Wer wie ich eine regelmäßige und begeisterte Besucherin des Volkstheaters unter Werner und Schottenberg war, der ist sicher neugierig auf dieses Buch. Gleich zu Beginn musste ich mich daran gewöhnen, dass die Autorin von sich in der dritten Person spricht und sich als E. bezeichnet. Der Sinn dieser distanzierten Betrachtung auf die eigene Person wurde mir bis zum Ende des Buches nicht als zwingend notwendiges Stilmittel klar. Manchmal – besonders in der Mitte, wenn Emmy Werner über E. als Theatermacherin der Drachengasse und als Direktorin des Volkstheaters spricht- meinte ich, sie erzählt von einer anderen Person.

Die Kindheit

Obwohl E. ihre Kindheit während des Krieges und in der Nachkriegszeit verbringt, ist sie ein glückliches Kind. Von Mutter und dem älteren Bruder behütet, ohne bewacht zu werden, kann sie ihre Phantasie entfalten. Die Erinnerungen an Bomben sind bleibend, aber nicht traumatisierend. Ihr Verhältnis zum Vater, der spät erst aus dem Krieg zurückkehrt, ist sehr innig. Die ganze Familie ist „opern- und theaternarrisch“. E. beglückt Eltern und Freunde mit von ihr selbst ausgedachten Theaterstücken, streift durch die Umgebung und entdeckt ihre Liebe zu den Möwen, die am Donaukanal kreischend ihre Flugkreise ziehen. Die Zeilen aus dem Gedicht von Morgenstern: „Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen“, deutet sie für sich als gutes Omen und sie sind dann auch titelgebend für ihre Lebenserinnerungen. Ich schmunzelte über so manche Parallelen, die ich selbst auch in meinem Erinnerungskasterl gespeichert habe. Etwa die unerfreuliche Tanzschule, die Freude über Pakete aus dem Ausland, die Ferien auf dem Bauernhof…

Die Liebe zum Theater

E. will Schauspielerin werden, verfehlt ganz knapp die Aufnahmsprüfung am Reinhardtseminar, nimmt Privatunterricht und erhält da und dort kleine Rollen, vor allem am Theater der Jugend. Sie verliebt sich, wird schwanger und heiratet ganz jung. Ihren Ehemann und Sohn erwähnt sie nie namentlich. Man muss es einfach wissen oder googeln: Ehemann und später Ex-Ehemann Georg Lhotzky war Regisseur und drehte unter anderem den Film „Moos auf den Steinen“. Sohn Alexander war Schauspieler. Beide sterben 2016 – das bleibt unbesprochen. E. will über ihren ganz privaten Schmerz nicht reden. Wie sie überhaupt allzu Privates wegblendet. Lieber schreibt sie über ihre Kämpfe und Erfolge bei der Gründung der Drachengasse und ihre Ängste, als Direktorin am Volkstheater Fehler zu machen.

Die Zeit E.’s als Theaterdirektorin wirkt für mich wie eine Aufzählung von Fakten. Nur wenige Namen von Autoren und Schauspielern und Schauspielerinnen werden erwähnt. Da fehlt das erzählerische Fleisch an den nüchternen Knochen. E. begründet diese Erzählhaltung: „…ihr (nämlich E.’s) „Noli me tangere“, ihr Abwehren von allzu viel Nähe war ja evident.“ So lässt die Autorin auch zwischen dem Leser und E. keine wirkliche Nähe aufkommen.

Ihre Leser kann Emmy Werner erst wieder in den Bann ziehen, wenn sie über die Zeit nach dem Theater erzählt, über all die Versuche, das „Leben danach“ sinnvoll zu gestalten. Ab da entsteht zwischen Leser und E. wieder ein empathischer Faden. „Carpe noctem“ ist E.’s Devise – sie nützt die Nacht, um all ihre Lieblingsautoren wieder zu lesen oder neue zu entdecken. Sie spaziert durch ihr geliebtes Wien, entdeckt ihr unbekannte Schönheiten. Sie lernt „genießen zu können“. Der letzte Teil liest sich wie ein amüsanter Ratgeber über das Älterwerden.

http://www.residenzverlag.com/

Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler.

Es gibt Bücher, die muss man einfach mögen. Dazu gehört ganz sicher dieser neue Roman „Drei Frauen“ von Dacia Maraini. Seit Maraini Bücher schreibt, kämpft sie für die Rechte der Frauen, ohne das Wort „Emanzipation“ je in den Mund – besser in die Feder – zu nehmen. Zu Zeiten, als in Italien unverheiratete Frauen aus „gutem Haus“ um 21h zu Hause zu sein hatten, wollten sie nicht als leichte Mädchen gelten, schrieb Dacia Maraini für die Freiheit und Selbstbestimmung der Frau. Als man von der Me -too – Bewegung noch Lichtjahre entfernt war, erschien ihr Roman „Die Stumme Herzogin“ (2002) und erregte weltweit Aufsehen, weil er ein Tabuthema aufgriff: Das Opfer der Vergewaltigung, eben die stumme Herzogin, wird mit ihrem Vergewaltiger, einem alten Onkel, sogar noch verheiratet, damit die Schande unter dem Deckel bleibt. Doch das Opfer lernt, dieses Trauma der Vergewaltigung zu überwinden und das Leben selbst bestimmend zu gestalten

Nun also „Drei Frauen“ – eine ganz neue, heitere Dacia Maraini. In einer Art WG leben die 60- jährige Großmutter Gesuina, die ca. 40-jährige Mutter Maria und die 16-jährige Tochter Lori zusammen. Gesuina verkörpert die jugendliche Alte, die sich im Internet junge Adoranten angelt, beim Bäcker jeden Morgen Brot und einen Kuss holt. Ja, eigentlich ist diese Großmutter eine patente Frau, wundert sich über die Kapriolen und Launen der Enkelin, akzeptiert sie aber so, wie sie ist. Lori ist das, was Nestroy eine „Krätzn“ nennen würde: Sie nimmt sich, was ihr gerade in den Sinn kommt, schläft mit einem Mitschüler und verführt Francois, den Geliebten der Mutter. Maria hält den Haushalt aufrecht, putzt, kocht und arbeitet an der Übersetzung von „Madame Bovary“. Sie ist die einzige, die wirklich arbeitet und das nötige Geld verdient. Als Ersatz für ihr eher tristes Dasein schreibt sie an den fernen Geliebten poetische Briefe über ihre Liebe zu ihm. Manchmal gehen die beiden gemeinsam auf Reisen. Als Francois, ein wirklich schöner Mann, Maria besucht, setzt Lori ihn sofort auf ihre Eroberungsliste und verführt ihn. Die Folge: sie ist schwanger von ihm. Er reist ab, ohne davon zu erfahren. Als Lori der Mutter alles gesteht, versucht diese sich umzubringen. Sie kann gerettet werden, aber ob sie je aus dem Koma erwachen wird, ist mehr als fraglich. Gesuina pflegt die im Koma Liegende zu Hause, Lori bekommt einen Sohn.

Die Autorin lässt den Roman mit einem hoffnungsfrohen Lächeln ausgehen. Am Ende haben alle ihre Chance. Sogar Lori.

Dacia Maraini wählt einen jungen, flotten Stil. Sie verlässt die auktoriale Erzählstruktur. Jeder der drei Frauen schreibt sie ein bestimmtes Medium als Erzählform zu: Gesuina ihr Diktiergerät, Lori ihr Tagebuch und Maria die Briefe an Francois. Dass ihre Sympathie letztendlich Gesuina gilt, ist nicht verwunderlich, schon allein wegen des Alters. Diese Frau hat das Leben begriffen: Zupacken, wenn nötig, und sich nicht den Freuden, die das Leben noch immer zu bieten hat, verschließen. Die Jugend in der Gestalt von Lori kommt irgendwie am schlechtesten weg: Sie sieht das Leben wie eine Torte, von der sie für sich das größte und beste Stück beansprucht. Ihre Launen müssen von der Umgebung ignoriert, besser noch: als notwendige Lebensform akzeptiert werden.

Maraini versucht hier nicht, ein so genanntes „typisches“ Generationenbild zu entwerfen, dazu sind die Figuren viel zu differenziert und eigenwillig durchgezeichnet. Der Roman ist ein Möglichkeitsentwurf: So können drei Generationen neben- und dann auch miteinander leben, wenn jede die Freiheit und Existenz der anderen respektiert. Lori gelingt das am aller wenigsten, doch am Ende glimmt ein Funken Hoffnung auf.

www.folioverlag.com

Mechtild Borrmann – mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin – gelingt in diesem Buch Spannung, Familiengeschichten und historische Aufarbeitung exzellent zu vereinen. Geradlinig und ohne schriftstellerische Verrenkungen, wie sie leider immer wieder in der aktuellen deutschsprachigen Literatur Mode sind und oft nicht mehr als das Ego des Schreibers befriedigen, erzählt sie das berührende Schicksal eines 3jährigen Knaben, der am Ende des 2. Weltkrieges in Hamburg mitten in den Trümmern von zwei Kindern gefunden wird. Sie nehmen ihn ohne zu zögern mit nach Hause. Die Mutter nimmt ihn ganz selbstverständlich wie ihr drittes Kind auf. Er wächst als Joost Dietz auf. Viele Jahre später stößt er auf die Geschichte seiner eigentlichen Familie und entdeckt eine grausame Tragödie…

Borrmann erzählt über Hunger, Flucht und Tod in einer schlichten Sprache, die nahe geht, ohne je rührselig zu werden. http://www.droemer-knaur.de

Untertitel: Am Rand Europas, in der Mitte der Welt.

Aus dem Englischen: Brigitte Hilzensauer

Kapka Kassabova reist in die Region ihrer Kindheit – das geheimnisvolle Land, das einst Thrakien hieß. Thrakien – wo Gold so reichlich vorhanden war wie anderswo Brot. Heute liegt das Land in der Türkei, Griechenland und Bulgarien und ist von der Welt vergessen und die Menschen von Armut und Depression geprägt sind.

Wer einmal so wie ich das griechische Thrakien bereist hat, der weiß, welche Faszination ein Land ohne Touristen ausübt. Doch Romantizismus und Klischeeschwärmerei ist nicht Sache der Autorin. Im Gegenteil: Sie recherchiert mit kühlem Kopf, aber mit teilnehmender Seele.

Kapka Kassabova fasst ihre Recherchen zu einzelne Erzählungen. Es entstand ein Sachbuch über eine vergessene Region. Sie reist durch menschenleere oder fast menschenleere Dörfer im Rhodopen Gebirge oder in der Strandscha, begegnet Schmugglern, Aussteigern, Plünderern und ehemaligen Grenzsoldaten. An der Grenze zu dienen war gefürchtet. Denn in der Isolation ohne Kontakt zur Außenwelt wird der Mensch zum willfährigen Befehlsempfänger. Die Narben aus der DDR-Zeit sind in der Landschaft und in der Seele der Menschen geblieben.

Ein Buch, das man nicht ein einem Zug durchliest. Von Erzählung zu Erzählung dringt man langsam in diese durch Isolation und Politterror geprägte Landschaft.

http://www.hanser-literaturverlage.de

Aus dem Italienischen von Petra Koch. Bastei Lübbe

Angemüdet von so manchen mühsam zu lesenden Neuerscheinungen, besonders von den „Debütromanen“, in denen der/die Schriftsteller/in seine/ihre Sprachakrobatik unter Beweis stellt, griff ich zur Belletristik. Der italienische Autor Luca Di Fulvio versteht sein Handwerk: Er kann erzählen! Eine Gabe, die immer seltener wird! Mitreißend schildert er New York und Hollywood aus dem Blickwinkel eines Jungen, der durch Witz, Intelligenz, Humor und Empathie sich aus dem tristen Gangstermilieu der 1920er Jahre emporarbeitet. Eine wahre Leseerholung!!!


Verlag und Copyright: Kremayr & Scheriau

Ein brennheißes Thema: Wie weit darf Überwachung gehen, wie weit wird sie in Zukunft gehen und die Individualität des Einzelnen stören, gar zerstören.

Aktueller denn je! Leider hat die Autorin ihren allzu spürbaren poetischen Ehrgeiz dem Thema untergeordnet. Es scheint, als wollte sie vorzeigen, was alles sie in diversen Literaturaufenthalten und Seminaren bezüglich „neuer Roman, junge Literatur“ gelernt hat.

Nicht von ungefähr ziert Botticellis „Primavera“ das Cover: Die beiden Protagonisten Anna – eine Schriftstellerin und Schreibinsegnantin – und ihr Gefährte Adrian – ein Werbetexter – üben sich im Zusammensetzen eines Puzzles eben dieses Bildes, das wohl symbolisch für die Art zu schreiben steht: Viele kleine Teile, die nur mühsam ein Ganzes geben.Ich rate dem Leser, zuerst die Inhaltsangabe auf dem Buchumschlag zu lesen, um sich wenigstens einigermaßen an einem inhaltlichen Faden festhalten zu können. Und dann sich mit Geduld und Leseausdauer zu rüsten. Denn obwohl das Werk nur 187 Seiten umfasst, ist es mühselig zu lesen. Die Autorin verliert, selbstverliebt in ihre Bilder und Verschränkungen, das Thema, triftet ab, fügt ein, dreht ab.

Der Plot ist einfach erzählt: Adrian bekommt von seiner Werbefirma den Auftrag, im Prototyp eines Smart Home Hauses zur Probe zu wohnen und es auf eventuelle Mängel zu testen. Die absolute Unfreiheit im Handeln lähmt ihn, er ist froh, wenn er nach einigen Tagen diesem Überwachungskerker entfliehen kann.

http://www.kremayr-scheriau.at

Wagenbach Verlag. Aus dem argentinischen Spanisch von Rike Bolte.

Lucía Puenzo, argentinische Journalistin und Filmemacherin, griff in dieser Romanfiktion ein heißes Eisen, nämlich die engen Beziehungen Argentiniens zu den nach 1945 geflohenen Nazis, auf. Dem Diktator Juan Perón waren sie mehr als willkommen. So auch Josef Mengele, der als Arzt in Auschwitz Millionen Menschen zwangssterilisiert, mit unmenschlichen Versuchen zu Tode gequält und Abertausende in die Todeskammern geschickt hatte. Er lebte nach seiner Flucht aus Deutschland nachweislich bis 1959 unbehelligt in Buenos Aires. Gewarnt von Freunden, dass man eventuell nach ihm suchen könnte, reist er in den Nobelort Bariloche im Süden Argentiniens. Auf der Reise dorthin schließt er sich einer Familie an, deren kleinwüchsige Tochter Lilith ihn fasziniert. An ihr und der schwangeren Mutter beginnt er mit seinen Experimenten, injiziert skrupellos beiden Hormone, die schwere körperliche und seelische Schädigungen verursachen. Mit dem Vater frönt er einer seltsamen Leidenschaft: Sie erzeugen Puppen, die rein arische Gesichtszüge tragen. Sie sollten später zu heilig gehaltenen Symbolen der Nationalsozialisten in Südamerika werden.

In diesem grausam-gruseligen Kontext kann Mengele seine Untersuchungen und Versuche in Ruhe fortsetzen. Seine Sicherheit zerbröselt, als er von Eichmanns Verhaftung erfährt und ihn eine Jüdin aufspürt, die er im KZ Auschwitz zwangssterilisierte. Doch bevor sie ihn dem jüdischen Geheimdienst melden kann, wird sie in einer Gletscherspalte tot aufgefunden. Mengele bereitet in aller Ruhe seine Abreise vor. Zurück bleibt Lilith, die ihr ganzes Leben lang an dieser schrecklichen Begegnung leiden wird.

In einem nüchtern-präzisen Stil schildert Puenzo den Charakter Mengeles. Gerade in einer scheinbaren Alltäglichkeit wird das Monströse in seinem Charakter um so erfahrbarer. Mengele, nützt die Schwärmerei Liliths skrupellos aus, bezaubert das hilflose Mädchen, vergewaltigt die Ahnungslose. Finanziell von den in Bariloche lebenden Nazis unterstützt, kann er ein bürgerliches Leben leben. Und wird es auch bis zu seinem Tod weiterführen können. Er stirbt 1979 in Brasilien eines natürlichen Todes. Aber diese Angaben sind keineswegs gesichert.

Lucia Puenzo: Der Fluch der Jacinta Pichimanahuida.

Verlag Wagenbach. Aus dem argentinischen Spanisch übersetzt von Rike Bolte.

Wer von Lucia Puenzo den spannenden und sehr gut geschriebenen Roman über ausgebeutete Straßenkinder in Buenos Aires und Uruguai kennt („Die man nicht sieht“), der wird  nach der Lektüre  über Jacinta P.überrascht und auch enttäuscht sein. Der Fluch der J.P. ist  eine wahre Geschichte, die die Autorin romanhaft verarbeitet hat. Wieder geht es um ausgebeutete Kinder. Für eine Fernsehserie über eine Lehrerin und ihre Schüler werden Kinder gecastet. Die genommen werden, denen wird ein zukünftig eigenständiges Leben verwehrt, weil sie immer die Figur aus dem Stück bleiben. Pepino und Twiggy gehörten zu ihnen. Was auf den ersten Blick als Glück erschien, entpuppt sich als Fluch. Der Drehbuchautor lässt die Kinder wie Marionetten agieren, immer seiner Schreibe gehorchend. Twiggy aber wehrt sich, wird drogensüchtig.

Das Thema wäre spannend. Aber leider verpatzt Lucia Puenzo diesmal ihre Chance. Aus dem aufregend-wichtigen Thema wird ein Plot, der in alle Richtungen zerfließt. Erzählzeitebenen verschwimmen, Figuren verlieren sich im Nirgendwo des Textes. Der Leser (sprich ich) gab es auf S 107 auf, dem wirren Schicksal der einzelnen Kinderschauspieler zu folgen

http://www.wagenbach.de

Volker Hage: Die freie Liebe. Luchterhand Verlag

Volker Hage ist ein Literaturmensch, forscht, lehrt und schreibt über Literatur. Seine Romanbiografie über Arthur Schnitzler „Des Lebens fünfter Akt“ ist feinsinnig und einfühlsam geschrieben. Also wurde ich neugierig und las „Die freie Liebe“. Darin verarbeitet der 1949 geborene Autor wohl vieler seiner eigenen Erfahrungen über die sexuellen Freiheiten der späten 60er und 70er Jahre, die sich der Jugend plötzlich eröffneten. Gerade hatte sich Wolf aus einem engen Elternhaus und von einer frustrierenden Beziehung befreit, ist  nach München gezogen, um zu studieren, da erlebt er in einer WG „die große sexuelle Befreiung“ – er verliebt sich hals über kopf in die nervige Lisa, die ihrerseits mit dem toleranten Andreas verlobt ist. Es hat den Anschein, als ob die Dreierbeziehung funktionieren könnte. Aber eben nur könnte.

Das wirklich Interessante an diesem Buch sind nicht die ausführlichen Beschreibungen der sexuellen „Tätigkeiten“, sondern die Hinweise auf Filme und Bücher, die in den 70ern aktuell waren. Der Rest ist langweilig und nicht immer glaubwürdig. 

http://www.randomhouse.de/Verlag/Luchterhand-Literaturverlag/2400.rhd

Francesca Melandri, Alle außer mir.

Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Wagenbach Verlag

Francesca Melandri ist eine gute Erzählerin, die geschichtliche Fakten geschickt mit einem romanhaften Geschehen verknüpfen kann, wie etwa in dem Roman „Eva schläft“.Das Rezept wendet sie auch diesmal an. Aber sie läuft in die Falle, die sie sich selbst gestellt hat: Sie kann von dem eifrig zusammen getragenen historischen Fakten über die Geschichte Äthiopiens, die Zeit der italienischen Kolonialherrschaft, über die Politik der Ära Berlusconi, über die aktuelle Flüchtlingspolitik auf kein erforschtes oder erarbeitetes Detail verzichten. Streckenweise liest sich der Roman wie eine historische Dokumentation. Um es dem Leser besonders schwer zu machen, gibt es den Namen der Hauptperson gleich fünfmal, aber immer ist es wer anderer. Dazu verschränkt sie die Zeiten und ändert den Erzählstil – alles insgesamt sehr mühsam zu lesen.

http://www.wagenbach.de

Juli Zeh ist Meisterin im Finden aktueller Themen. In ihrem vorletzten Buch „Unterleuten“ legt sie ihren Schreibfinger auf das Leben in einem Dorf im ehemaligen Ostdeutschland, schildert tief in die Seelen der Bewohner schürfend deren Abgründe.

In ihrem neuesten Roman „Neu Jahr“ scheint alles zu passen: Nette Familie, Vater, Mutter, zwei Kinder. Vater Henning beschließt über Weihnacht ein Ferienhaus in Lanzarote zu buchen. Alles perfekt: Wetter, Haus und Insel. Bis sich Henning aus einem ihm unerklärlichen Trieb heraus früh am Morgen aufs Fahrrad setzt und nach Femès hinaufradelt. (Kennt Juli Zeh den wunderbaren Roman „Mararía“ von Rafael Arozarena? Er spielt  in Femès der 1950er Jahre, als Insel und Dorf noch im dunklen Mittelalter lebten) Oben angekommen labt Lisa, eine alleinstehende Frau und Künstlerin, den total Erschöpften. Ein Brunnenschacht, bemalte Steine im Ausstellungsraum rufen in ihm Erinnerungen aus der Kindheit wach. Er war schon einmal in diesem Haus, hat schreckliche Dinge erlebt, von denen er bis ins Erwachsenenalter Albträume und unerklärbare Erregungszustände hat. Der Sommer mit seinen Eltern und seiner Schwester steigt in seiner Erinnerung auf. In diesem Haus hat sich Fürchterliches abgespielt! Vor den Augen des Lesers entwickelt July Zeh einen Seelenkrimi, spannend wie ein echter Thriller.

Großartig, wie Juli Zeh die Zaubermacht der Insel Lanzarote mit unserer heutigen, nüchternen Welt verknüpft. Auf der Vulkaninsel kommen im Menschen Kräfte hoch, wie durch Magma ins Bewusstsein getrieben. Das kann befreiend sein für denjenigen, der die Erkenntnisse akzeptiert, aber auch bedrohlich und alle Kraft raubend.

Juli Zeh einmal ganz anders! Absolut lesenswert.

http://www.luchterhand.de

Aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch. Tropen Verlag

Michal Hvorecky, geboren 1976 in Bratislava, ist Autor, Journalist und engagierter Kämpfer für die Pressefreiheit und gegen antidemokratische Bestrebungen. In dem Roman „Troll“ führt er uns die allzu nahe Zukunft vor Augen: Die EU – lahme Ente, die Trolle im Internet beherrschen das politische Geschehen im „Reich“ – eine Anspielung auf Russland oder auch andere Diktaturen. „Trolle“ agieren im Internet ohne Identität, verbreiten Hass und Unwahrheiten, die emotional geladen und so geschickt getarnt und formuliert sind, dass die Community sie für wahr hält. Nachrichten dieser Art verbreiten sich im Netz in unglaublicher Schnelligkeit und können Wahlen manipulieren und Staaten destabilisiere

Der namenlose Erzähler lernt in einer Heilanstalt die schwer traumatisierte, drogenabhängige und hoch intelligente Johanna kennen. Die beiden werden Freunde und beschließen gegen das autoritäre System und die Lügen im Netz zu agieren. Sie lernen sich als Trolle im Internet zu bewegen, torpedieren die Zentrale der Trolle, setzen sie außer Kraft und gründen ein Team von Freiwilligen, die alle Lügen des Staates aufdecken und in den Schulen Medienerziehung einrichten, damit die Jugend auf Propaganda und Lügen richtig reagieren lernt. Doch der „Sieg“ ist fragil, immer wieder wird Johanna angegriffen. Der Erzähler hat sich einer Gesichtsoperation unterziehen müssen, weil der Mob seine Identität im Netz aufgedeckt hat und sich ganz aus dem Internet zurückgezogen.

Was dem Leser  vielleicht als übertrieben oder als ferne Zukunft erscheint, ist beinharte Realität, die schon in den Startlöchern lauert. Ein Roman, der allen, wirklich allen, die noch an eine bourgeoise Sicherheit glauben, dringend zu empfehlen ist. Sicherheit ist nirgendwo, das ist die bittere Conclusio des Romans. Er erinnert in seinem Bedrohungsszenario an Houellebecqs „Unterwerfung“. Das rasante Tempo und der messerscharfe Stil, in dem Michal Hvorecky erzählt, entspricht ganz der Gefährlichkeit des Geschehens. 

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Margret Greiner

Margret Greiner ist Expertin für Künstler-Romanbiografien. Dank intensiver Recherchen und einer feinen Feder veröffentlichte sie bereits einige Porträts interessanter Frauen, wie Emilie Flöge, Charlotte Salomon oder Margrethe Stonborough-Wittgenstein.

Nun also Sophie Taeuber-Arp, die wenig bekannt ist und doch zu ihrer Zeit großen Einfluss auf die Dada-Bewegung, die Anerkennung des Kunsthandwerkes als Teil der Kunst und die Strömung des Konstruktivismus hatte.

Bei der Lektüre des Buches steigt der Respekt vor der Autorin! Mit welcher Akribie und Forschungsfreude sich Margret Greiner in eine doch wenig bekannte Welt eingelesen, Briefe „ausgegraben“ und die verschiedenen Verbindungen unter bekannten und weniger bekannten Künstlern aufgezeigt hat, das gleicht wertvoller wissenschaftlicher  Grundsatzarbeit. Dennoch liest sich das Buch nicht wie eine trockene wissenschaftliche Abhandlung, da Margret Greiner mit viel Empathie immer nahe am Leben von Sophie Taeuber-Arp dranbleibt. Allerdings ermüden manchmal die zahlreichen  Namen von Künstlern, die heute vielleicht nur mehr Spezialisten der Szene bekannt sind.

Sophie Taeuber stammte aus Appenzell in der Nordostschweiz. Sie arbeitet von 1916 – 1929 als Lehrerin an der Kunstgewerbeschule in Zürich, wo sie sich für die Aufwertung des Kunstgewerbes aktiv einsetzt und gegen die Vereinnahmung durch Kitschproduktionen wettert. Vielseitig und neugierig wie sie ist, tanzt sie im „Cabaret Voltaire“  und erregt großes Aufsehen. Bald lernt sie den Maler, Lyriker, Dadaisten, Konstruktivisten und Surrealisten Hans Arp kennen. Trotz aller Differenzen im Lebensstil werden die beiden heiraten und gemeinsam in der Avantgarde des 20. Jahrhunderts tonangebend sein. Ihr Abscheu vor dem Hitlerregime zwingt beide nach Südfrankreich zu fliehen, wo sie bei Freunden in Grasse Unterschlupf finden. Doch bald müssen sie auch von dort fliehen. Sie erhalten Visa für die Schweiz, wo Sophie 1943 an einer Kohlenmonoxydvergiftung stirbt.

Margret Greiner hebt in dieser Romanbiografie die vielseitige künstlerische Kraft von Sophie Taeuber-Arp hervor. Sie war nicht nur eine exzellente Lehrerin, eine überaus begabte Tänzerin und Innenarchitektin, sondern auch eine konsequente Malerin. Ihre abstrakten Bilder fanden Anerkennung im Kreis der Konstruktivisten und sind heute in verschiedenen Museen zu bewundern.

Volker Hage
Des Lebens fünfter Akt
Luchterhand Verlag

Für alle, die sich für die Literatur um und nach 1900 und für Arthur Schnitzler interessieren, ist dieses Buch ein MUSS. Volker Hages biografischer Roman über Schnitzlers drei letzten Lebensjahre ist ein Seelenporträt vom Feinsten. Obwohl der Autor bis in die tiefsten Gedanken Schnitzlers dringt, wird er nie gefühlig, sondern wahrt immer die notwendige Distanz.

Als Schnitzler die Nachricht vom Selbstmord seiner Tochter Lili erhält, verändert sich für ihn alles. Er fühlt das Alter nahen, liest und archiviert die Tagebücher der Tochter, erleidet dabei ihre seelischen Qualen noch einmal mit .Er muss sich eingestehen, dass er zu wenig  auf die Zeichen achtete, die ihm einen Hinweis auf ihre seelische Instabilität hätten geben können.  Die Trauer hüllt ihn ganz ein. Wären da nicht die Frauen um ihn herum, die ihn quälen, er würde sich nicht mehr spüren. Seine Exfrau Olga möchte wieder zu ihm zurück, die Möchtegernschriftstellerin Clara Pollaczek quält ihn mit Eifersuchtsanfällen und Selbstmordversuchen. Ein wenig Ruhe und Abwechslung bietet ihm Hedi Kempny, die ihn mit  offenherzigen Erzählungen über ihre Erotikabenteuer von seiner Trauer ablenkt. Das Leben wird erst wieder erträglich, als er sich in die junge Suzsanne Clauser verliebt. Sie wird seine Werke ins Französische übersetzen, beide erleben eine tiefe Liebe füreinander, getragen vom  beiderseitigen Verstehen. Volker Hage wagt es sogar, die allerletzten Minuten Schnitzlers, das Herannahen des Todes, bis zum endgültigen Ende zu beschreiben. Ein Wagnis – aber es darf sein, weil es in mitfühlender Distanz geschieht,

Bei aller spürbaren Bewunderung für Schnitzler verfällt der Autor nicht in unkritische Bewunderung. Indem er Schnitzler nüchtern Bilanz über seine vergangenen Amouren ziehen lässt, zeigt er auch die eitle, verantwortungslose Seite des Dichters auf. Wie viele Frauen hat er erobert und gleich vergessen, wie viele unglücklich gemacht! Aber er bereut nichts, sondern bemitleidet sich selbst als ein von den Frauen Umkreister, Getriebener. Bei diesen Rückerinnerungen an gewesene Eroberungen weht ein leiser Hauch von Ironie durch die Zeilen. Das ist gut so und notwendig, damit eine gewisse Objektivität des Autors manifestiert wird.

Lea Singer:
Die Poesie der Hörigkeit.
Hoffmann und Campe Verlag

Man erkennt den Stil der Autorin nicht wieder. Wer etwa die Romanbiografie „Konzert für die linke Hand“ über Paul Wittgenstein gelesen hat, der glaubt es kaum, dass „Die Poesie der Hörigkeit“ von derselben Autorin stammt. Sprachlich absichtlich bis manchmal zum Unverständnis verknappte Satzstrukturen machen dem Leser Mühe, die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Sätzen zu verstehen. Dazu kommen sprachliche Unsinnigkeiten, wie etwa „Benn hatte mit Freiraum geaast“. Man hat den Eindruck, Lea Singer hat zu viel Gedichte von Gottfried Benn gelesen und wollte es ihm an Vieldeutlichkeit bis zur Undeutlichkeit gleichtun. Nur: Gottfried Benn schrieb Gedichte, Lea Singer eine Romanbiografie.

Das Thema: Die Tochter von Carl und Thea Sternheim – Mopsa genannt – verliebt sich schon als Kind in den hässlich – vierschrötigen Gottfried Benn, Arzt und damals in den 20er Jahren schon berühmten Dichter. Doch der Haken ist der: Auch ihre Mutter liebt ihn – mit mehr Erfolg als Mopsa. In diesem ewigen Dreiecksverhältnis spielt sich das Leben ab. Mopsa ist besessen von Benn. Auch als er sich den Nazis anbiedert, sie und die Mutter nach Pars fliehen, sie in ein Lager deportiert wird, dort lebend wieder herauskommt, hat sie nur eines im Sinn: Benn zu sehen und von ihm auch nur ein einziges Mal zu hören: Ich liebe dich. Der hat jedoch andere Frauen, heiratet eine bequeme Ilse, ist nach dem Ende der Nazizeit wieder hoch gelobter Dichter. Mopsa stirbt an Krebs, ohne von ihm ein Liebeswort gehört zu haben.

In jedem Sinn – schwere Kost.

Dennis Lehane: Der Abgrund in dir
Aus dem Amerikanischen von Steffen Jacobs und Peter Torberg. Diogenes Verlag

Der Autor packt in den 500-Seiten starken Krimi alles hinein, was gerade im Krimi- und Belletristikgenre en vogue ist:

1. Die Protagonistin Rachel geht nach dem Tod ihrer Mutter auf Vatersuche – nicht sehr logisch, warum nicht zu Lebzeiten der Mutter.? Das Waisenkind, der Jugendliche ohne Vater – ein beliebtes Motiv in der amerikanischen Literatur.

2. Ihre Vatersuche dauert bis auf Seite 300 – da beginnt  der Leser die Hauptfigur  als sehr nervig zu empfinden und steigt schon teilweise aus.

3. Natürlich darf das in der Belletristik überstrapazierte Motiv „Frau sucht Mann“ nicht fehlen. Rachel findet sehr schnell einen Ehegespons und ist auch sehr schnell wieder geschieden.

4. Rachel macht Karriere. Als berühmte Fernsehreporterin berichtet sie über das große Erdbeben in Haiti, wird aber bald von dort abgezogen, weil ihre Reportagen zu „gefühlig“ sind. Sie selbst kann das Elend, das sie gesehen hat, nicht vergessen, fühlt sich irrationaler Weise für den Tod eines Mädchens schuldig und erleidet so heftige Panikattacken, dass sie sich nicht mehr aus dem Haus traut. Die Panikattacken werden ausführlich – zu ausführlich – beschrieben.

5. Der Leser fragt ungeduldig: Wann beginnt der Krimi?

6. Wie so das Leben spielt: Rachel verliebt sich in einen charismatischen Mann, die beiden heiraten und führen eine glückliche Ehe. Noch immer kein Krimi, aber der Leser beginnt zu ahnen, dass das Glück bald bröckeln wird.

7. Ab Seite 377 wird es wüst – die Welt um Rachel zerbröselt, ist ihr Ehemann ein Krimineller, ein Bigamist?  2 Kriminelle dringen in die Wohnung ein, schießen Rachel ins Rückenmark. Da heißt es: „Die Knochensplitter trieben in ihrem Blutkreislauf“ – doch Rachel marschiert unversehrt aus der Wohnung! Wie geht das????

8. Es kommt noch wüster: Rachel erschießt ihren Ehemann und wirft die Leiche ins Meer. Doch oh Wunder, als sie den Leichnam mit Steinen beschweren will, ist er pfutsch. Denn er lebt….Da spätestens verließ ich die Story.

Petra Piuk: Toni und Moni. Verlag Kremayr & Scheriau

Heimatromane, Dorfgeschichten haben eine lange Tradition. Zu den besten zählen wohl die Novellen von Marie Ebner von Eschenbach. Sie war eine genaue Beobachterin und kritisierte vor allem die Herzlosigkeit der Oberschicht. Einen liebevoll-verständnisvollen Blick hatte sie für die „kleinen Leute“, deren Nöte sie nur allzu gut verstand. Einen ähnlichen Blick mit Herz und Verstand und wacher Kritik für Strömungen des aufkommenden Nationalsozialismus im ländlichen Österreich hat Theodora Bauer in ihrem Debütroman „Chikago“ (sic!). Juli Zeh wiederum entwirft in ihrem 600 Seiten starken Roman „Unterleuten“ ein kritisches Bild eines Dorfes, das die Zeiten der DDR bis heute nicht vergessen konnte. Mord, Bestechung, Spekulation und Neid sind an der Tagesordnung.

Nun also „Toni und Moni“. Kremayr & Scheriau hat es sich zur dankenswerten Aufgabe gemacht, junge Autoren und Autorinnen besonders zu fördern. Petra Piuk ist eine davon. Sie stammt aus dem Südburgenland und kennt „ihre Pappenheimer“  Im Untertitel „Anleitung zum Heimatroman“ wird die Stoßrichtung deutlich: Mit Witz, Humor und Satire nimmt sie ländliches Denken, Handeln aufs Korn. Da werden Familienidyllen zerstört – : „wie ich der Mama den letzten Verstand raubte“. Seite für Seite wird die Idylle des fiktiven Dorfes Schöngraben an der Rauscher aufgebaut und sukzessive demontiert. Ein Mord geschieht, ohne ihn kommt ja keine Dorfgeschichte aus!  Die Leiche wird zerstückelt und auf dem Viehfriedhof des Dorfes verscharrt. Die Moni heiratet den Toni, bekommt das Kind. Dann vergiftet sie den Toni, erstickt das Kind und erschießt alle Dorfbewohner. Die Heimatidylle als volles Fiasko! Man lacht, weil die Autorin sich in schrägen Ideen überschlägt, dauernd die Erzählperspektiven ändert und überhaupt wie der Puck im Sommernachtstraum ihr Unwesen im Dorf und im Roman treibt. Wer finsteren Humor mag, dem sei das Buch empfohlen.

Verena Stauffer: Orchis. Verlag Kremayr&Scheriau

Ein Romanerstling, der einiges verspricht., Wenn die Autorin einmal ihre ausufernde Sprachphantasie in etwas kontrolliertere Bahnen lenkt, dann darf man in Zukunft einige aufregende Texte von ihr erwarten.

Deutschland, Mitte des 19. Jh., im Erzgebirge. Dort wohnt der Orchideenforscher Anselm – noch immer bei seinen wohlhabenden Eltern. Er ist von der Idee besessen, die seltene Orchidee, den „Stern von Madagaskar“, als Erster zu finden und zu botanisieren.  Dabei treiben ihn wissenschaftliche Neugier und die Sucht nach Ruhm an. Also bricht er zu der Insel im Indischen Ozean auf. Auf dem Schiff findet er einen Interessensgenossen, den Engländer Lendy. Gemeinsam starten sie die gefährliche Expedition in den Osten der Insel. Dabei hat der Leser genügend Gelegenheit, die blühende Phantasie der Autorin zu bewundern. Wie sie die Insel in aller Exotik, Buntheit und Gefährlichkeit schildert, das zeugt von eindrucksvoller poetischer Kraft  Allerdings werden einzelne Passagen ermüdend lange ausgedehnt – eine Kritik, die für das ganze Buch gilt-. Anselm findet wie in einem totalen Sinnesrausch die Orchideen in der vollen Blühphase, dazu noch die seltene Sobralia, die eine ganze Wiese bedeckt. Er verfällt in einen totalen Rausch, den Lendy nicht nachvollziehen kann. Mühevoll kehren sie mit den seltenen Exemplaren beladen in den Hafen zurück und besteigen das Schiff, das sie nach Deutschland zurückbringt. Auf dem Schiff gehen einige wertvolle Exemplare der Orchideen verloren und Anselm wird durch den Schock schwer nervenkrank. Nach der Entlassung aus der Nervenheilanstalt und einer kurzen  Zwischenzeit als Professor an einer deutschen Universität fährt er zu einem Orchideenkongress in London, wo ihn geheimnisvoller Botaniker auf die Fährte einer seltenen Orchidee in China setzt. Dass das alles nur eine Finte war, um Anselm zu blamieren und aus London wegzulocken, erfährt er zwar später. Doch da ist er schon auf dem Weg nach China. Dort gelangt er in ein abgelegenes „Färberdorf“, wo die Bewohner aus einer seltenen Orchidee Stoffe blau färben. Es hat den Anschein, als ob der Wirrkopf und Phantast Anselm endlich angekommen ist.

Der Stil ist ein Gemisch aus banalen Schilderungen (Kutsche besteigen, Koffer packen), langen wissenschaftlichen Abhandlungen und phantasievollen Schilderungen von Landschaften und Traumsequenzen.

Mit diesem Roman muss man Geduld haben, ihn „kommen lassen“ oder besser: sich auf ihn einlassen. Eilige Leser werden ihn bald weglegen.

 

 

Liessmann: Die kleine Unbildung. Gezeichnet von Nicolaus Mahler. Zsolnay Verlag

Eine köstliche Kurzfassung von Liessmanns Scheltensammlung: Bildung als Provokation (ebenfalls Zsolnay).

Da beutelt uns Liessmann ganz schön her, packt unser eingerostetes Denken beim Schopf.. Unterstützt von Nicolaus Mahlers Zeichnungen, der uns Lesern die Dummheit in der Welt und die eigene Dummheit mit kräftigen Strichen vor Augen führt. Witzig, provokant, unterhaltsam allemal. Liessmann weckt uns auf, wenn wir bei den Kultursendungen im ORF 2 und III  über der kritiklosen Berichterstattung eingeschlafen sind. Amüsant, aber eigentlich zum Weinen, wenn er die Bildung als hinschwindendes Gespenst, das es bald nicht einmal mehr als Gespenst geben wird, einmahnt Eine pure Freude hat man, wie er sich auf Begriffe wie „Kompetenz“, „Reformbedarf“, „Evaluierung“ einschießt. Mahler nimmt sie auf die zeichnerische Schaufel, und tut sie als gewogen, aber für zu leicht befunden ab. Man möchte das Büchlein allen Politikern, besonders den für Schule, Kultur und Bildung zuständigen, aufs Nachtkasterl oder den Schreibtisch legen!!

Meine Lieblingszeichnung finde ich auf Seite 73. Anschauen! Ich verrate nicht, was und warum.

Meine Empfehlung: Das Büchlein immer mit sich tragen und bei guten Gelegenheiten daraus zitieren – besonders in „bildungsbeflissener“ Gesellschaft.

Barbara Rieger, Bis ans Ende, Marie. Kremayr&Scheriau

Barbara Rieger wird zur so genannten jungen Literatur gezählt. Und in mir entsteht der Verdacht – nach einigen Romanen dieses Genres und vielen Stunden, die ich mit Lesen dieser verbrachte, dass junge Literatur zumeist sich  aus folgenden Verben zusammensetzt: ficken, kotzen, saufen, kiffen.

Nun aber etwas ernster: Die Icherzählerin -jeder 2. Satz beginnt mit „Ich“ – ist nach ihrer Scheidung ziemlich haltlos. Sie studiert, aber nur pro forma. Verliebt sich in einen Studenten, der sie aber nicht beachtet . So lässt sie sich in die Welt von Marie fallen, die nur eines will: Sex, egal mit wem, möglichst oft. Die verklemmte Icherzählerin bewundert Marie, möchte mit ihr gleichziehen. Säuft – das tut ihr nicht gut – sie kotzt, kifft – das tut ihr nicht gut – sie kotzt und wird krank, nur eines kann sie noch nicht: ficken. Doch am Ende kommt es doch zu einem „Dreier“: Sie, Marie und deren Freund Tom. Ende gut, alles gut, als Tom das Kondom aus ihr herauszieht, kann sie endlich lachen und findet alles o.k. Ob es ein befreites oder verzweifeltes Lachen ist, bleibt unklar.

Nur um dem Vorwurf entgegenzuwirken, dass ich prüde wäre. Nein, als geübte Leserin habe ich schon mehr verdaut als dieses Anfangswerk. Aber es ist eben ein Anfangswerk – Sprache simpel, Inhalt simpel, auch wenn sich die Autorin bemüht, die Story mit wilden Träumen aufzumotzen.

Evelyn Waugh; Expedition eines englischen Gentleman. Diogenes. Aus dem Englischen: Matthias Fienbork

Der Autor und Reisejournalist Evelyn Waugh reiste im Oktober 1930 nach Addis Abeba, um über die Krönung Haile Selassies zum König von Äthiopien zu berichten. Für mich ist dieses Buch eine Reise in die Vergangenheit meiner eigenen Vergangenheit. Nein, ich bin noch nicht so alt, dass ich dieses Ereignis hätte miterleben können. Aber die beschriebenen Orte: Addis Abeba, Harar, Aden und dieInsel Sansibar habe ich in um die Jahrtausendwende selbst bereist. Daher war es für mich interessant zu lesen, wie Evelyn Waugh sie sieht und beschreibt.

Addis Abeba war für mich eine blick- und charakterlose Stadt, es gab kein ausgewiesenes Zentrum, jemanden aufzusuchen war nur mit einem erfahrenen Taxler möglich. Die Regierung übte strenge Kontrollen auf die Medien aus – die erste Redaktion, die ich besuchen wollte, war geschlossen: Alle Redakteure waren am Vortag ins Gefängnis gesteckt worden. Der Grund war nicht nachvollziehbar. Dieses Chaos – nur anders gelagert – beherrschte schon 70 Jahre vorher die Stadt. Die Krönung schildert Evelyn Waugh eher wie eine Disneyverfilmung, nichts ist ernst zu nehmen. Man schmunzelt über die aufgeblasenen Zeremonien und das Protokoll, das ewig aus dem Ruder läuft. Harar habe ich als faszinierende Stadt in Erinnerung – geheimnisvoll und wunderschön. Er sieht sie eher als disaströs. Die Hafenstadt Aden war bei meinem Besuch nur eine Anhäufung von dreckigen Straßen und kaputten Häusern, Waugh hingegen gefiel sie. Vor allem wegen der gemütlichen Clubs, in denen sich die buntesten Gestalten trafen. Nun, die sind wohl alle schon längst Geschichte. In Sansibar, wo ich  ich begeistert zwischen den alten Häusern der Hauptstadt umherstrich, langweilte er sich entsetzlich, weil es keine politischen Debatten gab und alles seinen gemächlichen, langweiligen Gang ging.

F ür Leser, die noch keinen der genannten Orte besucht haben, ist Waughs „Expedition“ -der Titel ist eine ironische Übertreibung – wahrscheinlich  einschläfernd. Wer diesen Teil Afrikas ein wenig kennt, der kann interessante Vergleiche ziehen-.

Lucía Puenzo, Die man nicht sieht. Wagenbach

Dem Wagenbach-Verlag muss großes Lob gespendet werden, weil er sich um junge Literatur, insbesondere um lateinamerikanische Erzählerinnen bemüht. Lucía Puenzo, geboren 1976 in Buenos Aires, gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen Argentiniens. Als Filmemacherin heimste sie beim Filmfestival in Cannes für ihren Debütfilm „XXY“ viele Preise ein. Auch als Romanautorin ist sie äußerst erfolgreich.

Mit dem Roman „Die man nicht sieht“ (sehr gut übersetzt von Anja Lutter) hat sie treffsicher ein brennendes Problem spannend aufgegriffen: Die Straßenkinder von Buenos Aires. Man sieht sie überall: Als Kartonsammler, als Blumenverkäufer, als Autoscheibenwäscher an den Kreuzungen und als Bettler. Puenzo schildert in diesem Roman das Schicksal dreier Kinder, die von einem gewissenlosen Boss für Hauseinbrüche eingesetzt werden. Ismael ist 15 und kennt alle Tricks, Enana ebenfalls 15 und kennt keine Furcht, ihr Bruder Ajo ist gerade einmal 6 und auf Grund seiner Wendigkeit ein wichtiges Mitglied der Gruppe. Sie sind so erfolgreich, dass sie der Boss nach Uruguay verkauft, wo sie unter unmenschlichen Bedingungen, nur auf sich allein gestellt, nach Anweisungen per Handy in die Villen von Superreichen einbrechen sollen. Dass das nicht lange gut geht, ahnen sie bald…

Puenzo kennt sich in dieser Szene aus, weiß, wie bestechlich die Securitymänner, wie korrupt die Reichen sind und wie hilflos die Kinder ihren Ausbeutern ausgeliefert sind. Ihr Stil ist trocken, nie Mitleid heischend, nie sozialvoyeuristisch. Man liebt diese drei Kinder von Anfang an, folgt ihnen atemlos durch ihre Einbrüche und Abenteuer und kann sie erst loslassen, wenn die letzte Zeile gelesen ist. Puenzo gelingt es, kritische Blicke in die Gesellschaft der Reichen von B.A. und Uruguay zu werfen, ihren überbordenden Luxus mit einem Schuss Humor zu schildern. Köstlich die Szene, als die Kinder in das Schlafzimmer eines Hauses eindringen und die nackte Ehefrau mit nacktem Liebhaber mitsamt wenig erstauntem Ehemann – der allerdings im Anzug – antreffen.  Wenn sich Ajo über das Spielzeug der Kinder mit Lust hermacht und in seinen Rucksack einpackt oder Ismael sich nicht genug über selbst schließende Sportschuhe wundert, wenn dieses fremde Luxusleben den Kindern so fern erscheint, wie der Mond.

Das Buch gehört gelesen!!! Es steht ganz oben auf der Silvia-Matras-Bestsellerlist!!!

www.wagenbach.de

Elsa Ferrante, Die Geschichte des verlorenen Kindes.Suhrkamp

Eine Enttäuschung! Nach den spannenden und gut geschriebenen ersten 3 Teilen ist der Autorin offenbar die Erzählluft ausgegangen. Die Geschichte umfasst die 70er -bis 2000er Jahre. Wenig politisch, eher leicht hysterische Nabelschau. Die Erzählerin erreicht als Schriftstellerin ein gewisses Maß an Bekanntheit, ihre Scheidung von Ehemann, ihr Scheitern der neuen Beziehung mit Nino, das Erdbeben in Neapel, die Probleme mit den Kindern – all das wird sehr langatmig erzählt. Besonders ausführlich aber ergeht sich Ferrante über die Schreibprobleme der Protagonistin – sieht ganz danach aus, als wären es ihre eigenen.

Olivia Elkaim, Modigliani, mon amour. Verlag Ebersbach & Simon.

Elkaim beschreibt die furiose Liebe zwischen dem Maler Modigliani und der um 14 Jahre jüngeren „Hobbymalerin“ Jeanne Hébuterne.  Sie stammt aus einem bigotten, tiefbürgerlichen Haus, verlässt ihre Eltern und zieht ins Atelier Modiglianis. Erlebt die Pariser Kunstszene gegen Ende des 1. Weltkrieges. Wird schwanger, erleidet Hunger, Verlustängste, Modigliani lässt sie immer wieder im Stich. Als er todkrank wird, pflegt sie ihn bis zu seinem Tod. Dann stürzt sie sich aus dem 5. Stock der elterlichen Wohnung. Man fasst es nicht, was diese junge Frau, fast noch ein Mädchen, alles auf sich genommen hat, sich selbst und ihr Maltalent total verleugnend, Spott, Armut und Schmerzen ertrug, und dennoch an dieser schier tödlichen Liebe festhielt.

Die Autorin findet eine rasante, furiose und dennoch kühl-distanzierte Sprache, ohne je ins Klischee abzugleiten. Ein mitreißendes Buch. Die Übersetzung von Judith Petrus ist kongenial.

Jürgen-Thomas Ernst, Schweben. Braumüller Verlag

Für mich eine Neuentdeckung! Jürgen-Thomas Ernst hat , unbemerkt vom Feuilleton, eine kleine Kostbarkeit geschrieben. Seine bewusst einfache, klare Sprache ist angepasst an das Tun und Denken der beiden Protagonisten Josef und Rosa. Beide sind nicht mit Reichtümern gesegnet, arbeiten unter widrigen Umständen in einer Fabrik. Aber sie haben einander – schon allein der Gedanke und das Wissen um den anderen macht sie glücklich. Josef träumt oft vom Schweben und das Glücksgefühl, das er dabei empfindet.  Er weiß auch, dass Rosa die Ursache für diese Träume  ist. Es ist ein Roman vom Glücksgefühl, das Menschen empfinden, die nicht vom Leben verwöhnt werden, und dennoch in ganz alltäglichen Situationen zufrieden mit dem. wie es ist, sind. Immer wieder ist es Rosa, die Josef auf solche Moment hinweist. Beim Lesen dieses zauberhaften Romans denke ich  an Robert Seethalers Buch „Ein ganzes Leben“: Andreas Egger hat ein hartes Leben, er überlebt Krieg und Katastrophen. Und hadert nie mit seinem Schicksal. Beide Schriftsteller schreiben über Menschen, die unaufgeregt leben und gerade darin ihre Stärke beziehen.

Ich empfehle allen dieses Buch zu lesen, besonders dann, wenn sie gerade „auf höchstem Niveau“ ihr eigentlich gutes Leben bejammern. Vielleicht mag der eine oder andere Leser meinen, die Art, das Leben zu betrachten, wie es Rosa und Josef tun, sei unrealistisch, kindlich oder kitschig. Für solche Lebensskeptiker empfehle ich das Buch doppelt und dreifach!

Anthony McCarten: Jack. Diogenes Verlag

Ich gehöre einer Generation an, die sich aus den „Beatniks“ nicht viel gemacht hat. Für mich war diese Strömung der Wilden, Drogensüchtigen, Rauschdichter etc passé. Ich habe die Literatur dazu einfach nicht beachtet. Nun bekomme ich McCartens Roman „Jack“ in die Hand. Gleich einmal entstand für mich die Frage: Ist das nun ein Roman, eine Romanbiografie oder eine Pseudoromanbiografie? Ich musste erst einmal nachschlagen, ob es den Dichter Kerouac überhaupt gegeben hat. Und ob es ihn gab!! Er soll ja den Begriff „Beatniks“ geprägt haben. Sein Roman „Unterwegs“(1959) war und ist für viele die Bibel, eine Anleitung zum ungeordneten, aufmüpfigen Leben. Und dann denke ich: Kerouac könnte auch der heutigen Junggeneration, die als „lost Generation“ gerne bezeichnet wird, Antrieb zum Umtrieb geben.

Doch zum Roman: Der einst so berühmte Dichter Jack >Kerouac (1922-1969) ist in der Versenkung verschwunden und die Literaturstudentin Jan Weintraub stöbert ihn auf. Es gelingt ihr, sein Einverständnis für eine Biografie zu bekommen. O.k, – bis hierher ein häufiger Trick in Gegenwartsromanen: Einer, eine macht sich auf die Suche nach einem wirklichen oder erdachten Autor, Musiker, Genie etc auf und entdeckt dabei sich selbst. Oder entdeckt, dass er/sie doch anders ist, als sie/er von sich bisher geglaubt hatte. Aber McCarten strickt ein anderes Muster: Er liefert mehrere Möglichkeiten des Ichs, die Figuren führen nicht ihr eigenes Leben, sondern ein vorgetäuschtes. Die alte philosophische Frage nach dem Ich wird immer wieder neu aufgerollt, neu bespiegelt. Am Ende ist Kerouac nicht fassbar, die Literaturstudentin nicht diejenige, als die sie sich ausgibt.

Ein geschickt gebauter Roman rund um die Frage: Wer bin ich? Nicht als Krankheitsbild oder als philosophischer Diskurs behandelt – die Antwort bleibt natürlich aus.

Tipp: Anthony McCarten schrieb auch das Drehbuch zu dem Film: „Die dunkelste Stunde“ – spannend und absolut sehenswert!

Joachim Missfeldt, Sturm und Stille. Rowohlt

Joachim Missfeldt schrieb eine feinsinnige Geschichte über den Dichter Theodor Storm und seine Liebe zu Doris Jensen und  zugleich auch ein Zeitporträt. Schon als junges Mädchen verliebt sich Doris in den arrivierten Rechtsanwalt und bekannten Dichter Theodor Storm. Sie schwärmt ihn an und er nimmt die Schwärmerei wohlwollend wahr, fördert sie mit kleinen Gesten. Für Doris ist es eine ausgemachte Sache, dass Storm ihre große Liebe ist, an der sie auch festhält, als Storm seine Verlobte Constanze heiratet. Im März 1847 bricht über Husum ein Sturm los und bald darauf Stille. Eine Stille, die der jungen Doris gut tut. Eine vollkommene Stille, wie sie sonst nie das Haus erfüllt. Da hört Doris, wie jemand über die Efeuranken zu ihrem Fenster emporklettert. Es ist Storm. Sie öffnet ihm Fenster und Herz und eine lange, für sie ein Leben lange Liebe beginnt. Aber die Affäre wird bald publik, Doris verlässt ihr Elternhaus. Storm heiratet seine Constanze, die ihm sieben Kinder schenken wird. Die Ehe ist glücklich. Als Constanze stirbt, flammt die Liebe wieder auf – für Doris war sie nie erloschen. All die Jahre hat sie geduldig ausgeharrt, Storm lange Zeit nicht gesehen. Nach einem Trauerjahr heiraten die beiden…

Das ist in großen Zügen die Geschichte. Doch wie Joachim Missfeldt sie beschreibt, zeigt die große Kunst eines Biographen, der tief in das Seelen- und Gedankenleben einer Frau einzusteigen wagt. Er erzählt aus ihrer Sicht, verknüpft geschickt die Wetterbeobachtungen, die Doris getreulich in ihr Tagebuch einträgt, mit dem Seelenleben. Sturm und Kälte, Regen, ein heißer Sommer, die Landschaft und das Leben der Menschen in ihr und mit dem Wetter sind agierender Teil des Romans, den man wohl eher Romanbiografie nennen sollte. Es verblüfft, wie sich der Mann Joachim Missfeldt in die Seele einer Frau hineinversetzen kann. Noch dazu in die einer Frau, die viele Jahre ohne zu klagen oder aufzubegehren auf „ihre Liebe“ wartet. Das mag aus heutiger Sicht unverständlich sein, aber so war es eben. Und diese fast unwahrscheinliche Liebe glaubhaft zu schildern ist dem Autor sehr gut gelungen.

Christoph Poschenrieder: Kind ohne Namen. Diogenes Verlag

Wer Poschenrieder kennt, der weiß, was ihn erwartet: Nix ist fix, alles ist möglich, die Abenteuer sind im Kopf. Die Phantasie regiert. So auch in diesem Roman. In einem Dorf, ganz ohne Handyempfang, kann sein in Deutschland, Schweiz, Österreich, kann aber auch überall sein, passiert Gespenstisches. Ein geheimnisvoller Burgherr herrscht über die Bewohner, tyrannisiert die Mutter von Xenia, hat ihren Sohn zu seinem persönlichen Sklaven gemacht. Xenia kehrt aus der großen Stadt zurück ins Dorf. Sie erwartet ein Kind, will aber es weder die Mutter noch die Dörfler wissen lassen. Da werden Flüchtlinge in der aufgelassenen Schule einquartiert. Und es kommt, wie erwartet: Sie werden von den Bewohnern gemobbt, ja sogar gehasst. Nur Xenia und ihre Mutter suchen die Kontakte und die Deeskalation. Xenia verliebt sich sogar in den Flüchtling Ahmed, hofft, sie kann mit ihm ein Leben aufbauen. Das Kind kommt zur Welt. Der Burgherr erhebt aufgrund eines mysteriösen Vertrages mit der Mutter Xenias Anspruch auf dieses Kind, solange es nicht getauft ist. In einer Nacht- und Nebelaktion lässt Xenia das neugeborene Mädchen taufen. Damit ist dieser ziemlich verwirrende Erzählstrang abgehandelt. Den Leser lässt er etwas ratlos zurück. Aber so ist Poschenrieder….Er schreibt und phantasiert, nicht immer an seine Leser denkend. Der geschäftstüchtige Burgherr plant Container im Dorf aufzustellen, um noch mehr Flüchtlinge unterbringen zu können und mit ihnen gutes Geld zu machen. Doch da explodiert der Volkszorn. Ahmed flieht. Xenia lässt den Burgherren in den Tod fahren—–eine wilde Story. Am Ende scheint sich alles zum Guten zu wenden – die Dörfler machen ihren Frieden mit den Flüchtlingen.

Poschenrieder handelt in dem Roman subtil die ganze Skala der Fremdenfeindlichkeit und der allzu häufig gehörten Meinungen der Gutmenschen ab und versucht dabei als objektiver Erzähler zu wirken. Was ihm nicht gelingt, denn seine Sympathien sind eindeutig  bei Xenia, der mutigen „Retterin“.

Helmut Lethen: Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich. Rowohlt Berlin

DaNach der politischen Idee aus der Zeit der Weimarer Republik wurden 1933 neue „Staatsräte“ ernannt. Ihr offizieller Aufgabenbereich: „Sie stehen dem Führer mit Rat, Anregung und Gutachten zur Seite“ – so die Definition des Juristen Dr. Carl Schmitt, einer der vier Staaträte, die Helmut Lethen in seinem Buch beschreibt.  Ihre politische Wirkungsmacht ist zweifelhaft. Man kann eher von Scheinwirkungen sprechen. Die Idee kam von Hermann Göring: Es wurden Männer ausgesucht, die nichts im Staate zu sagen hatten, aber doch bedeutende Namen trugen, wie  Gustav Gründegens, Schauspieler und Intendant des Staatlichen Schauspielhauses, der Dirigent Wilhelm Furtwängler, der Chirurg Ferdinand Sauerbruch und der Jurist Dr. Carl Schmitt. HelmuthLethen lässt die vier Staatsräte viermal zu geheimen Gesprächen zusammenkommen. Diese Treffen fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt ohne irgendeinen politischen Auftrag. Übrigens hielt Hitler selbst nichts von der Idee der Stadträte, kam zu keinem Treffen und fragte auch keinen dieser Herren um Rat.

Lethen „rekonstruiert“ nun diese vier Gesprächsrunden. Da es keine Aufzeichnungen gibt, nennt er sie „Geistergespräche“. Die Erfindung dieser Gespräche ist zugleich die Crux des Buches: Die Gespräche geraten dem Autor allzu theoretisch. Gründgens spricht über den Schein, die drei Zuhörer (und der Leser) langweilen sich. So nebenbei erfährt der Leser etwas über die Prunksucht des Schauspielers, sein riesiges Anwesen und seinen luxuriösen Lebensstil. Beim zweiten Treffen, das auf dem Landgut Görings stattfindet, spricht der Jurist Carl Schmitt über den Begriff „Feind“. Auch er stößt nicht auf allzu viel Interesse. Im dritten Treffen brilliert der „große Chirurg“ Sauerbruch über den Vorteil des Krieges, der ihm die Möglichkeit gab, ganz neue Prothesen zu entwickeln. Zynisch lässt er Kriegsverletzte mit Prothesen als Schauobjekte auftreten. Das vierte Gespräch findet im Dirigentenzimmer Furtwänglers statt. Die vier überhören die Sirenen, die britische Bomber ankündigen. Es ist zu spät, um in den Luftschutzkeller zu rennen. Furtwängler spricht gelassen weiter über die Harmonie in der klassischen Musik und wettert gegen die „Neutöner“.

Die vier Männer hatten im politischen System nichts zu sagen und zu entscheiden. Sie wähnten sich sicher während der ganzen Nazizeit und nach dem Zusammenbruch genau so sicher vor gerichtlicher Verfolgung. Und tatsächlich kam es nur zu einem kurzen Karrierestopp. Nach einigen eher ungemütlichen Verhören konnten alle bis auf Schmitt ihre Karriere ungehindert fortsetzen. Schmitt wird dreimal verhaftet und verhört, verliert seine Professur an der Berliner Universität. Gründgens steht 1947 schon wieder auf der Bühne – ausgerechnet als Orest in Sartres Résistancedrama „Die Fliegen“. Sauerbruch bleibt auch nach Kriegsende Chef der Chirurgischen Klinik der Charité. Furtwängler wird 1946 von einer Berliner Untersuchungskommission von jeglicher Schuld freigesprochen, Zitat: „Bis zu seinem Tod geistert Furtwängler als heiliggesprochener Dirigent durch die Konzertsäle Europas.“

Was war das Ziel des Autors? – vielleicht aufzuzeigen, wie es sich so manche im Dritten Reich richten, ihr Gewissen beruhigen und sich mit der Macht arrangieren konnten. Doch der Autor strapaziert die Geduld des Lesers durch theoretische Exkurse allzu sehr.

Andrea DeCarlo: Das Meer der Wahrheit. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Diogenes Verlag.

Andrea DeCarlo ist für ganz Italien, was Donna Leon für Venedig ist: Er wählt brisante, aktuelle Themen, packt sie in ein spannendes Sujet mit dazu passendem Umfeld. Diesmal geht es um das heikle Thema der Empfängnisverhütung, die ja immer noch vom Vatikan aus verboten ist. Doch es gibt – so im Roman – eine brisante Aufforderung eines gewissen Kardinals Ndionge, der vor seinem Tod noch ein eindringliches Schreiben an den Vatikan richtet. Doch das Dokument ist verschwunden. Wurde von Mitgliedern der Mitte-Links Partei „Mirto Democratico“ im Interesse und Auftrag des Vatikans vernichtet.

Geschickt baut Andrea DeCarlo in der Geschichte zwei Lebensformen, typisch nicht nur für Italien, auf: Da ist Lorenzo, der erfolgreiche Politiker, der nur für seine Karriere lebt, kämpft und sogar morden lässt, und auf der anderen Seite sein Bruder Fabio, der typische Aussteiger. Er hat sich in ein einsames Dorf im Apennin zurückgezogen aus Sehnsucht nach „einem nicht besetzen Raum“.  De Carlo stellt in dem Roman die Frage, wie Lebenstentscheidungen entstehen: Ist es sinnvoll, alles abzubrechen und unter primitiven Bedingungen zu leben? Ist es sinnvoll, in der hektischen Stadt durch Beruf und Ehrgeiz gestresst zu leben?

FAzit des Romans: Die italienische Politik – und nicht nur die italienische – liegt im Argen. Dass die Jagd nach der letzten noch vorhandenen Kopie des Dokuments ein eher hollywoodähnliches Ende nimmt, mag man dem Autor gern verzeihen. Denn der Roman ist faszinierend und bis zum Schluss spannend.

Hans Pleschinski, Wiesenstein. C.H.Beck Verlag

Auf 544 Seiten lebt der Leser das langsame Sterben Gerhart Hauptmanns mit. Der Verlag nennt das Buch einen Roman. Passender wäre „Romanbiografie“. Denn Pleschinski hat genauestens recherchiert und nur wenig der Phantasie überlassen. Diese Genauigkeit ist das Plus und das Minus des Werkes. Denn offenbar wollte der Autor auf kein einziges Detail seiner  Forschungen verzichten. Was teilweise zu einer abundanten Information führt, vor der so mancher Leser kapitulieren könnte. Wer sind die intendierten  Leser dieses „Romans“? – Einerseits Germanisten, die sich für das letzte Lebensjahr des Dichters interessieren. Andrerseits Historiker, die Genaueres über die letzten Kriegsmonate nach der Zerstörung Dresdens und das Schicksal Schlesiens wissen wollen.

Der schwer kranke Gerhart Hauptmann kann dem brennenden Dresden entkommen. Er will in seine geliebte Villa Wiesenstein im Riesengebirge, in der Hoffnung, dort in Frieden sterben zu können. Begleitet wird er von seiner (2.) Ehefrau Margarete, einem Heilmasseur, einer Sekretärin und einer Zofe. Trotz der immer schwieriger werdenden politischen Lage – in Schlesien weiß niemand, wie es nach dem Zusammenbruch des „tausendjährigen Reiches“ weitergehen wird, wem Schlesien gehören wird – versucht das Ehepaar so etwas wie Normalität zu leben. Dazu gehören karge, aber regelmäßige Mahlzeiten, zu denen der Butler mittels Gongschlag ruft, und Diskussionen über das Werk Hauptmanns. Dabei sucht man eifrig nach Stellen im Werk des Dichters, die seine kritische Haltung gegenüber dem Naziregime bestätigen sollen. Man weiß ja nie, welche Machthaber in Zukunft das Schicksal Hauptmanns bestimmen werden. Dass er Kontakte zu politischen Ungeheuern wie Hans Frank hatte, macht Sorgen. Als die Rote Armee näher rückt, drehen sich die Gespräche nur um ein Thema: Was kann Hauptmann vorweisen, um als politisch unbescholten zu gelten? Und wird allein sein Name ihn und sein Gefolge vor der Wut der Plünderer schützen?

Als das Inferno fast schon die Villa Wiesenstein erreicht, da scheint der Autor die Kontrolle über sein Werk zu verlieren. Fast wirkt es, als fände er Gefallen an der Schilderung der maßlosen Gräuel. Mit Akribie schildert er die Not der Flüchtenden, die Toten am Wegrand, zählt die Selbstmorde auf. Als die Russen einmarschieren, wird der Horror neuerlich überdeutlich ausgeführt. Mit dieser Überfütterung an grauenvollen Einzelheiten geht die Gefahr einer gewissen Banalisierung einher. Gekonnte Reduktion wäre mehr!

Gerhart Hauptmann erfährt die Gnade eines raschen Todes. Er darf in seiner Villa Wiesenstein sterben. Danach erfolgt die Evakuierung der gesamten Habe und des Personals.

Margret Greiner: Margaret Stonborough-Wittgenstein. Grande Dame der Wiener Moderne. Kremayr-Scheriau

Die Wittgensteins zählten zu den reichsten Familien Wiens und der Donaumonarchie. Karl Wittgenstein war ein strenger Patriarch, der über seine Ehefrau Leopoldine und seine sieben Kinder ziemlich unbarmherzig herrschte. Dass drei seiner Söhne Selbstmord begingen, ist sicher auch auf die überstrenge Erziehung zurückzuführen. Gretl, wie sie von allen genannt wurde, ließ sich jedoch nicht von ihrem Vater unterjochen, sie wusste sich durchzusetzen und wurde eine starke, selbstbestimmte Frau, die sich neben Kunst auch intensiv mit Naturwissenschaften und Mathematik beschäftigte und sogar ein Semester lang in Zürich studierte. Sie heiratete den Amerikaner Jerome Stonborough und nannte sich fortan Margaret Stonborough-Wittgenstein. Obwohl die Ehe alles andere als gut war, bekam sie zwei Söhne und ließ sich trotz aller Schwierigkeiten von ihrem depressiven Ehemann nie scheiden. Ihren Reichtum verwendete sie nicht nur für sich und ihre Familie, sondern half mit Geld und guten Kontakten in und zwischen den beiden Weltkriegen überall, wo sie Not sah. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie in der von ihr so geliebten Villa Toscana in Gmunden, wo sie trotz Krankheit bis zum Schluss ein offenes Haus führte.

Margret Greiners Stärke ist die Romanbiografie. In dieser  literarischen Form ist sie zu Hause.  Sie erlaubt es ihr, gleichsam in auktorialer Erzählweise die Hauptfigur zu begleiten, ihre Gedanken zu formulieren und Entscheidungen und Taten mit dichterischer Freiheit zu interpretieren. Diese Erzählweise ist nur durch ein intensives Studium der Briefe, Dokumente aus der Zeit und Interviews möglich. Dadurch werden simple Aufzählungen von Namen und Fakten, die so oft Biografien langweilg werden lassen, ausgespart. Gleich zu Beginn schildert Margret Greiner eine der vielen Einladungen im Hause Wittgensteins. Das gibt ihr Gelegenheit, den Prunk der Räume zu entfalten. Die Gäste, wie Brahms, Alt, Klimt und Josef Hoffmann werden nicht im name-dropping aufgezählt, sondern in lebhaften Gesprächen eingeführt. So entsteht ein buntes Tableau der so genannten „guten Gesellschaft“ Wiens. Man hört Schuberts „Winterreise“ – eine Vorausahnung des Todes streift durch den Raum. Der Tod wird in der Familie ein schrecklicher Gast sein: Die Brüder Hans, Kurt und Rudi werden Selbstmord begehen.

Feiner Humor und leise Ironie sind Greiners bevorzugte Stilmittel der Personencharakterisierung. Gretl komponiert zur „Mordsgaudi“ der Familie ein Couplet, in dem sie sich über die Scheinheiligkeit der Reichen mokiert. Vom Schlussrefrain „Hauptsache, die Fassade bröckelt nicht…“ fühlte sich niemand im Hause Wittgenstein im Geringsten angesprochen“. Mit diesem trockenen Nachsatz wird nicht nur die Familie charakterisiert, sondern mit auch  die Gesellschaft rund um die Jahrhundertwende. Ironie blitzt auch bei der Beschreibung der Hochzeitsnacht und des ehelichen Sexuallebens Margarets durch. Da heißt es: „Alles falsche Überhöhung.“

Immer wieder verblüfft es, mit welcher Feinfühligkeit Margret Greiner  künstlerische Werke  interpretiert: Klimt malt Gretl und „was er entdeckte, war die Eleganz ihrer Erscheinung, ihre unkonventionelle Schönheit , eine Sicherheit im Auftreten, wie sie Bildung und Geld verleihen. Unerschrockenheit, kühlen Verstand.Was er erahnte, war ein Herz, das jederzeit der größten Empathie fähig war.“ Besser könnte man den Charakter Margarets, wie er im Bild Klimts aufscheint, nicht charakterisieren.

Gespür für typisch wienerische Ausdrücke ist notwendig, um den Ton der Gesellschaft zu treffen. Auch darin zeigt sich Margret Greiner firm genug. Da ist die Rede von einem „Gschlader“ für schlechten Kaffee, man sudert, raunzt, zerkugelt sich usw. Es ist erstaunlich, wie gut sich die Autorin in das Wiener Milieu der Jahrhundertwende einfühlt. Ihre Stärke ist und bleibt die Romanbiografie. Das bewies sie ja bereits in dem Buch über Emilie Flöge  „Auf Freiheit zugeschnitten“, das 2015 bei Kremayr & Scheriau erschien. Beide Romanbiografien eröffnen dem Leser ein „Tableau vivant“ der Jahrhundertwende. Ihr punktgenau treffender Stil macht das Buch zum puren Lesegenuss.

Buchpräsentation: Margret Greiner, Margaret Stonborohgh-Wittgenstein.

Margret Greiner hat schon ihre Fangemeinde. Seit ihrer Romanbiografie über Emilie Flöge, die Gefährtin Gustav Klimts, ist sie als Autorin bekannt, die es versteht, die Protagonistinnen in die Zeit zu stellen und lebendig werden zu lassen. Nun ist also im Verlag Kremayr&Scheriau  ihr neues Buch erschienen:“ Margaret Stonborough-Wittgenstein. Grand Dame der Wiener Moderne.“ Schon vor Wochen waren die Karten für diese Lesung in der Klimtvilla ausverkauft. Denn das Publikum weiß: Wenn Margret Greiner liest, dann wird es spannend und auch immer wieder humorvoll. Sie spannte gekonnt den Lebensbogen der „Grand Dame“ von der Kindheit in dem reichen, aber emotional kalten Elternhaus über die nicht sehr glücklichen Ehejahre und die schwierige Zeit unter dem Nationalsozialismus bis hin zu ihren letzten Jahren in der Villa Toscana in Gmunden. Die zahlreichen Fragen aus dem Publikum beantwortete sie aus ihrem reichen Wissensschatz ausführlich und charmant. Eben ein echter Profi!

Trost für alle, die keine Karten bekamen: Margret Greiner wird am 8. März 2018 in der Buchhandlung „tiempo nuevo“, Taborstraße 17a, 1020 Wien um 19h aus ihrem neuen Buch lesen. Rechtzeitig kommen, es gibt keine Reservierungen.

Max Haberich, Arthur Schnitzler. Anatom des Fin de Siècle. Kremayr & Scheriau

Als zweiter Untertitel steht: „Die Biografie“, was etwas irreführend ist. Denn der Autor beschreibt  nicht so sehr das Leben Schnitzlers, als vielmehr anhand der Werke die politische Entwicklung der Zeit, vor allem den immer stärker werdenden Antisemitismus.

Dem informierten Leser, der Schnitzlers Werke und die politische Entwicklung um die Jahrhundertwende einigermaßen kennt, vermittelt das Buch nicht viel Neues. Ein Titel wie zum Beispiel “ Schnitzler und der Antisemitismus“ wäre dem Inhalt gerechter gewesen.  Der Autor zählt in chronologischer Reihe  penibel die Novellen, Romane und Dramen auf, beschreibt ihren Inhalt und die Aufführungen der Theaterstücke und führt genau Buch über die jeweiligen antisemitischen Äußerungen und Strömungen, die Schnitzler in Briefen erwähnt oder in seine Werken einfließen lässt. Diese eher biedere Herangehensweise an den Autor Schnitzler ermüdet mitunter den Leser.

Gerne und ausführlicher schildert Haberich Schnitzlers Beziehungen zu den Mädels aus den weniger vornehmen Kreisen und entwirft ein interessantes Frauenbild, das vom Klischee abweicht: Er führt überzeugend an, dass in vielen Werken Schnitzlers diese Frauenfiguren nicht immer nur die Beute der reichen Nichtstuer sind, sondern sich durchaus behaupten können und eigene Lebensentwürfe haben. Diese Argumentation macht Sinn.

Zu wenig widmet sich Haberich der schwierigen Beziehung zwischen Schnitzler und seiner Ehefrau Olga. Dazu sind im Anhang zwar Briefe zwischen Olga und Schnitzler aus der Handschriftensammlung Marbach abgedruckt. Sie dokumentieren, wie schnell die anfängliche Begeisterung Schnitzlers vom ersten Kontakt bis hin zur (eher widerwillig eingegangenen) Eheschließung und zur Scheidung nachlassen. Aber die Briefe geben nur ein fragmentarisches Bild des Zerwürfnisses. Nur wenige Jahre leben die beiden ohne Streit und Hass.. 1920 trennen sich bereits, 1921 lassen sie sich scheiden. Aber so ging es Schnitzler mit all seinen Beziehungen: Sobald die erotische Anziehungskraft nachließ, flaute auch sein Interesse ab. Denn Schnitzler war in erster Linie Schriftsteller, dann erst Liebhaber oder Ehemann.

Etwas eingleisig behandelt  Max Haberich die Stellung des Judentums in Schnitzlers Leben und Werk und  macht es zum Zentralthema. Ohne Zweifel setzte sich Schnitzler mit dem immer stärker werdenden Antisemitismus intensiv auseinander und lässt die diesbezüglichen Sorgen und Probleme in seine Werke einfließen. („Professor Bernhardi“). Aber dass es wirklich das einzig wichtige und alles beherrschende Thema im Leben und Werk Schnitzlers war, ist anzuzweifeln.

Ernst Lothar, Die Rückkehr. Zsolnay Verlag

Ernst Lothar emigrierte 1938 in die USA und kehrte nach Kriegsende nach Wien zurück. In dem Roman verarbeitete er nun eigene Erlebnisse und Eindrücke ,. Seine Figuren legen Zeugnis ab von dem politischen, sozialen und seelischen Chaos, in dem man damals in Wien lebte: Da gab es immer noch die Nazis, die Mitläufer, die Sozialisten und Kommunisten und natürlich die Amerikaner als Besatzungsmacht. In dieses Chaos führt uns der Autor mitten hinein, ohne zu verurteilen. Das Buch ist ein Plädoyer gegen Hass, Wut, Neid und Vernaderei, gegen den nicht auszulöschenden Antisemitismus und gegen Ressentiments, die man in Wien nach 1945  gegen „Rückkehrer“ hatte.

Der Jurist Felix von Geldern und seine Familie sind 1938 in die Staaten emigriert. Nur seine Mutter blieb aus Liebe zu einem Nazibonzen zurück. Felix hat gerade die amerikanische Staatsbürgerschaft bekommen und er macht seiner Freundin Livia ein vages Heiratsversprchen. Er ist also Amerikaner geworden, aber nur auf dem Papier. Im Herzen ist er Österreicher, Wiener geblieben. Als seine Familie ihn beauftragt, nach dem Vermögen und den Immobilien der Familie zu sehen und Rückerstattung zu fordern, ist er sofort bereit, aufzubrechen. Begleitet wird er von der lebensklugen Großmutter Viktoria, die dem Leben gegenüber trotz ihres Alters und Herzleidens sehr positiv eingestellt ist. Sie wird Felix eine tatkräfige und entschlussfreudige Ratgeberin in Wien sein. Denn er selbst verstrickt sich mehr und mehr in alte Liebesgeschichten, Schuldfragen und kommt sogar  in den völlig absurden Verdacht, mit einem ehemaligen Nazi zusammengearbeitet zu haben. Und so erkennt Felix sehr bald: „Nichts passte zu nichts!“ Und er selbst zu niemandem mehr. Aber dennoch  geht er mit offenen Augen und wehem Herzen durch Wien, sieht das Elend der hungernden Kinder, spürt den Hass, der überall lauert und kann sich des Mitleids nicht erwehren mit den Menschen, die zurückgeblieben sind, egal, ob Mitläufer, Täter oder Opfer des Naziregimes. Der Hass, der die Menschen beherrscht, macht einen offenen, unverstellten Zugang unmöglich.

Ernst Lothar erzählt mit Gefühl und Herz. Des öfteren gleitet die Sprache ins Pathetische ab , weil der Autor sich der allzu großen Gefühlsaufwallung nicht erwehren kann. Etwa, wenn er den Spaziergang durch Grinzing oder den Blick auf die Donau und den Kahlenberg schildert. Dieses Abgleiten in starke Gefühle akzeptiert man, weil die Ernsthaftigkeit des Autors dahinter steht.

Der Roman zeigt den Riss, der nach 1945 stärker denn je durch die Bevölkerung Wiens (und Österreichs) geht. Ein Riss, der heute wieder spürbar ist. Deshalb ist „Die Rückkehr“ mehr als nur ein Roman, eher eine Mahnung, achtsam zu sein.. Denn leicht kann es sein, dass man die Kräfte unterschätzt oder gar nicht wahrnimmt, die den Riss verantworten zu haben.

Gloria Goldreich, Die Tochter des Malers, aufbau taschenbuch

Ida Chagall ist die viel geliebte und behütete Tochter des Malers Marc Chagall und seiner Frau Bella. Der biografische Roman konzentriert sich auf das Leben der Tochter, deren konzentrischer Lebensmittelpunkt immer ihr Vater war. So erfährt man viele Details über Marc Chagall als Mensch und als Künstler.

Die Autorin hält sich streng an die Chronologie und an die Fakten, die gut dokumentiert und überliefert sind. Die Geschichte beginnt in Paris. Chagall und Bella leben in gutbürgerlichen Verhältnissen, ohne allzu große Reichtümer. Im Hintergrund ziehen die Kriegswolken auf, Hitler droht in Frankreich einzumarschieren. Ida heiratet sehr früh ihre Jugendliebe. Die Familie flieht nach Südfrankreich, von wo ihr mit knapper Müh und Not und mit Hilfe des mutigen Fluchthelfers Varian Fry und durch  den selbstlosen Verzicht der Schwiegereltern auf ein Visum die Flucht nach New Yor gelingt. Auch dort wird Chagall bekannt und kommt finanziell gut über die Runden. Es ist immer Ida, die alle seine Ausstellungen kuratiert, Verträge macht und für den ganzen Vertrieb der Bilder sorgt. Dabei vernachlässigt sie ihr Privatleben und ihren Ehemann, bis sich die beiden scheiden lassen. In New York stirbt Bella. Marc und Ida kehren nach dem Krieg nach Frankreich zurück. Aufenthalt in Paris und Vence, wo er in der Nähe eine Villa erwirbt. Seine langjährige Gefährtin Virginia Haggard verlässt ihn und nimmt den gemeinsamen Sohn David mit. Ida heiratet den reichen Kunsthändler und Kunsthistoriker Franz Meyer. Ein Sohn und Zwillinge kommen zur Welt. Chagalls „Gesellschafterin“ Valentina Brodsky erreicht es, dass er sie heiratet. Von nun an schwingt sie das Szepter über Chagall, das Haus und die Ausstellungen.

Ein leicht zu lesender Roman, in dem man viel über Chagall erfährt: Eitel und egoistisch, jähzornig und selbstgerecht sind nur einige Eigenschaften, die ihn nicht gerade sympathisch machen. Dass er am Schluss unter der Fuchtel seiner 2. Frau lebt, vergönnt man dem Tyrannen wahrhaftig. Als Maler war er ein „Monster“, wie er selbst sagt: ungeheuer produktiv, von Einfällen nur so sprühend. Die Malerei war ihm das Wichtigste im Leben. Ihr ordnete er alles andere unter.

Einige Einwände sind gegen den oft ausufernden, in den Kitsch abgleitenden Stil zu erheben. Verwunderlich sind schlampige Angaben, etwa dass das Ghetto Nuovo auf der Giudecca liegt. Wünschenswert wären eine Chronologie der Ereignisse und ein Personenregister am Ende des Romans.

Armin Strohmeyr: Geheimnisvolle Frauen. Piper

Im Untertitel umreißt der Autor den Kreis der geheimnisvollen Frauen: Rebellinnen, Mätressen, Hochstaplerinnen. Die Grundgedanken zu diesem Buch liefert das Zitat von Baronin von Berchtesgaden in Theodor Fontanes Roman: Der Stechlin: „…Eine Frau, die nicht rästselhaft ist, ist eigentlich gar keine.“ Ein Satz, den man allen Facebook-Twitter und Blogabhängigen in ihr Hirn schreiben möchte. Wo bleibt heute die Rätselhaftigkeit oder das Geheimnis der Frau? Aber nicht nur der Frau? Auch die Männer verlieren an Charme, Anziehungskraft. Wen interessiert noch ein Mann, eine Frau, der, die jedes Würstel, das sie, er verzehren,  in das Netz stellen? Nicht nur das Würstel, sondern sich selbst dazu beim Verzehren desselben. Die Banalität greift um sich und stilisiert sich hoch zum Alltagsabenteuer.

Nun will ich damit nicht sagen, dass jede Frau eine Filmkarriere wie Greta Garbo anstreben kann oder eine zweite Sissy oder so eine gefährliche Mörderin wie Bonny Parker werden soll oder kann. Denn mit dem Können haperts ja bei den meisten. Aber ein wenig Mut zum Ungewöhnlichen und ein Hauch von Unnahbarkeit täte vielen gut.

Armin Strohmeyrs Auswahl ungewöhnlicher Frauen reicht von der Kaisermörderin Agrippina, die ihren  Ehemann Kaiser Claudius  vergiftete, um ihren Sohn Nero möglichst rasch und sicher auf den Thron zu hieven, über das ziemlich ungewöhnliche Leben der schwedischen Königin Christina bis zur Kaiserin Elisabeth von Österreich. Dabei erfährt man neben viel Bekanntem auch einige verblüffende Details. In der zweiten Riege stehen die Geliebten der Großen, etwa Maria Mancini Colonna, die als junges Mädchen die Geliebte des Sonnenkönigs war. In der dritten Riege findet man die Betrügerinnen, die mit ihrem Charme den Menschen riesige Vermögen abknöpfen. So wie Thérèse Humbert, in deren Salon sich die ganze Pariser Nobelgesellschaft einfand. Weil die charmante Thérèse hohe Zinsen versprach, gab man ihr, fast zwang man ihr hohe Summen auf. Um am Ende zu erfahren, dass sich das Geld in Schall und Rauch aufgelöst hatte. Und in der letzten Riege finden sich auch einige „gute, geheimnisvolle Frauen“,wie die Krankenschwester Edith Cavell, die als Fluchthelferin im Ersten WEltkrieg fungierte und als Spionin von den Deutschen erschossen wurde.

Es entsteht der Verdacht, dass die edlen, empathischen Frauen sich weniger für eine interessante Biografie eignen. Das Böse scheint anziehender, faszinierender zu sein.

 

Andrea De Carlo, Ein fast perfektes Wunder. Diogenes

Die Figuren aus der Showwelt, ihre fiesen Charaktere haben es Andrea De Carlo angetan. Ähnlich wie in dem furiosen Roman „Villa Metaphora“ geht es auch diesmal um die beiden Gegenwelten: Auf der einen Seite die schlichte, herzergreifende Gelateriabesitzerin Milena. Sie begegnet ungebremst dem irren Haufen der Bandgruppe „Bebonkers“ und ihrem verführerischen, charismatischen Leadsänger Nick. Der hat eine Riesenvilla, Security, Autos, Flugzeuge und eine zu Recht eifersüchtige Noch-nicht-Ehefrau, die gerade mit wütender Akribie die Hochzeit vobereitet. Doch Milena mit ihrem einmalig guten Eis funkt dazwischen. Und so geschieht ein fast perfektes Wunder: Der Star Nick verliebt sich in die „kleine Eisverkäuferin“ und sie sich in ihn. Das wäre der beste Bratenfond für einen Kitschroman – nicht so bei Andrea De Carlo. Durch seine punktgenaue Analyse der Fan- und Musikwelt, des Größenwahns und Irrsinns, der in dieser Welt herrscht, verflüchtigt sich der Kitsch auf gleich Null. Auch Milena wird nicht allzu sehr mit Romantik ausgestattet. Sie lebt in einer lesbischen Beziehung. Die beiden Frauen haben beschlossen, ein Kind zu bekommen. Milena soll es mittels künstlicher Befruchtung zur Welt bringen.

So die Fakten, als Nick und Milena wie zwei Meteore aufeinanderprallen. Das kann nur schrecklich enden! Meint man. Und tatsächlich fliegen die Vasen, die Beleidigungen durch die Räume der Villa. Der Show-down könnte nicht herrlicher sein. Kein Stein, keine Vase bleibt ganz. Körper wälzen sich auf dem Boden.  Doch leise, leise schleicht Nick aus dem Haus, leise, leise Milena aus ihrer Wohnung. Sie gehen wie Schlafwandler aufeinander zu. – Am Flughafen, wo natürlich das Flugzeug Nicks steht, treffen sie aufeinander. So viel Ironie schützt vor Kitsch. Aber dennoch genießt der Leser den Hauch von Romantik, der über dem Ende liegt. Die hauchdünne Nahtstelle zwischen Kitsch und Ironie weiß Andrea De Carlo genauestens zu orten und zu nutzen.

 

Leila Slimani, Dann schlaf auch du. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Luchterhand

Es beginnt mit einem Paukenschlag, der dem Leser den Atem nimmt. Ganz langsam wird der Tragödie Urgrund aufgerollt, um letzten Endes doch nicht 100% aufgeklärt zu sein. Mit einem hauchfeinen Sprachpinsel zeichnet Slimani die Charaktere: Myriam und Paul sind das Bilderbuchpaar à la Bobos: guter Mittelstand, beide im Beruf tüchtig. Myriam ist Mutter zweier Kinder – zu Beginn ist sie eifrige Mutter, bis der Eifer immer mehr nachlässt und sie sich nach einem Beruf sehnt. Die Gelegenheit bietet sich und sie greift zu. Doch wohin mit den Kindern? – Ach, was haben sie doch für ein Glück mit Louise! Zuverlässig, pünktlich, sauber! Der Haushalt hat noch nie so gut funktioniert, die Kinder vergöttern sie und sie die Kinder. Alles perfekt! Man nimmt Louise mit in den Urlaub  auf die griechische Insel Sifnos. Und Louise träumt von einem Zuhause, das ihr Pul und Myriam geben könnten. Könnten, aber nicht wollen. Denn Abstand muss sein -trotz aller Sympathie. Wie und wo Louise ihre Abende und freien Wochenenden verbringt, interessiert Paul und Myriam nicht. Dass sich Louise oft seltsam benimmt, den gesellschaftlich geforderten Abstand zu ihren Arbeitgebern nicht einhält oder besser: als nicht existent übergeht, nehmen sie wahr, aber fragen nicht weiter. Bis die „Zudringlichkeiten“ immer heftiger werden.Als  Louise fürchtet, ihren Arbeitsplatz  und die  von ihr so ersehnte Zugehörigkeit zur Familie zu verlieren, wird sie immer absonderlicher…Es geschieht das Fürchterliche….

Slimanis Sprache ist schlicht, aber tief gehend: Kurze Sätze, keine Sprachspielerein, keine literarischen Turnübungen. Sie liefert eine beinharte Analyse der Gesellschaft: Hier die Gutverdiener, da die Dienenden. Dabei wertet sie nicht. Sie beobachtet, hält fest, ganz ohne Vorurteile und Vorverurteilungen.

Eiin großartiges literarisches Kleinod!

Unbedingt lesen!!!

Thilo Wydra, Ingrid Bergman. Ein Leben. DVA

Eine minutiös recherchierte Filmografie, das Biografische wird in der ersten Hälfte nur angerissen.  Über politische und private Probleme in Ingrid Bergmans Leben geht der Autor  anfangs elegant hinweg. Etwa über ihre Einstellung zu Hitler und den Nazis. Vielleicht um ihr Image zu retten, stellt Thilo Wydra sie als politisch naiv und uninteressiert dar, als eine Frau, die nur an ihrer Filmkarriere interessiert war. Ihre Ehen und Liebesaffären haben zwar weltweit für Aufsehen gesorgt, aber sie „sei für ihre Courage zu bewundern“, mit der sie sich über gesellschaftliche Schranken hinweg setzte. Durch die Reduktion auf eine fast reine Filmografie entsteht im ersten Teil des Buches in den wenigen privaten Einschüben der Eindruck, dass sie sich über Menschen, die für sie arbeiteten, die mit ihr lebten, ohne Skrupel hinwegsetzte. Kurzsichtigkeit in Sachen Weltpolitik ist ihr jedenfalls nicht abzusprechen.

Fans, die sich ausschließlich für ihre filmische Karriere interessieren, finden ausreichende Informationen. Interessant ist zum Beispiel  die Casablanca-Story, weil es davon viele Versionen gibt. So wurde etwa in Deutschland lange Zeit eine politisch gereinigte Version gezeigt, in der das Nazi-Deutschland nicht vorkommen durfte.

Ab der zweiten Hälfte des Buches widmet sich Thilo Wydra mehr dem Biographischen.

Sieben Jahre war Ingrid Bergmann unter Vertrag des Filmbosses David O. Selznick, der sie wie eine Arbeits- und Erfolgsmaschine an andere Produzenten verlieh und den Großteil der Gagen einstrich. Für viele Jahre arbeitete sie unter Alfred Hitchcock, bevor sie schließlich 1949 Roberto Rosselini kennen lernte.  Diesem schmerzvollen Abschnitt im Leben der Schauspielerin widmet der Autor viele Seiten. Ausführlich schildert er den Kampf der Schauspielerin -damals noch  verheiratet mit Petter Lindström –  um die Scheidung, dann um das Sorgerecht der Tochter Pia, die turbulente Zeit vor der Ferneeheschließung mit Roberto Rossellini, die Geburt ihres Sohnes und die Trennung von Pia. All diese Skandale zu überstehen, erforderte die ganze Kraft Ingrid Bergmans. Doch sie schaffte es, trotz aller Widrigkeiten, in Hollywood mit dem Film „Anastasia“ wieder Triumphe zu feiern. Sie wird bis zu ihrem Tod 2015 noch viele Erfolge feiern, sich von Rossellini scheiden lassen, Lars Schmidt heiraten und sich auch von ihm trennen. Das alles ertrug sie, weil sie ihre Arbeit hatte, die ihr alles bedeutete. Sympathie und Hochachtung, die der Autor der Schauspielerin und dem Menschen Ingrid Bergman entgegen bringt, ist deutlich zu spüren.

Wertvoll sind die Anhänge: Anmerkungen zu den Zitaten, Filmregister, Filmographie, Personenregister, Zeittafel und Bibliographie.

 

 

 

 

 

Susanna Ernst: Der Herzschlag deiner Worte. Knaur

Mhmmm, schwierig zu besprechen. Susanna Ernst ist nicht Rosamund Pilcher, aber auch nicht Elsa Ferrante oder Julie Zeh. Auch nicht Charlotte Link. Für mich, die ich gar keine Scheu vor Kitsch habe, ist dieser Roman doch  zu kitschlastig. Eines steht fest: Susanna Ernst kann ganz gut schreiben, der Plot fließt nur so. Aber so viel Tod, Krankheit, Liebe und vor allem Tote, die auf die Erde runtergucken und ihren Lieben beim Leben zuschauen, das muss man aushalten.

Ein Mann -Vincent – stirbt plötzlich auf dem Golfplatz. Bei der Beerdigung sind sie alle versammelt: Sohn Alex, der gar nicht sein Sohn ist, Tochter Cassie, seine Exfrau und die geheimnisvolle „Tante Jane“, die im Rollstuhl sitzt und an einer todbringenden Krankheit leidet. Sie kann nicht mehr sprechen, nur mehr durch ihre Augen mit einem Computer kommunizieren. Aber sie hat die Fäden der Vergangenheit in der Hand. Nur sie kann die vielen Rätsel lösen und Alex zu seiner großen Liebe namens Maila führen. Der Leser ahnt sehr bald: Diese Maila ist sicher die Tochter von Jane und Vincent – beide werden sich als Untote, später Ganztote im Jenseits finden. Als alle Rätsel gelöst und Hindernisse beseitigt sind, da sieht man Alex mit Maila glücklich lächelnd im Bett liegen. Zwischen ihnen seine zweijährige Tochter, die während einer kurzen früheren Beziehung gezeugt wurde. Auf die drei Glücklichen blicken Vincent und Jane aus dem Jenseits, nein eher Halbjenseits. Klingt komplizerter als es ist.

 

 

Stephanie Butland, Ich treffe dich zwischen den Zeilen. Knaur Verlag

Mit viel sprachlichem Einfühlungsvermögen erzählt die Autorin von einer jungen Frau, die mit 10 Jahren von einem Moment auf den anderen beide Eltern verliert: Der arbeitslose Vater quält und schlägt seine Frau. Das Kind mit dem ungewöhnlichen Namen Loveday liebt ihn trotz allem, fürchtet zugleich um ihre Mutter. Als sie eines Tages von der Schule nach Hause kommt, hat die Mutter aus Notwehr den Ehemann mit der Bratpfanne erschlagen. Von da an wird das Leben für Loveday zur Qual. Die Mutter kommt ins Gefängnis, sie zu einer Pflegemutter, die sich alle Mühe mit dem Kind gibt, das sich von der Umwelt verschließt, kaum spricht und keine Kontakte, auch nicht mit der Mutter, will. Erwachsen geworden arbeitet sie in einem Buchladen, den der schrullige Archie führt. Loveday liebt Bücher, lässt sich die Anfangssätze ihrer Lieblingsbücher in die Haut tätowieren. Um ihr Äußeres kümmert sie sich nicht, rennt in alten Klamotten durch die Gegend. Einmal lässt sie sich auf eine kurze Beziehung ein, doch Rob ist wegen Gewalttätigkeit in Behandlung. Loveday verlässt ihn, er aber lässt nicht locker. Aus Angst vor körperlicher Nähe lässt sie auch Nathan, den liebenswerten Zauberer und Slum-Poet nicht an sich heran. Sie zieht sich vom Leben zurück, nur mit ihrem Chef  Archibald versteht sie sich einigermaßen. Der nämlich lässt sie gewähren.

Als eines Tages Bücher ihrer Mutter vor dem Laden garagiert werden, kocht die ganze Vergangenheit auf.

Wie aus der äußerst fragilen Person mit allen Ängsten und Aggressionen eine Frau wird, die wieder lieben kann, beschreibt die Autorin großartig. Ihre Sorache ist frech, aufmüpfig und hochsensibel zugleich.

Pierre Lemaitre, Drei Tage und ein Leben, aus dem Französischen Tobias Scheffel. Klett-Cotta Verlag

Ein Kriminalroman mit umgekehrten Vorzeichen: Der Mörder ist der 12jährige Antoine. Enttäuschung, Zurücksetzung und Spott seiner heimlich angebeteten Nachbarin machen ihn so wütend, dass er den sechsjährigen Nachbarbuben Rémi mit einem Stock erschlägt. Das erfährt der Leser gleich auf den ersten Seiten. Im rasanten Erzähltempo geht der Autor sofort in medias res. Dann zieht er gleichsam die Notbremse. Langwierige Untersuchungen, Verdächtigungen – Antoine lebt in Dauerangst, als Mörder entlarvt zu werden. Er ist zeitweise froh, dass es einen Verdächtigen gibt und hätte keine Silbe zu dessen Freilassung gesagt. Die Jahre vergehen, er glaubt sich sicher, studiert Medizin und meidet das Dorf seiner Kindheit. Doch dieses holt ihn zurück – widerwillig muss er das Nachbarmädchen heiraten, da sie von ihm schwanger ist. Einem Vaterschaftstest kann und will er sich nicht unterziehen, da man inzwischen die Leiche und an ihr ein Haar des Täters gefunden hat. Anhand des Gentestes könnte er als Mörder entlarvt werden. Sein Leben besteht nun aus der traurigen Routine eines Landarztes und eines lieblosen Ehemannes, bis am Schluss eine neue Wendung eintritt…

Lemaitre ist ein Meister der Charakteranalyse, die er streckenweise all zu sehr auf die Spitze treibt. Durch häufigen Tempowechsel – einmal geschieht viel auf wenig Seiten, dann lange, auf vielen Seiten fast gar nichts – hält er den Leser, der vielleicht schon aufgeben will, bei der Stange. Der Roman ist aber mehr als ein „Landkrimi“. Vielmehr liest er sich als kritische Studie eines Dorfes und seiner Bewohner, die in Bespitzelung, Brutalität und Dumpfheit dahinleben. Jeder mit einer anderen Lebenslüge auf dem Buckel.

 

Elena Ferrante, Die Geschichte der getrennten Wege. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp

Nun begleiten sie uns wieder für eine Weile: Elena und Lila aus Neapel, genauer aus dem heruntergekommenen Viertel Rione. Die späten 60er und die beginnenden 70er Jahre bilden den politische Rahmen. Das Buch ist eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit vieler Leserinnen, die sich in der Figur Elenas teilweise wiedererkennen werden.

Lila hat sich von ihrem Ehemann und von ihrem Geliebten getrennt und schuftet in einer Wurstfabrik, wo die Arbeitsbedingungen entwürdigend und gesundheitsgefährdend sind. Sie kann sich und ihren  Sohn Gennaro, von dem sie nicht genau weiß, welcher der beiden Männer der Vater ist, nur mit Mühe durchbringen. Enzo, ein Freund aus den Jugendtagen, hilft ihr selbstlos, wo er nur kann. Den Alltag zu bewältigen und nicht einzuknicken ist ihr einziges Lebensziel. Während alle rings um Lila sich in der Politik engagieren, hat sie dafür keinen Sinn. Doch wird sie gegen ihren Willen zur Ikone der Revolution und des Widerstandes, als sie sich gegen den Chef der Fabrik zur Wehr setzt und die verheerenden Arbeitsbedingungen publik macht. Es kommt zu Schlägerein, es gibt Tote, sie verlässt seltsam ungerührt von den Ereignissen die Fabrik.

Elena hat nach dem Studium in Pisa ein Buch geschrieben, das kurzfristig großen ERfolg hat. Sie verlobt sich mit Pietro, dem Sohn ihres Verlegers. Stolz kehrt sie für kurze Zeit nach Neapel zurück, wo sie sowohl von Lila als auch von ihrer eigenen Familie distanziert behandelt wird. Für ihren Bucherfolg hat man kein Verständnis. Verwirrt muss Elena erkennen, dass sie politisch völlig ungebildet ist. Um sich in den linken Kreisen, zu denen sie gerne gehören möchte, Zutritt zu verschaffen, beginnt sie sich in die „linke Literatur“ einzulesen. Doch ihre Wortmeldungen in dem kämpferschen Kreis von Linken, Kommunisten und anderen Revoluzzern bleiben leere Satzhülsen. Sie heiratet Pietro und zieht mit ihm nach Florenz, wo er einen Lehrauftrag an der Universität hat. Ihre zwei Töchter machen aus Elena eine lustlose Mutter und Hausfrau. Angestrengt versucht sie, an einem neuen Buch zu schreiben, was ihr nicht gelingt. Die Ehe ist eine einzige Enttäuschung, sie denkt an Scheidung. Mit Lila hat sie nur telefonischen Kontakt. Aus dieser Depression rettet sie Nino, der Jugendfreund aus Neapel. Er weckt sie aus ihrem geistigen und sexuellen Dornröschenschlaf. …

Hauptakteur in diesem 3. Band ist die Politik, die Jahre der Jugendrevolten, der Gewalt gegen den Staat und seine Repräsentanten, des Kampfes der Frauen um mehr Rechte. Elena ist die typische Vertreterin zwischen den Fronten: Sie will bürgerlich leben, ist auch stolz auf diesen Status und will zugleich politisch aktiv sein, was aber nicht ihrem innersten Wesen entspricht, das auf Ausgleich und Harmonie ausgerichtet ist. Stachel in ihrem Denken ist immer wieder Lila, die sich um nichts und niemanden kümmert, ihren Weg im Rione geht und auf Elenas Bürgerlichkeit spuckt. Geschickt flicht die Autorin in die Fguren, die sich um Elena und Lila ranken, die Typen der damaligen Zeit ein: Die Kinder der Adeligen und Bildungsbürger proben mit Genuss den Aufstand gegen ihre Eltern, bringen aber außer Drogensucht und Streit nichts Effektives zustande. Es sind die typsichen Möchtegernrevoluzzer. Pietro ist der Professor, der die Zeitentwicklung verpasst und mit seinen Studenten und Kollegen im Dauerstreit liegt. Einige Jugendfreunde Elenas und Lilas engagieren sich in Gewerkschaften, sind Dauerdemonstrierer. Doch gegen die mafiosen Mächtigen im Rione und Neapel haben sie keine Chance.

Elena Ferrante entwirft ein Gesellschaftsgemälde mit allen Figuren, die damals wie heute noch genauso aktiv sind. Und das nicht nur in Italien,

Mehr zur Romantetralogie und der Anonymität der Autorin unter: www.elenaferrante.de

 

André Uzulis, Hans Fallada, Biografie. Steffen Verlag

Eine gut recherchierte Biografie, die trotz ihrer überpeniblen Genauigkeit nicht trocken oder langweilig wirkt. Fallada, mit bürgerlichem Namen Rudolf Dietzen (1993 -1947) lebte wahrlich in schweren Zeiten. Als Sohn eines gutbürgerlcihen Beamten (Richter) rebellierte er in der Jugend gegen ihn und das allzu geregelte Leben, plante mit einem Freund einen Doppelselbstmord, wobei er den Freund erschoss und sich selbst schwer verwundete. Dem ersten Aufenthalt in einer Nervenklinik sollten bis zu seinem Tod noch unzählige folgen. Alkohol- und Morphiumsucht machten ihm das Leben zeitweise zur Hölle, aus der ihn nur eines rettete: Schreiben, schreiben, schreiben. Gefängnisaufenthalte – er hatte Geld unterschlagen, um sich Morphium zu beschaffen – nutzte er für einen Entzug, der nicht lange anhielt. Seine Ehe mit Anna Dietzen war die ersten Jahre recht glücklich, weil sie sich ihm unterordnete und seine häufigen Zornausbrüche verzieh. Dann hatte es den Anschein, dass er zu sich fand. Seine Bücher hatten manchmal große Erfolge, dann wieder wurden sie von der Kritik in Grund und Boden gestampft. Doch der Verleger Ernst Rowohlt half ihm, so viel und oft er konnte. Auch in der schwierigen Zeit des Nazionalsozialismus. Da „lavierte“ sich Hans Fallada durch, biederte sich an, zog sich zurück – er wollte nur eines: unbehelligt schreiben. Als Ernst Rowohlt emigrierte und der Verlag beschlagnahmt wurde, bekam Hans Fallada die ganze Härte der Nazibürokratie zu spüren. Doch er verließ Deutschland dennoch nicht. Nach Kriegsende ließ er sich von den Russen, die er als „Befreier“ bezeichnete, vor den Werbekarren spannen, hatte mit seinem letzten Werk „Jeder stirbt für sich allein“ nochmals einen großen Erfolg. Doch da war er körperlich und geistig schon am Ende – er stirbt in einer Nervenklinik. Der Autor schreibt: an einer Überdosis Schlafmittel, die ihm seine 2. Frau Ulla unwissentlich verabreicht hat. Sehr mysteriös.

Seine Werke: „Kleiner Mann was nun?“, „Wer einmal aus de Blechnapf frißt“ und „Jeder stirbt für sich allein“ gehört zum Besten, was in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschrieben wurde. Fallada schildert minutiös die Ängste, kleinen Freuden, Bedrohungen im Alltag, Neid, Hass – eben das Leben „von unten“, das er aus eigener Erfahrung bestens kannte.

Melanie Raabe. Die Falle. btb

Melanie Raabe kann Spannung erzeugen, den Leser fesseln. Der Trick: kein  Dedektiv forscht endlos langweilig, sondern die Zeugin eines Mordes sucht den Mörder in eine Falle zu locken. Dann beginnt ein Katz- und Mausspiel, in dem der Mörder den Spieß umdreht und der Zeugin suggeriert, sie wäre die Mörderin! Ein genialer Einfall der Autorin. Durch diesen Dreh der Perspektive wird der Leser stark verunsichert und die Spannung intensiviert. Aus der Zeugin wird über eine kurze Strecke die mögliche Mörderin. Sie fragt sich, ob nicht sie es war, die mit zahllosen Messerstichen ihre Schwester umgebracht hat. Sie forscht, horcht in ihr Inneres, hinterfragt ihr Verhältnis zu ihrer Schwester und hält es zunächst durchaus für möglich. Bis sie  das gefakte Alibi des Mörders aufdecken kann. Leider retardiert die Autorin den Gang der Handlung und die Spannung durch Einschübe eines Romans im Roman, der aber keine neuen Perspektiven einbringt.

Auf jeden Fall ist dieser Thriller eine ideale Urlaubs- und Sommerlektüre. Perfekt, um voll abzuschalten und ein wenig aus dem Alltag auszusteigen.

 

DDelphine de Vigan, Das Lächeln meiner Mutter. Droemer. Aus dem Französischen von Doris Heinemann

Es ist eines der Hauptthemen, das Delphine de Vigan immer wieder beschäftigt: Die Frage, wieviel in einem Roman, einem literarischen Werk jeglicher Gattung Fiktion, wieviel reine Berichterstattung sein darf. In dem vorliegenden Fall eine besonders heikle Frage, da es sich um die Aufarbeitung der Krankheit (Schizophrenie) ihrer Mutter, die sich dasLeben nahm, handelt. „Anfangs, als ich den Gedanken, dieses Buch zu schreiben….akzeptiert hatte, dachte ich, es würde mir ganz leicht fallen, Fiktives einzubauen. …Stattdessen kann ich an nichts rühren, …voller Schrecken bei dem Gedanken, ich könnte Verrat an der Geschichte üben, mich in den Daten, Orten, Altersangaben irren.“ Diese Gewissensfrage durchzieht den Text und den Fortlauf der Erzählung. Immer wieder unterbricht die Autorin, stockt, fragt sich, ob es richtig ist, die Familienmitglieder mit Fragen nach Erinnerungen zu belästigen, sie im Text miteinzubeziehen. Das macht das Buch in der ersten Hälfte schwerfällig. Erst mit dem voranschretend Erzählfluss scheint de Vigan es mit ihrem Gewissen vereinbaren zu können, über die intimsten Situationen und Gefühle der Mutter, ihrer Geschwister und Freunde, über ihre eigenen Gefühle und die ihrer Schwester nach dem Selbstmord zu berichten. Dann immer wieder die Frage: Ist diese Krankheit erblich? Wird der Hang zum Selbstmord an die nächste oder übernächste Generation weitergegeben? Eine Frage, die sich auch Charlotte Salomon in ihrem Buch stellt. (siehe auch meinen Beitrag: Marget Greiner, Charlotte Salomon). Eine andere Frage ist ebenso wichtig: Hat sie als Tochter, als Autorin  das Recht, die Geheimnisse ihrer Familie aufzudecken, zu schreiben, dass der allgegenwärtige Vater (ihr Großvater) ihre Mutter sexuell missbraucht hat? Hat sie das Recht, den Mythos der heilen Familie zu zerstören?Das Werk ist kein Roman, sondern eine Aufarbeitung, eine literarische Familienaufstellung, bei der  Verwundungen, Freuden,  Leiden,  Probleme, aber auch so manch schöne Erinnerungen an ihre kluge, überaus schöne Mutter Lucile wie Luftblasen aus dem Teich aufsteigen und vor dem Verschwinden durch Sprache, Schreiben festgehalten werden. Letztendlich ist es eine Liebeserklärung an eine Frau, die ihre Krankheit mit allen Mitteln bekämpft, immer wieder ins Leben zurück findet. Dann aber, erschöpft von den Kämpfen, den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmt, als letzte große Freiheitsgeste.

Jean-Luc Seigle, Ich schreibe Ihnen im Dunkeln. C.H.Beck

Andrea Spingler verdanken wir die ausgezeichnete Übersetzung eines literarisch hochinteressanten und faszinierenden Werkes. Jean-Luc Seigles Sprache ist hart-realistisch und zugleich sehr poetisch. Ihre starke Sogwirkung zieht den Leser in das Geschehen hinein, auch in die grausamsten Stellen, wie etwa die Vergewaltigungsszene.

Einmal mehr geht es um eine wahre Geschichte! – Es scheint, dass in der Gegenwartsliteratur die Neigung sowohl bei Autoren, Verlagen und wahrscheinlich auch bei Lesern für wahre Begebenheiten oder Biografien zunimmt und das Interesse an der rein fiktionalen Literatur abnimmt. (Siehe auch meine Besprecheung von de Vigan, Eine wahre Geschichte) Vielleicht liegt es an der allzu subjektiven sprachlichen Nabelschau, die besonders der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nachgesagt wird.

Pauline schreibt ihre Geschichte in ihrem Haus in Essaouira auf. Dorthin ist sie aus Frankreich geflohen, um ihrer Erinnerung zu entgehen und mit neuem Namen ein neues Leben zu beginnen. Ihre Kindheit in Frankreich während des 2. Weltkrieges war geprägt von Trauer: Zwei ihrer Brüder sind im Krieg gefallen, die Mutter verweigert sich monatelang dem Leben und ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Kochen. Da sendet der Vater die junge, hübsche Pauline als Krankenschwester zu einem deutschen Arzt, in der berechtigten Hoffnung, dass ihre Schönheit diesen betören und er sie mit ausreichend Lebensmittel versorgen wird. Dieser perfide Plan geht auf – Pauline wird nicht nur die Assistentin, sondern auch seine Geliebte. Und sie bringt Lebensmittel nach Hause. Was der Vater hoffte, passiert:: Die Mutter beginnt wieder zu kochen und sich dem Leben zuzuwenden. Doch bei Kriegsende wird Pauline vom Pöbel aus dem Haus gezerrt, als Deutschhure geschoren und grausam vergewaltigt. In letzter Minute kann der Vater aus sie aus diesem Albtraum heraus holen. Er bringt sie in ein Dorf, wo niemand sie kennt und sie sich in seelischer Dunkelheit verkriecht. Doch der Vater fordert ihre Intelligenz und ihren Lebensmut heraus – sie beginnt Medizin zu studieren, verliebt sich über alle Maßen in einen Studenten aus gutem Haus. Als er von ihrer Vergangenheit erfährt, wendet er sich ab und beschimpft und verspottet sie. Sie erschießt ihn im Affekt. Ihr Prozess wird eine Show – man stellt sie als Monster hin, verurteilt sie zu Tode, dann jedoch zu lebenslänglicher Gefängnisstrafe, aus der sie nach 9 Jahren frei kommt. Inzwischen ist ihre Geschichte auch verfilmt worden und sie entzieht sich dieser Qual, immer wieder ihrer Geschichte zu begegnen, und beginnt ein neues Leben in Essaouira( Marokko). Dort verliebt sie sich in einen Marokkaner, der sie heiraten möchte. Für ihn schreibt sie die Geschichte auf. Doch als er die „Wahrheit“ über sie erfährt, wendet er sich von ihr ab.

In einer Sprache, die den Skandal und die Effekthascherei scheut, zieht der Autor den Leser in die Tiefen einer gequälten Seele hinein. Man folgt ihr, widerstrebend bis in die tiefste Erniedrigung der Vergewaltigung. Ohne sich dabei des Voyeurismus zu bezichtigen. Man muss ihr folgen. Wie um mit ihr durch einen Reinigungsprozess zu gehen. Das Buch hat die Kraft einer Wiederbelebung: Pauline wird stellvertretend für viele Frauen, die solch ein Schicksal erlitten, durch ein literarisches Reinigungsritual von jeglicher Schuld der „Konspiration mit dem Feind“ frei gespochen. Die Schuld trifft die Menschen, die solche Racheakte vollzogen.

Delphine de Vigan, Nach einer wahren Geschichte. Aus dem Französischem von Doris Heinemann. Dumont

Die Autorin stellt die Frage: Wieviel Autobiographisches, wieviel Reales soll, darf ein Roman enthalten. Es gab eine Ära in der Literaturwissenschaft, da galt es als verpönt, nach biographischen Fakten in dem jeweiligen Werk zu fragen. Nun scheint eine Kehrtwende um 180 Grad eingetreten zu sein. „Das Wahre, die Wahrheit“ – siehe Titel – spielt eine Hauptrolle -fragt sich nur : Wahrheit über wen und was, und : Gibt es diese Wahrheit? Mit diesen Fragen spielt Delphine de Vigan geschickt und intelligent, mit enormer Sprachbegabung. Der Forderung nach Wahrheit bis zur Bloßstellung kommt zum Beispiel der Autor Thomas Melle in seinem schonungslosen Bericht über seine Krankheit nach. Ob so ein Buch dann noch Roman genannt werden kann?

Delphine de Vigan packt diesen Fragenkomplex in einen Thriller. Die Ich-Erzählerin ist eine gefeierte Autorin, die von den Lesereisen, dem Erfolg ihres Buches ermüdet ist, sich zurückziehen möchte, um das vom Verlag so dringend geforderte neue Buch zu schreiben. Doch sie hat eine totale Schreibhemmung, kann weder einen Bleistift halten noch sich an den Computer setzen. Da tritt L. in ihr Leben – eine Frau ihres Alters. Sie hat keinen Namen, nur L. Mehr und mehr übernimmt L. die Führung im Leben der Erzählerin, tritt sogar als diese auf. Im Zusammenleben der beiden geht es nicht immer friedlich zu. L. verlangt von der Erzählerin, dass sie das „ultimative Buch“ schreiben soll, wobei in den Diskussionen nicht klar wird, was sie darunter versteht. Doch taucht immer wieder die Frage auf, wieviel persönliches Leben in ein Werk einfließen soll oder darf. Fiktion allein genüge nicht mehr, das hätten die Leser zur Genüge gehabt. Reales, Wahres ist gefordert. Die Diskussionen um die Relevanz eines Romanes bilden die Metaebene, die Handlung selbst ist spannungsgeladen. Der Leser fragt sich, wann und wie kann sich die Icherzählerin aus den Fängen von L. befreien?

 

 

 

 

 

Elena Ferrante, Die Geschichte eines neuen Namens. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp

Sie hat es wieder getan! Elena Ferrante hat uns mit dem 2. Band ihrer „Neapolitanischen Saga“, wie sie ihr Werk selbst nennt, wieder völlig in den Bann geschlagen. Lila hat geheiratet, von allen wegen ihres „Reichtums“ beneidet, zieht mit ihrem Ehemann Stefano in ihre blitzblanke neue Wohnung ein und schon beginnt der Kampf zwischen ihr und ihrem Mann. Sie ist – wie immer – die Überlegene. Lenu – die Icherzählerin beneidet ihre Freundin um diesen „Aufstieg“. Wie die Jugendjahre zwischen 17 und 24 sich entwickeln, ist spannend, lässt an eigene Kämpfe in der Jugendzeit erinnern.

Der Rione ist heruntergekommen, wie ganz Neapel. Das Zentrum nur äußerer Glanz, Korruption und Mafia, Streit, Rauferein, Intrigen beherrschen den Alltag. Lila ist über ihren neuen Namen – Carracci – unglücklich, fühlt sich beschmutzt. Er frisst ihr Inneres auf. Deshalb zerstört sie auch ihr Foto im Schuhgeschäft, übermalt es und zerlegt es bis zur Unkenntlichkeit. So fühlt sie sich.

In einem Sommer auf Ischia droht die Freundschaft zwischen Lila und Lenu zu zerbrechen: Lila schnappt sich den von Lenu angebeteten Freund, schläft mit ihm, bekommt ein Kind. Zieht von Stefano weg. Lenu beginnt ein Studium in Pisa, macht ihr Doktorrat, ihr erstes Buch wird veröffentlicht. Die Kluft zwischen ihr und Lila könnte nicht größer sein. Doch sie erkennen, dass trotz der Kluft zwischen ihnen die Freundschaft weiter bestehen wird.

Ferrantes Erzählkunst ist einmalig: Immer wieder überrascht sie mit treffenden, detailreichen Szenen, die Milieu und Menschen treffend charakterisieren. Beispielsweise entlarvt sie gekonnt das Partygeplapper der so genannten Gebildeten, die politische Parolen und literarische Neuigkeiten einander wie Pingpongbälle zuwerfen, um damit zu prahlen.

Faszinierend schildert sie den Kontrast der beiden Freundinnen: Lila ist ein gefährliches Tier, unberechenbar, kann jederzeit zubeißen, kümmert sich nicht um das Gerede rund um sie. Lenu – schüchtern, unsicher, orientiert sich immer wieder an der Kraft der von ihr so bewunderten Freundin, bemüht, es ihr gleichzutun, wenn nicht gar sie zu überflügeln.

Ganz leichtfüßig erfährt der Leser von den Problemen Italiens, von der politischen Lage der 60er Jahre. Da sind keine langen Belehrungsszenen, alles wird über Gespräche, Ereignisse transportiert. Aktion und Reflexion sind geschickt ineinander verwoben und ergeben den zupackenden Fluss, der uns in das Geschehen hineinzieht. Da heißt es im Buch über das Buch, das Lenu geschrieben hat: „Da ist Ehrlichkeit, Natürlichkeit und etwas Gehaltvolles im Stil, wie man es nur in wahren Büchern findet.“ (S594) – Damit hat Ferrante wohl ihren eigenen Stil und Erfolg erklärt. An diesem Erfolg ist die Übersetzerin Karin Krieger sicher nicht ganz unbeteiligt. Ihr gelingt es, den Schwung, die Atmosphäre  und die Klangfarbe des Dialektes gut ins Deutsche hinüber zu transportieren.

 

 

Michela Murgia, Chirú.Übersetzung aus dem Italienischen: Julia Brandestini. Wagenbach Verlag

Der Roman lässt mich etwas ratlos zurück: Ich weiß nicht, ob ich dieser ziemlich abgehobenen und selbstverliebten Hauptfigur auch nur ein Fünkchen Sympathie entgegen bringen kann, soll oder müsste. Eleanora ist achtunddreißig Jahre alt,  Sardin und eine erfolgreiche Theaterschauspielerin. Gerne nimmt sie junge Burschen so zwischen 16 und 18 als „Schüler“ an – und da beginnt mein Dilemma: Was lehrt sie diese Burschen? Sich richtig benehmen und kkleiden, im Kreis illustrer VIPs die richtigen Leute zur richtigen Zeit ansprechen? – Agentin ist sie keinesfalls, auch nicht wirklich „Lehrerin“. Der Verdacht kommt auf, dass sie diese Jungs  als Adoranten holt, um  sich in deren Bewunderung zu bestätigen. Einen „Schüler“ hat sie unwissentlich in den Selbstmord getrieben, weil sie nicht erkennen wollte und auch nicht erkennen konnte, dass er in sie schwer verliebt war.

Nach diesem „Unfall“ vergehen Jahre, bis sie – nun achtundreißig – den achtzehnjährigen Geiger Chirú kennenlernt und sich ihm als „maestra“ anbietet. Doch dieser Junge übt eine starke Anziehungskraft aus, mit der sie  zuerst nicht gerechnet hat, dann aber kokett spielt. Erotische Spiele sind erlaubt, Küsse, Streichelgaben, aber nicht mehr. Gerade so viel, dass sie sich ihrer Wirkung sicher sein kann. Denn sie hat sich inzwischen in einen berühmten Dirigenten verliebt, den sie am Ende auch heiratet. Eine Wiederbegegnung mit Chirú nach einigen Jahren gibt ihr immerhin einen Stich ins Herz, aber ganz ohne Schuldgefühl.

Tja, wo liegt nun genau mein Problem? – Dass die Autorin die Figur ganz sicher als eine kluge, gebildete Frau schildern möchte, die sich Gedanken über menschliche Beziehungen macht. Keinesfalls – so denke ich wenigstens – soll Eleonora als eine Frau erscheinen, die junge Burschen braucht, um sich in der deren Jugend zu sonnen. Das war ganz sicher nicht die Intention von Michela Murgia. Denn sie überträgt auf Eleonora wohl ihre eigenen Gedanken, philosophischen Überlegungen zur Welt und zu dem, was richtig und falsch ist. Nur leider – der Faden der Erzählung läuft gegenteilig. Ich staunte immer mehr über die Selbstgefälligkeit der Hauptfigur, ihre arrogante Art, mit diesen „Schülern“ umzugehen. Also ich hätte nie sie als „maestra“ akzeptiert. Wie sagen die Wiener zu einer Person wie Eleonora eine ist? – Zicke oder Tussi.

Jochen Schmidt, Zuckersand. C.H. Beck Verlag

Schmidt ist ein Autor mit Humor und genauer Beobachtungsgabe. Er sieht die Welt aus den Augen eines zweijährigen Kindes, das im Begriffe ist, die Umgebung zu erobern. Karl, so heißt das neugierige, willenstarke Kerlchen, hat seinen eigenen Kopf, seine eigenen Vorstellungen. Egal, ob im Supermarkt, wo er großen Gefallen an der Maschine für Flaschenretouren findet und sie mit allerlei Waren füttert oder sonst irgendwo „Unordnung“ in die allzu geordnete Welt der Erwachsenen bringt, der Vater hat dafür Verständnis. All die kleinen Aktionen seines umtriebigen Karl erinnern den Vater an seine eigene Kindheit. Mit viel Humor gelingt  es Jochen Schmidt, das Bild einer  allzu organisierten Gesellschaft, zu hinterfragen.  Von der Mutter Karla, die dieser perfekten Welt anhängt,  kommen aus ihrem Büro per SMS Anweisungen, wie Karl zu erziehen sei.  Sie ist das Urbild der überbehütenden Mutter, die ihr Kind zwar nicht selbst erzieht, da sie den ganzen Tag arbeitet, aber genaue Vorstellungen von Erziehung hat. Karl und der Vater unterlaufen diese ständig, obwohl sich der Vater redlich bemüht, ein „ordentlicher“ Vater zu sein.

Bei all den Aktionen, die der Vater und Karl unternehmen, schmunzelt der Leser, erinnert sich vielleicht an die eigene Kindheit. Der Autor fordert jedoch auch die Geduld des Lesers heraus, wenn er seine skurrilen Einfälle all zu sehr in die Länge zeiht.. Zum Beispiel: Karla und er wollen endlich eine größere Wohnung. Doch die Vorstellungen der beiden über die Einrichtung triften weit auseinander: Er möchte „ein Loch in der Wand, durch das manchmal ein Elefant seinen Rüssel steckt.“ Die Idee ist amüsant, verliert jedoch an Spaßkraft, wenn noch ein langer Katalog von ähnlichen Wünschen angefügt wird. Man hat als Leser oft das Gefühl, der Autor kann mit seiner überbordenden Witz-Phantasie nicht ökonomisch umgehen und will unbedingt den Zettelkatalog aller schrägen Einfälle abarbeiten. Weniger wäre manchmal mehr.

Das zauberhafte Umschlagbild von Line Hoven, das eine Erwachsenenfigur mit einem Kind an der Hand zeigt, die mitten im Dschungel einen Fluss über eine fragile Hängebrücke überqueren, ist eine gelungene Umsetzung und Zusammenfassung des Romans. Ebenso die Vignetten vor den einzelnen Kapiteln.

 

 

Margret Greiner; Charlotte Salomon. Es ist mein ganzes Leben. Knaus Verlag

Charlotte Salomon – eine faszinierende Persönlichkeit, von der Autorin Margret Greiner faszinierend in eine Romanbiografie gefasst. Wieder einmal hat die Autorin bewiesen, dass sie durch intensive Recherchen, hohe Einfühlsamkeit und starke Sprachbilder einen Charakter dem Leser in die Seele schreiben kann. Charlotte Salomons Schicksal wurde während der Salzburger Festspiele  2014 in dem gleichnamigen „Sing-Spiel“ von Marc-André Dalbavie auf der Bühne der Felsenreitschule inszeniert. Im nachfolgenden Jahr zeigte das Rupertinum in Salzburg einen Großteil ihrer Bilder.

Charlotte Salomon wurde 1917 in Berlin in eine großbürgerliche, jüdische Familie hineingeboren. Früh schon wurde ihr Mal- und Zeichentalent erkannt. Wegen anhaltender Diskriminierung und Gefährdung des Lebens schickten ihre Eltern sie 1939 zu den Großeltern nach Villefranche in  Südfrankreich. Hier beginnt sie die Stationen ihres Lebens in vielen hundert Gouachen und Texten aufzuarbeiten. Malen wird zur Lebensbewältigung und hilft ihr, die Angst einzudämmen. 1943 heiratet sie Alexander Nagler. Beide werden noch im selben Jahr verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo sie – im fünften Monat schwanger – ermordet wird. Ihr Ehemann stirbt 1944 im Lager.

Im Leben dieser Künstlerin war der Selbstmord ein alles beherrschendes Thema. Ihre Mutter, Großmutter und eine Tante hatten sich das Leben genommen. Sie dagegen ist entschlossen, diesem Fluch nicht zu erliegen. Auch in der größten seelischen Not in Villefranche, nach dem Selbstmord der Großmutter und dem natürlichen Tod des Großvaters gibt sie sich nicht auf. Sie schließt sich über Monate in eine Kammer ein, geht kaum aus und malt, malt, malt. Malen ist das Heilverfahren, mit dem sie sich vor Ängsten schützt und in dem sie alle Verluste in ihrem kurzen Leben aufarbeitet.

Margret Greiner findet großartige Sprachbilder für den Malprozess selbst und die Interpretation der Bilder.(Dem Verlag sei gedankt, dass ein reiches Bildmaterial abgedruckt werden konnte!)  Sie taucht in die Seele der Künstlerin ein. Ihre Sprachkraft ist der Begabung und dem Charakter Charlottes gewachsen. Deshalb darf sich die Autorin auch die intimsten Gedanken Charlottes aneignen. „Bilder fielen in sie ein..“(S 261) heißt es da, und der Leser erlebt durch die immense Sogwirkung der Sprache haut- und seelennah die Qualen und  Gedanken der Künstlerin mit. Für Charlotte Salomon hieß malen existieren und das Leben verstehen. „Alle Wege lernte ich gehen und wurde ich selbst“ schreibt sie und titelt ihr Werk: „Es ist mein ganzes Leben“.

Silvia Matras empfiehlt dieses Buch allen, nicht nur den Kunstinteressierten. Es kann auch als „Zeitzeugenbuch“ gelesen werden, als lebendiges Zeugnis über die Gräuel der Nazizeit. Wobei Margret Greiner es vermeidet, dem Horror dieser Zeit Sprache zu verleihen . Indem sie diesen ausspart oder nur in nüchternen Fakten bestehen lässt, ist er um so stärker präsent.

Weitere Bücher von

Margret Greiner: Emilie Flöge. Modeschöpferin und Gefährtin Gustav Klimts, K&S Verlag

Margret Greiner: Charlotte Berend-Corinth und Lovis Corinth. Herder Verlag

 

Elena Ferrante, Meine geniale Freundin. Suhrkamp

„Alle Welt liest Elena Ferrante“ soll die FAZ geschrieben haben. So steht es jedenfalls auf der Rückseite des Covers. Das mag eine Übertreibung sein, aber wahr ist: Viele reden über das Buch, über die Autorin, von der man nicht weiß, wer dahinter steckt – angeblich soll ein Journalist das Geheimnis schon verraten haben. Aber das alles gehört in den Bereich „marketinggag“ und Verkaufsstrategie.

Tatsache ist: Das Buch ist wirklich ausgezeichnet! Und man beendet es nur ungern – aber es gibt ja schon den 2. Teil. Vordergründig geht es um die Geschichte einer Kinder- und Jugendfreundschaft in den 50er Jahren in Neapel. Lila und Lenu sind unzertrennliche Freundinnen. Lila bestimmt, was gespielt wird, Lenu folgt ihr wie ein Hündchen. Ihre Wege trennen sich für kurze Zeit, als Lenu das Gymnasium besuchen darf. Aber sie bleiben dennoch immer im Kontakt, denn zu sehr hängt Lenu von „ihrer genialen Freundin“ ab. Mit der Pubertät tritt Lenu in eifersüchtige Distanz zu Lila, die sich mit einem wohlhabenden jungen Mann verlobt. Der Roman endet mit der Hochzeit Lilas. Dieser Plot klingt banal. Aber der Autorin gelingt es, so ziemlich alle Probleme der Stadt und der Nachkriegszeit ohne moralischen Zeigefinger hineinzupacken: Die Armut der Familien, die Chancenlosigkeit der ungebildeten Eltern und Kinder. Lenu ist eine der wenigen Ausnahmen, die statt irgendeine Lehre zu absolvieren oder gleich zu heiraten, das Gymnasium wählt. Die sprachliche Barriere zwischen der bürgerlichen Schicht, die Italienisch spricht und sich dementsprechend ausdrücken kann, und den Bewohnern des Rione, wo nur Dialekt gesprochen wird, wird immer wieder angeführt, ebenso all die Grenzen und Barrieren, die die Kindern dieses Viertels wahrscheinlich nie in ihrem Leben werden überwinden können. Ein Neapel der Chancenlosigkeit, aber nicht der Lieblosigkeit schildert Ferrante. Denn trotz der Armut haben die Kinder eine fast sorglose Kindheit: sie spüren die Armut nicht, weil alle gleich arm sind. Erst die Ausflüge in die andere Welt der weniger Armen, der Begüterten und der Reichen machen ihnen den Abstand zur Welt des Erfolges bewusst. Dass es unter den Bewohnern des Rione auch weniger Arme gibt, die mit Mafia-Methoden die anderen in der Hand haben, ist auch ein Thema.

Man erfährt viel mehr über Neapel und über die Probleme der Nachkriegszeit als in Curzio Malapartes Roman „Die Haut“, wo die Grausamkeiten um ihrer selbst willen beschrieben werden. Bei Ferrante existiert das Grausame, das Teuflische (sie setzt ja den Auftrag Gottes an Mephisto aus Goethes Faust als Motto voran), aber schreibt es dem menschlichen Charakter als immanent zu, geboren aus den Missständen.

Bruno Pallandini: Dieses altmodische Gefühl. Residenz Verlag

Ein erfrischend unzeitgemäßes Thema: Die altmodische Liebe eines 50 Jährigen zu einer 70jährigen Schauspielerin in Pension. Der Erzähler ist Architekt, mangels Aufträge hat er auf Baumeister umgesattelt. Die Firma läuft bestens, Geld spielt keine Rolle. Er gibt sich den komischen Namen „Ildefons“ – wer denkt da nicht an das Konfekt Ildefonso? – seine Angebetete nennt sich Pernilla.Schon die Wahl der Namen führt dem Leser vor Augen, wie realitätsfern Thema und Personen sind. Er lernt sie kennen, als seine Arbeiter gerade dabei sind, den Plafond ihrer Wohnung zu durchbohren. Pernilla nimmt Chaos und Schmutz mit erstaunlicher Gelassenheit. Ildefons entschuldigt sich für dieses Missgeschick – und da beginnt die Beziehung. Zuerst ist er nicht mehr als begleitender Kavalier. Bei den Einladungen immer an ihrer Seite. Aus der Freudschaft wird von seiner Seite mehr. Sie aber gestattet nur zarte Wangenküsschen, maximal Händchenhalten. Als Ildefons mit ihr schlafen will, zieht sie sich zurück, bleibt für ihn durch Wochen unauffindbar. Er betrinkt sich, baut einen schweren Autounfall und hinkt von dieser Zeit an. Gerührt von seiner Verzweiflung eilt Pernilla herbei, um ihn zu pflegen. Offener Schluss. Alles bleibt in Schwebe.

Pellandinis Figuren könnten aus einem Schnitzlerstück entnommen sein: Ildefons, der sorglose Lebensgenießer. ER hat wenig Bodenhaftung, vergisst über diese aussichtslose Liebe sein Geschäft, schlittert fast in den Konkurs. Pernilla die kaprizierte Schauspielerin, die sich die Freunde wie Lakaien hält. Wien als parfümierte Umgebung: Salons, in denen man zum Diskutieren, Trinken und Intrigieren zusammenkommt. Ja, und natürlich die Liebe, was immer man darunter zu verstehen hat. Denn  genau weiß es Ildefons auch nicht. Obwohl er oft über „dieses altmodische Gefühl“ spricht. Pellandini zieht das heikle Thema – ältere Frau mit viel jüngerem Liebhaber – elegant und mit der angenehmen Würze der Ironie durch, ohne je moralisierend zu werden. Wie die Beziehung in der so genannten guten Gesellschaft Wiens aufgenommen wird, zeigt Pellandini mit lächelnder Distanz.

Daniela Strigl: Berühmt sein ist nichts. Marie von Ebner-Eschenbach. Eine Biographie. Residenz Verlag

Nun habe ich mich durch Wochen in das Leben von Marie Ebner-Eschenbach hineingelesen.  Je näher das Buch und ihr Leben sich dem Ende zuneigte, desto weniger Seiten las ich pro Tag. Denn ich wollte mich nicht verabschieden – wollte nicht, dass ihr Leben endet, wollte nicht, dass das Buch endet. Ich zögerte den Tod hinaus, wollte die Dichterin nicht loslassen.

Daniela Strigl ist eine bekannte Literaturwissenschaftlerin. Mit dieser Biographie hat sie sich in die Herzen aller hineingeschrieben, die  Marie Ebner-Eschenbach schon immer als Autorin schätzten. Sie beschreibt das Leben einer Frau, die von Kindheit an wusste, sie will Dichterin werden. Ebner-Eschenbach hatte als Frau sich ihren Platz in der Literatur mühsam erkämpfen müssen. Die Familie, ihr Ehemann – sie alle hielten nichts von ihrer „Schreiberei“. Sie sollte sich – wie alle adelige Frauen – um Haushalt und Familie, um Arme und Kranke kümmern und nur eines nicht tun: Dichten. Aber Marie Ebner-Eschenbach ließ nicht nach, schrieb gegen alle Widerstände an, versandte immer wieder ihre Novellen und Dramen – jahrelang mit wenig Erfolg. Zwar wurde hin und wieder eines ihrer Dramen am Burgtheater gespielt, aber der große Durchbruch blieb lange aus. Erst als sie sich entschloss, vom Drama zu lassen, und sich dem Roman zuwandte, stellten sich die Erfolge ein. Mit „Bozena“, „Lotti die Uhrmacherin“ und vielen anderen Romanen  erschrieb sie sich einen Ehrenplatz in der damaligen Literaturszene. Je älter sie wurde, desto mehr Ehrungen erhielt sie, unter anderem auch das Ehrendoktorrat der Akademie der Wissenschaften.

Marie Ebner-Eschenbach war eine Kämpferin für Frauenrechte, gegen den Krieg und gegen jede Gewalt. In ihren Werken kritisert sie den Standesdünkel und die Kälte des Adels im Umgang mit ihren Dienstboten, kritisiert die unterwürfige Rolle der Frau in der Ehe. Sie hilft Armen, wo sie kann. Mit Geldspenden, Briefen und persönlichen Gesprächen. Oft bleibt ihr nur wenig Zeit für ihre eigentliche Arbeit, das Schreiben.

Daniela Strigl gelingt es, die wissenschaftlichen Aspekte gut in eine lebhafte Schilderung zu integrieren. Präzision und Ausführlichkeit gepaart mit einer farbigen Charakterisierung der Personen machen die Biographie zu einem leicht lesbaren und wertvollen Zeitdokument des 19. Jahrhudnerts. Man erlebt nicht nur die Entwicklung der Dichterin, sondern auch die politischen Probleme. Marie Ebner-Eschenbach weiß um den fragilen Bestand der Monarchie und fürchtet, dass nach dem Krieg nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Sie stirbt wenige Monate vor ihrem so verehrten Kaiser Franz Joseph.

Silvia Matras empfiehlt diese Biographie allen, die sich für österreichische Literatur interessiern.

Marie Luise Lehner: Fliegenpilze aus Kork. Kremayr&Scheriau

Ein Lesevergnügen der besonderen Art! Die 22 Jahre junge Autorin erzählt – nein, besser: sie protokolliert – in Stakkatosätzen über ihren recht ungewöhnlichen Vater. Sie erzählt in der Ichform, aus der Perspektive eines Kindes, das seinen Vater (fast) bedingungslos liebt. Die Eltern sind getrennt. Das Protokoll beginnt mit der Stunde Null, der Geburt, und setzt sich über die Jahre bis ins 20. Lebensjahr fort. Die Kapitel heißen: Eins werden, Zwei werden…und so fort. Schon diese Übertiteln lassen einen ungewöhnlichen Erzählstil vermuten, dessen Reiz in dem naiven, unbedingten Glauben an alles, was der Vater tut und sagt, liegt. Der Vater hat – wienerisch gesagt – eine ordentliche Makke. Aber dem Kind gefällt es, findet alles normal, ja genießt dieses Außenseitertum des Vaters, ohne es als solches zu erkennen. Er bringt dem Kind auch allerlei Schmähs bei, zum Beispiel, woran es Kontrollore in der Straßenbahn erkennen kann – denn Schwarzfahren ist Ehrensache. Er bringt ihm bei, wie sie Brötchen im Buffet der Oper klauen können. Aber auch Eislaufen oder Bilder malen. Mit dem Älterwerden entsteht eine gewisse Distanz, der Vater wird immer wirrer, seine Emails immer unverständlicher. Da beginnt sich der Charme des Stils und der Figuren ein wenig abzunützen, als wären dem Vater und der Autorin die Ideen ausgegangen. Insgesamt aber ein viel versprechender Debütroman.

Sabine Gruber, Daldossi oder Das Leben des Augenblicks. C.H. Beck

Ein Roadmovie der besonderen Art: Bruno Daldossi ist Kriegsfotograf, von sich und seinem Beruf angeekelt, Trinker und überhaupt kaputt. Marlis, sein Beziehungsanker durch Jahre, hat ihn verlassen. Sie kann und will nicht mehr mit seinen schrecklichen Geschichten leben, nicht in all ihrem Tun und Handeln relativiert und in Beziehung zum Leben in den Kriegsgebieten gesetzt werden. Sie zieht zu einem italienischen Gymnasiallehrer nach Venedig. Und Bruno fährt ihr nach, versucht verzweifelt, sie zurückzugewinnen. Doch sie ist von dem betrunkenen und lallenden Kerl nur angewidert. Aus dieser plötzlichen Lebens- Leere heraus beschließt Bruno, Johanna nach Lampedusa nachzufahren.   Johanna ist Journalistin und erhält den Auftrag, in Lampedusa über die Lage der Flüchtlinge zu recherchieren. Doch als Bruno sie findet, ist sie bereits krank, hat hohes Fieber. Er kümmert sich um sie, versucht auch so etwas wie eine sexuelle Beziehung aufzubauen, was aber nicht gelingt. Schließlich organisiert er für sie den Rückflug nach Österreich. Er selbst kauft ein Boot und macht sich auf die Suche nach einem Jungen irgendwo in Afrika. Der Roman endet mit einem Foto, das Brunos Mutter mit diesem Jungen auf einer Parkbank in Meran zeigt.

Ein hartes Lesebrot, dieser Roman. Die Autorin zeigt zwei Realitäten auf: Die von Marlis, die Zoologin ist und sich um Bären kümmert, die von Bruno, der dem ultimativen Foto nachjagt, im Dreck und Elend lebt, um Dreck, Elend und Schrecken im Bild festzuhalten. Nicht aus moralischen Gründen. Er will nichts verbessern, nicht anklagen, er will nur seine Bilder gedruckt und prämiert sehen. Dass ihn dieses Leben kaputt macht, machen muss, ist klar. Aber so lange er Marlis als Anker in der normalen, bürgerlichen Welt hat, zu der er immer wieder zurückkehren kann, hält er den Druck aus und jagt weiter von einem Kriegsschauplatz zum anderen.  Dann aber, nach der Trennung, verliert er den Boden unter den Füßen. Besäuft sich, kotzt sich an – wird widerlich, unerträglich- unerträglich schildert Sabine Gruber diesen Mann und  seine Fotos, die sie als Bildtext in das Geschehen hineinsetzt.

Brauchen wir so einen Roman? Im Feuilleton wurde er hoch gelobt. Leserinnen – ja, vor allem Frauen  – reagieren unterschiedlich. – Reaktionen aus dem Lesekreis: „Auf S 50 aufgegeben, auf S 126 aufgegeben. Nur mehr quergelesen. Doch auch einige positive Stimmen: Gruber führt uns vor, wie voyeuristisch unsere Gesellschaft ist. Sie braucht solche Bilder, um sich nach dem Betrachten/Lesen dann um so wohliger wegzudrehen und sich dem bürgerlich gesicherten Alltag genüsslich zuzuwenden. Das hat übrigens schon Goethe im Faust I gewusst. Das wissen wir alle. Das ist nicht neu. Warum dann der Roman? Vielleicht um ihren 1999 im Kosovo gefallenen Freund, der Kriegsfotograf war, ein Denkmal zu setzen? Oder vielleicht, um allen zu sagen: Seht her, wie kaputt dieser Beruf macht – auch das wissen wir.Am überzeugendsten wirkt der Roman gegen Schluss, wenn Sabine Gruber die Zustände auf der Insel Lampedusa beschreibt – die Überforderung der Bewohner, die sich gegen das Elend durch Gleichgültigkeit abschotten oder daran verdienen.

Sabine Grubers Sprache ist hart, dicht. Sie findet neue Wendungen, wie“ Sehwürmer“ oder „Traumvernichter“ für Fotos, die man nicht aus dem Hiirn raus bekommt. Ohne Beschönigung analysiert sie den Charakter Bruno Daldossis. Wahrhaft ein gnadenloser Roman.

Denton Welch, Freuden der Jugend. Wagenbach Verlag

Den fünfzehnjährigen Orvil muss man einfach mögen. Mit welcher Intensität er die Ferien erlebt! Das Internat hasst er ganz gewaltig. Deshalb kann er es kaum erwarten, von seinem Vater in einem großen, eleganten Auto abgeholt zu werden. Er wird mit ihm und seinen beiden älteren Brüder die Ferien in einem Nobelhotel nahe der Themse in Surrey verbringen. Zu seinem Vater hat er keine besondere Verbindung. Er sieht ihn nur alle drei Jahre. Dass er von ihm Microbe oder Made genannt wird, stört ihn nicht weiter. Orvil durchstreift tagsüber die Umgebung des Hotels, meidet den Kontakt zu seinem ältesten Bruder, vor dem er sich fürchtet. Es sind die kleinen Erlebnisse, das Durchstöbern der Welt um ihn herum, die das Buch so liebenswert machen. Denn Orvil ist trotz seiner fünfzehn Jahre noch immer ein Kind, das sich freut, wenn er sich vom Taschengeld ein kleines Parfumfläschen kauft, wenn er in der Kirche herumstöbert und heimlich still und leise die Madonnenstatue küsst. Als er in ein Gewitter kommt und in einer Hütte bei einem  Mann Unterschlupf findet, zählt das für Orvil zu den unvergesslichen Abenteuern in seinem bisherigen Leben. So reiht sich Abenteuer an Abenteuer, in denen Orvil die Welt entdeckt, die ihm im Internat ja verboten ist. Als er am Ende der Ferien ins Internat zurückkehren muss, ist er um viele Erfahrungen reicher. Die Rückkehr in die verhasste Schule erträgt er mit einem stoischen Lächeln.

Eine fein gesponnene Erzählung über eine Jungend in England noch vor dem WEltkrieg.

Robert Seethaler, Die weiteren Aussichten. Kein&Aber Pocket

Also gleich noch einmal Seethaler! Auch diesmal nicht mit derselben Begeisterung wie bei den Romanen „Der Trafikant“ und „Ein ganzes Leben“. Obwohl Thematik und Struktur dieses Romans sich in vielen Punkten ähneln, gibt es einiges, das ganz einfach „nervt“.

Schauplatz: Irgendwo in irgendeiner Provinz – „Provinz“ im pejorativen Kontext zu verstehen. Dort gibt es nichts als eine Tankstelle und eine Landstraße, auf der kaum Autos vorbeifahren und daher auch kaum wer zum Tanken stehen bleibt. Herbert Szevko lebt dort mit seiner Mutter und dem Fisch Georg. Er ist  Epileptiker und wird von allen als nicht ganz gesund im Kopf belächelt oder auch gemobbt. Seine Mutter liebt ihn, zwar mit herber Strenge, aber dennoch…

In dieses öde Leben bricht Hilde ein.  Auf einem blauen Klapprad fährt sie vorbei. Hilde ist klein, rund, robust und in Herberts Augen das schönste Mädchen weit und breit. Herbert folgt ihr in das Hallenbad, wo sie als Putzfrau arbeitet, springt für sie sogar vom Fünfmeterbrett und verliebt sich in sie. Und sie in ihn. Ohne große Umstände zieht sie zu ihm. Das mit der körperlichen Liebe klappt noch nicht so recht., Die Mutter ist unzufrieden mit Hilde, schikaniert sie, wo sie nur kann, trotzdem bleibt Hilde. Als die Mutter wegen Krebs ins Krankenhaus eingeliefert wird, beginnt der Teil des Romans, der „nervt“. In einem schier endlosen, absurden, manchmal witzig – eher aberwitzigen Roadmovie entführen Herbert und Hilde die Sterbende aus dem Krankenhaus und rattern mit ihr, die sie auf der Krankenliege festgezurrt haben, durch die Gegend, durch Schlamm, durch Wälder und Wiesen, immer auf der Suche nach Freiheit, nach Freisein von vermeintlichen Verfolgern. Da hat der Autor sichtlich vergessen, die Reißleine zu ziehen. Er begibt sich in ein für ihn ungewöhnliches Fahrwasser – ins abstrus Unwahrscheinliche. Als die Todkranke diesen Horrortrip nicht übersteht und stirbt, graben die beiden unter größten Mühen sie in einem Feld ein. Immer ist der Fisch Geog mit dabei, wird in seinem Aquarium hin und hergeschüttelt. Das wäre recht witzig, wenn Seethaler den Fisch nicht so oft mitspielen ließe …das Motiv wird bis zur Ermüdung ausgequetscht.

Erheiternd ist der Showdown: Hilde und Herbert zünden die Tankstelle an und unter einem heftigen Gewitter mit Blitz und Donner birst diese in tausend Teile. Danach sollen, so berichtet ein Dorfbewohner, die beiden Hand in Hand glücklich die Dorfstraße hinunter gewandert sein, bis sie der Horizont verschluckte. Natürlich Fisch Georg mit dabei. Wie immer gelingt es Seethaler, für die beiden Außenseiter Hilde und Herbert Mit-Leiden und Sympathie beim Leser zu wecken. Und auch Verstehen, das allerdings dann aussetzt, als das Geschehen ins Irrwitzige abtriftet.

René Freund, Niemand weiß, wie spät es ist. Deuticke Verlag

Brillant, witzig, ironisch, spannend – also alle Epitheta ornantia, die eines Schriftstellers Herz erfreuen, passen auf diesen Roman. Unbestritten: Freund kann ungewöhnliche Stories bauen. Diese da erinnert ein wenig an das Froschkönig-Märchen: Der ganz und gar uncoole Typ Bernhard, Veganer und Ordnungsfanatiker, Alles- und Besserwisse entpuppt sich im Lauf der Handlung als wahrer Traummann. Nora allerdings ist nicht gerade die Prinzessin, die ihn wachküsst. Eher er sie. Aber einmal langsam: Nora soll die Asche ihres Vaters irgendwo in Österreich, westlich von Wien, verstreuen. Auf dieser Wanderung mit unbekanntem Ziel – so verfügt es ihr Vater im Testament – wird sie eben jener Bernhard, vom Beruf Notar, im Privatleben Langeweiler, Provinzler – wie Nora meint, begleiten. Nora, eine ziemlich verwöhnte Tussy, macht sich über ihren Begleiter lustig, kann den Tag nicht erwarten, bis sie sich von ihm verabschieden kann.
Im Laufe der Wanderung von Wien in den unbekannten Westen, ändert sich alles. Wie …das soll hier nicht verraten werden.
René Freund kennt seine Figuren ganz genau: die fesche Nora, Gesellschaftsnudel und Exjournalistin, gibt dem Autor genug Gelegenheit, sich über die Bobos lustig zu machen. In Bernhard lebt zunächst das Bild des faden, überkorrekten Gutmenschen auf, der immer Ordnung hält, gut vorbereitet ist und ganz sicher eine politisch korrekte Haltung immer und überall einnimmt. Wie in einem Kaleidoskop ändern sich die Konstellationen, Charaktere und die Perspektiven. Kaum glaubt der Leser, den richtigen Faden und die richtige Einstellung zu den Figuren gefunden zu haben, kippt auf der nächsten Seite wieder alles in die entgegengesetzte Richtung. Diese unerwarteten WEndungen und der flotte Schreibstil machen das Buch zu einem echten Leseknüller.
Silvia Matras empfiehlt dieses Buch!!!

Emanuel Bergmann, Der Trick, Diogenes Verlag

Das ist so ein Buch, von dem man hofft, es endet nie. Geht es dem Ende zu, verspürt man eine gewisse Traurigkeit – denn der Abschied naht. Der Abschied ist hoffentlich nicht so endgültig. Denn so ein grandioser Schriftsteller wie Emanuel Bergmann hat sicher schon seinen 2. Roman im Kopf, wenn nicht gar im Computer. Vielleicht ist der Verlag gerade dabei, ihn zu drucken. Hoffen darf man ja.
Geschickt verschränkt Bergman zwei Zeiten und zwei Kulturen: Da hofft der neunjährige Max Cohn, der mit seinen Eltern in Los Angeles des 21. Jahrhunderts lebt, dass sich seine Eltern nicht scheiden lassen. Er versucht alles, um die Scheidung zu verhindern. Als er von einem Zauberer namens Zabbatini hört, der mit einem Zaubertrick die Liebe zweier Menschen wieder heraufbeschwören kann, macht er sich auf die Suche nach diesem Magier. In Los Angeles keine leichte Sache. Aber Max ist zäh.
Der zweite Handlungsstrang spielt im Prag nach der Jahrhundertwende. Dem Rabbinersohn Mosche Goldenhirsch ist dieses Prag zu eng. Er zieht mit einem Zirkus mit, lernt die Zauberei, wird in Berlin reich und bekannt und nennt sich fortan „Zabbatini“. Selbst SS-Leute und auch Hitler nehmen seine Dienste als „Gedanken und Zukunftleser“ in Anspruch. Seine jüdische Herkunft bleibt lange unentdeckt, bis er eines Tages enttarnt und nach Ausschwitz abtransportiert wird. Jahrzehnte später treffen wir ihn als alten, gebrochenen Mann in Los Angeles wieder. Er hat das Konzentrationslager überlebt. Und Max findet ihn in einem Altersheim. Ohne rührselig zu werden oder in Hollywoodkitsch abzugleiten erzählt Bergmann die Begegnung der beiden.
Silvia Matras empfiehlt: Emanuel Bergmann, Der Trick.

Goran Vojnovic, Vaters Land. Aus dem Slowenischen von K.D. Olof. Folio Verlag

1991 endete abrupt die Kindheit des Icherzählers Vladans. Plötzlich muss er das sommerliche Pula verlassen und mit Mutter und Vater ins für ihn unbekannte und ungeliebte Belgrad aufbrechen. Dort verlässt der Vater die Familie mit den Worten: „Bald wird alles vorbei sein.“ Aber der Vater kommt nicht wieder. Vladan reist mit seiner Mutter zu Verwandten nach Novi Sad, wo sie auf die Rückkehr des Vaters warten. Doch er meldet sich nur hin und wieder telefonisch, alle tun sehr geheimnisvoll, vor allem fällt immer seltener der Name des Vaters, bis seine Mutter ihm eines Tages erklärt, dass er tot sei. Als Vladan schon erwachsen ist, erfährt er, dass sein Vater lebt und als Kriegsverbrecher gesucht wird. Er macht sich auf, um ihn zu finden. Den Vater oder den Kriegsverbrecher? Vladan weiß nicht mehr, was er denken soll. Immer wieder gehen seine Gedanken in die Vergangenheit zurück, er forscht nach, ob sein von ihm so geliebter Vater wirklich die Verbrechen begangen haben soll. Die Suche führt ihn nach Wien, wo er den Vater trifft und ihn vergebens ein Schuldbekenntnis abringen will. Er muss erkennen, dass sein Vater die Verbrechen begangen hat, aber alle Schuld von sich weist. Seine Enstschuldigung ist die allzeit bekannte: Glaubst du wirklich, dass ich eine Wahl hatte? Vladan ist entsetzt, fühlt sich aber auch schuldig, weil er im Grunde seines Herzens den Vater verstehen und ihm verzeihen will, aber nicht kann. Er schämt sich, dass er fast bereit gewesen wäre, die Ausrede des Vaters zu akzeptieren. Kurz nach dieser Begegnung begeht der Vater Selbstmord. Vladans Leben zerfällt ebenso.
Der Autor stellt die Frage nach Schuld und Sühne, zugleich auch die Frage, wer hier richten soll oder darf, wenn alle in diesem furchtbaren Krieg sich schuldig machten? Wie sieht ein Sohn seinen Vater? Als Vater oder als Verbrecher? Wie kann der Sohn dem Vater vergeben? – Zutiefst menschliche Fragen.

Stefanie Schröder: Gabriele Münter. Im Banne des Blauen Reiters. Romanbiografie. Herder Verlag

Einmal mehr beschäftigt sich Stefanie Schröder mit der Biografie einer Künstlerin, die fast ihr ganzes Leben lang um Anerkennung kämpfen muss. Gabriele Münter wächst behütet in einem gut bürgerlichen Haushalt in Bonn auf. Zeichnen war für sie so selbstverständlich wie Essen und Trinken. 1882 besucht sie eine „private Damenakademie“ in München -. Für Frauen war ja die staatliche Akademie für Kunst nicht zugänglich. Für die junge Gabriele, die erst vor kurzem von einem langen Aufenthalt in Amerika zurückgekehrt war und dort die Freiheit in vollen Zügen genossen hatte, ziemlich schwer zu verstehen. 1902 wird Wassily Kandinsky ihr Lehrer und beginnt sie stürmisch zu umwerben. Sie ist zunächst verunsichert, dann aber lässt sie sich auf ein Leben als Geliebte an der Seite des damals schon berühmten Malers ein. Er ist verheiratet, verspricht ihr aber, sich bald scheiden zu lassen. Das „Bald“ tritt erst viele Jahre später ein, Jahre, in denen Gabriele Münter sich ganz den Launen des schwierigen Mannes unterwirft. Sie drängt immer wieder auf Ehe, er weicht aus. Nach 16 Jahren verschwindet er auf Nimmerwiedersehen nach Russland, wo er eine um viele Jahre jüngere Frau ehelicht. Gabriele ist gebrochen. Das Haus in Murnau, das sie für beide als Heim gekauft und eingerichtet hat, wird ihr unerträglich. Ihr früheren Erfolge als Malerin gelten nichts mehr. Unter den Nationalsozialisten gilt ihre Kunst als entartet. Nach dem 2. Weltkrieg lernt sie den Kunsthistoriker Johannes Eichner kennen. Er hilft ihr, wieder zu sich selbst und zu ihrer Malerei zurückzufinden. Im hohen Alter erlebt sie noch einmal die Würdigung ihrer Werke. Viele Ausstellungen werden eröffnet. Mit ihrer Hilfe schreibt Eichner das viel beachtete Werk: Kandinsky und Gabriele Münter. Von Ursprüngen moderner Kunst. Sie stirbt 1962 -vier Jahre nach Eichner – mit sich und der Welt ausgesöhnt.
Der Autorin beschäftigt sich ausführlich mit der Kunstwelt rund um den „Blauen Reiter“ mit Münter, Kandinsky, Franz Marc und August Macke. Eine interessante Zeit, in der die „abstrakte Malerei“ ihre Anfänge hatte und heftig um den Kunstbegriff gestritten wurde. Etwas schwierig wird dem Leser die Lektüre durch eine Anhäufung von Namen gemacht, die heute nicht mehr oder nur mehr wenigen Kunstkennern bekannt sind. Dadurch wird der ERzählfluss dauernd unterbrochen. Man hat den Eindruck, die Autorin schrieb unter großem Zeitdruck. Die beiden Hauptfiguren -Münter und Kandinsky -verliert man dabei aus dem Fokus.

Bachtyar Ali, Der letzte Granatapfel. Unionsverlag

Aus dem Kurdischen übersetzt von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim.Der Autor gilt als der bedeutendste kurdische Schriftsteller. Dieser Roman ist der erste, der auf Deutsch übersetzt wurde.
Eine Art Sheherezade-Erzählung, in der ein Erzählkreis in den anderen übergeht, sich überschneidet, auseinandertrifft und irgendwie wieder zusammenfindet. Diese Art des Erzählens erinnert stark an orientalische Märchen. Ausufernd in den Beschriebungen, sich bewusst wiederholend. Die Wiederholung ist ein deutliches Erzählprinzip: Der Icherzähler Muzafari Subhdam erzählt seine Lebensgeschichte auf dem Boot, das ihn und die Flüchtlinge nach Europa bringen soll:
21 Jahre lang war er in der Wüste gefangen gehalten worden, dann von einem Mächtigen befreit und in ein Schloss im Wald gebracht. Von dort aber macht er sich auf, seinen Sohn Saryasi zu suchen. Ziemlich verwirrend stellt sich heraus, dass es drei Saryasi gibt. Ob alle drei seine Söhne sind oder keiner, wird nicht klar. Wie vieles sehr wirr ist und man als Leser bald die Geduld verliert und quer zu lesen beginnt. Am Ende steht fest: In all den Wirren des Krieges in einem Land unter einem Diktator, unter Bürgerkrieg und Revolutionen ist ein Saryasi tot, einer im Gefängnis und einer in England. Um ihn zu finden, macht sich der Icherzähler auf. Das Ende bleibt offen.

Barbara Krause: Camille Claudel. Ein Leben in Stein. Herder Verlag

Ein großartiges Buch über eine großartige Frau! Bestechend im Stil: Einmal hoch poetisch, dann wieder kühl aufzählend. Die Autorin führt die Leser bis tief in die Seele der jungen Claudel, die schon als Kind wusste, dass sie Bildhauerin werden wollte – und das in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, als man von Frauen nur erwartete, dass sie Klavier spielen, kochen und Kinder aufziehen können. Die Mutter ist dagegen, ihr Vater unterstützt sie und versteht ihren künstlerischen Drang. Als sie die „Schülerin“ Rodins wird, beginnt eine intensive Zeit des Lernens für Camille Claudel. Bald schon ist sie nicht mehr Schülerin, sondern seine Muse, Beraterin und später Geliebte. Doch sie leidet unter der Beziehung, auch daran, dass Rodin nicht eingesteht, dass viele Ideen für seine WErke von ihr kommen, zum Teil auch von ihr verwirklicht wurden. Das grausame Schicksal dieser Kämpferin nimmt seinen Lauf…

Silvia Matras empfiehlt dieses Buch!!!

Brigitte Glaser, Bühlerhöhe. Listverlag

Selten gibt es eine Sommerlektüre mit Niveau! – Brigitte Glaser erfüllt diesen Wunsch punktgenau! Sie ist eine äußerst begabte ERzählerin, zieht den Leser in das Geschehen hinein, und man kann so schnell nicht aufhören. Geschickt verflicht sie die Geschichte Israels nach dem 2. Weltkrieg mit der Geschichte Deutschlands. Bundekanzler Konrad Adenauer will unbedingt das Wiedergutmachungsgesetz durchbringen. Als er wie immer im Nobelhotel Bühlerhöhe Urlaub macht, fürchtet man ein Attentat auf den Kanzler. Manche Gruppierungen – sowohl israelische als auch deutsche – wollen dieses Gesetz verhindern. Aus Israel wird Rosa Silbermann in das Hotel geschickt, um eventuelle Attentate aufzudecken oder sogar zu verhindern. Ihr zur Seite soll Ari, ein gewiefter Geheimagent, der für Israel arbeitet, stehen. Nun ist Rosa Silbermann wider ihren Willen zur Agentin avanciert. Sie erregt bald den Argwohn der Hausdame des Hotels,Sophie Reisacher. Es kommt zu einem recht unterhaltsamen Katz- und Mausspiel, man erfährt einiges über die schwierige Führung eines Grand Hotels und die Gepflogenheiten des Kanzlers, der ja tatsächlich in diesem Hotel, das bis heute existiert, aber zur Zeit geschlossen ist, in den 50er Jahren Urlaub machte. Das im Roman versuchte und verhinderte Attentat im Hotel hat allerdings nicht stattgefunden.
In der politischen Realität dauerte die Debatte um das Wiedergutmachungsgesetz tatsächlich lange an und wurde heftig geführt. Im Vorfeld gab es auch zwei Attentatsversuche – allerdings nicht im Hotel. Der Kanzler wurde nicht verletzt.Im September 1952 unterzeichnete Deutschland ein Abkommen mit Israel und zahlte 3 Millionen DM als Wiedergutmachung an Israel.
Brigitte Glaser hat sorgfältig recherchiert und geschickt die politische Realität dieser Nachkriegszeit mit einem humorig- spannenden Romanplot gemischt.

Julya Rabinowich, Krötenliebe. Deuticke

Ein Buch, das jeden fesseln wird, der sich für Alma Mahler-Werfel und die Wiener Gesellschaft um 1900 interessiert. Noch dazu brillant geschrieben und gründlich recherchiert. Alma, die Männer vergiftet, Alma, die Männer anzieht, von sich stößt, wie es ihr gefällt. Alma ohne Glorienschein. Aber nie reißerisch, eher hoch poetisch. (Allerdings vermisst man manchmal das wachsame Korrektur- Auge eines Lektors!)Schon das Titelbild sagt alles aus: Vier Glasgefäße, in einem ein Lurch, dann Kokoschka, im mittleren Glas Alma, rechts der Naturwissenschaftler Paul Kammerer. Es beginnt mit Dresden 1918, Kokoschka hat sich nach der Trennung eine Almapuppe machen lassen. Doch der sexuelle Akt mit ihr befriedigt ihn keineswegs. Er tobt gegen Alma, verwünscht sie und begehrt sie. Dass wir, die Leser und Nachwelt, überhaupt erst einmal etwas über diesen genialen Naturwissenschaftler Paul Kammerer erfahren, ist das Verdienst der Autorin. Sie brachte diese tragische Figur ans Tageslicht, seine aussichtslose Liebe zu Alma, seinen verzweifelten Selbstmord. Ein faszinierendes Buch, man möchte es in einem Atemzug durchlesen. Aber dazu ist die Sprache zu kostbar. Die sollte man seitenweise genießen. Das Abstoßende, Abgründige ist selten noch in so schlicht-kostbare Sätze gegossen.
Silvia Matras empfieht: J. Rabinowich, Krötenliebe!!!!!

Margaret Mazzantini, Niemand rettet sich allein. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Dumont

Delia und Gaetano treffen sich in einem Restaurant in Rom, um über ihre Trennung zu reden. Es geht um die Erziehung der Kinder, wie sich ihrer beider Zukunft gestalten wird. Jeder für sich alllein. Obwohl sie sich vor der zukünftigen Einsamkeit fürchten, gibt es kein Zurück in die Zweisamkeit. Ein sehr genaues Bild, wie eine Ehe langsam in die Brüche geht. Kein Buch für traurige Tage. Denn es gibt keinen Trost, kein Happyend.
Mazzantini beobachtet die kleinsten Regungen ihrer Protagonisten mit sehr viel Einfühlungsvermögen. Das kann manchmal etwas nerven und man ist geneigt, quer zu lesen. Doch dann ist man wieder mitten im seelischen Dilemma der beiden, erkennt eigene Probleme wieder. Ein Roman, dem man mit Geduld begegnen sollte.

Clementine Skopril: Guter Mohn, du schenkst mir Träume. Löcker Verlag

Die Autorin nennt ihr Buch „Kriminalroman“. Aber die Krimistory ist eher dünn und die Auflösung sehr unklar. Jedoch: Clementine Skopril kennt die Geschichte Chinas um 1927 und das Leben damals in Shanghai bestens, leider zu gut. Sie mutet uns unbedarften Lesern einfach zu viel zu. Obwohl sie ein Verzeichnis der erfundenen und historischen Personen voran stellt, tut sich der Leser schwer, mit all den chinesischen Gruppen, Untergruppen und Gegengruppen, den russischen Drahtziehern und letztlich auch den weißen Langnasen, wie die Chinesen die Westler nannten, zu Recht zu kommen. Der Verlauf der Handlung wird immer wirrer und unklarer, man beginnt quer zu lesen.
Die Story beginnt amüsant: Der Icherzähler Wen Pi ist ein armer Schlucker aus dem Elendsviertel Shanghais. Er schlägt sich so recht und schlecht durchs Leben, bis er bei dem Medizinstudenten Lou Mang unterkommt und lesen und schreiben lernt. Seine Informationsquelle über das Leben der weißen Langnasen wird „Anna Karenina“. Jedes Kapitel beginnt mit Gedanken über die Figuren dieses Romans, deren unnötige Sorgen er seinen Problemen in witziger Weise gegenüber stellt. Da kommt schon auch uns Lesern der Gedanke, um welch unwichtige Dinge wir uns sorgen..auf hohem NIveau. Amüsant ist auch, wie WEn Pi so langsam die Fortschritte der Technik kennenlernt und wie er sie benennt: Das Telefon -damals noch brandneu und nur für die Reichen -nennt er elektrischen Sprecher aus zwei Teebechern an der Schnur. WEgen dieser liebenswürdigen Details liest man den Roman gerne.
Dass die Revolution, die der Student Lou Mang mit seinen kommunistischen Kampfgefährten anzettelt, fehl schlägt, ist zwar traurig, aber da fehlt dem Leser die Empathie. Denn er muss sich durch ein Gewirr von Namen und Ereignissen durchkämpfen, bis er erschöpft am Ende angelangt ist.

Marget Greiner, Charlotte Berend-Corinth & Lovis Corinth

Sie hat’s schon wieder getan! Eine Romanbiografie über eine tolle Frau geschrieben! Und wieder ist es wie die Lebensgeschichte der Emilie Flöge ein Buch geworden, zu dem man nur sagen kann: SCHADE, dass es schon aus ist. Ich habe mir jeden Tag nur 10 Seiten verordnet von dem Suchtmittel. Und wünschte mir am Ende, dass das Buch noch 200 Seiten mehr hätte. Denn Margret Greiner kann, wie keine andere Autorin, die Protagonistin – in dem Fall die lebenstüchtige Charlotte Berend – so intensiv vor unser Auge und Herz rücken, dass man nur ungern von ihr Abschied nimmt. Charlotte Berend ist jung und keck. Sie dringt in das Atelier des brummigen Corinth ein, wird seine Schülerin, dann seine Geliebte und später seine Ehefrau. Corinth ist kein einfacher Mensch, ganz Künstler und daher auf sich selbst konzentriert. Charlotte hält all die Demütigungen, die er ihr bewusst und unbewusst zufügt, tapfer aus. Obwohl sie als Künstlerin und schöne Frau von anderen Männern begehrt wird, bleibt sie bei Corinth. Als er stirbt, verkriecht sie sich in ihrer Trauer, um nach 2 Jahren zu sich selbst, zu ihrer Malerei und zu ihrer Lenbensfreude zurückzufinden. Man erfährt viel über das verrückte Berlin der 20er Jahre, über Frauen, die alleine durch den Kontinent reisen, über den Künstler Corinth. Was fehlt, sind Fotos. Ich wäre schon neugierig auf Charlottes Porträtmalerei oder italienische Landschaften. Auch wollte ich gerne wissen, wie die beiden miteinander auftraten. Wie war Charlotte als viel gerühmte Schönheit? Auf dem Titelbild sieht sie eher pummelig und uninteressant aus.
Mein Tipp: Dieses Buch langsam genießen und dabei die hohe Sprachkultur der Autorin bewundern.

Jona Oberski, Kinderjahre. Aus dem Niederländischen von M. Csollány. Diogenes Verlag

Jan Oberski schildert aus der Perspektive eines Kindes die Grauen des Konzentrationslagers von Bergen-Belsen. Dabei nimmt der Autor die Position des Kindes ein, das mit 4 Jahren deportiert und erst mit sieben befreit wird. „Meine Mutter hatte einen gelben Stern auf meinen Mantel genäht. Sie sagte: Sieh mal, jetzt hast du genau so einen schönen Stern wie Papa. Ich fand ihn zwar schön, aber ich hätte doch lieber keinen Stern gehabt.“ Die Eltern versuchen dem Knaben, das Grauen fernzuhalten, es auf eine kindliche, märchenhafte Welt herunterzubrechen. Das Kind durchschaut zwar die Grausamkeit,erklärt sich sie sich zunächst auf seine Weise: „Ich guckte und sah einen Soldaten in grünen Kleidern mit einem großen braunen Hund. Der Hund sah aus wie der Wolf vom Rotkäppchen.“ Doch als sein Vater im Lager stirbt, fällt diese kindliche Schutzperspektive brutal weg. Und als auch seine Mutter stirbt, fällt er in ein tiefes Koma, aus dem er erst nach vielen Tagen erwacht. Da waren bereits die Insassen aus dem Lager befreit und er mit seiner Tante auf dem Weg in seine Heimatstadt Amsterdam. Sie wird ihn adoptieren. Aber er bleibt lange ein traumatisiertes, schwieriges Kind,das seinen Pflegeeltern eine ganze Menge auszuhalten gab, wie er in einem Nachsatz schreibt.
Jan Oberski schildert das Grauen, das er selbst als Kind erlebte, mit den Worten und Gedanken des Kindes, das er einmal war. Durch diese einfache, kindliche Sprache wirkt das Buch direkt in das Herz des Lesers hinein.

Silvia Matras empfiehlt: Jan Oberski, Kinderjahre

Benedict Wells, Fast genial. Diogenes Verlag

In der in Literatur und Film immer wieder gern verwendeten Form eines Roadmovies schildert Wells die wahre Geschichte eines Jungen aus einem Containerviertel, der auf der Suche nach seinem Vater quer durch die USA tourt. Der Haken ist dabei, dass sein Vater ein unbekanntes Genie gewesen sein soll, der seinen Samen einem Forschungsprojekt zur Verfügung stellte. Das eine Zentralthema des Romans ist also die Frage nach Eugenik und ob ein „futurebaby“ ethisch und moralisch zu rechtfertigen ist. Dabei erinnert sich der Leser unwillkürlich an Dürrenmatts Drama „Die Physiker“, wo das Thema der Umsetzbarkeit von wissenschaftlichen ERkenntnissen behandelt wird. Was einmal von findigen Köpfen gedacht und erfunden ist, lässt sich ja nicht mehr tilgen. Es bleibt virulent und gefährlich, wie schon die Frage nach der Atombombe zeigt. Segen oder Fluch der Wissenschaft? – Wells formuliert das so: „Die Leute vergessen nur, dass jede Tür, die einmal geöffnet wurde, nie mehr geschlossen werden kann. Was machbar ist, wird auch getan, egal, wie gefährlich es ist.“(S 178)
Inhaltsmotor des Romans ist die 2. wichtige Frage: Wie geht es einem „Designerbaby“, das nach langer Suche seinen Vater als versoffenen Looser findet. Von Genie keine Spur.Damit muss der Sohn Francis fertig werden.
Wells behandelt die Elternfrage ja auch in dem Roman „Ende der Einsamkeit“. Was passiert, wenn Eltern fehlen, versagen?
Ein Roman, den die junge Generation sicher interessieren kann.

Gioacchino Criaco, Schwarze Seelen. Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Folio Verlag

Criaco schreibt so, wie er seine Protagonisten leben lässt: wild, sich um keine Klarheiten kümmernd. Der Roman – wenn es denn einer ist – spielt überall dort in Italien, wo Entführung, ERpressung, Mord und Bestechung zum täglichen Ritual wie Zähne putzen oder essen und trinken gehört. Die männliche Jugend des Dorfes Africo in Kalabrien geht vormittag in die Schule, nachmittag bewachen sie „Schweine“ – so werden die Entführungsoper genannt. Manchmal kommt so was wie Zweifel an dem Tun auf. Aber immer siegt der Wunsch nach Geld. Ein Postraub bringt ziemlich viel, hält aber die Burschen nicht ab, weiter zu morden und zu entführen. Die Freunde enden in einem bombastischen Showdown: Einige sterben bei dem Versuch, der Verhaftung zu entkommen, einige landen im Gefängnis.
Ermüdender Stil.

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit. Diogenes Verlag

Drei Geschwister -zwei Brüder und eine Schwester -bilden eine „liebe Familie“, die besonders durch die Mutter zusammengehalten wird. Als die Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen, zerbricht alles. Die Normalität gibt es nicht mehr. Nach vielen Jahren, in denen sie wenig voneinander hören, kommen sie wieder zusammen. Jules, der Jüngste, hat unter dem Verlust der Eltern am meisten gelitten. Marty, der ältere Bruder, ist erfolgreicher Geschäftsmann geworden. Die schöne Liz hat den Boden unter den Füßen ganz verloren, hält sich einen Liebhaber nach dem anderen und kifft sich aus der Realität weg.
2. Teil: Jules ist erwachsen, hat zwei Kinder. Er hat seine Jugendliebe Alva geheiratet. Doch nach acht glücklichen Jahren stirbt Alva an Krebs. Jules rast mit seinem Motorrad gegen einen Baum, überlebt und nimmt das Leben neuerlich an.
Tief im Inneren des Romans geht es um die möglichen und unmöglichen Formen der Liebe und der menschlichen Beziehungen. Da ist einmal die Beziehung der Geschwister untereinander. Sie streiten, sehen einander jahrelang nicht, aber es gibt zwischen ihnen einen tiefen Zusammenhalt. Dann gibt es die unverwirklichbare Liebe Tonis zur schönen Liz, die zwar viele Männer hat,aber immer von einer unerreichbaren Liebe träumt. Für Marty ist Liebe nur ein Wort. Ihm ist Zufriedenheit wichtiger. Zentrum des Romans bildet die tiefe und ausdauernde Liebe Jules zu Alva. Als sie stirbt, beginnt für Jules die Zeit des Erinnerns. Er erkennt, nur wenn er die Menschen an sich heranlässt, gibt es auch Erinnerung und kann er der Einsamkeit entkommen.
Benedict Wells weiß mit dem großen Wort Liebe behutsam und ohne Scheu umzugehen. Gerät nie ins Klischeehafte, obwohl er die Beziehungsformen durchaus auch im Alltäglichen auslotet. Ein Buch, das gut tut.

Arnon Grünberg, Amour fou. aus dem Niederländischen von Rainer Kersten. Diogenes Verlag

Daniel Kehlmann schrieb zu dem Roman ein Vorwort, das auf den Autor neugierig macht.“Ich habe Angst vor Arnon Grünberg“ schreibt er gleich zu Beginn. Als langjähriger Freund kennt er Grünbergg als höflichen, liebenswerten Menschen. Alle seine Romanfiguren sind höfliche Menschen, aber dahinte lautert der Schrecken, schreibt Kehlmann. Besser kann man den Roman nicht charakterisieren.
Marek van der Jagt ist ein Simplizissimus. Ein einfältiger Knabe, der in der Pubertät auf Jagd nach der „amour fou“ geht. Er will hinter dieses in der Literatur so häufig zitierte Phänomen kommen. Doch mit Schrecken muss er erkennen, dass sein Geschlecht Zwergengröße hat und nicht sehr für die ERkundung der amour fou geeignet ist. Seine Familie gleicht eher einem Zerrbild einer Familie: Den Vater lässt alles um ihn herum kalt, ihn interessieren nur geschäftliche Fusionen. Die schöne und exzentrische Mutter quält alle mit ihren Selbstmorddrohungen. Als Marek sie in die Berge nach Bayrischzell begleiten muss, stößt er sie auf einer Wanderung in den Abgrund. Ohne Gewissensbisse kehrt er im Jahr darauf allein dorthin zurück. „Bayrischzell liegt am Ende der Welt, danach kommt nichts mehr, nur noch Berge und nochmals Berge, und dann, zuletzt, Österreich.“ So endet der frivol-heitere-bedrohliche Roman. Und man wird süchtig nach diesem Autor mit seiner überbordenden Fantasie und seiner herrlichen Respektlosigkeit. Ein Feuerwerk an skurrilen Einfällen, Sprachwitz und irrwitzigen Einfällen regnet da auf den Leser herab.

Zülfü Livaneli, Serenade für Nadja, aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Klett-Cotta

Livaneli zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern der Türkei. Aus seinen Romanen ist herauszupüren, dass er Filmemacher und Komponist ist. Denn seine Geschichten sind musikalisch und lesen sich wie Drehbücher -so griffig, ergreifend.
Livaneli baut seine Romane nach einem bestimmten Konzept: Immer steckt in einer Geschichte eine andere – die wesentliche, die wichtige, die erst enthüllt werden muss.Ähnlich wie im Roman „Schwarze Liebe, Schwarzes Meer“ erzählt ein alter Mann einer jungen Frau seine Geschichte – er schält aus der Vergangenheit die schrecklichen Ereignisse Scheibe für Scheibe heraus.
Maya, eine junge Türkin, arbeitet an der Universität in Istanbul.Sie bekommt den Auftrag,den betagten Professor Maximilian Wagner,der zu einem Gastvortrag eingeladen wurde, während seines Aufenthaltes zu betreuen. Das erweist sich als schwieriger als angenommen. Der alte Mann hat eigenartige Wünsche, unter anderem bei Eiseskälte an die Küste gefahren zu werden. Dort spielt er auf seiner Geige ein Musikstück. so lange, bis er fast erfriert. Maya rettet ihn vor dem Erfrierungstod, und Maximilian Wagner erzählt ihr die erschütternde Geschichte seiner Frau Nadja, einer deutschen Jüdin. Sie war auf dem bulgarischen Schiff Struma, auf dem über 700 Juden durch eine Explosion ums Leben kamen. Die Explosion war kein Unglück, sondern von England und der Türkei herbei geführt. Man wollte verhindern, dass diese 700 Menschen nach Palästina einreisen.
Wagner kehrt zurück in die Staaten, Maya kündigt an der Universität und beginnt die Geschichte Nadjas und Maximilians aufzuschreiben.
Livaneli ist ein Autor, dem es darum geht, die Verganheit, insbesondere während und nach dem 2. Weltkrieg, aufzudecken. Dabei schont er niemanden, insbesondere nicht die Rolle des türkischen Staates.
Packend erzählt, ohne ins Reißerische abzugleiten.
Silvia Matras empfiehlt diesen Autor!!

Anna Baar, Die Farbe des Granatapfels. Wallstein Verlag

Anna Baar 1973 in Zagreb geboren verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Wien, Kärnten und auf der Insel Brac. In diesem Roman verarbeitet sie ihre eigenen Erinnerungen. Der Roman ist eine subtil-hochpoetische Verarbeitung der Probleme eines jungen Menschen, der zwischen zwei Kulturen – der des „Vaterlandes mit der Vatersprache“ und „der des Mutterlandes mit der Muttersprache“ aufwächst und in keiner der beiden wirklich beheimatet ist.
Das Kind Anna verbringt die Sommer bei ihrer Großmutter Nada auf einer Insel nahe bei Split. Sie liebt die Kargheit des Lebens und der Insel, auf der es wochenlang nicht regnet, sie nur hin und wieder sich waschen darf, Essen nicht weggeworfen wird. Nada ist eine lebensvolle Frau, die das Kind über alles liebt, es vereinnahmt und nur schwer erträgt, wenn es am Ende des Sommers sie verlässt und nach Österreich zurückkehrt.Genau wird die Sprache, ihre grausamen Redewendungen (z.B. „bis zur Vergasung“) ernst genommen. Immer wieder verfällt das Kind in Angstzustände, ausgelöst von der heiß geliebten Nada. Doch je älter das Kind wird, desto mehr löst sie sich von Nada, aber sie bleibt da wie dort, im Vater-Land und im Mutter-Land, ein Zaungast. Als Nada schon gebrechlich ist und im Altersheim in Zagreb wohnt, erzählt sie der nun erwachsenen Anna von den Schrecken des Jugoslawienkrieges, und Anna „stirbt alle Tode mit“. Haus und Garten auf der Insel verwildern und verfallen.
Dieser Roman braucht, manchmal auch verbraucht die Geduld des Lesers. Starke poetische Bilder und minitiös genaue Beobachtungen sind sprachlich überzeugend formuliert, aber in den Wiederholungen ermüdend. Es lohnt jedoch, sich auf dieses Sprachkunstwerk einzulassen, weil vieles, worüber die Autorin reflektiert, vielleicht auch in der Kindheit und Jugend des Lesers selbst noch unbehoben ruht. Im Lesens steigen ähnliche Erinnerungen auf und machen nach-denklich.

Salvatore Settis: Wenn Venedig stirbt. Streitschrift gegen den Ausverkauf der Städte. Aus dem Italienischen: Victoria Lorini. Wagenbach Verlag

Man kennt die Argumente, die Salvatore Settis vorbringt. Aber wenn man sie alle, akribisch und wissenschaftlich und empirisch gut dargelegt, Wort für Wort zu lesen bekommt, dann wundert man sich, warum niemand etwas gegen diesen Ausverkauf Venedigs und anderer Städte tut. Die Politik geht vor dem gierigen Markt in die Knie. Das ist beschämend und macht hoffnungslos. Dass jede historische Stadt eine Seele hat, die sie an Tourismus- und Bauindustrie ungeschaut und ungestraft verkauft, ist eine Tatsache, deren sich zwar Bürgermeister und Konsorten bewusst sind, die ihnen aber herzlichst egal ist. Mit „Seele“ kann man kein Geld verdienen, meinen sie. Und vergessen, dass eine von Touristen und Spekulanten zu Tode gebrachte Stadt eines Tages nichts mehr einbringen wird. Weil inzwischen schon Reproduktionen dem Original die Show gestohlen haben. Mit Schaudern liest man von den „Projekten, Venedig zu retten“, die da sind: ein künstliches Venedig – Art Disneylandvenedig – gleich vor den Toren Venedigs hinzustellen oder gigantische Türme, die den Markusdom weit an Höhe überragen, im letzten noch genützten Ackerland oder auf den Inseln in der Lagune zu bauen. Wer schon einmal erlebt hat, wie so ein Riesenkreuzfahrtschiff fast direkt vor den Markusplatz ankert, der weiß, wovon der Autor warnt. Obwohl jeder Politiker um die Gefahr weiß, die solche Schiffe für Venedig bedeuten, ist noch immer diesem verbrecherischen Business kein Riegel vorgeschoben worden.
Jeder, der Venedig liebt, jeder, der sich über den Ausverkauf der Städte Gedanken macht, sollte dieses Buch lesen. Vor allem sollte es den Politikern, Baulöwen und Architekten als Pflichtlektüre verordnet werden. Es gibt genug Architekten, die tatsächlich fordern, Venedig müsse „modernisiert“ werden, indem man neue Architektur mitten in die Palazzi stellt. Ihnen ist jede Altstadt nur Spielwiese für ihre eigene Verwirklichung.

Lena Gorelik, Null bis unendlich. Rowohlt Verlag

Lena Gorelik liebt und pflegt einen schwierigen Stil. Der Leser soll sich anstrengen, über die Zeitsprünge, die abrupten Änderungen in den Protagonisten nachdenken. Denn nichts ist fix in dieser Liebesgeschichte, die auch wieder keine ist. Fix scheint nur die Liebe zu Zahlen zu sein. Elf, Null, Eins, Zwei – sie geben als Kapitelüberschriften Struktur und den drei Menschen, um die es sich handelt, Halt. Die Sprache ist so sprunghaft wie die Charaktere. Nils Liebe – so heißt der männliche Protagonist – erklärt Sanela gleich zu Beginn des Romans, dass er beschlossen hat, sie nicht mehr zu lieben. Am Ende dann kommt er zur Erkenntnis und dem Geständnis, dass er sie liebt. Viel zu viel wird da um die Liebe herumgeredet.
Sanela ist als Kind aus dem jugoslawischen Kriegsgebiet alleine nach Deutschland gekommen, kann nicht die Sprache und weiß nicht viel über das Land. Der überaus intelligente Schüler Nils Liebe freundet sich mit ihr an, hilft ihr, sich zurecht zu finden. Die Freundschaft hält so lange, bis Salena nach einer Reise in ihr Heimatdorf, wo sie nach dem Grab es Vaters sucht, einen Selbstmordversuch begeht. Da trennt er sich von ihr.

Fünfzehn Jahre später hat Sanela einen Sohn, den sie Nils-Tito nennt und der autistische Züge hat. Ihr Ehemann Clemens ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Da meldet sie sich wieder bei Nils Liebe, der inzwischen ein international anerkannter Journalist geworden ist. Sie beginnen ihre Freundschaft von neuem. Als Selena unheilbar krebskrank wird, geht Nils Liebe mit ihr durch die Hölle, bleibt aber bis zum Ende bei ihr.
Ganz ohne Kitsch und Lamento handelt die Autorin das Thema Sterben ab. Fast grausam -lustvoll führt sie aus, welche Qualen die kranke Sanela sich und Nils Liebe zufügt, um nicht in Selbstmitleid zu verfallen. Als sie eine letzte Reise ans Meer unternehmen, verschwindet sie aus dem Leben, indem sie ins Meer hinausschwimmt.
Nils Liebe nimmt die Vaterstelle für den verwaisten Nils-Tito ein.
Lena Gorelik ist keine Autorin, die „berührt“. Ihr Stil ist kalt, schneidend, erbarmungslos. Man muss sich darauf einlassen wollen.

Ian McEwan, Kindeswohl, Diogenes

Dieser Autor hat den sicheren Griff für brisante Themen! Diesmal geht es um schwierige gerichtliche Entscheidungen, die die angesehene Richterin Fiona Maye zu fällen hat: Ein 17-jähriger Mark leidet an Leukämie und braucht dringed eine Bluttransfusion. Seine Eltern als überzeugte Zeugen Jehovas lehnen das aus religiösen Gründen ab. Ebenso er selbst. Die Richterin führt im Spital ein langes Gespräch mit dem Kranken, ohne ihn wirklich von der Notwendigkeit der Transfusion überzeugen zu können. Sie entscheidet unter dem Aspekt des Kindeswohls für die Transfusion. Wie sich herausstellt, sind die Eltern und auch der Junge glücklich über diese Entscheidung. Während dieses Findungsprozesses erinnert sich die Richterin an den anderen schwierigen Fall, den sie zu entscheiden hatte: Siamesische Zwillinge sind so unglücklich miteinander verwachsen, dass entweder beide sterben werden oder nur einer durch eine Operation gerettet werden kann. Aber welcher? Fiona Maye entscheidet sich für die Rettung des stärkeren, lebensfähigeren Kindes. Doch diese Entscheidungsfindung hat ihr sehr zu schaffen gemacht und auch ihr Eheleben gestört: Sie entfernte sich immer mehr von ihrem Mann Jack. Durch den zweiten schwierigen Fall wird die Kluft zwischen ihnen noch größer.
Ian Mc Ewan weiß Spannung zu halten. Mark wird gesund, beginnt ihr Dankesbriefe zu schreiben, folgt ihr sogar auf einer Dienstreise nach. Doch den Schluss wollen wir hier nicht verraten…

Ursula Prutsch, Eva Peron. Leben und Sterben einer Legende, eine Biografie. C.H. Beck

Der Historikerin Ursula Prutsch mit Schwerpunkt Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert ist ein kleines Wunder gelungen: Aus dem Dickicht von Mythen, Legenden und privater Erzählungen, Verklärungen und Verdammngen so etwas wie „Wahrheit“ über Eva Peron herauszufiltern. Und das auch noch „sine ira et studio“. Tatsächlich spürt der Leser, dass Ursula Prutsch versucht, der Person Eva Perons gerecht zu werden, ohne eigene mögliche Vorurteile aufkommen zu lassen. Wo sie das Geschehen aus Erzählungen wiedergibt, verwendet sie den Konjunktiv. Wo sie auf Fakten stößt, den Indikativ.
Eva Peron, 1919 geboren als Eva Duarte. verschleiert ihre uneheliche Geburt. In armen Verhältnissen aufgewachsen gelingt es der schönen jungen Frau, im Radio- und Theaterleben Fuß zu wachsen. Sie lernt Juan Peron sehr früh kennen und ist bald eine wichtige politische Kraft an seiner Seite, verhilft ihm zum Wahlsieg. Da sie für die Armen immer ein offenes Herz hatte und unermüdlich sich die Bitten und Klagen aus dem Volk anhörte und sich persönlich um Lösungen der Probleme bemühte, wird sie bald so etwas wie eine Heilige und übertrifft ihren Mann an Beliebtheit. Als sie mit 33 Jahren an Krebs stirbt, stürzt ihr Tod das Land in Unruhen. Eva Perons Leichnam wurde gleich nach dem Tod mumifiziert und einige Male umgebettet. Ein skurriler Streit entsteht um den Besitz der Leiche.
Interessant ist vor allem, wie ursula Prutsch immer wieder auf die Charakteristika des Populismus in der Diktatur Perons hinweist, die Funktionsweisen und Tricks aufdeckt, mit denen das Volk eingelullt wurde. Deshalb ist das Buch auch ein wahres Lehrstück in Sachen Politik, und dazu noch ausgezeichnet geschrieben und gut lesbar.
Im letzten Teil behandelt die Historikerin das Wirken dieser Frau nach ihrem Tod, ihre Mythologisierung in der Literatur und Musik, ihr Fortwirken bis heute in Argentinien. Auch in der ehemaligen, langjährigen Präsidentin Cristina Kirchner, deren Vorbild Eva Peron war. „So kann die Geschichte von Eva Peron auch als Lehrstück für das Handeln von Populisten gelten, heißen sie nun Hugo chavez, Victor Orban, Jean-Marie und Maine Le Pen, Jörg Haider und Sarah Palin.“

Lucy Foley, Die Stunde der Liebenden, übersetzt von Chr. Dormagen und B. Heinrich. Insel Verlag

Dieser erste Roman der Autorin ist zwar noch kein „Pageturner“, aber man darf auf den zweiten gespannt sein, mit dem es ihr vielleicht gelingt, auf die Liste der Bestseller ganz nach oben zu klettern.
Noch hat die Autorin nicht ihren eigenen Weg gefunden, folgt zu sehr den gängigen Romantrends der Gegenwart. So arbeitet sie mit all zu häufigen Zeitensprüngen. Eine Episode ist kaum länger als zehn Seiten, manche nur zwei bis drei.Auch der häufige Perspektivewechsel sorgt für Unruhe. Dadurch kommt die Entwicklung der Personen nicht so recht in die Gänge. Denn einmal sind die Protagonisten jung und haben ein ganz anderes Profil, gleich wieder alt.Einmal befinden wir uns in Paris, dann in Korsika, dann in New York und so weiter.
Es ist die Lebensgeschichte der Engländerin Alice alias Celia und des Malers Tom. Aus der Kinderfreundschaft wird Liebe, die jedoch durch widrige Umstände -Krieg, gesellschaftliche Hürden -sie stammt aus einem reichen Elternhaus, er ist ein armer Schlucker – nie so richtig ausgelebt werden kann. Als sie in ganz jungen Jahren
einmal doch zusammenfinden, wird Alice schwanger. Zum Entsetzen ihrer Eltern. Die Mutter sagt ihr nach der Geburt, das Mädchen sei tot, und gibt es zur Adoption frei. Als Alice diesen Betrug aufdeckt und ihre Tochter kennen lernen möchte, ist es zu spät. Denn diese ist in jungen Jahren gestorben. Aber deren Tochter Kate, also die Enkelin lebt. Und die macht sich auf die Suche nach der ihr bis dahin unbekannten Großmutter Alice. Klingt kompliziert, ist es auch. Kate lernt zunächst Tom kennen, der ein berühmter Maler geworden ist und in Korsika lebt. Von ihm erfährt sie Bruchstücke dieser Liebesgeschichte. Später reist sie zu Alice, die in New York und Paris gut gehende Kunstgalerien betreibt, und erfährt den Rest. Auf dieser Suche durch die Zeiten des Zweiten Weltkrieges bis in das Jahr 1986 breitet die Autorin die Liebesgeschichte aus. Dass sich Alice, als sie knapp vor dem Weltkrieg ihren über alles geliebten Tom wieder findet, doch nicht für ein gemeinsames Leben entscheiden kann, kann die Autorin nicht wirklich gut argumentieren. Wohl deshalb,damit der Roman nicht frühzeitig in einem Happy End endet.
Lucy Foley ist eine begabte Autorin. Mit einer etwas stingenteren Erzählweise könnte sie durchaus in die Fußstapfen von Jojo Moyes treten.

Val McDermid, Der lange Atem der Vergangenheit, übersetzt von Doris Styron. Drömer Verlag

Die bekannte schottische Autorin von Bestsellerromanen liefert mit diesem Kriminalroman einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des Jugoslawienkrieges. Anfangs kommt das Geschehen nur mühselig in die Gänge, der Leser muss sich durch verschiedene Geheimdienste, Polizeiorganisationen und andere Gruppierungen in Schottland, England und dem Kosovo drchkämpfen. Ab ca. Seite 130 gewinnt das Geschehen an Fahrt.
Die Geografieprofessorin Maggie Blake verliebt sich während des Bürgerkrieges in Dubrovnic in den intelligenten, allseits bewunderten Geheimdienstgeneral Mitja Petrovic, der aus dem Kosovo stammt.Zu Beginn des Romans wird ein Skelett auf dem Dach einer Schule mit einem Einschussloch im Schädel gefunden. Es stellt sich heraus, dass es dieser vor acht Jahren verschwundene Mitja ist. Nun entwickelt die Atorin, geschickt die grausame Vergangenheit des Jugoslawienkrieges mit der Gegenwart verknüpfend, die Geschichte von Maggie Blake und Mitja Petrovic. Sie führt durch diesen „Dschungel von Macht“, ohne jedoch zu werten oder zu (ver)urteilen. Die Gräuel, die sowohl die Kroaten den Serben und die Serben den kroaten angetan haben, werden geschildert ( vielleicht ein wenig zu ausführlich -bedient da die Autorin einen gewissen Voyeurismus?). Die Tatsache, dass zu viele Täter davongekommen sind und sich so manche – wie ebene auch Mitja – als private Rächer aufspielen, wird ebenso wie die Frage nach Recht und Gerechtigkeit gestellt. Hat der Mensch das Recht, Rache zu üben? Wie effizient arbeiten Gerichte? Die Frage von Opfer und Täter spielt ebenso eine wichtige Rolle. So wird aus der Kriminalstory fast ein Lehrstück über die Aufarbeitung oder eben Nichtaufarbeitung von Kriegsverbrechen und der Schuldfrage.

Barbara Vine, Kindes Kind. Übersetzung: Renate Orth-Guttmann. Diogenes Verlag

Barbara Vines Roman „Kindes Kind“ verblüfft: Immer noch sind Probleme wie Homosexualität, „freie Liebe“ ohne Trauschein und uneheliche Geburt ein Problem in unserer Gesellschaft. Dass in den 50, 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Betroffene mit gesellschaftlicher Ächtung bestraft wurden, ist bekannt. Aber auch heute sind Toleranz und Akzeptanz noch keine Selbstverständlichkeit. Deshalb baut B. Vine eine Art Doppelroman oder Roman mit Rahmenroman.
Sie zeigt vor allem in dem „Rahmenroman“ auf, wie sehr dieses Thema auch in der heutigen Gesellschaft noch tabu ist, lässt aber eine gewisse Hoffnung auf Toleranz durchschimmern. Im Hauptroman, auf den der Titel gemünzt ist, zieht sich als roter Faden das totale Unverständnis für Homosexualität und uneheliche Geburt durch: John, der schwule Bruder der Protagonistin Mauve, ist in seinen attraktiven Partner hoffnungslos verliebt. Der jedoch hält nichts von Treue und erpresst ihn immer wieder mit der Drohung, die Beziehung öffentlich zu machen. Am Ende bringt er John um, weil dieser ihm mit seinen romantischen Liebesbeteuerungen lästig geworden ist. Das eigentliche Hauptthema ist jedoch die „Schande“. Homosexuell zu sein ist nicht nur für den Betroffenen, der mit diesem „Makel“, wie das Gesellschaft sieht, leben muss, sondern für die ganze Familie eine Schande. Eine Schande ist es ebenso, wenn ein junges Mädchen/eine Frau ein uneheliches Kind bekommt.Maud ist noch nicht sechzehn Jahre alt, als sie von einem Klassenkamerad schwanger wird. Die Eltern verstoßen sie, drohen mit Erziehungsheim. Nur ihr Bruder John hilft ihr, zieht mit ihr weg in ein Dorf, wo keiner sie kennt, und gibt sich als Ehemann aus. Das Kind kommt zur WElt, wird ein attraktives, sehr begabtes Mädchen mit dem sinnträchtigen Namen Hope. Doch Mauve hat die Kränkungen, die man ihr angetan hat, nie verwunden und vereinsamt, wird kalt, lieblos auch der einst so vergötterten Tochter gegenüber. Hope rächt sich dafür und lässt sich mit 16 von einem Freund ganz bewusst schwängern. Die beiden heiraten..Vielleicht wird diese Generation toleranter werden, lässt Barbara Vine durchblicken.
Insgesamt ein spannender Roman. Die Frage ist, wie sinnhaft es ist, einen Roman im Roman zu schreiben. Denn der Leser ist im 1. Roman mitten im Geschehen und wird ziemlich abrupt in den 2. Roman hineingestoßen. Dass die oben angeführten Probleme auch heute noch virulent sind, hätte die Autorin sich auch anders aufzeigen können. Da B.vine aber eine Kennerin der menschlichen Seele und der Abgründe darin ist, nimmt man diesen wohl bewussten Bruch auch gerne hin.

Drago Jancar, Die Nacht, als ich sie sah. Aus dem Slowenischen übersetzt von Daniela Kocmut und KlausDetlef Olof. Folio Verlag

Der Titel klingt nach Liebesromanze. Der Roman handelt aber nur zum Teil von der Liebe. Im ersten Teil wird die Liebesgeschichte der schönen, verwöhnten Veronika, die in Ljubeljana mit einem Alligator herumspaziert, der aber dann getötet und ausgestopft werden muss, weil er ihren Ehemann in der Badewanne (sic) gebissen hat.
Was da so skurril und fast heiter-ironisch daherkommt, entwickelt sich zu einem der stärksten Romane über die Zeit, als der Zweite Weltkrieg fast schon zu Ende ging und in Slowenien ein wildes Durcheinander an Kämpfern herrschte. Da gab es noch die königstreuen Truppen des Königs Peter, der aber schon im sicheren Exil weilte. Dann die Deutschen, die die Tito-Partisanen und vermeintliche Kommunisten jagten. Dann jagten die Partisanen die Deutschen und meuchelten die so genannten Verräter an der Sache nieder. Keiner konnte mehr dem anderen trauen. So offen über die Situation knapp vor und nach dem Ende des 2. Weltkrieges in Slowenien hat noch kein Schriftsteller geschrieben. Geschickt knüpft er die Handlung rund um die charismatisch-schöne Veronika, Ehefrau des reichen und etwas zwielichtigen Leo Zarnik. Der junge Stivo, ein begeisterter Königstreuer, soll ihr das Reiten beibringen. Schnell werden die beiden ein Paar, sie verlässt ihren Mann und zieht mit Stivo ganz in den Süden, wohin er zur Strafe wegen dieser unstatthaften Beziehung abkommandiert wird. Doch lange bleibt sie nicht. Schlamm, Hunger und tödliche Langeweile lässt sie wieder zu ihrem Mann zurückkehren, der inzwischen eine Burg gekauft hat. Dort halten die beiden nun Hof. Heißt: Trotz Krieg geben sie Feste, laden Gäste ein, darunter auch Deutsche. Ihr Mann untertützt heimlich die Partisanen, hält aber gute Geschäftsbeziehungen zu den Deutschen, was dem Ehepaar letztendlich zum Verhängnis wird: Ein Arbeiter aus dem Dorf, der auch auf der Burg arbeitet und sich in die schöne veronika verliebt hat, denunziert sie aus verletzter Eitelkeit. Die beiden werden grausam gefoltert und Veronika von der ganzen Truppe vergewaltigt, bevor sie stirbt.
Es ist ein Roman, der von dem Leiden berichtet, das alle Menschen, egal zu welcher Schicht, politischen Partei oder Nation sie gehörten, heimsucht, von der Reue über blutige Taten, die aus blinder Wut und Parteigehorsam geschehen sind und nicht wieder gut zu machen sind. Mit einfühlsamer Sprache ohne Künstlichkeit weiß Drago Jancar den Leser in den Bann zu ziehen.
Silvia Matras empfiehlt: D. Jancar, Die Nacht, als ich sie sah.

Willy Puchner, Unterwegs, mein Schatz. G&G Verlagsgesellschaft. Nilpferd

Heureka! Die Plage und Frage, was schenke ich wem zu Weihnachten, ist für dieses Jahr gelöst. Ganz einfach: Willy Puchners Buch, Unterwegs, mein Schatz, ist das ideale Geschenk Es kann ja niemand in der WElt geben, der dieses Buch nicht mögen wird!! Es ist ein Buch über die Liebe zu Tieren und Menschen, über die Liebe der Menschen zu den Tieren, über die Liebe der Menschen zu Menschen, ein Buch über die grenzenlose Phantasie, die alles ermöglicht. „Sing einfach ein Lied, denn singen ist wie fliegen… als ich zu singen begann, flog ich wie ein Vogel, dann marschierte ich durch Glas und Schnee“ heißt es einmal. Willy Puchner hat die Texte selbst geschrieben und natürlich auch dazu gezeichnet. Es ist ein Buch, das gegen schlechte Laune, Einsamkeit, Traurigkeit hilft, denn man muss es einfach lieben und über die Einfälle lächeln. – Und schon ist das Leben ein wenig leichter!
Silvia Matras empfiehlt Willy Puchner,Unterwegs mein Schatz

Radek Knapp, Der Gipfeldieb. Verlag Piper

Wir wissen: Radek Knapp bezaubert mit leisen Tönen, kleinen Ereignissen und Beobachtungen und mit feinem Humor. So auch wieder in dem neuen Roman „Der Gipfeldieb“. Der Icherzähler ist in Polen geboren, bei seinen Großeltern aufgewachsen und mit 12 Jahren von seiner Mutter „zwangsweise“ nach Wien entführt worden. Diesen Bruch in seinem Leben konnte er ihr lange nicht verzeihen. Gegen seinen Willen bekommt er mit 34 Jahren die öst. Staatsbürgerschaft -irgendwie von seiner Mutter eingefädelt. Darüber ist er gar nicht glücklich, denn es droht ihm die Einberufung zum Heer. Diesem kann er sich durch eine geeschickt Charade entziehen und leistet 3 Monate Zivildienst im Altersheim.
Dieser Plot klingt aufs erste nicht gerade umwerfend interessant. Was aber der Autor daraus macht, ist feinste Prosa. In schlichter Sprache kommen Entdeckungen über das Leben daher,dass man nur so staunt. Man fühlt sich wie Alice im Wunderland: Die einfachsten Dinge des Lebens werden ganz neu gesehen. Wendungen im Leben des Icherzählers sind ungewohnt, verblüffend. So auch seine Entscheidungen. Ob er die Fixanstellung im Altersheim annehmen soll? Köstlich dazu der Weg zur Entscheidungsfindung. Der Erzähler ist keiner, der sich dem Mainstream hingibt, denn er weiß:“Alles, was altmodisch ist, hat eine große Zukunft vor sich.“ So schätzt er auch besonders Menschen, die sich nicht in das Schema Ottonormalverbraucher einordnen lassen, wie etwa den Gipfelstürmer, der von allen großen Gipfeln einen Stein abgebrochen hat. Aus dieser Sammlung schenkt er dem Erzähler einen – er soll sein Glücksstein werden.
Radek Knapp reiht sich mit diesem Roman in die große Tradition der Schelmenromane ein. Sein Schelm stellt sich ähnlich wie Don Quijote gegen den Strom der Zeit. Das Buch tut gut, weil es von der Langsamkeit im Leben schwärmt, von schrulligen, liebenswerten Menschen erzählt und von einer Abwendung von der so genannten digitalen, schönen, neuen Welt.

Milena Michiko Flasar: Ich nannte ihn Krawatte. Wagenbach Verlag

Es ist die Erzählung über das langsame Wachsen einer subtilen Freundschaft. Ein Arbeitsloser („die Krawatte), der eben gekündigt wurde und es seiner Frau nicht zu gestehen wagt und vorgibt, täglich zur Arbeit zu gehen, und ein junger „Hikikomori“ – so werden in Japan Jugendliche bezeichnet, die nicht mehr aus dem Haus gehen und jeden menschlichen Kontakt verweigern – begegenen einander auf einer Parkbank, jeder verunsichert, dem Leben entfremdet. Ganz langsam beginnen sie Kontakt aufzunehmen.Das ist der äußere Plot. Aber das Buch enthält wunderbare poetische Stellen, Beobachtungen aus dem Alltag. Der Icherzähler – eben einer der vielen Hikikomori – hat sich vor Jahren aus dem Leben, dem Schulbetrieb und dem Kontakt mit den Eltern zurückgezogen, als er mitansehen musste, wie sich sein Freund vor ein Auto warf. Nach Monaten wagt er sich ganz vorsichtig wieder auf die Straße und schafft es bis zu dieser Parkbank.Und lässt den Blick des Fremden auf ihn zu. Denn schon allein Blicke tun dem Menschenkontakt- Verweigerer weh. Diesmal aber lässt er es zu. „Ich ahnte es. Dass ich jetzt, da er mich bemerkt hatte, ein Bild in ihm geworden war. Er hatte jetzt eine Vorstellung von mir…Ich ließ es zu…Schaute selbst auch zu ihm hin. Nahm ihn weiter in mich auf. So wurde aus unserer minimalsten Bekanntschaft eine minimale Freundschaft.“ Und über Tage, Monate beginnen die beiden, einander ihre Verwundungen, ihren Rückzug aus dem Leben zu erzählen. Durch dieses sich Öffnen dem anderen gegenüber nähern sich beide auch wieder dem Leben. „Krawatte“ beschließt,seiner Frau den Verlust der Arbeit zu gestehen. Doch bevor es dazu kommt, stirbt er. Der Junge setzt sich wieder an den Tisch mit seinen Eltern. „Nach alledem beieinander zu sitzen und uns mit Hilfe des Uneigentlichen über das Eigentliche zu verständigen, war wie ein erstes Aufatmen, nachdem wir alle drei unter Wasser gewesen waren. Das Durchbrechen der Oberfläche. Wir prusteten noch.“ Die Rückkehr des Jungen in die WElt ist ein Anfang, geschuldet der Freundschaft zwischen ihm und er Krawatte.
Das Wunderbare an dem Buch: Es passiert fast nichts, dieses Nichts zieht dich aber wie ein Sog in die Zeilen hinein. Immer wieder stellt die junge Autori Lebensfragen, wie über die Lüge, die Illusion und das Glück.
Wie sie mit so viel Zartheit und Poesie alte Weisheiten über das Leben niederschreibt, ist ein literarisches Wunder.

Saphia Azzeddine, Zorngebete. Wagenbach

Dass Saphia Azzeddine zu den besten Schriftstellerinnen des Maghreb zählt, beweist sie wieder einmal in dem Roman „Zorngebete“. Die Icherzählerin Jbara ist 16 Jahre altund hütet die Schafe in Tafafilt, einem Ort in der Wüste, in dem kaum Fremde vorbeikommen. Sie weiß nichts von der Welt, auch nicht, dass sie schön ist. „Schönheit git es nur in der Sprache der Reichen“.Sie lässt sich von einem Jungen aus der Umgebung hin und wieder „besteigen“, ohne zu ahnen, wozu dieser Geschlechtsakt führt. Als sie schwanger wird, wird sie vom Vater, der ihr wegen seiner Pseudoreligiosität verhasst ist, vertrieben. Mit dem Bus fährt sie in die nächste Stadt, wo sie das Kind auf der Straße ganz allein auf die Welt bringt und es einfach liegen lässt. Als Putzfrau und auch als Nutte bringt sie sich durch, immer im Gespräch mit Allah, an dessen Existenz sie glaubt, aber ganz genau weiß, dass nur sie allein sich helfen kann. Die Frage nach dem richtigen Tun stellt sie ihm immer wieder und gibt sich selbst die Antwort. Eines Tages gelingt es ihr, in einer Villa der Reichen als Dienstmädchen zu arbeiten. Man liest mit großem Vergnügen, wie sie das absurde Benehmen der Bewohner beschreibt. Sie wird von ihnen als Mensch nicht wahr genommen: „Die Reichen sehen uns nicht“, auch nicht, als der Hausherr sie regelmäßig fickt und danach gleich wieder vergisst. „Es ist schrecklich, niemandem in Erinnerung zu bleiben“. Obwohl sie nicht lesen kann,lernt sie bald den „Unterschied zwischen einer Sonnenbrille von Fendi und Versace“ erkennen. Mit dem Wissen um das Tun und Treiben der Reichen wird sie bald zu einer gefeierten Stripperin, dann die Edelnutte eines Scheichs. Sie ist jetzt „Geschäftsfrau und ihr Körper ist ihr Büro“. Das geht so lange gut, bis ihr Scheich wegen Drogenhandels des Landes verwiesen wird und sie ins Gefängnis kommt.Nach der Haft heiratet sie einen „braven Imam“ und hofft auf ein ruhiges Leben. Doch die Schiegermutter will es nicht so und drangsaliert sie ordentlich. Als ihr Mann einen Schlaganfall erleidet, füttert und badet sie ihn und singt ihm, um die Schmerzen zu lindern, Lieder ihrer Kindheit vor. Immer wieder richtet sie ihre Zorngebete an Allah, hadert mit ihm, zweifelt an ihm, fragt nach dem Sinn des Leidens und des Bösen, um am Schluss zu erkennen: „Gut und Böse gibt es nicht. Dafür bist Du viel zu scharfsinnig. Allah, Du bestehst nur aus Zwischentönen und darum liebe ich Dich.“
Ein berührendes Buch ganz ohne Rührseligkeit. Dafür sorgt schon die direkte, oft sehr harte Ausdrucksweise. Azzeddine nimmt sich kein Blatt vor den Mund, nennt die Dinge beim Namen, ohne billig zu werden. Wenn sie den Geschlechtsakt beschreibt, so geschieht das sehr direkt, in groben Ausdrücken, denn genau so erlebt ihn Jbara.“Im Grunde kann ich mich nicht beklagen. Ich verkaufe Sex..was ist schlecht daran?“ fragt sie. Erst als sie so etwas wie Liebe zu ihrem sterbenden Mann empfindet, wird sie mit sich eins.
Saphia Azzeddine hat ein packendes Buch jenseits der gängigen Moralvorstellungen geschrieben. Sie geht hart mit den Lebensführungen der Reichen um, schildert mitleidlos den Lebensweg eines Mädchens, das von den Männern ausgenützt wird und das ihre Schönheit umgekehrt auch nützt, um am Reichtum mitzunaschen. Azzeddines Kritk richtet sich vor allem gegen eine Männerwelt, die unter dem Vorwand religiöser Gesetze Frauen schamlos ausnützen und sie, um sich ihrer ganz sicher zu sein, unter einen Schleier stecken. „Scheiße nochmal, dieser Schleier kotzt mich an.“ Und sie wird ihn ablegen. Zum Zeichen ihrer neuen Freiheit.

Saphia Azzeddine, Mein Vater ist Putzfrau. Übersetzung Birgit Leib. Wagenbach Verlag

Er hilft seinem Vater, diverse Büros, Bibliotheken des Nachts zu putzen. Paul ist zu Beginn des Romans ein kluger, flinker Knirps mit einer haarscharfen Beobachtungsgabe. Schonungslos analysiert er die Blödheiten der Erwachsenen, wie sie sch gockelhaft benehmen und wie wenig Hirn in ihnen ist. Nur seinen Vater und Priscilla findet er klasse. Für beide bemüht er sich. Seinem Vater, dessen Schwäche er liebevoll akzeptiert, hilft er, wo er nur kann. Die Liebe ist gegenseitig. Es ist rührend, wie sehr sich der ungebildete Vater um die Erziehung seines Sohnes kümmert. „Du sollst nicht so werden wie ich“, sagt er immer wieder. Das tut Paul weh. Weil er den Vater nicht enttäuschen will, lernt er, bringt es sogar bis zum Abitur. (Allerdings ein wenig erschwindelt – mit einer köstlichen Komödie vor der Mathematiklehrerin). Es ist pures Vergnügen, Paul bis zm Erwachsensein zu verfolgen. Er bekommt – natürlich – seine Priscilla nicht.  Er wird Steward. Als er seinem Sohn diesen Beruf erklärt, fasst dieser zusammen: „Also, du putzt, nur eben in der Luft.“

Einer der berührendsten Romane über eine Jugend am Rande von Paris, ehrlich, witzig, frech! Einfach liebenswert!!

Elisabeth – Joe Harriet, Die unveollendete Geliebte/ Olga Waissnix & Arthur Schnitzler, Amalthea 2015

Hier wird Seelenstriptease auf höchstem Niveau betrieben. Die Autorin hat das Verhältnis der beiden Protagonisten akribisch durchleuchtet. Der Leser fühlt sich fast als Voyeur, wenn er der Liebesgeschichte, die sich im Lauf der Jahre in eine schöne Freundschaft klärte, in Briefen und Tagebucheintragungen folgt. Olga Waissnix ist die „schöne Wirtin“ vom Thalhof in Reichenau. Sie ist nicht nur schön, sondern auch intelligent und gebildet, vom Adel und der Wiener Gesellschaft, die im Thalhof Urlaub machen, umschwärmt. Schnitzler und sie lernen einander in Meran kennen und verlieben sich heftig ineinander. Aber Olga wird nicht seine Geliebte, weil sie den Skandal fürchtet. Ihr eifersüchtiger Ehemann Karl und ihr Vater Ludwig Schneider „überwachen“ mit Argusaugen ihre Tugend. In den Briefen, die zwischen den beiden regelmäßig gewechselt werden, kann man diese schwierige Liebe nachvollziehen. Im Mittelteil des Buches, als sich Schnitzler zahlreichen anderen Frauen zuwendet, wird es mühselig zu lesen. Da wird das Wort „Liebe“ in allen Varianten zu Tode geredet, sehr oft im Klischee erstickt. Schnitzler entpuppt sich als berechnender Egoist, Olga als unentschlossene Nicht-Geliebte.

Interessant wird es wieder, als beide sich für die Freundschaft entschließen und die Diskussionen um das Thema Liebe abflauen. Olga wird die erste und ausadauernde Bewunderin Schnitzlers als Schriftsteller. Als sie schwer an Bauchfellentzündung erkrankt, wird das Verhältnis beider inniger und ehrlicher. Auch wenn sie sich nur selten sehen. Olgas Briefe sprechen von den Schmerzen, die sie 6 Jahre hindurch ertragen muss. In dieser Zeit wird sie die gr0ße Versteherin eines schwierigen Dichters. Sie brauchen einander, um über die Trostlosigkeit des Lebens hinweg zu kommen. Olga stirbt mit 35 Jahren an einer missglückten Operation.

Das Buch ist für alle eingefleischten „Reichenauer“, die Sommer für Sommer nach Reichenau zu den Festspielen und zu Helga Davids Aufführungen pilgern, besonders interessant. Es ist eine Zeitreise in eine Vergangenheit, als dieser Ort noch kultureller und gesellschaftlicher Knotenpunkt war.

Wie ging es weiter mit dem „Thalhof“?

Nach  Olga Wasisnix´s  Tod ging es mit dem Thalhof bergab. In den letzten 16 Jahren wurde ein Teil des ziemlich herabgekommenen Hotels von Helga David als Theaterstätte erfolgreich bespielt. Die neuen Besitzer Ursula und Josef Rath haben den Vertrag mit ihr leider gekündigt. Es heißt, derThalhof wird total renoviert und soll wieder als Theaterstätte fungieren.

Michel Houellebecq, Unterwerfung, Dumont

Die gute Kritik zuerst: Der Plot ist genial, ein Kandidat aus der Bruderschaft der Muslime übernimmt 2021/22 die Herrschaft in Frankreich, und schleichend verändert sich das Stadtbild von Paris, Frauen verschwinden aus führenden Positionen und werden zurück an Heim und Herd beordert. Kritiker, Professoren der diversen Universitäten lassen sich durch weit höhere Gehälter, als sie bisher hatten, kaufen.  Francois, ein Professor für Literatur an der Uni Sorbonne, ist der Protagonist, der all diese Veränderungen registriert. Auch er wird angeworben – und nun der zweite geniale Einfall des Autors: Die letzten 4 Seiten, als es um die Entscheidung geht, ob Francois zum Islam übertreten wird und sich kaufen lässt, ein wahnsinnig hohes Gehalt für eigentlich keine Aufgabe annehmen wird – schreibt Houellebecq alles im Konjunktiv! Ein Hoch auf diese Idee! (ich liebe den Konjunktiv in der Literatur, der meines Wissens zum letzten Mal so genial von Michael Kehlmann in der Vermessung der Welt angewendet wurde). Er führt daher alle Leser, die auf Spannung aus sind – „wie geht das weiter, wie gehts aus“ – an der Nase herum!! Nichts ist entschieden, alles ist offen.

So, das war es schon von meiner Seite mit den Positiva. Ich gebe zu, ich mag einen Roman nicht, der schon mit so viel Lobeshymnen von den Medien eingedeckt wurde, dass der Leser sich schämt zuzugeben, ihm gefällt das Ganze überhaupt nicht. Also – ich gestehe es. Denn die gute Story ist durch ellenlange Abhandlungen über den spätromantischen französischen Schriftsteller Huysmans, über andere Schriftsteller und Philosophen, die man heute kaum mehr kennt – ich zumindest nicht und musste daher dauernd im Internet surfen, um zu lesen, dass der Gesuchte kaum von Bedeutung ist – also – um den Faden aufzunehmen, die gute Story ist durch die literarischen Exkurse über unbekannte Schriftstellerwelten und  Meinungen diverser Literaturhistoriker kaputtgeschrieben. Mühevoll bemüht sich Houellebecq  um existentielle Zusammenhänge, indem er Francois auf den Spuren von Huysmans an christliche Orte schickt, um herauszufinden, ob er im Christentum  Halt finden könnte. Denn durch die islamische Neuorientierung im Lande  und die Kündigung an der Universität ist dem armen Francois der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Vor allem ist ihm sein sexuelles Jagdrevier verloren gegangen, wodurch er sich bisher in seinem Mannsein bestätigt sah. Keine willigen Studentinnen mehr – kein Sex mehr. Auch die Freundin hat sich nach Israel abgesetzt. Deshalb der halbherzige Versuch, es zuerst mit dem Christentum zu probieren, was ihm nicht gelingen will und dann mit dem Islam, der zumindest ein Leben im Luxus garantieren würde. Aber eben nur „würde“ – die Entscheidung bleibt offen. Dafür danke ich dem Autor! Vielleicht auch noch für einige ironische Einschübe, die das Lesen erträglich machen.

Die Meinungen in der Leserunde: Es gab hymnische Beurteilungen, wie: Das wichtigste Buch über unsere von Gewalt und IS bedrohten Zeit (diese Seite des Islam spricht Houellebecq allerdings überhaupt nicht an, ja er scheint sie sogar tunlichst zu meiden). Viele aus der Runde meinten, dass die ersten 40, 50 Seiten sehr mühselig zu lesen waren (besagte Abhandlungen über Literatur und Philosophie), waren aber grundsätzlich von dem Buch angetan, weil der Autor seinen Protagonisten auf Sinnsuche schickt. Es fiel auch die Kritik, dass die Probleme, die sich in einer islamischen Regierung ergeben können,  zu banal dargestellt sind.

Meine zusammenfassende persönliche Meinung: Houellebecq zeigt eher eine gemütliche Unterwerfung unter den Islam auf. Vergleicht man den Titel „Unterwerfung“ mit dem Film „Submission“ (Unterwerfung) von Theo van Gogh, so fällt erst recht die Verharmlosung auf: Denn Theo van Gogh berichtet über die Unterwerfung von Frauen in der islamischen Welt, die zwangsverheiratet, vergewaltigt und geschlagen werden. Er musste seinen Mut ja bekanntlich mit dem Leben bezahlen. Das wollte Houellebecq ganz eindeutig nicht riskieren.

Die Frage nach dem Cover : einige meinten – es sei ein Symbol für die verschleierte Frau, andere sahen in dem Vogelgesicht das wachsame Auge des Geheimdienstes oder des Präsidenten. Auf alle wirkte der schwarze Vogel bedrohlich. Der Zusammenhang mit dem Werk bleibt offen.

 

Corrado Augias, Die Geheimnisse Italiens. Roman einer Nation. C.H.Beckverlag

Italiens Städte werden von einer innerliterarischen Seite durchleuchtet. Augias stöbert in den Werken der Literaten, in Briefen, in Büchern von Philosophen und entwirft zwar kein neues Bild auf Städte wie Rom, Palermo, Neapel, Mailand oder Venedig, aber doch gelingen ihm unübliche Blickwinkel. So weiß man zum Beispiel, dass Palermo ein kultureller Schmelztiegel aus Abendland, Islam und der griech.-byzantisnischen Welt ist, aber dass die Stadt vom Todesgedanken – inklusive Mafia – beherrscht wurde und wird, ist vielleicht nicht allen bekannt. Die Gesellschaft Roms stellt er als eitel, geschwätzig und oberflächlich dar. Interessant ist die Momentaufnahme Neapels aus den letzten Tagen der deutschen Besetzung. Da bewiesen die Bewohner Mut zum Widerstand, und zwar alle – vom Adeligen bis zum Straßenjungen. Doch dieses Aufflackern eines Stolzes verkam zu einem schäbigen Anpassen an die Befreier. Mailand wiederum definiert der Autor über die Geburt des Regietheaters unter Strehler. Mit den politisch brisanten Brechtaufführungen setzte Strehler wichtige gesellschaftliche Zeichen, die heute leider keine Wiederholung finden.

„Die Wahrheit über Italien“ oder die Geheimnisse Italiens hat auch Augias nicht ans Tageslicht bringen können. Denn wo liegt die Wahrheit einer Stadt oder gar einer Nation?? Das sind zu hoch und zugleich zu vage gesteckte Ziele. Aber für alle Italieninteressierte ist dieses Buch eine Bereicherung. Denn der Autor scheut sich nicht vor harter Kritik, die er zwar meist anderen – Literaten, Theater- oder Staatsmännern – in den Mund legt. Kritk dem eigenen Land gegenüber ist allemal besser als eitle Nabelschau.

Margret Greiner, Auf Freiheit zugeschnitten. Emilie Flöge, Verlag Kremayr&Scheriau

Endlich eine Romanbiografie, die sowohl den Namen „Roman“ als auch „Biografie“ verdient. Was weiß man schon über Emilie Flöge? -„Ach ja, das war doch die Geliebte Gustav Klimts“ oder „Gustav Klimt hat sie doch ein paar Mal gemalt“ – mehr kommt da nicht. Darum war es wichtig, dieses Buch über diese interassante Frau zu schreiben und zwar nicht nur als „Beigabe“ zu Klimt, nicht nur in der Konnotation mit Klimt. Denn Emilie Flöge war für ihre Zeit – und wahrscheinlich auch noch für heutige Zeiten – eine fortschrittliche, selbständige Frau. Sie führte ihren eigenen Modesalon zu einer Zeit, als man von Coco Chanel noch nichts wusste. Sie entwarf Mode, um die Frauen aus dem Korsett und den Zwängen des pompösen Kleiderwahns zu befreien. Ihre Entwürfe entstanden in Konkordanz mit den Wiener Werkstätten.

Als Lebensbegleiterin von Gustav Klimt hatte sie sich früh entschlossen, aus dem Kampf um die erotische Vormachtstellung in seiner Gunst auszusteigen,  alle Amouren ohne Kommentar hinzunehmen und ihm „die Frau an seiner Seite“ im öffentlichen und privaten Leben zu sein, ohne jede sexuelle Beziehung. Diese Haltung fiel ihr nicht immer leicht, aber es war für das Paar der einzig mögliche Weg der gegenseitigen Akzeptanz.

Margret Greiner gelingt es in einer unaufgeregten Sprache mit viel Feingefühl, die Figur Flöges lebendig werden zu lassen. Der Leser weiß immer, wo die Romanfiktion beginnt und wo andrerseits die Recherchen sich auf gesichertem Terrain befinden. In inneren Monologen, Dialogen und Reflexionen führt sie uns an den Charakter dieser interessanten Frau heran, und zwar so nahe, wie es ein Roman erlaubt und so distanziert, wie es eine Biografie verlangt.

Unbedingt lesen!

Silvia Avallone, Marina Bellezza

Schauplatz: Italien, genauer Piemont, noch genauer die ehemealige Industriestadt Biella und die Gebirgstäler. Silvia Avallone schreibt den Roman der verlorenen Generation, die mitten in der wirtschaftlichen Krise Italiens keine beruflichen Chancen hat. Ein trockenes Thema? – Ganz und gar nicht. Die Autorin hat einen „blühenden“ Sprachschatz, manchmal überbordend in ihren Vergleichen, zuweilen auch ausufernd. Aber die Bilder sind stark.

Der Plot ist einfach: Andrea, Sohn des Ex-Bürgermeisters von Biella, liebt die Provinzdiva Marina Bellezza. Gegenssätzlicher könnte ein „Paar“ gar nicht sein: Er möchte wie einst sein Großvater auf eienr Alm Kühe hüten und Käse machen, sie träumt von einer Sängerkarriere. Der Start gelingt ihr auch recht viel verspechend. Doch eingebildet und unberechenbar  wie sie ist, bricht sie immer wieder aus dem Zirkus um sie herum, TV, Manager, Fans aus und kehrt zu Andrea zurück. Aber auch nur, um sicher zu gehen, dass er ihr noch immer verfallen ist. Die Heirat der beiden kann nur in neuerlicher Trennung enden.

Der Roman ist stark, wo er die Menschen in der Krise, die karge Gebirgslandschaft und die verlassenen Dörfer  schildert. In der Konstruktion hat er Schwächen: Die Autorin hätte gut daran getan, ihre ausufernde Sprachgewalt ein wenig zu zügeln – manchmal sind dieVergleiche, weil sie immer wieder kehren, mühselig. Auch die inhaltlichen Wiederholungen – teilweise liest sich der Roman wie ein Roadmovie der Beziehungen – ermüden ab der 2. Hälfte. Weniger wäre mehr. Man wünscht sich für den nächsten Roman,  dass sich  Silvia Avallone, die  ein großartiges Gespür für die richtigen Themen und für einprägsame Charaktere hat, ihre Bilderfreude ein wenig zähmt und inhaltlich stringenter wird.

Auf jeden Fall ist „Marina Bellezza“ trotz der manchmal gefährlichen  Nähe zur Trivialliteratur ein toller Roman, ehrlich und packend – bis zur Hälfte.  Bis zum Ende (560 Seiten) muss man sich dann durchkämpfen, die Energie ist irgendwie draußen.

Mauro Corona, Im Tal des Vajont, Graf Verlag

Eine bedrückend-intensive Geschichte über das harte Leben der Menschen im abgelegenen Bergtal zwischen Friaul und Veneto. Im Dorf Erto spielen sich Natur- und Menschentragödien ab mit der Wucht griechischer Dramen. Die Sprache ist wie geschliffener Marmor. Hart. Eindrucksvoll

Evjenia Fakimu, Aretha und die Frauen des Kleanthes

Eine zu tiefst berührende, fein gesponne Geschichte aus Griechenland zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Mädchen Aretha, das beim geringsten Schock in tagelangen Tiefschlaf verfällt, wird von den besorgten Tanten in eine immer enger werdende Welt gezwungen, um die Gefahren von ihr abzuhalten. Bis ihr nur mehr das Zimmer im 1. Stock des Hauses bleibt. Trost ist ihr die Liebe zu dem Jungen Andreas. …Wer je Griechenlands Wurzeln erahnt oder erlebt hat – eine Ahnung bekommt man ja hie und da auch heute noch – der muss dieses Buch lesen.