Grig(or Shashikyan): Jesus‘ Katze. Geschichten von den Straßen Jerewans

Aus dem Armenischen von Anahit Avagyan und Wiebke Zollmann.

Kolchis Verlag

In Jerewan mir blieb die Luft weg. Nicht so sehr wegen der Abgase, sondern eher vor Staunen. Nach der tagelangen Fahrt durch Natur pur sah ich meiner Ankunft mit gewissem Bangen entgegen. Ich fürchtete, in eine Stadt mit nur grauen Plattenbauten in russischer Einheitsästhetik zu kommen. Die gibt es natürlich. Doch Jerewan überraschte total und gab  zur Begrüßung den Blick auf den Ararat frei. Dieser Berg hat etwas von Ewigkeit an sich. Hier soll Noah mit seiner Arche gelandet sein, rund um ihn entstand das armenische Reich. Dass der Berg heute den Türken gehört, schmerzt die Armenier sehr und lässt ihn umso mehr zum Mythos werden. Sehnsuchtsvoll schauen sie tagtäglich  über den Streifen Niemandsland zu ihm hinüber. Er scheint ja an manchen Tagen zum Greifen nah. Und doch unerreichbar.

Siebzig Jahre russischer Herrschaft haben natürlich die Kultur und Lebensform geprägt. Kluge und mutige Pädagogen wussten um die Gefahr der Normierung. Um Kinder von ästhetischen Stereotypen russischer Prägung zu befreien und ihnen das Bewusstsein eigener Identität zu vermitteln, gründeten mutige Pädagogen Mitte der Siebzigerjahre das Kinderkunstmuseum. Was so harmlos klingt, war eine gewagte Sache. Denn die Russen verboten künstlerische Eigeninitiativen. In privaten Ateliers konnten Kinder zwischen 5 und 12 Jahren frei arbeiten, zeichnen, malen, sticken oder Theater spielen. Viele, die heute angesehene Künstler in Armenien und im Ausland sind, haben  hier ihre künstlerische Laufbahn begonnen und  die Welt mit ihren eigenen Augen sehen gelernt. Deshalb ist dieses kleine Museum ein wichtiges Zeugnis der Selbstbehauptung.

Kunst im öffentlichen Raum spielt in Jerewan eine große Rolle. Es scheint, als ob die Stadt darin ihre Identität findet.  Überall stehen Denkmäler oder Skulpturen, wie etwa die große Dicke von Fernando Botero. Nicht zu vergessen die Genozid-Gedenkstätte, die wie eine schlichte, begehbare Struktur gebaut ist. Oder die  „Kaskade“, ein beliebter abendlicher Treffpunkt der Jerewaner. Über fünf Ebenen steigt man hoch genießt die Aussicht und die Kunstwerke, die ein reicher Armenier gestiftet hat.

Jerewan und im Dunst der Berg Ararat zu ahnen

©Silvia Matras

Ob der junge armenische Autor Grig (die ersten vier Buchstaben seines Vornamens), der mit dem Erzählband „Jesus‘ Katze“ viel Anerkennung erntete, auch in der geheimen Kunstschule seinen künstlerischen Weg nahm, weiß ich nicht. Fest steht, dass die Armenier ihr ganz eigenes Kunstverständnis und Kreativität trotz russischem Einfluss entwickelt haben. Dieser Erzählband ist dafür das beste Beispiel. Die Geschichten handeln von Menschen „am Rande der Gesellschaft“, wie es allgemein euphemistisch heißt. In Wahrheit sind es Menschen, die am Rande ihres Lebens stehen, aber ihren Stolz bewahren. So in der ersten Geschichte „Der kleine Mann“, die wohl zu den berührendsten des Bandes zählt. Sie handelt von einem Maler, der immer die gleichen Wolkenbilder malt, sie aber unterschiedlich benennt. Still, ohne für sich zu werben, stellt er sie in dem Park im Zentrum aus. Menschen gehen vorbei, keiner kauft. Bis er am Schluss alle vor der Kunstkaskade verschenkt, die Aktion in einem eigenartigen Tanz unter den Schneeflocken begleitet. Vielleicht hatte er den Verstand verloren.

Die einzelnen Geschichten steigern sich in der Skurrilität immer mehr, es kommt der Punkt, an dem man aussteigt, weil man den Kapriolen des Autors nicht mehr folgen kann. Trotzdem – dieses Buch ist wie ein Seelenspiegel der Armenier, spiegelt ihren Stolz, ihre Phantasie, ihre Überlebensstärke wider. Deshalb ist es wervoll.

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Nastassja Martin: An das Wilde glauben. Matthes-Seitz Verlag

Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer

Die Autorin ist Anthropologin und Schriftstellerin. Ihre Forschungen konzentrieren sich auf indigene Völker, die den westlichen Kulturen Widerstand leisten.

Eine ihrer Reisen führte sie nach Kamtschatka zu dem Volk der Ewenen, wo sie deren Lebensformen und Mythen erforscht. Auf einer Bergtour in menschenleerer Wildnis wird sie von einem Bär angegriffen: “ …das geschwollene , zerrissene Gesicht gleicht sich nicht mehr,…ich bin diese undeutliche Form, deren Züge in den offenen Breschen des mit Blut und Sekreten verschmierten Gesichts verschwunden sind.“ Wie durch ein Wunder wird sie von einer alten Frau aus dem Volk der Ewenen gerettet, die ihre Wunden versorgt. Im russischen Spital für Kriegsverwundete wird sie operiert, zwei weitere Operationen erfolgen in Frankreich. Die Wunden heilen, das neue Gesicht gehört ihr noch nicht. Sie kehrt zurück an den Ort, wo sie dem Bär begegnete. Es geht ihr um Verstehen. Der Bär wird zum Symbol für die Frage, wie wir Menschen mit der wilden, von Menschen unberührten Natur umgehen. Sie stellt sich der Erkenntnis, dass in ihr der Bär nicht nur optische Spuren hinterlassen hat, sondern einen Teil ihrer Seele erfasst hat. In Morphinträumen erkennt sie hellsichtig, dass sich in ihrem hybriden Körper westliches, technologisches Wissen und das Wilde, der Bär vereinen.

Schon als Kind, so Nastassja Martin, war sie von allem Wilden, den Wäldern, den Bergen, den Akrobaten und den Geschichtenerzählern fasziniert. Gegen Schule, Stadt und Beton wehrte sie sich und studierte Anthropologie, wobei sie vordringlich vom Animismus der Urvölker wie eben der Ewenen fasziniert ist.

Mit ihrer präzisen Sprache leuchtet Nastassja Martin seelische Innenräume aus, wo Autoren sonst kaum vordringen. Mit erstaunlicher Klarsichtigkeit führt sie zwei Welten zusammen, die der Wildnis, in der Bären Menschen angreifen, und die des Vertrauten, sagen wir der Normalwelt. Sie erreicht dabei die Grenzen des Denkens und sucht Antworten auf die Fragen: Was ist Natur, was ist unsere westliche Welt? Immer wieder erfassen sie Erinnerungen an den Kampf mit dem Bären, Gedanken, die sie selbst nur schwer ausformulieren kann, da sie sich der weltlichen „Formel“ widersetzen. Aber letztendlich kehrt die Autorin aus dieser „Bäreneinsamkeit“ immer wieder in die „moderne, zivilisierte Welt“ zurück. Sie braucht beide Seiten der Existenz.

„An das Wilde glauben“ ist eine Autobiographie. Martin geht aber weit darüber hinaus, verlässt den erzählerischen Raum und verliert sich in ihrer vom Animismus beeinflussten, beherrschten Gedankenwelt, der zu folgen der Leser Geduld und Aufmerksamkeit entgegen bringen muss, soll. Ja, soll. Denn es zahlt sich aus, sich in Martins Universum auszuliefern.

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Ich möchte auf ein Buch hinweisen, das sich ähnlich sprachgewaltig auch mit der Frage, wie wir mit den letzten Refugien der Wildnis umgehen, beschäftigt:

Siehe meine Buchbesprechung !

Polly Clark: Tiger. Eisele Verlag

Aus dem Englischen von Ursula C. Sturm

„Der Wald argumentiert nicht. Der Wald lügt nicht. Der Wald fordert von dir nichts weiter als Respekt. Und der Herrscher über den Wald, der Zar, ist der TIGER.“

Dieses, dem Roman vorangestellte Zitat, umfasst das Thema: Respekt vor der wilden, ungezähmten Natur!

Die Autorin nennt ihr Buch einen Roman. Aber eher sollte es heißen: Vier Erzählungen um das geheimnisvolle Wesen „Tiger“.

Es beginnt mit einem Prolog. Wie viele Männer in der russischen Taiga träumt auch Dimitri davon, einen Tiger zu erlegen und durch den Verkauf des Tieres immens reich zu werden. Doch es kommt anders: Der König des Waldes stürzte sich lautlos auf ihn, schlug seine Zähne in das Fleisch des Menschen, dem keine Zeit mehr blieb, Angst zu empfinden. „Dimitri blieb nur noch eines: in das Antlitz des Göttlichen bis in alle Ewigkeit zu schauen, und in seinem Blut und in jeder Zelle seines Körpers die wahre Ordnung der Natur zu spüren.“

In dieser bildgewaltigen, atemlos machenden Sprache peitscht Polly Clark den Leser durch das Schicksal verschiederner Protagonisten, die alle in irgendeiner Weise der Faszination „Tiger“ erliegen

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Teil eins: Frieda

Frieda ist mit Leib und Seele Tierforscherin. Eines Tages wird in einem englischen Zoo eine Tigerin erwartet, die dem deprimierten Zootiger Lust auf Sex machen und für Nachkommen sorgen soll. Als Betreuerin wird Frieda eingesetzt. Sie hat noch keine Erfahrung mit der Spezies Tiger, beobachtet die durch Verwundungen und Transport gereizte Tigerin fast rund um die Uhr. Wagt sich ungeschützt in den Käfig, weil sie glaubt, das Vertrauen des Tieres gewonnen zu haben, und wird von der Tigerin angefallen. Schwer verwundet kann Fieda noch einen Betäubungsschuss setzen, bevor sie ohnmächtig wird. Frieda hat sich, genau so wie der Fallensteller Dimitri, in einen Kampf mit der ungezähmten Natur eingelassen und verloren. Zwei Warnungen, die die Erzählerin dem weiteren Verlauf ihres „Romans“ voranstellt.

Teil zwei: Tomas

Schauplatzwechsel: Im äußersten Osten Russlands leiten Vater Iwan und Sohn Tomas ein etwas herabgekommenes Reservat, das den wenigen noch lebenden Tigern in der Taiga Schutz und Freiraum sichern soll. Sie kämpfen gegen die Macht der Geldhaie, die auch die letzten Winkel der unberührten Natur vermarkten wollen.Eines Tages bricht Tomas in den von Menschen noch nie betretenen Wald auf, um mit Kamerafallen Bilder von der „Gräfin“, wie sie die dort lebende Tigerin nennen, zu bekommen. Was er aus den Spuren lesen kann, ist ein wilder Lebenskampf zwischen der Tigerin und einem Bär. Und dann entdeckt er auch Spuren einer Frau.. Er entdeckt ein Drama: Vor einer Hütte liegt die Tigerin, unter ihr begraben die Frau. Beide tot. Daneben ein Mädchen. Sina wird sie heißen und er wird sie und das Tigerjunge der Gräfin ins Reservat mitnehmen

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Teil drei: Edit

Edit stammt von den Udehe, den letzten Ureinwohnern der Taiga. Sie lebt mit dem Russen Waleri in einem Dorf in der Taiga. Als dieser eines Tages eine Tigerin im Käfig gefangen ins Dorf bringt, verlässt ihn Edit. Tiger sind für die Udehe heilige Wesen. Sie nimmt ihre dreijährige Tochter Sina mit und lebt mit ihr in der Tiefe des dichten Waldes, lehrt sie alles, was zum Überleben wichtig ist. Beide überstehen in dieser wilden, unberührten Natur Eiseskälte, Hunger und Hitze. Bis eines Tages die Gräfin sich der Hütte nähert. Edit elingt es, sie tödlich zu treffen, wird aber von der todwunden Tigerin zu Tode gebissen. Hier schließt sich der Kreis der Personen: Tomas wird Sina finden und mitnehmen.

Teil vier: Tiger

Polly Clark scheut sich nicht, die Geschichte der Gräfin zu erzählen und dabei gleichsam hinter die Augen und Ohren, in das Gehirn des Tieres mit der menschlichen Sprache zu dringen. Das gelingt ihr überzeugend gut. Dank ihrer Recherchen für dieses Buch hielt sich Polly Clark monatelang in der russischen Taiga auf den Spuren der Tiger auf. Ohne das Verhalten der Gräfin zu humanisieren, begleitet sie das Tier auf ihren Streifzügen, beschreibt die Geburt der beiden Tigerjungen, die verzweifelte Suche nach Nahrung. Berührend der Tod des einen Jungtieres, ihr wütender Angriff auf die Hütte.

Übergangslos führt die Autorin wieder in das Dorf, wo Sina nach dem Tod ihrer Mutter aufwächst. Und wieder übergangslos landet plötzlich Frieda in diesem Dorf. Mit im Gepäck zwei Tigerjungen aus dem Zoo, die nun zur Auswilderung vorbereitet werden. In dieser allzu gewollten Zusammenführung ihrer Figuren liegt vielleicht das einzige Stolpersteinchen. Aber letzendes genießt der Leser die präszisen und doch hochpoetischen Beschreibungen. Die kleinsten Details bekommen fast mythische Bedeutung. Ein „Roman“, wenn man denn so will. Aber die Bezeichnung tut nichts zur Sache. Wichtig ist Sprachgewalt, mit der die Autorin das Wesen der Tiger erfasst, die letzten unberührten Winkel der Natur schildert. Bilder, die in die Seele eingehen und dort bleiben

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Ein ähnlich sprachgewaltiges Buch mit ähnlichem Thema sei hier erwähnt:

Nastassja Martin, An das Wilde glauben. Die Anthropologin Nastassja Martin wird in der Taiga von einem Bären in den Kopf gebissen und schwer verletzt. Es ist die Geschichte ihrer Genesung und zugleich eine intensive Begegnung mit ihrem Selbst und der Wildnis. (siehe auch meine Buchbesprechung)

Hans Jürgen Heinrichs, Der kürzeste Weg führt um die Welt. Die Andere Bibliothek

Mit 75 unternimmt Hans Jürgen Heinrichs eine Rückschau auf sein Leben und geht seinen ERinnerungen als Vielreisender, Literaturinteressierter, Ethnologe und Menschensammler nach.

Herausgekommen ist ein Band ohne kontinuierliche Erzählung. Eher ein Sammelsurium an Erinnerungen. Für Literaturinteressierte sind die unterschiedlichsten Begegnungen und Liaisonen mit Intellektuellen, Dichtern, Forschern und Philosophen eventuell interssant. Als junger, unbekannter Student lernt Heinrichs bei einer langweiligen Lesung Ingeborg Bachmann kennen. Sie verlassen gemeinsam den Saal, rauchen und beginnen ein belangloses Gespräch. Der junge Student weiß zuerst nicht, welch berühmte Schriftstellerin er vor sich hat.Aus der ersten Begegnung wird mehr, Freundschaft oder noch mehr? Ingeborg Bachmann ist anfangs eher zurückhaltend, hört zu. Er, der junge Student gibt ordentlich an, beeindruckt sie mit Hölderlin, Nietzsche. Sie beginnen, einander ihre Gedichte vorzulesen. Die Liaison zwischen Frisch und Bachmann wird ausgespart, wie verbotenes Terrain. Dazwischen immer wieder Belanglosigkeiten. Doch Bachmann genießt das Zusammensein mit dem viel Jüngeren. Sie reisen nach Neapel, träumen, lesen, reden, rezitieren, genießen den andenren. Dann ein Abschied: Du kommst wieder, ja? fragt Ingeborg, die sich inzwischen Borgia nennt.

Dieser an die 100 Seiten lange Abschnitt ist wohl das Beste an dem Buch, wirkt wie eine kostbare Miniatur zwischen vielen, vielen Seiten von Belanglosigkeiten. Viele berühmte Namen fallen, alle nur anskizziert. Sie dienen dem Autor als Spiegel, als Bestätigung der Bedeutung, die er sich selbst durch andere gibt. Sein Erzählstil bleibt im Ungefähren stecken, hängen. Das mag stellenweise reizvoll sein,wird aber mühevoll, wenn man von den vielen Namen überfordert ist.

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Gesuino Némus, Die Theologie des Wildschweines

Aus dem Italienischen von Sylvia Spatz

EIN SARDINIEN-KRIMI steht auf dem Cover. Sardinien ja, Krimi -eher nein. Denn die „Lösung“ gibt es nicht wirklich, sie ist so absurd wie das ganze Buch. Daher hier meine Warnung: Nur Leser mit Sardinienerfahrung werden ihre Freude an dem Buch haben und Figuren aus ihrem eigenen Sardinienspektrum bestätigt finden. Alle anderen werden das Buch als überdrehtes Hirnjogging abtun.

Sardinien in den späten 60er-, Anfang 70er Jahren. Damals und auch noch bis in die 90er waren Kidnapping, Mord und Erpressung an der Tagesordnung, Fremde -sprich Menschen aus dem „continente“, wie die Sarden Italien nannten, stießen in Gesprächen schnell auf eine Schweigemauer. Dass Aga Khan die Costa Smeralda mit Promihotels besetzte – verschandelte – ist an den meisten Sarden so was von nicht bemerkenswert vorbei gegangen, Es sei denn, sie gehörten zu den armen Würsteln, die damals um fast kein Geld ihren Grund an Aga Khan und Nachfolger verkauft hatten.

Der Rest der Sarden war eher damit beschäftigt, sich gegen die Gesetze vom „continente“ zu wehren, wie etwa als ein Atomkraftwerk in den Bergen von Orgosolo angedacht war. Aber darum geht es nicht in diesem Buch. Sondern ganz grundsätzlich um die typischen Charaktere des eigenwilligen Volkes der Sarden. Ein Toter wird, nur oberflächlich vergraben, im Wald ganz nahe bei dem Bergdorf Televras gefunden. Der Carabiniere De Stefani ist mit der Lösung des Falles betraut, aber als Piemonteser total überfordert. Denn keiner würde ihm, dem „Fremden“, auch nur ein Sterbenswörtchen verraten. Schon gar nicht der Pfarrer Don Cossu. Er weiß alles über seine Schäfchen, hält aber dicht. Mord, Erpressung, Betrug, Vergiftung – er weiß Bescheid, schweigt aber. Der Carabiniere Piras ist ein gebürtiger Sarde, weiß auch viel, würde auch nichts verraten. „Er erwartete für sein Stillschweigen keine Gegenleistung. Er begriff einfach, wie das nur Sarden begreifen können, was es hieß, arm zu sein: schweigend und würdevoll.“ (p.68). Das ist einer der Kernsätze des Buches. Was nicht heißt, dass der Autor, selbst gebürtiger Sarde, Mord und Erpressung gut heißt, nur weil das Verbrechen von armen Sarden begangen wird. Im Grunde geht es um Verständnis für Menschen, die ums Überleben kämopfen. Sie haben nicht viel, eine Herde Schafte, Ziegen und die Natur. Wenn sie Menschen gekidnappt und Lösegeld erpresst haben, so ist das theoretisch ein Verbrechen, aber für den Pfarrer und den einheimischen Polizisten ein verstehbares Verbrechen. Ich möchte das hier durch ein eigenes Erleben verstehbar machen:

In den frühen 90er Jahren war Kidnapping auf Sardinien noch en vogue. Besonders die Bewohner von Orgosolo waren da eifrig tätig. Als ich eine Reportage über diesen Ort in den Bergen, zu dem es damals nicht einmal eine Hinweistafel auf den Straßen gab, vorbereitete, warnte man mich: Fahr nicht hin, schon gar nicht allein. Ich fuhr, stellte mein Auto vor einer Bar ab und übergab die Schlüssel dem Besitzer, um sicher zu gehen, dass ich es wiederbekomme.Im Ort sprach man viel über die letzte Entführung einer Bankierstochter und darüber, dass die Behörde Leute aus Orgosolo verdächtigte. Es war gerade ein großes Fest imgange, irgendein Ortsheiliger wurde gefeiert. Ich hörte den Pfarrer predigen. Er sprach über Armut und eine neue Art der Gerechigkeit. Nach der Predigt fragte ich ihn, ob er die Entführer verurteile. Klare Antwort: Nein! Und wenn er sie auch kenne, werde er sie niemals verraten. Denn er habe Verständnis für die Lage der Menschen hier – Armut und das Wissen, der Willkür des Staates – il continente – ausgeliefert zu sein, sind der Boden, wo Gewalt gedeiht. Er verurteile keinen einzigen seiner Schäfchen, beteuerte er nochmals. Es dauerte ein halbes Jahr, dann fand man die Entführte: Sie lebte gemütlich im Haus der Großmutter des Entführers. Das Haus stand direkt neben der Unterkunft der Carabinieri.

Zusammenfassung: Man schmunzelt beim Lesen über die einzelnen Figuren, die skurril, absurd und dennoch sehr menschlich geschildert werden. Allerdings muss ich gestehen, dass ich die Bedeutung der „Theologie des Wildschweines“ überhaupt nicht verstand. Ist ja kein Wunder, ich bin keine Sardin!

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Erika Pluhar: Hedwig heißt man doch nicht mehr. Residenz Verlag

„Hedwig saß am Fenster und sah in den Hinterhof hinaus. Der war lichtlos und grau, wie damals, als ihre Großmutter hier saß und hinausschaute.“

So beginnt der bedrückende Roman über Großmutter Hedwig und ihre gleichnamige Enkelin. Nach dem Tod der Eltern wird die 12jährige Hedwig von ihrer Großmutter erzogen. Vielleicht nicht mit offen gezeigter Liebe, aber sicher mit Sorge und einer Liebe, die unter der Kruste wirkt. Strenge Regeln gibt es, oberstes Prinzip für das Kind: brav sein und in der Schule Erfolg haben. Dem folgt Hedwig ohne Murren, sie besteht die Matura mit Auszeichnung, studiert an der Universität Wien Publizistik. Die Großmutter ist stolz auf ihre Enkelin. Die aber haut bei Nacht und Nebel ohne Abschied und ohne Gruß ab und rührt sich 25 lange Jahre nicht bei ihrer Großmutter. Das ist die Ausgangslage, die der Leser erst einmal verdauen muss. Eine Ungerührtheit und Eiseskälte. Keine Nachfrage von der Enkelin, ob die Großmutter noch lebt, gesund ist. Nur durch Zufall erfährt sie, dass die Großmutter vor zwei Jahren gestorben ist und ihr die Wiener Wohnung in der Josefstadt vermacht hat.

Nun sitzt also die Enkelin nach mehr als 25 Jahren auf dem Sessel der Großmutter und schaut auf den grauen Hinterhof. Der Leser ist neugierig, wie diese 51 jährige Hedwig ihren grausamen Abgang sieht, ob sie nachforscht, wie es der alten Frau ergangne ist. – nix da. Sie reflektiert ihr ach so trauriges Leben in Berlin, Hamburg und Lisabon, erzählt ihrer Großmutter sozusagen als Wiedergutmachung das Auf- und Ab ihrer Befindlichkeiten in den letzten 25 Jahren. Während sie diese Rückschau auf die Vergangenheit schreibt, meldet sich hartnäckig und sehr verständnisvoll ein Mann bei ihr an. Er lädt sie zum Essen ein oder kocht für sie, aber nur wenn es Hedwig genehm ist. Spielt ihr Musik vor, aber nur solche, die Hedwig mag. Kurz – ein Mann wie aus einem Bilderbuch, oder wie die Wiener auch sagen: wie aus dem Backofen gebacken.

Irgendwie lässt einem der Roman unbefriedigt zurück. Denn diese Lebensbeichte Hedwigs nützt der toten Großmutter aber schon gar nichts. Die Enkelin schreibt alles nieder als eine Art Selbsttherapie, ohne dass auch nur ein Hauch von Frage, wie wohl die alte Frau mit diesem Abgang fertig geworden wäre. in ihr aufkeimt.

Wie sie diesen “ Wundermann“ behandelt – man könnte sagen abkanzelt – und der trotz allem immer wieder kommt, auch das wirkt irgendwie lebensunecht. Wollte uns Pluhar die Kälte einer Generation vor Augen führen, der Empathie und Mitdenken fehlen? .

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Tone Fink: ARCHE.TONE

Texte: Max Lang

Ganz ungewöhnliche Tierzeichnungen. Zwischen Schmunzeln und Gruseln blättert man Blatt für Blatt um. Gerade in der Abgeschlossenheit des Corona-Lockdowns, die Tone Fink „Krönchenzeit“ nennt, packten ihn „stark bedrohte Tierfotografien am Schlafittchen“. Entstanden ist eine Serie von Tierzeichnungen, die den Betrachter an- und auslachen, wie die Katze auf dem Cover.

Ach, ich liebe sie alle. Gerade habe ich mich für die Katze als mein „Lieblingsbild“ entschieden, doch dann gefällt mir das Zieserl genau so, das innig und lebensfroh an einer Löwenzahnblüte riecht. Die Natur gehört mir, ruft es mir zu. Ja, hoffentlich noch lange…Haben Sie schon einmal einen Sifaka gesehen? Sicher nicht, er ist menschenscheu, klug und er kann nachts singen. Ich hätte ihm gerne zugehört. Weil das nicht möglich ist, vertiefe ich mich in die liebevoll-klugen Texte von Max Lang.

Wer ratlos ist, was er seiner Liebsten, seinem Liebsten zu Weihnachten oder zum Geburtstag schenken soll – dieses Buch wird ein Volltraffer sein!

Ein feines, hinterlistiges Wohlfühlgeschenk: Es macht den Schenkenden glücklich, weil es den Beschenkten beglückt.

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Mary S. Lovell: Das abenteuerliche Leben. Eine Biographie von Richard und Isabel Burton.

Aus dem Englischen übersetzt von Alfred Goubran

Braumüller Verlag 2020

Isabel Burton (1831-1896) war eine junge Frau aus bester Familie. Sie wünschte immer, sie wäre als Mann auf die Welt gekommen, um ein freies, selbstbestimmtes Leben führen zu können. Aus diesem Wunsch heraus heiratete sie gegen den Willen ihrer Famile 1861 den Orientalisten und Forschungsreisenden Richard Francis Burton (1821 – 1890) Mit ihm und auch allein unternahm sie abenteuerliche Reisen an den Amazonas, Arabien und Indien. Von 1869 bis 1871 lebte das Ehepaar in Damaskus, wo sie in Männerkleidung die Stadt erkundete. Immer wieder las, korrigierte und edierte Isabel die Schriften ihres Mannes, auch nach senem Tod.

Mary Lovell fächert auf mehr als 900 Seiten das interssante Leben der beiden Abenteurer auf. Alle Fakten sind bestens recherchiert. Eine lesenswerte Biographie, so man denn die Zeit aufbringt. Ein neuerlicher Lockdown sollte nicht der Grund sein, zu diesem Buch zu greifen, sondern eine gewisse Leseabenteuerlust!

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Sandro Veronesi: Der Kolibri.Zsolnay Verlag

Aus dem Italienischen von Michael Killisch-Horn

Marco Carrara ist Augenarzt. Vom Psychoanalytiker seiner Frau erfährt er, dass diese ihn mit einem Piloten betrügt und von ihm ein Kind erwartet.

Der Schock sitzt tief, wie ein im Netz gefangener Kolibri sucht Carrara nach einem Ausweg. Aber seit seiner Kindheit zieht er das Unglück an, ohne es wirklich zu verursachen. Er verliert Freunde, kämpft sein ganzes Leben lang um die große Liebe, gewinnt sie nur platonisch. Was immer er auch tut – und er bewegt sich viel und schlägt um sich – es will nicht gelingen. Im Nichtgelingen erinnert die Figur an den „Mann ohne Eigenschaften“ .

Trotz aller Lobeshymnen, die der Roman in Italien und auch im deutschsprachigen Raum einheimst, kann ich ihm nichts abgewinnen. Das liegt zunächst einmal an der leseunfreundlichen äußeren Form: seitenlange Aufzählungen, Gedanken ohne Absätze …da verlässt mich die Leselust.

Besonders die viel gelobte Erzählform – so man überhaupt von einer Form sprechen kann – verärgert mich. Veronesi bröselt das Geschehen in Zeitensprüngen, E-mails, Briefen, Erinnerungen, Personenwechsel, Listen auf. Das ermüdet. Ich fand den Romanstil quälend. Vor allem auch, weil er modisch ist. Das hätte ein Veronesi nicht nötig. Allzu viele in den letzten fünf Jahren erschienenen Werke bedienen sich der „Zertrümmerung“ des Erzählduktus. Da meldet sich bei mir sofort eine Stimme: „Nein, nicht schon wieder!“

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Marco Bolzano, Wenn ich wiederkomme. Diogenes Verlag

Aus dem Italienischen von Peter Klöss

Marco Bolzano, einer der erfolgreichsten Schriftsteller Italiens, greift immer gesellschaftspolitisch relevante Themen auf. Und die setzt er dann in spannende Romane um. Diesmal geht es um die Frauen, die ihre Familie im Osten Europas verlassen und in Italien mit Altenpflege Geld verdienen, um ihren Kindern ein Studium zu ermöglichen.

Marco Bolzano schreibt den Roman aus drei Sichtweisen: Zunächst erzählt der kleine Manuel, wie es war, als seine Mutter ohne ein Wort, bei Nacht und Nebel, das Haus in einem rumänischen Dorf verließ. Ein Schock für Manuel, die ältere Schwester Angelica und den Ehemann Filip. „Wir haben im ganzen Haus nach Moma gesucht. Irgendwann haben wir sogar die Möbel von den Wänden gerückt, als hätten wir einen Ring verlegt.“ Auf den ersten Verlust folgt bald der zweite: der Vater macht sich ohne Adressenangabe aus dem Staub. Manuel, der zuerst mir Feuereifer in der Schule Bestnoten schreibt, verliert die Lust am Lernen, gleitet ab. Nur sein Großvater und Angelica halten ihn noch. Bald beginnt er die Telefonate seiner Mutter, ihre Geschenke zu hassen. Er borgt sich das Moped seines Freundes aus und fährt damit in einen versuchten Selbstmord.

Im zweiten Teil erzählt Daniela, die Mutter, wie es ihr in Mailand geht. Sie pflegt einen grantigen Alten. Dann einen Dementen. Windelwechseln, füttern, kochen, einkaufen ist ihr anstrengender Alltag. Nie angemeldet, keine Chance auf Fixanstellung. Das Heimweh und die Sorge um ihre Kinder bedrückt sie sehr. Als sie vom „Unfall“ ihres Sohnes erfährt, kehrt sie nach Rumänien zurück und bleibt am Bett ihres Sohnes, der im Koma liegt, so lange, bis er aufwacht. Liebevoll umsorgt sie ihn danach. Doch Manuel bleibt verschlossen.

Im dritten Teil erzählt die Tochter Angelica. Sie hat beschlossen, „so zu tun, als wär nichts“. Sich ablenken, fertig studieren und allein zurechtkommen ist ihre Devise. Das schafft Distanz. Vor allem zur Mutter. Nach dem Spitalsaufenthalt hilft sie ihr, Manuel aufzupäppeln. Doch irgendwann hat sie genug von der Helferrolle. Sie verlobt sich, heiratet und zieht nach Berlin. Ob die Familie je wieder eins wird, bleibt offen.

In einer schlichten und klaren Sprache gelingt es Bolzano, das Schicksal dieser Familie lebhaft vor Augen zu führen. Er versteht es, die drei verschiedenen Schicksale und ihre Verknüpfung, besser ihr Auseinandertriften, ohne Schuldzuweisungen zu beschreiben. Im Nachwort schreibt er: „So ist ein dreistimmiger Familienroman entstanden, in dem jedes Mitglied seine eigenen Entscheidungen trifft, aber auch mit denen der anderen klarkommen muss. „

Die Frauen, die weggehen, verdienen zwar gutes Geld, aber verlieren ihre Identität und riskieren den Zusammenhalt ihrer Familien. Ein berührendes Dokument unserer Gesellschaft, die die Pflege der Kranken und Alten den Frauen aus dem Osten überlässt.

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Zora del Buono, Die Marschallin. C.H.Beck Verlag

Zora del Buono beschreibt das Leben ihrer Großmutter, einer geborenen Ostan.. Diese verlebt ihre Kindheit mit vier Brüdern in Bovec im Isonzotal , weiß schon als Kind viel über den 1. Weltkrieg und die Schlacht am Isonzo. 1920 lebt sie in Berlin, ab 1932 in Bari mit ihrem Mann, dem berühmten Radiologen Prof. Pietro del Buono. Beide sind überzeugte Kommunisten, sie eine fanatische, er eher besonnener. Geld ist in Hülle und Fülle da, was sie aber nicht hindert an einen Kommunismus zu glauben, in dem alle im gleichen Wohlstand leben. Sie haben drei Söhne, Zora ist eher eine distanzierte Mutter. Kinder sind in ihrem politischen Leben und Agieren nicht einbezogen.

Die Autorin schildert mit einer nur mühsam zu lesenden Detailtreue die kleinsten Umstände, wie Zora ihr Haus in Bari plant und baut, bis hin zum Tafelsilber und der Kleidung , auch der der Dienstmädchen. Diese Detailtreue erregt den Verdacht, dass es der Autorin eher darum ging zu beweisen, wie genau sie recherchiert hat. Viel erfahren wir nicht über die Figuren selbst, auch Zora, die wegen ihrer Strenge und Herrschsucht „Marschallin“ genannt wird, bleibt eine nur oberflächlich wahrgenmmene Figur. Durch diese ausufernde Detailschilderungen werden die politische Ereignisse nur als Fakten angeführt, Ursachen und Hintergründe bleiben dunkel. Die wechselhaften Ereignisse , wie aufkommender Kommunismus, Kampf gegen Faschismus, Hitler, Mussolini, Nationalismus, Partisannenkrieg, Tito und Stalin stürzen über die Familie del Buono genau so rasant herein wie über den Leser, der bald beginnt, die Details zu überfliegen, um an die Kerne der Ereignisse zu kommen.

Im zweiten Teil überspringt die Autorin die Jahre zwischen 1948 und 1980. Viele Familienmitglieder sind tot, nur Zora lebt in Nova Gorica in einem Pflegeheim. Sie blickt zurück auf das Leben ihrer Familie. Da erst wird Zora zu einem Menschen aus Fleisch und Blut und Seele. Sie sirbt kurz vor ihrem Ehemann, der als Alzheimerpatient in einem Schweizer Sanatorium lebt und sich an niemanden aus seiner Familie mehr erinnert.

Ein interessantes Werk, das um so interessanter hätte werden können, wenn die Autorin sich mehr auf die Figurenzeichnung, die politischen Entwicklungen konzentriert und die vielen uninteressanten Details gekürzt hätte.

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Mary Lawson, Im letzten Licht des Herbstes. Heyne Verlag.

Aus dem Englischen von Sabine Lohmann

Mary Lawsons Sprache ist sensibel, feingesponnen, psychologisch tief in Seelen hineinhorchend. Ihre Naturbeschreibungen schwingen im Gleichklang mit den Charakteren der Protagonisten.

Die siebenjährige Clara wartet, stundenlang am Fenster ausharrend, auf ihre vor Monaten verschwundene Schwester Rose. Vergeblich. Von den Eltern bekommt sie wenig Hilfe, sie sind in ihrem eigenen Kummer befangen. Die Nachbarin Elizabeth Orchard, zu der Clara ein inniges Verhältniss hat, kann ihr keinen Trost bieten, denn sie liegt mit Herzproblemen im Spital und weiß, dass sie bald sterben wird. Nun kümmert sich Clara um den Kater der Nachbarin und findet darin einen gewissen Trost. Bis eines Tages ein Mann in das Haus einzieht. Clara versteht die Welt nicht mehr, denn sie hofft ganz fest auf die Rückkehr der Nachbarin. Was macht dieser Mann in dem Haus?

Mit häufigem Erzählerperspektivewechsel schwenkt die Autorin von dem Kind Clara zur sterbenden Eliszabeth und zum ratlosen Neuankömmling Liam Kane, der als Vierjähriger ein gern gesehener Gast bei Elizabeth war und die ihn wie ein eigenes Kind liebte. Als sie weiß, dass sie bald sterben wird, überschreibt sie ihm das Haus. Liam jedoch erinnert sich kaum an diese Zeit, will eigentlich aus dem kalten Ontario so schnell wie möglich wieder weg. Doch die Menschen bringen ihm Vertrauen, Liebe und Freundschaft entgegen und er entschließt sich zu bleiben.

Ein zärtliches Buch über die Liebe und das Vertrauen, das langsam und behutsam entsteht. Großartig auch, wie sich Mary Lawson in die kindliche Seele der siebenjährigen Clara und ebenso in die der sterbenden Elizabeth versetzen kann. Dabei gerät sie niemals in die Gefahr des Kitsches oder der Gefühlsduselei. Treffende Charakterzeichnungen und berührende Naturschilderungen machen das Buch zu einer wervollen Kraftquelle, besonders in Krisenzeiten wie diese.

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Jason Starr, Panik.

Aus dem Amerikanischen von Ulla Kösters

Jason Starr ist ein brillanter Erzähler, er weiß, wie man Spannung aufbaut und Charaktere herausarbeitet.

In dem Thriller „Panik“ geht es um das Problem der Notwehr. Ab wann ist es Tötung, wann Notwehr. In medial interessanten Fällen trifft meist die allgemeine Meinung, sprich die Medien, ein Vorurteil.

Adam Bloom ist ein angesehener Psychiater in New York. Seine Welt ist in Ordnung, bis eines Nachts ein bewaffneter Einbrecher in sein Haus eindringt. Als Bloom ihn erschießt, ist es für ihn Notwehr. Zunächst wird er als Held gefeiert, doch das ändert sich bald…

Hochspannung ist garantiert. Man kann gar nicht aufhören zu lesen!!

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Leila Slimani, Das Land der Anderen. Luchterhand

Aus dem Französsichen von Amélie Thoma

Leila Slimanis Bücher fesseln gleich von der ersten Zeile an. Die in Rabat geborene und in Frankreich lebende Schriftstellerin versteht es, Spannung und Fachkenntnis über beide Kulturkreise geschickt zu verbinden.

Im „Land der Anderen“ erzählt sie die Lebensgeschichte ihrer Großmutter: Mathilde, eine junge Frau aus dem Elsass, verliebt sich nach dem Zweiten Weltkrieg in den feschen marokkanischen Offizier Amine Belhaj, der in der französischen Armee gekämpft hat. Sie heiraten und sie folgt ihrem Mann nach Marokko, wo er ein kleines Landgut geerbt hat. Dieses will er zu einem Mustergut ausbauen, was aber nicht so ganz gelingt. Zunächst leben die beiden bei der Mutter Amines, direkt in der Altstadt von Meknes.

Es gehört zu den Stärken der Autorin, keine der beiden Kulturkreise zu favorisieren oder zu desavouieren. Sie stattet Mathilde mit viel Verständnis für das Leben in Marokko aus, ohne dass diese ihren Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung aufgeben muss. Ohne zu glorifizieren schildert Slimani spannend und im flüssigen Stil das harte Leben zuerst in Meknes, dann auf dem Landgut. Zunächst verbindet die beiden Eheleute die Lust am Sex, später die pure Notwendigkeit, beisammen zu bleiben. Akzeptanz, wo es nicht anders möglich ist: „So ist das hier“. Punktum, sagt Mathilde ohne Selbstmitleid und packt an. Über die Sorgen und die harte Arbeit verlieren die beiden das Verständnis füreinander, aber sie bleiben zusammen. Jeder lernt vom anderen. Mathilde möchte die Welt ihres Mannes verstehen, findet aber nicht die geeigneten Worte dafür. Für die neue Welt hätte sie „neue Worte“ gebraucht.

Slimani gelingt es, die Rolle Mathildes und ihre Sicht auf die neue Welt und die Amines verständlich zu machen. Sie ergreift als Erzählerin nie Partei. Das macht den Roman doppelt wertvoll.

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Jonathan Coe: Mr. Wilder &ich. Folio Verlag

Aus dem Englischen von Cathrine Hornung

Der britische Autor Conathan Coe ist bekannt für seine feine Ironie und den typisch englischen Understatement-Humor. In diesem Roman entwirft er aus der Erinnerung einer jungen Griechin ein Bild von Billy Wilder, abseits von der üblichen dokumentarischen Biografie.

Im Sommer 1976 lernt die junge Griechin Calista durch Zufall Billy Wilder und seinen besten Freund und Mitgestalter Mr. Diamond bei einem eleganten Dinner kennen. Sie hat keine Ahnung vom Film im Allgemeinen und schon gar nicht weiß sie, wer Billy Wilder ist. Sie blamiert sich unsterblich. Dennoch wird sie Wochen später als Dolmetscherin eingestellt. Wilder dreht auf der einsamen Insel Madouri seinen vorletzten Film „Fedora“. Calista macht amüsante Beobachtungen am Set, allmählich wird sie Wilderexpertin, weiß um seine Stärken und Schwächen. Sie folgt der Crew nach München, wo die letzten Dreharbeiten zu Fedora stattfinden. Dabei erfährt sie auch viel über die Vergangenheit Wilders. Er wuchs als Kind jüdischer Eltern in Wien auf und konnte der Verfolgung durch die Nazis entkommen. Aber alle Familienmitglieder sind umgekommen. Sein letzter Film wird sich diesem Thema widmen.

Der Roman ist locker geschrieben. Einige Male verwirrt Coe den Leser, weil er in den Zeiten hin- und herpendelt. Wer nicht gerade ein Filmexperte ist, wird so manche Ausdrücke aus der Filmfachsprache nicht verstehen. Auch werden einem jüngeren Publikum viele der genannten Filme unbekannt sein. Dennoch empfiehlt sich diese Biografie in Romanform, weil man Billy Wilders private Seite kennen lernt.

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Petra Reski, Als ich einmal in den Canal Grande fiel. Vom Leben in Venedig

Droemer Verlag

Petra Reski ist eine mutige Frau, die sich traut, die Machenschaften der Politiker, Tourismusgiganten und Aufkäufer Venedigs aufzudecken und mit Fakten und Zahlen zu belegen. Mutig deswegen, weil sie offensichtlich keine Angst vor Repressionen hat. Von Rückschlägen und Rauswürfen (z.B. aus dem Büro des Ex-Bürgermeisters Cacciari) lässt sie sich nicht entmutigen.

Als Journalistin unter anderem für FAZ und Stern war sie schon fast überall in der Welt. Aber Venedig war erst spät auf ihrer Liste. Humorvoll beschreibt sie ihre staunende Naivität, mit der sie Venedig 1989 das erste Mal erlebt. Gleich zu Beginn lernt sie einen Venezianer kennen, der bald darauf „ihr Venezianer“ wird. Dieser wohnt in einem Palazzo, stammt aus einem Dogengeschlecht und beschäftigt sich hauptsächlich mit Bewahren und Sammeln. Alles, was für Venedig heute und in der Vergangenheit wichtig ist. Seit sie ihn das erste Mal sah, sind 30 Jahre vergangen, und beide sind ein Paar und kümmern sich um das Schicksal von Venedig. Jeder auf seine Weise.

Mit viel Humor beschreibt Petra Reski ihre Hoppalas, die sie als Neuling in Venedig beging. Wenn sie stolz das neu erworbene Boot durch die Kanäle lenkt, knapp an anderen Schiffen vorbeirammt und bei dem Versuch, das Boot elegant zu vertäuen, in den Canal Grande fällt. Schnell aber wird sie ernst. Immer intensiver beteiligt sie sich an den Widerstandskämpfen gegen Korruption und Ausverkauf, verteilt Infozettel, auf denen für ein Referendum über die Autonomie Venedigs geworben wird. Obwohl genug Stimmen zusammenkommen, erklärt der Bürgermeister Luigi Brugnaro das Referendum mit einem fadenscheinigen Grund für ungültig. Die Autonomie wäre lebensrettend für Venedig. Denn alle bisherigen Bürgermeister lebten nie in Venedig, hatten kein Interesse am Erhalt der Stadt.

Viele Probleme, die Petra Reski aufzeigt, sind Venedigliebhabern bekannt. Wie die Vermietung jedes Quadratmeters an Touristen, der Ausverkauf der Paläste an Immobilienhaie, Benetton oder Pinault.Aber von den verheerenden Konsequenzen wird man erst durch dieses Buch klipp und klar informiert.

Die Kreuzfahrtschiffe kommen trotz Verbotsankündigungen immer noch nach Venedig. Und eines der größten Probleme ist die Zerstörung des Ökosystems in der Lagune. Nach dem Hochwasser von November 2019 von 1,60 m wird klar, wie sinnlos das vielgelobte Schleusensystem MOSE ist und wieviel Geld damit verschleudert wurde. Es sind die korrupten Politiker, die an Venedigs Ausverkauf ordentlich verdienen.

Am Ende des Buches beschreibt Petra Reski die Zeit des Lockdowns, als Venedig frei von den Touristenmassen, Ausflugsbooten und singenden Gondolieri war. Eine Zeit der Stille und Schönheit, die nicht lange andauern wird.

Petra Reski schrieb ein Buch, das alle Venedigliebhaber lesen sollten. Aber nicht nur die. Es sollte Pflichtlektüre für alle werden, die an Venedig verdienen und es sukzessive zerstören. Aber das bleibt Wunschdenken.

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Ivica Prtenjaca, Der Berg. FolioVerlag

Aus dem Kroatischen von Klaus Detlev Olov

Die Geschichte liest sich zu Beginn wie die Umkehr des Romans von Marlen Haushofer „Die Wand“. Während die Protagonistin in Haushofers Roman unfreiwillig durch eine unsichtbare Wand von der Welt abgeschlossen wird, begibt sich der Icherzähler freiwillig und aus Ekel an dem oberflächlichen Leben, das er bisher als Kulturbobo in Zagreb führte, auf eine kleine Adriainsel, um dort in der Bergeinsamkeit drei Monate als Brandwächter zu leben. Wie auch in Haushofers Roman genießt er die Gesellschaft eines Tieres, nämlich eines alten Esels, den er ob der Würde und Gelassenheit, die dieser ausstrahlt, Visconti nennt. Gelegentlich auch „Graf Visconti“.Als dieser altersschwach sich zum Sterben hinlegt, bleibt er bis zum letzten Atemzug bei ihm und begräbt ihn oben auf dem Berg. Die erste Zeit genießt er die Einsamkeit, die Wildnis und die primitive Behausung. Doch aus dem Rückzug aus seinem eigenem Leben taucht der Icherzähler immer mehr in die Vergangeneit der Inselbewohner (wahrscheinlich Male Losinj) ein, erfährt von den Wunden, die der letzte Krieg in den Seelen der Menschen dauerhaft geschlagen hat. Aus dem Menschenflüchter wird ein Menschenversteher, der die Würde der wenigen Bewohner dieser Insel erkennt und achtet.

Ganz ungestört bleibt sein Rückzugsort nicht. Immer wieder marschieren Scharen von Touristen auf den Berg, meist gänzlich ohne Blick für die Natur, oft muss er sie sogar mit Wasser und selbstgebackenem Brot „laben“, was ihm den Schein eines Naturheiligen verleiht. Mit Ärger und Argwohn beobachtet er mit seinem Fernrohr die Zunahme des Tourismus und fürchtet um die Existenz der Inselbewohner. Der Ärger über die Menschen, die ohne Respekt und Einfühlungsvermögen über die Insel trampeln, wird immer stärker:“Der Ekel vor dem menschlichen Verhalten (gemeint der Touristen) hat bei mir alle anderen Emotionen und Einstellungen überwuchert.“ (p 127)

Dem Autor ging es nicht um eine neormantische Verherrlichung der Natur, schon gar nicht um eine Art Aufruf à la Rousseau. Auch wollte er nicht einem klösterlich-veganen Leben das Wort reden. Also warum dann dieses Buch? Es ist die sprachlich gelungene Version einer Einkehr in sich selbst, ohne den Blick auf die Außenwelt zu verlieren. Und es ist eine Mahnung, nicht die letzten Rückzugsorte der Ursprünglichkeit zu zerstören. Denn als er nach Ablauf der drei Monate die Insel verlässt, rücken Bagger und Kräne an. In der stillen Meeresbucht Javorna soll ein Luxusresort mit Golfplatz errichtet werden. Die Bewohner wurden bereits enteignet. – Er kehrt zurück nach Zagreb, begleitet von der Hündin Ciba, die ihm auf dem Berg oben zugelaufen ist. Ob er nach den drei Monaten auf dem Berg ein anderer geworden ist? Welches Leben wird er in Zagreb führen? Alles bleibt offen.

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Der Titel verheißt eher eine nüchterne, historische Abhandlung. Indes: Monika Czernin gelingt es trotz hoher Wissenschaftlichkeit und Genauigkeit ein spannendes Bild von Joseph II. zu zeichnen.

Joseph II. (1741- 1790) gilt allgemein als ein nüchterner Aufklärer, über den man gerade einmal weiß, dass er viele Klöster auflöste und die Leibeigenschaft aufhob. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser noch an das Toleranzpatent, das Österreich ihm zu verdanken hat.

Was aber hinter dem offiziellen Image dieses sensiblen, überaus klugen Herrschers steckt, das erfährt man zum ersten Mal in diesem exzellent geschriebenen Werk. Schon als Knabe widersetzte er sich den rigorosen Erziehungsmethoden am Hof, wurde ein glühender Verfechter der Aufklärung, deren Lehren er, so weit es ihm möglich war, in seiner Regierungszeit umsetzte. Trotz der Widerstände seiner Mutter Maria Theresia und des Hochadels. Er sah „über den Tellerrand höfisch – feudaler Herrschaftstraditionen und Klientelpolitik hinaus und mischte sich unter das Volk“ (p.330) Genau dieses mitfühlende Hinschauen trieb den jungen Herrscher an und veranlasste ihn, sein Reich bis an die äußersten Grenzen zu bereisen und die Nöte der Menschen kennenzulernen. Er reiste als Graf Falkenstein incognito, um keine Zeit mit unnötigen Empfängen zu verschwenden. Doch oftmals erkannte ihn die Bevölkerung und überreichte ihm zahllose Bittschriften. Keine davon blieb unbeachtet. Wo er vor Ort helfen konnte, tat er es. Lange Aufenthalte für .genussvolles Sightseeing gönnte er sich kaum. Ihm war es wichtiger, in die Hütten statt in die Paläste zu treten. Dem Elend und den Krankheiten wich er nicht aus, im Gegenteil, besuchte die Stätten, wo Kranke elendiglich untergebracht waren, scheute sich nicht, Säle mit Pocken- oder Lungenkranken zu betreten. Seine Neugier und sein Wille zu helfen und Missstände abzuschaffen waren unfassbar unerschöpflich. Weil er das Elend der leibeigenen Bauern miterlebte, schaffte er unter großen Widerständen die Leibeigenschaft ab. Sein Ziel war es, dieses riesige, unüberschaubare Reich der Habsburger in einen für die damalige Zeit modernen Staat hinüberzuführen. Nicht alles gelang ihm. Am Ende seines Lebens soll er gesagt haben: „Ich habe immer nur gewollt!“

Monika Czernin beschreibt aber nicht nur ausführlich die Routen und Aufenthalte mit allen Konsequenzen, die Joseph aus diesen bitteren Erfahrungen zog, sondern beleuchtet auch dezent das Privatleben des Kaisers: Seine große Liebe zu seiner ersten Ehefrau Isabella von Bourbon-Parma, den unerträglichen Schmerz über ihren Tod (1763), mit welch zärtlicher Liebe er seine Tochter Maria-Theresia erzog, die er 1770 ebenfalls sehr früh verlor. Während seiner Reise durch das Zarenreich (1787) kaufte er auf einem Sklavenmarkt ein kleines Tatarenmädchen frei, nahm es mit nach Wien, um ihm eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Das ist nur eine der vielen Episoden, in denen sich die private Seite Jospehs offenbart.

Schmunzelnd liest man auch die Versuche, das Eheleben von Maria Antoinette und Ludwig XVI. in Ordnung zu bringen. Denn seit Jahren hatten die beiden keinen funktionierenden Beischlaf. Joseph scheut sich nicht, dem unerfahrenen König eine Sexlektion zu erteilen. Genau beschreibt er in einem Brief an seinen Bruder Leopold, wie er dem König die Funktion des Gliedes und der Erektion erklärt hatte. Einmal Aufklärer, immer Aufklärer.

Die Gefahr, in der sich Frankreich, insbesondere das Königspaar, kurz vor dem Ausbruch der Revolution befindet, sieht er ganz genau. Den grausamen Tod der beiden hat Joseph nicht mehr miterleben müssen. Er stirbt am 20. Februar 1790, gerade einmal 49jährig. Im Epilog erläutert Monika Czernin die Gründe, warum sie sich einige Jahre intensiv mit Joseph II. beschäftigte: Die Zeit vor der Französichen Revolution weist Parallelen zur Gegenwart auf: Pandemien, auseinanderklaffende Gesellschaften, Arme, die immer ärmer werden, Reiche, die immer reicher werden, all das brachte die alten Reiche einst ins Schwanken und bringt die Welt des 21. Jahhunderts ebenfalls aus dem Gleichgewicht.

Erschienen im Penguin Verlag: http://www.penguin-verlag.de

Klara Jahn: Die Farbe des Nordwinds. Heyne Verlag

Mehr eine Natur-Geschichte über die Halligen als ein Roman

Die Halligen-Inseln in der Nordsee werden immer von heftigen Meereswellen überspült. Das Leben der Menschen und Tiere steht immer unter der Macht des Wassers.

Klara Jahn hat die Geschichte, ihr Werden und Verschwinden, die Probleme der dort ansässigen Bauern und der Tiere – sowohl der Wildtiere als auch der Haustiere – sehr genau studiert. Sie lässt diese Beobachten reichlich, manchmal allzu reichlich in den Roman einfließen. Oft hat man beim Lesen den Eindruck, eine popularwissenschaftliche Abhandlung zu lesen.

Das Geschehen spielt in zwei Zeitebenen mit unterschiedlichen Personen. Berührungspunkte zwischen diesen Ebenen gibt es nur insofern, als alle auf der Hallig leben. Die einen aber zwei Generationen früher. Zu einer Zeitt, in der die Kinder ohne Schule aufwuchsen und die Bauern und Fischer gegen de Sturmfluten kämfpten.

Generationen später, also heute, hat sich nicht viel geändert. Ellen lebte einige Zeit als Kind auf der Insel, kehrt Jahre später auf die Hallig zurück. Sie bringt den unwilligen Kindern bei, dass das Wissen um ihre Heimat wichtig ist. Es gelingt ihr auch, ihre mürrische Halbschwester Liske zu einer menschenfreundlicheren Umgang mit ihren Angehörigen zu bewegen. Und vor allem, dass Liske zu ihrem Traum steht: Reisen. Ellen selbst findet im dem stillen Jakob einen Partner für das Leben. Sie will bleiben und weiter gegen die Zerstörung der Umwelt und den Erhalt der Hallig kämpfen.

Eine allzu tüchtige Ellen, die uns da die Autorin nahe zu bringen versucht. Doch bleibt sie und die anderen Figuren des Romans irgendwie flach, wenig griffig. Denn die Natur ist die eigentliche Protagonistin.

Ursula Overhage: Die Schauspielerin Maria Orska

Untertitel: Sie spielte wie im Rausch

Verlag Henschel

Maria Orska war eine ungewöhnliche Frau und als Schauspielerin soll sie das Publikum zu Begeisterungsstürmen hingerissen haben. Daher verwundert es ein wenig, dass sie fast vergessen ist. In Wien, wo sie in den Kammerspielen oft aufgetreten ist und in der Maria Theresienstraße eine feudale Wohnung besaß, ist sie heutigen Theaterbegeisterten kein Begriff, und das in einer Stadt, die ihre Lieblinge, auch wenn sie schon längst verstorben sind, noch immer verehrt.

Rahel Blindermann, wie sie mit dem bürgerlichen Namen hieß, wurde an der Schwarzmeerküste geboren. Ihre Familie war begütert und ihre Kindheit unbeschwert. Ein Onkel entdeckte das Talent des sechzehnjährigen Mädchens und brachte sie mit Einverständnis der Eltern nach Wien, wo sie Schauspielunterricht nahm. 1910 startet sie ihre Karriere am Mannheimer Nationaltheater und nennt sich ab nun Maria Orska. Ihre frische und freche Art begeisterte das Publikum. Sehr bald boten ihr die Theater in Berlin, Hamburg, München Engagements an. Mit ihrer Paraderolle als Lulu wird sie international bekannt. Privat genießt sie das Leben in vollen Zügen, Party, Champagner und später auch Kokain und Morphium ruinieren ihre Gesundheit. Entziehungskuren helfen nur kurzfristig. Sie stirbt 1930 in Wien und wird in ihrer Wohnung in der Maria Theresienstraße aufgebahrt.

Die Fotos zeigen eine Frau mit großen Augen, einem siegessicheren Lächeln und mit dem deutlichen Ausdruck des Extravaganten. Extravagant soll auch ihr Spiel gewesen sein. Obwohl sie auch durchaus ernste und tragische Figuren bewegend spielen konnte, hatte sie sich immer mehr auf Lulu – ähnliche R ollen fixiert, was gegen Ende ihres kurzen Lebens beim Publikum nicht immer gut ankam. Ihr Tod, so schreibt die Autorin, ist dem übermäßigen Drogenkonsum geschuldet. Sie brauchte Kokain und Morphium, um sich in die von ihr selbst und vom Publikum geforderte Ekstase hineinzuspielen.

Ursula Overhage hat fleißig recherchiert. Jede Aufführungsserie wird eingehend besprochen. Das ist sehr löblich, aber auch manchmal ermüdend. Aufschlussreich und interessant sind die Schilderungen der Gesellschaft während des Ersten Weltkrieges und in der Zwischenkriegszeit in Wien, Berlin oder Hamburg. Obwohl der Großteil der Bevölkerung unter großer Armut leidet, werden Theater und Kino gestürmt. Die Reichen genießen ihr Leben, obwohl Millionen Soldaten im Krieg sterben. Tod und Genuss schließen einander nicht aus. Die Todesnähe scheint den Genuss noch erhöht zu haben.

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Martin Mosebach: Krass. Rowohlt.

Wieder ein Fall aus dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“: Das Feuilleton überschlägt sich mit Lobeshymnen. Keiner sagt: Der Roman ist eine Mühsal für den Leser.

Martin Mosebach liebt das Dekor bis zur Krassheit. Im üppigen Sprachbarock quält er die handelnden Personen durch das Geschehen, das recht dürftig ist. Seine Erzählkunst ergießt sich in wuchernde Details. Das muss man aushalten. Manche enthusiastischen Kritiker bezeichnen den Roman als „pageturner“. Ja, insofern richtig, wenn man unter „pageturner“ versteht, dass der Leser manche Seiten im Eilverfahren überblättert oder querliest..

Der Inhalt ist schnell erzählt:

Teil 1 nennt sich „Allegro imbarazzante“ – ich würde das sinngemäß so interpretieren: Der heitere Teil, der den Leser in ziemliche Verlegenheit versetzt. Denn er weiß nicht, wie er mit diesen schamlos-üppigen und selbstherrlichen Herrn Krass umgehen soll. Der hält ein paar Möchtegernvips als Art dümmliche Höflinge. In Neapel und Umgebung werden sie mit allem Luxus gefüttert, Essen, auch Kunst und Natur. Und müssen sich genau an seine Anweisungen halten. Diese erteilt er nicht selbst, sondern der unbedarfte und ziemlich überforderte Dr. Jüngel. Die Namen sind durchaus als Charakterbezeichnungen zu verstehen. Dann plötzlicher Abbruch, weil die reizende Lidewine Schoonemaker sich mit einem Kellner eingelassen hat, obwohl ihr Krass jeglichen Sex verboten hat. Lassen wir diesen Teil als Kritik an der verschwenderischen, kriecherischen und manipulierbaren Wohlstandsgesellschaft gelten.

Teil 2 „Andante pensieroso“ Es wäre nicht Mosebach, wenn nicht auch dieser Teil ziemlich skurril ausfällt. : Ende der lustvollen Reise. Jüngel verzieht sich in die französische Einsamkeit, um sein angeschlagenes Ich aufzupolieren. Dort lernt er die Freuden des naturnahen und asketischen Lebens kennen. Der Teil ist wohl als ironischer Gegenentwurf zum Lebensstil des Herrn Krass zu verstehen. Da wird Schnaps bis zum Umfallen getrunken, Milch direkt aus dem Euter der Kuh geschlürft und in faschistoider Vergangenheit geschwelgt. Alles schön langsam und „gedankenvoll“ , wie es das Leitmotiv verheißt.

Teil 3 Marcia funebre – Trauermarsch. Alle Wege führen nach Kairo, wo sich alle Hauptfiguren wieder treffen. Krass ist total verarmt, schlurft als Obdachloser durch die Gassen, wird vom Rechtsanwalt Mohammed aufgenommen. Lidewine ist Galeristin und verliebt sich in Mohammed. Jüngel ist was er immer war: ein hilfloser Zuschauer. Am Ende stirbt Krass in einer furiosen Trauerwortkaskade.

Kein Zweifel, Martin Mosebach kann schreiben. Aber nicht erzählen. Da zerbricht allzu viel im Pathos, gewolltem oder ungewolltem Kitsch. Schade, denn die Satire auf unsere Überflussgesellschaft hätte gelingen können, bringt sich aber selbst im Wort- und Metaphernüberfluss um.

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Herbert Lackner: Rückkehr in die fremde Heimat. Verlag Ueberreuter

Untertitel: Die vertriebenen Dichter und Denker und die ernüchternde Nachkriegswirklicheit

Mit diesem Buch vollendet Herbert Lackner, ehemals stellvertretender Chefredakteur der Arbeiter Zeitung und danach Profil-Chefredakteur, seine Trilogie über das Schicksal der Künstler, Journalisten, und Politiker vor der Emigration („Als die Nacht sich senkte“), in der Emigration („Die Flucht der Dichter und Denker“) und nun also mit „Rückkehr in die fremde Heimat“ die Zeit nach dem Ende des 2. Weltkrieges, als viele der Emigrierten in die Heimat zurückkehrten. Wie sie empfangen wurden, beschreibt Herbert Lackner mit kühler Distanz und größtmöglicher Objektivität. Mit wenigen Worten zusammengefasst: Sie waren allesamt nicht willkommen.

Ein Buch, das verstört und erschreckt.

Europa zerfällt lange vor dem Eisernen Vorhang in zwei Teile. Im Osten regiert Stalin, verfolgt, foltert und lässt hinrichten, wer immer ihm nicht passt. Darunter auch Kommunisten, die aus der USA, London -also dem Westen – nach Russland zurückkehren. Sie werden als „wurzellose Kosmopoliten“ (S 125ff) verunglimpft, unter Folter zu den unsinnigsten Geständnissen gezwungen und schließlich hingerichtet.

In den USA beginnt die Jagd nach den Kommunisten. Jeder Emigrant ist in Gefahr, als Kommunist angeklagt und ausgewiesen zu werden. Friedrich Torberg bespitzeltt Bert Brecht. Walt Disney vernadert namhafte Schauspieler. In ganz Hollywood scheint jeder jeden als Kommunisten zu verdächtigen. Hanns Eisler wird ausgewiesen, Brecht bricht in die Schweiz auf, Charlie Chaplin wird verhört und verlässt die USA Richtung Schweiz. Ebenso Thomas Mann. Erst Eisenhower macht 1954 diesem Treiben ein Ende.

Alfred Polgar beschreibt die Lage der Emigranten so: „Die Fremde ist nicht Heimat geworden. Aber die Heimat Fremde.“ (S136) Als er über Wien und Salzburg nach München und schließlich nach Zürich reist, stellt er lakonisch fest: Überall Alt-Nazis.

Auch die nach Österreich Zurückgekehrten, müssen feststellen, dass sie in ihrer alten Heimat ganz und gar nicht willkommen sind. Herbert Lackner konstatiert „ein nahtloses Hineinwachsen der Elite des autoritären Ständestaates in die Zweite Republik“ (S 161). Erschreckend ist die Zahl der Alt-Nazis, die weiter das politische Sagen haben.

Die Trilogie ist bester Geschichtsunterricht: Ausgezeichnet recherchiert, mit überzeugender Objektivität geschrieben. Für alle, die glaubten, schon alles über diese dunkle Zeit zu wissen, bietet sie viele neue, bis dato weniger bekannte Fakten und Überraschungen.

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Roberto Andò: Ciros Versteck. Folio Verlag

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull

Roberto Andò, 1959 in Palermo geboren, ist vor allem als Regisseur bekannt. Seinen jüngst auf Deutsch erschienen Roman verfilmte er selbst unter dem Titel „Il Bambino nascosto“.

Er kennt die WElt der Mafia, hat als Kind selbst erlebt, dass Mitglieder einer Kinderbande die Mutter eines Mafiabosses überfielen und danach wie vom ERdboden verschwanden, ohne dass die Familie ihr Verschwinden anzeigte.

Der Roman zeigt die unterschwelligen, von der Öffentlichkeit weniger bekannten Machenschaften der Mafia auf: Ciro, ein etwa zehnjähriger Straßenbub, versteckt sich vor der rachelüsternen Mafia in der Wohnung des Klavierlehrers Gabriele Santoro. Er hat gemeinsam mit einem Freund die Mutter eine Mafiabosses überfallen und dabei so schwer verletzt, dass sie im Spital stirbt. Ciro weiß, was ihm blüht, wenn ihn die Mafiafamilie findet: der sichere Tod. Verängstigt flüchtet er in die Wohnung des zurückgezogen lebenden Musikers. Vorsichtig und geduldig nähert sich in Gesprächen Gabriele seinem ungebetenen kleinen Gast an. Bald weiß er, in welcher Gefahr dieser schwebt. Nun muss er eine Entscheidung treffen: den Bub ausliefern und dem sicheren Tod überlassen oder ihm helfen und dabei seine eigene Existenz gefährden, wenn nicht sogar beider Leben. Es ist eine Frage, die der Autor mit der Situation Antigones vergleicht: Gabriele entscheidet sich für das persönliche Rechtsgefühl und gegen das staatliche, das von ihm die Auslieferung verlangt hätte.

Das Besondere an diesem Buch: die langsame Annäherung zweier Menschen, die verschiedener nicht sein könnten: Da der schüchtern- sensible Eigenbrötler Gabriele, der nur für sein Klavierspiel lebt. Das Gegenüber: Ciro, ein Bub, der die Härte der Gosse und Gasse kennt, dessen Eltern sich nie um ihn kümmerten. Beide kommen einander vorsichtig und langsam näher, bis eine tiefe Bindung entsteht. Sprachlich feinfühlend und großartig!

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Pola Oloixarac, Wilde Theorien. Wagenbach Verlag

Aus dem argentinischen Spanisch von Matthias Strobel

„Pola Oloixarac ist eine der besten Schriftstellerinnen des Internets, dem einzigen Land, das größer ist als Argentinien“ schreibt Joshua Cohen auf dem Innenumschlag des Buches.

„Oloixaracs Sprache könnte schärfer nicht sein“ Spiegel Online, ebenda

„Ohne Zweifel einer der ersten spanischsprachigen Klassiker des 21. Jahrhunderts“. El Mundo – lese ich auf der Rückseite des Covers.

Ich orte einen akuten Fall von „Des Kaisers neue Kleider“!!! Kein Kritiker traut sich zu sagen, dass dieses Buch unverständlich ist. Um sich keine Blöße zu geben – man will ja nicht als Philosphie und Psychologie – und sonstiger Kulturbanause dastehen, lobt man, was man nicht versteht. So ist man auf der sicheren Seite.

Also ich gestehe: ich habe nicht verstanden, was diese Autorin erzählen will. Da geht es um einen Urwaldforscher, der verschollen ist, um Psychos mit „wilden Theorien“, dem Paar K. und Papst, die sich in sado-masochistischen Praktiken üben, um eine angeblich schöne Philosophiestudentin, die in Buenos Aires ihr Unwesen treibt..

Als ich in einer Radiobuchbesprechung hörte, dass der Roman in Buenos Aires handelt und vieles sich um Psychoanalyse dreht, war ich neugierig. Ich lebte einige Zeit in dem Stadtviertel Palermo, bevor es zur schicken Bistro- und Hotelzone wurde, also lange vor 2015. Da saßen die Studenten in den herrlich verschmuddelten Cafés und diskutierten über Freud und die Entwicklung der Psychoanalse. Mag sein, dass es auch solche Figuren wie in dem Roman gab, aber die Mehrheit war um Ernsthaftigkeit bemüht.

Bei der Lektüre des Buches stellte sich mir wie so oft bei hoch gelobten Genieautoren die Frage: Quo vadis Literatur?

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Dacia Maraini, Trio. Folio Verlag

Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler

Als Dacia Maraini für ihr Buch „Die stumme Herzogin“ recherchierte, stieß sie auf die Chronik der Pest, die 1743 in Messina ausbrach. Als Corona sich in Italien und ganz Europa auszubreiten begann, erinnert sich Dacia Maraini an die Geschichte der Pest und arbeitet diese historisch belegten Fakten in den Roman „Trio“ ein.

Es scheint, dass die Autorin für Dreierbeziehung in ihren Romanen eine gewisse Vorliebe hat. Ihr vorletzter Roman handelt von drei Frauen – so auch der Titel- und den Generationsproblemen zwischen den Alten, den Mittelalterlichen und den Jungen.Im „Trio“ geht es salopp gesagt um eine „Menage à trois“. Annuzza und Agata sind Freundinnen seit Kindheit an. Als sie sich beide in den schönen, edlen, klugen Girolamo (gibt es solche Männer überhaupt???) verlieben, zerbricht ihre Freundschaft daran nicht, im Gegenteil, sie wird fester, stärker. Girolamo heiratet Annuzza, hält sich aber Agata als Geliebte, die er mit Wissen Annuzzas, wann immer ihm danach ist, aufsucht. Den viel interessanteren Rahmen dieser etwas gefühlstriefenden Geschichte bildet jedoch die Geschichte der Pest. Man staunt, welche Maßnahmen man damals schon kannte: 40 Tage Quanrantäne, nur abgekochtes Wasser verwenden, Sauberkeit als oberste Prämisse.

Der kurze Roman liest sich leicht, aber der Verdacht kommt auf, dass er eine „Anlassgeschichte“ zur Coronaepidemie ist, eine Art „Restlverwertung“. Denn die Geschichte der Dreierbeziehung ist etwas dünn geraten.

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Elisabeth-Joe Harriet: Wolfgang Amadé. Dichtung und Wahrheit

Was Sie schon immer über Mozart wissen wollten! Mit Mozarts Hund „Gaukerl“ vom ersten bis zum letzten Auftritt in Wien

Immer durch dieselben Straßen, immer durch dieselben Parkanlagen und Gärten zu spazieren verliert langsam seinen Reiz. Gegen die coronabedingte Spaziermüdigkeit hilft dieses Büchlein, das zu Mozarts Wirkungsstätten führt. In die Tasche stecken und los geht`s in schmale Gassen in der Innenstadt, in Hinterhöfe, auch zu wenig bekannten Plätzen in der Vorstadt.

Die Autorin kennt „ihren Mozart“! Sie führt die Leser zu den Orten, die Mozart in den letzten zehn Jahren in Wien frequentierte. Als Mozartguide fungiert der Hund „Gaukerl“. Humorvoll kommentiert er aus Hundesicht das Geschehen. Diese gelungene Mischung aus Information und Humor ist ja Harriets Stärke. Wer sie zum Beispiel von ihren Auftritten als Arthur Schnitzlers Witwe kennt, weiß das zu schätzen. In diesem Buch erfährt man nicht nur viel über Mozart, sondern auch so manches Wissenswertes aus der Wiener Gesellschaft. Etwa wie Johann Edler von Trattner zu seinem immensen Reichtum kam: Er hatte das Privileg, Schulbücher für alle Schulen in der Monarchie zu verlegen. Außerdem verdiente er sich mit Raubkopien eine goldene Nase. Und er legte das gewonnene Geld klug in Grundstücke und Immobilien an. Bedenkenlos ließ er alte Häuser abreißen und baute den heutigen Trattnerhof , wo er unter anderem ein florierendes Casino einrichtete. Die Story erinnert an so manche Immobiliengrößen von heute.

Nicht uninteressant sind die regelmäßigen Besuche Mozarts in der Freimaurerloge „Zur wahren Eintracht“, wo sich besonders viele Künstler versammelten. Ein Logenbruder war auch Angelo Soliman. Als prominenter Schwarzer, damals Mohr genannt, erlangte er durch seinen Tod traurige Berühmtheit: Kaiser Franz II. ließ ihn von dem Bildhauer Franz Thaler abhäuten und ausstopfen. Bis 1848 konnte man ihn in der Naturalien-Sammlung des Kaisers mitten unter Wasserschweinen und seltenen Vögeln bewundern.

Lebendig und pointiert lässt Elisabeth – Joe Harriet das Leben Mozarts inmitten der Wiener Gesellschaft, von reichlichem Bildmaterial begleitet, entstehen. Der schmale Band sticht angenehm aus den oft schwer lesbaren, allzu wissenschaftlichen Büchern über Mozart heraus. Eine gute Medizin gegen Coronaüberdruss! Die Autorin wird -sobald es coronabedingt möglich ist – zu Mozarts Stätten führen .

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Alle Informationen über Elisabeth-Joe Harriet als Schauspielerin, Autorin und Reiseorganisatorin: http://www.elisabeth-joe-harriet.com

Dieser Doppelnutzen macht das Buch besonders attraktiv: Einerseits erlebt man die zehn letzten Lebensjahre Mozarts direkt vor Ort nach, andrerseits sind solche Apercus über die Wiener Gesellschaft auch nicht uninteressant.

Also den Frust über die ewig gleichen Spazierwege vergessen und auf Mozarts Spuren mit dem Buch in der Hand losziehen.

Lukas Hartmann: Schattentanz. Die Wege des Louis Soutter.

Diogenes Verlag

Traurig schließe ich dieses Buch. Traurig, weil es zu Ende ist. So fühle ich mich immer, wenn ich – was selten genug der Fall ist – ein Buch beendet habe, das mich durch Tage gefangen hielt. Eine literarische Kostbarkeit darf nur in kleinen Dosen genossen werden, sage ich und lese immer nur ein Kapitel. Dann lege ich das Buch weg. Lasse Sprache und Bilder, die Hartmann einfühlsam und subtil erstehen lässt, in mir wirken, lese einige Stellen nochmals, um sie besser in mich aufnehmen zu können und lange zu bewahren.

Lukas Hartmann ist kein „Seitenfüller“. Seine Sätze sind jeder für sich kostbar, bildhaft, stark. Banalitäten lässt er nicht durchgehen. Denn die Bilder des Malers Louis Soutter, dessen Leben und Werke Lukas Hartmann auf knapp 250 Seiten beschreibt, waren für ihn „ein künstlerisches Offenbarungserlebnis“, wie er im Nachwort gesteht. Erst nach langer und eingehender Beschäftigung mit diesem Ausnahmekünstler wagte er es, dieses Buch zu schreiben.

Die alles beherrschende Mutter

Louis Soutter (1871 -1942) wächst in einem gut bürgerlichen Haus in Morges am Genfer See auf. Er und seine Schwester Jeanne werden von der ehrgeizigen Mutter zu „Wunderkindern“ gedrillt. Sie sollen als Musiker Weltkarriere machen: Louis als Geigenvirtuose und Jeanne als Sängerin. Beide versuchen immer wieder, sich diesem Zwang zu entziehen. Mit mäßigem Erfolg. Das übergroße Mutterbild wird ihr Leben beherrschen und zum Teil auch ruinieren. Nur der Älteste der drei Kinder, Albert, scheint zunächst davonzukommen. Er übernimmt die Apotheke des Vaters. Doch auch er scheitert und rettet sich in den Suff.

Louis versucht tatsächlich ein Geigenstudium, gibt es aber bald zu Gunsten der Malerei auf. Seine Heirat mit einer reichen Amerikanerin scheitert kläglich, weil er ihren Anforderungen nicht genügen kann. Zurück in der Schweiz, versucht er mit mäßigem Erfolg, sein Geld als Geiger zu verdienen. Aber er spürt, es ist die Malerei, die sein Leben bestimmt. Unfähig, sich selbst zu erhalten, wird er bald in ein Altersheim eingewiesen, wo er 19 Jahre bis zu seinem Tod 1942 bleiben wird. In einem armseligen Zimmer malt er wie besessen. Bilder, die sich ihm aufdrängen. Er kann nicht anders, er muss seine inneren Qualen, seine Visionen vom kommenden Krieg malen.Hellsichtig weiß er, dass Mussolini und Hitler den Tod von Millionen Menschen verursachen werden.

Seine Bilder

Seine Bilder wurden zu Lebzeiten von niemandem geschätzt. Heute werden sie in verschiedenen Museen ausgestellt. Soutter selbst hatte Zweifel, ob sie irgendwem einmal etwas bedeuten werden. Manche Bilder zerreißt er, manche verschenkt er, die meisten stapelt er in seiner Kammer zu großen Haufen. Als seine Augen immer schwächer werden, malt er mit Fingern, lässt sie wie in Trance über das Papier tanzen, einer inneren Musik folgend. Er stirbt 1942 einsam in seiner Kammer, inmitten einer Unmenge von Werken.

Geschickt beleuchtet Lukas Hartmann diesen schwierigen und schwer fassbaren Charakter von verschiedenen Seiten und wechselt den Standpunkt der Betrachter. Einige Male reflektiert die Mutter in der Ichform über ihre Wünsche und Vorstellungen, die sie für die Kinder hatte. Als objektiver Beobachter fungiert ebenfalls der Cousin Charles-Edouard, der später als Architekt Le Corbusier eine intenationale Karriere machen wird. Dass die beiden in Anschauungen und Lebensformen total verschieden sind, wird dem Cousin sehr schnell klar. Dennoch besucht er Louis in Abständen von mehreren Jahren immer wieder, obwohl er mit seinen Bildern nichts anzufangen weiß. Aber die intensiven und sehr kontroversiell geführten Auseinandersetzungen über die Aufgaben der Kunst faszinieren den Cousin.( Dass Hartmann von der kalten Architektur Le Corbusiers nicht sehr viel hält, lässt er dabei deutlich werden) Als glühender Verehrer von Mussolini und Hitler wird Corbusier erst nach dem Tod von Louis dessen Hellsichtigkeit erkennen.

Besonders berührend schildert der Autor das innige Verhältnis zwischen Louis und seiner Schwester Jeanne. Sie ist die einzige aus der Familie, die ihn versteht und versucht, ihm in seiner Lebensuntüchtigkeit Halt zu geben. Die Kindheit der beiden, die, vertieft in Spiele und erfüllt von gegenseitiger Zärtlichkeit, der Härte der Mutter zu entgehen versuchen und sich eine eigene Welt bauen, war nur in diesen Phasen des ungestörten Zusammenseins glücklich. Doch auch Jeanne wird später nicht die nötige Kraft aufbieten, sich gegen die Mutter zu stellen. Sie zerbricht in diesem Kampf und wird Selbstmord beghen.

Das Leben Louis Soutters erinnert in vielen Zügen an den Schweizer Autor Robert Walser (1878-1956). Beide hatten mit den bürgerlichen Lebensformen und den Anforderungen der Gesellschaft an sie schwere Probleme. Beide versuchten im Gehen über weite Strecken ihre innere Unruhe zu bezähmen. Beide fanden in der (unfreiwilligen) Abgeschlossenheit eines Heimes einen gewissen Frieden und schufen wichtige Werke. Auch der Dichter Friedrich Hölderlin (1770-1843) erlitt ein ähnliches Schicksal: Nach der schmerzvollen Trennung von seiner Geliebten Suzette Gontard und nach deren Tod zerbricht in ihm das Korsett, das ihn bis dahin in einer gewissen bürgerlichen Bahn gehalten hat. Er geht, geht, geht, weit und als er nach Tübingen zurückkehrt, hat sich sein Geist verwirrt, so glaubt man.Nach einer sinnlosen Zwangsbehandlung im Tübinger Klinikum zieht sich Hölderlin bis zu seinem Tod in die Einsamkeit eines Turmes zurück. Und vielleicht darf ich auch Parallelen zu Peter Handke ziehen. Er wählt die Abgeschiedenheit selbstbestimmt. Ebenso wie Soutter und Walser ist ihm das Gehen in der Natur Impuls und schafft ihm inneren Frieden.

All diesen Künstlern gemeinsam ist das innere Brennen für ihre Kunst, das bedingungslose Wollen und Schaffen. Lukas Hartann ist ein congenialer Übersetzer, Vermittler zwischen diesem so schwer fassbaren Künstler Louis Soutter und den Lesern. In der Flut der historischen Biografien, die zur Zeit den Markt überschwemmen, leuchtet dieses Buch als seltener Diamant heraus.

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Malte Herwig: Der große Kalanag. Penguin Verlag

Untertitel: Wie Hitlers Zauberer die Vergangenheit verschwinden ließ und die WElt eroberte.

Zauberer, so lesen wir, waren am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gesellschaftsfähig bis in höchste Kreise hinauf. Auch Intellektuelle und Künstler interessierten sich für die Zauberer und deren Macht über die Menschen. Thomas Mann kleidet in seiner 1930 erschienenen Erzählung „Mario und der Zauberer“ prophetisch die dämonische Macht des Faschismus in die Person des Zauberers Cipolla ein.

Malte Herwig hat in dieser Biografie das Leben des Helmut Schreiber, alias Kala Nag oder Kalanag, wie er sich zuerst nach dem Elefant aus dem „Dschungelbuch“ benannte, fast mikroskopisch genau recherchiert und daraus eine interessante Biografie geschrieben. Schreiber, der schon mit 15 Jahren als Zauberer auftritt, ist von immensem Ehrgeiz zerfressen: Er will der beste Zauberer aller Zeiten werden. Früh erkennt er, dass Zauberkunststücke allein nicht genügen, er muss das Publikum für sich gewinnen, es faszinieren, um es zu beherrschen. Er macht Karriere, begeistert das Bildungsbürgertum der Zwischenkriegszeit, wird die wichtigste Figur im Verein „Der magische Zirkel“, bald auch auch der Direktor. In dieser leitenden Stellung versteht er es geschickt, eventuelle Konkurrenten auszuschalten, zu desavouieren.

Bald schon wird er zum Entertainer der NS-Gesellschaft, wird von Göring, Göbbels und vor allem von Hitler eingeladen zu zaubern und tourt mit seiner Zauberrevue durch Europa. So nebenbei produziert er auch Nazifilme und wird Chef der Bavaria. Lauthals stimmt er in den Chor ader antijüdischen Hasspropaganda ein. Und dann bricht das 1000-jährige Reich zusammen, und man könnte meinen, jetzt ist es aus mit dem großen Zauber. Nein, für Helmut Schneider nicht. Er weiß ja, wie man blendet, ablenkt. Kurz: es gelingt ihm zunächst nicht, sich vor den Amerikanern gänzlich „rein“ zu zaubern. Doch vor den Engländern erzählt er ohne Scham, er sei nie in der Partei gewesen, ja , ganz im Gegenteil, er habe im Widerstand gekämpft und vielen Menschen das Leben gerettet.

Parallelen zu solchen Reinwaschungsproszessen gab es ja viele. Wer das Buch von Herbert Lackner, „Rückkehr in die fremde Heimat“ (im März 2021 erschienen) liest, der staunt, wie wie leicht es war, sich als „unbedenklich“ einstufen zu lassen und danach als Politiker, Künstler, Anwälte, Richter weiter zu arbeiten.

Zurück zu Kalanag/Schreiber: Er zieht nach Kriegsende eine Show der Sonderklasse auf. Woher er das Geld für die teure Ausstattung hatte, ist nicht klar, Malte Herwig vermutet, dass er sich am gut versteckten „Nazigold“ gütlich tat. Schreiber wird zum Großmeister der Zauberer, verdient Unsummen. Seine Frau, die erotisch-exotische Gloria unterstützt ihn tatkräftig, Lusus pur ist angesagt, all das unterstrichen durch den Geparden, der mit ihr auftritt und der neben ihr im Restaurant sitzt.

Doch mit dem aufkommenden Fernsehen hat der Zauber ein Ende. Kalanags Schow ist nicht mehr zeitgemäß. Helmut Schneider stirbt 1963 verarmt und ruhmlos. Ein wichtiges Buch über das Thema: Vergangenheitsbewältigung oder besser über die Tricks, sich seine Vergangenheit wegzuzaubern.

http://www.penguin-verlag.de

Ljuba Arnautovic, Junischnee. Zsolnay.

Wien 1934. Die überzeugte Kommunsitin und Schutzbündlerin schickt ihre beiden Söhne ins „Ferienlager“, um sie vor der Verfolgung durch die Nazis zu retten. Slavko der Ältere wird in einem Lager verhungern. Karli, der Jüngere, erlebt zunächst eine gute Zeit in Moskau, wo diese Schutzbundkinder richtig verwöhnt werden. Doch nachdem Hitler den Pakt mit Stalin gebrochen hat, ist es aus mit der heiteren Kindheit. Jugendgefängnis, Straflager folgen. Nach 20 qualvollen Jahren ist Karl frei, heiratet eine Russin und hat mit ihr 2 Kinder. Eines davon ist die Autorin, die später den Lebensweg ihres Vaters penibel recherchieren, Akten und Briefe aufstöbern und sie teilweise in Originalform in den Roman einsetzen wird. Apropos „Roman“: manchmal wirkt er wie eine Dokumentation, ein Skript für eine Doku im Fernsehen, dann wieder schaltet die Autorin auf eine quasi auktoriale Erzählhaltung um. In diesen Teilen bemüht sie sich um eine bewusst karge Sprache, für Poesie ist da kein Platz. Rasche Schnitte von einer ERzählform zur anderen, vom Brief zu Aktenauszügen und kurzen Hinweisen auf den Geschichtshintergrund erinnern immer wieder an eine Voralge für eine Doku. Selten schreibt die Autorin über die innersten Gefühle der Personen. Da heißt es nur: Nina (Mutter der Autorin und erste Ehefrau ihres Vaters) hat Heimweh nach Russland. Arnautovic meidet ganz bewusst eine zu starke Gefühlsebene. Auch wohl deshalb, um klar zu machen, dass in diesen Zeiten es eher ums Überleben als ums Erleben von „schönen Gefühlen“ ging. Und auch, um sich klar darüber zu werden, was ihren Vater zu dem harten, ehergefühlskalten Mann gemacht hat.

Cui bono?

Es hat den Anschein, als sei es derAutorin nicht leicht gefallen zu sein, über ihren Vater offen zu berichten, denn er ist nach seiner Rückkehr aus Russland keineswegs ein sympathischer Mann, betrügt seine Frau, die er zuerst zwingt, mit ihm nach Wien zu ziehen, ihr aber bald die Kinder nimmt und von langer Hand die Scheidung plant, weil er mit einer anderen liiert ist. Dieses spürbare Zögern, über diesen Vater offen und ehrlich zu schreiben, ehrt Ljuba Arnautovic. Denn andere Autoren und vor allem Autorinnen scheuen und scheuten sich nicht, über ihre Familie blank und frei, für den Leser schon peinlich genau zu berichten. Das Familienschicksal in die Öffentlichkeit zu bringen ist Mode geworden. Ljuba Arnautovic weiß ganz offensichtlich um diese Problematik und wählt deshalb die herbe Form der Mischung aus Erzählung und Dokumentation. Fragt sich nur: Ist eine Familiengeschichte auch „Literatur“? Und man fragt sich: Cui bono entstand dieses Buch? Am ehensten wohl für die Autorin selbst, sie will sich ein Bild von diesem durch den Gulag hart gewordenen Mann machen. Die Detailinformationen über das Schicksal von Schutzbundkindern in Russland ist für jeden Leser interessant und informativ. Denn darüber wird ja in keinen Geschichtsbüchern berichtet. Es ist auch interessant zu erfahren, wie sich das Geschichtsbild, die Haltung zum Kommunismus all dieser Familienmitglieder und Freunde in und nach dem Krieg veränderte oder auch gleich blieb.

Verlag Zsonay bei: http://www.hanser-literaturverlage.de

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos. Verlag Matthes&Seitz

Was für ein Buch! Es verdient tatsächlich, ein Epos genannt zu werden, auch wenn es nicht in Reimen, auch nicht in einem erkennbaren Versmaß geschrieben ist. Aber die Sprache ist frisch, frech und wirklich neu. Ein mitreißender Stil.

Worum geht es?

Tatsächlich um eine Heldin im altgriechischen Sinn. Selbst Sophokles hätte Anne Bauemanoir das epitheton ornans „Heldin“ verliehen und über sie ein Drama geschrieben.

Sie war 18 Jahre jung, als sie im 2. Weltkrieg der Résistance beitrat und überzeugte Kommunistin wird. Zunächst war es ihre Aufgabe zu gehorchen und geheimnisvolle Koffer mit geheimnisvollen Inhalten von A nach B zu transportieren. Doch eines Tages muss sie sich die Frage stellen: riskiere ich Gefängnis oder sogar mein Leben, wenn ich eine jüdische Familie vor dem Tod rette oder tue ich so, als ob ich nichts wüßte. Sie – rettet die beiden Kinder. Die Eltern und das Baby wollen nicht mit ihr gehen. Nach dem Ende des Krieges studiert sie Medizin, heiratet, bekommt 2 Kinder und arbeitet als erfolgreiche Ärztin. Doch das politische Geschehen lässt sie nicht los. Helfen, das Ideal eines gerechten Staates zu verwirklichen, bleibt ihr Lebensszweck-. Sie arbeitet weiter als Mitglied einer Untergrundbewegung, wird denunziert und muss ins Gefängnis. Bevor sie zu 10 Jahren Haft verurteilt wird, kann sie nach Tunis entkommen. Nun setzt sie sich verstärkt für ein freies Algerien ein. Nach ihrer Scheidung lebt sie in Algier, versucht ein Gesundheits- und Bildungswesen in dem neu gegründeten Staat auf die Beine zu stellen. Doch in den Wirren des neuen Staates ist auch sie gefährdet. Sie flieht nach Frankreich, wo sie bis heute in einem kleinen Dorf lebt. Sie schreibt ihre Memoiren mit dem Titel „Le feu de la mémoire“, auf Deutsch: „Wir wollen das Leben ändern“. Und bald soll der 2. Band erscheinen.

Dieses Buch ringt dem Leser in jeder Hinsicht Bewunderung ab: einmal für die Heldin – die sich sicherlich gegen diesen Ehrennamen wehrt – und noch einmal für die Autorin. Sie hat mit genauen Recherchen den Hintergrund dieser politisch schwierigen Zeit erhellt, ohne damit den Fluss der ERzählung zu belasten. Außerdem ist ihre Sprache frisch, pointiert und daher reines Lesevergnügen.

http://www.matthes-seitz-berlin.de

Daniela Strigl: Gedankenspiele über die Faulheit. Literaturverlag Droschl

Es traf sich, dass ich das schmale Büchlein – angenehm leicht zu halten, was der Faule besonders schätzt- zu lesen begann, als meine Faulheit gerade den Höhepunkt erreichte und sich mehr und mehr zur geistigen Trägheit entwickelte. Ich stand knapp vor einer saftigen Depression. Nix half: draußen arschkalt, drinnen – was tun? Kochen? – eher fad, putzen – keinen Bock darauf. Na dann lesen! -Oh bitte nein! Ich bin für eine WEile davon geheilt, fand die meisten Bücher als reine Zeitverschwendung – also Lebenszeitverschwendung.

Was also tun? Also Selbstdiagnose – mit Hilfe dieses Büchleins. Ja Büchlein, nicht Buch, nicht Wälzer! Gott sei Dank!Und finde schon so einen klitzekleinen Fingerzeig: Humor, Selbstironie – alles besser als Selbstmitleid.

Nach einer philososphischen und literarischen Betrachtung über die Faulheit – muss wahrscheinlich sein, sonst wird aus dem Büchlein ein Blättlein und schließlich ist Daniela Strigl ja auch Literaturwissenschaftlerin – also dann doch die Seiten mit Selbstanalyse: Da bekennt sich Daniela Strigl ganz ungeniert zur Faulheit, schreibt witzig über ihre Beweggründe zur Faulheit. Und ich bekenne mich mit ihr als „Anstrengungsvermeiderin“. Was für ein verführerisch hässliches Wort für Lahmheit, Stumpfsinn. Und dann die beste Überraschung, die ein Buch bieten kann: Heute, während ich das Buch lese und diese Zeilen schreibe, ist der 22. März 2021. Und was lese ich auf Seite 38: Der 22. März wurde zum „Goof Off Day“ ausgerufen – zum Weltfaulheitstag. Na also, da wird mein Zustand also gerade international gefeiert. Wenn das nicht ein tolles Omen ist.

Und was passiert plötzlich? Die Faulheit macht einer Freude über den internationalen Feiertag Platz!! Also feier ich mit Daniela Strigl und fühle mich in bester Gesellschaft, wenn auch nur in Gestalt des Büchleins.

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Marco Missiroli: Treue. Verlag Wagenbach

Aus dem Italienischen von Esther Hansen

Die Treue ist vieldeutig geworden, fast schon abgeschafft, spielt zwischen Freunden, Ehe- und Liebespaaren eine geringe bis keine Rolle. Weil sie unangenehme Fragen aufwirft, denen Marco Missiroli in seinem Roman nachgeht.

Abgehandelt wird die Frage auf allen Alters- und Gesellschaftsebenen. Eine klare Antwort kann der Autor natürlich nicht geben, will er auch nicht. Er spiegelt nur die verschiedenen Facetten, Fragen wider, wie sie von denen diversen Protagonisten gestellt werden.

Angesiedelt ist der Roman in Mailand in den Jahren von 2009 bis in die fast-Gegenwart. Mailand ist eine Großstadt, wie alle anderen auch. Der Leser wird über Gassen und Plätze geführt, und ist er nicht wirklich ein Kenner der Stadt, sagen ihm die Namen nichts. Man spürt, hier unterliegt der Autor einer Schreibmode: möglichst viele Straßen und Plätze zu benennen, ohne aber die soziale Geografie wirklich miteinzubeziehen.

Carlo und Margherita sind ein Paar, wie es scheint, modern-glücklich. Also dem Anschein nach. Aber Carlo ist von einer Obsession besetzt, die da heißt: Sofia. Sie ist Studentin in seinem Seminar, er hätte sie gerne gevögelt, wie es eben umgangssprachlich so genannt wird. Kommt aber nicht dazu. Ist der Nichtvollzug des Sexualaktes schon Untreue, fragt sich Margherita und verführt ihren schwulen Masseur. Der jedoch bleibt seinem Giorgio treu, auch wenn er einmal mit einer Frau geschlafen hat. Das sieht er nicht als Treuebruch an.

Nach Jahren erleben wir Carlo und Margherita als Elternpaar und als fürsorgliche Pfleger und Betreuer der schwerkranken Mutter Margheritas. Es scheint, dass diese Aufgabe die Frage nach Treue obsolet gemacht hat. „Eine freie Ehefrau der Fünfziger, hier bin ich.“ Mit diesem kryptischen Satz endet der Roman.

Stilistisch übt sich Marco Missiroli im Perspektivewechsel, der sogar so weit geht, dass die Zuordnung der Personalpronomina oft nicht klar ist. Von welcher Person ist die Rede, die gerade mit „sie“ genannt wird? Ist diese Zweideutigkeit gewollt? Anzunehmen. Er will den Leser zum Rückblättern, Innehalten, sich neu Orientieren auffordern. „Sie“ kann die Ehefrau, die erträumte Geliebte, die Mutter, die Schwiegermutter sein. „Er“ der Ehemann, der Masseur, der Freund des Masseurs, manchmal auch César, der Kampfhund. Der Masseur hat eine eigenartige Vorliebe für Hundekämpfe, liebt diesen César über die Maßen, obwohl er ihn einmal angefallen und verletzt hat. Diese überriebene Liebe zum Kampfhund, noch über dessen Tod hinaus, ist wahrscheinlich auch eine Variante der Treue.

Der Leser folgt dem Autor durch das Labyrinth der Treue manchmal sehr interessiert, manchmal gelangweilt. Gelangweilt dann, wenn Marco Missiroli allzu detailverliebt Gesten und Aktionen des Alltags schildert, die banal und unwichtig sind. Hier wäre Straffung nötig.

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Michael Dangl: Orangen für Dostojewskij. Verlag Braumüller

„Die Geschichte zwischen Rossini und Dostojewskij ist erfunden“, klärt Michael Dangl die Leser auf der Innenseite des Covers auf.

Geschickt verbindet Michael Dangl in dem Roman drei seiner „Passionen“: die Liebe zur Musik, besonderns zu der von Rossini, die Liebe zur russischen Literatur, besonders zu der von Dostojewskij, und natürlich seine Begeisterung für Venedig. Liest man den Roman, so muss man neidvoll anerkennen: der Mann kennt sich auf allen drei Gebieten aus. In einem Interview betonte er, die Romane Dostojewskijs auf Russisch gelesen zu haben. Man weiß ja, dass Michael Dangl sehr oft seine Frau besucht, die in Russland lebt, und er daher einen intensiven Bezug zu diesem Land und der Sprache hat..

Der Einfall, den düsteren, lebensunfrohen, schwermütigen Dostojewskij dem lebensbejahenden Genussmenschen Rossini gegenüber zu stellen, ist ziemlich gut. Dazu noch Venedig als Ort des Geschehens – diese Dreierkomposition muss ja ein Erfolg werden!

Dostejewskij kommt nach einer Italienreise, die er ohne Begeisterung abolviert hat, erschöpft in Venedig an. Eigentlich hat er vor, am nächsten Tag wieder abzureisen. Es ist schwül, er versteht kein Wort Italienisch – nicht die besten Voraussetzungen also, die Schönheit der Stadt zu genießen. Ein für Dostojewskij eher aufdringlich wirkender Kofferträger namens Beppo nimmt sich seiner an und bringt ihn zur Unterkunft. Später wird sich herausstellen, dass Beppo zur Entourage Rossinis gehört und sich immer wieder um Dostojewskij kümmern, ihn einmal sogar das Leben retten wird. Am nächsten Morgen wartet Beppo auf den unwirschen Dichter und geleitet den Widerwilligen durch die Gassen Venedigs. Nichts kann Dostojewskij von der angeblichen Schönheit überzeugen. Er schwitzt und will nur seine Ruhe. Und bald beginnt sich im Leser Ungeduld zu rühren. Nach gefühlten zweihundert Seiten – in Wahrheit etwas über hundert – tut sich noch immer nichts. Wir gehen mit dem müden Dichter durch Venedig, hin und wieder erkennt man eine Gasse oder einen campo aus eigener Venedigerfahrung und bewundert das Detailwissen des Autors. Aber das reicht nicht, um das Interesse wach zu halten. Die Sätze schrauben sich in die Länge, so lange und mühevoll, wie der Gang des Dichters. Als der den Markusplatz betritt, empfindet er zwar die Schönheit der Architektur, aber auch Ängste und Erinnerungen an seine Zeit im Straflager überfallen ihn, als er in eine Passkontrolle gerät. Am Abend dieses ersten Tages betritt er vollkommen erschöpft eine kleine Trattoria, wo er – endlich, sagt der ebenso erschöpfte Leser – auf Rossini und dessen heitere Entourage trifft. Nun beginnt die eigentliche Geschichte.

Lebenslust und Lebensüberdruss

Größere charakterliche Gegensätze hätte der Autor gar nicht finden können. Rossini hat lange schon das Komponieren sein lassen und sich dem Lebensgenuss hingegeben: Essen, trinken, Musik und Gesang, heitere Gesellschaft. Geld spielt keine Rolle. Dostojewskij, bettelarm, mit den Erfahrungen des Straflagers im kranken Körper, kann da nicht mithalten. Doch er bewundert die Urkraft, die Rossini antreibt, wenn er auch von dem Tempo, mit dem alles abläuft, überfordert ist. Im Gespräch zwischen den beiden flicht Michael Dangl geschickt historische Fakten über Venedig ein – etwa über den Hass der Venezianer auf die österreichische Besatzung oder über Künstler, die Venedig geprägt haben. Auch hier braucht der Leser Geduld, denn oft sind diese Passagen sehr lange und man bekommt den Eindruck, hier brüstet sich ein Autor allzu sehr mit seinem Wissen. Dann der Paukenschlag: Rossini schlägt Dostojewskij vor, ein Libretto für die von ihm geplante Oper über Casanova zu schreiben! Die Versuchung ist groß, diesen Vorschlag anzunehmen. Aber Dostojewskij zögert, weiß im Innersten, dass er für diese heitere Figur eines Weiberhelden und Lebenskünstlers nicht das nötige Verständnis aufbringen kann. Am Ende der Geschichte ist klar, Dostojewskij wird das Libretto nicht schreiben und Rossini die Oper nicht komponieren. Doch bis dahin erfahren wir noch viel über Dostojewskij, über seine Spielsucht, über die missglückte Ehe und immer wieder über die Zeit im Straflager. Als Kontrapunkt flicht Michael Dangl die kuriosen Ausflüge mit Rossini ein, etwa die Fahrt in einem Privatboot in die Lagune. Es wird gegessen, Karten gespielt, getrunken, kokettiert und auch geschwommen. Die Episode, als Rossini sich in einem fahrbaren Zelt ins Wasser tragen lässt, ist besonders witzig und erinnert an die Königin Victoria, die sich auf Isle of Wight ebenfalls in einer „Wasserkarrosse“ in die Fluten fahren ließ.

Es sind die vielen skurrilen Einfälle, die Michael Dangl in die Geschichte einflicht, die den Leser bei der Stange halten und über so manche Passagen, in denen der Autor seine Protagonisten allzu lange philosphieren lässt, hinweg helfen. Gerade deswegen verzeiht man dem Autor auch so manche Sprachkapriolen, wie etwa wenn er über die „Kurzatmigkeit der Gassen Venedigs“ schreibt.

Der Titel

Im Roman gerät Dostojewskij bei einer Wanderung in das Dorf Malamocco am Ende des Lido. Er lernt dort eine junge Frau kennen, hilft ihr bei der Gartenarbeit. Es entspinnt sich eine zarte Liebe. Zum Abschied schenkt sie ihm eine große Tomate aus ihrem Garten, die er wohlbehalten bis Petersburg bringt. So gesehen müsste der Titel „Eine Tomate für Dostojewskij“ heißen oder auf gut Österreichisch: Paradeiser für Dostojewskij. Aber Orangen klingen halt einfach besser.

Michael Dangl ist ein interessantes Charakterbild der beiden Künstler und eine Hommage an Venedig gelungen. Was er aber an Bildungswissen in die Seiten stopft, beschwert den Roman sehr und nimmt viel von der Leichtigkeit, mit der die Geschichte fast wie ein Märchen daherkommt.

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Margaret Laurence, Der steinerne Engel. Eisele Verlag

Aus dem kanadischen Englisch von Monika Baark

Der Eisele Verlag ist dafür bekannt, Literatur aus dem Englischen oder Amerikanischem auf den deutschsprachigen Markt erfolgreich zu platzieren. Mit viel Spürsinn werden immer wieder vorwiegend Autorinnen vorgestellt, von denen das leseaffine Publikum vorher nie etwas vernommen hat.

Diesmal also: Der steinerne Engel, geschrieben Anfang der 60er Jahre. Zu dieser Zeit war das Thema „alte Menschen kämpfen um ihr Recht auf selbstbestimmtes Leben“ noch nicht in den Fokus der schreibenden Zunft gelangt. In meinem literarischen Gedächtnis war einer der ersten, wenn nicht überhaupt der erste, der sich mit dem Thema beschäftigte, der schwedische Autor Jonas Jonasson. Sein Roman „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ war gleich bei seinem Erscheinen 2010 ein Bestseller. Seither ist das Thema in vielen, ja zu vielen Romanen behandelt worden: Als Erinnerung an Großmutter, eingepackt in eine Familiengeschichte, als die weise Frau, die dem Kind die traurige Kindheit versüßt, bis zuletzt zu dem frech das Thema ironisierenden Roman von Lisa Eckhart, Oma. In den letzten Jahren kam es regelrecht zu einer Überschwemmung des Buchmarktes mit Oma/Opa- und Altengeschichten.

Deshalb mag man mir verzeihen, wenn ich dem Buch nicht ganz gerecht werden konnte. Denn immer wieder passierte es mir beim Lesen, dass ich dachte: Nein, nicht schon wieder. Dabei ist dieser Seufzer der Autorin gegenüber völlig ungerecht, denn als sie den Roman schrieb, betrat sie fast thematisches Neuland.

Worum geht es? Hagar Sipley ist eine grantige Alte, die bei ihrem Sohn und der Schwiegertochter lebt. Ihr Grant und ihre Streitlust lässt sich die „böse“ Schwiegertochter nicht mehr länger gefallen und will Hagar Shipley ins Altersheim abschieben. Klar, dass diese sich mit allen Mitteln wehrt und die „Einweisung“ listig zu verhindern versucht.Doch vergebens. Noch im Altersheim, schon sehr hilfsbedürftig, sucht sie die Pflegerinnen zu drangsalieren, um sich ein ganz ganz kleine Freiheit im Handeln und Denken zu verschaffen. Um vor sich und dem Gott, den sie nicht um den Tod anbetteln will, mit Würde zu leben oder eben zu sterben. Das Ende ist von machtvoller Würde. Dazwischen kämpfte ich manchmal mit einem gewissen Verdruss in mir. Vor allem, wenn die Autorin in Attributen versinkt. Fast kein Substantiv, dem sie nicht irgendeine Eigenschaft hinzufügen muss. Entgegen der Regel: weniger ist mehr.

Insgesamt aber ein hinterlistig-humorvoller Roman. Gescheit gemacht, weil es Margaret Laurence gelingt, die Hauptfigur durchaus auch unsympathisch zu schildern. Sie entgeht dadurch dem literarischen Klischee: Nette Alte, der von den Jungen Unverständnis entgegengebracht wird. Ganz im Gegenteil: Hagar Shipley kann ganz schön widerwärtig sein. Aber genauso auch der Sohn und die Schwiegertochter. Sympathie und Antipathie werden alternierend verteilt. Dadurch unterscheidett sich dieser Roman von solchen mit ähnlichen Theme in angenehmer Weise..

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Luca Di Fulvio: Es war einmal in Italien. Lübbe Verlag

Aus dem Italienischen von Elisa Harnischmacher

Will man um sich die Welt vergessen, dann greift man gerne zu den Büchern von Luca Di Fulvio, des beliebtesten Bestsellerautor Italiens.

Nun hier sein neuer, 700 Seiten starker Roman. Wir befinden uns in Rom um 1870. Es ist die Zeit, als aus den vielen Kleinstaaten ein geeintes Italien wird. Aber Rom gehört noch zum Kirchenstaat. Die Kämpfe um diese Stadt bilden den Kern dieses Romanes. Die unterschiedlichsten Interessen und Figuren kämpfen auf verschiedenen Seiten, um dann doch zu einer Einheit zu finden, die da heißt: Italia.

Da ist der Knabe Pietro aus dem Waisenhaus, den eine Contessa an Sohnes statt annimmt. Der unerwartete Wechsel in Luxusleben endet jäh, als der Conte stirbt und die Contessa – im Roman meist Nella genannt – all ihrer Güter beraubt wird. Beide ziehen nach Rom in ein Elendsviertel. Dann ist da das Mädchen Marta, auch sie ein Waisenmädchen. Sie wurde von Melo, der als Pferdeknecht in einem Zirkus arbeitet, aufgezogen. Rund um diese drei Hauptfiguren entwickelt Di Fulvio das Panorama Roms – prächtig, schmutzig, verkommen und doch anziehend. Die Rovolution brodelt, alle kämpfen – alle aus verschiedensten Motiven. Und das ist auch die Crux des Romanes: die ermüdenden Kampfszenen nehmen viel zu viel Raum ein, Brutalitäten nützen sich ab, der Leser beginnt quer zu lesen. Schade! Im Grunde könnte Di Fulvio den Roman um die Hälfte kürzen, dann wäre er toll. So ist er ein Pageturner, weil man ungeduldig über die seitenlangen Kampfberichte hinwegblättert.

Außerdem stößt der allzu ausgeprägte Hurrapatriosmus aller Figuren ein wenig sauer auf. Trotz ausgezeichneter Figurenzeichnungen enttäuscht der Roman. Leser, die Di Fulvios lebensnahe und ans Herz greifende Erzählgewalt kennenlernen wollen, denen sei der Roman „Der Junge, der Träume schenkte“ empfohlen. Da zeigt sich Di Fulvio als Autor eines Pageturners der Sonderklasse! (s. auch meine Kritik).

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Nicole Soames:Das Buch des Verhandelns. Midas Verlag

„In 33 Schritten zum Verhandlungsprofi“ verspricht der Untertitel, der allerdings zu große Erwartungen weckt. Das schmale Büchlein ist flott geschrieben, mit lustigen Zeichnungen und erklärenden Diagrammen aufgelockert.

In sieben großen Hauptkapiteln, die in kleine Schritte unterteilt sind, führt die Autorin durch die Hürden, Tücken einer Verhandlung. Die größte Hürde ist man selbst, besser seine „Gremlins“, wie sie es nennt. Gegen diese „inneren Monster“ gilt es anzukämpfen. Die da sein können: Pessimismus – „ich werde es eh nicht schaffen“ -, dem Gegner keinen Verhandlungsspielraum lassen wollen und mit „schwachen Worten“ (Konjunktiven!) argumentieren. Vor allem weist Nicole Soames immer wieder auf die eminent wichtige „emotionale Intelligenz“ hin, die sie im Laufe des Textes dann nach amerikanischem Rategebervorbild nur EI nennt. Wie überhaupt das Büchlein sehr an diese Ratgeber erinnert. Was genau die EI ist, wie man sie in sich aufbaut und in der Verhandlung einsetzt, bleibt unklar. Am Ende der Lektüre ist man zwar kein Verhandlungsprofi, aber nimmt doch einige feste Ratschläge mit, die da wären: sich gut auf die Verhandlung vorbereiten, auf die Körpersprache achten, dem Gegenüber einen Spielraum lassen. Das weiß man im Grunde eh alles, aber es ist ganz nützlich, das einmal gut aufgelistet und argumentiert vorgesetzt zu bekommen.

https://midas.ch

Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit. Klett-Cotta Verlag

Untertitel: Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten 1933-1943

In dem 2018 erschienen Buch „Zeit der Zauberer“ beschreibt Eilenberger die Entwicklung der Philosophie Heideggers, Cassirers, Benjamins und Wittgensteins und ihre Denkwege in der Zeit von 1919-1929. Nun also im Zeitalter der Gleichberechtigung von Mann und Frau widmet er sich vier Frauen, die auf unterschiedliche Weise die Zeit des Nationalsozialismus und des Totalitarismus gedanklich und durch reale Lebensentwürfe bewältigt haben oder bewältigen wollten.

Es sind teils bekannte, teils der Allgemeinheit unbekannte Namen: Simone de Beauvoir, Simone Weil, Hannah Arendt und Ayn Rand. Sie lebten in einer Zeit, die der Gegenwart nicht unähnlich ist: Das wirtschaftliche Überleben ist für viele aus der Mittel- und Unterschicht mehr als fraglich, das geistige Leben wird von der Politik abgewürgt oder in eine ihr genehme Richtung gelenkt.

In Zeiten der Not und des von Krieg und Verfolgung bedrohten Lebens entwickelten jede der vier Frauen eine eigene Denk- und Lebensstrategie: Ayn Rands Eltern wurden während der Russischen Revolution enteignet, sie selbst floh nach Amerika und wurde zu einer der erfolgreichsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit. In ihren von Nietzsches Gedankengut beeinflussten Romanen und Theaterstücken dreht sich alles um die individuelle Freiheit, die mit allen Mitteln gegen Zugriffe des Staates verteidigt werden müsse. Dies geschehe am besten durch radikalen Individualismus.

Das Leben Simone Weils ist ihr geistiges Skriptum. Was sie gedanklich fordert, das lebt sie in radikaler, zur Selbstaufgabe hin neigender Art und Weise: Als Tochter gut bürgerlicher Eltern widerstrebt ihr alles, was mit Besitz zu tun hat. Ihre zerbrechliche Gesundheit setzt sie immer und überall aufs Spiel, sie brennt für die soziale Aufgabe, gründet ein privates Flüchtllingshilfswerk, arbeitet in einer Fabrik, um die Probleme der Arbeiter nachvollziehen zu können. Ihre Zerbrechlichkeit ignorierend schreibt, lehrt und arbeitet sie unermüdlich. Ihre ärgste Sorge lässt sie hellsichtig vor einem totalen Überwachungsstaat warnen. Sie stirbt 1943 in einem Sanatorium in Endgland an Herzversagen, Tuberkulose, Hungerödemen und in geistiger Verwirrung.

Religion trägt für Simone de Beauvoir die Hauptschuld für die menschlichen Verfehlungen. Frei von der gängigen Moral gehen sie und Sartre immer wieder neue Liebesbeziehungen ein, bleiben aber als Freunde bis zum Schluss miteinander verbunden. Simone de Beauvoirs Buch „Das andere Geschlecht“ wird zum Kultbuch der Frauenbewegung.

Hannah Arendt flieht vor den Nationalsozialisten nach Paris und später in die USA, wo sie Forschungen über Entstehung und Gefahren des Totalitarismus betreibt. Mit ihrem Werk „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“ erlangt sie Weltruhm. Das Buch gilt bis heute als wichtigste Grundlage der Totalitarismusforschung.

Vier Frauen, vier verschiedene Biografien. Eilenberger zeigt auf, wie die verschiedenen Lebenswege die Enststehuung des philosophischen Gedankengutes beeinflussten. Entgegen einer in der wissenschaftlichen Diskussion weit verbreiteten Meinung, dass Kunst-Werke per se und nicht aus der Biografie des Künstlers gedeutet werden dürfen, besteht Eilenberger auf der These, dass die Lebensumstände es sind, die ein Werk unterschwellig oder ganz offen beeinflussen, ja erst entstehen lassen. Als Leser kann man dieser These durchaus folgen.

Deshalb ist dieses Buch eine Mischung aus Biografie und Interpreation philosophischer Texte. Obwohl scheinbar mit leichter Hand geschrieben, steht doch einiges dem flüssigen Lesen und Verstehen im WEge: Der Autor springt recht rasch von einer Figur zur anderen, ohne den Übergang deutlich zu machen. So fragt man sich recht oft, von welcher „sie“ denn gerade die Rede sei. Das Prinzip des geichzeitigen Beschreibens der vier Frauen in einem abgesteckten Zeitrahmen verhindert ein genaueres Eingehen auf die Einzelperson. Über jede dieser vier Frauen wäre es interessant, eine ausführliche Biografie zu lesen, in der detaillierter auf die Zusammenhänge von Leben und Werk eingegangen wird. Denn jede einzelnes Leben dieser Frauen böte ausreichend Stoff für eine eigene Biografie.

http://www.klett-cotta.de

Herbert Lackner: Die Flucht der Dichter und Denker.

Untertitel:Wie Europas Künstler und Wissenschaftler den Nazis entkamen. Verlag: ueberreuter

Nach dem Buch „Als die Nacht sich senkte“, in dem Herbert Lackner die Reaktionen der Intellektuellen und Künstler auf Hitlers Regime schildert, dokumentiert er nun in dem Nachfolgewerk „Die Flucht der Dichter und Denker“ akribisch genau die Schicksale all derer, die vom Naziregime verfolgt wurden und die Flucht bis Frankreich schafften, wo sie vorläufig zu Ende war. In dem geschilderten Zeitrahmen von 1933 bis 1942 wurde es für Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten und für Hitler unliebsame Personen immer schwerer, in Deutschland oder Österreich zu leben. Viele wurden vrrschleppt und in den Konzentrationslagern getötet. Wer noch genug Geld oder Beziehungen zu in Frankreich lebenden Freunden hatte, der schaffte es bis Paris. Als Paris 1940 von den deutschen Truppen eingenommen wurde, flüchteten die meisten nach Marseille, in der Hoffnung, eine Schiffspassage nach Amerika zu bekommen. Als keine Schiffe mehr von Marseille fuhren, war Lissabon die letzte Hoffnung.

Varian Frys Rettungsaktionen

Zu den spannendsten Kapiteln des Buches zählen Lackners Recherchen über die Rettungsaktion für gefährdete Künstler, Intellektuelle und Politiker, die Thomas Mann in New York ins Leben rief. Mit Hilfe von 200 begüterten Geschäftsleuten und der Unterstützung von Eleonor Roosvelt, der Frau des Präsidenten, sammelt er eine beträchtiliche Summe Geld und schickt den Journalisten Varian Fry nach Frankreich, um die auf einer Liste stehenden 2200 Personen, alle bekannte Persönlichkeiten aus dem Kulturleben und der Politik, vor dem Zugriff der Nazis zu retten. Varian Fray wird über 16 Monate in Südfrankreich im Untergrund arbeiten und viele Menschen mit Schiffspassagen nach den Staaten versorgen und sie so vor den Nazis retten, darunter so bekannte Persönlichkeiten wie Alma Mahler-Werfel und ihren Ehemann Franz Werfel.

Wo es Herbert Lackner möglich war, verfolgte er deren Schicksal auch nach der Ankunft. Nicht alle konnten und wollten in den Staaten bleiben. Einige sind zurückgekehrt. Deren Schicksal schildert Herbert Lackner in seinem jüngst erschienenen Buch „Rückkehr in die fremde Heimat“.

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Christoph Kotanko: Kult-Kanzler Kreisky. Mensch und Mythos. Verlag Überreuter

Warum jetzt schon wieder eine Kreiskybiografie, wird sich so mancher Leser fragen. Wahrscheinlich gibt es sicher mehr als zehn Publikationen, die sich mit der Kultfigur Kreisky befassten, darunter viele von prominenten Autoren wie Heinz Fischer, Wolfgang Petritsch oder Oliver Rathkolb. Nun also dieses Werk. Es erscheint in einer schwierigen Zeit. Corona fordert von der Bevölkerung alles ab. Die Regierung herrscht, ohne viel Überlegungen werden Gesetze erlassen, die nicht immer nachvollziehbar sind. Und der selbstbewusste Kanzler sonnt sich in seinen imperialistischen Operettenauftritten. Was hätte wohl Kreisky zu all dem gesagt? Vielleicht: „Lernen Sie Demokratie, Herr Bundeskanzler“ ( Ich zitiere hier Herbert Hutar, mit dem ich ein Gespräch am Silvestertag 2020 über Kreisky und Kurz führte)

Genau diese konträre Auffassung von Politik wird beim Lesen dieser Biografie klar: Kreisky „herrschte“ auch, er wurde ja auch oft „Sonnenkönig“ genannt, aber: Er informierte sich, sprach mit den Leuten aus dem Volk, die ihn jederzeit – und wirklich jederzeit! – anrufen und ihm die Probleme schildern konnten. Er verstand die Sorgen der Menschen, wusste fast immer Lösungen. Und: Er konte auch einsehen, wann er verloren hatte – etwa in Sachen Atomkraftwerk. Gesetze oder Erlässe,die im Nachhinein vom Verfassungsgerichtshof aufgehoben wurden, gab es damals nicht. Christoph Kotanko zeichnet das politische Porträt objektiv, bringt in Interviews mit Persönlichkeiten aus Kreiskys engstem Umfeld das Pro und Kontra um die politischen Entscheidungen und das Charakterbild des Kanzlers.

Der Stil Kotankos, fern von historischer Gestik, ist lebendig und frisch. Mit Wehmut liest man über diese Zeit, die auch nicht immer leicht war. Aber man wusste damals, Politik hieß Verantwortung übernehmen. Und das tat Bruno Kreisky.

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Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre: Alle sind so ernst geworden. Diogenes Verlag

Losgelöst von literarischen Ambitionen plaudern die beiden Freunde über alles und nichts, in freiem Slam-Gerede. Kein Satzgefeile, sondern wie es kommt. Und „es“ kommt recht unorthodox daher, manchmal frei von Grammatik, ganz wie den beiden der Schnabel gewachsen ist. Themen purzeln übereinander und untereinander. Für den Leser reinstes Gehirnjogging. Den Sprüngen zu folgen verlangt mehr Anstrengung als man hinter dem Titel vermutet.

Glaubt man sich im sicheren Gewässer des Verstehens, schon ist man mitten in einer Untiefe, einem Strudel. Wie jetzt? wie ist der Schmäh gemeint? -Natürlich ernst! Denn „alle sind so ernst geworden“ – also nehmen Suter und sein Freund den blödesten Schmäh ernst, wie etwa die orangene Badehose. Peinlichkeiten werden ausgewalzt, alles wird aufs Korn genommen, vor allem das allgemein Übliche. Manchmal übellaunig-witzig, manchmal geistlos. Das Geistlose wird adoriert, verziert, bis es sich selbst denunziert. Der literarisch hochangesehene PEN-Club wird hochachtungsvoll zerlegt, bis nix mehr über bleibt. Schnöselwendungen werden nicht entschnöselt, sondern ernstlich verwendet. All die Ähmms und Sozusagen und Undsoweiter der Politiker und Großredner delikat genossen. Den täglichen Unfug benützen die Gesprächspartner wie ein hochgeistiges Denkgebilde und zerlegen ihn genüsslich..

Mit schmallippigem Lächeln denunzieren Suter und sein Gesprächspartner, der meist der Motor und Fragesteller ist, die Floskeln, die Notlügen, die höflichen Lügen. So nebenbei erfährt man auch Privates, wie etwa Suters Liebe zum Mundharmonikaspiel.

Der Reiz dieses Gesprächskauderwelsch‘ liegt im bewusst Unliterarischen, im locker Dahergesagten ohne Konzept. Manche Steigerungen reichen bis ins Absurde eines Ionesco – etwa wenn die beiden über die mangelnde „Willkommenskultur“ blödeln, die der Tausenderschein erfährt. Keiner will ihn, keiner kann herausgeben, keiner kann spontan wechseln.

Tipp für zukünftige Leser: Immer nur eine, maximal 2 Geschichten lesen. Dann das Buch einige Tage ruhen, den Humor sich absetzen lassen. Denn Geblödel, auch wenn es noch so geistreich daherkommt, nervt in zu großen Dosen. Das ist wie mit Weihnachstkeksen oder Schokolade: Man überisst sich leicht.

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