Wiener Staatsballett: tänze -bilder- sinfonien

Auffführung am 17. Seeptember 2021

Titelfoto: symphony in three movements, Ensemble

symphony in three movements

Musik: Igor Strawinski, Choreographie: George Balanchine. Musikalische Leitung des Orchesters der Wiener Staatsoper: Robert Reimer

Strawinski und Balanchine waren ein congeniales Paar. Balanchine der ideale Choreograph für Strawinskys Musik, Strawinsky der ideale Komponist für Balanchines Choreographien. „Komponisten kombinieren Noten, Choreographen kombinieren Bewegungen, und die, die ich zu dieser Musik geformt habe, folgen keiner Handlung oder Erzählung“ – so Balanchine über Choreographie im Allgemeinen, besonders aber über die Choreographie zur dieser „symphony in three movements“ (zitiert nach „In Balanchines Worten“ im Programmheft).

Strawinsky brachte diese „Symphonie ohne Programm“ 1946 zur Uraufführung. Dennoch seien Spuren des Krieges, der Hoffnung und Verzweiflung in ihr zu erspüren, wie er immer wieder betonte. Balanchines Choreographie vereint das scheinbar Unvereinbare: Er schuf ein abstraktes Ballett von unglaublicher Klarheit und Schönheit, voller Ecken und KAnten, aber auch von gleißend-fließender Körperlichkeit und Anmut. Einen der Höhepunkte bildet der Pas de deux von Ludmilla Konovalova und Masayu Kimoto.

Liudmila Konovalova und Masayu Kimoto (© Ashley Taylor)

Mit der extrem verlangsamten Musik werden Bewegungen bis in die feinsten Enden der Extremitäten ausgeführt und gehalten. Fast bis zur Schmerzgrenze der Tänzer (und des Zusehers). Dabei haben die beiden intensiven Körper- und Augenkontakt, was die Spannung noch erhöht.

In den Ensembleszenen hingegen sind flinke Füße, Reaktionsgeschwindigkeit und schnelle Orientierung gefragt. Bemerkenswert sind die Leistungen der „Ballettratten“, die durchaus in dieser schnellen und schwierigen Choreographie mithalten können.

Zum Gelingen dieser Choreographie trägt auch das Dirigat von Robert Reimer bei, der das Orchester mit Sicherheit in Tempo und Lautstärke führt.

pictures at an exhibition

Musik: Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgski, Choreographie: Alexei Ratmansky

Alexei Ratmansky wählte bewusst den Klavierzyklus Mussorgskis, der härter in Thema und Rhythmus ist als die Orchesterfassung von Maurice Ravel. Für das Bühnenbild haben sich Ratmansky gemeinsam mit der Kostümbildnerin Adeline André und dem Project Designer Wendall K. Harrington von der Farbstudie „Quadrate mit konzentrischen Ringen“ von Wassily Kandinsky inspierieren lassen. In wechselnden Farben und Formen werden diese auf den Bühenhintergrund projeziert. Die Kostüme sind darauf abgestimmt. So entsteht ein genialer Dreiklang von Farben, Formen und Musik. So werden die Tänzer nicht zu Besuchern einer Ausstellung, sondern zum bewegten Bild der Ausstellung. Was zu verblüffenden Effekten führt. Man sieht in die sich bewegenden Bildfiguren hinein, folgt ihrer „Erzählung“ und ihrer Auflösung. Ein neuer, ziemlich radikaler Ansatz einer Choreographie!

sinfonie nr.15

Musik: Symphonie Nr. 15 A – Dur, opus 141 von Dmitri

Strindberg, Fräulein Julie. Akademietheater

Was man nicht sieht im Theater, ist das Spannendste“ meint Raimund Orfeo Voigt, der die Bühne für „Fräulein Julie“ entwarf. Dem wäre noch hinzuzufügen: „Was man nicht hört im Theater, ist das Spannendste“, denn gut ein Drittel des Textes bleibt unverständlich. Teils, weil es die Regisseurin Matejka Koleznik vielleicht so gewollt hat, teils bedingt durch das Bühnenbild: Voigt stellt in einen Guckkasten ein hyperrealistisches Badezimmer mit WC, Badewanne und Ausgang zu einem Korridor hinein. Als Abgrenzung zum Publikum dient eine unsichtbare Glaswand. Das kapiert man aber erst gegen Ende des Stückes, wenn Julie ihre blutigen Hände dagegen drückt. Bis dahin wirkten die Worte, als trügen auch die Schauspieler eine FFP2 Maske, um sich mit dem Publikum zu solidarisieren. Herauskommt streckenweise eine gekonnte Pantomime, während der das Publikum das Geschehen sich zusammenreimen kann. – Recht tnteressant, wie zum Beispiel Sarah Victoria Frick als Dienerin Kristin minutenlang äußerst gründlich das Bad putzt. Oder sie sich minutenlang die Beine kratzt, während sie dem Liebesspiel zwischen dem Diener Jean (Itay Tiran) und der Grafentochter Julie (Maresie Riegner) zuhört. HInter der geschlossenen Glastüre zum Korridor sieht auch das Publikum dieser durchaus auf dem Theater innovativen Form des Coitus zu. Danach stürzt die über ihren gesellschaftlichen Faux pas bestürzte Julie -ins Badezimmer und wäscht sich gründlich zunächst an der Waschmuschel, dann in der Badewanne die Reste des Orgasmus von den Schenkeln und der Vagina. Nach dieser Performance darf man vermuten – so ab der 11. Reihe Parkett ist die Sicht nicht mehr sehr gut – dass sie ein bereitliegendes Rasiermesser nimmt und sich die Pulsadern aufschneidet – oder aufschneiden will. Rechtzeitig stürzt Jean herein und zerrt sie aus der Badewanne. Das alles wird von Maresi Riegner als Julie mit grandioser Selbstverleugnung gespielt. Es ist sicher nicht leicht, sich nackt, nur mit einem Strumpfbandgürtel angetan, an den intimen Stellen zu waschen und sich nackt auf den Fliesen zu wälzen. Als Publikum fühlt man sich in die Rolle eines Voyeurs gedrängt.

Ja, worum geht es eigentlich Strindberg in diesem Stück? Um Geschlechterrollen in erster Linie: Eine Adelige verführt einen Diener, das geht gar nicht. Da droht Schande und Frau muss sich umbringen. So ein Geschlechterdrama ist in der heutigen Zeit obsolet. Dann vielleicht doch andersrum: Aus dem unterwürfigen Diener wird ein Machtprotz, der aus der herrschsüchtigen Julie eine billige Hure macht, die vor ihm kriecht. Doch auch diese Themenvariante deutet die Regisseurin nur an. Was bleibt ist ein Art Schlachtengebilde aus drei Personen: Julie, die liebestolle, Jean, der berechnende, Kristin, die bigotte, „kreuzbrave“, hinterhältige Magd. Alle drei spielen ihr Spiel hervorragend. Und es wäre ein spannender Abend mit engagierten Schausspielern gewesen, hätte die Regisseurin nur klare Positionen zugelassen.

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Theaterforum: Miro Gavran, Pantoffelhelden

Deutsche Übersetzung: Tihomir Glowatzky

Regie: Hubsi Kramar, Bühnenbild: Markus Liszt, Produktion und Kostüme: Carmen Wagner

Eine Ehe zu Dritt? – Geht gar nicht, wenn der eine der Ex-Ehemann, der andere der aktuelle Ehemann und die Dritte die grantige, gereizte Ehefrau des aktuellen ist. Einer ist immer der Belämmerte in dieser Komödie von Miro Gavran, dem erfolgreichen kroatischen Autor. Am Schluss sind es die beiden Männer. Die Frau hat über die Köpfe der „Pantoffelhelden“ entschieden.

Anna und Marko (Eszter Hollosi und Anton Rieger) feiern ihren ersten Hochzeitstag und beteuern sich gegenseitig und mehrmals, wie glücklich sie sind. Man weiß: das kann nicht lange dauern – sonst gäbe es ja nichts zum Lachen. Und schon taucht der Störefried auf: Der Ex-Ehemann Ivo (Manuel Dragan) ist vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er zwei Jahre unschuldig einsaß. Er kommt, um zu bleiben. Denn die Wohnung gehört zur Hälfte ihm. Ein guter Komödienstoff. Zu Beginn amüsiert man sich über den Akzent des Ivo. Mit leichten Sprach- und Grammatikfehlern gewinnt er die Gunst des Publikums, aber nicht die der beiden Eheleute. Die fühlen sich in ihrer Intimsphäre heftig gestört. Geschickt entwickelt der Autor ein Ringelspiel der Beziehungen – sehr rasch arrangiert sich der Ehemann mit dem Ex,sie trinken Bier, spielen Karten, was natürlich die Ehefrau aufbringt. Sie wiederum versucht den aktuellen Ehemann eifersüchtig zu machen, indem sie mit dem Ex auf häusliche Idylle spielt. Das ist alles sehr nett anzuschauen, aber es fehlt dem Stück ein starker Antrieb, irgendein Überraschungseffekt. Alle drei Schausspieler bemühen sich, besonders Manuel Dragan bringt durch seinen Akzent und seine witzige Körpersprache Pep und Lockerung in das etwas zäh dahinfließende Geschehen. Hubsi Kramar, sonst für seine aberwitzige Regie bekannt – etwa in „Bezahlt wird nicht“ von Dario Fo – lässt das Geschehen eher brav über die Bühne gehen. Durch den häufigen Umbau auf der Minibühne verliert das Stück an Fahrt, kaum dass es ein wenig zugelegt hat. Textkürzungen täten ihm gut.

„Pantoffelhelden“ bleibt bis 9. Oktober am Spielplan

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Jonathan Coe: Mr. Wilder &ich. Folio Verlag

Aus dem Englischen von Cathrine Hornung

Der britische Autor Conathan Coe ist bekannt für seine feine Ironie und den typisch englischen Understatement-Humor. In diesem Roman entwirft er aus der Erinnerung einer jungen Griechin ein Bild von Billy Wilder, abseits von der üblichen dokumentarischen Biografie.

Im Sommer 1976 lernt die junge Griechin Calista durch Zufall Billy Wilder und seinen besten Freund und Mitgestalter Mr. Diamond bei einem eleganten Dinner kennen. Sie hat keine Ahnung vom Film im Allgemeinen und schon gar nicht weiß sie, wer Billy Wilder ist. Sie blamiert sich unsterblich. Dennoch wird sie Wochen später als Dolmetscherin eingestellt. Wilder dreht auf der einsamen Insel Madouri seinen vorletzten Film „Fedora“. Calista macht amüsante Beobachtungen am Set, allmählich wird sie Wilderexpertin, weiß um seine Stärken und Schwächen. Sie folgt der Crew nach München, wo die letzten Dreharbeiten zu Fedora stattfinden. Dabei erfährt sie auch viel über die Vergangenheit Wilders. Er wuchs als Kind jüdischer Eltern in Wien auf und konnte der Verfolgung durch die Nazis entkommen. Aber alle Familienmitglieder sind umgekommen. Sein letzter Film wird sich diesem Thema widmen.

Der Roman ist locker geschrieben. Einige Male verwirrt Coe den Leser, weil er in den Zeiten hin- und herpendelt. Wer nicht gerade ein Filmexperte ist, wird so manche Ausdrücke aus der Filmfachsprache nicht verstehen. Auch werden einem jüngeren Publikum viele der genannten Filme unbekannt sein. Dennoch empfiehlt sich diese Biografie in Romanform, weil man Billy Wilders private Seite kennen lernt.

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Volksoper: Verdi: Rigoletto

Nach Victor Hugos, Le roi s’amuse, Text von Franceso Maria Piave, Musik: Giuseppe Verdi

Zu einer der berührendsten Szenen zählt das Geständnis Gildas (Rebecca Nelson), das sie ihrem Vater Rigoletto (Boaz Daniel) nach der Befreiung aus den Gemächern des Duca macht. Vor einer schlichten Wand, ganz ohne die oft recht störende Szenerie des Filmsets der 1960er Jahre, in die der Regisseur Stephen Langridge das Geschehen versetzt, ist man ganz auf die Stimmen der beiden konzentriert. Rebecca Nelson hat die leichte Schärfe in den hohen Tönen, mit denen sie im ersten Teil zu kämpfen hatte, verloren und Boaz Daniel seine vielleicht durch leichte Indosponiertheit bedingte Heiserkeit ebenfalls. Mit „Caelo, dammi coraggio“ gelingt Rebecca Nelson das berührende Geständnis eines Mädchens, das von dem Mann, den sie liebt, entehrt wurde. Die Arie Rigolettos “ Piangi , fanciulla“ spendet Trost und Verstehen..

Insgesamt entwickelt sich die Oper nach der Pause zu intensiver Dramatik, zu ergreifenden Szenen, etwa wenn Rigoletto die Hofgesellschaft mit einem verzweifelten Schrei „pietà“ um Mitleid anfleht. Man vergisst, dass es Filmleute sind, sieht eine Gesellschaft, die egal ob adelig, bürgerlich, voller Missgunst und Schadenfreude auf das Leid reagiert. Die Idee des Regisseurs, das Geschehen parallel zu einem Filmdreh mit dem Titel „Maledizione“ („Verwünschung, Fluch) zu setzen, führt besonders in den Anfangsszenen zu unnötiger Verstörung. Etwa wenn während des Vorspiels in einem Bordell eine Prostituierte vergewaltigt und ermordet wird. Schon klar, dass damit auf den Fluch Monterones – ausgezeichnet gesungen von Andreas Mitschke) und auf die Verderbtheit des Duca (Pavel Valuzhin) angespielt wird. Im Film wird die Rolle des Verführers umgedeutet zu einem Star, der sich die Frauen „nimmt“, wie er will. Dem aber auch die Frauen willig zu Füßen liegen. So gesehen relativiert der Regisseur die Vorwürfe der Frauen, wie sie in der metoo-Bewegung aufplopen, und eröffnet eine andere Sichtweise. Pavel Valuzhin ist nicht unbedingt der strahlende Student, für den Gilda sich opfert, eher ein gedankenloser Verführer, der nichts anderes über Frauen weiß als: La donna è mobile…“

Sehr dicht und voller Innigkeit ist die Schlussszene, in der Rebecca Nelson mit der Arie „La sul caelo“ das Publikum voll mitnimmt und Boaz Daniel als gebrochener Vater in seinem Leid und der Erkenntnis, was er mit seiner Rache ausgelöst hat, überzeugen.

Insgesamt zeigt die Volksoper mit „Rigoletto“ eine sehenswerte Ensembleleistung. In den Rollen des Sparafucile überzeugen weiters Yasushi Hirano und Annely Peebo als Maddalena. Lorenz C. Aichner dirigiert das Orchester der Volksoper mit Verve, hin und wieder etwas zu laut.

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Theater in der Josefstadt: Grillparzer: Medea

Von Medea hat wohl schon jeder passionierte Theatergänger ein Bild. Bei Euripides ist sie eine starke Frau, noch immer schön, in ihrer Raserei überwältigend. Bei Simon Stone eine intelligente Frau, die ihre eigene Karriere für Jason opfert. Bei Grillparzer die wilde Zauberin aus Kolchis, eine schöne Barbarin, die ihren Götterglauben aus Liebe zu Jason aufgegeben hat und am Schluss als Büßerin das Goldene Vliess an seinen Ursprungsort nach Delphi bringen wird.

Und nun die „Medea“ nach Grillparzer, bearbeitet vom Regisseur Elmar Goerden. In dieser Inszenierung ist Medea (Sandra Cervik) eine geknickte, alte Frau. In ihrem schwarzen, bodenlangen Kittel und Kopftuch könnte sie eine Bäurin aus Westanatolien sein, die sich in der modernen Welt zurechtfinden muss, aber nicht will und kann. Die Kostüme von Lydia Kirchleitner sind genau an den von Goerden angedachten Charakter angepasst: So ist Jason (Joseph Lorenz) im schwarzen, modischen Anzug und weißen Hemd im Heute angekommen. Dem Fiesling Kreon (Wolfgang Hübsch) verpasst Lydia Kirchleitner wechselweise ein Hawaihemd oder einen lächerlichen, schäbigen Königsmantel. Dass er – und andere auch – immer wieder eisschleckend auftreten, ist zwar im Moment ein Gag und sollte wohl die Tragödie zu einer verzweifelten Komödie herunterbrechen, entpuppt sich aber letztendlich als irritierend-störend. Oder als überdeutlich-peinliches Detail. Katharina Klar als Kreusa tritt in einem blümchenblauen Debütantinnenkleid auf, ganz auf Schüchterchen und lieb spielend. Dann im Raubtierfell eines Bären (!!?) zeigt sie ihr wahres Gesicht und schmeichelt sich bei Jason und Medea als Vermittlerin ein. Über das Bärenkostüm grübelt man eine Weile nach, um es dann als gegeben hinzunehmen. Ziemlich plump ist die Rolle der Magd Gora ausgefallen. Dass Michael König in diese Rolle schlüpfen muss, ist dem modischen Wink auf die Gender-Idenditätsfrage, die momentan in keinem Stück fehlen darf, zu verdanken. Mit blonden Zöpfen und einem Bauernfrau-Outfit soll sie wohl die intime Nähe zu Medea symbolisieren.

Mythos und Gegenwart

In einem schwarzen Bühnengrund, auf dem im Laufe des Stückes eine Regendusche und eine Art Teich mit Schilfgräsern die Gegenwart andeuten, spielt sich die antike Tragödie ab.Das Bühnenbild von Silvia Merlo und Ulf Stengl vereint so die Grundlinien, die der Regisseur herausgearbeitet hat: Die Oszillierung zwischen zwei Welten, der Gegenwart und der Vergangenheit, dem antiken Mythos und dem Heute. Goerden skelettiert gekonnt den Grillparzertext auf diese beiden Themen hin: Medea ist Vergangenheit, Fremdheit, Bedrohung der scheingesicherten Bürgerwelt eines Kreon. Ihr schrieb Goerden noch Text hinzu. Sie darf sich fragen, welche Rolle sie in diesem männerbestimmten Weltbild spielt.. Dabei wendet sie sich direkt ans Publikum, auf ihre stolze Seele weisend. Dass sie sich bei diesem kurzen Monolog das Hemd aufreißen muss und die bloße Brust de Publikum entgegenreckt, ist unnötig bis peinlich. Die Krusejfavoritin Bibiana Beglau machts vor und andere folgen ihr.

Geschickt verknüpfte schon Grillparzer – er kannte Euripides sehr gut – das Ehedrama mit der Flüchtlingssituation. Und Goerden folgt hier Grillparzer getreu. Die Hauptlast des Dramas legt er auf das Paar Jason-Medea. Dass sich die beiden einst bis zum Wahnsinn liebten, sexuell begehrten, davon ist kaum mehr was zu merken. Die Küsse und Umarmungen sind eher Ausdruck der Verzweiflung. Beide wissen, dass sie einander verloren haben. Jason will es nicht wahrhaben, betont seine Liebe zu Medea so lange sie nicht für ihn gefährlich wird. Als es heißt, Medea muss gehen, er darf bleiben, da wendet er sich voll Hass von ihr ab. Joseph Lorenz ist kein verglühender Held, er ist ein gebrochener Mann, der den Boden unter seinen Füßen verloren hat. Er spielt einen nervösen, ängstlichen Antihelden. Eigentlich versteht man nicht, was Kreusa noch an ihm findet, warum sie ihn Medea abspenstig macht. Sprachlich ist die Rolle Jasons die schwierigste von allen. Denn er muss zwischen Grillparzersprache und heutigem Ton hin- und herpendeln. Die Kluft, die sich dabei auftut, ist gewollt. Denn es ist auch die Kluft, die Jason innewohnt. Ein sensibles Spiel, das Joseph Lorenz mit müder Eleganz erfüllt.

Sandra Cervik hat viele Hürden zu nehmen. Da sie in ihrer Ausstrahlung keine Medea ist, muss sie dieses Manko durch überstarkes Spiel ausgleichen. Was ihr an vielen Stellen gelingt. Aber die Mördermutter nimmt man ihr nicht ab. Da fehlt die Erschütterung. Es ist ein kalkulierter Mord, der so nebenbei im Hintergrund der Bühne abläuft. Was darauf folgt, ist Schhock: Goerden endet die Tragödie in einer Spaßszene: Alle Toten stehen auf und vereinen sich in einer lustigen Party. Wie das zu verstehen ist? Vielleicht wollte er auf die Hollywood-Blockbusterfilme anspielen, in denen es kaum ein böses Ende nimmt oder nehmen darf. Auf jeden Fall zerstört er damit die Dramatik, die Medea vorher intellektuell leidend versucht hat aufzubauen. Und er bringt sich und seine beiden Hauptdarsteller um die tief berührende Schlussszene, wie sie Grillparzer schrieb: Während Jason in Selbstmitleid zerfließt, herrscht ihn Medea mit starker Stimme an: Trage, dulde, büße! Sie geht nach Delphi und wird dem dunklen Gott das Unglücksvliess zurückgeben. An Selbstmord denkt sie nicht, das erscheint ihr eine zu leichte Lösung.

Ein starkes Stück mit beeindruckenden schausspielerischen Leistungen. Durch Überinszenierung, unnötige Gags und den komischen Schluss nimmt der Regisseur viel von der Wirkung weg.

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Maria Bill singt Kurt Weill

Kultursommer Semmering. Vorletzter Tag

Musikalische Begleitung: Saxophon, Klarinette, Arrangement: Leonhard Skorupa. Kontrabass: Gregor Aufmesser. Gitarre: Andi Tausch. Schlagzeug; Konstantin Kräutler.

Jahrhundertwendeflair wird von 1930er Jahren überstrahlt. Die Mischung machts aus: Draußen ein strahlender Spätsommertag, die weißen Tischtucher, die weißen Wolken auf einem seidenblauen Himmel leuchten durch die Terrassenfenster herein. Im Saal entführen Maria Bill, Kurt Weill und seine Musik in die 30er, 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Maria Bill-zart, zerbrechlich. zierlich und doch kraftvoll in der Stimme und im Auftreten, singt die von ihr so geliebten und oftmals schon gesungenen Lieder Kurt Weills, unterstützt von den vier jungen Musikern, die ganz auf sie eingeschworen sind. Sie kennt keine Eitelkeit: Das Haar wie schlecht onduliert, das schwarze Mädchenkleid , mit mattrosa Rosen bestickt, bedeckt nicht ihre eckigen Knie. Die dünnen Beine stecken in schweren Stifletten. So singt und erzählt sie von Kurt Weill und seinem Leben, seiner Zusammenarbeit mit Brecht, seiner Liebe zu Lotte Lenya, seiner Flucht aus Deutschland, der bitteren Zeit in Paris und von der harten, aber letztlich doch erfolgreichen Zeit in Amerika. Der Hintergrund aller Lieder ist die Liebe. Nicht nur die Liebe Weills zu seiner leichtlebig-schwierigen Ehefrau und Exehefrau und wieder Ehefrau Lotte Lenya, sondern weit darüber hinaus die Liebe der gequälten Frauenkreatur. Auch wenn sich die Frau für den Sex bezahlen lässt, so ist in ihr doch Liebe. Und immer steckt in allen Liedern die Sehnsucht nach Freiheit, nach einer unbegrenzten Liebe: „Youkali“.

Der erste Teil wirkt ziemlich brechtig – prächtig. Dann nach der Pause kommt Zärtlichkeit, Sehnsucht, tiefe Traurigkeit auf: „Je ne t’aime pas“, „Complainte de la Seine“ geprägt von den Erfahrungen der Naziverfolgung und der Trennung von Lotte Lenya. Berührend das Lied über das französiche Mädchen, das sich in einen deutschen Soldaten verliebt: „Mon ami, my friend“.

Maria Bill darf und kann alles sein: tragisch bis zum Herzzerreißen, mädchenhaft verschämt, hurenhaft aggressiv, lüstern. Sie singt mit ihrem ganzen Körper, erzählt die Geschichte, macht aus jedem Lied eine Biografie. Nie ist es irgendein allgemeines Leid oder eine anonyme Geschichte, immer skulpiert sie mit Händen und dem ganzen Körper, mit Gesicht und Stimme ein Lebewesen heraus, dessen persönliches Schicksal berührt.

Großartig geht eine großartige Saison zu Ende. Wehmütig verlässt das Publikum den Saal. Es wird wieder ein Jahr dauern, bevor das alte, verstaubte, aber von allen so geliebte Südbahnhotel von interessanten Künstlern zum Leben erweckt werden wird.

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Petra Reski, Als ich einmal in den Canal Grande fiel. Vom Leben in Venedig

Droemer Verlag

Petra Reski ist eine mutige Frau, die sich traut, die Machenschaften der Politiker, Tourismusgiganten und Aufkäufer Venedigs aufzudecken und mit Fakten und Zahlen zu belegen. Mutig deswegen, weil sie offensichtlich keine Angst vor Repressionen hat. Von Rückschlägen und Rauswürfen (z.B. aus dem Büro des Ex-Bürgermeisters Cacciari) lässt sie sich nicht entmutigen.

Als Journalistin unter anderem für FAZ und Stern war sie schon fast überall in der Welt. Aber Venedig war erst spät auf ihrer Liste. Humorvoll beschreibt sie ihre staunende Naivität, mit der sie Venedig 1989 das erste Mal erlebt. Gleich zu Beginn lernt sie einen Venezianer kennen, der bald darauf „ihr Venezianer“ wird. Dieser wohnt in einem Palazzo, stammt aus einem Dogengeschlecht und beschäftigt sich hauptsächlich mit Bewahren und Sammeln. Alles, was für Venedig heute und in der Vergangenheit wichtig ist. Seit sie ihn das erste Mal sah, sind 30 Jahre vergangen, und beide sind ein Paar und kümmern sich um das Schicksal von Venedig. Jeder auf seine Weise.

Mit viel Humor beschreibt Petra Reski ihre Hoppalas, die sie als Neuling in Venedig beging. Wenn sie stolz das neu erworbene Boot durch die Kanäle lenkt, knapp an anderen Schiffen vorbeirammt und bei dem Versuch, das Boot elegant zu vertäuen, in den Canal Grande fällt. Schnell aber wird sie ernst. Immer intensiver beteiligt sie sich an den Widerstandskämpfen gegen Korruption und Ausverkauf, verteilt Infozettel, auf denen für ein Referendum über die Autonomie Venedigs geworben wird. Obwohl genug Stimmen zusammenkommen, erklärt der Bürgermeister Luigi Brugnaro das Referendum mit einem fadenscheinigen Grund für ungültig. Die Autonomie wäre lebensrettend für Venedig. Denn alle bisherigen Bürgermeister lebten nie in Venedig, hatten kein Interesse am Erhalt der Stadt.

Viele Probleme, die Petra Reski aufzeigt, sind Venedigliebhabern bekannt. Wie die Vermietung jedes Quadratmeters an Touristen, der Ausverkauf der Paläste an Immobilienhaie, Benetton oder Pinault.Aber von den verheerenden Konsequenzen wird man erst durch dieses Buch klipp und klar informiert.

Die Kreuzfahrtschiffe kommen trotz Verbotsankündigungen immer noch nach Venedig. Und eines der größten Probleme ist die Zerstörung des Ökosystems in der Lagune. Nach dem Hochwasser von November 2019 von 1,60 m wird klar, wie sinnlos das vielgelobte Schleusensystem MOSE ist und wieviel Geld damit verschleudert wurde. Es sind die korrupten Politiker, die an Venedigs Ausverkauf ordentlich verdienen.

Am Ende des Buches beschreibt Petra Reski die Zeit des Lockdowns, als Venedig frei von den Touristenmassen, Ausflugsbooten und singenden Gondolieri war. Eine Zeit der Stille und Schönheit, die nicht lange andauern wird.

Petra Reski schrieb ein Buch, das alle Venedigliebhaber lesen sollten. Aber nicht nur die. Es sollte Pflichtlektüre für alle werden, die an Venedig verdienen und es sukzessive zerstören. Aber das bleibt Wunschdenken.

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Kultursommer Semmering: Loriot und die Welt der Musik. J.Lorenz und D. Keberle

Am Klavier: Cécile Restier

Hatten wir die letzten beiden Jahre nichts zu lachen – an diesem Nachmittag konnten wir das Manko zur Genüge auffüllen.

In dem wunderbar dekadenten, leicht ruinösen Südbahnhotel boten Joseph Lorenz und Daniel Keberle Kabarett vom Feinsten, vom Feinsinnigsten und verdienten sich den Ehrentitel „Castor und Pollux am Sternenhimmel des Kabaretts“. Beide sind ein eingespieltes Paar. Treue Besucher des „Kultursommer Semmering“ werden sich an das ironische Pingpong zwischen Max und Anatol erinnern.

Unter dem Motto „Ein bisserl Oper am Semmering“ gab es zu Beginn Loriots bissige Gedanken zu Opern von Bizet, Rossini , Händel, Mozart. Besser gesagt zu den nicht immer logisch nachvollziehbaren Libretti. Alles kam locker hinüber, unvorhergesehene Hoppalas und Zwischenfälle waren geschickt eingeplant und platziert. Cécile Restier spielte aus den jeweiligen Opern die bekanntesten Stücke, dazu passend in flotter „Gassenhauer-Manier.“

Nach Loriot wühlten Castor und Pollux in der Humorkiste und wurden bei Hugo Wiener, Anton Kuh, Friedrich Torberg und Leo Slezak fündig. Gustostückerln aus der berühmten Doppelconférance Farkas-Waldbrunn, etwa über den Statistiker oder die Levkojen bereiteten den beiden ebenso viel Vergnügen wie dem Publikum. Dass Joseph Lorenz auch singt und pfeift, ist für „Lorenz-Kenner“ ein Novum. Im tiefsten Meidlingerisch sang und pfiff er die deftige „Bassenamelodie“ (aus der Liedersammlung von Kurt Sowinetz) über den „Hausmasta“, der alle bespitzelt und verleumdet. Daniel Keberle ließ sich nicht lumpen und forderte Lorenz zum Kunstpfeifduell heraus. Zu Lachsalven reizte Joseph Lorenz das Publikum mit seiner mitreißenden Darstellung des leidgeplagten Kapellmeisters (Text: Anton Kuh), der den Tristan dirigieren muss und alles, Musik und Instrumente, in Grund und Boden hasst. Als herausforderndes Pinpong gestalteten die beiden den Schluss als Schüttelreimduell. Das Publikum dankte dem Trio mit viel Applaus!

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Grafenegg: Tschechische Philharmonie: Kabelac und Mahler

Programm: Miloslav Kabelac, Mysterium der Zeit

Gustav Mahler: Symphonie Nr. 5

Dirigent: Semyon Bychkov

Ein Konzert für Romantiker. Die Tschechischen Philharmonie unter Semyon Bychkov erfüllt die Erwartungen der Romantiker. Denn der Dirigent fordert vom Orchester die ganze Wucht der Dramatik bis hin zu den leisesten Tönen der Gefühlsskala. Das Programm war klug ausgewählt und die Komponisten passten in vieler Hinsicht zueinander.

Miloslav Kabelac (1908 -1979): Mysterium der Zeit (1957)

Miloslav Kabelac schrieb acht Symphonien, die erst jetzt so langsam „entdeckt“ und aufgeführt werden. Sein Leben ist von Verfolgung in der Nazizeit geprägt. 1908 in Prag geboren, wurde er 1932 Dirigent und Regisseur beim Prager Rundfunk. Als er 1939 mit der Kantate „Weichet nicht“ gegen den Einmarsch der deutschen Truppen in sein Land protestierte, wurden seine Werke auf den Index gesetzt. Gemeinsam mit seiner Frau, der jüdischen Pianistin Berta Rixova, überlebte er die Jahre des Nationalsozialismus im Untergrund. Aber auch dem nachfolgenden sozialistischen Regime gefielen seine Kompositionen nicht und wurden bis zu seinem Tod 1979 nie gespielt.

Mit diesen Informationen (dank der ausgezeichneten Texte von Wolfgang Stähr im Programmheft) ausgestattet, wartete man gespannt auf die Komposition. Wie der Titel verheißt – es ging um die Zeit. Sie ist das Absolute, das Unveränderbare, zu Beginn im leisen Takt einer Uhr angedeutet. Der medidative Anfang steigert sich zu rauschhaftem Aufruhr. Man wird an religiöse Tänze aus Indonesien erinnert, bei denen die Teilnehmer unter der Leitung eines Priesters in Trance verfallen. Je heftiger die Schläge der Zeit ertönen, desto mehr gleitet die Musik aus der Trance in den Aufruhr, der eine Endzeit ankündigt. Gewaltig endet dieses kurze Stück, das so minimalistisch leise begann.

Gustav Mahler: 5. Symphonie (1901-1902)

Mit den Trompetenfanfaren weckt Mahler die Menschen aus der Lethargie der Jahrhundertwende. Die „Marcia Funebre“ lässt keine Melancholie zu, gleich darauf folgt ein neuerlicher Weckruf der melancholisch-lethargischen Gemüter. Semyon Bischkov fordert genau das richtige Tempo ein: Zeit geben, die Themen wirken lassen, ohne die Töne zu überdehnen. Und so entwickelt er gekonnt den Aufruhr, das Superdrama, diesen Kampf zwischen dem lethargischen Tod und dem alles Leben Begehrende, vor den Ohren und Augen der Zuhörer.

Diese Thematik setzt sich im 2. Satz fort: Aufruhr und Ruhe im ständigen WEchsel. Beruhigend die feinen Cellipassagen.

Im 3. Satz Am Ende kombiniert Mahler kunstvoll alle Themen zu einem fulminanten Schluss.

Das Adagietto

Das Adagietto, bestens bekannt aus dem Film „Tod in Venedig“ von Visconti, ist wohl das meist gespielte Stück im Radio. Keine Wunschsendung ohne Adagietto. Richard Strauss schrieb 1905 an Mahler:“Ihre 5. Symphonie hat mir neulich …große Freude bereitet, die mir durch das kleine Adagietto etwas getrübt wurde. Daß dasselbe beim Publikum am meisten gefallen hat, geschieht Ihnen dafür auch ganz recht.“ (zitiert nach Programmheft)

Und so ist es bis heute noch: Dieses kurze Stück begeistert, dem Dirigenten und Orchester sind die Diskussionen um Kitsch oder Nichtkitsch herzlich egal. Dem Publikum auch. Man versinkt ist dieser zärtlichen Erotik und der umbändigen Sehnsucht nach Vergessen. Alltag und Banalitäten rücken ab. Es passt nicht hierher, die Emotionen mit Worten nachzubilden. Sie sind stark, und überschreiten die Grenzen der Sprache.

Abkühlen und Aufwühlen: 5. Satz

Mahler und Bishkov wecken die Zuhörer aus ihrem Wohlfühlsentiment. Das Rondofinale ist pfiffig-ironisch, tänzelt, dröhnt, um am Ende in einer betörenden Apotheose des Sieges zu enden.

Nie endenwollender Beifall für Bischkov und das Orchester. Minutenlange Standing Ovations.

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Grafenegg Festival 2021: European Union Youth Orchestra: Weber, Glasunow, Sibelius

Dirigent: Vasily Petrenko

Selbstbewusst und flott treten die Musikerinnen – mit blauem Schal+Stern geschmückt- und Musiker auf, strahlen Lebens- und Musizierfreude aus. Das European Union Youth Orchestra – kurz EUYO – gilt als Vermittler zwischen Musikhochschulen und der professionellen Musikwelt. Seit seiner Gründung 1976 hat es sich zu einem der führenden Jugendorchester entwickelt.

Vasily Petrenko dirigiert ganz ohne Starallüren, mit Feingefühl auf die einzelnen Musiker eingehend. Wie intensiv der Kontakt zwischen ihm und den Musikern ist, zeigen diese am Ende jedes Musikstückes durch lauten Beifall und Füßetrampeln.

Die Ouvertüre zur Oper „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber steht am Beginn des Programms. Die Natur, der Himmel, von kleinen Wolken geschmückt, das Rauschen der Bäume und die letzten Vogelstimmen ringsum passen in die Musik oder umgekehrt. Volle Romantik ist angesagt, wenn auch Petrenko manchmal zugunsten dieser manche Strecken zu langsam dirigiert. Ihm ist wohl Stimmung wichtiger als Dramatik. Dass diese Musik einst zur „spezifisch deutschen Musik“ erklärt wurde und man dabei den deutschen Wald rauschen hörte, ist heute obsolet. Das Publikum genießt die Romantik ohne jegliche politische Notation. Und die umgebende Natur spielt mit hinein.

Im Konzert für Alt -Saxophon und Streichorchester von Alexander Glasunow glänzt die 23 Jahre junge Jess Gillam auf dem Saxophon. Im dezenten goldbraunen Hosenanzug und weißen Tennisschuhen – die Meckerer hätten da wieder was zu meckern – verschmilzt sie perfekt mit ihrem Instrument. Sie hat den langen Atem für Kantilenen, variiert zwischen Jazz, Barmusik und klassischer Romantik und holt aus ihrem Instrument die unterschiedlichsten Rhythmen und Tempi heraus. Der Schreiberin dieser Zeilen geht bei der Darbietung von Jess Gillam immer wieder die Figur des Pierrot durch den Sinn. Pierrot, der den Mond herunterholen möchte. Und als ob Gedanken das Geschehen beeinflussen könnten, steigt ein fast voller Mond zwischen den Bäumen hoch. Musik und Natur verschmelzen zu einer Einheit, die mich verzaubert. Man verzeihe mir das Foto, ich musste es machen und hier hineinstellen:

Gleich hebt die Solistin ab und holt mit ihrem Spiel den Mond auf die Erde.

Nach der Pause: Jean Sibelius „Symphonie Nr. 2, D-Dur op.43

So auf volle Romantik eingestimmt, fällt man in die Musik Sibelius‘ mit ungebremsten Gefühlen hinein. Vasily Petrenko ist in seinem Element und reißt die Musiker zu Höchstleistungen mit: Alles wird aufgeboten: hauschzarte Geigensoli, schwungvolle Dramatik, impulsierender Tempo- und Stimmungswechsel. Kühn akzentuiert Petrenko durch forcierte Pausen die einzelnen Motive, sie steigen auf, verschmelzen, kommen wieder. Sibelius entwickelt in dieser Symphonie einen unglaublichen Themenreichtum. Als bekennende Italienliebhaberin lasse ich dabei die von mir so geliebten Landstriche aufsteigen. Das ist legitim, denn Sibelius skizzierte die Grundthemen der 2. Symphonie auf seiner Reise durch Italien. Er schwelgt in Dramatik, Bukolik, um schließlich in einem triumphalen Finale zu enden. Mitreißend! Langer Beifall des Publikums und – wie gehabt – des ganzen Orchesters. Das beginnt dann zu tanzen, die Instrumente zu drehen, zu jubeln, zu klatschen. Ein Finale, das an das berühmte Jugendorchester „El Sistema“ aus Venezuela erinnert. Wer kann nach so einem Abend gleich ins Auto steigen und heimfahren? – Ich schlendere durch den abendlichen Park des Schlosses, langsam werden die Stimmen ringsum leiser. Einige Gäste genießen noch ein Glas Wein und bestaunen den Mond. Ich auch.

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Landestheater Salzburg. Salzburger Festspiele 2021

© SF/Ruht Walz.: Marcel Kohler als Elis

In einem dnklen Trümmerhaufen von Betonhohlziegeln (Bühnenbild Muriel Gerstner) irrt Elis (Marcel Kohler) umher, trifft auf rätselhafte Gestalten. Alles sieht nach Endzeit, Untergang oder Unterwelt aus: Aufgebaute Mauern stürzen ein, dunkle Figuren versuchen sie vergeblich wieder aufzubauen. Wo sich diese Unterwelt der Untoten befindet, rätselt man das ganze Stück hindurch. Rätsellösungen für die verkopfte (manche würden sagen: poetische) Sprache und für die Bilder zu finden, ist die Hauptaufgabe der Zuseher. Was auf die Dauer ermüdet.

Versuch einer Inhaltsangabe (ohne Gewähr auf Richtigkeit)

Elis ist der Welt abhanden gekommen. Er hat sich in die schöne, glänzende Bergkönigin verliebt. Aber die Oberwelt hält ihn noch fest. Dort lebt die junge, ziemlich handfeste und der Gegenwart verbundene Anna. Elis verspricht ihr die Ehe. Doch am Hochzeitstag verlässt er sie und entschwindet ins Bergwerk zur Bergkönigin. Schon aus dieser sehr vereinfachten Inhaltsangabe ahnt man, wo der junge Hofmannsthalt überall in der Literatur gestöbert haben muss: Da wäre einmal das umgekehrte Undinethema: Der Mann sehnt sich nach der Unterwelt im Berg, wird in der Oberwelt untreu. Dann wäre Freud zu nennen mit seiner Psychothese vom ES, Ich und Überich. Nicht zu vergessen: Ibsen, Peer Gynt. Ganz sicher ist der junge, 25-jährige Hofmannsthal auch bei den Romantikern fündig geworden, die Erzählungen von E.T.A. Hoffmann „Die Bergwerke von Falun“ muss er gekannt haben. Die sollen ja auf eine wahre Begebenheit zurückgehen. Im Bergwerk von Fallun habe man eine Leiche eines in Vitriol eingebetteten jungen Mannes, der vor 50 Jahren verschüttet worden sei, fast unversehrt gefunden. Dass Hofmannsthal das Drama nicht sofort fertig stellte und erst viele Jahre später wieder daran zu arbeiten begann, es aber nie veröffentlichte, lässt darauf schließen, dass er starke Zweifel an dem Sujet hatte und es vielleicht nie auf der Bühne sehen wollte.. .

Gute Frage: Warum nun gerade dieses Werk?

Diese Frage mag sich wohl so mancher Besucher am Ende der Vorstellung gestellt haben. Man wolle Hofmannsthal zum 100-jährigen Jubiläum besonders feiern, meinte Schauspielintendantin Bettina Haring in einem ORF-Interview. „Jedermann“ und das Libretto zu „Elektra“ sind zu wenig Hofmannsthal? Wenn schon noch einer, dann wären andere Dramen besser geeignet als dieser Publikumsschreck.

Eines muss besoders gelobt werden: Das Team unter der Regie von Jossi Wieler schlug sich tapfer. Sprachen die unverständlichsten Sätze mit der selbstverständlichen Gelassenheit aus, wohl mit dem Hintergedanken: Über den Sinn mag sich das Publikum den Kopf zerbrechen, wir spielen nach Vorlage. Dieses war wohlwollend genug, die Schausspieler mit Applaus zu belohnen.

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Eva Mattes las Stefan Zweig: Maria Stuart

Landestheater Salzburg, Salzburger Festspiele

Eva Mattes sprang kurzfristig für die erkrankte Hanna Schygulla ein. Viel Zeit blieb ihr nicht, um sich mit der (sehr klugen) Textfassung von Bettina Hering vertraut zu machen. Deshalb ließ sie sich auf keine Extravaganzen ein, sondern las den Text solide, ohne dramatische Höhen und Tiefen herauszuarbeiten. Dieses mutige Einspringen belohnte das Publikum mit dankbarem Applaus. Dass in dem Text mehr Gestaltungsmöglichkeiten stecken, war klar, konnte aber aus den gegebenen Umständen nicht erwartet werden.

„Ich hatte genug von Biografien“, schreibt Stefan Zweig in „Die Welt von Gestern“. Aber da fällt ihm ein Bericht über die Hinrichtung Marias in die Hände und schon war seine Neugierde geweckt. Mehrere Bücher mit gegenteiligen Aussagen über die unglückliche Königin verleiten Stefan Zweig, sich wieder dem Genre „Biografie“ zuzuwenden. Und es entstand eine Werk über die beiden Königinnen, das deren Impulse, ihr Wesen, wie sie geworden sind und warum sie so geworden sind, feinsinnig beleuchtet.

„Maia Stuart“ wurde neben der Biografie über „Maria Antoinette“ sein größter Erfolg. “ Ihre „Maria Stuart“ liest sich hinreißend. Sie erwecken die Personen zum Leben“, schreibt Romain Rolland an Stefan Zweig im April 1933 (Zitat aus dem Programm zur Lesung). Obwohl Zweig nicht gerne als „Biograph“ bezeichnet werden wollte, so ist er doch der Vater der heute so beliebten „Romanbiografie“. Er ist sich der Paradoxie, in der ein Biograph steckt, bewusst: Der Leser erwartet die Wahrheit über die beschriebene Person. Doch die Wahrheit kann nur die Wahrheit des Autors sein, also subjektiv. Es war wohl diese Zwickmühle, aus der Zweig einen Ausweg suchte. Und der Ausweg hieß eben „Romanbiografie“. Obwohl es dieses Genre expressis verbis damals noch nicht gab, bereitete Zweig mit „Maria Stuart“ dazu das Feld für dieses heute so gern geschriebene und gern gelesene Genre vor. Er beginnt wie ein Historiker, zählt Fakten wie Jahreszahlen und Orte der Handlung auf. Doch im Verlauf des Textes wird er mutiger, wagt seine persönliche Sichtweise auf den Charakter Marias.. Erklärt ihren Werdegang psychologisch, führt ihre Leidenschaft für Bothwell als Motiv für alle folgenden Taten und Untaten an.

Eine derartige in die Tiefe der Seele hineinleuchtende Interpretation war neu, faszinierte und fasziniert bis heute die Leser. Seit Zweig besteht eine Biografie nicht nur aus( historisch gesicherten?) Fakten, sondern fast zwingend wird vom Autor erwartet, dass er über das HIstorische hinausgeht. Gedanken, ja sogar die innersten Wünsche der Protagonistin Maria dürfen, ja sollen beleuchtet werden. Der Erzähler Stefan Zweig verschwindet hinter der Figur, wird die Figur. Aus dieser Anmaßung, wenn man so will, schildert Zweig die Hinrichtung Marias, lässt den Leser die grauenvollen Minuten miterleben. Er ist nicht Voyeur, sondern Erleidender. Ein starker Schluss, den Eva Mattes unaufgeregt, ohne Pathos vortug.

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Salzburger Festspiele- Eva Mattes las Stefan Zweig: Maria Stuart.

Eva Mattes sprang kurzfristig für die erkrankte Hanna Schygulla ein. Viel Zeit blieb ihr nicht, um sich mit der (sehr klugen) Textfassung von Bettina Hering vertraut zu machen. Deshalb ließ sie sich auf keine Extravaganzen ein, sondern las den Text solide, ohne dramatische Höhen und Tiefen herauszuarbeiten. Dieses mutige Einspringen belohnte das Publikum mit dankbarem Applaus. Dass in dem Text mehr Gestaltungsmöglichkeiten stecken, war klar, konnte aber aus den gegebenen Umständen nicht erwartet werden.

„Ich hatte genug von Biografien“, schreibt Stefan Zweig in „Die Welt von Gestern“. Aber da fällt ihm ein Bericht über die Hinrichtung Marias in die Hände und schon war seine Neugierde geweckt. Mehrere Bücher mit gegenteiligen Aussagen über die unglückliche Königin verleiten Stefan Zweig, sich wieder dem Genre „Biografie“ zuzuwenden. Und es entstand eine Werk über die beiden Königinnen, das deren Impulse, ihr Wesen, wie sie geworden sind und warum sie so geworden sind, feinsinnig beleuchtet.

„Maia Stuart“ wurde neben der Biografie über „Maria Antoinette“ sein größter Erfolg. “ Ihre „Maria Stuart“ liest sich hinreißend. Sie erwecken die Personen zum Leben“, schreibt Romain Rolland an Stefan Zweig im April 1933 (Zitat aus dem Programm zur Lesung). Obwohl Zweig nicht gerne als „Biograph“ bezeichnet werden wollte, so ist er doch der Vater der heute so beliebten „Romanbiografie“. Er ist sich der Paradoxie, in der ein Biograph steckt, bewusst: Der Leser erwartet die Wahrheit über die beschriebene Person. Doch die Wahrheit kann nur die Wahrheit des Autors sein, also subjektiv. Es war wohl diese Zwickmühle, aus der Zweig einen Ausweg suchte. Und der Ausweg hieß eben „Romanbiografie“. Obwohl es dieses Genre expressis verbis damals noch nicht gab, bereitete Zweig mit „Maria Stuart“ dazu das Feld für dieses heute so gern geschriebene und gern gelesene Genre vor. Er beginnt wie ein Historiker, zählt Fakten wie Jahreszahlen und Orte der Handlung auf. Doch im Verlauf des Textes wird er mutiger, wagt seine persönliche Sichtweise auf den Charakter Marias.. Erklärt ihren Werdegang psychologisch, führt ihre Leidenschaft für Bothwell als Motiv für alle folgenden Taten und Untaten an.

Eine derartige in die Tiefe der Seele hineinleuchtende Interpretation war neu, faszinierte und fasziniert bis heute die Leser. Seit Zweig besteht eine Biografie nicht nur aus( historisch gesicherten?) Fakten, sondern fast zwingend wird vom Autor erwartet, dass er über das HIstorische hinausgeht. Gedanken, ja sogar die innersten Wünsche der Protagonistin Maria dürfen, ja sollen beleuchtet werden. Der Erzähler Stefan Zweig verschwindet hinter der Figur, wird die Figur. Aus dieser Anmaßung, wenn man so will, schildert Zweig die Hinrichtung Marias, lässt den Leser die grauenvollen Minuten miterleben. Er ist nicht Voyeur, sondern Erleidender. Ein starker Schluss, den Eva Mattes unaufgeregt, ohne Pathos vortug.

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Ivica Prtenjaca, Der Berg. FolioVerlag

Aus dem Kroatischen von Klaus Detlev Olov

Die Geschichte liest sich zu Beginn wie die Umkehr des Romans von Marlen Haushofer „Die Wand“. Während die Protagonistin in Haushofers Roman unfreiwillig durch eine unsichtbare Wand von der Welt abgeschlossen wird, begibt sich der Icherzähler freiwillig und aus Ekel an dem oberflächlichen Leben, das er bisher als Kulturbobo in Zagreb führte, auf eine kleine Adriainsel, um dort in der Bergeinsamkeit drei Monate als Brandwächter zu leben. Wie auch in Haushofers Roman genießt er die Gesellschaft eines Tieres, nämlich eines alten Esels, den er ob der Würde und Gelassenheit, die dieser ausstrahlt, Visconti nennt. Gelegentlich auch „Graf Visconti“.Als dieser altersschwach sich zum Sterben hinlegt, bleibt er bis zum letzten Atemzug bei ihm und begräbt ihn oben auf dem Berg. Die erste Zeit genießt er die Einsamkeit, die Wildnis und die primitive Behausung. Doch aus dem Rückzug aus seinem eigenem Leben taucht der Icherzähler immer mehr in die Vergangeneit der Inselbewohner (wahrscheinlich Male Losinj) ein, erfährt von den Wunden, die der letzte Krieg in den Seelen der Menschen dauerhaft geschlagen hat. Aus dem Menschenflüchter wird ein Menschenversteher, der die Würde der wenigen Bewohner dieser Insel erkennt und achtet.

Ganz ungestört bleibt sein Rückzugsort nicht. Immer wieder marschieren Scharen von Touristen auf den Berg, meist gänzlich ohne Blick für die Natur, oft muss er sie sogar mit Wasser und selbstgebackenem Brot „laben“, was ihm den Schein eines Naturheiligen verleiht. Mit Ärger und Argwohn beobachtet er mit seinem Fernrohr die Zunahme des Tourismus und fürchtet um die Existenz der Inselbewohner. Der Ärger über die Menschen, die ohne Respekt und Einfühlungsvermögen über die Insel trampeln, wird immer stärker:“Der Ekel vor dem menschlichen Verhalten (gemeint der Touristen) hat bei mir alle anderen Emotionen und Einstellungen überwuchert.“ (p 127)

Dem Autor ging es nicht um eine neormantische Verherrlichung der Natur, schon gar nicht um eine Art Aufruf à la Rousseau. Auch wollte er nicht einem klösterlich-veganen Leben das Wort reden. Also warum dann dieses Buch? Es ist die sprachlich gelungene Version einer Einkehr in sich selbst, ohne den Blick auf die Außenwelt zu verlieren. Und es ist eine Mahnung, nicht die letzten Rückzugsorte der Ursprünglichkeit zu zerstören. Denn als er nach Ablauf der drei Monate die Insel verlässt, rücken Bagger und Kräne an. In der stillen Meeresbucht Javorna soll ein Luxusresort mit Golfplatz errichtet werden. Die Bewohner wurden bereits enteignet. – Er kehrt zurück nach Zagreb, begleitet von der Hündin Ciba, die ihm auf dem Berg oben zugelaufen ist. Ob er nach den drei Monaten auf dem Berg ein anderer geworden ist? Welches Leben wird er in Zagreb führen? Alles bleibt offen.

http://www.folioverlag.com

Foto: Silvia Matras

Inszenierung: Bruno Max

Das muss man Bruno Max lassen: Er hat ein Gespür für richtige Location! Die impsosante Fassade des ehemaligen Waisenhauses, gestiftet von dem Anatomen Josef Hyrtl, erbaut im spätgotischen Mischmaschstil des ausgehenden 19. Jahrhunderts, unter der Leitung des damaligen Bürgermeisters Josef Schöffel, stellt die ideale Kulisse für dieses Degenstück dar. Alles da, was man braucht: Schloss, Schlossgraben, Garten – schnell imaginiert mit drei Plastikkugelbäumen – ja selbst für den Buckinhampalast ist diese schöne Fassade eine ideale Kulissse. „Wir schlagen damit (-mit der Wahl dieses Platzes) mehrere Fliegen mit einer Klappe“, schreibt Bruno Max im Programmheft. „Wir bringen Theater in die Schöffelstadt, die im Gegensatz zur Altstadt theatermäßog unterversorgte Zone Mödlings, und zeigen das schlafende Potential dieses schönen Platzes auf.“

Die Fassade des Waisenhauses im Abendlicht (© Silvia Matras)

Der Roman von Alexandre Dumas schildert die Lebensgeschichte der drei Musketiere, die als Leibgarde dem König Ludwig XIII und Königin Anna dienen. Im steten Kampf mit den Gardisten des hinterlistigen Kardinals Richelieu bleiben sie meist siegreich. Im Mittelpunkt steht der junge d´Artagnan, der von seinem Vater zu einem mutigen Kämpfer mit offenem Herzen und mutigem Sinn erzogen wird.

Das Stück beginnt mit dem Begräbnis des Helden. Vor der von der letzten Abendsonne beleuchteten Fassade tragen die Kameraden Athos, Porthos und Aramis den Sarg mit dem Leichnam d´Artagnans zu Grabe. Eine Reporterin mit Mikrofon versucht vergeblich, ein Interview zu bekommen. Dann folgt Schlag auf Schlag eine Szene nach der anderen, jede einzelne ein Bravourstück der Choregrafie und der Komik!!! Noch im milden Abendlicht sehen wir den Knaben d`Artagnan, den sein Vater unermüdlich im Fechten trainiert, die Mutter ihn liebevoll füttert. Aus dem Knaben wird ein junger Mann, der sich von seinen Eltern verabschiedet. Der Vater schenkt ihm den Familiendegen und das letzte Pferd aus dem Stall – eine Szene, so rührend wie komisch zugleich. Das ist überhaupt die Stärke der Inszenierung: Es darf romantisch, heldisch werden, aber immer endet jede Szene mit einem Augenzwinkern oder einer ironisch-witzigen Verdrehung der Situation. Das Publikum applaudierte oft nach einzelnen Szenen, was die Stimmung des Abends enorm hob. (Sie war immer gut, aber so eben noch mehr als gut – super!) Marcus Ganser, verantwortlich für die Details auf der Bühne, belebte die Szenerie mit komischen Details, etwa den Topfpflanzenträgern, den Schafhütern oder den Wäsche aufhängenden Nonnen.

Wie immer, wenn Bruno Max eine Komödie inszeniert, holt er sich exzellente Schauspieler. Die Musketiere und die Gardisten des Kardinals fechten auf Teufel komm raus. Selbst die kleinsten Szenen sind mit Erzkömödianten besetzt -So etwa gibt Bernie Feit einen an das Darmolmandl erinnernden kläglichen Ehemann der schönen Constance ab. Derselbe spielt auch den alten, leicht verkalkten Chef der Musketiere. Alle, wirklich alle spielen ihre Rollen, als wären sie mit ihren Kostümen in diese Zeit hineingeboren. Apropos Kostüme: Sigrid Deger leistet sich den Luxus, die Schauspieler in historische Gewänder zu stecken! Was für eine Wohltat, einmal keine Modeflicken der Gegenwart deuten zu müssen!

Aber ein Schauspieler sei aus dem glanzvollen Ensemble doch noch deutlich hervorgehoben: Der junge Angelo Konzett spielt den d´Artagnan, als wäre er mit dem Degen geboren. Er fegt über die Bühne, springt über Gräben, als hätte er Hermesschuhe an. Das mutige, offene Herz eines Musketieres glaubt man ihm sofort. Ein Name, den man sich merken sollte!

Das Publikum dankte dem ganzen Ensemble mit langem Applaus und viel Bravorufen.

Es wird noch bis zum 4. September gespielt. Also unbedingt anschauen!!

Alle Informationen unter: http://www.theaterzumfuerchten.at

Der Titel verheißt eher eine nüchterne, historische Abhandlung. Indes: Monika Czernin gelingt es trotz hoher Wissenschaftlichkeit und Genauigkeit ein spannendes Bild von Joseph II. zu zeichnen.

Joseph II. (1741- 1790) gilt allgemein als ein nüchterner Aufklärer, über den man gerade einmal weiß, dass er viele Klöster auflöste und die Leibeigenschaft aufhob. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser noch an das Toleranzpatent, das Österreich ihm zu verdanken hat.

Was aber hinter dem offiziellen Image dieses sensiblen, überaus klugen Herrschers steckt, das erfährt man zum ersten Mal in diesem exzellent geschriebenen Werk. Schon als Knabe widersetzte er sich den rigorosen Erziehungsmethoden am Hof, wurde ein glühender Verfechter der Aufklärung, deren Lehren er, so weit es ihm möglich war, in seiner Regierungszeit umsetzte. Trotz der Widerstände seiner Mutter Maria Theresia und des Hochadels. Er sah „über den Tellerrand höfisch – feudaler Herrschaftstraditionen und Klientelpolitik hinaus und mischte sich unter das Volk“ (p.330) Genau dieses mitfühlende Hinschauen trieb den jungen Herrscher an und veranlasste ihn, sein Reich bis an die äußersten Grenzen zu bereisen und die Nöte der Menschen kennenzulernen. Er reiste als Graf Falkenstein incognito, um keine Zeit mit unnötigen Empfängen zu verschwenden. Doch oftmals erkannte ihn die Bevölkerung und überreichte ihm zahllose Bittschriften. Keine davon blieb unbeachtet. Wo er vor Ort helfen konnte, tat er es. Lange Aufenthalte für .genussvolles Sightseeing gönnte er sich kaum. Ihm war es wichtiger, in die Hütten statt in die Paläste zu treten. Dem Elend und den Krankheiten wich er nicht aus, im Gegenteil, besuchte die Stätten, wo Kranke elendiglich untergebracht waren, scheute sich nicht, Säle mit Pocken- oder Lungenkranken zu betreten. Seine Neugier und sein Wille zu helfen und Missstände abzuschaffen waren unfassbar unerschöpflich. Weil er das Elend der leibeigenen Bauern miterlebte, schaffte er unter großen Widerständen die Leibeigenschaft ab. Sein Ziel war es, dieses riesige, unüberschaubare Reich der Habsburger in einen für die damalige Zeit modernen Staat hinüberzuführen. Nicht alles gelang ihm. Am Ende seines Lebens soll er gesagt haben: „Ich habe immer nur gewollt!“

Monika Czernin beschreibt aber nicht nur ausführlich die Routen und Aufenthalte mit allen Konsequenzen, die Joseph aus diesen bitteren Erfahrungen zog, sondern beleuchtet auch dezent das Privatleben des Kaisers: Seine große Liebe zu seiner ersten Ehefrau Isabella von Bourbon-Parma, den unerträglichen Schmerz über ihren Tod (1763), mit welch zärtlicher Liebe er seine Tochter Maria-Theresia erzog, die er 1770 ebenfalls sehr früh verlor. Während seiner Reise durch das Zarenreich (1787) kaufte er auf einem Sklavenmarkt ein kleines Tatarenmädchen frei, nahm es mit nach Wien, um ihm eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Das ist nur eine der vielen Episoden, in denen sich die private Seite Jospehs offenbart.

Schmunzelnd liest man auch die Versuche, das Eheleben von Maria Antoinette und Ludwig XVI. in Ordnung zu bringen. Denn seit Jahren hatten die beiden keinen funktionierenden Beischlaf. Joseph scheut sich nicht, dem unerfahrenen König eine Sexlektion zu erteilen. Genau beschreibt er in einem Brief an seinen Bruder Leopold, wie er dem König die Funktion des Gliedes und der Erektion erklärt hatte. Einmal Aufklärer, immer Aufklärer.

Die Gefahr, in der sich Frankreich, insbesondere das Königspaar, kurz vor dem Ausbruch der Revolution befindet, sieht er ganz genau. Den grausamen Tod der beiden hat Joseph nicht mehr miterleben müssen. Er stirbt am 20. Februar 1790, gerade einmal 49jährig. Im Epilog erläutert Monika Czernin die Gründe, warum sie sich einige Jahre intensiv mit Joseph II. beschäftigte: Die Zeit vor der Französichen Revolution weist Parallelen zur Gegenwart auf: Pandemien, auseinanderklaffende Gesellschaften, Arme, die immer ärmer werden, Reiche, die immer reicher werden, all das brachte die alten Reiche einst ins Schwanken und bringt die Welt des 21. Jahhunderts ebenfalls aus dem Gleichgewicht.

Erschienen im Penguin Verlag: http://www.penguin-verlag.de

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Heinrich v. Kleist: Der zerbrochene Krug

Heinrich von Kleist war alles, nur kein Komödienschreiber. Ein unsteter, rastloser Besucher dieser Erde, die er so bald wie möglich verlassen wollte. Am besten in Begleitung. In Henriette Vogel, die unheilbar krank war, fand er eine ähnliche Seele. Beide verließen 1811 gemeinsam und freiwillig die Erde.

Zu Lebzeiten hatte Kleist mit seinen Werken keinen nennenswerten Erfolg. Als der Dichterfürst Goethe den zerbrochenen Krug inszenierte, schrieb er eigenmächtig einiges um. Trotzdem war das Stück kein Erfolg. Kein Wunder, weil die so genannte Komödie eine bitterböse Satire auf die Gesellschaft, ihre Verlogenheit und ihre Heimtücke geworden ist. Und genau auf dieser Schiene fährt die Regie Veronika Glatzners: Nichts und niemand ist in diesem Stück frei von Tücke. Lug und Täuschung, versuchte Vergewaltigung – alles bringt sie schonungslos aufs Tapet. Karl Maertens spielt den der Dorfrichter Adam als hämisch kichernden Teufel in der Gerichtsrobe. Dass er nuschelt und spuckt, daher nicht immer verständlich ist, mag seiner Rolle geschuldet sein. Ein netter Regieeinfall ist wohl das am Richtersessel angebrachte Mikrofon, in das er seine perfiden Urteile hineinzischt. Sehr zum Gaudium des Publikums, das sich wohl an jüngste Vorfälle in Ausschüssen mit diversen Vorsitzenden erinnert. Nicht ganz so fies ist zu Beginn der Schreiber Licht, diskret mies von Emanuel Fellmer gespielt. Dass er auf den Posten des Dorfrichters spitzt, wird erst gegen Schluss klar. Der Dritte im Bunde der Gerichtsbarkeit ist der Gerichtsrat Walter, glatt und undurchschaubar von Dominik Warta gespielt. Von Kleist als „deus ex machina“ eingesetzt, der Adam durchschauen und überführen soll. Was ihm nur unzulänglich gelingt, vergisst er doch, Adam nach seinem rechten Fuß zu fragen, der, wie der Schreiber Licht schon wiederholt hinwies, ein Klumpfuß ist. Warum die Regie diese doch wichtige Frage wegließ, ist logisch nicht erklärbar. Auch Walter bekommt in dieser Aufführung von der Regie sein Fett ab: Nach der offiziellen Absetzung Adams und Klärung des Falls küsst er das überraschte Evchen, die ihn empört in die Lippen beißt und wegstößt. So, also einmal mehr Metoo hinein ins Stück, das kann nicht schaden, dürfte sich die Regisseurin gedacht haben. Brav und ein wenig dümmlich spielt Philipp Laabmayr den Bauernsohn Ruprecht. Zuerst beschimmpft er Eve als Metze, möchte die Verlobung auflösen. Noch bevor er wirklich weiß, was geschehen ist. Man fragt sich, woher Kleist sein so arg negatives Männerbild hatte. Dass Veronika Glatzner dieses genüsslich übernimmt, ist angesichts der laufenden Feminismus- und Meetoobewegung klar. Aber Gott sei Dank differenziert sie ein wenig und lässt auch die Frauen nicht ungeschoren davonkommen: Die Mutter (Birgit Stöger) ist eine dümmliche Schwätzerin, die Nachbarin (Marie-Christine Friedrich) eine eitle Selbstdarstellerin, die gar nicht aufhören kann, ihre nächtlichen Beobachtungen oft und oft zu wiederholen. Eve (Hannah Rang) hat die undankbare Rolle der schweigsamen Dulderin, die nur eines will: ihren Ruprecht vor dem Militärdienst im fernen Osten zu retten. Dass sie am Ende, gänzlich reingewaschen von allen Vorwürfen, als einzig ehrliche Person dasteht, ist wohl auch dem Geschmack der Zeit zu verdanken: Eine Komödie -und als solche wird sie betitelt – muss einen positiven Schluss haben.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Das gesamte Ensemble kommt mit der schwierigen Sprache Kleists, die so ihre Tücken hat, gut zurecht. Obwohl, wie man in der Einführung hörte, das Stück um mehr als die Hälfte gestriechen wurde, ist es stellenweise doch ermüdend. Zu oft wird derselbe Vorgang wiederholt. Ja, man versteht schon: Jede Person hat ihre persönliche Erinnerung an einen Vorfall, und die Wahrheitsfindung ist nicht immer leicht. Aber das muss nicht bis ins Letzte auf Kosten der Geduld der Zuschauer durchexerziert werden.

Sehr positiv sind der Einsatz der Drehbühne und die schrägen, bunten Kostüme zu vermerken. Beides von Marie und Paul Sturminger. Dadurch wurde die etwas zähe Handlung leichter, flotter und heutiger.

Informationen unter:http://www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

Joseph Lorenz: Der unbekannte Arthur S. Im Rahmen der „Attergau Kultur“

Joseph Lorenz, bekannt für seine subtilen Interpretationen der Werke Arthur Schnitzlers, präsentierte diesmal unbekannte Novellen: Der Mörder (1910), Die Braut (1891), Der Andere (1889) Ich (1917). Mit dieser Auswahl rief Joseph Lorenz einmal mehr die Vielseitigkeit dieses Seelenanalysten auf: Mit der Novelle „Der Mörder“ erwies sich Schnitzler als genialer „Krimiautor“ im weitesten Sinn. Er leuchtet mit gnadenloser Präzision in das Innerste einer perfiden Mörderseele. Wie immer beginnt die Erzählung beiläufig – harmlos. Alfred ist der Liebschaft mit der naiv-einfachen Elise überdrüssig. Er peilt eine Verlobung mit Adele an, die schön und reich ist und aus der Oberschicht stammt. Fast vom Schicksal herbeigewünscht, bestimmt der Vater der Braut ein Jahr Bedenkzeit, damit die beiden Verlobten ihre Gefühle überdenken können. So unternimmt Alfred mit der schwer in ihn verliebten Elise eine Weltreise, erliegt er doch ihrem Liebreiz noch immer sehr gerne. Doch gegen Ende der Reise wird der Überdruss immer heftiger und die Gedanken an das baldige Wiedersehen mit Adele immer intensiver. Dann findet er die – wie er glaubt – geniale Methode, die immer heftiger werdenden Herzattacken Elises mit einer Überdosis Morphium zu „lindern“. Elise stirbt in seinen Armen. Alfred, ohne Reue, fiebert auf das Wiedersehen mit Adele hin, doch sie serviert ihn kalt ab. Er stirbt lebensmüde im Duell mit dem Baron, der seine Tat durchschaut hat. Ist die Novelle an sich schon spannend genug, wird sie durch die Interpretation von Lorenz zum atemberaubenden Gallop durch die Seelenabgünde eines Mörders, dessen Gewissen noch manchmal heuchlerisch aufflammt, um ebenso rasch im Gedanken an die schöne Adele zu erlöschen.

Die Braut“ ist eine kurze, aber intensive Analyse der weiblichen Erotik, wenn sie frei von Gesellschaftskonventionen ausgelebt wird. Schonungslos demaskiert Schnitzler den männlichen Besitzanspruch an die Frau, die der Bräutigam zu einer passablen Staffage und zur „liebevoll waltenden Hausfrau“ installiert wissen will. Doch die Braut zieht das freie Dasein einer „aufrichtigen Dirne“ der Ehe vor und flieht vor dem Bräutigam in eine Freiheit, die für jede Frau der Jahrhundertwende noch undenkbar war. Mit kühler Schärfe folgt Joseph Lorenz dem „Zittern und Glühen“ bis in die Tiefe der Seele dieser aufrichtigen Dirne.

„Der Andere“

In dieser kurzen Novelle zeigt Schnitzler, wie rasch romantisch verklärte Liebe in tiefen Hass umschlagen kann. Denn es geht, wie immer, um den männlichen Besitzanspruch an die Frau. Das Andenken an die treu liebende Ehefrau darf auch nach ihrem Tod nicht angezweifelt werden. Dass ein Unbekannter, ein potentiell anderer Liebhaber, der im Leben der Frau eine Rolle gespielt haben mag, an ihrem Grabe kniet, bringt den trauernden Witwer um den Verstand. Wütend zerstört er alles, was ihn an sie erinnert und trampelt mit der ganzen Verachtung eines Mannes, der seinen Alleinbesitzanspruch auf diese Frau aufgehoben glaubt, auf den Scherben des Fotos herum. Ja, Schnitzler weiß genau, wie es um den männlichen Stolz bestellt ist. Wehe, er wird verletzt! Wie gültig das auch heute noch ist, vermittelt Lorenz gekonnt der anwesenden Männerwelt.

„Ich“

Schnitzler hatte Humor! Für das Publikum sicherlich eine neue Erkenntnis. Doch man traute dem kühlen Ton von Joseph Lorenz nicht ganz und schluckte den Lacher hinunter. Da muss doch was Ernstes dahinter stecken, wenn ein einfacher Mann, braver Antgestellter in einem Warenhaus und treu sorgender Familienvater, plötzlich durchdreht. Wenn er alle Menschen und Gegenstände um sich herum mit Namenszetteln versieht: Kasten, Tisch, Mutter, Kind etc…Als die verzweifelte Ehefrau den Arzt ruft, heftet der Objektbenenner einen Zettel auf seine Brust. Darauf steht mit großen Buchtstaben: ICH. Als Lorenz den Zettel sich auf die Brust heftete und rücklings vom Sessel fiel, da trauten sich endlich alle zu lachen. Dass Joseph Lorenz mit solchen Charaden voller Lust den Rahmen einer „ernsthaften“ Lesung bricht, hat er schon mehrmals bravourös bewiesen. Vielleicht wollte Schnitzler mit dieser Geschichte gewisse philosphische oder psychoanalytische Entwicklungen ironisieren? Wie auch immer, es war ein großer Spaß!

http://www.attergauer-kultursommer.at

Kultursommer Semmering: Briefwechsel Friederike und Stefan Zweig: „Sei vergnügt und wenig untreu!“

Lesung: Martina Ebm und Michael Dangl, Musik: Maria Fedotova:Flöte, Sebastian Gürtler: Violine

Friederike von Winternitz lernte Sefan Zweig 1912 kennen und verliebte sich in den damals schon bekannten Schriftsteller Hals über Kopf, ließ sich scheiden und lebte zunächst mit ihm zusammen. 1920 heirateten die beiden. Bald musste Friederike erkennen, dass sie Zweig nicht im Haus am Kapuzinerberg halten kann. Salzburg mit seiner „Schlaffluft“ wurde dem Reiselustigen mehr und mehr zuwider.

Es war pures Vergnügen mitzuerleben, wie die beiden Künstler die feinen Brüche und Umbrüche dieser schwierigen Beziehung herausarbeiteten. Martina Ebm zuerst als gurrendes, verliebtes „Lamm“ – so einer ihrer Briefunterschriften -, die sich ihrem „Gebieter“ unterordnet und sich brav um das Haus kümmert. Im Laufe der Beziehung schleichen sich immer mehr vorischtige Kritiken in ihre Briefe und schließlich auch eindeutige Mahnungen, dass sie von ihm mehr als nur kurze Reisestatements erwarte.Der Übergang vom verliebten Hascherl zur selbstbewussten Frau gelang Martina Ebm ausgezeichnet. Michael Dangl konnte einmal mehr den Frauenheld und Frauenliebling herauskehren, wie er auch in der Rolle als berühmter Schriftsteller – nämlich als Stefan Zweig – in der dramatisierten Novelle „Brief einer Unbekannten“ an der Josefstadt in der vergangenen Saison brillierte. Mancher Lacher blieb dem Publikum im Halse stecken, wenn Zweig diskret, aber eindeutig seiner Frau die erotischen Abenteuer andeutet. Zunächst antwortet sie scheinbar gelassen: „Sei vergnügt und wenig untreu!“ Doch bald zerbricht unter der herablassenden Behandlung Stefan Zweigs die Ehe. Das Ende kommt rasch, als sein Haus durchsucht wird und er ahnt, dass er bald in Deutschland und Österreich keine Leser mehr haben wird. Sein „Wunsch, die Welt noch einmal rund zu sehen, ehe sie zusammenkracht“, sollte früher, als er dachte, in Erfüllung gehen: Nach der Scheidung von Friederike flieht er nach Brasilien, wo er mit seiner zweiten Frau 1942 Selbstmord begeht. Mit dem berührenden Abschiedsbrief an Friederike endete dieser Abend, der das Publikum teils amüsiert, die meisten aber nachdenklich entließ.

Für den passenden musikalischen Rahmen sorgten Maria Fedotova auf der Flöte und Sebastian Gürtler auf der Violine. Sie spielten aus den „Duos für zwei Violinen“ von Bela Bartok und zeigten ihre Virtuosität in modern anmutenden Kompositionen, wie die von Peeter Vähi. Die ausgewählten Musikstücke passten perfekt zur jeweiligen Gefühlstemperatur des Ehepaares Friederike und Stefan Zweig – mal romantisch verspielt, dann wieder spöttisch-distanziert. Auch der Ehekrach kündigte sich in musikalischn Dissonanzen an.

Ein hoch künstlerischer Abend voller Intensität, mit klug ausgewählten Textstellen, hervorragenden Interpreten und intensiver Musik!

http://www.kultursommer-semmering.at

Kultursommer Semmering: Eine Pilgerfahrt zu Beethoven – „Die Unspielbare“

Joseph Lorenz – Lesung

Florian Krumpöck -Klavier

Florian Krumpöck, Pianist und Intendant des „Kultursommer Semmering“, ehrte Beethoven mit seinem grandiosen Spiel der Sonaten für Klavier Nr. 27 und 29, die als unspielbar galten. Mit höchster Konzentration, frei ohne Noten, spielte er beide Musikstücke. Er kümmerte sich nicht um die Anweisungen, wie „durchaus mit Empfindung…, sehr singbar“, sondern führte den verzweifelten, das gängige Musikleben missachtenden KOmponisten vor. Hart, kompromisslos mit sich, mit den Zuhörern.

Danach las Joseph Lorenz den von Nina Sengstschmid feinfühligen und spannend geschriebenen Text über Beethovens große, geheime Liebe zur Baronin von Stackelberg und über Beethovens ebenso verzweifelte Liebe zu seinem Neffen und Ziehsohn Karl. Der Komponist, 1812 am Höhepunkt seines Schaffens, soll die verheiratete Baronin von Stackelberg leidenschaftlich geliebt haben. Eine einzige Liebesnacht hatte wahrscheinlich Folgen. Genau 9 Monate später gebar die Baronin ein Mädchen, dem sie den Namen Minona gab – was von rückwärts gelesen „Anonim“ ergab. Beethoven sah seine Tochter nie. S starb 1896 vereinsamt und kinderlos. Beethoven schrieb damals in sein Tagebuch:“Für dich gibt es kein Glück“. Und so konzentrierte er seine ganze Liebesfähigkeit auf seinen Neffen Karl, für den er im ewigen Rechtsstreit mit dessen leiblicher Mutter, die er für eine liederliche Person hielt, lag. All diese Sorgen und Qualen schleuderte Joseph Lorenz als Beethoven Gott entgegen und schuf mit weit ausladenden, bittenden, flehenden Gesten einen tief verzweifelten Beethoven. Man hörte ihm bis ins tiefste erschüttert zu. Zugleich gab er dem Kind Karl, später dem jungen Erwachsenen seine Stimme, der unter der erdrückenden Liebe seines Ziehvaters sehr litt und sich diesem Gefühlsgefängnis nur durch Selbstmord glaubte retten zu können. Beethoven und Karl litten gleichermaßen unter diesem „Liebeszwang“. Der Verzweiflung beider gab Lorenz Raum und genialen Ausdruck.

Der sehr emotionale Abend endete mit viel Bravorufen und einem begeisterten Applaus.

Informationen und Karten:http://www.kultursommer-semmering.at

Kultursommer Semmering: Senta Berger liest Alfred Polgar „Sie und Er“.

Musikalische Begleitung: Semmeringer Salonquartett

Senta Berger hat vom ersten Augenblick die volle Aufmerksamkeit des Publikums. Locker erzählt sie über ihren Zugang zu dem Schriftsteller Alfred Polgar, den sie erst im zweiten Anlauf als einen „intelligenten Beobachter der archaischen Eigenschaften der Menschen“ kennen lernte.

Sofort ist das Publikum gebannt von den Figuren, die Senta Berger entstehen lässt: Mit Stimmwechsel, sparsamen Gesten, einem feinen Minenspiel und vor allem auch gekonnten Pausen, die auf die Pointe vorbereiten, entstehen lebendige Figuren, die allen im Publikum irgendwie vertraut sind. „Sie und Er“ sind Menschen des Alltags, die streiten, zanken und letztendes doch ein Zueinander finden trotz aller Widrigkeiten. Die feine Balance zwischen Ironie und Bitterkeit, zwischen Eifersucht und bedingungslosem sich Fügen, zwischen Angst, den anderen zu verlieren, und Ärger über den Partner, der sich bis zu momentanem Hass steigern kann, all dieses Panorama menschlicher Beziehungen fängt Alfred Polgar in fein gesponnenen Alltagsbeobachtungen ein. Ja, es „menschelt“ sehr. Und Senta Berger gibt diesen Menschen ihre Stimme, macht aus den Texten Minikomödien. Dem grantigen Ehemann, der seine Frau beim Essen beobachtet, gibt sie ihre Stimme genaus so wie den intriganten Freunden, die hämisch beobachten, wie aus dem ehemals gestandenen Kerl nach der Hochzeit ein „Schlucksi“, ein seiner Angetrauten hündisch ergebener Ehemann wird.

Begleitet wurde sie vom „Semmeringer Salonorchester“, die flotte, frisch-freche Musik von Carl Michael Ziehrer, Fritz Kreisler und Ferdinand Ries passend zu Texten spielten. (Luís Morais 1. Violine, Anna-Katharina Tittgen 2. Violine, Giorgia Veneziano Viola, Ute Groh Cello)

Im nachfolgenden „Künstlergespräch“ mit Florian Krumpöck erzählte sie über ihre Eltern, die trotz der ärmlichen Verhältnisse, in denen sie lebten, ihr eine künstlerische Erziehung boten. Gefragt nach Gedanken zum Tod – die Künslterin wurde gerade 80 – meinte sie: „Ich muss Endlichkeit erst lernen. Immer noch glaube ich, dass ich unsterblich bin.“ Freimütig gestand sie ein, dass sie in den Morgenstunden sehr wohl die trüben Gedanken vertreiben muss. Dennoch hat sie sich ihren Grabstein und die Schrift darauf schon ausgesucht. Dann mit Augenzwinkern: „Ich will ja wissen, unter welchem Grabstein ich liegen werde.“ Ihr lebensbejahender Humor und ihre Liebe zur Familie sind wohl die Hauptstützen, die sie durch ihr Leben tragen. Eher nüchtern handelte sie ihre Filmkarriere in Hollywood ab. Als sie die Rolle der Buhlschaft übernahm, war sie sehr froh, „in die eigene Sprache und Lebensweise zurückzukehren.“ Stolz ist sie auf die Filme, die sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Michael Verhoeven drehte. Dass sie der berühmten Schauspielerin Catherine Deneuve ihre Synchronstimme lange Jahre lieh, war wahrscheinlich nicht allen im Puvlikum bekannt. Obwohl Senta Berger anlässlich ihres 80. Geburtstages schon zahlreiche Interviews in Radio und Fernsehen gab, wirkte sie im Gespräch, als erzählte sie alles zum ersten Mal. Auch das ist große Kunst.

Alle Infos zu den kommenden Veranstaltungen unter:

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Mit Maria Happel als intrigante Marquise und Michael Maertens als der Dauerverführer Valmont.

Angelika Hager, Intendantin des „Schwimmenden Salons“: Happel und Maertens, die beide in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum feiern, werden sie in die verderbte und sittenlose Rokokowelt einführen.“

Bevor Happel und Maertens in ihre Rollen schlüpften,skizzierten sie diese „verderbte Welt“: Es war die Zeit des Puders und Parfums statt Seife und Waschzuber, die Zeit der 4 Meter hohen Perücken und der überdimensionalen Reifröcke. Während das Volk verhungerte, feierte der Adel und verfing sich in Klatsch und Intrigen. Um die Atmosphöre ironisch zu veranschaulichen, brachten die Kinder von Maertens einen riesigen Fächer, eine Perücke und ein Silberkästchen auf die Bühne. Dem Publikum gefiel diese „Petitesse“, um im Jargon zu bleiben.

Laclos Briefroman ist ein bitterböses Sittenbild des 18. Jahrhunderts. Er reißt dem Adel die Maske vom Gesicht, aber ohne moralischen Zeigefinger. Eher mit ironischer Gelassenheit lässt er die beiden Protagonisten ihre bösen Spiele spielen. Als die Spiele tödlich enden, kommt ein Schaudern beim Zuhörer/Leser oder Zuseher auf ob der Gleichgültigkeit der adeligen Gesellschaft, mit der sie die Ereignisse kommentieren.

Nun war es ein riskantes Unterfangen, in einer Lesung diesen tödlichen Schauder dem Publikum zu vermitteln. Einerseits haben die meisten den Film in der Regie von Stephen Frears und viele vielleicht die Dramatisierung von Christopher Hampton mit Herbert Föttinger als Valmont und Andrea Jonasson als Marquise in Erinnerung. Gegen diese inneren Bilder mit einer Lesung anzutreten, ist nicht leicht. Noch dazu in einer gekürzten Fassung von eineinviertel Stunden. Mit witzig-ironsichen Wortschöfpungen wie „Klosterschwalbe“ für die junge Klosterschülerin Cécile oder „durchlüften“ für heftiges Bearbeiten der Vagina wurde der manchmal recht sperrige Text „durchlüftet“. Maria Happel gab eine grantige, böse Frau, die ihre Zeit dazu benützt, andere ins Verderben zu stürzen. Den alternden Verführer, der sich nicht scheut, seine sittenstrenge Geliebte Madame Tourvel in den Tod zu treiben und die Klosterschülerin Cécile hinterlistig zu entjungfern, gab Michael Maertens. Er präsentierte Valmont als Weichling ohne Gewissen.

Leider ist der Schluss ziemlich gekürzt worden, und so verlief das tragische Ende aller Beteiligten irgendwie in den Sand – besser gesagt in den Wind, der schon recht kühl über die Köpfe der Zuhörer wehte, die auch schon gleich nach dem ersten freundlichen Applaus das Weite suchten.

Programm und Infos zum „Schwimmenden Salon“:

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Albertina: Franz Hubmann. Künstlerporträts. Die Schenkung Helmut Klewan

Foto oben: Alberto Giacometti

Pose oder Momentaufnahme – beide Formen der Porträtfotografie beherrschte Fran Hubmann (1914-2007) schlichtweg genial. Der Besuch der Ausstellung gleicht einem Gang zurück in die eigenen Erinnerungen, die vielleicht schon ein wenig in Vergessenheit geraten sind. Wie sah Otto Mühl aus, der Skandalproduzent der Nachkriegszeit? Wie der junge Rainer, der wilde Attersee? Natürlich erkennt man Picasso sofort von vielen anderen Fotos. Aber wem gehört dieses Gesicht, dessen Blick dem Betrachter durch und durch geht? – Es ist der Bildhauer Alberto Giacometti, der die vordergründige Wirklichkeit bis auf die Knochen durch-schaut. Den treuherzigen Augen Kubins traut man nicht so ganz, wenn man an seine Visionen von Dunkelheit und Grauen denkt. Natürlich, da sitzt Erwin Ringel im dem Künstlercafé Hawelka, er, der Alleserklärer der Nation. Und gleich auch Friedensreich Hundertwasser mit Köfferchen, als wäre er im Aufbruch nach Venedig oder auf sein Schiff. All diese Künstler haben das Leben des 20. Jahrhunderts gestaltet und uns, Kinder dieses Jahrhunderts, mit Neugier, Begeisterung oder auch manchmal Empörung erfüllt. Jedenfalls waren und sind sie wichtige Meilensteine der Erinnerung.

Von 1951 bis 1999 fotografierte Franz Hubmann die bekanntesten Künstlerpersönlichkeiten aus der österreichischen, französischen und amerikanischen Kulturszene. Der Galerist Helmut Klewan sammelte sie und schenkte einen Teil davon der Albertina für diese Ausstellung.

Noch zu sehen bis 10. Oktober 2021

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Volksoper im Kasino Schwarzenberg: Leyla und Medjnum

Musik: Detlev Glanert

Märchen für Musik, Libretto von Aras Ören und Peter Schneider, Textfassung für die Volksoper: Ruth Brauer-Kvam und Nicolaus Hagg, Dirigent: Gerrit Prießnitz, Regie und Choreographie: Ruth Brauer-Kvam

Der Bühnenraum des Kasinos bildet mit den klassizistischen, goldvergilbten Einfassungen in der Hinterwand, gehalten in müd-grauen Farben, die ideale Projektionsfläche für die Videos mit alten persischen Schriftzeichen. Der Boden ist mit Teppichen ausgelegt, die im Laufe des Spieles mit Schriftfahnen bedeckt werden. (Bühnenbild und Kostüme: Monika Rovan)

Der Dichter Rumi (1207-1273) war einer der bekanntesten persischen Dichter des Mittelalters. Seine Erzählung „Leyla und Medjnum“ gehört zum Kodex der persischen Literatur und ist bis heute im persischen Sprachraum und darüber hinaus bekannt. Leyla und Medjnum sind in tiefer Liebe zueinander entbrannt. Die Eltern akzeptieren diese Liebe nicht. Medjnum geht in die Wüste und schreibt Gedicht um Gedicht über seine Liebe zu Leyla. Vergisst darüber die Realität. Er verliebt sich in jedem seiner WErke neu in die Liebe als absolute Kraft, die den Menschen die Angst vor der Macht nimmt und gegen Kriege wirkt. Leyla hingegen bleibt in der Realität, sehnt sich nach ihrem Geliebten – vergeblich. Sie wird mit einem reichen Mann verheiratet. Das traurige Ende ist erahnbar: Leyla und Medjnum werden sich vielleicht nach dem Tod im Paradies wieder begegnen. Medjnum letzte Worte: Ich schreibe diese Gedichte, damit niemand mehr aus Angst das Paradies anbetet. Als Rumi dieses Ende schrieb, war die Sufireligion, der er angehörte, anerkannt als eine Religion, die frei von Angst macht.

Neben der Liebe ist die persische Schrift ein weiteres zentrales Thema. Denn ohne Wort und Schrift gibt es keine Ideen, keine Entwicklung. Um dies zu verdeutlichen, setzt Ruth Brauer-Kvam als choreographische Geste und Versinnbildlichung die Gebärdenspräche ein. Sie passt sich ausgezeichnet dem Rhythmus der Musik an und erinnert im Gestus an die Bewegungen des orientalischen Tanzes. Ruth Brauer-Kvam macht sie zum Element des Lebens, lässt sie auf den Körpern, den Schirmen, den Fahnen erscheinen. Mit dieser Hommage an die persische Schrift, die in ihrer Eleganz unübertroffen ist, setzt die Regisseurin auch einen Kontrapunkt gegen unsere schnelle, schludrige Welt, die sich mit Mails und mit gedankenlosen Verkürzungen begnügt.

Die Musik von Detlev Glanert unterstreicht die Tendenz, in der sich das Schauspiel über die Liebe darbietet: Leicht könnte die Legende über die Liebe in schwülstigen Kitsch abgleiten. Dieser Gefahr entgeht die Produktion durch die Musik, die nur selten Romantik aufkommen lässt. Was ein wenig fehlt, ist die Sinnlichkeit, die jede orientalische Erzählung ausstrahlt. Musik und Regie haben sich für die Abstraktion entschieden und entgehen dabei nicht immer der Gefahr des Manierismus. Mit dieser Produktion setzt die Volksoper die Programmschiene fort, die moderne Musik dem Publikum nahe bringen will.

Zu bewundern ist die Leistung des gesamten Ensembles, das sich trotz 32° im Raum ganz dem Geschehen hingab. Allen voran sind Mara Mastalir als Leyla, Nicolaus Hagg als ERzähler und Alexander Pinderak als Medjnum zu loben. Das Publikum dankte mit freundlichem Applaus.

www.volksoper.at

Theater in der Josefstadt: Geheimnis einer Unbekannten (Stefan Zweig)

Christopher Hampton nach Stefan Zweigs Novelle „Brief einer Unbekannten“. Deutsche Übersetzung von Daniel Kehlmann

Fotocredit: Moritz Schell

Wenn Christopher Hampton ein Werk dramatisiert, dazu die Regie führt und Daniel Kehlmann für die deutsche Übersetzung zeichnet, dann ist ein Abend von hoher Qualität sicher. Genau abgestimmt zu der subtilen Regie passt das Bühnenbild von Anna Fleischle: Ein nobler Raum und ein schlichter Stiegenaufgang werden durch geschickte Lichtführung (Emmerich Steigberger) je nach Szene verändert. In den Kostümen von Birgit Hutter sind Anlehnungen an die Zeit der 1930er Jahre zu erkennen.

Über allem liegt ein Schleier der Erinnerung. Im Rückblick wird die Geschichte Mariannes, ihre tiefe, unveränderte und starke Liebe zu dem bekannte Schriftsteller Stefan, den man unschwer als Stefan Zweig erkennt, aufgerollt. Geschickt hat Christopher Hampton in das Geschehen Details aus dem Leben des Schriftstellers eingeflochten. Verbittert über das Aufführungsverbot seiner Stücke und seine Verfemung als jüdischer Schriftsteller betont er: „Ich bin kein jüdischer Schriftsteller, ich gehöre zur deutschen Nation.“ Vielen jüdischen Künstlern sollte diese falsche Einschätzung der Lage das Leben kosten. Stefan (Zweig) denkt am Ende ans Weggehen, an Flucht. Der Tod Mariannes hat ihn schwer erschüttert.

Die Liebe ist das Hauptthema. Mariannes Liebe ist unbedingt und für Stefan, den eitlen und erfolgsverwöhnten Fraueneroberer zunächst nur ein angenehmes Erlebnis. Ihm bedeutet die Liebe zu dieser Unbekannten nicht mehr als die Garantie für eine erotische Nacht. Diskret geleitet er seine Eroberung ins Schlafzimmer und schließt leise die Tür. Am Morgen erwartet er ungeduldig ihren Abgang, steckt ihr zu seiner eigenen Gewissensberuhigung heimlich Geld in die Handtasche. Erst viele Jahre später wird er die Wahrheit erfahren: Marianne hat eben den Sohn, den sie in der einen Nacht gezeugt haben, ohne sein Wissen und Hilfe erzogen. Als er starb, geht auch sie in den Tod, nicht ohne vorher Stefan die ganze Wahrheit über ihre Liebe zu ihm zu gestehen. Ganz ohne Bitternis und Vorwürfe sagt sie ihm: Du hast mich nie erkannt.

Martina Ebm gelingt es, all die verschiedenen Rollen, die des verträumten Schulmädchens, die der jungen Frau, die sich auf eine Nacht mit dem Geliebten einladen lässt, und die der erfahrenen Frau, die durch großes Leid gegangen ist, grandios zu verwirklichen. Nie kommt auch nur ein Hauch von Kitsch in ihre Erzählung, wenn sie sich an das schüchterne Mädchen erinnert, das mit Herzklopfen auf den Stiegen Stunden gewartet hat, nur um einen Blick von ihm zu erhaschen. Er aber hat sie übersehen, nie erkannt. Den schwierigeren Part hat Michael Dangl. Denn einen eitlen Mann zu spielen, das wäre ja noch leicht. Doch den Übergang von Eitelkeit zu Erkenntnis und Schuld – das verlangt ein feines Spielsensorium. Was Michael Dangl ohne großes Wortbrimborium in schlichter Weise meistert.

Bleibt zu hoffen, dass das Stück im Herbst wieder aufgenommen wird.

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H.C.Artmann nach H.v.Kleist: Der zerbrochene Krug.

Im neuen Kellertheater SCALARAMA, dirket unter den Räumen des Theaters“ Scala“

Der langgezogene Kellerraum unter der Scala wurde ausgeräumt und als Theaterstätte adaptiert. In der Mitte der Längsseite sind der Schreibtisch des Richters, oberhalb sein Bett aufgebaut. Links und rechts davon die Bänke für die Zeugen. Auf der gegenüberliegenden Längsseite hat man die Zuschauersessel in 2 Reihen aufgebaut. Warum ich das so genau beschreibe? Weil es für die Zuseher, die ganz am rechten oder linken Rand sitzen, zeitweise problematisch wird, den Text zu verstehen. Denn notgedrungen sprechen Richter, Schreiber und Rat einmal nach rechts zu den Zeugen, dann nach links zur Gegenseite. Mein Rat: Wenn möglich Karten in der Mitte ergattern!

Zum Stück: H.C. Artmann hat das Stück irgendwo auf dem Land im breiten Dialekt, den man leicht im Wienerisch-Niederösterreichischen ortet, angesiedelt. An der Wand hängen das Bild des Kaisers Franz Josef und ein schlichtes Kreuz, das bei jedem Wutausbruch des Richters (Peter Faerber) zu Boden fällt und vom Bauer Vitus Dimpfl (Ronald Seboth) unermüdlich aufgehängt wird. Nicht ohne sich zu bekreuzigen. Dass der Richter der schuldige Schurke ist, weiß man gleich zu Beginn, wenn er herumschwafelt, wie er zu den Wunden am Kopf gekommen ist. Nun liegt es an den Schauspielern, die Spannung und die Aufmerksamkeit des Publikums aufrecht zu erhalten. Was nicht immer gelingt, denn manche Szenen wiederholen sich zu oft oder sind nicht wirklich nötig – etwa das lange Hin- und Her um den Wein und den Käse.

Die Regisseurin Bettina Arens hat besonders deutlich gemacht, wie sehr dieser Richter Adam ein unappetitlicher Harry Weinstein ist. Wann immer es geht, greift er der Magd (Anna Sagaischek) auf den Hintern. Zu Eva (Lisa Carolin Nemec) ist er mit einer schäbigen List in die Kammer geklettert, mit dem Zweck, sie erpresserisch zu vergewaltigen. So weit kommt es nicht, weil ihr Verlobter Ruprecht (Johannes Sautner) den Lüstling vertreibt. Bei der Flucht des Missetäters geht ein Krug in Scherben. Dass der Schuldige ihn ersetzen soll, fordert die Mutter Evas, Frau Rull (Petra Strasser), lautstark. Und wie es Kleist und Artmann so wollen, wird Adam von Eva entlarvt – eine nette Umkehr der biblischen Erzählung. Gespielt wird vom Ensemble mit sehr viel Verve. Aber irgendwie bleibt den Zusehern das Lachen im Hals stecken – hat das vielleicht mit der allzu deutlichen Aktualität zu tun?

Zuletzt noch ein Tipp: Bringen Sie eine Decke mit, es ist recht kühl im Keller!

Infos und Karten:

http://www.theaterzumfuerchten.at

Festspielhaus St. Pölten: R. Strauss: Eine Alpensinfonie

Besser hätte der Termin gar nicht fallen können: Ein üppig besetztes Orchester (über hundert Musiker) entführte an einem Sommerabend die Zuhörer in die Berge und ließ sie von kommenden Wanderungen in den Alpen träumen. Urlaub, Freiheit und Corona adé -all das schwebte wohl an diesem Abend zwischen den Noten mit. Wie anzunehmen ist, beherrschte in erster LInie das Thema „Natur und Bergwelt“ die Zuhörer. Die von Strauss angedachte und hineinkomponierte Verherrlichung eines „Helden“, der im Einklag mit der Natur lebt, das Christentum siegreich überwunden hat, wird wohl eher in den Hintergrund getreten sein. (Uraufführung 1915)

Es spielte das Niederösterreichische Tonkünstlerorchester unter der Leitung von Yutaka Sado

Foto: © Johannes Brunnbauer

Denn unter dem einfühlsamen Dirigat von Yukata Sado konnte und wollte man sich den deutlich hörbaren Signalen wie Kuhglocken, Vogelgezwitscher und Rauschen des Wassers nicht entziehen. Wuchtig begann es mit einem strahlenden Sonnenaufgang, der Gang zum Gipfel war von leichten Gewitterstörungen begleitet. Oben angelangt entstanden die Bilder einer „Zauverlandschaft“, Abstieg und Heimkehr führten in den Frieden eines Dorfes zurück. Das Tonkünstlerorchester verabschiedete sich mit dieser großartigen Leistung in die Sommerpause, das Publikum dankte mit langem Applaus.

www.festspielhaus.at

Salzburger Landestheater: Anna Karenina

Ballett von Reginaldo Oliveira nach dem Roman von Lew Tolstoi

Was gleich auffällt: Oliveira setzt auf Klarheit und Verständlichkeit. Unterstützt von Sebastian Hannak, der bezaubernde Bühnenbilder schuf, und von Judith Adam, die in die Zeit passende, aber dennoch zeitlose Kostüme entwarf, gelang Oliveira mit einem sehr guten Ensemble ein beeindruckendes Handlungsporträt.

Auch wer nur den Inhalt im Programm nachgelesen hat, kann der Handlung mühelos folgen. Harriet Mills ist eine elegante Anna Karenina, stolz zu Beginn, durchaus die moralische Schlichtungsdistanz, als die sie ins Haus ihres Bruders gerufen wird. Die Schlichtung gelingt ihr, aber nicht vorgesehen war der coup de foudre, der Blitz, der sie und Wronski (Klevis Neza) traf. Es ist ein Naturereignis, dem die beiden nicht entkommen. Hier hätte man sich eine intensivere Choreografie gewünscht, explosiver. Aber es ist ja wahr: Zu diesen Zeiten in Russland war es für den Gott Amor schwer, die Menschen in den Liebeswahn zu verführen. Immer ist der Kopf dabei. Auch bei den beiden. Wronski ist ein eleganter, hübscher Offizier, sie die Grande Dame der Gesellschaft. Also ist auch bei der heißesten Leidenschaft eine gewisse Contenance angesagt. Der jungen Kitty, die von Wronski schmählich blamiert und sitzen gelassen wird, wird schon mehr Intensität in der kindlichen Verliebtheit, dann in der tiefen Enttäuschung zugeschrieben. Ganz bezaubernd also: Larissa Mota.

Flavio Salamanca macht als strenger und leicht moralinsaurer Ehemann Annas eine recht glaubhafte Figur. Solche Charaktere sind nicht leicht zu tanzen, denn Stolz und Unbeugsamkeit bringen nicht die quirligsten Figuren hervor. Doch ihm nimmt man den Ehemann gern ab. Etwas übertrieben ist die Choreografie, die Oliveira Serjoscha, dem Sohn Annas, zugeschrieben hat. Warum muss der arme Kerl auf allen Vieren über den Boden laufen?

Das Finale ist ganz hervorragend gelungen: Anna – allein gelassen von Gesellschaft und Wronski, fühlt sich in den vier Wänden eingesperrt und tanzt einen irrsinnigen Eifersuchts-Wahntanz. Das war große Leistung. Ihr Selbstmord einfallsreich und dezent inszeniert.

Alles in allem ein gut gelungenes Handlungsballett.

Weitere Aufführungen ab September. Karten und Infos:

http://www.salzburger-landestheater.at

Theater Scala: Arthur Miller: Tod eines Handlungsreisenden

Deutsch von Völker Schlöndorff und Florian Hopf

Regie: Peter M. Preissler, Bühne: Markus Ganser, Kostüme: Sigrid Dreger

Als das Stück 1949 uraufgeführt wurde, war es sofort ein Riesenerfolg, und Arthur Miller wurde schlagartig berühmt. Der amerikanische Traum hatte schon lange zu bröckeln begonnen. Kapitalismusgläubigkeit war einmal. Es ist kein Wunder, dass es bis heute immer noch oft und erfolgreich gespielt wird. Allerdings weniger oft bei uns. Zuletzt brillierte 2008 Heinz Marecek als Willy Loman im Volkstheater.

Nun wählte man sehr passend zur Coronaepidemie und der Wirtschaftskrise im Theater Scala gerade dieses Stück, obwohl der Intendant Bruno Max im Vorwort des Programmes betont, das es kein „explizites Corona-Stück“ sein soll. Aber ein besseres konnte man gar nicht finden in einer Zeit, wo viele Geschäftstore für immer verschlossen bleiben und die Zahl der Arbeitslosen enorm ist. Den Traum vom großen Geld haben sich die Großkonzerene verwirklicht als Gewinner der Epidemie. Alle anderen werden sich den Traum vom kleinen Ersparten abschminken und schauen, wie sie über die Runden kommen.

Zunächst einmal: Ein großes Lob an die Regie! Peter Preissler hat sich ganz uneitel, ohne Regiemätzchen dem Text anheimgestellt. Denn Arthur Miller war ein handwerklich ausgezeichneter Dramatiker, da muss ein Regisseur nicht mit Eigenwilligkeiten und Absonderlichkeiten dreinfunken. Es tut richtig gut, wieder einmal ein Theater zu sehen, das den Zuschauer nicht vor Rätselaufgaben stellt. Er, der Zuschauer, darf sich ganz auf den Text und die großartigen Schauspieler konzentrieren. Dezent, aber eingängig wurde Preisslers Konzept vom Bühnenbildner Marcus Ganser und den Kostümen von Sigird Dreger unterstützt. Eine Werbewand zeigt den Topos einer glücklichen, amerikanischen Familie in einem Auto der 50er Jahre: Alle strahlen vor Happyness. Das Inventar der Wohnung spricht allerdings eine ganz andere Sprache: einsames Prunkstück ist ein Eiskasten, der noch nicht ausbezahlt ist. Die Betten im Oberstock sind karg, ansonsten wirkt alles eng und kleinstbürgerlich.

Die großartige Leistung des gesamten Ensembles lässt den Zuschauer konzentriert und fast atemlos der Handlung folgen, auch wenn man sie schon kennt. Man hätte für die Rolle des Willy Loman keínen besseren als Thomas Kamper finden können. Er ist ein eitler Träumer, voller Lebenslügen und falschen Hoffnungen. Auch wenn er seine Frau Linda – sehr gut Susanne Winter – anschreit, sie mit einer Hure betrügt, so spürt man die Liebe, die er für sie hat. Auch die Verantwortung, unter der er zusammenzubrechen droht. Und die ihn letztendlich in den Selbstmord treibt. Wichtig ist ihm, seine Lebenslüge vom bestmöglichen Leben, von der großen Karriere, vom Wichtigsein, vor allem von dem Erfolg seines in seinen Augen genial-begabten Sohnes Biff aufrecht zu erhalten. Philipp Stix ist dieser Sohn mit allen Fasern: einst vom Vater zum Hochglanzsohn aufpoliert, dann fürchterlich gescheitert, von zu Hause ausgerissen, kehrt er wieder, weil er alles verloren hat. Und wie es für den gütigen Vater so gehört, er nimmt ihn auf, weil er immer noch an dessen Erfolgskarriere glauben will. Dass er damit den Sohn überfordert und letztlich ruiniert und zu einem Dieb und Herumtreiber gemacht hat, macht ihm Biff in einer erschütternden Szene klar. Hilflos und vom Vater unbeachtet muss der zweite Sohn Happy (sehr gut Thomas Machart) dieser Familientragödie zusehen. Aber Willy Loman ist nicht nur Täter, indem er die Familie mit seinen Pseudokarrieregeschichten täuscht, er ist auch Opfer. Opfer eines kapitalistischen Systems. In einer der bedrückendsten Szenen verlangt er beim Firmenchef – bezwingend widerlich gespielt von Regis Mainka – eine Gehaltserhöhung. Er nimmt sich zumindest vor, sie zu verlangen. Doch bald schon fällt er auf die Knie und fleht um wenigstens ein Almosengehalt. Als der Boss ihm stattdessen die Kündigung kalt serviert, schreit er ihn an: „Du kannstt die Zitrone nicht auspressn und dann die Schale wegwerfen – ein Mensch ist doch kein Abfall!“

Berechtigter begeisterter Applaus für alle Schauspieler und das ganze Regieteam! Eine bemerkenswerte Aufführung, ganz ohne Regietheaterquälerein, deshalb doppelt wirksam!

Karten und Infos: http://www.theaterzumfuerchten.at/TheaterScala

Trotz Corona und langem Lockdown wurde im Untergeschoss der Scala ein neues Theater eröffnet. „Während andere zusperren, eröffnen wir neu“ heißt es im Flyer. Im „Scalarama“, wie das neue Baby heißt, ist bis 18. Juni „Der zerbrochene Krug“ von H.C. Artmann nach Heinrich von Kleist zu sehen. Kartenreservierung: 01/544 20 70

Theater in der Josefstadt: Andrea Jonasson rezitiert Bert Brecht.

Zu leiser Klaviermusik (Christian Frank) hörte man die Stimme der Schauspielerin geheimnisvoll aus dem Off. Sie zitierte die ersten Zeilen des Gedichtes „Vom armen B.Brecht“. Langsam tritt sie auf. Wie gewohnt, wenn sie einen Rezitationsabend veranstaltet, im Hemd und Anzug ihres geliebten Ehemannes Giorgio Strehler. Dessen 100. Geburtstag feiert sie mit diesem Auftritt ebenso wie den Dichter Bert Brecht. Beide Genies weiß sie ins rechte Licht zu rücken. Strehler als den großen, phantasievollen Regisseur und Brecht als den Dichter, der über die Liebe und deren Flüchtigkeit schreibt und über den „Anstreicher“, wie er Hitler nennt, seine Verachtung schüttet. Allen drei handelnden Personen – Jonasson, Brecht und Strehler – wohnte und wohnt ein starkes soziales Engagement inne. Seitenhiebe auf die österreichische Regierung, die keine Kinder aus dem Lager in Lesbos aufnimmt, werden in dem „Wiegenlied einer proletarischen Mutter“ vernehmbar. Einige der bekannten Lieder aus der „Dreigroschenoper“ trägt sie sehr verhalten, gerade deshalb umso wirksamer vor, so als würde sie ihrer wunderbaren Stimme nicht trauen. Mit besonderer Empathie singt und spielt sie den Barbarasong aus der „Dreigroschenoper“ : „Einst glaubte ich, als ich noch unschuldig war…“. Dazu öffnet sie die zu einem Knoten gebundenen Haare, legt sich rücklings quer über das Klavier und lässt ihre Haare über den Rand des Instrumentes fließen. Dazu der Text: „Ja, da muss man sich doch einfach hinlegen, ja da kann man doch nicht kalt und herzlos sein…“ Eine großartige Performance, die umso mehr berührte, als man spürte, dass dieser fast schon akrobatische Akt einige körperliche Anstrengung kostete. Aber Jonasson ist in allen (Lebens)lagen Diva durch und durch. Die Macht ihrer Stimme übertönt jegliche Schwierigkeit.

Interessant plaudert sie über die kurze, aber innige Freundschaft zwischen Strehler und Bert Brecht, zeigt ein Video mit Strehler bei den Proben zur „Dreigroschenoper“ und schwelgt in Erinnerungen an den großartigen Mann, nein, an die großartigen Männer: „Ich liebe sie beide“, gesteht sie.

Noch einmal apropos Liebe: Eines der schönsten Gedichte über die Liebe, die schwindet, nur die Wolke bleibt in ERinnerung, beginnt so: An jenem Tag im blauen Mond September…“. Zuerst trägt Jonasson es auf Deutsch vor, danach singt sie die italienische Übersetzung „Quel giorno era luna di Settembre“…fast klang die italienische Fassung noch schöner, inniger als die deutsche.

„Ist das nicht herrlich! Nach 15 Monaten Klausur , Schweigen und Einsamkeit bin ich da!“ sagte sie zu Beginn. Ja, es war herrlich. Danke, Andrea Jonasson und danke Christian Frank für die ruhige, unaufdringliche, aber immer passende Klavierbegleitung!

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Foto: Luise: Emilia Rupperti, Ferdinand: Tobias Artner, Walter: Tilman Rose, Wurm: Tim Breyvogel, Vater Miller: Andreas Patton.

Es beginnt eindrucksvoll mit exerzierenden Soldaten. Damit wird das Hauptthema angeschnitten: Schiller schrieb dieses Drama in seiner Sturm und Drangzeit. Er klagte die Despotenmacht der Fürsten an, die Soldaten zwangsrekrutieren, sie nach Amerika verschicken und für jeden hohe Summen kassieren. Mit diesem Blutgeld füllen sie ihre Staatskassen und können sich jeden Luxus leisten, wie etwa teuren Schmuck für die jeweilige Mätresse.

Dieser an sich gute Regieeinfall (Regie: Alexander Charim) geht aber ins Leere, wenn man nicht die historischen Fakten kennt. Erst viel später erklärt sich diese Szene im Gespräch zwischen Lady MIlford und dem Kammerdiener des Fürsten, wenn die Lady erfahren muss, womit all der Schmuck und Luxus bezahlt wird.

Interessant, aber nicht immer nachvollziehbar sind auch die Szenen, in denen die Schauspieler auf eine Wand klettern und mit eigenartigen Instrumenten unangenehme Geräusche erzeugen. Der Sinn dieser immer wiederkehrenden Aktionen hat sich mir nicht erschlossen. Sollen es die Misstöne in der Gesellschaft sein?

Schiller war Revoluzzer und Moralist. In all seinen Dramen ging es um den Konflikt zwischen Pflicht und Neigung und um die Fragestellung: Wer darf Macht über andere Menschen ausüben? In „Kabale und Liebe“ ist so gut wie die ganze Schillersche Tragödientheorie ablesebar: Luise entscheidet sich, ihre Liebe zu opfern, um das Leben des Vaters zu retten. Sie handelt nach dem, was ihr die Pflicht gebietet. Sie weiß sehr früh, dass ihre Liebe zum Sohn des Präsidenten keine Zukunft hat. Denn das Gesellschaftgefüge ist starr und es zu durchbrechen unmöglich. Ferdinand, der Träumer und Idealist, glaubt daran, dass Gesellschaftsschranken niedergebrochen werden können. Vater Miller ist der gehorsame Untertan, der die gesellschaftlichen Schranken ohne zu hinterfragen akzeptiert. Der allmächtige Fürst bleibt unsichtbar, spielt aber in jeder Szene die führende Rolle. Denn ohne seinen Willen kann gar nichts passieren. So hat jede Figur ihre theoretische Rollenaufgabe.

Aktueller denn je ist dieses Drama, weil Schmutzkübel und Intrigen der Politik offen dargelegt werden. Der Sekretär Wurm übernimmt gerne die kriecherische Rolle des Intriganten, wenn er nur damit seine eigenen Ziele – die Heirat mit Luise – durchsetzen kann. Ebenso der Präsident, Vater Ferdinands. Nicht ganz einsichtig war, warum der Regisseur den Schluss radikal verändert hat. In der Originalfassung vergiftet Ferdinand Luise und sich selbst. Charim hingegen meidet diesen eindeutigen, dramatisch sehr wirksamen Schluss und entlässt die Figuren in eine ungewisse Leere.

Dieser schwierigen Aufgabe, dem politischen Statement, den moralischen Aussagen und den hohen Idealen, die Schiller in all seinen Dramen postuliert, gerecht zu werden, gelingt in der Aufführung nur teilweise. Manchmal fehlt es an Wortdeutlichkeit, dann wieder am richtigen Umgang mit der nicht immer einfachen Sprache Schillers. Denn die ist kräftig, treffend, aber weit entfernt von unserem heutigen. von der digitalen Welt geprägten legeren bis sinnentleertenUmgangston.

Freundlicher Applaus

http://www.landestheater.net

Kleist: Der zerbrochene Krug. Sommerspiele Perchtoldsdorf

Den Sommerspielen Perchtoldsdorf ist es gelungen, mit Kai Maertens für die Rolle des Dorfrichters Adam und Birgit Stöger als Frau Marthe zwei großartige, in Perchtoldsdorf noch nicht gesehene Darsteller zu gewinnen, an deren Seite langjährig verbundene Schauspieler*innen wie Marie-Christine Friedrich, Dominik Warta und Emanuel Fellmer zu sehen sind. Neu auch im Ensemble das Liebespaar: Hannah Rang als Eve und Phillipp Laabmayr als Ruprecht, die beide frisch von der Schauspielschule in diese jugendlichen Glanzrollen schlüpfen werden.

Vom 30.06-31.07 2021

http://www. sommerspiele-perchtoldsdorf.at

Klara Jahn: Die Farbe des Nordwinds. Heyne Verlag

Mehr eine Natur-Geschichte über die Halligen als ein Roman

Die Halligen-Inseln in der Nordsee werden immer von heftigen Meereswellen überspült. Das Leben der Menschen und Tiere steht immer unter der Macht des Wassers.

Klara Jahn hat die Geschichte, ihr Werden und Verschwinden, die Probleme der dort ansässigen Bauern und der Tiere – sowohl der Wildtiere als auch der Haustiere – sehr genau studiert. Sie lässt diese Beobachten reichlich, manchmal allzu reichlich in den Roman einfließen. Oft hat man beim Lesen den Eindruck, eine popularwissenschaftliche Abhandlung zu lesen.

Das Geschehen spielt in zwei Zeitebenen mit unterschiedlichen Personen. Berührungspunkte zwischen diesen Ebenen gibt es nur insofern, als alle auf der Hallig leben. Die einen aber zwei Generationen früher. Zu einer Zeitt, in der die Kinder ohne Schule aufwuchsen und die Bauern und Fischer gegen de Sturmfluten kämfpten.

Generationen später, also heute, hat sich nicht viel geändert. Ellen lebte einige Zeit als Kind auf der Insel, kehrt Jahre später auf die Hallig zurück. Sie bringt den unwilligen Kindern bei, dass das Wissen um ihre Heimat wichtig ist. Es gelingt ihr auch, ihre mürrische Halbschwester Liske zu einer menschenfreundlicheren Umgang mit ihren Angehörigen zu bewegen. Und vor allem, dass Liske zu ihrem Traum steht: Reisen. Ellen selbst findet im dem stillen Jakob einen Partner für das Leben. Sie will bleiben und weiter gegen die Zerstörung der Umwelt und den Erhalt der Hallig kämpfen.

Eine allzu tüchtige Ellen, die uns da die Autorin nahe zu bringen versucht. Doch bleibt sie und die anderen Figuren des Romans irgendwie flach, wenig griffig. Denn die Natur ist die eigentliche Protagonistin.

Ursula Overhage: Die Schauspielerin Maria Orska

Untertitel: Sie spielte wie im Rausch

Verlag Henschel

Maria Orska war eine ungewöhnliche Frau und als Schauspielerin soll sie das Publikum zu Begeisterungsstürmen hingerissen haben. Daher verwundert es ein wenig, dass sie fast vergessen ist. In Wien, wo sie in den Kammerspielen oft aufgetreten ist und in der Maria Theresienstraße eine feudale Wohnung besaß, ist sie heutigen Theaterbegeisterten kein Begriff, und das in einer Stadt, die ihre Lieblinge, auch wenn sie schon längst verstorben sind, noch immer verehrt.

Rahel Blindermann, wie sie mit dem bürgerlichen Namen hieß, wurde an der Schwarzmeerküste geboren. Ihre Familie war begütert und ihre Kindheit unbeschwert. Ein Onkel entdeckte das Talent des sechzehnjährigen Mädchens und brachte sie mit Einverständnis der Eltern nach Wien, wo sie Schauspielunterricht nahm. 1910 startet sie ihre Karriere am Mannheimer Nationaltheater und nennt sich ab nun Maria Orska. Ihre frische und freche Art begeisterte das Publikum. Sehr bald boten ihr die Theater in Berlin, Hamburg, München Engagements an. Mit ihrer Paraderolle als Lulu wird sie international bekannt. Privat genießt sie das Leben in vollen Zügen, Party, Champagner und später auch Kokain und Morphium ruinieren ihre Gesundheit. Entziehungskuren helfen nur kurzfristig. Sie stirbt 1930 in Wien und wird in ihrer Wohnung in der Maria Theresienstraße aufgebahrt.

Die Fotos zeigen eine Frau mit großen Augen, einem siegessicheren Lächeln und mit dem deutlichen Ausdruck des Extravaganten. Extravagant soll auch ihr Spiel gewesen sein. Obwohl sie auch durchaus ernste und tragische Figuren bewegend spielen konnte, hatte sie sich immer mehr auf Lulu – ähnliche R ollen fixiert, was gegen Ende ihres kurzen Lebens beim Publikum nicht immer gut ankam. Ihr Tod, so schreibt die Autorin, ist dem übermäßigen Drogenkonsum geschuldet. Sie brauchte Kokain und Morphium, um sich in die von ihr selbst und vom Publikum geforderte Ekstase hineinzuspielen.

Ursula Overhage hat fleißig recherchiert. Jede Aufführungsserie wird eingehend besprochen. Das ist sehr löblich, aber auch manchmal ermüdend. Aufschlussreich und interessant sind die Schilderungen der Gesellschaft während des Ersten Weltkrieges und in der Zwischenkriegszeit in Wien, Berlin oder Hamburg. Obwohl der Großteil der Bevölkerung unter großer Armut leidet, werden Theater und Kino gestürmt. Die Reichen genießen ihr Leben, obwohl Millionen Soldaten im Krieg sterben. Tod und Genuss schließen einander nicht aus. Die Todesnähe scheint den Genuss noch erhöht zu haben.

https://www.seemann-henschel.de

Franz Lehár: Das Land des Lächelns. Volksoper Wien

Dirigent: Guido Marcusi, Regie: Beverly Blankenship, Bühnenbild: Heinz Hauser. Kostüme: Elisabeth Binder Neururer unter Mitarbeit der Modedesignerin Susanne Bisovsky, Choreographie: Allen Yu. Choreinstellung: Thomas Böttcher

Eine Wiederaufnahme der wunderbaren Inszenierung von Beverly Blankenship aus dem Jahre 2008.

13 Jahre ist die Inszenierung alt und kein bisschen alt. Blankenships Handschrift ist ja nie modisch, sondern immer strikt der Musik und dem Text folgend, jedoch nie sklavisch. Man erinnert sich mit Wehmut an ihre Inszenierungen in Reichenau, zuletzt die dichte und beklemmende Aufführung von Tennessee Williams „Endstation Sehnsucht“ (2018).

Charakterinszenierungen sind ihre Stärke: Sie gibt jeder Figur ein eigenes Flair.Mit punktgenauer Führung, bis hin zu kleinen Gesten entsteht vor den Augen und Ohren des Publikums der Prinz Sou Chong aus dem fernen China – fantastisch gespielt und gesungen von dem jungen Tenor aus Südkorea Jason King. Er erfüllt mit seiner machtvollen Stimme die Wünsche Lehárs, der vor allem im 2. Teil der Operette sehr mit dem Genre Oper kokettiert. Die Arie „Immer nur lächeln“ hätte auch Richard Tauber nicht besser bringen können. Seine Wortdeutlichkeit überrascht ebenso wie seine Darstellungskraft. Man spürt, dass Jason King schon Opernerfahrung hat. Hingegen war Sophia Brommer als Lisa etwas enttäuschend. Wäre da nicht die englische Übertitelung, hätte man kaum verstanden, was sie sang. Außerdem ist ihre Stimme in der Höhe etwas hart. Darstellerisch jedoch passte sie in die Rolle. Das ganze Ensemble glänzte mit besten Leistungen. Man spürte die Lust am Spiel, die alle erfüllte. Michael Havlicek war ein herrlich patscherter, liebenswerter Graf Gustav, Theresa Dux sang und spielte bezaubernd die Schwester Sou Chongs.

In Heinz Hauser fand Blankenship einen congenialen Bühnenbildner, der in Farbenfreude und witzigen Winfällen schwelgte. Ebenso bezauberten die Kostüme von Binder-Neururer, denen die Modedesignerin Bisovsky den Wiener Chic dazu lieferte.

Alles in allem eine gelungene Aufführung. Leider führte Guido Marcusi das Orchester der Wiener Staatsoper manchmal mit allzuviel Kraft, dass selbst der stimmkräftige Jason King es nur mit Mühe übertönen konnte.

Lang anhaltender Applaus und Bravorufe!

http://www.volksoper.at

Festspielhaus St. Pölten eröffnet mit „Solus Amor“ von „Recirquel Company“

Was für eine Eröffnung nach der langen Durststrecke ohne Kultur! Besser, spannender und wunderbarer hätte man den Neubeginn gar nicht feiern können!

Die Gruppe „Recirquel Company“ aus Budapest wurde 2012 von dem Choreographen Bence Vegi gegründet und erwarb sich schnell danke ihres einzigartigen Stils einen internationalen Ruf. Vegi kombiniert Akrobatik und Tanz in einer Weise, wie man sie noch nie gesehen hat.

Wir alle saßen an diesem Abend staunend vor dem Theaterwunder, das sich da vor uns auftat. Zu einer langsamen und feierlichen Musik öffnet sich die Rückwand der Bühne und gibt den Blick auf ein geheimnisvolles Wogen aus Gräsern, die seltsam leuchten, frei. Daraus schreiten die Tänzer zu einem getanzten Gebet.

Solus Amor erzählt von der Liebe zwischen Mensch und Natur. Als Rahmenhandlung tritt eine Bärin (aus Tüchern und einem biegsamen Gestell, darunter die Tänzer) auf, der sich die Menschen vertrauensvoll nähern. Nein, das ist kein Kitsch! Da diese doch mächtige Bärin sich in einer sehr fragilen Form dem Menschen darbietet, ihm sogar auch ihr Junges offeriert, sieht das Publikum dieses Tier als Symbolfigur für die Natur und nicht als „echtes Tier“. Berührend ist es zu sehen, wie dieses Kunstwesen mit einfachen Bewegungen seine Zärtlichkeit dem Menschen gegenüber zum Ausdruck bringt. Es schient, als ob die Bärin als Bewunderin der Akrobatik und Tanzshow beiwohnen möchte. Sie verschwindet und kehrt immer wieder zurück.


Foto: © Solus Amor. Balint Hirling

Mit sekundengenauer Präzision schweben die Tanzakrobaten durch den Raum, es scheint, als wäre die Schwerkraft aufgehoben. Seile, quer gespannt oder hängend, biegsame Stäbe oder einfach ein Menschenturm ermöglichen es den Künstlern, ihre Körper in Schwebe zu halten und die Illusion zu erwecken, dass der Luftraum zum Tanzparkett wird.

Begeisterter Applaus und standing ovation! Man konnte bei den Tänzern und im Publikum spüren, wie die Freude über diesen Festabend alle erfasste.

http://www.festspielhaus.at

Zu sehen bis 19. September 2021

Bis 31. Mai 50% auf den Eintritt !!

Die Albertina präsentiert aus dem Sammlungsbestand hundert Meisterwerke zeitgenössischer Kunst, von Alfred Katz über Gelatin bis zu Warhool. Der Titel ist dem WErk von Fiona Rae „Wonderland“ entliehen und kann als Leitmotiv so verstanden werden: In der Kunst, im Bereich der Phantasie ist alles möglich. Skurriles, Heiteres, Anklagendes, Warnendes, Verwirrendes und auch Sozialkritik. Letztere aber ist Gott sei Dank nur in Spurenelementen vorhanden. Denn dem moralischen Zeigefinger mag man im Wonderland sicher nicht begegnen. Ein Wonderland lebt von der frei schwingenden Phantasie und den Überraschungseffekten, denen man sich in dieser Ausstellung gerne ausliefert.

Eine kleine Auswahl zum Lustmachen

Alle Fotos: Silvia Matras

http://www.albertina.at

Goldoni: Die Verliebten. Ab 16. Juli im Wiener Lustspielhaus

Das Wiener Lustspielhaus ist zurück und wird dieses Jahr das für 2020 bereits geplante Stück „Die Verliebten“ von Carlo Goldoni Am Hof zur Aufführung bringen. Adi Hirschal ist in der Rolle des Eugenius Speismeier zu sehen. Als Erbe eines heruntergekommenen Ringstraßen Palais‘ und überforderter Onkel zweier Nichten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, versucht er, von ständigem Geldmangel bedroht, seine beiden Nichten Flori und Violetta mit Kunstsinn und Kochkunst an den Mann zu bringen. Mit von der Partie noch der Rechtsanwalt Willibald Winkel, Graf Rupert von Tanelle und das Gefühlsbündel Valentin Schmor. Für die dringend notwendige Bodenhaftung sorgen die treuen Diener Sigi Durstl und Toni Huber. Begleitet von drei wunderbaren Musikern findet schließlich jeder Topf seinen Deckel…

Besetzung
Eugenius Speismeier, Privatier – Adi Hirschal
Rupert von Tanelle, ein Adliger – Nikolaus Firmkranz
Violetta Speismeier,  Eugens Nichte – Doris Hindinger
Flora Speismeier, Violettas Schwester – Julia Jelinek
Valentin Schmor, ein Bürger – Christian Kainradl
Willibald Winkel, ein Anwalt – Nikolaus Firmkranz
Henriette Schmor, Valentins Schwägerin – Judith Thaler
Sigi Durstl, Eugens Diener – Christian Kainradl
Toni Huber, Valentins Diener – Adi Hirschal

Team
Autorin, Regie & Kostüme – Maddalena Hirschal
Bühne – Stefan Koch
Musikalische Leitung – Thomas Mahn
Maske – Zoe Marvie
Ton – Otto Bräuer
Licht – Sigrid Feldbacher
Regieassistentin – Judith Thaler
Produktionsleitung – Anita Horak
Geschäftsführung – Siegmund Ganswohl
Intendanz – Prof. Adi Hirschal

Gastprogramme mit „Wiener Schmäh“
Auch dieses Jahr gibt es ein zweimaliges Wiedersehen mit Adi Hirschal und Wolfgang Böck und ihren Strizziliedern. Des Weiteren Polly Adlers Nymphen in Not mit Angelika Hager, Ulrike Beimpold, Petra Morzé. Dem Thema Verführung ab 50 widmen sich Heilbutt & Rosen mit Theresia Haiger und Helmuth Vavra. Erika Pluhar und Adi Hirschal lesen und singen „Miteinander“ ausgewählte Texte und Lieder musikalisch unterstützt von Roland Guggenbichler. Das Finale des Sommers 2021 ist dann wie gewohnt das traditionelle Sommerschluss-konzert mit Adi Hirschal und den Brennenden Herzen – ein Gala-Abend in XXL-Format!

Alle Infos unter: http://www.wienerlustspielhaus.at

Martin Mosebach: Krass. Rowohlt.

Wieder ein Fall aus dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“: Das Feuilleton überschlägt sich mit Lobeshymnen. Keiner sagt: Der Roman ist eine Mühsal für den Leser.

Martin Mosebach liebt das Dekor bis zur Krassheit. Im üppigen Sprachbarock quält er die handelnden Personen durch das Geschehen, das recht dürftig ist. Seine Erzählkunst ergießt sich in wuchernde Details. Das muss man aushalten. Manche enthusiastischen Kritiker bezeichnen den Roman als „pageturner“. Ja, insofern richtig, wenn man unter „pageturner“ versteht, dass der Leser manche Seiten im Eilverfahren überblättert oder querliest..

Der Inhalt ist schnell erzählt:

Teil 1 nennt sich „Allegro imbarazzante“ – ich würde das sinngemäß so interpretieren: Der heitere Teil, der den Leser in ziemliche Verlegenheit versetzt. Denn er weiß nicht, wie er mit diesen schamlos-üppigen und selbstherrlichen Herrn Krass umgehen soll. Der hält ein paar Möchtegernvips als Art dümmliche Höflinge. In Neapel und Umgebung werden sie mit allem Luxus gefüttert, Essen, auch Kunst und Natur. Und müssen sich genau an seine Anweisungen halten. Diese erteilt er nicht selbst, sondern der unbedarfte und ziemlich überforderte Dr. Jüngel. Die Namen sind durchaus als Charakterbezeichnungen zu verstehen. Dann plötzlicher Abbruch, weil die reizende Lidewine Schoonemaker sich mit einem Kellner eingelassen hat, obwohl ihr Krass jeglichen Sex verboten hat. Lassen wir diesen Teil als Kritik an der verschwenderischen, kriecherischen und manipulierbaren Wohlstandsgesellschaft gelten.

Teil 2 „Andante pensieroso“ Es wäre nicht Mosebach, wenn nicht auch dieser Teil ziemlich skurril ausfällt. : Ende der lustvollen Reise. Jüngel verzieht sich in die französische Einsamkeit, um sein angeschlagenes Ich aufzupolieren. Dort lernt er die Freuden des naturnahen und asketischen Lebens kennen. Der Teil ist wohl als ironischer Gegenentwurf zum Lebensstil des Herrn Krass zu verstehen. Da wird Schnaps bis zum Umfallen getrunken, Milch direkt aus dem Euter der Kuh geschlürft und in faschistoider Vergangenheit geschwelgt. Alles schön langsam und „gedankenvoll“ , wie es das Leitmotiv verheißt.

Teil 3 Marcia funebre – Trauermarsch. Alle Wege führen nach Kairo, wo sich alle Hauptfiguren wieder treffen. Krass ist total verarmt, schlurft als Obdachloser durch die Gassen, wird vom Rechtsanwalt Mohammed aufgenommen. Lidewine ist Galeristin und verliebt sich in Mohammed. Jüngel ist was er immer war: ein hilfloser Zuschauer. Am Ende stirbt Krass in einer furiosen Trauerwortkaskade.

Kein Zweifel, Martin Mosebach kann schreiben. Aber nicht erzählen. Da zerbricht allzu viel im Pathos, gewolltem oder ungewolltem Kitsch. Schade, denn die Satire auf unsere Überflussgesellschaft hätte gelingen können, bringt sich aber selbst im Wort- und Metaphernüberfluss um.

http://www.rowohlt.de