Nell Leyshon: Die Farbe von Milch. Eisele Verlag

Aus dem Englischen von Wibke Kuhn

Ein Buch voller Poesie und zugleich hart wie gefrorenes Eis.

„Mein Name ist Mary und ich habe gelernt ihn zu buchstabieren.“ So beginnt die fünfzehnjährige Mary ihr Tagebuch. Buchstabe für Buchstabe hat sie sich das Alphabet erobert. Lesen und Schreiben erst gelernt. Nun schreibt sie aus der Erinnerung über das Jahr 1830/31, das Jahr, in dem sie den elterlichen Bauernhof verlassen musste. Der Vater vrkaufte sie an den Pfarrerhaushalt. Dort soll sie die kranke Frau des Pfarrers pflegen.

Nein, es ist keine rührselige Bauernschnulzengeschichte. Sondern die beinharte Erzählung eines Mädchens, das für sein Alter scharfsinnig und klug denken und reden kann. Zu scharfsinnig, meinen viele. Mary hat erst beim Pfarrer lesen und schreiben gelernt. Und weil sie den Mann und seine Vergewaltigungen Abend für Abend nicht länger ertragen konnte, brachte sie ihn um. Nicht im Affekt. Sondern wohl überlegt.

Und nein, es ist kein Krimi. Sondern die unsentimentale Beschreibung eines Mädchens, das mit 15 Jahren im Gefängnis landet, weil sie ihren Peiniger umbrachte. Im Gefängnis beginnt sie zu schreiben.

Die Autorin entwickelt einen ganz eigenen Stil, der nur so und nicht anders sein kann. Ohne Beistrich- und Satzregeln schreibt Mary, was sie sieht, hört. Wie sie die Menschen beurteilt. Klar, hellsichtig, ohne Beschönigung.

Dieser Roman hätte alle Preise der Buchwelt verdient. Hat er welche bekommen???

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Luca Ventura: Mitten im August. Diogenes Verlag

Ein wenig abtriften – schon das hilft in dieser bösen Zeit. Wer sich also nach Capri versetzen will, dem sei dieser Krimi empfohlen. Flüssig geschrieben, ganz ohne Moden, wie etwa überbordende Restaurants-oder gar Essensbeschreibungen. Auch keine lästig-langen Details von Orten. Ja, die bekannten Orte, wie Ana Capri, Capri oder Marina Piccola werden angesprochen, aber nicht als Kulisse überstrapaziert.

Der Polizist Enrico Rizzo hätte auch lieber im Obstgarten seines Vaters gearbeitet. Aber nein, ausgerechnet im Hochsommer passiert ein Mord. Man findet einen jungen Mann erschlagen im Boot. Von seiner Partnerin keine Spur. Rizzi hat zwar keine Erfahrung in Mordermittlungen, aber gesunden Menschenverstand. Wenn es Tote gibt, dann geht es entweder um Sexualverbrechen, Eifersucht oder Geld. Letzteres ist diesmal der Fall. Das Opfer heißt Jack Milani, Sohn reicher Eltern, der auf Aussteiger spielt. Er ist auf „Weltrettungstripp“, hat die Idee, die Meere zu reinigen Wie so oft in einem Krimi entpuppt sich die Hauptverdächtige Sofia Polito als falsche Fährte. Und wie so oft in Krimis wird knapp vor Schluss noch eine Person aus dem Hut gezaubert, die den Mord begangen hat. Mehr sei hier nicht verraten…

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José Maria Arguedas: Die tiefen Flüsse. Wagenbach Verlag

Aus dem peruanischen Spanisch von Suzanne Heinzt

José Maria Arguedas gilt als einer der großen Vergessenen der peruanischen Literatur. 1911 in Andahuaylas geboren, studierte er Anthropologie und schrieb Gedichte auf Quechua und Romane auf Spanisch. 1969 beging er nach einer langen Depression Selbstmord.

Der Roman handelt von dem Kind Ernesto, das von seinem Vater in das angesehene katholische Internat in Abancay gesteckt wird. Dort – wie in so vielen Kinderheimen und Internaten in der Welt – herrschen Terror der Patres, Hass, Kämpfe unter den Schülern. Eine geistig zurückgebliebene Magd wird von den älteren Schülern gegelmäßig vergewaltigt. Dann bricht in der Stadt die Revolte der Frauen aus, die das im Internat gehortete Salz rauben und an die Armen verteilen. Ihre Anführerin Felipe wird von den Behörden gejagt. Die Armee wird gerufen.

Schade, dass dieses Thema derartig verwinkelt, verwirrend, konfus abgehandelt wird. Man vermisst die epische Klarheit, der Erzählduktus scheint sich der Verwirrung der Zöglinge anzupassen. Irgendwann gibt der Leser auf, nach dem Erzählfaden zu suchen. Die Übersetzung wirkt holprig, was auch nicht gerade zum Lesevergnügen beiträgt.

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Peter Keglevic: Wolfsegg. Penguin Verlag

Ein wuchtiger Roman! Wie ein Bild von Egger-Lienz oder eine Tragödie von Aischylos. Beim Lesen steigen Erinnerungen an Marlen Haushofers, „Die Wand“, Stifters „Bergkristall“, Innerhofers „Schöne Tage“ und Thomas Bernhards „Die Auslöschung“ auf.

Keglevic scheut nicht vor Pathos zurück. Pathos, im Sinn von Leiderzählung, Leiderfahrung. Es schlägt zu und trifft den Leser in voller Wucht. Das bedarf eines stringenten Erzählstils. Den hat der Autor! Ganz ohne Schnörkel und eitle Stilpirouetten läuft das Geschehen ab und auf sein Ende zu. Ein Ende, das an griechische Tragödien erinnert. In ihrer grausamen Konsequenz und Unerbittlichkeit. Spannungsgeladen. Der Leser kann das Buch nicht aus der Hand legen! Kein billiger Pageturner. Denn die Figuren stammen aus der tiefsten Tiefe menschlicher Grausamkeiten.

Der Roman ist ein Wunder! Peter Keglevic zitiert mitten im Roman Erich Kästner:“Wunder erleben nur diejenigen, die an Wunder glauben.“

Die sechszehnjährige Agnes ist so ein Wunder. Man muss einfach glauben, dass dieses Mädchen in der Not Kräfte mobilisiert, die man nicht einmal einem ausgewachsenen „Kerl“ zutraut. Sie lebt mit ihren beiden kleinen Geschwistern, der krebskranken Mutter und einem Vater, der sie intensiv für die „Zeit danach“ vorbereitet, am Rande eines Dorfes. Irgendwo in einem Bergtal, könnte sein in der Nähe des steirischen Erzgebirges. Berge, Hochwald umgeben die Menschen. Mitten drin das Kinderheim „Maria hilf!“, wo Mädchen gequält und sexuell missbraucht werden. Dann ist die Zeit danach gekommen: Die Mutter ist tot, den Vater hat die Menge zu Tode gehetzt. Nun ist Agnes für ihre Geschwister verantwortlich. Mehr sei hier nicht verraten, denn der Roman lebt auch von der spannenden Handlung.

Eine grausame Tragödie von Kindesmissbrauch und Verhetzung. EIN GROSSER ROMAN!

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Tracy Chevalier: Violet. Atlantik Verlag

Aus dem amerikanischen Englisch von Anne Rademacher.

1932 in Southampton, einer Kleinstadt im Süden Englands. Violet führt ein tristes Leben an der Seite ihrer quenglerischen Mutter. Es herrschen strenge Moralgesetze, die besonders für alleinstehende Frauen wie Violet gelten. Da wird getratscht, be- und verurteilt, immer vor den Türen der anderen, nie vor der eigenen gekehrt. „Anstand“ heißt das Wort, das alle im Munde führen, mit dem die Gesellschaft Frauen wie Violet geißelt.

Als Violet die häusliche Enge und Engstirnigkeit an der Seite der keifenden Mutter nicht mehr aushält, zieht sie aus, findet in Winchester eine schlecht bezahlte Arbeit als Schreibkraft, wohnt in einem Billigzimmer und hat nicht immer genug Geld, um sich Essen zu kaufen. Doch sie gibt nicht auf, ringt Tag für Tag um ihre Selbständigkeit. Sie schließt sich einer Gruppe von Frauen an, die Sitzkissen für die berühmte Kathedrale von Winchester (die zweitälteste von Europa) sticken, verliebt sich in den Glöckner Arthur, der sie in das Geheimnis des Glockenläutens einweiht. Arthur ist verheiratet. Scheidung kommt nicht in Frage, da seine Frau schwer krank ist. Als Violet von ihm schwanger wird, zieht sie von Winchester weg und kehrt nach Southampton zurück, kämpft tapfer gegen all den Hass und die Vorurteile, die man damals einer unverheirateten, schwangeren Frau entgegenbrachte. Tracy Chevalier lässt auch das Thema der Liebe zwischen Frauen einfließen, in den 30er Jahren und lange noch danach ein strenges Tabuthema. Und am Horizont droht schon der Zweite WEltkrieg. Dennoch endet der Roman hoffnungsfroh: Violet liebt ihre kleine Tochter Iris über alles. Sie weiß, ein Leben mit Arthur wird es nicht geben….

Tracy Chevalier schrieb einen stillen Roman über eine Frau, die ihren WEg findet und sich trotz vieler Widrigkeiten behauptet. Allerdings muss die Leserin – es ist hauptsächlich ein Roman für Frauen – sehr viel Zeit und Geduld aufbringen, will sie sich durch die allzu detaillierten Schilderungen, wie man ein Sitzkissen bestickt, durcharbeiten. Die teils sehr lehrhaften Anweisungen, wie die Glocken richtig geläutet werden sollen, sind auch nicht gerade sehr spannend. Als Dokument über Kunstfertigkeiten, die zumindest in Mitteleuropa unbekannt sind, mag es gelten.

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Peter Keglevic: Ich war Hitlers Trauzeuge. Penguin Verlag

Da habe ich doch wirklich nach Harry Freudenthal im Internet gesucht! Viele Seiten lang war ich der Meinung, diese Figur kann Peter Keglevic nicht erfunden haben! In ihrer Absurdität muss sie im Wahnsinn des zu Ende gehenden Krieges gelebt haben! Aber nein – von Peter Keglevic nur gut erfunden! Er baute rund um Harry Freudenthal die irreal-irrsinnige Wirklichkeit des zu Ende gehenden Zweiten Weltkrieges auf. Und diese Wirklichkeit ist penibel gut recherchiert. Dem Leser sind die Kilometerangaben und genauen Straßen- , Dörfer- und Menschenbeschreibungen bald einmal zu viel und er beginnt vielleicht quer zu lesen. Wieder einmal gilt: Weniger wäre mehr. Hat man aber einmal den Dreh heraußen, wie man die allzu vielen Details überspringen kann, dann ist das Buch ein einziger Lesespaß mit skrurril-tragischen Elementen gewürzt.

Der Jude Harry Freudenthal ist auf der Flucht. Und ausgerechnet er wird dazu bestimmt, am Marathon zu Hitlers Geburtstag teilzunehmen. Tausend Kilometer bis nach Berlin. Es ist der letzte Versuch der Hitleranhänger, den Mythos „Deutschland als Siegermacht“ zu retten. Als begleitende Staffel fungieren straffe BDM-Mächen und vor allem die Filmemacherin Leni Riefenthal, die diesen Lauf für Hitler filmt. Wie im Lied der „zehn kleinen Negerlein“ fallen der Reihe nach die Läufer aus. Harry gelingt es, bis in den Bunker Hitlers vorzudringen. Er wird Hitlers Trauzeuge.Gleich nach der Zeremonie fällt Eva Braun, frisch getraute Frau Hitler, über Harry her und befiehlt ihm, sie zu entjungfern.

Frech, skurril, absurd, witzig – das alles ist der Roman. Trotz der unnötig langen Wegbeschreibungen des Laufes! Ein Schelmenroman bester Sorte, der an den „Simplicissimus“ erinnert.

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Aus dem Englischen von Wibke Kuhn

Warschau zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Der kleine Pawel lebt mit Mutter Sofia, Großmutter und Tante wohlbehütet auf. Den Vater, der in den Widerstand gegangen ist, sieht er nur selten. Eines Tages bringt er einen schwer verwundeten englischen Kampfpiloten ins Haus. Da die Großmutter Ärztin ist, pflegt sie ihn. Damit beginnt das Unglück: Großmutter und Tante werden von den Deutschen abgeholt. Ihr weiteres Schicksal ist ungewiss. Pawel und seine Mutter leben von nun an in einer abgelegenen Hütte im Wald. Verpflegung bekommen sie von der Nachbarin, die autark lebt und die beiden mit notwendigen Lebensmitteln versorgt. Von ihr lernt der verträumte Pawel viel über die Natur und die Schönheit des Waldes.

Nach dem Krieg leben Pawel und Sofia außerhalb von London. Pawel ist ein begehrter Designer geworden und lebt mit seinem Lebensgefährten in einem großen Haus, umgeben von ruhiger Natur. Sofia muss lernen, die Lebensform ihres Sohnes zu akzeptieren. Das Umdenken gelingt ihr, sie nimmt an der Hochzeit der beiden teil und zieht sogar in deren Haus.

Ein versöhnlich – versöhnendes Buch. Großartig und schlicht erzählt Nell Leyshon von den Grundgefühlen des Menschen: Von Mitleiden und Hoffnung, von der Kraft der Natur. Von gängigen literarischen Moden, wie Zerlegung des ERzählfadens oder Überladung mit Metaphern ist die Autorin nicht infiziert. Ihre ERzählform ist der Tradition verpflichtet, man könnte es auch magischen Realismus nennen.

In traurigen Zeiten ein wirksam-wichtiges Buch!

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Claus Dieter Schneider: Mitten in der Nacht am Tag. Verlag Bibliothek der Provinz

Claus Dieter Schneider kennt und liebt seine Stadt Linz. In fein gesponnenen, literarischen Miniaturen setzt er den Bewohnern ein liebevolles Denkmal. Die Geschichten handeln vom Alltag, von einer Mutter, die ihrem Kind die Karte in den Zirkus nicht leisten kann. Von dem arbeitslosen Kopierer, der von einem riesigen Lottogewinn träumt und den Schein verschenkt. Von einem Mädchen, das mit zwei Freunden am Donauufer sitzt, einen Joint raucht und im Dusel die Brücke in die Luft fliegen sieht. Was passiert, wenn der Vater, der Großvater und der Sohn gemeinsam nach Wien aufbrechen, um sich einen schönen Tag zu machen? Sie sind froh, wenn sie wieder in Linz sind.

Alltagsgeschichten, mit einem Hauch von Geheimnis. Das Erwartete tritt nicht ein. Hoffnungen bleiben Hoffnungen. Die Sprache ist schlicht, aber genau im Hinschauen. Hier bekommt das Wort „Kleinkunst“ eine ganz andere, neue Wertigkeit.

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Norbert Gstrein: Als ich jung war. Hanser Verlag

„Als ich jung war, glaubte ich an fast alles, später an gar nichts mehr“, heißt es gleich auf den ersten Seiten. Und so erging es auch dem Leser – mir -: Als ich begann, glaubte ich an die Erzählung, an den Autor, der uns etwas zu sagen hat. Am Ende des Buches glaubte ich es nicht mehr. Man muss sich schon mit sehr viel Lesegeduld wappnen, um Norbert Gstreins Suche nach der Wahrheit bis zum Ende zu folgen, den Irrweg, Umweg, Rückweg, die Auflösung alles vorher Gesagten, die Wiederholung und den Widerruf des Gesagten, der unbefestigten Wahrheit, der endlos Schleife, in der sich die Erzählung dreht, zu folgen.

Die Fakten, die doch keine sind – sprich – der Plot, der nie zum Plot wird: Franz fotografiert Hochzeiten im Hotel seiner Eltern, irgendwo in den österreichischen Bergen. Bei einer dieser zahllosen Hochzeiten wird die Braut von ihren Exfreunden entführt, spät in der Nacht zurückgebracht und am frühen Morgen mit gebrochenem Genick am Fuß eines Abhanges aufgefunden. Dann gibt es da noch eine gewisse Sarah, die Franz während einer Hochzeitsfeier küsst. Ende des ersten Plots.

Franz in den USA. Er ist Skilehrer in den Rocky Mountains. Ein aus Tschechien emigrierter Professor entwickelt gesteigertes Interesse an Franz. Ob sexuell oder nur platonisch ist nicht klar. Als der Professor aus ungeklärten Gründen Selbstmord begeht, fällt ein leiser Verdacht auf Franz. Er flieht vor der Wahrheit, die sich vielleicht auftun könnte, zurück nach Österrreich. Das Hotel führt inzwischen sein Bruder. Dort beginnt wieder alles von Neuem…sinistre Verdächtigungen.

Eine ziemlich anstrengende Wahrheitssuche, die letzen Endes im Nirgendwo endet. Der Leser bleibt überfordert zurück.

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Susanne Wiesinger mit Jan Thies: Machtkampf im Ministerium. Edition QVV

Mit einem Vorwort von Konrad Paul Liessmann

Untertitel: „Wie Parteipolitik unsere Schulen zerstört“

Sooft es um die Frage der Bildung geht, meldet sich der Philosoph Konrad Paul Liessmann mahnend zu Wort: Die mangelhafte oder sogar fehlende Bildung zerstört die Zukunft der heranwachsenden Generation und gefährdet die Demokratie. Machtpolitik statt nüchterner, ruhiger, parteiunabhängiger Bildungspolitik befördert „Abschottung unterschiedlicher Gruppen…und Formierung von Parallelgesellschaften“.

Als Susanne Wiesinger im Vorjahr in ihrem Buch „Machtkampf im KLassenzimmer“ all die Probleme der mangelhaften Ausbildung und deren Ursachen publik machte, erregte sie großes mediales Aufsehen. Geändert hat sich nichts. Ein Jahr lang bereiste sie nun Österreichs Schulen, vor allem die „Brennpunktschulen“, und stellte fest: Wenn statt Realpolitik die Parteipolitik das Bildungssystem lenkt, dann wird es zu keinen Änderungen im System kommen. Sie warnt mit klaren, mutigen Worten vor einem „Bildungskollaps“ und belegt mit Zahlen, Daten und Fakten die erschütternde Tatsache: In vielen Klassen der Brennpunktschulen sitzen Schüler, die dem Unterricht aus mangelnden Sprachkenntnisssen nicht folgen können. Dazu kommen religiöse und soziale Konflikte, die die Lehrer überfordern.

Ihre Vorschläge: Bessere sozialpädagogische Ausbildung der Lehrer, mehr Sozialpädagogen in den Klassen, Eltern in die Pflicht nehmen, Schulleiter nicht mit immer neuen, sinnlosen Erlässen überfordern und vieles mehr!

Ein Buch, das alle angeht! Nicht nur Lehrer und Eltern!

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Stefano Benni, Prendiluna. Wagenbach Verlag

Aus dem Italienischen von Mirjam Bitter

Man weiß, Stefano Benno hat eine überbordende Phantasie. In dem Buch „Prendiluna“ übertrifftt er sich selbst an schrägen Einfällen. Prendiluna (die nach dem Mond greift) ist eine alte Lehrerin in Pension. Sie fährt mit einem Koffer voller Katzen durch die Stadt. Ihr Auftrag ist schlicht und einfach: Die Welt vor dem Untergang retten. Um dieses Ziel zu erreichen, muss sie zehn Gerechte finden, die würdig und willig sind, eine dieser Katzen zu übernehmen. Bei dieser Aufgabe helfen ihr ehemalige Schüler, die aus der Psychiatrie fliehen. Gegner, die sich ihr und ihren Helfern in den WEg stellen, gibt es genug – alles, was Italien (und nicht nur Italien) so an Mieslingen, wie Mafiosi, Geheimbündler etc., anzubieten hat. Ob Prendiluna die Weltrettung gelingt? Das ist nicht so sicher. Sie entschwebt jedenfalls mit dem Kater Ariel gemeinsam hinauf ins Irgendwohin.

Bis zur Hälfte ist das Buch recht amüsant, geschrieben im pseudo-kindlichen Stil, der aber in seinen schwierigen Anspielungen an italienische Realitäten eher Erwachsenen gefallen wird. Ab der Hälfte beginnt der Autor den Leser ein wenig durch Wiederholungen ähnlicher Szenen, unzähliger Verwicklungen zu langweilen. Man beginnt quer zu lesen. Wahrscheinlich sind viele Anspielungen dem italienischen Leserpublikum viel eher verständlich. Schade, denn Witz und hintergründiger Humor bezaubern zu Beginn durchaus, nützen sich aber im Laufe der Handlung ab.

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Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. C.Bertelsmann Verlag.

Aus dem Englischen: Heiner Kober

Man will das Buch gar nicht aus der Hand legen! Bevor ich auf den Inhalt eingehe, möchte ich meine Bewunderung für die Autorin ausdrücken. Sie hat sich nicht nur durch Humboldts tausende Briefe und Werke durchgearbeitet, sondern auch zahllose Werke von Zeitgenossen und Sekundärliteratur mit einbezogen. Allein der Anhang umfasst 133 Seiten! Es wurde die Biografie eines Genies, congenial geschrieben von Andrea Wulf!

Alexander von Humboldt (1769-1859) wollte immer schon die Welt mit eigenen Augen erfahren, erforschen. Doch seine Eltern hatten eine Beamtenlaufbahn im Dienste des Preußischen Königs vorgesehen. Zähneknirschend studierte Humboldt Bergbautechnik. Als Bergassessor erkannte er schon früh, wie wichtig die ERhaltung der Wälder ist. Holz war der wichtigste Rohstoff zu dieser Zeit. Humboldt wies vehement auf die Wichtigkeit des Waldes für das Klima hin und warnte als erster überhaupt vor den katastrophalen Folgen der ausbeuterischen Abholzung.

Mit 30 Jahren konnte Humboldt dank seines reichen Erbes sichden lang gehegten Lebenswunsch erfüllen und die Reise nach Südamerika antreten. Fünf Jahre lang erforschte er unter schwierigsten Bedingungen gemeinsam mit dem Botaniker Aimé Bonpland die Llanos, das Orinocogebiet, überquerte die Anden und bestieg den Chimborazo. Malaria, Mückenplagen, Kälte und Hitze – all das ertrug er, ohne auch nur einmal an Aufgabe zu denken. Er schleppte schwere Messgeräte durch unwegsames Gelände,sammelte Pflanzen, Gesteine, Tiere und führte genaueste Aufzeichnungen. Bevor er nach Europa zurückkehrte besuchte er Thomas Jefferson, den dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten. Jefferson hatte mehr Interesse für die Natur als für die Politik. Die Forschungsergebnisse Humboldts sog er deshalb wissbegierig in sich auf.

Zurück in Europa wurde Humboldt wie ein Weltstar gefeiert. Seine Vorträge, zu denen auch Frauen Zugang hatten, wurden gestürmt. Das Publikum stand bis auf die Straße Schlange. Er verstand zu faszinieren. Seine Ideen beeinflussten und beeindruckten unter anderem Goethe, mit dem er befreundet war. Simon Bolivar wurde durch Humboldts Einfluss zum Revolutionär, zum Befreier, der gegen den Sklavenhandel und die spanische Kolonialmacht kämpfte. Humboldt wurde nie müde auf die Bedrohungen der Natur durch den Menschen hinzuweisen. Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse waren Grundlage für viele späteren Forscher.

Neben all den Empfängen und Vorträgen hatte Humboldt nur einen Wunsch: wieder zu reisen. Sein Wunschziel war Indien. Jedoch bekam er nicht die dazu nötige Erlaubnis vom britischen Empire. So folgte er 1829 der Einladung des russischen Zaren Nikolaj I. All die Strapazen dieser Reise machten dem 60ig-Jährigen nichts aus. Kälte, endlose Kutschenfahrten, lange Wanderungen – all das ertrug er. Sein Forschungseifer machte ihn immun gegen Krankheiten. Auf dieser Reise kam er bis an die Grenze Chinas.

Zurück in Berlin begann Humboldt im Alter von 65 Jahren an seinem mehrbändigen Werk „Kosmos“ zu arbeiten. Sein Ziel war es, die ganze materielle Welt in einem Werk darzustellen. Seine Zeichnungen und sein Stil waren so anschaulich und lebendig, dass die 4 Bände zu den meistverkauften und meistgelesenen Büchern zählten. Bis zu seinem Tod im Jahre 1859 blieb Humboldt geistig rege, schrieb tausende Briefe in alle Welt, schuf ein riesiges Netzwerk zwischen Wissenschaftlern und Künstlern. Wenn Humboldt im Mai 1859 stirbt, hat der Leser das Gefühl, einen Gefährten, der ihn durch viele Stunden und Tage begleitet hat, verloren zu haben.

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Maximilian Hauptmann und Stefan Kutzenberger. Das Literaturquiz. edition a

Im Untertitel schreiben die Autoren: 123 Antworten, die Sie kennen sollten, um über Literatur mitreden zu können.

Das ist ganz sicher eine ironisch gemeinte Übertreibung. Denn manche Fragen sind wirklich mehr als speziell. Wer kennt schon Georges Perec und seinen Roman „La Disparition“. Doch die meisten der 123 Fragen sind mit einer gewissen Allgemeinbildung oder auch Hausverstand zu lösen, denn man hat drei Antworten zur Wahl. Der Quizmaster kann auch Punkte für die richtigen Antworten geben. Etwa für besonders schwere drei, für mittelschwere zwei und für leichte einen. Am Ende wird ein Sieger ermittelt.

Besonders interessant sind natürlich die Auflösungen. Selbst solche, die sich als Kenner der Literatur bezeichnen, sind oft verblüfft, was sie dadurch alles für sie Neues erfahren. Apropos Kenner – die werden immer rarer, meinen die beiden Autoren. Das Interesse an Literatur sinkt mit zunehmender Netflix-Manie. Als die Autoren die Studenten fragten, warum sie Literaturwissenschaft studieren wollten, bekamen sie sehr oft als Motivation die Netflix-Serien genannt. Da schrillten bei den Autoren die Alarmglocken. Mit diesem Quizbuch wollen sie einen kleinen Beitrag zur Rettung der Literatur liefern.

In den immer zahlreicher werdenden Lesekreisen ist dieses Buch bereits sehr beliebt. Zur Auflockerung ein paar Quizfragen stellen, einen Gewinner ermitteln – und schon beginnen die Diskussionen. Nicht nur im Radio ist Literatur der Rede wert.

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Margery Sharp: Die Abenteuer der Cluny Brown. Verlag Eisele

Aus dem Englischen von Wibke Kuhn

Charmant und intelligent-witzig beschreibt Margery Sharp (1905 in Salebury – 1991 in Aldeburgh/Suffolk) die englische Gesellschaft vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Cluny Brown ist 20 Jahre jung, alle meinen, sie sei als potentielle Braut schon überfällig. Schön ist sie nicht, meinen wieder alle. Heute würde man sagen „apart“. Sie lebt bei ihrem Onkel in London, der ein tüchtiger Klempner ist. Ab und zu springt sie für ihn ein, repariert auch schon mal einen verstopften Abfluss. Das gehöre sich nicht für ein Mädchen, meint der Onkel. Überhaupt sei ihm Cluny Brown zu aufmüpfig, zu umtriebig. Kurz entschlossen schickt er sie als Stubenmädchen auf den Herrensitz Friars Carmel. Der Autorin gefallen ganz offensichtlich schrullige Namen. Cluny ist die Bezeicnung für ein bekanntes Kloster und als Vorname ungebräuchlich. Als Kompensation für den nichtexistenten Vornamen gibt die Autorin der Protagonistin den gängigsten aller englischen Familiennamen: Brown. Friars Camel könnte man gut und gern als „Brüder Karmeliter(innen)“ übersetzen.

Also: Die handelnden Personen sind fast alle nicht so, wie sie sich nach außen hin geben: Allen voran Cluny. Alles, was ein Stubenmädel können muss, lernt sie in Windeseile. Aber hinter der Stubenmädelfassade steckt die quirlig-neugierige Cluny. Sie erstaunt nicht nur die Dienerschaft immer wieder durch ihre Andersartigkeit. Auch die Bewohner des Landsitzes sind über sie einigermaßen verwundert. Ein Dienstmädel, das den Apotherker des Ortes heiraten wird? Das ist ungewöhnlich. Aber sie heißen es dennoch gut. Als Cluny aber, statt den Apotheker zu heiraten, Hals über Kopf mit dem polnischen Schriftsteller Adam Bilinski, der monatelang Gast auf dem Herrensitz war, nach Amerika abhaut, ist die Verblüffung groß.Verblüffung schon, aber nicht Empörung!

Margery Sharps Klinge des Humors und der Charakerzeichnung ist ganz fein, subtil. Alle Personen sind in ein fixes gesellschaftliches Leben eingebettet, haben sich darin gut eingerchtet. Es scheint, dass auch Cluny ihren Platz als Stubenmädchen akzeptiert. Aber es kommt ganz anders. Denn einen Moment lang, und das ist der entscheidende in ihrem Leben, lässt sie es nicht zu, dass über ihren Kopf hinweg entschieden wird, und türmt mit Belinski.

Es ist nicht so sehr die Handlung, die aufs erste wie eine Rosamund Pilcher-Geschichte daherkommt, als vielmehr die kleinen, subtilen Gesten, Handlungen und Gedanken der Personen, die den Leser schmunzeln lassen. Wobei die Autorin über keine einzige Person den Stab bricht. Für alle und alles hat sie Verständnis. Für Lady Carmel, deren einziger Sinn im Leben die Gartenpflege zu sein scheint, die aber ihren Mann Henry und ihren Sohn Adam mit leiser Hand in die richtige Richtung führt. Für die schöne Betty, die sich vor Heiratsanträgen kaum erwehren kann. Die aber weitaus klüger und weitsichtiger ist als alle Männer, die sie dümmlich anbeten. Größte Sympathie hegt sie natürlich für Cluny. Für dieses Mädchen, das sich nicht unterkriegen und „einseifen“ lässt. Wenn man so will, tritt der Roman für eine unkämpferische, dafür umso wirksamere Emanzipation der Frauen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ein.

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Charlie English: Die Bücherschmuggler von Timbuktu. Hoffmann und Campe

Von der Suche nach der sagenumwobenen Stadt und der Rettung ihres Schatzes.

Aus dem Englischen von Henning Dedekind und Heike Schlatterer

Charlie English, ehemaliger Chefredakteur des „Guradian“, erzählt, wie Timbuktus wertvollster Schatz, die heiligen Bücher und Manuskripte, unter Lebensgefahr der Bewohner vor der Zerstörungswut der Al-Kaida gerettet wurden. English sucht die Waage zwischen wissenschaftlichem und populärwissenschaftlichem Stil zu halten, was manchmal – das muss bei allem Lob für dieses Werk gesagt sein – zum Verlust der Spannung führt.

Geschickt verwebt er die sagenumwobene Geschichte der Stadt mit der Zeit von 2012 bis 2013, als zuerst die Rebellen und gleich darauf die Al-Kaida über die Stadt herfielen, plünderten und die Mausoleen der Heiligen in Schutt und Asche legten.

Timbuktu war immer schon für die Welt ein Mythos. Keiner wusste, wo es genau lag. Man erzählte sich Geschichten von dem ungeheuren Reichtum der Stadt, von goldstrotzenden Palästen. Das schürte die Neugier und Gier diverser Staaten, wie England, Frankreich und später auch Deutschland. Unter dem Deckmantel der Wissenschaft wurden Abenteuertypen im Wettlauf losgeschickt, die diese reiche Stadt finden sollten, einzig allein zu dem Zweck, die Stadt auszubeuten. Viele starben in der Wüste. Einige Informationen drangen dennoch bis Europa durch: Von Gold keine Spur. Man meldete lediglich eine staubige Stadt mit vielen heiligen Bauten. Erst der deutsche Forscher Heinrich Barth (1821-1865) beschäftigte sich ausführlich mit dem eigentlichen Schatz Timbuktus, den heiligen Schriften. Er machte klar, dass Afrika sehr wohl eine schriftliche Kultur kannte und man daher die europäische Sicht auf Afrika als schriftlosen Kontinent total ändern müsse. All diese Berichte hatten zur Folge, dass immer mehr Staaten und Organisationen, unter anderem auch die UNESCO, auf den Wert dieser Manuskripte hinwiesen und sie gerade dadurch gefährdeten. Als die Al-Kaida in Timbuktu ihre Schreckensherrschaft 2012 bis 2013 ausübten, war die Angst der Bewohner um die Manuskripte so groß, dass sie begannen, diese in Kisten und Säcken in Nacht- und Nebelaktionen und unter größter Lebensgefahr in das nahe Bamako zu schmuggeln. Über die Zahl der geretteten Manuskripte seien bis heute keine sicheren Aussagen möglich, meint der Autor. Und lässt den Verdacht im Raume stehen, dass die Retter die Zahl ins Unermessliche steigerten, um Fördergelder diverser Organistionen in die Höhe zu lizitieren. Ein eher unrühmliches Ende, so finde ich, nicht für die Retter, sondern für den Autor. Denn gerade ihm, der mit vielen Verantwortlichen der Rettungsorganisation sprach und um die schwierige und chaotische Situation der „Schmuggler“ wusste, steht die Andeutung eines solchen Verdachtes nicht gut zu Gesicht.

Marie Brunntaler, Wolf. Eisele Verlag

Der Name Marie Brunntaler ist ein Garant für Spannung, Entspanung. Sie schreibt über Menschen im Schwarzwald, die nicht gerade mit Reichtümern gesegnet sind und sich ihren Platz in der Gesellschaft erkämpfen müssen, z. B. wie etwa in dem Roman: „Das einfache Leben“.

Nun also „Der Wolf“. Ein Dorf im Schwarzwald, weit weg von Zivilisation. 1820. Die Menschen werden von Aberglauben und von dem hinterlistigen Abt im Kloster beherrscht. Er sagt, was im Dorf geglaubt werden muss, was im Dorf als Unrechtzu gelten hat. Dass er als ganz infamer Päderast sich auf die Buben im Internat stürzt, ist nur ein Thema dieses packenden Romanes. Brunntaler fragt aber auch, was die allgemeine Meinung, „was die Leut sagen“, aus einer Dorfgemeinschaft macht. Gabriel ist ein Bub, der durch seine Schönheit und Klugheit alle bezaubert. Aber beide Eigenschaften bringen ihn in des Teufels Küche. Der Lehrer, der sein Amt im Dorf neu angetreten hat, hat wie ein Teufel die Fäden des Geschehens in der Hand und will Gabriel zum Werkzeug seiner Rache machen. Er ist der Wolf im Schafspelz eines Lehrers.

Während Brunntaler alle Figuren des Romans, besonders die beiden Frauen am Steinhauerhof sehr gut charakterisiert und glaubhaft im Geschehen verankert, gelingt ihr die Figur des Lehrers nicht so richtig. Sein Hass ist noch verständlich, doch seine teuflischen Wirkungsklräfte auf Gabriel sind unglaubwürdig. Dennoch: Ein äußerst lesenswerter Roman,

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Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder. Hanser Literatur-Verlag

Aus dem Französischem von Lena Müller und André Hansen

Der zur Zeit der Preisverleihung noch relativ unbekannte Autor erhielt für diesen Roman den Prix Goncourt 2019. Die Kritiker feierten ihn als Schriftsteller, der den lesenden Bürgern der Oberschicht das Leben der Unterschicht in Frankreich nahe bringt. Deshalb und weil Kritiker immer nur den Inhalt besprechen, selten bis gar nicht die Ausführung, die Herangehensweise an das Thema, herrscht ganz allgemein Begeisterung über diesen Roman.

Nicolas Mathieu erzählt in vier Abschnitten (beginnend 1992) das Leben zweier Jugendlichen aus Frankreich. Anthonys Vater hat wie fast alle Väter des fiktiven Ortes Heillange nahe bei der Grenze zu Luxemburg in der Schwerindustrie gearbeitet. Als die Anlagen geschlossen wurden, versanken er und all die anderen Väter – und später ihre Kinder – in stumpfsinniges Dahinleben, betäubten sich mit Alkohol, die Kinder schon früh mit Drogen. Hacine, dessen Familie aus Marokko stammt, dealt und findet sich toll bestätigt, wenn er mit seinem Motorrad mit mehr als hundertfünfzig Sachen durch die Gegend braust. Dennoch – den beiden und allen anderen Jugendlichen ist stinkfad. Die Schule ist ein no-go. Das Wort Arbeit treibt ihnen die Kotze hoch, vor allem, weil sie an ihren Vätern miterlebt haben, wie sie die Menschen einst ausgelaugt und dann halb kaputt entlassen hat.

Aus Kindern werden Jugendliche und nichts ändert sich, außer dass heimlicher Sex zum einzig erstrebenswerten Vergnügen wird. Doch auch der rettet sie nicht vor Depression, Aggression, Verzweiflung, wie einst ihre Väter. Im vierten und letzten Teil (!998), übertitelt: „will survive“ weiß der Leser bereits, dass ihn nichts Neues erwartet. Und da liegt die Crux dieses Romans. Denn alle vier Abschnitte laufen gleich ab, immer in ähnlicher „Konversation“: „Scheiße..Was machen wir? -Keine Ahnung“. Nach diesem Dialog folgt dann eine genaue Beschriebung diverser, immer gleich ablaufender Aktivitäten, die da sind: Herumstehen, Bier, Wodka oder sonst irgendwas trinken, sich Drogen einwerfen, manchmal irgenwas stehlen, auf Moped oder Motorrad durch die Gegend brausen. Klar, in dieser vergessenen Ecke Frankreichs (oder irgendeines anderen Landes) haben Väter und später die Kinder keine Persprektive. Aber den Lesern immer nur ein Thema in zahlreichen Varianten einhämmern – das nenne ich: Seitenschinderei und Leserquälerei. Denn das Thema nützt sich ab, das Interesse weiter zu lesen, schwindet. Wie so oft, gilt auch hier: Etwas weinger wäre mehr.

Schade, denn der Autor hat durchaus ein Ohr für alles, was „die Kinder später“ – also heutige Jugendliche – angeht. Er weiß, wie sehr die Wirtschaft und das politische System ausbeuterisch sind. Er weiß um die Probleme der so genannten „bildungsfernen“ (was für ein arrogantes Wort!) Schichten. Und er hütet sich vor Moralpredigten.

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Kathy Page: All unsere Jahre. Wagenbach Verlag

Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender.

Harrys Mutter kann sich glücklich schätzen: Ihr Mann schlägt sie nicht, ist freundlich. Aber ihr fehlt das Salz des Lebens – die Zärtlichkeit, die Überraschungen.

Harry wächst zu einem sensiblen Jungen heran. Sein Lehrer lässt ihn Gedichte auswendig lernen, macht ihn für die Schönheiten der Sprache empfänglich. Dann lernt Hyyry Evelyn kennen und ist sofort von ihr fasziniert. Sie werden ein Paar, heiraten mitten im (Zweiten) Weltkrieg. Er schreibt ihr von der Front seitenlange Sehnsuchtsbriefe, will sie nicht mit Kriegsgreueln belasten. Als er aus dem Krieg unversehrt zurückkommt, hat er nur eines im Sinn: Evelyn glücklich zu machen. Nie spricht er vom Krieg. Sondern von dem, was sie haben werden. Seinen beiden Töchtern ist er ebenso ein liebevoller Vater wie seiner Frau ein nimmermüder, Liebe spendender Ehemann. Aber Evelyn, die Nüchterne, will Äußeres: Ansehen, ein Haus, Garten – eben alles, was zum Mittelstand dazu gehört. Um all das zu realisieren, arbeitet er Stunden um Stunden, viele Überstunden in einem düsteren Büro. Lieber wäre er draußen in der Natur. Den Garten zu pflegen muss als Ersatz für seine Sehnsüchte genügen. Obwohl Evelyn im Laufe der Jahre immer herrischer und egoistischer wird, liebt er sie, sucht alle ihre Wünsche zu erfüllen. Als er an Demenz erkrankt, schiebt sie ihn ins Altersheim ab. Als sie unerwartet stirbt, flüchtet er ins Vergessen und träumt sich zurück in eine Zeit mit ihr, als sie miteinander glücklich waren.

Die Inhaltsangabe liest sich wie ein Dreigroschenroman. Aber Kathy Page gelingt es, das Alltägliche mit Poesie einzuhüllen und zu einem wundervollen Roman über die Liebe zu formen. Jenseits aller Klischees.

Zwar gibt es so einen Mann/Ehemann wie Harry einer ist, in der Realität kaum. Den müsste man einrahmen! Aber nehmen wir ihn als Figur ernst: Weil Harry bedingungslos liebt, kann er all die Bedrängnisse des Alltags ausblenden, sie zu Wunscherfüllungen umformen. Doch trotz der bedingungslosen Liebe steigt dennoch in ihm die Frage auf: Was waren all die Jahre? Wozu diese endlosen Tage im Büro vergeudet? Für Ziele, die nicht wirklich die seinen waren. Und im Leser steigt die Frage auf: Kann bedingungslose Liebe den anderen glücklich machen? – Die Antwort: eher nur den Liebenden, nicht den, der sich geliebt fühlt. Allzu schnell wird Evelyn vom Alltag und den täglichen Begehrlichkeiten, die es zu erfüllen gilt, überschwemmt. Obwohl sich beide in der Zeit ihrer jungen Liebe schworen, den Alltag nie bestimmend werden zu lassen.

Kathy Page ist eine lebenserfahrene Frau, weiß Charaktere wunderbar zu zeichnen, gerät nie in die Nähe von Klischees oder Kitsch. Am besten, man genießt diesen Roman als das was er ist: Ein Bekenntnis zur Liebe.

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Aus dem Englischen von Catherine Hornung und Dieter Fuchs

Es ist schon ein denkwürdiger Zufall, dass ich ausgerechnet am 12. Dezember 2019, am Tag, an dem die Briten wählen und sich alles über den Brexit entscheidet, das Buch zu Ende gelesen habe.

Es ist eine heitere, bittere, leicht ironische Geschichte über die diversen Gründe, wie es zum Ruf nach dem Austritt aus der EU kam. Jonathan Coe wählt seine Figuren aus der Mittelschicht: Journalisten, Schriftsteller, Universitätsprofessoren – alle gut situiert und etwa 40 und älter – und deren erwachsenen Kinder. Der Titel „Middle England“ steht für die Midlands, eine Region der Gegensätze: Einserseits Städte mit Ex-Industriewüsten wie etwa Grimbsby, ehemals größter Fischereihafen der Welt, heute eine vor sich hin rottende Stadt. Neben den Industrieruinen liebliche Landschaften mit Agrarland. Das Image der Midlands ist angeschlagen – hier wohnen die meisten Brexitbewohner. Die vielen aus der EU eingereisten und längst eingebürgerten Bewohner wurden seit der Krise 2008-2010 beschuldigt, an den wirtschftlichen Problemen schuld zu sein. Argument: Es sind zu viele, sie nehmen uns die Arbeitsplätze weg. Daher her mit dem Brexit. Die Ironie dabei ist: Die Midlands werden am meisten unter dem Brexit leiden.

Die erste Hälfte des Romans füllen Zustandsbeschreibungen von typisch englischen Orten, wie Clubs, Häuser, Landschaften, in denen der Autor seine Figuren ansiedelt. Beschreibungen sind ja en vogue in der Literatur der Gegenwart. Englandfans mögen die oft über eine Seite und mehr gehenden Beschreibungen entzücken. Wer sich nicht dazu zählt, wird sich sehr rasch langweilen.

Ab der Hälfte kommt die Geschichte in Fahrt, die Protagonisten Farbe. Motive für den Austritt aus der EU werden mit Personen verknüpft, denen ein eher unkritisches Verhalten zugeschrieben wird. Geschickt schildert Jonathan Coe den feinen Riss, der unmerklich durch die Gesellschaft geht, sie in Brexitbefürworter und -gegner spaltet.Motivationen, für den Brexit zu stimmen, werden angedeutet: Angst, dass Ausländer Jobs wegnehmen, Aversion im allgemeinen gegen die EU – man will sich nichts vorschreiben lassen…alles überaus bekannte Vorbehalte. Am Ende lässt der Autor den Schriftsteller und dessen Schwester nach Südfrankreich auswandern. Sie eröffnen dort eine „Schreibwerkstatt“. Ob das ohne Kentnisse der Landessprache funktionieren wird, ist mehr als fraglich. Ein sympathisch unpathetischer, leicht ironischer Schluss.

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Marie Brunntaler: Das einfache Leben. Eisele Verlag

Was für ein Lesegenuss! Nachdem ich den Roman von A. Lehner“ Vater unser“ fertig gelesen hatte, schwor ich mir, jetzt lange keinen „Debütroman“ von jungen Autoren und Autorinnen in die Hand zu nehmen. Ja, ich wollte sogar eine Lesepause, wenn nicht gar eine Leseentziehungskur machen. Denn was ich in der letzten Zeit so an Neuerscheinungen, die alle vom Feuilleton hoch gelobt wurden, in die Hand bekam, war anstrengend, ekelerrend (Lehner, Vater unser) und alles andere als ein Lesegenuss.

Durch den Roman von Marie Brunntaler genas ich sehr schnell von meiner vorübergehenden Buchphobie! Ich durfte wieder in einen Roman hineinfallen, mich gegen Abend auf die Lektüre freuen! Gerade weil hier eine Autorin keine „Feuilletonlorbeeren “ einheimsen, sondern einfach über ein einfaches Leben schreiben will, überzeugte sie mich . Mit solidem ERzählstil, den manche wahrscheinlich altmodisch finden, beschreibt sie den Lebensweg zweier Schwestern, die in dem entlegenen Bergdorf Dachsberg im Südschwarzwald aufwachsen, als junge Frauen draußen in der Welt des Wirtschaftswunders ihr Glück versuchen, aber scheitern. Beide kehren als reife Frauen in ihr Dorf zurück. Nun stellt sich die Frage: Was tun mit dem Leben? Da hat Elisabeth, die tatkräftigere der beiden, die Idee, einen Rosengarten zu pflanzen. Auf 1000 m Höhe und bei diesen strengen Wintern und den trockenen Sommern! Alle schütteln den Kopf.Zunächst aucb die Schwester Adele. Doch bald überzeugt Elisabeth mit ihrer Ausdauer und Unerschrockenheit alle. Der Rosengarten gedeiht!

Brunntaler schildert kein Naturwunder, kein Märchen. Sie weiß, wovon sie erzählt, kennt die Härten des bäuerlichen Lebens am eigenen Leib. Den Rosengarten in Dachsberg gibt es zwar nicht, wohl aber in Nöggenschwiel. Dort züchtet man erfolgreich in 700 m Höhe die herrlichsten Duftrosen. Mag sein, dass diese Gärten als Ideengeber für Bruntaler fungierten.

Das beste Buch an grauen Wintertagen!

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Sasa Stanisic, Herkunft. Verlag Luchterhand

Sasa Stanisic wurde 1978 in Visegrad, damals Jugoslawien, heute Bosnien und Herzegowina geboren. 1992 mussten seine Eltern und er bei Ausbruch des Jugoslawienkrieges auswandern. In dem Buch „Herkunft“ geht es tatsächlich um seine Wurzeln, das alte Dorf in den Bergen, das nur mehr zwölf Bewohner hat, um seine Großeltern, vor allem um seine Großmutter, die im Alter dement ist und in der Vergangenheit lebt. Doch es geht vor allem um ihn, den 14-jährigen Jungen, der sich als Migrant in Heidelberg zurecht finden muss.

Dass Sasa Stanisic auf Deutsch schreibt, ist seinem geduldigen Lehrer zu verdanken, der ihn ermunterte, Gedichte nicht nur in seiner Heimatsprache zu schreiben. Dass er mit der deutschen Sprache spielerisch, leichtfüßig, poetisch oder auch „cool“, ganz wie das Thema es braucht, umgehen kann, verdankt er aber vor allem seiner Offenheit gegenüber dem Leben als Migrant in Deutschland. Da ist kein Funken Wehleidigkeit zu spüren. Keine Klagen über die Schwierigkeiten, sich als „Fremder“, „Eingewandeter“ in der neuen Heimat zu behaupten. Eher Neugier und vor allem trotz der Schwierigkeiten Freude am Leben, am Lernen, Freude daran, Schwierigkeiten zu meistern. Auch keine Klagen darüber, dass seine Eltern als gut Ausgebildete in Deutschland nun weit unter ihrem Niveau sich als billige Lohnarbeiter verdingen. Das wird gesagt, aber ganz jammer- und vorwurfsfrei.

Das Wertvollste an diesem Buch aber ist: Seine Versöhnungsmacht. Da wird nicht von den „machtgierigen Serben“ oder den „bösen Kroaten“ geredet. Auch kein „Gutmenschgerede“ von Verzeihen. Sondern Sasa Stanisic zeigt den einzig möglichen Weg auf, den Hass zwischen den Menschen zu begraben: Hingehen, anschauen, wo die Wurzeln sind, daraufkommen, dass Serben, Kroaten und Bosniaken alle einmal nebeneinander exisitieren konnten, ohne sich die Schädel einzuschlagen und die Dörfer niederzubrennen. Nach dem Erinnern kommt nicht die große, pathetische Versöhnungsgeste oder ein Humanitätsgelaber, sondern der Imperativ: Lebe das Leben, so gut du kannst und bleibe offen und neugierig.

Sasa Stanisic. Foto: Katja Sämann

https://www.randomhouse.de/Verlag/Luchterhand-Literaturverlag/24000.rhd

Angela Lehner, Vater unser. Hanser Verlag

Dieses Buch muss man wollen -oder auch nicht. Ich gehöre zur“ oder-auch-nicht-Gruppe“. Joachim Meyerhoff zur ersten Gruppe. Ihm gefiel es ausnehmend gut, wie man auf der Rückseite des Covers lesen kann. Auch alle anderen Rezensenten überschlagen sich förmlich vor Begeisterung. Also muss meine Ablehnung wohl mit mir selbst etwas zu tun haben. Ich stehe mit meiner Kritik wieder einmal allein gegen die ehrenwerten Meinungen der Rezensenten da. Damit kann ich leben.

Kurz zum Inhalt: Eva Gruber – ca. 25 Jahre jung – wird von der Polizei in die psychiatrische Klinik am Steinhof eingeliefert. Sie hat damit geprahlt, eine ganze Kindergartengruppe erschossen zu haben. In der Klinik selbst organisiert sie sich bestens, weiß alles und alle für ihre Zwecke zu nützen, inklusive den Therapeuten Dr. Korb. Sie manipuliert auch ihn, wie sie es braucht, erzählt ihm von ihrer schrecklichen Kindheit. Vater hat angeblich sie und ihren jüngeren Bruder vergewaltigt – erzählt sie einmal. Ein andermal tut sie das als „lächerliches und ausgelutschtes Motiv“ ab. Sie will vor allem eines: ihren Bruder Bernhard (Thomas Bernhard und seine Erzählung „Wittgensteins Neffe“ lassen grüßen) aus der Klinik retten, der wegen seiner Magersucht ebenfalls dort stationiert ist. Der aber flüchtet vor seiner Schwester, er will nicht mir ihr in die Heimat Kärnten fahren, „um den Vater zu töten“. Warum der Bruder und sie den Vater töten wollen, ist nicht klar. Weil der Bruder nicht auf ihre Vorschläge eingeht, kidnappt sie ihn einfach, nimmt von einer Angestellten das Auto und organisiert eine abenteuerliche Fahrt in das Heimatdorf. Am Ende liegt Bernhard zu Tode geschwächt an der Schwelle eines Hauses – das Vaterhaus? Lebt der Vater in dem Haus? Ist Bernhard tot? Alles unklar.

Warum?

Warum dieser Roman? Welcher Antrieb steckt dahinter? Hat die Autorin eigene Erfahrungen in der Psychiatrie zu verarbeiten? – Eher nicht, denn dazu ist der Roman zu flapsig, unernst. Dieses Thema der eigenen Krankheit und ihre Bewältigung hat besser und glaubhaft Thomas Melle in seinem Buch „Die Welt im Rücken“ abgehandelt. Angela Lehner scheint es eher um eine Abrechnung gegen alles, was etabliert ist, zu gehen. Diese Eva Gruber opponiert gegen alles und alle, was sich in erster Linie in der Sprache ausdrückt. Fäkalienausdrücke sind die gängige Verständigungsweise. Detailverliebte Schilderungen von grauenhaften Kotzvorgängen des magersüchtigen Bernhard nehmen viel Raum ein. Eines muss man der Autorin lassen: Sie schafft in der Person Eva Gruber eine ambivalente Person, die sich in Eulenspiegelmanier in das Vertrauen des Personals (Therapeut, Manikürin etc…) einschleicht, um sich im selben Moment mit einer Kraftaktion über deren Vertrauensseligkeit zu amüsieren. Wahrscheinlich fallen auch die meisten Leser auf diesen zweifelhaften Charme hinein. Mich ermüdete das Buch.

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Véronique Olmi: Bakhita. Hoffmann und Campe Verlag

Aus dem Französischem von Claudia Steinitz

Sie ist fünf Jahre alt, als sie von Banditen aus ihrem Dorf im Sudan entführt und nach einem langen und qualvollen Marsch durch die Wüste auf dem Sklavenmarkt in El Obid verkauft wird. Dass sie nicht zusammenbricht, seelisch verkrüppelt, verdankt sie nur ihrer Fähigkeit, ihre Seele wie ein Segel einzuziehen, sich von dem Leid abzukapseln. In Karthoum kommt sie in das Haus des italienische Konsuls und kann sich von ihren körperlichen Schmerzen ein wenig erholen. Als dieser samt Familie den Sudan Richtung Italien verlässt, setzt sie es durch, dass er sie mitnimmt. Sie wird eine sanftmütige Dienerin in einer italienischen Familie, rettet deren Baby vor dem sicheren Tod, muss nochmals mit in den Sudan, wo all ihre entsetzlichen Erinnerungen wieder aufkeimen. Zurück in Italien kann sie Ruhe in einem Kloster in Venedig und anderen Orten finden, wo sie bis zu ihrem Tod als Nonne lebt und von allen sehr geliebt und geschätzt wird. Ihre Stärke ist das Zuhören. Obwohl sie ihre Muttersprache längst vergessen und nie das Italienische wirklich gelernt hat, wird sie immer wieder aufgefordert, über ihr Leben zu erzählen. Daraus wird ein Buch – die Quelle dieser Romanbiografie.

Stilistisch großartig! Véronique Olmi gelingt es, der Sklavin und späteren Nonne Bakhita eine entsprechende Stimme, Ausdruck zu geben. Mit kurzen, oft fragmentarisch wirkenden Sätzen beschreibt die Autorin all die körperlichen Leiden – für den Leser fast unerträglich deutlich – und alle seelischen Vorgänge.

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Hans-Josef Ortheil: Der von den Löwen träumte. Luchterhand-Verlag

In diesem soeben erschienen Band vereint Ortheil alle seine thematischen Vorlieben: Über eine interessante Persönlichkeit schreiben – Hemingway – über einen von ihm geliebten Ort schreiben – Venedig – und über das Schreiben selbst, beziehungsweise über Schreibhemmungen, schreiben.

Literarische Parallelen

Während der Lektüre erlebt der Leser einige Déjà-vu, die zu analysieren ihm spezielles Vergnügen bereiten könnte: Er erinnert sich vielleicht an den Werfelroman über Verdi: Der Komponist kam nach Venedig in einer echten Schaffenskrise, als er glaubte, nie mehr auch nur eine Note komponieren zu können. Dann wird dem Leser unweigerlich Thomas Manns „Tod in Venedig“ einfallen. Als Mann in einer schweren Schaffenskrise steckte, schrieb er sich diese an der Figur von Aschenbach ab. Für Thomas Mann alias Aschenbach wird Venedig zum Todesmythos. Während der Lektüre des Ortheil-Romanes fielen mir weiters die Parallelen zum Film „Il postino“ (Der Postmann) und zum Roman von Antonio Skarmeta „Mit brennender Geduld“, der dem Film zugrunde liegt, ein: Der Dichter Pablo Neruda findet in den Gesprächen mit dem jungen Briefträger einen gelehrigen Schüler, der bald auch Ideengeber wird. So auch in Ortheils Geschichte.

Hemingway, der große Trinker, in der Schaffenskrise

Wir schreiben das Jahr 1948. Ernest Hemingway und seine vierte Ehefrau Mary mieten sich im Hotel Gritti in Venedig ein. Dank des Revolverblatt-Journalisten Sergio Carini weiß bald ganz Venedig, wo und mit wem sich der große Schriftsteller, Kriegsheld und Großwildjäger herumtreibt. Das aber stört Hem, wie ihn Freunde nennen, nicht besonders. Er streift, mit allen nur möglichen Fremden redend und trinkend, durch die Stadt. Alles ist ihm recht, um von seiner Schreibhemmung abzulenken. Sein letzter Roman liegt schon lange zurück. Von Venedig erhofft er sich neuen Stoff und künstlerische Gestaltungskraft. Mit Paolo Carini, dem Sohn des besagten Journalisten, schließt er Freundschaft und engagiert ihn als „Hermes von Venedig“. Während der langen und gemütlichen Bootsfahrten durch die Kanäle notiert er akribisch alles, was er sieht, auch die banalsten Banalitäten. Dem Autor auf die bekannten und weniger bekannten Orte wie Harry‘ Bar, Torcello oder diverse campi zu folgen, bereitet zwar Vergnügen, ist aber doch durch die Banalität der Beschreibungen ermüdend. Etwas zäh wird die Geschichte, als sich Hemingway in die (real existierende) junge Adelige Adriana Ivancich verliebt. Er ist ein alter, müder Mann, der sich von der Achtzehnjährigen Verjüngung und emotionale Hochs erhofft. Aus den Begegnungen mit dieser infantil wirkenden Schönheit entsteht der Roman „Über den Fluss und in die Wälder“, der von der Kritik mit sehr viel Häme aufgenommen wurde und sicher nicht zu seinen besten Werken zählt. Der junge Fischer Paolo Carini wird zu seinem schärfsten Kritiker, ihn stößt alles, was mit dem Roman zu tun hat, ab. Er fordert von Hemingway einen ehrlichen, tiefgehenden Roman und schlägt ihm vor, von einem alten Fischer zu erzählen, der zum letzten Mal aufs Meer hinaus fährt und den Kampf mit einem Riesenfisch aufnimmt. – „Der alte Mann und das Meer“ wird zu einem der wichtigsten und bleibenden Werke Hemingways und Paolo ist stolz, Geburtshelfer gewesen zu sein.

Stilistische Tricks und Schwächen

Ortheil ist ein Meister der Spiegelfechtereien. Geschickt schiebt er reale Fakten und Fiktionen in- und übereinander. Hemingways Aufenthalte und Trinkorgien in „Harry ‚ s Bar“ sind hinlänglich bekannt. Dass der ermüdende Roman „Über den Fluss und in die Wälder“ tatsächlich auf die Liebe Hemingways zu Adriana Ivancich zurück zu führen ist und bei der Kritik durchfiel, ist historisches Faktum. Auch dass Hemingway die junge Adelige samt Mutter nach Cuba auf seine Finca einlud und seine Frau Mary damit ordentlich brüskierte, ist Faktum und wird von Ortheil als Fiktion in den Roman eingebaut. Mit der Familie Carini, Vater und Sohn, später auch Schwester und Mutter, führt Ortheil erfundene Personen ein und verquickt sie mit dem realen Geschehen. Das ist amüsant, weil sich der Leser stets fragt, was ist Fiktion und was Realität. Auf die Spitze treibt Ortheil das Spiel, wenn er Hemingways bekannte Manie, alles, was er beobachtet, akribisch aufzuzeichnen, im Roman eins zu eins umsetzt. Denn die banalen Details bleiben auch als Ergüsse eines Genies immer noch banal und langweilig. Peinlich wird es, wenn Ortheil vorgibt, den Gesprächen zwischen Hemingway und Adriana zu lauschen. Da wird es mehr als banal, peinlich banal.

Unterm Strich: „Der von den Löwen träumt“ ist ein gefälliger Roman, der vielerlei Leserinteressen bedient: Allen voran die der Liebhaber Venedigs, die dem Autor begeistert an bekannte Orte folgen. Auch alle Fans von Romanbiografien werden an dem Buch ihr Vergnügen haben. Immer vorausgesetzt, sie haben die Toleranz, die ausufernde Wiedergabe von Beobachtungen und Gesprächen als inhaltlich notwendig zu akzeptieren.

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Margret Greiner, „Ich will unsterblich werden“

Untertitel: Friederike Beer-Monti und ihre Maler

Verlag Kremayr – Scheriau

Es ist ja dann doch etwas aus dem verwöhnten Ding geworden. Wer hätte das erwartet!? Genau auf Seite 173 wird aus der Fritzi, mit vollem Namen Friederike Beer, später Beer-Monti, eine interessante Frau. Bis dahin erzählt Margret Greiner recht launig über ein Mädel der Wiener Gesellschaft um 1900, das es sich gut gehen lässt, das Leben dank einer fleißig arbeitenden Mutter unbeschwert genießen kann. Manchmal hilft sie der Mutter in der florierenden Gastwirtschaft, später Bar, in der Krugerstraße 3, im ersten Wiener Gemeindebezirk. Ziemlich unbekümmert um „Anstand und Moral“ wird sie die jahrelange Geliebte, später Lebensfreundin des Malers Hans Böhler, des Sohnes aus reichem Haus. Aber das garantierte noch nicht Ruhm und Unsterblichkeit. Und unsterblich wollte sie unbedingt werden. Dank ihrer jugendlichen Unbekümmertheit und ihres Charmes konnte sie Maler wie Egon Schiele, Klimt und natürlich ihren Lebensgefährten Hans dazu überreden, sie zu malen. Modell und Muse dieser Maler gewesen zu sein, hätte vielleicht für eine Kurz- Biografie gereicht. Aber Margret Greiner verfolgt den Lebensweg weiter. Nach einer kurzen Ehe mit dem feschen italienischen Offizier Monti kehrt Federica, wie sie sich ab nun nennt, wieder nach Wien zurück und lernt den – natürlich reichen – Amerikaner Hugh Stix kennen. Ab hier bekommt ihr Leben Linie und Ziel: Sie folgt ihm 1936 nach New York, wo sie mit seiner finanziellen Hilfe die „Artist’s Gallery“ eröffnet. Vielen jungen, unbekannten Malern bietet diese Galerie ein Forum, eine Verkaufsplatte. Vor allem aber verhilft Federica Beer-Monti von den Nazis verfolgten Künstlern zu einem Visum für Amerika. So weit sie kann, unterstützt sie sie auch finanziell. Nach 26 Jahren schließt sie die Galerie und übersiedelt in ein Altersheim in Haweii, wo sie sich der Aufarbeitung der Werke ihres Freundes Hans Böhler widmet. Mit 90 Jahren scheidet sie freiwillig aus demm Leben.

Margret Greiner, bekannt für ihre sensiblen Romanbiografien, beschreitet mit diesem Buch neue stilistische Wege. Sie nennt es nicht mehr „Romanbiografie“, auch nicht Roman, auch nicht Biografie. Innere Beweggründe, wie sie im Buch über Emilie Flöge, die Lebensgefährtin von Klimt, oder über die Malerin Charlotte Salomon sehr subtil nachzeichnet, sich in ihre Seelen einfühlt, bleiben diesmal aus. Statt dessen reichert sie die Geschichte mit Namen bekannter Maler, aber mehr noch unbekannter Maler an. Streckenweise artet es in ein ermüdendes „name dropping“ aus. Ihr Stil wird nüchterner, kürzer, den Sätzen kommt das Prädikat abhanden, so als ob keine Zeit bliebe, einen Gedanken auszuformulieren. Mit diesem (neuen) Stilmittel charakterisiert Margret Greiner den hektischen Lebensstil nach dem Zusammenbruch der Monarchie, die Zeit des Ersten und Zweiten Weltkrieges und die Zeit danach.

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I

Drago Jancar: Wenn die Liebe ruht. Zsolnay Verlag

Aus dem Slowenischen von Daniela Kocmut

Seit dem Roman „Die Nacht, als ich sie sah“, schrieb sich Drago Jancar in die Liste der besten slowenischen Autoren ein. Im Jahre 1944 verschwinden eine junge Frau und ihr Ehemann spurlos. Nachforschungen ergaben, dass beide von Titopartisanen verschleppt und umgebracht wurden. Zum ersten Mal bringt ein Autor Licht in die verwirrende politische Lage Sloweniens vor und nach dem Ende des 2. Weltkrieges. Der Roman hatte nachhaltige Wirkung.

Nun also war man auf den neuen, mit viel Vorschusslorbeeren bedachten Roman neugierig. Wieder befasst sich Jancar mit der Zeit um 1944, als Slowenien von den Deutschen besetzt wurde. In der Kleinstadt Maribor werden Nicht -Deutschstämmige und solche, die nicht für Hitler sind, ausgewiesen, in Lager geschickt oder gleich an die Wand gestellt. Partisanen formieren sich zum Widerstand, nur sehr wenig von den Bauern unterstützt. Denn diesen droht von der Gestapo Schlimmes, wenn sie Partisanen verstecken oder unterstützen.

Der geschickt ausgewählte Titel imaginiert, wie schon im ersten Roman, eine Liebesgeschichte. Die gibt es zwar, ist aber nur der dünne Faden, der die Spannung erhalten soll: Sonja und Valentin sind glücklich verliebt, solange bis er zu den Partisanen geht, geschnappt wird und von der Gestapo aufs Grausamste verhört wird. Sonja gelingt es, den verhörenden Offizier zu einer Freilassung zu „überreden“. Als Gegenleistung verlangt er eine Nacht mir ihr. Sie willigt ein, doch aus dem Koitus wird nichts – die Potenz des mächtigen Gestapomannes versagt vor ihrer kalten Unbeteiligtheit.

Valentin ist frei, aber unter Beobachtung der Gestapo. Zwischen ihm und Sonja ist etwas zerbrochen, er ahnt, um welchen Preis, den sie ja nicht wirklich zahlen musste, er frei kam. Verstummen der Liebe. Ab da wird das Buch eine fürchterliche Detailbeschreibung der Hölle, der Folter, der Ermordungen. Keiner traut mehr dem anderen, daher lieber ihn gleich umbringen: Angst und Argwohn, jeder verdächtigt jeden, mit (den genau beschriebenen Foltermethoden) will man „die Wahrheit“ seinem Gegner herausquetschen. Angst, Verrat, Hoffnungslosigkeit sitzen in den Seelen und haben Lebensfreude und Liebe ausgelöscht. Auch als der Krieg vorbei ist, geht das Morden weiter. Da ist der Leser bereits so erschöpft und deprimiert, dass er das Ende des Buches herbeiblättert.

Ist die krasse, detailreiche Beschreibung all der Grausamkeiten wirklich notwendig? Man respektiert, wie genau der Autor recherchiert, in den Archiven des Grauens nachgelesen hat. Das Bild, das er abliefert, gleicht einem Protokoll eines Gefängnisses, eines Lagers. Recherchen sind die eine Sache, daraus ein literarisch gültiges Werk zu machen, die andere. Dass Drago Jancar weiß, wie es literarisch auch anders funktioniert, zeigte er ja in dem Roman „Die Nacht, als ich sie sah“.

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Nino Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka)

Frankfurter Verlagsanstalt

Georgien war lange von der literarischen und politischen Landkarte ausradiert. Seit es aber 2018 als Gast zur Frankfurter Buchmesse eingeladen war, staunten Verlage und Leser nicht schlecht über die Fülle an Literatur, die da im Abseits gediehen war. Georgien war durch Jahrhunderte ein Spielball verschiedener Mächte. Um 1900 lebte es unter dem russischen Zaren, dann nach einer kurzen Zeit der Freiheit wieder unter der russischen Macht. 1991 konnte es sich nicht wirklich von den verkrusteten politischen Strukturen, die Russland dem Land und seinen Menschen einzementiert hatte, freikämpfen. Bürgerkriegsähnliche Zustände verhinderten lange Zeit eine stabile Regierung.

Nino Haratischwili ist 1973 in Tiflis geboren, lebt heute in Hamburg und schreibt auf Deutsch. Ihr fast 1.300 Seiten starker Roman ist ein Gang durch die Geschichte Georgiens. Aber erzählt wird nicht die Geschichte bekannter Namen, sondern von Menschen, die von der „offiziellen Geschichtsschreibung“ ungenannt bleiben. Indem Nino Haratischwili die Geschichte der Familie Jaschi durch sechs Generationen erzählt, gibt sie denen eine Stimme, die in der Diktatur Russlands keine Chance hatten, gehört zu werden. Der Roman ist gleichsam ein Aufbegehren gegen die in Diktaturen üblichen Fälschungen der Tatsachen. Aus demselben Grund überschwemmen zur Zeit auch Familiengeschichten aus der ehemaligen DDR den Markt: Man will die Geschichte aus der privaten Perspektive erzählen und den bisher Ungehörten eine Stimme geben.

Die Icherzählerin bleibt lange ungenannt, im Hintergrund. Nur hin und wieder taucht sie als ein Ich auf. Erst im letzten Drittel des Romans erfährt man ihr persönliches Schicksal. Die Geschichte beginnt mit ihrem Ururgroßvater, der mit einem geheimnisvollen Schokoladenrezept den Reichtum der Familie begründete. Seine Tochter Stasia erbt das Rezept, das sie wiederum nur an eine Frau aus der Familie weitergibt. Der Roman konzentriert sich hauptsächlich auf die Frauen der Familie, die alle sehr eigenwillig und selbstbewusst sind. Als Gegenspieler fungiert Kostja, der eine glänzende Karriere in der russischen Marine macht und sich als Familienoberhaupt geriert. Haratischwili berichtet über Folter, Bestechung, Bespitzelung in der sowjetischen Diktatur. Wie die Menschen entweder von Angst geleitet sich unterordnen oder aufbegehren. Es sind eher die Frauen, wie etwa die Sängerin Kitty, die sich aufbäumen und trotz erlittener Folter stark bleiben und sich ein Leben im Ausland aufbauen. Aber das Trauma, das sie und alle anderen Frauen des Romans erleben, prägt sie und ist unauslöschbar. Vielleicht wird die 13-jährige Brilka als erste dieses Trauma auflösen. Für sie schriebt die Icherzählerin die Geschichte der Familie auf. Offen bleibt, was Brilka mit diesem Wissen machen will. Deshalb endet der Roman mit Leerseiten.

Haratischwili ist eine Erzählerin, die weiß, wie sie ihre Leser durch die 1.300 führen muss, ohne dass diese den Atem und die Lust am Weiterlesen verlieren. Zu Anfang jedes Kapitels listet sie das politische Weltgeschehen, im Besonderen aber die Ereignisse in Georgien in einer kühlen, unpersönlichen Faktensprache auf, um danach auf die Ereignisse der Familie einzugehen. Sofort ändert sie Stil und Temperatur, sie erzählt warm, poetisch, manchmal zu poetisch von den Frauen, ihren Versuchen, sich vom Trauma der Geschehnisse freizukämpfen.

Achtung – es droht Suchtgefahr! Man stürzt in das Geschehen hinein, kann nur mit Mühe aufhören zu lesen! Am besten, man gönnt sich einige Urlaubstage, um ungestört in das Leben dieser starken Frauen eintauchen zu können.

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Christoph W.Bauer: Niemandskinder. Haymon- Verlag

Bücher über Kriege, Nachkriegszeiten und Terror überschwemmen den Markt. Da fällt der Roman von Christoph W. Bauer zunächst positiv auf. Er „erzählt“ von den Niemandskindern, die als Väter französische Soldaten hatten und von den Einheimischen mit Verachtung gestraft und mit Böswilligkeiten verfolgt wurden- Ein Thema, das hochaktuell ist. Viele – jetzt längst schon Erwachsene – suchen heute per Internet oder Fernsehen ihre Erzeuger.

Chrisoph W. Bauer kann sich nicht entschließen, ob er das Thema als Historiker oder als Schriftsteller behandeln soll. Er macht es sich und dem Leser nicht leicht, switcht zwischen Zeiten, Orten und Personen, dass man ihm kaum und nur ungern folgt. Die „Handlung“ – soweit nacherzählbar:

Der Icherzähler ist in Tirol aufgewachsen, entflieht dem engen und stockbürgerlichen Innsbruck, lebt in Paris, erlebt eine intensive Liebe mit einer jungen Frau, die wahrscheinlich – so genau wissen er und der Leser es nicht – marokkanische Wurzeln hat. Sie genießen ihr Leben in der Banlieue von Paris. Leben von dem wenigen Geld, das sie verdient. Er redet nur – von einem Roman, den er schreiben wird, aber nie beginnt. Dann zerbröselt die Beziehung. Man bekommt mit, dass der Icherzähler Karriere an der Uni in Innsbruck macht. Ihm fällt ein Foto in einem Zeitungsartikel von Marianne, einer ehemaligen Freundin aus Kindheitstagen, in die Hände. Sie sei seit Jahren spurlos verschwunden. Er macht sich auf die Suche. Sucht zugleich auch nach seiner ehemaligen Paris-Geliebten. Nun wird die Geschichte immer wirrer. Marokkanische Soldaten als Zeugungsväter kommen ins Spiel. Alles sehr unklar. Man liest das Buch zu Ende, weil man wissen möchte, was unter dem Strich herauskommt. Und ist verärgert, weil ein wichtiges Thema vergeigt wurde. Besatzungskinder und deren Mütter hätten entweder eine reine Dokumentation oder einen Roman auf Basis klarer Strukturen verdient.

http://www.haymonverlag.at

Gianrico Carofiglio: Drei Uhr morgens.

Folio Verlag. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull

„Wann hattest du deinen ersten Sex, Vater“ fragt der knapp 18-jährige Antonio seinen Vater.

Antonio war Epileptiker und muss auf Anraten des behandelnden Arztes einen Stresstest machen: Er soll zwei Tage und zwei Nächte ohne Schlaf verbringen. Sollte er in dieser Zeit keinen Anfall bekommen, dürfe er sich als geheilt betrachten. Ausgerechnet in Marseille muss Antonio, begleitet von seinem Vater, diese Zeit durchstehen. Marseille in den frühen 80er Jahren ist nicht gerade eine sichere Stadt, schon gar keine Touristenstadt. Dennoch marschieren Vater und Sohn angstfrei durch die Tage und die Nächte. Dabei kommen sie sich näher, stellen Fragen, die sie im normalen Alltag nicht gestellt hätten. Bis zu diesem Zeitpunkt hat ja Antonio seinen Vater nur als Abwesenden erfahren. Nun sind beide offen füreinander. Die forcierte Wachheit macht beide wach für das Gegenüber und auch wach gegenüber Fremden. Sie lernen Menschen kennen, die sie niemals sonst angesprochen hätten. Dass sein Vater außer ein genialer Mathematiker auch ein ausgezeichneter Jazzpianist ist, erfährt Antonio in einer Jazzspelunke. Er ist stolz auf seinen Vater. Zwischen den beiden entsteht Vertrauen und Vertrautheit, was für beide ein beglückendes, neues Erlebnis ist. Am Ende dieser intensiven Zeit erfährt Antonio, dass er sich als geheilt betrachten kann. Beide kehren zurück nach Paris. Wenige Monate später stirbt der Vater. Beide hatten gedacht, sie hätten noch viel Zeit, um weiterzureden.

In einer klaren, unaufgeregten Sprache schildert Carofiglio diese intensive Begegnung von Vater und Sohn. Langsam und behutsam führt er die beiden zueinander, ganz ohne emotionalen Kitsch, dennoch tief berührend.

Gianrico Carofiglio, geboren 1961 in Bari, seit 2007 Antimafiastaatsanwalt, ist ein großartiger Erzähler. Von der ersten Zeile an folgt man dieser fein gewebten Seelen-Textur, die er vor dem Leser ausbreitet.

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Drago Jancar: Die Nacht, als ich sie sah. Szenische Lesung. Akademietheater.

Es lasen: Der Major: Michael Maertens, Die Mutter: Barbara Petritsch Der deutsche Arzt: Roland Koch, Die Haushälterin: Katharina Pichler, Der Partisan: Branko Samarovski

Bearbeitung und Szenische Einrichtung: Patrick Steinwidder

Drago Jancar zählt zu den wichtigsten Schriftstellern Sloweniens. Sein Roman „Die Nacht, als ich sie sah“ ist ein packendes Dokument, geschrieben nach einer wahren Begebenheit. Im Jahre 1944 werden Ksenja Hribar, Vorbild für die Protagonistin Veronika, und ihr Mann Rado aus der Burg Strmol von Partisanen entführt. Ihre sterblichen Überreste wurden erst 2015 im nahen Wald gefunden. Dem Autor gelingt es, mit diesem Roman ein Bild des damaligen Jugoslawien in all seiner Zerrissenheit zu entwerfen: Da gab es noch die königstreuen, serbischen Soldaten, die deutsche Besatzung, die Tito-Partisanen und mitten drin die Bevölkerung, die von allen Seiten aufgerieben wurde. Jede Partei hatte ihre Sicht auf das Leben, auf den Wert des Lebens. Veronika und ihr Mann wollen keine politischen Schranken akzeptieren. In ihrer Burg gibt es das Wort Krieg nicht. Man lädt Pianisten, deutsche Ärzte und Schriftsteller ein. Man beschäftigt Leute aus dem Dorf und bezahlt sie gut. Veronika holt sogar einen ihrer Leute aus dem Gefängnis, gerade den, der sie dann an die Partisanen verraten und sich an der Ermordung beteiligen wird .

Ein Roman, der subtil und unaufdringlich das wirre Geschehen der Jahre 1944 und später entwirrt, ohne Schuldzuweisungen. Steinwidder und den Schauspielern gelang das Kunststück, dieses feingesponnene Werk in der kurzen Zeit der Lesung griffig und berührend an das Publikum heranzutragen. Dass eine Lesung den Roman nicht ersetzen kann, ist eine bekannte Tatsache. Mein Rat: unbedingt lesen!

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Elisabeth R. Hager: Fünf Tage im Mai. Klett-Cotta

Die Groß- und Urgroßeltern behaupten sich in der Literatur. Es sind besonders die Autorinnen, die sich um das Thema der alten/älteren Generation annehmen. In Renate Welsh, Die Schuhe der Großmutter und in Dacia Maraini, Drei Frauen sind es die Großmütter, die die aufmüpfige Jugend verstehen. Und umgekehrt, die rebellische Jugend versteht die „Uralten“ besser als die „Alten“ – sprich „Eltern“. Logisch, denn Großeltern haben die Freiheit, über die Rebellion der Jungen zu lächeln. Meist nicken sie verständnisvoll. Erziehen müssen und wollen sie nicht mehr. Das überlassen sie der mittleren Generation.

Auffallend ist, dass in all diesen Romanen der Stil nüchtern ist. Fast peinlich darauf bedacht, nicht in Kitschverklärung zu verfallen, wählen alle drei Autorinnen – auch Elisabeth Hager – eine schlichte Sprache mit hohem Poesiewert.

Hager beginnt ihre Erzählung am 8. Mai 1986. Illy soll zur Kommunion. Doch das Kleid zwickt, sie bekommt keine Luft, rennt aus der Kirche und verpasst die Kommunion. Draußen wartet ihr geliebter Urgroßvater Tat`ka. Als Ersatz für die Hostie steckt er ihr ein Pocket Coffee in den Mund – und die WElt ist wieder in Ordnung. Zehn Jahre später gerät sie in Gefahr, sie könnte auf die schiefe Bahn geraten. Tat’ka holt sie da raus. Wieder zehn Jahre später ist es Tat’ka, der ihre Liebe zu Tristan versteht. Dieser Tat’ka ist ein weiser Alter, lehrt sie das Leben verstehen. Unter anderem bringt er ihr auch den Sinn seines geliebten Handwerkes bei. Nach seinem Tod (100!) übernimmt Illy die Fassbinderei.

Eine innige Geschichte aus St. Johann in Tirol, wo die Autorin ihre Kindheit verbrachte. Jedes Wort sitzt an seinem Platz. Es wird nicht zu viel und nicht zu wenig geredet.

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David Österle: „Freunde sind wir ja eigentlich nicht“. Kremayr-Scheriau Verlag.

Untertitel: Hofmannsthal, Schnitzler und das Junge Wien.

Im ersten Teil beschreibt- nein, zählt der Autor wie ein eifriger Schüler auf, welche Dichter in den frühen Tagen um 1890 sich in welchen Kaffeehäusern zusammenfanden. Welche Leserschaft er hier ansprechen möchte, ist wohl die Frage: Denn alle, die mit der Literatur rund um die Jahrhundertwende nur ein wenig vertraut sind, fadisieren sich bei diesem Name-dropping. Wer über diese Zeit erste, grundlegende Informationen bekommen möchte, ist am falschen Lesedampfer. Überfordert von so vielen Namen ohne Konturen wird er das Buch weglegen.

Ab der Mitte wird das Werk konkreter. Österle schildert mit deutlicher Ironie, mit welch eitler Hingabe die Autoren sich selbst analysieren, vor den anderen brillieren wollen, Erfolge neiden. Kurz – es menschelt. Bis in tiefst persönliche Erlebnisse werden für die Literatur ausgeschlachtet. Schnitzler ist da besonders skrupellos: Ob er den Tod eines Kindes, Ehekrisen oder neue, junge Geliebte zu Novellenfutter ausschlachtet – Skrupel hat er keine.Hofmannsthal, Beer-Hofmann und alle anderen auch betreiben einen Kult der Schönheit, der schlicht und einfach dekadent genannt werden darf. Kämpfe der Arbeiterpartei, die pure Not in den Massenunterkünften Wiens kümmern keinen. Sie haben ja ihre Refugien in Wien und anderswo. Wie verschwommen die Wirklichkeit sich ihnen darstellt, zeigt Klimt in der Reihe der „Fakultätsbilder“ mit der Darstellung der Philosophie: Die Göttin, die Weisheit, Klarheit schaffen soll, schwebt in einem verschmurgelten Rauch von Gesichtern und Leibern in die Höhe. Wirklichkeit bleib uns ferne – so mag wohl das Credo dieser Künstlergeneration um 1900 gelautet haben.

Schade, dass David Österle diesen kritischen Faden nur hin und wieder aufleuchten lässt. Da wäre das Buch um einiges spannender geworden.

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Gerhard Roth, Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier. S. Fischer

Es hat schon Tradition, in Venedig sterben zu wollen. Thomas Mann hat den „Tod in Venedig“ in höchste literarische Form gegossen. Seither wird das Klischee der morbiden Stadt immer wieder bemüht. Leider ist Venedig ja selbst zum Sterben verurteilt. Warum schreibt eigentlich kein Autor einen Text über den Tod Venedigs?

Gerhard Roth zeichnet seinen Protagonisten Emil Lanz als müden Typen. Als Lebensmüden. Seine ewig gleichen Wege am Lido mag er nicht mehr gehen. Verständlich, denn am Lido reizt nichts die Phantasie an und erfrischt nichts das Denken: Ein Strand, voll mit Schirmen, Menschen in Liegestühlen, horrible Betonkonstruktionen aus den 60er Jahren, deren Zweck sich nicht mehr erschließt , und seit Jahren geschlossene Nobelhotels. Lanz beschließt zu sterben. Aber nicht auf dem Lido – der ist ihm als Sterbeort doch zu banal. Er fährt nach Torcello, ein Kleinod unter den Inseln, wenn nicht gerade Touristenhorden darüber trampeln. In der Basilica Santa Maria Assunta betrachtet er noch einmal das Goldmosaik über das „Jüngste Gericht“. Die Teufel sind aktiv…Er beschließt, sich einen ruhigen, stilvollen Platz zum Sterben auszusuchen. Die Pistole ist in seiner Jacke wohl verwahrt. Doch leider schläft er sturzbetrunken ein, bevor er sich erschießen kann. – Gerhard Roths Humor ist wahrhaftig teuflisch!

Als Lanz erwacht, wird er Zeuge eines Mordes und weiß nicht so recht, ob er noch lebt oder sich schon ins Jenseits befördert hat. Dieses Gefühl der Unsicherheit, des Schwebens zwischen Realität und eventuellem Jenseits verlässt ihn nun nicht mehr – auch den Leser nicht, der in gleicher Weise wie der Protagonist verwirrt durch Venedig schwankt. Sterben will Lanz nun nicht mehr. Der Schock über den miterlebten Mord hat ihm das Leben wieder lebenswerter gemacht. Tod und Leben sind Nahkampferfahrungen. Weiter geht es nicht in Donna Leon -Manier. Denn die Aufklärung des Mordes verdünnt sich immer wieder im Strudel der sich verzweigenden Erzählstränge, wird unwichtig, um irgendwann später wieder aufgenommen zu werden. Der Roman mäandert zwischen den Gassen und Kanälen, zwischen geheimnisvollen Figuren, die aus Shakespeares „Sturm“ entlehnt sein könnten, hin und her. Ab da empfiehlt es sich, in kleinen Dosen zu lesen. Denn lange hält man die ausufernden, oft auch ermüdenden Exkursionen in Metaphysik, in unbekannte Sphären der Literatur nicht aus. Tröstlich ist der Schluss: Lanz bekommt von seinem geheimnisvollen Gönner, der ähnlich wie Prospero im Sturm die Fäden des Geschehens lenkt, den ehrenvollen Auftrag, den ganzen Shakespeare zu übersetzten. Und da schließt sich auch der Titel des Romans auf, der ein Zitat aus dem Drama „Der Sturm“ ist. Glücklich macht sich Lanz ans Werk.

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Marco Bolzano: Das Leben wartet nicht. Diogenes Verlag

Aus dem Italienischen von Maja Pflug

Dem Verlag gilt mein Dank, dass er dieses großartige Buch im deutschsprachigen Raum erscheinen ließ! Wer sich für den Süden Italiens, die Auswanderungswelle vom Süden in den Norden, insbesondere nach Mailand in den 1960er Jahren, interessiert, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Wer sich nicht dafür interessiert, sollte es erst recht lesen. Denn Marco Bolzano kann erzählen, dass einem beim Lesen Herz und Hirn aufgehen! Ein weiteres Lob gilt Maja Pflug, die diese schlichte, aber hoch qualifizierte Sprache, die nie artifiziell wird, aber sehr poetisch ist, eins zu eins perfekt ins Deutsche übersetzt hat.

Ninetto ist ein Knirps, der seine Kindheit in Sizilien verbringt, immer schon sehr kritisch denkt und sich in den ärmlichen Verhältnissen gut zurecht findet.. Sein großes Vorbild ist der Lehrer Vincenzo, der ihm die Liebe zu Gedichten beibringt und die Welt erklärt, soweit er sie selbst versteht. Als die Mutter mit einer schweren, unheilbaren Krankheit ins Altersheim eingeliefert wird, ohne Chance auf Besserung, und der Vater trinkt und das Geld verspielt, entschließt sich Ninetto mit einem ziemlich fiesen Typen nach Mailand auszuwandern, um Arbeit zu finden. Dort angekommen muss er feststellen, dass er für jede Art von Arbeit noch zu klein und zu jung ist. Aber er beißt sich durch, auch wenn er ausgenützt und ausgebeutet wird. Als er 15 ist, verliebt er sich in Maddalena, die aus Calabrien stammt. Weil sie heiraten wollen, aber vom Vater des Mädchens keine Erlaubnis bekommen, brennen sie durch. In Ninettos Heimatdorf erhalten sie eine Art „Blitztrauung“. Zurück nach Milano schuftet sich Ninetto die Seele aus dem Leib, um seiner heiß geliebten Maddalena und später seiner Tochter ein einigermaßen schönes Leben zu bieten. Was ihm auch gelingt, aber unter welchen Bedingungen! Er „verkauft“ sich als Fließbandarbeiter an die Alfa-Romeowerke – für ihn die reinste Hölle. Die nächste Hölle erwartet ihm in Gefängnis – er büßt eine jahrelange Strafe ab und kommt als fast gebrochener alter Mann heraus.

Mehr sei über den Inhalt nicht verraten. Bolzano ist ein begnadeter Erzähler, weiß, wie er Spannung erzeugt und dabei auch kluge Lebensphilosophie einflicht. Wie Perlen fügt er Satz an Satz, jeder einzelne eine Kostbarkeit, die sich gerade in der überzeugenden Schlichtheit und Echtheit, wie Ninetto die Welt erlebt und reflektiert, manifestiert. Im Nachwort schreibt Bolzano, der selbst in Mailand lebt und unterrichtet, dass er für dieses Buch viele aus dem Süden Italiens Ausgewanderte interviewt und lange Gespräche mit ihnen geführt hat. Dadurch wirken alle Figuren sprachlich und inhaltlich sehr authentisch. Ninetto durchlebt gleichsam als Leit- und Symbolfigur die Hoffnungslosigkeit und das Ausgeliefertsein der Zeit von 1960 bis knapp nach 2000, den vergeblichen Kampf der Arbeiter für mehr Rechte. die neue Einwanderungswelle der Chinesen, den Niedergang vieler Fabriken. Das Ende des industriellen Aufschwungs und das Herannahen des digitalen Zeitalters sind erahnbar.

Unbedingt lesen!!!

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Andrea De Carlo: Das wilde Herz. Diogenes

Aus dem Italienischen von Petra Kaiser und Maja Pflug

Er hat es wieder einmal geschafft! Andrea De Carlo fesselt seine Leser von der ersten bis zur letzten Seite. Das Thema ist so alt wie auch klischeeverdächtig: Mara Abbiati ist eine temperamentvolle junge Bildhauerin, Italienerin. Craig Nolan ein etwas in die Jahre gekommener, aber weltberühmter Anthropologe. Engländer durch und durch. Seit sieben Jahren führen sie eine Ehe, die bereits einem eintönigen Rhythmus folgt: Die Winter verbringen sie in England. Ein paar Sommerwochen in einem gottverlassenen Dorf in den Bergen von Ligurien. In einem ziemlich ramponierten Haus, in das sich Mara in ihrer Jugend verliebt hatte. So weit der Klischeerahmen. Aber De Carlo weiß mit diesem Klischee virtuos zu spielen, zerlegt es, kaut es wieder und spuckt es verächtlich aus.

Ein heißer Sommer. Craig will kaputte Dachziegel reparieren und stürzt ein. Die Verletzungen sind nicht lebensgefährlich, aber gehhinderlich. Wie vom Himmel gefallen braust ein Supertyp (Pferdeschwanz, Tätowierungen, Muskeln überall) auf einem Supermotorrad an und bietet sich an, mit seiner Truppe um eine erstaunlich geringe Summe das Dach in wenigen Tagen zu reparieren. Klar, was kommt: Der temperamentvollen Mara, die sich schon lange mit ihrem faden Ehemann langweilt, gefällt dieser Ivo, von dem sie nichts weiß, nicht woher er kommt, woher er das Spitzenbaumaterial und die Schwarzarbeiter hat. Für Craig ist das alles ein Dauerärgernis. Er soll seine nächste Fernsehsendung vorbereiten, Artikel schreiben – aber immer wieder gehen ihm dieser Ivo und Maja durch den Kopf. Und dann brausen die beiden auch noch für einen Nachmittag ab…Mehr sei hier nicht verraten.

Stilistisch zieht sich De Carlo großartig aus der Klischeeschlinge. Seitenweise, ohne den Leser zu fadisieren, lässt er Craig menschliches Verhalten analysieren und wissenschaftliche Erklärungen für das Unverstehbare zu finden. Da steckt eine gehörige Portion Ironie und Angriff gegen verknöcherte Wissenschaft, die am Leben vorbei geht, darin! Die Geschichte zwischen Mara und Ivo lässt der Autor geschickt bis zum Schluss in der Schwebe, immer wieder unterbrochen von den einsamen Gedanken Maras und den wirren Überlegungen Ivos. So ganz nebenbei liefert De Carlo noch eine köstliche Analyse vom Leben in dem abgelegenen Dorf, von den vergeblichen Versuchen des „Fremden“, sich in dieser für ihn öden und leeren Umgebung zu beheimaten.

Unbedingt lesen!!

Aus dem Französischem von Amelie Thoma

Gut, dass ich Slimanis Roman: „Dann schlaf auch du“ zuerst las. Sonst wüsste ich nicht, wie gut diese Autorin schreiben kann. Denn der war spannend, flott geschrieben und lieferte eine gehörige Portion Gesellschaftskritik ohne moralischen Zeigefinger. Für ihn bekam die Autorin den Prix Goncourt.

Daraufhin war ich auf den anderen Roman neugierig. Über ihn urteilten die Kritiker- wie auf der Rückseite des Covers zu lesen ist: „Slimani schrieb eine „moderne Madame Bovary“ „, sie sei „die neue Stimme der französischen Literatur“ und gar auch: „Furchtlos zieht Slimani den Vorhang auf und zeigt, was in Frauen im Stillen vor sich geht.“

Was in Adèle – der Portagonistin – vor sich geht, ist: Langeweile, Sexsucht und sonst nichts. Die Langeweile überträgt sich schnell auf den Leser. Nach der sechsten, siebten Sexszene, noch dazu ziemlich vordergründig auf Voyeurismus der Leser zielend geschrieben, beginnt man die Seiten zu überblättern. Was das Ende des Interesses bedeutet.

Adèle gehört der oberen Mittelschicht an. Ihr Mann ist Chirurg, sie haben einen sechsjährigen Sohn. Beide sind für Adèle ein Born der Langeweile. Spannend wird es erst, als ihr Mann auf ihre Sexabenteuer draufkommt und sie kurzerhand aufs Land in eine Villa verfrachtet. Dort soll sie nun die brave Hausfrau und Mutter spielen. Und – Überraschung – sie tut es. Das ist alles.

Raffaella Romagnolo: Bella Ciao. Diogenes Verlag

Aus dem Italienischen von Maja Pflug

Wieder einer der vielen Romane , die Familiengeschichten mit historischem Hintergrund -meist Kriegen – verbinden. Romane dieser Strickart überschwemmen seit einiger Zeit den Markt: Familiengeschichten – oft von Urgroßeltern an bis in die Gegenwart reichend-, eng verknüpft mit der Aufarbeitung historischer Ereignisse, die äußerst akribisch recherchiert wurden. Mit großer Detailliebe, um nicht zu sagen Detailverliebtheit, werden Grausamkeiten und politische Intrigen geschildert, und die eigentliche Geschichte der Familie bleibt dabei oft auf der Strecke oder verstrickt sich und mäandert durch den Roman, ohne Fuß zu fassen. Im jüngst veröffentlichten Roman „Alle, außer mir“ verknüpft etwa Francesca Melandri die Geschichte des italienischen Kolonialismus in Äthiopien mit der jüngsten Vergangenheit rund um Berlusconi mit einer ziemlich verwirrenden Familiengeschichte. Weitaus besser, um nicht zu sagen genial, gelang es ihr hingegen in ihrem Roman „Eva schläft“, die Geschichte Südtirols am Beispiel einer Mutter-Tochter -Vater Beziehung aufzurollen. Gelungen ist ihr das deshalb so gut , weil sie sich in der Anzahl der handelnden Personen auf einige wenige beschränkte und der Leser problemlos beide Stränge – Historie und Familie -gut verknüpfen kann.

Romane, die die lange Ahnentafel zum besseren Verständnis des Lesers im Vor- oder Nachwort anführen, lassen auf ein mühsames Hin- und Herblättern schließen. Wenn es dem Autor nicht gelingt, einzelne Charaktere klar herauszuarbeiten und der Leser immer wieder nachschlagen muss, von wem gerade die Rede ist, dann wird die Lektüre mühevoll.

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Wer ist wer? Und wer lebt noch?

Romagnolo erzählt in ihrem Roman „Bella Ciao“ über die schwierigen politischen Zeiten Italiens in den beiden Weltkriegen. In dem kleinen Dorf Borgo di Dentro, irgendwo in den Bergen im Piemont, erleben die Familien alle politischen Stürme, die da waren: Die Zeit der „mezzadria“, im Roman als „Halbpächter“ bezeichnet. Die mezzadri mussten den Adeligen die Hälfte der Ernte abliefern und waren der Willkür der Pächter ausgesetzt. Die Ausbeutung der Arbeiter und Arbeiterinnen in der Seidenweberei und ihr vergeblicher Kampf um bessere Löhne, dann der erste Weltkrieg und der Kampf der Italiener gegen die Österreicher, die Zeit des aufkommenden Faschismus, der Untergrundkampf der Sozialisten, Kommunisten und der Partisanen gegen Faschisten und die deutsche Besatzung. Es sterben Väter, Söhne, Frauen werden vergewaltigt, Unwetter verheeren die Ernten, Hungersnot und Leid sind Alltag.

Auch für diesen Roman gilt: Weniger wäre mehr! Die Zahl der Personen verwirrt. Nur einige wenige bekommen genug Zeit und Seiten zugestanden, um das Interesse des Lesers für diese Figur wach zu halten. Zu schnell dreht sich das Rad der Erzählung von einer Zeit in die andere, vor und zurück und gleich wieder vor. Die Schilderungen der Gräueltaten nehmen viel zu viele Seiten ein. Man beginnt zu überblättern. Und das ist das schlimmste Urteil, das man über ein Buch fällen kann. Schade, denn das Thema wäre interessant.

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Bernd Polster, Walter Gropius. Der Architekt seines Ruhmes. Hanser Verlag 2019.

Skandal, dieser Autor demontiert einen der größten Architekten des 20. Jahrhunderts! Er recherchiert nicht, sondern schlüpft in eine fragwürdige Erzählerrolle! Solches und Ähnliches liest man in den Rezensionen. Derartig empörte Aufschreie kommen gewöhnlich, wenn ein Heros aus Kultur, Politik oder Sport vom Sockel gestoßen wird. So war es auch bei Bert Brecht, als bekannt wurde, welch großen schöpferischen Anteil die Frauen rund um ihn bei der Entstehung seiner Werke spielten.

Mangel an Respekt, unzulängliche Dokumentation und kindische Häme wirft man Bernd Polster vor. Um das Bild von Walter Gropius zu rehabilitieren, demontiert man zu aller erst den Autor.

Und ich? – Ich gestehe, ich habe diese Biografie genossen, von der ersten bis zur letzten Seite! Aber ich gestehe auch, dass ich keine anderen Werke über Walter Gropius zum Vergleich gelesen habe. Und ich gestehe, dass ich mit einem gewissen Voyeurismus und einer durchaus mir eingestandenen Schadenfreude diese Enthüllungen las und mir dabei vorkam, als säße ich beim Friseur und genieße die Lektüre von „Gala“ und ähnlichen Tratschblättern.

Was ist dran an den Enthüllungen?

Wieviel kann man glauben, wieviel ist beweisbar? Ehrlich gesagt, das kann ich nicht verifizieren. Blättert man aber den fast hundertseitigen Anhang mit Literaturhinweisen, Zitaten und genauem Personenverzeichnis durch, dann kann man davon ausgehen, dass Bernd Polster verantwortungsvoll genug geforscht hat und seine Erkenntnisse Hand und Fuß haben.

Dass Walter Gropius sein Architekturstudium frühzeitig abgebrochen hatte, ist allgemein bekannt. Dass er trotzdem die Urheberschaft für viele Gebäude erhob, ist ein schwerwiegender Vorwurf. Geschickt holte er namhafte Architekten, wie Meyer, Fieger, Fischer und viele andere ins Boot und ließ sie unter dem Namen seines Büros für sich arbeiten- so Bernd Polster. Nun, das soll ja bis heute Usus sein, hört man aus Architektenkreisen. Dass er aber von sich behauptete: „Das Bauhaus bin ich“ ,zeugt von übergroßem Selbstbewusstsein, das die Mitarbeit aller anderen – und das sind sehr viele -bewusst ausblendet.

Dass Walter Gropius mit einigen Größen der Naziära befreundet war, die ihm sogar Empfehlungsschreiben nach England mitgaben, ist vielleicht weniger bekannt. Als er 1962 in Cambridge das TAC (The Architects Collaborative) gründete, ließ er ebenso wie beim Bauhaus junge Architekten für sich arbeiten, ohne deren Urheberschaft zu nennen. So wird das Rosenthal-Service, das die Keramikerin Katherine de Souza entwarf, noch immer unter dem Namen „Gopius-Sevice“ angeboten.

Zahlreich sind die Vorwürfe, die Bernd Polster erhebt. Was in dem an sich gut geschriebenen und leicht lesbaren Werk stört, sind die Beurteilungen und Beobachtungen eines auktorialen Erzählers, die eher in einen Roman als in eine Biografie mit wissenschaftlichem Anspruch passen. So spricht Bernd Polster immer wieder von „Glücksfeen“, mit denen Gropius ein Geheimabkommen getroffen haben muss. Anders seien die vielen Karriereschübe, die weniger auf Können als auf Protektion zurückzuführen seien, nicht erklärbar.

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Hajo Düchting, Wie erkenne ich Bauhaus? belser Verlag, 2. Auflage 2019

Wer sich für die Geschichte des Bauhauses und seine Werke interessiert und grundsätzliche Informationen braucht, dem hilft das Buch rasch weiter. Hajo Düchtings Verdienst ist es, die Erkennungsmerkmale der Bauhauswerke klar, übersichtlich und für jedermann verständlich herausgearbeitet zu haben. In den drei Hauptkapiteln „Malerei“, „Skulptur und angewandte Kunst“ und „Architektur“ geben Fotos und knappe Erklärungen einen guten und raschen Überblick. Bei der Zuordnung der Bauten geht Düchting jedoch nicht auf die jüngst ausgebrochene Diskussion um seinen Gründer Walter Gropius ein. Seit Bernd Polzer seine Gropius-Biografie veröffentlichte (siehe auch meinen Beitrag im Blog dazu), ist nichts mehr so, wie es früher war. Was Gropius wirklich eigenständig gebaut hat, müsste neue bewertet werden. Aber solche Fragen aufzuwerfen, wäre mit einem Überblickswerk nicht kompatibel, weil es den Rahmen sprengen würde.

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Andreas Hillger, gläserne zeit. Osburg Verlag

Ein Bauhaus-Roman

Geschickt verknüpft der Autor eine Beziehungsgeschichte mit dem Geschehen rund um das Bauhaus, als es in Dessau in den Jahren von 1925-1932 seine Zelte aufschlug. Walter Gropius hat mit seinen Meistern und Alumni (Lehrern und Studenten) Weimar verlassen und die Einladung der Junkersbetriebe, nach Dessau zu kommen, angenommen. Clara Cohn, Tochter aus gut bürgerlichem Hause, studiert an der Bauhaus -Schule. Bei einer öffentlichen Bauhaus- Veranstaltung posiert sie als nacktes Aktmodell, was ihr den Unmut des Vaters zuzieht. Er bricht jeden Kontakt zu ihr ab.Die Kluft zwischen Bürgertum und Bauhaus, wie sie schon in Weimar aufgebrochen war, tut sich auch hier auf. Clara lebt genau dazwischen. Dazu kommt noch Liebeskummer. Sie kann sich nicht zwischen dem besonnenen Lukas und dem draufgängerischen Carl – beides Bauhausstudenten – entscheiden.

In diese Beziehungsgeschichte flicht der Autor geschickt das Geschehen und die Probleme rund um das Bauhaus ein, charakterisiert den Machtmenschen Gropius, der sich inzwischen „Pius“ nennen lässt und auch so agiert. „Pius ist ein Fähnlein im Wind, das sich mal den Künstlern, mal den Ingenieuren zuwendet.“ (S 95) Er entlässt der Reihe nach die Meister, wenn sie mit seinen Entscheidungen nicht einverstanden sind. Mit dieser Kritik an Walter Gropius steht Andreas Hillger nicht allein da. Die jüngst erschienene Biographie von Bernd Polster „Walter Gropius“ (Hanser Verlag) richtet das Bild dieses allseits verehrten Mannes, der von sich sagte: Das Bauhaus bin ich, zurecht.

Wie in anderen belletristisch aufgebauten Büchern rund um das Bauhaus ist es auch für dieses Buch empfehlenswert, sich über die wichtigsten Künstler im Bauhaus vorab zu informieren.Sonst gehen einige feine Anspielungen ins Leere.

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