Elena Ferrante: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen. Suhrkamp

Aus dem Italienischen von Karin Krieger

Wieder ist Neapel der Schauplatz, wieder geht es um Familiengeschicke, Wieder aus den Augen einer Halbwüchsigen. Man glaubt sich in dem Vierteiler „Meine geniale Freundin“, dann doch wieder nicht. Denn den Figuren fehlt die Glaubwürdigkeit, die existentielle Tiefe.

All zu deutlich spürt man, dass dieses neue Werk der Autorin ein Art Aufguss der Neapeltrilogie ist. Man liest es mit dem Aha -Effekt – das kennen wir schon. Giovanna, ein Mädchen aus der gutbürgerlichen Oberschicht (sie wohnt auch im noblen Oberteil von Neapel) seziert, zerlegt und zertrümmert das Bild, das ihre Familie nach außen aufgebaut hat. Dass sich Giovanna gleichsam als Nerd gebärdet, ist ärgerlich, denn es fehlt ihr alles Maß. Sie meint, sie, nur sie allein hat die moralische Kompetenz, die Lügen der Erwachsenen aufdecken zu müssen. Dieses manisch-aggressive Verhalten mag ja typisch für die Zeit der Pubertät sein. Aber gerade dadurch wird es mehr ein Buch über die allgemein bekannten Zickigkeiten, Widrigkeiten, die 13-15- Jährige so erleben. Anders als in der Neapeltrilogie erfahren wir kaum Neues über die Stadt, es werden Straßen und Plätze genannt, die sich aber nicht mit Leben füllen. Ähnlich wie in der Neapeltrilogie strebt Giovanna nach intellektuellem Futter – diesmal erfüllt eine Art Priesterfigur diese Funktion. Der stammt aus Neapel, lebt und lehrt in Mailand – auch hier die Parallele zur Trilogie: Mailand, das ersehnte Zentrum der Intelligenzia . Es bleibt aber bei der Schwärmerei Giovannas zu diesem eigenartigen Halbheiligen, sie liebt ihn, lässt sich aber von einem ziemlich groben Straßenjungen aus dem „Industrieviertel“ Neapels ganz ohne Gefühlsregung entjungfern. So unter dem Motto: Damit ist auch dieser Schritt zum Erwachsenwerden erledigt.

Zusammengefasst: Aus Neapel nichts Neues, nur andere Namen, aber die ohne Leben.

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Uta Ruge: Bauern, Land. Kunstmann Verlag

Untertitel: Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang

Ute Ruge, auf Rügen geboren, wuchs nach Flucht der Familie nach dem 2. Weltkrieg in einem kleinen Dorf im Bachenbrucher Moor in Norddeutschland auf., Zum Studium der Germanistik zog sie nach Marburg und Berlin, wo sie auch heute lebt.

Als ihr Vater starb, übernahm ihr Bruder Waldemar den Hof.

Mit dem Buch will die Autorin die Sichtweise der Städter auf die Arbeit der Bauern mit der Realität im Hier und Jetzt vergleichen, die Vorurteile, die auf beiden Seiten herrschen, ausräumen und Klischeevorstellungen klarstellen. Ob sie sich vielleicht zu viel vorgenommen, fragt sich der geduldige Leser, der sich, weil das Thema ja spannend ist, durch 450 Seiten geballte Information brav durchkämpft.

Die verschiedenen Teile werden mit „heute“, „damals“ und „Vergangenheit“ überschrieben. In den Kapiteln „Vergangenheit“ arbeitet Uta Ruge die historische Entwicklung des Bauernstandes auf und weist immer wieder auf das – meist romantisierte – Bild des Lebens auf dem Lande in Literatur und Malerei hin. Diese Kapitel allein würden locker ein ganzes Buch füllen.

Authentizität ist Uta Ruge ganz wichtig. Deshalb fährt sie, die inzwischen das Landleben hinter sich gelassen hat und in der Großstadt lebt, immer wieder zu ihrem Bruder, um ihm, zu seinem Ärger, bei der Arbeit zuzusehen und Fragen zu stellen. Dabei entdeckt sie die Unvereinbarkeiten der Denkweisen: Ihrem Bruder geht es nicht um Naturschutz und Ökologie, er will nur den Lebensunterhalt gesichert wissen. Und das sei – so Waldemar – durch diverse EU- und Naturschutzbestimmungen, sowie durch Preisdumping des internationalen Marktes immer schwieriger. Während die Städter von artgerechter Viehhaltung, von handgemolkenen glücklichen Kühen schwärmen, muss Waldemar immer mehr in Technik und Düngemittel investieren, um überhaupt über die Runden zu kommen. Eine immer wiederkehrender Streitfall sind die Wölfe – für die Bauern gefährliche Tiere, die Städter wollen sie geschützt wissen. Uta Ruge zeigt viele Punkte der Unvereinbarkeit auf.

In den Kapiteln „damals“ schildert sie ihre eigene Kindheit in diesem Dorf. Sie wuchs auf, als der Schulweg noch weit war, es nur eine Klasse gab, der Lehrer mit dem Lineal die Finger der Kinder wund klopfte. Was harte Arbeit auf dem Feld war, das lernten sie schon sehr früh. Erinnerungen an Sommer voller Freiheiten, an Feste, an Nachbarschaftstreffen verklären diese harte Kindheit ein wenig.

Ein überaus interessantes Buch, das gerade Lesern empfohlen sei, die von „naturnahen Landschaften“ schwärmen, gegen Monokultur und Einsatz von chemischen Düngemitteln wettern. Nach der Lektüre ist man als Städter ein wenig vorsichtiger mit den Vorwürfen, die so allgemein und spezifisch gegen Bauern erhoben werden-

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Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall. Diogenes Verlag

Wer „Muldental“ von der Daniela Krien gelesen hat, fühlt sich in ihrem neuen „Roman“ gleich zu Hause: Wieder schildert sie verschiedene Frauen, die alle eines gemeinsam haben: Sie sind in der DDR aufgewachsen und erleben nun die neue Freiheit. Anhand des Lebens von Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinda stellt die Autorin Lebensmöglichkeiten oder auch -unmöglichkeiten vor. Das Thema der ehemaligen DDR tritt zurück, sie entwirft Prototypen der weiblichen Lebenswege, die noch geprägt sind vom alten Frauenbild, aber schon weit im Aufbruch hin zu einer Zeit der Selbstsändigkeit sind.

Paula hat eigentlich nicht vor, sich so bald zu binden. Doch Ludger hat schon den Plan ihrer gemeinsamen Wohnung in der Tasche. Der Abschied von ihrer Feundin Judith fällt ihr schwer. Bald bewegt sich ihr Leben nur zwischen Babyfläschchen und Windeln. Sie protestiert, sie leben nebeneinander her. Das zweite Kind stirbt, und die Trauer zerstört die Ehe.Ein neuer Partner tritt auf den Plan: Wenzel.

Die Lebensform der ungebundenen Frau gefällt Judith. Anders als Paula genießt sie das Leben, hat ein Reitpferd und verschiedene Sexpartner, die sie im Internet angelt. Ihren Job als Ärztin erledigt sie perfekt, aber ohne Empathie. Auf Frauen, die eine innige Partnerschaft erleben, ist sie neidisch. „Sie braucht einen Mann, obwohl sie ihn früher oder später verachten wird“

In knapper, sehr kühler Sprache arbeitet Daniela Krien fünf verschiedene Frauenfiguren wie Skulpturen aus einem Block heraus. Seite für Seite enthüllt sie Wünsche, Enttäuschungen, Wunden, Hoffnungen, die wahrscheinlich jede Frau erlebt. Durch die exzellente Durchzeichnung der verschiedenen Charaktere kommt nie auch nur ein Hauch von Banalität oder Kitsch auf.

Wie in Schnitzlers „REigen“ verknüpft Daniela Krien die einzelnen ERzählungen zu einem Romangebinde, lässt Figuren für eine Zeit verschwinden, um später sie wieder im neuen Kontext einzufügen .

Ein Buch, das Frauen, aber auch Männern zu denken gibt

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Maren Gottschalk: Frida. Goldmann Verlag

Maren Gottschalk ist fasziniert von der Malerin Frida Kahlo. Sie fährt zu den Orten, in denen Frida gelebt und gearbeitet hat, und sammelt möglichst viele biografische Details, um daraus die vorliegende Romanbiografie zu gestalten. Geschickt vermischt Maren Gottschalk Faktenwissen mit Fiktivem, ohne aber in gewagte Phantasien abzugleiten. Immer bleibt sie an der Grenzlinie der möglichen Wahrheit. Der Leser vertraut ihr, begleitet mit großem Interesse Frida Kahlo in den Jahren 1938/39 nach New York und Paris, wo sie mit ihren ersten Ausstellungen den internationalen Durchbruch erlebt. Immer wieder flicht Maren Gottschalk Rückblicke ein, so dass auch die mit dem Leben der Malerin unvertrauten Leser bestens informiert werden.

Mit ihrer hohen Sprachsensibilität macht es Maren Gottschalk möglich, den künstlerischen Schöpfungsprozess der Malerin erlebbar und verstehbar zu machen. Es gelingt ihr, Bilder während des Entstehungsprozesses zu interpretieren. Quasi eine innere Sprachkamera im Kopf der Malerin. Eine hohe Kunst, die nur wenige Autoren beherrschen.( Etwa auch Margret Greiner in der Romanbiografie über die jüdische Malerin Charlotte Salomon)

New York 1938: Das Leben brodelt, Künstler, Traumtänzer, Reiche und Lebenskünstler bevölkern die Szene. Frida Kahlo mitten drin. Eingesponnen auch in eine intensive Liebesgeschichte mit dem Fotografen Nickolas Muray. Selten noch war man als Leser so mitten im Geschehen einer Gesellschaft, die sich amüsiert und nur wenig an die drohende Gefahr des Weltkrieges denkt. Anders dann in Paris. Frida Kahlo sieht das Elend all derer, die vor Hitler flüchten mussten. Obwohl sie von der Kunstszene anerkannt wird, sie Picasso, Kandinsky und die Gruppe vum André Breton kennenlernt, bleibt sie distanziert. Sie kehrt nach Mexiko zurück, wo sie sich entscheiden muss, mit wem sie leben will. Weiter mir ihrem Ex-Mann Diego Rivera oder mit Nickolas Muray.

Maren Gottschalk gelingt es, ein lebendiges Bild der Kunstszene dieser Jahre zu entwerfen, immer durch die Gedanken Fridas gefiltert. „Frida“ ist ein Buch, das einem nicht loslässt. Man wünscht sich, dass es nicht enden möge. Weil man von der Hauptfigur bezaubert, eingefangen ist. Während und nach der Lektüre entstehen seltsame Dinge in der Leserin, in mir: Ich gewinne wieder Mut zur Farbe, lege die langweilig eleganten Kleider ganz hinten in den Schrank. Wühle im Modeschmuck, kombiniere gewagte Farben – kurz, eine starke Lebensfreude erfüllt mich. Ja, ich weiß, so etwas schreibt man nicht in einer „professionellen“ Kritik. Wer aber bestimmt das und warum soll man nur das Erwartete tun, schreiben, denken? Das hat Frida nie getan.

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Günther Neumann: Über allem und nichts. Residenz Verlag

Gerade zu dem Zeitpunkt, als man eindringlich vor der Gefahr des Massentourismus warnte und als akkurat dann die Coronakrise das Reisen unmöglich machte, erschien dieses Buch. Neumann weiß, was es heißt, seine Zeit zu „verfliegen“. Im Auftrag von EU und NGOs flog er quer durch die Welt, und vielleicht steckt hinter dem Buch die Erkenntnis: Fliegen, Reisen ist Flucht. Vor sich selbst, vor dem Denken.

Clara hatte einen Traum: Flugkapitänin zu werden. Doch der Weg ist mit Mühen gepflastert. Eifrig und ehrgeizig nimmt sie als Flugbegleiterin jeden Flug an, rast durch die Welt, nur um ihrem Ziel näher zu kommen. Als sie das Patent hat, geht die Fluggesellschaft pleite. Und ihr Privatleben auch.

Als das Buch fertig geschrieben war, wurde es von der Realität überholt: Flüge sind eingeschränkt, einige Airlines kämpfen gegen die Insolvenz an. Einige versuchen, auf dem Rücken ihrer Mitarbeiter zu retten, was nicht zu retten ist. Und fliegen ist überhaupt out. Reisen auch. Grenzen werden dicht gemacht.

Nun könnte man meinen, Neumanns Roman ist „der“ Roman der Coronakrise – weit gefehlt. Denn leider reduziert Neumann die globalen Probleme des Reisens in dieser überhitzten Welt auf die privaten Probleme seiner Hauptfigur. Und dem Leser wird es bald egal, ob sie sich für Matthias oder Gabrio entscheidet. Zu oft lässt der Autor seine Protagonistin zwischen Menschen, Orten und Zeiten switchen, bis der Leser ermüdet das Buch sinken lässt.

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Daniela Krien: Muldental. Diogenes Verlag

Die Erzählungen über Menschen, denen nach der Wende 1989 der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, haben nicht allen westdeutschen Kritikern gefallen. Manche Wessis beklagen Vorurteile, Klischees, deren sich die Autorin bedient: HIer die bösen Wessis, dort die armen Ossis.

Als Österreicherin sehe ich diese ERzählungen von außen, unbeteiligter. Was nicht heißen soll, dass mich die geschilderten Schicksale nicht berühren. In ihrer schlichten, geradlinigen Erzählweise, die manchmal unbeteiligt, trocken wirkt, hat die Autorin den richtigen Stil getroffen, mit dem sie sich dem Vorwurf der Larmoyanz und Parteilichkeit entzieht. Ich lese die Erzählungen als Dokumente von Schicksalen, die einander überall in der WElt ähneln, wo Menschen plötzlich durch einen Regime- oder Machtwechsel vor dem Nichts stehen.

Daniela Krien erzählt wahre Geschichten, wie sie selbst im Vorwort sagt. Ausgeschnitten aus Zeitungen. Aber durch ihre direkte und unverstellte Erzählweise bekommen sie etwas Allgemeingültiges.

Sie erzählt über die Frau, die von der Stasi zur Bespitzelung gezwungen wird. Sie tut es, um für ihren Mann die nötigen Medikamente zu bekommen. Marie und Mattis rächen sich an den Wessis, zerstören Autos, provozieren, weil die Wessis sie überheblich behandeln und dafür noch Dankbarkeit verlangen. Die stärkste Erzählung ist wohl „Plan B“. Den hecken Betti und Maren aus: Sie werden Geheimprostituierte. Das Geld brauchen sie für ihre Kinder und das Alltagsleben. Die Erfahrungen dieser beiden im Geschäft Unerfahrenen schildert Daniela Krien mit dem nötigen Schuss Humor.

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Rebecca Makkai: Die Optimisten. Eisele Verlag

Aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell

Ein Roman in zwei Handlungs- und Zeitebenen: Chicago 1985 und Paris 2015. Es ist auffallend, wie oft Autoren durch Zeitensprünge und Ortssprünge den Handlungsverlauf „zerschneiden“. Das macht das Lesen oft zur Tortur: Kaum hat man sich in die Personen und Szenerie eines Stranges eingelesen, wird man rausgeworfen und darf sich neu orientieren. Dieser Mode bedient sich auch Rebecca Makkai und zerstört, besser verstört den Lesefluss und die Freude am Weiterlesen. Schade, denn das Thema trifft den Nerv der Zeit: War es in den 1980er Jahren Aids, das die Menschen in Angst und Schrecken versetzte, so ist es heute Corona. Man wusste nichts von der Krankheit, hatte Sex nach Lust und Laune, oft mit Gleichgeschlechtlichen. Es scheint, als ob die ganze Künstlerszene Chicagos damals nur aus Homosexuellen bestand, glaubt man der Geschichte.

Hauptpersonen sind Yale, der für eine Galerie arbeitet und an einer Sammlung von Bildern aus der Zeit der Jahrhudertwende interessiert ist. Die junge Fiona hilft ihm. Einige Jahrzehnte später ist Fiona 50 Jahre alt, fliegt nach Paris, um ihre verschwundene Tochter zu suchen. Stilstisch gekonnt charakterisiert Rebecca Makkai die jeweiligen Gesellschaftsschichten. Alle verbindet der optimistische Glaube, dass die Zukunft besser und Aids keinen Schrecken mehr haben wird.

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Giulia Caminito: Ein Tag wird kommen. Wagenbach Verlag

Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner

In Serra Conti, einem Dorf in den Marken, leben Bauern ein hartes Leben. Die Hälfte der Ernte müsssen sie an den padrone abliefern, ein Drittel an die Kirche. Was bleibt, geht meist für Reparaturen an den Werkzeugen auf. (Die Mezzadria/ Halbpacht wurde in Italien teilweise 1954 abgeschafft, per legem erst 1984) In der Familie des Bäckers Ceresa herrscht Armut und Sprachlosigkeit. Das Brüderpaar Lupo und Nicola und der gezähmte Wolf Cane sind unzertrennlich. Lupo ist wild und unzähmbar, zugleich aber seinem jüngeren, körperlich schwachen Bruder in zärtlicher Fürsorge verbunden. Nella ist die wilde Schwester, die vom Priester des Dorfes vergewaltigt und ins KLoster gesteckt wird.

Der Erste Weltkrieg wirft seine Schatten voraus, die ersten Männer werden einberufen. Bald wird es kaum mehr arbeitskräftige Männer im Dorf geben. Lupo lässt sich von Nicola ins Bein schießen, um nicht einrücken zu müssen. Sein Kampf ist der Widerstand auf der Straße, die Rebellion gegen Kirche, Adelige und König. Doch Nicola muss in den Krieg, erlebt alle Gräuel und überlebt sie. Als er ins Dorf zurückkehrt, hat die Spanische Grippe das Dorf fest im Griff. Lupo ist fort. Nun pflegt der vom Krieg schwer gezeichnete Nicola seine sterbende Mutter und begräbt sie. Sein einziger Gedanke ist sein Bruder Lupo. Als er erfährt, dass er mit einer Gruppe Anarchisten nach Amerika gehen wird, bleibt er tief enttäuscht zurück. Doch statt nach Amerika kehrt Lupo nach Serra zurück, erfährt, dass die Nonne Nella seine Mutter ist. Eine Annäherung der beiden ungleichen Brüder, die eigentlich keine sind, findet nur zögernd statt.

Interessant ist der Nebenschauplatz: Hoch über dem Dorf liegt das Kloster, für die Dorfbewohner ein Hort des Trostes. Die „schwarze Äbtissin“, die als Kind aus ihrem Dorf im Sudan geraubt und als Sklavin nach Italien verkauft wurde, hält Nonnen und Dorfbewohnr unter ihrer strengen Führung. Welche Wege sie in das Kloster führten, erzählt Giulia Caminito nicht. Ein ganz ähnliches Schicksal schildert Véronique Olmi in der Romanbiografie „Bakhita“, die auf Tatsachen beruht. Ob da wohl ein und diesselbe Person gemeint ist?

Giulia Caminitos Sprache ist ebenso spröde und hart, wie das Schicksal der Menschen in Serra. Unbarmherzig geißelt sie die Oberschicht, die korrupten Politiker, die Kirchenfürsten und andere Fürsten. Ihre Sympathie gilt den Kämpfern, die in der Anarchie die einzige Lösung sehen. Das Buch ist ein Andenken an ihren Großvater Nicola Ugolino, Anarchist aus Serra, der nach der Spanischen Grippe das Dorf verließ. Die Kämpfe der Anarchisten, die Not der Bauern, all das basiere auf Fakten, betont die Autorin im Nachwort. Ein Roman, der das Elend der Menschen in den Bergdörfern Italiens um und nach der Jahrhundertwende schonungslos aufzeigt. Die Autorin macht es dem Leser nicht leicht, der Spröde der Sprachbilder zu folgen. Ungewöhnliche, sprunghafte Übergänge verlangen Konzentration. Doch das ist der Roman allemal wert.

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Pascal Mercier: Perlmanns Schweigen. Roman. btb-Verlag

Man muss schon Sprachwissenschaftler, Literaturdozent, Germanist sein und Zweifel an dem eigenen Metier, an den literarischen Werken an sich haben, um für dieses Romankonvolut von 639 Seiten die nötige Zeit und Geduld aufzubringen. Wie viele „Romane“ haben schon den Zweifel am Schreiben, die Schwierigkeiten und Hemmnisse des Schreibens an sich thematisiert! All zu viele! Gott sei Dank hat Pascal Mercier dann doch seine philosophischen Schreibtiraden gegen die Zunft der Schreiber, Übersetzer und Literaten aller Art überwunden und Romane, die den Titel verdienen, geschrieben. Wie etwa: „Nachtzug nach Lissabon“ und „Der Klavierstimmer“.

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Marco Bolzano: Ich bleibe hier. Roman. Diogenes Verlag

Aus dem Italienischen von Maja Pflug

Wenn Fiktion auf harter Realität aufbaut, dann entsteht ein Roman von großer Dichte und Überzeugungskraft, wie der von Marco Bolzano: „Ich bleibe hier.“

Autofahrer, die den Reschenpass (an der österreichisch-italienischen Grenze) überqueren, blicken verwirrt und betroffen auf das Bild, das sich vor ihnen ausbreitet: Mitten im See ragt wie ein mahnender Zeigefinger ein Kirchturm empor. Vielleicht denken einige sofort an den Assuan-Staudamm und die Dörfer der Nubier, die alle dem Wasser weichen mussten. Und so war es auch am Reschenpass: Das uralte Bauerndorf Graun wurde 1950 total überflutet. Nur der Kirchturm blieb bestehen. Er wirkt wie ein Zeigefinger, der mahnt, dass solch ein brutales Vorgehen gegen Menschen nicht mehr vorkommen soll(te). Aber Wirtschaft und Macht sind immer stärker als der „kleine Mann“ in seinem kleinen Haus. So geschehen diese „Umsiedelungen“, wie das neutrale Wort für diese Brutalität heißt, immer wieder, zum Beispiel in der Türkei, in China und anderswo.

Marco Bolzano gab den Bewohnern eine Stimme. Er geht in seinem Roman bis auf die 1930er Jahre zurück, als Südtirol „italianisiert“ wurde: Die deutsche Sprache wurde verboten. Die Bewohner sollten möglichst nach Deutschland abwandern,um den Italieniern Platz zu machen. Manche nahmen an und zogen in eine ungewisse Zukunft, manche blieben. Der Riss ging mitten durch Familien oder Freunde.

Trina und ihr Mann Erich entscheiden sich zu bleiben, ihre Tochter reist klammheimlich ab nach Deutschland. Trina darf nicht mehr Deutsch unterrichten. Immer mehr Verbote machen ihnen das Leben schwer. Der Sohn wird dann auch noch Hitleranhänger. Und der Staudamm wird gebaut und gebaut. Sie bleiben, bis sie eines Tages aufwachen und die Häuser des Dorfes überflutet sind, die Tiere hilflos im Wasser treiben. Entschädigung haben sie keine bekommen. Erich stirbt an Erschöpfung – der sinnlose Kampf gegen die Mächtigen hat ihn bis in den Tod geschwächt.

Ironie des Schicksals: Der Staudamm liefert zu wenig Strom. Es muss von den französischen Atomkraftwerken dazu gekauft werden. Manchmal geht Trina an den Ufern des Staudammes spazieren und sieht Touristen, die den See und den Kirchturm fotografieren, ohne eine Ahnung von dem Drama zu haben. Alles wirkt unwirklich und zugleich normal.

Die soliden Recherchen liefern die Basis für beide Romane, ohne dass sie jedoch im Erzählfluss spürbar werden. Bolzano arbeitet sie geschickt ein, ohne den Leser damit zu belasten, dem Geschehen mit Spannung folgt und am Ende viel über das Schicksal Südtirols und der vormals österreichischen Bauern erfahren hat.

Marco Bolzano gehört zu den wichtigsten Autoren Italiens. Mit dem Roman „Das Leben wartet nicht“ (s. Besprechung auf dieser Webseite) gewann er den Premio Campiello. „Ich bleibe hier“ wurde für den Premio Strega nominiert.

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Anita Brookner: Ein Start ins Leben. Eisele Verlag

Aus dem Englischen vonn Wibke Kuhn

Schon in ihrem Debütroman „Ein Start ins Leben“ legt Anita Brookner ihre Hauptfiguren und das Hauptthema fest: Es geht um Frauen, die Literatur und Leben verwechseln. Oder die ihr Leben nach den Büchern richten, mit denen sie sich beschäftigen. Im „Hotel du Lac“ ist Edith eine Schriftstellerin, die sich in ihren Büchern eine heile Welt zurechtschreibt. Im „Ein Start ins Leben“ zieht sich die Langzeitstudierende Ruth aus dem realen Leben zurück und ist glücklich, wenn sie sich mit einer Figuren aus Balzacs Romanen beschäftigen kann. Denn in ihrem realen Leben hat sie nichts und niemand, der ihr Halt geben kann: Mutter eine verkrachte Schauspielerin, Vater ein Nichtstuer. Die Familie lebt von einem kleinen Erbe, das sie sorglos verbrauchen. Ruth studiert und schreibt in Paris an ihrer Dissertation. Sie distanziert sich für eine WEile von ihren Blutsauger-Eltern, glaubt sich für einen kurzen Moment ihres Lebens glücklich, wird aber gnadenlos von ihren Eltern nach London zurückbeordert, um Vater und Mutter zu versorgen.

Doch es gibt in Ruths Leben auch helle Momente, in denen sie die Werte der Literatur überprüft und relativiert. Abr trotz der gedanklichen Distanz zu den Romanen, insbesondere zu denen Balsacs, und zu ihrer eigenen Dissertation hat sie nicht den Mut, sich ein eigenes, selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Resignierend kehrt sie nach London in das muffige Elternhaus zurück und pflegt die Eltern.

Anita Brookners Stärke ist die feine Ironie, mit der sie ihre Figuren ausstattet. Obwohl Ruth sich klein denkt und klein fühlt, hat sie einen messerscharfen Verstand, der sie wie durch ein Brennglas die englische Mittelstandsgesellschaft analysieren lässt. Nur für ihre eigenen Fähigkeiten fehlt ihr die richige Einordnung.

Interessant ist für Anita Brookner immer wieder die Funktion der Literatur im Leben eines Menschen, eines gebildeten Lesers. Was kann Literatur leisten? Oft oder meist wirkt sie als Schlummertrunk, selten als Weckruf. „Ein Start ins Leben“ und „Hotel du Lac“ sind eindeutig Weckrufe: Gib acht, Leserin, lass dich nicht durch Literatur verführen, wähle deinen eigenen WEg.

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Anita Brookner, Hotel du Lac. Eisele Verlag.

Mit einem Vorwort von Elke Heidenreich. Aus dem Englischen von Dora Winkler.

Der Eiseleverlag ist dafür bekannt, hierzulande unbekannte englische Autoren und Autorinnen ins Licht der Leseöffentlichkeit zu stellen. Anita Brookners Roman „Hotel du Lac“ wurde 1984 mit dem Brooker Price ausgezeichnet. Doch danach war Lesestille, zumindest im deutschsprachigen Raum. Nach 36 Jahren legte der Eiseleverlag das Buch mit einem Vorwort von Elke Heidenreich neu auf. Die Folge: Begeisterte Kitiken!

Mit feinsnniger, sehr klarer Sprache schildert Anita Brookner den Charakter einer Frau, die intelligent ist, interessant aussieht, gesellschaftlich leidlich gewandt und noch dazu eine erfolgreiche Romanschriftstellerin ist. Und dennoch: Als Edith Hope von ihren allzu gut meinenden Freunden in das kleine „Hotel du Lac“ am Genfer See verbannt wird, ist sie unsicher, hat Angst vor der ihr vorgeschriebenen Einsamkeit. Voll Bangen betritt sie den Speisesaal, möchte sich unsichtbar machen. Nur nicht auffallen. Sie ist eine exzellente Beobachterin und analysiert ihr Umfeld glasklar. Immer aber mit der ihr eigenen Unsicherheit und Reserviertheit. Im letzten Drittel erfahren die Leser, warum sie aus London fliehen musste: Sie hatte ihren Bräutigam in letzter Minute stehen lassen. Freunde und Verwandte sind schockiert über dieses Benehmen und raten ihr, für einige Zeit aus London zu verschwinden. Bis das berühmte Gras über die Sache gewachsen ist. Fast demütig hat sie diese Verbannung auf sich genommen. Eine selbstbewusste Frau handelt anders.

Anita Brookner schildert eine kluge, begabte Frau, die sich in der realen Welt nicht zurecht findet, gerade weil sie sie allzu klar durchschaut. Durch diese Begabung stellt sie sich ins gesellschaftliche Abseits, wird von den anderen eher als Staffage betrachtet. Dieses Verschwinden hinter einer Beobachterrolle ist für Edith Hope Schutz und Barriere zugleich. Erst als ihr der einzige männliche Gast im Hotel einen Heiratsantrag macht- ihr zweiter und wie sie meint, ihre letzte Chance, in der Gesellschaft akzeptiert zu werden- und ihr mit nüchternen Worten erklärt, wie sie als seine Ehefrau zu funktionieren habe, wacht sie auf. Sie lehnt ab und beschließt nach London zurückzukehren.

Es passiert eigentlich nicht viel in diesem Roman. Und dennoch fesselt er von der ersten Seite an. Es sind die feinsinnigen Beobachtungen der Hauptfigur, die inneren Spannungen zwischen Erkennen und zugleich Nichterkennenwollen, die Anita Brookner gekonnt herausarbeitet. Edith Hope wird von der romantischen Literatur aus der Vergangenheit geprägt, was keine gute Vorbereitung für das Leben ist. In ihren – erfolgreichen – Romanen verweigert sie sich der nüchternen Wirklichkeit. Ihr Verleger macht sie mehrmals auf ihre allzu positiven Schlüsse aufmerksam. Im realen Leben erkennt sie erst nach genauester Analyse die banalen und erüchternden Charakterzüge und es dauert auch einige Zeit, bis sie den lieblosen, frechen, egoistischen Heiratsantrag als solchen erkennt. Denn immerhin überlegt sie einige Zeit, bevor sie ablehnt. Sie kehrt – ohne Ehering – nach London zurück. Ihr erster Schritt in eine gesellschaftliche Unabhängigkeit.

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Ali Zamir: Die Schiffbrüchige. Unionsverlag

Aus dem Französischem von Thomas Provot

Ali Zamir wurde 1987 auf den Komoren, einer Inselgruppe zwischen Mosambik und Madagaskar, geboren. In seinem Debütroman erzählt er die Geschichte der jungen Anguille (Aal). Sie hat ihre Heimat, eine der Komoreninselsn, verlassen, um mit vielen anderen Flüchtlingen auf einem Schiff in eine bessere Zukunft zu fahren. Doch das Schiff geht unter. Anguille treibt hilfos auf den Wellen des Meeres, dem sicheren Tod entgegen. Ihre Gedanken kehren zu ihrer Kindheit und Jugend auf der Insel Anjouan zurück.. Mit dem Auf und Ab der Wellen kommen die Erinnerungen an ihre kurzes Leben: An ihren strengen Vater, der als Fischer kaum das Nötige zum Leben hat, an ihre Schwester, an ihre Liebe zu Vorace, der sie schändlicih hintergangen hat. Trotz aller Schwierigkeiten und Armut liebte sie ihre Insel. In intensiven Bildern schildert Ali Zamir Menschen und Natur dieser Insel. Eine starke Sprache. Aber der Leser muss sich auf den eigenwilligen Stil einlassen: Ali Zamir schreibt Ein-Satz-Impressionen, die sich ohne Punkt und Besitrich oft über eine ganze Seite hinziehen. Manche nennen den Stil genial, bahnbrechend, manche ermüdend.

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Herbert Lackner, Als die Nacht sich senkte. ueberreuter-sachbuch

Europas Dichter und Denker zwischen den Kriegen – am Vorabend von Faschismus und NS-Barbarei

Wir, die Nachgeborenen, stehen oft vor der Frage, wie wir uns in der Zeit des Nationalsozialismus verhalten hätten, ob wir den Mut gehabt hätten, Widerstand zu leisten.

Herbert Lackner moralisiert nicht, sondern recherchiert, zitiert „Europas Dichter und Denker“, fragt und forscht, wie es dazu gekommen ist, wie es möglich war, dass Hitler und Mussolini so rasch an die Macht kamen.

Er geht vom ersten Weltkrieg aus und zitiert die schier unglaublichen Begeisterungsstürme so mancher Schriftsteller und Denker, von denen wir nie diese Kriegsbegeisterung vermutet hätten. Nur ein Beispiel von vielen: Der Maler Kokoschka meldete sich freiwillig zum Kriegsdienst und schrieb: „Wer immer zu Hause bleibt, wird sein ganzes Leben nicht fähig sein, diese Schande zu überwinden.“ (S 13)

Doch das Kriegsende lehrt alle vorher so Begeisterten, der Realität ins Auge zu schauen. Obwohl das Elend gr0ß ist, formieren sich bald schon die ersten Kriegstreiber. Man hat aus den Erfahrungen des ersten Weltkrieges nichts gelernt. Scharfsichtig wie durch ein Vergrößerungsglas blickt Lackner auf die Verästelungen der Ereignisse, die zur Machtübernahme Mussolinis in Italien und Hitlers in Deutschland führen. Punktgenau verfolgt er die Entwicklung in Österreich, wo sich die Sozialdemokraten und Christlichsozialen im hoffnungslosen Kampf so lange aufreiben, bis Hitler leichtes Spiel hat. Immer wieder fragt Lackner nach, wie sich die „Dichter und Denker“ zu dieser Entwicklung stellten, zitiert den politisch wissenden, aber sich unaktv verhaltenden Stefan Zweig, berichtet über Alma Mahler-Werfel, die die Gefahr klein redet und sie viel zu spät erkennt, weil sie sich mehr für ihre Männergeschichten interessiert. So schlittern Deutschland und Österreich zuerst in die WEltwirtschaftskrise 1929 und „danach ist nichts mehr so, wie es vorher war“ ( S133).

Ein glänzend recherchiertes, interessant geschriebenes Buch, das jedem Geschichtsinteressierten empfohlen sei!

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Sandra Petrignani, Die Freibeuterin. Das Leben der Natalia Ginzburg.

Aus dem Italienischen von Stefanie Römer

Natalia Ginzburg war Schriftstellerin, Verlegerin und hat sich politisch engagiert. Sie wurde 1916 in Palermo als Tochter des jüdischen Histologen Giuseppe Levi geboren. Die Familie übersiedelt bald nach Turin. Mit 19 beginnt sie kleinere Erzählungen zu schreiben und an der Turiner Universität Literaturwissenschaften zu studieren. 1938 heiratet sie den politischen Linken Leone Ginzburg, der gegen die Faschisten kämpft und in die Verbannung in die Abruzzen geschickt wird, wohin sie ihm mit den drei Kindern folgt. 1943 wird Leone G. verhaftet und stirbt 1944 im Gefängnis. Natalia arbeitet in dem Verlag Einaudi, schreibt unter größten Schwierigkeiten und materieller Not Texte, gibt sich nach einem Selbstmordversuch in psychiatrische Behandlung. 1950 heiratet sie den Literaturprofessor Gabriele Baldini, zwei Kinder kommen zur Welt, beide schwerst behindert. 1969 stirbt ihr Mann. Sie widmet sich intensiv dem Schreiben, engagiert sich politisch und wird 1983 als Parteilose für die Linke ins Parlament gewählt. Das Schreiben (Romane, Komödie und Übersetzungen französischer Autoren) füllt ihr Leben aus. Sie stirbt am 8. Oktober 1991 an einem schweren Krebsleiden.

Ein Leben mit viel Leid und Kampf ausgefüllt. Petrignani schildert uns Natalia als scheue, stille Frau, die aber tapfer und unbeirrt ihren Weg geht. Schreiben hilft ihr über die schweren Zeiten hinweg. Man erfährt viel über den Kampf der Linken gegen Mussolini, über die Gründung und Existenzkämpfe des Einaudi-Verlages, eine Ikone in der italienischen Literatur. Manches ist durchaus aus heutiger Sicht interessant. Leider überbordet Petrignani den Text mir Ausritten in die Esoterik, mit Nennung zahlloser Namen, die in ein namedropping ausarten. Eine Analyse der Schriften Natalia Ginzburgs fehlt leider. Die Autorin haftet sich auf die äußeren Spuren und verliert sich sehr oft darin. Und so kommt es, dass der Leser sich dabei ertappt, wie er Seiten überliest und das Ende der 600 Seiten starken Biografie ersehnt.

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John Grisham: Die Wächter. Heyne Verlag

Aus dem Amerikanischem von Bea Reiter, Imke Walsh-Araya und Kristiana Dorn-Ruhl

In der Stadt Seabrook in Florrida wird der weiße Anwalt Keith Russo erschossen. Es gibt weder Zeugen noch Motiv. Auf Grund erzwungener Falschaussagen wird Quincy Miller, Anghöriger einer schwarzen Mindertheit, zu lebenslangem Kerker verurteilt. Qincy wendet sich an „Guradians Ministries“ (Die Wächter), eine Organisation, die unentgeltlich Justizirrtümer aufklärt. Für sie arbeitet der Anwalt und Priester Cullen Post. Grisham schildert nun die Geschichte aus der Sicht des Ich-Erzählers Cullen Post. Minutiös kann der Leser jeden Schritt, jede Enstscheidung, jede Gefahr, in der Cullen Post schwebt, alle Fallstricke der Justiz miterleben. Manchmal überschwemmen die Recherchefakten den Erzählfluss und hemmen ihn, was zu einer gewissen Leserermüdung führt. Ein Problem, das sich in der Literatur oft stellt: Der Autor möchte alle ERgebnisse seiner Recherchen im Text unterbringen. Diese unfiltrierte Überhang der Fakten macht das Lesen mühsam.

Aber Grisham greift hier mit viel Engagement ein wichtiges Thema in den Vereinigten Staaten auf. Denn derzeit gibt es weit über tausend Häftlinge, die in Todeszellen sitzen. Viele davon unschuldig. Die wenigsten haben die Chance, ihre Unschuld zu beweisen, und nur wenige werden von Organisationen, wie im Buch beschrieben, frei gekämpft.

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Claudia Pineiro, Der Privatsekretär. Unionsverlag

Aus dem Spanischen von Peter Kultzen

Claudia Pineiro ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Argentiniens. Nach einem Wirtschaftsstudium arbeitete sie als Journalistin und schrieb Theaterstücke und Kriminalromane. Immer geht es ihr um gesellschaftspolitische Anliegen.

In diesem Kriminalroman zeigt sie den Machtmissbrauch in der Politik auf – ein globales Thema, das in jedem Staat virulent ist. Aber besonders in Argentinien. Nur mit einem eiskalten Plan, einem ihm treu ergebenenTeam, das er sorgfältig ausgesucht hat, kann Fernando Rovira sein Ziel, Präsident von Argentinien zu werden, durchsetzen. Er gründet die „Pragma“ – Partei und es scheint, als ob sein Aufstieg unaufhaltbar sei. Als ihm einer seiner Berater einredet, ein Präsidentschaftskandidat muss unbedingt eine Frau und Kinder haben, gerät er in Schwierigkeiten. Er ist nämlich zeugungsunfähig. Dieses streng gehütete Geheimnis darf nie an die Öffentlichkeit kommen. Als seine Frau aber unbedingt ein Kind will, heckt er einen teuflischen Plan aus: Einer seiner Mitarbeiter soll mit seiner Frau so lange schlafen, bis sie schwanger wird. Ab da wird der Thriller spannend – bis dahin schleppt sich der Plot ein wenig mühevoll dahin. Dazu kommt noch eine eigenartige Geschichte von einem Fluch, der die Stadt La Plata betrifft, was ein wenig an den Haaren herbeigezogen wirkt.

Ein Thriller, der tief in die politischen Abgründe hineinleuchtet, aber einige Schwächen in der Konstruktion aufweist.

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Luigi Reitani: Höderlin übersetzen. Gedanken über den Dichter auf der Flucht. Folio Verlag

In diesem Jahr feiert man den 250. Geburtstag Hölderlins. Aber die Feiern sind im Coronafeuer verpufft. Gerade rechtzeitig vor dem Ausbruch dieses kollektiven Wahnsinns brachte der Folioverlag diesen schmalen Band (104 Seiten) des verdienten Hölderlinkenners Luigi Reitani heraus.

Luigi Reitani ist Professor für Deutsche Literatur an der Universität Udine. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zur Literatur der Goethezeit und zur österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Seine zweibändige kommentierte italienische Ausgabe der WErke Hölderlins wurde zahlreich prämiert.

In diesem Buch nun stellt er gleich zu Beginn die Frage: „Wozu heute (noch) Hölderlin lesen?“ Eine berechtigete Frage, hat doch Lyrik an sich heute nur wenig Leser. Und Hölderlin gilt ja selbst bei Literaturaffinen als Außenseiter. Man schreibt ihn als unverständlich ab. In einer Welt, in der nur der äußere Erfolg zählt, was gelten da Zeilen wie etwa diese:

Weh mir, wo nehm‘ ich, wenn/Es Winter ist, die Blumen, und wo/Den Sonnenschein. / Und Schatten der Erde?./ Die Mauern stehn/Sprachlos und kalt, im Winde/Klirren die Fahnen. ( 2. Strophe von „Hälfte des Lebens“)

Zeilen, die unter die Haut gehen, tief eindringen und im Gedächtnis, in der Seele bleiben. Hölderlin, der von sich selbst sagte: Die Deutschen können mich nicht brauchen, wusste, dass seine Lyrik nicht für die „Tüchtigen und ERfolgsstreber“ geschrieben ist. Damals nicht und heute erst recht nicht.

Indem Reitani an einzelnen Gedichten die Probleme des Übersetzens aufzeigt, öffnet er zugleich Wege zum Verstehen. Nur Wege, Vorschläge, nie Fixinterpretationen., denn „Hölderlin lässt sich nicht auf eine einfache Formel bringen.“

Ein Buch, für das man sich Zeit nehmen sollte! Und vielleicht dann doch hin und wieder ein Hölderlin-Gedicht lesen!

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Jan Jacobs Mulder: Joseph. Der schwarze Mozart. Unionsverlag.

Aus dem Niederländischen von Ulrich Faute

In der historischen Figur des adeligen Joseph Boulogne, Sohn eines weißen Plantagenbesitzers und einer schwarzen Sklavin, bündelt der Autor eine Vielfalt an interessanten Themen: Wie lebte ein Mischling in der Pariser Gesellschaft in der Zeit vor der Französischen Revolution? Welche politischen Strömungen führten zur Revolution? Und als wichtigstes Thema: Die Behandlung der Sklaven in den französischen und britischen Kolonien. Wie lang und hart war der Kampf gegen den Sklavenhandel!

ABER: Leider konzentriert sich der Autor allzu sehr auf die gesellschaftlichen Tändeleien des Chevaliers Joseph Boulogne. Wie er durch seine Fechtkunst und seinen Charme sich den Eintritt in die oberste Gesellschaft verschafft, wie er in französischen und englischen Salons durch seine geistreiche Konversation eine gute Figur macht und wie leicht er die Herzen der Frauen erobert, obwohl oder gerade weil er ein Schwarzer ist. Damit füllt Mulder mehr als die Hälfte des Romans. Die ausführlich geschilderten Fechtszenen und Salongespräche strapazieren ein wenig die Geduld des Lesers.

Mit dem Titel „Der schwarze Mozart“ erwecken Verlag und Autor geschickt das Interesse einer an Geschichte und Kultur interessierten Leserschaft. Joesph Boulogne war zwar ein begabter Komponist und Musiker, aber Mozart ist er nie begegnet und wurde auch nie mit ihm verglichen. Daher ist der Titel ein wenig irreführend.

Wirklich lesenswert sind die Abschnitte, in denen Mulder über die Hintergründe des Sklavenhandels schreibt. Boulognes Mutter Nanon war eine schwarze Schönheit. Sie wurde von schwarzen Sklavenhändlern auf ein Schiff verschleppt und von der Besatzung grausam gefoltert und missbraucht. Als Joseph Boulogne die leidensvolle Geschichte seiner Mutter erfährt, macht er sich auf die Suche nach den Männern, die sich an seiner Mutter vergangen haben. Zwei von ihnen kann er ausfindig machen und tötet sie. In der Folge beschließt er in den französischen Kolonien gegen den Sklavenhandel zu kämpfen.

Der Roman beginnt, als Joseph Boulogne im Kampf gegen die Sklavenhändler schwer verwundet wird. Aus der Todesnähe blickt er auf sein Leben zurück, erinnert sich an die rauschenden Erfolge bei den Frauen, als die Gesellschaft ihn als tollkühnen Fechter und erfolgreichen Musiker feierte. Das alles ist längst vergangen. Inzwischen hat die französiche Revolution in Frankreich gewütet, die Monarchie wurde abgeschafft, der Sklavenhandel verboten, aber Joseph weiß, dass er in den Kolonien noch lange blühen wird.

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Drago Jancar: Der Baum ohne Namen. Folio Verlag

Aus dem Slowenischen von Daniela Kocmut

In dem 2010 erschienenen Roman geht es, wie in allen späteren von Drago Jancar um die Frage der Schuld in Zeiten der Kriegswirren. 1940 war Jugoslawien ein Hort von wilden Kämpfen, Denunzianten, jeder gegen jeden: die Milizen, die Partisanen, die Deutschen, die Italiener, die Kommunisten, die Antikommunisten, die königliche Armee – sie alle kampften gegeneinander. Ein Chaos, durch das sich Drago Jancar hindurchschreibt. Erst in dem 2019 erschienenen Roman „Die Nacht, als ich sie sah“ gelingt es dem Autor, eine klare Erzähllinie durch dieses Chaos zu ziehen und tiefer in Motivationen, Schuld und Mythos zu dringen.

In „Der Baum ohne Namen“ scheint sich das Chaos noch nicht gelichtet zu haben, was man an der Erzählstruktur merkt. Der Autor wechselt fast von Seite zu Seite Zeiten, Ebenen der Erzählungen, mischt die Personen und Identitäten. Das macht das Lesen anstrengend und strapaziert die Geduld.

Im alten Slowenien gab es eine Legende von einem geheimnisvollen Baum. Wer auf den klettert, der kann sich in eine andere Zeit und in einen anderen Ort versetzen. Dem Archivar Janez Lipnik geschieht so: Während er die Geschichte eines Frauenaufreißers liest, stürzt er quasi selbst mitten in dessen Leben hinein, in die Zeit von 1940. Der Kern der Geschichte, die Ermordung von tausenden Menschen, die mit Italienern oder Deutschen zusammengearbeitet haben und dafür im Wald erschlagen wurden, geht fast unter in dem steten Wechsel der Zeiten und Orte. Wer sich wirklich für Slowenien im 2. Weltkrieg interessiert, dem empfehle ich mit gutem Gewissen „Die Nacht als ich sie sah“.

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Peter Balko, Zusammen sind wir unbesiegbar. Zsolnay Verlag

Aus dem Slowakischen von Zorka Ciklaminy

Unser Lesekreis war empört! Wie kann man diesen Text, der nie den Namen „Roman“ verdient, drucken! Dann noch mit einem verführerischen Cover versehen, das zwei Buben zeigt, die friedlich aufs Wasser oder über eine Landschaft schauen. Unschuldig, lieb. Und auf der Rückseite des Covers heißt es: „Peter Balko erzählt unterhaltsam und sehr warmherzig die Geschichte von Tom Sawyer und Huckleberry Finn.“ Mark Twain würde aus dem Grab heraussteigen und gegen den Vergleich wüten.

Das sind keine Lausbubenstreiche, die der dicke und feige Leviathan und der Draufgänger und Raufer Kapia da inszenieren. Das sind Gewalttaten gegen alle und alles, gegen Tiere und Menschen, grausam und zynisch. So krank sind keine Kinder. Der Aufbau des „Romans“ ist wirr, man kennt sich nicht aus. Peter Balko, wie so viele andere Jungautoren auch, gebärdet sich als Schreibrevoluzzer. Seine Figuren, vor allem der Draufgänger Kapia, wälzen sich mit Vergnügen in verbalen und handgreiflichen Grauslichkeiten und Grausamkeiten. Balko möchte sich als Antinormschreiber gerieren, übersieht aber dabei, dass er genau damit in die Falle der Marktkonformität tappt. Denn so wie er schreiben inzwischen schon viele. Dass er mit diesem Text auch einige Preise einheimste, ist einerseits unverständlich, andrerseits scheint die Preisvergabe auch einer gewissen Marketingstrategie zu unterliegen, die da heisst: Je wilder, ungehobelter Wortwahl und Text sind, desto eher ist das „Werk“ preiswürdig.

Ich nenne so einen Text „go and stop“! – Ich beginne zu lesen, nach einer Seite lege ich ihn angewidert weg, da ich dem Text nicht das geringste Interesse entgegenbringen kann. Und beginne Tage später von Neuem. Mit demselben Ergebnis. Nun kann man sagen – meine Schuld. Warum habe ich das Buch gekauft?! – Ja, eben wegen des verführerischen Coverbildes und wegen des Klappentextes -s.oben.

Frage: Glaubt der Verlag, dass eine solch total falsche Fährte für das Image des Verlages gut ist? – Das ist eine Strategie, die nach hinten losgeht. Denn die Leser werden beim nächsten Buch, das der Verlag herausgibt, misstrauischer gegen Cover und Klappentext sein.

Bitte mehr Ehrlichkeit in der Gestaltung des Covers und im Klappentext. Schönfärberei verärgert!

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Nava Ebrahimi: Das Paradies meines Nachbarn. btb-Verlag

Nava Ebrahimi ist gebürtige Iranerin. Ihre Eltern verließen nach der Revolution, als absehbar war, wohin die politische Entwicklung gehen werde, das Land. Nach ihrem Journalismus und Volkswirtschaftslehre-Studium in Köln lernte sie ihren Mann, einen Astrophysiker, kennen und zog mit ihm nach Graz, wo sie seither lebt und arbeitet.

In dem Roman „Das Paradies meines Nachbarn“ geht es vordergründig um den Exiliraner Ali Najjar, der in Deutschland als Topdesigner Karriere macht. Aber das Hauptthema ist der Iran-Irakkrieg, in dem die Mullhas 13- und 14-jährige Buben an die Front schickten. Sie versprachen ihnen, nach dem Märtyrertod sofort ins Paradies zu kommen. Dass diesem Versprechen so viele Eltern trauten und ihre Kinder sogar gerne und freudig in den Krieg und in das Grauen schickten, ist das eigentlich Erschütternde an dem Roman. Die Buben steigen in den Bus, der sie an die Front bringen wird, und erträumen sich ein Paradies nach ihren Wünschen, fragen ihren Busnachbar kichernd und aufgeregt, welches Paradies er sich so vorstellt. Sie wissen nicht, dass sie als Minensucher ins Feld geschickt werden, wo ihre Leiber zerfetzt werden.

Wer sich weigerte, diesen Wahnsinn mitzumachen, den verfolgten die Nachbarn mit Verachtung und die Mullhas mit Strafen.

Ali Najjars Mutter ertrug den Gedanken nicht, ihren Sohn in den sicheren Tod ziehen zu lassen, und übergibt ihn einem Fluchthelfer. Auf Umwegen gelangt er nach Deutschland, wo er mit viel Kaltblütigkeit Karriere macht. Nach dem Tod seiner Mutter erfährt er in ihrem letzten Brief, dass ein anderer Ali für ihn in den Krieg ziehen musste. Was diese Schuld ausmacht, versucht Nava Ebrahimi im zweiten Teil des Romanes auszuloten.

Ein wichtiges Buch – wäre da nicht der sprunghafte Erzählstil, der die Orientierung erschwert. Wer spricht, denkt gerade? Wie in einem Thriller geistert die Figur eines anderen Ali durch den Roman. Die Auflösung dieses Rätsels hält den Leser bei der Stange und gibt dem Roman einen Spannungszug, sodass man trotz aller Lesehürden, die die Autorin ein- und aufbaut, bis zum Ende dran bleibt.

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Manfred Bruckner, In mir das Dorf. Verlag der Bibliothek der Provinz

Nach Innerhofers „Schöne Tage“ gab es lange keine Romane über das Leben auf dem Land. Nach einer Welle von Familiengeschichten aus dem ehemaligen Ostdeutschland, dem ehemaligen Russland oder auch Georgien vermerke ich nun eine Rückwendung zu einer Literatur über das Leben in österreichischen Landen. Peschkas jüngster Roman „Putzt euch, tanzt, lacht“ oder Monika Hellers „Bagage“ sind nur einige Beispiele.

ABER: Selten war eine Geschichte so identisch, so glaubwürdig und deshalb auch so intensiv, wie die Manfred Bruckners. Er schließt in der Wirksamkeit an Innerhofer an: Wuchtig, identisch, unprätentiös.

Es ist anzunehmen, dass Manfred Bruckner seine eigene Geschichte hier niederschrieb. 1968 in einem kleinen Dorf im Ybbstal geboren, dort in die Schule gegangen, dann nach Wien zum Studieren, danach in die Welt gezogen, erinnert sich der Autor an Szenen aus seiner Kindheit am Bauernhof. Er nennt das Kind den Ongabaun Fredl. Ohne Verklärung, aber auch ohne Anklage schildert er die raue Art miteinander umzugehen. Oft sind es der Mangel an Zeit – außer Arbeit und Wirtshaus kennen die Männer nichts – ,aber auch die Sprachlosigkeit, die die Menschen so hart erscheinen lassen. Man nimmt hin, wenn der Lehrer Kinder „watschn“ oder nach ihnen mit dem Schuh wirft. Man nimmt hin, wenn sich Bauern aus Not und Verzweiflung umbringen. Der Tod ist allgegenwärtig. Aber auch der Humor! Denn Bruckner versteht es, selbtst den düsteren Seiten eine gewisse Gelassenheit und daraus resultierende Heiterkeit zu unterlegen. Der örtliche Dialekt gibt den Erzählungen nochmals eine extra Dimension. Da muss sich der Leser schon anstrengen, den zu verstehen. Am besten, man liest manche Dialektpassagen laut.

Geschickt verwebt Manfred Bruckner die Erlebnisse seiner Kindheit mit denen aus seinem späteren Leben. Wenn er als Student durch die Lande zieht, dann als „Gstudierter“ bis nach Ostasien kommt, schräge Erlebnisse verbinden sich mit skurrilen aus seiner Kindheit.

Ein gelungener Roman, der so angenehm aus der Flut der jetzigen Modewelle aus dem ländlichen Raum hervorsticht. http://www.bibliothekderprovinz.at

Karin Peschka: Putzt euch, tanzt, lacht. Otto Müller Verlag

Lange habe ich nichts mehr in mein „Kulturtagebuch“ alias Blog geschrieben. Die Live-Kultur ist ja zum Verstummen gezwungen worden: Theater, Oper, Kino müssen stumm und geschlossen bleiben. Erlass von oben, sprich von unser aller Beschützer namens Kurz. Wenn ich „Erlass“ höre oder lese, kommen mir arge Bedenken. Da gab es den Erlass des Kaisers, des Zaren…. Die hatten Macht ohne Ende. Ja, ohne Ende. Man verspricht uns zwar ein Ende. Aber dann haben wir uns vielleicht schon sehr daran gewöhnt, zu gehorchen. Und der Erlass, die Erlässe könnten bleiben. Im Mittagsjournal von Ö1 (14. April) warnten Markus Thoma, Sprecher der Verwaltungsrichter, und Verwaltungsexperte Manfred Matzka eindringlich vor unverhältnismäßigen Verordnungen und Erlässen, die ohne Parlamentsbeschlüsse rausgehen. Und was sagt unser aller Retter zu diesen Vorwürfen: „Nicht interpretieren, …wichtig ist, dass alle mitmachen.“ Also, dass alle brav gehorchen.

Was hat das alles mit dem Buch von Karin Peschka zu tun? – Auf den ersten Blick gar nichts. Auf den zweiten Blick: In dieser ziemlich bedrückenden Zeit war ich auf der Suche nach einem gut geschriebenen, heiteren, klugen Buch. Titel und Covertext des Verlages waren viel versprechend. DOCH: Leider wurde ich enttäuscht. Zum Ärger, eingesperrt, ja weg gesperrt von meinem Kulturleben zu sein, kam die Enttäuschung über dieses Buch dazu.

Der Plot wäre gut, zwar nahe am Klischee, aber immerhin brauchbar: Fanni, eine Frau so um Mitte 50, hat Panikattacken. Ihr Leben auf dem Dorf ist einbetoniert zwischen der langweiligen Arbeit im Supermarkt und dem noch langweiligeren Leben mit ihrem braven Ehemann. Der wartet nur noch auf seine Pension. Da beschließt sie auzubüxen. Mit Hilfe eines kreuzbraven Exfreundes installiert sie sich und andere Lebensnormenverweigerer auf einer desolaten Almhütte. Dort liegen sie nackt in der Sonne, zählen Hummeln und zitieren Rimbeaud. Das wäre ja ein wenig amüsant, wäre da nicht das Bemühen der Autorin, mit einem nervigen Stil, Halbsätzen und einer krampfhaften Zertrümmerung des eigentlichen Plots das Lesen mühselig zu machen. Sorry: Gerade in dieser verdammten Corona-Unzeit brauche ich keine mühselig zu lesenden Texte, deren Humor all zu gewollt wirkt. Und weil ich gerade so im Protestmodus lebe und denke – siehe mein Eingangsstatement – will und kann ich den Kritikern und ihren Lobeshymnen auf dieses Buch nicht folgen.

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Nell Leyshon: Die Farbe von Milch. Eisele Verlag

Aus dem Englischen von Wibke Kuhn

Ein Buch voller Poesie und zugleich hart wie gefrorenes Eis.

„Mein Name ist Mary und ich habe gelernt ihn zu buchstabieren.“ So beginnt die fünfzehnjährige Mary ihr Tagebuch. Buchstabe für Buchstabe hat sie sich das Alphabet erobert. Lesen und Schreiben erst gelernt. Nun schreibt sie aus der Erinnerung über das Jahr 1830/31, das Jahr, in dem sie den elterlichen Bauernhof verlassen musste. Der Vater vrkaufte sie an den Pfarrerhaushalt. Dort soll sie die kranke Frau des Pfarrers pflegen.

Nein, es ist keine rührselige Bauernschnulzengeschichte. Sondern die beinharte Erzählung eines Mädchens, das für sein Alter scharfsinnig und klug denken und reden kann. Zu scharfsinnig, meinen viele. Mary hat erst beim Pfarrer lesen und schreiben gelernt. Und weil sie den Mann und seine Vergewaltigungen Abend für Abend nicht länger ertragen konnte, brachte sie ihn um. Nicht im Affekt. Sondern wohl überlegt.

Und nein, es ist kein Krimi. Sondern die unsentimentale Beschreibung eines Mädchens, das mit 15 Jahren im Gefängnis landet, weil sie ihren Peiniger umbrachte. Im Gefängnis beginnt sie zu schreiben.

Die Autorin entwickelt einen ganz eigenen Stil, der nur so und nicht anders sein kann. Ohne Beistrich- und Satzregeln schreibt Mary, was sie sieht, hört. Wie sie die Menschen beurteilt. Klar, hellsichtig, ohne Beschönigung.

Dieser Roman hätte alle Preise der Buchwelt verdient. Hat er welche bekommen???

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Luca Ventura: Mitten im August. Diogenes Verlag

Ein wenig abtriften – schon das hilft in dieser bösen Zeit. Wer sich also nach Capri versetzen will, dem sei dieser Krimi empfohlen. Flüssig geschrieben, ganz ohne Moden, wie etwa überbordende Restaurants-oder gar Essensbeschreibungen. Auch keine lästig-langen Details von Orten. Ja, die bekannten Orte, wie Ana Capri, Capri oder Marina Piccola werden angesprochen, aber nicht als Kulisse überstrapaziert.

Der Polizist Enrico Rizzo hätte auch lieber im Obstgarten seines Vaters gearbeitet. Aber nein, ausgerechnet im Hochsommer passiert ein Mord. Man findet einen jungen Mann erschlagen im Boot. Von seiner Partnerin keine Spur. Rizzi hat zwar keine Erfahrung in Mordermittlungen, aber gesunden Menschenverstand. Wenn es Tote gibt, dann geht es entweder um Sexualverbrechen, Eifersucht oder Geld. Letzteres ist diesmal der Fall. Das Opfer heißt Jack Milani, Sohn reicher Eltern, der auf Aussteiger spielt. Er ist auf „Weltrettungstripp“, hat die Idee, die Meere zu reinigen Wie so oft in einem Krimi entpuppt sich die Hauptverdächtige Sofia Polito als falsche Fährte. Und wie so oft in Krimis wird knapp vor Schluss noch eine Person aus dem Hut gezaubert, die den Mord begangen hat. Mehr sei hier nicht verraten…

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José Maria Arguedas: Die tiefen Flüsse. Wagenbach Verlag

Aus dem peruanischen Spanisch von Suzanne Heinzt

José Maria Arguedas gilt als einer der großen Vergessenen der peruanischen Literatur. 1911 in Andahuaylas geboren, studierte er Anthropologie und schrieb Gedichte auf Quechua und Romane auf Spanisch. 1969 beging er nach einer langen Depression Selbstmord.

Der Roman handelt von dem Kind Ernesto, das von seinem Vater in das angesehene katholische Internat in Abancay gesteckt wird. Dort – wie in so vielen Kinderheimen und Internaten in der Welt – herrschen Terror der Patres, Hass, Kämpfe unter den Schülern. Eine geistig zurückgebliebene Magd wird von den älteren Schülern gegelmäßig vergewaltigt. Dann bricht in der Stadt die Revolte der Frauen aus, die das im Internat gehortete Salz rauben und an die Armen verteilen. Ihre Anführerin Felipe wird von den Behörden gejagt. Die Armee wird gerufen.

Schade, dass dieses Thema derartig verwinkelt, verwirrend, konfus abgehandelt wird. Man vermisst die epische Klarheit, der Erzählduktus scheint sich der Verwirrung der Zöglinge anzupassen. Irgendwann gibt der Leser auf, nach dem Erzählfaden zu suchen. Die Übersetzung wirkt holprig, was auch nicht gerade zum Lesevergnügen beiträgt.

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Peter Keglevic: Wolfsegg. Penguin Verlag

Ein wuchtiger Roman! Wie ein Bild von Egger-Lienz oder eine Tragödie von Aischylos. Beim Lesen steigen Erinnerungen an Marlen Haushofers, „Die Wand“, Stifters „Bergkristall“, Innerhofers „Schöne Tage“ und Thomas Bernhards „Die Auslöschung“ auf.

Keglevic scheut nicht vor Pathos zurück. Pathos, im Sinn von Leiderzählung, Leiderfahrung. Es schlägt zu und trifft den Leser in voller Wucht. Das bedarf eines stringenten Erzählstils. Den hat der Autor! Ganz ohne Schnörkel und eitle Stilpirouetten läuft das Geschehen ab und auf sein Ende zu. Ein Ende, das an griechische Tragödien erinnert. In ihrer grausamen Konsequenz und Unerbittlichkeit. Spannungsgeladen. Der Leser kann das Buch nicht aus der Hand legen! Kein billiger Pageturner. Denn die Figuren stammen aus der tiefsten Tiefe menschlicher Grausamkeiten.

Der Roman ist ein Wunder! Peter Keglevic zitiert mitten im Roman Erich Kästner:“Wunder erleben nur diejenigen, die an Wunder glauben.“

Die sechszehnjährige Agnes ist so ein Wunder. Man muss einfach glauben, dass dieses Mädchen in der Not Kräfte mobilisiert, die man nicht einmal einem ausgewachsenen „Kerl“ zutraut. Sie lebt mit ihren beiden kleinen Geschwistern, der krebskranken Mutter und einem Vater, der sie intensiv für die „Zeit danach“ vorbereitet, am Rande eines Dorfes. Irgendwo in einem Bergtal, könnte sein in der Nähe des steirischen Erzgebirges. Berge, Hochwald umgeben die Menschen. Mitten drin das Kinderheim „Maria hilf!“, wo Mädchen gequält und sexuell missbraucht werden. Dann ist die Zeit danach gekommen: Die Mutter ist tot, den Vater hat die Menge zu Tode gehetzt. Nun ist Agnes für ihre Geschwister verantwortlich. Mehr sei hier nicht verraten, denn der Roman lebt auch von der spannenden Handlung.

Eine grausame Tragödie von Kindesmissbrauch und Verhetzung. EIN GROSSER ROMAN!

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Tracy Chevalier: Violet. Atlantik Verlag

Aus dem amerikanischen Englisch von Anne Rademacher.

1932 in Southampton, einer Kleinstadt im Süden Englands. Violet führt ein tristes Leben an der Seite ihrer quenglerischen Mutter. Es herrschen strenge Moralgesetze, die besonders für alleinstehende Frauen wie Violet gelten. Da wird getratscht, be- und verurteilt, immer vor den Türen der anderen, nie vor der eigenen gekehrt. „Anstand“ heißt das Wort, das alle im Munde führen, mit dem die Gesellschaft Frauen wie Violet geißelt.

Als Violet die häusliche Enge und Engstirnigkeit an der Seite der keifenden Mutter nicht mehr aushält, zieht sie aus, findet in Winchester eine schlecht bezahlte Arbeit als Schreibkraft, wohnt in einem Billigzimmer und hat nicht immer genug Geld, um sich Essen zu kaufen. Doch sie gibt nicht auf, ringt Tag für Tag um ihre Selbständigkeit. Sie schließt sich einer Gruppe von Frauen an, die Sitzkissen für die berühmte Kathedrale von Winchester (die zweitälteste von Europa) sticken, verliebt sich in den Glöckner Arthur, der sie in das Geheimnis des Glockenläutens einweiht. Arthur ist verheiratet. Scheidung kommt nicht in Frage, da seine Frau schwer krank ist. Als Violet von ihm schwanger wird, zieht sie von Winchester weg und kehrt nach Southampton zurück, kämpft tapfer gegen all den Hass und die Vorurteile, die man damals einer unverheirateten, schwangeren Frau entgegenbrachte. Tracy Chevalier lässt auch das Thema der Liebe zwischen Frauen einfließen, in den 30er Jahren und lange noch danach ein strenges Tabuthema. Und am Horizont droht schon der Zweite WEltkrieg. Dennoch endet der Roman hoffnungsfroh: Violet liebt ihre kleine Tochter Iris über alles. Sie weiß, ein Leben mit Arthur wird es nicht geben….

Tracy Chevalier schrieb einen stillen Roman über eine Frau, die ihren WEg findet und sich trotz vieler Widrigkeiten behauptet. Allerdings muss die Leserin – es ist hauptsächlich ein Roman für Frauen – sehr viel Zeit und Geduld aufbringen, will sie sich durch die allzu detaillierten Schilderungen, wie man ein Sitzkissen bestickt, durcharbeiten. Die teils sehr lehrhaften Anweisungen, wie die Glocken richtig geläutet werden sollen, sind auch nicht gerade sehr spannend. Als Dokument über Kunstfertigkeiten, die zumindest in Mitteleuropa unbekannt sind, mag es gelten.

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Peter Keglevic: Ich war Hitlers Trauzeuge. Penguin Verlag

Da habe ich doch wirklich nach Harry Freudenthal im Internet gesucht! Viele Seiten lang war ich der Meinung, diese Figur kann Peter Keglevic nicht erfunden haben! In ihrer Absurdität muss sie im Wahnsinn des zu Ende gehenden Krieges gelebt haben! Aber nein – von Peter Keglevic nur gut erfunden! Er baute rund um Harry Freudenthal die irreal-irrsinnige Wirklichkeit des zu Ende gehenden Zweiten Weltkrieges auf. Und diese Wirklichkeit ist penibel gut recherchiert. Dem Leser sind die Kilometerangaben und genauen Straßen- , Dörfer- und Menschenbeschreibungen bald einmal zu viel und er beginnt vielleicht quer zu lesen. Wieder einmal gilt: Weniger wäre mehr. Hat man aber einmal den Dreh heraußen, wie man die allzu vielen Details überspringen kann, dann ist das Buch ein einziger Lesespaß mit skrurril-tragischen Elementen gewürzt.

Der Jude Harry Freudenthal ist auf der Flucht. Und ausgerechnet er wird dazu bestimmt, am Marathon zu Hitlers Geburtstag teilzunehmen. Tausend Kilometer bis nach Berlin. Es ist der letzte Versuch der Hitleranhänger, den Mythos „Deutschland als Siegermacht“ zu retten. Als begleitende Staffel fungieren straffe BDM-Mächen und vor allem die Filmemacherin Leni Riefenthal, die diesen Lauf für Hitler filmt. Wie im Lied der „zehn kleinen Negerlein“ fallen der Reihe nach die Läufer aus. Harry gelingt es, bis in den Bunker Hitlers vorzudringen. Er wird Hitlers Trauzeuge.Gleich nach der Zeremonie fällt Eva Braun, frisch getraute Frau Hitler, über Harry her und befiehlt ihm, sie zu entjungfern.

Frech, skurril, absurd, witzig – das alles ist der Roman. Trotz der unnötig langen Wegbeschreibungen des Laufes! Ein Schelmenroman bester Sorte, der an den „Simplicissimus“ erinnert.

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Aus dem Englischen von Wibke Kuhn

Warschau zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Der kleine Pawel lebt mit Mutter Sofia, Großmutter und Tante wohlbehütet auf. Den Vater, der in den Widerstand gegangen ist, sieht er nur selten. Eines Tages bringt er einen schwer verwundeten englischen Kampfpiloten ins Haus. Da die Großmutter Ärztin ist, pflegt sie ihn. Damit beginnt das Unglück: Großmutter und Tante werden von den Deutschen abgeholt. Ihr weiteres Schicksal ist ungewiss. Pawel und seine Mutter leben von nun an in einer abgelegenen Hütte im Wald. Verpflegung bekommen sie von der Nachbarin, die autark lebt und die beiden mit notwendigen Lebensmitteln versorgt. Von ihr lernt der verträumte Pawel viel über die Natur und die Schönheit des Waldes.

Nach dem Krieg leben Pawel und Sofia außerhalb von London. Pawel ist ein begehrter Designer geworden und lebt mit seinem Lebensgefährten in einem großen Haus, umgeben von ruhiger Natur. Sofia muss lernen, die Lebensform ihres Sohnes zu akzeptieren. Das Umdenken gelingt ihr, sie nimmt an der Hochzeit der beiden teil und zieht sogar in deren Haus.

Ein versöhnlich – versöhnendes Buch. Großartig und schlicht erzählt Nell Leyshon von den Grundgefühlen des Menschen: Von Mitleiden und Hoffnung, von der Kraft der Natur. Von gängigen literarischen Moden, wie Zerlegung des ERzählfadens oder Überladung mit Metaphern ist die Autorin nicht infiziert. Ihre ERzählform ist der Tradition verpflichtet, man könnte es auch magischen Realismus nennen.

In traurigen Zeiten ein wirksam-wichtiges Buch!

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Claus Dieter Schneider: Mitten in der Nacht am Tag. Verlag Bibliothek der Provinz

Claus Dieter Schneider kennt und liebt seine Stadt Linz. In fein gesponnenen, literarischen Miniaturen setzt er den Bewohnern ein liebevolles Denkmal. Die Geschichten handeln vom Alltag, von einer Mutter, die ihrem Kind die Karte in den Zirkus nicht leisten kann. Von dem arbeitslosen Kopierer, der von einem riesigen Lottogewinn träumt und den Schein verschenkt. Von einem Mädchen, das mit zwei Freunden am Donauufer sitzt, einen Joint raucht und im Dusel die Brücke in die Luft fliegen sieht. Was passiert, wenn der Vater, der Großvater und der Sohn gemeinsam nach Wien aufbrechen, um sich einen schönen Tag zu machen? Sie sind froh, wenn sie wieder in Linz sind.

Alltagsgeschichten, mit einem Hauch von Geheimnis. Das Erwartete tritt nicht ein. Hoffnungen bleiben Hoffnungen. Die Sprache ist schlicht, aber genau im Hinschauen. Hier bekommt das Wort „Kleinkunst“ eine ganz andere, neue Wertigkeit.

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Norbert Gstrein: Als ich jung war. Hanser Verlag

„Als ich jung war, glaubte ich an fast alles, später an gar nichts mehr“, heißt es gleich auf den ersten Seiten. Und so erging es auch dem Leser – mir -: Als ich begann, glaubte ich an die Erzählung, an den Autor, der uns etwas zu sagen hat. Am Ende des Buches glaubte ich es nicht mehr. Man muss sich schon mit sehr viel Lesegeduld wappnen, um Norbert Gstreins Suche nach der Wahrheit bis zum Ende zu folgen, den Irrweg, Umweg, Rückweg, die Auflösung alles vorher Gesagten, die Wiederholung und den Widerruf des Gesagten, der unbefestigten Wahrheit, der endlos Schleife, in der sich die Erzählung dreht, zu folgen.

Die Fakten, die doch keine sind – sprich – der Plot, der nie zum Plot wird: Franz fotografiert Hochzeiten im Hotel seiner Eltern, irgendwo in den österreichischen Bergen. Bei einer dieser zahllosen Hochzeiten wird die Braut von ihren Exfreunden entführt, spät in der Nacht zurückgebracht und am frühen Morgen mit gebrochenem Genick am Fuß eines Abhanges aufgefunden. Dann gibt es da noch eine gewisse Sarah, die Franz während einer Hochzeitsfeier küsst. Ende des ersten Plots.

Franz in den USA. Er ist Skilehrer in den Rocky Mountains. Ein aus Tschechien emigrierter Professor entwickelt gesteigertes Interesse an Franz. Ob sexuell oder nur platonisch ist nicht klar. Als der Professor aus ungeklärten Gründen Selbstmord begeht, fällt ein leiser Verdacht auf Franz. Er flieht vor der Wahrheit, die sich vielleicht auftun könnte, zurück nach Österrreich. Das Hotel führt inzwischen sein Bruder. Dort beginnt wieder alles von Neuem…sinistre Verdächtigungen.

Eine ziemlich anstrengende Wahrheitssuche, die letzen Endes im Nirgendwo endet. Der Leser bleibt überfordert zurück.

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Susanne Wiesinger mit Jan Thies: Machtkampf im Ministerium. Edition QVV

Mit einem Vorwort von Konrad Paul Liessmann

Untertitel: „Wie Parteipolitik unsere Schulen zerstört“

Sooft es um die Frage der Bildung geht, meldet sich der Philosoph Konrad Paul Liessmann mahnend zu Wort: Die mangelhafte oder sogar fehlende Bildung zerstört die Zukunft der heranwachsenden Generation und gefährdet die Demokratie. Machtpolitik statt nüchterner, ruhiger, parteiunabhängiger Bildungspolitik befördert „Abschottung unterschiedlicher Gruppen…und Formierung von Parallelgesellschaften“.

Als Susanne Wiesinger im Vorjahr in ihrem Buch „Machtkampf im KLassenzimmer“ all die Probleme der mangelhaften Ausbildung und deren Ursachen publik machte, erregte sie großes mediales Aufsehen. Geändert hat sich nichts. Ein Jahr lang bereiste sie nun Österreichs Schulen, vor allem die „Brennpunktschulen“, und stellte fest: Wenn statt Realpolitik die Parteipolitik das Bildungssystem lenkt, dann wird es zu keinen Änderungen im System kommen. Sie warnt mit klaren, mutigen Worten vor einem „Bildungskollaps“ und belegt mit Zahlen, Daten und Fakten die erschütternde Tatsache: In vielen Klassen der Brennpunktschulen sitzen Schüler, die dem Unterricht aus mangelnden Sprachkenntnisssen nicht folgen können. Dazu kommen religiöse und soziale Konflikte, die die Lehrer überfordern.

Ihre Vorschläge: Bessere sozialpädagogische Ausbildung der Lehrer, mehr Sozialpädagogen in den Klassen, Eltern in die Pflicht nehmen, Schulleiter nicht mit immer neuen, sinnlosen Erlässen überfordern und vieles mehr!

Ein Buch, das alle angeht! Nicht nur Lehrer und Eltern!

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Stefano Benni, Prendiluna. Wagenbach Verlag

Aus dem Italienischen von Mirjam Bitter

Man weiß, Stefano Benno hat eine überbordende Phantasie. In dem Buch „Prendiluna“ übertrifftt er sich selbst an schrägen Einfällen. Prendiluna (die nach dem Mond greift) ist eine alte Lehrerin in Pension. Sie fährt mit einem Koffer voller Katzen durch die Stadt. Ihr Auftrag ist schlicht und einfach: Die Welt vor dem Untergang retten. Um dieses Ziel zu erreichen, muss sie zehn Gerechte finden, die würdig und willig sind, eine dieser Katzen zu übernehmen. Bei dieser Aufgabe helfen ihr ehemalige Schüler, die aus der Psychiatrie fliehen. Gegner, die sich ihr und ihren Helfern in den WEg stellen, gibt es genug – alles, was Italien (und nicht nur Italien) so an Mieslingen, wie Mafiosi, Geheimbündler etc., anzubieten hat. Ob Prendiluna die Weltrettung gelingt? Das ist nicht so sicher. Sie entschwebt jedenfalls mit dem Kater Ariel gemeinsam hinauf ins Irgendwohin.

Bis zur Hälfte ist das Buch recht amüsant, geschrieben im pseudo-kindlichen Stil, der aber in seinen schwierigen Anspielungen an italienische Realitäten eher Erwachsenen gefallen wird. Ab der Hälfte beginnt der Autor den Leser ein wenig durch Wiederholungen ähnlicher Szenen, unzähliger Verwicklungen zu langweilen. Man beginnt quer zu lesen. Wahrscheinlich sind viele Anspielungen dem italienischen Leserpublikum viel eher verständlich. Schade, denn Witz und hintergründiger Humor bezaubern zu Beginn durchaus, nützen sich aber im Laufe der Handlung ab.

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Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. C.Bertelsmann Verlag.

Aus dem Englischen: Heiner Kober

Man will das Buch gar nicht aus der Hand legen! Bevor ich auf den Inhalt eingehe, möchte ich meine Bewunderung für die Autorin ausdrücken. Sie hat sich nicht nur durch Humboldts tausende Briefe und Werke durchgearbeitet, sondern auch zahllose Werke von Zeitgenossen und Sekundärliteratur mit einbezogen. Allein der Anhang umfasst 133 Seiten! Es wurde die Biografie eines Genies, congenial geschrieben von Andrea Wulf!

Alexander von Humboldt (1769-1859) wollte immer schon die Welt mit eigenen Augen erfahren, erforschen. Doch seine Eltern hatten eine Beamtenlaufbahn im Dienste des Preußischen Königs vorgesehen. Zähneknirschend studierte Humboldt Bergbautechnik. Als Bergassessor erkannte er schon früh, wie wichtig die ERhaltung der Wälder ist. Holz war der wichtigste Rohstoff zu dieser Zeit. Humboldt wies vehement auf die Wichtigkeit des Waldes für das Klima hin und warnte als erster überhaupt vor den katastrophalen Folgen der ausbeuterischen Abholzung.

Mit 30 Jahren konnte Humboldt dank seines reichen Erbes sichden lang gehegten Lebenswunsch erfüllen und die Reise nach Südamerika antreten. Fünf Jahre lang erforschte er unter schwierigsten Bedingungen gemeinsam mit dem Botaniker Aimé Bonpland die Llanos, das Orinocogebiet, überquerte die Anden und bestieg den Chimborazo. Malaria, Mückenplagen, Kälte und Hitze – all das ertrug er, ohne auch nur einmal an Aufgabe zu denken. Er schleppte schwere Messgeräte durch unwegsames Gelände,sammelte Pflanzen, Gesteine, Tiere und führte genaueste Aufzeichnungen. Bevor er nach Europa zurückkehrte besuchte er Thomas Jefferson, den dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten. Jefferson hatte mehr Interesse für die Natur als für die Politik. Die Forschungsergebnisse Humboldts sog er deshalb wissbegierig in sich auf.

Zurück in Europa wurde Humboldt wie ein Weltstar gefeiert. Seine Vorträge, zu denen auch Frauen Zugang hatten, wurden gestürmt. Das Publikum stand bis auf die Straße Schlange. Er verstand zu faszinieren. Seine Ideen beeinflussten und beeindruckten unter anderem Goethe, mit dem er befreundet war. Simon Bolivar wurde durch Humboldts Einfluss zum Revolutionär, zum Befreier, der gegen den Sklavenhandel und die spanische Kolonialmacht kämpfte. Humboldt wurde nie müde auf die Bedrohungen der Natur durch den Menschen hinzuweisen. Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse waren Grundlage für viele späteren Forscher.

Neben all den Empfängen und Vorträgen hatte Humboldt nur einen Wunsch: wieder zu reisen. Sein Wunschziel war Indien. Jedoch bekam er nicht die dazu nötige Erlaubnis vom britischen Empire. So folgte er 1829 der Einladung des russischen Zaren Nikolaj I. All die Strapazen dieser Reise machten dem 60ig-Jährigen nichts aus. Kälte, endlose Kutschenfahrten, lange Wanderungen – all das ertrug er. Sein Forschungseifer machte ihn immun gegen Krankheiten. Auf dieser Reise kam er bis an die Grenze Chinas.

Zurück in Berlin begann Humboldt im Alter von 65 Jahren an seinem mehrbändigen Werk „Kosmos“ zu arbeiten. Sein Ziel war es, die ganze materielle Welt in einem Werk darzustellen. Seine Zeichnungen und sein Stil waren so anschaulich und lebendig, dass die 4 Bände zu den meistverkauften und meistgelesenen Büchern zählten. Bis zu seinem Tod im Jahre 1859 blieb Humboldt geistig rege, schrieb tausende Briefe in alle Welt, schuf ein riesiges Netzwerk zwischen Wissenschaftlern und Künstlern. Wenn Humboldt im Mai 1859 stirbt, hat der Leser das Gefühl, einen Gefährten, der ihn durch viele Stunden und Tage begleitet hat, verloren zu haben.

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Maximilian Hauptmann und Stefan Kutzenberger. Das Literaturquiz. edition a

Im Untertitel schreiben die Autoren: 123 Antworten, die Sie kennen sollten, um über Literatur mitreden zu können.

Das ist ganz sicher eine ironisch gemeinte Übertreibung. Denn manche Fragen sind wirklich mehr als speziell. Wer kennt schon Georges Perec und seinen Roman „La Disparition“. Doch die meisten der 123 Fragen sind mit einer gewissen Allgemeinbildung oder auch Hausverstand zu lösen, denn man hat drei Antworten zur Wahl. Der Quizmaster kann auch Punkte für die richtigen Antworten geben. Etwa für besonders schwere drei, für mittelschwere zwei und für leichte einen. Am Ende wird ein Sieger ermittelt.

Besonders interessant sind natürlich die Auflösungen. Selbst solche, die sich als Kenner der Literatur bezeichnen, sind oft verblüfft, was sie dadurch alles für sie Neues erfahren. Apropos Kenner – die werden immer rarer, meinen die beiden Autoren. Das Interesse an Literatur sinkt mit zunehmender Netflix-Manie. Als die Autoren die Studenten fragten, warum sie Literaturwissenschaft studieren wollten, bekamen sie sehr oft als Motivation die Netflix-Serien genannt. Da schrillten bei den Autoren die Alarmglocken. Mit diesem Quizbuch wollen sie einen kleinen Beitrag zur Rettung der Literatur liefern.

In den immer zahlreicher werdenden Lesekreisen ist dieses Buch bereits sehr beliebt. Zur Auflockerung ein paar Quizfragen stellen, einen Gewinner ermitteln – und schon beginnen die Diskussionen. Nicht nur im Radio ist Literatur der Rede wert.

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Margery Sharp: Die Abenteuer der Cluny Brown. Verlag Eisele

Aus dem Englischen von Wibke Kuhn

Charmant und intelligent-witzig beschreibt Margery Sharp (1905 in Salebury – 1991 in Aldeburgh/Suffolk) die englische Gesellschaft vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Cluny Brown ist 20 Jahre jung, alle meinen, sie sei als potentielle Braut schon überfällig. Schön ist sie nicht, meinen wieder alle. Heute würde man sagen „apart“. Sie lebt bei ihrem Onkel in London, der ein tüchtiger Klempner ist. Ab und zu springt sie für ihn ein, repariert auch schon mal einen verstopften Abfluss. Das gehöre sich nicht für ein Mädchen, meint der Onkel. Überhaupt sei ihm Cluny Brown zu aufmüpfig, zu umtriebig. Kurz entschlossen schickt er sie als Stubenmädchen auf den Herrensitz Friars Carmel. Der Autorin gefallen ganz offensichtlich schrullige Namen. Cluny ist die Bezeicnung für ein bekanntes Kloster und als Vorname ungebräuchlich. Als Kompensation für den nichtexistenten Vornamen gibt die Autorin der Protagonistin den gängigsten aller englischen Familiennamen: Brown. Friars Camel könnte man gut und gern als „Brüder Karmeliter(innen)“ übersetzen.

Also: Die handelnden Personen sind fast alle nicht so, wie sie sich nach außen hin geben: Allen voran Cluny. Alles, was ein Stubenmädel können muss, lernt sie in Windeseile. Aber hinter der Stubenmädelfassade steckt die quirlig-neugierige Cluny. Sie erstaunt nicht nur die Dienerschaft immer wieder durch ihre Andersartigkeit. Auch die Bewohner des Landsitzes sind über sie einigermaßen verwundert. Ein Dienstmädel, das den Apotherker des Ortes heiraten wird? Das ist ungewöhnlich. Aber sie heißen es dennoch gut. Als Cluny aber, statt den Apotheker zu heiraten, Hals über Kopf mit dem polnischen Schriftsteller Adam Bilinski, der monatelang Gast auf dem Herrensitz war, nach Amerika abhaut, ist die Verblüffung groß.Verblüffung schon, aber nicht Empörung!

Margery Sharps Klinge des Humors und der Charakerzeichnung ist ganz fein, subtil. Alle Personen sind in ein fixes gesellschaftliches Leben eingebettet, haben sich darin gut eingerchtet. Es scheint, dass auch Cluny ihren Platz als Stubenmädchen akzeptiert. Aber es kommt ganz anders. Denn einen Moment lang, und das ist der entscheidende in ihrem Leben, lässt sie es nicht zu, dass über ihren Kopf hinweg entschieden wird, und türmt mit Belinski.

Es ist nicht so sehr die Handlung, die aufs erste wie eine Rosamund Pilcher-Geschichte daherkommt, als vielmehr die kleinen, subtilen Gesten, Handlungen und Gedanken der Personen, die den Leser schmunzeln lassen. Wobei die Autorin über keine einzige Person den Stab bricht. Für alle und alles hat sie Verständnis. Für Lady Carmel, deren einziger Sinn im Leben die Gartenpflege zu sein scheint, die aber ihren Mann Henry und ihren Sohn Adam mit leiser Hand in die richtige Richtung führt. Für die schöne Betty, die sich vor Heiratsanträgen kaum erwehren kann. Die aber weitaus klüger und weitsichtiger ist als alle Männer, die sie dümmlich anbeten. Größte Sympathie hegt sie natürlich für Cluny. Für dieses Mädchen, das sich nicht unterkriegen und „einseifen“ lässt. Wenn man so will, tritt der Roman für eine unkämpferische, dafür umso wirksamere Emanzipation der Frauen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ein.

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Charlie English: Die Bücherschmuggler von Timbuktu. Hoffmann und Campe

Von der Suche nach der sagenumwobenen Stadt und der Rettung ihres Schatzes.

Aus dem Englischen von Henning Dedekind und Heike Schlatterer

Charlie English, ehemaliger Chefredakteur des „Guradian“, erzählt, wie Timbuktus wertvollster Schatz, die heiligen Bücher und Manuskripte, unter Lebensgefahr der Bewohner vor der Zerstörungswut der Al-Kaida gerettet wurden. English sucht die Waage zwischen wissenschaftlichem und populärwissenschaftlichem Stil zu halten, was manchmal – das muss bei allem Lob für dieses Werk gesagt sein – zum Verlust der Spannung führt.

Geschickt verwebt er die sagenumwobene Geschichte der Stadt mit der Zeit von 2012 bis 2013, als zuerst die Rebellen und gleich darauf die Al-Kaida über die Stadt herfielen, plünderten und die Mausoleen der Heiligen in Schutt und Asche legten.

Timbuktu war immer schon für die Welt ein Mythos. Keiner wusste, wo es genau lag. Man erzählte sich Geschichten von dem ungeheuren Reichtum der Stadt, von goldstrotzenden Palästen. Das schürte die Neugier und Gier diverser Staaten, wie England, Frankreich und später auch Deutschland. Unter dem Deckmantel der Wissenschaft wurden Abenteuertypen im Wettlauf losgeschickt, die diese reiche Stadt finden sollten, einzig allein zu dem Zweck, die Stadt auszubeuten. Viele starben in der Wüste. Einige Informationen drangen dennoch bis Europa durch: Von Gold keine Spur. Man meldete lediglich eine staubige Stadt mit vielen heiligen Bauten. Erst der deutsche Forscher Heinrich Barth (1821-1865) beschäftigte sich ausführlich mit dem eigentlichen Schatz Timbuktus, den heiligen Schriften. Er machte klar, dass Afrika sehr wohl eine schriftliche Kultur kannte und man daher die europäische Sicht auf Afrika als schriftlosen Kontinent total ändern müsse. All diese Berichte hatten zur Folge, dass immer mehr Staaten und Organisationen, unter anderem auch die UNESCO, auf den Wert dieser Manuskripte hinwiesen und sie gerade dadurch gefährdeten. Als die Al-Kaida in Timbuktu ihre Schreckensherrschaft 2012 bis 2013 ausübten, war die Angst der Bewohner um die Manuskripte so groß, dass sie begannen, diese in Kisten und Säcken in Nacht- und Nebelaktionen und unter größter Lebensgefahr in das nahe Bamako zu schmuggeln. Über die Zahl der geretteten Manuskripte seien bis heute keine sicheren Aussagen möglich, meint der Autor. Und lässt den Verdacht im Raume stehen, dass die Retter die Zahl ins Unermessliche steigerten, um Fördergelder diverser Organistionen in die Höhe zu lizitieren. Ein eher unrühmliches Ende, so finde ich, nicht für die Retter, sondern für den Autor. Denn gerade ihm, der mit vielen Verantwortlichen der Rettungsorganisation sprach und um die schwierige und chaotische Situation der „Schmuggler“ wusste, steht die Andeutung eines solchen Verdachtes nicht gut zu Gesicht.

Marie Brunntaler, Wolf. Eisele Verlag

Der Name Marie Brunntaler ist ein Garant für Spannung, Entspanung. Sie schreibt über Menschen im Schwarzwald, die nicht gerade mit Reichtümern gesegnet sind und sich ihren Platz in der Gesellschaft erkämpfen müssen, z. B. wie etwa in dem Roman: „Das einfache Leben“.

Nun also „Der Wolf“. Ein Dorf im Schwarzwald, weit weg von Zivilisation. 1820. Die Menschen werden von Aberglauben und von dem hinterlistigen Abt im Kloster beherrscht. Er sagt, was im Dorf geglaubt werden muss, was im Dorf als Unrechtzu gelten hat. Dass er als ganz infamer Päderast sich auf die Buben im Internat stürzt, ist nur ein Thema dieses packenden Romanes. Brunntaler fragt aber auch, was die allgemeine Meinung, „was die Leut sagen“, aus einer Dorfgemeinschaft macht. Gabriel ist ein Bub, der durch seine Schönheit und Klugheit alle bezaubert. Aber beide Eigenschaften bringen ihn in des Teufels Küche. Der Lehrer, der sein Amt im Dorf neu angetreten hat, hat wie ein Teufel die Fäden des Geschehens in der Hand und will Gabriel zum Werkzeug seiner Rache machen. Er ist der Wolf im Schafspelz eines Lehrers.

Während Brunntaler alle Figuren des Romans, besonders die beiden Frauen am Steinhauerhof sehr gut charakterisiert und glaubhaft im Geschehen verankert, gelingt ihr die Figur des Lehrers nicht so richtig. Sein Hass ist noch verständlich, doch seine teuflischen Wirkungsklräfte auf Gabriel sind unglaubwürdig. Dennoch: Ein äußerst lesenswerter Roman,

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