riesigen Beißzangen verlängerten Arme erinnern an einen männlichen Hirschkäfer. Mit diesen Zangen wird sie alle Prinzen, aber auch Liu töten.

Die weibliche Henkerin (Foto: Voldksoper Wien)

Etwas gewöhnungsbedürftig wirkt das Outfit Calafs (Vincent Schirrmacher). Er erinnert mit seinen hochgebürsteten Haaren und der Schminke fatal an Pumuckl. Sein armer Vater Timur (sehr gut: Stefan Cerny) muss wie ein Wilder aus den Wäldern mit einem Fell herumlaufen. Aber man akzeptiert auch solche Merkwürdigkeiten, weil die ganze Aufführung mit so viel Lust am Spiel, an Licht (Guy Simard) und Einfällen abgeht. Anja-Nina Bahrmann ist eine ausgezeichnete Liù. Dass sie in ihren zarten Arien, in der sie von ihrer Liebe zu Calaf singt, doch an manchen Stellen forcieren muss, liegt an dem Dirigent Alfred Eschwé. Er lässt Pauken und Trompeten aus vollem Rohr schmettern, nimmt nicht immer genügend Rücksicht auf die Sänger. Zum Gesamtkonzept der phantasieüberbordenden Regie passt sein Dirigat dann irgendwie doch. Auch Calaf (Vincent Schirrmacher) und Melba Ramos als Turandot haben mit dem martialischen Dirigenten manchmal ihre Schwierigkeiten. Humorvoll und gekonnt gespielt und gesungen laufen die Szenen mit den drei Ministern Ping (Alexandre Beuchat), Pang (David Sitka), Pong (JunHo You) ab.

Ein voller Erfolg, bei vollem Haus (obwohl schon die 44. Vorstellung!). Das Publikum dankte mit Jubel, langem Applaus und Blumen. Es bleibt zu hoffen, dass diese Inszenierung auch in der kommenden Saison am Programm stehen wird!!!

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Philipp Hochmair in Grafenegg am 28. und 29. Juli 2022

Foto oben: Hochmair rockt Schiller, © Stephan Brückler

Schiller Rave Balladen: feinste deutsche Lyrik meets Elektro-Beats

Am 28. Juli verwandeln Philipp Hochmair und seine Band „Die Elektrohand Gottes“ die bekanntesten Balladen Schillers in ein exzessives Erlebnis. Der Klassiker wird übermalt und befreit.

Hochmair in „Jedermann reloaded“ © Stephan Brückler

Am 29. Juli schlüpft Hochmair in die Rolle des Jedermann und macht ihm zum Rockstar. Gemeinsam mit seiner Band verwandelt er den etwas angestaubten Text Hofmannsthals in ein apokalyptisches Sprech-Konzert.

Karten bei Ö- Ticket und direkt in Grafenegg:

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http://www.grafenegg.com , www.philipphochmair.com

Volksoper: Ballett „kontrapunkte“

Dreiteiliger Ballettabend mit Choreographien von Anne Teresa Keersmaeker, Murce Cunningham, Hans van Manen.

Bild oben: „four schumann pieces“ -Ensemble. ©Ashley Taylor (alle)

„große fuge“

Musik: Ludwig van Beethoven, Große Fuge op.133

Choreographie: Anne Teresa Keersmaeker. Sie ist die Asketin unter den Choreographen. Das Bewegungsrepertoire konzentriert sich auf Aufstehen und Fallen. In dunklen Anzügen mit weißem Hemd tanzen sieben Herren (Peci, Ferreira, Kaydanovsky, Carroll, Hayden, Vandervelde, Tariello) und als einzige Frau Fiona McGee. Das 1992 uraufgeführte Ballett hat nichts an Rasanz eingebüßt. Alle Tänzer kommen an die Grenze der Belastbarkeit: Das Auf und Nieder, sich am Boden Einrollen, Drehen, Aufspringen ist anstrengend für das Ensemble und für das Publikum. Man hat den Eindruck , hier kämpfen Gangs untereinander, jeder mit jedem und alle zusammen gegeneinander. Durch die auf Hände und Gesichter konzentrierte Lichtführung (Jan Joris Lamers) erscheinen diese wie Gespenster in der Dunkelheit, aufleuchtend, verschwindend. Viel Applaus für die Leistung der Akteure und die Musiker, die im Hintergrund der Bühne aufspielten.

„duets“

Musik: Improvisation III von John Cage, Live-Elektronik Bela Fischer und Michael Fischer unter Verwendung der Einspielung von Peadar&Mel Mercier.

Merce Cunningham schuf die Choreographie 1980 und sie ist frisch, als wäre sie gestern entworfen worden. Durch die knallbunten Kostüme von Marc Lancaster wirkt sie wie frischer Wind nach dem düsteren Bild von Keersmaeker.

Alexandra Inculet und Hanno Oppermann

Cunninghams Ballettsprache hat Schule gemacht: Er vereint modern dance und klassisches Ballettrepertoire. Es ist Tanz pur, ganz ohne Narrativ. Jedes Paar findet seine eigene Sprache, am Ende fügt sich alles harmonisch zusammen. Unter den unterschedlichen Formen des Paartanzes fiel besonders das Paar Alexandra Inculet und Hanno Oppermann durch Präzision und Hingabe an die Musik auf. Ihr Pas de deux war, was Cunningham immer anstrebte: Tanz pur.

„four schumann pieces“

Musik: Robert Schumann, Streichquartett A-dur, op. 41, Nr.3

Harmonie in Farben (Kostüme: Jean-Paul – Vroom) und in den Bewegungen. Hans van Manen, nunmehr 90 Jahre alt, leitete persönlich die Proben an der Volksoper. Diese Choreographie schuf van Manen für Anthony Dowell, den britischen Stardänzer. An diesem Abend beeindruckte Davide Dato in dieser Rolle, als Solotänzer und im pas de deux mit verschiedenen Partnern. Die Ballettsprache van Manens ist reiner Tanz, „nicht mehr und nicht weniger“, wie er immer betont. Durch eine klare, abstrakte Bewegungssprache erzeugt er große Spannungen und Emotionen. Im Paartanz geht es immer um Beziehungen, die beginnen und flüchtig bleiben.

Davide Dato

Viel Applaus für das Ensemble, Davide Dato und für Hans van Manen, der persönlich auf die Bühne kam.

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Aus dem Französischen von Amelie Thoma

Gleich vorweg: Ich schätze Leila Slimani überaus. Ihre beiden Bücher „Das Land der Anderen“ und „..dann schlaf auch du“ sind mehrlmals gelesene Schätze meiner Bibliothek. Aber – leider – mit diesem Buch konnte ich nichts anfangen. Schon das über Seiten gehende Lamento über die Schreibhemmung langweilt! Es gibt ja kaum einen Schriftsteller, der die Schreibblockade nicht schon einmal zum Thema seines nächsten Buches machte. Motto: Wenn dir nichts einfällt, dann schreib darüber, dass dir nichts einfällt. Leider heißen diese alle nicht Goethe oder Thomas Mann, die dieses Thema über das persönliche Dilemma hinausgehend zu einem Weltbuch machten. (Faust 1, Der Tod in Venedig)

Nun zu Slimanis Buch. Ist die Not am größten, dann gibt es immer einen deus/ eine dea ex machina. In diesem Fall die Verlegerin: Sie schickt Slimani nach Venedig, wo sie im Museum „Punta della Dogana“ eine Nachht verbringen und darüber schreiben soll. Gesagt -getan. Zu Venedig selbst fällt Slimani nichts mehr ein – ist ja alles schon hundertfach geschrieben worden, bis zum Kitsch hinauf und hinunter. Die Nacht im Museum ist erwartungsgemäß wenig spektakulär. Es rennen keine Geister durch die Säle, die Bilder beginnen nicht zu sprechen. Einzelne Werke evozieren in der Schriftstellerin Erinnerungen an ihre Kindheit in Rabat. Andere wiederum lässt sie an Bücher von anderen Autoren denken. Dem namedroping mögen vielleicht einige Leser Gefallen finden, wenn es ihnen Freude macht, jeden einzelnen Namen nachzuschlagen. Ich persönlich war mit allen genannten Namen überfragt. Über all das tröstet die intensive Sprache der Autorin hinweg, ihre dichten Bilder aus Rabat. Aber es ist und bleibt ein typisches „Restlessenbuch“ – auf den nächsten großen Wurf werden wir wohl noch warten müssen.

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Volksoper: Benjamin Britten, Der Tod in Venedig

Inszenierung:David McVicar, Dirigent: Gerrit Prießnitz. Text von Myfanwy Piper, übersetzt von Hans Keller und Claus Hemberg. Nach der gleichnamigen Novelle von Thomas Mann

Selbstzweifel, Schreibhemmungen, es geht gar nichts mehr ….seit Goethes Faust ein immer wiederkehrendes Thema in der Kunst. Aber keiner hat es so tief erfasst wie Goethe. Und dann noch Thomas Mann. Wenn ein Künstler sein Talent in Frage stellt, die Quelle der Eingebungen versiegt und die Sprache verstummt, dann wird aus der Schreibkrise eine Lebenskrise.

So weit bei Goethe und Mann nachzuvollziehen und von späteren Vertretern der schreibenden Zunft immer wieder als Thema aufgegriffen und zu einem Text verarbeitet. (Zuletzt Leila Slimani in ihrem jüngst erschienenen Buch: Der Duft der Blumen bei Nacht. Auch sie fährt nach Venedig, um sich aus der Schreibhemmung zu lösen. Der Leser gähnt ausgiebig mit ihr). La Serenissima soll also schon allein durch die Kraft der Musik, die in dem Namen steckt, die Phantasie Aschenbachs beflügeln. Doch leider muss er erkennen, dass Venedig mehr denn je sich als Theater für Touristen aufführt. Der erwartete Ideenschub bleibt aus. Erst der Blick auf den schönen Knaben Tadzio (dargestellt von dem jungen Balletttänzer Victor Cagnin) rüttelt ihn auf und er hofft darauf, dass diese plötzlich entflammte Liebe die Schleusen öffnet und die Worte fließen lässt. Trotz Choleragefahr bleibt Aschenbach, um Tadzio nahe zu sein. Noch in der letzten Lebensminute meint er den schönen Knaben zu sehen, wie er ihm zuwinkt und ihn in ferne Horizonte lockt.

Die Novelle wurde von Visconti 1971 erfolgreich verfilmt, Der Regisseur McVicar meinte wohl, es hätte nicht viel Sinn, gegen diese szenegewaltige Verfilmung anzugehen. Also folgte er ihm, oft allzu sklavisch. Wenn die Reichen und Schönen zum Diner schreiten, wenn die russische Familie sich am Strand breit macht, wenn die Kinder raufen, tanzen, wenn Tadzio hinter der Familie marschiert, immer sich diskret umwendend, ob Aschenbach ihm folgt. Viele im Publikum werden ein Dauerdéjà – vu – Erlebnis haben. Nur leider sind viele Szenen zu lang geraten (- etwa die raufenden und tanzenden Kinder am Strand) und werden zu oft wiederholt, was das Werk zerdehnt. Kürzung hätte gut getan. Bühnenbild und Kostüme von Vicki Mortimer bleiben wie der Film auch in der Zeit um 1900. Manche Bilder emanzipieren sich und entwickeln eine vom Film unbeeinflusste Kraft, etwa die Szene mit dem Gondoliere (Johannes Wimmer in mehreren Rollen), der Aschenbach an den Lido rudert. Mit gekonntem Lichteinsatz wird daraus eine düstere Fahrt ins Ungewisse des nahen Todes.

Die Leistung von Rainer Trost als Gustav von Aschenbach ist besonders hervorzuheben. Im Dauereinsatz auf der Bühne hat er in einem anstrengenden Sprechgesang das Geschehen und zugleich seine eigene Gefühlslage zu kommentieren. Die Rolle des Tadzio, der mit seiner Jugend und Schönheit den alternden Dichter in den Bann zieht, ist mit Victor Cagnin eine Fehlbesetzung. Denn von dem Tänzer springt keinerlei Erotik über. Und damit steht und fällt der Sinn der Geschichte. Aber die Musik rettet viel, fast alles. Unter der sensiblen Führung von Gerrit Prießnitz entfaltet sich die ganze Dynamik der Oper: Von der Düsternis des nahen Todes, von der Sinnlosigkeit der reichen Gesellschaft bis hin zur zarten Liebe, die Aschenbach für Tadzio empfindet, erzählt alles die Musik.

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P.S: An dieser Stelle möchte ich Direktor Robert Meyer für die fünfzehn spannenden und abwechslungsreichen Abende in der Volksoper danken. Besonders aber auch für seine offenen Worte in der Sendung „Gedanken“ auf Ö1 am Sonntag, 29. Mai 2022. Endlich einmal spricht einer aus, was ich mich schon immer fragte: Was bewegt die Politiker bei der Bestellung diverser künstlerischer Leiter? – Wie kommen sie zu den Nominierungen, ohne je im Theater gesehen worden zu sein????

Viola Ardone, Ein Zug voller Hoffnung. C. Bertelsmann

Aus dem Italienischen von Esther Hansen

Neapel, knapp nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Not ist überall, besonders im Armenviertel, wo der achtjährige Amerigo Speranza mit seiner Mutter in einem „Basso“ wohnt, in einem dieser Einzimmerbehausungen, in die man direkt von der Straße hineinsieht. „Meine Mama geht vor und ich hinterher“, heißt es gleich zu Beginn. Der Satz sagt alles: Die Mutter ist energisch, geht rasch, kümmert sich nicht um den Sohn, der hinter ihr herhetzt. Dennoch – er liebt seine Mutter, versteht unbewusst und manches auch bewusst, warum sie so rau und nach außen hin unzugänglich ist. Auf seine Weise liebt er sie. Die ersten sieben Absätze beginnen alle mit „Meine Mama“.

Amerigo wächst auf der Straße auf, macht Streiche, wie alle anderen Kinder auch. In die Schule geht er nicht mehr, er hat keine Lust auf Prügel. Eines Tages geht das Gerücht, die Kinder werden nach Russland verschickt. Angst überfällt alle. Amerigo jedoch ist mutig, als er in den Zug steigt, der ihn in den reichen Norden zu einer „neuen Familie“ bringt. Er unterdrückt Angst und Heimweh, lebt sich schnell bei der neuen Familie ein, wo er sich geborgen und geliebt fühlt. Sein Herz schlägt für die Musik, und er bekommt eine Geige geschenkt und darf Geigenunterricht nehmen. Doch nach einem Jahr heißt es wieder zurück nach Neapel. Wie die Geschichte weitergeht, sei hier nicht verraten.

Was das Buch so wertvoll macht, ist die schlichte und zugleich poetische Sprache. Die Autorin schreibt aus der Sicht des Kindes, ohne je peinlich in Kitsch oder Verniedlichung zu verfallen. Dazu gibt ihr der lebensschlaue Amerigo, der sich auf alles seinen nicht unklugen Reim macht, keine Gelegenheit. Das Schicksal Amerigos und der anderen Kinder, die in den NOrden verschickt wurden, geht einem ganz nahe. Manche Leser werden sich noch an Erzählungen älterer Menschen erinnern, die in Wien in den Nachkriegsjahren nach Schweden, Holland oder in die Schweiz verschickt wurden und gerne an diese Zeit denken. Die Solidarität war in Zeiten der Not überall gleich groß.

Seite für Seite genießt man dieses Buch, wie eine Tafel Schockolade, die man nicht auf einmal verschlingen will. So kann man sich lange auf die nächsten Seiten freuen, bis alle zu Ende gelesen sind. Dann ist man traurig, weil man Amerigo verlassen muss. Aber vielleicht will man ihm ja nach einiger Zeit wieder begegnen – nichts leichter als das: Man liest das Buch nochmals, diesmal vielleicht noch langsamer und genüsslicher.

http://www.cbertelsmann.de

Wiener Symphoniker: LIEBESIDEAL

Kammermusikkonzert der Wiener Symphoniker im Kunsthistorischen Museum, Bassano Saal

Ein Abend voll vergnüglicher Musik. Die fünf Musiker des Symphonischen Schrammelquintettst, sind: Helmut Lackinger Violine, Edwin Prochart, Violine, Kurt Franz Schmid Klarinette, Peter Hirschfeld Kontragitarre, Ingrid Eder Akkordeon.

Für heitere und informative Wortspenden sorgte Kurt Franz Schmid.

Gleich beim ersten Sück von Johann Schrammel „Kunst und Natur“ fühlte man sich in die Vergangenheit des „Dommayer“ im 18. oder 19. Jahrhundert versetzt, wenn im Garten die Musi spielte. Man will das Tanzbein schwingen, aber wie Kurt Schmid dem Publikum erklärte, hatten die Brüder Johann und Josef Schrammel ihre Musik nicht für den Tanz komponiert. Man hörte Polka, Walzer, Csardas. Mitten drin auch Camille Saint – Saens, Das Liebesduett aus der Oper „Samson und Dalila“.

Wer die vorangegangene Führung im Museum zum Thema Liebe mitmachte, konnte sich im wahrsten Sinn des Wortes „ein Bild“ zu Samson und Dalila machen. Anton van Dyck, ein Schüler von Rubens, konzentrierte sich auf den Moment der Gefangennahme, als seine Geliebte ihn verriet.

Anthony van Dyck, Die Gefangennahme Samsons. Foto: silvia Matras

Doch es gab auch heitere Bilder zum Thema Liebe im Museum zu sehen: Zum Beispiel die drei herrlich glatten, runden Popos, einmal von Gott Amor, dann von dem Knaben Ganymed und der schönen Io, beide gemalt von Correggio. Der von dem jungen Gott Amor ist wohl am verführerischten.

Parmigiano, Bogenschnitzender Amor (Foto: silvia Matras)

Zurück zur Musik der Brüder Schrammel. Ihre Kompositionen waren bei der Aristokratie sehr beliebt. Der Fürstin Eugenie Esterhazy widmeten sie den bekannten „Eugenie-Walzer“ und Pauline von Metternich die Polka „Frühlingsgruß“.

Den vergnüglichen Abend beendeten die Symphoniker mit Fritz Kreisler: Liebesleid und dem echten „Rausschmeißer“ „Hallodri“ von Johann Schrammel.,

Das nächste Kammermusikkonzert findet am 9. Juni 2022 um 19.30 im Bassano-Saal des Kunsthistorischen Museums statt. Ticket:

http://www.symyphoniker.at oder über ticket@konzerthaus.at

Leila Slimani: All das zu verlieren. Luchterhand

Aus dem Französischem von Amelie Thoma

Adèle führt ein Leben, das typisch ist für di gehobene Mittelklasse: Verheiratet mit Richard, einem gut verdienendem Chirurgen. Ob sie ihren kleinen Sohn und ihren Mann liebt, das weiß sie selbst nicht so genau. Denn das sichere Alltagsleben langweilt sie, ebenso ihr Beruf als Journalistin. Ihr Ausweg aus der Langweile und dem Lebensüberdruss – ist Sex, je billiger, brutaler – desto besser. Nach der zweiten Szene dieser Art beginnt sich allerdings der Leser auch zu langweilen. Man wundert sich nur, wie realistisch und spachlich großartig Slimani all diese Szenen, die eindander ähneln, hinbekommt. Es kommt, wie es kommen muss: Der Ehemann kommt dahinter. Aber zur Überraschung Adeles lässt er sich nicht scheiden, sondern versucht sie zu „heilen“, indem er sie liebevoll „einsperrt“ in einem neuen, schönen Haus, fernab von Paris und den Versuchungen. Das nützt nichts, nach einiger Zeit reißt Adèle aus und bricht zu neuen Sexabenteuern auf, bereit für einen tödlichen Sex.

Nach „Das Land meiner Mutter“ und „Dann schlaf auch du“ – ist dieses Buch für mich eine Enttäuschung, trotz der intensiven Sprache.

http://www.luchterhand-literaturverlag.de

Tanja Langer: Der Maler Munch. Langen Müller

Tanja Langer schreibt keine Biographie , sondern wählt einen Zeitausschnitt, in dem Schaffen und Leben des Malers auf der Kippe von Normalität zur Krankheit standen. Munch ließ sich danach selbst in eine Nervenheilanstalt einweisen.

In einer intensiven, hochpoetischen Sprache und starken Bildern nächert sich Tanja Langer dem Lebensabschnitt Munchs, als er in die selbstzerstörerische Hassliebe zu Tulla Larsen verstrickt war. Sie beherrschte sein Denken, Handeln und Malen. Eifersucht, Hass, Sexualität, Alkoholexzesse und Selbstzerfleischung kennzeichnen diese Beziehung und gehen in die wilde, exzessive Bildsprache des Malers und seiner „Biografin“ ein. In Tulla sah er alle Frauen, die er in seiner Kindheit verloren hatte: die beiden Schwestern, seine früh verstorbene Mutter. Deren Tod versuchte er durch die Beziehung mit dieser Frau, die selbst die Extreme liebte und gerne und lustvoll mit Munch ihre Spielchen trieb, zu verarbeiten. Gelang aber nur in immer größere Abhängigkeit, die Ulla auszunützen wusste.

Tanja Langer findet starke Sprachbilder für die Seelenqualen und Exzesse des Malers. Verstärkt wird das Leseerleben durch die zum Thema passenden Bilder, die dem Band beigefügt sind.

Eine Gelegenheit Literatur und Werk direkt zu verbinden ergibt sich bestens in der laufenden Ausstellung „Edward Munch“ in der Albertina Wien, die noch bis zum 19. Juni 2022 zu sehen ist. http://www.albertina.at

http://www.langen-mueller-verlag.de

Oliver Dirr, Walfahrt.

Über den Wal, die Welt und das Staunen. Verlag ullsteinextra

Oliver Dirr verbringt mit seiner Frau Theresa die Urlaube auf „Walfahrten“. Im Laufe der Jahre kommen sie rund um die Welt und sammeln Erfahrungenn und ERkenntnisse in Norwegen, Madeira, Grönland, Kanada etc. Zu Beginn interessieren sie sich besonders und fast ausschließlich für Orcas, später jedoch auch für alle anderen Spezies, wie Buckelwale, Bartwale, Belugas, Finnwale. Bei all den Reisen erfahren die beiden auch viel über andere Tiere – Schildkröten, diverse Vogelarten wie den Sturmtaucher. So ganz nebenbei erzählt Oliver Dirr über den Stand der Wissenschaften. Mit viel Humor führt er uns Lesern vor Augen, wie unwichtig wir Menschlein im großen Weltenplan sind und wie wenig wir noch über die Geheimnisse der Natur wissen.

Gelungene Landschaftsbeschreibungen lockern die Erzählungen über Tiere aller Art auf, gewürzt mit Geschichten über die eigenen Unzulänglichkeiten. Humor hat, wer über sich selbst lacht. Das kann Dirr oft und herzlich.

Wir erfahren ohne Belehrung zum Beispiel viel über die Buckelwale. Wie sie die Menschen mit ihren „Sprüngen“ unterhalten, weswegen sie auch „Akrobat der Meere“ genannt werden. Und wir Landeier lernen ein neues Walvokabular, wie „Blas“ (ausgestoßene Atemluft), „Finne“ (Rückenflosse), „Fluke“ (Schwazflosse).

Seine Erkenntnisse fasst Oliver Dirr so zusammen: Wale sind Wesen wie wir. Sie haben Bewusstsein, Intellekt und Kultur, Seine Lieblingstiere bleiben immer die Orcas, da sie an Intelligenz allen anderen Meerestieren überlegen sind, Über viele Jahre wurden ihr Sozialverhalten, ihre Dialekte (ja, wirklich!) studiert, und man ist erst am Anfang der Forschung. Oliver Dirr warnt jedoch vor der Gefahr der Vermenschlichung. „Wir stellen noch immer die falschen Fragen und gehen von unserer Vorstellung von Kultur und Sprache aus.“

Ein ausführliches Kapitel widmet er dem Walfang, schildert die grausamen Methoden, die den Bestand der Wale bis auf 0,1 Prozent reduziert hat. Unter dem Mäntelchen der wissenschaftlichen Erfrorschung werden noch immer aus Geldgier viele Wale getötet.

Am Ende des Buches wird kein Leser mehr „Walfisch“ sagen. Denn er hat die Lektion über diese geheimnisvollen Säugetiere gründlich gelernt.

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Deutsch von Daniel Kehlmann. Regie Janusz Kica. Bühnenbild und Kostüme: Karin Fritz

38 Personen, die fast alle irgendwie miteinander verwandt sind, in einem Stück verstehbar und unterscheidbar auf die Bühne zu bringen, das ist eine Herkulesaufgabe! Die Janusz Kica manchmal bravourös meistert, in manchen Szenen jedoch scheitert. Gleich in der ersten Szene wurlt es auf der Bühne, alles rennt und redet durcheinander. Whos ist who fragt der Zuschauer. Und das bis zum Schluss des öfteren. Ein großartiges Ensemble – man meint fast die ganze Josefstadt steht auf der Bühne – meistert dank einer klugen Personenregie die schwierige Aufgabe, das Schicksal einer jüdischen Familie in Wien von 1889 bis 1955 zu spielen. Zentrum ist Hermann Merz, Textilfabrikant -souverän gespielt von Herbert Föttinger. Er ist Optimist, sieht nicht die deutlichen Zeichen des Judenhasses, der sich in Wien immer mehr ausbreitet. Die Weltausstellung in Paris 1889 verheißt doch einen wirtschaftlichen Aufschwung für alle, meint er. Dagegen argumentiert sein Schwiegersohn Ludwig Jakobowicz (Ulrich Reinthaller). Er weiß, ahnt, dass es nicht besser, nur schlimmer werden wird. Im ersten Akt kommt alles zur Sprache, was eifrige Besucher des Theaters auch schon in dem Stück „Der Weg ins Freie“ gehört haben: Die Frage nach einem Judenstaat, konvertierte Juden – sind es trotzdem Juden -, Mischehe und Anfeindungen an Universitäten etc. So mancher Zuseher mag daher des öfteren ein déjà-vu-Erlebnis – oder besser : ein déjà – entendu ERlebnis -gehabt haben. Die Kürzung so mancher Dialoge wäre nüt:zlich gewesen! Denn dreieinhalb Stunden sind zu lang. Die Geschichte wird weitererzählt: Der finanzielle Zusamenbruch der Firma während und nach dem 1. Weltkrieg. Ein letztes Auffflammen und Momente der Freude während des Festes der Beschneidung. Die Zeichen des nahen Faschismus wollen nicht wahrgenommen werden. Und dann der Zusammenbruch: Die Familie muss in einem Zimmer zusammengepfercht leben, ohne Heizung und Strom! Der packende Höhepunkt des Stückes ist der Auftritt von Joseph Lorenz als „Zivilist“, der die Familie für die Verschickung in die Leopoldastadt und von dort in die Lager auf eine Liste setzt. Diese Szene lehrt den Zuseher das Gruseln – obwohl schon in vielen Filmen gesehen, in vielen Büchern gelesen -aber so kalt und hautnah herzlos wie Lorenz den Mann spielt, da bleibt einem die Luft weg! Die Geschichte endet um 1955, in der Rosa (Sona MacDonald) als eine der wenigen Überlebenden, lakonisch die Namen der in Aussschwitz ermordeten Familienmitglieder aufzählt. Einige, so erfährt man, haben Selbstmord begangen.

Annerkennender Applaus für die Leistung der Schauspieler und wohl auch für die Stückauswahl.

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Oper Graz: Undine, Ballett

Ballett von Frederick Ashton nach Friedrich de La Motte Fouqué. Choreographie: Beate Vollack. Musik: Hans Werner Henze. Dirigent: Giuliano Gaudiano

Henzes Ballettmusik klingt zur großen Überraschung fernab vom gängigen Komponierszenario der 1950er Jahre. Unbeeindruckt von den orthodoxen Gesetzen eines Stockhausen und Nono komponierte Henze eine Ballettmusik, die eher von Tschaikowsky und der deutschen Romantik inspiriert ist. Die Leiterin des Grazer Balletts, Beate Vollack weiß diese Romantik voll in ihrer Choreographie umzusetzen. Guiliano Gaudiano dirigiert mit Subtilität die Grazer Philharmoniker.

Schon das Bühnenbild ist ungewöhnlich (Jon Morell): Undine und die Wasserwesen tanzen und schweben in einem aufgelassenen Schwimmbecken. Es erinnert an alte Bäder aus der Jahrhundertwende und später. Als man wuchtige Hallen baute mit Säulen und Bogen. Die wendigen Wasserwesen schlüpfen geschmeidig durch die im Becken eingelassenen Rundbogenluken, die Begleiter Palemons haben da manchmal Probleme.

Die Geschichte beginnt sehr heutig: Palemon (Christoph Schaller) stößt während einer Party mit Freunden und seiner Verlobten Beatrice (Ann Kathrin Adam) durch Zufall auf dieses leere Becken. Sie vergnügen sich, wie das halt bei so einer Party nach amerikanischem Vorbild üblich ist. Seine Begleiter verschwinden und Undine „taucht“ mit ihrem Vater Tirrenio (Paulio Sóvári) und den Tritonen auf. Beate Vollack teilte die Rolle der Undine auf sieben Tänzerinnen auf, was die Verzauberung und Verwirrung Palemons noch steigert. (Auch die des Publikums). Die Liebe zwischen den beiden wird romantisch ausgetanzt, immer wieder umgarnen die 7 Tänzerinen Palemon. Tirrenio gibt nur widerwillig die Zustimmung zu dieser Verbindung. Palemon muss Treue geloben. Doch das funktioniert in der heutigen Welt nicht mehr so leicht. Treue ist geschwind gelobt, schnell gebrochen. Beatrice hat ja auch sein Versprechen. Sie kämpft um ihn, er ist unschlüssig, weiß nicht, wie er entscheiden soll. Es ist ein Kampf zwischen zwei Weltsichten. Diesen Zwiespalt tragen auch die jeweiligen Begleiter aus: Beate Vollack inszeniert beeindruckende Kampfszenen zwischen der Welt der Tritonen und den Begleitern Palemons. Besonders fällt Paulio Sóvári in diesen Szenen durch seine kraftvolle tänzerische Darbietung auf. Die Stärke dieser Choreographie liegt unter anderem auch an den charakterlich gut durchgezeichnten Figuren. Palemon ist der Wankelmütige, der Träumer, Beatrice eine mutige, sich behauptende junge Frau, das genaue Gegenteil zu den romantischen Figuren der Undine, die wie Traumwesen, unfassbar und nicht zu ergründen und zu begreifen, durch das Wasser schweben. Beate Vollack schuf mit dieser Choreographie mehr als nur ein romantisches Handlungsballett. Sie legt den Finger auf die Probleme der heutigen Gesellschaft: Träumen ist gefährlich, zerstörerisch, Realismus ist gefragt. Insgesamt nicht nur tänzerisch ein interessanter Abend.

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Dirigent: Roland Kluttig. Inszenierung: Sandra Leupold.

Es mutet fast wie ein Wunder an: Alles stimmt in dieser Inszenierung! Die sensible Personenführung und die klugen Regieeinfälle von Sandra Leupold- nie überbordend oder gegen den Sinn -, die musikalische Leitung von Roland Kluttig ganz wundervoll!, die beeindruckende Bühne von Mechthild Feuerstein – klug mit wenigen Akzenten versehen, die Kostüme von Jochen Hochfeld – in die Zeit passend und doch nicht „altvatrisch“! Warum ich das für ein Wunder halte? – Die Erklärung ist einfach: Wir Wiener Opernfreunde mussten uns unter dem „neuen“ Direktor an schockierendes Regietheater gewöhnen, was zu einem deutlichen Besucherschwund führt. Die Lust, in die Wiener Oper zu gehen, nimmt immer mehr ab..

Die Grazer Inszenierung des „Fliegenden Holländers“ überzeugt und begeistert auf allen Linien. Kyle Albertson ist ein Holländer, wie er „im Büchl“ steht und hat tatsächlich Ähnlichkeit mit dem Bild auf dem Hänger, der von oben herabgelassen wird! Er hat nicht nur eine großartige Stimme, sondern spielt auch mit Tiefgang! I,n der Rolle der Senta hat Helene Juntunenzwar nicht alle begeistert (der Applaus war deutlich schwächer als bei den anderen Sängern), aber mir gefiel der metallische Klang der Stimme. Sie nahm der Rolle die peinliche romantische Verklärung, in die Senta in anderen Inszenierung fast automatisch kippt. Da spürt man deutlich die behutsame Führung der Regisseurin! Gleich zu Beginn hebt Mario Lerchenberger mit dem Steuermannslied an und begeistert das Publikum durch seine jungenhafte Stimme. Wilfried Zelinka ist ein staubgrauer, berechnender Vater, der seine Tochter gerne und übereiftig an den reichen Holländer verschachert. Maximilian Schmitt überzeugt als Erik und Mareika Jankowsky als Mary. Die sonst oft verkitschte Oper wird in dieser Inszenierung ein optischer und akustischer Genuss! Mit der Einführung der stummen Figur Richard Wagners (Bernhard Schneider) auf der Bühne bekommt der Abend einen besonders ironisch-witzigen Ton. Er sitzt auf dem obersten Bühnenrand im Hintergrund, dirigiert manchmal, dann wieder sieht er fasziniert zu oder betrachtet etwas ratlos sein eigenes Werk. Das erinnert stark an das Schaupiel „Eurydike geht“ von Elfriede Jelinek, als Nikolaius Habjan eine Jelinekpuppe das Geschehen vom Bühnenrand mimisch und gestisch kommentieren ließ.. Gegen Ende zu mischt sich Wagner ins Bühnengeschehen, um das Chaos, das er mit den Figuren angerichtet hat, zu schlichten. Was ihm nicht gelingt. Verzweifelt rauft er sich die Haare.

Begeisterter und langer Aplaus!

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Staatsoper Wien: Joseph Haydn: Die Jahreszeiten

Ballett. Choreographie Martin Schläpfer

Text: Gottfried van Swieten. Bühne und Kostüm: Mylla Ek. Musikalische Leitung: Adam Fischer. Arnold Schönberg Chor

Gar viel, manchmal zu viel strömte auf den Zuschauer, Zuhörer ein: Martin Schläpfer arbeitet sich an großen Musikwerken ab, die nicht für das Ballett komponiert wurden. Jetzt also Haydns Jahreszeiten mit Chor und Gesang. Den schlichten und sehr innigen Text sangen: Slavka Zamecnikova als Hanne, Yosh Lovell als Lukas, ;Martin Häßler als Simon. Als Zuschauer verteilte man seine Aufmerksamkeit unterschiedlich, einmal auf den Text und die Stimmen, dann auf die von Adam Fischer sehr einfühlsam dirigierte Musik. Bleibt dann noch ein Aufmerksamkeitsstrang für das Geschehen auf der Bühne? – Muss sein. Allerdings ich merkte, dass ich oft mal die Bühne ausblendete und nur die Musik genoss. Denn die ist wundervoll heiter, dann wieder ironisch, manchmal getragen, dramatisch, wenn ein Gewitter aufzieht, mit kaltem Hauch, wenn der Winter die Einsamkeit über die Menschen legt.

Nun also zum Bühnengeschehen: Die bei Schläpfer so beliebten Dreiecke hängen von der Decke in die Bühne hinein, allerdings ohne Bedeutung. Zu Beginn weht noch Winterwind die Wolken über den Schleier, der dann weggezogen, den Frühling einlässt. Es quillt über vor neu erwachter Lebensfreude, Kinder springen und tanzen (Schläpfer bringt fast immer das ganze Ballettensemle auf die Bühne). Der Frühling geht über in den Sommer, Ernte. Lukas und Hanne kommen einander näher, Vater Simon steht ein wenig abseits. Für den Zuseher ist es verwirrend, da diese drei Personen nicht immer von denselben Tänzern verkörpert werden. Aber vielleicht irre ich mich… Der Sommer wird drückend schwül,die Bewegungen träge. Das Gewitter tobt über das Land – allerdings in der Choreographie Schläpfers ein ungefährliches Gewitter. Sie kommt nicht gegen die Wucht der Musik an. Im Herbst ist Ernte, kleine Belanglosigkeiten werden pantomimisch ausgetanzt, was einiges Schmunzeln hervorruft. Das Liebespaar findet sich. Und der Winter lässt Simon die Einsamkeit spüren Doch Schläüfer und Haydn entlassen ihre Figuren mit einem Trost, die Natur bleibt in ihrem ewigen Rhythmus und lässt an manchen Wintertagen den kommenden Frühling ahnen.

Marin Schläpfers Bewegungsrepertoire ist sehr groß. Doch wer schon einige seiner Choreographien sehen durfte, dem scheint das Unerschöpfliche an die Grenzen zu kommen. Man hat immer wieder ein déjà- vu -Erlebnis. Vor allem in den Gruppenszenen. Ganz großartige Soli, pas de deux und pas de trois liefern die Solisten wie Marcos Menha, Kyoka Hashimoto, Davide Dato, Maria Yakovleva, um nur einige zu nennen. Ein besonderes Solo tanzt Claudine Schoch als „Sommer“, ganz in sich und in der Bewegung, die das Gefühl von innen nach außen transportiert, versunken. Das sind die Momente, in denen ich meine Aufmerksamkeit voll dem Tanz widmete. Da war alles andere ausgeblendet.

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Colum McCann: Apeirogon. Rowohlt Tb

Aus dem Englischen von Volker Oldenburg

Das Feuilleton ist großteils begeistert, nennt den Roman „einen Jahrhundertroman“ und „Pageturner“. Ein Pageturner mag er wohl deswegen sein, weil so mancher Leser die „Fitzelkapitelchen“ und die nicht immer verständlichen Einschübe überblättern wird.

Der Plot ist wahr: McCann erzählt die Geschichte eines Palästinensers und eines Israelis. Beide haben ihre Töchter durch Anschläge der jeweils Gegenseite verloren. Um ihrer Trauer Herr zu werden und nicht von Hass verzehrt zu werden, schließen sie sich der Friedensorgansisation „Parents Circle“ an. Mitglieder sind Eltern, die ihre Kinder im Krieg zwischen Israelis und Palästinensern verloren haben. Der Kern der Geschichte ist wahr und alles Drumherum ist Fiktion. Das Drumherum aber ist derartig überhöht, verwirrend und und streckenweise undurchschaubar. Manche Kapitel bestehen nur aus einer Zeile, und man kann nicht immer den Sinn des kryptischen Satzes deuten Die Abbildung der Picassotaube und viele kleine Schwarzweißfotos, auf denen nicht immer klar ist, was abgebildet ist, machen aus dem Roman eine Art „Halbbiographie“ und intellektuelle Schmöckerei. Gerade diese Unklarheiten und Zerrissenheit in kleine Kapitel finden viele Kritiker das Beste an dem Roman. Vielleicht, weil kaum jemand zugeben will, dass er streckenwese vor Rätseln stand. Wer will schon zugeben, dass er sowohl die Zahlenspielerei und andere kryptische Hinweise nicht versteht?

Ein Roman, der das Zeug zum „Pageturner“ hätte, wenn der Autor die Hälfte gestrichen hätte.

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Festspielhaus St. Pölten:James Thierrée: Room

James Thierrée macht alles: Kreation, Musik, Bühne, Kostüme, Performance

Der Allroundler James Thierrée wurde 1974 in Lausanne geboren. Er tourte seit seiner Kindheit in der Zirkustruppe seiner Eltern (Jean Baptiste und Victoria Thierrée Chaplin) durch die Welt und gründete 1998 sein eigenes Ensemble. Der eine Großvater – Charly Chaplin – gab ihm die Begabung für Clownerie und Akrobatik, der andere -Eugène O`Neill . die Begabung für Poesie mit.

„Room“ ist wohl eine der verrücktesten Aufführungen, die man in den letzten Jahren im Festspielhaus zu sehen bekam. Wenn man eine Story finden will – was nicht leicht ist – so etwa diese: Thierrée sucht sein eigenes Zimmer, das er in der Kindheit vermisste. Auf der Bühne stehen Wände, Kommoden, Sofas, alles im schäbigen 1900-er Look. Doch der Architekt kann sich noch so bemühen, nie ist Thierrée zufrieden. Immer werden die Wände eingerissen, umgestellt, alles rollt, alles kippt. Chaos ist das beherrschende Element des Abends. Es rollen, turnen, schreien, singen, musizieren rings um Thierrée ausgelassene, aus einer Irrenanstalt frei gelassene Figuren. Thierrée ist der dumme Clown, der sich mit Gegenständen, Menschen, Musikinstrumenten matcht, er ist der kluge, hinterlistige Clown, der die anderen dirigiert. Am besten, man fragt nicht nach dem Sinn, lächelt über manche Lächerlichkeiten. „Alles ist nur bla, bla, bla“, tönt es immer wieder von den Spielern herab auf die Zuschauer. Die Kinder kichern bei manchen Szenen, die Erwachsenen???…????

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Volksoper Wien: Schoenberg in Hollywood

Musik: Tod Machover, Libretto: Simon Robson, Regie und Bearbeitung: Helen Malkovsky. Bühnenbild und Video: Sophie Lux.

Arnold Schönberg: Marco di Sapia, Alter Ego: Christian Graf, Girl: Lauren Urquhart, Boy: Jeffrey Traganza.Orchester der Volksoper Wien, Dirigent: Gerrit Prießnitz

Zuallererst sei hier die enorme stimmliche Leistung hervorgehoben, die diese Musik von den Sängern abverlangt. Dann ist wichtig: Ohne die ausgezechnete vorherige Einführung im nahen Schönberg-Center wäre es fast unmöglich, dem Geschehen zu folgen. Gezeigt wird eine Biopic. Das Leben Schönbergs (die Schreibweise Schoenberg ist die amerikanische Version, die auch im Titel verwendet wird) wird in knappen Szenen gespielt. Die Schwierigkeit für die Zuseher besteht aus der zeitlichen und örtlichen Zuordnung, sowie der Zuordnung der „beiden Schönbergs“. Mit Hilfe der Einführung findet man den roten Faden, allerdings nicht immer mit Treffsicherheit. Die Oper zeigt das Leben Schönbergs im Rückblick und im Vorausblick. Der zeitliche Dreh- und Angelpunkt ist 1934, als Schönberg in Los Angeles ankommt und den Filmproduzenten Irving Thalberg trifft. Eindrucksvoll sind die Szenen, die in Schönbergs Leben gravierende Spuren hinterließen, wie etwa das Verhältnis Richard Gerstls mit Schönbergs Frau Mathilde. Dezent werden Bilder Gerstls, sein zerquältes Selbstporträt eingespielt, dann sein Selbstmord. Schönberg in den Szenen mit seiner Frau – er verlangt totale Unterwerfung. Alles nur in minimalistischen HInweisen. Dann seine Auseinandersetzung mit dem Judentum. Dazwischen immer wieder seine Karriere in Hollywood.

Alles in allem: ein sehr anstrengender, aber interessanter Abend.

Aufführungsort: Kasino im Schwarzenberg, wo sich die Volksoper eingemietet hat.

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Volksoper: Peter Pan. Kinderballett

Choreographie: Vesna Orlic

Wie einst in alten Wochenschauen fährt auf der Leinwand in großen, altmodischen Lettern den Zuschauern förmlich in die Augen und mit bombastischer Musik in die Ohren: „Volksoper präsentiert…Peter Pan“. Und schon fühlt man sich an die eigenen Kindertage erinnert, wo man gebannt auf die Filmleinwand blickte, wenn die Wochenschau oder eine Filmproduktion angekündigt wurde. Unvermeidlich tauchen Fragen auf: Wie wird sich die Volksoper in der kommenden Saison präsentieren? Werden solche Abende, wie eben dieser, voller Leichtigkeit, Kindlichkeit und feinem Humor noch zu erleben sein? Denn die Volksoper war unter Robert Meyer all die Jahre ein Ort, wo man vor dunkeldrohender Langeweile, wie sie uns jetzt das Volkstheater, die Burg und auch in jüngster Zeit die Oper beschert, sicher war. Das heißt aber nicht: In der Volksoper sah man nur leichte Kost. Das auch, aber immer super verpackt. Und man sah auch Unvergessliches, wie jüngst den „Rosenkavalier“ oder „Lady in the Dark“, um nur die beiden stellvertretend für viele intensive Abende zu nennen.

Nun also „Peter Pan“ nach dem Buch von J.M. Barrie, unter dem ausgezeichneten Dirigat von Wolfram-Maria Märtig(Musik von Korngold bis Mancusi bunt gemischt) und mit berauschend schönen Bühnenbildern und Kostümen von Alexandra Burgstaller. Sie blätterte mit Lust, Humor und Einfallsreichtum in alten Bilderbüchern. Etwa gleich mit dem ersten Bild: Ein Kinderzimmer mit einem Rundbogenfenster, durch das eine alte Stadt und ein dunkler Nachthimmel hereinleuchtet. Von hier holt Peter Pan die Kinder ab und entführt sie auf die Trauminsel „Niemandsland“. Einen besseren Peter als Keisuke Nejime hätte man wohl kaum finden können: Man nimmt ihm die kindliche Leichtigkeit ab, er schwebt mit ungeheuren Sprüngen durch die Luft (nicht immer nur am Seil!). Sein Schatten ist Gleb Shilov und der steht ihm um Nichts an Sprungkraft und Talent nach. Wie überhaupt das ganze Ensemble in Hochform ist – man spürt den Drang, in der letzten Vorstellung besonders gut sein zu wollen!). : Barbara Brigatti war eine bezaubernde Tinker Bell, Olivia Poropat eine hinreißende Tigerlilly. Zu den witzigsten Szenen zählten die Auftritte des Captain Hook (László Benedek). MIt Holzbein, Rüschenhemd und Armprothese tanzte er den ironischen Spiegel seiner Figur mit hintergründigem Humor, begleitet von dem plump-witzigen Mr. Smee (Roman Christyakov) und den tölpelhaften Piraten. Ein weiterer Höhepunkt war die Indianerszene mit dem Tanz der Tigerlilly (Olivia Poropat), der zwischen „Tanz der Sieben Schleier“ und Schamanenbeschwörung oszillierte. Bezaubernd auch die „Verlorenen Kinder“ – der Kinderchor der Volksoper, die allesamt wie süße Waldschratten aussahen.

Unerwähnt soll nicht das liebevoll gestaltete Programmheft bleiben! Unbedingt aufheben!

Begeisterter und langer Applaus!

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Jenny Erpenbeck, KAIROS. Penguin Verlag

Kairos ist der griechische Gott des günstigen, richtigen Moments. Ihn heißt es schnell beim Schopf packen, sonst ist er weg und man sieht nur mehr seinen kahlen Hinterkopf. Was war nun der richtige Augenblick in dieser Geschichte? Wohl nicht, als die 19jährige Katharina sich in den 55 -jährigen Hans verliebt. Denn diese Liebe wird sie fast an den physischen und psychischen Abgrund führen.

Hans W. ist verheiratet, ein Pseudointellektueller,kommt aus dem Westen und lebt aus Überzeugung in der DDR, wird dann als Stasispion angheuert, später selbst bespitzelt. Diese Geschichte erfährt der Leser allerdings erst ganz am Ende und eher nur als Streiflicht. Er will herrschen – über Katharina, sie beherrschen – körperlich in widerlicher Weise, und geistig. Beides gelingt ihm erschreckend – quälend. Da fragt sich der Leser, wozu diese langen, sich immer wiederholenden Quälaktionen über sich ergehen lassen. Cui bono? Und Katharina lässt all die Torturen mit sich geschehen.

Im Gleichschritt mit dem Niedergang dieser Liebe geht der Niedergang der DDR vor sich, den die Autorin zwischen 1987 und 1994 erzählt. Der wirklich erschütternde Teil, und der es wert ist mit viel Aufmerksamkeit gelesen zu werden, sind die letzten 50 Seiten. Sine ira et studio schlildert Jenny Erpenbeck die Konsequenzen der Auflösung der DDR für die arbeitende Bevölkerung, die von einem Tag auf den anderen aus den Institutionen, Fabriken und Unternehmen gejagt wird. Sie zählt die Baulöcher auf, die durch Abriss verschiedener Häuser, Cafés, Theaterbauten entstanden sind und die ein Symbol für den inneren Zustand der Menschen sind. Die DDR war nach dem Zusammenbruch und noch lange danach ohne Hoffnungen auf ein besseres Leben, als das alte war. Tröstlich für den Leser: Katharina hat später geheiratet – nicht Hans. Als dieser stirbt, schickt dessen Sohn zwei Kisten mit allen Erinnerungern an diese „Liebe“. Katharina zögert lange, bevor sie diese Büchsen der Pandora öffnet.

Was den Fluss der Erzählung hemmt, sind die vielen sich wiederholenden Einschübe über Literatur und Musik, die nicht mehr als Zitate sind, namedropping. Nicht alle Namen sagen dem Leser etwas, er müsste ziemlich viel nachschlagen. Jenny Erpenbeck, die als eifrige und penible Recherchiererin bekannt ist, ist hier eindeutig ein Opfer ihres eigenen Fleißes geworden. Die Kunst des Schriftstellers besteht auch darin, sich von Teilen der Recherchen zu trennen, nicht alle in den Roman hineinzustopfen.

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Staatsoper Wien: mahler, live. Ballett

Titelfoto: Maria Yakovleva in „Live“

Live. Ein Videoballett. Choreographie: Hans van Manen. Musikstücke von Franz Liszt.

Am Klavier: Schaghajegh Nosrati

Hans van Manen arbeitet seit 1977 immer wieder an der Wiener Oper. Mit diesem Ballett „live“ geht er zurück in die 1970er Jahre, als die Videotechnik das Theater eroberte. Das Ballett „live“ ist ein spannender Dialog zwischen einer Tänzerin (Maria Yakovleva) und dem Kameramann Balácz Delbò, einem ehemaligen Tänzer der Wiener Staatsoper, jetzt Kameramann. Er filmt auf der Bühne „live“ die Tänzerin, folgt ihren Bewegungen, zeigt ihr Gesicht in Großformat, lenkt den Blick der Zuseher auf Details wie Beinarbeit oder die Bewegungen der Hände. Sie trägt ein rotes Kostüm, tanzt vor schwarzem Hintergrund, In der Videoprojektion erscheint sie in Schwarz-Weiß. Es entsteht ein Spiel zwischen Realität und Schein (Video), einmal ist dieTänzerin auf der Bühne realer, packender, dann wieder verschwindet sie in die Irrealität des Bildes. Als ein Tänzer (Marcos Menha) die Bühne betritt, entwickelt sich eine kurze Geschichte des Abschiedes. Sie tanzen aufeinander zu, trennen sich. Die Tänzerin verlässt die Bühne und betritt die Gänge der Oper – nur mehr auf Video zu sehen. In den Gängen setzt sich die Auseinandersetzung des Paares fort. Nach einer Annäherung folgt die Trennung. Die Tänzerin verlässt die Oper und geht auf die Straße hinaus.

Ein spannender Auftakt! Und der pure Kontrast zu dem 2. Teil des Abends,

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Gustav Mahler, Symphonie Nr. 4. Choreographie Martin Schläpfer. Musikalische Leitung: Ramón Tebar

Das Ensemble ( foto: Ashley Taylor)

Martin Schläpfer setzte das gesamte Ensemble – 102 Mitglieder – ein und schuf so eine großartige Interpretation der 4. Symphonie Gustav Mahlers. Unter dem subtilen und feinsinnigen Dirigat von Ramòn Taylor entfaltete sich die ganze Schönheit dieses Werkes: Einmal wirbelten die Elevinnen und Eleven wie Kobolde über die Bühne und ließen den Humor Mahlers und Schläpfers aufblitzen, dann wieder kamen Paare mit berührenden Pas de deux-Szenen, die dem heiteren Treiben eine ernste Note entgegensetzten. Ein Höhepunkt war das Adagio. Zu Beginn tanzen Männer ohne Musik, vielleicht zitiert Schläpfer Thomas Manns „Tod in Venedig“. Bilder von Viscontis Filmversion steigen auf …dann leitet ein wunderbarer Pas de deux von Claudine Schoch und Marcos Menha die Stimmung des Adagio ein. In den folgenden Bildern lässt Schläpfer den Zuseher in die Schwermut Mahlers versinken, verstärkt durch die traumhafte Lichtregie (Bert Dalhuysen). Von oben senkt sich ein Lichtdreieck mit einem Stab, dessen Muster aus dem Jugenstilrepertoire entnommen ist – eine feine Anspielung an die Entstehungszeit. Der 4. Satz ist die Vertonung eines Volksliedes aus der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“: „Wir genießen die himmlischen Freuden“ singt Johanna Kedzior mit ihrem wunderbaren Sopran. Das ganze Ensemble tanzt zu dieser Melodie der puren Lebensfreude!!!

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Krisha Kops: Das ewige Rauschen. Arche Literaturverlag

Krisha Kops ist in einer deutsch-indischen Familie geboren, studierte in London Philosophie und Journalismus, promovierte in Heidelberg. Heute hält er Vorträge und Workshops – seine Themen: Indische Philososphie und interkulturelle Fragen.

Das Besondere an diesem Buch -Krops Debütroman – ist die wunderbare Sprache. Mit ihr fängt er indische Geschichten, den Hauch des Mythischen im alltäglichen Leben ein. „Schon ist sie wieder da, die Liebe, die wie die Götter niemals jemand gesehen hat und von der doch viele glauben, dass es sie gibt…Sie schleicht sich in Lonis schwelgenden Blick, zerfasert ihre Gedanken, stiehlt ihre Sprache und hinterlässt nur ein Stottern.“(S 133)

Die Kapitel heißen z.B: Rosenstraussduellwind, Butterbrotwind, Schaumweinwind, Fickdiekatzewind, Limonenweißwind etc… Der Erzähler ist ein Banyanbaum, dem die Winde die Geschichten zutragen, von Ost, von West, von überall, wo Heimat der Familie ist, über die Kops erzählt. Wer die Poesie dieser Geschichten, die feingesponnene Sprache, die ungewöhnlichen Metaphern erkennt und liebt, dem wird das Buch große Freude bereiten. Wie auch der Autor selbst, haben die Figuren Wurzeln in Indien, also Osten, und in Deutschland, dem Westen. Die beiden Kulturen werden gegenübergestellt, nie aber wertend gegeneinander ausgespielt. Manchmal macht es der Autor dem Leser allerdings schwer, dem Fluss der Erzählung zu folgen, weil die einzelnen Figuren der Handlung immer nur kurz auftauchen, schon erzählt der Wind wieder von einer anderen Figur. Für das Verständnis der Handlung ist die Familiengenealogie zu Beginn sehr nützlich. Man muss zwar jedesmal den Lesefluss unterbrechen, nachblättern, wer mit wem wie verwandt ist, aber ohne diese Info wäre es schwierig den Zusammenhang zu verstehen.

Ein Roman, den man genüsslich, wie eine Tafel feiner Schokolade, Stück für Stück, langsam ins Herz sickern lassen muss.

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Wiener Festwochen – Voreröffnung: Mozart/Castellucci: Requiem

Regie, Bühnenbild, Kostüme: Romeo Castellucci. Raphael Pichon dirigiert das Ensemble“Pygmalion“.

Wieder einmal bewahrheitete sich: Zu hohe Erwartungen sind schlecht, man kann nur enttäuscht werden!. Mit welch Überschwang Medien und die ganze Kulturszene Castellucci als den Regisseur, der gewaltige Bilder über die letzten Dinge kreiert, feiert! Und dann das! Schon die Eingangsszene war an Banalität nicht zu übertreffen: Eine Frau schaut fern, raucht, trinkt, legt sich ins Bett und stirbt. Sicher, der Tod ist nie banal. Und tausend Mal tritt er so wie auf der Bühne gezeigt ein. Doch wie die Szene gezeigt wird, ist peinlich, weil langweilig. Dann kommen die Trauergäste, verhüllen alles mit schwarzen Tüchern, die Leiche wird weggetragen. Was danach über gefühlte zwei Stunden folgt, ist ein Katalog der verschwundenen, ausgestorbenen und zerstörten Tiere, Menschen und Gebäude, jede Abteilung in ordentlicher Schrift an die Wand projeziert, die lateinischen Namen dazu, eins nach dem anderen: Ausgestorben: Tiere, Wälder, Menschen, Völker, Sprachen, Gebäude,etc..Ich komme mir vor wie in einem Radiokolleg von Ö1. Entschuldigung -aber das ist mehr als langweilig.Dazu tanzen der Chor und die Sänger auf der Bühne Volkstänze. Manches Mal wird es tiefsymbolisch: Ein Mädchen wird von oben bis unten mit Farbe angeschüttet, an die Wand geheftet, abgenommen, mit Fell bedeckt und mit Hörnern versehen. Sacre du printemps? Ich war den ganzen Abend mit der Deutung dieser Bild- und Schriftfolgen beschäftigt. Darüber „überhörte“ man gänzlich die Musik. Hin und wieder brachte sie sich lautstark zur Geltung. Ich bin mir bewusst, dass ich mit dieser Meinung/Kritik in der Castelluccicommunity als Banause abgestempelt werde. Aber „da schreib ich nun und kann nicht anders“.

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Amir Hassan Cheheltan: Eine Liebe in Kairo. C.H. Beck Verlag

Aus dem Persischen von Jutta Himmelreich

Kairo 1947. Der iranische Botschafter – er wird im Roman nur „der Botschafter“ genannt – wird mit einem schwierigen Auftrag nach Kairo beordert: Er soll Fausia, die Schwester des ägyptischen Königs Faruk, zur Rückkehr in den Iran bewegen. Sie ist aus einer unglücklichen Ehe mit dem Schah Mohammed Reza Pahlevi nach Kairo zu ihrem Bruder geflohen und nicht bereit, die Ehe weiter zu führen, geschweige denn, in den Iran zurückzukehren.

Weiters soll der Botschafter dafür sorgen, dass der Leichnam des Vaters Schah Rezas, das wertvolle Edelsteinschwert und Kronjuwelen, die der Schah seiner Gattin schenkte, zurückgegeben werden. Forderungen, die nur schwer durchzusetzen sind. Vor allem erklärt Fausia klipp und klar, dass sie nie mehr iin den Iran zurückkehren wird und sie die Scheidung will. Cheheltan schildert akribisch – zeitweise zu akribisch – die diplomatischen Versuche des Botschafters – alles vergebliche Mühe – die Scheidung ist beschlossen. Dabei flicht der Autor geschickt die damalige politische Lage aus der Sicht der arabischen Welt ein: Die Juden vertreiben die Palästinenser aus ihren Dörfern, nützen die Waffenstillstände, um Waffen zu organisieren, während die arabische Welt tatenlos zusieht. Faruks ausschweifendes Privatleben und die Ignoranz der Hofschranzen, die sich gegenseitig aus der Gunst des Königs herausintrigieren, machen die Bemühungen des Botschafters zunichte. Der Autor leuchtet mit einer großen Lupe in diese schwierige Zeit: die Engländer hinterließen ein politisches Desaster, die Juden verdrängen die Palästinenser und der ägyptische Staat wird von einem Lebemann regiert, der sich nicht um das, Volk und die politische Lage schert. Man wäre versucht, über die vielen Gespräche, die der Botschafter in monotoner Erfolglosigkeit führt, hinwegzulesen, aber ist dann doch von dem historischen Detailwissen des Autors fasziniert. Um dem politischen Trend des Buches einen Romananstrich zu geben, fügt der Autor eine Liebesgeschichte ein: Der Botschafter, ein ziemlicher Frauenheld, verliebt sich in die schöne Sakineh. Sie ist mit einem Langeweiler von einem Mann verheiratet. Bald fragt sich der Botschafter, ob es vielleicht Liebe sei, das ihn an diese Frau bindet. Bindungsängste steigen auf, er zögert, bis Sakineh ihm zu seiner Erleichterung die Entscheidung abnimmt. Er wird in den Iran zurückbeordert und bucht nur ein Flugticket.Mit dieser Liebesgeschichte hält der Autor sehr geschickt das Interesse des Lesers wach, das vielleicht bei den oft ermüdenden diplomatischen Gesprächen erlahmen könnte.

Leser, die mehr über das Entstehen und die Ursachen des Palästinenserkonfliktes, die Rolle des ägyptischen Staates dabei erfahren wollen, werden dieses Buch mit großem Interesse lesen.

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Massimo Carlotto: Und es kommt ein neuer Winter. Folio Verlag

Aus dem Italienischen von Ingrig Ickler

Norditalien ist schon lange nicht mehr die industrielle Vorzeigeregion Italiens. Mittelbetriebe blähten sich zu Großbetrieben auf, lagerten die Lohnarbeit immer mehr in den Osten aus- das System kollabierte.

Massimo Carlotto schreibt nicht Krimis, weil dieses Genre gerade en vogue ist und sich massenweise verkauft. Die Krimihandlung ist der, die Vor-Wand, hinter der er soziale, wirtschaftliche und politische Probleme aufdeckt. Diesmal geht es um industrielle Patrizierfamilien, die sich in eine Region, ein Tal ohne Ausgang, also in eine Art strada caeca, Sackgasse, zurückgezogen haben, wo sie noch als padroni das Geschehen bestimmen können. Neu Zugezogene werden skeptisch beäugt, wenn es sein muss, bedroht oder umgebracht. Wie etwas Bruno, der reiche Immobilieninvestor. Er passt einigen nicht in den Kram. Sein Tod ist rätselhaft, Seine Witwe Federica Pesenti, Tochter des mächtigen Oberpadrone, muss nun das Schlamassel irgenwie beseitigen. Denn Mord geht gar nicht! Er könnte den Ruf der Familie gefährden. Mit Bestechung und Intrigen wird skrupellos die makellose Weste wieder hergestellt. Das Tal kann wieder in Ruhe sein Leben wie früher aufnehmen.

Jeder, der ein wenig über die noch immer aktuellen Machtstrukturen reicher itlienischer Familien Bescheid weiß, wird diesen Roman mit Interesse lesen.

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Martin Sherman: „Rose“ mit Andrea Eckert. Theater im Nestroyhof Hamakom

Regie: Ruth Brauer-Kvam

Auf der fast leeren Bühne sitzt Rose, streicht leicht über den Kopf des hölzernen Schaukelpferdes, faltet ein Blatt Papier zu einem Schiffchen und erzählt ihr Leben. Es wird keine ruhige, gefasste Rückerinnerung, sondern ein wieder erlebter Leidensweg. Das Mädchen Rose wächst in einem jüdischen Dorf irgendwo zwischen Polen und Russland auf. Das Leben ist nicht leicht, aber ruhig. Der Vater vegetiert im Bett, die Mutter schuftet, um die Familie durchzubringen. Dann die Vertreibung. Rose und ihr Bruder finden sich im Warschauer Ghetto wieder.

Mit schlichten Worten erzählt Rose das Grauen dieser Zeit. Die Überfahrt ins ersehnte gelobte Land Palästina gelingt fast, da zwingen die Briten den Kapitän abzudrehen und Fahrt nach Hamburg zu nehmen. Nach vielen Glücks- und Unglücksfällen und nach dem Verlust dreier Ehemänner findet sich Rose in Maiami wieder und führt recht erfolgreich ein Hotel. Ihr Sohn ist nach Israel ausgewandert, heiratet, trennt sich von seiner Frau. Der Enkel tötet in einem Straßenkampf ein kleines Palästinensermädchen. Rose hält für dieses Mädchen Schiv’a (Totenwache), wie sie es schon für so viele geliebte Menschen tat, die sie verloren hat. Betäubt von der Erkenntnis, dass Frieden nicht sein wird.

Das Leben dieser Rose, die es aus einem armen jüdischen Dorf bis nach Amerika verschlägt, könnte auch eine ERzählung von Joseph Roth sein. Vieles erinnert an den Roman „Hiob“. Ähnlich wie Hiob muss Rose die Höhen und Tiefen stellvertretend für das jüdsiche Volk durchleben. Martin Sherman packt die Leiden vierer Generationen in einen eindringlichen Monolog ohne Aussicht auf Versöhnung.

Andrea Eckert gibt der Figur Rose mit unglaublicher Intensität Wahrhaftigkeit. Sie ist für zwei Stunden dieses Mädchen, diese Frau, die für ihre Lieben Totenwache hält, die im Kanalsystem von Warschau dem Konzentrationslager entkommt. Mit feinem Humor und einer ausdauernden Liebesfähigkeit überlebt Rose, überlebt Andrea Eckert. Zwischen der Figur Rose und der Schauspielerin passt nicht einmal ein Blatt Papier.

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Albertina: Edvard MUNCH im Dialog

Mein ganz persönlicher Dialog

Edvard Munch ( 1863-1944) war ein Maler der Extreme. Seinem Leben war der Stempel des Leidens am Leben aufgedrückt. Selbstgewählte oder erzwungene Einsamkeit, Verlassensein und Verlassenwerden sind die Themen, die er malt. Er meidet die Wirklichkeit, sie ist ihm unerträglich. Er schafft sich seine eigene. Die wiederum ist geprägt von seiner Seinsart. Einsam sind seine Figuren, haben keine Bodenhaftung. In manchen Bildern belässt er dem Menschen nur den Kopf, besser den Schädel, der wie ein vom Körper losgelöstes Un-Wesen über einen nicht definierbaren Raum schwebt. Straßen führen an ihm vorbei, er fasst nicht Fuß auf ihnen, auch wenn sie zu einer menschlichen Behausung führen, nützt er sie nicht. Der Mensch lebt ohne Erdhaftung. Menschen zu zweit leben nicht in trauter Gemeinsamkeit, sondern in Trennung.

Der Tod ist ihm schon sehr früh vertraut. Seine Mutter stirbt, als er fünf Jahre alt war, an Tuberkulose, zwölf Jahre später seine Schwester Sophie. und bald darauf der Vater. Die Liebesbezehung zu Tulla Larsen ist schwierig, er quält sie mit Eifersucht. Sie wird ihn nicht heiraten und er hat fortan nur kurze Liaisonen. Frauen malt er ab da als Madonnen mit einem Lolita-Einschlag. ER flüchtet sich in den Alkohol, wird depressiv. Auch ein Aufenthalt in einer Nervenklinnik hilft nicht. Seine Grundstimmung bleibt düster, losgelöst von der Wirklichkeit. Die Bilder erzählen mehr:

Maler im Dialog mit Munch

Der zweite Teil der Ausstellung zeigt, welch großen Einfluss Edvard Munch auf zeitgenössische Maler genommen hat und immer noch nimmt. Bei nicht allen Künstlern konnte ich diesen Einfluss nachvollziehen. Ich habe den Gedankengang weiter verfolgt, der mich durch Munchs Werke führte: In welchen Bildern sehe ich die Einsamkeit des Menschen quasi losgelöst von allem Erdhaften, ganz ohne Halt, nicht einmal im eigenen Körper. Am deutlichsten war das Thema der Bezuglosigkeit und fehlender Bodenhaftung in den Bildern von Peter Doig (geb. 1959) zu spüren. Seinen Menschen fehlt die Verortung mit der Erde, sie schweben über dem Wasser oder in einem nicht definierbaren Raum.

In der Schau sind noch viele andere prominente Künstler vertreten, wie Andy Warhol, Jasper Johns, Georg Baselitz etc. Jeder Besucher wird andere Parallelen und Einflüsse feststellen oder auch für sich neue, inteessante Künstler entdecken.

http://www.albertina.at Die Ausstellung ist noch bis 19. Juni zu sehen.

Lesetipp: Tanja Maler, Der Maler Munch. Langen Müller Verlag. Ein intensives Buch über die intensive Liebe des Malers zu Tulla Larsen. S. auch unter Büchertipps