Luca Di Fulvio: Es war einmal in Italien. Lübbe Verlag

Aus dem Italienischen von Elisa Harnischmacher

Will man um sich die Welt vergessen, dann greift man gerne zu den Büchern von Luca Di Fulvio, des beliebtesten Bestsellerautor Italiens.

Nun hier sein neuer, 700 Seiten starker Roman. Wir befinden uns in Rom um 1870. Es ist die Zeit, als aus den vielen Kleinstaaten ein geeintes Italien wird. Aber Rom gehört noch zum Kirchenstaat. Die Kämpfe um diese Stadt bilden den Kern dieses Romanes. Die unterschiedlichsten Interessen und Figuren kämpfen auf verschiedenen Seiten, um dann doch zu einer Einheit zu finden, die da heißt: Italia.

Da ist der Knabe Pietro aus dem Waisenhaus, den eine Contessa an Sohnes statt annimmt. Der unerwartete Wechsel in Luxusleben endet jäh, als der Conte stirbt und die Contessa – im Roman meist Nella genannt – all ihrer Güter beraubt wird. Beide ziehen nach Rom in ein Elendsviertel. Dann ist da das Mädchen Marta, auch sie ein Waisenmädchen. Sie wurde von Melo, der als Pferdeknecht in einem Zirkus arbeitet, aufgezogen. Rund um diese drei Hauptfiguren entwickelt Di Fulvio das Panorama Roms – prächtig, schmutzig, verkommen und doch anziehend. Die Rovolution brodelt, alle kämpfen – alle aus verschiedensten Motiven. Und das ist auch die Crux des Romanes: die ermüdenden Kampfszenen nehmen viel zu viel Raum ein, Brutalitäten nützen sich ab, der Leser beginnt quer zu lesen. Schade! Im Grunde könnte Di Fulvio den Roman um die Hälfte kürzen, dann wäre er toll. So ist er ein Pageturner, weil man ungeduldig über die seitenlangen Kampfberichte hinwegblättert.

Außerdem stößt der allzu ausgeprägte Hurrapatriosmus aller Figuren ein wenig sauer auf. Trotz ausgezeichneter Figurenzeichnungen enttäuscht der Roman. Leser, die Di Fulvios lebensnahe und ans Herz greifende Erzählgewalt kennenlernen wollen, denen sei der Roman „Der Junge, der Träume schenkte“ empfohlen. Da zeigt sich Di Fulvio als Autor eines Pageturners der Sonderklasse! (s. auch meine Kritik).

http://www.luebbe.com

Nicole Soames:Das Buch des Verhandelns. Midas Verlag

„In 33 Schritten zum Verhandlungsprofi“ verspricht der Untertitel, der allerdings zu große Erwartungen weckt. Das schmale Büchlein ist flott geschrieben, mit lustigen Zeichnungen und erklärenden Diagrammen aufgelockert.

In sieben großen Hauptkapiteln, die in kleine Schritte unterteilt sind, führt die Autorin durch die Hürden, Tücken einer Verhandlung. Die größte Hürde ist man selbst, besser seine „Gremlins“, wie sie es nennt. Gegen diese „inneren Monster“ gilt es anzukämpfen. Die da sein können: Pessimismus – „ich werde es eh nicht schaffen“ -, dem Gegner keinen Verhandlungsspielraum lassen wollen und mit „schwachen Worten“ (Konjunktiven!) argumentieren. Vor allem weist Nicole Soames immer wieder auf die eminent wichtige „emotionale Intelligenz“ hin, die sie im Laufe des Textes dann nach amerikanischem Rategebervorbild nur EI nennt. Wie überhaupt das Büchlein sehr an diese Ratgeber erinnert. Was genau die EI ist, wie man sie in sich aufbaut und in der Verhandlung einsetzt, bleibt unklar. Am Ende der Lektüre ist man zwar kein Verhandlungsprofi, aber nimmt doch einige feste Ratschläge mit, die da wären: sich gut auf die Verhandlung vorbereiten, auf die Körpersprache achten, dem Gegenüber einen Spielraum lassen. Das weiß man im Grunde eh alles, aber es ist ganz nützlich, das einmal gut aufgelistet und argumentiert vorgesetzt zu bekommen.

https://midas.ch

„Menschheitsdämmerung“ im Leopold Museum

Elf Künstler, die in der Zeit von 1919-1938 die Österreichische Moderne repräsentierten.

Titelbild: Herbert Boeckl: Sizilien (Ausschnitt)

„Menschheitsdämmerung “ ist ein vieldeutiger Titel. Er umschreibt eine Zeit, in der Menschen Kriegstraumata verarbeiten mussten und die nächste Katastrophe bereits heraufdämmert. Eine Zeit, mit der die Maler dieser Epoche ganz verschieden umgehen. Alfons Walde findet in der Darstellung der heimatlichen Höfe, tief geduckt in eine alles zudeckende Schneelandschaft, seinen festen Mittelpunkt. Auf die Menschen, die in seiner Landschaft leben, ist viel Hartes herabgeprasselt, aber sie finden im Glauben ihren Halt.

Alfons Walde: Kirchgang (Foto.S.Matras, Bildrechte: Leopold Museum Wien)

Während ich vor dem Bild stehe und über die Wucht des Pinselstriches und des schweren Rahmens staune, erfahre ich vom Saalaufseher, dass der Rahmen allein ein Gewicht von 450 kg haben soll. Wenn diese Angabe richtig ist, so passt das Gewicht des Rahmens zum Gewicht, das auf den Menschen unter den fordernden Lebensbedingungen lastet.

Passend zu dem Thema Schwere des Lebens hängen im selben Raum die Bilder von Albin Egger-Lienz. Er arbeitete während des Ersten Weltkrieges als Kriegsmaler direkt an der Front. In den Bildern „Finale“ (1918) malt er keine Menschen, sondern „Menschenmaterial“, wie es in der damaligen Kriegsführung hieß: Graue, zu unkenntlichen Leiberresten verformte Tote liegen in- und übereinander verkrallt. Menschen als Abfall.

Egger-Lienz: Finale 1918 (Foto S.Matras, Bildrechte: Leopold Musuem/thunberger)

Anton Kolig malt die Verletzlichkeit des Mannes, allerdings nicht auf dem Schlachtfeld, sondern geborgen im Privaten. Dennoch aber ausgesetzt, nackt. Zwar umgibt den jungen Mann ein Wohnraum, doch Geborgenheit sieht anders aus. Rosarot glänzt das ungesunde Fleisch, als wäre es von Messern zerschnitten.

Anton Kolig (Detailfoto:S.Matras. Bildrechte: Leopold Museum Wien/Thunberger)

…und plötzlich ist alles privat..

Temperatur, Themenstellung, Ausstrahlung – alles ändert sich, als ich den Raum mit Werken von Herbert Boeckl betrete. Und plötzlich führen mich diese Bilder zurück in das Atelier meines Vaters. Eduard Matras war Schüler von Herbert Boeckl, hat wie er Cézanne (und van Gogh) überaus verehrt. Boeckl war ein Künstler, der internationale Strömungen genial in seinen Kompositionen verarbeitete. Und er gab diese Einflüsse an seine Schüler weiter. Nur schwer konnte sich mein Vater – und andere Maler dieser Epoche – vom Einfluss Boeckls befreien. Ich erkenne den üppigen Farbauftrag, das Auftürmen der Farbmassse, das Abgrenzen mit schwarzen Umrissen, ähnlich wie in den Bildern meines Vaters. Auch die Themenstellungen sind ähnlich: Die Welt ist nicht mehr nur von Krieg und Elend erfüllt, es gibt Ruhe, Gelassenheit – Stillleben und Porträt werden wieder aktuell. Die Stadt, die Zivilisation und die Industrie faszinieren. Viele Bilder meines Vaters behandeln in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg genau diesen Aufbruch. Leider sind sie für mich nicht mehr auffindbar, in Depots diverser Museen oder in den Räumen der Sammler verschollen. Er führte auch kein Verzeichnis, wohin er seine Bilder verkaufte. Mir war immer schon klar, dass er nicht zu den Erneuerern gehören wollte. Abstraktion war nicht sein Thema.

Auch in den Bildern von Josef Dobrowsky oder Sergius Pauser finden sich diese Themen: Ruhige Landschafts- oder Straßenbilder, Porträts. Es scheint ein Rückzug in eine Art von Idylle stattgefunden zu haben, allerdings kitschbefreit. Revoluzzer waren sie alle nicht.

Josef Dobrowsky: Dorfstraße (Foto: Silvia Matra, Bildrechte: Bildrecht Wien, 2021)

Dann findet sich doch einer in der Ausstellung: Alfred Wickenburg. Er gründete 1923 die „Grazer Sezession“, der auch mein Vater später angehörte, obwohl er sich der kubistisch-avantgardistischen Richtung nicht anschloss. Wickenburg war so etwas wie ein Erneuerer, Erwecker. Er brachte den Kubismus in die Provinzhauptstadt und erregte mit seinen Bildern großes Aufsehen. Das Leopoldmuseum zeigt Werke von einer ungewöhnlichen Farbtransparenz, gepaart mir harten Verformungen.

Alfred Wickenburg (Foto: Silvia Matras, Bildrechte: Leopold Museum Wien/Thunberger)

Die Ausstellung „Menschheitsdämmerung“ zeigt nur einen kleine Auswahl von Künstlern in der Zwischenkriegszeit. Sie erhebt nicht den Anspruch auf einen umfassenden Überblick, will nur ein Teilsegment, aber ein durchaus wichtiges dokumentieren. Denn diese Zeit ist zwar, was Schriftsteller, Komponisten und Theaterleute betrifft, gut aufgearbeitet und interpretiert – z. B. in den Büchern von Herbert Lackner: Als die Nacht sich senkte, um nur ein aktuelles Werk zu nennen. Aber in der bildenden Kunst gibt es noch Lücken. Und eine dieser Lücken füllt diese Ausstellung. Sie zeigt, dass die meisten Künstler eine eher traditionelle Thematik und Bildgestaltung bevorzugten. Das Feste, in Tradition Verankerte, gab Halt und vielleicht auch Zuversicht. Der krasse Expressionismus war mehr die Ausdrucksweise der Rebellen, wie Oskar Kokoschka einer war. Doch das wäre eine andere Ausstellung…

Schade, dass die Ausstellung „Hundertwaser-Schiele“ nach Ende des letzten Lockdowns nicht noch einmal aufgenommen wurde. Aber es gibt ja noch den ausführlichen Katalog, ediert von Hans-Peter Wipplinger.

Die Ausstellung „Menscheitsdämmerung“ wird noch bis 5. April 2021 zu sehen sein.

http://www.leopoldmuseum.org

Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit. Klett-Cotta Verlag

Untertitel: Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten 1933-1943

In dem 2018 erschienen Buch „Zeit der Zauberer“ beschreibt Eilenberger die Entwicklung der Philosophie Heideggers, Cassirers, Benjamins und Wittgensteins und ihre Denkwege in der Zeit von 1919-1929. Nun also im Zeitalter der Gleichberechtigung von Mann und Frau widmet er sich vier Frauen, die auf unterschiedliche Weise die Zeit des Nationalsozialismus und des Totalitarismus gedanklich und durch reale Lebensentwürfe bewältigt haben oder bewältigen wollten.

Es sind teils bekannte, teils der Allgemeinheit unbekannte Namen: Simone de Beauvoir, Simone Weil, Hannah Arendt und Ayn Rand. Sie lebten in einer Zeit, die der Gegenwart nicht unähnlich ist: Das wirtschaftliche Überleben ist für viele aus der Mittel- und Unterschicht mehr als fraglich, das geistige Leben wird von der Politik abgewürgt oder in eine ihr genehme Richtung gelenkt.

In Zeiten der Not und des von Krieg und Verfolgung bedrohten Lebens entwickelten jede der vier Frauen eine eigene Denk- und Lebensstrategie: Ayn Rands Eltern wurden während der Russischen Revolution enteignet, sie selbst floh nach Amerika und wurde zu einer der erfolgreichsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit. In ihren von Nietzsches Gedankengut beeinflussten Romanen und Theaterstücken dreht sich alles um die individuelle Freiheit, die mit allen Mitteln gegen Zugriffe des Staates verteidigt werden müsse. Dies geschehe am besten durch radikalen Individualismus.

Das Leben Simone Weils ist ihr geistiges Skriptum. Was sie gedanklich fordert, das lebt sie in radikaler, zur Selbstaufgabe hin neigender Art und Weise: Als Tochter gut bürgerlicher Eltern widerstrebt ihr alles, was mit Besitz zu tun hat. Ihre zerbrechliche Gesundheit setzt sie immer und überall aufs Spiel, sie brennt für die soziale Aufgabe, gründet ein privates Flüchtllingshilfswerk, arbeitet in einer Fabrik, um die Probleme der Arbeiter nachvollziehen zu können. Ihre Zerbrechlichkeit ignorierend schreibt, lehrt und arbeitet sie unermüdlich. Ihre ärgste Sorge lässt sie hellsichtig vor einem totalen Überwachungsstaat warnen. Sie stirbt 1943 in einem Sanatorium in Endgland an Herzversagen, Tuberkulose, Hungerödemen und in geistiger Verwirrung.

Religion trägt für Simone de Beauvoir die Hauptschuld für die menschlichen Verfehlungen. Frei von der gängigen Moral gehen sie und Sartre immer wieder neue Liebesbeziehungen ein, bleiben aber als Freunde bis zum Schluss miteinander verbunden. Simone de Beauvoirs Buch „Das andere Geschlecht“ wird zum Kultbuch der Frauenbewegung.

Hannah Arendt flieht vor den Nationalsozialisten nach Paris und später in die USA, wo sie Forschungen über Entstehung und Gefahren des Totalitarismus betreibt. Mit ihrem Werk „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“ erlangt sie Weltruhm. Das Buch gilt bis heute als wichtigste Grundlage der Totalitarismusforschung.

Vier Frauen, vier verschiedene Biografien. Eilenberger zeigt auf, wie die verschiedenen Lebenswege die Enststehuung des philosophischen Gedankengutes beeinflussten. Entgegen einer in der wissenschaftlichen Diskussion weit verbreiteten Meinung, dass Kunst-Werke per se und nicht aus der Biografie des Künstlers gedeutet werden dürfen, besteht Eilenberger auf der These, dass die Lebensumstände es sind, die ein Werk unterschwellig oder ganz offen beeinflussen, ja erst entstehen lassen. Als Leser kann man dieser These durchaus folgen.

Deshalb ist dieses Buch eine Mischung aus Biografie und Interpreation philosophischer Texte. Obwohl scheinbar mit leichter Hand geschrieben, steht doch einiges dem flüssigen Lesen und Verstehen im WEge: Der Autor springt recht rasch von einer Figur zur anderen, ohne den Übergang deutlich zu machen. So fragt man sich recht oft, von welcher „sie“ denn gerade die Rede sei. Das Prinzip des geichzeitigen Beschreibens der vier Frauen in einem abgesteckten Zeitrahmen verhindert ein genaueres Eingehen auf die Einzelperson. Über jede dieser vier Frauen wäre es interessant, eine ausführliche Biografie zu lesen, in der detaillierter auf die Zusammenhänge von Leben und Werk eingegangen wird. Denn jede einzelnes Leben dieser Frauen böte ausreichend Stoff für eine eigene Biografie.

http://www.klett-cotta.de

Herbert Lackner: Die Flucht der Dichter und Denker.

Untertitel:Wie Europas Künstler und Wissenschaftler den Nazis entkamen. Verlag: ueberreuter

Nach dem Buch „Als die Nacht sich senkte“, in dem Herbert Lackner die Reaktionen der Intellektuellen und Künstler auf Hitlers Regime schildert, dokumentiert er nun in dem Nachfolgewerk „Die Flucht der Dichter und Denker“ akribisch genau die Schicksale all derer, die vom Naziregime verfolgt wurden und die Flucht bis Frankreich schafften, wo sie vorläufig zu Ende war. In dem geschilderten Zeitrahmen von 1933 bis 1942 wurde es für Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten und für Hitler unliebsame Personen immer schwerer, in Deutschland oder Österreich zu leben. Viele wurden vrrschleppt und in den Konzentrationslagern getötet. Wer noch genug Geld oder Beziehungen zu in Frankreich lebenden Freunden hatte, der schaffte es bis Paris. Als Paris 1940 von den deutschen Truppen eingenommen wurde, flüchteten die meisten nach Marseille, in der Hoffnung, eine Schiffspassage nach Amerika zu bekommen. Als keine Schiffe mehr von Marseille fuhren, war Lissabon die letzte Hoffnung.

Varian Frys Rettungsaktionen

Zu den spannendsten Kapiteln des Buches zählen Lackners Recherchen über die Rettungsaktion für gefährdete Künstler, Intellektuelle und Politiker, die Thomas Mann in New York ins Leben rief. Mit Hilfe von 200 begüterten Geschäftsleuten und der Unterstützung von Eleonor Roosvelt, der Frau des Präsidenten, sammelt er eine beträchtiliche Summe Geld und schickt den Journalisten Varian Fry nach Frankreich, um die auf einer Liste stehenden 2200 Personen, alle bekannte Persönlichkeiten aus dem Kulturleben und der Politik, vor dem Zugriff der Nazis zu retten. Varian Fray wird über 16 Monate in Südfrankreich im Untergrund arbeiten und viele Menschen mit Schiffspassagen nach den Staaten versorgen und sie so vor den Nazis retten, darunter so bekannte Persönlichkeiten wie Alma Mahler-Werfel und ihren Ehemann Franz Werfel.

Wo es Herbert Lackner möglich war, verfolgte er deren Schicksal auch nach der Ankunft. Nicht alle konnten und wollten in den Staaten bleiben. Einige sind zurückgekehrt. Deren Schicksal schildert Herbert Lackner in seinem jüngst erschienenen Buch „Rückkehr in die fremde Heimat“.

http://www.ueberreuter.at

Beyond Dystopia

Ausstellung in der „AG 18 Urban Art Gallery- Kuratiert von „Improper Walls“

Mut und großen Optimismus bewiesen Margot und Michael Schmitz, als sie im Oktober 2018 die „AG 18 Urban Art Gallery“ gründeten. Der Name der Galerie ist Programm: Im Zentrum der Ausstellungen stehen Künstler aus dem städtischen Bereich, die in erster Linie für den öffentlichen Raum arbeiten und auf dem internationalen Kunstmarkt (noch) nicht reüssieren. „In Österreich ist es nicht einfach, ein Publikum zu finden, das sich für diese Sparte der Kunst interessiert. Wer Kunst als Spekulationsobjekt oder als Imageaufwertung kauft, wird in dieser Galerie nicht fündig werden. Unsere Zielgruppe sind Menschen, die mit Neugier und Entdeckerfreude in die Ausstellung kommen. Durch moderate Preise und inhaltliche Vielfalt reizen wir die derzeit noch geringe Kaufbereitschaft an“, erklärt Michael Schmitz im Interview mit der Autorin des Beitrages.

In der aktuellen Ausstellung „Beyond Dystopia“ stellen nur österreichische Künstler aus. Einige kommen nur aus der Street Art – Szene, einige haben sich unter anderem auch mit Street-Art beschäftigt. Es ist nicht immer leicht, in den Werken die Beschäftigung mit der Street Art -Szene nachzuvollziehen. Ursprünglich wurde sie ja aus dem öffentlichen Protest heraus geboren. Street Art war und ist ein Mittel, politisch brisante Themen im öffentlichen Raum, besonders auf Mauern zu diskutieren, zu verbreiten. Den Kunstinteressierten bekannt sind die „murales“ von Diego Rivera (1886-1957). Der mexikanischen Künstler malte die Geschichte Mexikos auf Riesenwände, um das Selbstbewusstsein der Menschen und den Stolz auf ihre Vergangenheit zu stärken. Mitte des 20.Jahrhunderts entstanden auch in Europa die ersten „murals“ oder „murales“. Als die Hirten des sardischen Bergdorfes Orgosolo erfuhren, dass auf ihren Bergweiden ein NATO Truppenübungsplatz geplant war, begann sich der Protest unter anderem auch auf den Mauern mit starken Bildern erffolgreich zu artikulieren. Als das Ladadika-Viertel in Thessaloniki durch die überbordende Nachtclubszene an Reiz verlor und die kleinen Geschäfte und Hotels wegzogen, begannen unbekannte Künstler durch Mauerbilder auf den Verfall hinzuweisen. Thessalonikis Stadtväter erkannten den touristischen Wert dieser murales und gründeten 2012 ein „Street Art Festival“ mit deutlichem Protestcharakter.

Thessaloniki, Ausschnitt aus den „murales“ November 2016, (Foto: Silvia Matras)

Stoßrichtung der „urban art“

Anders als in der „Street Art“ ist die „urban art“, wie sie in der Galerie AG18 gegenwärtig gezeigt wird, nicht unbedingt an ein Protestthema gebunden. Titel und Bildgestaltung weisen auf eine eher willkürliche Aussage hin, die sich der Betrachter selbst zurechtlegt. Etwa Fatis an islamische Kunst erinnernde Blütenarabeske oder Marielle Lehners Wolken-Naturbild in Hellblau. Geheimnisvoll ist David Leitner „Wandgemälde“, eine Mischung aus Collage, Murales und Installation. Eine deutlich aggressive Handschrift weisen hingegen die Bilder des Künstlers „Golif“ auf: Die Gesichter aus schwarzen Pinselstrichen auf grünem Grund, die Augen mit schwarzer Maske verdeckt, sind Warnung, vermischt mit Aggression und Abwehr. Colin Linde spielt mit Farben und Formen eines Miro, alles durch ein zerbrochenes Smiley ironisiert. Den gebrochenen Menschen, der zum Objekt wird, das beliebig bemalt, missbraucht und ausgestellt wird, zeigt Linda Steiner mit der blauen Skulptur.

Das Spannende an dieser Ausstellung liegt gerade in der Vielfalt der Themen, der Darstellungsformen, in dem völlig neuen Blick, den der Betrachter in sich aufrufen muss

Die Ausstellung ist noch bis Ende Februar oder länger (genaues Datum ungewiss) zu sehen.

AG18 – URBAN ART GALLERY, Annagasse 18 1010 Wien.+43 1 293 51 26, +43 699 1236 9480, 0ffice@ag18.at

http://www.AG18.at/art

Kuratorin: Bärbel Vischer, Kustodin MAK Sammlung, Gegenwartskunst

Sheila Hicks, geboren 1934 in Nebraska, ist eine der wenigen Künstlerinnen, die Malerei und Webkunst miteinander verknüpfen. Ihr großes Wissen um indigene Webpraktiken ist neben dem Studium der Malerei und Architektur Grundlage ihres Oeuvres.

In vier großzügig ausgestalteten Räume entwickelt sich eine Dramaturgie des Raumes aus Malerei und Skulptur. Im ersten Raum spielt die Sheila Hicks mit „Bildern“ aus Längsfäden, die im Farbverlauf in verschiedenen Rot- und Blautöne changieren.

Foto: Silvia Matras

Immer wieder aber werden aus Webbildern Halbreliefs, in denen Architekturmerkmale dominieren, indem sie die Fäden zu dreidimensionalen Säulen oder Kuben bündelt..

An Bäume und Wurzeln erinnern die in sich verschlungenen Seile, die ein bizarres Schattenbild an die Wand werfen. Daneben ragt wie eine Mahnsäule ein Baumrumpf aus geflochtene Garnenbis an die Decke. An der Stirnseite liegt ein Hügel aus gelb-orangefarbigen Pölstern aufgeschichtet. Vorhänge wehen vom Boden bis zur Decke. An orientalische Sitzkissen wiederum erinnern die in verschiedenen Größen und Farben gewebten Gebilde an der gegenüberliegenden Wand. Kommt man näher, eröffnet sich ein buntes Fadengewirr, als sähe man auf einen herbstlichen Waldboden. Der Interpretation sind keine Grenzen gesetzt.

Fotos: Silvia Matras

Am meisten beeindruckt der Raum mit monumentalen Webbildern, die Gebetsteppiche oder Tore zu alten Palästen sein könnten. Shella Hicks zitiert damit die Webkunst aus Marokko oder Peru, mit der sie sich lange befasst hat. Diesen Werken hat die Kuratorin Bärbel Vischer eindrucksvoll die Skuptur „Tor zum Garten“ von Walter Pichler gegenüber gestellt.: Ein mächtiges Tor, das den verschlossenen Eingang zu einem ägyptischen oder griechischen Palast oder zum Garten Eden sein könnte. Vielleicht spielt hier das Thema der Macht, deren Zugang der Allgemeinheit verschlossen bleibt, eine Rolle.

Abendliche Stimmung im MAK. Foto: Silvia Matras

http://www.MAK.at

Christoph Kotanko: Kult-Kanzler Kreisky. Mensch und Mythos. Verlag Überreuter

Warum jetzt schon wieder eine Kreiskybiografie, wird sich so mancher Leser fragen. Wahrscheinlich gibt es sicher mehr als zehn Publikationen, die sich mit der Kultfigur Kreisky befassten, darunter viele von prominenten Autoren wie Heinz Fischer, Wolfgang Petritsch oder Oliver Rathkolb. Nun also dieses Werk. Es erscheint in einer schwierigen Zeit. Corona fordert von der Bevölkerung alles ab. Die Regierung herrscht, ohne viel Überlegungen werden Gesetze erlassen, die nicht immer nachvollziehbar sind. Und der selbstbewusste Kanzler sonnt sich in seinen imperialistischen Operettenauftritten. Was hätte wohl Kreisky zu all dem gesagt? Vielleicht: „Lernen Sie Demokratie, Herr Bundeskanzler“ ( Ich zitiere hier Herbert Hutar, mit dem ich ein Gespräch am Silvestertag 2020 über Kreisky und Kurz führte)

Genau diese konträre Auffassung von Politik wird beim Lesen dieser Biografie klar: Kreisky „herrschte“ auch, er wurde ja auch oft „Sonnenkönig“ genannt, aber: Er informierte sich, sprach mit den Leuten aus dem Volk, die ihn jederzeit – und wirklich jederzeit! – anrufen und ihm die Probleme schildern konnten. Er verstand die Sorgen der Menschen, wusste fast immer Lösungen. Und: Er konte auch einsehen, wann er verloren hatte – etwa in Sachen Atomkraftwerk. Gesetze oder Erlässe,die im Nachhinein vom Verfassungsgerichtshof aufgehoben wurden, gab es damals nicht. Christoph Kotanko zeichnet das politische Porträt objektiv, bringt in Interviews mit Persönlichkeiten aus Kreiskys engstem Umfeld das Pro und Kontra um die politischen Entscheidungen und das Charakterbild des Kanzlers.

Der Stil Kotankos, fern von historischer Gestik, ist lebendig und frisch. Mit Wehmut liest man über diese Zeit, die auch nicht immer leicht war. Aber man wusste damals, Politik hieß Verantwortung übernehmen. Und das tat Bruno Kreisky.

http://www.ueberreuter-sachbuch.at

Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre: Alle sind so ernst geworden. Diogenes Verlag

Losgelöst von literarischen Ambitionen plaudern die beiden Freunde über alles und nichts, in freiem Slam-Gerede. Kein Satzgefeile, sondern wie es kommt. Und „es“ kommt recht unorthodox daher, manchmal frei von Grammatik, ganz wie den beiden der Schnabel gewachsen ist. Themen purzeln übereinander und untereinander. Für den Leser reinstes Gehirnjogging. Den Sprüngen zu folgen verlangt mehr Anstrengung als man hinter dem Titel vermutet.

Glaubt man sich im sicheren Gewässer des Verstehens, schon ist man mitten in einer Untiefe, einem Strudel. Wie jetzt? wie ist der Schmäh gemeint? -Natürlich ernst! Denn „alle sind so ernst geworden“ – also nehmen Suter und sein Freund den blödesten Schmäh ernst, wie etwa die orangene Badehose. Peinlichkeiten werden ausgewalzt, alles wird aufs Korn genommen, vor allem das allgemein Übliche. Manchmal übellaunig-witzig, manchmal geistlos. Das Geistlose wird adoriert, verziert, bis es sich selbst denunziert. Der literarisch hochangesehene PEN-Club wird hochachtungsvoll zerlegt, bis nix mehr über bleibt. Schnöselwendungen werden nicht entschnöselt, sondern ernstlich verwendet. All die Ähmms und Sozusagen und Undsoweiter der Politiker und Großredner delikat genossen. Den täglichen Unfug benützen die Gesprächspartner wie ein hochgeistiges Denkgebilde und zerlegen ihn genüsslich..

Mit schmallippigem Lächeln denunzieren Suter und sein Gesprächspartner, der meist der Motor und Fragesteller ist, die Floskeln, die Notlügen, die höflichen Lügen. So nebenbei erfährt man auch Privates, wie etwa Suters Liebe zum Mundharmonikaspiel.

Der Reiz dieses Gesprächskauderwelsch‘ liegt im bewusst Unliterarischen, im locker Dahergesagten ohne Konzept. Manche Steigerungen reichen bis ins Absurde eines Ionesco – etwa wenn die beiden über die mangelnde „Willkommenskultur“ blödeln, die der Tausenderschein erfährt. Keiner will ihn, keiner kann herausgeben, keiner kann spontan wechseln.

Tipp für zukünftige Leser: Immer nur eine, maximal 2 Geschichten lesen. Dann das Buch einige Tage ruhen, den Humor sich absetzen lassen. Denn Geblödel, auch wenn es noch so geistreich daherkommt, nervt in zu großen Dosen. Das ist wie mit Weihnachstkeksen oder Schokolade: Man überisst sich leicht.

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Jason Starr, Seitensprung. Diogenes Verlag

Aus dem Amerikanischem von Thomas Stegers

Wenn einem der Zufall ein Buch von Jason Starr in die Hände spielt, dann sollte man dem Zufall sehr, sehr dankbar sein! Denn Jason Starr gehört zu den wenigen, die einen Thriller mit Hochspannung schreiben können. Da kaut kein Detektiv seine Theeorien seitenweise wieder. Da gibt es keine peinlichen Seitenfüller, wie Restaurantbeschreibungen oder gar Kochrezepte. Nein, bei Starr gehts ans Eingemachte, an die Existenz des Protagonisten. Und man bangt mit ihm, obwohl er kein ausgesprochener Sampathieträger ist. Weglegen, bevor man das Buch zu Ende gelesen hat, verlangt Disziplin. Es gilt ja noch den Arbeitsalltag zu bewältigen. Es am Abend im Bett zu lesen, ist auch keine gute Idee, denn dann liest man bis in die Morgenstunden und kann sich vom Schlaf verabschieden.

Jack Harpers ist nicht gerade ein Glückspilz. Mit seiner Musik konnte er nicht reüssieren, als Makler ist er eine Niete. Die Ehe mit seiner Frau Maria ist alles andere als beglückend. Gäbe es da nicht seinen Sohn Jonah, hätte er nie zu saufen aufgehört. Als er sich übers Internet in eine Vermittlungsplattform einloggt und zum ersten Date eilt, beginnt sein Absturz.

Jason Starr ist ein Autor des Erwarteten. Man weiß spätestens nach dreißig Seiten, dass sich der Typ in seinen Untergang katapultiert. Aber wie er das macht, ist voller Spannung. Und das Ende kann man dunkel ahnen, aber dann ist doch alles ein wenig anders.

Die passende Lektüre, wenn einem Corona, die faden Feiertage und sonst noch vieles auf den Geist geht.

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„Beethoven bewegt.“ Kunsthistorisches Museum

Sie müssen vor den Vorhang! – die Ideengeber und Kuratoren dieser für das Museum innovativen Ausstellung: Andreas Kugler, Jasper Sharp, Stefan Weppelmann, Andreas Zimmermann.

Und natürlicher die Ausstellungsgestalter: Dani Mileo, Joris Nielander (Tom Postma Design, Amsterdam)

Diese Ausstellung überrascht, fasziniert und begeistert durch das Unerwartete! Nichts in den vier Sälen entspricht dem üblichen Ausstellungsklischee. Schon die immens vergrößerte Skulptur des Hörrohrs im Halbstock (John Baldessari) ist ganz und gar ungewöhnlich: Ruft man laut in das Rohr hinein, so hört man Musik des ertaubten Giganten. Vielleicht schaut deshalb die Büste des Kaisers ein wenig grantig drein, denn in keinem hehren Museum darf man schreien, schon gar nicht laut.

In Zusammenarbeit mit dem Musikverein entstand dieses einmalige Erlebnis von Synästhesie. Schauen und Hören verbinden sich, und man ist sofort gefangen von den unterschiedlichsten Gefühlen und Eindrücken. Noten wirbeln computereingefangen über die Zeichnungen von Jorinde Vogt. Vom Plafond hängt die geheimnisvolle Skulptur eines zertrümmerten Klaviers der Künstlerin Rebecca Horn. Die kaputten Tasten fahren mit einem ziemlichen Knall heraus – als hätte Beethoven gerade voller Wut auf das Instrument eingehämmert. In der Mitte steht prominent die Skulptur von Rodin „Das eherne Zeitalter“. Da mag man sich fragen, welchen Bezug sie zu Beethoven hat. Sich fragen, sich wundern, bewundern ist in dieser Ausstellung die Maxime. Alles darf gedeutet werden. Nicht beliebig, sondern mit Sorgfalt und Bedacht ist hier einem Genie und seinen genialen Zeitgenossen nachzuhorchen. Bei den Klängen der „Waldsteinsonate“ und der letzten Klaviersonate in c-moll op.111. Mit welcher Wucht und innerem Kampf Beethoven seine Kompositionen zu Papier brachte, erkennt man in den Originalnotenblättern: wild, wütend, durchgestrichen, überschrieben, ausradiert. (Alles Saal I)

Saal II: Stille

Im abgedunkelten Saal der Stille leuchten die Bilder in zweifacher Form: real von den Wänden und im Bodenspiegel. Es ist die Stille des Staunens, der Ehrfurcht vor der Größe des/der Genies. Magie erstrahlt und lässt jeden verstummen vor der Wucht des Eindrucks, wie aus Dunkel das Helle der Werke hervorstrahlt: Der machtvolle Prometheus, der Feuerbringer, der Menschenermöglicher, dann die boshaften Caprichos Goyas, der ebenso an Taubheit litt wie Beethoven und ebensolche genialen Werke aus seinem Leiden heraus schuf. An der Stirnwand fährt ein Eisbrecher durch das wässrige Eis, über das ein Mensch marschiert. Er scheint mit kraftvoller Ruhe das Schiff zu ziehen. Es ist der Künstler selbst, der sich dem Risiko Tod aussetzt und dabei filmen lässt. Wie ein Schritt aus der Idee hinaus in die nüchterne Realität: das originale Hörrohr Beethovens. Sich vorzustellen, welche Qualen es ihm verursachte! In der Stille dieses Raumes bekommt der Laie eine leise Ahnung von der Wucht, die den Künstler zu seinem Schaffen zwingt.

Saal III

Oben, in der Kuhle zwischen Decke und Wand, läuft das Bekenntnis Beethovens zur Natur als sinnstifende Lebenskraft: „Wie froh bin ich einmal in Gebüschen, Wäldern, unter Bäumen, Kräutern, Felsen wandeln zu können. Kein Mensch kann das Land so lieben wie ich- geben doch die Wälder, Bäume, Felsen den Widerhall, den der Mensch wünscht.“ – Den Widerhall der Natur“ kann Beethoven in seiner Seele hören, aus ihm schöpft er Kraft. Diese machtvolle Quelle setzt er um. Dazu sollte man Teile der 3. Sinfonie hören – aber leider, viel zu leise. Schade.

Saal IV – der Saal der Ver-Wunderung

Zwei Künstlerinnen reden und tanzen – „Beethoven bewegt“? – eine Minimalperformance zu einer vom Zuhörer ungehörten Musik. Verwundern darf sein. Vorher konnte man ausgiebig bewundern.

http://www.khm.at und http://www.beethovenbewegt.at

Die Ausstellung ist noch bis 24. Jänner 2021 zu sehen. Unbedingt ansehen!!

Kuratiert von Charlotte Seidl.

Es ist ein strahlender Winternachmittag. Vom Gut Gasteil schaut man auf die weite Landschaft, Hügel, Wälder und Wiesen. Rund um das Gut stehen die hochragenden Frauenfiguren von Charlotte Seidl. Aus blauer, naturfarbener oder leicht rötlicher Keramik. Im Hof des Gutes begrüßen andere dieser imposanten Frauenfiguren die Gäste. Im großen Schauraum knistern große Holzscheite im Kamin. Die Wände sind mit Bildern aus den kürzlich vergangenen Austellungen geschmückt. Zwei Werke von Robert Hammerstiel (gestorben am 23. November 2020) fallen sofort ins Auge: Leuchtende Farben,voneinander scharf abgesetzt wie in Holzschnitten, sind seine typischen Stilmittel. Farben der Befreiung: Rot, Lila, Orange.

In der Galerie selbst, durch die Charlotte Seidl persönlich jeden Gast führt, sind unter anderem die zart-abstrakten Bilder von Lubomir Hnatovic zu sehen. Diese reine Poesie des Lichtes und der Farben erinnert an Turner. Neu im Kreis der Gasteilkünstler ist die Malerin Mona Seidl. Sie lebt am Traunsee. Ihre Werke sind Traumbilder des Sees. Immer wieder begeistern die poetischen Naturabstraktionen von Nadja-Dominique Hlavka. Träume am Wasser, Träume von Pflanzen, eingebettet in zart blau-grüne Farben, die in einem hellen Tag verschwimmen. Charlotte Seidls Sammlung der Keramikbilder hat sich vergrößert. Auffallend viele Frauenfiguren, die heiter und unbeschwert zu sein scheinen, bevölkern die Bildertraumwelt.

Seit mehreren Jahrzehnten wirkt Charlotte Seidl als Vorreiterin auf dem Gebiet der Ausstellungskunst. Intensiv arbeitet sie an der Schließung der Gräben, die sich zwischen Künstler, Kunstwerk und dem Publikum auftun. Sie hat Künstler ausgestellt, lange bevor sie bekannt wurden. Oder besser gesagt: Viele wurden durch sie bekannt und starteten vom Gut Gasteil aus ihren Weg in Museen und Galerien der großen Städte. Daher öffnet jede Ausstellung neue Wege für Künstler und Publikum.

Weitere Künstler in der Ausstellung „full house“: Daniele Panteghini, Anna Maria Brandstätter, Andrea Trabitsch, Mela Diamant, Andreas Sagmeister, Lotte Seyerl, Edgar Holzknecht, Manfred List, Marina Horvath. Die Ausstellung ist noch am 14., 15. bzw. am 21., 22. Dezember 2020 jeweils von 10-18h und den ganzen Winter über bis zum 25. April gegen Voranmeldung zu sehen.

Am 1. Mai 2021 wird die nächste Ausstellung mit Werken von Leena Naumanen und Angi Eisenköck eröffnet.

http://www.gutgasteil.at

Titelfoto: Mike Kelley:Kondor

Rafael Jablonka, 1952 in Polen geboren, zählt zu den profiliertesten Kunstkennern, seine Sammlung zur amerkinaschen und deutschen Kunst der 1980-er Jahre zu den bedeutendsten in der Kunstwelt. In einer Reihe von Ausstellungen werden in der Albertina Werke aus dieser umfangreichen Sammlung gezeigt werden. Für die jetzt laufende wählte Jablonka Werke von Künstlern seiner eigenen Generation, worauf der Titel hinweist.

In einem Gespräch mit Eric Fischl (Katalog S 21) erzählt Rafael Jablonska, dass er zunächst ein „etwas naiver Kurator“ war und später „Kunsthändler aus Not“ wurde. Tatsächlich ist sein Weg zum Kunstssammler recht ungewöhnlich: Zunächst studiert er in Krakau Bauwesen. Da ihm die Arbeit im Baubüro zu eintönig erschien, übersiedelte er in die BRD und begann Kunstgeschichte zu studieren, freundete sich mit Künstlern seiner Zeit an, reiste oft in die USA und begann sich auch für die amerikanische Kunst zu interessieren. Es war also der Weg eines kunstbesessenen Laien, der mit frischem und unverstelltem Blick seine Sammlung anreicherte. Die Unbekümmertheit, die aus dieser Sammlung den Besucher anweht, ist wohl eines der großen Plus. Mit diesem frischen, „naiven“ Blick lässt sich auch am besten die Sammlung betrachten. Sie verlangt keine spezielle éducation. Der Überraschungeffekt wirkt stark und direkt. Gleich im ersten Saal staunt man über die Serie der Installationen von Mike Kelley (s. Titelfoto): Bunte Glasbehälter, riesige Flaschen, in denen ganze Bauwerke oszillieren, blinken, schnarren, krachen. Eine laute, grelle Welt, aber im abgedunkeltem Raum fast schon ein Mythos. Ein Mythos von einer Zukunft, die wir gar nicht so wollen, aber in ihrer Präsentationsform doch goutieren.

Die Verblüffung ist groß – Eric Fischls Catboy – auf den ersten Blick eine heitere Figur im Katzenlook, doch aus dem Maul guckt ein scheuer Kinderblick. Francesco Clementes ernster Blick, in Rot vor schwarzem Hintergrund, lässt den Betrachter so schnell nicht los.

Diese sehr individuelle kleine Auswahl zeigt, mit vieviel Buntheit im künstlerischen Spektrum die Ausstellung aufwartet. Unbedingt ansehen. Sie ist noch bis 21. Februar zu besichtigen.

http://www.albertina.at

Marie Benedict, Frau Einstein. Verlag Kiepenheuer &Witsch

Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger

Untertitel: Die Geschichte von Mileva Maric, Albert Einsteins erster Frau, die maßgeblich an seinem Erfolg beteiligt war und doch bis heute eine Unbekannte ist.

Marie Benedict erzählt in Form einer Romanbiografie sehr berührend das Leben von Mileva Maric. Dabei stützt sie sich in erster Linie auf Dokumente und Briefe, soweit vorhanden, erlaubt sich aber in künstlerischer Freiheit Gedanken und Sätze, die sie Mileva sagen lässt. So wird aus einer nüchternen Biographie ein packender Roman, der sich so weit wie möglich an die Fakten hält.

Mileva studiert als eine der ersten Frauen überhaupt in Zürich Mathematik und Physik (1896). Unterstützt wird sie in diesem für die damalige Zeit ungewöhnlichen Weg von ihrem Vater, der sehr früh schon ihe Begabung erkannte und förderte. Aber es ist keineswegs leicht für eine aus Serbien stammende junge Frau, sich durchzusetzen. Doch ihre Klugheit und Fröhlichkeit ziehen den jungen Albert Einstein, der mit ihr dieselbe Klasse besucht, in den Bann. Er macht ihr den Hof. Als sie schwanger wird, lässt er sie im Regen stehen, kümmert sich wenig bis gar nicht, hat auch kein Interesse an dem Kind, genannt „Lieserl“. Es ist nur die erste von zahllosen Lieblosigkeiten, die Mileva schlucken muss. Als er sie dann endlich heiratet, wird sie zuerst zu seiner Hausfrau, dann zu seiner Gefährtin in der wissenschaftlichen Forschung. Für Marie Bendedict ist es klar, dass Mileva an den Schriften über dieRelativitätstheorie wesentlich mitgearbeitet hat. Einige Forscher bezweifeln das. Doch dass Albert Einstein nach der Scheidung das Geld aus dem Nobelpreis ihr überlassen muss, ist Faktum. Die Ehe wird ein Disaster, Einstein ein Monster. Je größer sein Erfolg, desto mieser behandelt er Mileva. So darf sie ihn nur ansprechen, wenn er es erlaubt, muss in der Öffentlichkeit drei Schritte hinter ihm gehen. Sie schluckt das für einige Zeit der beiden Kinder wegen. Doch dann reicht es ihr. Sie verlangt die Scheidung und zieht 1914 mit den beiden Buben nach Zürich, wo sie bis zu ihrem Tod 1848 in einem bescheidenen Wohlstand, aber völlig vereinsamt lebt.

Mileva Milic‘ Schicksal ist kein Einzelfall. Zahlreiche Frauen stellten und stellen bis heute ihr Talent hintan, weil sie die Karriere ihres Ehemannes unterstützen müssen/wollen. Es ist noch nicht allzu lange her, dass Malerinnen um eine Ausstellung ihrer Werke sehr kämpfen mussten. Nur wenigen ist es gelungen. Ja, es herrschte noch bis vor wenigen Jahren die Meinung in der Männerwelt, dass Frauen kein kreatives Potential hätten. Und wie heißt es bis heute noch? – „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine Frau.“ Den Mann kennt man, die Frau aber kaum.

Man darf auf die neue Romanbiographie von Marie Benedict über Lady Churchill gespannt sein. Sie soll in den nächsten Monaten 2021 erscheinen.

http://www.kiwi-verlag.de

Guggi Hofbauers Protest gegen das Wegsperren der Kultur. Artikel in der Wiener Zeitung vom 4.12. 2020, Seite 8

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http://www.wienerzeitung.at

Immer mehr Kulturschaffende und Kulturliebhaber leiden unter dem arroganten und kunstverachtenden Maßnahmen der Politik! Aufstehen dagegen ist Pflicht, aber ganz offensichtlich ohne Wirkung. Kurz und Co gehören ja auch nicht zu den „Kulturverliebten“. Wann sah man sie in einem Theater, in der Oper oder in einer Ausstellung? Es sei denn, die Medien sind vor Ort und berichten eifrig!!!

Silvia Matras

Ulrich Weber: Friedrich Dürrenmatt. Eine Biographie. Diogenes Verlag

Ulrich Weber ist Kurator des Dürrenmatt-Nachlasses. Er schrieb die erste umfassende Biographie des weltbekannten Autors von Dramen wie „Besuch der alten Dame“ oder die „Physiker“. Die meisten Leser und Theaterbesucher kennen diese Dramen, vielleicht noch Krimis wie „Der Verdacht“ oder „Der Richter und sein Henker“. Doch darüber hinaus weiß man recht wenig über FD.

Ulrich Webers Biographie umfasst über 700 Seiten, 200 davon sind für den wissenschaftlich sorgfältig aufbereiteten Anhang reserviert. Zahlreiche Fotografien zeigen FD mit seiner Familie und engen Freunden.

Wenn der Verlag auf der Rückseite des Covers damit wirbt, dass diese Biographie auch für Leser und Schüler interessant ist, so darf das bezweifelt werden. Nur wer ein spezielles Interesse an Dürrenmatts Leben und Werk hat, wird sich durch diese eher nüchtern und sachlich geschriebene Biographie durcharbeiten. Wer das jedoch auf sich nimmt, der erfährt tatsächlich interessante Details aus dem Leben und Arbeiten dieses Giganten der deutschsprachigen Literatur.

Die Anfänge

1921 im Emmental in der Schweiz geboren, beschließt FD schon in jungen Jahren „Künstler“ zu werden. Zunächst probiert er es mit der Malerei, erkennt aber bald, dass er nicht genug Talent hat. Nach dem überstürzten Abbruch des Germanistikstudiums beschließt er kategorisch: Ich werde Schriftsteller. Und: Ich werde Ehemann. 1946 heiratet er die Schauspielerin Lotti Geissler, mit der er bis zu ihrem Tod 1983 verheiratet bleibt. Interessantes Detail aus dieser Zeit: Sympathisiert Dürrenmatt noch als Student mit Hitler-Deutschland und dem Anschluss, so schreibt er mit dem Drama „Romulus der Große“ (1947)die erste große Abrechnung mit der deutschen Vergangenheit. Zugleich ist das auch sein Durchbruch als anerkannter Dramatiker. Doch die Familie (Sohn Peter ist schon auf der Welt) lebt in ärmlichen Verhältnissen. Er entwickelt sich zum „Meister im Schnorren“ (S 136). Aus Geldnot schreibt er Theaterkritiken, Hörspiele und Krimis. In dem Krimi „Der Verdacht“ erwähnt er als erster Autor überhaupt den Holocaust.

Welterfolge

Die Töchter Barbara und Ruth werden geboren, die Geldnot wird größer. Erst 1956 mit den Welterfolgen „Der Besuch der alten Dame“ und „Die Physiker“ kann die Familie in ein großes Haus in Neuchâtel ziehen und im Wohlstand leben. FD genießt diesen Reichtum durchaus, kauft teure Autos und führt ein gastliches Haus. Berühmt ist sein Weinkeller mit edlen Tropfen aus der ganzen Welt. FDs Gäste müssen trinkfest sein! Er ist es zum Leidwesen seiner Ehefrau auch.

FD schuf mit den beiden Dramen beklemmende Parabeln „um die eigendynamishe Macht des Geldes und das Verschwinden des Schuldbewusstseins“ (S194). Die Frage nach dem Verhältnis von moralischer und rechtlicher Schuld wird den Autor auch weiterhin beschäftigen, besonders die Aufarbeitung der Naziverbrechen. Mit dem Film „Es geschah am hellichten Tag“ wird er auch als Drehbuchautor erfolgreich. In der Folge reist FD mit oder ohne Ehefrau Lotti -meist ohne – von einem Theater, einer Besprechung zur anderen. Die drei Kinder bleiben sich meist selbst überlassen. Lotti ist immer wieder krank, fällt in schwere Depressionen. FD schreibt, liest – sehr viel über Naturwissenschaften und Philosophie – und beginnt sich wieder für Malerei zu interessieren. Sammelt Bilder bekannter Maler wie Hans Falk oder Varlin. Die langjährige „distanzierte Freundschaft“ mit Max Frisch geht 1976 zu Ende.

Die schweren Jahre

Ende 1970 beginnt eine schwere Zeit. Sein Drama „Die Frist“ ist ein großer Misserfolg. FD arbeitet intensiv an den „Stoffen“ – eine Rückschau auf sein Leben und Werk mit Überlegungen über das Theater, Leben und Tod. Viele seiner Texte werden immer wieder umgeschrieben und bleiben meist unvollendet. 1983 stirbt Ehefrau Lotti. Aber schon 1984 heiratet er Charlotte Kerr, weil er an Vereinsamung leidet. Nun prallen zwei gegensätzliche Menschen aufeinander: Sie herrscht, organisiert, bestimmt, er wehrt sich, will es gemütlicher. Doch Charlotte Kerr ist ehrgeizig und umtriebig und findet immer neue Arbeitsmöglickeiten für ihren Ehemann. Sein Ruhm und Nachruhm sind ihr wichtig, nicht zuletzt, weil sie miteinbezogen ist. Zahlreiche Preisverleihungen, unter anderem der renommierte Büchner-Preis- machen die Ehefrau stolzer als den Preisträger. Aufschlussreich für FD ist die Reise in die Sowjetunion, wo er Gorbatschow kennen lernt. Er hält ihn für einen wichtigen Hoffnungsträger auf dem politischen Weltparkett. Am 14. Dezember 1990 stirbt FD in seinem Haus in Neuchâtel an Herzversagen.

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Lucy Foley: Die leuchtenden Tage am Bosporus.

Verlag: Insel Taschenbuch/Suhrkamp. Aus dem Englischen von Katja Bendels

Istanbul 1921, oder wie die Besatzungsmächte die Stadt nennen: Konstantinopel. Es sind düstere Zeiten. Die einst so strahlende Stadt wirkt erloschen, die Menshen leiden unter der Besatzung, Misstrauen herrscht überall. Der Titel der deutschen Ausgabe ist daher irreführend. Denn die Stadt leuchtet höchstens durch die gelegten Brände, die vor allem die Häuser der Armenier zerstören.

Zerstört, verstört sind auch die Menschen. Den Besatzern begegnet man mit Missachtung. Sich ihnen auch nur freundlich zu nähern gilt als Verrat. Doch die junge Lehrerin Nur lässt sich nicht beeinflussen. Ihr Kurzzeitehemann ist gefallen, ihr Bruder verschollen. Mit Stickerein bringt sie recht mühevoll ihre Großmutter und Mutter durch. Auch den kleinen armenischen Jungen nimmt sie bei sich auf. Er war ihr letzter Schüler, alle anderen Kinder waren längst schon verschwunden. Als „der Junge“, wie er nur genannt wird, schwer krank wird, ruft Nur den Arzt, der im britischen Militärhospital arbeitet, zu HIlfe. Er nimmt den Jungen im Spital auf, obwohl es streng verboten ist. Nur besucht ihn täglich, muss ihre Abneigung gegen den Arzt und die Briten unterdrücken. Sie leidet doppelt, da das Spital einst das Heim ihrer Familie war.

Alles keine guten Voraussetzungen für die Liebe, die zwischen Nur und dem Arzt George langsam wächst. Denn es ist eine Liebe, die nicht sein kann, sein darf. Zu groß ist die Kluft zwischen einer Bewohnerin der Stadt und einem, der zu den Besetzern gehört. Obwohl beide fähig wären, die gesellschaftlichen Schranken zu überwinden, trennen sie sich. Er kehrt in seine Heimat zurück. Als Beweis ihrer Liebe bittet Nur ihn, den Jungen mitzunehmen. In ihrer Stadt wäre er wegen seiner armenischen Abstammung nicht mehr sicher. Denn der Genozid am armenischen Volk hat begonnen. Nurs Bruder wurde gezwungen, die ärgsten Gräueltaten an den Armeniern mitanzusehen und auch auszuführen. Das hat ihn verändert, zuletzt gebrochen. Er begeht Selbstmord.

Geschickt verpackt Lucy Foley schwerwiegende Folgen des Krieges in eine zarte Liebesgeschichte, die sich spannend, sehr langsam und behutsam entwickelt. So nimmt sie den Leser geschickt mit und konfrontiert ihn mit den historischen Tatsachen, wie den Genozid an den Armeniern, den Aufstieg der „Türkei“ aus den Trümmern des ehemals mächtigen osmanischen Reiches. Sie schildert mit nüchernem Blick, welche Folgen die Grausamkeit des Kriegsgeschehens auf die Seelen der Menschen hat. Am Beispiel des Bruders, der mit seiner Schuld, die er bei der Vertreibung der Armenier auf sich geleaden hat, nicht fertig wird. Als Gegenpol der Entmenschlichung führt sie die positive Figur des Arztes ein, um ein Gegengewicht zu all den Unmenschlichkeiten zu schaffen.

Der Aufbau des Romanes ist allerdings ein wenig ungewöhnlich, sprich nicht gerade leserfreundlich. Wahrscheinlich ist der Aufbau der herrschenden Schreibmode geschuldet, das Geschehen in kleine Kapitel zu zerhacken, in denen die Autorin zeitlich und im steten Perspektivewechsel zwischen den Personen hin- und herspringt. Dieser allseits beliebte Erzählstil wirkt ein wenig allzu bemüht und erschwert das Einsteigen in das Geschehen. Hat man aber erst einmal ein Drittel des Romanes überwunden, dann ist man vom Reiz der Geschichte gefangen.

http://www.suhrkamp.de

Karim El-Gawhary: Repression und Rebellion.

Untertitel: Arabische Revolution-was nun?

Man kann nicht aufhören zu lesen. Alle Puzzles, die man sich aus Medienberichten vage zusammenreimen konnte, rückt der Autor in den notwendigen politischen Rahmen und fügt sie zu einem klaren Bild zusammen. Er durchleuchtet Spieler und Gegenspieler, geht den Ursachen der Aufstände und Gegenaufstände auf den Grund. Zeigt mangelnde Kompromissbereitschaft für die Militärdiktatur in Ägypten auf. Beleuchtet logisch und mit kühler Objektivität den Aufstieg der IS-Kämpfer.

Karim El-Gawhary macht deutlich, dass es in der Politik nie um Menschen, Bewohner des Landes, geht, sondern immer nur um die Frage der Herrschenden: Wie können sie ihre Macht sichern, beziehungsweise vergrößern. Und man erfasst sehr schnell: Bei diesem Spiel um die Macht werden schnell Verbündete zu Gegnern. Oder auch die aktuellen Machthaber zu Verlierern, wenn sie auf falsche Pferde gesetzt haben. Beispiel: Die Winkelzüge von Saudis und den Arabischen Emiraten legten den Jemen total lahm, ohne wirkliche Erfolge zu erzielen. Dieselben spalteten Libyien und hatten ihre Spielfinger in Ägypten, zogen den Boykott gegen das Emirat Katar hoch. Aber alle diese Strategien blieben erfolglos. Fazit: Verbrannte ERde ud Millionen Tote.

Es gelingt dem Autor, in der „nahöstlichen Gemengelage“ die Verflechtungen aufzuzeigen. Deutliche führt er die unrühmliche Rolle Trumps, aber auch die Eruopas auf: Indem diese beiden Mächte sich auf die Autokraten als Antiterrormächte stützen, wollen sie nicht sehen, dass es gerade diese Diktatoren sind, die ihre Bevölkerung unter die Armutsgrenze treiben und so den Terror züchten. Nüchtern stellt Karim El-Gawhary fest: Die EU spielt im Nahen Osten längst keine Rolle mehr, es sei denn eine unrühmliche! Harte Worte. Das Buch sollte man allen EU-Politikern als Pflichtlektüre auferlegen.

Das Buch ist ein Wachruf an Europa! Wie lange noch werden die Menschen in den autokratisch gelenkten Staaten die Unterdrückung dulden? Die Stabilität ist brüchig. Was zur Folge hat: Immer mehr Menschen werden nach Europa drängen!

Karim El-Gawhary führt mit präzisen Recherchen und einer klaren Sprache, die jeder versteht, verstehen muss, uns Europäern vor Augen, welch ein gefährliches Terrain der Nahe Osten ist und wie sehr die EU vor den Problemen die Augen schließt.

http://www.kremayr&scheriau.at

Erwin Schrott: Tango Diablo. (Great Voices, Konzerthaus)

Erwin Schrott: Bassbariton. Claudio Constantini: Bandoneon. Santiago Cimadevilla: Bandoneon. Jonathan Bolivar: Gitarre. YuChen: Klavier

Ein klug zusammengestelltes Programm, mit dem Erwin Schrott als Sänger und als Entertainer glänzen konnte! Dass es der letzte Abend vor der neuerlichen Schließung aller kulturellen Aktivitäten war, erhöhte die Temperatur im Publikum und bei den Künstlern in gleicher Weise. Als ob es galt, den öden kommenden Wochen ein Schnippchen zu schlagen. Und wer könnte das besser als Mephisto! Ach, hätte er doch die Macht, die ihm Goethe zuschrieb! Dann würde er vielleicht all die unsinnigen Verbote, die die Kultur für Wochen in den Keller sperren, mit einem Handstreich und einem höhnischen Hohoho zunichte machen.

Erwin Schrott nahm für diesen Abend die Rolle des allmächtigen Mephisto ein: Mit der sonoren Bassbaritonstimme füllt er den Saal bis in die letzen Winkel. Wenn er in höhnisches Gelächter über die kurze Liebe Fausts zu Gretchen ausbricht (aus: Gounod, Faust,“ Vous qui faites l´endormie“) oder mit „Voici des roses“ (Berlioz:“ La damnation de Faust“) Gretchen und Faust mit trügerischer Sanftheit einlullt – er ist auch ganz ohne Kostüm, Maske und Kulisse Mephisto. Völlig enthemmt und toll geworden singt er die Arie „Voici donc les débris…Nonnes qui resposez“ (Meyerbeer:“ Robert le diable“), pfeift schrill und bedrohlich, als hätte sich der Höllenschlund aufgetan.

Dazwischen fährt er die Betriebstemperatur ein wenig hinunter und stellt vier junge Streicher vor, die als „Ensemble Quartissimo“ den Preis „Die goldene Note“ gewannen. Sie spielten sehr flott den Mephisto Walzer Nr.1 von Franz Liszt.Schwungvoll setzt Ernst Schrott mit Arrigo Boitos Lied „Sono lo spirito che nega“ aus „Mefistofele“fort. Das ist ein ganz anderer Mephisto, ein heiterer, witziger, der im Sambaschritt dahertänzelt. Von da gehts direttissima zu Astor Piazzolla mit „Tango del Diablo“ . Danach mit „Vuelvo al sur“ – ein Sehnsuchtslied nach der alten Heimat. Mit „Pasional“ von Soto und Caldara endete das Programm sehr dramatisch.

Trotz langem und begeistertem Applaus gab es nur eine Zugabe.

Die nächsten Great Voices -Termine sind – so die Regierung die Kultur frei gibt :

Am 15. Jänner 20121 stellt sich der neue Startenor Benjamin Bernhelm mit Arien von Donizetti bis Puccini vor.

Am 28. Februar 2021 wird Asmik Gregorian, die berühmte Stimme für Salome, singen.

Der Abend mit Jonas Kaufmann ist verschoben. Ein neuer Termin ist noch nicht bekannt.

http://www.greatvoices.at

Apropos „Kultur in den Keller gesperrt“! Ich empfehle allen, die sich mit der rigorosen Schließung aller Kultureinrichtungen nicht abfinden, bzw. sie nicht verstehehn können, das Empörungsfeuilleton von Renate Wagner:/https://onlinemerker.com/apropos-verdammt-noch-mal/

Der Leichenverbrenner. Franzobel nach Ladislav Fuks. Akademietheater

Regie: Nikolaus Habjan. Puppenbau: Nikolaus Habjan und Marianne Meindl. Bühne: Jakob Brossmann. Kostüme: Cedrik Mpaka

1967 schrieb der tschechische Autor Ladislav Fuchs (1923-1994) den Roman „Der Leichenverbrenner“. Darin lotet er die Mechanismen aus, die aus einem Familienvater einen glühenden Nazi und Mörder werden lassen. Franzobel arbeitete den Roman zu einem irritierenden Drama um. Der Intention des Werkes folgend schuf er eine Art Fabel, in der die Protagonisten stellvertretend für Menschen in einer gefährlichen Umbruchszeit stehen. Alle handelnden Personen sind Prototypen, sie agieren wie Marionetten nach einer Logik, die ihnen eingeschrieben ist. Wann und wie aus einem „fürsorglichen Familienvater“, wie sich Karel Kopfrkingl gerne selbst lobt, ein Anhänger Hitlers und Mörder wird, lotet Franzobel in einer Art Stationendrama aus.

Karel Kopfrkringl testet gerne die Macht über seine Kinder und Frau aus. Die Grausamkeiten tarnt er unter einem Geschwürbe von schönen Worten. Je mehr er verletzt, desto mehr betont er seine Fürsorge. Eine Gewaltrspirale unter dem Deckmantel der Liebe. Michael Maertens in glatter Scheitelfrisur und korrektem Anzug spielt diese Rolle des mordenden Menschenfreundes perfekt. Mit einer Kunstsprache, in der immer der Ton Grausamkeit mitschwingt, wird er zum perfekten Typus des karrieresüchtigen Mitläufers. Denn nach jedem Verrat an Freunden steigt er die Leiter im Krematorium hoch, bis er schließlich Direktor dieser Menschenverbrennungsanlage wird.( Die Symbolik ist ein wenig zu vordergründig, aber wirksam!) Dorothee Hartinger ist eine in stummer Ergebenheit nebenher stehende Ehefrau, die nur hin und wieder aufmuckst, wenn der Göttergatte den schüchternen Sohn (Sabine Haupt) in Grund und Boden kritisiert und lächerlich macht. Alexandra Henkel als Tochter schleckt Eis und malt sich die Lippen an, lässt die Attacken des Vaters an sich abprallen. Dem Schicksal, vom Vater erschlagen und in einen Sarg gebettet zu werden, entgeht sie dennoch nicht. Denn der treusorgende Familienvater findet seine Familie zunehmend karrierebehindernd. Deshalb bringt er auch gleich die Frau und den Sohn um. Wenn schon, denn schon. Als Belohnung für seine Taten winkt ihm der Posten eines Dalai Lama. Das ist kein Witz, sondern Groteske auf die Spitze getrieben.

Ein Stoff, für den Puppenspieler Nikolaus Habjan wie geschaffen! Gemeinsam mit Manuela Linshalm (Puppenbauerin und Puppenspielerin) und Jakob Brossmann, verantwortlich für die Bühne, schuf er ein Theater der Groteske. Er ließ das ganze Geschehen in einer Bühne auf der Bühne ablaufen. Schuf Puppen von betörender Grauslichkeit, wie etwa das streitende Ehepaar: Sie ist eine Kassandra, die das Übel des Weltkrieges kommen sieht, er hält sie für dumm und krank und verdrischt sie nach Lust und Laune. Grausamkeiten, die man als Zuschauer nur erträgt, weil es Puppen sind. Eindrucksvoll auch die Puppenfigur des überzeugten Hitleranhängers Reinke, hinter der Nikolaus Habjan in Totenmaske steht.

Ein Abend, der Ablehnung und Bewunderug auslöst. Ablehnung, weil die Figuren oft recht klischeehaft gezeichnet sind. Bewunderung für die Leistung der Schauspieler und der Puppenspieler, die aus dem grotesk-tragischen Mischmasch ein eindrucksvolles Ganzes schufen.

http://www.burgtheater.at

Aterballetto aus Italien: Don Juan im Festspielhaus St.Pölten

Im obigen Titelfoto verführt Don Juan, getanzt von Saul Daniele Ardillo, Elvira, getanzt von Estelle Bovay.

Die italienische Ballettgruppe „Aterballetto“ zeigte „Don Juan“, von dem schwedischen Choreograph Johan Inger atemberaubend und packend in Szene gesetzt. Auf einer dunklen Bühne (Curt Allen Wilmer und estudiosDos) stehen dicht aneinander gereiht schwarz-graue Kontainer, die sich wahlweise in Betten, Bäume oder in Häusermauern verwandeln.Durch den Einsatz von Lichtinseln (Fabiana Piccioli) und Neukompositonen von Marc Alvarez wird das Geschehen pointiert unterstrichen und vorangetrieben.

Mit 16 Tänzern – 8 Frauen, 8 Männern – gestaltet Johan Inger das Leben des Frauenjägers von seiner Geburt bis zum Verschwinden ins Nichts. Dabei hält er sich im Großen und Ganzen an die bekannte Geschichte, wie wir sie aus der Mozartoper kennen, ließ sich aber auch von Bert Brecht und anderen Don Juantexten inspirieren. Einige Figuren wie die Mutter Don Juans oder das Straßenkind sind neu. Leporello – im Stück Leo – ist eine schillernde Figur, einmal Leporello( Philippe Kratz), der widerspenstige Diener, dann wieder das Alter Ego. Neu und interessant ist die Figur der Mutter (Ina Lesnakowski). Sie verfolgt von der Geburt an ihren Frauenliebling, greift immer wieder ein. Sein Leben endet jäh auf der Kante eines der Betten, auf denen er die Frauen verführte. Er wird von schwarzen Gestalten ins dunkle Nichts gekippt.

Mit immer neuen, spannenden Figuren aus dem zeitgenössischem Ballett und dem Modern Dance schafft Johan Inger psyhologische Porträts der Figuren und macht die Handlung verständlich. Die Leistungen der gesamten Truppe sind enorm, fast unglaublich jedoch die des Don Juan. Er ist eineinhalb Stunden ohne Unterbrechung auf der Bühne. Seine tänzerischen und akrobatischen Qualitäten nehmen einem fast den Atem. Die Liebesakte tanzt er mit ungenierter Offenheit: Kaum hat er eine Frau „bezwungen“, rast er zur nächten. Zu den stärksten Szenen gehört die Hochzeit Zerlinas. Während die geladenen Gäste in ein wildes Bacchanal ausbrechen, verführt Don Juan die Braut ganz ungeniert.

Don Juan, Zerlina (Serena Vinzio) und Leo (Foto: Viola Berlanda)

Begeisterter Applaus und viele Bravorufe!

http://www.festspielhaus.at

Molière: Schule der Frauen. Landestheater Niederösterreich

Regie: Ruth Brauer-Kvam, Bühne: Monika Rovan, Kostüme: Ursula Gaisböck, Musik: Ingrid Oberkanins

Ein schon in die Jahre gekommener Esel von einem Mann, bekannt in Paris als Spötter und Eheflüchter, entschließt sich zu heiraten. Um ja sicher zu gehen, dass ihn seine Zukünftige nicht betrügen wird, züchtet er sich die ideale Ehefrau heran: Ein Mädchen aus dem Kloster, das nichts von der Welt gesehen hat. Dumm soll sie sein, dumm soll sie bleiben. Doch dieses Mädchen ist klüger als der alte Esel vermutet. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, die der alte Esel – Molière nennt ihn Arnolphe – setzt, verliebt sich das Püppchen – Agnès genannt – in den lebenslustigen Horace, der sie die Freuden des Lebens, der Liebe lehrt. Natürlich bekommt Agnès ihren Horace und Arnolphe muss klein beigeben.

Eine Klischee- Geschichte, oft durchexerziert in der Oper, vor allem aber Grundlage für viele Komödien, besonders der Commedia dell`Arte und der späteren Zeit.

In einer Komödie fragt man nicht, ob das Thema heute relevant ist. Hauptsache ist der Witz, der Einfall. Manche Regisseure setzen den Stoff in die Gegenwart (so gerade in der Staatsoper im „Don Pasquale“ zu erleben und zu genießen). Viele greifen auf die Figurenführung und Kostüme der Commedia dell`Arte zurück und bleiben in dieser Zeitschiene.

Ruth Brauer-Kvam setzt alles ein, was aus der Komödienkiste kommt: Die Übertreibung aus dem Slapstick, die Bewegungen aus der Commedia dell`Arte, Grundzüge aus dem Marionettentheater und Heutiges, wie zum Beispiel die Musik von Ingrid Oberkanins, die das Geschehen ironisch begleitet . Eine Mischung, die amüsant ist, aber die Gefahr des Zuviel birgt.

Alle Schauspieler sind mit einem überschäumenden Temperament ausgestattet. Voller körperlicher Einsatz wird verlangt, vor allem von Tim Breyvogel und Tobias Artner als die beiden urdummen Diener von Adolphe, gespielt von Tilma Rose. Letzteren in seinem Antrittsmonolog zu verstehen, war ziemlich mühevoll. Denn bis die Worte auf den Balkon, 3. Reihe, gelangten, waren die Endungen und manche Vokale schon irgenwo im Nirwana verschwunden. War der deutschgefärbte Akzent bewusst eingesetzt? Entzückend Laura Laufenberg als Agnès. Zuerst als Puppe mit Rollschuhen, dann im Laufe ihrer Emanzipation in kurzem Kinderkleidchen. Zuerst naiv, dann aber schlau naiv. Witzig auch Horace (Philip Leonhard Ketz) als Latin-Lover. Er ist niedlich, wie er so verliebt über die Bühne haspelt und stolpert. Einmal auch zu Pferd, was irgendwie komisch sein sollte, aber doch nicht allzu schlüssig war. Es blieb ein Gag um des Gags willen.

Die Idee, mitten im Geschehen die Figuren Uranie und Climène umhermarschieren und das Spiel kommentieren und kritisieren zu lasssen, wirkt allzu gewollt und aufgesetzt „postmodern“. Schon klar, sie stellen die Kritiker, die einst über Molière herfielen, und zugleich die möglichen Kritiker der gegenwärtigen Aufführung dar. Doch die theoretischen Auseinandersetzungen gehen in dem allgemeinen Trubel unter. Noch unnötiger ist das Liebesgerede der beiden.

Fazit: Eine quirlige Inszenierung, gespickt mit vielen Regieeinfällen, die manchmal zu viel des Guten sind. Körperlich gut trainierte Schauspieler, die mit vollem Einsatz spielen.

http://www.landestheater.net

Landestheater Salzburg: Faust. Inszenierung:Carl Philipp von Maldeghem

„Faust“, wie man ihn noch nie so klar, ganz ohne Regiekapriolen gesehen hat. Für mich die beste Faust-Inszenierung, die ich je erlebte.

Wenn der Intendant des Landestheaters von Maldeghem und Christian Floeren (Bühne und Kostüme) zusammenarbeiten, dann weiß man, dass es großartig wird. Ein Feuerwerk an Bildern und Schauspielleistungen ließ mich ruhig zurücklehnen und genießen! Ich war nicht gezwungen, mich zu fragen, was dieses oder jenes bedeuten könnte. Alle Szenen waren eingängig, ohne dabei einer Simplifizierung zum Opfer zu fallen.

Dass die Schauspieler durchwegs großartig waren, versteht sich von selbst. Allen voran der quirlig-witzige Gregor Schulz als Mephisto. Er wirbelt über die Bühne und lehrt Faust, was Leben heißt. Denn der (Christoph Wieschke) bekommt hier von der Regie ordentlich sein Fett ab: Ein erfolgloser, frustrierter Forscher, der mit seinem Leben nichts mehr anzufangen weiß und gerade dabei ist, sich umzubringen. Irgendwie tranig verfolgt er, was da Mephisto ihm vorspielt, selbst der Verjüngungstrank kann ihn nicht wirklich in einen Jungspund verwandeln. Ein Mädchen, fast noch ein Kind, muss es sein!. Ein junges, frisches Ding, ja, da wachen seine Hormone auf. Nikola Rudle als Gretchen gibt es ihm ziemlich barsch: Danke, ich brauch keine männliche Begleitung, ich finde allein nach Hause. Und schwingt ihren reizenden Popo, der in einer kurzen, abgerissenen Jeans steckt, von dannen. In keiner Szene wird sie zu einem Jammerwesen. Stark bis zum Schluss. Im Gefängnis ist sie nicht wahnsinnig, sondern klarsichtig und scheucht Faust mit den bekannten Worten: Heinrich, mir graut vor dir, aus dem Käfig.

Von Maldeghem inszeniert den Faust in sprachlicher Klarheit – die Verse kommen wie selbstverständlich, machen keine Mühe. In die faszinierenden Bühnenbilder voll optischer Überraschungen stellt er schlichte, aus dem Alltagsleben herausgeschnittene Figuren hinein. Nie kommt Pathos oder hohle Deklamation auf. Es wird eine Beziehungsgeschichte gezeigt, die tragisch ausgehen könnte. Aber Tragik war nie so recht Goethes Sache gewesen. Er zog in seinen Dramen fast immer den positiven Schluss vor: Gretchen wird nicht der Hölle preisgegeben, sondern von dem Herrn persönlich (gespielt von Larissa Enzi als weiblicher Gott) gerettet.

Viele Szenen werden in Erinnerung bleiben, etwa das Federballspiel zwischen Mephisto und Faust, in dem Faust von Mephisto verlangt, er möge ihm gefälligst den WEg in Gretchens Bett ermöglichen. Dem Mephisto verschlägt es die Sprache über die Machoforderungen seines Klienten. Vorsichtig gibt er zu Bedenken: Gretchen ist noch ein Kind! Mephisto wird zum moralischen Mahner!!. Aber für Faust bleibt alles ein Spiel, selbst als Gretchen ihn kurz darauf fragt, wie er es mit der Religion hält. Er gibt ausweichende Antwort, spielt lieber weiter Federball. Im Garten spielen Gretchen und er kindisch Fangen, kreischend und lachend. Die Liebe ist Spiel, dann ganz plötzlich bitterer Ernst – übergangslos der Schrei Gretchens: die Mutter ist tot, sie hat ihr zu viel von dem Schlafmittel gegeben.

Obwohl eine Corona bedingt verkürzte Fassung gespielt wurde, wurde das Werk nicht bracchial, sondern mit viel Gespür für die Grundlinien gekürzt.

Ein Abend, der es wert ist, von Wien nach Salzburg zu fahren! Man verlässt das Theater mit dem innigen Wunsch, so ein Maldeghem möge auch Wien geschenkt werden. Nicht vorzustellen, was man da in der Burg oder im Volkstheater erleben könnte!

http://www.salzbürger-landestheater.at

Kunstforum Wien zeigt Gerhard Richter

Gerhard Richter, geboren 1932 in Dresden, gilt als einer der bedeutendsten Maler der Gegenwart. Seine Bilder erzielen Millionenpreise. Das Bank Austria Kunstforum zeigt eine umfangreiche Retrospektive der Landschaftsbilder. Der Künstler behauptet gerne von sich, dass er in jedem Stil malen könne: Real, surrelal, abstrakt.

In der Ausstellung werden Bilder auf Basis von Fotomotiven, atmosphärische Landschaftsbilder mit augenzwinkerdem Hinweis auf die Ära der Romantik, abstrakte Gebirgsbilder und überaus interessante Übermalungen gezeigt.

Eine Ausstellung, die man nicht versäumen sollte. Noch zu sehen bis 14. Februar 2021.

http://www.kunstforumwien.at

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Landestheater Niederösterreich

Nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann. Inszenierung und Fassung: Felix Hafner

Kein leichtes Unterfangen, aus dem vielschichtigen und hintergründigen Roman von Thomas Mann eine leichte, flauschig-luftige Komödie zu machen. Chapeau! in einer Stunde und 20 Minuten verstand es der Regisseur Felix Hafner, sein Publikum auf hohem Niveau zu unterhalten.

Ein einfaches Bühnenbild (Anna Sörensen) – ein Tisch, der zur schiefen Bahn, zur Weltbühne oder zum Tennisplatz wird, erlaubt, ohne Kulissenwechsel das ganze gesellschaftliche Spiel um Betrug und Betrogenwerden abzuspulen. Vor allem verdankt das Stück seinen ERfolg den durchwegs guten Schauspielern, die im raschen Rollenwechsel geübt, vom Kleinbetrüger zum König (Laura Laufenberg), vom Stabsarzt zum Hoteldirektor (Michael Scherff), vom Beamten zu Madame Houpflé (Nanette Waidmann) und von der Concierge zum Marquis de Venosta (Tilman Rose) mutieren. Als komödiantisches Supertalent erwies sich Tobias Artner in der Rolle des Felix Krull: Hübsch anzuschauen in einem Glitzerbody, sehr erotisch, mit dem nötigen Augenzwinkern, spielt er diese Rolle bravourös.

Zu Beginn erleben wir ihn, wie er – angelehnt an das letzte Abendmahl – seinen devoten und staunenden Anbetern sein Erfolgsrezept verrät: Beobachten, beobachten! Dann blitzschnell erfassen, wie er -gleichsam als vorauseilender Wunscherfüller – sein Gegenüber manipulieren kann. So gelingt es ihm, dem Wehresstabsarzt den Epileptiker vorzuspielen. Der ist ganz verzückt über die vermeintlich von ihm so genial gestellte Diagnose und erklärt ihn für untauglich. Das System funktioniert: Felix erspürt mit fast animalischer Intelligenz die Wünsche seines Partners, Partnerin, bevor diese noch überhaupt wissen, was sie wünschen werden. Ein tolles Rezept für jeden Machtpolitiker!

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Elena Ferrante: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen. Suhrkamp

Aus dem Italienischen von Karin Krieger

Wieder ist Neapel der Schauplatz, wieder geht es um Familiengeschicke, Wieder aus den Augen einer Halbwüchsigen. Man glaubt sich in dem Vierteiler „Meine geniale Freundin“, dann doch wieder nicht. Denn den Figuren fehlt die Glaubwürdigkeit, die existentielle Tiefe.

All zu deutlich spürt man, dass dieses neue Werk der Autorin ein Art Aufguss der Neapeltrilogie ist. Man liest es mit dem Aha -Effekt – das kennen wir schon. Giovanna, ein Mädchen aus der gutbürgerlichen Oberschicht (sie wohnt auch im noblen Oberteil von Neapel) seziert, zerlegt und zertrümmert das Bild, das ihre Familie nach außen aufgebaut hat. Dass sich Giovanna gleichsam als Nerd gebärdet, ist ärgerlich, denn es fehlt ihr alles Maß. Sie meint, sie, nur sie allein hat die moralische Kompetenz, die Lügen der Erwachsenen aufdecken zu müssen. Dieses manisch-aggressive Verhalten mag ja typisch für die Zeit der Pubertät sein. Aber gerade dadurch wird es mehr ein Buch über die allgemein bekannten Zickigkeiten, Widrigkeiten, die 13-15- Jährige so erleben. Anders als in der Neapeltrilogie erfahren wir kaum Neues über die Stadt, es werden Straßen und Plätze genannt, die sich aber nicht mit Leben füllen. Ähnlich wie in der Neapeltrilogie strebt Giovanna nach intellektuellem Futter – diesmal erfüllt eine Art Priesterfigur diese Funktion. Der stammt aus Neapel, lebt und lehrt in Mailand – auch hier die Parallele zur Trilogie: Mailand, das ersehnte Zentrum der Intelligenzia . Es bleibt aber bei der Schwärmerei Giovannas zu diesem eigenartigen Halbheiligen, sie liebt ihn, lässt sich aber von einem ziemlich groben Straßenjungen aus dem „Industrieviertel“ Neapels ganz ohne Gefühlsregung entjungfern. So unter dem Motto: Damit ist auch dieser Schritt zum Erwachsenwerden erledigt.

Zusammengefasst: Aus Neapel nichts Neues, nur andere Namen, aber die ohne Leben.

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Uta Ruge: Bauern, Land. Kunstmann Verlag

Untertitel: Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang

Ute Ruge, auf Rügen geboren, wuchs nach Flucht der Familie nach dem 2. Weltkrieg in einem kleinen Dorf im Bachenbrucher Moor in Norddeutschland auf., Zum Studium der Germanistik zog sie nach Marburg und Berlin, wo sie auch heute lebt.

Als ihr Vater starb, übernahm ihr Bruder Waldemar den Hof.

Mit dem Buch will die Autorin die Sichtweise der Städter auf die Arbeit der Bauern mit der Realität im Hier und Jetzt vergleichen, die Vorurteile, die auf beiden Seiten herrschen, ausräumen und Klischeevorstellungen klarstellen. Ob sie sich vielleicht zu viel vorgenommen, fragt sich der geduldige Leser, der sich, weil das Thema ja spannend ist, durch 450 Seiten geballte Information brav durchkämpft.

Die verschiedenen Teile werden mit „heute“, „damals“ und „Vergangenheit“ überschrieben. In den Kapiteln „Vergangenheit“ arbeitet Uta Ruge die historische Entwicklung des Bauernstandes auf und weist immer wieder auf das – meist romantisierte – Bild des Lebens auf dem Lande in Literatur und Malerei hin. Diese Kapitel allein würden locker ein ganzes Buch füllen.

Authentizität ist Uta Ruge ganz wichtig. Deshalb fährt sie, die inzwischen das Landleben hinter sich gelassen hat und in der Großstadt lebt, immer wieder zu ihrem Bruder, um ihm, zu seinem Ärger, bei der Arbeit zuzusehen und Fragen zu stellen. Dabei entdeckt sie die Unvereinbarkeiten der Denkweisen: Ihrem Bruder geht es nicht um Naturschutz und Ökologie, er will nur den Lebensunterhalt gesichert wissen. Und das sei – so Waldemar – durch diverse EU- und Naturschutzbestimmungen, sowie durch Preisdumping des internationalen Marktes immer schwieriger. Während die Städter von artgerechter Viehhaltung, von handgemolkenen glücklichen Kühen schwärmen, muss Waldemar immer mehr in Technik und Düngemittel investieren, um überhaupt über die Runden zu kommen. Eine immer wiederkehrender Streitfall sind die Wölfe – für die Bauern gefährliche Tiere, die Städter wollen sie geschützt wissen. Uta Ruge zeigt viele Punkte der Unvereinbarkeit auf.

In den Kapiteln „damals“ schildert sie ihre eigene Kindheit in diesem Dorf. Sie wuchs auf, als der Schulweg noch weit war, es nur eine Klasse gab, der Lehrer mit dem Lineal die Finger der Kinder wund klopfte. Was harte Arbeit auf dem Feld war, das lernten sie schon sehr früh. Erinnerungen an Sommer voller Freiheiten, an Feste, an Nachbarschaftstreffen verklären diese harte Kindheit ein wenig.

Ein überaus interessantes Buch, das gerade Lesern empfohlen sei, die von „naturnahen Landschaften“ schwärmen, gegen Monokultur und Einsatz von chemischen Düngemitteln wettern. Nach der Lektüre ist man als Städter ein wenig vorsichtiger mit den Vorwürfen, die so allgemein und spezifisch gegen Bauern erhoben werden-

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Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall. Diogenes Verlag

Wer „Muldental“ von der Daniela Krien gelesen hat, fühlt sich in ihrem neuen „Roman“ gleich zu Hause: Wieder schildert sie verschiedene Frauen, die alle eines gemeinsam haben: Sie sind in der DDR aufgewachsen und erleben nun die neue Freiheit. Anhand des Lebens von Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinda stellt die Autorin Lebensmöglichkeiten oder auch -unmöglichkeiten vor. Das Thema der ehemaligen DDR tritt zurück, sie entwirft Prototypen der weiblichen Lebenswege, die noch geprägt sind vom alten Frauenbild, aber schon weit im Aufbruch hin zu einer Zeit der Selbstsändigkeit sind.

Paula hat eigentlich nicht vor, sich so bald zu binden. Doch Ludger hat schon den Plan ihrer gemeinsamen Wohnung in der Tasche. Der Abschied von ihrer Feundin Judith fällt ihr schwer. Bald bewegt sich ihr Leben nur zwischen Babyfläschchen und Windeln. Sie protestiert, sie leben nebeneinander her. Das zweite Kind stirbt, und die Trauer zerstört die Ehe.Ein neuer Partner tritt auf den Plan: Wenzel.

Die Lebensform der ungebundenen Frau gefällt Judith. Anders als Paula genießt sie das Leben, hat ein Reitpferd und verschiedene Sexpartner, die sie im Internet angelt. Ihren Job als Ärztin erledigt sie perfekt, aber ohne Empathie. Auf Frauen, die eine innige Partnerschaft erleben, ist sie neidisch. „Sie braucht einen Mann, obwohl sie ihn früher oder später verachten wird“

In knapper, sehr kühler Sprache arbeitet Daniela Krien fünf verschiedene Frauenfiguren wie Skulpturen aus einem Block heraus. Seite für Seite enthüllt sie Wünsche, Enttäuschungen, Wunden, Hoffnungen, die wahrscheinlich jede Frau erlebt. Durch die exzellente Durchzeichnung der verschiedenen Charaktere kommt nie auch nur ein Hauch von Banalität oder Kitsch auf.

Wie in Schnitzlers „REigen“ verknüpft Daniela Krien die einzelnen ERzählungen zu einem Romangebinde, lässt Figuren für eine Zeit verschwinden, um später sie wieder im neuen Kontext einzufügen .

Ein Buch, das Frauen, aber auch Männern zu denken gibt

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„Die Königin ist tot“ nach dem Roman von Olga Flor

Künstlerische Leitung, Regie: Anna Maria Krassnig. Regiemitarbeit:Jérôme Junod. Bühnenbild: Andreas Lungenschmid, Licht: Lukas Kaltenbeck. Eine Produktion von „wortwiege“

Ort:In einem Tonnengewölbe der Kasematten in Wiener Neustadt. Das Publikum wird durch die wuchtigen Mauern und Gänge auf das Drama eingestimmt.

Bühnenbild: Ein riesiger blauer Mauerbogen umspannt die Szenerie, die an einen vom Wasser überspülten Palast in Vendig erinnert. Stege ermöglichen noch ein mühevolles Weiterkommen. Über eine Treppe gelangt man in eine geheimnisvolle Höhe.

Die Akteurinnen: Drei Frauen (Nina C. Gabriel, Petra Staduan, Isabella Wolf). Sie sehen alle gleich aus, weil sie eine Frau in ihren verschiedenen Charakter- und Entwicklungsstufen darstellen. Sie heißt/heißen Lilly und erinnern in manchen Zügen an die Lady Macbeth aus Shakespeares gleichnamigen Drama.

Die drei Lillys (Foto: Andrea Klem)

Zu Beginn gleich ein Vorgeschmack, wie diese Lilly an die Macht kommt: Als Liftgirl bläst sie dem Medienzar Duncan bei jedem Stockwerk einen Orgasmus. Solch Geschick wird belohnt, er heiratet sie. Wie das so ist, tauscht er sie bald gegen eine Jüngere aus, sie bekommt seinen Stellvertreter. Dann dreht sich die Gewalt- und Intrigenspirale in einem wahrhaft mörderischen Tempo: Mord, Denunziation, Hinrichtungen… alles ist möglich! Bis zur Erschöpfung der Ladies/Lady, die Selbstmord begeht. Auch das Publikum ist erschöpft. Denn dieses Mörderspiel braucht höchste Konzentration. Kurze Absenzen werden sofort bestraft, denn man verliert den inhaltlichen Faden: Wer hat gerade wen umgebracht?

Aber der eigentliche Reiz dieses Spiels liegt in der faszinierenden Inszenierung: Alles dreht sich um Lilly/ die Lillys. Nur ihre Sicht gilt. Die zahlreichen Männer dürfen auch mitreden, aber nur im Off als Fotomontage und als Zitate aus dem Mund der Ladies: „..sagt er“. Olga Flor und die Regisseurin haben durch die drei Lillys einen sezierenden Blick auf die Männerwelt geworfen. Doch zugleich entblösst und denunziert Olga Flor auch das heutige Frauenbild. Mitleidlos reißt sie den Frauen die Maske herunter. Darunter kommt ein berechnender Charakter hervor, dem alle Mittel recht sind, die Männer mit Sex und Intrigen klein zu kriegen. Mit glasklarer, sezierender Sprache und in einem fast archaischen Rhythmus deklinieren die drei Lillys die Begriffe Sex, Verführung, Intrige, Lüge und Mord herunter. Da stehen sie in Nichts den Männern nach.

Eine beeindruckende Leistung. Leider verabschiedet sich die Gruppe „wortwiege“ fürs Erste und kommt erst wieder im Herbst 2021. Dann mit einem neuen Programm, auf das man gespannt sein darf!.

http://www.wortwiege.at

Heiner Müller: Quartett. Im off-theater.

Regie: Luca Palyi, Bühne und Kostüm: das Team.

Tamara Stern ist den Besuchern des off-Theaters keine Unbekannte. In „Kein Groschen, Brecht“ spielt sie großartig alle Figuren, schlüpft flott von Brecht in all die Frauen, die der große Brecht recht kostengünstig auszunützen verstand.

Blitzschneller Rollenwechsel ist ihre Domäne. Gemeinsam mit Gerald Walsberger spielen die beiden das pikante Vexierspiel um Verführung, Bigotterie und Gesellschaftsintrige. Als Marquise de Merteuil, die Tratsch- und Intrigentante im französischen Rokoko, verleitet sie ihren ehemaligen Liebhaber Vicomte de Valmont, die eben aus der Klosterschule entlassene Nichte Cécile zu verführen. Als Gewinnerpreis für die vollzogene Entjungferung lockt eine Liebesnacht mit ihr. Doch Vermont zieht nur halbherzig mit. Zunächst möchte er endlich die bigotte Madame de Tourvel zur Strecke bringen. Was ihm gelingt, doch danach bringt sich die Gefallene um.

Wie nun die beiden Schauspieler blitzschnell in die Rolle des anderen Geschlechts schlüpfen, ist ein Teil des großen Vergnügens, das den Zusehern bereitet wird. Komik birgt die Tragik einer Gesellschaft in sich, die Sex mit Liebe verwechselt, die Erotik als Spiel um Eroberungen und Niederlagen ansieht. Man lacht über die Entjungferung Céciles, das als Schatten-Handspiel, wie man es mit Kindern übt, eingebettet im schlüpfrig- eindeutig-zweideutigen Text, über die Bühne geht.

Am Ende hat man einen vergnüglichen Abend verbracht, die beiden Schauspieler haben mit Hingabe gespielt, die etwa zehn (!) Zuseher haben begeistert geklatscht, um den Einsatz des Teams zu belohnen. Aber was heißt schon „belohnen“? Einmal mehr kam die prekäre Lage der freien Theaterszene ganz deutlich heraus: Die Schauspieler müssen, wollen spielen, auch wenn nur zehn Leute im Zuschauerraum sitzen. Und wie kann ein kleines Theater wie dieses, wie können die Schauspieler mit einer Minigage überleben? Was tut die Politik? Die hochgelobte Andrea Mayer?

Wir als Zuschauer können nur eines: Ins Theater gehen, trotz Corona!

„Das Quartett“ ist ein Koproduktion von DAS OFF THEATER und *sterne*reißen*

http://www.off-theater.at

Wiener Staatsballett in der Volksoper: „hollands meister“

Vier große Choreographen des „Nederlands Dans Theaters“ zeigen Meisterwerke:

Sol León und Paul Lightfoot: Skew-Whiff. Musik Gioachino Rossini: La gazza ladra, Ouvertüre

Hans van Manen: Adagio Hammerklavier. Musik Beethoven: Große Sonate für das Hammerklvier, Adagio

Jiri Kilián: Symphony of psalms. Musik Igor Strawinski: Symphonie de Psaumes

Szene aus „Skew-Whiff“ (Foto: Ashley Taylor)

Skew-Whiff bedeutet laut der beiden Choreographen Kauderwelsch oder „in Schräglage“. Schräg und witzig ist alles: Mimik, Figuren und Bewegungen. Hier wird gekämpft, geworben, geflirtet. Versuche gehen daneben, es darf gelacht werden. Schnelle Schritte, die oft ins Leere gehen, Figuren, die man so bisher nicht gesehen hat, alles ein wenig schief, schrullig. Die Tänzer rollen die Augen, schneiden Grimassen, stoßen unverständliche Laute aus. Alles in allem ein herrlicher Ballettunsinn auf sehr hohem Tanzniveau!

Olga Esina und Robert Gabdullin (Foto: Ashley Taylor)

„Adagio Hammerklavier“Drei Paare tanzen, die Frauen auf Spitze, die Männer mit nacktem Oberkörper. Sie tanzen die klassischen Figuren, Arabesken, pas de deux, alle Formen, die man vom klassischen Ballett kennt. Doch man erlebt kein phrasenhaftes Abtanzen, sondern Leben. Jede Bewegung ist frei von jeglicher Pose, mit Gedanken, Konzentration erfüllt. Die langsame Klaviermusik (live:Shino Takizawa) lässt die Tänzer in einem schwerelosen Raum schweben. Für Olga Esina, die Grande Dame des Balletts, eine Rolle, die ihr in die Seele, ins Gesicht, in den Körper geschrieben ist. Da zeigt sie einmal mehr die hohe Kunst der langsamen Bewegung, der Minimalverzögerung, die mit freiem Auge nicht leicht erkennbar ist. Wenn der Vorhang fällt, erwacht man aus einem Traum der Schwerelosigkeit.

Szene aus der Psalmensymphonie (Foto: Ashley Tylor)

Jiri Kilians Interpretation der Psalmensymphonie könnte ein Mysterienspiel sein, ein Initiationsritus. Der rote Hintergrund aus verschiedenen alten Teppichen (Bühne: William Katz) wandelt sich je nach Licht in eine Felsenmauer.oder in einen Tempel. Vor diesem geheimnisvollen Hintergrund tanzen Frauen zunächst als Bittstellerinnen vor der Mauer der unüberwindbaren Männer, die ihr Urteil fällen. Man denkt an Kafkas Erzählung „Vor dem Gesetz“: Jemand begehrt Eintritt, der Hüter schickt ihn weg, obwohl das Tor immer offen war und jeder durch das Tor hätte gehen können.. Eine Parabel über Macht und Unterwerfung. Aber in Kilians Deutung kommt es am Ende doch anders: Die Frauen triumphieren.

Ein subtil und feinsinnig zusammengestellter Abend, ein großartiges Ensemble, das die fordernden Choreographien mit Bravour meistert.

Das Publikum dankt mit viel Applaus und Bravos!

http://www.staatsballett.at

http://www.volksoper.at

Ein Abend mit Andrea Jonasson im Theater „Komödie am Kai“

Ein Benefizabend zu Gunsten des Theaters „Komödie am Kai“

„Ich trage den Smoking von Giorgio Strehler.“ So begann ein interessanter und berührender Abend. Ein Gespräch, zu dem die Schauspielerin gleichsam in ihr Wohnzimmer einlud. Im Mittelpunkt Erinnerungen an Giorgio Strehler, dem Theatergiganten und Ehemann. „Er fehlt mir sehr“, gesteht sie. In den Erinnerungen, die sie dem Publikum an diesem Abend schenkt, wird er lebendig. Bringt ihr Italienisch bei, quält sie mit Details, die aber ungeheuer wichtig sind. Lässt sie Sätze hundert Mal üben. Selbst Jahre nach seinem Tod spürt man die Verbundenheit dieser beiden Theatermenschen.

„Wie erklärt man ein Genie?“ fragt Andrea Jonasson. Sie versucht es. Giorgio Strehler, der Magier: Mit wenigen Effekten und einfachen Mitteln zaubert er das Licht und die Wellen Venedigs auf die Bühne. „Ich hatte großes Vertrauen in ihn. Ich wusste gar nicht, dass ich so gut bin“, sagt sie hörbar bewegt. Strehler war es, der sie immer und immer wieder auf die Bühne stellte und mahnte, sie dürfe nie das Theater verlassen. „Und nun habe ich nichts, keinen Theatervertrag“, gesteht sie mit berührender Offenheit. Wahrscheinlich fragen sich alle im Publikum, warum der Direktor des Theaters in der Josefstadt sie nicht beschäftigt.

Zwischen den Erinnerungen an Giorgio Strehler liest sie Gedichte von Heinrich Heine, Bert Brecht und aus den „Alten Meistern“.

Ein Abend, an dem eine große Schauspielerin unerwartet offen über ihre große Liebe und Bewunderung für Giorgio Strehler spricht und Kostproben ihrer Interpretationskunst dem Publikum schenkte.

http://www.komoedieamkai.at

Festspielhaus St.Pölten eröffnet mit „Das Dschungelbuch“ nach Kiepling. Eine Produktion von Théâtre de la Ville-Paris

In englischer und französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Regie, Bühne und Licht: Robert Wilson. Musik und Liedtexte: CocoRose

Was für ein heiterer, unbeschwerter Auftakt nach der langen Corona bedingten Schließung! Robert Wilson hat sich eine zarte Mischung aus Musical und Zirkus ausgedacht. Wie immer arbeitet er mit zauberhaften Lichteffekten. Wie ein Märchen aus der unschuldigen Zeit, als Tiere noch friedvoll und Menschen so was von pfui waren, mutet alles an. Erzählt wird von einer Art Märchenelefantentante, Kinderfrau in weißem Nachthemd und riesigen Ohren ( Aurore Deon). Den Mowgli gibt Yuming Hey.Von ihm geht ein besonderer Zauber aus, vielleicht auch weil er an den „Kleinen Prinzen“ von Saint Exupéry erinnert: zart, klein, in einem roten Hemd, die Haare in einzelnen Zipfeln aufgekämmt. ER tanzt mit großen Kinderaugen zwischen den Tieren. Als er zu den Menschen kommt , staunt er über deren Eigenarten, beschließt, sie nicht zu mögen und kehrt flugs in den Dschungel zurück. Ein besonders liebenswerter, tollpatchiger Bär (Francois Pain-Dozene) tanzt und singt sich in die Herzen der Zuschauer hinein. Jede einzelne Figur ist witzig, ironisch. Die Musik flott, die Tanzszenen einfach, die Kostüme von Jacques Reynaud bezaubernd, nicht übertrieben.

Mowgli und der Tiger (Roberto Jean) (Foto: Lucie Jansch)

Insgesamt eine frisch-fröhliche Inszenierung, Gott sei Dank ganz ohne Corona- und sonstige Bezüge. Robert Wilson will einfach nur ein Märchen erzählen. Und das ist ihm exzellent gelungen. Das Publikum dankte mit viel Applaus dem ganzen Ensemble, besonders den bei der Première anwesenden Robert Wilson.

http://www.festspielhaus.at

Maren Gottschalk: Frida. Goldmann Verlag

Maren Gottschalk ist fasziniert von der Malerin Frida Kahlo. Sie fährt zu den Orten, in denen Frida gelebt und gearbeitet hat, und sammelt möglichst viele biografische Details, um daraus die vorliegende Romanbiografie zu gestalten. Geschickt vermischt Maren Gottschalk Faktenwissen mit Fiktivem, ohne aber in gewagte Phantasien abzugleiten. Immer bleibt sie an der Grenzlinie der möglichen Wahrheit. Der Leser vertraut ihr, begleitet mit großem Interesse Frida Kahlo in den Jahren 1938/39 nach New York und Paris, wo sie mit ihren ersten Ausstellungen den internationalen Durchbruch erlebt. Immer wieder flicht Maren Gottschalk Rückblicke ein, so dass auch die mit dem Leben der Malerin unvertrauten Leser bestens informiert werden.

Mit ihrer hohen Sprachsensibilität macht es Maren Gottschalk möglich, den künstlerischen Schöpfungsprozess der Malerin erlebbar und verstehbar zu machen. Es gelingt ihr, Bilder während des Entstehungsprozesses zu interpretieren. Quasi eine innere Sprachkamera im Kopf der Malerin. Eine hohe Kunst, die nur wenige Autoren beherrschen.( Etwa auch Margret Greiner in der Romanbiografie über die jüdische Malerin Charlotte Salomon)

New York 1938: Das Leben brodelt, Künstler, Traumtänzer, Reiche und Lebenskünstler bevölkern die Szene. Frida Kahlo mitten drin. Eingesponnen auch in eine intensive Liebesgeschichte mit dem Fotografen Nickolas Muray. Selten noch war man als Leser so mitten im Geschehen einer Gesellschaft, die sich amüsiert und nur wenig an die drohende Gefahr des Weltkrieges denkt. Anders dann in Paris. Frida Kahlo sieht das Elend all derer, die vor Hitler flüchten mussten. Obwohl sie von der Kunstszene anerkannt wird, sie Picasso, Kandinsky und die Gruppe vum André Breton kennenlernt, bleibt sie distanziert. Sie kehrt nach Mexiko zurück, wo sie sich entscheiden muss, mit wem sie leben will. Weiter mir ihrem Ex-Mann Diego Rivera oder mit Nickolas Muray.

Maren Gottschalk gelingt es, ein lebendiges Bild der Kunstszene dieser Jahre zu entwerfen, immer durch die Gedanken Fridas gefiltert. „Frida“ ist ein Buch, das einem nicht loslässt. Man wünscht sich, dass es nicht enden möge. Weil man von der Hauptfigur bezaubert, eingefangen ist. Während und nach der Lektüre entstehen seltsame Dinge in der Leserin, in mir: Ich gewinne wieder Mut zur Farbe, lege die langweilig eleganten Kleider ganz hinten in den Schrank. Wühle im Modeschmuck, kombiniere gewagte Farben – kurz, eine starke Lebensfreude erfüllt mich. Ja, ich weiß, so etwas schreibt man nicht in einer „professionellen“ Kritik. Wer aber bestimmt das und warum soll man nur das Erwartete tun, schreiben, denken? Das hat Frida nie getan.

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Elisabeth Joe Harriet eröffnet die 3. Saison der „Konversationen im Herrenhof“: Olga Schnitzler konversiert mit Karl Kraus.

Durch die weit geöffneten Fenster des Salons im „Café Herrenhof“ strömt milde Spätsommerluft. Fiaker ziehen vorbei, ihr Hufgeklapper ist die Musik, die zu diesem Nachmittag passt: Olga Schnitzler (Elisabeth-Joe Harriet) plaudert mit Karl Kraus (Kurt Hexmann). Man könnte meinen, in die Zeit nach 1900 rückversetzt worden zu sein.

Olga im Midikostüm aus der Zeit, die Haare zu einem strengen Knoten im Nacken gefasst, Karl Kraus im eleganten dunklen Anzug mit Fliege, Nickelbrille und strengem Lächeln – so schreiten sie Arm in Arm vor zum Podium. Und dann beginnt ein Feuerwerk an geistreichen Gesprächen – wehmütig fragt man sich: Wo sind so spritzige Dialoge heute noch zu erlerben? Hat uns die Digitalisierung das analoge Denken im Sprachzentrum zerstört. Man lehnt sich zurück und genießt das Salongeplauder.

Olga Schnitzler ist eine versierte Gesprächspartnerin, steht ihrem sprachgewaltigen Gast an Wissen und Witz um Nichts nach. Wie um ihren Gast gesprächslocker aufzuwärmen, fragt sie ihn über seine Kindheit in dem Städtchen Giltschin in Böhmen und seine Jugend in Wien aus. Über die Professoren wird ein wenig gelästert, und Kraus/Hexmann liefert eine gelungene Parodie seines Geographieprofessors.

Schnell ist man bei den Feindbildern: Hermann Bahr, den er so gar nicht mochte, qualifiziert er als zu wankelmütig ab. Der wechselte seiner Meinung nach Haltungen und politische Richtungen wie das berühmte Hemd. Für die „Neue Freie Presse“ im speziellen und die Medien im Allgemeinen hat er nur Verachtung. Er nennt sie neue feile Presse. Seinen Kampf gegen Dummheit und Korruption lebte er bekanntlich in der „Fackel“ gründlich aus.

Olga Schnitzler, kluge Schmeichlerin, möchte mehr über den Privatmenschen Karl Kraus erfahren. Geschickt entlockt sie ihm die intimsten Gedanken über die Liebe. Ganz verschwärmt erinnert sich Karl Kraus an seine große Liebe, die Schauspielerin Annie Kalmar. Sie starb sehr jung an Krebs in Hamburg. Er besorgte das Begräbnis und pflegte ihr Grab.

Diskretion war Karl Kraus wichtig. Dass von seiner Wohnung in der Lothringerstraße Fotos existieren, empört ihn über den Tod hinaus. Sie war sein Rückzugsort, wohin nicht einmal die besten Freunde eingeladen wurden. Er hatte nur wenige Freunde, denen er aber ein Leben lang die Treue hielt. Ob Arthur Schnitzler dazu gehörte? Wohl kaum. Sonst würde er ihm nicht „sexuelles Tirolertum“ vorwerfen. Olga lächelt dazu, wissend und gequält.

Karl Kraus war auch ein ahnungsvoller Prophet. Sehr früh schon erkannte er, dass die Menschheit die Natur gierig ausbeutet und dabei sich selbst am meisten schadet. So endet er die Konversation mit den bitteren Worten: „Seitdem sich die Menschheit mit einem Propeller verbindet, geht es mit der Natur abwärts!“

Diese geistreiche Konversation sollte man nicht versäumen! Wie immer werden in der Pause im Café Herrenhof Tee, Kaffee, Kirschlikör und die Steigenberger Herrenhoftorte serviert. Die nächsten Termine im Steigenberger Hotel Herrenhof : 20., 27. September, 1. 15. 29. November jerweils um 15h.

Karten nur im Vorverkauf unter: 0676/ 899 68 050 oder sylviareisinger@aon.at

Informationen über das gesamte Programm von Elisabeth-Joe Harriet:

http://www.elisabeth-joe-harriet.com

Dürrenmatt nach Shakespeare: König Johann

Künstlerische Leitung und Regie: Anna Maria Krassnigg

Das Ensemble „wortwiege“ ist vom Thalhof in die Kasematten nach Wr. Neustadt umgezogen. Dort weiß es die Gemäuer und die Atmosphäre dieses ehemaligen Waffenlagers aus dem Mittelalter ausgezeichnet zu nützen: Mit einem fantasievollen Bühnenbild (Andreas Lungenschmid), einer raffinierten Lichtregie (Lukas Kaltenbäck) und einer zum jeweiligen Geschehen punktgenau passenden Musik (Christian Mair) wird das Publikum vom Anfang an gefesselt.

Die Geschichte um diesen Johann (1167-1216), der auch oft „Johann ohne Land“ tituliert wird, ist ziemlich verworren. Kurz zusammengefasst: König Johann lässt sich in Verhandlungen mit König Phlipp ( sehr überzeugend:Jens Ole Schmieder) ein, um Teile seiner Erbländer in Frankreich zurückzubekommen. Beide schließen Verträge, die sie nicht halten, gehen Bündnisse ein, die sie gleich wieder brechen. Es mischt natürlich auch die Kirche mit, belegt zuerst König Johann mit dem Kirchenbann, gleich darauf König Philipp. Am Ende stehen beide vor den Trümmern ihrer Machtgier, haben Tausende von Menschen geopfert und nichts an Vernunft gewonnen.

Ein hoch motiviertes Ensemble macht dieses schwierige Stück zum faszinierenden Erlebnis. Allen voran Horst Schily. Er gibt diesem König Johann einen vielschichtigen, keinesfalls einschienig bösen Charakter. Mal ist er fies, dann wieder kindisch, gleich darauf ein Wüterich. Wenn er so ganz langsam seine Augen schweifen lässt, dann kann man nicht erahnen, was in ihm vorgeht. Manchmal ist er ein armseliger Tropf, dann ein hinterhältiger Machtmensch, gleich darauf weinerlich. Nie brüllt er, eher ist seine Stimme verhalten, als wollte er seine geheimsten Gedanken nicht preisgeben. Dürrenmatt hat die Frauenrollen in dem Stück deutlich aufgewertet. Blanka (Petra Staduan) tobt sich als Jungemanze aus. Kaugummikauend und in Halbstiefeln stapft sie über den Steg, weigert sich als Schachfigur im Machtspiel der Männer missbraucht zu werden, lässt den von ihr gewünschten Ehemann, den sie aber aus politischen Gründen nicht bekommt, von Knechten auspeitschen,weil er (Niko Lukic )sich nicht für sie eingesetzt hat. Frauenemanzigpation mit einem Schuss Ironie! Herrlich überzeichnet auch die Rolle des Kardinals, der im Namen des Papstes den Bann ausspricht. Isabella Wolf im Conchita Wurst-Look legt in dieser Rolle eine Tanzparodie der Sonderklasse hin. Und Österreich? – ja, das Land hält sich aus den Intrigen draußen. Nina Gabriel als Herzog Leopold V. von Österreich steht im Hintergrund im Steirerhut mit Geweih und langem Mantel und mampft Äpfel. Er kann zuschauen, wie sich Johann und Philipp gegenseitig vernichten, hat er doch gerade vor kurzem Richard Löwenherz gegen ein hohes Lösegeld frei gegeben. Mit dem Geld baute er Wiener Neustadt als uneinnehmbare Festung auf. (Ein Teil davon sind die Kasematten). Julian Waldner sorgt für Gelächter, wenn er in Blitzeseile von einer Rolle in die andere schlüpft und das aufgeblasene Gehabe der Diplomatie ad absurdum führt.

Ein spannender Abend, den man nicht versäumen sollte. Ein Tipp: Vor der Vorstellung ist es ratsam, sich über die Geschichte dieses Johann schlau zu machen. Denn sonst wird es besonders am Anfang schwierig, dem schnellen Geschehen zu folgen. Noch dazu, wenn die Akustik dieses Raumes nicht die beste ist. Aber – so hört man – die kommenden Vorstellungen sollen in einem anderen Saal mit besserer Akustik gespielt werden.

Termine und Infos:

http://www.wortwiege.at

Puccini: Madama Butterfly. Wiener Staatsoper. 10.09.2020

Inszenierung: Anthony Minghella, bearbeitet von seiner Witwe Carolyn Choa. Dirigent: Philippe Jordan

Auch wenn es nicht die Première war, man spürte die flirrende Erregung in sich und die der anderen. Die erste Oper seit vielen Monaten! Corona hin oder her: Man wollte ein Fest erleben! Und das war es auf jeden Fall. Obwohl mit einigen Einschränkungen.

Alles wartete gespannt auf Asmik Grigorian. Man erwartete viel, allzu viel. Wie das oft passiert.Seit ihrer Salomerolle in Salzburg wird sie als die neue Sopranistin unserer Tage gefeiert, und man legt von vornherein einen zu hohen Maßstab an. Ihre gläserne Stimme hatte nichts Sanftes. War sie Butterfly? Dem Äußeren nach ja, aber genauer hinschauen sollte man nicht: Das war keine 15-jährige Geisha, die im romantischen Taumel der Liebe ihre Heirat mit dem Amerikaner erlebt. Eher schon eine reife Frau, die sich mit einigem Vorbehalt auf diese Ehe einlässt, klug schon vorher zum Katholizismus übergetreten ist. Erst im 2. Teil, also 3 Jahre älter, stimmt ihre Darstellung eher. Sie weiß, dass sie vergeblich hofft. Doch: Ihr Schicksal berührt nicht. Trotz des ungeheuren Aufwandes (gespiegeltes Bühnenbild von Michael Levine). Sie erdolcht sich spektakulär mitten auf der Bühne. Das war es. Wahrscheinlich bin ich ungerecht, aber ich bringe die hervorragende Darbietung von Kristina Opolais nicht aus meinem Kopf.

Freddie de Tommaso war ein starrer, ziemlich fieser Pinkerton. Das passt. Dass er kein großer Schauspieler ist, merkte man sofort. Er steht breitbeinig an der Bühnenrampe und singt tapfer gegen das Orchester an. Die spielen unter der Leitung von Philippe Jordan in voller Wucht. Selbst die stimmgewaltige Grigorian hat manchmal Mühe, über das Orchester drüber zu kommen. Vielleicht wird Jordan sich im Laufe der Zeit noch etwas mehr auf die Sänger einstellen. Man darf hoffen.

Überzeugend waren Boris Pinkhasovich als Konsul Sharpless und Virginie Verrez als Dienerin.

Begeisterter, kurzer Applaus. Trotz Corona viele Bravorufe.

Die viel gerühmte Inszenierung sah man ja schon im Kino in einer METübertragung. Da war sie um einiges weniger bombastisch und weniger kitschbeladen. Zu viel des Guten ist bald einmal unerträglich.

http://www.wiener-staatsoper.at

Günther Neumann: Über allem und nichts. Residenz Verlag

Gerade zu dem Zeitpunkt, als man eindringlich vor der Gefahr des Massentourismus warnte und als akkurat dann die Coronakrise das Reisen unmöglich machte, erschien dieses Buch. Neumann weiß, was es heißt, seine Zeit zu „verfliegen“. Im Auftrag von EU und NGOs flog er quer durch die Welt, und vielleicht steckt hinter dem Buch die Erkenntnis: Fliegen, Reisen ist Flucht. Vor sich selbst, vor dem Denken.

Clara hatte einen Traum: Flugkapitänin zu werden. Doch der Weg ist mit Mühen gepflastert. Eifrig und ehrgeizig nimmt sie als Flugbegleiterin jeden Flug an, rast durch die Welt, nur um ihrem Ziel näher zu kommen. Als sie das Patent hat, geht die Fluggesellschaft pleite. Und ihr Privatleben auch.

Als das Buch fertig geschrieben war, wurde es von der Realität überholt: Flüge sind eingeschränkt, einige Airlines kämpfen gegen die Insolvenz an. Einige versuchen, auf dem Rücken ihrer Mitarbeiter zu retten, was nicht zu retten ist. Und fliegen ist überhaupt out. Reisen auch. Grenzen werden dicht gemacht.

Nun könnte man meinen, Neumanns Roman ist „der“ Roman der Coronakrise – weit gefehlt. Denn leider reduziert Neumann die globalen Probleme des Reisens in dieser überhitzten Welt auf die privaten Probleme seiner Hauptfigur. Und dem Leser wird es bald egal, ob sie sich für Matthias oder Gabrio entscheidet. Zu oft lässt der Autor seine Protagonistin zwischen Menschen, Orten und Zeiten switchen, bis der Leser ermüdet das Buch sinken lässt.

http://www.residenzverlag.at

Daniela Krien: Muldental. Diogenes Verlag

Die Erzählungen über Menschen, denen nach der Wende 1989 der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, haben nicht allen westdeutschen Kritikern gefallen. Manche Wessis beklagen Vorurteile, Klischees, deren sich die Autorin bedient: HIer die bösen Wessis, dort die armen Ossis.

Als Österreicherin sehe ich diese ERzählungen von außen, unbeteiligter. Was nicht heißen soll, dass mich die geschilderten Schicksale nicht berühren. In ihrer schlichten, geradlinigen Erzählweise, die manchmal unbeteiligt, trocken wirkt, hat die Autorin den richtigen Stil getroffen, mit dem sie sich dem Vorwurf der Larmoyanz und Parteilichkeit entzieht. Ich lese die Erzählungen als Dokumente von Schicksalen, die einander überall in der WElt ähneln, wo Menschen plötzlich durch einen Regime- oder Machtwechsel vor dem Nichts stehen.

Daniela Krien erzählt wahre Geschichten, wie sie selbst im Vorwort sagt. Ausgeschnitten aus Zeitungen. Aber durch ihre direkte und unverstellte Erzählweise bekommen sie etwas Allgemeingültiges.

Sie erzählt über die Frau, die von der Stasi zur Bespitzelung gezwungen wird. Sie tut es, um für ihren Mann die nötigen Medikamente zu bekommen. Marie und Mattis rächen sich an den Wessis, zerstören Autos, provozieren, weil die Wessis sie überheblich behandeln und dafür noch Dankbarkeit verlangen. Die stärkste Erzählung ist wohl „Plan B“. Den hecken Betti und Maren aus: Sie werden Geheimprostituierte. Das Geld brauchen sie für ihre Kinder und das Alltagsleben. Die Erfahrungen dieser beiden im Geschäft Unerfahrenen schildert Daniela Krien mit dem nötigen Schuss Humor.

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Rebecca Makkai: Die Optimisten. Eisele Verlag

Aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell

Ein Roman in zwei Handlungs- und Zeitebenen: Chicago 1985 und Paris 2015. Es ist auffallend, wie oft Autoren durch Zeitensprünge und Ortssprünge den Handlungsverlauf „zerschneiden“. Das macht das Lesen oft zur Tortur: Kaum hat man sich in die Personen und Szenerie eines Stranges eingelesen, wird man rausgeworfen und darf sich neu orientieren. Dieser Mode bedient sich auch Rebecca Makkai und zerstört, besser verstört den Lesefluss und die Freude am Weiterlesen. Schade, denn das Thema trifft den Nerv der Zeit: War es in den 1980er Jahren Aids, das die Menschen in Angst und Schrecken versetzte, so ist es heute Corona. Man wusste nichts von der Krankheit, hatte Sex nach Lust und Laune, oft mit Gleichgeschlechtlichen. Es scheint, als ob die ganze Künstlerszene Chicagos damals nur aus Homosexuellen bestand, glaubt man der Geschichte.

Hauptpersonen sind Yale, der für eine Galerie arbeitet und an einer Sammlung von Bildern aus der Zeit der Jahrhudertwende interessiert ist. Die junge Fiona hilft ihm. Einige Jahrzehnte später ist Fiona 50 Jahre alt, fliegt nach Paris, um ihre verschwundene Tochter zu suchen. Stilstisch gekonnt charakterisiert Rebecca Makkai die jeweiligen Gesellschaftsschichten. Alle verbindet der optimistische Glaube, dass die Zukunft besser und Aids keinen Schrecken mehr haben wird.

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