Ulrich Weber: Friedrich Dürrenmatt. Eine Biographie. Diogenes Verlag

Ulrich Weber ist Kurator des Dürrenmatt-Nachlasses. Er schrieb die erste umfassende Biographie des weltbekannten Autors von Dramen wie „Besuch der alten Dame“ oder die „Physiker“. Die meisten Leser und Theaterbesucher kennen diese Dramen, vielleicht noch Krimis wie „Der Verdacht“ oder „Der Richter und sein Henker“. Doch darüber hinaus weiß man recht wenig über FD.

Ulrich Webers Biographie umfasst über 700 Seiten, 200 davon sind für den wissenschaftlich sorgfältig aufbereiteten Anhang reserviert. Zahlreiche Fotografien zeigen FD mit seiner Familie und engen Freunden.

Wenn der Verlag auf der Rückseite des Covers damit wirbt, dass diese Biographie auch für Leser und Schüler interessant ist, so darf das bezweifelt werden. Nur wer ein spezielles Interesse an Dürrenmatts Leben und Werk hat, wird sich durch diese eher nüchtern und sachlich geschriebene Biographie durcharbeiten. Wer das jedoch auf sich nimmt, der erfährt tatsächlich interessante Details aus dem Leben und Arbeiten dieses Giganten der deutschsprachigen Literatur.

Die Anfänge

1921 im Emmental in der Schweiz geboren, beschließt FD schon in jungen Jahren „Künstler“ zu werden. Zunächst probiert er es mit der Malerei, erkennt aber bald, dass er nicht genug Talent hat. Nach dem überstürzten Abbruch des Germanistikstudiums beschließt er kategorisch: Ich werde Schriftsteller. Und: Ich werde Ehemann. 1946 heiratet er die Schauspielerin Lotti Geissler, mit der er bis zu ihrem Tod 1983 verheiratet bleibt. Interessantes Detail aus dieser Zeit: Sympathisiert Dürrenmatt noch als Student mit Hitler-Deutschland und dem Anschluss, so schreibt er mit dem Drama „Romulus der Große“ (1947)die erste große Abrechnung mit der deutschen Vergangenheit. Zugleich ist das auch sein Durchbruch als anerkannter Dramatiker. Doch die Familie (Sohn Peter ist schon auf der Welt) lebt in ärmlichen Verhältnissen. Er entwickelt sich zum „Meister im Schnorren“ (S 136). Aus Geldnot schreibt er Theaterkritiken, Hörspiele und Krimis. In dem Krimi „Der Verdacht“ erwähnt er als erster Autor überhaupt den Holocaust.

Welterfolge

Die Töchter Barbara und Ruth werden geboren, die Geldnot wird größer. Erst 1956 mit den Welterfolgen „Der Besuch der alten Dame“ und „Die Physiker“ kann die Familie in ein großes Haus in Neuchâtel ziehen und im Wohlstand leben. FD genießt diesen Reichtum durchaus, kauft teure Autos und führt ein gastliches Haus. Berühmt ist sein Weinkeller mit edlen Tropfen aus der ganzen Welt. FDs Gäste müssen trinkfest sein! Er ist es zum Leidwesen seiner Ehefrau auch.

FD schuf mit den beiden Dramen beklemmende Parabeln „um die eigendynamishe Macht des Geldes und das Verschwinden des Schuldbewusstseins“ (S194). Die Frage nach dem Verhältnis von moralischer und rechtlicher Schuld wird den Autor auch weiterhin beschäftigen, besonders die Aufarbeitung der Naziverbrechen. Mit dem Film „Es geschah am hellichten Tag“ wird er auch als Drehbuchautor erfolgreich. In der Folge reist FD mit oder ohne Ehefrau Lotti -meist ohne – von einem Theater, einer Besprechung zur anderen. Die drei Kinder bleiben sich meist selbst überlassen. Lotti ist immer wieder krank, fällt in schwere Depressionen. FD schreibt, liest – sehr viel über Naturwissenschaften und Philosophie – und beginnt sich wieder für Malerei zu interessieren. Sammelt Bilder bekannter Maler wie Hans Falk oder Varlin. Die langjährige „distanzierte Freundschaft“ mit Max Frisch geht 1976 zu Ende.

Die schweren Jahre

Ende 1970 beginnt eine schwere Zeit. Sein Drama „Die Frist“ ist ein großer Misserfolg. FD arbeitet intensiv an den „Stoffen“ – eine Rückschau auf sein Leben und Werk mit Überlegungen über das Theater, Leben und Tod. Viele seiner Texte werden immer wieder umgeschrieben und bleiben meist unvollendet. 1983 stirbt Ehefrau Lotti. Aber schon 1984 heiratet er Charlotte Kerr, weil er an Vereinsamung leidet. Nun prallen zwei gegensätzliche Menschen aufeinander: Sie herrscht, organisiert, bestimmt, er wehrt sich, will es gemütlicher. Doch Charlotte Kerr ist ehrgeizig und umtriebig und findet immer neue Arbeitsmöglickeiten für ihren Ehemann. Sein Ruhm und Nachruhm sind ihr wichtig, nicht zuletzt, weil sie miteinbezogen ist. Zahlreiche Preisverleihungen, unter anderem der renommierte Büchner-Preis- machen die Ehefrau stolzer als den Preisträger. Aufschlussreich für FD ist die Reise in die Sowjetunion, wo er Gorbatschow kennen lernt. Er hält ihn für einen wichtigen Hoffnungsträger auf dem politischen Weltparkett. Am 14. Dezember 1990 stirbt FD in seinem Haus in Neuchâtel an Herzversagen.

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Lucy Foley: Die leuchtenden Tage am Bosporus.

Verlag: Insel Taschenbuch/Suhrkamp. Aus dem Englischen von Katja Bendels

Istanbul 1921, oder wie die Besatzungsmächte die Stadt nennen: Konstantinopel. Es sind düstere Zeiten. Die einst so strahlende Stadt wirkt erloschen, die Menshen leiden unter der Besatzung, Misstrauen herrscht überall. Der Titel der deutschen Ausgabe ist daher irreführend. Denn die Stadt leuchtet höchstens durch die gelegten Brände, die vor allem die Häuser der Armenier zerstören.

Zerstört, verstört sind auch die Menschen. Den Besatzern begegnet man mit Missachtung. Sich ihnen auch nur freundlich zu nähern gilt als Verrat. Doch die junge Lehrerin Nur lässt sich nicht beeinflussen. Ihr Kurzzeitehemann ist gefallen, ihr Bruder verschollen. Mit Stickerein bringt sie recht mühevoll ihre Großmutter und Mutter durch. Auch den kleinen armenischen Jungen nimmt sie bei sich auf. Er war ihr letzter Schüler, alle anderen Kinder waren längst schon verschwunden. Als „der Junge“, wie er nur genannt wird, schwer krank wird, ruft Nur den Arzt, der im britischen Militärhospital arbeitet, zu HIlfe. Er nimmt den Jungen im Spital auf, obwohl es streng verboten ist. Nur besucht ihn täglich, muss ihre Abneigung gegen den Arzt und die Briten unterdrücken. Sie leidet doppelt, da das Spital einst das Heim ihrer Familie war.

Alles keine guten Voraussetzungen für die Liebe, die zwischen Nur und dem Arzt George langsam wächst. Denn es ist eine Liebe, die nicht sein kann, sein darf. Zu groß ist die Kluft zwischen einer Bewohnerin der Stadt und einem, der zu den Besetzern gehört. Obwohl beide fähig wären, die gesellschaftlichen Schranken zu überwinden, trennen sie sich. Er kehrt in seine Heimat zurück. Als Beweis ihrer Liebe bittet Nur ihn, den Jungen mitzunehmen. In ihrer Stadt wäre er wegen seiner armenischen Abstammung nicht mehr sicher. Denn der Genozid am armenischen Volk hat begonnen. Nurs Bruder wurde gezwungen, die ärgsten Gräueltaten an den Armeniern mitanzusehen und auch auszuführen. Das hat ihn verändert, zuletzt gebrochen. Er begeht Selbstmord.

Geschickt verpackt Lucy Foley schwerwiegende Folgen des Krieges in eine zarte Liebesgeschichte, die sich spannend, sehr langsam und behutsam entwickelt. So nimmt sie den Leser geschickt mit und konfrontiert ihn mit den historischen Tatsachen, wie den Genozid an den Armeniern, den Aufstieg der „Türkei“ aus den Trümmern des ehemals mächtigen osmanischen Reiches. Sie schildert mit nüchernem Blick, welche Folgen die Grausamkeit des Kriegsgeschehens auf die Seelen der Menschen hat. Am Beispiel des Bruders, der mit seiner Schuld, die er bei der Vertreibung der Armenier auf sich geleaden hat, nicht fertig wird. Als Gegenpol der Entmenschlichung führt sie die positive Figur des Arztes ein, um ein Gegengewicht zu all den Unmenschlichkeiten zu schaffen.

Der Aufbau des Romanes ist allerdings ein wenig ungewöhnlich, sprich nicht gerade leserfreundlich. Wahrscheinlich ist der Aufbau der herrschenden Schreibmode geschuldet, das Geschehen in kleine Kapitel zu zerhacken, in denen die Autorin zeitlich und im steten Perspektivewechsel zwischen den Personen hin- und herspringt. Dieser allseits beliebte Erzählstil wirkt ein wenig allzu bemüht und erschwert das Einsteigen in das Geschehen. Hat man aber erst einmal ein Drittel des Romanes überwunden, dann ist man vom Reiz der Geschichte gefangen.

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Karim El-Gawhary: Repression und Rebellion.

Untertitel: Arabische Revolution-was nun?

Man kann nicht aufhören zu lesen. Alle Puzzles, die man sich aus Medienberichten vage zusammenreimen konnte, rückt der Autor in den notwendigen politischen Rahmen und fügt sie zu einem klaren Bild zusammen. Er durchleuchtet Spieler und Gegenspieler, geht den Ursachen der Aufstände und Gegenaufstände auf den Grund. Zeigt mangelnde Kompromissbereitschaft für die Militärdiktatur in Ägypten auf. Beleuchtet logisch und mit kühler Objektivität den Aufstieg der IS-Kämpfer.

Karim El-Gawhary macht deutlich, dass es in der Politik nie um Menschen, Bewohner des Landes, geht, sondern immer nur um die Frage der Herrschenden: Wie können sie ihre Macht sichern, beziehungsweise vergrößern. Und man erfasst sehr schnell: Bei diesem Spiel um die Macht werden schnell Verbündete zu Gegnern. Oder auch die aktuellen Machthaber zu Verlierern, wenn sie auf falsche Pferde gesetzt haben. Beispiel: Die Winkelzüge von Saudis und den Arabischen Emiraten legten den Jemen total lahm, ohne wirkliche Erfolge zu erzielen. Dieselben spalteten Libyien und hatten ihre Spielfinger in Ägypten, zogen den Boykott gegen das Emirat Katar hoch. Aber alle diese Strategien blieben erfolglos. Fazit: Verbrannte ERde ud Millionen Tote.

Es gelingt dem Autor, in der „nahöstlichen Gemengelage“ die Verflechtungen aufzuzeigen. Deutliche führt er die unrühmliche Rolle Trumps, aber auch die Eruopas auf: Indem diese beiden Mächte sich auf die Autokraten als Antiterrormächte stützen, wollen sie nicht sehen, dass es gerade diese Diktatoren sind, die ihre Bevölkerung unter die Armutsgrenze treiben und so den Terror züchten. Nüchtern stellt Karim El-Gawhary fest: Die EU spielt im Nahen Osten längst keine Rolle mehr, es sei denn eine unrühmliche! Harte Worte. Das Buch sollte man allen EU-Politikern als Pflichtlektüre auferlegen.

Das Buch ist ein Wachruf an Europa! Wie lange noch werden die Menschen in den autokratisch gelenkten Staaten die Unterdrückung dulden? Die Stabilität ist brüchig. Was zur Folge hat: Immer mehr Menschen werden nach Europa drängen!

Karim El-Gawhary führt mit präzisen Recherchen und einer klaren Sprache, die jeder versteht, verstehen muss, uns Europäern vor Augen, welch ein gefährliches Terrain der Nahe Osten ist und wie sehr die EU vor den Problemen die Augen schließt.

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Erwin Schrott: Tango Diablo. (Great Voices, Konzerthaus)

Erwin Schrott: Bassbariton. Claudio Constantini: Bandoneon. Santiago Cimadevilla: Bandoneon. Jonathan Bolivar: Gitarre. YuChen: Klavier

Ein klug zusammengestelltes Programm, mit dem Erwin Schrott als Sänger und als Entertainer glänzen konnte! Dass es der letzte Abend vor der neuerlichen Schließung aller kulturellen Aktivitäten war, erhöhte die Temperatur im Publikum und bei den Künstlern in gleicher Weise. Als ob es galt, den öden kommenden Wochen ein Schnippchen zu schlagen. Und wer könnte das besser als Mephisto! Ach, hätte er doch die Macht, die ihm Goethe zuschrieb! Dann würde er vielleicht all die unsinnigen Verbote, die die Kultur für Wochen in den Keller sperren, mit einem Handstreich und einem höhnischen Hohoho zunichte machen.

Erwin Schrott nahm für diesen Abend die Rolle des allmächtigen Mephisto ein: Mit der sonoren Bassbaritonstimme füllt er den Saal bis in die letzen Winkel. Wenn er in höhnisches Gelächter über die kurze Liebe Fausts zu Gretchen ausbricht (aus: Gounod, Faust,“ Vous qui faites l´endormie“) oder mit „Voici des roses“ (Berlioz:“ La damnation de Faust“) Gretchen und Faust mit trügerischer Sanftheit einlullt – er ist auch ganz ohne Kostüm, Maske und Kulisse Mephisto. Völlig enthemmt und toll geworden singt er die Arie „Voici donc les débris…Nonnes qui resposez“ (Meyerbeer:“ Robert le diable“), pfeift schrill und bedrohlich, als hätte sich der Höllenschlund aufgetan.

Dazwischen fährt er die Betriebstemperatur ein wenig hinunter und stellt vier junge Streicher vor, die als „Ensemble Quartissimo“ den Preis „Die goldene Note“ gewannen. Sie spielten sehr flott den Mephisto Walzer Nr.1 von Franz Liszt.Schwungvoll setzt Ernst Schrott mit Arrigo Boitos Lied „Sono lo spirito che nega“ aus „Mefistofele“fort. Das ist ein ganz anderer Mephisto, ein heiterer, witziger, der im Sambaschritt dahertänzelt. Von da gehts direttissima zu Astor Piazzolla mit „Tango del Diablo“ . Danach mit „Vuelvo al sur“ – ein Sehnsuchtslied nach der alten Heimat. Mit „Pasional“ von Soto und Caldara endete das Programm sehr dramatisch.

Trotz langem und begeistertem Applaus gab es nur eine Zugabe.

Die nächsten Great Voices -Termine sind – so die Regierung die Kultur frei gibt :

Am 15. Jänner 20121 stellt sich der neue Startenor Benjamin Bernhelm mit Arien von Donizetti bis Puccini vor.

Am 28. Februar 2021 wird Asmik Gregorian, die berühmte Stimme für Salome, singen.

Der Abend mit Jonas Kaufmann ist verschoben. Ein neuer Termin ist noch nicht bekannt.

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Apropos „Kultur in den Keller gesperrt“! Ich empfehle allen, die sich mit der rigorosen Schließung aller Kultureinrichtungen nicht abfinden, bzw. sie nicht verstehehn können, das Empörungsfeuilleton von Renate Wagner:/https://onlinemerker.com/apropos-verdammt-noch-mal/

George Tabori: Mein Kampf. Burgtheater.

Regie: Itay Tiran, Bühne: Jessica Rockstroh, Kostüme: Su Sigmund

Ich habe eine leise, unsentimentale, aber starke Inszenierung im Männerheim in der Meldemannstraße gesehen. Obwohl schon mehr als 2 Jahrzehnte vergangen sind, ist mir die Aufführung in ERinnerung. Gerade wegen ihrer Schlichtheit. Dann erinnere ich mich an die Aufführung von 2008 in der Josefstadt mit Florian Teichtmeister als schüchterner Hitlerbub aus der Provinz, der sich nach und nach zum Politmonster entwickelt.

Der Regisseur Itay Tiran macht aus der fein gesponnenen Farce eine Holtertipolter- Komödie ohne Tiefgang. Man sieht dem Treiben ein wenig irritiert, ja orientierungslos zu. Immer wieder fragt man sich, ist das jetzt noch das Stück von George Tabori. Wo der feine Humor und die scharfe Ironie Taboris auf den Horrorhumor von Itay Tiran treffen, wird man verunsichert, weil das Spiel in eine vordergründige „Haudraufkomödie“ ausartet. Zu Beginn, wenn Schlomo Herzl (Markus Hering) mit Gott (Oliver Nägele) spricht, ihm Vorwürfe macht und ihn zum Koch Lobkowitz degradiert, ist man noch von der Taborischen Spiegelfechterei entzückt, lächelt und leidet mit Schlomo mit, der sich nicht zum ersten Satz seines Buches durchringen kann. Nur der Titel steht fest: „Mein Kampf“. Ab dem Augenblick, wo Marcel Heuperman als Hitler hereinpoltert, gerät das Stück in Schieflage. Der dicke, schwerfällige Hitler furzt, speibt und entleert sich in den Kübel. Man darf sein Hinterteil bewundern. Da wird Schlomos Nächstenliebe, mit der er Hiter umsorgt, bereits unglaubwürdig. Die Bilder überschlagen sich, bis Rainer Galke als „Himmlisch“ der Gewalt eine fürchterliche Gestalt gibt, alles kurz und klein schlägt und genüßlich und ausführlich schildert, wie man ein Huhn tötet, ausnimmt und kocht. Gott sei Dank bleibt das Bühnenrhetorik. Das echte Bühnenhuhn bleibt verschont – da fürchtete man wohl den Aufstand der Tierschützer. In Taborische Humortemperatur kehrt das Stück erst am Schluss wieder, als der geschundene und gekreuzigte Schlomo Gott alias Koch zur Rechenschaft zieht. Denn der hat dem grausamen Geschehen den Rücken zugedreht und wie ein in die Ecke gestelltes Kind eine gute Stunde die Wände angestarrt. So viel Unbetroffenheit am menschlichen Leid lässt Schlomo an Gott zweifeln. Der jedoch richtet alles mit einem jüdischen Witz ins Lot.

Markus Hering als Schlomo und Oliver Nägele als Gott/ Lobkowitz wirken authentisch. Marcel Heupermann fügt sich mit heroischer Selbstüberwindung in die schwierige und teils unappetitliche Rolle des Hilter. Hanna Hilsdorf ist der Rolle des Gretchen nicht ganz gewachsen. Was will sie sein? Sie schwankt zwischen leicht debiler Verführerin und geistig verwirrter Seele, die Trost braucht. Sylvie Rohrer als Tod hat ein paar tiefgründige Sätze, die sie wie ein androgyner Conférencier herunterredet.

Ich weiß schon, jeder hat eine andere Vorstellung von Humor. Mit der Zeit begreift man als häufiger Besucher des Burgtheaters, was hierorts unter Humor verstanden wird.

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Wo der feine Humor und die scharfe Ironie Taboris auf den Holzhammerhumor des Regisseurs, trifft, wird es unstimmig.

Der Leichenverbrenner. Franzobel nach Ladislav Fuks. Akademietheater

Regie: Nikolaus Habjan. Puppenbau: Nikolaus Habjan und Marianne Meindl. Bühne: Jakob Brossmann. Kostüme: Cedrik Mpaka

1967 schrieb der tschechische Autor Ladislav Fuchs (1923-1994) den Roman „Der Leichenverbrenner“. Darin lotet er die Mechanismen aus, die aus einem Familienvater einen glühenden Nazi und Mörder werden lassen. Franzobel arbeitete den Roman zu einem irritierenden Drama um. Der Intention des Werkes folgend schuf er eine Art Fabel, in der die Protagonisten stellvertretend für Menschen in einer gefährlichen Umbruchszeit stehen. Alle handelnden Personen sind Prototypen, sie agieren wie Marionetten nach einer Logik, die ihnen eingeschrieben ist. Wann und wie aus einem „fürsorglichen Familienvater“, wie sich Karel Kopfrkingl gerne selbst lobt, ein Anhänger Hitlers und Mörder wird, lotet Franzobel in einer Art Stationendrama aus.

Karel Kopfrkringl testet gerne die Macht über seine Kinder und Frau aus. Die Grausamkeiten tarnt er unter einem Geschwürbe von schönen Worten. Je mehr er verletzt, desto mehr betont er seine Fürsorge. Eine Gewaltrspirale unter dem Deckmantel der Liebe. Michael Maertens in glatter Scheitelfrisur und korrektem Anzug spielt diese Rolle des mordenden Menschenfreundes perfekt. Mit einer Kunstsprache, in der immer der Ton Grausamkeit mitschwingt, wird er zum perfekten Typus des karrieresüchtigen Mitläufers. Denn nach jedem Verrat an Freunden steigt er die Leiter im Krematorium hoch, bis er schließlich Direktor dieser Menschenverbrennungsanlage wird.( Die Symbolik ist ein wenig zu vordergründig, aber wirksam!) Dorothee Hartinger ist eine in stummer Ergebenheit nebenher stehende Ehefrau, die nur hin und wieder aufmuckst, wenn der Göttergatte den schüchternen Sohn (Sabine Haupt) in Grund und Boden kritisiert und lächerlich macht. Alexandra Henkel als Tochter schleckt Eis und malt sich die Lippen an, lässt die Attacken des Vaters an sich abprallen. Dem Schicksal, vom Vater erschlagen und in einen Sarg gebettet zu werden, entgeht sie dennoch nicht. Denn der treusorgende Familienvater findet seine Familie zunehmend karrierebehindernd. Deshalb bringt er auch gleich die Frau und den Sohn um. Wenn schon, denn schon. Als Belohnung für seine Taten winkt ihm der Posten eines Dalai Lama. Das ist kein Witz, sondern Groteske auf die Spitze getrieben.

Ein Stoff, für den Puppenspieler Nikolaus Habjan wie geschaffen! Gemeinsam mit Manuela Linshalm (Puppenbauerin und Puppenspielerin) und Jakob Brossmann, verantwortlich für die Bühne, schuf er ein Theater der Groteske. Er ließ das ganze Geschehen in einer Bühne auf der Bühne ablaufen. Schuf Puppen von betörender Grauslichkeit, wie etwa das streitende Ehepaar: Sie ist eine Kassandra, die das Übel des Weltkrieges kommen sieht, er hält sie für dumm und krank und verdrischt sie nach Lust und Laune. Grausamkeiten, die man als Zuschauer nur erträgt, weil es Puppen sind. Eindrucksvoll auch die Puppenfigur des überzeugten Hitleranhängers Reinke, hinter der Nikolaus Habjan in Totenmaske steht.

Ein Abend, der Ablehnung und Bewunderug auslöst. Ablehnung, weil die Figuren oft recht klischeehaft gezeichnet sind. Bewunderung für die Leistung der Schauspieler und der Puppenspieler, die aus dem grotesk-tragischen Mischmasch ein eindrucksvolles Ganzes schufen.

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Aterballetto aus Italien: Don Juan im Festspielhaus St.Pölten

Im obigen Titelfoto verführt Don Juan, getanzt von Saul Daniele Ardillo, Elvira, getanzt von Estelle Bovay.

Die italienische Ballettgruppe „Aterballetto“ zeigte „Don Juan“, von dem schwedischen Choreograph Johan Inger atemberaubend und packend in Szene gesetzt. Auf einer dunklen Bühne (Curt Allen Wilmer und estudiosDos) stehen dicht aneinander gereiht schwarz-graue Kontainer, die sich wahlweise in Betten, Bäume oder in Häusermauern verwandeln.Durch den Einsatz von Lichtinseln (Fabiana Piccioli) und Neukompositonen von Marc Alvarez wird das Geschehen pointiert unterstrichen und vorangetrieben.

Mit 16 Tänzern – 8 Frauen, 8 Männern – gestaltet Johan Inger das Leben des Frauenjägers von seiner Geburt bis zum Verschwinden ins Nichts. Dabei hält er sich im Großen und Ganzen an die bekannte Geschichte, wie wir sie aus der Mozartoper kennen, ließ sich aber auch von Bert Brecht und anderen Don Juantexten inspirieren. Einige Figuren wie die Mutter Don Juans oder das Straßenkind sind neu. Leporello – im Stück Leo – ist eine schillernde Figur, einmal Leporello( Philippe Kratz), der widerspenstige Diener, dann wieder das Alter Ego. Neu und interessant ist die Figur der Mutter (Ina Lesnakowski). Sie verfolgt von der Geburt an ihren Frauenliebling, greift immer wieder ein. Sein Leben endet jäh auf der Kante eines der Betten, auf denen er die Frauen verführte. Er wird von schwarzen Gestalten ins dunkle Nichts gekippt.

Mit immer neuen, spannenden Figuren aus dem zeitgenössischem Ballett und dem Modern Dance schafft Johan Inger psyhologische Porträts der Figuren und macht die Handlung verständlich. Die Leistungen der gesamten Truppe sind enorm, fast unglaublich jedoch die des Don Juan. Er ist eineinhalb Stunden ohne Unterbrechung auf der Bühne. Seine tänzerischen und akrobatischen Qualitäten nehmen einem fast den Atem. Die Liebesakte tanzt er mit ungenierter Offenheit: Kaum hat er eine Frau „bezwungen“, rast er zur nächten. Zu den stärksten Szenen gehört die Hochzeit Zerlinas. Während die geladenen Gäste in ein wildes Bacchanal ausbrechen, verführt Don Juan die Braut ganz ungeniert.

Don Juan, Zerlina (Serena Vinzio) und Leo (Foto: Viola Berlanda)

Begeisterter Applaus und viele Bravorufe!

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Molière: Schule der Frauen. Landestheater Niederösterreich

Regie: Ruth Brauer-Kvam, Bühne: Monika Rovan, Kostüme: Ursula Gaisböck, Musik: Ingrid Oberkanins

Ein schon in die Jahre gekommener Esel von einem Mann, bekannt in Paris als Spötter und Eheflüchter, entschließt sich zu heiraten. Um ja sicher zu gehen, dass ihn seine Zukünftige nicht betrügen wird, züchtet er sich die ideale Ehefrau heran: Ein Mädchen aus dem Kloster, das nichts von der Welt gesehen hat. Dumm soll sie sein, dumm soll sie bleiben. Doch dieses Mädchen ist klüger als der alte Esel vermutet. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, die der alte Esel – Molière nennt ihn Arnolphe – setzt, verliebt sich das Püppchen – Agnès genannt – in den lebenslustigen Horace, der sie die Freuden des Lebens, der Liebe lehrt. Natürlich bekommt Agnès ihren Horace und Arnolphe muss klein beigeben.

Eine Klischee- Geschichte, oft durchexerziert in der Oper, vor allem aber Grundlage für viele Komödien, besonders der Commedia dell`Arte und der späteren Zeit.

In einer Komödie fragt man nicht, ob das Thema heute relevant ist. Hauptsache ist der Witz, der Einfall. Manche Regisseure setzen den Stoff in die Gegenwart (so gerade in der Staatsoper im „Don Pasquale“ zu erleben und zu genießen). Viele greifen auf die Figurenführung und Kostüme der Commedia dell`Arte zurück und bleiben in dieser Zeitschiene.

Ruth Brauer-Kvam setzt alles ein, was aus der Komödienkiste kommt: Die Übertreibung aus dem Slapstick, die Bewegungen aus der Commedia dell`Arte, Grundzüge aus dem Marionettentheater und Heutiges, wie zum Beispiel die Musik von Ingrid Oberkanins, die das Geschehen ironisch begleitet . Eine Mischung, die amüsant ist, aber die Gefahr des Zuviel birgt.

Alle Schauspieler sind mit einem überschäumenden Temperament ausgestattet. Voller körperlicher Einsatz wird verlangt, vor allem von Tim Breyvogel und Tobias Artner als die beiden urdummen Diener von Adolphe, gespielt von Tilma Rose. Letzteren in seinem Antrittsmonolog zu verstehen, war ziemlich mühevoll. Denn bis die Worte auf den Balkon, 3. Reihe, gelangten, waren die Endungen und manche Vokale schon irgenwo im Nirwana verschwunden. War der deutschgefärbte Akzent bewusst eingesetzt? Entzückend Laura Laufenberg als Agnès. Zuerst als Puppe mit Rollschuhen, dann im Laufe ihrer Emanzipation in kurzem Kinderkleidchen. Zuerst naiv, dann aber schlau naiv. Witzig auch Horace (Philip Leonhard Ketz) als Latin-Lover. Er ist niedlich, wie er so verliebt über die Bühne haspelt und stolpert. Einmal auch zu Pferd, was irgendwie komisch sein sollte, aber doch nicht allzu schlüssig war. Es blieb ein Gag um des Gags willen.

Die Idee, mitten im Geschehen die Figuren Uranie und Climène umhermarschieren und das Spiel kommentieren und kritisieren zu lasssen, wirkt allzu gewollt und aufgesetzt „postmodern“. Schon klar, sie stellen die Kritiker, die einst über Molière herfielen, und zugleich die möglichen Kritiker der gegenwärtigen Aufführung dar. Doch die theoretischen Auseinandersetzungen gehen in dem allgemeinen Trubel unter. Noch unnötiger ist das Liebesgerede der beiden.

Fazit: Eine quirlige Inszenierung, gespickt mit vielen Regieeinfällen, die manchmal zu viel des Guten sind. Körperlich gut trainierte Schauspieler, die mit vollem Einsatz spielen.

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Landestheater Salzburg: Faust. Inszenierung:Carl Philipp von Maldeghem

„Faust“, wie man ihn noch nie so klar, ganz ohne Regiekapriolen gesehen hat. Für mich die beste Faust-Inszenierung, die ich je erlebte.

Wenn der Intendant des Landestheaters von Maldeghem und Christian Floeren (Bühne und Kostüme) zusammenarbeiten, dann weiß man, dass es großartig wird. Ein Feuerwerk an Bildern und Schauspielleistungen ließ mich ruhig zurücklehnen und genießen! Ich war nicht gezwungen, mich zu fragen, was dieses oder jenes bedeuten könnte. Alle Szenen waren eingängig, ohne dabei einer Simplifizierung zum Opfer zu fallen.

Dass die Schauspieler durchwegs großartig waren, versteht sich von selbst. Allen voran der quirlig-witzige Gregor Schulz als Mephisto. Er wirbelt über die Bühne und lehrt Faust, was Leben heißt. Denn der (Christoph Wieschke) bekommt hier von der Regie ordentlich sein Fett ab: Ein erfolgloser, frustrierter Forscher, der mit seinem Leben nichts mehr anzufangen weiß und gerade dabei ist, sich umzubringen. Irgendwie tranig verfolgt er, was da Mephisto ihm vorspielt, selbst der Verjüngungstrank kann ihn nicht wirklich in einen Jungspund verwandeln. Ein Mädchen, fast noch ein Kind, muss es sein!. Ein junges, frisches Ding, ja, da wachen seine Hormone auf. Nikola Rudle als Gretchen gibt es ihm ziemlich barsch: Danke, ich brauch keine männliche Begleitung, ich finde allein nach Hause. Und schwingt ihren reizenden Popo, der in einer kurzen, abgerissenen Jeans steckt, von dannen. In keiner Szene wird sie zu einem Jammerwesen. Stark bis zum Schluss. Im Gefängnis ist sie nicht wahnsinnig, sondern klarsichtig und scheucht Faust mit den bekannten Worten: Heinrich, mir graut vor dir, aus dem Käfig.

Von Maldeghem inszeniert den Faust in sprachlicher Klarheit – die Verse kommen wie selbstverständlich, machen keine Mühe. In die faszinierenden Bühnenbilder voll optischer Überraschungen stellt er schlichte, aus dem Alltagsleben herausgeschnittene Figuren hinein. Nie kommt Pathos oder hohle Deklamation auf. Es wird eine Beziehungsgeschichte gezeigt, die tragisch ausgehen könnte. Aber Tragik war nie so recht Goethes Sache gewesen. Er zog in seinen Dramen fast immer den positiven Schluss vor: Gretchen wird nicht der Hölle preisgegeben, sondern von dem Herrn persönlich (gespielt von Larissa Enzi als weiblicher Gott) gerettet.

Viele Szenen werden in Erinnerung bleiben, etwa das Federballspiel zwischen Mephisto und Faust, in dem Faust von Mephisto verlangt, er möge ihm gefälligst den WEg in Gretchens Bett ermöglichen. Dem Mephisto verschlägt es die Sprache über die Machoforderungen seines Klienten. Vorsichtig gibt er zu Bedenken: Gretchen ist noch ein Kind! Mephisto wird zum moralischen Mahner!!. Aber für Faust bleibt alles ein Spiel, selbst als Gretchen ihn kurz darauf fragt, wie er es mit der Religion hält. Er gibt ausweichende Antwort, spielt lieber weiter Federball. Im Garten spielen Gretchen und er kindisch Fangen, kreischend und lachend. Die Liebe ist Spiel, dann ganz plötzlich bitterer Ernst – übergangslos der Schrei Gretchens: die Mutter ist tot, sie hat ihr zu viel von dem Schlafmittel gegeben.

Obwohl eine Corona bedingt verkürzte Fassung gespielt wurde, wurde das Werk nicht bracchial, sondern mit viel Gespür für die Grundlinien gekürzt.

Ein Abend, der es wert ist, von Wien nach Salzburg zu fahren! Man verlässt das Theater mit dem innigen Wunsch, so ein Maldeghem möge auch Wien geschenkt werden. Nicht vorzustellen, was man da in der Burg oder im Volkstheater erleben könnte!

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Kunstforum Wien zeigt Gerhard Richter

Gerhard Richter, geboren 1932 in Dresden, gilt als einer der bedeutendsten Maler der Gegenwart. Seine Bilder erzielen Millionenpreise. Das Bank Austria Kunstforum zeigt eine umfangreiche Retrospektive der Landschaftsbilder. Der Künstler behauptet gerne von sich, dass er in jedem Stil malen könne: Real, surrelal, abstrakt.

In der Ausstellung werden Bilder auf Basis von Fotomotiven, atmosphärische Landschaftsbilder mit augenzwinkerdem Hinweis auf die Ära der Romantik, abstrakte Gebirgsbilder und überaus interessante Übermalungen gezeigt.

Eine Ausstellung, die man nicht versäumen sollte. Noch zu sehen bis 14. Februar 2021.

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Daniel Glattauer: Das liebe Geld. Kammerspiele der Josefstadt.

Regie: Folke Brabant, Bühne: Stephan Dietrich

Dank der hervorragenden Schauspieler wird aus der flachen Komödie eine amüsanter Abend. Denn der Plot reicht nicht für eineinhalb Stunden. Zunächst ist man noch neugierig: Was wird Alfred Henrich machen, dem die Bank sein wohlverdientes Geld verweigert? Roman Schmelzer spielt diesen armen Kerl. Er zieht alle Register – vom Zornigen, zum demütig Bittenden und bis hin zum tief Gedemütigten. Mit kalter Eleganz legt Martina Stilp die Rolle der Mag. Drobesch an: Sie fertigt Henrich mit den üblichen Platitüden ab, die eine Firma – diesmal eine Bank – als Argumentation vorbringt, wenn sie jemanden ins Unrecht setzen will. Diese Rolle hätte Glattauer noch schärfer herausarbeiten können. Martina Stilp liefert hier eine tolle Gruselgroteske ab! In blonder Perücke und grauem Businesskostüm gleicht sie fast schon einer Roboterfigur, die dazu trainiert worden ist, Beschwerden abzuwimmeln. Michael Dangl genießt ganz offensichtlich seine Rolle des aalglatten Bankdirektors – ein Dandy im goldenen Anzug. Die komische Rolle der Ehefrau Henrich – Ulli Maus – geling Silvia Meisterle gut.

Man genießt das gekonnte Spiel der Darsteller, beginnt sich aber bereits nach einer halben Stunde zu langweilen, weil die Geschichte sich im Kreis dreht.

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Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Landestheater Niederösterreich

Nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann. Inszenierung und Fassung: Felix Hafner

Kein leichtes Unterfangen, aus dem vielschichtigen und hintergründigen Roman von Thomas Mann eine leichte, flauschig-luftige Komödie zu machen. Chapeau! in einer Stunde und 20 Minuten verstand es der Regisseur Felix Hafner, sein Publikum auf hohem Niveau zu unterhalten.

Ein einfaches Bühnenbild (Anna Sörensen) – ein Tisch, der zur schiefen Bahn, zur Weltbühne oder zum Tennisplatz wird, erlaubt, ohne Kulissenwechsel das ganze gesellschaftliche Spiel um Betrug und Betrogenwerden abzuspulen. Vor allem verdankt das Stück seinen ERfolg den durchwegs guten Schauspielern, die im raschen Rollenwechsel geübt, vom Kleinbetrüger zum König (Laura Laufenberg), vom Stabsarzt zum Hoteldirektor (Michael Scherff), vom Beamten zu Madame Houpflé (Nanette Waidmann) und von der Concierge zum Marquis de Venosta (Tilman Rose) mutieren. Als komödiantisches Supertalent erwies sich Tobias Artner in der Rolle des Felix Krull: Hübsch anzuschauen in einem Glitzerbody, sehr erotisch, mit dem nötigen Augenzwinkern, spielt er diese Rolle bravourös.

Zu Beginn erleben wir ihn, wie er – angelehnt an das letzte Abendmahl – seinen devoten und staunenden Anbetern sein Erfolgsrezept verrät: Beobachten, beobachten! Dann blitzschnell erfassen, wie er -gleichsam als vorauseilender Wunscherfüller – sein Gegenüber manipulieren kann. So gelingt es ihm, dem Wehresstabsarzt den Epileptiker vorzuspielen. Der ist ganz verzückt über die vermeintlich von ihm so genial gestellte Diagnose und erklärt ihn für untauglich. Das System funktioniert: Felix erspürt mit fast animalischer Intelligenz die Wünsche seines Partners, Partnerin, bevor diese noch überhaupt wissen, was sie wünschen werden. Ein tolles Rezept für jeden Machtpolitiker!

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Elena Ferrante: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen. Suhrkamp

Aus dem Italienischen von Karin Krieger

Wieder ist Neapel der Schauplatz, wieder geht es um Familiengeschicke, Wieder aus den Augen einer Halbwüchsigen. Man glaubt sich in dem Vierteiler „Meine geniale Freundin“, dann doch wieder nicht. Denn den Figuren fehlt die Glaubwürdigkeit, die existentielle Tiefe.

All zu deutlich spürt man, dass dieses neue Werk der Autorin ein Art Aufguss der Neapeltrilogie ist. Man liest es mit dem Aha -Effekt – das kennen wir schon. Giovanna, ein Mädchen aus der gutbürgerlichen Oberschicht (sie wohnt auch im noblen Oberteil von Neapel) seziert, zerlegt und zertrümmert das Bild, das ihre Familie nach außen aufgebaut hat. Dass sich Giovanna gleichsam als Nerd gebärdet, ist ärgerlich, denn es fehlt ihr alles Maß. Sie meint, sie, nur sie allein hat die moralische Kompetenz, die Lügen der Erwachsenen aufdecken zu müssen. Dieses manisch-aggressive Verhalten mag ja typisch für die Zeit der Pubertät sein. Aber gerade dadurch wird es mehr ein Buch über die allgemein bekannten Zickigkeiten, Widrigkeiten, die 13-15- Jährige so erleben. Anders als in der Neapeltrilogie erfahren wir kaum Neues über die Stadt, es werden Straßen und Plätze genannt, die sich aber nicht mit Leben füllen. Ähnlich wie in der Neapeltrilogie strebt Giovanna nach intellektuellem Futter – diesmal erfüllt eine Art Priesterfigur diese Funktion. Der stammt aus Neapel, lebt und lehrt in Mailand – auch hier die Parallele zur Trilogie: Mailand, das ersehnte Zentrum der Intelligenzia . Es bleibt aber bei der Schwärmerei Giovannas zu diesem eigenartigen Halbheiligen, sie liebt ihn, lässt sich aber von einem ziemlich groben Straßenjungen aus dem „Industrieviertel“ Neapels ganz ohne Gefühlsregung entjungfern. So unter dem Motto: Damit ist auch dieser Schritt zum Erwachsenwerden erledigt.

Zusammengefasst: Aus Neapel nichts Neues, nur andere Namen, aber die ohne Leben.

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Uta Ruge: Bauern, Land. Kunstmann Verlag

Untertitel: Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang

Ute Ruge, auf Rügen geboren, wuchs nach Flucht der Familie nach dem 2. Weltkrieg in einem kleinen Dorf im Bachenbrucher Moor in Norddeutschland auf., Zum Studium der Germanistik zog sie nach Marburg und Berlin, wo sie auch heute lebt.

Als ihr Vater starb, übernahm ihr Bruder Waldemar den Hof.

Mit dem Buch will die Autorin die Sichtweise der Städter auf die Arbeit der Bauern mit der Realität im Hier und Jetzt vergleichen, die Vorurteile, die auf beiden Seiten herrschen, ausräumen und Klischeevorstellungen klarstellen. Ob sie sich vielleicht zu viel vorgenommen, fragt sich der geduldige Leser, der sich, weil das Thema ja spannend ist, durch 450 Seiten geballte Information brav durchkämpft.

Die verschiedenen Teile werden mit „heute“, „damals“ und „Vergangenheit“ überschrieben. In den Kapiteln „Vergangenheit“ arbeitet Uta Ruge die historische Entwicklung des Bauernstandes auf und weist immer wieder auf das – meist romantisierte – Bild des Lebens auf dem Lande in Literatur und Malerei hin. Diese Kapitel allein würden locker ein ganzes Buch füllen.

Authentizität ist Uta Ruge ganz wichtig. Deshalb fährt sie, die inzwischen das Landleben hinter sich gelassen hat und in der Großstadt lebt, immer wieder zu ihrem Bruder, um ihm, zu seinem Ärger, bei der Arbeit zuzusehen und Fragen zu stellen. Dabei entdeckt sie die Unvereinbarkeiten der Denkweisen: Ihrem Bruder geht es nicht um Naturschutz und Ökologie, er will nur den Lebensunterhalt gesichert wissen. Und das sei – so Waldemar – durch diverse EU- und Naturschutzbestimmungen, sowie durch Preisdumping des internationalen Marktes immer schwieriger. Während die Städter von artgerechter Viehhaltung, von handgemolkenen glücklichen Kühen schwärmen, muss Waldemar immer mehr in Technik und Düngemittel investieren, um überhaupt über die Runden zu kommen. Eine immer wiederkehrender Streitfall sind die Wölfe – für die Bauern gefährliche Tiere, die Städter wollen sie geschützt wissen. Uta Ruge zeigt viele Punkte der Unvereinbarkeit auf.

In den Kapiteln „damals“ schildert sie ihre eigene Kindheit in diesem Dorf. Sie wuchs auf, als der Schulweg noch weit war, es nur eine Klasse gab, der Lehrer mit dem Lineal die Finger der Kinder wund klopfte. Was harte Arbeit auf dem Feld war, das lernten sie schon sehr früh. Erinnerungen an Sommer voller Freiheiten, an Feste, an Nachbarschaftstreffen verklären diese harte Kindheit ein wenig.

Ein überaus interessantes Buch, das gerade Lesern empfohlen sei, die von „naturnahen Landschaften“ schwärmen, gegen Monokultur und Einsatz von chemischen Düngemitteln wettern. Nach der Lektüre ist man als Städter ein wenig vorsichtiger mit den Vorwürfen, die so allgemein und spezifisch gegen Bauern erhoben werden-

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Philipp Hochmair: Stifters Novelle „Der Hagestolz“

Stifter und Bruckner! Die beiden an einem Abend, vereint im Theater Akzent.

Ein ganz anderer Hochmair! – Er schreit nicht, reißt sich nicht das Gewand vom Leib, hüpft nicht – er sitzt einfach und liest.

Dazu spielen die hervorragenden „Oberösterreichischen Salonisten“ Stücke von Anton Bruckner. Auch ein neues Hörerlebnis! So hat man Bruckner noch nie vernommen: frisch, flott, dann wieder still, zart. Peter Gillmayr Violine, Andrej Serkow Bajan (die osteuropäsiche Variante des Akkordeons), Judith Bik Violoncello und Roland Wiesinger Kontrabass zaubern die genau zur jeweiligen Textpassage passende Musik. Da kehren die jungen Männer übermütig von einem Fest zurück, dazu einen Bruckner, der rhythmisch passend heftig und kräftig jung klingt. Dann wieder tropft Schwermut aus den Instrumenten, wenn der alte Oheim auf sein Leben zurückblickt.

Der Zusammenklang zwischen Hochmairs Vortrag und der Musik machte den Abend besonders reizvoll und zu einem intensiven Erlebnis.

Was Philipp Hochmair, der sonst mit Jedermann, Werther und anderen wilden Kalibern aus der Literatur durch die diversen Bühnen tobt, wohl zu dieser stillen Erzählung bewogen haben mag? – Vielleicht, um zu beweisen, dass er es auch anders kann. Und ja – er kann es. Schon die Auswahl der Textstellen bewies, wie sehr er sich mit dieser Novelle vertraut gemacht hat. Fast kommen die Tränen, wenn er den alten Oheim in seiner selbstgewählten Einsamkeit nach der Liebe des Neffen Viktor schreien lässt. Es geht Stifter wie immer um das Thema Liebe. Bitter muss am Schluss der Geschichte der alte Mann erkennen: Zu spät, das Leben kann nicht noch einmal besser gelebt werden. Doch Viktor kann es. Er ist jung. Und hat verstanden, was ihm der einsame Greis auf den Lebensweg mitgeben wollte.

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Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall. Diogenes Verlag

Wer „Muldental“ von der Daniela Krien gelesen hat, fühlt sich in ihrem neuen „Roman“ gleich zu Hause: Wieder schildert sie verschiedene Frauen, die alle eines gemeinsam haben: Sie sind in der DDR aufgewachsen und erleben nun die neue Freiheit. Anhand des Lebens von Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinda stellt die Autorin Lebensmöglichkeiten oder auch -unmöglichkeiten vor. Das Thema der ehemaligen DDR tritt zurück, sie entwirft Prototypen der weiblichen Lebenswege, die noch geprägt sind vom alten Frauenbild, aber schon weit im Aufbruch hin zu einer Zeit der Selbstsändigkeit sind.

Paula hat eigentlich nicht vor, sich so bald zu binden. Doch Ludger hat schon den Plan ihrer gemeinsamen Wohnung in der Tasche. Der Abschied von ihrer Feundin Judith fällt ihr schwer. Bald bewegt sich ihr Leben nur zwischen Babyfläschchen und Windeln. Sie protestiert, sie leben nebeneinander her. Das zweite Kind stirbt, und die Trauer zerstört die Ehe.Ein neuer Partner tritt auf den Plan: Wenzel.

Die Lebensform der ungebundenen Frau gefällt Judith. Anders als Paula genießt sie das Leben, hat ein Reitpferd und verschiedene Sexpartner, die sie im Internet angelt. Ihren Job als Ärztin erledigt sie perfekt, aber ohne Empathie. Auf Frauen, die eine innige Partnerschaft erleben, ist sie neidisch. „Sie braucht einen Mann, obwohl sie ihn früher oder später verachten wird“

In knapper, sehr kühler Sprache arbeitet Daniela Krien fünf verschiedene Frauenfiguren wie Skulpturen aus einem Block heraus. Seite für Seite enthüllt sie Wünsche, Enttäuschungen, Wunden, Hoffnungen, die wahrscheinlich jede Frau erlebt. Durch die exzellente Durchzeichnung der verschiedenen Charaktere kommt nie auch nur ein Hauch von Banalität oder Kitsch auf.

Wie in Schnitzlers „REigen“ verknüpft Daniela Krien die einzelnen ERzählungen zu einem Romangebinde, lässt Figuren für eine Zeit verschwinden, um später sie wieder im neuen Kontext einzufügen .

Ein Buch, das Frauen, aber auch Männern zu denken gibt

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Burgtheater: Calderon: Das Leben ein Traum.

Regie: Martin Kusej

Tun wir einmal so, als wüssten wir nichts über das Stück, das Calderon schrieb. Dann ist man beeindruckt von: der absoluten Düsternis des Bühennbildes (Annette Murschetz), von so manchen Schauspielern, wie etwa Franz Pätzold als Prinz Sigismund. Weniger beeindruckt ist man von der Länge – man hätte gar gern auf den langen Schlussmonolog der Rosaura (J ulia Rieder) verzichtet, zumal er nicht im Ursprungstext steht.

Worum es Kusej geht? – Nicht um das Stück, wie Calderon es schrieb (eine heiter- leicht melancholische Komödie oder Tragikkomödie). Kusej formte es zu einer Dystopie um – wie halt immer, wenn Erziehungstheater angesagt ist. Nur was ist die Meldung? -Dass ein junger Mensch, den man nackt in einen verfallenen Turm sperrt, dann plötzlich zum König gemacht, nicht edel und gut sein wird? – Das wissen wir alle. Dann steckt man ihn vor Schreck über seine Grausamkeit – no na – wieder in den Turm zurück und redet ihm ein, alles war nur ein Traum. Dann holt man ihn wieder raus und hofft, dass er nun geläutert ist. Dieser Sigismund ist nicht geläutert, sondern nur clever: Er hat gelernt, er muss den Gerechten und Weisen spielen, damit er an der Macht bleibt. Dieses Täuschungsmanöver gelingt Franz Pätzold hervorragend. Aber was ist mit dem Vater? Ein Vater, der seinen Sohn im Turm verkommen lassen will, dann ihn herausholt, über ihn richtet, weil er gar so grausam ist? Was soll man da denken? Dieser Vater (Norman Hacker) schwankt zwischen gespielter Güte und Erbärmlichkeit.

Wozu die Rahmenhandlung rund um Rosaura in diesem düsteren Spiel gut sein soll, versteht man nicht. Bei Calderon ist sie Teil der Komödie, hier passt sie irgendwie nicht ganz dazu.

Fazit: Ein interessanter Abend, um eine Stunde zu lang. Er wirft Fragen auf, die unbeantwortet bleiben. Von Calderons Stück ist das alles ziemlich weit entfernt.

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„Die Königin ist tot“ nach dem Roman von Olga Flor

Künstlerische Leitung, Regie: Anna Maria Krassnig. Regiemitarbeit:Jérôme Junod. Bühnenbild: Andreas Lungenschmid, Licht: Lukas Kaltenbeck. Eine Produktion von „wortwiege“

Ort:In einem Tonnengewölbe der Kasematten in Wiener Neustadt. Das Publikum wird durch die wuchtigen Mauern und Gänge auf das Drama eingestimmt.

Bühnenbild: Ein riesiger blauer Mauerbogen umspannt die Szenerie, die an einen vom Wasser überspülten Palast in Vendig erinnert. Stege ermöglichen noch ein mühevolles Weiterkommen. Über eine Treppe gelangt man in eine geheimnisvolle Höhe.

Die Akteurinnen: Drei Frauen (Nina C. Gabriel, Petra Staduan, Isabella Wolf). Sie sehen alle gleich aus, weil sie eine Frau in ihren verschiedenen Charakter- und Entwicklungsstufen darstellen. Sie heißt/heißen Lilly und erinnern in manchen Zügen an die Lady Macbeth aus Shakespeares gleichnamigen Drama.

Die drei Lillys (Foto: Andrea Klem)

Zu Beginn gleich ein Vorgeschmack, wie diese Lilly an die Macht kommt: Als Liftgirl bläst sie dem Medienzar Duncan bei jedem Stockwerk einen Orgasmus. Solch Geschick wird belohnt, er heiratet sie. Wie das so ist, tauscht er sie bald gegen eine Jüngere aus, sie bekommt seinen Stellvertreter. Dann dreht sich die Gewalt- und Intrigenspirale in einem wahrhaft mörderischen Tempo: Mord, Denunziation, Hinrichtungen… alles ist möglich! Bis zur Erschöpfung der Ladies/Lady, die Selbstmord begeht. Auch das Publikum ist erschöpft. Denn dieses Mörderspiel braucht höchste Konzentration. Kurze Absenzen werden sofort bestraft, denn man verliert den inhaltlichen Faden: Wer hat gerade wen umgebracht?

Aber der eigentliche Reiz dieses Spiels liegt in der faszinierenden Inszenierung: Alles dreht sich um Lilly/ die Lillys. Nur ihre Sicht gilt. Die zahlreichen Männer dürfen auch mitreden, aber nur im Off als Fotomontage und als Zitate aus dem Mund der Ladies: „..sagt er“. Olga Flor und die Regisseurin haben durch die drei Lillys einen sezierenden Blick auf die Männerwelt geworfen. Doch zugleich entblösst und denunziert Olga Flor auch das heutige Frauenbild. Mitleidlos reißt sie den Frauen die Maske herunter. Darunter kommt ein berechnender Charakter hervor, dem alle Mittel recht sind, die Männer mit Sex und Intrigen klein zu kriegen. Mit glasklarer, sezierender Sprache und in einem fast archaischen Rhythmus deklinieren die drei Lillys die Begriffe Sex, Verführung, Intrige, Lüge und Mord herunter. Da stehen sie in Nichts den Männern nach.

Eine beeindruckende Leistung. Leider verabschiedet sich die Gruppe „wortwiege“ fürs Erste und kommt erst wieder im Herbst 2021. Dann mit einem neuen Programm, auf das man gespannt sein darf!.

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Heiner Müller: Quartett. Im off-theater.

Regie: Luca Palyi, Bühne und Kostüm: das Team.

Tamara Stern ist den Besuchern des off-Theaters keine Unbekannte. In „Kein Groschen, Brecht“ spielt sie großartig alle Figuren, schlüpft flott von Brecht in all die Frauen, die der große Brecht recht kostengünstig auszunützen verstand.

Blitzschneller Rollenwechsel ist ihre Domäne. Gemeinsam mit Gerald Walsberger spielen die beiden das pikante Vexierspiel um Verführung, Bigotterie und Gesellschaftsintrige. Als Marquise de Merteuil, die Tratsch- und Intrigentante im französischen Rokoko, verleitet sie ihren ehemaligen Liebhaber Vicomte de Valmont, die eben aus der Klosterschule entlassene Nichte Cécile zu verführen. Als Gewinnerpreis für die vollzogene Entjungferung lockt eine Liebesnacht mit ihr. Doch Vermont zieht nur halbherzig mit. Zunächst möchte er endlich die bigotte Madame de Tourvel zur Strecke bringen. Was ihm gelingt, doch danach bringt sich die Gefallene um.

Wie nun die beiden Schauspieler blitzschnell in die Rolle des anderen Geschlechts schlüpfen, ist ein Teil des großen Vergnügens, das den Zusehern bereitet wird. Komik birgt die Tragik einer Gesellschaft in sich, die Sex mit Liebe verwechselt, die Erotik als Spiel um Eroberungen und Niederlagen ansieht. Man lacht über die Entjungferung Céciles, das als Schatten-Handspiel, wie man es mit Kindern übt, eingebettet im schlüpfrig- eindeutig-zweideutigen Text, über die Bühne geht.

Am Ende hat man einen vergnüglichen Abend verbracht, die beiden Schauspieler haben mit Hingabe gespielt, die etwa zehn (!) Zuseher haben begeistert geklatscht, um den Einsatz des Teams zu belohnen. Aber was heißt schon „belohnen“? Einmal mehr kam die prekäre Lage der freien Theaterszene ganz deutlich heraus: Die Schauspieler müssen, wollen spielen, auch wenn nur zehn Leute im Zuschauerraum sitzen. Und wie kann ein kleines Theater wie dieses, wie können die Schauspieler mit einer Minigage überleben? Was tut die Politik? Die hochgelobte Andrea Mayer?

Wir als Zuschauer können nur eines: Ins Theater gehen, trotz Corona!

„Das Quartett“ ist ein Koproduktion von DAS OFF THEATER und *sterne*reißen*

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Wiener Staatsballett in der Volksoper: „hollands meister“

Vier große Choreographen des „Nederlands Dans Theaters“ zeigen Meisterwerke:

Sol León und Paul Lightfoot: Skew-Whiff. Musik Gioachino Rossini: La gazza ladra, Ouvertüre

Hans van Manen: Adagio Hammerklavier. Musik Beethoven: Große Sonate für das Hammerklvier, Adagio

Jiri Kilián: Symphony of psalms. Musik Igor Strawinski: Symphonie de Psaumes

Szene aus „Skew-Whiff“ (Foto: Ashley Taylor)

Skew-Whiff bedeutet laut der beiden Choreographen Kauderwelsch oder „in Schräglage“. Schräg und witzig ist alles: Mimik, Figuren und Bewegungen. Hier wird gekämpft, geworben, geflirtet. Versuche gehen daneben, es darf gelacht werden. Schnelle Schritte, die oft ins Leere gehen, Figuren, die man so bisher nicht gesehen hat, alles ein wenig schief, schrullig. Die Tänzer rollen die Augen, schneiden Grimassen, stoßen unverständliche Laute aus. Alles in allem ein herrlicher Ballettunsinn auf sehr hohem Tanzniveau!

Olga Esina und Robert Gabdullin (Foto: Ashley Taylor)

„Adagio Hammerklavier“Drei Paare tanzen, die Frauen auf Spitze, die Männer mit nacktem Oberkörper. Sie tanzen die klassischen Figuren, Arabesken, pas de deux, alle Formen, die man vom klassischen Ballett kennt. Doch man erlebt kein phrasenhaftes Abtanzen, sondern Leben. Jede Bewegung ist frei von jeglicher Pose, mit Gedanken, Konzentration erfüllt. Die langsame Klaviermusik (live:Shino Takizawa) lässt die Tänzer in einem schwerelosen Raum schweben. Für Olga Esina, die Grande Dame des Balletts, eine Rolle, die ihr in die Seele, ins Gesicht, in den Körper geschrieben ist. Da zeigt sie einmal mehr die hohe Kunst der langsamen Bewegung, der Minimalverzögerung, die mit freiem Auge nicht leicht erkennbar ist. Wenn der Vorhang fällt, erwacht man aus einem Traum der Schwerelosigkeit.

Szene aus der Psalmensymphonie (Foto: Ashley Tylor)

Jiri Kilians Interpretation der Psalmensymphonie könnte ein Mysterienspiel sein, ein Initiationsritus. Der rote Hintergrund aus verschiedenen alten Teppichen (Bühne: William Katz) wandelt sich je nach Licht in eine Felsenmauer.oder in einen Tempel. Vor diesem geheimnisvollen Hintergrund tanzen Frauen zunächst als Bittstellerinnen vor der Mauer der unüberwindbaren Männer, die ihr Urteil fällen. Man denkt an Kafkas Erzählung „Vor dem Gesetz“: Jemand begehrt Eintritt, der Hüter schickt ihn weg, obwohl das Tor immer offen war und jeder durch das Tor hätte gehen können.. Eine Parabel über Macht und Unterwerfung. Aber in Kilians Deutung kommt es am Ende doch anders: Die Frauen triumphieren.

Ein subtil und feinsinnig zusammengestellter Abend, ein großartiges Ensemble, das die fordernden Choreographien mit Bravour meistert.

Das Publikum dankt mit viel Applaus und Bravos!

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Ein Abend mit Andrea Jonasson im Theater „Komödie am Kai“

Ein Benefizabend zu Gunsten des Theaters „Komödie am Kai“

„Ich trage den Smoking von Giorgio Strehler.“ So begann ein interessanter und berührender Abend. Ein Gespräch, zu dem die Schauspielerin gleichsam in ihr Wohnzimmer einlud. Im Mittelpunkt Erinnerungen an Giorgio Strehler, dem Theatergiganten und Ehemann. „Er fehlt mir sehr“, gesteht sie. In den Erinnerungen, die sie dem Publikum an diesem Abend schenkt, wird er lebendig. Bringt ihr Italienisch bei, quält sie mit Details, die aber ungeheuer wichtig sind. Lässt sie Sätze hundert Mal üben. Selbst Jahre nach seinem Tod spürt man die Verbundenheit dieser beiden Theatermenschen.

„Wie erklärt man ein Genie?“ fragt Andrea Jonasson. Sie versucht es. Giorgio Strehler, der Magier: Mit wenigen Effekten und einfachen Mitteln zaubert er das Licht und die Wellen Venedigs auf die Bühne. „Ich hatte großes Vertrauen in ihn. Ich wusste gar nicht, dass ich so gut bin“, sagt sie hörbar bewegt. Strehler war es, der sie immer und immer wieder auf die Bühne stellte und mahnte, sie dürfe nie das Theater verlassen. „Und nun habe ich nichts, keinen Theatervertrag“, gesteht sie mit berührender Offenheit. Wahrscheinlich fragen sich alle im Publikum, warum der Direktor des Theaters in der Josefstadt sie nicht beschäftigt.

Zwischen den Erinnerungen an Giorgio Strehler liest sie Gedichte von Heinrich Heine, Bert Brecht und aus den „Alten Meistern“.

Ein Abend, an dem eine große Schauspielerin unerwartet offen über ihre große Liebe und Bewunderung für Giorgio Strehler spricht und Kostproben ihrer Interpretationskunst dem Publikum schenkte.

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Festspielhaus St.Pölten eröffnet mit „Das Dschungelbuch“ nach Kiepling. Eine Produktion von Théâtre de la Ville-Paris

In englischer und französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Regie, Bühne und Licht: Robert Wilson. Musik und Liedtexte: CocoRose

Was für ein heiterer, unbeschwerter Auftakt nach der langen Corona bedingten Schließung! Robert Wilson hat sich eine zarte Mischung aus Musical und Zirkus ausgedacht. Wie immer arbeitet er mit zauberhaften Lichteffekten. Wie ein Märchen aus der unschuldigen Zeit, als Tiere noch friedvoll und Menschen so was von pfui waren, mutet alles an. Erzählt wird von einer Art Märchenelefantentante, Kinderfrau in weißem Nachthemd und riesigen Ohren ( Aurore Deon). Den Mowgli gibt Yuming Hey.Von ihm geht ein besonderer Zauber aus, vielleicht auch weil er an den „Kleinen Prinzen“ von Saint Exupéry erinnert: zart, klein, in einem roten Hemd, die Haare in einzelnen Zipfeln aufgekämmt. ER tanzt mit großen Kinderaugen zwischen den Tieren. Als er zu den Menschen kommt , staunt er über deren Eigenarten, beschließt, sie nicht zu mögen und kehrt flugs in den Dschungel zurück. Ein besonders liebenswerter, tollpatchiger Bär (Francois Pain-Dozene) tanzt und singt sich in die Herzen der Zuschauer hinein. Jede einzelne Figur ist witzig, ironisch. Die Musik flott, die Tanzszenen einfach, die Kostüme von Jacques Reynaud bezaubernd, nicht übertrieben.

Mowgli und der Tiger (Roberto Jean) (Foto: Lucie Jansch)

Insgesamt eine frisch-fröhliche Inszenierung, Gott sei Dank ganz ohne Corona- und sonstige Bezüge. Robert Wilson will einfach nur ein Märchen erzählen. Und das ist ihm exzellent gelungen. Das Publikum dankte mit viel Applaus dem ganzen Ensemble, besonders den bei der Première anwesenden Robert Wilson.

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Maren Gottschalk: Frida. Goldmann Verlag

Maren Gottschalk ist fasziniert von der Malerin Frida Kahlo. Sie fährt zu den Orten, in denen Frida gelebt und gearbeitet hat, und sammelt möglichst viele biografische Details, um daraus die vorliegende Romanbiografie zu gestalten. Geschickt vermischt Maren Gottschalk Faktenwissen mit Fiktivem, ohne aber in gewagte Phantasien abzugleiten. Immer bleibt sie an der Grenzlinie der möglichen Wahrheit. Der Leser vertraut ihr, begleitet mit großem Interesse Frida Kahlo in den Jahren 1938/39 nach New York und Paris, wo sie mit ihren ersten Ausstellungen den internationalen Durchbruch erlebt. Immer wieder flicht Maren Gottschalk Rückblicke ein, so dass auch die mit dem Leben der Malerin unvertrauten Leser bestens informiert werden.

Mit ihrer hohen Sprachsensibilität macht es Maren Gottschalk möglich, den künstlerischen Schöpfungsprozess der Malerin erlebbar und verstehbar zu machen. Es gelingt ihr, Bilder während des Entstehungsprozesses zu interpretieren. Quasi eine innere Sprachkamera im Kopf der Malerin. Eine hohe Kunst, die nur wenige Autoren beherrschen.( Etwa auch Margret Greiner in der Romanbiografie über die jüdische Malerin Charlotte Salomon)

New York 1938: Das Leben brodelt, Künstler, Traumtänzer, Reiche und Lebenskünstler bevölkern die Szene. Frida Kahlo mitten drin. Eingesponnen auch in eine intensive Liebesgeschichte mit dem Fotografen Nickolas Muray. Selten noch war man als Leser so mitten im Geschehen einer Gesellschaft, die sich amüsiert und nur wenig an die drohende Gefahr des Weltkrieges denkt. Anders dann in Paris. Frida Kahlo sieht das Elend all derer, die vor Hitler flüchten mussten. Obwohl sie von der Kunstszene anerkannt wird, sie Picasso, Kandinsky und die Gruppe vum André Breton kennenlernt, bleibt sie distanziert. Sie kehrt nach Mexiko zurück, wo sie sich entscheiden muss, mit wem sie leben will. Weiter mir ihrem Ex-Mann Diego Rivera oder mit Nickolas Muray.

Maren Gottschalk gelingt es, ein lebendiges Bild der Kunstszene dieser Jahre zu entwerfen, immer durch die Gedanken Fridas gefiltert. „Frida“ ist ein Buch, das einem nicht loslässt. Man wünscht sich, dass es nicht enden möge. Weil man von der Hauptfigur bezaubert, eingefangen ist. Während und nach der Lektüre entstehen seltsame Dinge in der Leserin, in mir: Ich gewinne wieder Mut zur Farbe, lege die langweilig eleganten Kleider ganz hinten in den Schrank. Wühle im Modeschmuck, kombiniere gewagte Farben – kurz, eine starke Lebensfreude erfüllt mich. Ja, ich weiß, so etwas schreibt man nicht in einer „professionellen“ Kritik. Wer aber bestimmt das und warum soll man nur das Erwartete tun, schreiben, denken? Das hat Frida nie getan.

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Elisabeth Joe Harriet eröffnet die 3. Saison der „Konversationen im Herrenhof“: Olga Schnitzler konversiert mit Karl Kraus.

Durch die weit geöffneten Fenster des Salons im „Café Herrenhof“ strömt milde Spätsommerluft. Fiaker ziehen vorbei, ihr Hufgeklapper ist die Musik, die zu diesem Nachmittag passt: Olga Schnitzler (Elisabeth-Joe Harriet) plaudert mit Karl Kraus (Kurt Hexmann). Man könnte meinen, in die Zeit nach 1900 rückversetzt worden zu sein.

Olga im Midikostüm aus der Zeit, die Haare zu einem strengen Knoten im Nacken gefasst, Karl Kraus im eleganten dunklen Anzug mit Fliege, Nickelbrille und strengem Lächeln – so schreiten sie Arm in Arm vor zum Podium. Und dann beginnt ein Feuerwerk an geistreichen Gesprächen – wehmütig fragt man sich: Wo sind so spritzige Dialoge heute noch zu erlerben? Hat uns die Digitalisierung das analoge Denken im Sprachzentrum zerstört. Man lehnt sich zurück und genießt das Salongeplauder.

Olga Schnitzler ist eine versierte Gesprächspartnerin, steht ihrem sprachgewaltigen Gast an Wissen und Witz um Nichts nach. Wie um ihren Gast gesprächslocker aufzuwärmen, fragt sie ihn über seine Kindheit in dem Städtchen Giltschin in Böhmen und seine Jugend in Wien aus. Über die Professoren wird ein wenig gelästert, und Kraus/Hexmann liefert eine gelungene Parodie seines Geographieprofessors.

Schnell ist man bei den Feindbildern: Hermann Bahr, den er so gar nicht mochte, qualifiziert er als zu wankelmütig ab. Der wechselte seiner Meinung nach Haltungen und politische Richtungen wie das berühmte Hemd. Für die „Neue Freie Presse“ im speziellen und die Medien im Allgemeinen hat er nur Verachtung. Er nennt sie neue feile Presse. Seinen Kampf gegen Dummheit und Korruption lebte er bekanntlich in der „Fackel“ gründlich aus.

Olga Schnitzler, kluge Schmeichlerin, möchte mehr über den Privatmenschen Karl Kraus erfahren. Geschickt entlockt sie ihm die intimsten Gedanken über die Liebe. Ganz verschwärmt erinnert sich Karl Kraus an seine große Liebe, die Schauspielerin Annie Kalmar. Sie starb sehr jung an Krebs in Hamburg. Er besorgte das Begräbnis und pflegte ihr Grab.

Diskretion war Karl Kraus wichtig. Dass von seiner Wohnung in der Lothringerstraße Fotos existieren, empört ihn über den Tod hinaus. Sie war sein Rückzugsort, wohin nicht einmal die besten Freunde eingeladen wurden. Er hatte nur wenige Freunde, denen er aber ein Leben lang die Treue hielt. Ob Arthur Schnitzler dazu gehörte? Wohl kaum. Sonst würde er ihm nicht „sexuelles Tirolertum“ vorwerfen. Olga lächelt dazu, wissend und gequält.

Karl Kraus war auch ein ahnungsvoller Prophet. Sehr früh schon erkannte er, dass die Menschheit die Natur gierig ausbeutet und dabei sich selbst am meisten schadet. So endet er die Konversation mit den bitteren Worten: „Seitdem sich die Menschheit mit einem Propeller verbindet, geht es mit der Natur abwärts!“

Diese geistreiche Konversation sollte man nicht versäumen! Wie immer werden in der Pause im Café Herrenhof Tee, Kaffee, Kirschlikör und die Steigenberger Herrenhoftorte serviert. Die nächsten Termine im Steigenberger Hotel Herrenhof : 20., 27. September, 1. 15. 29. November jerweils um 15h.

Karten nur im Vorverkauf unter: 0676/ 899 68 050 oder sylviareisinger@aon.at

Informationen über das gesamte Programm von Elisabeth-Joe Harriet:

http://www.elisabeth-joe-harriet.com

Dürrenmatt nach Shakespeare: König Johann

Künstlerische Leitung und Regie: Anna Maria Krassnigg

Das Ensemble „wortwiege“ ist vom Thalhof in die Kasematten nach Wr. Neustadt umgezogen. Dort weiß es die Gemäuer und die Atmosphäre dieses ehemaligen Waffenlagers aus dem Mittelalter ausgezeichnet zu nützen: Mit einem fantasievollen Bühnenbild (Andreas Lungenschmid), einer raffinierten Lichtregie (Lukas Kaltenbäck) und einer zum jeweiligen Geschehen punktgenau passenden Musik (Christian Mair) wird das Publikum vom Anfang an gefesselt.

Die Geschichte um diesen Johann (1167-1216), der auch oft „Johann ohne Land“ tituliert wird, ist ziemlich verworren. Kurz zusammengefasst: König Johann lässt sich in Verhandlungen mit König Phlipp ( sehr überzeugend:Jens Ole Schmieder) ein, um Teile seiner Erbländer in Frankreich zurückzubekommen. Beide schließen Verträge, die sie nicht halten, gehen Bündnisse ein, die sie gleich wieder brechen. Es mischt natürlich auch die Kirche mit, belegt zuerst König Johann mit dem Kirchenbann, gleich darauf König Philipp. Am Ende stehen beide vor den Trümmern ihrer Machtgier, haben Tausende von Menschen geopfert und nichts an Vernunft gewonnen.

Ein hoch motiviertes Ensemble macht dieses schwierige Stück zum faszinierenden Erlebnis. Allen voran Horst Schily. Er gibt diesem König Johann einen vielschichtigen, keinesfalls einschienig bösen Charakter. Mal ist er fies, dann wieder kindisch, gleich darauf ein Wüterich. Wenn er so ganz langsam seine Augen schweifen lässt, dann kann man nicht erahnen, was in ihm vorgeht. Manchmal ist er ein armseliger Tropf, dann ein hinterhältiger Machtmensch, gleich darauf weinerlich. Nie brüllt er, eher ist seine Stimme verhalten, als wollte er seine geheimsten Gedanken nicht preisgeben. Dürrenmatt hat die Frauenrollen in dem Stück deutlich aufgewertet. Blanka (Petra Staduan) tobt sich als Jungemanze aus. Kaugummikauend und in Halbstiefeln stapft sie über den Steg, weigert sich als Schachfigur im Machtspiel der Männer missbraucht zu werden, lässt den von ihr gewünschten Ehemann, den sie aber aus politischen Gründen nicht bekommt, von Knechten auspeitschen,weil er (Niko Lukic )sich nicht für sie eingesetzt hat. Frauenemanzigpation mit einem Schuss Ironie! Herrlich überzeichnet auch die Rolle des Kardinals, der im Namen des Papstes den Bann ausspricht. Isabella Wolf im Conchita Wurst-Look legt in dieser Rolle eine Tanzparodie der Sonderklasse hin. Und Österreich? – ja, das Land hält sich aus den Intrigen draußen. Nina Gabriel als Herzog Leopold V. von Österreich steht im Hintergrund im Steirerhut mit Geweih und langem Mantel und mampft Äpfel. Er kann zuschauen, wie sich Johann und Philipp gegenseitig vernichten, hat er doch gerade vor kurzem Richard Löwenherz gegen ein hohes Lösegeld frei gegeben. Mit dem Geld baute er Wiener Neustadt als uneinnehmbare Festung auf. (Ein Teil davon sind die Kasematten). Julian Waldner sorgt für Gelächter, wenn er in Blitzeseile von einer Rolle in die andere schlüpft und das aufgeblasene Gehabe der Diplomatie ad absurdum führt.

Ein spannender Abend, den man nicht versäumen sollte. Ein Tipp: Vor der Vorstellung ist es ratsam, sich über die Geschichte dieses Johann schlau zu machen. Denn sonst wird es besonders am Anfang schwierig, dem schnellen Geschehen zu folgen. Noch dazu, wenn die Akustik dieses Raumes nicht die beste ist. Aber – so hört man – die kommenden Vorstellungen sollen in einem anderen Saal mit besserer Akustik gespielt werden.

Termine und Infos:

http://www.wortwiege.at

Klaus Maria Brandauer liest Heinrich Heine. Burgtheater

Man hätte in der Programmankündigung schreiben sollen: Brandauer liest politische Texte von Heinrich Heine. Vielleicht wäre man nicht so enttäuscht gewesen, weil man vorbereitet gewesen wäre. So aber machte sich bald eine gepflegte Langeweile breit. Denn Brandauer las mit „epischer Gleichmut“, was eine nette Umschreibung für „monoton“ ist. Und das war den Texten nicht gerade zuträglich.

Heinrich Heine verließ 1831 Deutschland, enttäuscht von der Politik und verärgert über die antisemitische Stimmung im Lande. Obwohl er sich als Dichter und scharfsinniger Denker bereits einen Namen gemacht hatte, verließ er seine Heimat mit dem Gefühl, nichts gegen Engstirnigkeit und Judenfeindlichkeit ausrichten zu können. Er siedelte nach Paris, wo er sich ein freies Leben erhoffte. Doch schon 1832 wütete die Cholera in der Stadt. Viele flohen, er blieb, um der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ über das grauenhafte Geschehen zu berichten. Was das Publikum da zu hören bekam, erinnerte ganz und gar an die Coronaepidemie. Nur alles viel grausamer und grauslicher: Zunächst nahm niemand die Krankheit ernst, man amüsierte ich. Als die ersten Toten auf der Straße liegen, begann das Volk zu wüten: Die Cholera machte den Nachbarn zum Feind, den Freund zum Superspreader, den man vorsichtshalber gleich umbrachte. Es hieß: Töte oder stirb selbst. Heine beschreibt die Berge von Leichensäcken, und vor dem geistigen Auge der Zuhörer tauchen die Bilder aus Bergamo auf. Da wie damals Fakes? Was Brandauer zu diesem Text bewog? Wollte er uns vor Augen, besser Ohren führen, wie weit die Menschen in einer Epidemie gehen und in Todesgefahr die Menschenwürde treten und ab wann der brave Bürger zum Vernaderer oder gar zum Mörder wird? In den restlichen Texten bekundete Heinrich Heine seine Begeisterung für die Revolution und für Napoleon, den er allerdings nie kennen gelernt hatte. Eigenartig seine (spöttische?) Einstellung zur Guillotine: Da hörte man doch tatsächlich so etwas wie Bewunderung für diese Maschine heraus, die König Luwig XVI. einen raschen Tod bescherte. Sinngemäß meinte Heine: Der König durfte froh sein, dass ihm ein langsamer, qualvoller Tod erspart blieb.

Der Versuch, Heinrich Heine als Begründer des Feuilletons zu präsentieren, war gut gemeint, aber mißlang. Ganz einfach, weil diese schwierigen Texte nicht für das Hören, sóndern für das Lesen geschrieben wurden- Warum Brandauer nur die düstere Seite Heines aufzeigte?. Sicher, man bewunderte Heine als scharfsinnigen Denker, Analytiker der Situation und erfuhr, dass auch er nicht von zeitbedingten Irrtümern und Fehlurteilen frei war. – Eben das Schicksal eines jeden Journalisten oder politisch denkenden Menschen. Aber wo blieb der Dichter mit dem feinen Humor, der spitzen Feder, der mit einem Lächeln die bourgeoise Gesellschaft vorführte?

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Puccini: Madama Butterfly. Wiener Staatsoper. 10.09.2020

Inszenierung: Anthony Minghella, bearbeitet von seiner Witwe Carolyn Choa. Dirigent: Philippe Jordan

Auch wenn es nicht die Première war, man spürte die flirrende Erregung in sich und die der anderen. Die erste Oper seit vielen Monaten! Corona hin oder her: Man wollte ein Fest erleben! Und das war es auf jeden Fall. Obwohl mit einigen Einschränkungen.

Alles wartete gespannt auf Asmik Grigorian. Man erwartete viel, allzu viel. Wie das oft passiert.Seit ihrer Salomerolle in Salzburg wird sie als die neue Sopranistin unserer Tage gefeiert, und man legt von vornherein einen zu hohen Maßstab an. Ihre gläserne Stimme hatte nichts Sanftes. War sie Butterfly? Dem Äußeren nach ja, aber genauer hinschauen sollte man nicht: Das war keine 15-jährige Geisha, die im romantischen Taumel der Liebe ihre Heirat mit dem Amerikaner erlebt. Eher schon eine reife Frau, die sich mit einigem Vorbehalt auf diese Ehe einlässt, klug schon vorher zum Katholizismus übergetreten ist. Erst im 2. Teil, also 3 Jahre älter, stimmt ihre Darstellung eher. Sie weiß, dass sie vergeblich hofft. Doch: Ihr Schicksal berührt nicht. Trotz des ungeheuren Aufwandes (gespiegeltes Bühnenbild von Michael Levine). Sie erdolcht sich spektakulär mitten auf der Bühne. Das war es. Wahrscheinlich bin ich ungerecht, aber ich bringe die hervorragende Darbietung von Kristina Opolais nicht aus meinem Kopf.

Freddie de Tommaso war ein starrer, ziemlich fieser Pinkerton. Das passt. Dass er kein großer Schauspieler ist, merkte man sofort. Er steht breitbeinig an der Bühnenrampe und singt tapfer gegen das Orchester an. Die spielen unter der Leitung von Philippe Jordan in voller Wucht. Selbst die stimmgewaltige Grigorian hat manchmal Mühe, über das Orchester drüber zu kommen. Vielleicht wird Jordan sich im Laufe der Zeit noch etwas mehr auf die Sänger einstellen. Man darf hoffen.

Überzeugend waren Boris Pinkhasovich als Konsul Sharpless und Virginie Verrez als Dienerin.

Begeisterter, kurzer Applaus. Trotz Corona viele Bravorufe.

Die viel gerühmte Inszenierung sah man ja schon im Kino in einer METübertragung. Da war sie um einiges weniger bombastisch und weniger kitschbeladen. Zu viel des Guten ist bald einmal unerträglich.

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Günther Neumann: Über allem und nichts. Residenz Verlag

Gerade zu dem Zeitpunkt, als man eindringlich vor der Gefahr des Massentourismus warnte und als akkurat dann die Coronakrise das Reisen unmöglich machte, erschien dieses Buch. Neumann weiß, was es heißt, seine Zeit zu „verfliegen“. Im Auftrag von EU und NGOs flog er quer durch die Welt, und vielleicht steckt hinter dem Buch die Erkenntnis: Fliegen, Reisen ist Flucht. Vor sich selbst, vor dem Denken.

Clara hatte einen Traum: Flugkapitänin zu werden. Doch der Weg ist mit Mühen gepflastert. Eifrig und ehrgeizig nimmt sie als Flugbegleiterin jeden Flug an, rast durch die Welt, nur um ihrem Ziel näher zu kommen. Als sie das Patent hat, geht die Fluggesellschaft pleite. Und ihr Privatleben auch.

Als das Buch fertig geschrieben war, wurde es von der Realität überholt: Flüge sind eingeschränkt, einige Airlines kämpfen gegen die Insolvenz an. Einige versuchen, auf dem Rücken ihrer Mitarbeiter zu retten, was nicht zu retten ist. Und fliegen ist überhaupt out. Reisen auch. Grenzen werden dicht gemacht.

Nun könnte man meinen, Neumanns Roman ist „der“ Roman der Coronakrise – weit gefehlt. Denn leider reduziert Neumann die globalen Probleme des Reisens in dieser überhitzten Welt auf die privaten Probleme seiner Hauptfigur. Und dem Leser wird es bald egal, ob sie sich für Matthias oder Gabrio entscheidet. Zu oft lässt der Autor seine Protagonistin zwischen Menschen, Orten und Zeiten switchen, bis der Leser ermüdet das Buch sinken lässt.

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Daniela Krien: Muldental. Diogenes Verlag

Die Erzählungen über Menschen, denen nach der Wende 1989 der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, haben nicht allen westdeutschen Kritikern gefallen. Manche Wessis beklagen Vorurteile, Klischees, deren sich die Autorin bedient: HIer die bösen Wessis, dort die armen Ossis.

Als Österreicherin sehe ich diese ERzählungen von außen, unbeteiligter. Was nicht heißen soll, dass mich die geschilderten Schicksale nicht berühren. In ihrer schlichten, geradlinigen Erzählweise, die manchmal unbeteiligt, trocken wirkt, hat die Autorin den richtigen Stil getroffen, mit dem sie sich dem Vorwurf der Larmoyanz und Parteilichkeit entzieht. Ich lese die Erzählungen als Dokumente von Schicksalen, die einander überall in der WElt ähneln, wo Menschen plötzlich durch einen Regime- oder Machtwechsel vor dem Nichts stehen.

Daniela Krien erzählt wahre Geschichten, wie sie selbst im Vorwort sagt. Ausgeschnitten aus Zeitungen. Aber durch ihre direkte und unverstellte Erzählweise bekommen sie etwas Allgemeingültiges.

Sie erzählt über die Frau, die von der Stasi zur Bespitzelung gezwungen wird. Sie tut es, um für ihren Mann die nötigen Medikamente zu bekommen. Marie und Mattis rächen sich an den Wessis, zerstören Autos, provozieren, weil die Wessis sie überheblich behandeln und dafür noch Dankbarkeit verlangen. Die stärkste Erzählung ist wohl „Plan B“. Den hecken Betti und Maren aus: Sie werden Geheimprostituierte. Das Geld brauchen sie für ihre Kinder und das Alltagsleben. Die Erfahrungen dieser beiden im Geschäft Unerfahrenen schildert Daniela Krien mit dem nötigen Schuss Humor.

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Rebecca Makkai: Die Optimisten. Eisele Verlag

Aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell

Ein Roman in zwei Handlungs- und Zeitebenen: Chicago 1985 und Paris 2015. Es ist auffallend, wie oft Autoren durch Zeitensprünge und Ortssprünge den Handlungsverlauf „zerschneiden“. Das macht das Lesen oft zur Tortur: Kaum hat man sich in die Personen und Szenerie eines Stranges eingelesen, wird man rausgeworfen und darf sich neu orientieren. Dieser Mode bedient sich auch Rebecca Makkai und zerstört, besser verstört den Lesefluss und die Freude am Weiterlesen. Schade, denn das Thema trifft den Nerv der Zeit: War es in den 1980er Jahren Aids, das die Menschen in Angst und Schrecken versetzte, so ist es heute Corona. Man wusste nichts von der Krankheit, hatte Sex nach Lust und Laune, oft mit Gleichgeschlechtlichen. Es scheint, als ob die ganze Künstlerszene Chicagos damals nur aus Homosexuellen bestand, glaubt man der Geschichte.

Hauptpersonen sind Yale, der für eine Galerie arbeitet und an einer Sammlung von Bildern aus der Zeit der Jahrhudertwende interessiert ist. Die junge Fiona hilft ihm. Einige Jahrzehnte später ist Fiona 50 Jahre alt, fliegt nach Paris, um ihre verschwundene Tochter zu suchen. Stilstisch gekonnt charakterisiert Rebecca Makkai die jeweiligen Gesellschaftsschichten. Alle verbindet der optimistische Glaube, dass die Zukunft besser und Aids keinen Schrecken mehr haben wird.

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Giulia Caminito: Ein Tag wird kommen. Wagenbach Verlag

Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner

In Serra Conti, einem Dorf in den Marken, leben Bauern ein hartes Leben. Die Hälfte der Ernte müsssen sie an den padrone abliefern, ein Drittel an die Kirche. Was bleibt, geht meist für Reparaturen an den Werkzeugen auf. (Die Mezzadria/ Halbpacht wurde in Italien teilweise 1954 abgeschafft, per legem erst 1984) In der Familie des Bäckers Ceresa herrscht Armut und Sprachlosigkeit. Das Brüderpaar Lupo und Nicola und der gezähmte Wolf Cane sind unzertrennlich. Lupo ist wild und unzähmbar, zugleich aber seinem jüngeren, körperlich schwachen Bruder in zärtlicher Fürsorge verbunden. Nella ist die wilde Schwester, die vom Priester des Dorfes vergewaltigt und ins KLoster gesteckt wird.

Der Erste Weltkrieg wirft seine Schatten voraus, die ersten Männer werden einberufen. Bald wird es kaum mehr arbeitskräftige Männer im Dorf geben. Lupo lässt sich von Nicola ins Bein schießen, um nicht einrücken zu müssen. Sein Kampf ist der Widerstand auf der Straße, die Rebellion gegen Kirche, Adelige und König. Doch Nicola muss in den Krieg, erlebt alle Gräuel und überlebt sie. Als er ins Dorf zurückkehrt, hat die Spanische Grippe das Dorf fest im Griff. Lupo ist fort. Nun pflegt der vom Krieg schwer gezeichnete Nicola seine sterbende Mutter und begräbt sie. Sein einziger Gedanke ist sein Bruder Lupo. Als er erfährt, dass er mit einer Gruppe Anarchisten nach Amerika gehen wird, bleibt er tief enttäuscht zurück. Doch statt nach Amerika kehrt Lupo nach Serra zurück, erfährt, dass die Nonne Nella seine Mutter ist. Eine Annäherung der beiden ungleichen Brüder, die eigentlich keine sind, findet nur zögernd statt.

Interessant ist der Nebenschauplatz: Hoch über dem Dorf liegt das Kloster, für die Dorfbewohner ein Hort des Trostes. Die „schwarze Äbtissin“, die als Kind aus ihrem Dorf im Sudan geraubt und als Sklavin nach Italien verkauft wurde, hält Nonnen und Dorfbewohnr unter ihrer strengen Führung. Welche Wege sie in das Kloster führten, erzählt Giulia Caminito nicht. Ein ganz ähnliches Schicksal schildert Véronique Olmi in der Romanbiografie „Bakhita“, die auf Tatsachen beruht. Ob da wohl ein und diesselbe Person gemeint ist?

Giulia Caminitos Sprache ist ebenso spröde und hart, wie das Schicksal der Menschen in Serra. Unbarmherzig geißelt sie die Oberschicht, die korrupten Politiker, die Kirchenfürsten und andere Fürsten. Ihre Sympathie gilt den Kämpfern, die in der Anarchie die einzige Lösung sehen. Das Buch ist ein Andenken an ihren Großvater Nicola Ugolino, Anarchist aus Serra, der nach der Spanischen Grippe das Dorf verließ. Die Kämpfe der Anarchisten, die Not der Bauern, all das basiere auf Fakten, betont die Autorin im Nachwort. Ein Roman, der das Elend der Menschen in den Bergdörfern Italiens um und nach der Jahrhundertwende schonungslos aufzeigt. Die Autorin macht es dem Leser nicht leicht, der Spröde der Sprachbilder zu folgen. Ungewöhnliche, sprunghafte Übergänge verlangen Konzentration. Doch das ist der Roman allemal wert.

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Pascal Mercier: Perlmanns Schweigen. Roman. btb-Verlag

Man muss schon Sprachwissenschaftler, Literaturdozent, Germanist sein und Zweifel an dem eigenen Metier, an den literarischen Werken an sich haben, um für dieses Romankonvolut von 639 Seiten die nötige Zeit und Geduld aufzubringen. Wie viele „Romane“ haben schon den Zweifel am Schreiben, die Schwierigkeiten und Hemmnisse des Schreibens an sich thematisiert! All zu viele! Gott sei Dank hat Pascal Mercier dann doch seine philosophischen Schreibtiraden gegen die Zunft der Schreiber, Übersetzer und Literaten aller Art überwunden und Romane, die den Titel verdienen, geschrieben. Wie etwa: „Nachtzug nach Lissabon“ und „Der Klavierstimmer“.

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Marco Bolzano: Ich bleibe hier. Roman. Diogenes Verlag

Aus dem Italienischen von Maja Pflug

Wenn Fiktion auf harter Realität aufbaut, dann entsteht ein Roman von großer Dichte und Überzeugungskraft, wie der von Marco Bolzano: „Ich bleibe hier.“

Autofahrer, die den Reschenpass (an der österreichisch-italienischen Grenze) überqueren, blicken verwirrt und betroffen auf das Bild, das sich vor ihnen ausbreitet: Mitten im See ragt wie ein mahnender Zeigefinger ein Kirchturm empor. Vielleicht denken einige sofort an den Assuan-Staudamm und die Dörfer der Nubier, die alle dem Wasser weichen mussten. Und so war es auch am Reschenpass: Das uralte Bauerndorf Graun wurde 1950 total überflutet. Nur der Kirchturm blieb bestehen. Er wirkt wie ein Zeigefinger, der mahnt, dass solch ein brutales Vorgehen gegen Menschen nicht mehr vorkommen soll(te). Aber Wirtschaft und Macht sind immer stärker als der „kleine Mann“ in seinem kleinen Haus. So geschehen diese „Umsiedelungen“, wie das neutrale Wort für diese Brutalität heißt, immer wieder, zum Beispiel in der Türkei, in China und anderswo.

Marco Bolzano gab den Bewohnern eine Stimme. Er geht in seinem Roman bis auf die 1930er Jahre zurück, als Südtirol „italianisiert“ wurde: Die deutsche Sprache wurde verboten. Die Bewohner sollten möglichst nach Deutschland abwandern,um den Italieniern Platz zu machen. Manche nahmen an und zogen in eine ungewisse Zukunft, manche blieben. Der Riss ging mitten durch Familien oder Freunde.

Trina und ihr Mann Erich entscheiden sich zu bleiben, ihre Tochter reist klammheimlich ab nach Deutschland. Trina darf nicht mehr Deutsch unterrichten. Immer mehr Verbote machen ihnen das Leben schwer. Der Sohn wird dann auch noch Hitleranhänger. Und der Staudamm wird gebaut und gebaut. Sie bleiben, bis sie eines Tages aufwachen und die Häuser des Dorfes überflutet sind, die Tiere hilflos im Wasser treiben. Entschädigung haben sie keine bekommen. Erich stirbt an Erschöpfung – der sinnlose Kampf gegen die Mächtigen hat ihn bis in den Tod geschwächt.

Ironie des Schicksals: Der Staudamm liefert zu wenig Strom. Es muss von den französischen Atomkraftwerken dazu gekauft werden. Manchmal geht Trina an den Ufern des Staudammes spazieren und sieht Touristen, die den See und den Kirchturm fotografieren, ohne eine Ahnung von dem Drama zu haben. Alles wirkt unwirklich und zugleich normal.

Die soliden Recherchen liefern die Basis für beide Romane, ohne dass sie jedoch im Erzählfluss spürbar werden. Bolzano arbeitet sie geschickt ein, ohne den Leser damit zu belasten, dem Geschehen mit Spannung folgt und am Ende viel über das Schicksal Südtirols und der vormals österreichischen Bauern erfahren hat.

Marco Bolzano gehört zu den wichtigsten Autoren Italiens. Mit dem Roman „Das Leben wartet nicht“ (s. Besprechung auf dieser Webseite) gewann er den Premio Campiello. „Ich bleibe hier“ wurde für den Premio Strega nominiert.

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Joseph Lorenz: Traumnovelle von A. Schnitzler. Kultursommer Semmering

Dunkle Wolken ballen sich über dem Südbahnhotel zusammen. Sie werden bald die Schwüle des Tages beenden. Als der schwere Regen auf die Terrasse prasselt und kühle Bergluft in den Saal hereinweht, beginnt Joseph Lorenz das Publikum in die „Traumnovelle“ hineinzuführen. „Es ist Zeit schlafen zu gehen“ – das Thema Schlaf und Traum ist angekündigt.

Fridolin und Albertine kommen von einer Redoute, die einen Hauch von Abenteuer in das Alltagsleben des Ehepaares wehte. Sie erzählen einander von nicht erfüllten erotischen Begegnungen. Die Geständnisse klingen harmlos, wühlen aber in beiden den Wunsch nach Erotik und Sex außerhalb des Ehelebens auf. Fridolin treibt es mitten in der Nacht hinaus aus der Häuslichkeit, auf die Straße. Ihm werden die blasse Marianne, die ihn verzweifelt anbetet, die blutjunge Prostituierte und die verrückte Tochter des Kostümverleihers begegnen. Sie alle könnte er leicht verführen, ganz ohne Anstrengung. Aber er ist ruhelos, will weiter. Bis er durch die Vermittlung des Klavierspielers Nachtigall Zutritt zur geheimnisvollen Villa findet. Ein Nobelclub der ERotik, der Schwüle, lebensgefährliche Begegnungen mit einer geheimnisvollen Frau – zuerst verschleiert, dann nackt… Später dann findet er sich wieder auf der morgengrauen Straße, taumelt heim. Albertine erzählt ihm ihren erotisch aufgeladenen Todestraum, in dem sie ihren Ehemann töten lässt. Ihr Traum als Ahnung, als Rache an den ERotikwünschen ihres Mannes? Wo endet die Kraft des Traumes?

Fridolin fühlt die Kluft, die sich zwischen ihnen auftut. Am Morgen geht das Leben in der Scheinnormalität weiter.Doch nichts ist mehr normal. Die geheimnisvolle Frau aus der Villa hat vielleicht Gift genommen – Fridolin taumelt in die Pathologie: Ist sie es?

Schnitzler schreibt über das Verwobensein geheimer Erotikwünsche, die in den Alltag hineinspielen. Manches aus dem Unbewussten steigt an die Oberfläche auf, lässt Realität und Traum eins werden. Lange hat sich der Arzt Schnitzler mit Traumanalyse beschäftigt, die Wirkung der unerfüllten Sehnsüchte auf das Ich analysiert. In der „Traumnovelle“ bleiben Traum, Schlaf und Tagleben ineinander verwoben. Die unerfüllten Wünsche wirken in den Traum hinein, der Traum in den Tag. Albertine lebt ihre Rache im Traum aus. Fridolin erlebt eine Nacht voller Erotikbegegnungen, die unerfüllt bleiben. Beide werden sich in der Ehe immer weiter voneinander entfernen. Trotz des Versprechens, sich immer alles wahrheitsgemäß zu erzählen.

Joseph Lorenz gestaltet die Novelle zu kleinen Dramoletten. Jede Figur bekommt einen Charakter mit Wiedererkennungseffekt, den er mit Tonfall, Pausen, Gesten und Mimik herausarbeitet. Köstlich und komödiantisch ist etwa die Szene mit dem Mädl, das sich Fridolin schüchtern-verschämt als Prostituierte anbietet. In einem zärtlichen Wienerisch zaubert Lorenz ein Mädl vor die Augen des Publikums, das man gern haben muss. Intensiv in Sprache und Gestik schwappt die schwüle Erotik, die Fridolin in der Villa erlebt, in das Publikum. Man ahnt den Geruch von Begehren, Sex und Todesnähe. Man sieht die geheimnicvolle Schöne vor sich, taucht ein in die Tiefe dieser Augen…Das alles kann Lorenz. Denn er wagt das Pathos, die große Geste, die lange Pause zwischen den Worten. Darum sind seine „Lesungen“ keine Lesungen im üblichen Stil, sondern ein Einmann-Theater!!!

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„Romeo und Julia“ in Perchtoldsdorf – Aufführung am 13. August 2020

Regie: Veronika Glatzner, Textbearbeitung und Dramaturgie: Angelika Messner.

Es hat sich ausgezahlt, zu warten. Um 19.30 war es noch immer nicht sicher, ob gespielt werden wird. In der Umgebung tobte ein heftiges Unwetter. Über der Burg brauten sich dunkle Wolken zusammen. Doch mit einiger Verspätung konnte dann doch das Spiel um Hass, Liebe und Tod begonnen werden.

Zunächst das Eingangsbild: Gestalten in weißer Kleidung (Kostüme: Marie Sturminger), manche Männer mit ziemlich dümmlichen Frauenattributen, beginnen aufeinander los zu gehen, fallen um. Tot. Dann erscheint eine starre Fürstin (Marie-Christine Friedrich), die, geschockt über so viele Tote, endlich Frieden zwischen den Capulets und Montegues verlangt. Nach dieser schon sehr schrägen Introduktion beginnt das Spiel, ziemlich vergagt und überinszeniert. Die Amme (ebenfalls M-Ch. Friedrich) ist hysterisch, sexgeil und leicht verblödet. In dieser Rolle zwar exzellent, aber man fragt sich, wozu diese Übertreibungen. Dann die Balkonszene: Valentin Postlmayr hängt als knabenhaft verliebter Romeo auf dem Stahlgerüst und wird von den weißen Segeltuchvorhängen, die der Wind in die Luft und um ihn wirbelt, eingehüllt. (Bühne: Paul Sturminger). Diese ungewollte Komik passt natürlich überhaupt nicht zu der Balkonszene – das Publikum lacht herzlich und beklatscht Romeo, der sich tapfer gegen die Riesenleintücher wehrt. Auch Julia (Lena Kalisch) bewahrt die Contenance und bleibt tapfer am Text.

Inzwischen zischen Blitze über den Himmel über der Burg, passend zu der Kampfszene zwischen dem ewig lästernden und stänkernden Mercutio (Emanuel Fellmer) und Tybalt (Raphael Nicholas). Beide legen eine ziemlich gute Perormance hin, Mercutio schnaubt und wütet wie ein Tier. Leider ist die ganze Szene viel zu lang, wodurch ihr die Schärfe und Brillanz genommen wird.

Nach der Pause (einige Zuschauer haben das Theater verlassen) werden die Szenen dichter und berührender. Tragik und Leid werden spürbar. Die Spannung steigt, obwohl ja jeder im Publikum den Ausgang kennt) Nun verzichtet die Regie auf Gags und setzt ganz auf große Gefühle. Der Selbstmord der beiden – auf einem Podest über dem Bühnenboden- lässt alle allzu komödiantischen Einfälle des ersten Teils vergessen.

Viel Applaus und Bravorufe für das ganze Ensemble.

Es wird noch bis Freitag 4. September gespielt.

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Neil Simon: Sunny Boys im „Schwimmenden Salon“

Ort: Thermalbad Vöslau. Mit dem Komödien-Trio Petra Morzé, Micheal Maertens und Roland Koch.

Es war einer dieser wunderbaren Sommerabende. Die Kulisse des Thermalbades imaginierte Vergangenheit, das Publikum war erwartungsvoll und zahlreich gekommen.

Das Trio durfte sich in Komik, Schrulligkeit und handfestem Klamauk austoben. Maertens als Willy Clark im kniekurzen Bademantel, einer scheußlichen Bermuda, dazu karierte Socken – der Grantler, wie er im Büchl steht. Petra Morzé war in voller Fahrt einmal als Nichte und verzweifelte Managerin ihres Onkels, dann als Krankenschwester im Set. In dieser Szene war sie umwerfend sexy: Im Kurzkleidchen, das gerade über die Popobacken reichte, weißen Halterstrümpfen mit rotem Zierblumen hielt sie Maertens ihr Hinterteil entgegen, der verzückt darauf starren durfte:

Maertens und Morzé . Foto: Katharina Schiffl/Thermalbad Vöslau

Robert Koch als Al Lewis überraschte durch seine schräge Sturheit, mit der er seinen Kumpel attackierte. Die „Poch-Poch- Szene“ gestaltete er zu einem Dauerlacherfolg.

Ein bei szenischen Lesungen immer wiederkehrender Trick wurde natürlich auch wirksam eingesetzt: Man verliert den Textfaden, die Seiten rutschen unter den Tisch und kudernd suchen alle danach. Auch das waren gut eingebaute Lachhits. Vielleicht waren die Texthänger aber gar nicht so gewollt. Denn manchmal klebten die Augen der Schauspieler zu sehr an dem Papier statt am Partner und man hatte das Gefühl, einer Textprobe beizuwohnen.

Für das Vergnügen bedankte sich das Publikum mit viel Applaus und Bravorufen

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Musikalisch eingerahmt von den „Wiener Instrumentalsolisten“

Ein Sommertableau, wie es in den diversen Bücheln von Altenberg bis Schnitzler nachzulesen ist, gibt den Hintergrund des heiteren Abends ab: Durch die hohen Fenster des Waldhofsaales in dem verwunschen schönen „Südbahnhotel“ streift eine milde Abendsonne die Waldrücken. HIe und da glimmt das Türmchen einer verspielten Jahrhundertwendevilla durch die Bäume auf.

Dazu spielen die Wiener Instrumentalsolisten (Karl Eichinger Klavier, Rudolf Gindlhumer Querflöte und Christian Löw Trompete) alles, was zu einer frohen Sommerstimmung passt, angefangen von Piazzolla (das Bandoneon fehlt schmerzlich), über Beethoven, Gulda bis Bolling.

Mit sommerlich launiger Stimme führt Petra Morzé durch den literarischen Gemüsegarten und pflückt Erinnerungen an die Zauberberge rings um die Rax. Da wird geflirtet, von Liebe geredet und so schnell wieder vergessen, wie geschworen. Halt, nein, ein Flirt sollte tiefer gehen: der zwischen Arthur Schnitzler und Olga Waissnix. Pech nur für Schnitzler, dass Olga einen rasend eifersüchtigen Ehemann hatte. So kam es nur zu verliebten Worten und heimlichen Küssen. Was blieb, war Olgas untrüglicher Sinn für gute Literatur. Sie wurde Schnitzlers erste und wichtigste Kritikerin.

Passend zur Zauberstimmung, die durch die Fenster hereinströmt, schließt Petra Morzè mit Rilkes Gedichten an die Schönheit und Süße des Sommers.

Doch halt, noch schließt sie nicht. Den krönenden Abschluss bildet der Text „Sommerepilog“. Schnell errät das Publikum, dass es ihre eigenen Erinnerungen sind. Als sie vor 14 Jahren mit ihren Kindern nach Reichenau fuhr, wo sie die Genia in Schnitzlers „Das weite Land“ genau an diesem Platz vor der Terrasse mit dem Blick hinaus in die Landschaft spielte. „Es war und ist eine Welt hinter der Welt“, resümiert Morzé ein wenig wehmütig.

Joseph Lorenz las im „Theater im Salon“ A. Christies Kurzgeschichte „Das Abenteuer des ägyptischen Grabes“

Fotocredit: Theater im Salon

Schon in ihrer Jugend unternahm Agatha Christie mit der Mutter Reisen in den Nahen Osten. Als sie 1930 den Archäologen Max Mallowan heiratete, vertiefte sie sich immer mehr in dieses Thema. Die Kurzgeschichte „Das Abenteuer des ägyptischen Grabes“ macht den Anfang einer Serie von Erzählungen, die im Orient spielen.

Ganz englischer Gentleman betritt Joseph Lorenz mit zwei Rosen in der Hand die Bühne, begrüßt die Gäste im „very British English“, legt eine Rose unter das Bild der Autorin und verneigt sich als galanter Rosenkavalier vor Maresa Hörbiger, der Initiatorin des „Agatha Christie Festivals“.

Geheimnisvolle Morde geschehen an der Ausgrabungsstätte des Pharao Men-her-Ra. Lady Willard, deren Mann eines der Opfer war, beuftragt Hercule Poirot mit der Aufklärung, was diesem natürlich bravourös gelingt.

Wenn Joseph Lorenz „liest“, dann ist das nie nur eine Lesung, sondern ein Spiel „en miniature“. Es ist pures Vergnügen mitzuerleben, wie er die Figur des Hercule Poirot herausarbeitet: Mit nur leicht französischem Akzent und einigen französischen Floskeln entsteht vor den Augen und Ohren des Publikums der „berühmte“ Poirot. Doch gleich darauf trübt Lorenz mit feiner Ironie den Glanz der Figur, wenn er ihn schwitzend und fluchend auf dem Kamel und zuletzt auf dem Esel durch die Wüste reiten lässt. Am Ende ist Poirot ganz der alte, der seine Leistung nie unter den Scheffel stellt: „Meine kleinen grauen Zellen funktionieren perfekt!“ Doch nicht nur Poirot bekommt durch Lorenz deutliche Facetten des Charakters, auch alle Nebenfiguren. Mühelos erarbeitet er den bewundernden Hastings heraus oder den bösen Arzt, der all diese Morde beging. Auch Lady Willard tritt mit weiblicher Würde auf. Das Publikum dankte mit viel Applaus für dieses spannende akustische „Figurentheater“.

Im ersten Teil las Anu Anjuli Sifkovits eine einleitende Erzählung zu „Mord im Pfarrhaus“.

Wie immer wurden -diesmal direkt im Salon an kleinen Tischen – delikates Fingerfood und Wein und Sekt von Schlumberger serviert.

Das „Agatha Christie Festival“ dauert noch bis 3. September.

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Kultursommer Semmering: Joseph Lorenz liest Schnitzler: Spiel im Morgengrauen

Genau dort, wo Arthur Schnitzler mit vielen anderen Künstlern die „Sommerfrische“ genoss, darf Kunst nach langer Absenz wieder stattfinden: Im verzauberten „Südbahnhotel“ am Semmering.

Joseph Lorenz las „Spiel im Morgengrauen“

Zuvor plauderte Florian Krumpöck, Initiator und Leiter dieses Kultursommers, mit Joseph Lorenz über das Theater heute. Wie sieht er die Theaterästhetik mit den zahlreichen Videoinstallationen und manchmal krampfhaft bemühten Modernisierungen alter Stoffe? „Man kann Stücke zu Tode modernisieren, dann langweilt sich das Publikum“, meinte der erfahrene Schauspieler. Wie wahr und vielen Zuhörern aus der Seele gesprochen! Aber – so Lorenz – nur texttreues Abfeiern ist auch fad. „Leichte Überforderung des Publikums ist notwendig, sonst schläft es ein.“ Gegen Ende des Gespräches kam Joseph Lorenz auf den Unterschied zwischen Autor und Dichter zu sprechen: Dichter wie Schnitzler, Hofmannsthal, Werfel oder Thomas Bernhard sehen tiefer in die menschliche Seele. Psychologische und gesellschaftliche Zusammenhänge werden genial in Literatur gegossen. „Nur solche Werke berühren uns“, meint Joseph Lorenz und bewies die These gleich darauf in seiner Lesung.

In der Novelle „Spiel im Morgengrauen“ geht es Schnitzler einmal mehr um Gesellschaftskritik: Leutnant Wilhelm Kasda trudelt ziellos durchs Leben. Der Waffenrock gibt ihm das Ansehen, das er als Zivilist per se nie genießen würde. Oberflächliche Kameraderie, kurze Affären, die auf ihr Potential als Mitgiftspenderinnen abgeklopft werden, Kartenspiel und Soupers – so sieht sein Alltag aus. Bis er von Willy Bogner, einem ehemaligen Kameraden, dringend um finanzielle Hilfe gebeten wird. Kasda, ein leidenschaftlicher, aber bisher vorsichtiger Spieler, hofft, die Summe im Kartenspiel zu gewinnen, was ihm auch gelingt. Dann aber fasst ihn die Gier, der Rausch. Er kann nicht aufhören. Und am Ende hat er 11.000 Gulden Schulden, die er nie zurückzahlen kann. Aber Spielschulden sind Ehrenschulden. Rettung erhofft er von Leopoldine, der jungen Frau seines Onkels, die er einmal nach einer Liebesnacht mit einem Geldschein zur professionellen Hure degradierte. Nach einer neuerlichen gemeinsamen Nacht legt nun sie ihm 1.000 Gulden als „Lohn“ auf den Tisch und gibt ihm dadurch zu verstehen, wie tief er sie damals verletzt hatte. Weil er die Spielschulden nicht begleichen kann, erschießt sich Wilhelm Kasda, nicht ohne Bogner vorher die 1.000 Gulden zukommen zu lassen.

Joseph Lorenz „temperiert“ den Text: Zu Beginn müssen die Fakten auf den Tisch. Nüchtern, ohne Pathos beschreibt er das Leben Kasdas. Langsam steigert er die Temperatur – bis zum ersten Höhepunkt: Das Kartenspiel gleicht einem Höhenrausch, einem wirren Traum, den Lorenz uns im Höllentempo erleben lässt. Dann fällt die Temperatur wieder ab, alles wird leiser. Bis zur Liebesnacht zwischen Kasda und Leopoldine. Schnitzler macht daraus eine Traumsequenz aus zarten Erinnerungen, jäh unterbrochen vom harten Erwachen in einer aussichtslosen Gegenwart. Gebannt folgt das Publikum bis zum ruhig und pathosfrei vorgetragenen Ende der Tragödie und erlebte einmal mehr den inneren Gleichklang zwischen Dichter und Interpret.

Langer, begeisterter Applaus. Danach konnte man noch ein wenig den Blick von der Terrasse auf die verwunschene Landschaft genießen und durch die verfallene Pracht dieses Jahrhundertwende- Hotels schlendern.

Die nächsten Schnitzler-Lorenz Abende im Südbahnhotel: 22. August „Traumnovelle“, am 23. August: „Spiel im Morgengrauen“.

Das ganze Programm unter:

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Thermalbad Bad Vöslau. Schwimmender Salon 2020: Alma Hasun und Claudius Stolzmann: Arthur Schnitzler:“Fräulein Else“ und „Leutnant Gustl“

Mit Musikbegleitung von Ian Fisher

Was für ein Hochgefühl: Endlich darf Kultur wieder stattfinden! Zwar nicht wie üblich auf der Insel, wie das Foto zeigt, sondern auf der Wiese. Die Sessel im richtigen Abstand zueinander.Angelika Hager: „Dieser Abend erfüllt mich mit zittriger Freude!“ Uns, die Zuschauer auch.

Es wurde keine Lesung im herkömmlichen Sinn. Schon die Grundidee, zwischen den beiden Novellen Schnitzlers ein Art Crossover zu knüpfen, verblüffte, machte aber eines deutlich: Die Frau (Else) wählt den Selbstmord, weil sie sich gesellschaftlich dazu gezwungen sieht, der Mann (Leutnant Gustl) kommt noch einmal davon und feiert sein neu gewonnenes Leben mit Champagner. Die Rolle der Frau sah Schnitzler noch unter dem allgemeinen Diktat der Gesellschaft, die Unterordnung unter die Gegebenheiten verlangte.

Alma Hasun war eine ideale Besetzung für Else: Nervig überdreht bringt sie diesen fein gesponnenen inneren Monolog. Unsicher, abhängig von der Meinung der Gesellschaft, der sie sich als Tochter einer armen Familie, besonders eines Vaters, der Gelder veruntreut hat, unterlegen fühlt. Zugleich aber aufmüpfig, von einem selbstbestimmten Leben träumend, aber eben nur träumend. Die schockierende Forderung Dorsdays weist sie mit Empörung zurück. „Schuft“ schimpft sie ihn, ebenso ihren Vater, der sie in diese Lage brachte. Dazwischen agiert immer wieder Stolzmann als Leutnant Gustl, räsonniert über sein trauriges Schicksal, das ihn zum Selbstmord zwingt. Ein „Ehrentod“, den er aber so gar nicht akzeptieren will. Als er erfährt, das er sich gar nicht erschießen muss, stürzt er sich ins volle Leben, das heißt Champagner und Geliebte. In dieser Szene wird die Idee, beide Figuren einander gegenüber zu stellen, stimmig: Der Mann darf ins Leben gehen, die Frau in den Selbstmord – oder Scheinselbstmord. Die Rollen zwischen Mann und Frau sind damals so festgelegt. Heute?

Schade nur, dass die spannende Szene, in der Else sich im Speisesaal allen Gästen nackt zeigt, irgendwie vergeigt wurde. Man hatte den Eindruck, dass da ein wenig der Text durcheinander geraten ist. Hasun wurstelt eine Weile unter einem Mantel an ihrem Kleid, man fürchtet – manche vielleicht hoffen, sie wird nackt dastehen. (Man sah ja schon einige Aufführungen mit dieser berühmten Nacktszene, die nie peinlich wirkt, sondern sich logisch ergibt.) Jedenfalls scheint die Textur im allgemeinen „Todesgefühl“ aufgeweicht worden zu sein.

Ian Fishers Gesang zur Gitarre gab ein Rätsel auf: Was hatte die Musik mit Schnitzler zu tun? Aber das Publikum nahm sie wohlwollend auf.

Großer Applaus für alle drei Mitwirkenden.

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