Eugène Ionesco: Die Stühle. Akademietheater

Der beste Ionesco, einen besseren findst du nit!

Was für ein Komödiantenpaar! Maria Happel und Michael Maertens in gewohnter Höchstform. Sie genießen ihre Übertreibungen, ihr Spiel mit dem blanken Unsinn! Erinnerungen steigen auf: Maertens klettert auf eine hohe Leiter, um auf das Meer zu schauen. – Becketts „Endspiel“ – auch da stieg er die Leiter rauf und runter, um über das Meer – ist gleich das Leben, das es nicht mehr gibt – zu berichten. In beiden Stücken leben die Protagonisten auf einer öden Insel, umgeben vom öden Meer.

Vor vielen, vielen Jahren sah ich „Die Stühle“ in Paris: da war es ein tragisch-trauriges Stück. Zu lachen gab es nichts, eher zu weinen. Weinen über die beiden Alten, die sich mit unsichtbaren Gästen unterhalten, sich noch einmal, bevor sie sich in Nichts auflösen, Bedeutung zuschreiben wollen. In Erinnerungen, Streit und blanken Unsinn sich überschlagen.

Jetzt: Eine Slapstick-Komödie. Ein Unsinn, Widersinn jagt den anderen. Sätze ohne Sinn, ausgefüllt und erfüllt mit Leben durch die komödiantische Kunst der beiden Protagonisten: Maria Happel in ihrem Riesenrock mit rot-weißem Petticoat, einem aus dem Bustier überquellenden Busen, das Gesicht puppenhaft im Stil der 20er Jahre geschminkt, und einer Perücke, die jedem Friseur Ehre macht, weil so unglaublich unwahrscheinlich, ist eine bezaubernde Semiramis. (Kostüme Margit Koppendorfer). Michael Maertens als ihr Ehemann hinkt in Altherrenhosen, die hoch bis zur Brust reichen und durch Hosenträger gehalten werden, über die Bühne. Wenn er in Selbstmitleid zerfließt und nach seiner Mama ruft, dann darf er sich auf den Knien seiner Semiramis hockend, wie ein Baby von ihr trösten lassen und genüsslich an ihrem Busen grapschen. Eine Szene, die man so schnell nicht vergessen wird!

Die beiden haben 70 Jahre Ehe hinter sich. Der Glanz ist ab, er jedoch braucht Bewunderung, will seine Weisheit und Lebensphilosophie den Gästen durch einen Redner verkünden. Für diese nicht existierenden Gäste, schleppt Semiramis Stühle. Wie sie das macht, ist Komödie pur! Er macht Konversation, stellt die Gäste einander vor. Beide versinken in ehrfürchtige Bücklinge, als sogar der Kaiser sich ankündigt. Während Ionesco die beiden Selbstmord begehen lässt, ändert das Regieduo Peymann/Haußmann das Ende: Die beiden Alten entschwinden Hand in Hand in einem Nebel des Glücks. Irgendwie tröstlich steigen zwei rosa Luftballons auf. Ein letztes Zeichen der Poesie des Unsinns.

Weniger passend ist der Schluss: Der lang erwartete Redner erscheint dann doch, latscht verlegen über die Bühne, spuckt ein paar unverständliche Laute aus und schreibt „Adieu“ auf die Bühne. Mavie Hörbiger fühlt sich in dieser Rolle sichtlich nicht wohl.

Dieser Abend ist dann doch irgendwie ein „Adieu“, ein Abschied von Peymann als Regisseur. Ihn wird man unter Kusej nicht mehr erleben. Fein, dass er in der Josefstadt ein neues Zuhause gefunden hat.

Bravorufe und lang anhaltender Applaus für das großartige Duo Happel/Maertens. So viel Vergnügen wird man wohl kaum in nächster Zeit an der Burg erleben können. Da erwartet uns schwere Kost. Daher: „Die Stühle“ nicht versäumen!

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Elina Garanca: Lieder von Verdi bis Gardel. Wiener Konzerthaus

Elina Garanca – der Name garantiert einen Abend von höchster Qualität. Elina Garanca heißt nicht nur Qualität – das bringen einige andere auch. Elina Garanca betört! Und das können nur wenige. An diesem Abend konnte man die Betörung am eigenen Herzen nachempfinden, spüren: Perfektion und stimmliche Bravour sind bei ihr Voraussetzung. Der künstlerische Ausdruck, den sie jeder Rolle einschreibt, ist das Plus, das nur wenige Sängerinnen haben. Jede Arie ist tief empfunden. Die Garanca steigt, obwohl auf dem Konzertpodium stehend, in die Rolle ein, braucht kein Bühnenbild, kein Kostüm.

Begleitet vom volltönenden Wiener Kammerorchester, das Ehemann Karel Mark Chichon mit Verve dirigiert, serviert Elina Garanca dem Publikum ein echtes Gourmetprogramm. Untertitel: Komplikationen der Leidenschaft. Gleich zu Beginn ist sie die Eboli – einmal erotisch hochgeladen im „Schleierlied“ und gleich darauf die reumütig Büßende. In ihrem sehr sexy-eleganten Abendkleid ist sie die verkörperte Verführung. Erinnerungen an Don Carlo in der Pariser Oper 2018 steigen auf – Garanca musste das Schleierlied im Fechtanzug singen! Selbst in dieser ziemlich absurden Verkleidung gelang es ihr, der Rolle eine sehr persönliche, sehr weibliche Note zu verpassen. Mit ihrem lockenden Mezzosopran führte sie an dem gestrigen Abend in den Garten, lässt Duft und Farben in ihrer Stimme aufsteigen und braucht kein Bühnenbild, kein Kostüm, um der Arie die erotische Farbe zu geben. Gleich darauf ist sie die von Reue erfüllte Eboli, die über ihre eigenen bösen Intrigen zu tiefst verstört ist.

Eine weitere Glanzrolle an diesem Abend war die Adriana Lecouvreur: Eine gefeierte Schauspielerin gesteht ihrem Publikum, dass sie sich nur als „demütige Magd“ der Poesie sieht. (Diese Rolle wird allgemein mit der Netrebko in Verbindung gebracht. Sie singt sie landauf, landab bei jedem Event, mit dem Effekt, dass aus der Paraderolle eine perfekte, aber platte Arie wird). Elena Garanca betrat quasi Neuland und reüssierte auf allen Linien. Sie war die Magd, das Instrument, das sich den Worten des Dichters unterordnet.

Verspielte Komplikationen nach der Pause

Ein bewährtes Rezept: Entlasse das Publikum mit heiteren Liedern. So geschah es auch. „Ich habe so viele Hosenrollen gespielt und glaube daher, ein wenig von der männlichen Psyche zu verstehen. Deshalb habe ich Lieder ausgesucht, die überwiegend von Männern gesungen werden“, erklärte sie zu Beginn des zweiten Teiles. Egal ob Gardels berühmter Tango „El dia que me quieras“, oder Sorozábals „No puede ser“ oder Gastaldons „Musica proibita“ – Gardel, Villazon und Pavarotti waren die besseren Interpreten. Garanca forcierte, kam aber an das männliche Timbre nicht annähernd heran. Dennoch: Standing Ovation, Begeisterung bei allen! Und dazwischen der Ruf „Happy Birthday!“ Als das Publikum das Geburtstagslied anstimmte, riet Ehemann Chichon: „Maybe we try it together!“ Und Elina Garanca war zu Tränen gerührt!

Zum Dank für Begeisterung und Geburtstagswünsche gab es drei Zugaben, zuletzt die Habanera aus „Carmen“.

Konzert im Rahmen des Liedzyklus. Karten und Infos:

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Der Bockerer. Volksstück von P.Preses und U.Becher. Neufassung: Marcus Strahl

Aktueller denn je! In der Neufassung von Marcus Strahl, Intendant der „Wachau Festspiele in Weißenkirchen“ wirkte das Stück, als ob es gestern für heute geschrieben wurde: Machtgelüste, Verführung der Massen, Verrat, Krieg und Elend! Nur wenige durchschauen, was gespielt wird: Der Bockerer, brillant gespielt von Rudi Larsen, will zunächst nur in Ruhe Karten spielen und seinen Wein genießen. Aber als sein Freund und Tarockpartner das Land verlassen muss, weil er Jude ist, da beginnt Karl Bockerer zu denken und zu erkennen. Szenen, wie der Abschied von seinem Sohn (sehr gut: Sebastian Blechinger), das Wiedersehen mit seinem totgeglaubten Freund Hatzinger (schlicht und hervorragend: Gerhard Dorfer) sind Sternstunden.

Dann die Begegnung mit Alois Selchgruber, der sich für Hitler hält (Johannes Terne -ganz skurril!) ! Oft fragt man: „Darf man über die Nazizeit Witze machen?“ Wer sie so macht, wie in dieser Szene, der darf!

Ein Stück mit Hirn und Humor, immer gültig. Gespielt von einem brillanten Ensemble. Jede, auch die kleinste Rolle war perfekt besetzt. Die Bühne von Martin Gesslbauer ist zeitstimmig. Wochenschauen und Fotos aus der Zeit vor, während und nach dem Weltkrieg rollen im Hintergrund der Bühne ab.

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Giuseppe Verdi: Simon Boccanegra. Salzburger Festspiele 2019.

Es war ein Fest für alle Sinne: Großartige Stimmen, ein in die Gegenwart transportiertes Bühnenbild, klare Regie.

Der Regisseur Andreas Kriegenburg versetzte sehr geschickt und stimmig das Geschehen in die Jetztzeit: Patrizier und „populo“, als Rechte und Linke dezent festgemacht, agieren als Heutige: Sie korrumpieren und manipulieren per Handy und Demos die jeweilige Gegenpartei.. All das nicht simpel vordergründig, sondern in einer Parallelität, die für alle Zeiten gilt, egal, ob Vergangenheit oder Gegenwart, und für alle Länder, egal ob USA, Frankreich, Italien oder Österreich. Harald B. Thor schuf dazu das passende Bühnenbild: Auf der rechten Seite agiert die Macht in einer Architektur, die ziemlich eindeutig faschistoide Merkmale aufweist: Pompös, furchteinflößend, kalt. Von dort oben spricht der Doge, bewacht von seiner Leibgarde. Links die Gegenwelt der Liebe, der Sehnsucht, verkörpert durch ein Klavier, blauen Himmel und eine Palme. Diese Idylle ist jedoch durch einen riesigen Balken bedroht, der in der Mitte auseinander gebrochen ist. Fast wie ein Hinweis auf die eingestürzte Brücke von Genua. Oder vielleicht einfach der drohende Krieg zwischen den Parteien.

Ein großartiges Ensemble und hervorragende Stimmen machten den Abend für mich zu DEM Ereignis der Salzburger Festwochen 2019. Die gr0ße Überraschung war für mich und das Publikum Charles Castronovo. Seine geschmeidige Stimme stieg locker in die Höhe, ganz ohne Mühe, war sicher und weich in der Mittellage. Die Rolle des Liebhabers Gabriele Adorno erfüllte er ohne Sentimentalität, aber doch innig berührend. In den letzten Tagen konnte man ihn ebenso erfolgreich an der Wiener Staatsoper als Alfredo in der Traviata erleben!

Dass Luca Salsi ein berührender Simon Boccanegra und René Pape ein fantastischer Fiesco war, war zu erwarten. Einzig Marina Rebeka als Amelia hatte in Höhe ihre Mühe, die Töne kamen allzu schrill. In der Mittellage dafür umso schöner.

Valery Gergiev ließ den Violinen ihren schmerzlichen Ton, gab den Sängern Zeit zur Gestaltung und brachte die musikalische Sprache Verdis, der in dieser Oper die Kälte der Politik und des Krieges und die Sehnsucht nach Frieden komponierte, voll zu Geltung.

Lang anhaltender Applaus, viele Bravorufe und Standing Ovation.

Hier meine persönliche Reihung der von mir besuchten Vorstellungen der Salzburger Festspiele 2019

1.Verdi, Simon Boccanegra

2. Verdi, Messa da Requiem unter dem einfühlsamen Dirigat von Riccardo Muti. Mit den Stimmen von Krassimira Stoynaova, Anita Rachvelishvili. Francesco Meli, Ildar Abdrazakov.

3. Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker: Wagner, Strauss und Schostakowitsch ex aequo mit Händels Alcina.

5. Molnar: Liliom

6. Walser: Die Empörten

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Theresia Walser: Die Empörten. Salzburger Festspiele 2019

Vielschreiberin Theresia Walser hat wieder einmal eine Leiche im Köcher, pardon in der Truhe. Die steht im Rathaus. Die Leiche in der Truhe ist der Halbbruder der Bürgermeisterin (mit vergeblicher Verve von Caroline Peters dargestellt). Besagter Halbbruder fuhr mit seinem Auto in eine Menschenmenge. Dabei kamen einige Menschen ums Leben, darunter ein Muslim. Er auch. Attentat oder Unfall? Peinlich jedenfalls für die Bürgermeisterin. Wahlen stehen bevor. Weg mit der Leiche! Ab in die Truhe.

So die einigermaßen witzige Ausgangslage. Was aber dann kommt, ist schlichtweg langweilige Politcharade. Dem mutigen Anfang folgen nur seichte politische Witzchen, Reden, schon oftmals so gehört, deswegen fad. Aus der zu erwartenden grotesken Komödie wird Wortgeklingel, das sich im Kreis dreht. Wer sich so ein aktuelles Thema vornimmt, der muss Mut zum Angriff, zur Übertreibung, zu Zuspitzung haben. Wenn das fehlt, bleibt Plattheit über. Wer sind nun die Empörten? Sicher nicht das Publikum, das gefälligen Applaus leistete.

Inszeniert hat das Ganze der Stuttgarter Schauspielintendant Burkhard Kosminski, der aber aus dem seichten Wortsalat auch keine spannende Komödie, schon gar keine Tragödie schaffen konnte. Schade!

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Ferenc Molnar, Liliom. Salzburger Festspiele 2019

Jörg Pohl als Liliom und Maja Schöne als Julie waren die ideale Besetzung: hineingeworfen in eine ratlose Armut und Hoffnungslosigkeit klammert sich Julie an ihre Liebe zu Liliom. Dem fehlt die Sprache, um ihr seine Liebe zu gestehen. Auch die Gesten. In seiner Ratlosigkeit schlägt er sie. In stumpfsinniger Hilflosigkeit sucht er nach einer Geldquelle, um Julie und das Kind, das sie erwartet, durchzubringen. Der geplante Raubüberfall geht schief und Liliom ersticht sich. Ein Himmelsgericht schickt ihn nochmals auf Erden, um Liebe zu „lernen“. Der Lernversuch will nicht ganz gelingen.

Molnars Drama wurde von Alfred Polgar in Wienerische übertragen und übersetzt. Seither ist Liliom ein Wiener Strizzi aus dem Prater. Der Regisseur Kornél Mundruczo jedoch löst Figuren und Umgebung aus diesem üblichen Umfeld, siedelt die Handlung zwischen irgendwo hier und irgendwo dort oben an, mag sein im Himmel, den er mit den den komischesten Figuren bevölkert. Schwule, Beamte der Sonderklasse aBallettschwäne und anderes „witziges“ Volk. Es ist ganz offensichtlich, dass Mundruczo Scheu vor der Sozialromantik des Stückes (harter Bursche, aber innen weicher Kern) hat und deshalb zu ironisierenden Mitteln greift. So lässt er gleich zu Beginn die Bühne von Robotergreifarmen bestücken. Minutenlang „tragen“ sie Bäumchen für Bäumchen auf die Bühne, auch der Mond darf nicht fehlen, in dessen Licht sich Julie und Liliom küssen. Man schmunzelt, doch die Szenen bleiben außen vor – dem Herzen. Irgendwie kalt sieht man dem Geschehen zu. Erst als die Hauptszenen, in denen sich Liliom zwischen einer Rückkehr zu Frau Muskat (hervorragend gespielt von Oda Thormeyer) oder einem Leben mit Julie entscheiden muss, auf der Videowall groß eingespielt werden, greift das intensive Spiel zwischen den Dreien. Da kommt der Regisseur dem Kern des Stückes, der Aussage, die Molnar intendierte, ziemlich nahe.

Ratlos entlässt der Regisseur die Zuschauer am Ende: Liliom darf auf die Erde zurück. Er übt als unsichtbarer Liliom mit seiner Tochter Schnurspringen. Die Nagelprobe und der zentrale Satz Julies bleiben aus. „Es ist möglich, mein Kind, dass einem jemand schlägt, und es tut gar nicht weh.“ Durch die Streichung und Änderung der Schlussszene tilgt der Regisseur die zentrale Aussage Molnars: Liebe kann vieles verzeihen. Aber natürlich – im Zeitalter der Metoo-Hysterie ist so ein Gedanke völlig absurd.

Zusammengefasst: Tolle Schauspieler, witzige, manchmal nur schwer deutbare Regieeinfälle, die allzu häufig ausufern.

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Lena Johannson, Die Malerin des Nordlichts. Aufbau Taschenbuch

Faszinierend ist die Geschichte leider nicht geschrieben. Hätte aber sein können. Die ziemlich unbekannte Malerin Signe Munch, Nichte von Edvard Munch, später Signe Munch-Siebke, hat eine interessante Lebensgeschichte. !922 lässt sie sich, 38 Jahre alt, von ihrem Ehemann scheiden und beginnt endlich, was sie schon immer tun wollte – malen. Ihre künstlerische Entwicklung reicht von realistischen Darstellungen bis zu leichten Abstraktionen. Sie engagiert sich für junge Künstler, positioniert sich als Frau in der Künstlerszene. Als sie ihre große Liebe Einar Siebke heiratet, scheint das Glück vollkommen. Doch die Deutschen besetzen Norwegen und die beiden engagieren sich im Widerstand, werden festgenommen. Ihr Mann kommt um, sie überlebt.

In diesem Leben waren viele Spannungen und Dramen zu bewältigen. Es wäre interessant, vor allem Signes Weg zur anerkannten Malerin deutlicher zu machen. Leider bleibt die Autorin in detailverliebten Schilderungen der Natur, die sich allzu oft wiederholen, und in langatmigen Liebesgeschichten stecken. Spannend wird es erst im letzten Drittel, als es um den Widerstand gegen die deutsche Besatzung geht.

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Arthur Schnitzler: Anatol. Szenische Lesung im Südbahnhotel am Semmering

Für viele eine freudige Überraschung: Statt des erkrankten Michael Maertens las Joseph Lorenz den Anatol!

Daniel Keberle war Anatols „Gewissensspiegel“ Max und Gerti Drassl las/spielte die diversen Damen Anatols. Bravourös begleitet und angefeuert wurden Publikum und Darsteller von Maciej Golebiowski auf der Klarinette und Alexander Shevchenko am Bajan.

Joseph Lorenz, mit Schnitzlers Werken sehr vertraut, besonders aber mit der Rolle des Anatol, war – wie zu erwarten – der Anatol schlechthin: Melancholiker, Verführer und immer auch zugleich derjenige, der als Jagender doch der Verlierer ist. Mit der feinen Mischung aus Melancholie, Selbstzweifel und vor allem Ironie schuf Lorenz einen Anatol, wie man ihn in den letzten Jahren besser nicht erlebte. Jede feinste Regung war ihm abzulesen: Eitelkeit, Stolz auf seine Eroberungen, verletzter Stolz. Für humorige Spiegelkritik sorgte Keberle als Max. Er war nicht Stichwortbringer, sondern gleichberechtigter Motor des Geschehens. Beide spielten einander die Pointen in einem gekonnten Ping-Pongspiel zu.

Zwischen ihnen Gerti Drassl zunächst als etwas dümmlich-verliebte Cora in der Episode „Frage an das Schicksal“. Da hatte sie ja nicht allzu viel zu spielen. Schlafen, schlafen, aufwachen und von nichts was wissen. Die freche, schlagfertige Anni im „Abschiedssouper“ war ihr schon eher auf den Leib geschrieben. Großartig der Schluss: Beide wollen einander in der Fertigkeit des Betrügens übertreffen, Anatol muss erkennen, dass ihm Anni überlegen ist. Weniger überzeugte Gerti Drassl in der Episode „Weihnachtseinkäufe“ – sie tat sich schwer, die Mondäne aus Hietzing glaubhaft rüberzubringen.

In „Anatols Hochzeitsmorgen“ liefen alle drei zu Hochform auf: Anatol in seiner Verzweiflung und Angst vor der nahen Hochzeit und dem von Ilona drohenden Boykott, Ilona zuerst als schnurrend-verliebtes Kätzchen, fährt die Krallen aus und Max ist der verzweifelte Schlichter.

Das Trio spielte an zwei Nachmittagen hintereinander. Beide habe ich besucht. Vielleicht war die zweite Vorstellung noch um einen Deut intensiver. Gerti Drassl wirkte sicherer, und Joseph Lorenz konnte noch ein paar Nuancen zulegen. Aber das ist eine sehr subjektive Meinung.

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Miguel Herz-Kestranek liest Friedrich Torberg

Ort: Das legendäre Südbahnhotel am Semmering

Es bestätigte sich einmal mehr: Das Hotel fängt die Besucher mit seinem verfallenden Flair ein. Es umhüllt sie mit seinen Räumen und kapselt sie für einige Stunden von der Welt ab. Auf der Terrasse mit einem Glas Prosecco in die verblauenden Hügel und Berge zu schauen und zu wissen: In den nächsten Minuten wird sich wieder das Wunder ereignen: Einer entführt uns in die Gedanken eines Schriftstellers und lässt uns das Jetzt vergessen.

Und so war es: Miguel Herz-Kestranek las zuerst Gemischtes von Friedrich Torberg. So zum Aufwärmen, aus den „Wiener Sonetten“ oder „Heiteres vom Totenbett“. Köstlich Torbergs neu geschriebener „Jedermann“ oder Anekdoten aus dem Leben des komischen Vogels Dr. Sperber, humoristischer Advokat. Ernster – die Gedanken des Schülers Gerber über die Frage, was einen Lehrer (zu ersetzen eventuell Vater, Vorgesetzter…) dazu berechtigt, einen Menschen als nicht genügend für das Leben zu verurteilen.

Nach der Pause fesselten Torberg und Kestranek das Publikum mit der Novelle „Der letzte Ritt des Jockeys Matteo“, geschrieben im Exil in den Staaten. Ein berührendes Bild eines Menschen, der sich plötzlich ins unnützte Abseits gestellt sieht und es noch einmal wissen will: Noch einmal will Matteo ein Derby reiten. Es gelingt ihm, seinen ehemaligen Chef, den Rennstallbesitzer Graf Ottenfeld, dazu zu überreden, ihm sein bestes Pferd reiten zu lassen. Ein spannendes Rennen beginnt…und das Publikum sitzt gebannt. Wie Kestranek die verschiedenen Sprachfärbungen vom Hietzinger Wienerisch über ein Deutsch-Italienisch bis ins ungarisch gefärbte Deutsch liest, ist große Kunst. Der Rennplatz entsteht vor den Augen, die Spannung während des Rennens wird spürbar…wie wird es ausgehen?

Torberg als Sportfanatiker und insgeheimer Anhänger der alten Monarchie lässt in dieser Novelle noch einmal die Welt um 1900 auferstehen, als man sich am Rennplatz amüsierte, ruinierte und unterging. Der letzte Ritt Matteos ist der Galopp der österreichischen Monarchie in den Untergang.

Zum Abschluss als Zugabe: Gedicht auf das Lieblingswort: Merde!

Begeisterter Applaus

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Joseph Lorenz – die nächsten Termine

Sa.31.Aug./15.00 Uhr: Kultursommer Semmering: „Die Zeit ist ein sonderbar Ding“. Lesung mit Musik, mit Sona MacDonald und F.Krumböck

So.15.Sept./ 15.00Uhr: Literatursalon Schloss Wartholz: „Scoglio Pomo“ von Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Lesung

Do. 7. Nov./ 19.30 Uhr: Theater in der Josefstadt: „Rosmersholm“ von Henrik Ibsen, Premiere

Sa. 16. Nov./ 19.30 Uhr: Muth: „Ernst Kreneks Reisebuch op.62“, Liederabend mit Lesung, mit Julius Zeman/Klavier und Rainer Trost/Tenor

Mi 27. Nov./ 19.30 Uhr: Theater Akzent: „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ von Thomas Bernhard. Lesung mit Julia von Sell und Wolfgang Hübsch

Sa 11. Jänner 2020/ 19.30 Uhr: Theater Akzent: „Die Kreuzersonate“ von Leo Tolstoi. Lesung

Do. 30. Jänner 2020/19.30 Uhr, Theater in der Josefstadt: „Zwischenspiel“ von Arthur Schnitzler. Premiere

Festspiele Reichenau 2019


Meine persönliche Reihung:

  1. Werfel: Eine blassblaue Frauenschrift
  2. Mann: Mario und der Zauberer
  3. Fitzgerald: Die Schönen und Verdammten
  4. Turgenjew: Ein Monat auf dem Lande
  5. Schnitzler: Der Ruf des Lebens

Eine blasslaue Frauenschrift

In dieser Aufführung stimmt einfach alles. Exzellent die Bühnenfassung, Regie sehr einfühlsam. Bühnenbild und Kostüme: stimmig.

Franz Werfel schrieb die Novelle 1940 und datierte sie auf das Jahr 1936 zurück, als sich in Österreich Anhänger des Nationalsozialismus bereits bis in die höchsten Beamtenkreise finden lassen. Sektionschef Leonidas – einst ein armer Schlucker, der durch Zufall und gutes Aussehen die reiche Amelie Paradini heiratete, bekommt Post aus der Vergangenheit: Eva Wormser, mit der er eine innige, aber kurze Beziehung hatte, schreibt ihm nach 18 Jahren und bittet um seine Unterstützung für einen Buben, der in Deutschland die Schule nicht mehr abschließen darf. Für kurze Zeit glaubt Leonidas, der Vater dieses (jüdischen) Buben zu sein. Wie sich aus dieser Situation retten, ohne seine Ehe und Karriere zu gefährden?

Joseph Lorenz spielt diesen Leonidas wunderbar fies!!! Wie er zwischen Gewissensbissen, guten Vorsätzen, Ängsten und Kaltblütigkeit laviert, das ist einfach großartig. Mal ist der liebende Gatte, der Liebe heuchelt, dann der berechnende Charmeur. Packend die Szenen zwischen ihm und Vera Wormser – ausgezeichnet in dieser Rolle: Stefanie Dvorak!. Zuerst der gekonnte Verführer, sie die junge Liebende. 18 Jahre später – er der angeblich Zerknirschte, sie die kühl Abweisende, die seine vordergründige Liebenswürdigkeit durchschaut und angeekelt den Raum verlässt. Sternstunden der Schauspielkunst! Die gute Neuigkeit: Kusej soll die Kündigung von Stefanie Dvorak rückgängig gemacht haben!!!

Fanny Stavjanik weiß die Gefahren der heiklen Rolle der blind-verliebten Ehefrau nobel zu umschiffen. Man nimmt ihr die fast unterwürfige Bewunderung für ihren Mann ab.

Großartig auch das Gespann der Beamten: Thomas Kamper (an Stelle des kürzlich verstorbenen Peter Matic) gibt einen herrlich schleimigen Minister und Peter Moucka einen nach oben buckelnden, nach unten tretenden Hofrat.

Diese Aufführung zählt sich zu den gelungensten der letzten fünf Jahre!

Mario und der Zauberer

Szenische Lesung, die eine Theatervorstellung einrahmt. Die Novelle von Thomas Mann spielt in den späten 1920 er Jahren. Die deutschen Gäste fühlen sich im italienischen Badeort Torre del Venere nicht mehr willkommen. Sie wollen abreisen, bleiben aber auf Bitten des netten Kellners Mario, um die Vorstellung des berühmten Zauberers Cipolla zu erleben.

Und das Publikum – also wir – erleben Marcello de Nardo als mitreißenden, gefährlichen Zauberer, der seine Zuschauer Aktionen setzten lässt, die sie nachher tief bereuen und für die sie sich schämen. Wenn de Nardo hinkend und Peitsche knallend die Menschen lenkt, wie er will, dann folgt man ihm als Zuseher atemlos, bangt um Mario, der von Cipolla in Trance versetzt wird, mit Entsetzen erkennt, was für ein jämmerliches Schauspiel er gerade geboten hat und in höchster Erregung Cipolla erschießt.

Eine 90-Minuten-Matinée, die einem den Atem raubt!

Zusammenfassung der restlichen der Vorstellungen: Gut gespielt, aber weitaus nicht so packend wie die beiden ersteren.

Vorschau auf den Spielplan 2020:

Nestroy: Umsonst, H. James: Arme reiche Erbin, Doderer: Die Wasserfälle von Slunj, Zuckmayer: Des Teufels General, Roth: Die Geschichte von der 1002. Nacht.

Restkarten sind noch für einige Vorstellungen an der Festspielkassa zu bekommen!!

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Petra Morzé im Südbahnhotel am Semmering.

Der Pianist und Dirigent Florian Krumpöck lädt wieder ein zu Kultur-Sommertagen am Semmering.

Dieses Jahr im Südbahnhotel! Für alle, die sich noch an die Aufführungen im Rahmen der Festspiele Reichenau erinnern, ein freudiges Wiedersehen. Wieder die wunderschöne, dunkle Hotellobby betreten, ein Glas Sekt trinken, sich in eines der alten Lederfauteuils sinken lassen oder auf die Terrasse hinausgehen und in die Traumlandschaft zu schauen. Sich erinnern, als Petra Morzé und Herbert Föttinger in Schnitzlers „Das weite Land“ spielten – es war die letzte Vorstellung und man spürte die Wehmut, die Schauspieler und Zuschauer ergriff.

Nun ein Wiedersehen mit Petra Morzé an diesem Ort!! Zuerst erzählt die Schauspielerin im Gespräch mit Florian Krumpöck, was ihr in ihrem Beruf am wichtigsten ist: natürlich die Sprache! „Ich ringe um Respekt vor der Sprache und es macht mich traurig, wenn ich selbst Kollegen schlampig sprechen höre.“ Wie wahr, seufze ich und denke an so manche Aufführungen im Burgtheater, wo ich stellenweise nur erahnen konnte, was da gerade genuschelt wurde! Natürlich kam auch das Gespräch auf ihre Zeit im Burgtheater: „Nach 17 Jahren an der Burg wurde ich weggegangen.“ Und sie beklagt den untergriffigen Ton und die respektlose Art und Weise, in der die „Kündigung“ ausgesprochen wurde. Ich denke, alle Zuhörer wussten, wen sie meinte. Und doch fiel der Name Martin Kusej nicht. Woher diese Scheu?

Viele „Reichenaufans“ bedauern es, dass Petra Morzé nach ihrem vorjährigen Erfolg der Blanche in „Endstation Sehnsucht“ dieses und auch nächstes Jahr nicht in Reichenau zu sehen sein wird. Und natürlich schon gar nicht auf der Burg. Was völlig unverständlich ist!!!

Nach dem Künstlergespräch:

Morzé liest Stefan Zweig: Geschichte in der Dämmerung, begleitet von der Harfinistin Elisabeth Plank.

Eine nicht sehr glückliche Wahl. Denn diese schwülstige Geschichte zählt sicher nicht zu den besten Erzählungen Zweigs. Ein 15-jähriger Junge erlebt im nächtlichen Schlossgarten seine erotische Initiation. Dabei hat Zweig gehörig in den Topf der Romantikattribute gegriffen. Dazu noch die Harfenmusik – das war (mir) zu viel!

Spielplan bis 8. September unter

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A. Tschechow: Onkel Wanja. Sommerspiele Perchtoldsdorf

Regie: Michael Sturminger, Bühne: Paul Sturminger, Kostüme: Renate Martin

Ein Bretter-Wald als Bühnenbild – wohl als Anspielung auf die Abholzung des ehemaligen Waldes, der das Gut umgab. Der Klimawandel – ein Thema, das jetzt jeden Regisseur beschäftigt. Ja, wichtig, aber bereits auf zu vielen Bühnen, da und dort aufgesetzt, inflationär.

Kostüme, die sich keiner Zeit zuordnen lassen – heutig, urgestrig, aber nicht russisch. Die Musik – auch nicht zuzuordnen, weder heutig, noch 1900.

Also: All das soll wohl als Mittel gegen Tschechow-Klischees wirken. Kein Birkenwald, keine russische Langeweile. Die dann doch, denn sie stellt sich unweigerlich ein, wenn die alte Kinderfrau (Inge Maux) zum x.ten Mal Tee serviert – auf dem Podium, wo später ausführlich geschlafen wird und sonst nix passiert als dass einer ausgiebig schläft. Lange. Später wird darauf gevögelt. Flexibilität ist ja heute alles!

Alexander, ehemals gefeierter und allseits verehrter Professor im Ruhestand (Andreas Patton), kehrt nach jahrelanger Abwesenheit mit seiner jungen Frau (Virginia Hartmann) auf das Gut zurück. Das Leben in der Stadt ist zu teuer geworden. Auf dem Gut rackern Onkel Wanja (Jörg Witte) und Sonja (Laura Laufenberg). Der Professor quält mit seiner Arroganz, seinem Egoismus und seiner Eitelkeit alle. Nur dass dieser Professor ein eher moderater Quälgeist ist. Der Konflikt, der sich aus dieser egozentrischen Figur ergeben soll, bleibt lange aus, bricht dann im 2. Teil erst aus, weil er eben so im Text steht. Da sorgt dann Jörg Witte für ein wenig Aufregung. Brüllt seine Wut über das verpfuschte Leben aus seiner Seele, schießt ein wenig in der Gegend herum – das wars dann auch. Am Ende gehen Professor und die zu Tode gelangweilte Ehefrau ab, und alles ist wie immer: öde. Also doch Tschechow. Aber eher missverstanden. Lebensüberdruss und Langeweile, wie das französische l´ennui dans la vie, müssten anders gespielt werden. Mag sein, dass die Erinnerung an Hartmanns Inszenierung im Akademietheater (2012) mit Ofczarek und Voss einen unvoreingenommenen Blick auf die Inszenierung Sturmingers verhindert hat.

Ausgiebiger Applaus.

http://www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

Elisabeth R. Hager: Fünf Tage im Mai. Klett-Cotta

Die Groß- und Urgroßeltern behaupten sich in der Literatur. Es sind besonders die Autorinnen, die sich um das Thema der alten/älteren Generation annehmen. In Renate Welsh, Die Schuhe der Großmutter und in Dacia Maraini, Drei Frauen sind es die Großmütter, die die aufmüpfige Jugend verstehen. Und umgekehrt, die rebellische Jugend versteht die „Uralten“ besser als die „Alten“ – sprich „Eltern“. Logisch, denn Großeltern haben die Freiheit, über die Rebellion der Jungen zu lächeln. Meist nicken sie verständnisvoll. Erziehen müssen und wollen sie nicht mehr. Das überlassen sie der mittleren Generation.

Auffallend ist, dass in all diesen Romanen der Stil nüchtern ist. Fast peinlich darauf bedacht, nicht in Kitschverklärung zu verfallen, wählen alle drei Autorinnen – auch Elisabeth Hager – eine schlichte Sprache mit hohem Poesiewert.

Hager beginnt ihre Erzählung am 8. Mai 1986. Illy soll zur Kommunion. Doch das Kleid zwickt, sie bekommt keine Luft, rennt aus der Kirche und verpasst die Kommunion. Draußen wartet ihr geliebter Urgroßvater Tat`ka. Als Ersatz für die Hostie steckt er ihr ein Pocket Coffee in den Mund – und die WElt ist wieder in Ordnung. Zehn Jahre später gerät sie in Gefahr, sie könnte auf die schiefe Bahn geraten. Tat’ka holt sie da raus. Wieder zehn Jahre später ist es Tat’ka, der ihre Liebe zu Tristan versteht. Dieser Tat’ka ist ein weiser Alter, lehrt sie das Leben verstehen. Unter anderem bringt er ihr auch den Sinn seines geliebten Handwerkes bei. Nach seinem Tod (100!) übernimmt Illy die Fassbinderei.

Eine innige Geschichte aus St. Johann in Tirol, wo die Autorin ihre Kindheit verbrachte. Jedes Wort sitzt an seinem Platz. Es wird nicht zu viel und nicht zu wenig geredet.

http://www.klett-cotta.de

Macbeth im Rahmen von Impulstanz.

Musik: Kurt Schwersik, Choreografie: Johann Kresnik, Bühnenbild: Gottfried Helnwein. Tänzer und Tänzerinnen: TANZLINZ

Meine Empfehlung: Den Inhalt meint man zu kennen, dennoch ist es hilfreich, die Inhaltsangabe im Programmheft zu lesen, um sich zu erinnern, wer wen umbringt. Denn während der Performance bleibt keine Zeit mehr, sich zu orientieren. Der Anfang der Zweistunden-Blutorgie ist ja noch recht „gemütlich“: Da liegen die Leichen, fest in weißen Tüchern eingewickelt, in Badewannen, können aber auch Leichenwannen sein, wie man sie aus Fernsehkrimis kennt. Macbeth und Banquo haben erfolgreich(!) die gegen König Duncan revoltierenden Adeligen niedergemetzelt. Blut rinnt. Das große Tor im Hintergrund öffnet sich unter gewaltigen Schlägen – ein Art Priestermönch schüttet Blut und Gedärme in den Orchestergraben. Aus dem heraus hämmern die Pianisten Bela Fischer und Stefanos Vasileiadis in die Tasten. So weit, so grauslich. Anders wird es nicht mehr. In dem aus glänzend weißem Lack ausgelegten Raum (Bühnenbild Helnwein) macht sich das Blut ausgezeichnet. Damit ist das Wesentliche schon gesagt. Es folgt ein Mord nach dem anderen. -Genau nach Shakespeare.

Getanzt wird mit mörderischer Hingabe. Messertänze wie bei Derwischen, Blutrauschtänze. Tänze der Verzweiflung, Tänze der Raserei – Lady Macbeth stürzt sich aus Reue oder Verzweiflung in den Blutfluss. Einzige Abwechslung und kurze optische Atempause: Eine überdimensionierte Kinderstube, die an Alice im Wunderland erinnert. Mitten im Spiel werden die Kinder Macduffs brutal ermordet. Langsam bekomme ich genug von den Mörderspielen und warte auf das nahe Ende, bis Macduff Macbeth in einem furiosen Messerduell-Tanz tötet.

Großartige Leistung der Tänzer. Blutrausch und Totentänze verlieren im Laufe des Abends ihre Wirkung.

Freundlicher Applaus, begeistertes Kreischen einer Kleingruppe.

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David Österle: „Freunde sind wir ja eigentlich nicht“. Kremayr-Scheriau Verlag.

Untertitel: Hofmannsthal, Schnitzler und das Junge Wien.

Im ersten Teil beschreibt- nein, zählt der Autor wie ein eifriger Schüler auf, welche Dichter in den frühen Tagen um 1890 sich in welchen Kaffeehäusern zusammenfanden. Welche Leserschaft er hier ansprechen möchte, ist wohl die Frage: Denn alle, die mit der Literatur rund um die Jahrhundertwende nur ein wenig vertraut sind, fadisieren sich bei diesem Name-dropping. Wer über diese Zeit erste, grundlegende Informationen bekommen möchte, ist am falschen Lesedampfer. Überfordert von so vielen Namen ohne Konturen wird er das Buch weglegen.

Ab der Mitte wird das Werk konkreter. Österle schildert mit deutlicher Ironie, mit welch eitler Hingabe die Autoren sich selbst analysieren, vor den anderen brillieren wollen, Erfolge neiden. Kurz – es menschelt. Bis in tiefst persönliche Erlebnisse werden für die Literatur ausgeschlachtet. Schnitzler ist da besonders skrupellos: Ob er den Tod eines Kindes, Ehekrisen oder neue, junge Geliebte zu Novellenfutter ausschlachtet – Skrupel hat er keine.Hofmannsthal, Beer-Hofmann und alle anderen auch betreiben einen Kult der Schönheit, der schlicht und einfach dekadent genannt werden darf. Kämpfe der Arbeiterpartei, die pure Not in den Massenunterkünften Wiens kümmern keinen. Sie haben ja ihre Refugien in Wien und anderswo. Wie verschwommen die Wirklichkeit sich ihnen darstellt, zeigt Klimt in der Reihe der „Fakultätsbilder“ mit der Darstellung der Philosophie: Die Göttin, die Weisheit, Klarheit schaffen soll, schwebt in einem verschmurgelten Rauch von Gesichtern und Leibern in die Höhe. Wirklichkeit bleib uns ferne – so mag wohl das Credo dieser Künstlergeneration um 1900 gelautet haben.

Schade, dass David Österle diesen kritischen Faden nur hin und wieder aufleuchten lässt. Da wäre das Buch um einiges spannender geworden.

http://www.kremayr-scheriau.at

Gerhard Roth, Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier. S. Fischer

Es hat schon Tradition, in Venedig sterben zu wollen. Thomas Mann hat den „Tod in Venedig“ in höchste literarische Form gegossen. Seither wird das Klischee der morbiden Stadt immer wieder bemüht. Leider ist Venedig ja selbst zum Sterben verurteilt. Warum schreibt eigentlich kein Autor einen Text über den Tod Venedigs?

Gerhard Roth zeichnet seinen Protagonisten Emil Lanz als müden Typen. Als Lebensmüden. Seine ewig gleichen Wege am Lido mag er nicht mehr gehen. Verständlich, denn am Lido reizt nichts die Phantasie an und erfrischt nichts das Denken: Ein Strand, voll mit Schirmen, Menschen in Liegestühlen, horrible Betonkonstruktionen aus den 60er Jahren, deren Zweck sich nicht mehr erschließt , und seit Jahren geschlossene Nobelhotels. Lanz beschließt zu sterben. Aber nicht auf dem Lido – der ist ihm als Sterbeort doch zu banal. Er fährt nach Torcello, ein Kleinod unter den Inseln, wenn nicht gerade Touristenhorden darüber trampeln. In der Basilica Santa Maria Assunta betrachtet er noch einmal das Goldmosaik über das „Jüngste Gericht“. Die Teufel sind aktiv…Er beschließt, sich einen ruhigen, stilvollen Platz zum Sterben auszusuchen. Die Pistole ist in seiner Jacke wohl verwahrt. Doch leider schläft er sturzbetrunken ein, bevor er sich erschießen kann. – Gerhard Roths Humor ist wahrhaftig teuflisch!

Als Lanz erwacht, wird er Zeuge eines Mordes und weiß nicht so recht, ob er noch lebt oder sich schon ins Jenseits befördert hat. Dieses Gefühl der Unsicherheit, des Schwebens zwischen Realität und eventuellem Jenseits verlässt ihn nun nicht mehr – auch den Leser nicht, der in gleicher Weise wie der Protagonist verwirrt durch Venedig schwankt. Sterben will Lanz nun nicht mehr. Der Schock über den miterlebten Mord hat ihm das Leben wieder lebenswerter gemacht. Tod und Leben sind Nahkampferfahrungen. Weiter geht es nicht in Donna Leon -Manier. Denn die Aufklärung des Mordes verdünnt sich immer wieder im Strudel der sich verzweigenden Erzählstränge, wird unwichtig, um irgendwann später wieder aufgenommen zu werden. Der Roman mäandert zwischen den Gassen und Kanälen, zwischen geheimnisvollen Figuren, die aus Shakespeares „Sturm“ entlehnt sein könnten, hin und her. Ab da empfiehlt es sich, in kleinen Dosen zu lesen. Denn lange hält man die ausufernden, oft auch ermüdenden Exkursionen in Metaphysik, in unbekannte Sphären der Literatur nicht aus. Tröstlich ist der Schluss: Lanz bekommt von seinem geheimnisvollen Gönner, der ähnlich wie Prospero im Sturm die Fäden des Geschehens lenkt, den ehrenvollen Auftrag, den ganzen Shakespeare zu übersetzten. Und da schließt sich auch der Titel des Romans auf, der ein Zitat aus dem Drama „Der Sturm“ ist. Glücklich macht sich Lanz ans Werk.

http://www.fischerverlage.de

Marco Bolzano: Das Leben wartet nicht. Diogenes Verlag

Aus dem Italienischen von Maja Pflug

Dem Verlag gilt mein Dank, dass er dieses großartige Buch im deutschsprachigen Raum erscheinen ließ! Wer sich für den Süden Italiens, die Auswanderungswelle vom Süden in den Norden, insbesondere nach Mailand in den 1960er Jahren, interessiert, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Wer sich nicht dafür interessiert, sollte es erst recht lesen. Denn Marco Bolzano kann erzählen, dass einem beim Lesen Herz und Hirn aufgehen! Ein weiteres Lob gilt Maja Pflug, die diese schlichte, aber hoch qualifizierte Sprache, die nie artifiziell wird, aber sehr poetisch ist, eins zu eins perfekt ins Deutsche übersetzt hat.

Ninetto ist ein Knirps, der seine Kindheit in Sizilien verbringt, immer schon sehr kritisch denkt und sich in den ärmlichen Verhältnissen gut zurecht findet.. Sein großes Vorbild ist der Lehrer Vincenzo, der ihm die Liebe zu Gedichten beibringt und die Welt erklärt, soweit er sie selbst versteht. Als die Mutter mit einer schweren, unheilbaren Krankheit ins Altersheim eingeliefert wird, ohne Chance auf Besserung, und der Vater trinkt und das Geld verspielt, entschließt sich Ninetto mit einem ziemlich fiesen Typen nach Mailand auszuwandern, um Arbeit zu finden. Dort angekommen muss er feststellen, dass er für jede Art von Arbeit noch zu klein und zu jung ist. Aber er beißt sich durch, auch wenn er ausgenützt und ausgebeutet wird. Als er 15 ist, verliebt er sich in Maddalena, die aus Calabrien stammt. Weil sie heiraten wollen, aber vom Vater des Mädchens keine Erlaubnis bekommen, brennen sie durch. In Ninettos Heimatdorf erhalten sie eine Art „Blitztrauung“. Zurück nach Milano schuftet sich Ninetto die Seele aus dem Leib, um seiner heiß geliebten Maddalena und später seiner Tochter ein einigermaßen schönes Leben zu bieten. Was ihm auch gelingt, aber unter welchen Bedingungen! Er „verkauft“ sich als Fließbandarbeiter an die Alfa-Romeowerke – für ihn die reinste Hölle. Die nächste Hölle erwartet ihm in Gefängnis – er büßt eine jahrelange Strafe ab und kommt als fast gebrochener alter Mann heraus.

Mehr sei über den Inhalt nicht verraten. Bolzano ist ein begnadeter Erzähler, weiß, wie er Spannung erzeugt und dabei auch kluge Lebensphilosophie einflicht. Wie Perlen fügt er Satz an Satz, jeder einzelne eine Kostbarkeit, die sich gerade in der überzeugenden Schlichtheit und Echtheit, wie Ninetto die Welt erlebt und reflektiert, manifestiert. Im Nachwort schreibt Bolzano, der selbst in Mailand lebt und unterrichtet, dass er für dieses Buch viele aus dem Süden Italiens Ausgewanderte interviewt und lange Gespräche mit ihnen geführt hat. Dadurch wirken alle Figuren sprachlich und inhaltlich sehr authentisch. Ninetto durchlebt gleichsam als Leit- und Symbolfigur die Hoffnungslosigkeit und das Ausgeliefertsein der Zeit von 1960 bis knapp nach 2000, den vergeblichen Kampf der Arbeiter für mehr Rechte. die neue Einwanderungswelle der Chinesen, den Niedergang vieler Fabriken. Das Ende des industriellen Aufschwungs und das Herannahen des digitalen Zeitalters sind erahnbar.

Unbedingt lesen!!!

http://www.diogenes.ch

Tennessee Williams: Die Glasmenagerie. Akademietheater

„Jeder Mensch ist ein Kannibale“ merkte Tennessee Williams zu diesem Stück an. Es gibt sie, diese „sanften“ Kannibalen, die den anderen die Luft zum Atmen nehmen. Diesmal ist es Amanda Wingfield, die ihren beiden erwachsenen Kindern, Tom und Laura, das Recht auf ein Leben nimmt, wie sie es leben wollen: Laura -zurückgezogen, in sich gekehrt, verträumt mit ihren Glastieren spielend, Tom, der sich als Dichter und Abenteurer sieht. Das Fatale dabei ist: Amanda hat recht, wenn sie die Lebensunfähigkeit bejammert, die Aussichtslosigkeit auf Besserung der Lebensumstände. Denn Williams schrieb dieses Stück in den 1940er Jahren, und da war der Mittelstand abgemeldet, chancenlos.

David Bösch inszeniert die „Glasmenagerie“ realistisch. Laura (Viktoria Frick) ist nicht die Verträumte, wie man sie aus vielen Verfilmungen in Erinnerung hat, sondern eher die Realistische, die glaubt, einsehen zu müssen, dass sie kein Recht auf „bürgerliches Glück“ hat, sich für völlig unbegabt hält, und deshalb keine Anstrengungen macht, sich für das „Leben da draußen“ zu rüsten. Die Mutter (großartig Regina Fritsch) will das nicht wahrhaben, redet sich die Tochter schön und schwärmt ihr pausenlos von ihrer eigenen Jugend vor, als sie von zahllosen Verehrern umgeben war. Man glaubt es ihr, denn sie ist noch immer eine (verblühende) Südstaatenschönheit, charmant, eitel und völlig unrealistisch. Wie sie ihren Sohn Tom quält, an ihm herumerziehen möchte, das erinnert sicher viele Zuschauer an ihre eigene Kindheit. Eigentlich ist die Mutter die Hauptperson in dieser Inszenierung. Regina Fritsch beherrscht ihre Kinder und das Bühnengeschehen.

An einigen Stellen verbröselt sich die Inszenierung in Langeweile, wenn die drei zum Beispiel minutenlang Karten spielen, ohne miteinander zu reden. Oder wenn Sohn Tom (Merlin Sandmeyer) betrunken in der trostlosen Dachwohnung herumtorkelt, das Bild des Vaters herunterreißt und vergeblich versucht, es wieder aufzuhängen. – Das Symbol ist allzu deutlich, und man ist verstimmt.

Ob der Einsatz von Video unbedingt notwendig war, ist fraglich. Alles in allem eine Inszenierung sehr à Terre.

http://www.burgtheater,at

Wenn Andrea Breth Regie führt, weiß man, dass der Abend lang wird. Aber zweieinhalb Stunden ohne Pause – das ging über das Sitz- und Auffassungsvermögen so mancher Zuschauer weit hinaus. Noch dazu, wo sich streckenweise Langeweile einschlich. Und – was es teilweise unmöglich machte, der Aufführung zu folgen: Ab der 14. Reihe im Parkett waren ganze Passagen nicht mehr zu verstehen. Besonders schwierig war es, Ofczarek in der Rolle des bösen Bruders Bruno zu verstehen. Man konnte nur aus der Gestik und Körpersprache entnehmen, dass er ein geistig Zurückgebliebener und Bösartiger sein sollte. Was er vor sich hinnuschelte, blieb unklar. Auch andere Rollen waren streckenweise kaum zu verstehen. Man hatte das Gefühl, dass es den Schauspielern schwer fiel, den großen Raum des Burgtheaters akustisch zu füllen. Setzte sich Breth nicht bei der Generalprobe in die hinteren Reihen, um die Akustik zu überprüfen?

Gerhart Hauptmann hatte mit dem Stück seine liebe Not. Einige Male schrieb er es um, änderte den Titel und das Ende. Breths Inszenierung ist nicht gerade erhellend. Sie lässt das Ganze in einer Art Traumsequenz spielen – die Figuren sind nicht von dieser Welt: Sie stapfen durch Müll aus Geschirr, Möbeln und Papier (Martin Zehetgruber -Bühne), die Bühnenwände sind ständig in Bewegung, nur die Riesenratten aus Plastik stehen unbeweglich. Es wirkt nicht wie ein Stück aus dem Naturalismus. Die Sozialkritik, die Hauptmann ein Anliegen war, wird zum verwaschenen Symbolismus, Und die eigentliche Handlung um das entwendete Kind geht in einem Strudel von Unklarheiten unter. Den Schauspielern merkte man an, dass sie sich redlich bemühten, den Figuren Leben einzuhauchen. Die schwierigste Rolle der Frau John meisterte Johanna Wokalek recht gut. Sven- Eric Bechtolf durfte als schwadronierender Theaterdirektor brillieren. Die Ensembleleistung war insgesamt zu bewundern. Das Publikum auch. Fast alle hielten bis zum Ende durch. http://www.burgtheater.at

Jacques Offenbach: Orpheus in der Unterwelt. Volksoper Wien

Aufführung am 20. Juni 2019, genau zum 200. Geburtstag Offenbachs

Mythen, Helden und Berühmtheiten aus der Antike eignen sich hervorragend für Parodien. Man braucht ihnen nur die Mode der Gegenwart drüber zu stülpen – und schon sind sie aktuell. Aktueller als so manche Komödienfiguren aus der jüngsten Zeit. Die Götterwelt in ihrer ganzen bröckelnden Moral und Unbrauchbarkeit liefert das Pendant dazu.

Offenbach war nicht nur ein hervorragender Komponist, sondern auch Theaterfachmann durch und durch. Er hatte die Tricks der Gesellschaftskomödie im kleinen Finger. Geschickt entlarvt er die „Oberen“ in Form der Götterwelt und die Mittelschicht in dem Ehepaar Orpheus und Eurydike. Da wie dort wird gelogen, betrogen, angegeben und gefaselt, was das Zeug hält. So hat das Böse (Pluto) leichtes Spiel. Eigentlich ist er nur der Spiegel aller menschlichen Begierden und Eitelkeiten und weiß daher gut mit diesen Instrumenten die Menschen und Götter zu manipulieren.

2007 eröffnete Robert Meyer seine erste Spielsaison mit dieser Operette – und der Erfolg war groß. Damals spielte der am 20. Juni 2019 ganz überraschend verstorbene Peter Matic den liebestollen Styx, der Eurydike mit seiner ruhmlosen Vergangenheit quält. In dieser Rolle zeigte er sein großes komödiantisches Können. Wir alle werden diesen großartigen Schauspieler schmerzlich vermissen.

Unter dem temperamentvollen Dirigat von Guido Mancusi verpasste der Regisseur Helmut Baumann (er führte schon 2007 Regie) unter Mithilfe von Christoph Wagner Trenkwitz nun der Operette ein ganz frische Aktualität – das Ibiza-Video wird zum Gaudium des Publikums eilig eingearbeitet.

An dem Bühnenbild musste Mathias Fischer-Dieskau nichts ändern – es funktionierte damals wie heute hervorragend: Orpheus und Eurydike leben in einer tristen Mittelstandswohnung mit Minibalkon und ein paar Blumentöpfen. Er ist Geigenlehrer (Carsten Süss gibt den mausgrauen Eitlen sehr überzeugend), der seine Schülerinnen lieber verführt als ihnen Musik beizubringen. Eurydike (Rebecca Nelsen) hat ein Pantscherl mit dem Nachbar Aristeus, der zugleich Pluto ist, und wünscht sich nichts sehnlicher als aus dieser Fadesse erlöst zu werden. Kann sie haben -Pluto entführt sie in die Unterwelt, wo sie sich genau so fadisiert wie auf der Oberwelt. Tussi bleibt Tussi – da wie dort. Orpheus -zunächst froh über den Abgang seiner Frau – muss sie unter dem Druck der öffentlichen Meinung – superschleimig gespielt von Regula Rosin – widerwillig zurückholen. Denn im Olymp herrscht Juno (ganz hervorragend : Christian Graf) über die „Moral“ der Götter und Menschen. Sie geriert sich als Hüterin der Ehe, wohl wissend, was für ein Steiger ihr eigener Ehegemahl ist. Martin Winkler ist als Jupiter der Star des Abends – stimm- und spielgewaltig. Vincent Schirrmacher als Pluto setzte darstellerisch voll auf Temperament, aber stimmlich konnte er an diesem Abend nicht überzeugen. Chor und das Corps des Wiener Staatsballetts sorgten für Schwung und gute Laune.

http://www.volksoper.at

Andrea De Carlo: Das wilde Herz. Diogenes

Aus dem Italienischen von Petra Kaiser und Maja Pflug

Er hat es wieder einmal geschafft! Andrea De Carlo fesselt seine Leser von der ersten bis zur letzten Seite. Das Thema ist so alt wie auch klischeeverdächtig: Mara Abbiati ist eine temperamentvolle junge Bildhauerin, Italienerin. Craig Nolan ein etwas in die Jahre gekommener, aber weltberühmter Anthropologe. Engländer durch und durch. Seit sieben Jahren führen sie eine Ehe, die bereits einem eintönigen Rhythmus folgt: Die Winter verbringen sie in England. Ein paar Sommerwochen in einem gottverlassenen Dorf in den Bergen von Ligurien. In einem ziemlich ramponierten Haus, in das sich Mara in ihrer Jugend verliebt hatte. So weit der Klischeerahmen. Aber De Carlo weiß mit diesem Klischee virtuos zu spielen, zerlegt es, kaut es wieder und spuckt es verächtlich aus.

Ein heißer Sommer. Craig will kaputte Dachziegel reparieren und stürzt ein. Die Verletzungen sind nicht lebensgefährlich, aber gehhinderlich. Wie vom Himmel gefallen braust ein Supertyp (Pferdeschwanz, Tätowierungen, Muskeln überall) auf einem Supermotorrad an und bietet sich an, mit seiner Truppe um eine erstaunlich geringe Summe das Dach in wenigen Tagen zu reparieren. Klar, was kommt: Der temperamentvollen Mara, die sich schon lange mit ihrem faden Ehemann langweilt, gefällt dieser Ivo, von dem sie nichts weiß, nicht woher er kommt, woher er das Spitzenbaumaterial und die Schwarzarbeiter hat. Für Craig ist das alles ein Dauerärgernis. Er soll seine nächste Fernsehsendung vorbereiten, Artikel schreiben – aber immer wieder gehen ihm dieser Ivo und Maja durch den Kopf. Und dann brausen die beiden auch noch für einen Nachmittag ab…Mehr sei hier nicht verraten.

Stilistisch zieht sich De Carlo großartig aus der Klischeeschlinge. Seitenweise, ohne den Leser zu fadisieren, lässt er Craig menschliches Verhalten analysieren und wissenschaftliche Erklärungen für das Unverstehbare zu finden. Da steckt eine gehörige Portion Ironie und Angriff gegen verknöcherte Wissenschaft, die am Leben vorbei geht, darin! Die Geschichte zwischen Mara und Ivo lässt der Autor geschickt bis zum Schluss in der Schwebe, immer wieder unterbrochen von den einsamen Gedanken Maras und den wirren Überlegungen Ivos. So ganz nebenbei liefert De Carlo noch eine köstliche Analyse vom Leben in dem abgelegenen Dorf, von den vergeblichen Versuchen des „Fremden“, sich in dieser für ihn öden und leeren Umgebung zu beheimaten.

Unbedingt lesen!!

Nein, der Titel bezieht sich nicht, wie man vermuten könnte, auf die Kunst. Sondern auf die Berge von Plastikmüll, die auf der Biennale täglich in den Bistros produziert werden. Vom Besteck über Teller, Becher und Verpackungen diverser Salate – alles Plastik. Ich saß am Ende des Tages in einem der Cafés in den „Giardini“ und beobachtete den Arbeiter, der an die fünf Riesensäcke mit diesem Abfall füllte, und stellte mir die Menge vor, die täglich von allen Bistros zusammen anfällt. Wohin damit? Ins Meer? Verbrennen? Alles keine Lösung. Ein Vorschlag zur Verbesserung: Geschirr, das man abwaschen kann.

Nun zu den Themen. Im Arsenal. Jahrmarkt oder Kunstmarkt beliebiger Sujets? Doch einige Schwerpunkte waren auszumachen, etwa die Welt Afrikas, ihre Zerstörung, die Ängste der Menschen in sprechenden Porträts ablesbar. Umwelt- Klimaprobleme treten eher in den Hintergrund. Digitalisierung und Sex mit Robotern scheint Künstler zu faszinieren und das Publikum zu unterhalten.

In den „Giardini“ bespielt erstmals eine Frau alleine den Österreichpavillon. Provokant und aufregend sollte es werden, hieß es im Vorfeld. Wer die Arbeiten von Renate Bertlmann kennt, weiß, dass alles mit einem Schuss Ironie zu nehmen ist. So auch in ihrem Biennalebeitrag. Ihrem Lieblingsthema, Vormacht und Ohnmacht des Penis, widmet sie ganze Innenwände. Im Innenhof blühen rote Rosen aus Muranoglas, in Diagonalen angeordnet. Auf den ersten Blick nett, aber nicht aufregend, wären da nicht die aggressiven Metalldornen auf jeder Blume.

Aufregender war der Russlandpavillon. Der Regisseur Alexander Sokurow bearbeitete in eindrucksvoller Form Kunstwerke aus der Petersburger Hermitage. Im Obergeschoss zitiert er die Geschichte des Verlorenen Sohnes von Rembrandt. Im dunklen Untergeschoss belebt der Installationskünstler Schischkin-Hokusai ebenfalls Bilder von Rembrandt. Auf von ihm übermalten Tableaus bewegen sich die Figuren und geben den Bildern neue Akzente. Eine starke, sinnliche Arbeit!

Infos:

http://www.labiennale.org

http://www.vela.avmspa.it

http://www.enit.at

http://vela.avmspa.it/it

https://www.labiennale.org/en

Joseph Roth: Radetzkymarsch. Theater in der Josefstadt

Regie und Dramatisierung: Elmar Goerden

Den Roman über den Untergang der österreichisch-ungarischen Monarchie für das Theater zu adaptieren verlangt profundes Wissen über das Werk Joseph Roths, die Zeit und die historischen Fakten, aber ebenso viel Gespür, was im Theater möglich und wirksam ist. Elmar Goerden gelang die Umsetzung des Romans in ein Theaterstück perfekt! Durch die Einführung eines Erzählers, der kommentiert und die Gedanken der Figuren formuliert, die diese nicht auszusprechen wagen, bekommt das szenische Geschehen eine epische Erzählstruktur. Zugleich treibt Goerden seine Figuren in ein wahnwitzigen Tempo hinein – sie stolpern, rennen in den persönlichen Untergang und in den Untergang der alten Welt und der Monarchie. Vielleicht geschehen Schauplatz- und Rollenwechsel ( bis auf Joseph Lorenz und Florian Teichtmeister übernehmen alle mehrere Rollen) manchmal zu rasch. Wer mit dem Roman nicht vertraut ist, der mag manchmal Schwierigkeiten mit dem rasanten Ablauf haben.

Silvia Merlo und Ulf Stengl schufen ein fragiles Gebilde aus Papier und dünnen Holzleisten, das so schnell und leicht zusammenbricht wie die Monarchie.

Getragen wird der Abend von der intensiven Spielstärke des ganzen Ensembles. Da schwächelt nicht eine einzige Figur. Joseph Lorenz hat sich in der Rolle des Bezirkshauptmanns Freiherr von Trotta und Sipolje geradezu neu erfunden. Bisher kannte man ihn als Charmeur, Intrigant oder arroganten Ehemann. Nun also ein alter Mann, der präzise nach Reglement und Uhr lebt. Scheinbar liebeleer und einsam. Aber hinter der steifen Beamtenfassade hat er viel Liebe für seinen „patscherten“ Sohn Carl Joseph (großartig Florian Teichtmeister). Diesem Sohn „passiert“ das Leben, ohne dass er selbst viel dazu tut. Zwei Frauen (sehr wandlungsfähig: Pauline Knof) lieben ihn und bezahlen diese Liebe teuer. Er weiß von diesem Opfer nichts. Erstaunt sieht er die Welt um sich untergehen. Handlungsunfähig wird er von anderen bestimmt: Zuerst von seinem Vater, dann von den Frauen, später von den Militärkameraden. Und auch sein Tod „passiert“ ihm.

Eine besondere Doppelrolle spielt Andrea Jonasson. Als schwarz-düsterer Erzähler zu Beginn, dann als Graf Chojnicki. In einer starken Szene prophezeit sie/er hellsichtig und in verzweifelter Selbstironie den Untergang der Monarchie. Alles in allem ein interessanter und spannender Theaterabend.

http://www.josefstadt.org

Regie und Bühne: Robert Wilson

Mary Stuart: Isabelle Huppert

Text: Darryl Pinckney

Musik: Ludovico Einaudi

Wenn die Schauspielikone Huppert und der Regieberseker Wilson sich zusammentun, dann muss es ja „ein Theaterereignis“, „eine Sternstunde“ werden. Und wurde es auch, liest man die Kritiken. Doch die Realität sah etwas anders aus. Ich weiß, ich spiele wieder einmal die Rolle des Kindes im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Niemand wird so große Namen kritisieren. Ich tue es.

Roter Samtvorhang mit goldenen Fransen – wohl eine Anspielung an klassisches Theater – was aber es aber ganz und gar nicht sein wird. Im Samtvorhang ein goldener Bilderrahmen, in dem ein schwarz-weißer kleiner Hund minutenlang im Kreis läuft und seinen Schwanz erwischen will. 1. Rätsel – eines von vielen, die ich nicht lösen könnte. Irgendwo las ich ich einmal, dass Mary bei ihrer Hinrichtung einen Hund unter ihrem weiten Rock versteckt hatte – eine Anspielung darauf? Oder auch nicht – denn im Laufe des Abends muss ich mir eingestehen, dass ich kaum Zeit hatte, die Symbolik, die Wilson seinem Publikum anbietet, zu enträtseln. Denn der Text rennt, rast … im Höllentempo in ein Irgendwohin..

Der Vorhang geht auf und man sieht eine Schattenfigur in Renaissancekostüm, die dem Publikum den Rücken zukehrt. Sie beginnt zu sprechen. Und damit begann mein Dilemma: Ich will verstehen, was sie sagt – immerhin geht es um Maria Stuarts letzte Gedanken vor ihrer Hinrichtung. Aber diese Marionette redet im Doppeltempo, dreht sich im rasanten Gedankenkreis – eine tolle Gedächtnisleistung von Isabelle Huppert, das muss ich eingestehen. Aber ich bin überfordert: Bühne, Französisch, das wahrscheinlich nicht einmal die anwesenden Franzosen richtig verstehen werden, die Übersetzung, die natürlich in demselben Tempo mitlaufen muss – ich weiß nicht, ob ich mich auf die Übersetzung konzentrieren soll, auf das Spiel – oder am besten auf gar nichts. Letzteres tat ich mit dem Ergebnis, dass mich das Ganze ziemlich kalt ließ. Vielleicht war das auch die Absicht der drei Gestalter: Mary will nicht Mitleid, will nicht Empathie, will nur vor sich hin sinnieren. Am Ende langweilt die selbstgefällige Überstilisierung, die nicht Theater, nicht Lesung ist – ja was denn eigentlich? Wenn Theater zum reinen Ästhetizismus verkommt, hört es auf, Theater zu sein.

Interessant die Reaktion des Publikums (in der Aufführung am 31. Mai, also nicht Première): ein Drittel tobte vor Begeisterung, ein Drittel spendete höflichen Applaus, ein Drittel verweigerte den Applaus.

Draußen im Hof des Museumsquartiers spielten die Wiener Symphoniker live Mendelssohns „Italienische Symphonie“, den 1. und 4. Satz. – Reines Labsal.

http://www,festwochen.at

Aus dem Französischem von Amelie Thoma

Gut, dass ich Slimanis Roman: „Dann schlaf auch du“ zuerst las. Sonst wüsste ich nicht, wie gut diese Autorin schreiben kann. Denn der war spannend, flott geschrieben und lieferte eine gehörige Portion Gesellschaftskritik ohne moralischen Zeigefinger. Für ihn bekam die Autorin den Prix Goncourt.

Daraufhin war ich auf den anderen Roman neugierig. Über ihn urteilten die Kritiker- wie auf der Rückseite des Covers zu lesen ist: „Slimani schrieb eine „moderne Madame Bovary“ „, sie sei „die neue Stimme der französischen Literatur“ und gar auch: „Furchtlos zieht Slimani den Vorhang auf und zeigt, was in Frauen im Stillen vor sich geht.“

Was in Adèle – der Portagonistin – vor sich geht, ist: Langeweile, Sexsucht und sonst nichts. Die Langeweile überträgt sich schnell auf den Leser. Nach der sechsten, siebten Sexszene, noch dazu ziemlich vordergründig auf Voyeurismus der Leser zielend geschrieben, beginnt man die Seiten zu überblättern. Was das Ende des Interesses bedeutet.

Adèle gehört der oberen Mittelschicht an. Ihr Mann ist Chirurg, sie haben einen sechsjährigen Sohn. Beide sind für Adèle ein Born der Langeweile. Spannend wird es erst, als ihr Mann auf ihre Sexabenteuer draufkommt und sie kurzerhand aufs Land in eine Villa verfrachtet. Dort soll sie nun die brave Hausfrau und Mutter spielen. Und – Überraschung – sie tut es. Das ist alles.

Burgtheater: Alles kann passieren! Ein Polittheater.

Foto: Georg Soulek/Burgtheater

Ein Projekt von Doron Rabinovici und Florian Klenk

Mitwirkende: Stefanie Dvorak, Sabine Haupt, Petra Morzé, Barbara Petritsch

Etwa eineinviertel Stunden wurden Reden von Salvini, Orban und Kickl und anderen Rechtspopulisten der Reihe nach vorgelesen. So weit, so löblich. Möchte man meinen. Doch die Frage: „Cui bono?“ entstand schon während der Aktion. Denn man darf annehmen, dass alle Zuhörer mit der Gesinnung gekommen waren, um mit ihrer Anwesenheit ein Zeichen gegen die FPÖ und die Rechtspopulisten in Europa und den Staaten zu setzen. Der lang anhaltende Auftrittsapplaus für Florian Klenk machte das deutlich.

Daher – Cui bono? Denn Sukkus und Intention all dieser Reden sind hinlänglich bekannt. Man „erzog“ also das falsche Ansprechpublikum. Es wirkte wie eine Demonstration – nur im Theater statt auf der Straße und daher auch nicht nach außen hin wirksam. Nach der 4. oder 5. Rede wiederholten sich die Parolen, die Art der Reden und es wurde schlichtweg langweilig. Peinlich wurde es, als Petra Morzé Kickls Bierzeltsprache nachahmte, was nicht einmal als Parodie darauf durchgehen konnte.

Die Einlinigkeit der Themen liegt in der Natur der Sache: Es ging in den Reden gegen Migranten, gegen Europa, für mehr Nationalismus, für die Hochhaltung „christlicher Werte“ – alles klar, oft gehört, oft diskutiert und kommentiert. Was fehlte, war eine kritische Auseinandersetzung in Form einer Podiumsdiskussion, um zu relativieren und auf berechtigte Forderungen und Ängste der Bevölkerung einzugehen. Was noch zu bedenken wäre: So ein Abend vertieft eher noch die Gräben, die sich quer durch die Bevölkerungsschichten auftun. Ausgleich, Beruhigung nach der Ibizaaffäre wäre nötiger!!!

Ein Buchtipp für alle Interessierten:

Nina Scholz und Heiko Heinisch, Alles für Allah. Wie der politische Islam unsere Gesellschaft verändert. Molden Verlag.

Nina Scholz arbeitet am Ludwig-Boltzmann-Institut in Wien, Heiko Heinisch u.a. am Institut für Islamische Studien und war Koautor des ÖIF_Forschungsberichtes zur Rolle der Moscheen im Integrationsprozess. Beide widmen sich seit mehreren Jahren integrationspolitischen Fragen, sowie dem Thema Europa, Menschenrechte und Islam. Ihr Buch ist ein unaufgeregter Faktenbericht darüber, wie streng islamische Lebens- und Glaubensvorstellungen seit etwa zwei Jahrzehnten unser Zusammenleben beeinflussen. Mit diesen Fakten im Hintergrund hätte man die Reden diskutieren müssen.

http://www.burgtheater.at

Kunsthistorisches Museum: Ganymed in Love

Inszenierung: Jacqueline Kornmüller, Produktion: Peter Wolf

Diesmal also ist die Liebe das Thema. Als Gegenentwurf zur mehr und mehr liebeleeren Welt? Oder als Nachdenkimpuls: Wen liebe eigentlich ich? Wer liebt mich? Was ist banale Liebe? Unterschiedliche Begriffe von Liebe werden szenisch, musikalisch im nicht immer klar verständlichen Zusammenhang mit dem gewählten Bild dargestellt. Was aber nicht unbedingt ein Fehler ist. Je mehr Fragen, desto intensiver das nachfolgende Nachdenken darüber. Hier nun meine persönlichen Favoriten:


Johanna Prosl „Frigide“
Foto: Helmut Wimmer

Der Text von Lize Spit zu dem Bild von Joseph Heintz „Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers“ und die intensive Spielweise von Johanna Prosl gehen unter die Haut. Allerdings kann man den Zusammenhang zwischen Bild und Performance nur erahnen. Ein Mädchen beobachtet ihren Vater, als er mit heruntergelassener Hose Pornobilder im Internet anschaut. Voller Angst schleicht sie in ihr Zimmer, der Vater geht ihr nach. Aber nicht die erwartete Missbrauchszene folgt, sondern der ein vorsichtiger Versuch des Vaters, ihr sein Verhalten zu erklären. Gut gespielt.

Ulli Maier (Foto: Funke-Stertz.de)

Ulli Maier zählt zu den intensivsten Schauspielerinnen im Josefstadtensemble. Wer sie als Maria in „Josef und Maria“ von Peter Turrini erleben durfte, weiß, wovon ich rede. Wie sie den Text von Milena Michiko Flasar zum Bild „Alte Frau am Fenster“ von Gerard Drou spielt, das hat Intensität und Tiefe. Eine alte Frau schaut auf ihr Leben zurück, nimmt Abschied von ihr lieb gewordenen Dingen. Nicht wehmütig, sondern fast zufrieden.

Mystisch und einfach schön: Gesang und Tanz von Mira Lu Kovacs vor dem Bild „Das Haupt der Medusa“ von Peter Paul Rubens.

Die Geschichte „Die Schöne und das Biest“ mag wohl Gedankenpate gewesen sein für die Interpretation des Bildes „Heilige Margarete“ von Raffael. Die Heilige blickt unerschrocken auf das fauchende Ungeheuer zu ihren Füßen. Genial, wie Martin Eberle mit seiner Trompete die Leiden, das Warten auf die Schöne (wunderbar getanzt von Manaho Shimokawa) bringt!

Zwölf Szenen und Interpretationen über die Liebe! In der Verschiedenheit liegt der Reiz dieses Abends.Weitere Vorstellungen: 29.5./ 5.6./ 15.6

http://www.ganymedinlove.at


Komödie von Richard Alfieri, Übersetzung aus dem Amerikanischen von Johan Grumbrecht

Die Story folgt dem Strickmuster: Ältere Dame sucht (jüngeren) Tröster in einsamen Zeiten. Achtung Klischeegefahr! Aber: Wenn Klischee so gekonnt und amüsant gespielt wird, dann lässt man Kritik Kritik sein und lässt sich frohen Herzens vom Spiel mitreißen.

Oder beginnt nachzudenken, Parallelen zu ziehen, innerlich zu nicken. Gerührt sein, lachen, sich am Tanz erfreuen und nachher im Ballroom mittanzen – so Frau einen Tänzer findet.

Lily Harrison ist seit sechs Jahren Witwe (der Autor scheint eine innere Beziehung zur Zahl sechs zu haben). Außer mit einer lästigen alten Nachbarin hat sie keine Kontakte. Sie entschließt sich, einen Tanzlehrer ins Haus zu bestellen. Vielleicht bringt ihr der Tanz wieder Lebensfreude. Es tanzt ein vollkommen durchgedrehter Schwuler namens Michael Minetti an. Nichts passt zusammen: weder Sprache – er vulgär, sie gespreizt – noch Alter. Er zwischen 35 und 40, sie 64.

Sie „tanzen sich zusammen“ – und am Ende wird daraus Freundschaft, die sich bewährt, als Lily gegen ihren Krebs Bestrahlungen bekommt und er sich liebevoll um sie kümmert.

So weit, so rührend. Wären da nicht die beiden tollen Schauspieler: Andrea Eckert ist eine toughe, sportgestählte ältere Dame, die sich gerne elegant kleidet und vorgibt, tanzen lernen zu wollen. Zunächst mimt sie die aufmerksame Schülerin, doch blad wird klar, dass sie fast eine Profitänzerin ist. Hart gegen sich selbst, hart gegen den Tanzlehrer gesteht sie erst zögernd körperliche Schwächen ein, die sie mit Launen in den Wechseljahren abtut. Wie aus der unnahbaren Mittelstandslady eine um Freundschaft und Nähe heischende Frau wird, das ist die große Kunst von Andrea Eckert.

Markus Meyer als quirliger, überdrehter Tanzlehrer mit viel Herz ist einfach umwerfend. Wenn er seine Gliedmaßen durch den Raum schleudert, meint man, er hat Gummiknochen. Mit Bravour und viel Herz gewinnt er das Vertrauen der harten Lady. Am Ende können dann beide über ihre Probleme offen sprechen – sie über ihre langweilige Ehe mit einem Baptistenprediger, den frühen Tod ihrer Tochter, er über die Probleme, die er als Schwuler noch immer hat, über seine Mutter, die an Alzheimer erkrankte und die er bis zu ihrem Tod pflegte.

Richard Alfieri reißt einige gesellschaftliche Probleme an, aber in die Tiefe geht er nicht. Denn er will in erster Linie eine handwerklich gut gemachte Komödie schreiben, was ihm auch gelungen ist.

Nicht unerwähnt soll die Band bleiben, die sich ordentlich ins Schlagzeug legte: Leonhard Dickson am Schlagzeug, Andreas Radovan Gesang, Bass und Gitarre, Emily Stewart Percussion, Gesang und Violine, Alexander Wladigeroff Trompete, Gesang und Keyboard, Konstantin Wladigerpff Keyboard und Klarinette. Für das witzige Outfit von Markus Meyer und die eleganten Designerkleider von Andrea Eckert war Lejla Ganic zuständig. Für die flotte Regie Martina Gredler.

Viel Applaus und Bravorufe für das gesamte Team, besonders aber für Andrea Eckert und Markus Meyer.

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Raffaella Romagnolo: Bella Ciao. Diogenes Verlag

Aus dem Italienischen von Maja Pflug

Wieder einer der vielen Romane , die Familiengeschichten mit historischem Hintergrund -meist Kriegen – verbinden. Romane dieser Strickart überschwemmen seit einiger Zeit den Markt: Familiengeschichten – oft von Urgroßeltern an bis in die Gegenwart reichend-, eng verknüpft mit der Aufarbeitung historischer Ereignisse, die äußerst akribisch recherchiert wurden. Mit großer Detailliebe, um nicht zu sagen Detailverliebtheit, werden Grausamkeiten und politische Intrigen geschildert, und die eigentliche Geschichte der Familie bleibt dabei oft auf der Strecke oder verstrickt sich und mäandert durch den Roman, ohne Fuß zu fassen. Im jüngst veröffentlichten Roman „Alle, außer mir“ verknüpft etwa Francesca Melandri die Geschichte des italienischen Kolonialismus in Äthiopien mit der jüngsten Vergangenheit rund um Berlusconi mit einer ziemlich verwirrenden Familiengeschichte. Weitaus besser, um nicht zu sagen genial, gelang es ihr hingegen in ihrem Roman „Eva schläft“, die Geschichte Südtirols am Beispiel einer Mutter-Tochter -Vater Beziehung aufzurollen. Gelungen ist ihr das deshalb so gut , weil sie sich in der Anzahl der handelnden Personen auf einige wenige beschränkte und der Leser problemlos beide Stränge – Historie und Familie -gut verknüpfen kann.

Romane, die die lange Ahnentafel zum besseren Verständnis des Lesers im Vor- oder Nachwort anführen, lassen auf ein mühsames Hin- und Herblättern schließen. Wenn es dem Autor nicht gelingt, einzelne Charaktere klar herauszuarbeiten und der Leser immer wieder nachschlagen muss, von wem gerade die Rede ist, dann wird die Lektüre mühevoll.

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Wer ist wer? Und wer lebt noch?

Romagnolo erzählt in ihrem Roman „Bella Ciao“ über die schwierigen politischen Zeiten Italiens in den beiden Weltkriegen. In dem kleinen Dorf Borgo di Dentro, irgendwo in den Bergen im Piemont, erleben die Familien alle politischen Stürme, die da waren: Die Zeit der „mezzadria“, im Roman als „Halbpächter“ bezeichnet. Die mezzadri mussten den Adeligen die Hälfte der Ernte abliefern und waren der Willkür der Pächter ausgesetzt. Die Ausbeutung der Arbeiter und Arbeiterinnen in der Seidenweberei und ihr vergeblicher Kampf um bessere Löhne, dann der erste Weltkrieg und der Kampf der Italiener gegen die Österreicher, die Zeit des aufkommenden Faschismus, der Untergrundkampf der Sozialisten, Kommunisten und der Partisanen gegen Faschisten und die deutsche Besatzung. Es sterben Väter, Söhne, Frauen werden vergewaltigt, Unwetter verheeren die Ernten, Hungersnot und Leid sind Alltag.

Auch für diesen Roman gilt: Weniger wäre mehr! Die Zahl der Personen verwirrt. Nur einige wenige bekommen genug Zeit und Seiten zugestanden, um das Interesse des Lesers für diese Figur wach zu halten. Zu schnell dreht sich das Rad der Erzählung von einer Zeit in die andere, vor und zurück und gleich wieder vor. Die Schilderungen der Gräueltaten nehmen viel zu viele Seiten ein. Man beginnt zu überblättern. Und das ist das schlimmste Urteil, das man über ein Buch fällen kann. Schade, denn das Thema wäre interessant.

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Matthias Goerne und die Camerata Salzburg. Konzerthaus Wien

4. Konzert im Zyklus Grenzenlos Musik

Der Bariton Matthias Goerne zählt zu den gefragtesten Schubertinterpreten der Gegenwart. Seine „Winterreise“-Interpretation ist bereits legendär.

An diesem wohl einmaligen Abend sang Matthias Goerne relativ unbekannte Schubertlieder. Begleitet wurde er von der Camerata Salzburg unter der Leitung des Konzertmeisters und Geigers Gregory Ahss. Diese überaus gelungene und ungewöhnliche Bearbeitung verfasste der Pianist Alexander Schmalcz gemeinsam mit Goerne.

Schon im ersten Lied „Des Fischers Liebesglück“ (Text Karl Gottfried Ritter von Leitner) bestaunte man Goernes kunstvollen Aufbau: Er beginnt leicht, erzählerisch, lässt einzelne Töne aufglänzen, erzählt unaufgeregt weiter, um dann mit voller Stimme in die Tiefe „umgeben von Dunkel“ zu steigen und von da in eine unirdische Höhe: „Der Erde schon enthoben“ zu schweben. Das ist Romantik ganz im klassischen Sinn: keine unnötigen Verzierungen, von der Ahnung einer Transzendenz eingehüllt. Und die Streicher der Camerata Salzburg folgten dem Konzept mit viel Einfühlungsvermögen..

Im „Heimweh“ (Text: Johann Ladislaus Pyrker) verdeutlicht sich die thematische Klammer, die alle Lieder zusammenhält: „Ach, es zieht ihn dahin mit unwiderstehlicher Sehnsucht.“ Die Sehnsucht nach einem Leben außerhalb der Banalität, sei es im Jenseits oder in der Erfüllung einer irdischen Liebe.

Wie Matthias Goerne mit verhaltener Erotik seine Modulation im „Ganymed“ (Goethe) spielerisch, leicht ironisch und doch voller Sturm und Drang einsetzt, das ist große Meisterleistung.

Ein köstliches Kleinod an Liedkunst ist „Alinde“ (Text: Johann Friedrich Rochlitz). Goerne schafft aus dem eher unscheinbaren Text ein kleines Dramolett im Volksliedton.

Enttäuscht musste sich das enthusiastisch applaudierende Publikum mit einer einzigen Zugabe zufrieden geben. („Stimmen der Liebe“)

Camerata Salzburg: Tschaikowskys Serenade in C Dur.

Nach der Pause begeisterte die Camerata Salzburg das Publikum mit Tschaikowskys Serenade in C-Dur op.48. Viel Mozart war im ersten Satz zu hören, im zweiten dann der berühmte Walzer, leicht und einschmeichelnd gespielt, dann eine fein gesponnene Liebeselegie in Moll. Im vierten Satz flocht der Komponist flotte russische Volkslieder ein. Bei der Komposition dieser Serenade muss Tschaikowsky wohl eine seiner seltenen glücklichen Phasen erlebt haben, Dank des fein gesponnenen Musiknetzes, das die Camerata Salzburg über die Zuhörer warf, lebten wohl alle diese glücklichen Momente live mit

Ein großer Abend, der Maßstäbe setzt!

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Kein Groschen, Brecht! off-theater

Mit Tamara Stern als alle Frauen rund um Bert BrechtAls die Biografie von John Fuegi, Brecht & Co 1997 auf Deutsch erschien, da schlugen die Wellen des Feuilletons hoch. Denn Fuegi zeichnete Brecht als miesen Kerl, der Frauen reihenweise schwängerte, sie verließ oder sie in die Zahl seiner Adorantinnen eingliederte. Vor allem wies er darauf hin, dass der böse Mann seine Frauen für ihn forschen, übersetzen und auch gleich dichten ließ. Das war für die Brechtanhänger einfach zu viel. Sie empörten sich und suchten eifrig nach Fehlern, die Fuegi in dieser Biografie gemacht hatte, um ihn als unglaubwürdig hinzustellen. Nach der kurzen Empörung wurde es ruhig um Brecht und Fuegi. Heute wollen es alle schon gewusst haben, dass Brecht kein ganz so feiner Mann war, dass zum Beispiel Elisabeth Hauptmann große Teile der „Dreigroschenoper“ verfasste und dafür keinen Groschen bekam.

Der Titel „Kein Groschen, Brecht!“ ist Programm und das Signal, mit dem Tamara Stern den Abend anlegt: „Ich bin die Frau hinter Brecht, die keiner kennt“ verkündet sie kämpferisch. Im einfachen schwarzen Kittel, derben Schuhen und mit schwarz umrandeten Augen ist sie eineinhalb Stunden Helene Weigel, Elisabeth Hauptmann und all die Frauen, die man nicht kennt. All denen gibt Tamara Stern ihre Stimme. Und was für eine Stimme! Dunkel-grell, heftig, temperamentvoll interpretiert sie die bekannten Songs aus der Dreigroschenoper, die sie geschickt in Parallele zum Leben Brechts und seiner Frauen setzt. Hört man sonst diese Songs vielleicht ein wenig nebenbei – an diesem Abend leuchten sie in einem neuen Kontext auf und beginnen zu glänzen. Musikalisch begleitet wurde Tamara Stern am Klavier von Elise Mory. Für Regie, Texte und Bühne ist Ernst Kurt Weigel mit gewohnter Bravour zuständig.

Ein Abend, den man nicht versäumen sollte.

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Bernd Polster, Walter Gropius. Der Architekt seines Ruhmes. Hanser Verlag 2019.

Skandal, dieser Autor demontiert einen der größten Architekten des 20. Jahrhunderts! Er recherchiert nicht, sondern schlüpft in eine fragwürdige Erzählerrolle! Solches und Ähnliches liest man in den Rezensionen. Derartig empörte Aufschreie kommen gewöhnlich, wenn ein Heros aus Kultur, Politik oder Sport vom Sockel gestoßen wird. So war es auch bei Bert Brecht, als bekannt wurde, welch großen schöpferischen Anteil die Frauen rund um ihn bei der Entstehung seiner Werke spielten.

Mangel an Respekt, unzulängliche Dokumentation und kindische Häme wirft man Bernd Polster vor. Um das Bild von Walter Gropius zu rehabilitieren, demontiert man zu aller erst den Autor.

Und ich? – Ich gestehe, ich habe diese Biografie genossen, von der ersten bis zur letzten Seite! Aber ich gestehe auch, dass ich keine anderen Werke über Walter Gropius zum Vergleich gelesen habe. Und ich gestehe, dass ich mit einem gewissen Voyeurismus und einer durchaus mir eingestandenen Schadenfreude diese Enthüllungen las und mir dabei vorkam, als säße ich beim Friseur und genieße die Lektüre von „Gala“ und ähnlichen Tratschblättern.

Was ist dran an den Enthüllungen?

Wieviel kann man glauben, wieviel ist beweisbar? Ehrlich gesagt, das kann ich nicht verifizieren. Blättert man aber den fast hundertseitigen Anhang mit Literaturhinweisen, Zitaten und genauem Personenverzeichnis durch, dann kann man davon ausgehen, dass Bernd Polster verantwortungsvoll genug geforscht hat und seine Erkenntnisse Hand und Fuß haben.

Dass Walter Gropius sein Architekturstudium frühzeitig abgebrochen hatte, ist allgemein bekannt. Dass er trotzdem die Urheberschaft für viele Gebäude erhob, ist ein schwerwiegender Vorwurf. Geschickt holte er namhafte Architekten, wie Meyer, Fieger, Fischer und viele andere ins Boot und ließ sie unter dem Namen seines Büros für sich arbeiten- so Bernd Polster. Nun, das soll ja bis heute Usus sein, hört man aus Architektenkreisen. Dass er aber von sich behauptete: „Das Bauhaus bin ich“ ,zeugt von übergroßem Selbstbewusstsein, das die Mitarbeit aller anderen – und das sind sehr viele -bewusst ausblendet.

Dass Walter Gropius mit einigen Größen der Naziära befreundet war, die ihm sogar Empfehlungsschreiben nach England mitgaben, ist vielleicht weniger bekannt. Als er 1962 in Cambridge das TAC (The Architects Collaborative) gründete, ließ er ebenso wie beim Bauhaus junge Architekten für sich arbeiten, ohne deren Urheberschaft zu nennen. So wird das Rosenthal-Service, das die Keramikerin Katherine de Souza entwarf, noch immer unter dem Namen „Gopius-Sevice“ angeboten.

Zahlreich sind die Vorwürfe, die Bernd Polster erhebt. Was in dem an sich gut geschriebenen und leicht lesbaren Werk stört, sind die Beurteilungen und Beobachtungen eines auktorialen Erzählers, die eher in einen Roman als in eine Biografie mit wissenschaftlichem Anspruch passen. So spricht Bernd Polster immer wieder von „Glücksfeen“, mit denen Gropius ein Geheimabkommen getroffen haben muss. Anders seien die vielen Karriereschübe, die weniger auf Können als auf Protektion zurückzuführen seien, nicht erklärbar.

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Hajo Düchting, Wie erkenne ich Bauhaus? belser Verlag, 2. Auflage 2019

Wer sich für die Geschichte des Bauhauses und seine Werke interessiert und grundsätzliche Informationen braucht, dem hilft das Buch rasch weiter. Hajo Düchtings Verdienst ist es, die Erkennungsmerkmale der Bauhauswerke klar, übersichtlich und für jedermann verständlich herausgearbeitet zu haben. In den drei Hauptkapiteln „Malerei“, „Skulptur und angewandte Kunst“ und „Architektur“ geben Fotos und knappe Erklärungen einen guten und raschen Überblick. Bei der Zuordnung der Bauten geht Düchting jedoch nicht auf die jüngst ausgebrochene Diskussion um seinen Gründer Walter Gropius ein. Seit Bernd Polzer seine Gropius-Biografie veröffentlichte (siehe auch meinen Beitrag im Blog dazu), ist nichts mehr so, wie es früher war. Was Gropius wirklich eigenständig gebaut hat, müsste neue bewertet werden. Aber solche Fragen aufzuwerfen, wäre mit einem Überblickswerk nicht kompatibel, weil es den Rahmen sprengen würde.

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Kathrin (Martina Stilp) und Arnold (Martin Niedermair)

Was kommt heraus, wenn sich ein begnadeter Autor (Stefan Vögel), ein stilsicherer Regisseur (Folke Braband) und ein Schauspielerteam, wie es besser nicht sein könnte, zusammentun? – Die perfekte Komödie mit Tiefgang!

Man lacht herzlich, aber fragt sich zugleich nachdenklich: Wie würde ich reagieren, wenn mir ein nahestehender Mensch mitteilt, dass er eine, nämlich meine Niere benötigt, um weiterleben zu können?

In einem schicken Wohnzimmer mit „coolen“ Möbeln (Stephan Dietrich) leben Arnold (Martin Niedermair), seines Zeichens aufstrebender Architekt, und seine Frau Kathrin (Martina Stilp). Er -sehr aufgeregt ob seines neuen Auftrages, einen 36 Stockwerke hohen Turm zu bauen, sie – deprimiert, weil sie gerade die Diagnose „Niereninsuffizienz“ erfahren hat. Wie es der Komödienteufel will, haben beide dieselbe Blutgruppe. Also – was liegt näher, dass der liebende Ehemann ihr liebend gerne seine Niere spenden wird? Oder doch nicht? Als das Ehepaar Diana (Pilar Aguilera) und Götz (Oliver Huether) sich in die Diskussion einmischen, drehen und winden sich die Argumente in blitzschneller Abfolge. Kaum hat sich der Zuschauer mit einem Argument einverstanden erklärt – schon hat sich alles ins Gegenteil verkehrt. Geschickt spielt Stefan Vögel mit allen gängigen Fakten rund um eine Organspende und entlässt den Zuschauer mit der Erkenntnis, dass es keine eindeutig „richtige“ Entscheidung in so einem Fall geben kann. Wesentlich ist, dass er mit Wortwitz und gutem Gespür für Situationskomik peinlichen Moralismus vermeidet. Deshalb und auch, weil alle vier Darsteller an ihren Rollen sichtlich Spaß haben , ist „Die Niere“ eine perfekte Komödie.

Langer Applaus und viele Bravos am Ende

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Aufführung am 29. April 2019

Die Erwartung war groß, die Enttäuschung ebenso. Was hörte man nicht alles für Wunderlob über Anne Schwanewilms: das Wagner – Stimmwunder, die begnadete Schubertliedinterpretin und so fort. „Wenn ich mir das Leonorenkostüm anziehe, dann fährt eine ungeheure Energie durch meinen Körper“, verkündete Anne Schwanewilms noch im Klassiktreffpunkt Ö1 am Samstag zuvor

Dann dieser Abend. Steif und völlig unbeteiligt sang da eine Leonore von ihrer Liebe zu Florestan – aber leider glaubte man ihr keinen Ton, weil auch fast kein Ton außer ein paar vereinzelten hohen zu hören waren. Vielleicht war sie indisponiert – dann hätte sie sich ansagen lassen sollen. Übrigens ebenso Thomas Johannes Mayer als Pizarro. Beide kamen kaum über den Orchestergraben drüber. Dass Adam Fisher unbeirrt das Orchester in voller Lautstärke tönen ließ, trug auch nicht gerade zur Verbesserung der Lage bei.

Gut waren Wolfgang Bankl als Rocco, Chen Reiss als Marzelline und Micheal Laurenz als Jaquino. Brandon Jovanovich tat sein Bestes als Florestan, konnte jedoch die schwache Leistung von Anne Schwanewilms auch nicht wettmachen.

Dass die Inszenierung (Otto Schenk) schon einige Jahre am Buckel hat, heißt nicht, dass die Sänger und Sängerinnen stocksteif herumstehen und ihr Liedlein heruntersingen. Bitte um Regie!

So eine mehr als mittelmäßige Aufführung mitten im Festtrubel um 150 Jahre Wiener Staatsoper! Wirklich enttäuschend.

http://www.wiener-staatsoper.at