Véronique Olmi: Bakhita. Hoffmann und Campe Verlag

Aus dem Französischem von Claudia Steinitz

Sie ist fünf Jahre alt, als sie von Banditen aus ihrem Dorf im Sudan entführt und nach einem langen und qualvollen Marsch durch die Wüste auf dem Sklavenmarkt in El Obid verkauft wird. Dass sie nicht zusammenbricht, seelisch verkrüppelt, verdankt sie nur ihrer Fähigkeit, ihre Seele wie ein Segel einzuziehen, sich von dem Leid abzukapseln. In Karthoum kommt sie in das Haus des italienische Konsuls und kann sich von ihren körperlichen Schmerzen ein wenig erholen. Als dieser samt Familie den Sudan Richtung Italien verlässt, setzt sie es durch, dass er sie mitnimmt. Sie wird eine sanftmütige Dienerin in einer italienischen Familie, rettet deren Baby vor dem sicheren Tod, muss nochmals mit in den Sudan, wo all ihre entsetzlichen Erinnerungen wieder aufkeimen. Zurück in Italien kann sie Ruhe in einem Kloster in Venedig und anderen Orten finden, wo sie bis zu ihrem Tod als Nonne lebt und von allen sehr geliebt und geschätzt wird. Ihre Stärke ist das Zuhören. Obwohl sie ihre Muttersprache längst vergessen und nie das Italienische wirklich gelernt hat, wird sie immer wieder aufgefordert, über ihr Leben zu erzählen. Daraus wird ein Buch – die Quelle dieser Romanbiografie.

Stilistisch großartig! Véronique Olmi gelingt es, der Sklavin und späteren Nonne Bakhita eine entsprechende Stimme, Ausdruck zu geben. Mit kurzen, oft fragmentarisch wirkenden Sätzen beschreibt die Autorin all die körperlichen Leiden – für den Leser fast unerträglich deutlich – und alle seelischen Vorgänge.

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Hans-Josef Ortheil: Der von den Löwen träumte. Luchterhand-Verlag

In diesem soeben erschienen Band vereint Ortheil alle seine thematischen Vorlieben: Über eine interessante Persönlichkeit schreiben – Hemingway – über einen von ihm geliebten Ort schreiben – Venedig – und über das Schreiben selbst, beziehungsweise über Schreibhemmungen, schreiben.

Literarische Parallelen

Während der Lektüre erlebt der Leser einige Déjà-vu, die zu analysieren ihm spezielles Vergnügen bereiten könnte: Er erinnert sich vielleicht an den Werfelroman über Verdi: Der Komponist kam nach Venedig in einer echten Schaffenskrise, als er glaubte, nie mehr auch nur eine Note komponieren zu können. Dann wird dem Leser unweigerlich Thomas Manns „Tod in Venedig“ einfallen. Als Mann in einer schweren Schaffenskrise steckte, schrieb er sich diese an der Figur von Aschenbach ab. Für Thomas Mann alias Aschenbach wird Venedig zum Todesmythos. Während der Lektüre des Ortheil-Romanes fielen mir weiters die Parallelen zum Film „Il postino“ (Der Postmann) und zum Roman von Antonio Skarmeta „Mit brennender Geduld“, der dem Film zugrunde liegt, ein: Der Dichter Pablo Neruda findet in den Gesprächen mit dem jungen Briefträger einen gelehrigen Schüler, der bald auch Ideengeber wird. So auch in Ortheils Geschichte.

Hemingway, der große Trinker, in der Schaffenskrise

Wir schreiben das Jahr 1948. Ernest Hemingway und seine vierte Ehefrau Mary mieten sich im Hotel Gritti in Venedig ein. Dank des Revolverblatt-Journalisten Sergio Carini weiß bald ganz Venedig, wo und mit wem sich der große Schriftsteller, Kriegsheld und Großwildjäger herumtreibt. Das aber stört Hem, wie ihn Freunde nennen, nicht besonders. Er streift, mit allen nur möglichen Fremden redend und trinkend, durch die Stadt. Alles ist ihm recht, um von seiner Schreibhemmung abzulenken. Sein letzter Roman liegt schon lange zurück. Von Venedig erhofft er sich neuen Stoff und künstlerische Gestaltungskraft. Mit Paolo Carini, dem Sohn des besagten Journalisten, schließt er Freundschaft und engagiert ihn als „Hermes von Venedig“. Während der langen und gemütlichen Bootsfahrten durch die Kanäle notiert er akribisch alles, was er sieht, auch die banalsten Banalitäten. Dem Autor auf die bekannten und weniger bekannten Orte wie Harry‘ Bar, Torcello oder diverse campi zu folgen, bereitet zwar Vergnügen, ist aber doch durch die Banalität der Beschreibungen ermüdend. Etwas zäh wird die Geschichte, als sich Hemingway in die (real existierende) junge Adelige Adriana Ivancich verliebt. Er ist ein alter, müder Mann, der sich von der Achtzehnjährigen Verjüngung und emotionale Hochs erhofft. Aus den Begegnungen mit dieser infantil wirkenden Schönheit entsteht der Roman „Über den Fluss und in die Wälder“, der von der Kritik mit sehr viel Häme aufgenommen wurde und sicher nicht zu seinen besten Werken zählt. Der junge Fischer Paolo Carini wird zu seinem schärfsten Kritiker, ihn stößt alles, was mit dem Roman zu tun hat, ab. Er fordert von Hemingway einen ehrlichen, tiefgehenden Roman und schlägt ihm vor, von einem alten Fischer zu erzählen, der zum letzten Mal aufs Meer hinaus fährt und den Kampf mit einem Riesenfisch aufnimmt. – „Der alte Mann und das Meer“ wird zu einem der wichtigsten und bleibenden Werke Hemingways und Paolo ist stolz, Geburtshelfer gewesen zu sein.

Stilistische Tricks und Schwächen

Ortheil ist ein Meister der Spiegelfechtereien. Geschickt schiebt er reale Fakten und Fiktionen in- und übereinander. Hemingways Aufenthalte und Trinkorgien in „Harry ‚ s Bar“ sind hinlänglich bekannt. Dass der ermüdende Roman „Über den Fluss und in die Wälder“ tatsächlich auf die Liebe Hemingways zu Adriana Ivancich zurück zu führen ist und bei der Kritik durchfiel, ist historisches Faktum. Auch dass Hemingway die junge Adelige samt Mutter nach Cuba auf seine Finca einlud und seine Frau Mary damit ordentlich brüskierte, ist Faktum und wird von Ortheil als Fiktion in den Roman eingebaut. Mit der Familie Carini, Vater und Sohn, später auch Schwester und Mutter, führt Ortheil erfundene Personen ein und verquickt sie mit dem realen Geschehen. Das ist amüsant, weil sich der Leser stets fragt, was ist Fiktion und was Realität. Auf die Spitze treibt Ortheil das Spiel, wenn er Hemingways bekannte Manie, alles, was er beobachtet, akribisch aufzuzeichnen, im Roman eins zu eins umsetzt. Denn die banalen Details bleiben auch als Ergüsse eines Genies immer noch banal und langweilig. Peinlich wird es, wenn Ortheil vorgibt, den Gesprächen zwischen Hemingway und Adriana zu lauschen. Da wird es mehr als banal, peinlich banal.

Unterm Strich: „Der von den Löwen träumt“ ist ein gefälliger Roman, der vielerlei Leserinteressen bedient: Allen voran die der Liebhaber Venedigs, die dem Autor begeistert an bekannte Orte folgen. Auch alle Fans von Romanbiografien werden an dem Buch ihr Vergnügen haben. Immer vorausgesetzt, sie haben die Toleranz, die ausufernde Wiedergabe von Beobachtungen und Gesprächen als inhaltlich notwendig zu akzeptieren.

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Margret Greiner, „Ich will unsterblich werden“

Untertitel: Friederike Beer-Monti und ihre Maler

Verlag Kremayr – Scheriau

Es ist ja dann doch etwas aus dem verwöhnten Ding geworden. Wer hätte das erwartet!? Genau auf Seite 173 wird aus der Fritzi, mit vollem Namen Friederike Beer, später Beer-Monti, eine interessante Frau. Bis dahin erzählt Margret Greiner recht launig über ein Mädel der Wiener Gesellschaft um 1900, das es sich gut gehen lässt, das Leben dank einer fleißig arbeitenden Mutter unbeschwert genießen kann. Manchmal hilft sie der Mutter in der florierenden Gastwirtschaft, später Bar, in der Krugerstraße 3, im ersten Wiener Gemeindebezirk. Ziemlich unbekümmert um „Anstand und Moral“ wird sie die jahrelange Geliebte, später Lebensfreundin des Malers Hans Böhler, des Sohnes aus reichem Haus. Aber das garantierte noch nicht Ruhm und Unsterblichkeit. Und unsterblich wollte sie unbedingt werden. Dank ihrer jugendlichen Unbekümmertheit und ihres Charmes konnte sie Maler wie Egon Schiele, Klimt und natürlich ihren Lebensgefährten Hans dazu überreden, sie zu malen. Modell und Muse dieser Maler gewesen zu sein, hätte vielleicht für eine Kurz- Biografie gereicht. Aber Margret Greiner verfolgt den Lebensweg weiter. Nach einer kurzen Ehe mit dem feschen italienischen Offizier Monti kehrt Federica, wie sie sich ab nun nennt, wieder nach Wien zurück und lernt den – natürlich reichen – Amerikaner Hugh Stix kennen. Ab hier bekommt ihr Leben Linie und Ziel: Sie folgt ihm 1936 nach New York, wo sie mit seiner finanziellen Hilfe die „Artist’s Gallery“ eröffnet. Vielen jungen, unbekannten Malern bietet diese Galerie ein Forum, eine Verkaufsplatte. Vor allem aber verhilft Federica Beer-Monti von den Nazis verfolgten Künstlern zu einem Visum für Amerika. So weit sie kann, unterstützt sie sie auch finanziell. Nach 26 Jahren schließt sie die Galerie und übersiedelt in ein Altersheim in Haweii, wo sie sich der Aufarbeitung der Werke ihres Freundes Hans Böhler widmet. Mit 90 Jahren scheidet sie freiwillig aus demm Leben.

Margret Greiner, bekannt für ihre sensiblen Romanbiografien, beschreitet mit diesem Buch neue stilistische Wege. Sie nennt es nicht mehr „Romanbiografie“, auch nicht Roman, auch nicht Biografie. Innere Beweggründe, wie sie im Buch über Emilie Flöge, die Lebensgefährtin von Klimt, oder über die Malerin Charlotte Salomon sehr subtil nachzeichnet, sich in ihre Seelen einfühlt, bleiben diesmal aus. Statt dessen reichert sie die Geschichte mit Namen bekannter Maler, aber mehr noch unbekannter Maler an. Streckenweise artet es in ein ermüdendes „name dropping“ aus. Ihr Stil wird nüchterner, kürzer, den Sätzen kommt das Prädikat abhanden, so als ob keine Zeit bliebe, einen Gedanken auszuformulieren. Mit diesem (neuen) Stilmittel charakterisiert Margret Greiner den hektischen Lebensstil nach dem Zusammenbruch der Monarchie, die Zeit des Ersten und Zweiten Weltkrieges und die Zeit danach.

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Drago Jancar: Wenn die Liebe ruht. Zsolnay Verlag

Aus dem Slowenischen von Daniela Kocmut

Seit dem Roman „Die Nacht, als ich sie sah“, schrieb sich Drago Jancar in die Liste der besten slowenischen Autoren ein. Im Jahre 1944 verschwinden eine junge Frau und ihr Ehemann spurlos. Nachforschungen ergaben, dass beide von Titopartisanen verschleppt und umgebracht wurden. Zum ersten Mal bringt ein Autor Licht in die verwirrende politische Lage Sloweniens vor und nach dem Ende des 2. Weltkrieges. Der Roman hatte nachhaltige Wirkung.

Nun also war man auf den neuen, mit viel Vorschusslorbeeren bedachten Roman neugierig. Wieder befasst sich Jancar mit der Zeit um 1944, als Slowenien von den Deutschen besetzt wurde. In der Kleinstadt Maribor werden Nicht -Deutschstämmige und solche, die nicht für Hitler sind, ausgewiesen, in Lager geschickt oder gleich an die Wand gestellt. Partisanen formieren sich zum Widerstand, nur sehr wenig von den Bauern unterstützt. Denn diesen droht von der Gestapo Schlimmes, wenn sie Partisanen verstecken oder unterstützen.

Der geschickt ausgewählte Titel imaginiert, wie schon im ersten Roman, eine Liebesgeschichte. Die gibt es zwar, ist aber nur der dünne Faden, der die Spannung erhalten soll: Sonja und Valentin sind glücklich verliebt, solange bis er zu den Partisanen geht, geschnappt wird und von der Gestapo aufs Grausamste verhört wird. Sonja gelingt es, den verhörenden Offizier zu einer Freilassung zu „überreden“. Als Gegenleistung verlangt er eine Nacht mir ihr. Sie willigt ein, doch aus dem Koitus wird nichts – die Potenz des mächtigen Gestapomannes versagt vor ihrer kalten Unbeteiligtheit.

Valentin ist frei, aber unter Beobachtung der Gestapo. Zwischen ihm und Sonja ist etwas zerbrochen, er ahnt, um welchen Preis, den sie ja nicht wirklich zahlen musste, er frei kam. Verstummen der Liebe. Ab da wird das Buch eine fürchterliche Detailbeschreibung der Hölle, der Folter, der Ermordungen. Keiner traut mehr dem anderen, daher lieber ihn gleich umbringen: Angst und Argwohn, jeder verdächtigt jeden, mit (den genau beschriebenen Foltermethoden) will man „die Wahrheit“ seinem Gegner herausquetschen. Angst, Verrat, Hoffnungslosigkeit sitzen in den Seelen und haben Lebensfreude und Liebe ausgelöscht. Auch als der Krieg vorbei ist, geht das Morden weiter. Da ist der Leser bereits so erschöpft und deprimiert, dass er das Ende des Buches herbeiblättert.

Ist die krasse, detailreiche Beschreibung all der Grausamkeiten wirklich notwendig? Man respektiert, wie genau der Autor recherchiert, in den Archiven des Grauens nachgelesen hat. Das Bild, das er abliefert, gleicht einem Protokoll eines Gefängnisses, eines Lagers. Recherchen sind die eine Sache, daraus ein literarisch gültiges Werk zu machen, die andere. Dass Drago Jancar weiß, wie es literarisch auch anders funktioniert, zeigte er ja in dem Roman „Die Nacht, als ich sie sah“.

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Nino Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka)

Frankfurter Verlagsanstalt

Georgien war lange von der literarischen und politischen Landkarte ausradiert. Seit es aber 2018 als Gast zur Frankfurter Buchmesse eingeladen war, staunten Verlage und Leser nicht schlecht über die Fülle an Literatur, die da im Abseits gediehen war. Georgien war durch Jahrhunderte ein Spielball verschiedener Mächte. Um 1900 lebte es unter dem russischen Zaren, dann nach einer kurzen Zeit der Freiheit wieder unter der russischen Macht. 1991 konnte es sich nicht wirklich von den verkrusteten politischen Strukturen, die Russland dem Land und seinen Menschen einzementiert hatte, freikämpfen. Bürgerkriegsähnliche Zustände verhinderten lange Zeit eine stabile Regierung.

Nino Haratischwili ist 1973 in Tiflis geboren, lebt heute in Hamburg und schreibt auf Deutsch. Ihr fast 1.300 Seiten starker Roman ist ein Gang durch die Geschichte Georgiens. Aber erzählt wird nicht die Geschichte bekannter Namen, sondern von Menschen, die von der „offiziellen Geschichtsschreibung“ ungenannt bleiben. Indem Nino Haratischwili die Geschichte der Familie Jaschi durch sechs Generationen erzählt, gibt sie denen eine Stimme, die in der Diktatur Russlands keine Chance hatten, gehört zu werden. Der Roman ist gleichsam ein Aufbegehren gegen die in Diktaturen üblichen Fälschungen der Tatsachen. Aus demselben Grund überschwemmen zur Zeit auch Familiengeschichten aus der ehemaligen DDR den Markt: Man will die Geschichte aus der privaten Perspektive erzählen und den bisher Ungehörten eine Stimme geben.

Die Icherzählerin bleibt lange ungenannt, im Hintergrund. Nur hin und wieder taucht sie als ein Ich auf. Erst im letzten Drittel des Romans erfährt man ihr persönliches Schicksal. Die Geschichte beginnt mit ihrem Ururgroßvater, der mit einem geheimnisvollen Schokoladenrezept den Reichtum der Familie begründete. Seine Tochter Stasia erbt das Rezept, das sie wiederum nur an eine Frau aus der Familie weitergibt. Der Roman konzentriert sich hauptsächlich auf die Frauen der Familie, die alle sehr eigenwillig und selbstbewusst sind. Als Gegenspieler fungiert Kostja, der eine glänzende Karriere in der russischen Marine macht und sich als Familienoberhaupt geriert. Haratischwili berichtet über Folter, Bestechung, Bespitzelung in der sowjetischen Diktatur. Wie die Menschen entweder von Angst geleitet sich unterordnen oder aufbegehren. Es sind eher die Frauen, wie etwa die Sängerin Kitty, die sich aufbäumen und trotz erlittener Folter stark bleiben und sich ein Leben im Ausland aufbauen. Aber das Trauma, das sie und alle anderen Frauen des Romans erleben, prägt sie und ist unauslöschbar. Vielleicht wird die 13-jährige Brilka als erste dieses Trauma auflösen. Für sie schriebt die Icherzählerin die Geschichte der Familie auf. Offen bleibt, was Brilka mit diesem Wissen machen will. Deshalb endet der Roman mit Leerseiten.

Haratischwili ist eine Erzählerin, die weiß, wie sie ihre Leser durch die 1.300 führen muss, ohne dass diese den Atem und die Lust am Weiterlesen verlieren. Zu Anfang jedes Kapitels listet sie das politische Weltgeschehen, im Besonderen aber die Ereignisse in Georgien in einer kühlen, unpersönlichen Faktensprache auf, um danach auf die Ereignisse der Familie einzugehen. Sofort ändert sie Stil und Temperatur, sie erzählt warm, poetisch, manchmal zu poetisch von den Frauen, ihren Versuchen, sich vom Trauma der Geschehnisse freizukämpfen.

Achtung – es droht Suchtgefahr! Man stürzt in das Geschehen hinein, kann nur mit Mühe aufhören zu lesen! Am besten, man gönnt sich einige Urlaubstage, um ungestört in das Leben dieser starken Frauen eintauchen zu können.

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Christoph W.Bauer: Niemandskinder. Haymon- Verlag

Bücher über Kriege, Nachkriegszeiten und Terror überschwemmen den Markt. Da fällt der Roman von Christoph W. Bauer zunächst positiv auf. Er „erzählt“ von den Niemandskindern, die als Väter französische Soldaten hatten und von den Einheimischen mit Verachtung gestraft und mit Böswilligkeiten verfolgt wurden- Ein Thema, das hochaktuell ist. Viele – jetzt längst schon Erwachsene – suchen heute per Internet oder Fernsehen ihre Erzeuger.

Chrisoph W. Bauer kann sich nicht entschließen, ob er das Thema als Historiker oder als Schriftsteller behandeln soll. Er macht es sich und dem Leser nicht leicht, switcht zwischen Zeiten, Orten und Personen, dass man ihm kaum und nur ungern folgt. Die „Handlung“ – soweit nacherzählbar:

Der Icherzähler ist in Tirol aufgewachsen, entflieht dem engen und stockbürgerlichen Innsbruck, lebt in Paris, erlebt eine intensive Liebe mit einer jungen Frau, die wahrscheinlich – so genau wissen er und der Leser es nicht – marokkanische Wurzeln hat. Sie genießen ihr Leben in der Banlieue von Paris. Leben von dem wenigen Geld, das sie verdient. Er redet nur – von einem Roman, den er schreiben wird, aber nie beginnt. Dann zerbröselt die Beziehung. Man bekommt mit, dass der Icherzähler Karriere an der Uni in Innsbruck macht. Ihm fällt ein Foto in einem Zeitungsartikel von Marianne, einer ehemaligen Freundin aus Kindheitstagen, in die Hände. Sie sei seit Jahren spurlos verschwunden. Er macht sich auf die Suche. Sucht zugleich auch nach seiner ehemaligen Paris-Geliebten. Nun wird die Geschichte immer wirrer. Marokkanische Soldaten als Zeugungsväter kommen ins Spiel. Alles sehr unklar. Man liest das Buch zu Ende, weil man wissen möchte, was unter dem Strich herauskommt. Und ist verärgert, weil ein wichtiges Thema vergeigt wurde. Besatzungskinder und deren Mütter hätten entweder eine reine Dokumentation oder einen Roman auf Basis klarer Strukturen verdient.

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Gianrico Carofiglio: Drei Uhr morgens.

Folio Verlag. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull

„Wann hattest du deinen ersten Sex, Vater“ fragt der knapp 18-jährige Antonio seinen Vater.

Antonio war Epileptiker und muss auf Anraten des behandelnden Arztes einen Stresstest machen: Er soll zwei Tage und zwei Nächte ohne Schlaf verbringen. Sollte er in dieser Zeit keinen Anfall bekommen, dürfe er sich als geheilt betrachten. Ausgerechnet in Marseille muss Antonio, begleitet von seinem Vater, diese Zeit durchstehen. Marseille in den frühen 80er Jahren ist nicht gerade eine sichere Stadt, schon gar keine Touristenstadt. Dennoch marschieren Vater und Sohn angstfrei durch die Tage und die Nächte. Dabei kommen sie sich näher, stellen Fragen, die sie im normalen Alltag nicht gestellt hätten. Bis zu diesem Zeitpunkt hat ja Antonio seinen Vater nur als Abwesenden erfahren. Nun sind beide offen füreinander. Die forcierte Wachheit macht beide wach für das Gegenüber und auch wach gegenüber Fremden. Sie lernen Menschen kennen, die sie niemals sonst angesprochen hätten. Dass sein Vater außer ein genialer Mathematiker auch ein ausgezeichneter Jazzpianist ist, erfährt Antonio in einer Jazzspelunke. Er ist stolz auf seinen Vater. Zwischen den beiden entsteht Vertrauen und Vertrautheit, was für beide ein beglückendes, neues Erlebnis ist. Am Ende dieser intensiven Zeit erfährt Antonio, dass er sich als geheilt betrachten kann. Beide kehren zurück nach Paris. Wenige Monate später stirbt der Vater. Beide hatten gedacht, sie hätten noch viel Zeit, um weiterzureden.

In einer klaren, unaufgeregten Sprache schildert Carofiglio diese intensive Begegnung von Vater und Sohn. Langsam und behutsam führt er die beiden zueinander, ganz ohne emotionalen Kitsch, dennoch tief berührend.

Gianrico Carofiglio, geboren 1961 in Bari, seit 2007 Antimafiastaatsanwalt, ist ein großartiger Erzähler. Von der ersten Zeile an folgt man dieser fein gewebten Seelen-Textur, die er vor dem Leser ausbreitet.

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Drago Jancar: Die Nacht, als ich sie sah. Szenische Lesung. Akademietheater.

Es lasen: Der Major: Michael Maertens, Die Mutter: Barbara Petritsch Der deutsche Arzt: Roland Koch, Die Haushälterin: Katharina Pichler, Der Partisan: Branko Samarovski

Bearbeitung und Szenische Einrichtung: Patrick Steinwidder

Drago Jancar zählt zu den wichtigsten Schriftstellern Sloweniens. Sein Roman „Die Nacht, als ich sie sah“ ist ein packendes Dokument, geschrieben nach einer wahren Begebenheit. Im Jahre 1944 werden Ksenja Hribar, Vorbild für die Protagonistin Veronika, und ihr Mann Rado aus der Burg Strmol von Partisanen entführt. Ihre sterblichen Überreste wurden erst 2015 im nahen Wald gefunden. Dem Autor gelingt es, mit diesem Roman ein Bild des damaligen Jugoslawien in all seiner Zerrissenheit zu entwerfen: Da gab es noch die königstreuen, serbischen Soldaten, die deutsche Besatzung, die Tito-Partisanen und mitten drin die Bevölkerung, die von allen Seiten aufgerieben wurde. Jede Partei hatte ihre Sicht auf das Leben, auf den Wert des Lebens. Veronika und ihr Mann wollen keine politischen Schranken akzeptieren. In ihrer Burg gibt es das Wort Krieg nicht. Man lädt Pianisten, deutsche Ärzte und Schriftsteller ein. Man beschäftigt Leute aus dem Dorf und bezahlt sie gut. Veronika holt sogar einen ihrer Leute aus dem Gefängnis, gerade den, der sie dann an die Partisanen verraten und sich an der Ermordung beteiligen wird .

Ein Roman, der subtil und unaufdringlich das wirre Geschehen der Jahre 1944 und später entwirrt, ohne Schuldzuweisungen. Steinwidder und den Schauspielern gelang das Kunststück, dieses feingesponnene Werk in der kurzen Zeit der Lesung griffig und berührend an das Publikum heranzutragen. Dass eine Lesung den Roman nicht ersetzen kann, ist eine bekannte Tatsache. Mein Rat: unbedingt lesen!

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Elisabeth R. Hager: Fünf Tage im Mai. Klett-Cotta

Die Groß- und Urgroßeltern behaupten sich in der Literatur. Es sind besonders die Autorinnen, die sich um das Thema der alten/älteren Generation annehmen. In Renate Welsh, Die Schuhe der Großmutter und in Dacia Maraini, Drei Frauen sind es die Großmütter, die die aufmüpfige Jugend verstehen. Und umgekehrt, die rebellische Jugend versteht die „Uralten“ besser als die „Alten“ – sprich „Eltern“. Logisch, denn Großeltern haben die Freiheit, über die Rebellion der Jungen zu lächeln. Meist nicken sie verständnisvoll. Erziehen müssen und wollen sie nicht mehr. Das überlassen sie der mittleren Generation.

Auffallend ist, dass in all diesen Romanen der Stil nüchtern ist. Fast peinlich darauf bedacht, nicht in Kitschverklärung zu verfallen, wählen alle drei Autorinnen – auch Elisabeth Hager – eine schlichte Sprache mit hohem Poesiewert.

Hager beginnt ihre Erzählung am 8. Mai 1986. Illy soll zur Kommunion. Doch das Kleid zwickt, sie bekommt keine Luft, rennt aus der Kirche und verpasst die Kommunion. Draußen wartet ihr geliebter Urgroßvater Tat`ka. Als Ersatz für die Hostie steckt er ihr ein Pocket Coffee in den Mund – und die WElt ist wieder in Ordnung. Zehn Jahre später gerät sie in Gefahr, sie könnte auf die schiefe Bahn geraten. Tat’ka holt sie da raus. Wieder zehn Jahre später ist es Tat’ka, der ihre Liebe zu Tristan versteht. Dieser Tat’ka ist ein weiser Alter, lehrt sie das Leben verstehen. Unter anderem bringt er ihr auch den Sinn seines geliebten Handwerkes bei. Nach seinem Tod (100!) übernimmt Illy die Fassbinderei.

Eine innige Geschichte aus St. Johann in Tirol, wo die Autorin ihre Kindheit verbrachte. Jedes Wort sitzt an seinem Platz. Es wird nicht zu viel und nicht zu wenig geredet.

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David Österle: „Freunde sind wir ja eigentlich nicht“. Kremayr-Scheriau Verlag.

Untertitel: Hofmannsthal, Schnitzler und das Junge Wien.

Im ersten Teil beschreibt- nein, zählt der Autor wie ein eifriger Schüler auf, welche Dichter in den frühen Tagen um 1890 sich in welchen Kaffeehäusern zusammenfanden. Welche Leserschaft er hier ansprechen möchte, ist wohl die Frage: Denn alle, die mit der Literatur rund um die Jahrhundertwende nur ein wenig vertraut sind, fadisieren sich bei diesem Name-dropping. Wer über diese Zeit erste, grundlegende Informationen bekommen möchte, ist am falschen Lesedampfer. Überfordert von so vielen Namen ohne Konturen wird er das Buch weglegen.

Ab der Mitte wird das Werk konkreter. Österle schildert mit deutlicher Ironie, mit welch eitler Hingabe die Autoren sich selbst analysieren, vor den anderen brillieren wollen, Erfolge neiden. Kurz – es menschelt. Bis in tiefst persönliche Erlebnisse werden für die Literatur ausgeschlachtet. Schnitzler ist da besonders skrupellos: Ob er den Tod eines Kindes, Ehekrisen oder neue, junge Geliebte zu Novellenfutter ausschlachtet – Skrupel hat er keine.Hofmannsthal, Beer-Hofmann und alle anderen auch betreiben einen Kult der Schönheit, der schlicht und einfach dekadent genannt werden darf. Kämpfe der Arbeiterpartei, die pure Not in den Massenunterkünften Wiens kümmern keinen. Sie haben ja ihre Refugien in Wien und anderswo. Wie verschwommen die Wirklichkeit sich ihnen darstellt, zeigt Klimt in der Reihe der „Fakultätsbilder“ mit der Darstellung der Philosophie: Die Göttin, die Weisheit, Klarheit schaffen soll, schwebt in einem verschmurgelten Rauch von Gesichtern und Leibern in die Höhe. Wirklichkeit bleib uns ferne – so mag wohl das Credo dieser Künstlergeneration um 1900 gelautet haben.

Schade, dass David Österle diesen kritischen Faden nur hin und wieder aufleuchten lässt. Da wäre das Buch um einiges spannender geworden.

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Gerhard Roth, Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier. S. Fischer

Es hat schon Tradition, in Venedig sterben zu wollen. Thomas Mann hat den „Tod in Venedig“ in höchste literarische Form gegossen. Seither wird das Klischee der morbiden Stadt immer wieder bemüht. Leider ist Venedig ja selbst zum Sterben verurteilt. Warum schreibt eigentlich kein Autor einen Text über den Tod Venedigs?

Gerhard Roth zeichnet seinen Protagonisten Emil Lanz als müden Typen. Als Lebensmüden. Seine ewig gleichen Wege am Lido mag er nicht mehr gehen. Verständlich, denn am Lido reizt nichts die Phantasie an und erfrischt nichts das Denken: Ein Strand, voll mit Schirmen, Menschen in Liegestühlen, horrible Betonkonstruktionen aus den 60er Jahren, deren Zweck sich nicht mehr erschließt , und seit Jahren geschlossene Nobelhotels. Lanz beschließt zu sterben. Aber nicht auf dem Lido – der ist ihm als Sterbeort doch zu banal. Er fährt nach Torcello, ein Kleinod unter den Inseln, wenn nicht gerade Touristenhorden darüber trampeln. In der Basilica Santa Maria Assunta betrachtet er noch einmal das Goldmosaik über das „Jüngste Gericht“. Die Teufel sind aktiv…Er beschließt, sich einen ruhigen, stilvollen Platz zum Sterben auszusuchen. Die Pistole ist in seiner Jacke wohl verwahrt. Doch leider schläft er sturzbetrunken ein, bevor er sich erschießen kann. – Gerhard Roths Humor ist wahrhaftig teuflisch!

Als Lanz erwacht, wird er Zeuge eines Mordes und weiß nicht so recht, ob er noch lebt oder sich schon ins Jenseits befördert hat. Dieses Gefühl der Unsicherheit, des Schwebens zwischen Realität und eventuellem Jenseits verlässt ihn nun nicht mehr – auch den Leser nicht, der in gleicher Weise wie der Protagonist verwirrt durch Venedig schwankt. Sterben will Lanz nun nicht mehr. Der Schock über den miterlebten Mord hat ihm das Leben wieder lebenswerter gemacht. Tod und Leben sind Nahkampferfahrungen. Weiter geht es nicht in Donna Leon -Manier. Denn die Aufklärung des Mordes verdünnt sich immer wieder im Strudel der sich verzweigenden Erzählstränge, wird unwichtig, um irgendwann später wieder aufgenommen zu werden. Der Roman mäandert zwischen den Gassen und Kanälen, zwischen geheimnisvollen Figuren, die aus Shakespeares „Sturm“ entlehnt sein könnten, hin und her. Ab da empfiehlt es sich, in kleinen Dosen zu lesen. Denn lange hält man die ausufernden, oft auch ermüdenden Exkursionen in Metaphysik, in unbekannte Sphären der Literatur nicht aus. Tröstlich ist der Schluss: Lanz bekommt von seinem geheimnisvollen Gönner, der ähnlich wie Prospero im Sturm die Fäden des Geschehens lenkt, den ehrenvollen Auftrag, den ganzen Shakespeare zu übersetzten. Und da schließt sich auch der Titel des Romans auf, der ein Zitat aus dem Drama „Der Sturm“ ist. Glücklich macht sich Lanz ans Werk.

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Marco Bolzano: Das Leben wartet nicht. Diogenes Verlag

Aus dem Italienischen von Maja Pflug

Dem Verlag gilt mein Dank, dass er dieses großartige Buch im deutschsprachigen Raum erscheinen ließ! Wer sich für den Süden Italiens, die Auswanderungswelle vom Süden in den Norden, insbesondere nach Mailand in den 1960er Jahren, interessiert, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Wer sich nicht dafür interessiert, sollte es erst recht lesen. Denn Marco Bolzano kann erzählen, dass einem beim Lesen Herz und Hirn aufgehen! Ein weiteres Lob gilt Maja Pflug, die diese schlichte, aber hoch qualifizierte Sprache, die nie artifiziell wird, aber sehr poetisch ist, eins zu eins perfekt ins Deutsche übersetzt hat.

Ninetto ist ein Knirps, der seine Kindheit in Sizilien verbringt, immer schon sehr kritisch denkt und sich in den ärmlichen Verhältnissen gut zurecht findet.. Sein großes Vorbild ist der Lehrer Vincenzo, der ihm die Liebe zu Gedichten beibringt und die Welt erklärt, soweit er sie selbst versteht. Als die Mutter mit einer schweren, unheilbaren Krankheit ins Altersheim eingeliefert wird, ohne Chance auf Besserung, und der Vater trinkt und das Geld verspielt, entschließt sich Ninetto mit einem ziemlich fiesen Typen nach Mailand auszuwandern, um Arbeit zu finden. Dort angekommen muss er feststellen, dass er für jede Art von Arbeit noch zu klein und zu jung ist. Aber er beißt sich durch, auch wenn er ausgenützt und ausgebeutet wird. Als er 15 ist, verliebt er sich in Maddalena, die aus Calabrien stammt. Weil sie heiraten wollen, aber vom Vater des Mädchens keine Erlaubnis bekommen, brennen sie durch. In Ninettos Heimatdorf erhalten sie eine Art „Blitztrauung“. Zurück nach Milano schuftet sich Ninetto die Seele aus dem Leib, um seiner heiß geliebten Maddalena und später seiner Tochter ein einigermaßen schönes Leben zu bieten. Was ihm auch gelingt, aber unter welchen Bedingungen! Er „verkauft“ sich als Fließbandarbeiter an die Alfa-Romeowerke – für ihn die reinste Hölle. Die nächste Hölle erwartet ihm in Gefängnis – er büßt eine jahrelange Strafe ab und kommt als fast gebrochener alter Mann heraus.

Mehr sei über den Inhalt nicht verraten. Bolzano ist ein begnadeter Erzähler, weiß, wie er Spannung erzeugt und dabei auch kluge Lebensphilosophie einflicht. Wie Perlen fügt er Satz an Satz, jeder einzelne eine Kostbarkeit, die sich gerade in der überzeugenden Schlichtheit und Echtheit, wie Ninetto die Welt erlebt und reflektiert, manifestiert. Im Nachwort schreibt Bolzano, der selbst in Mailand lebt und unterrichtet, dass er für dieses Buch viele aus dem Süden Italiens Ausgewanderte interviewt und lange Gespräche mit ihnen geführt hat. Dadurch wirken alle Figuren sprachlich und inhaltlich sehr authentisch. Ninetto durchlebt gleichsam als Leit- und Symbolfigur die Hoffnungslosigkeit und das Ausgeliefertsein der Zeit von 1960 bis knapp nach 2000, den vergeblichen Kampf der Arbeiter für mehr Rechte. die neue Einwanderungswelle der Chinesen, den Niedergang vieler Fabriken. Das Ende des industriellen Aufschwungs und das Herannahen des digitalen Zeitalters sind erahnbar.

Unbedingt lesen!!!

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Andrea De Carlo: Das wilde Herz. Diogenes

Aus dem Italienischen von Petra Kaiser und Maja Pflug

Er hat es wieder einmal geschafft! Andrea De Carlo fesselt seine Leser von der ersten bis zur letzten Seite. Das Thema ist so alt wie auch klischeeverdächtig: Mara Abbiati ist eine temperamentvolle junge Bildhauerin, Italienerin. Craig Nolan ein etwas in die Jahre gekommener, aber weltberühmter Anthropologe. Engländer durch und durch. Seit sieben Jahren führen sie eine Ehe, die bereits einem eintönigen Rhythmus folgt: Die Winter verbringen sie in England. Ein paar Sommerwochen in einem gottverlassenen Dorf in den Bergen von Ligurien. In einem ziemlich ramponierten Haus, in das sich Mara in ihrer Jugend verliebt hatte. So weit der Klischeerahmen. Aber De Carlo weiß mit diesem Klischee virtuos zu spielen, zerlegt es, kaut es wieder und spuckt es verächtlich aus.

Ein heißer Sommer. Craig will kaputte Dachziegel reparieren und stürzt ein. Die Verletzungen sind nicht lebensgefährlich, aber gehhinderlich. Wie vom Himmel gefallen braust ein Supertyp (Pferdeschwanz, Tätowierungen, Muskeln überall) auf einem Supermotorrad an und bietet sich an, mit seiner Truppe um eine erstaunlich geringe Summe das Dach in wenigen Tagen zu reparieren. Klar, was kommt: Der temperamentvollen Mara, die sich schon lange mit ihrem faden Ehemann langweilt, gefällt dieser Ivo, von dem sie nichts weiß, nicht woher er kommt, woher er das Spitzenbaumaterial und die Schwarzarbeiter hat. Für Craig ist das alles ein Dauerärgernis. Er soll seine nächste Fernsehsendung vorbereiten, Artikel schreiben – aber immer wieder gehen ihm dieser Ivo und Maja durch den Kopf. Und dann brausen die beiden auch noch für einen Nachmittag ab…Mehr sei hier nicht verraten.

Stilistisch zieht sich De Carlo großartig aus der Klischeeschlinge. Seitenweise, ohne den Leser zu fadisieren, lässt er Craig menschliches Verhalten analysieren und wissenschaftliche Erklärungen für das Unverstehbare zu finden. Da steckt eine gehörige Portion Ironie und Angriff gegen verknöcherte Wissenschaft, die am Leben vorbei geht, darin! Die Geschichte zwischen Mara und Ivo lässt der Autor geschickt bis zum Schluss in der Schwebe, immer wieder unterbrochen von den einsamen Gedanken Maras und den wirren Überlegungen Ivos. So ganz nebenbei liefert De Carlo noch eine köstliche Analyse vom Leben in dem abgelegenen Dorf, von den vergeblichen Versuchen des „Fremden“, sich in dieser für ihn öden und leeren Umgebung zu beheimaten.

Unbedingt lesen!!

Aus dem Französischem von Amelie Thoma

Gut, dass ich Slimanis Roman: „Dann schlaf auch du“ zuerst las. Sonst wüsste ich nicht, wie gut diese Autorin schreiben kann. Denn der war spannend, flott geschrieben und lieferte eine gehörige Portion Gesellschaftskritik ohne moralischen Zeigefinger. Für ihn bekam die Autorin den Prix Goncourt.

Daraufhin war ich auf den anderen Roman neugierig. Über ihn urteilten die Kritiker- wie auf der Rückseite des Covers zu lesen ist: „Slimani schrieb eine „moderne Madame Bovary“ „, sie sei „die neue Stimme der französischen Literatur“ und gar auch: „Furchtlos zieht Slimani den Vorhang auf und zeigt, was in Frauen im Stillen vor sich geht.“

Was in Adèle – der Portagonistin – vor sich geht, ist: Langeweile, Sexsucht und sonst nichts. Die Langeweile überträgt sich schnell auf den Leser. Nach der sechsten, siebten Sexszene, noch dazu ziemlich vordergründig auf Voyeurismus der Leser zielend geschrieben, beginnt man die Seiten zu überblättern. Was das Ende des Interesses bedeutet.

Adèle gehört der oberen Mittelschicht an. Ihr Mann ist Chirurg, sie haben einen sechsjährigen Sohn. Beide sind für Adèle ein Born der Langeweile. Spannend wird es erst, als ihr Mann auf ihre Sexabenteuer draufkommt und sie kurzerhand aufs Land in eine Villa verfrachtet. Dort soll sie nun die brave Hausfrau und Mutter spielen. Und – Überraschung – sie tut es. Das ist alles.

Raffaella Romagnolo: Bella Ciao. Diogenes Verlag

Aus dem Italienischen von Maja Pflug

Wieder einer der vielen Romane , die Familiengeschichten mit historischem Hintergrund -meist Kriegen – verbinden. Romane dieser Strickart überschwemmen seit einiger Zeit den Markt: Familiengeschichten – oft von Urgroßeltern an bis in die Gegenwart reichend-, eng verknüpft mit der Aufarbeitung historischer Ereignisse, die äußerst akribisch recherchiert wurden. Mit großer Detailliebe, um nicht zu sagen Detailverliebtheit, werden Grausamkeiten und politische Intrigen geschildert, und die eigentliche Geschichte der Familie bleibt dabei oft auf der Strecke oder verstrickt sich und mäandert durch den Roman, ohne Fuß zu fassen. Im jüngst veröffentlichten Roman „Alle, außer mir“ verknüpft etwa Francesca Melandri die Geschichte des italienischen Kolonialismus in Äthiopien mit der jüngsten Vergangenheit rund um Berlusconi mit einer ziemlich verwirrenden Familiengeschichte. Weitaus besser, um nicht zu sagen genial, gelang es ihr hingegen in ihrem Roman „Eva schläft“, die Geschichte Südtirols am Beispiel einer Mutter-Tochter -Vater Beziehung aufzurollen. Gelungen ist ihr das deshalb so gut , weil sie sich in der Anzahl der handelnden Personen auf einige wenige beschränkte und der Leser problemlos beide Stränge – Historie und Familie -gut verknüpfen kann.

Romane, die die lange Ahnentafel zum besseren Verständnis des Lesers im Vor- oder Nachwort anführen, lassen auf ein mühsames Hin- und Herblättern schließen. Wenn es dem Autor nicht gelingt, einzelne Charaktere klar herauszuarbeiten und der Leser immer wieder nachschlagen muss, von wem gerade die Rede ist, dann wird die Lektüre mühevoll.

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Wer ist wer? Und wer lebt noch?

Romagnolo erzählt in ihrem Roman „Bella Ciao“ über die schwierigen politischen Zeiten Italiens in den beiden Weltkriegen. In dem kleinen Dorf Borgo di Dentro, irgendwo in den Bergen im Piemont, erleben die Familien alle politischen Stürme, die da waren: Die Zeit der „mezzadria“, im Roman als „Halbpächter“ bezeichnet. Die mezzadri mussten den Adeligen die Hälfte der Ernte abliefern und waren der Willkür der Pächter ausgesetzt. Die Ausbeutung der Arbeiter und Arbeiterinnen in der Seidenweberei und ihr vergeblicher Kampf um bessere Löhne, dann der erste Weltkrieg und der Kampf der Italiener gegen die Österreicher, die Zeit des aufkommenden Faschismus, der Untergrundkampf der Sozialisten, Kommunisten und der Partisanen gegen Faschisten und die deutsche Besatzung. Es sterben Väter, Söhne, Frauen werden vergewaltigt, Unwetter verheeren die Ernten, Hungersnot und Leid sind Alltag.

Auch für diesen Roman gilt: Weniger wäre mehr! Die Zahl der Personen verwirrt. Nur einige wenige bekommen genug Zeit und Seiten zugestanden, um das Interesse des Lesers für diese Figur wach zu halten. Zu schnell dreht sich das Rad der Erzählung von einer Zeit in die andere, vor und zurück und gleich wieder vor. Die Schilderungen der Gräueltaten nehmen viel zu viele Seiten ein. Man beginnt zu überblättern. Und das ist das schlimmste Urteil, das man über ein Buch fällen kann. Schade, denn das Thema wäre interessant.

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Bernd Polster, Walter Gropius. Der Architekt seines Ruhmes. Hanser Verlag 2019.

Skandal, dieser Autor demontiert einen der größten Architekten des 20. Jahrhunderts! Er recherchiert nicht, sondern schlüpft in eine fragwürdige Erzählerrolle! Solches und Ähnliches liest man in den Rezensionen. Derartig empörte Aufschreie kommen gewöhnlich, wenn ein Heros aus Kultur, Politik oder Sport vom Sockel gestoßen wird. So war es auch bei Bert Brecht, als bekannt wurde, welch großen schöpferischen Anteil die Frauen rund um ihn bei der Entstehung seiner Werke spielten.

Mangel an Respekt, unzulängliche Dokumentation und kindische Häme wirft man Bernd Polster vor. Um das Bild von Walter Gropius zu rehabilitieren, demontiert man zu aller erst den Autor.

Und ich? – Ich gestehe, ich habe diese Biografie genossen, von der ersten bis zur letzten Seite! Aber ich gestehe auch, dass ich keine anderen Werke über Walter Gropius zum Vergleich gelesen habe. Und ich gestehe, dass ich mit einem gewissen Voyeurismus und einer durchaus mir eingestandenen Schadenfreude diese Enthüllungen las und mir dabei vorkam, als säße ich beim Friseur und genieße die Lektüre von „Gala“ und ähnlichen Tratschblättern.

Was ist dran an den Enthüllungen?

Wieviel kann man glauben, wieviel ist beweisbar? Ehrlich gesagt, das kann ich nicht verifizieren. Blättert man aber den fast hundertseitigen Anhang mit Literaturhinweisen, Zitaten und genauem Personenverzeichnis durch, dann kann man davon ausgehen, dass Bernd Polster verantwortungsvoll genug geforscht hat und seine Erkenntnisse Hand und Fuß haben.

Dass Walter Gropius sein Architekturstudium frühzeitig abgebrochen hatte, ist allgemein bekannt. Dass er trotzdem die Urheberschaft für viele Gebäude erhob, ist ein schwerwiegender Vorwurf. Geschickt holte er namhafte Architekten, wie Meyer, Fieger, Fischer und viele andere ins Boot und ließ sie unter dem Namen seines Büros für sich arbeiten- so Bernd Polster. Nun, das soll ja bis heute Usus sein, hört man aus Architektenkreisen. Dass er aber von sich behauptete: „Das Bauhaus bin ich“ ,zeugt von übergroßem Selbstbewusstsein, das die Mitarbeit aller anderen – und das sind sehr viele -bewusst ausblendet.

Dass Walter Gropius mit einigen Größen der Naziära befreundet war, die ihm sogar Empfehlungsschreiben nach England mitgaben, ist vielleicht weniger bekannt. Als er 1962 in Cambridge das TAC (The Architects Collaborative) gründete, ließ er ebenso wie beim Bauhaus junge Architekten für sich arbeiten, ohne deren Urheberschaft zu nennen. So wird das Rosenthal-Service, das die Keramikerin Katherine de Souza entwarf, noch immer unter dem Namen „Gopius-Sevice“ angeboten.

Zahlreich sind die Vorwürfe, die Bernd Polster erhebt. Was in dem an sich gut geschriebenen und leicht lesbaren Werk stört, sind die Beurteilungen und Beobachtungen eines auktorialen Erzählers, die eher in einen Roman als in eine Biografie mit wissenschaftlichem Anspruch passen. So spricht Bernd Polster immer wieder von „Glücksfeen“, mit denen Gropius ein Geheimabkommen getroffen haben muss. Anders seien die vielen Karriereschübe, die weniger auf Können als auf Protektion zurückzuführen seien, nicht erklärbar.

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Hajo Düchting, Wie erkenne ich Bauhaus? belser Verlag, 2. Auflage 2019

Wer sich für die Geschichte des Bauhauses und seine Werke interessiert und grundsätzliche Informationen braucht, dem hilft das Buch rasch weiter. Hajo Düchtings Verdienst ist es, die Erkennungsmerkmale der Bauhauswerke klar, übersichtlich und für jedermann verständlich herausgearbeitet zu haben. In den drei Hauptkapiteln „Malerei“, „Skulptur und angewandte Kunst“ und „Architektur“ geben Fotos und knappe Erklärungen einen guten und raschen Überblick. Bei der Zuordnung der Bauten geht Düchting jedoch nicht auf die jüngst ausgebrochene Diskussion um seinen Gründer Walter Gropius ein. Seit Bernd Polzer seine Gropius-Biografie veröffentlichte (siehe auch meinen Beitrag im Blog dazu), ist nichts mehr so, wie es früher war. Was Gropius wirklich eigenständig gebaut hat, müsste neue bewertet werden. Aber solche Fragen aufzuwerfen, wäre mit einem Überblickswerk nicht kompatibel, weil es den Rahmen sprengen würde.

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Andreas Hillger, gläserne zeit. Osburg Verlag

Ein Bauhaus-Roman

Geschickt verknüpft der Autor eine Beziehungsgeschichte mit dem Geschehen rund um das Bauhaus, als es in Dessau in den Jahren von 1925-1932 seine Zelte aufschlug. Walter Gropius hat mit seinen Meistern und Alumni (Lehrern und Studenten) Weimar verlassen und die Einladung der Junkersbetriebe, nach Dessau zu kommen, angenommen. Clara Cohn, Tochter aus gut bürgerlichem Hause, studiert an der Bauhaus -Schule. Bei einer öffentlichen Bauhaus- Veranstaltung posiert sie als nacktes Aktmodell, was ihr den Unmut des Vaters zuzieht. Er bricht jeden Kontakt zu ihr ab.Die Kluft zwischen Bürgertum und Bauhaus, wie sie schon in Weimar aufgebrochen war, tut sich auch hier auf. Clara lebt genau dazwischen. Dazu kommt noch Liebeskummer. Sie kann sich nicht zwischen dem besonnenen Lukas und dem draufgängerischen Carl – beides Bauhausstudenten – entscheiden.

In diese Beziehungsgeschichte flicht der Autor geschickt das Geschehen und die Probleme rund um das Bauhaus ein, charakterisiert den Machtmenschen Gropius, der sich inzwischen „Pius“ nennen lässt und auch so agiert. „Pius ist ein Fähnlein im Wind, das sich mal den Künstlern, mal den Ingenieuren zuwendet.“ (S 95) Er entlässt der Reihe nach die Meister, wenn sie mit seinen Entscheidungen nicht einverstanden sind. Mit dieser Kritik an Walter Gropius steht Andreas Hillger nicht allein da. Die jüngst erschienene Biographie von Bernd Polster „Walter Gropius“ (Hanser Verlag) richtet das Bild dieses allseits verehrten Mannes, der von sich sagte: Das Bauhaus bin ich, zurecht.

Wie in anderen belletristisch aufgebauten Büchern rund um das Bauhaus ist es auch für dieses Buch empfehlenswert, sich über die wichtigsten Künstler im Bauhaus vorab zu informieren.Sonst gehen einige feine Anspielungen ins Leere.

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Rechtzeitig zur Hundertjahrfeier des Bauhauses erschien dieser Debütroman des Psychotherapeuten Tom Saller. Geschickt verarbeitet er Fiktives mit realen Fakten rund um das Geschehen der Bauhaus-Bewegung. Teilweise verwertet er Erlebnisse seiner eigenen Großmutter Hedwig Saller und lässt sie in die erfundene Figur der Tänzerin Martha einfließen.

Martha Wetzlaff wird 1900 in Pommern geboren. Früh schon manifestiert sich die Begabung, Musik in geometrische Formen umzusetzen und diese tänzerisch darzustellen. Sie studiert in Weimar unter Oskar Schlemmer Tanz und bricht alte Tanzformen und -Traditionen durch ihre ungewöhnliche Interpretation auf. Das „Triadische Ballett“ entsteht. Als sich in Weimar die Deutschnationalen breit machen, kehrt Martha mit dem Kind einer Freundin, das sie als eigenes ausgibt, in ihr Heimatdorf zurück und gründet dort eine Tanzschule. Im 2. Weltkrieg flieht sie mit diesem Mädchen in die Staaten. Doch die beiden verlieren einander auf der Flucht und jede hält die andere für tot. Durch das nach Jahren wieder entdeckte Tagebuch Marthas kommt die Wahrheit ans Licht: Beide haben überlebt, ohne einander je wieder zu begegnen-

Interessantes Sujet – allerdings mit einigen Schwierigkeiten: Für den Leser ist nicht immer klar, welche Figur nun fiktiv und welche erfunden ist. So wäre es gut, sich vor der Lektüre über die wichtigsten Personen, die zum Bauhaus zählten, zu informieren. Positiv ist jedoch, dass man einen guten Einblick in den Alltag der Bauhaus-Meister und Alumni in Weimar bekommt.

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Wer wie ich eine regelmäßige und begeisterte Besucherin des Volkstheaters unter Werner und Schottenberg war, der ist sicher neugierig auf dieses Buch. Gleich zu Beginn musste ich mich daran gewöhnen, dass die Autorin von sich in der dritten Person spricht und sich als E. bezeichnet. Der Sinn dieser distanzierten Betrachtung auf die eigene Person wurde mir bis zum Ende des Buches nicht als zwingend notwendiges Stilmittel klar. Manchmal – besonders in der Mitte, wenn Emmy Werner über E. als Theatermacherin der Drachengasse und als Direktorin des Volkstheaters spricht- meinte ich, sie erzählt von einer anderen Person.

Die Kindheit

Obwohl E. ihre Kindheit während des Krieges und in der Nachkriegszeit verbringt, ist sie ein glückliches Kind. Von Mutter und dem älteren Bruder behütet, ohne bewacht zu werden, kann sie ihre Phantasie entfalten. Die Erinnerungen an Bomben sind bleibend, aber nicht traumatisierend. Ihr Verhältnis zum Vater, der spät erst aus dem Krieg zurückkehrt, ist sehr innig. Die ganze Familie ist „opern- und theaternarrisch“. E. beglückt Eltern und Freunde mit von ihr selbst ausgedachten Theaterstücken, streift durch die Umgebung und entdeckt ihre Liebe zu den Möwen, die am Donaukanal kreischend ihre Flugkreise ziehen. Die Zeilen aus dem Gedicht von Morgenstern: „Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen“, deutet sie für sich als gutes Omen und sie sind dann auch titelgebend für ihre Lebenserinnerungen. Ich schmunzelte über so manche Parallelen, die ich selbst auch in meinem Erinnerungskasterl gespeichert habe. Etwa die unerfreuliche Tanzschule, die Freude über Pakete aus dem Ausland, die Ferien auf dem Bauernhof…

Die Liebe zum Theater

E. will Schauspielerin werden, verfehlt ganz knapp die Aufnahmsprüfung am Reinhardtseminar, nimmt Privatunterricht und erhält da und dort kleine Rollen, vor allem am Theater der Jugend. Sie verliebt sich, wird schwanger und heiratet ganz jung. Ihren Ehemann und Sohn erwähnt sie nie namentlich. Man muss es einfach wissen oder googeln: Ehemann und später Ex-Ehemann Georg Lhotzky war Regisseur und drehte unter anderem den Film „Moos auf den Steinen“. Sohn Alexander war Schauspieler. Beide sterben 2016 – das bleibt unbesprochen. E. will über ihren ganz privaten Schmerz nicht reden. Wie sie überhaupt allzu Privates wegblendet. Lieber schreibt sie über ihre Kämpfe und Erfolge bei der Gründung der Drachengasse und ihre Ängste, als Direktorin am Volkstheater Fehler zu machen.

Die Zeit E.’s als Theaterdirektorin wirkt für mich wie eine Aufzählung von Fakten. Nur wenige Namen von Autoren und Schauspielern und Schauspielerinnen werden erwähnt. Da fehlt das erzählerische Fleisch an den nüchternen Knochen. E. begründet diese Erzählhaltung: „…ihr (nämlich E.’s) „Noli me tangere“, ihr Abwehren von allzu viel Nähe war ja evident.“ So lässt die Autorin auch zwischen dem Leser und E. keine wirkliche Nähe aufkommen.

Ihre Leser kann Emmy Werner erst wieder in den Bann ziehen, wenn sie über die Zeit nach dem Theater erzählt, über all die Versuche, das „Leben danach“ sinnvoll zu gestalten. Ab da entsteht zwischen Leser und E. wieder ein empathischer Faden. „Carpe noctem“ ist E.’s Devise – sie nützt die Nacht, um all ihre Lieblingsautoren wieder zu lesen oder neue zu entdecken. Sie spaziert durch ihr geliebtes Wien, entdeckt ihr unbekannte Schönheiten. Sie lernt „genießen zu können“. Der letzte Teil liest sich wie ein amüsanter Ratgeber über das Älterwerden.

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Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler.

Es gibt Bücher, die muss man einfach mögen. Dazu gehört ganz sicher dieser neue Roman „Drei Frauen“ von Dacia Maraini. Seit Maraini Bücher schreibt, kämpft sie für die Rechte der Frauen, ohne das Wort „Emanzipation“ je in den Mund – besser in die Feder – zu nehmen. Zu Zeiten, als in Italien unverheiratete Frauen aus „gutem Haus“ um 21h zu Hause zu sein hatten, wollten sie nicht als leichte Mädchen gelten, schrieb Dacia Maraini für die Freiheit und Selbstbestimmung der Frau. Als man von der Me -too – Bewegung noch Lichtjahre entfernt war, erschien ihr Roman „Die Stumme Herzogin“ (2002) und erregte weltweit Aufsehen, weil er ein Tabuthema aufgriff: Das Opfer der Vergewaltigung, eben die stumme Herzogin, wird mit ihrem Vergewaltiger, einem alten Onkel, sogar noch verheiratet, damit die Schande unter dem Deckel bleibt. Doch das Opfer lernt, dieses Trauma der Vergewaltigung zu überwinden und das Leben selbst bestimmend zu gestalten

Nun also „Drei Frauen“ – eine ganz neue, heitere Dacia Maraini. In einer Art WG leben die 60- jährige Großmutter Gesuina, die ca. 40-jährige Mutter Maria und die 16-jährige Tochter Lori zusammen. Gesuina verkörpert die jugendliche Alte, die sich im Internet junge Adoranten angelt, beim Bäcker jeden Morgen Brot und einen Kuss holt. Ja, eigentlich ist diese Großmutter eine patente Frau, wundert sich über die Kapriolen und Launen der Enkelin, akzeptiert sie aber so, wie sie ist. Lori ist das, was Nestroy eine „Krätzn“ nennen würde: Sie nimmt sich, was ihr gerade in den Sinn kommt, schläft mit einem Mitschüler und verführt Francois, den Geliebten der Mutter. Maria hält den Haushalt aufrecht, putzt, kocht und arbeitet an der Übersetzung von „Madame Bovary“. Sie ist die einzige, die wirklich arbeitet und das nötige Geld verdient. Als Ersatz für ihr eher tristes Dasein schreibt sie an den fernen Geliebten poetische Briefe über ihre Liebe zu ihm. Manchmal gehen die beiden gemeinsam auf Reisen. Als Francois, ein wirklich schöner Mann, Maria besucht, setzt Lori ihn sofort auf ihre Eroberungsliste und verführt ihn. Die Folge: sie ist schwanger von ihm. Er reist ab, ohne davon zu erfahren. Als Lori der Mutter alles gesteht, versucht diese sich umzubringen. Sie kann gerettet werden, aber ob sie je aus dem Koma erwachen wird, ist mehr als fraglich. Gesuina pflegt die im Koma Liegende zu Hause, Lori bekommt einen Sohn.

Die Autorin lässt den Roman mit einem hoffnungsfrohen Lächeln ausgehen. Am Ende haben alle ihre Chance. Sogar Lori.

Dacia Maraini wählt einen jungen, flotten Stil. Sie verlässt die auktoriale Erzählstruktur. Jeder der drei Frauen schreibt sie ein bestimmtes Medium als Erzählform zu: Gesuina ihr Diktiergerät, Lori ihr Tagebuch und Maria die Briefe an Francois. Dass ihre Sympathie letztendlich Gesuina gilt, ist nicht verwunderlich, schon allein wegen des Alters. Diese Frau hat das Leben begriffen: Zupacken, wenn nötig, und sich nicht den Freuden, die das Leben noch immer zu bieten hat, verschließen. Die Jugend in der Gestalt von Lori kommt irgendwie am schlechtesten weg: Sie sieht das Leben wie eine Torte, von der sie für sich das größte und beste Stück beansprucht. Ihre Launen müssen von der Umgebung ignoriert, besser noch: als notwendige Lebensform akzeptiert werden.

Maraini versucht hier nicht, ein so genanntes „typisches“ Generationenbild zu entwerfen, dazu sind die Figuren viel zu differenziert und eigenwillig durchgezeichnet. Der Roman ist ein Möglichkeitsentwurf: So können drei Generationen neben- und dann auch miteinander leben, wenn jede die Freiheit und Existenz der anderen respektiert. Lori gelingt das am aller wenigsten, doch am Ende glimmt ein Funken Hoffnung auf.

www.folioverlag.com

Mechtild Borrmann – mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin – gelingt in diesem Buch Spannung, Familiengeschichten und historische Aufarbeitung exzellent zu vereinen. Geradlinig und ohne schriftstellerische Verrenkungen, wie sie leider immer wieder in der aktuellen deutschsprachigen Literatur Mode sind und oft nicht mehr als das Ego des Schreibers befriedigen, erzählt sie das berührende Schicksal eines 3jährigen Knaben, der am Ende des 2. Weltkrieges in Hamburg mitten in den Trümmern von zwei Kindern gefunden wird. Sie nehmen ihn ohne zu zögern mit nach Hause. Die Mutter nimmt ihn ganz selbstverständlich wie ihr drittes Kind auf. Er wächst als Joost Dietz auf. Viele Jahre später stößt er auf die Geschichte seiner eigentlichen Familie und entdeckt eine grausame Tragödie…

Borrmann erzählt über Hunger, Flucht und Tod in einer schlichten Sprache, die nahe geht, ohne je rührselig zu werden. http://www.droemer-knaur.de

Untertitel: Am Rand Europas, in der Mitte der Welt.

Aus dem Englischen: Brigitte Hilzensauer

Kapka Kassabova reist in die Region ihrer Kindheit – das geheimnisvolle Land, das einst Thrakien hieß. Thrakien – wo Gold so reichlich vorhanden war wie anderswo Brot. Heute liegt das Land in der Türkei, Griechenland und Bulgarien und ist von der Welt vergessen und die Menschen von Armut und Depression geprägt sind.

Wer einmal so wie ich das griechische Thrakien bereist hat, der weiß, welche Faszination ein Land ohne Touristen ausübt. Doch Romantizismus und Klischeeschwärmerei ist nicht Sache der Autorin. Im Gegenteil: Sie recherchiert mit kühlem Kopf, aber mit teilnehmender Seele.

Kapka Kassabova fasst ihre Recherchen zu einzelne Erzählungen. Es entstand ein Sachbuch über eine vergessene Region. Sie reist durch menschenleere oder fast menschenleere Dörfer im Rhodopen Gebirge oder in der Strandscha, begegnet Schmugglern, Aussteigern, Plünderern und ehemaligen Grenzsoldaten. An der Grenze zu dienen war gefürchtet. Denn in der Isolation ohne Kontakt zur Außenwelt wird der Mensch zum willfährigen Befehlsempfänger. Die Narben aus der DDR-Zeit sind in der Landschaft und in der Seele der Menschen geblieben.

Ein Buch, das man nicht ein einem Zug durchliest. Von Erzählung zu Erzählung dringt man langsam in diese durch Isolation und Politterror geprägte Landschaft.

http://www.hanser-literaturverlage.de

Aus dem Italienischen von Petra Koch. Bastei Lübbe

Angemüdet von so manchen mühsam zu lesenden Neuerscheinungen, besonders von den „Debütromanen“, in denen der/die Schriftsteller/in seine/ihre Sprachakrobatik unter Beweis stellt, griff ich zur Belletristik. Der italienische Autor Luca Di Fulvio versteht sein Handwerk: Er kann erzählen! Eine Gabe, die immer seltener wird! Mitreißend schildert er New York und Hollywood aus dem Blickwinkel eines Jungen, der durch Witz, Intelligenz, Humor und Empathie sich aus dem tristen Gangstermilieu der 1920er Jahre emporarbeitet. Eine wahre Leseerholung!!!


Verlag und Copyright: Kremayr & Scheriau

Ein brennheißes Thema: Wie weit darf Überwachung gehen, wie weit wird sie in Zukunft gehen und die Individualität des Einzelnen stören, gar zerstören.

Aktueller denn je! Leider hat die Autorin ihren allzu spürbaren poetischen Ehrgeiz dem Thema untergeordnet. Es scheint, als wollte sie vorzeigen, was alles sie in diversen Literaturaufenthalten und Seminaren bezüglich „neuer Roman, junge Literatur“ gelernt hat.

Nicht von ungefähr ziert Botticellis „Primavera“ das Cover: Die beiden Protagonisten Anna – eine Schriftstellerin und Schreibinsegnantin – und ihr Gefährte Adrian – ein Werbetexter – üben sich im Zusammensetzen eines Puzzles eben dieses Bildes, das wohl symbolisch für die Art zu schreiben steht: Viele kleine Teile, die nur mühsam ein Ganzes geben.Ich rate dem Leser, zuerst die Inhaltsangabe auf dem Buchumschlag zu lesen, um sich wenigstens einigermaßen an einem inhaltlichen Faden festhalten zu können. Und dann sich mit Geduld und Leseausdauer zu rüsten. Denn obwohl das Werk nur 187 Seiten umfasst, ist es mühselig zu lesen. Die Autorin verliert, selbstverliebt in ihre Bilder und Verschränkungen, das Thema, triftet ab, fügt ein, dreht ab.

Der Plot ist einfach erzählt: Adrian bekommt von seiner Werbefirma den Auftrag, im Prototyp eines Smart Home Hauses zur Probe zu wohnen und es auf eventuelle Mängel zu testen. Die absolute Unfreiheit im Handeln lähmt ihn, er ist froh, wenn er nach einigen Tagen diesem Überwachungskerker entfliehen kann.

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Wagenbach Verlag. Aus dem argentinischen Spanisch von Rike Bolte.

Lucía Puenzo, argentinische Journalistin und Filmemacherin, griff in dieser Romanfiktion ein heißes Eisen, nämlich die engen Beziehungen Argentiniens zu den nach 1945 geflohenen Nazis, auf. Dem Diktator Juan Perón waren sie mehr als willkommen. So auch Josef Mengele, der als Arzt in Auschwitz Millionen Menschen zwangssterilisiert, mit unmenschlichen Versuchen zu Tode gequält und Abertausende in die Todeskammern geschickt hatte. Er lebte nach seiner Flucht aus Deutschland nachweislich bis 1959 unbehelligt in Buenos Aires. Gewarnt von Freunden, dass man eventuell nach ihm suchen könnte, reist er in den Nobelort Bariloche im Süden Argentiniens. Auf der Reise dorthin schließt er sich einer Familie an, deren kleinwüchsige Tochter Lilith ihn fasziniert. An ihr und der schwangeren Mutter beginnt er mit seinen Experimenten, injiziert skrupellos beiden Hormone, die schwere körperliche und seelische Schädigungen verursachen. Mit dem Vater frönt er einer seltsamen Leidenschaft: Sie erzeugen Puppen, die rein arische Gesichtszüge tragen. Sie sollten später zu heilig gehaltenen Symbolen der Nationalsozialisten in Südamerika werden.

In diesem grausam-gruseligen Kontext kann Mengele seine Untersuchungen und Versuche in Ruhe fortsetzen. Seine Sicherheit zerbröselt, als er von Eichmanns Verhaftung erfährt und ihn eine Jüdin aufspürt, die er im KZ Auschwitz zwangssterilisierte. Doch bevor sie ihn dem jüdischen Geheimdienst melden kann, wird sie in einer Gletscherspalte tot aufgefunden. Mengele bereitet in aller Ruhe seine Abreise vor. Zurück bleibt Lilith, die ihr ganzes Leben lang an dieser schrecklichen Begegnung leiden wird.

In einem nüchtern-präzisen Stil schildert Puenzo den Charakter Mengeles. Gerade in einer scheinbaren Alltäglichkeit wird das Monströse in seinem Charakter um so erfahrbarer. Mengele, nützt die Schwärmerei Liliths skrupellos aus, bezaubert das hilflose Mädchen, vergewaltigt die Ahnungslose. Finanziell von den in Bariloche lebenden Nazis unterstützt, kann er ein bürgerliches Leben leben. Und wird es auch bis zu seinem Tod weiterführen können. Er stirbt 1979 in Brasilien eines natürlichen Todes. Aber diese Angaben sind keineswegs gesichert.

Lucia Puenzo: Der Fluch der Jacinta Pichimanahuida.

Verlag Wagenbach. Aus dem argentinischen Spanisch übersetzt von Rike Bolte.

Wer von Lucia Puenzo den spannenden und sehr gut geschriebenen Roman über ausgebeutete Straßenkinder in Buenos Aires und Uruguai kennt („Die man nicht sieht“), der wird  nach der Lektüre  über Jacinta P.überrascht und auch enttäuscht sein. Der Fluch der J.P. ist  eine wahre Geschichte, die die Autorin romanhaft verarbeitet hat. Wieder geht es um ausgebeutete Kinder. Für eine Fernsehserie über eine Lehrerin und ihre Schüler werden Kinder gecastet. Die genommen werden, denen wird ein zukünftig eigenständiges Leben verwehrt, weil sie immer die Figur aus dem Stück bleiben. Pepino und Twiggy gehörten zu ihnen. Was auf den ersten Blick als Glück erschien, entpuppt sich als Fluch. Der Drehbuchautor lässt die Kinder wie Marionetten agieren, immer seiner Schreibe gehorchend. Twiggy aber wehrt sich, wird drogensüchtig.

Das Thema wäre spannend. Aber leider verpatzt Lucia Puenzo diesmal ihre Chance. Aus dem aufregend-wichtigen Thema wird ein Plot, der in alle Richtungen zerfließt. Erzählzeitebenen verschwimmen, Figuren verlieren sich im Nirgendwo des Textes. Der Leser (sprich ich) gab es auf S 107 auf, dem wirren Schicksal der einzelnen Kinderschauspieler zu folgen

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Volker Hage: Die freie Liebe. Luchterhand Verlag

Volker Hage ist ein Literaturmensch, forscht, lehrt und schreibt über Literatur. Seine Romanbiografie über Arthur Schnitzler „Des Lebens fünfter Akt“ ist feinsinnig und einfühlsam geschrieben. Also wurde ich neugierig und las „Die freie Liebe“. Darin verarbeitet der 1949 geborene Autor wohl vieler seiner eigenen Erfahrungen über die sexuellen Freiheiten der späten 60er und 70er Jahre, die sich der Jugend plötzlich eröffneten. Gerade hatte sich Wolf aus einem engen Elternhaus und von einer frustrierenden Beziehung befreit, ist  nach München gezogen, um zu studieren, da erlebt er in einer WG „die große sexuelle Befreiung“ – er verliebt sich hals über kopf in die nervige Lisa, die ihrerseits mit dem toleranten Andreas verlobt ist. Es hat den Anschein, als ob die Dreierbeziehung funktionieren könnte. Aber eben nur könnte.

Das wirklich Interessante an diesem Buch sind nicht die ausführlichen Beschreibungen der sexuellen „Tätigkeiten“, sondern die Hinweise auf Filme und Bücher, die in den 70ern aktuell waren. Der Rest ist langweilig und nicht immer glaubwürdig. 

http://www.randomhouse.de/Verlag/Luchterhand-Literaturverlag/2400.rhd

Francesca Melandri, Alle außer mir.

Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Wagenbach Verlag

Francesca Melandri ist eine gute Erzählerin, die geschichtliche Fakten geschickt mit einem romanhaften Geschehen verknüpfen kann, wie etwa in dem Roman „Eva schläft“.Das Rezept wendet sie auch diesmal an. Aber sie läuft in die Falle, die sie sich selbst gestellt hat: Sie kann von dem eifrig zusammen getragenen historischen Fakten über die Geschichte Äthiopiens, die Zeit der italienischen Kolonialherrschaft, über die Politik der Ära Berlusconi, über die aktuelle Flüchtlingspolitik auf kein erforschtes oder erarbeitetes Detail verzichten. Streckenweise liest sich der Roman wie eine historische Dokumentation. Um es dem Leser besonders schwer zu machen, gibt es den Namen der Hauptperson gleich fünfmal, aber immer ist es wer anderer. Dazu verschränkt sie die Zeiten und ändert den Erzählstil – alles insgesamt sehr mühsam zu lesen.

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Juli Zeh ist Meisterin im Finden aktueller Themen. In ihrem vorletzten Buch „Unterleuten“ legt sie ihren Schreibfinger auf das Leben in einem Dorf im ehemaligen Ostdeutschland, schildert tief in die Seelen der Bewohner schürfend deren Abgründe.

In ihrem neuesten Roman „Neu Jahr“ scheint alles zu passen: Nette Familie, Vater, Mutter, zwei Kinder. Vater Henning beschließt über Weihnacht ein Ferienhaus in Lanzarote zu buchen. Alles perfekt: Wetter, Haus und Insel. Bis sich Henning aus einem ihm unerklärlichen Trieb heraus früh am Morgen aufs Fahrrad setzt und nach Femès hinaufradelt. (Kennt Juli Zeh den wunderbaren Roman „Mararía“ von Rafael Arozarena? Er spielt  in Femès der 1950er Jahre, als Insel und Dorf noch im dunklen Mittelalter lebten) Oben angekommen labt Lisa, eine alleinstehende Frau und Künstlerin, den total Erschöpften. Ein Brunnenschacht, bemalte Steine im Ausstellungsraum rufen in ihm Erinnerungen aus der Kindheit wach. Er war schon einmal in diesem Haus, hat schreckliche Dinge erlebt, von denen er bis ins Erwachsenenalter Albträume und unerklärbare Erregungszustände hat. Der Sommer mit seinen Eltern und seiner Schwester steigt in seiner Erinnerung auf. In diesem Haus hat sich Fürchterliches abgespielt! Vor den Augen des Lesers entwickelt July Zeh einen Seelenkrimi, spannend wie ein echter Thriller.

Großartig, wie Juli Zeh die Zaubermacht der Insel Lanzarote mit unserer heutigen, nüchternen Welt verknüpft. Auf der Vulkaninsel kommen im Menschen Kräfte hoch, wie durch Magma ins Bewusstsein getrieben. Das kann befreiend sein für denjenigen, der die Erkenntnisse akzeptiert, aber auch bedrohlich und alle Kraft raubend.

Juli Zeh einmal ganz anders! Absolut lesenswert.

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Aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch. Tropen Verlag

Michal Hvorecky, geboren 1976 in Bratislava, ist Autor, Journalist und engagierter Kämpfer für die Pressefreiheit und gegen antidemokratische Bestrebungen. In dem Roman „Troll“ führt er uns die allzu nahe Zukunft vor Augen: Die EU – lahme Ente, die Trolle im Internet beherrschen das politische Geschehen im „Reich“ – eine Anspielung auf Russland oder auch andere Diktaturen. „Trolle“ agieren im Internet ohne Identität, verbreiten Hass und Unwahrheiten, die emotional geladen und so geschickt getarnt und formuliert sind, dass die Community sie für wahr hält. Nachrichten dieser Art verbreiten sich im Netz in unglaublicher Schnelligkeit und können Wahlen manipulieren und Staaten destabilisiere

Der namenlose Erzähler lernt in einer Heilanstalt die schwer traumatisierte, drogenabhängige und hoch intelligente Johanna kennen. Die beiden werden Freunde und beschließen gegen das autoritäre System und die Lügen im Netz zu agieren. Sie lernen sich als Trolle im Internet zu bewegen, torpedieren die Zentrale der Trolle, setzen sie außer Kraft und gründen ein Team von Freiwilligen, die alle Lügen des Staates aufdecken und in den Schulen Medienerziehung einrichten, damit die Jugend auf Propaganda und Lügen richtig reagieren lernt. Doch der „Sieg“ ist fragil, immer wieder wird Johanna angegriffen. Der Erzähler hat sich einer Gesichtsoperation unterziehen müssen, weil der Mob seine Identität im Netz aufgedeckt hat und sich ganz aus dem Internet zurückgezogen.

Was dem Leser  vielleicht als übertrieben oder als ferne Zukunft erscheint, ist beinharte Realität, die schon in den Startlöchern lauert. Ein Roman, der allen, wirklich allen, die noch an eine bourgeoise Sicherheit glauben, dringend zu empfehlen ist. Sicherheit ist nirgendwo, das ist die bittere Conclusio des Romans. Er erinnert in seinem Bedrohungsszenario an Houellebecqs „Unterwerfung“. Das rasante Tempo und der messerscharfe Stil, in dem Michal Hvorecky erzählt, entspricht ganz der Gefährlichkeit des Geschehens. 

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Margret Greiner

Margret Greiner ist Expertin für Künstler-Romanbiografien. Dank intensiver Recherchen und einer feinen Feder veröffentlichte sie bereits einige Porträts interessanter Frauen, wie Emilie Flöge, Charlotte Salomon oder Margrethe Stonborough-Wittgenstein.

Nun also Sophie Taeuber-Arp, die wenig bekannt ist und doch zu ihrer Zeit großen Einfluss auf die Dada-Bewegung, die Anerkennung des Kunsthandwerkes als Teil der Kunst und die Strömung des Konstruktivismus hatte.

Bei der Lektüre des Buches steigt der Respekt vor der Autorin! Mit welcher Akribie und Forschungsfreude sich Margret Greiner in eine doch wenig bekannte Welt eingelesen, Briefe „ausgegraben“ und die verschiedenen Verbindungen unter bekannten und weniger bekannten Künstlern aufgezeigt hat, das gleicht wertvoller wissenschaftlicher  Grundsatzarbeit. Dennoch liest sich das Buch nicht wie eine trockene wissenschaftliche Abhandlung, da Margret Greiner mit viel Empathie immer nahe am Leben von Sophie Taeuber-Arp dranbleibt. Allerdings ermüden manchmal die zahlreichen  Namen von Künstlern, die heute vielleicht nur mehr Spezialisten der Szene bekannt sind.

Sophie Taeuber stammte aus Appenzell in der Nordostschweiz. Sie arbeitet von 1916 – 1929 als Lehrerin an der Kunstgewerbeschule in Zürich, wo sie sich für die Aufwertung des Kunstgewerbes aktiv einsetzt und gegen die Vereinnahmung durch Kitschproduktionen wettert. Vielseitig und neugierig wie sie ist, tanzt sie im „Cabaret Voltaire“  und erregt großes Aufsehen. Bald lernt sie den Maler, Lyriker, Dadaisten, Konstruktivisten und Surrealisten Hans Arp kennen. Trotz aller Differenzen im Lebensstil werden die beiden heiraten und gemeinsam in der Avantgarde des 20. Jahrhunderts tonangebend sein. Ihr Abscheu vor dem Hitlerregime zwingt beide nach Südfrankreich zu fliehen, wo sie bei Freunden in Grasse Unterschlupf finden. Doch bald müssen sie auch von dort fliehen. Sie erhalten Visa für die Schweiz, wo Sophie 1943 an einer Kohlenmonoxydvergiftung stirbt.

Margret Greiner hebt in dieser Romanbiografie die vielseitige künstlerische Kraft von Sophie Taeuber-Arp hervor. Sie war nicht nur eine exzellente Lehrerin, eine überaus begabte Tänzerin und Innenarchitektin, sondern auch eine konsequente Malerin. Ihre abstrakten Bilder fanden Anerkennung im Kreis der Konstruktivisten und sind heute in verschiedenen Museen zu bewundern.

Volker Hage
Des Lebens fünfter Akt
Luchterhand Verlag

Für alle, die sich für die Literatur um und nach 1900 und für Arthur Schnitzler interessieren, ist dieses Buch ein MUSS. Volker Hages biografischer Roman über Schnitzlers drei letzten Lebensjahre ist ein Seelenporträt vom Feinsten. Obwohl der Autor bis in die tiefsten Gedanken Schnitzlers dringt, wird er nie gefühlig, sondern wahrt immer die notwendige Distanz.

Als Schnitzler die Nachricht vom Selbstmord seiner Tochter Lili erhält, verändert sich für ihn alles. Er fühlt das Alter nahen, liest und archiviert die Tagebücher der Tochter, erleidet dabei ihre seelischen Qualen noch einmal mit .Er muss sich eingestehen, dass er zu wenig  auf die Zeichen achtete, die ihm einen Hinweis auf ihre seelische Instabilität hätten geben können.  Die Trauer hüllt ihn ganz ein. Wären da nicht die Frauen um ihn herum, die ihn quälen, er würde sich nicht mehr spüren. Seine Exfrau Olga möchte wieder zu ihm zurück, die Möchtegernschriftstellerin Clara Pollaczek quält ihn mit Eifersuchtsanfällen und Selbstmordversuchen. Ein wenig Ruhe und Abwechslung bietet ihm Hedi Kempny, die ihn mit  offenherzigen Erzählungen über ihre Erotikabenteuer von seiner Trauer ablenkt. Das Leben wird erst wieder erträglich, als er sich in die junge Suzsanne Clauser verliebt. Sie wird seine Werke ins Französische übersetzen, beide erleben eine tiefe Liebe füreinander, getragen vom  beiderseitigen Verstehen. Volker Hage wagt es sogar, die allerletzten Minuten Schnitzlers, das Herannahen des Todes, bis zum endgültigen Ende zu beschreiben. Ein Wagnis – aber es darf sein, weil es in mitfühlender Distanz geschieht,

Bei aller spürbaren Bewunderung für Schnitzler verfällt der Autor nicht in unkritische Bewunderung. Indem er Schnitzler nüchtern Bilanz über seine vergangenen Amouren ziehen lässt, zeigt er auch die eitle, verantwortungslose Seite des Dichters auf. Wie viele Frauen hat er erobert und gleich vergessen, wie viele unglücklich gemacht! Aber er bereut nichts, sondern bemitleidet sich selbst als ein von den Frauen Umkreister, Getriebener. Bei diesen Rückerinnerungen an gewesene Eroberungen weht ein leiser Hauch von Ironie durch die Zeilen. Das ist gut so und notwendig, damit eine gewisse Objektivität des Autors manifestiert wird.

Lea Singer:
Die Poesie der Hörigkeit.
Hoffmann und Campe Verlag

Man erkennt den Stil der Autorin nicht wieder. Wer etwa die Romanbiografie „Konzert für die linke Hand“ über Paul Wittgenstein gelesen hat, der glaubt es kaum, dass „Die Poesie der Hörigkeit“ von derselben Autorin stammt. Sprachlich absichtlich bis manchmal zum Unverständnis verknappte Satzstrukturen machen dem Leser Mühe, die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Sätzen zu verstehen. Dazu kommen sprachliche Unsinnigkeiten, wie etwa „Benn hatte mit Freiraum geaast“. Man hat den Eindruck, Lea Singer hat zu viel Gedichte von Gottfried Benn gelesen und wollte es ihm an Vieldeutlichkeit bis zur Undeutlichkeit gleichtun. Nur: Gottfried Benn schrieb Gedichte, Lea Singer eine Romanbiografie.

Das Thema: Die Tochter von Carl und Thea Sternheim – Mopsa genannt – verliebt sich schon als Kind in den hässlich – vierschrötigen Gottfried Benn, Arzt und damals in den 20er Jahren schon berühmten Dichter. Doch der Haken ist der: Auch ihre Mutter liebt ihn – mit mehr Erfolg als Mopsa. In diesem ewigen Dreiecksverhältnis spielt sich das Leben ab. Mopsa ist besessen von Benn. Auch als er sich den Nazis anbiedert, sie und die Mutter nach Pars fliehen, sie in ein Lager deportiert wird, dort lebend wieder herauskommt, hat sie nur eines im Sinn: Benn zu sehen und von ihm auch nur ein einziges Mal zu hören: Ich liebe dich. Der hat jedoch andere Frauen, heiratet eine bequeme Ilse, ist nach dem Ende der Nazizeit wieder hoch gelobter Dichter. Mopsa stirbt an Krebs, ohne von ihm ein Liebeswort gehört zu haben.

In jedem Sinn – schwere Kost.

Dennis Lehane: Der Abgrund in dir
Aus dem Amerikanischen von Steffen Jacobs und Peter Torberg. Diogenes Verlag

Der Autor packt in den 500-Seiten starken Krimi alles hinein, was gerade im Krimi- und Belletristikgenre en vogue ist:

1. Die Protagonistin Rachel geht nach dem Tod ihrer Mutter auf Vatersuche – nicht sehr logisch, warum nicht zu Lebzeiten der Mutter.? Das Waisenkind, der Jugendliche ohne Vater – ein beliebtes Motiv in der amerikanischen Literatur.

2. Ihre Vatersuche dauert bis auf Seite 300 – da beginnt  der Leser die Hauptfigur  als sehr nervig zu empfinden und steigt schon teilweise aus.

3. Natürlich darf das in der Belletristik überstrapazierte Motiv „Frau sucht Mann“ nicht fehlen. Rachel findet sehr schnell einen Ehegespons und ist auch sehr schnell wieder geschieden.

4. Rachel macht Karriere. Als berühmte Fernsehreporterin berichtet sie über das große Erdbeben in Haiti, wird aber bald von dort abgezogen, weil ihre Reportagen zu „gefühlig“ sind. Sie selbst kann das Elend, das sie gesehen hat, nicht vergessen, fühlt sich irrationaler Weise für den Tod eines Mädchens schuldig und erleidet so heftige Panikattacken, dass sie sich nicht mehr aus dem Haus traut. Die Panikattacken werden ausführlich – zu ausführlich – beschrieben.

5. Der Leser fragt ungeduldig: Wann beginnt der Krimi?

6. Wie so das Leben spielt: Rachel verliebt sich in einen charismatischen Mann, die beiden heiraten und führen eine glückliche Ehe. Noch immer kein Krimi, aber der Leser beginnt zu ahnen, dass das Glück bald bröckeln wird.

7. Ab Seite 377 wird es wüst – die Welt um Rachel zerbröselt, ist ihr Ehemann ein Krimineller, ein Bigamist?  2 Kriminelle dringen in die Wohnung ein, schießen Rachel ins Rückenmark. Da heißt es: „Die Knochensplitter trieben in ihrem Blutkreislauf“ – doch Rachel marschiert unversehrt aus der Wohnung! Wie geht das????

8. Es kommt noch wüster: Rachel erschießt ihren Ehemann und wirft die Leiche ins Meer. Doch oh Wunder, als sie den Leichnam mit Steinen beschweren will, ist er pfutsch. Denn er lebt….Da spätestens verließ ich die Story.

Petra Piuk: Toni und Moni. Verlag Kremayr & Scheriau

Heimatromane, Dorfgeschichten haben eine lange Tradition. Zu den besten zählen wohl die Novellen von Marie Ebner von Eschenbach. Sie war eine genaue Beobachterin und kritisierte vor allem die Herzlosigkeit der Oberschicht. Einen liebevoll-verständnisvollen Blick hatte sie für die „kleinen Leute“, deren Nöte sie nur allzu gut verstand. Einen ähnlichen Blick mit Herz und Verstand und wacher Kritik für Strömungen des aufkommenden Nationalsozialismus im ländlichen Österreich hat Theodora Bauer in ihrem Debütroman „Chikago“ (sic!). Juli Zeh wiederum entwirft in ihrem 600 Seiten starken Roman „Unterleuten“ ein kritisches Bild eines Dorfes, das die Zeiten der DDR bis heute nicht vergessen konnte. Mord, Bestechung, Spekulation und Neid sind an der Tagesordnung.

Nun also „Toni und Moni“. Kremayr & Scheriau hat es sich zur dankenswerten Aufgabe gemacht, junge Autoren und Autorinnen besonders zu fördern. Petra Piuk ist eine davon. Sie stammt aus dem Südburgenland und kennt „ihre Pappenheimer“  Im Untertitel „Anleitung zum Heimatroman“ wird die Stoßrichtung deutlich: Mit Witz, Humor und Satire nimmt sie ländliches Denken, Handeln aufs Korn. Da werden Familienidyllen zerstört – : „wie ich der Mama den letzten Verstand raubte“. Seite für Seite wird die Idylle des fiktiven Dorfes Schöngraben an der Rauscher aufgebaut und sukzessive demontiert. Ein Mord geschieht, ohne ihn kommt ja keine Dorfgeschichte aus!  Die Leiche wird zerstückelt und auf dem Viehfriedhof des Dorfes verscharrt. Die Moni heiratet den Toni, bekommt das Kind. Dann vergiftet sie den Toni, erstickt das Kind und erschießt alle Dorfbewohner. Die Heimatidylle als volles Fiasko! Man lacht, weil die Autorin sich in schrägen Ideen überschlägt, dauernd die Erzählperspektiven ändert und überhaupt wie der Puck im Sommernachtstraum ihr Unwesen im Dorf und im Roman treibt. Wer finsteren Humor mag, dem sei das Buch empfohlen.

Verena Stauffer: Orchis. Verlag Kremayr&Scheriau

Ein Romanerstling, der einiges verspricht., Wenn die Autorin einmal ihre ausufernde Sprachphantasie in etwas kontrolliertere Bahnen lenkt, dann darf man in Zukunft einige aufregende Texte von ihr erwarten.

Deutschland, Mitte des 19. Jh., im Erzgebirge. Dort wohnt der Orchideenforscher Anselm – noch immer bei seinen wohlhabenden Eltern. Er ist von der Idee besessen, die seltene Orchidee, den „Stern von Madagaskar“, als Erster zu finden und zu botanisieren.  Dabei treiben ihn wissenschaftliche Neugier und die Sucht nach Ruhm an. Also bricht er zu der Insel im Indischen Ozean auf. Auf dem Schiff findet er einen Interessensgenossen, den Engländer Lendy. Gemeinsam starten sie die gefährliche Expedition in den Osten der Insel. Dabei hat der Leser genügend Gelegenheit, die blühende Phantasie der Autorin zu bewundern. Wie sie die Insel in aller Exotik, Buntheit und Gefährlichkeit schildert, das zeugt von eindrucksvoller poetischer Kraft  Allerdings werden einzelne Passagen ermüdend lange ausgedehnt – eine Kritik, die für das ganze Buch gilt-. Anselm findet wie in einem totalen Sinnesrausch die Orchideen in der vollen Blühphase, dazu noch die seltene Sobralia, die eine ganze Wiese bedeckt. Er verfällt in einen totalen Rausch, den Lendy nicht nachvollziehen kann. Mühevoll kehren sie mit den seltenen Exemplaren beladen in den Hafen zurück und besteigen das Schiff, das sie nach Deutschland zurückbringt. Auf dem Schiff gehen einige wertvolle Exemplare der Orchideen verloren und Anselm wird durch den Schock schwer nervenkrank. Nach der Entlassung aus der Nervenheilanstalt und einer kurzen  Zwischenzeit als Professor an einer deutschen Universität fährt er zu einem Orchideenkongress in London, wo ihn geheimnisvoller Botaniker auf die Fährte einer seltenen Orchidee in China setzt. Dass das alles nur eine Finte war, um Anselm zu blamieren und aus London wegzulocken, erfährt er zwar später. Doch da ist er schon auf dem Weg nach China. Dort gelangt er in ein abgelegenes „Färberdorf“, wo die Bewohner aus einer seltenen Orchidee Stoffe blau färben. Es hat den Anschein, als ob der Wirrkopf und Phantast Anselm endlich angekommen ist.

Der Stil ist ein Gemisch aus banalen Schilderungen (Kutsche besteigen, Koffer packen), langen wissenschaftlichen Abhandlungen und phantasievollen Schilderungen von Landschaften und Traumsequenzen.

Mit diesem Roman muss man Geduld haben, ihn „kommen lassen“ oder besser: sich auf ihn einlassen. Eilige Leser werden ihn bald weglegen.

 

 

Liessmann: Die kleine Unbildung. Gezeichnet von Nicolaus Mahler. Zsolnay Verlag

Eine köstliche Kurzfassung von Liessmanns Scheltensammlung: Bildung als Provokation (ebenfalls Zsolnay).

Da beutelt uns Liessmann ganz schön her, packt unser eingerostetes Denken beim Schopf.. Unterstützt von Nicolaus Mahlers Zeichnungen, der uns Lesern die Dummheit in der Welt und die eigene Dummheit mit kräftigen Strichen vor Augen führt. Witzig, provokant, unterhaltsam allemal. Liessmann weckt uns auf, wenn wir bei den Kultursendungen im ORF 2 und III  über der kritiklosen Berichterstattung eingeschlafen sind. Amüsant, aber eigentlich zum Weinen, wenn er die Bildung als hinschwindendes Gespenst, das es bald nicht einmal mehr als Gespenst geben wird, einmahnt Eine pure Freude hat man, wie er sich auf Begriffe wie „Kompetenz“, „Reformbedarf“, „Evaluierung“ einschießt. Mahler nimmt sie auf die zeichnerische Schaufel, und tut sie als gewogen, aber für zu leicht befunden ab. Man möchte das Büchlein allen Politikern, besonders den für Schule, Kultur und Bildung zuständigen, aufs Nachtkasterl oder den Schreibtisch legen!!

Meine Lieblingszeichnung finde ich auf Seite 73. Anschauen! Ich verrate nicht, was und warum.

Meine Empfehlung: Das Büchlein immer mit sich tragen und bei guten Gelegenheiten daraus zitieren – besonders in „bildungsbeflissener“ Gesellschaft.

Barbara Rieger, Bis ans Ende, Marie. Kremayr&Scheriau

Barbara Rieger wird zur so genannten jungen Literatur gezählt. Und in mir entsteht der Verdacht – nach einigen Romanen dieses Genres und vielen Stunden, die ich mit Lesen dieser verbrachte, dass junge Literatur zumeist sich  aus folgenden Verben zusammensetzt: ficken, kotzen, saufen, kiffen.

Nun aber etwas ernster: Die Icherzählerin -jeder 2. Satz beginnt mit „Ich“ – ist nach ihrer Scheidung ziemlich haltlos. Sie studiert, aber nur pro forma. Verliebt sich in einen Studenten, der sie aber nicht beachtet . So lässt sie sich in die Welt von Marie fallen, die nur eines will: Sex, egal mit wem, möglichst oft. Die verklemmte Icherzählerin bewundert Marie, möchte mit ihr gleichziehen. Säuft – das tut ihr nicht gut – sie kotzt, kifft – das tut ihr nicht gut – sie kotzt und wird krank, nur eines kann sie noch nicht: ficken. Doch am Ende kommt es doch zu einem „Dreier“: Sie, Marie und deren Freund Tom. Ende gut, alles gut, als Tom das Kondom aus ihr herauszieht, kann sie endlich lachen und findet alles o.k. Ob es ein befreites oder verzweifeltes Lachen ist, bleibt unklar.

Nur um dem Vorwurf entgegenzuwirken, dass ich prüde wäre. Nein, als geübte Leserin habe ich schon mehr verdaut als dieses Anfangswerk. Aber es ist eben ein Anfangswerk – Sprache simpel, Inhalt simpel, auch wenn sich die Autorin bemüht, die Story mit wilden Träumen aufzumotzen.

Evelyn Waugh; Expedition eines englischen Gentleman. Diogenes. Aus dem Englischen: Matthias Fienbork

Der Autor und Reisejournalist Evelyn Waugh reiste im Oktober 1930 nach Addis Abeba, um über die Krönung Haile Selassies zum König von Äthiopien zu berichten. Für mich ist dieses Buch eine Reise in die Vergangenheit meiner eigenen Vergangenheit. Nein, ich bin noch nicht so alt, dass ich dieses Ereignis hätte miterleben können. Aber die beschriebenen Orte: Addis Abeba, Harar, Aden und dieInsel Sansibar habe ich in um die Jahrtausendwende selbst bereist. Daher war es für mich interessant zu lesen, wie Evelyn Waugh sie sieht und beschreibt.

Addis Abeba war für mich eine blick- und charakterlose Stadt, es gab kein ausgewiesenes Zentrum, jemanden aufzusuchen war nur mit einem erfahrenen Taxler möglich. Die Regierung übte strenge Kontrollen auf die Medien aus – die erste Redaktion, die ich besuchen wollte, war geschlossen: Alle Redakteure waren am Vortag ins Gefängnis gesteckt worden. Der Grund war nicht nachvollziehbar. Dieses Chaos – nur anders gelagert – beherrschte schon 70 Jahre vorher die Stadt. Die Krönung schildert Evelyn Waugh eher wie eine Disneyverfilmung, nichts ist ernst zu nehmen. Man schmunzelt über die aufgeblasenen Zeremonien und das Protokoll, das ewig aus dem Ruder läuft. Harar habe ich als faszinierende Stadt in Erinnerung – geheimnisvoll und wunderschön. Er sieht sie eher als disaströs. Die Hafenstadt Aden war bei meinem Besuch nur eine Anhäufung von dreckigen Straßen und kaputten Häusern, Waugh hingegen gefiel sie. Vor allem wegen der gemütlichen Clubs, in denen sich die buntesten Gestalten trafen. Nun, die sind wohl alle schon längst Geschichte. In Sansibar, wo ich  ich begeistert zwischen den alten Häusern der Hauptstadt umherstrich, langweilte er sich entsetzlich, weil es keine politischen Debatten gab und alles seinen gemächlichen, langweiligen Gang ging.

F ür Leser, die noch keinen der genannten Orte besucht haben, ist Waughs „Expedition“ -der Titel ist eine ironische Übertreibung – wahrscheinlich  einschläfernd. Wer diesen Teil Afrikas ein wenig kennt, der kann interessante Vergleiche ziehen-.