Philipp Hochmair in Grafenegg am 28. und 29. Juli 2022

Foto oben: Hochmair rockt Schiller, © Stephan Brückler

Schiller Rave Balladen: feinste deutsche Lyrik meets Elektro-Beats

Am 28. Juli verwandeln Philipp Hochmair und seine Band „Die Elektrohand Gottes“ die bekanntesten Balladen Schillers in ein exzessives Erlebnis. Der Klassiker wird übermalt und befreit.

Hochmair in „Jedermann reloaded“ © Stephan Brückler

Am 29. Juli schlüpft Hochmair in die Rolle des Jedermann und macht ihm zum Rockstar. Gemeinsam mit seiner Band verwandelt er den etwas angestaubten Text Hofmannsthals in ein apokalyptisches Sprech-Konzert.

Karten bei Ö- Ticket und direkt in Grafenegg:

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http://www.grafenegg.com , www.philipphochmair.com

Deutsch von Daniel Kehlmann. Regie Janusz Kica. Bühnenbild und Kostüme: Karin Fritz

38 Personen, die fast alle irgendwie miteinander verwandt sind, in einem Stück verstehbar und unterscheidbar auf die Bühne zu bringen, das ist eine Herkulesaufgabe! Die Janusz Kica manchmal bravourös meistert, in manchen Szenen jedoch scheitert. Gleich in der ersten Szene wurlt es auf der Bühne, alles rennt und redet durcheinander. Whos ist who fragt der Zuschauer. Und das bis zum Schluss des öfteren. Ein großartiges Ensemble – man meint fast die ganze Josefstadt steht auf der Bühne – meistert dank einer klugen Personenregie die schwierige Aufgabe, das Schicksal einer jüdischen Familie in Wien von 1889 bis 1955 zu spielen. Zentrum ist Hermann Merz, Textilfabrikant -souverän gespielt von Herbert Föttinger. Er ist Optimist, sieht nicht die deutlichen Zeichen des Judenhasses, der sich in Wien immer mehr ausbreitet. Die Weltausstellung in Paris 1889 verheißt doch einen wirtschaftlichen Aufschwung für alle, meint er. Dagegen argumentiert sein Schwiegersohn Ludwig Jakobowicz (Ulrich Reinthaller). Er weiß, ahnt, dass es nicht besser, nur schlimmer werden wird. Im ersten Akt kommt alles zur Sprache, was eifrige Besucher des Theaters auch schon in dem Stück „Der Weg ins Freie“ gehört haben: Die Frage nach einem Judenstaat, konvertierte Juden – sind es trotzdem Juden -, Mischehe und Anfeindungen an Universitäten etc. So mancher Zuseher mag daher des öfteren ein déjà-vu-Erlebnis – oder besser : ein déjà – entendu ERlebnis -gehabt haben. Die Kürzung so mancher Dialoge wäre nüt:zlich gewesen! Denn dreieinhalb Stunden sind zu lang. Die Geschichte wird weitererzählt: Der finanzielle Zusamenbruch der Firma während und nach dem 1. Weltkrieg. Ein letztes Auffflammen und Momente der Freude während des Festes der Beschneidung. Die Zeichen des nahen Faschismus wollen nicht wahrgenommen werden. Und dann der Zusammenbruch: Die Familie muss in einem Zimmer zusammengepfercht leben, ohne Heizung und Strom! Der packende Höhepunkt des Stückes ist der Auftritt von Joseph Lorenz als „Zivilist“, der die Familie für die Verschickung in die Leopoldastadt und von dort in die Lager auf eine Liste setzt. Diese Szene lehrt den Zuseher das Gruseln – obwohl schon in vielen Filmen gesehen, in vielen Büchern gelesen -aber so kalt und hautnah herzlos wie Lorenz den Mann spielt, da bleibt einem die Luft weg! Die Geschichte endet um 1955, in der Rosa (Sona MacDonald) als eine der wenigen Überlebenden, lakonisch die Namen der in Aussschwitz ermordeten Familienmitglieder aufzählt. Einige, so erfährt man, haben Selbstmord begangen.

Annerkennender Applaus für die Leistung der Schauspieler und wohl auch für die Stückauswahl.

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Festspielhaus St. Pölten:James Thierrée: Room

James Thierrée macht alles: Kreation, Musik, Bühne, Kostüme, Performance

Der Allroundler James Thierrée wurde 1974 in Lausanne geboren. Er tourte seit seiner Kindheit in der Zirkustruppe seiner Eltern (Jean Baptiste und Victoria Thierrée Chaplin) durch die Welt und gründete 1998 sein eigenes Ensemble. Der eine Großvater – Charly Chaplin – gab ihm die Begabung für Clownerie und Akrobatik, der andere -Eugène O`Neill . die Begabung für Poesie mit.

„Room“ ist wohl eine der verrücktesten Aufführungen, die man in den letzten Jahren im Festspielhaus zu sehen bekam. Wenn man eine Story finden will – was nicht leicht ist – so etwa diese: Thierrée sucht sein eigenes Zimmer, das er in der Kindheit vermisste. Auf der Bühne stehen Wände, Kommoden, Sofas, alles im schäbigen 1900-er Look. Doch der Architekt kann sich noch so bemühen, nie ist Thierrée zufrieden. Immer werden die Wände eingerissen, umgestellt, alles rollt, alles kippt. Chaos ist das beherrschende Element des Abends. Es rollen, turnen, schreien, singen, musizieren rings um Thierrée ausgelassene, aus einer Irrenanstalt frei gelassene Figuren. Thierrée ist der dumme Clown, der sich mit Gegenständen, Menschen, Musikinstrumenten matcht, er ist der kluge, hinterlistige Clown, der die anderen dirigiert. Am besten, man fragt nicht nach dem Sinn, lächelt über manche Lächerlichkeiten. „Alles ist nur bla, bla, bla“, tönt es immer wieder von den Spielern herab auf die Zuschauer. Die Kinder kichern bei manchen Szenen, die Erwachsenen???…????

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Wiener Festwochen – Voreröffnung: Mozart/Castellucci: Requiem

Regie, Bühnenbild, Kostüme: Romeo Castellucci. Raphael Pichon dirigiert das Ensemble“Pygmalion“.

Wieder einmal bewahrheitete sich: Zu hohe Erwartungen sind schlecht, man kann nur enttäuscht werden!. Mit welch Überschwang Medien und die ganze Kulturszene Castellucci als den Regisseur, der gewaltige Bilder über die letzten Dinge kreiert, feiert! Und dann das! Schon die Eingangsszene war an Banalität nicht zu übertreffen: Eine Frau schaut fern, raucht, trinkt, legt sich ins Bett und stirbt. Sicher, der Tod ist nie banal. Und tausend Mal tritt er so wie auf der Bühne gezeigt ein. Doch wie die Szene gezeigt wird, ist peinlich, weil langweilig. Dann kommen die Trauergäste, verhüllen alles mit schwarzen Tüchern, die Leiche wird weggetragen. Was danach über gefühlte zwei Stunden folgt, ist ein Katalog der verschwundenen, ausgestorbenen und zerstörten Tiere, Menschen und Gebäude, jede Abteilung in ordentlicher Schrift an die Wand projeziert, die lateinischen Namen dazu, eins nach dem anderen: Ausgestorben: Tiere, Wälder, Menschen, Völker, Sprachen, Gebäude,etc..Ich komme mir vor wie in einem Radiokolleg von Ö1. Entschuldigung -aber das ist mehr als langweilig.Dazu tanzen der Chor und die Sänger auf der Bühne Volkstänze. Manches Mal wird es tiefsymbolisch: Ein Mädchen wird von oben bis unten mit Farbe angeschüttet, an die Wand geheftet, abgenommen, mit Fell bedeckt und mit Hörnern versehen. Sacre du printemps? Ich war den ganzen Abend mit der Deutung dieser Bild- und Schriftfolgen beschäftigt. Darüber „überhörte“ man gänzlich die Musik. Hin und wieder brachte sie sich lautstark zur Geltung. Ich bin mir bewusst, dass ich mit dieser Meinung/Kritik in der Castelluccicommunity als Banause abgestempelt werde. Aber „da schreib ich nun und kann nicht anders“.

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Martin Sherman: „Rose“ mit Andrea Eckert. Theater im Nestroyhof Hamakom

Regie: Ruth Brauer-Kvam

Auf der fast leeren Bühne sitzt Rose, streicht leicht über den Kopf des hölzernen Schaukelpferdes, faltet ein Blatt Papier zu einem Schiffchen und erzählt ihr Leben. Es wird keine ruhige, gefasste Rückerinnerung, sondern ein wieder erlebter Leidensweg. Das Mädchen Rose wächst in einem jüdischen Dorf irgendwo zwischen Polen und Russland auf. Das Leben ist nicht leicht, aber ruhig. Der Vater vegetiert im Bett, die Mutter schuftet, um die Familie durchzubringen. Dann die Vertreibung. Rose und ihr Bruder finden sich im Warschauer Ghetto wieder.

Mit schlichten Worten erzählt Rose das Grauen dieser Zeit. Die Überfahrt ins ersehnte gelobte Land Palästina gelingt fast, da zwingen die Briten den Kapitän abzudrehen und Fahrt nach Hamburg zu nehmen. Nach vielen Glücks- und Unglücksfällen und nach dem Verlust dreier Ehemänner findet sich Rose in Maiami wieder und führt recht erfolgreich ein Hotel. Ihr Sohn ist nach Israel ausgewandert, heiratet, trennt sich von seiner Frau. Der Enkel tötet in einem Straßenkampf ein kleines Palästinensermädchen. Rose hält für dieses Mädchen Schiv’a (Totenwache), wie sie es schon für so viele geliebte Menschen tat, die sie verloren hat. Betäubt von der Erkenntnis, dass Frieden nicht sein wird.

Das Leben dieser Rose, die es aus einem armen jüdischen Dorf bis nach Amerika verschlägt, könnte auch eine ERzählung von Joseph Roth sein. Vieles erinnert an den Roman „Hiob“. Ähnlich wie Hiob muss Rose die Höhen und Tiefen stellvertretend für das jüdsiche Volk durchleben. Martin Sherman packt die Leiden vierer Generationen in einen eindringlichen Monolog ohne Aussicht auf Versöhnung.

Andrea Eckert gibt der Figur Rose mit unglaublicher Intensität Wahrhaftigkeit. Sie ist für zwei Stunden dieses Mädchen, diese Frau, die für ihre Lieben Totenwache hält, die im Kanalsystem von Warschau dem Konzentrationslager entkommt. Mit feinem Humor und einer ausdauernden Liebesfähigkeit überlebt Rose, überlebt Andrea Eckert. Zwischen der Figur Rose und der Schauspielerin passt nicht einmal ein Blatt Papier.

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Kammerspiele in der Josefstadt: Beau Willimon, The Parisian Woman

Regie: Michael Gampe

Das Bühnenbild (Walter Vogelweider) deutet eine Wohnung, Loft oder Haus im eleganten, nichtssagenden, teuren Allerweltstil an. Washington zur Zeit der Trumpregierung. Alles dreht sich um den Präsidenten, der jedoch persönlich nicht auftritt. Jeder ist irgenwie mit diesem Trumpphänomen beschäftigt: Entweder man schleimt sich ein oder man ist gegen ihn. Eine neutrale Einstellung ist nicht möglich.

Mit einer hochkarätigen Besetzung macht Michael Gampe aus einer seichten Boulevardkomödie einen äußerst vergnüglichen Abend, der gar nicht so oberflächlich ist, wie es zu Beginn scheint. Chloe (Maria Köstlinger) ist ein intelligentes Luder, das im Hintergrund an der Karriere ihres Mannes Tom (Herbert Föttinger) werkt. Dass sie mit Peter (Michael Dangl) ein kurzes Techtelmechtel hat, stört den Ehemann nur peripher. Denn die beiden führen eine „offene Ehe“, in der sie voreinander keine Geheimnisse haben. Den kreuzverliebten Peter serviert Chloe in dem Augenblick ab, als er für die Karriere ihres Mannes nicht dienlich ist. Peter will die Stelle des obersten Bundesrichters. Hat aber nur geringe Chancen. Nun spinnt Chloe ihre Intrige, die fies ist, aber so ist eben Politik: Bestechung, Betrug und Erpressung. Wie Chloe sich an die naive Jeanette heranmacht, bereitet dem Zuschauer pures Vergnügen. Diese Jeanette ist die oberste Chefin der Finanzaufsicht – köstlich stockkonservativ und republikanisch gespielt von Susa Meyer. Ihr wichtigstes Ziel ist neben dem Beruf die Karriere ihrer Tochter Rebecca. Wieder einmal darf Katharina Klar die Rolle der Aufmüpfigen spielen, und das macht sie gut.Dass Chloe dieses junge Ding sich durch Sex gefügig macht und damit die Mutter erpresst – ist wohl ganz fies, aber genial angelegt. Jeanette soll bei Trump für Tom ein gutes Wort einlegen, sonst macht Chloe öffentlich, dass Rebecca lesbisch ist. Der Coup gelingt. Tom wird oberster Richter.

Der Titel ist etwas weit hergeholt: Chloe träumt noch immer von ihren unbeschwerten Jahren in Paris, wo sie im Freieheitsrausch und in der Liebe zu einem Künstler ihr Leben genoss. Deshalb schickt sie Rebecca nach Paris, bevor diese ihre Karriere im politischen Sumpf beginnen soll.

Ein amüsanter Abend, der mit Humor und Zynismus die Welt der Politik durchleuchtet. Für die Zuschauer ein Genuss. Man darf über die Unmoral lachen!!!

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Internationales Figurenfestival im Schuberttheater: Wolkenkuckucksheim XX

Die Puppen haben zur Zeit Hochsaison in Wien. In der Scala wird gerade ein Musical mit Puppen gespielt („Avenue Q“), im Schubertteater haben die Puppen ja eine fixe Basis. Seit 10 Jahren existiert es im Hof eines Gründerzeithauses in der Währingerstraße. Leicht geht man daran vorbei, so bescheiden macht sich das Theater bemerkbar. Es verdient aber viel Aufmerksamkeit, denn hier wird Professionalität kombiniert mit Einfallsreichtum geboten.

Für das Stück „Wolkenkuckucksheim XX“ hat die Resisseurin Martina Gredler die antike Komödie „Die Vögel“ von Aristophanes als Grudlage genommen: Zwei Bürger Athens verlassen die Stadt, sie sind mit der Art, wie die Demokratie geführt wird, nicht zufrieden. Deshalb gründen sie mit den Vögeln einen eigenen Staat, in dem aber alles schief läuft.

Schnaufend kämpfen sich zwei Raupen auf die Bühne. Sie erwägen, Athen zu verlassen und mit den Vögeln einen eigenen Staat zu gründen. Der Hauptvogel ruft alle Brüder der Lüfte zusammen, die Raupe 1 schwingt eine große Rede, lässt sich von allen bewundern. Sie verspricht Barrieren und Zäune, damit die Götter, wenn sie als Sexabenteurer auf die Erde fliegen, Maut zahlen müssen. Kontrolle soll sein, sie bringt Geld!! Alle Vögel jubeln. Doch die Gier der Raupen nach Macht ist zu groß. Sie fressen einen Vogel, werden daraufhin von dem Hauptvogel auf den Spitzen des Zaunes aufgehöngt.

Das wäre so grosso modo der Inhalt. Was man wirklich erlebt, ist subtil, grotesk und aberwitzig. Schon allein das Maul der Raupen, wenn sie ihre Zähne zeigen, die Augen genervt verdrehen, machtgierig gucken – ist ein Schauspiel der Sonderklasse. Die beiden Vögel – einer ein eitler Tänzer – oder auch Tänzerin, wenn man so will -, der andere ein Art Obervogel, der sich von den Raupen übertölpeln lässt, schweben, fliegen, putzen ihr Federkleid in klassischer Vogelmanier.

Durchsichtige Plastikbahnen bilden die Wolken. Oft sind die beiden Puppenspieler Markus-Peter Gössler und Angleo Konzett hinter einer Kiste verborgen, so dass die Puppen obenauf quasi frei von Menschenführung agieren. Das sind genau die Momente, wo der Zuschauer den Puppen voll auf den Leim geht. Zu bewundern ist neben der Führung der Puppen auch die Stimmlagen, die die beiden Spieler. den Vögeln und Raupen geben. Zwei großartige Könner, deren Namen leider nicht im Programm zu finden ist. Daher lasse ich sie hier ganz besonders hoch leben!!!

Foto: Barbara Palffy

Als „Vorprogramm“ ist Tilda Eulenspiegels „Hommage an alle Närrinnen und Narren“ zu sehen, ein geheimnisvolles Kleinkunstwerk von zehn Minuten. Da verrate ich nichts darüber. Sehenswert und witzig.

www.schuberttheater.at

Avenue Q. Das Musical mit den frechen Puppen. Theater Scala

Titelbild: Nick Harras,, Bettina Soriat, Paul Graf+Larissa Winkel

Musik und Songtexte: Robert Lopez, Jeff Marx. Puppendesign: Rick Lyon, musikalisches Arrangement: Stephan Oremus, Puppencoach: Stephan Gaugusch, Kostüme: Anna Pollack.

Inszenierung: Marcus Ganser

Wer so wie ich die Sesamstraße und die Muppets nie gesehen hat, dem entgehen sicherlich Wiedererkennungseffekte und Anspielungen. Daher kann ich nur berichten, was zu sehen und zu hören war. Die Feinheiten blieben mir verborgen.

Eine Straße in New York, ein wenig herabgekommene Häuser, aber doch oder gerade deswegen recht heimelig. Basti – deutlich der Ex-Bundeskanzler – hat als Hausmeister seine neue Bestimmung gefunden. Er kommandiert, regelt, ganz wie wir es vom alten Basti gewohnt waren. Die Bewohner sind allesamt nicht vom Schicksal verwöhnt und finden ihr Leben shit (1. Song). Da leben das romantische Monster, entzückend gespielt von Julia Werbick, Fräulein Trockenpflaume, die Nörglerin (Bettina Soriat und Larissa Winkel) und einige Puppen, die nach ihrer Bestimmung suchen. Es wird geheiratet, es wird geflirtet, Hoffnungen auf Liebesbeziehungen scheitern. Es geht immer wieder um Themen wie uneingestandene Homosexualität. Allzu moralisierend wird auch der Rassismusvorwurf angesungen und angespielt – allerdings viel zu lang. Heiteres und Tieftrauriges im steten Wechsel, Banales und Philosophisches – ganz nach dem bewährten Musical-Muster!

Alle Puppenspieler haben den Umgang mit den Breitmaulpuppen ordentlich gelernt und singen nach bestem Wissen und Können. Da aber die Puppen nicht groß genug sind, bleiben die Schauspieler manchmal allzu sichtbar, was die Illusion der „Puppe“ stört.

Das Publikum bedankte sich für die zwei Stunden Ablenkung von der tristen Situation im realen Leben mit viel Applaus.

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Theater in der Josefstadt:Hermann Bahr: Das Konzert.

Mit interessanten Neubesetzungen: Joseph Lorenz als Gustav Heink und Alexander Pschill als Dr. Franz Jura

Das einzige Stück, das von Hermann Bahr heute noch gespielt wird, garantiert immer ein volles Haus. Die Umbesetzung der beiden männlichen Hauptrollen ist ein guter Grund, das Stück nochmals anzuschauen.

Wer Joseph Lorenz schon in verschiedenen Rollen und Lesungen erlebt hat, der weiß, dass er einen feinen Sinn für Humor und Komik hat. Die Rolle des eitlen Pianisten Gustav Heink (vorher Herbert Föttinger) , der den Schwarm der ihn anbetenden Frauen für sein Ego braucht, weil sie ihm Jugend und Alterslosigkeit bescheinigen, ist ihm auf den Leib geschrieben. Angeschwärmt ja, aber im Grunde will er schon seine Ruhe haben. Das gibt er allerdings nur vor dem gichtgeplagten Säufer und Hausmeister Pollinger (Siegfried Walther) und in ganz, ganz ehrlichen Momenten, die aber nicht lange dauern, vor seiner Frau (ganz souverän: Sandra Cervik) zu. Mit der jungen, exaltierten Delfine Jura (herrlich überkandidelt Alma Hasun), die er da in seine Almhütte geschleppt hat, ist er heillos überfordert. Doch er muss den Liebes- und Sexhungrigen spielen. Schließlich erwartet sie das von ihm, der ihr angebetetes Idol ist. Diese Szenen gehören zu den komischesten des Abends. Lorenz spielt den Heink mit zwinkender Selbstironie: Er weiß um seine Schwachstellen, darf sie aber nicht offen zeigen. Mit Mühe kann er die Liebesstürme seiner jungen Geliebten abwehren und sie ins Nebenzimmer verfrachten, wo sie Klavier üben soll Aber lieber würde er mit Pollinger auf der Ofenbank sitzen, über seine Fußleiden reden und Kaffee und Kuchen genießen. In diesem Dilemma kommen ihm seine Frau in Begleitung des Ehemanns seiner Geliebten fast gelegen. Alexander Pschill mischt in der Rolle als Dr. Jura (vorher Martin Vischer) ordentlich auf. Nix da mehr von einem Schüchterling. Forsch, selbstsicher und mit hellem Witz lenkt er die verirrten Menschen – seine Frau und den Pianisten – zu ihren „angestammten“ Ehegespanne zurück.

Interessant, dass der Regisseur Janusz Kica zwei verschiedene Schlüsse spielt: Die Ehefrau verlässt ihn und wird die Scheidung einreichen. Er bleibt ratlos allein zurück. Zweite Variante: Sie verlässt ihn, wird die Scheidung einreichen, er ist kurz verzweifelt, aber schon trudelt die nächste „Möglichkeitsgeliebte“ ein, mit der er sich tröstet. Die dritte, früher die meist gespielte Variante, ist zwar bühnenwirksamer, aber gilt wahrscheinlich als heutzutage inakzeptabel: Gustav glaubt sich mit seiner Frau versöhnt zu haben, hat irgendwie Besserung in Aussicht gestellt. Doch die nächste Versuchung ist schon da, der er ins Liebeskammerl nachstürzt mit dem unehrlichen Bedauern, dass er ja nicht anders könne. In diesem Schluss bleibt die Ehefrau in hilfloser Resignation zurück. Wahrscheinlich aus der heutigen Sicht auf die emanzipierte Frau kein passender Schluss.

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Theater Scala: The Effect. Eine pharmazeutische Liebesgeschichte von Lucy Prebble

Inszenierung: Bruno Max, Bühne Marcus Ganser, Kostüme:Sigrid Deger

„In Zeiten wie diesen…ist es umso wichtiger, ein Stück zu wählen, das zwar unsere Wirklichkeit nicht negiert, sich aber mit etwas Größerem beschäftigt und etwas Sonne ins Grau bringt“, schreibt der Intendant Bruno Max im Programmheft. Wie wahr! Die Sonne im Grau haben wir alle nötig, und das Theater könnte dazu verhelfen. Wenn im Burg- und Volkstheater kalte Lehr- und Moralstücke zu sehen sind, die ihr Publikum langweilen oder schockieren, dann ist ein Theater wie die „Scala“ um so wichtiger. Bruno Max lässt in jeder Inszenierung die Schauspieler tief in die Figuren einsteigen und schafft so spannende Inszenierungen.

Was kann es Größeres als die Liebe geben? Die wollen uns die Hirnforscher als elektrische Bahnen und chemische Vorgänge madig machen. Aber Zärtlichkeit und Zuwendung sind mehr als chemische Vorgänge. Darüber wird in „The Effect“ verhandelt.

Auf der Wand im Hintergrund der Bühne leuchtet groß das Versprechen eines Pharmakonzerns „You deserve to feel better“ auf. „Du hast es verdient, dich besser zu fühlen“ – natürlich mit den Pillen dieses Konzerns. Eine einmonatige Studie soll die Wirkung eines neuen Antidepressivums beweisen. Conny (Veronika Petrovic) und Tristan (Marc Illich) haben sich als Probanten zu Verfügung gestellt. Unter der strengen Aufsicht von Dr. Lorma James (Christine Saginth) nehmen die beiden eine von Tag zu Tag höhere Dosis ein. Doch das Experiment scheitert, weil sich die beiden ineinander verlieben. Ist dieser Zustand nun auf das Mittel zurückzuführen? Dr. James, die selbst schwer depressiv ist, Zweifel an dem Medikament hat und sich gegen die rücksichtslose Ausbeutung dieser beiden Versuchspersonen wehrt, muss gegen ihren inneren Widerstand weiterarbeiten. Ein Zwischenfall lässt das Experiment scheitern. Und die Frage nach der Liebe wird auf einer ganz anderen Ebene beantwortet..

Die Autorin schrieb dieses Stück 2012, also lange vor Corona. Aber es wirkt, als hätte sie es in der Pandemie geschrieben. Denn viele ungeklärte Fragen werden darin aufgeworfen: Was heißt „Langzeitstudie“? Welche Verantwortung trägt der Konzern für Nebenwirkungen? – Im Stück keine. Wie weit kann/darf die Gehirnforschung gehen? Gibt es ethische Grenzen? Die Gefahr, dass einmal Gedachtes nicht zurückgenommen werden kann, (Dürrenmatt, Die Physiker) besteht immer. Sie vergrößert sich mit dem Fortschritt der Wissenschaft, die überzeugt ist, dass der Mensch alles, was ausgeforscht werden kann, ausforschen wird. Die Digitalisierung ist nur ein harmloser Anfang….

Ein spannender Stoff, den die Autorin leider nicht griffig genug verarbeitet. Die Dialoge wirken manchmal recht hözern – vielleicht liegt das auch an der Übersetzung. Deshalb outrieren die beiden Hauptdarsteller enorm: Connie kratzt sich andauernd, zappelt und bringt keine geraden Sätze heraus, Tristan ist hyperaktiv. Die „Liebesszene“ wirkt ein wenig „patschert“, die Überprüfung des Tristan-Penis durch die Ärztin ist eher peinlich. Straffung und eine etwas ruhigere Schauspielführung täten dem Stück gut. Ein positiver Ruhepol ist die Figur der Ärztin, ihr nimmt man ihre Zweifel und Verzweiflung ab.

Noch bis zum 26. Februar 2022 zu sehen

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Serapionstheater im Odeon: Koom Posh

Ideen nach dem Drama „Die Stadt der Gerechtigkeit“ von Lev Lunz und E.B. Lyttons „Das kommende Geschlecht.

Inszenierung: Max Kaufmann, Mario Mattiazzo nach Anregungen von Erwin Piplits.

Aus dem Dunkel des Bühnenhintergrundes kriechen Wesen, langsam, quälend langsam erreichen sie die Mitte und entpuppen sich als eine Horde Wilder, die brüllend und im obstrusen Verrenkungen eine Stadt erobern, in der die Menschen zu gehorsamen Robotern geformt wurden. Es entsteht ein bitterer Kampf, brutale Szenen – man kann die Agilität und den Einsatz der Tanztruppe nur bewundern. Allerdings dauern diese Kampfszenen endlos lang und wiederholen sich mehrmals, was dem Stück eine gewisse Zähigkeit verleiht. Mitten in diesem wilden Treiben gibt es eine Sequenz, die an die Zeiten des Serapionstheater von früher erinnert: Einer der Robotermenschen mit vier Gesichtern und einer Lunte am Hinterteil, die langsam abbrennt, tanzt versonnen vor sich hin. In dieser Szene kann sich der Zuschauer ein wenig „ausruhen“ von dem all zu heftigen Kampfgetümmel. Am Ende ist die Stadt der Roboter kaputt, die Wilden ziehen weiter. Aus dem Off zitiert eine Stimme einen Text, in dem es heißt: „Das ist nicht der Morgen, auf den wir gewartet hatten.“ Wenn ein Interpretation erlaubt ist, dann etwa diese: Revolutionäre jeglicher Art sind nicht fähig, eine sinnvolle Gemeinschaft zu bilden. Sie zerstören auf ihrem Eroberungszug alles, was ihnen im Weg steht. Aber auch Menschen, die in einem Kadavergehorsam zu Robotern werden, bilden ebenfalls keine funktionierende Gemeinschaft. Eine ziemlich pessimistische Sicht der Welt, die da auf die Bühne gebracht wird.

Noch zu sehen bis 19. Februar 2022

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Burgtheater: Schiller: Maria Stuart

Aufführung am 13. Februar 2022, Foto: Matthias Horn

Inszenierung: Martin Kusej, Bühne: Annette Murschetz, Kostüme: Heide Kastler

Vorweg gleich einmal ist zu melden: Ab der 10. Reihe Parkett versteht man die Schauspieler nur bruchstückhaft. Daher rate ich allen, die sich das Stück ansehen wollen, vorher Schiller im Original zu lesen. Ich kenne das Stück gut, hatte dennoch Schwierigkeiten zu erraten, welche Szene gerade gespielt wird. Wozu hat man gute Schauspieler, Schauspielerinnen, wenn sie mit Ausahme von Minichmayr und Galke den Zuschauerraum akustisch nicht ausfüllen können? Auf der Perner Insel mag es diese Schwierigkeiten nicht gegeben haben, da der Raum viel kleiner ist. Warum hat man das Stück nicht in die Akademie verlegt?

Die Folge dieser sprachlich-akustischen Schwierigkeit ist LANGEWEILE! Und das immer gleiche, nichtssagende Bühnenbild ist auch nicht gerade aufregend. Die Inszenierung vergeigt einfach die emotionalen Höhepunkte, die Schiller in das Drama eingeschrieben hat. Kusej inszeniert, als ob er bei Brecht in die Lehre gegangen wäre: Gefühle gehören nicht ins Theater, der Zuschauer soll denken, nicht fühlen. So bleibt selbst die von Schiller hochdramatisch gestaltete Szene der Begegnung der beiden Königinnen auf der Strecke. Nichts von zurückgestautem Hochmut seitens Maria Stuart, die Elisabeth in die Schranken weist. Nichts von geschockter Gekränktheit der starr stehenden Elisabeth. Die Szene wirkt, als ob beide eine Gerichtsverhandlung spielen. Obwohl sich die Damen Mühe geben, ihrer Figur Charakter anzureden, soweit es der Intendant eben zulässt, wirken beide blass. Sie sind Spielball einer Männergesellschaft – das sollen wohl auch die 25 nackten Männer darstellen, die man/frau abwechselnd von vorne und von hinten bewundern darf. Ein Markenzeichen Kusejs ist es ja, mit einem Aufreger Schlagzeilen zu machen. Waren es bei Tosca die „Umschreibung“ der Oper nach seinem Gutdünken und der schneebedeckte Campingplatz als Bühne, so sind es diesmal die nackten Männer. Und prompt fällt das Feuilleton auf den Trick herein und schreibt begeistert von einer „bildgewaltigen Inszenierung“.

Soweit zu erkennen und zu beurteilen war: Bibiana Beglau gibt eine ziemlich machtlose Königin, die von ihren Höflingen bestimmt wird. Birgit Minichmayr bemüht sich, eine bejammernswerte Maria zu spielen. Dass sie noch immer Männer verführen könnte, glaubt man ihr nicht.Franz Pätzold gibt einen zahmen Mortimer, Rainer Galke einen kreuzbraven Gefangenenwärter, Ilay Tiran einen schleimig-schmierigen Graf Leicester. Dass gerade er am Ende Maria die Beichte abnimmt, ist ein typischer Kusejwitz. Und leider ist das ziemlich wirksame Ende des Stückes auch der Feder des Intendanten zum Opfer gefallen. Im Originial ruft Elisabeth in ihrer Verzweiflung nach Leicester, doch von dem heißt es: „Der Lord lässt sich entschuldigen, er ist zu Schiff nach Frankreich.“ Und so steht Elisabeth im roten (!) Kleid allein auf weiter Flur, auch die Nackten haben sie verlassen. Das Schlussbild ist das Beste an der Inszenierung.

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Festspielhaus St.Pölten: José Montalvo: Gloria

Titelfoto © Patrick Berger

José Montalvo präsentierte genau zur richtigen Zeit die richtige Choreographie – der Pandemie zum Trotz fordert er seine Equipe und das Publikum zur Freude am Tanz auf. „Gloria“ – der Titel ist nicht als Ruhm und Ehre, sondern als Jubel, als Lebensfreude zu verstehen. Jede einzelne Tänzerin und jeder einzelne Tänzer verkörpert im Tanz dieses Motto. Obwohl drei Mitglieder des Ensembles coronabedingt nicht dabei sein konnten, ließ Montalvo dennoch die Show über die Bühne gehen. Richtig so, Corona zum Trotz! Denn Angst und Unsicherheit sollen unser Leben so wenig wie möglich beeinträchtigen. Mit „Gloria“ , der Freude am Leben, ausgedrückt durch Tanz, will Montalvo eine kräftige Gegenansage zu Missmut und Depression machen. Und das ist ihm voll gelungen.

Statt 16 Tänzern wirbeln nun 13 Männer und Frauen über die Bühne. Nach dem Rhythmus von „stop and go“ ergreift einer nach dem anderen das Mikro, erzählt von sich und dem unbändigen Wunsch zu tanzen, allen Hindernissen zum Trotz. Keine und keiner von ihnen hatte für eine Tanzausbildung die besten Voraussetzungen. Aber sie kämpften gegen die Voruteile, die Eltern, Lehrer, die Allgemeinheit so hatten: zu klein, zu groß, zu dick, zu dünn, zu wenig Busen, zu viel Busen. Einer wurde trotz seiner Sehbehinderung ein toller Tänzer. Am Ende jeder Performance ertönt ein wichtiges Lebensmotto: „Ich bin stolz“ (darauf, dass ich heute als Tänzer, Tänzerin hier tanzen kann).

Montalvo bricht mit allen Konventionen – er lässt einen Flamencotänzer Ballett tanzen, zum klassischen Operngesang (Cecilia Bartoli) legt eine schwarze Tänzerin eine afrikanische Sohle aufs Parkett, ein männlicher Tänzer tanzt typisch weibliche Figuren. Nix ist fix in diesem Ensemble. Es gibt keinen E- und U-Tanz. Hip-Hop, Street Dance, Flamenco, Ballett – sie alle sind gleichwertig und können von jedem einzelnen Mitglied spontan getanzt werden.

©Patrick Berger

José Montalvo war einer der ersten Choreographen, der Videos einsetzte. Auf der rechten Bühnenseite werden die Gruppen groß im Video gezeigt, während sie auf der anderen Seit der Bühne tanzen und singen. Diesen Verdoppelungseffekt eigneten sich später viele Regisseure des Opernsektors an. Bei Montaldo sind Videos nie modischer Effekt, sondern wichtiger Teil seiner Aussage. Im weiteren Verlauf des Abends werden sie immer bildgewaltiger, wenn er seine Sorge um die Natur und das Verschwindenn vieler Tierarten artikuliert. Elefanten, Giraffen, Löwen, Bären stehen wie in einer Arche Noah auf Papierschiffen zusammengedrängt und sehen dem Treiben der Menschen regungslos zu. Dass sie auf einem Papierschiff nicht Rettung finden werden, können sie nicht wissen. Darunter tanzen die Menschen, halten Nabelschau – wortwörtlich: Einer nach dem anderen zeigt in Großaufnahme seine Nabel. Oder es tanzen die Frauen mit nacktem Oberkörper, ihre Brüste schwingen lustig im Takt des Tanzes. Es ist dennoch kein Tanz auf dem Vulkan, sondern ein Tanz gegen den Untergang. Am Ende springt der Freudenfunke auch auf das Publikum über, das das Lied über die Nabelschau begeistert mitsingt.

Frenetischer Applaus, standing ovations.

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Theater in der Josefstadt: Jelinek: Rechnitz (Der Würgengel)

Regie: Anna Bergmann. Bühnenbild: Katharina Faltner. Kostüme: Lane Schäfer. Musik: Moritz Nahold

Es ist anzunehmen, dass ein Großteil des Publikums über den „Fall Rechnitz“ grosso modo informiert ist. Wenn nicht, dann versteht es sicher nur Bahnhof. Denn der Text erklärt nicht und erzählt nicht. Das Bühnenbild ist spektakulär verwirrend. Was klärend wirkt, sind die Texte im Programmheft. Auch wenn man die Sachlage einigermaßen im Kopf hat, beleuchten die Beiträge die Fakten sehr genau und betonen, wie wenig historisch von diesem Massaker gesichert ist. Bis heute wurden die Knochen der Erschossenen nicht gefunden.

Man weiß, dass im März 1945 auf dem Schloss in Rechnitz die Gräfin zu einem Fest geladen hat und ihren Gästen (hochrangigen Nazis) zum Gaudium erlaubte, an die 180 jüdische Zwangsarbeiter , die aus Ungarn nach Rechnitz getrieben wurden, zu erschießen. Wer schaufelte die Gräber, wo sind die Leichen begraben? Bis heute hat man sie nicht gefunden. Die Bewohner von Rechnitz schwiegen und schweigen noch.

Dichte Nebelschwaden ziehen von der Bühne ins Publikum – wer dagegen allergisch ist, der wird bis zum Schluss mit Hustenreiz zu kämpfen haben. Auf einem sich drehenden Band tanzen, grölen, saufen und schreien die Gäste, in der Mitte die Gräfin (Sona MacDonald). Einige fuchteln mit den Gewehren, schießen um sich. Es wird überhaupt während des Stückes viel geschosssen, manche erschießen sich selbst, man weiß nicht, wer und warum. Was gebrüllt wird, ist kaum verstehbar – das ist das größte Dilemma dieses Abends! Dazwischen singt MacDonald Verschnitte aus der Oper „Der Freischütz“. Über das Horrorgeschehen dieser Nacht im März 1945 lässt Jelinek Boten berichten. Dennoch bleibt noch genug Horror zu erleben, etwa wenn einer der Zwangsarbeiter sich sein eigenes Grab schaufelt, von einem der Umstehenden hineingestoßen und mit einem Schaufelhieb getötet wird.

Es bekommen die heutigen Medien ihr Fett ab, die irgendwie hysterisch und voyeuristisch berichten. Es bekommen die „Nachgeborenen“ ihr Fett ab, die sich mit ihrer späten Geburt aus der Verantwortung schleichen. Es bekommen die eifrigen „Guten“ ihr Fett ab, die einer Denkmalkultur frönen. Es bekommt schließlich Österreich mit seiner wirren Vergangenheit und und nicht minder wirren Gegenwart sein Fett ab. Als versöhnende Geste zwischen Vergangenheit und Gegenwart singt am Ende Sona MacDonald – nun nicht mehr als Gräfin, sondern als eine Trauernde – ein Kaddisch, das jüdische Versöhnungsgebet, und begräbt Knochen.

Es stellt sich die Frage, ob die trashigen Ästhetik dieser Aufführung dem unfassbaren Geschehen in Rechnitz (und an vielen anderen Orten in Österreich) gerecht wird. Eva Menasse hat das Geschehen im Roman „Dunkelbum“ zu fassen versucht. Wie der Titel schon verrät, lässt der Roman alles im Dunkeln und der Leser bleibt ebenso ratlos zurück wie nach Jelineks Theaterstück. Also welche künstlerische Form wählen?

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Theater in der Josefstadt: Oscar Wilde: Der ideale Mann

Deutsche Fassung von Elfriede Jelinek nach einer Übersetzung von Karin Rausch

Titelfoto: Michael Dangl und Martina Stilp

Ja, genau so macht eine Überarbeitung Sinn: Elfriede Jelinek setzt mit sehr viel Respekt und Bewunderung für Oscar Wilde teils aktualisierende, teils den Humor schärfende Akzente, ohne das Werk zu zertrümmern. Da gibt es einen Seitenhieb auf den in Österreich so gern geübten Kanzlerwechsel, auf die Korruption, die fast zum guten Ton gehört. Alles deutlich, aber ohne ärgerliche Holzhammertechnik. Ton und Personenführung Oscar Wildes bleiben bestehen.

Auch dank der großartigen Regie von Alexandra Liedtke.. Im Theater in der Josefstadt längst keine Unbekannte. Liedtke steht für einfallsreiche und einfühlsame Regie. Was sie auch in diesem Stück bewies. Ihre Figurenführung ist witzig, der commedia dell‘ arte immer dann nachempfunden, wenn sie die bürgerlich/adelige Gesellschaft ganz allgemein aufs Korn nimmt, etwa bei den Begrüßungszeremonien währnd der Soirée. Da verrenken sich Gliedmaßen bis ins Lächerliche hinein. Wo es aber „ums Eingemachte“ geht, um die Charakterisierung im Detail, da setzt sie auf sparsame, aber witzige Bewegungsakzente, um das Gedankemlabyrinth zu unterstreichen.

Dass ihr dazu ein hervorragend eingespieltes Ensemble zur Verfügung steht, macht das Spiel erst so leicht und flockig. Michael Dangl als Sir Robert Chiltern ist wie immer superpräsent, wenn es gilt, eine eitle, selbstverliebte Figur auf die Bühne zu bringen, die im Lauf des Abends ganz schön demontiert wird. So kennt und liebt ihn das Publikum. Herrlich intrigant und zugleich kokett-verführerisch, endlich auch wieder in einer Hauptrolle: Martin Stilp als Mrs. Cheveley. Sie mischt die verkorkste und selbstverliebte Gesellschaft ordentlich auf. Den selbstsicheren „idealen Mann“ räumt sie die Fassade ab. Diese Szene zwischen Sir Robert und ihr gehört zu den köstlichsten des Abends: Wie sie sich langsam an ihr „Opfer“ heranmacht, katzenartig, die Maus – Sir Robert – in ihre Fänge nimmt und ihn noch ein klein wenig seine Freiheit spüren lässt, um dann zuzubeißen

Dann der junge. oder besser der sich jung gebärdende Lord Goring, schnöselig-sympathisch gespielt von Matthias Franz Stein. Dass er sich pudelnackt präsentieren muss, versteht man nicht wirklich. Aber gut, da steht er also, dünn, keine Spur von „typisch Mann“. Der Butler (Paul Matic) – köstlich steif und unerschütterlich – hilft ihm in die Unterhose – vielleicht eine Anspielung auf die Himosexualität Lord Gorings. Abgsehen von seiner Nacktheit hat dieser Lord Goring viel humorvollen Snobismus zu bieten. Oscar Wilde mag sich in diese Figur hineingeschrieben haben. Sein weibliches Gegenstück:Katharina Klar als Mabel Chiltern. Sie scheint auf die Rolle der aufmüpfigen Widerständlerin festgesetzt zu sein. Das liegt ihr. Die schwierigste Rolle hat wohl Silvia Meisterle als Lady Chiltern. Sie vergöttert ihren Ehemann, stellt ihn auf ein Podest, er vereinigt alle Ideale, die ein Mann – ihrer Ansicht – haben muss: Schön, edelmütig, wahrhaftig. Schwer rüberzubringen. Silvia Meisterle müht sich auch ein wenig in dieser Adolerantinnenrolle. Die alles verzeihende Liebe am Ende des Stückes bleibt Ironie, und das ist gut so.

Für diesen gelungenen Abend gab es langen Applaus und viele Bravorufe.

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Theater Scala: Canetti, Die Hochzeit

Inszenierung und Bühne: Bruno Max, Kostüm: Sigrid Dreger, Maske: Gerda Fischer

Der Vorhang hebt sich, und drei Schachtelräume, die man nicht Zimmer nennen kann, so klein sind sie, fallen dem Zuseher fast vor die Füße. Im Untergeschoß eines Wiener ( kann aber auch anderswo in der Welt sein) Zinshauses vegetieren die sterbende Hausmeisterin (Eszter Hollosi), ihr bigotter Ehemann (Christoph Brückner), der wie aufgezogen, ohne auf die Sterbende zu achten, aus der Bibel vorliest. Daneben Pepi Kokosch, deren blödsinnige Tochter (Katharina Schmirl). In dieser Anfangsszene liegt schon ein Großteil des Dilemmas, das Canetti in dem Drama aufzeigt: Keiner horcht auf den anderen, Mit-Leiden gibt es nicht. Nur die doofe Tochter hat Gesten des Verständnisses für die Mutter. Ein großartiger Auftakt: gruselig, vielschichtig. Ebenso die „Großmutterszene“: Oma, die Hausbesitzerin, (herrlich Bernie Feit) sitzt selbstzufrieden in ihrem Lehnstuhl und strickt, das gedenkt sie auch noch viele Jahre zu tun, der Enkelin (witzig Michelle Haydn) zum Trotz, Die wartet ungeduldig auf den Tod der Oma, weil sie hofft, das Haus zu erben. Diese beiden Eröffnungsszenen packen den Zuschauer sofort, ziehen ihn in das Leben der Menschen hinein, die zu Puppen eingefroren sind, die plappern, wie der Papagei der Oma, die einander nicht verstehen. Verschärft wird dieser Eindruck durch die puppenhafte Maske, die diese Halbtoten tragen. Ein großartiger Auftakt, dank des bedrohlich engen Bühnenbildes, der bedrohlich hohlen Puppenmasken und nicht zuletzt des gruseligen „Nichtspiels“ der Schauspieler, die entmenscht zu sein scheinen.

Den Übergang zur „Beletage“ bilden die Bewohner des dritten Untergeschoßes: Lisa, die eine „Bessere sein will“ (Lisa Marie Bachlechner) und ihrem blöden Bräutigam (Simon Brader) die Tür weist. Auch die beiden plappern, ohne auf den anderen zu hören. Also: Lisa geht, puppig geschminkt, hinauf in die Beletage, zu „di bessan Leit“. (Hat sich für diese Konstellation Canetti von Nestroy inspirieren lassen?)

In der Beletage wird Hochzeit gefeiert: Christa, die Tochter des Oberbaurates (Titel!) Segenreich (nomen non est omen, das Haus, das er gebaut hat, stürzt alle Bewohner in den Tod), heiratet den dumpf-dummen Michel. Kompliment an Klemens Fröschl, der die Rolle der dicken Dumpfbacke mit Selbstverleugnung spielt. Liebe ist nicht. Für niemanden, nur zu sich selbst. Und Liebe heißt nur so, weil man eben Gier und Gewalt so nennt. Unter allen Beteiligten wird gevögelt, betrogen, gelogen. Im Inferno der Eitelkeiten und Dummheit fallen die gesellschaftlichen Schranken. Es wird geschrien, gerannt, gegrapscht, was das Zeug hält, es regiert vom Anfang an der Hölle Lärm, der nicht mehr gesteigert werden kann, weil er auf Dauerhöhe ist. Und von da an beginnt das Stück (oder die Regie?) zu schwächeln. Denn es fehlt eine Steigerung. Der Höhepunkt, als das Haus alle begräbt, ist keiner. Ganz einfach, weil schon eine ganze Weile nur getobt wird. Und die Zuschauer all das als Mordsspaß auffassen. Man lacht herzlich, als würden gerade Charlie Chaplin oder Oliver Hardy über die Bühne stolpern. Das Grauen bleibt aus. Auch als die Menschen sich gegenseitig in die Hölle schicken. Aus der Warnung, die Canetti und wohl auch der Regisseur meinten, wird Farce.

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Volksoper Wien: „The Lady in the Dark“

Musik: Kurt Weill, Buch: Moss Hart, Gesangstexte: Ira Gershwin

Was für ein Kontrastprogramm zu dem tristen, deprimierend-düsteren „Don Carlo“ in der Staatsoper. Finster schwarze Bühne, Rampensänger ohne Ausstrahlung, die wie singende Statuen wirken. Das war am 25. Dezember. Dann am 26. Dezember in der Volksoper: Heiterkeit,, Farbigkeit, intelligenter Humor, flotte Musik!!!

Dirigent James Holmes heizt dem Orchester und dem Chor ordentlich ein. Unter den zündennden Melodien von Kurt Weill lässt er die Darsteller und mit ihnen das Publikum mit Leib (Darsteller) und Seele (Darsteller und Publikum) tanzen. Man möchte aufspringen, mittanzen. Zumindest oft und oft mit Szenenapplaus die Tänzer und Sänger anfeuern, die sich bis zum Äußsersten steigern.

Unter der einfallsreichen Regie von Matthias Davids entwickelt sich das Drama um Liza Elliott (Julia Koci). Sie ist als Chefin und Herausgeberin einer großen Modezeitschrift ein gefürchtetes Biest, in ihrer Seele aber gärt es, sie will nicht mehr kämpfen, biestig und launisch sein. Sie ist zwar nicht gar so eisig wie Meryl Streep als Chefin („Der Teufel trägt Prada“), aber viel fehlt nicht. Doch in ihr geht eine Veränderung vor, die sie nicht einordnen kann. Burnout würde man heute sagen. Als gelernte Amerikanerin geht man zum Psychiater – ganz professionell gespielt von Robert Meyer. (Wir werden ihn vermissen!!!!) Geschickt entwickelt sich nun ein Stück Leben zwischen Traumsequenzen und Realität. Dank des phantasievollen und witzigen Bühnenbildes von Hans Kudlich, der einfallsreichen Kostüme von Susanne Hubrich kommt man aus dem Staunen und Lachen nicht heraus. Keine Minute Langeweile, weil der Szenenwechsel rasch und meist auch sehr witzig vor sich geht. Nicht zu vergessen sind die tänzerischen und akrobatischen Leistungen des ganzen Ensembles und des Staatsballetts, die unter der Leitung des Choreographen Florian Hurler ein tänzerisches Feuerwerk abliefern.

Julia Koci gibt die nervöse Chefin ebenso überzeugend wie die unsichere Frau, die erst durch die Psychoanalyse und die Traumdeutung zu ihrem wahren Ich vordringt. Ein wenig Ironie darf auch dabei sein, wenn die Traumata aus den Erinnerungen gar stark gewichtet werden. Ironie oder Überzeugung? Das weiß man nicht so genau. Jakob Semotan ist als der leicht tuntige Russell Paxton eine Lachnummer, aber als Zirkusdirektor schießt er mit seinem Lied über russische Komponisten den Vogel ab. Da capo und 1x noch am Schluss als Draufgabe!!! Eine wahre Meisterleistung, dieser Zungenbrecher!

Ben Gonnor gibt eine echte Westernheldparodie! Witzig, nie peinlich!Martina Dworak sprang für die als K1 in die Quarantäne geschickte Johanna Arrouas als eitle, leicht dumme Alison Dubois ein und machte ihre Sache großartig.Axel Herrig gab einen seriösen Kendall Nesbitt. Jede einzelne Figur war bis in die Fingerspitzen überzeugend.

Es war ein Abend, der Corona und die Maske völlig vergessen ließ. Danke für drei Stunden bester, intelligenter Unterhaltung mit einigem Tiefgang,

Man fragt sich nach so einer exzellenten Aufführung wieder einmal: Warum haben Sie, verehrte Frau Kulturstadträtin, den Vertrag von Robert Meyer nicht verlängert?

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Nach Johann Wolfgang Goethe von Nicolas Stemann und Philipp Hochmair

Darf er denn das? Den“ Werther“ des ehrwürdigen Dichterfürsten Goethe verulken? Er, und zwar nur er, Philipp Hochmair darf das!!! Denn hinter der quirlig.komischen Übertriebenheit und Exaltiertheit steckt ein tieferer Sinn – nämlich der, wie tieftraurig, selbstverliebt und einsam dieser Kerl mit dem weltberühmten Namen Werther war und ist. Nein, ich sage jetzt nicht, Werther sind wir alle – ganz und gar nicht. Weil Philipp Hochmair nie und nimmer mit dem moralischen Zeigefinger wedelt. Er spielt einfach, es scheint, es fällt ihm alles in der Sekunde ein, da er spielt. Nix scheint vorbereitet und ist es doch. Und zwar präzise.

Nun mal vom Anfang an: Es beginnt, wie halt eine Lesung beginnt: Da steht ein Tischerl, dahinter ein Sessel am Bühnenrand,. dahinterhängt ein Riesenplakat mit der Ankündigung: Werther, Philipp Hochmair. Schon da schmunzelt man, denn Hochmair und eine normale Lesung – das geht nicht lange gut. Er tritt auf – in Tarnhose, gelbes Leuchtshirt, Cowboystiefletten und Cowboyhut. Also nix Wertherkostüm. Setzt sich, trinkt einen Schluck – ganz wie alle Künstler bei Lesungen. Aber das dauert nur Momente und schon legt Hochmair Verwirrungspfade – richtet einen Fotoapparat auf der Bühne ein, fotografiert den Blumenstrauß, das Foto wird riesengroß an die Wand geworfen. Dann liest er ein paar Zeilen, Bildungsbewusste erkennen einzelne Szenen, wie die: Frühling, Natur, Begegnung mit Charlotte, Tanz, Brotszene. Und so fort. Aber all dieses Szenen blitzen nur wie kurze Zitate auf, dazwischen fällt dem „Vortragenden“ wieder auf, wie langweilig der Werther in seiner Selbstüberschützung ist – und er überspringt seitenweise Kapitel, von denen er nur die Briefdaten nennt. Und Charlotte? Ja, die spielt auch mit: als Gipskopf kann sie fotografiert werden, groß auf die Leinwand projeziert und dort oder auf dem weißen Vorhang angebetet werden als Gipsgöttin. Immer schneller und schneller schraubt Hochmair die Spirale des Personenwechsels hinauf, immer mehr Zeitspuren legt er, einmal ist er mitten im WErther, dann in einer nicht fix auszumachenden Gegenwart, spricht mit dem Publikum, bewirft es mit Salatblättern (eine gekonnte Persiflage auf Kochsendungen im Fernsehen!) . spielt mit dem Publikum, verabschiedet sich, weil „Albert angekommen ist“, winkt und verschwindet. Das wiederholt er mindestens fünfmal. Und er drückt sich nicht um den Selbstmord – den kostet er in seiner larmoyanten Werthermanier aus, dann aber: das Schreckensfoto -riesig groß sein Gesicht, als er merkt, dass er wirklich geschossen hat. Das verzerrte Gesicht bleibt lange ohne Ton stehen, wird weggerissen, verglüht als ein Punkt im Dunkel der Bühne.

Begeisterter Beifall!!! Bravorufe. Eben: Hochmair darf alles!!!

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Kammerspiele der Josefstadt: Ionesco, Der König stirbt

König: Bernhard Schir. Lore Stefanek: 1. Gemahlin des Königs. Maria Köstlinger: 2. Gemahlin des Königs, Julchen: Johanna Mahaffy., Johannes Krisch und Marcus Bluhm in kleinen Rollen.

® Philine Hofmann

Regie: Claus Peymann.

Bühnenbild und Licht: Achim Freyer

Kostüme: Margit Koppendorfer

Er will nicht sterben, denn er ist König und denkt, er bestimmt über seinen Tod, wie und wann er will. Aber der König ist Mensch, daher sterblich., und der Tod gehorcht nicht dem Gebot des Menschen. Also sucht der König , ähnlich wie König Admet (Euripides: Alkestis) einen Stellvertreter, der für ihn stirbt. Dass sich niemand meldet, ist klar. Anders als im „Jedermann“ wollen ihn beide Gemahlinnen bis zum Tod, aber eben nur bis zur Schwelle des Todes begleiten.Eifersüchtig streiten sie um diese „Ehre“. Nach Eindreiviertelstunden stirbt er langsam und mühevoll. Da haben schon längst einige Zuseher den Raum verlassen. Denn es zieht sich, bis der König stirbt. Den Wiederholungen der Sätze und Handlungen geht der Witz ab.

Anders als in den Dramen „Die Stühle“ ( 2019 im Akademietheater von Claus Peymann und Leander Haußmann inszeniert und von Maria Happel und Michael Maertens großartig gespielt!) oder in „Die kahle Sängerin“ (beide Stücke werden seit Jahren in Paris en suite im Théâtre de la Huchette mit Erfolg gespielt), wo Ionesco mit absurden, auf die Spitze getriebenen Witz gesellschaftliche Malaisen aufs Korn nimmt, nimmt er sich in „Der König stirbt“ eines tragischen Themas an, das er nur sehr mühevoll, leider mit allzu wenig Witz aufpäppelt. Und es stellt sich die Frage, ob in Zeiten der Coronakrise, wo alle Medien das Thema „Sterben“ auswälzen, es klug ist, ein Stück wie dieses auf die Bühne zu bringen.

Die Schauspieler geben ihr Bestes. Allen voran Bernhard Schir als raunzender König, der gar nicht einsehen will, dass er sterben muss, schon gar nicht „mit Würde“, wie es seine strenge, nonnenhafte 1. Frau (Lore Stefanek) von ihm fordert. Maria Köstlinger muss als 2. Frau die noch immer Jungverliebte spielen. Johannes Krisch in diversen Rollen, vor allem als kaltblütiger Arzt, und Marcus Bluhm als treuer Wächter in Ritterrüstung haben auch nicht viel zu melden.

Freundlicher Applaus von dem Teil des Publikums, das bis zum Schluss ausharrte.

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Theater Akzent: Stefano Bernardin als Hamlet

Für Text, Dramaturgie, Bühne und Regie gemeinsam verantwortlich: Stefano Bernardin und Hubsi Kramar

Keine Angst, so düster wie Stefano auf dem Foto dreinschaut, wird der Abend nicht. „Wenn zwei so Verrückte wie wir eine Idee haben, dann wird es ziemlich schräg!“, sagt Stefano Bernardin in einem Gespräch mit der Schreiberin dieser Zeilen. Und weiter: „Seit Sommer sitze ich und lerne alle Rollen.“

Und es wurde ein ganz besonderer Abend: Bernardin schlüpfte in die Rolle des Hamlet, des fiesen Claudius, der den Bruder umbringen lässt, er ist der kriecherische Polonius – er ist einfach: alle , alle. Von einer Sekunde auf die andere wechselt er Körperhaltung, Stimme und Mimik. Es gelingt ihm von dem jungen Hamlet übergangslos in die Rolle des miesen Onkels Claudius zu schlüpfen. Dazu genügen ihm eine Papierkrone und der rote Prunksessel.

Wo bleiben die Frauen? – die werden dezent angedeutet. Mutter Gertrude wachelt nervös mit den Händen, Ophelia bleibt unsichtbar, wird nur schroff ins Kloster geschickt. Ein ganz besonderes Gustostückerl ist die Auseinandersetzung mit den fiesen Heuchlern Rosenkranz und Güldenstern: Wie Bernardin alle drei auf die Bühne bringt, das muss man gesehen haben!!! Ein Hüpfer, ein Dreher mit dem Kopf, eine neue Mundstellung – und schon wird aus Hamlet Güldenstern oder Rosenkranz. Es darf gelacht werden!!! Und es wird gelacht. Auch über eindeutig -zweideutige Hinweise auf die momentane politische Situation in unserem Land. Da spürt man deutlich die Handschrift des „alten“ Polithaudegens Hubsi Kramar!

Aber die Tragödie bleibt nicht aus: Bernardin spielt Hamlet als den Unentschlossenen, der am Ende durch sein Zögern die Rache in Schuld umwandelt, eine Schuld, die er durch Selbstmord tilgt.

Großartig sein berühmter Monolog: Schlicht, ohne Pathos.

Großartig sein Spiel am Schlagzeug, wo er seine innere Wut abragiert.

Großarig sein Gesang und Spiel auf der Gitarre, in dem er seine Sehnsucht nach Liebe ausdrückt.

Und das Publikum applaudierte mit Begeisterung. Es gab standing ovation!

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Landestheater Niederösterreich: Thomas Mann: Der Zauberberg

Inszenierung: Sara Ostertag, Bühne Nanna Neudeck, Kostüme Clio Van Aerde, Dramaturgie: Julia Engelmayer und Maria Muhar

Aus einer riesigen Röhre kriecht Hans Castorp (Tilman Rose) aus der „Unterwelt“ an die Oberwelt des Sanatoriums in Davos, hoch in den Bergen. Ein Riesending, das einer Krake oder den menschlichen Rippenbogen gleicht, füllt die Bühne. Zuallererst muss sich der Besucher mühevoll orientieren, wer wen darstellt. Denn mit Ausnahme von Hans Castorp, der eindeutig ein Mann ist, sind die anderen Personen nicht so leicht in ihrem Geschlecht identifizierbar. Also: Settembini wird von einer Frau gespielt (Bettina Karl) – übrigens ist ihre Aussprache am klarsten. (Oben auf dem Balkon konnte man viele Textstellen nur bruchstückhaft verstehen). Die schöne Clawdia Chauchat wird von Tim Breyvogel dargestellt. Eher als Frauenfigur abtörnend. Den Vetter Joachim spielt Marthe Lola Deutschmann. Dieses Vexierspiel mit der Genderproblematik darf ja in keiner Inszenierung mehr fehlen und wirkt schon ein wenig abgenützt.Alles nach dem Motto: Nichts darf so sein, wie es scheint.

Zu einer melancholischen Hintergrundmusik (Clara Luzia und Catharina Priemer-Hunpel) spielt man nun Sanatorium, besser sollte man sagen: Irrenanstalt. Denn was Sara Ostertag aus dem feinsinnigen Roman über den Untergang einer verkorksten Gesellschaft gemacht hat, schrammt gefährlich am Klamauk entlang. Da schlurft eine Art Yeti im schmutzigrauen Zottelfell über die Bühne, hüpft dem auf der Röhre Schlafenden auf die Brust, da kleckert der Arzt mit Farbe herum, spritzt die Röntgenbilder auf die Brust der Patienten, , taumeln die Figuren durch Nebelschwaden – die bis hinauf auf den Balkon trotz Maske zu riechen sind. Da wühlt ein leicht verwirrter Hans Castorp am Schluss in einem Plastikherz, später im Schnee. Was fehlt noch aus dem gängigen Repertoire des Regietheaters – ja, richtig, eine Anspielung auf die Homosexualität des Autors. Als Zuschauer ist man nur damit beschäftigt, all diese Pseudosymbolik zu hinterfragen. Der eigentliche Sinn des Romans wird durch krampfige Regieeinfälle vernebelt – im wahrsten Sinn.

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Kammerspiele der Josefstadt: Brecht/Weill: Die Dreigroschenoper

Im Programm ist zu lesen: Unter Mitarbeit von Elisabeth Hauptmann – ein Hinweis, dass der Großteil der Arbeit für dieses Werk von Elisabeth Hauptmann geleistet wurde. Was Bert Brecht nicht so gerne zugab. Danke für diesen HInweis!

Die Bettler und Gauner sind in Frack und Zylinder gekleidet, nur manchmal blitzt ein Tatoo auf, so man es auf der dunklen Bühne überhaupt wahrnimmt. (Bühnenbild und Kostüme: Herbert Schäfer) Es herrschen Dauerdunkelheit und Nebel (London!), ein Nebel, der ziemlich unangenehm riecht, auch durch die Masken (leider) des Publikums dringt.

Die Aufführung (1. November 2022) war von keinem guten Stern begleitet: Herbert Föttinger( Peachum) und Marcello de Nardo (Kimball) konnten krankheitshalber nicht auftreten. Oliver Huether übernahm mit Buch in der Hand die Rolle des Peachum und machte seine Sache recht gut. Wer die Rolle des Hochwürden übernahm, war (mir) nicht klar.

Das Geschehen spielte sich auf zwei schrägen Stegen ab, zwischen denen die Figuren nicht immer ganz sprungsicher hin und hertanzen mussten. Die Musiker waren im Hintergrund platziert, dirigiert von Christian Frank, der vorne am Klavier saß. In dem verbleibenden Raum tanzten, wälzten und drehten sich Figuren in lasziv-erotischer Haltung – man sah viel gespreizte Damenbeine in die Luft ragen. Überhaupt setzte der Regisseur Torsten Fischer stark auf choreographische Effekte – die Figuren bewegten sich wie unter Wasser. Was in dem dichten Nebel recht beeindrucken konnte und über die langen Leerstellen zwischen den Gesangsnummern hinweghalf.

Gesanglich und schauspielerisch überragte Maria Bill als Celia Peachum alle. Sie traf den Weillschen Sound hundertprozentig und schuf ganz ohne Mühe eine Lotte-Lenya-Aura. Swintha Gersthofer war gesanglich eine überzeugende Polly, Susa Meyer eine lässige Spelunken-Jenny. Claudius von Stolzmann gab einen bürgerlichen Macky Messer, dessen Hinterhältigkeit und Gefährlichkeit zu wenig herauskamen. Dass er am Ende mit dem Kopf nach unten „gehängt“ werden sollte, erregte wohl bei den meisten Zusehern eher Mitleid mit dem armen Schauspieler als Bewunderung.

Dem Publikum gefiel es und sie honorierten besonders die Leistung der Einspringer.

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Theater in der Josefstadt: A. Schnitzler, Der Weg ins Freie

Nach dem gleichnamigen Roman von Arthur Schnitzler, dramatisiert von Susanne Wolf.

Warum meinte man, diesen langatmigen Roman Schnitzlers dramatisieren zu müssen? Hat Schnitzler nicht genug Dramen geschrieben? Wenn schon eine Dramatisierung, dann bitte so gut und griffig, wie Christopher Hampton und Daniel Kehlmann die Novelle von Stefan Zweig: „Geheimnis einer Unbekannten“ für die Bühne bearbeiteten.

„Der Weg ins Freie“ zieht sich über fast drei Stunden, eine Pause inclusiv. Im ersten Bühnenbild (Karin Fritz) befinden wir uns in einem Wiener Salon der Jahrhundertwende. Zwischen zur Zeit passenden Sofas und Sesseln sitzen und stehen Figuren, die über die politische Lage gesittet parlieren, sich manchmal echauffieren. Aber nicht zu viel, denn Aufregung ist in einem Salon nicht gewünscht. Es geht um Themen wie Antisemitismus, Zionismus, Kommunismus, Sozialismus und Fragen nach zwiwchenmenschlichen Beziehungen. Aber alles bleibt doch fein oberflächlich. Das Ensemble bemüht sich, den spröden Text in leichte Konversation umzuwandeln. In den folgenden Szenen verschwinden die Salonattribute, und es wird einmal in einer grauen Unterbühne, dann wieder in einer grauen Oberbühne agiert – finster ist die Zeit, in der der Bürgermeister Lueger die Meinungsmache gegen Juden vorantreibt. Hass und Denunziantentum, Opportunismus blühen. Im Mittelpunkt des Stückes steht die Frage, welcher Jude bin ich? Jede Figur verdeutlicht eine der vielen möglichen Facetten und ebenso vielfältig sind die Themen, die angeschnitten werden: Der Jude, der von Palästina und dem Zionismus träumt. Der Schriftsteller, der nicht jüdisch sein will, der Komponist, den sein Judentum egal ist. Mitten drin die Frauen, die eine schöne Staffage abgeben und bei NIchtbedarf sitzen gelassen werden. Meist monologisieren die Personen und schleudern ihre Meinungen ins Publikum. Der Regisseur Janus Kiza überlässt die Schauspieler ihrem Schicksal.

Berührend ist die Liebesgeschichte zwischen dem adeligen Möchtegernkomponisten Georg von Wergenthin (Alexander Absenger) und der bürgerlichen Anna Rosner – überzeugend schlicht von Alma Hasun gespielt. Ebenso echt die Rolle des jüdischen Arztes. Joseph Lorenz gibt dieser Figur Tiefe. Nervig wie immer Katharina Klar als kämpferische Sozialistin. Dank dieser einzelnen Spannungsmomente haben die meisten Besucher bis zum Schluss durchgehalten.

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„wortwiege“ in den Kasematten: Büchner: „Dantons Tod“

Inszenierung: Jerôme Junod, Anna Maria Krassnigg

Foto: Isabella Wolf / Robespierre. Judith Richter/Saint-Just

Vor einem nachtblauen Hintergrund ist ein Gerüst, eher eine Plattform aufgestellt. Sie soll an die Guillotine erinnern. Wir sind mitten in der Französichen Revolution. So weit so verständlich und plausibel. Die revolutionären Kräfte haben sich zerstritten. Robespierre ist radikal, Köpfe sollen rollen. Danton ist der Revolution überdrüssig geworden, zu viel Blut haben er und alle anderen schon vergossen. Er zieht sich ins Privatleben zurück, will Genuss und Lust statt Frust. So weit auch plausibel, das weiß man noch aus dem Geschichtsunterricht.

Verwirrend wird es, sobald die Frauen auf der Bühne zu agieren und zu sprechen beginnen. Wer ist wer? Vier Frauen spielen Männer, aber auch Frauen. Das Konzept ist radikal, man ist mehr damit beschäftigt herauszubekommen, wann die Figur gerade eine Frau, wann ein Mann ist. Radikalität gut und schön, aber nicht zu Lasten der Verstehbarkeit.

Bis zur Pause großes Rätselraten, dann Beratung. Aha, wenn Danton (Nina Gabriel) eine Schulter entblößt und die Haare nach vorne streicht, dann wird sie Julie, Dantons Gefährtin. Camille Desmoulins (Petra Staduan) ist sowohl Gefährte Dantons als auch Lucile, was nicht immer leicht zu unterscheiden war. Einige Zeit und Überlegungen dauerte es, bis man das Doppelspiel von Judith Richter als Marion und zugleich als den Scharfmacher Saint-Just unterscheiden konnte. Eindeutig in ihrer Rollenzuteilung war Isabella Wolf als Robespierre. Dass Frauen Männerrollen spielen, ist nicht neu. Dass Schauspieler auf der Bühne ihre Rolle tauschen auch nicht. Aber hier wird mit dem Wechsel zu oft jongliert. Bis man kapierte, wer jetzt gerade agiert, war die Szene schon vorbei.

Nach der Pause hatte man das Verwandlungsschema durchschaut und konnte sich mehr mit dem Text beschäftigen. Büchners „Antirevolutionsdrama“ ist brandmodern. Aus Mördern können keine Demokraten werden. Die Guillotine als „Reinigung“ der alten Denk- und Staatsform funktioniert nicht. Danton hat das bald erkannt, während Robespierre als verbissener Moralist weiter köpfen lässt.

Die vier Frauen machten ihre Sache gut, besonders Isabella Wolf als Robespierre überzeuget. Er/sie hatte ja keine Doppelrolle. Auch Nina Gabriel spielte den des Mordens überdrüssigen Danton gut. Dass sich Danton in die Lust und den Genuss flüchtet, ging im Spiel ein wenig verloren. Judith Richters Wechselspiel von der einfühlenden Marion zum blutgierigen Saint-Just war wohl am schwierigsten darzustellen. Aber sie machte ihre Sache recht gut. Etwas blass wirkte Petra Staduan als Camille/Lucile.

Eine interessante Inszenierung, in der die Grenzen des Regietheaters deutlich werden.

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Theater Scala: Nestroy: Umsonst

Fassung und Inszenierung: Bruno Max

Titelfoto v. li nach re: Leonhard Srajer als Pitzl, Simon Brader als Arthur, Jörg Stelling als Fabrikant Finster, Randolf Destaller als Inspizient, Teresa Renner als Schauspielerin, Bernadette Mold als Frau Gschlader.

Wo Bruno Max auf der Inszenierung draufsteht, da ist intelligenter Witz, schräger Humor und kontramodische Inszenierung garantiert.

Bruno Max siedelt das Stück in Steyr und in Braunau an, auf die Anmerkung Nestroys anspielend: Provinz ist überall. Mit voller Absicht gegen das Regietheater , das mit obskuren Bühnenbildern und/oder nackter Bühne das Publikum schon viel zu lange langweilt, lässt er Marcus Ganser ein herrrlich altmodische Bühne hinstellen: Ein kleines Theater in Steyr mit dazu passender Kantine, wo die Schauspieler dünnen Kaffee/ Gschlader auf Pump bekomen. Nicht nur die Bühne wirkt bewusst kontramodern, auch die Schauspieler. Die ganze Crew darf sich im Outieren austoben und sie machen das so intensiv gut, dass das Publikum vor Vergnügen johlt. Weil es endlich wieder einmal nicht mit dem Polit- und Moralhammer , der zur Zeit in fast allen Theatern auf uns hinuntersaust, erzogen wird. Man darf einfach lachen, sich vergnügen und die deutlichen Hinweise auf Gegenwartsprobleme registrieren, aber man muss sich nicht nachher schuldbewußt an die Brust klopfen. Zu diesem bewusst altmodischen Konzept passen auch die Kostüme von Anna Pollak, die direkt aus der Zeit Nestroys stammen könnten.

Mit Bedacht und sehr gewollt hat Bruno Max dieses Stück von Nestroy gewählt, geht es doch im ersten Teil darum, auf die ärmliche und prekäre Existenz der Schauspieler und der heutigen Kulturszene anzuspielen. Fixes Engagement – gibts nicht, das Theater ist vom Zusperren bedroht. Pitzl, der Schauspieler für die pathetischen Rollen., zitiert zum Leidwesen aller andauernd Schiller, kommt damit aber gar nicht gut an. Leonhard Srajer spielt diese Rolle herrlich übertrieben. Sein Freund und Schausspielerkollege Arthur (toll und übermütig :Simon Brader)ist über beide Ohren in Emma Busch – mit Selbstverleugnung komisch von Magdalena Hammer gespielt- verliebt. Aber natürlich stellt sich alles gegen diese Verbindung. Mit Bravour wird die Verwirrung auf die Spitze getrieben, durch Fenster gesprungen, hinter Türen versteckt etc. Das alles hat man schon oft in Komödien gesehen, aber selten noch mit so viel Übermut und Verve.

Der zweite Teil spielt in einer Gaststube in Braunau. In einer Ecke hockt ein Hitlerverschnitt. Das Peronal wird von dem Wirten Sauerfaß geschunden und schlecht bezahlt. Hermann Kogler gibt dieser Figur die bieder -berechnende Maske. Eine Sonderattacke auf die Lachmuskeln liefern Vater und Sohn Maushuber (Christoph Brückner und Rudolf Destaller). Sie sind das personifizierte Kapital, das von dem Lebenskünstler Arthur zur unnötigen Staffage degradiert wird. Un natürlich geht alles gut aus: Jeder und jede bekommt den Partner der Wahl, nachdem einige Verwirrungen geklärt sind.

Eigentlich müsste man jede kleinste Rolle vor den Vorhang rufen, denn das ganze Ensemble spielt so richtig gut und auf „Teufel komm raus“!

Wer also vom Regietheater, nackten Männerhinterteilen und brüllenden Horden genug hat, dem sei dieser Abend zur Erholung wärmstens empfohlen!!! Alle Infos unter:

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„wortwiege“ in den Kasematten zeigt: „Nussschale“

Nach dem gleichnamigen Roman von Ian McEwan

Ein noch nicht geborenes Kind bekommt im Bauch seiner Mutter alle Intrigen, Liebesschwüre, Mordkomplotte und Orgasmen mit. Dieses Kind hat noch keinen Namen. So die Ausgangslage im Roman und in der theatralischen Umsetzung. Gleich vorweg: Roman gelesen, Theater gesehen – Fazit: Das Theaterstück ist weit interessanter, amüsanter, verblüffender als der Roman, der sich in die Länge zieht.

Schon das Bühnentableau verblüfft: Im Arkadenbogen des Bühenhintergrundes ist im Video die Gestalt eines jungen Mannes zu sehen, der sich im schicken Sport- oder Mondraumfahreranzug in Maschinenräumen oder einer Mondraumkapsel bewegt. Er schaut auf eine schlafende schwangere Frau. Das ist Trudy, seine Mutter. Und er wird einmal Hamlet sein. An diesem wunderbar exzentrischen Bühentableau haben Jérôme Junod, Anna Maria Krassnigg und Christian Mair gearbeitet. Und die verschmitzt-hinterlistige Bühnenfassung des Romans haben Karl Baratta und Anna Maria Krassnigg erstellt.

Direkt vor den Augen und der Nase des ungeborenen Hamlet schmust und kopuliert seine Mutter Trudy mit Claude, der eigentlich ihr Schwager ist. Judy ist noch mit John verheiratet und ist von ihm schwanger. Aber sie hat genug von ihrem dichtenden Ehemann, hat ihn aus seinem eigenen Haus geworfen. Der arme Tropf liebt sie dennoch. Versucht sie mit einer vorgegaukelten Geliebten eifersüchtig zu machen. Doch Judy will ihn nicht wiederhaben, sondern ein für alle Mal loswerden. Mit ihrem Liebhaber Claude schmiedet sie das Mordkomplott, das auch gelingt. Doch die Polizistin ist ihnen auf der Spur. …

Der noch ungeborene, namenlose Hamlet (Flavio Schily) sieht diesem Treiben ziemlich objektiv zu, er kann ja nicht eingreifen. Seine Kommentare sind ohne moralisches Urteil, meist ironisch witzig. Claude (Jens Ole Schmieder) spielt den berechnenden Liebhaber Trudys ausgezeichnet. Er entwickelt die Idee des fingierten Selbstmordes. lenkt Judy durch Liebesspiele ab, wenn sie allzu selbständig zu denken beginnt. Martin Schwanda ist ein herrlich gutmütiger Dichtertölpel. Man versteht, warum seine Frau ihn loswerden will. Witzig ist auch die schlangenschlaue Polizistin (Isabella Wolf), die die beiden Mörder ganz langsam und genüsslich in ihren Ängsten schmoren lässt. Sie übernimmt gleichsam die Rächerrolle Hamlets, der ja noch nicht handlungsfähig ist. Petra Staduan gibt die begeisterungsfähige Dichterin mit jugendlicher Naivität und Überzeugungskraft.

Nina C. Gabriel als Judy (© Adnrea Klem)

Die Person, um die sich alles dreht, ist Judy – ganz hervorragend gespielt von Nina C. Gabriel. Wie sie aus einer nicht endenwollenden Trägheit heraus agiert, langsam und bedächtig den Mord plant, ihren Liebhaber Claude in die Schranken weist, den Ehemann von sich fern hält, dabei Pommes Frittes mampft und Wein schlürft, ist beste Schau-Spielkunst. Beinahe gleichgültig dem Geschehen rings um sie, verliert sie auch nicht ihre Ruhe, als die Polizistin an der Wahrheit schon ganz nah dran ist. Da hilft nur ein Ablenkungsmanöver: Das Kind schnell zur Welt bringen. Was sie auch prompt tut. Leider verhindert das zu früh auf die Welt gekommene Kind die Flucht der beiden. So gesehen kommt Hamlet doch noch zu seiner Rächerrolle.

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Theater in der Josefstadt: Grillparzer: Medea

Von Medea hat wohl schon jeder passionierte Theatergänger ein Bild. Bei Euripides ist sie eine starke Frau, noch immer schön, in ihrer Raserei überwältigend. Bei Simon Stone eine intelligente Frau, die ihre eigene Karriere für Jason opfert. Bei Grillparzer die wilde Zauberin aus Kolchis, eine schöne Barbarin, die ihren Götterglauben aus Liebe zu Jason aufgegeben hat und am Schluss als Büßerin das Goldene Vliess an seinen Ursprungsort nach Delphi bringen wird.

Und nun die „Medea“ nach Grillparzer, bearbeitet vom Regisseur Elmar Goerden. In dieser Inszenierung ist Medea (Sandra Cervik) eine geknickte, alte Frau. In ihrem schwarzen, bodenlangen Kittel und Kopftuch könnte sie eine Bäurin aus Westanatolien sein, die sich in der modernen Welt zurechtfinden muss, aber nicht will und kann. Die Kostüme von Lydia Kirchleitner sind genau an den von Goerden angedachten Charakter angepasst: So ist Jason (Joseph Lorenz) im schwarzen, modischen Anzug und weißen Hemd im Heute angekommen. Dem Fiesling Kreon (Wolfgang Hübsch) verpasst Lydia Kirchleitner wechselweise ein Hawaihemd oder einen lächerlichen, schäbigen Königsmantel. Dass er – und andere auch – immer wieder eisschleckend auftreten, ist zwar im Moment ein Gag und sollte wohl die Tragödie zu einer verzweifelten Komödie herunterbrechen, entpuppt sich aber letztendlich als irritierend-störend. Oder als überdeutlich-peinliches Detail. Katharina Klar als Kreusa tritt in einem blümchenblauen Debütantinnenkleid auf, ganz auf Schüchterchen und lieb spielend. Dann im Raubtierfell eines Bären (!!?) zeigt sie ihr wahres Gesicht und schmeichelt sich bei Jason und Medea als Vermittlerin ein. Über das Bärenkostüm grübelt man eine Weile nach, um es dann als gegeben hinzunehmen. Ziemlich plump ist die Rolle der Magd Gora ausgefallen. Dass Michael König in diese Rolle schlüpfen muss, ist dem modischen Wink auf die Gender-Idenditätsfrage, die momentan in keinem Stück fehlen darf, zu verdanken. Mit blonden Zöpfen und einem Bauernfrau-Outfit soll sie wohl die intime Nähe zu Medea symbolisieren.

Mythos und Gegenwart

In einem schwarzen Bühnengrund, auf dem im Laufe des Stückes eine Regendusche und eine Art Teich mit Schilfgräsern die Gegenwart andeuten, spielt sich die antike Tragödie ab.Das Bühnenbild von Silvia Merlo und Ulf Stengl vereint so die Grundlinien, die der Regisseur herausgearbeitet hat: Die Oszillierung zwischen zwei Welten, der Gegenwart und der Vergangenheit, dem antiken Mythos und dem Heute. Goerden skelettiert gekonnt den Grillparzertext auf diese beiden Themen hin: Medea ist Vergangenheit, Fremdheit, Bedrohung der scheingesicherten Bürgerwelt eines Kreon. Ihr schrieb Goerden noch Text hinzu. Sie darf sich fragen, welche Rolle sie in diesem männerbestimmten Weltbild spielt.. Dabei wendet sie sich direkt ans Publikum, auf ihre stolze Seele weisend. Dass sie sich bei diesem kurzen Monolog das Hemd aufreißen muss und die bloße Brust de Publikum entgegenreckt, ist unnötig bis peinlich. Die Krusejfavoritin Bibiana Beglau machts vor und andere folgen ihr.

Geschickt verknüpfte schon Grillparzer – er kannte Euripides sehr gut – das Ehedrama mit der Flüchtlingssituation. Und Goerden folgt hier Grillparzer getreu. Die Hauptlast des Dramas legt er auf das Paar Jason-Medea. Dass sich die beiden einst bis zum Wahnsinn liebten, sexuell begehrten, davon ist kaum mehr was zu merken. Die Küsse und Umarmungen sind eher Ausdruck der Verzweiflung. Beide wissen, dass sie einander verloren haben. Jason will es nicht wahrhaben, betont seine Liebe zu Medea so lange sie nicht für ihn gefährlich wird. Als es heißt, Medea muss gehen, er darf bleiben, da wendet er sich voll Hass von ihr ab. Joseph Lorenz ist kein verglühender Held, er ist ein gebrochener Mann, der den Boden unter seinen Füßen verloren hat. Er spielt einen nervösen, ängstlichen Antihelden. Eigentlich versteht man nicht, was Kreusa noch an ihm findet, warum sie ihn Medea abspenstig macht. Sprachlich ist die Rolle Jasons die schwierigste von allen. Denn er muss zwischen Grillparzersprache und heutigem Ton hin- und herpendeln. Die Kluft, die sich dabei auftut, ist gewollt. Denn es ist auch die Kluft, die Jason innewohnt. Ein sensibles Spiel, das Joseph Lorenz mit müder Eleganz erfüllt.

Sandra Cervik hat viele Hürden zu nehmen. Da sie in ihrer Ausstrahlung keine Medea ist, muss sie dieses Manko durch überstarkes Spiel ausgleichen. Was ihr an vielen Stellen gelingt. Aber die Mördermutter nimmt man ihr nicht ab. Da fehlt die Erschütterung. Es ist ein kalkulierter Mord, der so nebenbei im Hintergrund der Bühne abläuft. Was darauf folgt, ist Schhock: Goerden endet die Tragödie in einer Spaßszene: Alle Toten stehen auf und vereinen sich in einer lustigen Party. Wie das zu verstehen ist? Vielleicht wollte er auf die Hollywood-Blockbusterfilme anspielen, in denen es kaum ein böses Ende nimmt oder nehmen darf. Auf jeden Fall zerstört er damit die Dramatik, die Medea vorher intellektuell leidend versucht hat aufzubauen. Und er bringt sich und seine beiden Hauptdarsteller um die tief berührende Schlussszene, wie sie Grillparzer schrieb: Während Jason in Selbstmitleid zerfließt, herrscht ihn Medea mit starker Stimme an: Trage, dulde, büße! Sie geht nach Delphi und wird dem dunklen Gott das Unglücksvliess zurückgeben. An Selbstmord denkt sie nicht, das erscheint ihr eine zu leichte Lösung.

Ein starkes Stück mit beeindruckenden schausspielerischen Leistungen. Durch Überinszenierung, unnötige Gags und den komischen Schluss nimmt der Regisseur viel von der Wirkung weg.

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Foto: Silvia Matras

Inszenierung: Bruno Max

Das muss man Bruno Max lassen: Er hat ein Gespür für richtige Location! Die impsosante Fassade des ehemaligen Waisenhauses, gestiftet von dem Anatomen Josef Hyrtl, erbaut im spätgotischen Mischmaschstil des ausgehenden 19. Jahrhunderts, unter der Leitung des damaligen Bürgermeisters Josef Schöffel, stellt die ideale Kulisse für dieses Degenstück dar. Alles da, was man braucht: Schloss, Schlossgraben, Garten – schnell imaginiert mit drei Plastikkugelbäumen – ja selbst für den Buckinhampalast ist diese schöne Fassade eine ideale Kulissse. „Wir schlagen damit (-mit der Wahl dieses Platzes) mehrere Fliegen mit einer Klappe“, schreibt Bruno Max im Programmheft. „Wir bringen Theater in die Schöffelstadt, die im Gegensatz zur Altstadt theatermäßog unterversorgte Zone Mödlings, und zeigen das schlafende Potential dieses schönen Platzes auf.“

Die Fassade des Waisenhauses im Abendlicht (© Silvia Matras)

Der Roman von Alexandre Dumas schildert die Lebensgeschichte der drei Musketiere, die als Leibgarde dem König Ludwig XIII und Königin Anna dienen. Im steten Kampf mit den Gardisten des hinterlistigen Kardinals Richelieu bleiben sie meist siegreich. Im Mittelpunkt steht der junge d´Artagnan, der von seinem Vater zu einem mutigen Kämpfer mit offenem Herzen und mutigem Sinn erzogen wird.

Das Stück beginnt mit dem Begräbnis des Helden. Vor der von der letzten Abendsonne beleuchteten Fassade tragen die Kameraden Athos, Porthos und Aramis den Sarg mit dem Leichnam d´Artagnans zu Grabe. Eine Reporterin mit Mikrofon versucht vergeblich, ein Interview zu bekommen. Dann folgt Schlag auf Schlag eine Szene nach der anderen, jede einzelne ein Bravourstück der Choregrafie und der Komik!!! Noch im milden Abendlicht sehen wir den Knaben d`Artagnan, den sein Vater unermüdlich im Fechten trainiert, die Mutter ihn liebevoll füttert. Aus dem Knaben wird ein junger Mann, der sich von seinen Eltern verabschiedet. Der Vater schenkt ihm den Familiendegen und das letzte Pferd aus dem Stall – eine Szene, so rührend wie komisch zugleich. Das ist überhaupt die Stärke der Inszenierung: Es darf romantisch, heldisch werden, aber immer endet jede Szene mit einem Augenzwinkern oder einer ironisch-witzigen Verdrehung der Situation. Das Publikum applaudierte oft nach einzelnen Szenen, was die Stimmung des Abends enorm hob. (Sie war immer gut, aber so eben noch mehr als gut – super!) Marcus Ganser, verantwortlich für die Details auf der Bühne, belebte die Szenerie mit komischen Details, etwa den Topfpflanzenträgern, den Schafhütern oder den Wäsche aufhängenden Nonnen.

Wie immer, wenn Bruno Max eine Komödie inszeniert, holt er sich exzellente Schauspieler. Die Musketiere und die Gardisten des Kardinals fechten auf Teufel komm raus. Selbst die kleinsten Szenen sind mit Erzkömödianten besetzt -So etwa gibt Bernie Feit einen an das Darmolmandl erinnernden kläglichen Ehemann der schönen Constance ab. Derselbe spielt auch den alten, leicht verkalkten Chef der Musketiere. Alle, wirklich alle spielen ihre Rollen, als wären sie mit ihren Kostümen in diese Zeit hineingeboren. Apropos Kostüme: Sigrid Deger leistet sich den Luxus, die Schauspieler in historische Gewänder zu stecken! Was für eine Wohltat, einmal keine Modeflicken der Gegenwart deuten zu müssen!

Aber ein Schauspieler sei aus dem glanzvollen Ensemble doch noch deutlich hervorgehoben: Der junge Angelo Konzett spielt den d´Artagnan, als wäre er mit dem Degen geboren. Er fegt über die Bühne, springt über Gräben, als hätte er Hermesschuhe an. Das mutige, offene Herz eines Musketieres glaubt man ihm sofort. Ein Name, den man sich merken sollte!

Das Publikum dankte dem ganzen Ensemble mit langem Applaus und viel Bravorufen.

Es wird noch bis zum 4. September gespielt. Also unbedingt anschauen!!

Alle Informationen unter: http://www.theaterzumfuerchten.at

Volksoper im Kasino Schwarzenberg: Leyla und Medjnum

Musik: Detlev Glanert

Märchen für Musik, Libretto von Aras Ören und Peter Schneider, Textfassung für die Volksoper: Ruth Brauer-Kvam und Nicolaus Hagg, Dirigent: Gerrit Prießnitz, Regie und Choreographie: Ruth Brauer-Kvam

Der Bühnenraum des Kasinos bildet mit den klassizistischen, goldvergilbten Einfassungen in der Hinterwand, gehalten in müd-grauen Farben, die ideale Projektionsfläche für die Videos mit alten persischen Schriftzeichen. Der Boden ist mit Teppichen ausgelegt, die im Laufe des Spieles mit Schriftfahnen bedeckt werden. (Bühnenbild und Kostüme: Monika Rovan)

Der Dichter Rumi (1207-1273) war einer der bekanntesten persischen Dichter des Mittelalters. Seine Erzählung „Leyla und Medjnum“ gehört zum Kodex der persischen Literatur und ist bis heute im persischen Sprachraum und darüber hinaus bekannt. Leyla und Medjnum sind in tiefer Liebe zueinander entbrannt. Die Eltern akzeptieren diese Liebe nicht. Medjnum geht in die Wüste und schreibt Gedicht um Gedicht über seine Liebe zu Leyla. Vergisst darüber die Realität. Er verliebt sich in jedem seiner WErke neu in die Liebe als absolute Kraft, die den Menschen die Angst vor der Macht nimmt und gegen Kriege wirkt. Leyla hingegen bleibt in der Realität, sehnt sich nach ihrem Geliebten – vergeblich. Sie wird mit einem reichen Mann verheiratet. Das traurige Ende ist erahnbar: Leyla und Medjnum werden sich vielleicht nach dem Tod im Paradies wieder begegnen. Medjnum letzte Worte: Ich schreibe diese Gedichte, damit niemand mehr aus Angst das Paradies anbetet. Als Rumi dieses Ende schrieb, war die Sufireligion, der er angehörte, anerkannt als eine Religion, die frei von Angst macht.

Neben der Liebe ist die persische Schrift ein weiteres zentrales Thema. Denn ohne Wort und Schrift gibt es keine Ideen, keine Entwicklung. Um dies zu verdeutlichen, setzt Ruth Brauer-Kvam als choreographische Geste und Versinnbildlichung die Gebärdenspräche ein. Sie passt sich ausgezeichnet dem Rhythmus der Musik an und erinnert im Gestus an die Bewegungen des orientalischen Tanzes. Ruth Brauer-Kvam macht sie zum Element des Lebens, lässt sie auf den Körpern, den Schirmen, den Fahnen erscheinen. Mit dieser Hommage an die persische Schrift, die in ihrer Eleganz unübertroffen ist, setzt die Regisseurin auch einen Kontrapunkt gegen unsere schnelle, schludrige Welt, die sich mit Mails und mit gedankenlosen Verkürzungen begnügt.

Die Musik von Detlev Glanert unterstreicht die Tendenz, in der sich das Schauspiel über die Liebe darbietet: Leicht könnte die Legende über die Liebe in schwülstigen Kitsch abgleiten. Dieser Gefahr entgeht die Produktion durch die Musik, die nur selten Romantik aufkommen lässt. Was ein wenig fehlt, ist die Sinnlichkeit, die jede orientalische Erzählung ausstrahlt. Musik und Regie haben sich für die Abstraktion entschieden und entgehen dabei nicht immer der Gefahr des Manierismus. Mit dieser Produktion setzt die Volksoper die Programmschiene fort, die moderne Musik dem Publikum nahe bringen will.

Zu bewundern ist die Leistung des gesamten Ensembles, das sich trotz 32° im Raum ganz dem Geschehen hingab. Allen voran sind Mara Mastalir als Leyla, Nicolaus Hagg als ERzähler und Alexander Pinderak als Medjnum zu loben. Das Publikum dankte mit freundlichem Applaus.

www.volksoper.at

Theater in der Josefstadt: Geheimnis einer Unbekannten (Stefan Zweig)

Christopher Hampton nach Stefan Zweigs Novelle „Brief einer Unbekannten“. Deutsche Übersetzung von Daniel Kehlmann

Fotocredit: Moritz Schell

Wenn Christopher Hampton ein Werk dramatisiert, dazu die Regie führt und Daniel Kehlmann für die deutsche Übersetzung zeichnet, dann ist ein Abend von hoher Qualität sicher. Genau abgestimmt zu der subtilen Regie passt das Bühnenbild von Anna Fleischle: Ein nobler Raum und ein schlichter Stiegenaufgang werden durch geschickte Lichtführung (Emmerich Steigberger) je nach Szene verändert. In den Kostümen von Birgit Hutter sind Anlehnungen an die Zeit der 1930er Jahre zu erkennen.

Über allem liegt ein Schleier der Erinnerung. Im Rückblick wird die Geschichte Mariannes, ihre tiefe, unveränderte und starke Liebe zu dem bekannte Schriftsteller Stefan, den man unschwer als Stefan Zweig erkennt, aufgerollt. Geschickt hat Christopher Hampton in das Geschehen Details aus dem Leben des Schriftstellers eingeflochten. Verbittert über das Aufführungsverbot seiner Stücke und seine Verfemung als jüdischer Schriftsteller betont er: „Ich bin kein jüdischer Schriftsteller, ich gehöre zur deutschen Nation.“ Vielen jüdischen Künstlern sollte diese falsche Einschätzung der Lage das Leben kosten. Stefan (Zweig) denkt am Ende ans Weggehen, an Flucht. Der Tod Mariannes hat ihn schwer erschüttert.

Die Liebe ist das Hauptthema. Mariannes Liebe ist unbedingt und für Stefan, den eitlen und erfolgsverwöhnten Fraueneroberer zunächst nur ein angenehmes Erlebnis. Ihm bedeutet die Liebe zu dieser Unbekannten nicht mehr als die Garantie für eine erotische Nacht. Diskret geleitet er seine Eroberung ins Schlafzimmer und schließt leise die Tür. Am Morgen erwartet er ungeduldig ihren Abgang, steckt ihr zu seiner eigenen Gewissensberuhigung heimlich Geld in die Handtasche. Erst viele Jahre später wird er die Wahrheit erfahren: Marianne hat eben den Sohn, den sie in der einen Nacht gezeugt haben, ohne sein Wissen und Hilfe erzogen. Als er starb, geht auch sie in den Tod, nicht ohne vorher Stefan die ganze Wahrheit über ihre Liebe zu ihm zu gestehen. Ganz ohne Bitternis und Vorwürfe sagt sie ihm: Du hast mich nie erkannt.

Martina Ebm gelingt es, all die verschiedenen Rollen, die des verträumten Schulmädchens, die der jungen Frau, die sich auf eine Nacht mit dem Geliebten einladen lässt, und die der erfahrenen Frau, die durch großes Leid gegangen ist, grandios zu verwirklichen. Nie kommt auch nur ein Hauch von Kitsch in ihre Erzählung, wenn sie sich an das schüchterne Mädchen erinnert, das mit Herzklopfen auf den Stiegen Stunden gewartet hat, nur um einen Blick von ihm zu erhaschen. Er aber hat sie übersehen, nie erkannt. Den schwierigeren Part hat Michael Dangl. Denn einen eitlen Mann zu spielen, das wäre ja noch leicht. Doch den Übergang von Eitelkeit zu Erkenntnis und Schuld – das verlangt ein feines Spielsensorium. Was Michael Dangl ohne großes Wortbrimborium in schlichter Weise meistert.

Bleibt zu hoffen, dass das Stück im Herbst wieder aufgenommen wird.

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Theater Scala: Arthur Miller: Tod eines Handlungsreisenden

Deutsch von Völker Schlöndorff und Florian Hopf

Regie: Peter M. Preissler, Bühne: Markus Ganser, Kostüme: Sigrid Dreger

Als das Stück 1949 uraufgeführt wurde, war es sofort ein Riesenerfolg, und Arthur Miller wurde schlagartig berühmt. Der amerikanische Traum hatte schon lange zu bröckeln begonnen. Kapitalismusgläubigkeit war einmal. Es ist kein Wunder, dass es bis heute immer noch oft und erfolgreich gespielt wird. Allerdings weniger oft bei uns. Zuletzt brillierte 2008 Heinz Marecek als Willy Loman im Volkstheater.

Nun wählte man sehr passend zur Coronaepidemie und der Wirtschaftskrise im Theater Scala gerade dieses Stück, obwohl der Intendant Bruno Max im Vorwort des Programmes betont, das es kein „explizites Corona-Stück“ sein soll. Aber ein besseres konnte man gar nicht finden in einer Zeit, wo viele Geschäftstore für immer verschlossen bleiben und die Zahl der Arbeitslosen enorm ist. Den Traum vom großen Geld haben sich die Großkonzerene verwirklicht als Gewinner der Epidemie. Alle anderen werden sich den Traum vom kleinen Ersparten abschminken und schauen, wie sie über die Runden kommen.

Zunächst einmal: Ein großes Lob an die Regie! Peter Preissler hat sich ganz uneitel, ohne Regiemätzchen dem Text anheimgestellt. Denn Arthur Miller war ein handwerklich ausgezeichneter Dramatiker, da muss ein Regisseur nicht mit Eigenwilligkeiten und Absonderlichkeiten dreinfunken. Es tut richtig gut, wieder einmal ein Theater zu sehen, das den Zuschauer nicht vor Rätselaufgaben stellt. Er, der Zuschauer, darf sich ganz auf den Text und die großartigen Schauspieler konzentrieren. Dezent, aber eingängig wurde Preisslers Konzept vom Bühnenbildner Marcus Ganser und den Kostümen von Sigird Dreger unterstützt. Eine Werbewand zeigt den Topos einer glücklichen, amerikanischen Familie in einem Auto der 50er Jahre: Alle strahlen vor Happyness. Das Inventar der Wohnung spricht allerdings eine ganz andere Sprache: einsames Prunkstück ist ein Eiskasten, der noch nicht ausbezahlt ist. Die Betten im Oberstock sind karg, ansonsten wirkt alles eng und kleinstbürgerlich.

Die großartige Leistung des gesamten Ensembles lässt den Zuschauer konzentriert und fast atemlos der Handlung folgen, auch wenn man sie schon kennt. Man hätte für die Rolle des Willy Loman keínen besseren als Thomas Kamper finden können. Er ist ein eitler Träumer, voller Lebenslügen und falschen Hoffnungen. Auch wenn er seine Frau Linda – sehr gut Susanne Winter – anschreit, sie mit einer Hure betrügt, so spürt man die Liebe, die er für sie hat. Auch die Verantwortung, unter der er zusammenzubrechen droht. Und die ihn letztendlich in den Selbstmord treibt. Wichtig ist ihm, seine Lebenslüge vom bestmöglichen Leben, von der großen Karriere, vom Wichtigsein, vor allem von dem Erfolg seines in seinen Augen genial-begabten Sohnes Biff aufrecht zu erhalten. Philipp Stix ist dieser Sohn mit allen Fasern: einst vom Vater zum Hochglanzsohn aufpoliert, dann fürchterlich gescheitert, von zu Hause ausgerissen, kehrt er wieder, weil er alles verloren hat. Und wie es für den gütigen Vater so gehört, er nimmt ihn auf, weil er immer noch an dessen Erfolgskarriere glauben will. Dass er damit den Sohn überfordert und letztlich ruiniert und zu einem Dieb und Herumtreiber gemacht hat, macht ihm Biff in einer erschütternden Szene klar. Hilflos und vom Vater unbeachtet muss der zweite Sohn Happy (sehr gut Thomas Machart) dieser Familientragödie zusehen. Aber Willy Loman ist nicht nur Täter, indem er die Familie mit seinen Pseudokarrieregeschichten täuscht, er ist auch Opfer. Opfer eines kapitalistischen Systems. In einer der bedrückendsten Szenen verlangt er beim Firmenchef – bezwingend widerlich gespielt von Regis Mainka – eine Gehaltserhöhung. Er nimmt sich zumindest vor, sie zu verlangen. Doch bald schon fällt er auf die Knie und fleht um wenigstens ein Almosengehalt. Als der Boss ihm stattdessen die Kündigung kalt serviert, schreit er ihn an: „Du kannstt die Zitrone nicht auspressn und dann die Schale wegwerfen – ein Mensch ist doch kein Abfall!“

Berechtigter begeisterter Applaus für alle Schauspieler und das ganze Regieteam! Eine bemerkenswerte Aufführung, ganz ohne Regietheaterquälerein, deshalb doppelt wirksam!

Karten und Infos: http://www.theaterzumfuerchten.at/TheaterScala

Trotz Corona und langem Lockdown wurde im Untergeschoss der Scala ein neues Theater eröffnet. „Während andere zusperren, eröffnen wir neu“ heißt es im Flyer. Im „Scalarama“, wie das neue Baby heißt, ist bis 18. Juni „Der zerbrochene Krug“ von H.C. Artmann nach Heinrich von Kleist zu sehen. Kartenreservierung: 01/544 20 70

Foto: Luise: Emilia Rupperti, Ferdinand: Tobias Artner, Walter: Tilman Rose, Wurm: Tim Breyvogel, Vater Miller: Andreas Patton.

Es beginnt eindrucksvoll mit exerzierenden Soldaten. Damit wird das Hauptthema angeschnitten: Schiller schrieb dieses Drama in seiner Sturm und Drangzeit. Er klagte die Despotenmacht der Fürsten an, die Soldaten zwangsrekrutieren, sie nach Amerika verschicken und für jeden hohe Summen kassieren. Mit diesem Blutgeld füllen sie ihre Staatskassen und können sich jeden Luxus leisten, wie etwa teuren Schmuck für die jeweilige Mätresse.

Dieser an sich gute Regieeinfall (Regie: Alexander Charim) geht aber ins Leere, wenn man nicht die historischen Fakten kennt. Erst viel später erklärt sich diese Szene im Gespräch zwischen Lady MIlford und dem Kammerdiener des Fürsten, wenn die Lady erfahren muss, womit all der Schmuck und Luxus bezahlt wird.

Interessant, aber nicht immer nachvollziehbar sind auch die Szenen, in denen die Schauspieler auf eine Wand klettern und mit eigenartigen Instrumenten unangenehme Geräusche erzeugen. Der Sinn dieser immer wiederkehrenden Aktionen hat sich mir nicht erschlossen. Sollen es die Misstöne in der Gesellschaft sein?

Schiller war Revoluzzer und Moralist. In all seinen Dramen ging es um den Konflikt zwischen Pflicht und Neigung und um die Fragestellung: Wer darf Macht über andere Menschen ausüben? In „Kabale und Liebe“ ist so gut wie die ganze Schillersche Tragödientheorie ablesebar: Luise entscheidet sich, ihre Liebe zu opfern, um das Leben des Vaters zu retten. Sie handelt nach dem, was ihr die Pflicht gebietet. Sie weiß sehr früh, dass ihre Liebe zum Sohn des Präsidenten keine Zukunft hat. Denn das Gesellschaftgefüge ist starr und es zu durchbrechen unmöglich. Ferdinand, der Träumer und Idealist, glaubt daran, dass Gesellschaftsschranken niedergebrochen werden können. Vater Miller ist der gehorsame Untertan, der die gesellschaftlichen Schranken ohne zu hinterfragen akzeptiert. Der allmächtige Fürst bleibt unsichtbar, spielt aber in jeder Szene die führende Rolle. Denn ohne seinen Willen kann gar nichts passieren. So hat jede Figur ihre theoretische Rollenaufgabe.

Aktueller denn je ist dieses Drama, weil Schmutzkübel und Intrigen der Politik offen dargelegt werden. Der Sekretär Wurm übernimmt gerne die kriecherische Rolle des Intriganten, wenn er nur damit seine eigenen Ziele – die Heirat mit Luise – durchsetzen kann. Ebenso der Präsident, Vater Ferdinands. Nicht ganz einsichtig war, warum der Regisseur den Schluss radikal verändert hat. In der Originalfassung vergiftet Ferdinand Luise und sich selbst. Charim hingegen meidet diesen eindeutigen, dramatisch sehr wirksamen Schluss und entlässt die Figuren in eine ungewisse Leere.

Dieser schwierigen Aufgabe, dem politischen Statement, den moralischen Aussagen und den hohen Idealen, die Schiller in all seinen Dramen postuliert, gerecht zu werden, gelingt in der Aufführung nur teilweise. Manchmal fehlt es an Wortdeutlichkeit, dann wieder am richtigen Umgang mit der nicht immer einfachen Sprache Schillers. Denn die ist kräftig, treffend, aber weit entfernt von unserem heutigen. von der digitalen Welt geprägten legeren bis sinnentleertenUmgangston.

Freundlicher Applaus

http://www.landestheater.net

Kleist: Der zerbrochene Krug. Sommerspiele Perchtoldsdorf

Den Sommerspielen Perchtoldsdorf ist es gelungen, mit Kai Maertens für die Rolle des Dorfrichters Adam und Birgit Stöger als Frau Marthe zwei großartige, in Perchtoldsdorf noch nicht gesehene Darsteller zu gewinnen, an deren Seite langjährig verbundene Schauspieler*innen wie Marie-Christine Friedrich, Dominik Warta und Emanuel Fellmer zu sehen sind. Neu auch im Ensemble das Liebespaar: Hannah Rang als Eve und Phillipp Laabmayr als Ruprecht, die beide frisch von der Schauspielschule in diese jugendlichen Glanzrollen schlüpfen werden.

Vom 30.06-31.07 2021

http://www. sommerspiele-perchtoldsdorf.at

Goldoni: Die Verliebten. Ab 16. Juli im Wiener Lustspielhaus

Das Wiener Lustspielhaus ist zurück und wird dieses Jahr das für 2020 bereits geplante Stück „Die Verliebten“ von Carlo Goldoni Am Hof zur Aufführung bringen. Adi Hirschal ist in der Rolle des Eugenius Speismeier zu sehen. Als Erbe eines heruntergekommenen Ringstraßen Palais‘ und überforderter Onkel zweier Nichten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, versucht er, von ständigem Geldmangel bedroht, seine beiden Nichten Flori und Violetta mit Kunstsinn und Kochkunst an den Mann zu bringen. Mit von der Partie noch der Rechtsanwalt Willibald Winkel, Graf Rupert von Tanelle und das Gefühlsbündel Valentin Schmor. Für die dringend notwendige Bodenhaftung sorgen die treuen Diener Sigi Durstl und Toni Huber. Begleitet von drei wunderbaren Musikern findet schließlich jeder Topf seinen Deckel…

Besetzung
Eugenius Speismeier, Privatier – Adi Hirschal
Rupert von Tanelle, ein Adliger – Nikolaus Firmkranz
Violetta Speismeier,  Eugens Nichte – Doris Hindinger
Flora Speismeier, Violettas Schwester – Julia Jelinek
Valentin Schmor, ein Bürger – Christian Kainradl
Willibald Winkel, ein Anwalt – Nikolaus Firmkranz
Henriette Schmor, Valentins Schwägerin – Judith Thaler
Sigi Durstl, Eugens Diener – Christian Kainradl
Toni Huber, Valentins Diener – Adi Hirschal

Team
Autorin, Regie & Kostüme – Maddalena Hirschal
Bühne – Stefan Koch
Musikalische Leitung – Thomas Mahn
Maske – Zoe Marvie
Ton – Otto Bräuer
Licht – Sigrid Feldbacher
Regieassistentin – Judith Thaler
Produktionsleitung – Anita Horak
Geschäftsführung – Siegmund Ganswohl
Intendanz – Prof. Adi Hirschal

Gastprogramme mit „Wiener Schmäh“
Auch dieses Jahr gibt es ein zweimaliges Wiedersehen mit Adi Hirschal und Wolfgang Böck und ihren Strizziliedern. Des Weiteren Polly Adlers Nymphen in Not mit Angelika Hager, Ulrike Beimpold, Petra Morzé. Dem Thema Verführung ab 50 widmen sich Heilbutt & Rosen mit Theresia Haiger und Helmuth Vavra. Erika Pluhar und Adi Hirschal lesen und singen „Miteinander“ ausgewählte Texte und Lieder musikalisch unterstützt von Roland Guggenbichler. Das Finale des Sommers 2021 ist dann wie gewohnt das traditionelle Sommerschluss-konzert mit Adi Hirschal und den Brennenden Herzen – ein Gala-Abend in XXL-Format!

Alle Infos unter: http://www.wienerlustspielhaus.at

Der Leichenverbrenner. Franzobel nach Ladislav Fuks. Akademietheater

Regie: Nikolaus Habjan. Puppenbau: Nikolaus Habjan und Marianne Meindl. Bühne: Jakob Brossmann. Kostüme: Cedrik Mpaka

1967 schrieb der tschechische Autor Ladislav Fuchs (1923-1994) den Roman „Der Leichenverbrenner“. Darin lotet er die Mechanismen aus, die aus einem Familienvater einen glühenden Nazi und Mörder werden lassen. Franzobel arbeitete den Roman zu einem irritierenden Drama um. Der Intention des Werkes folgend schuf er eine Art Fabel, in der die Protagonisten stellvertretend für Menschen in einer gefährlichen Umbruchszeit stehen. Alle handelnden Personen sind Prototypen, sie agieren wie Marionetten nach einer Logik, die ihnen eingeschrieben ist. Wann und wie aus einem „fürsorglichen Familienvater“, wie sich Karel Kopfrkingl gerne selbst lobt, ein Anhänger Hitlers und Mörder wird, lotet Franzobel in einer Art Stationendrama aus.

Karel Kopfrkringl testet gerne die Macht über seine Kinder und Frau aus. Die Grausamkeiten tarnt er unter einem Geschwürbe von schönen Worten. Je mehr er verletzt, desto mehr betont er seine Fürsorge. Eine Gewaltrspirale unter dem Deckmantel der Liebe. Michael Maertens in glatter Scheitelfrisur und korrektem Anzug spielt diese Rolle des mordenden Menschenfreundes perfekt. Mit einer Kunstsprache, in der immer der Ton Grausamkeit mitschwingt, wird er zum perfekten Typus des karrieresüchtigen Mitläufers. Denn nach jedem Verrat an Freunden steigt er die Leiter im Krematorium hoch, bis er schließlich Direktor dieser Menschenverbrennungsanlage wird.( Die Symbolik ist ein wenig zu vordergründig, aber wirksam!) Dorothee Hartinger ist eine in stummer Ergebenheit nebenher stehende Ehefrau, die nur hin und wieder aufmuckst, wenn der Göttergatte den schüchternen Sohn (Sabine Haupt) in Grund und Boden kritisiert und lächerlich macht. Alexandra Henkel als Tochter schleckt Eis und malt sich die Lippen an, lässt die Attacken des Vaters an sich abprallen. Dem Schicksal, vom Vater erschlagen und in einen Sarg gebettet zu werden, entgeht sie dennoch nicht. Denn der treusorgende Familienvater findet seine Familie zunehmend karrierebehindernd. Deshalb bringt er auch gleich die Frau und den Sohn um. Wenn schon, denn schon. Als Belohnung für seine Taten winkt ihm der Posten eines Dalai Lama. Das ist kein Witz, sondern Groteske auf die Spitze getrieben.

Ein Stoff, für den Puppenspieler Nikolaus Habjan wie geschaffen! Gemeinsam mit Manuela Linshalm (Puppenbauerin und Puppenspielerin) und Jakob Brossmann, verantwortlich für die Bühne, schuf er ein Theater der Groteske. Er ließ das ganze Geschehen in einer Bühne auf der Bühne ablaufen. Schuf Puppen von betörender Grauslichkeit, wie etwa das streitende Ehepaar: Sie ist eine Kassandra, die das Übel des Weltkrieges kommen sieht, er hält sie für dumm und krank und verdrischt sie nach Lust und Laune. Grausamkeiten, die man als Zuschauer nur erträgt, weil es Puppen sind. Eindrucksvoll auch die Puppenfigur des überzeugten Hitleranhängers Reinke, hinter der Nikolaus Habjan in Totenmaske steht.

Ein Abend, der Ablehnung und Bewunderug auslöst. Ablehnung, weil die Figuren oft recht klischeehaft gezeichnet sind. Bewunderung für die Leistung der Schauspieler und der Puppenspieler, die aus dem grotesk-tragischen Mischmasch ein eindrucksvolles Ganzes schufen.

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Molière: Schule der Frauen. Landestheater Niederösterreich

Regie: Ruth Brauer-Kvam, Bühne: Monika Rovan, Kostüme: Ursula Gaisböck, Musik: Ingrid Oberkanins

Ein schon in die Jahre gekommener Esel von einem Mann, bekannt in Paris als Spötter und Eheflüchter, entschließt sich zu heiraten. Um ja sicher zu gehen, dass ihn seine Zukünftige nicht betrügen wird, züchtet er sich die ideale Ehefrau heran: Ein Mädchen aus dem Kloster, das nichts von der Welt gesehen hat. Dumm soll sie sein, dumm soll sie bleiben. Doch dieses Mädchen ist klüger als der alte Esel vermutet. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, die der alte Esel – Molière nennt ihn Arnolphe – setzt, verliebt sich das Püppchen – Agnès genannt – in den lebenslustigen Horace, der sie die Freuden des Lebens, der Liebe lehrt. Natürlich bekommt Agnès ihren Horace und Arnolphe muss klein beigeben.

Eine Klischee- Geschichte, oft durchexerziert in der Oper, vor allem aber Grundlage für viele Komödien, besonders der Commedia dell`Arte und der späteren Zeit.

In einer Komödie fragt man nicht, ob das Thema heute relevant ist. Hauptsache ist der Witz, der Einfall. Manche Regisseure setzen den Stoff in die Gegenwart (so gerade in der Staatsoper im „Don Pasquale“ zu erleben und zu genießen). Viele greifen auf die Figurenführung und Kostüme der Commedia dell`Arte zurück und bleiben in dieser Zeitschiene.

Ruth Brauer-Kvam setzt alles ein, was aus der Komödienkiste kommt: Die Übertreibung aus dem Slapstick, die Bewegungen aus der Commedia dell`Arte, Grundzüge aus dem Marionettentheater und Heutiges, wie zum Beispiel die Musik von Ingrid Oberkanins, die das Geschehen ironisch begleitet . Eine Mischung, die amüsant ist, aber die Gefahr des Zuviel birgt.

Alle Schauspieler sind mit einem überschäumenden Temperament ausgestattet. Voller körperlicher Einsatz wird verlangt, vor allem von Tim Breyvogel und Tobias Artner als die beiden urdummen Diener von Adolphe, gespielt von Tilma Rose. Letzteren in seinem Antrittsmonolog zu verstehen, war ziemlich mühevoll. Denn bis die Worte auf den Balkon, 3. Reihe, gelangten, waren die Endungen und manche Vokale schon irgenwo im Nirwana verschwunden. War der deutschgefärbte Akzent bewusst eingesetzt? Entzückend Laura Laufenberg als Agnès. Zuerst als Puppe mit Rollschuhen, dann im Laufe ihrer Emanzipation in kurzem Kinderkleidchen. Zuerst naiv, dann aber schlau naiv. Witzig auch Horace (Philip Leonhard Ketz) als Latin-Lover. Er ist niedlich, wie er so verliebt über die Bühne haspelt und stolpert. Einmal auch zu Pferd, was irgendwie komisch sein sollte, aber doch nicht allzu schlüssig war. Es blieb ein Gag um des Gags willen.

Die Idee, mitten im Geschehen die Figuren Uranie und Climène umhermarschieren und das Spiel kommentieren und kritisieren zu lasssen, wirkt allzu gewollt und aufgesetzt „postmodern“. Schon klar, sie stellen die Kritiker, die einst über Molière herfielen, und zugleich die möglichen Kritiker der gegenwärtigen Aufführung dar. Doch die theoretischen Auseinandersetzungen gehen in dem allgemeinen Trubel unter. Noch unnötiger ist das Liebesgerede der beiden.

Fazit: Eine quirlige Inszenierung, gespickt mit vielen Regieeinfällen, die manchmal zu viel des Guten sind. Körperlich gut trainierte Schauspieler, die mit vollem Einsatz spielen.

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Landestheater Salzburg: Faust. Inszenierung:Carl Philipp von Maldeghem

„Faust“, wie man ihn noch nie so klar, ganz ohne Regiekapriolen gesehen hat. Für mich die beste Faust-Inszenierung, die ich je erlebte.

Wenn der Intendant des Landestheaters von Maldeghem und Christian Floeren (Bühne und Kostüme) zusammenarbeiten, dann weiß man, dass es großartig wird. Ein Feuerwerk an Bildern und Schauspielleistungen ließ mich ruhig zurücklehnen und genießen! Ich war nicht gezwungen, mich zu fragen, was dieses oder jenes bedeuten könnte. Alle Szenen waren eingängig, ohne dabei einer Simplifizierung zum Opfer zu fallen.

Dass die Schauspieler durchwegs großartig waren, versteht sich von selbst. Allen voran der quirlig-witzige Gregor Schulz als Mephisto. Er wirbelt über die Bühne und lehrt Faust, was Leben heißt. Denn der (Christoph Wieschke) bekommt hier von der Regie ordentlich sein Fett ab: Ein erfolgloser, frustrierter Forscher, der mit seinem Leben nichts mehr anzufangen weiß und gerade dabei ist, sich umzubringen. Irgendwie tranig verfolgt er, was da Mephisto ihm vorspielt, selbst der Verjüngungstrank kann ihn nicht wirklich in einen Jungspund verwandeln. Ein Mädchen, fast noch ein Kind, muss es sein!. Ein junges, frisches Ding, ja, da wachen seine Hormone auf. Nikola Rudle als Gretchen gibt es ihm ziemlich barsch: Danke, ich brauch keine männliche Begleitung, ich finde allein nach Hause. Und schwingt ihren reizenden Popo, der in einer kurzen, abgerissenen Jeans steckt, von dannen. In keiner Szene wird sie zu einem Jammerwesen. Stark bis zum Schluss. Im Gefängnis ist sie nicht wahnsinnig, sondern klarsichtig und scheucht Faust mit den bekannten Worten: Heinrich, mir graut vor dir, aus dem Käfig.

Von Maldeghem inszeniert den Faust in sprachlicher Klarheit – die Verse kommen wie selbstverständlich, machen keine Mühe. In die faszinierenden Bühnenbilder voll optischer Überraschungen stellt er schlichte, aus dem Alltagsleben herausgeschnittene Figuren hinein. Nie kommt Pathos oder hohle Deklamation auf. Es wird eine Beziehungsgeschichte gezeigt, die tragisch ausgehen könnte. Aber Tragik war nie so recht Goethes Sache gewesen. Er zog in seinen Dramen fast immer den positiven Schluss vor: Gretchen wird nicht der Hölle preisgegeben, sondern von dem Herrn persönlich (gespielt von Larissa Enzi als weiblicher Gott) gerettet.

Viele Szenen werden in Erinnerung bleiben, etwa das Federballspiel zwischen Mephisto und Faust, in dem Faust von Mephisto verlangt, er möge ihm gefälligst den WEg in Gretchens Bett ermöglichen. Dem Mephisto verschlägt es die Sprache über die Machoforderungen seines Klienten. Vorsichtig gibt er zu Bedenken: Gretchen ist noch ein Kind! Mephisto wird zum moralischen Mahner!!. Aber für Faust bleibt alles ein Spiel, selbst als Gretchen ihn kurz darauf fragt, wie er es mit der Religion hält. Er gibt ausweichende Antwort, spielt lieber weiter Federball. Im Garten spielen Gretchen und er kindisch Fangen, kreischend und lachend. Die Liebe ist Spiel, dann ganz plötzlich bitterer Ernst – übergangslos der Schrei Gretchens: die Mutter ist tot, sie hat ihr zu viel von dem Schlafmittel gegeben.

Obwohl eine Corona bedingt verkürzte Fassung gespielt wurde, wurde das Werk nicht bracchial, sondern mit viel Gespür für die Grundlinien gekürzt.

Ein Abend, der es wert ist, von Wien nach Salzburg zu fahren! Man verlässt das Theater mit dem innigen Wunsch, so ein Maldeghem möge auch Wien geschenkt werden. Nicht vorzustellen, was man da in der Burg oder im Volkstheater erleben könnte!

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Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Landestheater Niederösterreich

Nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann. Inszenierung und Fassung: Felix Hafner

Kein leichtes Unterfangen, aus dem vielschichtigen und hintergründigen Roman von Thomas Mann eine leichte, flauschig-luftige Komödie zu machen. Chapeau! in einer Stunde und 20 Minuten verstand es der Regisseur Felix Hafner, sein Publikum auf hohem Niveau zu unterhalten.

Ein einfaches Bühnenbild (Anna Sörensen) – ein Tisch, der zur schiefen Bahn, zur Weltbühne oder zum Tennisplatz wird, erlaubt, ohne Kulissenwechsel das ganze gesellschaftliche Spiel um Betrug und Betrogenwerden abzuspulen. Vor allem verdankt das Stück seinen ERfolg den durchwegs guten Schauspielern, die im raschen Rollenwechsel geübt, vom Kleinbetrüger zum König (Laura Laufenberg), vom Stabsarzt zum Hoteldirektor (Michael Scherff), vom Beamten zu Madame Houpflé (Nanette Waidmann) und von der Concierge zum Marquis de Venosta (Tilman Rose) mutieren. Als komödiantisches Supertalent erwies sich Tobias Artner in der Rolle des Felix Krull: Hübsch anzuschauen in einem Glitzerbody, sehr erotisch, mit dem nötigen Augenzwinkern, spielt er diese Rolle bravourös.

Zu Beginn erleben wir ihn, wie er – angelehnt an das letzte Abendmahl – seinen devoten und staunenden Anbetern sein Erfolgsrezept verrät: Beobachten, beobachten! Dann blitzschnell erfassen, wie er -gleichsam als vorauseilender Wunscherfüller – sein Gegenüber manipulieren kann. So gelingt es ihm, dem Wehresstabsarzt den Epileptiker vorzuspielen. Der ist ganz verzückt über die vermeintlich von ihm so genial gestellte Diagnose und erklärt ihn für untauglich. Das System funktioniert: Felix erspürt mit fast animalischer Intelligenz die Wünsche seines Partners, Partnerin, bevor diese noch überhaupt wissen, was sie wünschen werden. Ein tolles Rezept für jeden Machtpolitiker!

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„Die Königin ist tot“ nach dem Roman von Olga Flor

Künstlerische Leitung, Regie: Anna Maria Krassnig. Regiemitarbeit:Jérôme Junod. Bühnenbild: Andreas Lungenschmid, Licht: Lukas Kaltenbeck. Eine Produktion von „wortwiege“

Ort:In einem Tonnengewölbe der Kasematten in Wiener Neustadt. Das Publikum wird durch die wuchtigen Mauern und Gänge auf das Drama eingestimmt.

Bühnenbild: Ein riesiger blauer Mauerbogen umspannt die Szenerie, die an einen vom Wasser überspülten Palast in Vendig erinnert. Stege ermöglichen noch ein mühevolles Weiterkommen. Über eine Treppe gelangt man in eine geheimnisvolle Höhe.

Die Akteurinnen: Drei Frauen (Nina C. Gabriel, Petra Staduan, Isabella Wolf). Sie sehen alle gleich aus, weil sie eine Frau in ihren verschiedenen Charakter- und Entwicklungsstufen darstellen. Sie heißt/heißen Lilly und erinnern in manchen Zügen an die Lady Macbeth aus Shakespeares gleichnamigen Drama.

Die drei Lillys (Foto: Andrea Klem)

Zu Beginn gleich ein Vorgeschmack, wie diese Lilly an die Macht kommt: Als Liftgirl bläst sie dem Medienzar Duncan bei jedem Stockwerk einen Orgasmus. Solch Geschick wird belohnt, er heiratet sie. Wie das so ist, tauscht er sie bald gegen eine Jüngere aus, sie bekommt seinen Stellvertreter. Dann dreht sich die Gewalt- und Intrigenspirale in einem wahrhaft mörderischen Tempo: Mord, Denunziation, Hinrichtungen… alles ist möglich! Bis zur Erschöpfung der Ladies/Lady, die Selbstmord begeht. Auch das Publikum ist erschöpft. Denn dieses Mörderspiel braucht höchste Konzentration. Kurze Absenzen werden sofort bestraft, denn man verliert den inhaltlichen Faden: Wer hat gerade wen umgebracht?

Aber der eigentliche Reiz dieses Spiels liegt in der faszinierenden Inszenierung: Alles dreht sich um Lilly/ die Lillys. Nur ihre Sicht gilt. Die zahlreichen Männer dürfen auch mitreden, aber nur im Off als Fotomontage und als Zitate aus dem Mund der Ladies: „..sagt er“. Olga Flor und die Regisseurin haben durch die drei Lillys einen sezierenden Blick auf die Männerwelt geworfen. Doch zugleich entblösst und denunziert Olga Flor auch das heutige Frauenbild. Mitleidlos reißt sie den Frauen die Maske herunter. Darunter kommt ein berechnender Charakter hervor, dem alle Mittel recht sind, die Männer mit Sex und Intrigen klein zu kriegen. Mit glasklarer, sezierender Sprache und in einem fast archaischen Rhythmus deklinieren die drei Lillys die Begriffe Sex, Verführung, Intrige, Lüge und Mord herunter. Da stehen sie in Nichts den Männern nach.

Eine beeindruckende Leistung. Leider verabschiedet sich die Gruppe „wortwiege“ fürs Erste und kommt erst wieder im Herbst 2021. Dann mit einem neuen Programm, auf das man gespannt sein darf!.

http://www.wortwiege.at

Heiner Müller: Quartett. Im off-theater.

Regie: Luca Palyi, Bühne und Kostüm: das Team.

Tamara Stern ist den Besuchern des off-Theaters keine Unbekannte. In „Kein Groschen, Brecht“ spielt sie großartig alle Figuren, schlüpft flott von Brecht in all die Frauen, die der große Brecht recht kostengünstig auszunützen verstand.

Blitzschneller Rollenwechsel ist ihre Domäne. Gemeinsam mit Gerald Walsberger spielen die beiden das pikante Vexierspiel um Verführung, Bigotterie und Gesellschaftsintrige. Als Marquise de Merteuil, die Tratsch- und Intrigentante im französischen Rokoko, verleitet sie ihren ehemaligen Liebhaber Vicomte de Valmont, die eben aus der Klosterschule entlassene Nichte Cécile zu verführen. Als Gewinnerpreis für die vollzogene Entjungferung lockt eine Liebesnacht mit ihr. Doch Vermont zieht nur halbherzig mit. Zunächst möchte er endlich die bigotte Madame de Tourvel zur Strecke bringen. Was ihm gelingt, doch danach bringt sich die Gefallene um.

Wie nun die beiden Schauspieler blitzschnell in die Rolle des anderen Geschlechts schlüpfen, ist ein Teil des großen Vergnügens, das den Zusehern bereitet wird. Komik birgt die Tragik einer Gesellschaft in sich, die Sex mit Liebe verwechselt, die Erotik als Spiel um Eroberungen und Niederlagen ansieht. Man lacht über die Entjungferung Céciles, das als Schatten-Handspiel, wie man es mit Kindern übt, eingebettet im schlüpfrig- eindeutig-zweideutigen Text, über die Bühne geht.

Am Ende hat man einen vergnüglichen Abend verbracht, die beiden Schauspieler haben mit Hingabe gespielt, die etwa zehn (!) Zuseher haben begeistert geklatscht, um den Einsatz des Teams zu belohnen. Aber was heißt schon „belohnen“? Einmal mehr kam die prekäre Lage der freien Theaterszene ganz deutlich heraus: Die Schauspieler müssen, wollen spielen, auch wenn nur zehn Leute im Zuschauerraum sitzen. Und wie kann ein kleines Theater wie dieses, wie können die Schauspieler mit einer Minigage überleben? Was tut die Politik? Die hochgelobte Andrea Mayer?

Wir als Zuschauer können nur eines: Ins Theater gehen, trotz Corona!

„Das Quartett“ ist ein Koproduktion von DAS OFF THEATER und *sterne*reißen*

http://www.off-theater.at