Volksoper: West Side Story

Idee und Buch: Jerome Robbins und Arthur Laurents, Musik: Leonard Bernstein, Gesangstexte: Stephen Sondheim

Regie: Lotte de Beer, Choreographie: Bryon Arias, Bühne: Christopf Hetzer,Kostüme: Jorine van Beck, Dirigent: Ben Glassberg

„I like to be in America“ – mit diesem Song ist das Hauptthema des Musicals angegeben. Einwanderer aus Puerto Rico wollen als Amerikaner akzeptiert werden und ihren Traum vom Eigenheim und friedlicher Koexistenz verwirklichen – im wunderbaren Song „Somewhere there is a place for as“ in einer erträumten Idylle vertont.. Doch wo schon andere den Platz und das Lebensrecht beanspruchen, kommt es unweigerlich zu Konflikten. Aktuell zu erleben: der Konflikt zwischen Israeli und Palästinensern. In der Literatur dramatisiert in „Medea“ von Euripides, Grillparzer und anderen, besonders aber von Shakespeare. Die aktuelle Aufführung folgt in groben Zügen dem Drama Shakespears „Romeo und Julia“, heruntergebrochen auf die Kämpfe zwischen den Straßengangs. Die Jets unter ihrem Anführer Riff (beeindruckend Oliver Liebl) wollen die „Sharks“, die aus Puerto Rico eingewandert sind, nicht dulden. Das Viertel gehört ihnen. In einer Straßenschlacht soll die Entscheidung fallen.. In atemberaubenden Choreographien (Bryon Arias) entwickelt sich ein mörderischer Kampf, in dem Tony (Christof Messner) versucht, Frieden zu stiften, aber selbst zum Mörder wird. Man kommt aus dem Staunen über die unwahrscheinliche Kraft und Gewalt, mit der diese beiden Gangs aufeinander losgehen, nicht heraus. Eine Szene ist stärker, intensiver als die andere. Man erfährt im Programmheft, dass Bryon Arias aus so einem gewaltbereiten Viertel in Puerto Rico stammt und gerne bei so einer Gang dabei gewesen wäre. Doch die Mutter hatte anders entschieden und ihn in die Ballettschule geschckt. So ist erklärbar, warum die Kampfszenen eine derartige Dichte und Heftigkeit bis fast zur Unerträglichkeit entwickeln, etwa die Vergewaltigung Anitas. Myrthes Montero gibt dieser Figur durch ihre Bühnenpräsenz und tolle Stimme Stärke und Ausstrahlung.

Die Liebesgeschichte zwischen Tony und Maria (stimmgewaltig Jaye Simmons) ist der zweite Strang des Geschehens. Manche mögen sich unter den beiden Figuren (in Erinnerung an den Film, der seit der Uraufführung 1961 immer wieder einmal zu sehen war) vielleicht andere Typen vorgestellt haben als die beiden, etwas bieder wirkenden. Aber ihr Aussehen passt punktgenau in die Rolle, die ihnen zugeschrieben wird: Sie wollen anders sein als all die Gewaltbereiten, weit weg gehen und ein bürgerliches Leben führen. Ihr schwärmerischen Liebesduette gehen zu Herzen und bilden einen Gegenpol. Wie schon bei Shakespeare siegt auch in dieser Story der tödliche Hass.

Begeisterter und langer Applaus, besonders für Jaye Simmons, Myrthes Monteiro, Christof Messner und Oliver Liebl. Ganz besonders viel Applaus für die gesamte Tanztruppe! Anerkennungsapplaus für Ben Glassberg, der mit Verve dirigierte.

http://www.volksoper.at

Festsoielhaus St. Pölten: Tonkünstler Orchester: Bruckner 7. Dirigent Yutaka Sado

Es gibt Momente im Leben, in denen „die Dinge …positive Eigendynamik annehmen.“ Diese Erfahrung „findet in der siebten Symphonie von Anton Bruckner eine Kristallisation dieses allem menschlichen Leben innewohnenden Phänomens“. So Klaus Laczika im Programmheft und ähnlich auch in der Einführung zu diesem Abend. Als Bruckner die siebte Symphonie komponierte (1881-1883), war er in einem schwebenden Zustands der Zufriedenheit. Was deutlich zu spüren ist, insbesondere wenn Yutaka Sado die Tonkünstler dirigiert. Sado hat sich die Musik Bruckners (und in logischer Folge die Mahlers) zu eigen gemacht. Die innige Verbundenheit mit ihr war an diesem Abend wieder einmal deutlich zu spüren.

Das Allegro moderato beginnt wie eine Musik aus den Tiefen des Traumes geholt, losgelöst von jeglichen Alltagssorgen. Man ahnt den zukünfigen Komponisten Gustav Mahler, der in seinen Symphonien von diesem musikalischen Giganten stark beeindruckt war. Nach einer wahrhaftigen Himmelsfahrt , aus der die Verehrung für Wagner herauszuhören ist, leitet Bruckner zum Adagio über, das er, den Tod Richard Wagner vorausahnend, als Trauermusik komponierte. Trotz der schrecklichhen Erfahrung des Ringtheaterbrandes am 8. Dezember 1881 schrieb er wie in Trance eine sanfte Musik, in der er auch die Tuba, die Wagner eigens für seine Kompositionen bauen ließ, verwendete. Nach einem machtvollen Anklang an sein „Te Deum“ und einem schwingenden, fast fröhlichen Teil klingt das Adagio aus. Scherzo und Finale „sind „harmonischen Experimenten gewidmet“ (Klaus Laczika im Programmheft) und klingen mit schwebender Fröhlichkeit aus.

Wieder einmal hat sich bestätigt: Wenn Yukata Sado dirigiert, genießt man ein besonders intensives Musikerlebnis. Ohne Eitelkeit und bombastische Gesten führt er das Orchester und dringt gleichsam in die feinsten verborgenen Muskeln der Komposition ein. Und das Orchester folgt ihm im vollen Vertrauen. Gemeinsam schaffen sie jedes Mal ein unvergessliches Musikereignis! Um so betrüblicher ist es, dass Yukata Sado mit dieser Saison das Orchester verlässt.

Begeisterter Applaus

http://www.festspielhaus.at

Festspielhaus St. Pölten: Bobbi Jene Smith- Ballett Basel: Marie & Pierre

Konzept, Regie und Choreographie: Bobbi Jene Smith, Auftragskomposition: Celeste Oram, Bühnenbild: Christian Friedländer, Kostüme: B.J. Smith, Chr. Friedländer.

Live – Musik in „Marie“: Valentina Dubrovina Cello, Keir Go Gwilt Violine und Klavier, Alma Toapern Gesang

Live-Musik in „Pierre“: Keir Go Gwilt Violine und Klavier, Alma Toapern Gesang

In der Einführung nannte Adolphe Binder, künstlerische Leiterin des Ballett Basel, die Aufführung ein „Handlungsballett, das durcheinander geraten ist“. Die Zuseher sollen sich selbst eine Handlung zusammenstellen. Weiters meinte sie, dass in Basel bis dato fast nur Handlungsballett im üblichen Sinn – vorwiegend Märchen – gezeigt wurden. Das werde sich nun ändern. Den Anfang einer neuen Ära läutet „Marie und Pierre“ ein. Nun steht zu befürchten, dass nicht alle Basler Ballettfans mit dieser Änderung einverstanden sein werden. Denn von „Handlung“ kann nur marginal die Rede sein.

„Marie“ -Teil eins: Der Bühnenraum ist mit einem grauen Faltenwurf von der Decke bis zum Boden ausgelegt. Ein Spot fokusiert eine Nackttänzerin, die auf einem Tisch Morgengymnastik macht. Im Programmheft ist zu lesen, dass Bobbi Jene Smith die tägliche Morgengymnastik liebt. Langsam füllt sich die Bühne mit Männern und Frauen, teils nackt, teils halb bekleidet. Dann beginnt ein orgiastisches Kopulieren, aufgelöst in Tanz. Einige kopulieren stehend, andere auf dem Boden – kurz alle nur denkbaren Varianten werden durchgespielt. Höhepunkt ist die zu einer Einheit zusammengerückte Menge an schwarzgekleidete Frauen mit einem nackten Mann im Vordergrund. Sie rocken und rucken sich zu einem gemeinsamen Orgasmus zusammen. Eine Anspielung auf das antike Dionysosfest? Wenn zum Frühjahrsbeginn Dionysos mit den Mänaden (Frauen in Tierfell gehüllt) durch die Gassen zog und alle Frauen, egal, ob jung oder alt, verheiratet oder frei, ihm folgten und sich dem Geschlechtsverkehr hingaben. Wie im antiken Fest wird auch dieses Schau- Ballett von Künstlern, die auf der Bühne Geige, Cello, Klavier spielen und singen, begleitet. Was das Ganze in eine mystisch-mythologische Stimmung einhüllt.Adolphe Binder dazu in der Einführung:“ „Marie“ feiert das Urweibliche, Archaische.“

Höflicher Applaus. Nach der Pause war ein deutlicher Publikumsschwund zu bemerken.

„Pierre“ – Teil 2: Die Bühne gleicht einem Raum in einer Psychiatrie, wo die Insassen unter Aufsicht eines Frackträgers ihre Manien, Ängste und Aggressionen ausleben können. Um eine Marie im grünen Kleid scheint ein heftiger Kampf unter den Männern auszubrechen: Man rauft, wie die Buben im Schulhof. Dann wird eine Plastikskulptur hereingerollt, Auf einem Sockel stürzen sich ein Löwe und eine Löwin auf ihre Beute. Vielleicht auch raufen sie um die Beute, wie die männlichen Insassen um Marie. Zum Aggressionsabbau wird Geige und Klavier gespielt und gesungen. Doch die Männer raufen weiter, bis der Aufseher die Männer langsam aus dem Raum treibt. Zurück bleibt eine einsame Marie.

Was verwundert, ist die Ballettsprache der Choreographin: Sie greift auf das Bewegungsrepertoire der 80er und 90er Jahre zurück: epileptisches Zucken, aufspringen, zusammensinken, sich auf dem Boden winden. Ermüdend.

Der Applaus war freundlich, aber verhalten, die Leistung der Tänzer anerkennend. Einige Buhrufe waren auch zu hören. Eine Gruppe von Jungfans schrieen und pfiffen begeisert. Selten erlebt man im Festspielhaus so eine gespaltene Rezeption

http://www.festspielhaus.at

Theater Akzent: Maria Hofstätter liest Max Maetz: Bauernroman. Weilling Land und Leute.

Musik: Linzer Geiger Trio. Dramaturgie: Maria Hofstätter, Idee und Konzept: Peter Gillmayr (Violine)

Max Maetz ist das Pseudonym für Karl Wiesinger (1923-1991). Als Max Maetz mischte er die literarische Szene durch einen Bauernroman auf, in dem er sich kein Blatt vor dem Mund nahm und keine Scheu vor demaskierender Ehrlichkeit hatte. Er beschreibt die bäuerliche Gesellschaft mit beißender Ironie und hintergründigem Humor, alles in Kleinschreibung, ohne Punkt und Beistrich. Ein „gefundenes Fressen“ – um im Jargon von Max Maetz zu bleiben – für die Schauspielerin Maria Hofstätter. Wer sie aus diversen Filmen wie der Paradiestrilogie von Ulrich Seidl kennt, der weiß, wie gut so ein schräger Text bei ihr aufgehoben ist.

Ort der Handlung: Weilling, ein Dorf mit zwei Bauernhöfen, in der Nähe von St. Florian in Oberösterreich. Max erzählt sein Leben von der Geburt bis zum 27. Geburtstag in Ichform. Schon seine Geburt hat’s in sich: Plumpst er doch aus dem Bauch seiner Mutter, die gerade dabei ist, ihren Ehemann, der den Kriegsdienst verweigerte und von glühenden Nazis auf einen Baum aufgehängt wurde, von diesem herunterzuholen. Dabei hilft ihr der Bauer mit dem Beinamen Vulgo K. Der nimmt Mutter und Kind Max auf seinem Hof auf. Nach dem Tod der Mutter und des Bauern erbt Max den Hof. Später noch den Hof Katharinas, die er das Testament zu seinen Gunsten in der Hochzeitsnacht unterschreiben lässt. Er ist nun Großbauer. Was sich alles in dieser Zeit ereignet, erzählt Max in naiv-ironischer Offenheit. Etwa: Auf der Bauerndemo protestieren die Knechte gegen eine Erhöhung des Dieselpreises, damit sich der Großbauer die Heizung seiner Villa leisten kann. In der Hochzeitsnacht gesteht Max Kathi, dass er es als Bub mit der Kuh getrieben hat. Die Kathi tut empört, aber nach kurzer Zeit ist die Ehe in Butter. Natürlich verzichtet Max nicht auf seine Freundin Susi, die ihn im Stall besucht. Er werkt an ihr, während sie clever und scheinheilig die Ehefrau, die draußen im Garten arbeitet, vom Stallfenster aus fragt, wo denn der Max sei. All das liest Maria Hofstätter mit der „aufrechten“ Stimme eines Max, der am Ende alle mit den Worten „A Bauernhof is ka Puff“ zu mehr Moral ermahnt.

Das Linzer Trio (Peter Gillmayr Violine, Kathrin Lenzerweger Violine, Alvin Staple Kontrabass, der auch für die musikalische Bearbeitung verantwortlich ist) unterbricht an passenden Stellen mit passender, den Text ironisch unterlaufender Musik: Als Max mit Bauer Vulgo an einem „black point“ (eine Straßenstelle, an der besonders häufige tödliche Unfälle passieren) einen Supercrash mit Rettung, Feuerwehr etc erleben, spielt man einen Teil aus Bruckners Te Deum. Nach dem fatalen Geständnis des jungverheirateten Max in der Hochzeitsnacht spielt das Trio einen Teil aus Bruckners „Locus iste“, der besonders tragisch-traurig klingt. Zum Leichenschmaus für die verunfallte Katharina hört man Michael Haydns das Kyrie aus dem Deutschen Hochamt „Hier liegt vor deiner Majestät“ . Dank des aufliegenden Handzettels kann man diese treffende Auswahl nachverfolgen und zum Text passend einordnen.

Begeisterter Applaus für Maria Hofstätter und das Linzer Trio.

http://www.akzent.at

Theater an der Wien in der Kammeroper: Maria de Buenos Aires. Tango Operita von Astor Piazzolla und Horacio Ferrer.

Inszenierung: Juana Inez Cana Restrepo, Bühne: Anna Schöttl, Choreographie: Sabine Arthold

Titelfoto: Maria (Lunciana Mancini) und zwei Bandoneonraupen. ©Liliya Namisnyk

Astor Piazzolla (1921-1992) und Horacio Ferrer (1933 -2014) waren ein aufeinander gut eingespieltes Kreativduo. Viele bekannte Tangotexte stammen von Horacio Ferrer, unter anderem der bekannte Tango „Parada para el loco“. Beide wurden und werden in Buenos Aires wie Tangogötter verehrt. Tangosängerinnen werden an ihrer Interpretation des Songs „Yo soy Maria“ gemessen. In Maria sieht sich nicht nur das „Tangopeople“, das des Nachts von einer Milonga zur anderen zieht, verkörpert, sondern praktisch jede portena (Bewohnerin von B.A.).

Horacio Ferrer überlebte seinen Freund um 22 Jahre. Er residierte bis zu seinem Lebensende im Nobelhotel „Alvear“, ein Sir der alten Schule. Im englischen Tearoom des Hotels empfing er seine Freunde. Man sprach natürlich über den Tango. Denn er und Piazzolla sind die Ikonen des Tango bis zum heutigen Tag.

Buenos Aires ist eine laute Metropole. Der Kampf ums Leben ist hart, Kinder sammeln am Abend die vor der Haustür abgelegten Kartons und verkaufen sie um ein paar Pesos an Sammelstellen. Bettler gehören zum Alltagsbild. Arbeitslose, streikende Arbeiter ebenso. Wer nicht aufpasst, vermisst am Abend seine Uhr, Geldbörse oder Auto. Aber trotz dieser hektischen Atmosphäre haben die portenos eine innere Gelassenheit, sind sehr religiös – es gibt einen eigenen Kalvarienberg mit Christus- und Heiligenstatuen. Freud und seine Psychoanalyse haben einen Fixplatz in diversen Cafés, die Malerei einen deutlichen Hang zum Surrealismus. Autochthon, nicht aus Paris importiert.. Des Nachts öffnen die alten Salons, aus denen man die Tangomusik bis auf die Straße hört. Buenos Aires ist die Stadt mit dem schärfsten Kontrasten und sozialen Gegensätzen.

All das fängt die Oper „Maria de Buenos Aires“ ein. Die Geschichte ist surreal, wie auch alle Liedtexte. Maria wird von zwei Engeln in die Welt getragen, wächst zu einer jungen Heiligen, Göttin heran. In Buenos Aires verkommt sie in den Slums, wird zur Prostituierten und von einem Freier umgebracht. Sie kehrt als ihr Schatten wieder auf die Erde zurück und erinnert sich an ihr Leben. Diese surreale Legende wurde von Horacio Ferrer mit Traummetaphern und von Astor Piazzolla mit teils wehmütiger, teils wild aufbegehrender Tangomusik als Operita 1968 mit umwerfenden Erfolg auf die Bühne gebracht. Maria wurde zur Ikone, zur Frau, die das Schicksal vieler in Armut lebender portenas verkörpert.

Unter den mitreißenden Klängen des Ensembles Folksmilch tritt Maria (Luciana Mancini) in einem schlichten, weißen T-Shirt und Jeans an die Rampe und stellt sich mit dem berühmten Lied vor: Yo soi Maria – ich bin Maria aus Buenos Aires, Maria der Liebe und der Leidenschaft. Mit rauchiger, wie von rostigen Nägeln gebürsteter Stimme, einer Stimme, die alterslos ist und alles Leid und Leidenschaft mitschwingen lässt, ruft sie in den Zuhörern die Atmosphäre vom Buenos Aires wach.. Begleitet wird sie vom Payador (Jorge Espino), der einmal Gerichtsdiener, dann wieder Begräbnisbegleiter und Erzähler ist. Jorge Espinos Bariton erfüllt diese verschiedenen Rollen gut aus. Dazu kommt noch die Figur des Duende (Daniel Bonilla-Torres). Duende steht für Sehnsucht, Traum. Er erzählt von Marias Schicksal als Heilige, die zur Prostitution gezwungen und ermordet wird . Es beginnt in einem Gerichtsaal, der aber eher einer Aufbahrungshalle in einem Krematorium gleicht. Und schon beginnt für die Zuseher das Dilemma – was sieht man wirklich? Wie ist es zu verstehen, dass alle Beteiligten stinkende Erde auf den Boden streuen? Oder ist es der „Rest von Tangoasche“, wie Maria singt? Sind die Raupen, die einer Mischung aus Borstentier, Raupe und Bandoneon gleichen, die Mörder, die Vergewaltiger? Welche Rolle spielen die weiß gekleideten Figuren mit Kugellampenköpfen? Sie erinnern fatal an Ärzte, die Coronakranke pflegen. Welche Funktion haben die an der Seite wartenden Figuren? – einmal tanzen sie einen hässlichen Tangoverschnitt, der an einen missglückten Streetdance erinnert, dann wieder sind ihre Köpfe mit Rosen bedeckt. Durch die aufgelöste Erzählstruktur weiß man nie so recht, auf welcher Lebens/ Spielebene gerade das Geschehen abläuft. Fazit des Publikums am Ende: Ratlosigkeit. Auf der sicheren Seite war nur der, der nicht um Verstehen und Interpretation gerungen hat, sondern Musik und Gesang einfach auf sich wirken ließ. Das Libretto Ferrers ist voll von Metaphern, schwerer Todessymbolik und hintergründiger Psychoanalyse. Für jeden Regisseur eine schwieriger Balanceakt und ein heikles Unterfangen.

http://www.theater-wien.at

Margaret Meyer, Die Hexen von Cleftwater. C.H.Beck

Aus dem Englischen von Cornelius Hartz

Die Autorin widmet dieses Buch all den Frauen, die der Hexenverfolgung in East Anglia 1645-1647 zum Opfer gefallen sind.

Der Roman wühlt auf bis an die Grenze des Erträglichen, besonders weil er nur teilweise Fiktion ist und das meiste auf Tatsachen beruht. Martha Hallybread ist in dem kleinen Dorf Cleftwater eine angesehene Hebamme und Heilerin. Auch wenn sie so manchem Kind nur tot auf die Welt helfen kann, ist ihr Ruf unangetastet. Sie lebt seit über 40 Jahren im Hause von Kit, dessen Amme sie war. Als ihre Hilfe im Haushalt hat Kit die junge Magd Prissy aufgenommen. Eines Tages wird diese von Hexenjägern aus dem Haus verschleppt und ins Gefängnis gesteckt. Martha und Kit versuchen mit allen Mitteln, sie frei zu bekommen – aber vergebens. Denn nun hat Silas Makepeace, der gefürchtete Hexenjäger, die Hexenjagd übernommen und ausgerechnet Martha soll ihm dabei helfen. So muss sie in seinem Auftrag alle Frauen auf Merkmale des Teufels untersuchen. Sie soll den nackten Körper genau abtasten und jede kleinste Auffälligkeit melden. (Spätestens ab da wird das Buch schwer auszuhalten, weil es zu sehr an die Nieren geht) Sie muss mitmachen, um nicht selbst als Hexe angeklagt zu werden. Die Jagd nach den Frauen wird immer gespenstischer. Martha versucht ein letztes Mittel: Sie holt eine alte Puppe, die ihr die Mutter geschenkt hat, hervor und belebt deren magischen Kräfte wieder. Ab diesem Zeitpunkt wird die Geschichte recht unübersichtlich. Was passiert wirklich mit Martha?

Romane über Hexen und deren Verfolgung scheinen gerade Hochsaison zu haben. Warum? – Vordergründig wohl deshalb, um zu zeigen, wie sehr Frauen unter der Macht der Männer standen -noch immer stehen? . Aber noch relelvanter scheint der andere Grund zu sein: In diesem Buch wird klar, wie schnell die Menschen durch Manipulation sich in Jäger verwandeln können, wie schnell und leicht Hass entfacht werden kann, wenn eine politische Wille dahinter steckt.

http://www.chbeck.de

Sabine Thiesler: Romeos Tod. Heyne Verlag

Kein Krimi, ein Thriller nur, wenn man Superspannung mit „thrill“ gleichsetzt. Sabine Thiesler hat mit diesem Buch dem Thriller einen neuen Aspekt, eine neue Richtung gegeben. Nicht das Verbrechen und dessen Aufdeckung und Bestrafung stehen im Fokus, sondern Menschen, die aus einer ganz spezifischen Charakterveranlagung ein Verbrechen begehen. Dass die Autorin ihren Protagonisten ein von tiefem Wissen um die menschliche Psyche geschärftes Profil verleiht, ist ein wesentliches Charakteristikum ihrer Romane.

Diesmal führt Sabine Thiesler den Leser in die Welt des Theaters, genauer hinter die Kulissen, noch genauer in die Seelenzustände eines Schauspielers knapp vor seinen Auftritten. Jan Jepik ist Vollblutschauspieler, wenn er den Hamlet spielt, dann ist er Hamlet, duldet kein „Nur so tun als ob“. Er gibt alles an Kraft in die Rolle, das Publikum tobt. Wenn er den Lenz verkörpert, spielt er dessen Wahn als seinen eigenen. Immer wieder, bei jeder Aufführung neu. Sein Privatleben ist ebenso eine Gratwanderung zwischen Wahn und Wirklichkeit. Ebenso seine Liebe zu Mona, einer hocherotischen und toxischen Persönlichkeit. Wie diese Frau die Überempfindlichkeit Jans und dessen Hang zum Wahn -sinn geschickt ausnützt, ihn manipuliert, ihn zum Mörder werden lässt ….das ist große Erzählkunst. Ein Buch, das man nicht am Abend im Bett beginnen sollte. Es besteht die Gefahr, dass man die Nacht durchliest und man am nächsten Tag arbeitsunfähig ist.

http://www.heyne.de

Theater Akzent: Alan Bennett, Die souveräne Leserin. Es las: Birgit Minichmayr. Musik: „Sonare“ und der Countertenor Alex Mühlbacher

Sicher erinnern Sie sich, mit welchem Vergnügen Sie dieses Buch gelesen haben und dabei ununterbrochen geschmunzelt, oft gekichert oder gar laut gelacht haben. Alan Bennett gelingt es mit der feinen Klinge des Humors, gebrämt mit einem Hauch Ironie, ein ungewöhnliches, fiktives Charakterbild der Queen zu entwerfen. Er stilisiert sie zu einer klugen, hinterlistigen Dame, die mit Charme die Heerschar ihrer Bediensteten in Aufruhr bringt, Politiker dezent auf ihre Unbelesenheit, um nicht zu sagen Kulturlosigkeit stößt eund ihren allzu geregelten Pflichtenalltag durch Bücher zu versüßen. Gut verpackt, gleichsam durch die Hintertür des Humors, bekommt man auch eine Lektion über den Wert der Literatur mit. Fazit: Ein Leben ohne Bücher geht gar nicht – flott ausgedrückt. Das vermittelt auch die Queen ihren Mitarbeitern, die mit diesem neuen „Hobby“ ihrer Chefin gar nicht einverstanden sind.

Nun las Birgit Minichmayr „Die souveräne Leserin“ im ausverkauften „Akzent“. Leider kürzte sie zu Gunsten der Musik den Text so kräftig, dass manche Szenen sich nicht voll entfalten konnten, nur angerissen wurden. Um die Queen zu charakterisieren, verlieh sie ihr eine hohe, leicht krächzende Stimme, was aber den Charakter der toughen Queen so gar nicht traf. Dazu spielte das Streichquartett Sonare aus vollen Saiten und der Countertenor Alex Mühlbacher begeisterte das Publikum mit seinem jungenhaften Sopran. Man hörte viel englische Musik und fühlte sich wie in einem englischen Teesalon aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Fazit: Mehr Text wäre besser gewesen!

Begeisterter Applaus!

http://www.akzent.at

Konzerthaus: ORF Radio-Symphonieorchester: Debussy, Ravel und Mahler.

Dirigentin: Marin Alsop, Sopran: Louise Alder

Claude Debussy: Prélude à l`après – midi d’un faune

Debussy war von Stéphane Mallarmés Gedicht „L´après -midi d`un faune“ so beeindruckt, dass er es in Musik umsetzte. Als Mallarmé sie hörte, war er schwer beeindruckt und meinte sogar. dass Debussy die Themen Schwermut, Sehnsucht und Schmerz noch besser in Töne umgesetzt hätte als er in Worte. Durch das feinsinnige Dirigat von Marin Alsop, die den Flöten genug Raum lässt, entstanden Stimmungsbilder zwischen Traum und Wirklichkeit.

Maurice Ravel: Shéhérezade. Vertonung von Gedichten von Tristan Klingsor. Sopran Marin Alder

An Stelle von Fatma Said, die kurzfristig krank wurde, sprang die junge Sopranistin Louise Alder als Liedinterpretin ein. Mir ihrem feinen, in allen Lagen sicheren Sopran führte Louise Alder das Publikum in die duftende und verträumte Welt des orientalischen Märchens, sensibel und kongenial geleitet von Marin Alsop. Leider mangelte es der Sängerin an Wortdeutlichkeit. Aber der Zauber ihrer Stimme ließ diesen Mangel vergessen.

Gustav Mahler, Symphonie Nr. 4, Sopran: Louise Alder

Diese Symphonie ist voll von romantischen Zitaten und Symbolen aus der deutschen Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“, zusammengestellt von Achim von Arnim und Clemens Brentano. Mahler verwendet Themen aus der Romantik, der Volks- und Militärmusik und macht daraus eine ganz eigenwillige, neue, nie zuvor gehörte Musik. Genau so empfanden es wohl alle Zuhörer an diesem Abend; Man hörte einen Mahler, den man so noch nie gehört hatte: Manch einem mag der Gedanke gekommen sein, dass Marin Alsops feinsinniges Dirigat dieses Wunder vollbrachte. Sie ließ der Stille ihren Raum, hob die einzelnen Instrumente klar heraus, besonders die Flöten und Bläser. Führte sie im 3. Satz zusammen mit den Geigen zu einer Musik des Paradieses. Auch im Finale bleibt sie der Romantik verpflichtet. Am Ende der Symphonie leitet Gustav Mahler zum Lied „Das himmlische Leben“ (aus der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“) über. Es störte schon nicht mehr, dass Louise Alder die Worte ineinander verwebte. Denn der fein gewebte Klangteppich, in den Marin Alsop den Text bettete, hatte das Publikum bereits sinnlich umfangen.

Langer und begeisterter Applaus für Orchester, Dirigentin und Sängerin!!

http://www.konzerthaus.at

Theater in der Joefstadt: Peter Turrini: Es muß geschieden sein

Regie: Stephanie Mohr, Bühnenbild und Kostüme: Miriam Busch. Musikalische Leitung und Komposition: Wolfgang Schlögl

VOLLTREFFER! Ein Abend, der rundherum überzeugt! Wo Stephanie Mohr draufsteht, ist gut gemachtes, ehrliches Theater ohne Mätzchen drinnen. Die international viel gefragte Regisseurin ist am Theater in der Josefstadt fast zu Hause. Unter den zahlreichen Inszenierungen seien nur an einige erinnert, wie „Der Boxer“ (Felix Mitterer), „Glaube und Heimat“ von Karl Schönherr, „Der Sohn“ von Florian Zeller und zahlreiche Turrini-Inszenierungen. Das Duo Turrini-Mohr verspricht von vornherein gutes Theater. Dazu noch ein Ensemble, das besser nicht sein könnte – all das zusammen ergibt einen Theaterabend, wie man ihn in Wien nur mehr selten erlebt.

Alles dreht sich um die 1848er Revolution in Wien. Es wird geschossen, Anführer werden „füsiliert“, Kaiser Ferdinand „der Gütige“ flieht zweimal aus Wien. Arbeiter kämpfen und werden getötet. Tote Kinder liegen im Volksgarten, nicht weit vom Burgtheater, das „wegen Aufruhr“ geschlossen ist. In unmittelbarer Nähe probt eine Laientheatergruppe Ferdinand Raimunds „Bauer als Millionär“. Starker Auftritt von Günter Franzmeier als Adam Holzapfel. Pro füsiliertem Rebell verdient er einen Gulden. Ohne zu zögern erschießt er den Gefangenen im Hintergrund, um gleich darauf als Hausmeister mit Besen und Kübel die Bühne des Laientheaters zu reinigen. Er wird immer wieder das Geschehen referieren und -je nach politischer Lage – kommentieren. Auf der Bühne geht die Probe zu Raimunds Stück nur mit vielen Hindernissen vonstatten. Immer wieder stört Gefechtslärm. Der Regisseur Ferdinand, Thomas Frank als gelungene Parodie auf die überhektischen Regisseure von heute, will um jeden Preis proben, auch wenn draußen die Revolution tobt. Die Probenszenen sind von umwerfender Komik, wenn etwa Susanna Wiegand als Katharina Glück das Lied der Fortuna singt – eine Glanzleistung! Berührend spielt Johanna Mahaffy die Zäzilie Wagner, die sich als Jugend vom alten Bauer (Michael Dangl) verabschiedet. Der wiederum hat nur eines im Sinn: Am Burgtheater endlich spielen zu dürfen (ein unerfüllter Wunsch Ferdinand Raimunds). Immer lauter wird der Kampflärm von draußen – bis schließlich die Gruppe sich nicht mehr unberührt von dem Geschehen zeigt: Ein Kleiderbündel wird an Stelle des Kaisers aufgehängt, und die Truppe tanzt im Freiheitsrausch! Bis der Regisseur Ferdinand als Leiche hereingebracht wird – er hat sich ins Kampfgetümmel unter die Arbeiter gemischt und wurde erschossen. -Aus mit lustig, aus mit Theater! Die Wirklichkeit holt auch das Liebespaar Zäzilie und Karl, den Jusstudent aus gutbürgerlichem Haus, ein. Karl, mit Julian Valerian Rehrl als zunächst scheuer Einspringer, später als schwer Verliebter ist die ideale Besetzung. Die Kussszenen zwischen Zäzilie und Karl gelingen dank der Unbekümmertheit beider erfrischend witzig.

Worum es Turrini in diesem Stück ging, eröffnet sich gegen Ende: Die Revolution ist niedergeschlagen, die Aufrührer erschossen, die Bürger müssen eine Treueerklärung unterschreiben. Die Freiheit ist Schall und Rauch. Im Theater ist es leer geworden: Das Liebespaar ist im Gefängnis. Aber der Papa von Karl, der reiche Tuchhändler, kann seinen Sohn durch Beamtenbestechung freikaufen – er geht, küsst seine Geliebte und verspricht, sie bald herauszuholen. Aber – er kommt nicht wieder. Als Zäzilie allein an den Pfahl gebunden zurückbleibt und das „Brüderlein“ anstimmt und immer leiser werdend „es muss geschieden sein“ singt – da wird die Theaterpranke Turrinis spürbar!!! Er weiß, wie man starke Szenen schreibt. Und sie noch steigert: Aus dem Hausmeister Holzapfel ist wieder ein Kaiserlicher geworden. Im Namen des Kaisers soll er Zäzilie erschießen. Doch man bekommt pro „Abschuss“ kaum ein paar Groschen. Er zielt, setzt an – nein, das kann er nicht, er wirft das Gewehr weg. Sein Resümee: Die Bürger haben es sich wieder gerichtet, die Beamten sind wieder brav kaisertreu. Die Armen sind noch ärmer. Das Theater – am Ende. Tot oder irgendwo verweht sind die Theaterleute – sie haben ehrlich gekämpft, gebangt. Turrini: „Im Theater gibt es trotz der Schminke das wirklich Ungeschminkte.“ (Zitat aus Programmheft)

http://www.josefstadt.org

Theater Nestroyhof/Hamakom: Rose mit Andrea Eckert

Text: Martin Sherman, Regie: Ruth Brauer-Kvam, Video: Lukas Wögerer, Bühne: Alina Helal

Die Bühne ist aufs Nötigste reduziert: Ein Schaukelpferd, eine Vitrine. Videos sind spärlich eingesetzt, mal auf dem Boden, mal an der Wand. Rose sitzt, die Beine untergeschlagen neben einem kleinen Holzpferd. Sie wirkt verloren in dem großen Rund der Bühne, verloren in der Welt. Sie spricht leise, geht zurück in ihren Erinnerungen an die Kindheit in einem kleinen jüdischen Dorf irgenwo in der Weite Russlands. Die Zuschauer nehmen teil an der innersten Privatheit der Figur Rose. Und weil Andrea Eckert wie immer mit starker Präsenz spielt, wird aus der Bühnenfigur ein Mensch, der seine leidvollen Erfahrungen mit uns teilt.

Die Kindheit war von Armut geprägt. Die Mutter ist eine „Heilige“ – so nennen sie die Dorfbewohner, weil sie mit vollem Arbeitseinsatz hilft, wo sie gebraucht wird. Als die Kosaken einfallen und das Haus verwüsten.stirbt der Vater. Rose hält ihre erste Totenwache – Schiv’a. Die Mutter kehrt die Scherben zusammen und das Leben geht weiter. Ihr Innerstes zeigt die Heilige nur draußen im der Waldeinsamkeit, wo sie sich in hexenhaften Trancetänzen auslebt. Roses Bruder geht nach Warschau, Rose folgt ihm bald, erlebt mit dem Mann, in den sie sich von einer Sekunde in die andere verliebte, glückliche Zeiten. eine Tochter wird geboren. Doch die Zeit des Glücks ist kurz, die SS besetzt Warschau, die Juden werden in das Ghetto gesperrt. Sie findet Arbeit außerhalb. Deshalb überlebt sie auch den Brand, in dem ihre Tochter erschossen wird und ihr Mann verschwunden ist. Rose hält – wie sie es auch schon für ihren Vater getan hat – Totenwache für alle ihre Lieben. Danach beginnt ihr Weg ins Unbekannte. Über Hamburg auf ein Schiff in das ersehnte Land Palästina. Doch sie und die anderen Mitreisenden dürfen nicht bleiben. Die Briten bringen alle zurück nach Hamburg. Im letzten Moment springt sie aus dem Zug, der sie wahrscheinlich in ein Todeslager gebracht hätte. Sie emigiriert nach den USA, heiratet, bekommt zwei Kinder. Der Ehemann stirbt, sie hält Totenwache. Eine zweite Ehe, sie wird Hotelbesitzerin. Der Sohn zieht für immer nach Israel, heiratet eine Frau, die vom Katholizismus zum Judentum konvertiert. Enkelkinder kommen – und bald bricht die brennende Frage auf: Wem gehört das Land? Der Enkelsohn erschießt ein neunjähriges Palästinensermädchen – Nora. Rose hält für dieses Mädchen die Totenwache – woraus der Konflikt zwischen dem Sohn, der diese Tat verteidigt, und ihr aufbricht.

Das Stück ist hochaktuell, geht in die Tiefe, an die Wurzeln des Konfliktes: Rose, die aus der Generation der gerade noch Überlebenden stammt, wird das Verständnis für die Generation der Enkel abgesprochen. Diese wollen nur nach vorne schauen, im Staat Israel eine Zukunft haben. Dass Rose für ein Palästinamädchen die Totenwache hält, stößt auf Ablehnung. Klüfte des Denkens und Lebens tun sich zwischen allen auf. Klüfte, die größer werden und das Verzeihen verwehren.

„Rose“ ist bis 26.Jänner und vom 14. – 16. März 2024 zu sehen.

http://www.hamakom.at

Im „Vindobona-Wien“ ist Andrea Eckert als Maria Callas in der legendären Aufführung „Meisterklasse“ zu erleben. Termine und Tickets: http://www.vindobona.wien

Festspielhaus St. Pölten: AILEY II

The next generation of dance

Gründer: Alvin Alley. Künstlerische Leitung: Francesca Harper. Das Ensemble: Andrew Bryant, Spencer Everett, Jaryd Farcon, Maya Finman-Palmer, Patrick Gamble, Alfred L. Jordan II, Kiri Moore, Corinth Moulterie, Kali Marie Oliver, Tamia Strickland, Kayla Mei-Wan Thomas, Maggy van den Heuvel.

Das „Alvin Alley American Dance Theater“ wurde 2008 zum „lebendigen amerikanischen Kulturbotschafter in der Welt“ ernannt, weil es „die Einzigartigkeit der afroamerikanischen kulturellen Erfahrung erhalte und die Bewahrung und Bereicherung des amerikanischen modernen Tanzerbes feiere“ (Zitat laut Programmheft). Präsident Barack Obama verlieh Alvin Alley 2014 posthum den „Presidential Medal of Freedom“ in Anerkennung seines Engagements für die Bürgerrechte und den Tanz in Amerika. Die Lebensgeschichte Alvin Alleys (1931-1989) ist geprägt von der Zweiklassengesellschaft der 1940er Jahre. Er wollte schon sehr früh die „black culture“ erforschen. In der Modern Dance School of Laster Horton, die auch für People of Colour offen war, erhielt er seine Tanzausbildung. Nach dessen Tod übernahm er die Leitung der Schule und gründete bald eine eigene Gruppe mit einem ganz eigenen Tanzstil. der einen Kontrapunkt zur Tanzszene der Weißen setzte. Seine AAADT genannte Gruppe feierte bald in der ganzen Welt Erfolge. Aus der Kenntnis heraus, dass der Tanz intenational ist, öffnete er später seine Compagnie für alle Nationen und Farben. 1969 gründete er die Alley School und 1974 Alley II, „The Next Generation of Dance“, die nach Alleys Tod 1989 von Francesca Harper geleitet wird.

Es begann mit „Freedom Series“, einer Choreographie von Francesca Harper aus dem Jahre 2021. Das Ensemble – 12 Tänzerinnen und Tänzer – in dunklen Kostümen (Elias Gurrois) vor einer schwarzen Wand tanzte mit Lichtkugeln und schuf so magische Momente. Die Musik von verschiedenen, nicht genannten Komponisten, peitschte sie in Rasanz zu einem Art „Urtanz“, wobei man die unglaublichen Bewegungsformen, die von Gummimenschen stammen könnten, bestaunte. Man versank in Licht, Musik und Tanz. Es waren mystische Moment.

Es folgte „The lark ascending“, Auszug einer Choreographie von Alvin Alley aus 1972. Nach dem Urtanz ein Art von Frühlings- und Liebestanz, komponiert von Ralph Vaughan Williams. Zu Beginn feierte Kali Marie Oliver den Frühling als Fest des Lebens (s. Foto)“. Der pas de deux von Kali Marie Oliver und Andrew Bryant war eine Offenbarung an Zärtlichkeit.

„The Hunt“, ein Choreographie von Robert Battle aus dem 2001. Es war die Bronx, wie man sie aus der „Westside Story“ kennt- nur wilder. Vier Rasende kämpften gegeneinander und formierten sich in Gruppen doch wieder zusammen. Es waren die Spiele der Straße, die sich die Jugend eroberte. „The Tambours du Bronx“ hämmerten auf die Gruppe ein. Interessant war, dass es drei Frauen und ein Mann waren. die in wilder Raserie atemlos über die Bühne tanzten.

Den krönenden Abschluss bildete die legendäre Choreographie Alleys aus 1960: „Revelations“ Ausstattung und Kostüme stammten von Ves Harper für „Rocka my soul“. Eine Szenerie jagte die andere, den Beginn machte eine Gruppe, die Gebete tanzte und sich zu Gruppen formierte, die an Rodins Skulpturen erinnerten. Wunderbare Soli lösten einander ab. Den Schluss bildete das ganze Ensemble: Frauen in hellen, langen eleganten Kleidern, die an die Mode der Südstaaten erinnerten. Mit breiten Hüten und Fächern ertanzten sie ihre Freiheit, Unabhängigkeit. Jetzt haben wir das Sagen! Männer durften assistieren! Ein großer Spaß zu „Rocka my soul“. Das Publikum ging begeistert mit, tanzte fast in den Sesseln und klatschte den Takt. Ein wahres Fest!!

Applaus und große Begeisterung!!!

www.festspielhaus.at

Gabriele Reiterer, Anna Mahler. Bildhauerin, Musikerin, Kosmopolitin. Verlag Molden

Über Alma Mahler sind wir bestens durch Autobiographie, Biographien und Romanbiographien informiert. Wenig, bis gar nichts wußte man bisher über die Tochter Anna. Nun hat Gabriele Reiterer diese Lücke gefüllt. Die bibliophile Biografie ist im flüssig, leicht lesbaren Stil geschrieben und ausführlich recherchiert.

Als Tochter von Gustav und Alma Werfel trug sie schwer an diesem Erbe. Den geliebten, wenn auch strengen Vater verlor sie mit 11 Jahren. Die Mutter war mehr mit sich und ihren Liebschaften beschäftigt und kümmerte sich wenig um das Kind. Schulbildung im klassischen Sinn gab es keine. Anna war nicht Tochter, sondern Begleiterin am Klavier. „…Musik ist eine Krankheit, die man nicht los wird“, sagte sie. Der Ausspruch steht als Motto am Beginn der Biografie. Musik ist also der eine Teil des Erbes. Der andere ist wohl der unstete Charakter, den ihr die Mutter mitgab. Ähnlich wie Alma wird sie die Männer um sich scharen, sie heiraten und sie verlassen. Fünf Ehemänner und einen (?)Geliebten – soweit man weiß. Das macht sie nicht unbedingt sympathisch. Besonders nicht die Art, wie sie sich ihrer Männer entledigte. Den letzten warf sie aus dem gemeinsamen Haus, weil er ihr von einem Moment zum anderen mit seinem greisenhaften Gehabe auf die Nerven ging.

Aber: Sie war schön, inntelligent und daher interessant für die Männerwelt. Die Frauen – ja eine oder andere Freundin. Alles und immer beherrschend: die Mutter. Anna suchte die Distanz, wurde aber immer wieder zurückbeordert – und sie kam, auch deswegen, weil sie die finanzielle Unterstützung brauchte.

Annas Lebenssinn war nicht die Musik – die hielt sie für etwas Selbstverständliches, so wie Essen, Sex – sondern zunächst die Malerei. Bis sie erkannte, dass sie mit dieser Kunstform nicht klar kam. Beeinflusst von Rodin und später von Fritz Wotruba, der auch ihr Lehrer wurde, begann sie Bildhauerei zu lernen. Der Stein faszinierte sie. Vielleicht war es auch eine Methode, ihre inneren Schwierigkeiten los zu werden. Sie konzentrierte sich auf die menschliche Figur, besonders auf Porträts. Davon leben konnte sie nicht. Erfolg hatte sie erst gegen Lebensende – die Eröffnung der Ausstellung in Salzburg erlebte sie nicht mehr.

Ihr Lebensweg war bestimmt durch ihre Herkunft, Emigration über London in die USA. Nach Wien wollte sie nie mehr zurückkehren. Gabriele Reiterer zeichnet eine Frau, die mit dem schweren Erbe ihrer Eltern, den Männern, die sie vergöttern, und dem ewigen Ortswechsel leben muss. Sie findet spät, aber doch, Zuflucht und innere Bestätigung in ihrer Kunst als Bidhauerin.

http://www.styria.com

Theater Akzent: Krokodile fliegen doch!

In seinem gleichnamigen Satireband behauptete Hugo Wiener, dass Krokodile nicht fliegen. Bela Koreny (s. Titelfoto) jedoch meint, sie fliegen doch! An diesem besonderen Abend im Theater Akzent brachten unter Korenys inspirierter Begleitung am Klavier Lilian Klebow, Stella Grigorian, Karl Markovics und Wolf Bachofner die Viecher doch zum Fliegen! Lilian Klebow zeigte ihre satirisch-komische Seite, Stella Gregorian ließ ihre Vergangenheit als Opernsängerin aufblitzen, Karl Markovics besang das Hintergründige, um es Wienerisch auszudrücken: das Hinterfotzige, und Wolf Bachofner war für den Wiener Schmäh zuständig.

Markovics überraschte das Publikum mit subversivem Humor („Mein Weib will mich verlassen“ und „Der guade, oide Franz“) und einem bösen Lied über die Karriere eines österreichischen Beamten („Der Beamte/ Kreisler). Mit Irrwitz spielte er den an Un- und Wedersinn unübertroffenen Skatch „Grünbaum konferiert mit sich selbst“. Den stärksten Moment des Abends lieferte er mit dem Lied von Charles Aznavour in deutscher Fassung : I bin a Homo. Es ist ein Lied über das Dilemma eines jungen Menschen, der sich in seinem von der Umwelt aufoktrouiertem Geschlecht nicht wohl fühlt. Ein Lied des Leidens, als Zugabe und Vorschau auf seinen „Aznavourabend“ am 22. Mai 2024 im Akzent. Was den Markovics zum Markovics macht, ist seine unbändige Kraft, jeden Song expressiv und stark „menschelnd“ spielend zu singen. Lilian Klebow war einmal die hintergründige Hildegard Knef („Von nun an gings bergab“), dann die ironische Diseuse in dem bösen Lied über die brave Frau. Gleich wieder wechselte sie zu heiteren Schmunzel- und Zungenbrechersongs. Stark wirkte Wolf Bachofner mit seinem „Gschupften Ferdl“ und Lacherfolg hatte er – eigentlich Woody Allen – mit dem absurden Text „Als ich einmal einen Elch schoss“. Stella Grigorian versuchte sich als „Seeräuber Jenny“ und „Goldfinger“. Innig sang sie eine Ballade eines russischen (?), armenischen (?) oder georgischen (?) Komponisten.

Bela Koreny war nicht nur ein charmanter Confrencier und flotter Begleiter am Klavier, sondern vor allem der Gestalter, der dem Abend die leicht melancholische Erinnerungsnote verlieh. So ließ er den ersten Teil des Abends in einer kleinen Bar enden, wo alle bei Kerzenschein den bekannten Schlager „The world goes round“ sangen und auf den gelungenen Abend anstießen.Manch einem im Publikum stiegen Erinnerungen auf an schummrige Abende in einer geliebten Wiener Bar, wo ein Klavierspieler, vielleicht Bronner oder Kreisler romantische, böse, intelligente Songs intonierte. Oder an ein Rendevous in einem kleinen Café, in dem der Pianist Melodien von Liebe, Walzerseligkeit und Wein intonierte. Vielleicht kam auch dem einen oder anderen der bittere Gedanke, dass diese „wienerischen“ Orte längst nicht mehr existieren oder wenn, dann als Kulisse für Touristen.

http://www.akzent.at

Charles Lewinsky, Der Halbbart. Diogenes

Hat sich hier der Autor selbst ein literarisches Denkmal gesetzt? Charles Lewinsky ist bekannt dafür, dass er fleißig recherchiert und aus den gewonnenen Fakten(?) eine spannende Geschichte baut, die stimmen kann oder auch nicht. Sein Protagonist Sebi gleicht ihm.

Sebi (Sebastian) wäschst in einem Dorf in Schwyz Anfang des 14. Jahrhunderts auf. Die Familie ist arm, seine älteren Brüder müssen für das naheliegnde Kloster Frondienst leisten. Dabei verliert Geni, der Besonnene, ein Bein. Sebi ist der Jüngste, vielleicht neun oder zehn. Er ist ein heller Kopf, beobachtet und macht sich seinen Reim. So ist er auch der erste und einzige, der den seltsamen Zuzügler namens Halbbart in seiner Hütte am Rande des Dorfes aufsucht. Aus Neugier und Mitleid wird Freundschaft. Als Sebi als Sauhirt im Kloster arbeiten muss, haut er bald ab, weil ihm die Scheinheiligkeit des Betriebes auf die Nerven geht. Zu den Soldaten will er nicht, weil er Gewalt verabscheut. Er schlägt sich wieder bis in sein Dorf durch. Inzwischen hat sich Halbbart einen guten Ruf als „Heiler“ gemacht. Doch bald wird ihm dieser Ruf zum Verhängnis und er wird als einer, der mit dem Teufel in Verbindung steht, angeklagt. Doch – oh Wunder – freigesprochen. Danach erzählt er Sebi und dessen Freunden endlich die Geschichte, wie es zu seinen Brandwunden im Gesicht gekommen ist. Er wurde in Korneuburg (!) von einer von einem Priester verhetzten Masse an die Tür seines Hauses angebunden und angezündet. Doch irgendwie konnte er sich im letzten Moment befreien. Ist die Geschichte so gewesen? Niemand kann es wissen. Sebi jedoch, fasziniert von der Art, wie Halbbart diese Geschichte erzählt, beschließt, sich als Geschichtenerzähler durchs Leben zu schlagen. Als „Meisterstück“ erzählt er, wie die Schweizer 1315 die Habsburger vertrieben haben. Dabei übertreibt er so, dass er selbst nicht glauben will, was er da erzählt. Doch er wird zum Helden hochgejubelt: Ja, genau so muss der Freiheitskampf stattgefunden haben!!

676 Seiten lang hält Lewinsky die Leser bei der Stange – allerdings verliert er sicher einige am Weg. Denn so detailreich er über Klosterleben, Dorfgeschichten und Tratsch, Aberglauben und Grausamkeiten zu erzählen weiß, und wie es Halbbart und Sebi eben auch machen, am Höhepunkt einer Geschichte abrupt abbricht und von ganz anderen Ereignissen neu beginnt, man legt das Buch erschöpft immer wieder beiseite, um dann doch wieder weiter zu lesen. Irgendwie ist man dann froh, am Ende angekommen zu sein. Die Moral von der Geschicht`: Glaub der Geschichte nicht. Es gibt keine „historisch gesicherten Fakten“.

www.diogenes,ch

Konzerthaus Wien: Fatma Said -Reise durch die Welt der Lieder

Am Klavier: Joseph Middleton

Die aus Ägypten stammende Sängerin Fatma Said ist in dieser Saison die Protagonistin der „Porträtreihe“. Bei ihrem ersten Konzert „A Sense of Mosaic“ im November stellte sie sich mit unbekannten Liedern von Brahms. Camille Saint Saens, Francis Poulenc und vielen anderen vor und begeisterte das Publikum.

Nun also setzte sie ihre Reise durch die Welt der Lieder fort. Sie begann mit Mozartliedern. Die Miniaturen waren eine Herausforderung, der sie anfangs nicht so ganz gewachsen war. Zuweilen kratzte die Höhe. Erst im dritten Lied „Männer suchen stets zu naschen“ fand sie den richtigen Ton und brillierte mit dem humorvollen Schluss. Die Schubertlieder waren mehr ihr Terrain – „Der Tod und das Mädchen“ wurde zu einer schlichten, berührenden Miniatur. In den „Nachtviolen“ zauberte ihre Samtstimme Seligkeit und Frühlingsluft. „Ganymed“ wurde zu einem Bekenntnis der ungezügelten Leidenschaft. Schumanns „Widmung“ an seine Frau Clara wurde zu einem innigen Liebesbekenntnis.

Nach der Pause begeisterte sie das Publikum mit „canciones populares“ von Manuel de Falla, darunter besonders intensiv das Wiegenlied „Nana“ und „Tus ojillos negros“ -„Deine schwarzen Augen“ Zart, nur angehaucht gelang das Lied „Del cabello mas sutil“ („Vom feinsten Haar“). Von der Kraft des Gesanges kündete das Lied „Gib mir eine Flöte und sing“ von Najib Hankash – ein fast träumerisches Bekenntnis zu der Kraft der Musik, insbesondere des Liedes. Joseph Middleton war ein einfühlsamer Begleiter am Klavier.

Weitere Termine:

29. Jänner 2024/ ORF Radio Symphonieorchester Wien: Mahler 4. S<mphonie, Sopransolo: Fatma Said

2. März 2024: Il Giardino d‘ Amore und Fatma Said: Arien von Vivaldi und Händel

http://www.konzerthaus,at

Kammerspiele der Josefstadt: Fritz Hochwälder, Der Himbeerpflücker

Regie: Stephanie Mohr, Bühnenbild: Miriam Busch

Als Fritz Hochwälder das Drama „Der Himbeerpflücker“ 1964 schrieb und es danach bis Ende der 70er Jahre auf diversen Bühnen gespielt wurde, war es ein großer Erfolg, weil das Thema längst fällig war. Hatten doch die wenigsten Leute, vor allem nicht die Jugendlichen, eine Ahnung vom Nazionalsozialismus. In den Schulen kannte man kaum Bert Brecht und schon gar nicht Fritz Hochwälder. Dass die Altnazis es sich nach Ende des Krieges „richten konnten“ und wieder in wichtigen Ämtern saßen, war ebenfalls relativ unbekannt. Als in der Zeitschrift „Falter“ der Bericht über den Euthanasiearzt Groß erschien, kostete es diesem keineswegs seinen Posten, im Gegenteil, er wurde von der Republik mit Ehren ausgezeichnet. In diesen gesellschaftspolitischen Sumpf stach nun Hochwälder mit seinem Drama hinein.

In den 90er Jahren wurde „Der Himbeerpflücker“ nicht mehr gespielt. Ist diese Wiederaufnahme aktuell, relevant unf wichtig für unsere Zeit?. Meiner Meinung nach ja, sogar sehr wichtig. Denn die aktuelle politische Atmosphäre ist ebenso wie damals von Freunderlgeschichten, Korruption etc vergiftet. Außerdem bin ich überzeugt, dass viele junge Menschen von dieser Nachkriegszeit kaum etwas wissen.

Stellt sich die Frage, wie man dieses Stück heute spielt, in einer Zeit, wo Show, Slapstick und überdrehte Performance das Theater ersetzen. Deshalb ist es sinnvoll, dass Stephanie Mohr das Volksstück als bewusste Gegenform wählte.. Leider gerieten manche Szenen zu allzu billigem Klamauk – warum muss Susanne Wiegand als Burgerl vor Entrüstung ihre Wäsche ablegen, warum muss Claudius von Stolzmann als Zagl wie der letzte Dorfdepp agieren? Warum muss das Stück wie eine Feydeau-Komödie ablaufen und müssen die Schauspieler eine Türauf- Türzu – Dauerlauf absolvieren? Warum müssen alle immer und immer wieder Wein, Schnaps und Bier saufen? Warum müssen am Schluss die Mannsbilder in einer „Siegesfeier“ fressen wie die Säue? – Das ist zu billige Charakterisierung, es fehlt die Schärfe einer finsteren Komödie. An manchen Stellen wirkt der Text etwas ausgeleiert – wurde es schon zu oft gespielt? Dennoch, noch einmal gesagt: Das Stück ist wichtig und hat seine Berechtigung. Die Regisseurin hat ja mit dem Ensemble eine wahre Goldgrube – warum nützt sie diese Kräfte nicht? Ein Franzmeier, Stolzmann, Reinthaller etc. sind durchaus für subtiles Spiel zu haben! Sie müssen nicht poltern! Ihnen allen liegt die fiese Komödie, das Hintergründige sehr wohl.

http://www.josefstadt.org

Charles Lewinsky, Sein Sohn. Diogenes Verlag

Ohne modische Versatzstücke erzählt Charles Lewinsky das Schicksal eines Menschen, der von einer Idee besessen ist und sie ohne Rücksicht auf Verluste verfolgt und dabei zugrunde geht. Ein wenig Simplicissimus, ein wenig Don Quijote, ein wenig historische Fakten und sehr viel Erzählkunst, die eben aus der Mischung von nachgewiesener Geschichte und Fiktion besteht. Man könnte den Roman auch als Analyse eines Menschen lesen, der konsequent einer Idee nachgeht. Ob es Wahn oder Wirklichkeit ist – das lässt Charles Lewinsky offen.

Das Buch liest sich wie ein Abenteuerroman aus der Zeit nach der französischen Revolution. Louis Chabos wächst in einem Waisenhaus in Mailand auf. Schüchtern und etwas klein von Wuchs wird er von seinen Mitbwohnern schickaniert. Es quält ihn, dass er nicht weiß, wer seine Eltern sind. Mit 12 Jahren wird er dem Marquese als Diener übergeben. Von ihm lernt er, sich zu verteidigen, mutig zu sein. Als junger Mann meldet er sich zur franzsösichen Armee und macht die Schrecknisse des Rußlandfeldzuges mit. Ziellos und verwundet irrt er nach dem Krieg herum, sucht nach einem Hinweis auf die Idendität seines Vaters. Endlich findet er in einem kleinen Dorf in Rätien eine Heimat, gründet eine Familie und es scheint, als habe er Ruhe gefunden und die quälende Suche aufgegeben. Bis ihn eines Tages eine Spur nach Paris führt, zu König Lous-Philippe I. Die Suche endet tragisch,,,,

Charles Lewinsky ist ein Menschenmaler mit Worten. Die Charaktere werden plastisch herausgearbeitet und in ein historisches Ambiente hineinerzählt. Mit vielen Details, fundiert recherchiert, reichert er das Romangeschehen an, ohne es zu beschweren. Er leitet den Leser vom Waisenhaus in Mailand bis in das von Luxus und schrecklicher Armut geprägte Paris. Am Ende ist man erschüttert von dem Leid, das diesem Chabos widerfährt. Ein Leid, das er selbst herausgefordert hat.

www.diogenes.ch

Wiener Konzerthaus: Beethovens 9. am Neujahrstag

Wiener Symphoniker und die Wiener Singakademie, Dirigent: Omer Meir Wellber

War der Star des Abends Beethoven oder Omer Meir Wellber? – Nun, die 9. Symphonie ist „Repertoire“, aber der Dirigent ist neu, spannend. Er sprintet auf die Bühne, als würde er vorbei am Dirigentenpult zur nächsten Tür wieder hinaus rennen, bremst sich gerade noch rechtzeitig ein. Ein Sprinter – auch in seiner Karriere. Gerade noch Musikdirektor der Wiener Volksoper. seit 1.1. 2024 nicht mehr, aber doch noch in Palermo, bald in Hamburg. Er dirigiert, wie er lebt: Mit vollem Elan vollführt er ein Ganzkörperdirigat! Sehenswert, und natürlich auch hörenswert. Manche Musikologen finden es fundamental wichtig zu wissen, wie lange die verschiedensten Dirigenten für ein bestimmtes Musikstück gebraucht haben. Man findet noch keine Zeitangaben zu Beethovens Neunter, aber bestimmt sprintet Omer Meir Welber mit seinem Dirigat ganz an die Spitze! Die kürzeste Zeit -gewonnen!!

Und das sah dann so aus und hörte sich so an: Rasant durch die Sätze, das Adagio darf ruhiger sein, alles sprintet hin zum Schluss, bis Christopher Maltman mit volltönendem Bass anhebt: Oh Freude…von weit her erklingen Trommeln und Tschinellen, dann der Chor…da bekam man schon die Gänsehaut.

Rasender, zum Tempo des Dirigenten passender Beifall!! Mit so viel Elan hat noch kein Dirigent zuvor das neue Jahr eingeleitet!

http://www.konzerthaus.at

Wiener Konzerthaus: Nikolaus Habjan: „Abpfiff 2023“

Oboe: Sebastian Breit, Akkordeon: Tobias Kochseder, Violoncello: Eduardo Antiao, Klavier: Ines Schüttengruber

Gemeinsam mit den vier Musikern kommentierte und pfiff Nikolaus Habjan Arien von Mozart, Rossini, Schubert, Beethoven, Verdi. Milhaud, Dvorak u.a.

Es wurde kein Rückblick über 2023, sondern ein echter Ab-Pfiff: Das Jahr soll abgehen, es war nicht immer schön. Deshalb soll der vorletzte Abend der heiteren Muse gehören. Diesmal brachte Habjan keine Puppen mit, sondern sein Talent zum Kunstpfeifen und vier tolle Musiker. Humorvoll und mit einer kleinen Dosis Respektlosigkeit vor manchem unsinnigen Libretti, kommentierte er jeweils vor jedem „Pfiff“ Sinn und Unsinn der folgenden Arie. Gleich zu Beginn amüsierte er das Publikum mit der Arie des Cherubin aus der „Hochzeit des Figaro“ von W.A.Mozart und meinte dazu: „Es ist die Arie eines voll pubertierenden Knaben, der ganz verrückt nach gleich zwei Frauen ist“: „Voi che sapete“. Das Faszinierende an Habjans „Pfiffarien“ ist, dass man die Figur, die Situation und das Ambiente der jweiligen Arie auch ohne Worte miterlebt. Was vorausseetzt, dass das Publikum opernaffin ist. Der vollbesetzte Mozartsaal und der jeweils begeisterte Applaus zwischen den Arien ließen dies vermuten. Von heiter bis romantisch pfiff Habjan dem Publikum die Ohren voll. Unter den gewählten Arien war auch das berühmte „Lied an den Mond“ aus der Oper „Rusalka“ von Anton Dvorak. Das war hohe Kunst, dieses Sehnsuchts- und Liebeslied, das zu den innigsten dieser Gattung gehört, nicht zu verpfeifen. Habjan pfiff sich in die leisen, ganz leisen, dann auch sehr hohen Töne der Arie hinein und versetzte das Publikum direkt an den Teich, an dem der Prinz und Rusalka im Kuss gemeinsam in den Tod gehen. Begleitet von allen vier Musikern mit Innigkeit und Zartheit.

In Kurzfassung brachte er dem Publikum die Gemütslage des verliebten Müllersburschen aus dem Zyklus „Die schöne Müllerin“ von Franz Schubert näher: Der Verliebtheit des Burschen haftet nichts Tragisches an, es ist nur jugendliche Schwärmerei, die bald vergehen sollte. Deshalb pfiff Habjan den Vogelgesang als heitere, tröstliche Begleitung.

Geschickt verquickte er die verschiedenen musikalischen Interpretationen der Orpheusgestalt, pfiff mit Innigkeit die seelenvolle Arie aus Glucks Oper „Orpheus und Eurydike“ „Ach, ich habe sie verloren“ und kontrastierend die Arie der Eurydike aus Offenbachs Operette „Orpheus in der Unterwelt“ : „Der Tod will mir als Freund erscheinen“ („Eurydike findet die Ehe mit Orpheus langweilig, da haut sie lieber mit dem Gott der Unterwelt ab“ – so Habjan). Besonders soll nochmals das Spiel der vier Musiker hervorgehoben werden, die in den „Erholungspausen“ Habjans das Publikum mit Musik von Bach, Wunderer und anderen Komponisten begeisterten.

Das Publikum bejubelte Nikolaus Habjan und seine Musiker mit langem und begeistertem Beifall. Als Zugabe pfiff er die Arie der Rosina aus Rossinis „Barbier von Sevilla“. Dann wünschte er einen guten Rutsch ins Jahr 2024.

www.konzerthaus.at

Wiener Staatsoper: Ballett:“shifting symmetries“

Drei Choreographien: „Concertante“ – Hans van Manen. „In the Middle. Somewhat Elevated“ – Wiliam Forsythe. „Brahms-Schoenberg Quartet “ -George Balanchine

Titelfoto: Concertante, GWielick, ALiashenko © Ashley Taylor

„Shiftng symmetries“- „Verschobene Symmetrien“ wurde als Überbegriff für die drei Ballettchoreografien gewählt. Van Manen, Forsythe und Balanchine sind drei Choreographen, die die Entwicklung des Balletts im 20. Jahrhundert wesentlich prägten.

„Concertante“ – Musik von Frank Martin, zeigt die Choreographie van Manens in konzentrierter Form. Vor schwarzem Bühnenhintergrund bewegen sich die Tänzer zum starken Rhythmus von Frank Martin in großen, raumgreifenden Bewegungen, immer im Blickkontakt zueinaner. aber in Konfrontation der Geschlechter. Vier Paare, die einander in verschiedenen Stadien von Zu- und Abneigung begegnen. Auffallend sind die fordernden Figuren der jeweiligen Pas de deux – Paare zu der starken Musik!! Die interessanten Kostüme (Keso Dekker) erwecken den Eindruck, die Tänzer treten nur in Körperbemalung auf.

In the middle, somewhat elevated“. Elektronische Musik von Tom Willems. William Forsythe zeichnet für Choreographie, Bühne, Licht, Kostüme. Mit dieser Choreographie hat Forsythe gewaltig die Welt des Tanzes verändert.

Die vergoldeten Kirschen, die kaum als solche erkennbar von der Decke hängen, haben keine symbolische Bedeutung – sie waren eine Verlegenheitslösung. Gleichsam die Ironie pur auf jegliches Bühnenbild. Denn nichts sollte vom Tanz ablenken. Es beginnt in völliger Finsternis, plötzlich heftige Donnerschläge, ein Blitz erleuchtet die in grüne, körpernahe Kostüme gekleideten Tänzer und Tänzerinnen. Mit Wucht schlägt die Musik auf Tänzer und Publikum ein – der Boden unter den Füßen erbebt bei jedem Schlag. Da drehen sich keine zarten Elfen und Geister, sondern wuchtige Maschinenmenschen. kraftgesteuert durch die Hammerschläge der Musik. Zwei bis drei Grundbewegungen bestimmen im ersten Drittel das Geschehen. Dann explodieren Paare in spannungsgeladenen Figuren, auffallend anders Davide Dato, den man bisher eher klassisch kannte. Atemlos – das ist wohl der treffende Ausdruck – sieht das Publikum die geballte Gewalt des Tanzes.

„Brahms-Schoenberg Quartet“ (Arnnold Schönberg bearbeitete das Klavierquartett Nr.1 von Johannes Brahms für Orchester)

Einen größeren Gegensatz zu Forsythe gibt es kaum. Man kann es nicht fassen! Da tanzen Ballerinen im eleganten, weißen Tüllröckchen und die Prinzen dazu natürlich im silbrig weißen Wams. Auffallend sexy ist übrigens das Kostüm von Davide Dato, der die Hauptpartie tanzt (Kostüme: Vera Richter). Die Szenerie spielt, wie es sich für ein romantisches Ballett à la Russe gehört, vor einer Schlosskulisse. Allerdings ähnelt es einem Gruselschloss: Schwarze, leere Fensterhöhlen, die Mauern grau-schwarz. Aber dennoch glaubt man sich im „Nussknacker“ oder „Schwanensee“. Man sieht alle beliebten Ballettfiguren, Sprünge, Hebefiguren – halt das ganze klassische Repertoire. Ein Teil des Publikums scheint ganz verzückt danach gewesen zu sein und dankt mit standing ovations. Ein anderer Teil war ein wenig verwirrt – nach Forsythe diese Tüll- und Romantikchoreographie!? Natürlich war es die Absicht Martin Schläpfers, den Bogen von der russischen Klassik bis in die krasse Moderne zu zeigen. Aber nach Forsythe Balanchine – mir erschien das ein wenig unfair. Es war auf jeden Fall ein Abend, an dem der Ballettdirektor die großartige leistung des Wiener Ballettensembles demonstrieren konnte. Das Publikum dankte ihm sehr dafür. Sonderapplaus bekam auch der Dirigient Mattew Rowe, der sehr einfühlend die Tänzer durch die Musik von Martin und Brahms lenkte.

www.wienerstaatsballett.at

Leopold Museum: Gabriele Münter Retrospektive

„Gabriele Münter (1877–1962) war weit mehr als die „Frau an der Seite Kandinskys“. Durch Ausstellungen und Publikationen, insbesondere jene der vergangenen zwei Jahrzehnte, findet sie breite Anerkennung als eine der führenden Protagonist*innen der deutschen Avantgarde. Nun würdigt das Leopold Museum als erste Institution in Österreich ihr Werk im Rahmen einer umfassenden Personale. In zwölf Themeninseln wird die expressionistische Malerin auf ihren Lebensstationen begleitet, die oft mit jeweiligem Stilwechsel oder lebhaftem Interesse an unerprobten Techniken und Sujets koinzidierten.“ (Pressetext)

Die Wände der Ausstellung sind in Blau gehalten, gerade so wenig oder sos viel blau, dass es nicht von den Bildern ablenkt, sie nur angenehm umrahmt. „Angenehm“ ist gleich das passende Attribut für die ganze Ausstellung – kleines Manko: Die Texte neben den Bildern in Minischrift verleiten nicht zum Lesen. Schade!

Farbinstensität und klare Formensprache sind Gabriele Münters Merkmal. Wie sie sich von männlichen Einflüssen freizukämpfen versucht, sich von ihrer Formensprache abbringen lässt, dann doch immer wieder zu sich und ihrem inneren Credo zurückfindet, das wird in der Ausstellung deutlich. Wassily Kandinsky- zuerst Lehrer, dann langjähriger Weggefährte – sucht sie immer wieder von der reinen Abstraktion zu überzeugen. Doch die Versuche in dieser Richtung bleiben Versuche. Auch im Stil der „neuen Sachlichkeit“ versucht sie sich und die Ergebnisse sind beeindruckend. Während des Nationalsozialismus lebt sie mit ihrem neuen Gefährten und späteren Ehemann Johannes Eichner ziemlich unbeobachtet und unbehelligt in Murnau. Unter seinem „Diktat“ sollen möglichst dem Geschmack der Nazis angepasste Bilder entstanden sein. Einige sieht man in der Ausstellung – das war nie ihr Stil. Versuche von Männern, wie Wassily Kandinsky oder Johannes Eichner – auf ihren Malstil Einfluss zu nehmen, werden von ihr nur mit Vorbehalt ausprobiert, um doch dann zu ihrem eigenen Stil zurückzukehren.

Ihre Bilder sind von einer Art „unbeschwerten“, fast „naiven“ Abstraktion und gerade deshalb, in dieser Mitte zwischen Realität und abstrakter Phantasie, heute noch viel ansprechender als je zuvor. In einer Zeit der Digitalisierung der Kunst, in der es entweder um Fake-Kunst oder um Darstellung einer Welt außerhalb des eigenen Denkens geht, tut es richtig gut, sich auf diese Bilder voller Farben-. Lebensfreude und Spiel mit der Realtiät einzulassen. Dass die reine Abstraktion ein Versuch war, zeigt das Bild rechts wohl deutlich.

Die Ausstellung ist noch bis 18. Februar 2024 zu sehen.

www.leopoldmuseum.org

Albertina modern: Herbert Böckl-Oskar Kokoschka – Eine Rivalität

„Die Ausstellung Herbert Boeckl – Oskar Kokoschka. Eine Rivalität zeigt zwei der bedeutendsten österreichischen Künstler des Expressionismus. Präsentiert werden mehr als 100 herausragende Arbeiten auf Papier, eine Auswahl aus den reichen Beständen der ALBERTINA.“ (Zitat aus Ausstellungstext)

Der Zusatztitel ist nicht ganz einsichtig. Rivalen waren die beiden Künstler nie, höchstens hatten ihre Werke manchmal zeitbedingte Ähnlichkeiten, aber nicht mehr. Beide sind in ihrer künstlerischen Veranlagung nur auf den ersten Blick ähnlich – und daher, wenn man so will Rivalen. Aber schon die Fotos beider und ihre Biografie machen deutlich, wie sehr ihre Entwicklung auseinandertriftet.

Kokoschka – ein Wilder, Unangepasster, einer dessen Bilder von den Nazis als entartete Kunst verboten wurden. Er emigriert und kehrt erst nach Ende des Zweiten WEltkriegs zurück. Böckl bleibt, er hat ja eine große Familie, tritt der NSDAP bei, verschweigt es, verliert kurzfristig seinen Posten an der Akademie der bildenden Künste in Wien, wird aber in den späteren Jahren ebenda Lehrer und Direktor. Als Lehrer war er – so die Erzählung meines Vaters, der in seiner Klasse war- unerbittlich. Eigenwilligkeit war nicht gefragt. Und so sehe ich in der Ausstellung Böckls Spuren in den Bildern meines (verstorbenen) Vaters.

Die Unterschiede zwischen Kokoschka könnten nicht größér sein.

Die Augen der beiden Porträts sagen viel über den Maler aus: Kokoschka zeichnet tiefliegende Augen, voller Verzweiflung oder zumindest Zweifel Böckl malt sich selbst als einen Glücklichen. Die Pinselstriche sind gelassen, unaufgeregt – ich habe im Atelier meines Vaters viele ähnlich ausgeführte Porträts gesehen: Ein ruhiger Hintergrund, oft im ähnlichen Braun, das Gesicht fest und klar.

www.albertina.at

Herbert Lackner, Als Schnitzler mit dem Kanzler stritt. Verlag Ueberreuter.

Eine politische Kulturgeschichte Österreichs

Im Kreuzungspunkt zwischen Politik und Kultur gab und gibt es Konflikte. Oft mit tödlichem Ausgang, natürlich für die Künstler, im besten Fall „nur“ Konfrontation. Herbert Lackners Interesse und schriftstellerischer Fokus liegt auf diesem Kreuzungspunkt. Mit akribischer Recherche deckt er Hintergründe und Auswirkungen auf. In dem Buch „Als die Nacht sich senkte“ schreibt er über die Anfänge, als Künstler , besonders jüdische, in der Zwischenkriegszeit mit Anfeindungen zu kämpfen hatten. Im zweiten Band „ Die Flucht der Dichter und Denker“schildert er die Schicksale der Künstler, die dem Naziregime entkamen. Wie ernüchternd für viele die Rückkehr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in die Heimat war, beschreibt Lackner in dem Band „Rückkehr in die fremde Heimat“

Nun ist also der vierte Band erschienen: „Als Schnitzler mit dem Kanzler stritt“. Als Vollprofijournalist findet Lackner immer attraktive Titel, wie eben auch diesen. Das Streitgespräch fand 1928 im Kanzleramt statt. Ignaz Seipel hatte einige Künstler, darunter auch Arthur Schnitzler, zu einer Diskussion über die Verschärfung des „Schmutz- und Schundgesetzes“ eingeladen. Dabei kam es zu einem heftigen Streit zwischen Seipel und Schnitzler, in dem Schnitzler einem Politiker grundsätzlich die Urteilsfähigkeit über Kunst abspricht. Und genau diese Frage ist das grundlegende Thema des Buches. Lackner zeigt auf, wie sich Politik immer wieder der Kultur und der Frage, was als Kultur gelten darf, bemächtigt. Vor allem deckt Herbert Lackner Hintergründe auf, von denen man bisher nichts wußte, etwa wie viele ehemalige Nationalsozialisten es „sich richten konnten“ und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder politische Karriere machten.

Lackner spannt den Bogen von Schnitzlers „Reigen“ bis zum heftig angefeindeten „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard und endet bei den heftig umstrittenenen Aktionen rund um „woke“ und „kulturelle Aneignung“. Die Gefahr, Kultur als Politikum zu missbrauchen, ist immer virulent. So gesehen, liest sich das Buch als Aufruf zur Wachsamkeit. Als Leser stellt man sich am Ende die heikle Frage, wo man sich selbst einordnet – als reaktionär? – Nur weil man vielleicht manches nicht gutheißen kann?! Gehört man zu den Rechten, den „ewig Gestrigen“, weil man Gendern und Regietheater lächerlich findet?

www.ueberreuter.at

Musikverein Wien: Andrè Schuen, Lieder von Schubert und Mahler

Am Klavier: Daniel Heide

Andrè Schuen ist auf dem internationalen Musikparkett längst kein Unbekannter mehr. 2023 sang er in der Wiener Oper und bei den Salzburger Festspielen in Mozarts „Le nozze di Figaro“ beide Male den Grafen Almaviva und jüngst war er als Schwanda, der Dudelsackpfeifer im Museumsquartier (Theater an der Wien) in einer wenig geglückten Inszenierung zu erleben. Man spürte ganz deutlich, dass ihm diese Rolle nicht behagte.

Strahlkraft und Sinnlichkeit seiner Stimme kommen am besten im Liedgesang zur Geltung. In der congenialen Begleitung des Pianisten Daniel Heide war er im Frühjahr im Konzerthaus mit seiner Interpretation der „Schönen Müllerin“ von Franz Schubert zu hören. Ein tiefes Erlebnis, das in Erinnerung bleibt.

Nun also am 16. Dezember im ausverkauften Brahmssaal des Musikvereins. Vom ersten Ton an lebt Schuen in der Musik, steigt tief in das Lied ein, lässt sich auf die existentielle Ebene ein, begleitet von dem sensiblen Pianisten Daniel Heide. Am Beginn standen die „Vier Lieder eines fahrenden Gesellen“. Darf man heutzutage noch den Begriff „Inbrunst“ verwenden? Egal – Schuèn sang sie mit Inbrunst, drang mit seinem vollen, weichen Bariton bis in die Tiefen der Existenz ein. Mit Mut zur Dramatik sang er das Universum Mahlers, besonders intensiv etwa das Lied „Ich hab`ein glühend Messer“ , bei dem sein Bariton tief in den Bass hineinreichte. Mt der Auswahl der Mahler- und Schubertlieder bewies Schuen das Gespür für die tiefe Tragik, die beide Liedkomponisten miteinander verband. Auch Querverweise und Übergänge von einem Komponisten zum anderen wurden deutlich.

Für Schubertlieder ist Schuens Vortragskunst ganz besonders ideal. Mit der sensiblen Klavierbegleitung Daniel Heides und seinem samtig-weichen Bariton gestaltetet er die Lieder zu einem Lebensbild des Komponisten, lässt vergebliche Hoffnungen und flüchtiges Liebesglück spürbar werden.

Ein großer, berührender Abend abseits des allgemeinen Musik- und Medienrummels!! Als Zugabe sang Schuen zuletzt ein ladinisches Volkslied aus seiner Heimat Südtirol. Langer, begeisterter Applaus!

www.andreschuen.com und www.musikverein.at

Volksoper Wien: „Lass uns die Welt vergessen“ Volksoper 1938

Ein Auftragswerk zum 125. Geburtstag der Volksoper Wien. Buch von Theu Boermans unter Verwendung der Operette „Gruss und Kuss aus der Wachau“ von Jara Benes, Hugo Wiener, Kurt Breuer und Fritz Löhner – Beda

Karen Kagarlitsky dirigiert die Originalmusik der Operette, sowie zusätzlich Musik von Arnold Schönberg, Viktor Ullmann, Gustav Mahler und eigene Kompositionen.

Selten noch hat eine öffentliche Institution so akribisch, ehrlich und aufwühlend die eigene NS-Vergangenheit beleuchtet. Dem Dreigespann Theu Boermans (Inszenierung), Bernhard Hammer (Bühnenbild) und Anjen Klerks (Video) gelang ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk. Mit dem Spiel auf drei Ebenen, die der Probenarbeit zur Operette, zeitgleich mit dem politischen Geschehen „draußen“ und dem Einblick in die Privatatmosphäre aller Beteiligten entstand eine minutiöse Zusammenschau zeitgleicher Ereignisse, die einem manchmal den Atem verschlug.Wie oft hat man schon die Geschichte um den Einmarsch der Hitlertruppen, den Auftritt Hitlers auf dem Heldenplatz und die jubelnden Massen in kurzen Wochenschauausschnitten gesehen! Und wie oft schon davon gehört, gelesen. An diesem Abend jedoch wird man miteinbezogen. Man sieht Hitler am Heldenplatz, die jubelnde Menge und davor die Menschen, die in Furcht ihre Abreise vorbereiten. Starke Szenen wie die, in der die Witwe Bründl (Ulrike Steinsky) die Schönheit der Wachau besingt und sich der jüdische Souffleur Osip Rosental erhängt (beeindruckend Andrea Patton), wird man so schnell nicht vergessen. Während Österreich Schritt für Schritt seine Unabhängigkeit verliert – ebenfalls in Videos eingespielt-, deklariert sich die Hälfte des Volksopernensembles als begeisterte Nazis und übernimmt die Führung im Theater. Nun heißt es: Widerstand oder sich fügen. Wie entscheiden sich die einzelnen Mitglieder? Schnell heißt es : Kunst geht über Politik. Dass aus dem heiter-witzigen Operettenstück im Laufe der Proben unter Naziführung bald der größte Kitsch wird, kann man plastisch miterleben. Ein starkes Ende lässt das Publikum erstarren: Vorne spielen sie das ktischig-fröhliche Finale der Operette, im Hintergrund sehen die K-Insassen auf die unbekümmert – heitere Szenerie herab. Aus dem Off singt Hugo Wiener, der nach Bogotà fliehen konnte: „Im Prater blühen wieder die Bäume“. Der begeisterte Applaus galt den durch die Bank hervorragenden Leistungen der Schauspieler, vor allem aber dem Team der Inszenierung und der Dirigentin. Nicht unerwähnt bleiben soll die akribisch wissenschaftliche Aufarbeitung und Hilfe von Marie Theres Arnbom, Direktorin des Österreischischen Theatermuseums. Das ausgezeichnete Programmheft liefert viele zusätzliche Hintergrundinformationen zur Entstehung des Stückes und zu biografischen Details der an der Operette beteiligten Künstler. Und einmal mehr muss dankbar angemerkt werden: Es ist eine Aufführung frei von didaktischem Erziehungswillen.

www.volksoper.at

Jennifer Ackerman: Die geheime Welt der Vögel.

Untertitel: „Wie sie denken, spielen, sprechen und ihre Kinder erziehen. Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel.

Illustrationen von John Burgoyne

Jennifer Ackerman ist eine weltweit anerkannte Ornithologin. Sie erforscht die Welt der Vögel, ohne sie zu vermenschlichen oder zu verniedlichen. Ihre Forschungsergebnisse hat sie in mehreren Büchern veröffentlicht. In ihrem letzten Werk schreibt sie zwar darüber, wie „Vögel denken, spielen oder sprechen“, aber es folgen keine „lieben“ Geschichten, die man den Kindern am Abend vorliest, sondern faktenbasierte ERgebnisse langer und ausführlicher Beobachtungen. Bei jedem einzelnen Thema, zum Beispiel „Mobbing“ oder „Alarm“, bescheibt sie die für diese Aktion in Frage kommenden Vogelarten. So greifen zum Beispiel Krähen von oben an, Möwen sind besonders fies: sie bekoten ihren Gegner, bis dieser sich nicht mehr rühren kann. Alle Beobachtungen werden in wissenschaftlicher Sprache abgehandelt, aber immrt wieder mal durch witzige Neuigkeiten aus der Vogelwelt aufgelockert. Der Laie wird sich über diese Passagen freuen, der Kenner die wissenschaftlichen Informationen aufsaugen.

Eine ausführliche Literaturliste und ein abundantes Register sind bei der Suche nach spezifischen Themen sehr hilfreich.

www.ullstein.de

SCALA: „Play Strindberg“ von Friedrich Dürrenmatt nach dem „Totentanz“ von August Strindberg

Inszenierung: Babett Arens. Raum: Marcus Ganser. Kostüm: Sigrid Dreger. Musik: Alexander Lutz

In der bekannten großartigen Sicht auf sich und sein Werk meinte Friedrich Dürrenmatt, Strindberg sei ein Genie gewesen, aber heute „sei er literarisch total veraltet“ (Zitat Programmheft)., Also schrieb er den „Totentanz“ so um, dass „fast kein Strindbergsatz mehr übrig geblieben ist“ (Zitat Programmheft). Dem Ehekrieg nahm er die Tragik und formte ihn zu einer bitterbösen Komödie um. Gleichsam wie in einem Boxkampf gehen die Eheleute aufeinander los, schlagen sich gegenseitig knock out, kehren wieder in den Ring zurück. bereit für die nächste Runde.

Konsequent hat Marcus Ganser diese Idee vom Boxkampf umgesetzt und die Schauspieler in einem hohen Maschenkäfig agieren lassen. Jede Runde wird an- und abgepfiffen. Der Nachteil dieser Idee: sie nützt sich nach 6-7 Runden ab und zersägt den Fluss der Dramatik. Die Schauspieler holen aus diesem Konzept das Beste raus, was möglich ist. Allen voran Thomas Kamper als Ekel Edgar. Er hat ja schon in vielen Inszenierungen in der Scala reüssiert, unter anderem im „Tod eines Handlungsreisenden“ oder in der „Liebelei“. Als widerwärtiger Ehemann Edgar, der seine Frau herumkommandiert und sie zur unbezahlten Hausmagd degradiert, ist er richtig gut grauslich. Wie ein Stehaufmandl ist er nach einem kurzen Scheintod immer wieder da und triumphiert über sie. Er ist der verkörperte Philister und Heuchler, dem man als Zuschauer den baldigen Tod wünscht. Vanessa Payer Kumar hat es schwer, als Alice neben ihm sich zu behaupten. Sie ist eher eine elegante, leicht resignierende als widerliche Ehefrau. Ihre Stärke ist das Wort, das sie über ihn ausspeit, wenn er am Boden liegt: „Stirb endlich, aufs Gartenbeet mit dir!“ Aber er sirbt nicht und nicht. Am Ende triumphiert sie über ihn, füttert den Gelähmten, der nur mehr unverständliche Sprachbrocken ausspeien kann. Zwischen diese beiden Kampfhähne gerät der Besucher von draußen – Kurt. Alexander Lutz ist in dieser Rolle perfekt: Eleganter Hochtapler, Verführer, der aber im entscheidenden Moment die um ihn buhlende Alice abblitzen lässt und die Kampfhähne ihrem Schicksal überlässt. Außerdem rundet er mit seiner Musik das Geschehen ab.

Ob aus dem „Totentanz“ Strindbergs wirklich eine Komödie wurde, wie Dürrenmatt meinte, diese Frage mag jeder für sich beantworten. Eine Zuseherin hat sich offenbar wirklich amüsiert, ihr Lachen war nicht zu überhören. Die Orgie des Hasses wirkte eher schockierend.

Gespielt wird jeweils Dienstag bis Samstag um 19.45h vom 12.12. bis 22.12. 2023.

http://www.theaterzumfuerchten.at

Theater Akzent: The Tiger Lillies‘ Christmas Carol: A Victorian Gutter

Martyn Jacques: Erzähler, Akkordeon, Klavier. Adrian Stout: Scrooge, Bass, diverse Instrumente wie singende Säge, Budi Butentop: Percussion und Gesang

Die Geschichte vom Geizhals Scrooge und seiner Verwandlung in einen Menschenfreund hatte 2021 in London Première und war gleich ein Riesenerfolg. Ebenso im ausverkauften Theater Akzent. Das Bühnenbild war eine Mischung aus Marionettentheater und Cabaret und zauberte Weihnachtsstimmung mit Augenzwinkern in den Saal. Die drei Sänger erinnerten an Figuren aus Brechts „Dreigroschenoper“. Martyn Jacques als genialer Bänkelsänger erzählte die Geschichte, mal begleitete er sich am Klavier, mal mit dem Akkordeon. Mit beißendem Humor – so weit man den Text mitbekam – erzählte er von den hungernden Straßenkindern in London, von der menschlichen Kälte des Geizhalses, die erst schmilzt, wenn ihm Sterben in totaler Einsamkeit angedroht wird. Alles ohne didaktischen Unterton, die „Moral von der G´schicht“ war in pures musikalischens Vergnügen verpackt. Man schmunzelte, forschte aber zugleich in seinem Innersten nach, wie es da um die eigene Menschenfreundlichkeit steht.

Das Publikum dankte mit frenetischem Applaus und standing ovations. So manche einer – wie auch die Schreiberin dieser Zeilen – hätte sich Übertiteln gewünscht. Denn man konnte das meiste nur erraten, der feine, hinterlistige Humor der Gruppe blieb leider oft auf der Strecke.

http://www.akzent.at

Ilona Jerger, Lorenz. Piper Verlag

Konrad Lorenz entwarf mit seiner „Vergleichenden Verhaltensforschung“ ganz neue Sichtweisen auf die Welt der Tiere. Seine Vergleiche Tier-Mensch fanden nicht immer die Zustimmung in der Welt der Wissenschaft. Und seine Parteizugehörigkeit zur NSDAP hat er lange verschwiegen, was man ihm schon zu Lebzeiten übel nahm. Dennoch waren die Österreicher mächtig stolz auf ihn, als er 1973 den Nobelpreis erhielt.

Über ihn erschienen schon zu Lebzeiten viele Artikel, seine Bücher erregten Aufsehen. Nun hat sich Ilona Jerger mit dieser schillernden Persönlichkeit befasst und nach langen Recherchen eine interessante, humorvolle und immer spannend geschriebene Biografie vorgelegt. Wobei sie betont, keine reine Biografie verfasst zu haben, sondern eher eine Romanbiografie. So erlaubte sie sich Details einzuflechten, die vielleicht so hätten stattfinden können, für die es aber keine Beweise gab. Sie führt auch in Ichform eine Tierforscherin ein, die den Spuren ihres großen Vorbildes nachgeht. Dieser erzählerische Kapriole wäre allerdings nicht notwendig gewesen, sie verwirrt eher.

Konrad Lorenz‘ Leben (1903-1989) spiegelt die Geschichte des 20. Jahrhunderts wider.Nach seinem Medizinstudium widmet er sich als Privatgelehrter der Tierforschung und richtet 1926 auf dem Grund es elterlichen Anwesens in Altenberg bei Wien eine zoologische Forschungsstätte ein. Er beobachtet Gänse – die Gans Martina geht in die Geschichte ein -, Vögel, Hunde, eben alles, was um ihn herum kreucht und fleucht. Als er sich der nazionalsozialistischen Ideologie andienert, bekommt er einen Lehrstuhl in Königsberg. Doch bald wird er eingezogen, als Arzt an die Ostfront geschickt und von den Russen gefangen genommen. Doch auch in der Gefangenschaft setzt er seine Tierbeobachtungen fort. Dank seiner medizinischen Kentnisse kann er vielen Kameraden das Leben retten. Nach sechs Jahren Gefangenschaft wird er freigelassen und kehrt nach Altenberg zurück. Sein Ruhm als Forscher verbreitet sich, 1950 leitet er die Forschungsstelle für Vergleichende Verhaltensforschung, später wird er Direktor des Max-Planck-Institutes für Verhaltensphysiologie am Eßsee in Oberbayern. Mit steigendem Ruhm werden die Stimmen gegen ihn immer lauter, seine NS -Vergangenheit kommt ans Licht. Doch unbeirrt arbeitet Lorenz weiter, schreibt Bücher, engagiet sich im Umweltschutz – Hainburg. Er bleibt bis zu seinem Tod der berühmte Mann, der mit den Gänsen, Fischen und Vögeln sprach.

Ilona Jergers Buch ist keine trockene Biografie. Mit vielen interessanten und humorvollen Details gelingt es ihr, den Menschen Konrad Lorenz den Lesern nahe zu bringen. Dabei beschönigt sie nichts, zitiert aus Briefen und Vorträgen reichlich unangenehme Zitate, die Lorenz als glühenden Verfechter der Rasssentheorie ausweisen. Seitenhiebe und Details rund um das Hitlerregime verblüffen – etwa, die Tatsache, dass Hitler nicht einschlafen konnte. Erst wenn sein geliebter Schäferhund mit ihm einen Schlafgesang anstimmte, dann fand der Neurotiker einigermaßen Ruhe. Geschichten über den schrulligen Philosophen Heidegger, den Dichter Celan oder Willy Brandt beleuchten die politischen und kulturellen Entwicklugen..

„Lorenz“ von Ilona Jerger ist ein lebendig geschriebenes, interessantes Buch, ohne moralisierende Überlegungen. Die intensive Recherche macht sich nicht als lästiger Überhang breit, sondern wird geschickt in die Handlung eingebaut.

www.piper.de

Wiener Konzerthaus: Plattform K & K Vienna. Fatma Said: „A Sense of Mosaic“

K&K steht für Kirill Kobantschenko, den Primgeiger der Wiener Philharmoniker und Gründer der Plattform, die sich als „Hommage an die kaiserlich-königliche Musiktradition versteht“ (Zitat aus Programm). Kirill Kobantschenko: Violine, Petra Kovacic Violine, Michael Strasser Viola, Florian Egger, Violoncello, Bartosz Sikorsi Kontrabass, Christoph Eggner Klavier.

Fatma Said, geboren in Kairo, erhielt schon zahlreiche Auszeichnungen in der Kategorie Lied und ist auf dem Weg zu einer internationalen Karriere. In der Saison 2023/24 ist sie Porträtkünstlerin des Wiener Konzerthauses. Das Programm war voller Überraschungen. Die größte Überraschung aber war die junge Sängerin! Mit ihrem warmen Sopran, der in den Tiefen wie in den Höhen gleichermaßen rein und verführerisch klang, bezauberte Fatma Said sofort das Publikum.

Zum Auftakt gab es von Richard Strauss die Suite „Der Rosenkavalier“, bearbeitet von der Plattform K&K Vienna. Mit ungezähmter Spielfreude überschütteten die Musiker das Publikum mit den bekannten Motiven aus besagter Oper und gaben damit auch das Thema des Abends vor: heitere Melancholie. das Lebensgefühl um 1900. Fatma Said „sang sich ein “ mit Liedern von Brahms (Ophelia Lieder). Mit „Violons dans le soir“ von Camille Saint-Saens verführte sie das Publikum mit ihrem weichen Sopran, der bis ins Mezzo reicht. Mit ihrem romantisch – minimalistisch, fein ziselierenden Stil formte sie aus jedem Lied eine Miniatur-Kostbarkeit. Dies kam besonders stark in dem Lied des ägyptischen Komponisten Sherif Mohie El Din „Against whom?“ zur Geltung. Von Pianissimi steigerte sie sich zu klangvoller Dramatik. Im Lied „Les chemins de l‘amour" von Francis Poulenc erklangen die „chemins de l’amour“ wie hauchzarte Liebesversprechen. Zum Abschluss sang Fatma Said zwei Songs von George Gershwin: „Sommertime“ und „By Strauss“ und zeigte sich von der humorvollen Seite.

Die Musiker der K&K Plattform Vienna spielten mit vollem Steicherklang von Ottorino Respighi die Suite Nr.3, übten sich in einem Tango von Astor Piazzolla: „Invierno porteno“ – wobei man ein wenig das Bandoneon vermisste – und griffen in die volle Dramatik bei den 3 Stücken von Manuel de Falla „Introduccion“, „El sombrero de tres picos“ und „Danza ritual del fuego“.

Als Zugabe sang Fatma Said den bekannten Song „Somewhere over the Rainbow“ von Harold Arlen.

Man darf auf die nächsten Liederabende mit Fatma Said am 11. und 29. Jänner 2024 im Wiener Konzerthaus gespannt sein.

www.konzerthaus.at

Daniel Kehlmann, Lichtspiel. Rowohlt

Warum ausgerechnet ein Roman über G.W.Pabst? Er war ein Gigant der Stummfilmzeit, einer der ganz Großen, an den sich aber heute kaum jemand mehr erinnert – außer Kenner der Stummfilmzeit. Aber wenn Daniel Kehlmann diese Figur ins Zentrum eines 450 Seiten starken Romans stellt, dann hat er gute Gründe. Die zu entdecken ist für den Leser nicht immer einfach.

Die ersten 80 bis 100 Seiten wirken wie ein schnell hingeschriebenes Filmskript: Personen wechseln im raschen Schnitt, kaum erkennbar. Pabst in Hollywood: niemand kümmert sich mehr um den einst Großen Pabst, er ist frustriert und will nur eines: Filme machen, und zwar gute, herausragende. Längst sind seine Erfolgsfilme wie „Die freudlose Gasse“ (mit Greta Garbo und Wener Krauß, 1929 in Deutschland) vergessen. Ein alarmierender Brief seiner Mutter ruft ihn und seine Frau Trude 1939 von Hollywood nach Österreich zurück. Ab diesem Abschnitt beginnt der Roman Fahrt aufzunehmen, man glaubt zu verstehen, was Kehlmann in dieser Figur eines naiven, zum Bleiben gezwungenen „Rückkehrers“ aufzeigen wollte: Österreich hat sich dem Hitlerdeutschland angeschlossen. Der Nazionalsozialismus blüht und gedeiht. Im eigenen Haus (Schloss in der Steiermark) wird die Familie Pabst bespitzelt. Doch er scheint von der politischen Lage unbeeindruckt zu sein – er will nur Filme drehen- Und er lässt sich in als Galionsfigur vor das Hitlersche Propagandasystem spannen. An diesem Punkt bleibt Kehlmann der Figur einiges schuldig: Aus demr Drang, künstlerische Filme zu machen, scheint Pabst blind für die das politische Geschehen um ihn herum zu sein. Die Frage, ob Kunstauftrag oder der Wille, sich künstlerisch zu verwirklichen, die Kompromisse rechtfertigen. die ein unter den Nazis arbeitender Künstler eingehen muss, bleibt unbeantwortet, besser gesagt: unbewertet. Vielleicht stellt Kehlmann die Frage an den Protagonisten überhaupt nicht – aus dem einfachen Grund, keinen moralisierenden Roman schreiben zu wollen. Er überlässt das Urteil darüber dem Leser. Am Ende des Romans ist die Antwort nicht eindeutig klar. So viel Blindheit glaubt man der Hauptfigur – und daher dem Autor – nicht. Dennoch ist der Roman lesenswert, spannend geschrieben, wenn auch durch häufige Wechsel der Erzählperspektiven manchmal ärgerlich modisch.

www.rowohlt.de

Wiener Staatsballett an der Volksoper: „the moon wears a white shirt“ Drei Choreographien

Titelfoto: „Ligeti essays“ Ensemble

Drittes Klavierkonzert von Alfred Schnittke, Choreographie Martin Schläpfer. Musikalische Leitung aller drei Werke: Christoph Altstaedt

©Ashley Taylor. Mila Schmitt und Gabriele Aime

Fast könnte man sagen: Eine typische Schläpferchoreographie. Es sind die vertrauten Bewegungen mit neuer Musik und neuem Kontext: Mila Schmitt tanzt, wenn man so will, eine Frau auf der Suche nach Beziehungen, Begegnungen. Sie ist eine sensible Sucherin, tanzt wie eine Feder durch den Raum, schwerelos. Begegnungen können harmonisch sein, aber auch unerträglich – so steigt sie auf den Rücken ihres Partners, vorsichtig, aber besitzergreifend und stülpt ihm dann einen schwarzen Schleier über. Völlige Vereinnahmung? Alles ist nach vielen Richtungen deutbar: Kampf der Geschlechter, Annäherung, Abstoßung. Wundervoll getanzt von Mila Schmitt und Gabriele Aime und dem Ensemble der Volksoper.

Musik György Ligeti: „ligeti essays“. Choreographie: Karole Armitage. Gesang: Stephanie Maitland, Annelie Sophie Müller, Birgid Steinberger

©Ashley Taylor: ligeti essays. Ballettensemble Volksoper

Temperatur und Temperamentänderung nach der Pause. Karole Armitage ist eine aufmüpfige Choreographin, sie nennt sich auch gerne „Punkballerina“. Ihr Credo: Tanz in allen möglichen Erscheinungsformen. Eleganz ist gestern, Muskel und durchtrainierter Körper sind gefragt. Die Musikauswahl passt zu dieser temeramentvollen Lady: Ligeti vertonte ungarische Lieder, die ziemlich nach Da-Da klingen – der Text ist in deutscher Übersetzung im Programmheft nachzulesen. Lieder mit Pfeifen, Trommen und Schilfgeigen. Eines der Lieder ist nicht übersetzbar, andere beginnen etwa so: Kuli Stock schlägt Kuli geht geht etc. Der Anfang eines dieser Lieder lieferte auch den Titel des Ballettabends: Es tanzt der Mond im weißen Hemd. Stephanie Maitland, Annelie Sophie Müller und Birgit Steinberger sangen die Lieder im ungarischen Original, was noch einmal mehr zum Humor und Witz dieser Choreographie beitrug. Es tanzten mit Verve und Körpereinsatz, Witz und Humor: Tessa Magda,Olivia Poropat, Una Zubovic,Riccardo Franchi, Aleksandar Orlic, Francesco Scandroglio, Felipe Vieira. Schlagzeug und Blasinstrumente diversester Ausformungen kamen voll zum Einsatz. Fazit: Ligeti und Armitage sind eine congeniale Kombination!

„dandelion wine“ – Musik: Concerto für Violine und Orchester von Pietro Locatelli, Choreograpie: Paul Taylor.

©Ashley Taylor: Ballettensemble Volksoper

Mit der Übersetzung des Titels „Löwenzahnwein“ ist das Thema dieser Choreographie schon klar: Es geht um Frühling – daher die Kostüme von Santo Loquasto in Pastellfarben, der Hintergrund im strahlenen Blau. Die Tänzer werden zu Kinder, die spielerisch den Frühling begrüßen: Reigentanz, angedeuteter Cancan, alles frei und unbeschwert. Dazu geigt Vesna Stankovic virtuos auf. Der Gegensatz zur seelenschweren Choreographie Schläpfers ist sicher beabsichtigt.

Das Publikum bedankte sich nach jedem Stück mit begeistertem Applaus bei dem Tanzensemble, dem Dirigenten Christoph Altstaedt, Gesangsolisten und den Solisten des Orchesters. Ein gelungener Abend!

www.wiener-staatsballett.at/volksoper

Charles Lewinsky, Rauch und Schall. Diogenes

Ein literarisches Kleinod! Ein Tortenstück, das man gierig auf einen Sitz verschlingen möchte. Aber man weiß zu genießen und teilt sich die Stücke/Seiten ein. Nach 30, maximal 40 Seiten schlägt man das Buch zu, um am nächsten Tag auch noch in den Genuss dieser intelligenten Lektüre zu kommen. Und wenn man es zu Ende gelesen hat, dann ist man ein wenig traurig. Ein kluger, witziger Begleiter hat sich gerade verabschiedet.

Charles Lewinsky ist ein brillanter Erzähler. Wie ein Sprach-Gaukler schlüpft er in die Sprache der Goethe- und Weimarerzeit hinein, ohne alterzutümeln. Er kennt sich aus mit all den Hochwohlgeborenen und den nur Wohlgeborenen, die mit leeren Worthülsen, Eifersüchtelein und dummen Spielen den Tag verbringen. Lewinsky persifliert Sprache und Atmosphäre des Weimarer Hofes auf perfid-witzige Art. Goethe, der sehr Verehrte, bleibt da nicht ungeschoren. Im Gegenteil, auf ihn richtet Lewinsky sein ironisches Sprachlorgnon.

Der gute, allseits verehrte Goethe hat eine heftige Schreibhemmung. Um die zu beheben, ist er in die Schweiz gereist, um sich von der imposanten Berglandschaft inspirieren zu lassen. Aber leider bekam er von der anstrengenden Reise in den unbequemen Kutschen statt Inspirationen Furunkeln und Hämorrhoiden. So kehrt er mißmutig nach Weimar zurück. Christiane Vulpius, zu dieser Zeit (es muss wohl um 1779 gewesen sein, genaue Daten gibt Lewinsky nicht an, um nicht den Anschein einer Biografie zu erwecken) noch offiziell seine Haushälterin, inoffiziell seine Geliebte, bereitet ihm einen liebevollen Empfang. Sohn August ist etwa sieben Jahre alt.

Heimgekehrt zieht sich Goethe Tage um Tage in sein Schreibzimmer zurück, doch die Blätter bleiben leer. Christiane versucht alles – wirklich alles -, um ihn aufzuheitern, aber ohne Wirkung. Als ihn dann noch der Auftrag ereilt, für Herzogin Amaliens Geburtstag eine Weihespiel zu schreiben, beginnt sein Dilemma. Mehr sei hier nicht verraten. – Lesen und Genießen empfehle ich allen, die mit Goethe, Christiane Vulpius und Weimar ein wenig vertraut sind. An wem diese Zeit der klassischen Literatur vorbeigegangen ist, der wird sich schwer tun, die Anspielungen und die dahinter versteckte Ironie vollinhaltlich zu genießen.

www.diogenes.ch

Theater an der Wien im Museumsquartier: Schwanda, der Dudelsackpfeifer

Musik: Jaromir Weinberger, Libretto: Milos Kares, Deutsch von Max Brod. Musikalische Leitung: Peter Popelka. Inszenierung: Tobias Kratzer, Bühne und Kostüm: Rainer Sellmaier, Video: Jonas Dahl und Manuel Braun

Es ist schon ein Kreuz mit den verschiedenen Bearbeitungen des Librettos. Ursprünglich war Schwanda ein Dudelsackpfeifer aus den böhmischen Landen, der den Menschen mit seiner Musik Fröhlichkeit bescherte. Weinberger und Kares verknüpften diese Legende mit der Geschichte vom Räuber Babinsky und brachten die „Volksoper“ 1927 mit Erfolg zur Uraufführung. Das Werk sollte in Zeiten des aufkommenden Nationalismus auf die Werte der Tradition hinweisen. Max Brod übersetzte das Libretto nicht eins zu eins, sondern tilgte alle Anspielungen auf tschechische Tradition und machte aus Schwanda, dessen Frau Dorota und Babinsky eine Dreiecksbeziehung. Die jetzige Inszenierung leiht sich dazu noch Ideen aus Schnitzlers „Traumnovelle“, so dass das ganze Werk nun eine nicht immer gelungene Mischung aus vielen Motiven ist, die zu entschlüsseln das Publikum ohne Hilfe nicht imstande ist. Deshalb auch die lange und sehr ausführliche Einführung vor der Aufführung. Doch sollte Theater, Musik an sich nicht ohne Erklärungen funktionieren? Vielleicht hat man zu viel gewollt…

Es beginnt mit einer langen Ouvertüre, in der noch gar nichts passiert. Die Musik ist heftig und verspricht Dramatik, neue Horizonte. Doch dann öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick auf eine stincknormale Wohnung mit breitem Bett frei. Dort arbeiten sich gerade Schwandas Frau Dorota und der böse (Räuber?) Babinsky in heftigen Kopulationen aneinander ab. Dann tritt Schwanda ein—und: wirft den Rivalen nicht hinaus, sondern lädt ihn auf eine Pizza ein. Gut, dass alle drei ganz fantastische Sänger und Schauspieler sind, so übersteht man diese skurrile Szenerie leichter. Da ist allen voran Andrè Schuen – er meistert die schwierige Aufgabe, einen tumben Tor, eine Art Parzival, den nichts berührt, darzustellen. Sein weicher, klangvoller Bariton passt bestens in diese Rollenschattierung, die er das ganze Stück über nicht verlieren wird. (Es ist anzunehmen, dass viele unter den Zuschauern – unter anderem auch ich – seinetwegen gekommen sind.) Pavel Breslik macht als Verführer nicht nur eine elegante Figur, sondern betört auch durch seinen vollen Tenorklang. Den Verführer nimmt man ihm ab, den bösen Räuber gar nicht. Am schwierigsten ist die Rolle der Dorota. Sie soll dem Charme Bablinskys erliegen und zugleich Schwanda ihre Liebe gestehen. Mit ihrem hellen Sopran, der durchaus auch in der Höhe sicher ist, gelingt Vera-Lotte Boecker das mühlos. Obwohl sie die meiste Zeit in einem Art Baby Doll auf der Bühne herumläuft, kann sie in dieser Rolle überzeugen. Dann wirds komisch-tragisch und ganz und gar unlogisch. Nach einer langen Videofahrt durch Wien – vorbei an Liebedienerinnen und Pratersensationen – landet Schwanda bei einer gefühlsmäßig eingefrorenen Lady (Ester Palù) – sie soll wohl an die unbekannte Schöne aus Schnitzlers „Traumnovelle“ erinnern. Ein wenig zu vordergründig und fast ungeschickt verführt sie den armen Schwanda – der eigenltich gar nicht will. Dann wird es ganz wild: Dem armen Schanda droht der Tod mit dem Schwert. Henker ist einer der Mönche in roter Kutte und Maske (Traumnovelle). Dorota stürzt herein, fleht um Schwandas Leben, nützt nichts, aber Babitzky ist der Erlöser. Ein Erlöser in die Hölle, wo geilster Sex angesagt ist – das Video lässt keine Wünsche an Deutlichkeit offen – aber auch da zaubert Babinsky Schwanda heraus. Ende gut? Noch nicht ganz -vorher gesteht Babinsky Dorota im trauten Schlafzimmer seine Liebe. Doch sie entscheidet sich für Schwanda.

Fazit: Flotte Musik, alles drin: Walzer, Volksmusik, schrille Neutönende, gut gespielt von den Wiener Symphonikern und temperamentvoll dirigiert. Etwas chaotische Handlung, aber das ist man ja bei Opern gewöhnt. Tolle Sänger!

www.theater-wien.at

Wiener Staatsoper: György Ligeti: Le Grand Macabre.

Text: Michael Meschke und György Ligeti nach Michel de Ghelderode

Musikalische Leitung Pablo Heras-Casado, Inszenierung und Bühne Jan Lauwers, Kostüme Lot Lemm, Choreographie Paul Blackman und Jan Lawers

Es passte alles zusammen: Direktor Bogdan Roscic hatte sich vertraglich verpflichtet, auch Klassiker des 20. Jahrhunderts zu spielen. Der 100. Geburtstag des Komponisten G. Ligeti war ein geeigneter Anlass, diese Pflicht zu erfüllen.. Mit „Le Grand Macabre“ hätte man keinen besseren Griff machen können. Ebenso wenig mit dem Winningteam Heras-Casado, Jan Lauwers, Lot Lemm und dem Choreographen Blackman gemeinsam mit Lawers. Allesamt erfahrene Theatermacher. Und so kam es, dass eine Oper des 20. Jahrhunderts ein Riesenerfolg wurde. Publikum und Kritiker waren begeistert – ein seltener Fall von Einmütigkeit.

Autohupen eröffnen den Abend und stimmen das Publikum auf Unerhörtes, noch nie Gehörtes und noch nie Gesehenes ein. Mit einem Bühenbild – Ausschnitte aus dem „Breughelland“ -, Tänzern in „Nacktkostümen“ hat man genug zu tun, alles zu erfassen – da wird gehüpft, gevögelt, geschlemmt, was das Zeug hält – alles aufgelöst in choreografische Kleinszenen, die nie auch nur die Spur von Ordinärem haben. Ein Kunststück sondergleichen. Wir sind in einem Schlaraffenland, wo alles erlaubt ist. Die Musik karikiert das Geschehen, nimmt dem Obszönen das Geile und formt es zu einer „Commedia dell`Arte“ um. Unterhaltsam wie die Musik sind die Einzelszenen: Da wird nicht angeklagt, nicht angespielt auf Aktuelles, sondern nur einfach das Leben in allen Facetten genossen – wie der Säufer Piet vom Fass ( sehr überzeugend Gerhard Siegel) verkündet. Wer nicht als Mann spurt – dem droht die Peitsche: Marina Prudenskaya ist eine urkomische Mescalina, fordert von ihrem Gespons Astradamus mehr sexuellen Einsatz – Wolfgang Bankl darf gehörig unter ihr leiden. Überhaupt ist Venus gefragt (toll in der Doppelrolle als Venus und Chef der Gepopo: Sarah Aristidou). Mitten in diesem heftigem Treiben taucht der allen unbekannte Nekrotzar auf – eine gesangliche und darstellerische Sonderleistung von Georg Nigl. Er stellt sich vor als der Tod! Durch den Sturz des Kometen sollen Erde und Menschen vernichtet werden – das hat schon bei Nestroy nicht geklappt, und heute noch weniger: Alle fürchten sich, jammern, aber – kein Tod, kein Komet, denn Nekrotzar hat sich zu Tode gesoffen – „consummatum.est“ – heißt es, als er verendet. Dass die Wiener den Tod durch Gesang und Wein vertreiben, das ist Standard. Was Ligeti daraus macht – ist einfach die Parodie auf die Parodie mal drei!! Eine ganz zwielichtige Rolle spielt der Pseudofürst Go-Go (eindrucksvoll der Countertenor Andrew Watts). Seine Herrschaft steht auf wackligen Papierbeinen, wie seine Krone auch.

Ein Wirrwarrbild, das sich immer wieder auflöst, neu bildet – das Publikum ist vollauf beschäftigt. Langeweile – keine Sekunde. Höchstens ein ganz kleines Bisschen nach dem Tod des Todes. Das wäre ein passender Schluss, doch es geht noch weiter. Denn man will ja zeigen, das man den Tod nicht fürchtet. Das allerdings hat das Publikum schon begiffen. Das altbekannte Wiener Motto leitet den Schluss ein: „Fürchtet den Tod nicht, irgendwann kommt er, doch nicht heut.“ und „Wir haben Durst, also leben wir“ singt Piet vom Fass. Wie zur Bestätigung, dass auch Sex und Erotik nicht vertrocknen, singen die beiden Verliebten Amanda und Amando (Maria Nazarowa und Isabel Signoret) von ihrem Liebesglück. Unter heftigem Geschmuse und einer furiosen musikalischen Feier des Lebens geht ein machtvoller Abend mit hintergründiger Musik und vielen ebensolchen Anspielungen zu Ende. Ein Extraapplaus galt dem Dirigenten Heras-Casado, der mit den Sängern mitatmete, die Musik nie über die Sänger triumphieren ließ.

www.wiener-staatsoper.at

Theater Scala: Ödön von Horvath, Figaro lässt sich scheiden

Regie und Bühne: Rüdiger Hentzschel, Kostüm: Anna Pollack

Horvath schrieb das Stück 1936-37, zu einer Zeit , als es politisch in Deutschland und Österreich drunter und drüber ging und der Nationalsozialismus sich rasch ausbreitete. Der Autor bedient sich des altbekannten Personals von Beaumarchais (Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit) und Mozart (Le nozze di Figaro) und lässt Graf Almaviva, die Gräfin, Susanna und Figaro gemeinsam vor der Französischen (?) Revolution ins Ausland fliehen. Wie in einem Lehrstück von Bert Brecht werden die einzelnen Szenen einer Flucht und ihre Folgen im ersten Teil gezeigt: Die von Angst Getriebenen, die bestechlichen Grenzbeamten, das Ankommen und die Hilflosigkeit der Emigranten – dieser Begriff wird deutlich an- und ausgespielt -, die erste Orientierung im unbekanten Neuland. Jede Szene und die einzelnen Personen stellen eine für Flucht und Vertreibung allgemein gültige Aussage dar: Der Graf, der sich nicht mit dem Verlust seiner Stellung abfinden kann, die Gräfin, die aus Angst krank wird. Susanne, die aus Menschlichkeit hilft, Figaro, der sich mit seinem Mundwerk und seiner angeborenen Schlauheit durchschlägt, dabei aber sich von Susanne entfremdet. Sie alle wirken wie Versatzstücke, die mit minimalen Variationen typisch in jeder Geschichte über Flucht und Emigration vorkommen könnten.Um diese Szenen rasch aufeinander folgen zu lassen, entwarf Rüdiger Hentzschel eine kreisrunde Bühnenwand mit beweglichen Segmenten. So konnten Requisiten in Windeseile von den Schauspielern herein- und weggetragen werden. Der Effekt: Das Leben besteht aus Hetzjagd und Angst.

Im zweiten Teil werden die Schicksale individueller, der Gang der Handlung ruhiger und an einem Ort verhaftet: Alle – bis auf die inzwischen verstorbene Gräfin – treffen sich im Schloss des Grafen in ihrer alten Heimat wieder. Dort hat sich die Revolution breit gemacht: Aus dem Schloss wurde ein Kinderheim unter der Leitung des revolutionsgläubigen Pedrillo, ehemaliger Stallknecht des Grafen. Bald jedoch sind fast die alten Ordnungen wieder hergestellt: Figaro entmachtet den übereifrigen Revolutionär, der Graf bleibt Graf aber ohne Macht. Susanne verzeiht ihrem Figaro. Fazit: Die Revolution wurde humanisiert!

Warum dieses Stück selten bis gar nicht aufgeführt wurde, liegt wahrscheinlich an seiner etwas lehrhaften Trockenheit und dem unglaubwürdigen Schluss. Um so mehr gilt es zu bewundern, was der Regisseur Rüdiger Hentzschel und das spielfreudige und engagierte Ensemble daraus machten: Eine Komödie über menschliche Schwächen, Ängste und Machtspiele. Vor allem wurde jeglicher Anschein von „Demokratieerziehung“ vermieden, was die Zuschauer mit dankbarem Applaus quittierten. Wertfreies Theater, flott gespielt. Theater um Theater willen. Wer die Moral der Geschichte unbedingt finden will, der wird fündig, wird aber nicht direkt mit der Nase darauf gestoßen.

Es spielen: Dirk Warme, Monica Anna Cammerlander, Simon Brader, Lisa-Carolin Nemetz, Hendrik Winkler, Katharina Stadtmann, Stanislaus Dick, Ildiko Babos, Bernhardt Jammernegg, Christoph Prückner, Helfried Roll.

Vom 14. -30.11., jeweils Dienstag bis Samstag um 19.45h. Ab 9. Dezember 2023: „Play Strindberg“ (Strindberg-Dürrenmatt)

www.theaterzumfuerchten.at

Yavud Ekinci: Das ferne Dorf meiner Kindheit. Kunstmann Verlag

Aus dem Türkischen von Gerhard Meier

Yavud Ekinci ist ein engagierter türkischer Schriftsteller, der für die Rechte der Kurden vehement eintritt, was natürlich im Erdoganregime nicht unbeobachtet blieb. Zur Zeit lebt er in Deutschland. Sein Roman „Das ferne Dorf meiner Kindheit“ hat einen biografischen Hintergrund. Die Handlung umspannt fast ein Jahrhundert.

Im ersten Teil schildert er aus der Sicht des Kindes Rüstem das Aufwachsen in einem kurdischen Dorf irgendwo in den anatolischen Bergen. Seine kindliche Welt scheint zunächst unbedroht: Murmelspiele, die ersten verliebten Blicke auf ein Mädchen. Doch bald trübt sich die heitere Kindheit ein – drohende Wolken ziehen auf: In der Schule wird bei Prügelstrafe verboten, Kurdisch zu reden. Sein älterer Bruder hat sich einer Widerstandsgruppe angeschlossen und wird von den Soldaten gesucht. Das Haus, in dem Rüstem mit seinen Großeltern und dem Vater wohnt – seine Mutter ist schon lange tot – wird von den Soldaten durchwühlt. Als der geliebte Großvater stirbt und alle Häuser des Dorfes von den Soldaten in Brand gesetzt werden, geht seine Kindheit jäh zu Ende.

Im zweiten Teil ist Rüstem ein junger Mann. Er besucht die kranke Großmutter im Spital in der Stadt. Dabei erzählt sie ihm aus ihrer Vergangenheit: Sie ist Armenierin, die durch Zwangsheirat vor dem Genozid „gerettet“ wurde. Ihren ersten Ehemann, den sie sehr geliebt hatte und mit dem sie nur 6 Monate verheiratet war, fand sie als von den Soldaten übel zugerichteten Leichnam. Nun ist es ihr einziger Wunsch, neben ihm begraben zu werden. Rüstem lädt gemeinsam mit seinem Vater den Sarg mit der Leiche seiner Großmutter auf einen Traktor. Sie fahren los, um sie an dem von ihr gewünschten Ort zu begraben. Doch sie werden von Soldaten aufgehalten, der Sarg wird zertrümmert, die Leiche mit Schüssen durchbohrt. Die beiden verbringen eine grauenvolle Nacht in einer engen Gefängniszelle gemeinsam mit der schon stinkenden und von Maden angefressenen Leiche. Am nächsten Morgen werden sie zwar freigelassen, aber die Leiche darf nicht begraben werden. Der Vater Rüstems sperrt sich mit ihr in seinem Zimmer ein und erhängt sich.

Yavud Ekinzi meinte in einem Interview, Literatur müsse immer politisch sein, grausam und hart. Aber ehrlich: Zu viel der sehr detaillierten Schilderungen diverser Leichen tut dem Roman nicht gut – angeekelt liest man darüber hinweg und ist fast erleichtert, als man am Ende angekommen ist. Die Bereitschaft, über das Schicksal der Kurden und der Armenier mehr zu erfahren, nimmt mit zunehmender Seitenanzahl ab.

www.kunstmann.de

Grafenegg stellt Saisonprogramm 2024 vor

Die Sommersaison in Grafenegg findet 2024 vom 20. Juli bis 8. September statt. Die Neuigkeit: Die Reitschule wird erweitert und 2026 unter dem neuen Namen Rudolf Buchbinder Saal“ eröffnet. Die traurige Nachricht: Yutaka Sado wird heuer zum letzten Mal die Festival-Eröffnung (16. August) dirigieren. Am Programm: George Gershwin und Arnold Schönberg. Er verlässt mit 2024 die Tonkünstler. Ihm folgt Fabien Gabel, der am 23. August das Abendkonzert dirigieren wird. Composer in Residence wird Enno Poppe sein. Er wird am 28. August sein neues Werk „Strom“ dirigieren.

Für Gäste, die Übernachtungsmöglichkeiten suchen, werden neben den schon bestehenden Hotels neu B&B in den umliegenden Kellergassen angeboten.

Das ganze Programm im Detail: www.granegg.com

Niccolò Ammaniti: Ich habe keine Angst. Eisele Verlag

Aus dem Italienischen sehr feinfühlig übersetzt von Ulrich Hartmann

Ammaniti ist Fans der italienischen Literatur längst ein Begriff.“Io non ho paura“ ist eines seiner frühen Bücher, das er wahrscheinlich in den späten 90ern schrieb. 2001 erschien es bei Mondadori und nun also in deutscher Fassung („Ich habe keine Angst“) im Eisele-Verlag.

Ein vier Häuser-Seelendorf , irgendwo im Süden Italiens, es könnte in der Toscana oder Apulien liegen. Aber die von Weizen bedeckten goldgelben Hügel lassen eher Sizilien vermuten. Auch die übergroße Armut, von der Ammaniti immer wieder spricht.

Ammaniti erzählt in der Ichform aus der Sicht des 9-jährigen Michele. Später erfährt man, dass es die Sicht und Erinnerung des Erzählers ist, der sich hin und wieder einschaltet. Was sofort beim ersten Lesen auffällt: Ammaniti schreibt aus der Seele des Kindes. In einer authentischen Sprache erleben wir die Zweifel, Ängste und Gewissensbisse des Buben. Ganz ohne Verkindlichung. Im Gegenteil – die Welt in dem Dorf ist hart. Hart die Erziehungsmethoden – die Mutter versohlt Michele ganz ordentlich, effektiver als ein Mann. Zugleich aber liebt sie ihn und verteidigt ihn mit Tritten und Fausthieben gegen jegliche Angriffe. Den Vater liebt Michele vielleicht noch mehr, wohl weil er nicht allzu oft zu Hause ist. Kehrt er von seinen langen Fahrten mit dem Lastwagen zurück, wird er stürmisch begrüßt, besonders von Maria, der um fünf Jahre jüngeren Schwester.

Obwohl Michele sich oft über sie ärgert, weil sie ihm wie ein Hündchen überall nachfolgt, beschützt er sie dennoch. So beginnt der Roman: Michele sorgt sich um Maria, als sie ihm irgendein Wehwechen vorjammert. Obwohl er weiß, dass sie nur Theater macht, klinkt er sich aus dem Spiel mit seinen Freunden aus, verliert auch den ersten Platz im Radwettfahren. Als Barbara, ebenfalls eine nicht gewollte Mitgespielin, vom Anführer Totenkopf dazu verurteilt wird, ihre Hose runterzulassen und ihre Vagina zu zeigen, macht Michele sich erbötig, an Stelle Barbaras die ausgedachte Strafe auf sich zu nehmen: Er muss auf den Hügel hinauf und in das verfallene Haus hineinklettern, in dem er und keiner von den Freunden noch je waren. Dabei fällt er in ein Erdloch, wo er einen zum Skelett abgemagerten Buben findet. Erschrocken will er fliehen, doch dann merkt er, dass das Skelett lebt, und schon regt sich in ihm sein Mitgefühl. Er verspricht ihm zu helfen.

Warum ich darüber so ausführlich schreibe? Weil schon in den ersten Seiten der Charakter Micheles klar wird: Gerechtigkeitssinn und Mitgefühl für andere sind stark ausgeprägt. Das Ende des spannenden Romans ist spiegelbildich zum Anfang komponiert: Er wird unter hohem Risiko diesen Jungen vor dem Tod retten.

Wunderbar baut Ammaniti die Handlung in die Landschaft und das Wettergeschehen ein. „Alles war mit Korn bedeckt. Die niedrigen Hügel folgten aufeinander wie Wellen eines goldenen Ozeans. Bis zum Horizont nur Korn, Himmel, Grillen, Sonne und Hitze.“ (S 10) Das ist nicht die Sprache des Kindes, sondern die des Erzählers, der sich erinnert. Wie die beiden Sprachebenen fast unmerklich ineinander fließen, das ist große Sprachkunst. Die alles verbrennende Sonne raubt den Erwachsenen den Verstand, die Armut treibt sie in das Verbrechen – die Bewohner des Dorfes werden zu Entführern, um von den Eltern Lösegeld zu erpressen. Als die Sonne alle in die Häuser treibt, legt sich bleierne Stille über das Dorf. Doch ein Gewitter entlädt die Spannung – die Bewohner beschließen den im Loch gefangen gehaltenen Buben zu töten, weil die Aussicht auf Lösegeld gleich null ist.

Anfang der 70er bis in die 90er Jahre wurden in Italien Kinder reicher Eltern, namhafter Politiker gestohlen, um Geld zu erpressen. Diese Verbrechen gingen nicht immer zu Lasten der Brigate Rosse, sondern geschahen oft aus bitterster Armut heraus. Sardinien war damals trauriger Vorreiter in Sachen Entführung. Wohl aus diesen Erinnerungen heraus schrieb Ammaniti diesen Roman.

www.eisele-verlag.de