Peer Gynt. Ballett. Wiener Staatsoper

Choreographie und Libretto: Edward Clug, Musik: Edward Grieg, Dirigent: Guillermo Garcia Calvo

Edward Clug, seit 2015 Ballettchef des Slowenischen Nationaltheaters in Maribor, ist ein Meister seines Faches. Kaum ein anderer kann so exzellent Erzählung in Ballett/Bewegung, Tanz umsetzen!

Für die Musik wählte Clug nicht nur die Bühnenmusik Griegs zu Peer Gynt, sondern auch weitere Werke des Komponisten, die zur Textur und Dynamik des Ballettgeschehens passen. Guillermo Garcia Calvo dirigierte mit hoher Sensibiltät, immer die Tänzer im Blick. Den Klavierpart spielte Shino Takizawa sehr innig und berührend.

Edward Clug ändert an der Aussage Ibsens nichts Wesentliches: Peer Gynt ist ein junger, später alter Mann, der nie aus den Kinderschuhen herausgewachsen ist. Immer noch kehren seine Gedanken zur Mutter zurück, die ihn züchtigt und verzärtelt. Vor ihr spielt er den erfolgreichen Helden. Aber ihre Liebe erwiedert er nicht. Ebenso wenig die Liebe Solveigs. Erst am Ende seines Lebens erkennt er, welch Irrwege er gegangen ist und wie er das Wesentliche im Leben verpasst hat: eben die Liebe.

Denys Cherevychko ist in allen Phasen der Entwicklung ein überzeugender Peer Gynt: Als unbekümmerter Draufgänger, der die Hochzeit Ingrids (Eszter Ledan) stört, sich die Braut ohne Rücksicht auf den Bräutigam schnappt, mit der geheimnisvollen „Frau in Grün“ ( hinreißend wie immer: Rebecca Horner) ein Kind zeugt und entsetzt vor ihrem Trollgesicht flieht. Nichts kann ihn aufhalten, auch nicht der Tod der Mutter – ihn treibt es in die Welt hinaus! Überzeugend tanzt Cherevychko den Macho, der in Marokko Teppiche und Frauen auswählt. So lange, bis er in der Irrenanstalt landet. Dort drehen sich die Rollen um: Aus dem selbstherrlichen Macho wird ein Gefangener, von den Irren gefesselt und verhöhnt. Besonders berührend ist die Schlussszene: Gynt kehrt als alter Mann zurück, Solveig – schlicht und berührend von Nina Polatkova getanzt – erwartet ihn, kurz nur hat er die Vision, mit ihr in einem Haus zu leben. Doch der Tod holt sie ein. Sie verschwinden gemeinsam in einer Lichttür, die sich langsam schließt. Der Pas de deux Gynts mit Solveig ist von so schlichter Innigkeit, dass man vergißt, ein Ballett zu sehen. Man fühlt sich direkt in die Szene involviert.

Zsolt Török als Hirsch. Fotocredit: Ashley Taylor

Geschickt inszeniert Edward Clug die Figuren rund um Peer Gynt. Ein weißer Hirsch – hervorragend getanzt von Zsolt Török – begleitet ihn als Alter Ego durch die verschiedenen Stationen. Am Ende wird er ihn und Solveig wie ein gütiger Todesengel in das Jenseits führen, sein Geweih und die Krücken über die Tür hängen. Dem Tod, der eher ein Behüter Gynts ist, verleiht Eno Peci eine heiter-bedrohliche Note. Vladimir Shishov – endlich wieder einmal auf der Bühne zu erleben!! – ist ein eindrucksvoller Schmied. Tänzerisch wuchtig gestaltet er den Kampf gegen Peer Gynt, den er beinahe mit der Axt getötet hätte, hätte da nicht der Tod „rettend“ eingegriffen. Clug baut viele solche Momente ein, die das Geschehen in das Reich des Traumes versetzt. Vielleicht ist Peer Gynts Leben nur ein Traum, evoziert durch den Tod, der ihn von Beginn an gemeinsam mit dem Hirsch begleitet. Das Schöne an dieser Inszenierung ist eben die Vieldeutigkeit.

Nicht unerwähnt bleiben sollen die phantasievollen Kostüme (Leo Kulas), das schlichte, aber wirkungsvolle Bühnenbild von Marko Japelj und die Lichtregie von Tomaz Premzl sein. Mit diesem Team arbeitet Edward Clug schon viele Jahre zusammen.

Langer Applaus und viele Bravos für Denys Cherevychko.

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Ernst Kreneks Reisebuch op.62 im Muth

Mitwirkende

Gesang: Rainer Trost – Tenor, Klavier: Julian Zeman, Lesung: Joseph Lorenz

Hätte man vorher den Text genau gelesen und vor allem auch behalten, dann hätte man den Abend eher genießen können. So litt man unter der Wortundeutlichkeit des Sängers. Rainer Trost hat eine schöne Tenorstimme, die eher zum Bariton neigt. Er bemühte sich auch, das Liedgeschehen mit Mimik und dezenter Gestik zu unterstreichen. Aber das genügte nicht. Schade, denn der junge Pianist Julian Zeman spielte mit Verve, viel Einsatz und perfektem Tempogefühl. Ernst Kreneks Reisebuch ist sowohl musikalisch als auch sprachlich eine gelungene Komposition – so weit man es an diesem Abend beurteilen konnte.

Alle, die gekommen waren, Joseph Lorenz zu erleben, wurden ein wenig enttäuscht. Denn er las nur zwei Kurztexte von Ernst Krenek. Im ersten ging es um die Verantwortung des Einzelnen im politischen Geschehen, also sehr aktuell. Der zweite Text enthielt eine von Krenek verfasste Werkbiografie. Allerdings lüftete Joseph Lorenz ein wenig den Vorhang, den er an diesem Abend über sein Talent gelegt hatte, und ließ uns als Zugabe das Rilke-Gedicht „Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß“ erleben. Und wenn ich „erleben“ schreibe, dann meine ich: Was in diesem Gedicht an Elan, Leben und Furor steckt, das vermittelte Joseph Lorenz mit seiner Interpretation. Es war „Rilke neu gelesen und erlebt!“ Vielleicht gibt es ja einmal: „Joseph Lorenz liest Rilke“!?

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Great Voices im Wiener Konzerthaus: Juan Diego Flórez

Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland – Pfalz

Dirigent: Jader Bignamini

Die Sänger und Sängerinnen , die im Rahmen von“Great Voices“ im Konzerthaus auftreten, haben längst in den Herzen des Publikums einen fixen Platz. Zwischen den Künstlern und dem Publikum herrscht eine fast regelhafte Übereinkunft: Der Künstler gibt sein Bestes, das Programm ist gefällig. Das Publikum dankt mit rauschendem Beifall. So wird es immer ein Fest.

Erst recht, wenn Publikumsliebling Flórez auftritt. Zuerst wärmt er sich und die Zuhörer mit zwei Ohrwürmern aus der Oper „Rigoletto“ auf: „Questa o quella“ – dem Feschak nimmt man den leichtsinnigen Grafen ungeschaut ab. Auch seinen kurzfristigen Schmerz über den Verlust seines lieben Engels: „Ella mi fu rapita“. Danach mischt er geschickt wenig Bekanntes ins Programm: „Oh dolore“ aus Verdis Oper „Attila“. Da gelingt es Flórez, mit schlichtem Gesang, ohne große Gestik in die Tiefe eines Schmerzes hineinzugleiten, was ja bei einem Liederabend besonders heikel ist. Denn allzu leicht entblößen sich Gesten, die, weil schon oft gesehen, als hohl. Na ja, und irgendwann will und muss – vom Publikum erwartet -er seine Leichtfüßigkeit in der Höhe demonstrieren. Das tut er gekonnt und ohne Anstrengung am Ende der Arie „Odio solo..“ aus Verdis „I due Foscari“: Atmen, kurze Pause, um dann mit weit ausgebreiten Armen und leicht zurückgebeugtem Oberkörper die Höhe zu erklimmen. Wie zu erwarten: Das Publikum jubelt. Nach der schlicht vorgebrachten Liebesarie aus „La Traviata“ geht es in die Pause.

Um danach mit dem Hit „Dein ist mein ganzes Herz“ aus Lehars „Land des Lächelns“ die Herzen vor allem der Damen höher schlagen zu lassen. Operette muss wohl sein an so einem Abend, um nicht hinter Kaufmann und Beczala zurück zu bleiben. Hier mein ganz persönlicher Eindruck: Flórez macht es noch besser als seine Kollegen. gerade weil seine Interpretation verhalten und schlicht ist. Danach mit Augenzwinkern und leichtem Lächeln, das andeutet: „Sorry, aber dieses Lied gibt es nun einmal“: Lehars allgemeine Huldigung an die Schönheit der Frauen: „Gern hab ich die Frauen geküsst“. Da fiele wohl keiner Frau im Zuschauerraum ein, sich über die Existenz des Liedes und seiner Interpretation aufzuregen. #MeToo hin oder her! Nach dem Reißer „Freunde, das Leben ist lebenswert“ kehrt wieder die Klassik ein: Nach Werthers „Pourquoi me réveiller“ die innig gesungene Unterwerfung Don Josés unter Carmen: „La fleur que tu m´avais jetée“ und dem leisen Vorstellungslied Rodolfos aus der „Bohème“ „Che gelida manina“ beginnt das gemeinsame „Feiern“ – heißt: das Publikum tobt und erklatscht sich 5! – fünf!! – Zugaben. Eh klar, mit Gitarre: Zuerst das bekannte Lied von Carlos Gardel: El dia che mi chieras. Nicht ganz Gardel, ein wenig Tango, sehr viel Flórez-Charme. Dann auf Zuruf aus dem Publikum „Cucurrucucu -paloma“ – „Granada“ reißt das Publikum endgültig von den Sitzen. Zuletzt – welche Überraschung: „Nessun dorma“ – nein, da hat wirklich keiner geschlafen!! Eine Zugabe ist mir durchgerutscht. sorry!

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Nächstes Konzert im Rahmen von „Great Voices“: Anita Rachvelishwili am 19. Jänner 20120

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Ballett: Jewels. Wiener Staatsoper

Choreographie: George Balanchine

Kostüme: Barbara Karinska

Bühnenbild: Peter Harvey

Dirigent: Paul Connelly

George Balanchine, der amerikanische Russe georgischer Herkunft und französisiertem Namen, war der große Schweiger, wenn es darum ging, seine Ballettchoreographien zu erklären. Unter seinen 450 Choreographien nimmt „Jewels“ eine Sonderstellung ein, gilt es doch als erstes „abstraktes Ballett“. Mag schon sein, dass die Pracht der Smaragde, Rubine und Diamanten in der Auslage des Juweliers Van Cleef & Arpels in der Fifth Avenue in New York Ideengeber war. Die Titel der drei Teile untermauern die Vermutung.

Manuel Legris bringt dieses Meisterwerk nun gleichsam als Abschiedsgeschenk zum Abschluss seiner Ära als Ballettdirektor zur Gänze auf die Bühne.

EMERALDS – MUSIK: GABRIEL FAURÉ

Gabdullin, Mair in „Emeralds“

Vor einem giftgrünen Himmel, in dem man vielleicht eine Sonne vermuten kann, und zwischen herabregnenden „Smaragden“ tanzen die beiden Paare Natascha Mair mit Robert Gabdullin und Madison Young mit Roman Lazik, eingerahmt vom Corps de Ballet und Ioanna Avraam, Alice Firenze, Dumitru Taran. Noch bleibt die erwartete Faszination aus, zu klassisch und zu oft gesehen ist die Tanzsprache. „Sehnsucht“ könnte man hinter der Musik und dem Gestus vermuten. Schön, aber langweilig.

RUBIES – MUSIK: IGOR STRAWINSKI

Papava und Ensemble

Mit der Musik von Strawinskis „Capriccio“, dem spritzigen Bühnenbild und den Kostümen in flammendem Rot ändert sich sofort die Temperatur des Tanzes: Ketevan Papava hat an ihrem aufmüpfigen Hüftdrehungen sichtlich Spaß. Ganz in der Rolle zwischen Clown und Commedia dell‘ Arte -Figuren gehen Nikisha Fogo und Davide Dato auf. Das Ensemble hüpft und dreht sich, als ob es im „Triadischen Ballett von Oskar Schlemmer agiere. Begeisterter Applaus, Blumenbouquets fliegen auf die Bühne.

DIAMONDS – MUSIK: TSCHAIKOWSKI. SYMPHONIE NR. 3

Feyferlik und Esina

Prima la Primaballerina, dopo il Ballerino! Das gilt besonders für den letzten Teil der „Jewels“, in dem Olga Esina mit ihrer strahlende Tanzkunst das Publikum betört. Von Jakob Feyferlik mit sichtlichem Respekt und Begeisterung unterstützt tanzt sie mit der ihr innewohnenden Ruhe. Jede Figur wird von innen her gelebt und fließend mit der nächsten verbunden. Beider Soli sind Glanzleistungen, die vom Publikum mit langem Applaus bedacht werden. Nicht unerwähnt sollte die Leistung des Corps de Ballet bleiben, die exakt und scheinbar mühelos die klassische Schule tanzen.

Insgesamt ein eindrucksvoller Abend. Das Publikum dankte mit viel Applaus.

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Angelo Branduardi: Liederabend. Wiener Konzerthaus

Er kam, sang und siegte!

Im Großen Saal des Konzerthauses spürte man die Erwartungen. Sie waren gekommen, um „ihren“ Branduardi“ zu erleben. Manche im Outlook dem Sänger nicht unähnlich: lange, weiße Locken, jugendlich aber immer noch. Blaues Licht, leichte Nebelschwaden bereiten das „Erscheinen“ des Meisters vor. Begleitet von seiner Band:

Antonello D‘ Urso -Gitarre, Stefano Olivato – Bass, Fabio Valdemarin – Keybord, Davide Raggazzoni – Schlagzeug.

Und natürlich: Angelo Branduardi -Gitarre und Violine und seine unverkennbare, sanfte Stimme!

Angelo Branduardi zählt zu den bekanntesten „cantautori Italiani“, die von 1970 bis in die frühen 90er Jahre die Musikbühne Italiens und darüber hinaus beherrschten. Sie sangen von der Liebe zur Natur, zum Menschen, gegen Krieg und gegen politische Machtströmungen.

Suoni tra le malghe

Ein lauer Sommerabend in den frühen 90er Jahren: Publikum und Angelo Branduardi marschieren gemeinsam auf eine Alm. um dort gemeinsam die Natur und die Musik zu genießen. Das Trentino lud (und lädt immer noch) den ganzen Sommer über im Rahmen von „Suoni tra le malghe“ (Musik auf den Almen) Musiker und Publikum zu Konzerten unter freiem Himmel und freiem Eintritt.

Die Stimmung war ein bisschen „Little Woodstock“: Man saß im Kreis, in der Mitte Branduardi, er sang über die Schönheit der Natur, man summte mit. Leise klang der Abend aus mit dem zärtlichen Song: Primavera, in dem es heißt: Du bist das Gras, die Blume, der Vogel. Dann stieg man gemeinsam ab ins Dorf.

Angelo Branduardi im Konzerthaus

Sonnenuntergang und Sternenhimmel sind im Konzerthaus durch eine geschickte Licht- und Bühnenregie ersetzt. Branduardi streicht hart die Saiten der Violine und beginnt ohne einleitende Worte mit dem aufmüpfigen Song: „Si può fare“ das Publikum zu provozieren: Du kannst die Verbesserung der Welt wollen oder es bleiben lassen, kannst weiter nur ans Kaufen und Verkaufen denken – du hast die Wahl! Die Richtung des Abends ist vorgegeben: Kritik an der Gegenwart. Als leuchtendes Vorbild wird der Heilige Franziskus genannt. Herrlich singt Angelo Branduardi den berühmten „Sonnengesang“, ohne auch nur einen Hauch von Kitsch. Mit Anleihen aus der mittelalterlichen Musik folgt „Il Sultano di Babilonia“ : die Legende erzählt von Franziskus, der mit seinen Gefährten nach Babylon reist, dort gefangen genommen und geschlagen wird. Aber der Sultan hört seine Lieder und lässt ihn frei… Dazu Branduardi: „Dieser Song hat hohe Aktualität“ und spielt wohl an die Reise des Papst Franziskus in die Emirate an.

Nach der Pause hüllt Angelo Branduardi sein Publikum in die kalte Romantik der Eisberge ein: In einem traumhaften Song begleitet er den Seefahrer Franklin auf seiner Reise zum Nordpol, wo sich seine Spur zwischen den weißen Bergen verliert: “ e alle sue spalle si chiuse il mare“…Es folgt eine kurze, beklemmende Stille, bevor der Jubel losbricht! Danach das heitere Grusellied: Il topolino: Die Maus wird von Katze gefressen, die vom Hund, der mit dem Stock geschlagen usw. Kanonartige Kinderreime, mit denen Branduardi und seine Band das Publikum zum Mitsingen und Mitklatschen anfeuert. Danach folgt – ja muss folgen: La pulce dell`acqua, der Hit, mit dem Brandurardi bekannt wurde. Und wie ein Rattenfänger zieht der Meister die Menschen mehr und mehr in seinen Bann. Viel Applaus, Standing Ovation! Als Zugabe – ganz ungewöhnlich für Branduardi: Ein zartes Liebeslied.

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Jonas Kaufmann im Wiener Konzerthaus.

Im Rahmen der Reihe „Great Voices“ sang Jonas Kaufmann Lieder aus Strauß-Operetten und Wiener Lieder. An seiner Seite: Rachel Willis Sorensen. Begleitet wurde er von der Prager Philharmonie. Dirigent: Jochen Rieder.

Ungeduldig wartete das Publikum auf Jonas Kaufmann. Nervöses Gemurmel: Er wird doch nicht absagen. Als er dann kam, entschuldigte er sein spätes Erscheinen damit, dass er über die Fernsehübertragung verärgert sei. Wie? Das sagte man ihm nicht? Es sei das erste Konzert zu Beginn einer langen Tournee. Da hätte er lieber zwangloser gesungen, meinte er.

Im ersten Teil standen Johann Strauß Operetten mit Liedern aus „Eine Nacht in Venedig“, „Die Fledermaus“, „Die Tänzerin Fanny Elssler“ und „Wiener Blut“ am Programm. Mag es nun der Verärgerung geschuldet sein oder dem allzu lautem Orchester, das Jochen Rieder eher marschmäßig dirigierte – Kaufmann und seine Sopranistin Willis-Sorensen kamen nicht so richtig in Fahrt. Im „Uhrenduett“ aus der Fledermaus war Kaufmann stimmlich zwar voll da, aber wirkte ein wenig gekünstelt. Willis Sorensen konnte die Szene auch nicht richtig auflockern. Ihr Sopran wirkte hart.

Nach der Pause

Nach der Pause war Kaufmann in voller Form, das Publikum bejubelte ihn. Nicht nur, weil er das Wienerische so gut drauf hatte, als wäre er hier aufgewachsen. Er strahlte vor Selbstsicherheit und Fröhlichkeit, ließ den Schmelz seiner Stimme ins Publikum strömen. „Im Prater blüh´n wieder die Bäume“, „Wien, du Stadt meiner Träume“ – man glaubte ihm einfach alles, fühlte sich fortgetragen vom „Wiener Schmäh“ und den darin verheißenen Glücksmomenten. Der Sopranistin Willis Sorensen gelang ein zauberhaftes „Vilja, Waldmägdelein“ – und so waren alle glücklich. Jonas Kaufmann beschenkte sein begeistertes Publikum mit fünf Zugaben, u.a. „Schenkt man sich Rosen in Tirol“, „Sag beim Abschied leise Servus“, „in einem kleinen Café in Hernals“ und dann noch: „Der Tod, des muss a Weana sein“.

Bürgermeister Ludwig überreichte dem Tenor den goldenen Rathausmann, weil „Kaufmann mit seinen Liedern die Schönheit Wiens in die Welt hinaus trägt“.

Das nächste Konzert der Reihe „Great Voices“ im Wiener Konzerthaus findet am 14. November 2019 statt. Man darf sich auf Juan Diego Flórez freuen!

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Angelo Branduardi am 1. November im Konzerthaus!

Alle Italienfreunde, die in 80er, 90er Jahren mit Begeisterung die Cantautori hörten, sollten das Konzert von Angelo Branduardi nicht versäumen. Wir erinnern uns an die heitere Melodie von „Pulce D`Aqua“ oder „La Luna“ . Dem leicht melancholischen Minnesänger flogen und fliegen alle Herzen zu, sobald er zur Gitarre greift und mit seiner sanft, schmeichelnden Stimme über die Liebe, die Schönheit der Natur, die wir gerade im Begriff sind zu zerstören, singt.

Begleitet wird er von Antonello D`Urso, Gitarre, Stefano Olivato, Bass, Fabio Valdemarin, Keybord, Davide Ragazzoni, Schlagzeugg.

Alle Auftrittstermine:

29.10.2019 Linz, Brucknerhaus

30.10. 2019 Graz, Stefaniesaal

01.11. 2019 Wien, Konzerthaus

02.11. 2019 Salzburg, Congress . Alle um 19.30h

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Choreographien von Forsythe, Van Manen, Kylián.

Wiener Staatsoper. Im Bild: Esina und Feyferlik in „Trois Gnossiennes“

ARTIFACT SUITE

CHOREOGRAFIE: FORSYTHE ZUR MUSIK VON BACH UND GROSSMANN – HECHT

Forsythe nannte die „Artifact Suite“ eine Ode an das Ballett. Fernab von den Hebefiguren, Pirouetten und Sprüngen des klassischen Balletts bewegen sich die Tänzer in extremen Streckungen und Dehnungen in den Raum hinein, als wollten sie ihn in seinen Dimensionen austesten. Dadurch entstehen neue Konstellationen, verblüffend meist. Nur hin und wieder schimmern klassische Ansätze durch. Zwei Paare (großartig: Nikisha Fogo und Jakob Feyferlik mit überschäumendem Jugendtemperament , Nina Polaková und Roman Lazik in verlangsamtem Ernst) werden eingerahmt, kommentiert von einer im Saal trainierenden Ballettgruppe. Dabei entstehen die witzigsten Bilder, wenn etwa die Gruppe nur mit den Beinen einen Lattenzaun bildet oder wie Körperuhren die Zeit anzeigt. Vieles daran erinnert an Bilder und Einfälle von Oskar Schlemmer. Als Überraschung fällt immer wieder einmal der Vorhang. Doch das Publikum ist gewitzt und weiß, es ist noch nicht zu Ende. Zur fast metronomartig wirkenden Klaviermusik von Grossmann-Hecht, die übergangslos eingespielt wird, bewegen sich die Tänzer in einem immer gleichbleibenden Bewegungsablauf, was bald eintönig wirkt.

TROIS GNOSSIENNES

CHOREOGRAPHIE: HANS VAN MANEN ZUR MUSIK VON ERIC SATIE

Ein Höhepunkt dieses Abends: Olga Esina und Jakob Feyferlik in einem Geschlechtertanz. Kalte Annäherung, ohne Emotion zunächst, erst als er sie wie eine Trophäe vor sich her trägt, entsteht leise Erotik. Das ist hohe Kunst: In dieser kalten Beziehungsgeschichte Annäherung zu tanzen! Olga Esina ist eine stilsichere Ikone des Balletts und Feyferlik ihr kongenialer Partner. Beide meistern diese Passagen ganz meisterlich!!

SOLO

CHOREOGRAPHIE: HANS VAN MANEN ZUR MUSIK VON BACH

Es darf gelacht werden! Masayu Kimoto, Richard Szabó und Dimitru Taran fegen wie ausgelassene Gassenbuben über die Bühne, wollen einander übertreffen und prahlerisch beeindrucken. Bewegungen aus der Commedia dell’Arte unterstreichen die Komik.

PSALMENSYMPHONIE

CHOREOGRAPHIE:JIRI KYLIÁN ZUR MUSIK VON STRAWINSKY

Rote Teppiche an der Hinterwand der Bühne und hochlehnige Sessel (Bühne: William Katz) zitieren einen Kirchenraum. Zu den schweren Klängen der Musik, begleitet von den Zitaten aus den Psalmen, schreiten die Tänzer langsam den Sakralraum aus, demütig einen Gott anbetend. Szene und Musik erinnern an Carl Orffs „Carmina Burana“ – monumental die Musik, monumental die Frage nach dem Wesentlichen, ausgedrückt in langsamen Bewegungen.

Alles in allem: Eine sehr beeindruckende Ensembleleistung. Durch diese revolutionierenden Choreographien wurde das Ballett von der Vergangenheit, in der die Ästhetik der Bewegungen bestimmend war, in eine neue Ära geführt.

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Elina Garanca: Lieder von Verdi bis Gardel. Wiener Konzerthaus

Elina Garanca – der Name garantiert einen Abend von höchster Qualität. Elina Garanca heißt nicht nur Qualität – das bringen einige andere auch. Elina Garanca betört! Und das können nur wenige. An diesem Abend konnte man die Betörung am eigenen Herzen nachempfinden, spüren: Perfektion und stimmliche Bravour sind bei ihr Voraussetzung. Der künstlerische Ausdruck, den sie jeder Rolle einschreibt, ist das Plus, das nur wenige Sängerinnen haben. Jede Arie ist tief empfunden. Die Garanca steigt, obwohl auf dem Konzertpodium stehend, in die Rolle ein, braucht kein Bühnenbild, kein Kostüm.

Begleitet vom volltönenden Wiener Kammerorchester, das Ehemann Karel Mark Chichon mit Verve dirigiert, serviert Elina Garanca dem Publikum ein echtes Gourmetprogramm. Untertitel: Komplikationen der Leidenschaft. Gleich zu Beginn ist sie die Eboli – einmal erotisch hochgeladen im „Schleierlied“ und gleich darauf die reumütig Büßende. In ihrem sehr sexy-eleganten Abendkleid ist sie die verkörperte Verführung. Erinnerungen an Don Carlo in der Pariser Oper 2018 steigen auf – Garanca musste das Schleierlied im Fechtanzug singen! Selbst in dieser ziemlich absurden Verkleidung gelang es ihr, der Rolle eine sehr persönliche, sehr weibliche Note zu verpassen. Mit ihrem lockenden Mezzosopran führte sie an dem gestrigen Abend in den Garten, lässt Duft und Farben in ihrer Stimme aufsteigen und braucht kein Bühnenbild, kein Kostüm, um der Arie die erotische Farbe zu geben. Gleich darauf ist sie die von Reue erfüllte Eboli, die über ihre eigenen bösen Intrigen zu tiefst verstört ist.

Eine weitere Glanzrolle an diesem Abend war die Adriana Lecouvreur: Eine gefeierte Schauspielerin gesteht ihrem Publikum, dass sie sich nur als „demütige Magd“ der Poesie sieht. (Diese Rolle wird allgemein mit der Netrebko in Verbindung gebracht. Sie singt sie landauf, landab bei jedem Event, mit dem Effekt, dass aus der Paraderolle eine perfekte, aber platte Arie wird). Elena Garanca betrat quasi Neuland und reüssierte auf allen Linien. Sie war die Magd, das Instrument, das sich den Worten des Dichters unterordnet.

Verspielte Komplikationen nach der Pause

Ein bewährtes Rezept: Entlasse das Publikum mit heiteren Liedern. So geschah es auch. „Ich habe so viele Hosenrollen gespielt und glaube daher, ein wenig von der männlichen Psyche zu verstehen. Deshalb habe ich Lieder ausgesucht, die überwiegend von Männern gesungen werden“, erklärte sie zu Beginn des zweiten Teiles. Egal ob Gardels berühmter Tango „El dia que me quieras“, oder Sorozábals „No puede ser“ oder Gastaldons „Musica proibita“ – Gardel, Villazon und Pavarotti waren die besseren Interpreten. Garanca forcierte, kam aber an das männliche Timbre nicht annähernd heran. Dennoch: Standing Ovation, Begeisterung bei allen! Und dazwischen der Ruf „Happy Birthday!“ Als das Publikum das Geburtstagslied anstimmte, riet Ehemann Chichon: „Maybe we try it together!“ Und Elina Garanca war zu Tränen gerührt!

Zum Dank für Begeisterung und Geburtstagswünsche gab es drei Zugaben, zuletzt die Habanera aus „Carmen“.

Konzert im Rahmen des Liedzyklus. Karten und Infos:

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Giuseppe Verdi: Simon Boccanegra. Salzburger Festspiele 2019.

Es war ein Fest für alle Sinne: Großartige Stimmen, ein in die Gegenwart transportiertes Bühnenbild, klare Regie.

Der Regisseur Andreas Kriegenburg versetzte sehr geschickt und stimmig das Geschehen in die Jetztzeit: Patrizier und „populo“, als Rechte und Linke dezent festgemacht, agieren als Heutige: Sie korrumpieren und manipulieren per Handy und Demos die jeweilige Gegenpartei.. All das nicht simpel vordergründig, sondern in einer Parallelität, die für alle Zeiten gilt, egal, ob Vergangenheit oder Gegenwart, und für alle Länder, egal ob USA, Frankreich, Italien oder Österreich. Harald B. Thor schuf dazu das passende Bühnenbild: Auf der rechten Seite agiert die Macht in einer Architektur, die ziemlich eindeutig faschistoide Merkmale aufweist: Pompös, furchteinflößend, kalt. Von dort oben spricht der Doge, bewacht von seiner Leibgarde. Links die Gegenwelt der Liebe, der Sehnsucht, verkörpert durch ein Klavier, blauen Himmel und eine Palme. Diese Idylle ist jedoch durch einen riesigen Balken bedroht, der in der Mitte auseinander gebrochen ist. Fast wie ein Hinweis auf die eingestürzte Brücke von Genua. Oder vielleicht einfach der drohende Krieg zwischen den Parteien.

Ein großartiges Ensemble und hervorragende Stimmen machten den Abend für mich zu DEM Ereignis der Salzburger Festwochen 2019. Die gr0ße Überraschung war für mich und das Publikum Charles Castronovo. Seine geschmeidige Stimme stieg locker in die Höhe, ganz ohne Mühe, war sicher und weich in der Mittellage. Die Rolle des Liebhabers Gabriele Adorno erfüllte er ohne Sentimentalität, aber doch innig berührend. In den letzten Tagen konnte man ihn ebenso erfolgreich an der Wiener Staatsoper als Alfredo in der Traviata erleben!

Dass Luca Salsi ein berührender Simon Boccanegra und René Pape ein fantastischer Fiesco war, war zu erwarten. Einzig Marina Rebeka als Amelia hatte in Höhe ihre Mühe, die Töne kamen allzu schrill. In der Mittellage dafür umso schöner.

Valery Gergiev ließ den Violinen ihren schmerzlichen Ton, gab den Sängern Zeit zur Gestaltung und brachte die musikalische Sprache Verdis, der in dieser Oper die Kälte der Politik und des Krieges und die Sehnsucht nach Frieden komponierte, voll zu Geltung.

Lang anhaltender Applaus, viele Bravorufe und Standing Ovation.

Hier meine persönliche Reihung der von mir besuchten Vorstellungen der Salzburger Festspiele 2019

1.Verdi, Simon Boccanegra

2. Verdi, Messa da Requiem unter dem einfühlsamen Dirigat von Riccardo Muti. Mit den Stimmen von Krassimira Stoynaova, Anita Rachvelishvili. Francesco Meli, Ildar Abdrazakov.

3. Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker: Wagner, Strauss und Schostakowitsch ex aequo mit Händels Alcina.

5. Molnar: Liliom

6. Walser: Die Empörten

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Jacques Offenbach: Orpheus in der Unterwelt. Volksoper Wien

Aufführung am 20. Juni 2019, genau zum 200. Geburtstag Offenbachs

Mythen, Helden und Berühmtheiten aus der Antike eignen sich hervorragend für Parodien. Man braucht ihnen nur die Mode der Gegenwart drüber zu stülpen – und schon sind sie aktuell. Aktueller als so manche Komödienfiguren aus der jüngsten Zeit. Die Götterwelt in ihrer ganzen bröckelnden Moral und Unbrauchbarkeit liefert das Pendant dazu.

Offenbach war nicht nur ein hervorragender Komponist, sondern auch Theaterfachmann durch und durch. Er hatte die Tricks der Gesellschaftskomödie im kleinen Finger. Geschickt entlarvt er die „Oberen“ in Form der Götterwelt und die Mittelschicht in dem Ehepaar Orpheus und Eurydike. Da wie dort wird gelogen, betrogen, angegeben und gefaselt, was das Zeug hält. So hat das Böse (Pluto) leichtes Spiel. Eigentlich ist er nur der Spiegel aller menschlichen Begierden und Eitelkeiten und weiß daher gut mit diesen Instrumenten die Menschen und Götter zu manipulieren.

2007 eröffnete Robert Meyer seine erste Spielsaison mit dieser Operette – und der Erfolg war groß. Damals spielte der am 20. Juni 2019 ganz überraschend verstorbene Peter Matic den liebestollen Styx, der Eurydike mit seiner ruhmlosen Vergangenheit quält. In dieser Rolle zeigte er sein großes komödiantisches Können. Wir alle werden diesen großartigen Schauspieler schmerzlich vermissen.

Unter dem temperamentvollen Dirigat von Guido Mancusi verpasste der Regisseur Helmut Baumann (er führte schon 2007 Regie) unter Mithilfe von Christoph Wagner Trenkwitz nun der Operette ein ganz frische Aktualität – das Ibiza-Video wird zum Gaudium des Publikums eilig eingearbeitet.

An dem Bühnenbild musste Mathias Fischer-Dieskau nichts ändern – es funktionierte damals wie heute hervorragend: Orpheus und Eurydike leben in einer tristen Mittelstandswohnung mit Minibalkon und ein paar Blumentöpfen. Er ist Geigenlehrer (Carsten Süss gibt den mausgrauen Eitlen sehr überzeugend), der seine Schülerinnen lieber verführt als ihnen Musik beizubringen. Eurydike (Rebecca Nelsen) hat ein Pantscherl mit dem Nachbar Aristeus, der zugleich Pluto ist, und wünscht sich nichts sehnlicher als aus dieser Fadesse erlöst zu werden. Kann sie haben -Pluto entführt sie in die Unterwelt, wo sie sich genau so fadisiert wie auf der Oberwelt. Tussi bleibt Tussi – da wie dort. Orpheus -zunächst froh über den Abgang seiner Frau – muss sie unter dem Druck der öffentlichen Meinung – superschleimig gespielt von Regula Rosin – widerwillig zurückholen. Denn im Olymp herrscht Juno (ganz hervorragend : Christian Graf) über die „Moral“ der Götter und Menschen. Sie geriert sich als Hüterin der Ehe, wohl wissend, was für ein Steiger ihr eigener Ehegemahl ist. Martin Winkler ist als Jupiter der Star des Abends – stimm- und spielgewaltig. Vincent Schirrmacher als Pluto setzte darstellerisch voll auf Temperament, aber stimmlich konnte er an diesem Abend nicht überzeugen. Chor und das Corps des Wiener Staatsballetts sorgten für Schwung und gute Laune.

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Matthias Goerne und die Camerata Salzburg. Konzerthaus Wien

4. Konzert im Zyklus Grenzenlos Musik

Der Bariton Matthias Goerne zählt zu den gefragtesten Schubertinterpreten der Gegenwart. Seine „Winterreise“-Interpretation ist bereits legendär.

An diesem wohl einmaligen Abend sang Matthias Goerne relativ unbekannte Schubertlieder. Begleitet wurde er von der Camerata Salzburg unter der Leitung des Konzertmeisters und Geigers Gregory Ahss. Diese überaus gelungene und ungewöhnliche Bearbeitung verfasste der Pianist Alexander Schmalcz gemeinsam mit Goerne.

Schon im ersten Lied „Des Fischers Liebesglück“ (Text Karl Gottfried Ritter von Leitner) bestaunte man Goernes kunstvollen Aufbau: Er beginnt leicht, erzählerisch, lässt einzelne Töne aufglänzen, erzählt unaufgeregt weiter, um dann mit voller Stimme in die Tiefe „umgeben von Dunkel“ zu steigen und von da in eine unirdische Höhe: „Der Erde schon enthoben“ zu schweben. Das ist Romantik ganz im klassischen Sinn: keine unnötigen Verzierungen, von der Ahnung einer Transzendenz eingehüllt. Und die Streicher der Camerata Salzburg folgten dem Konzept mit viel Einfühlungsvermögen..

Im „Heimweh“ (Text: Johann Ladislaus Pyrker) verdeutlicht sich die thematische Klammer, die alle Lieder zusammenhält: „Ach, es zieht ihn dahin mit unwiderstehlicher Sehnsucht.“ Die Sehnsucht nach einem Leben außerhalb der Banalität, sei es im Jenseits oder in der Erfüllung einer irdischen Liebe.

Wie Matthias Goerne mit verhaltener Erotik seine Modulation im „Ganymed“ (Goethe) spielerisch, leicht ironisch und doch voller Sturm und Drang einsetzt, das ist große Meisterleistung.

Ein köstliches Kleinod an Liedkunst ist „Alinde“ (Text: Johann Friedrich Rochlitz). Goerne schafft aus dem eher unscheinbaren Text ein kleines Dramolett im Volksliedton.

Enttäuscht musste sich das enthusiastisch applaudierende Publikum mit einer einzigen Zugabe zufrieden geben. („Stimmen der Liebe“)

Camerata Salzburg: Tschaikowskys Serenade in C Dur.

Nach der Pause begeisterte die Camerata Salzburg das Publikum mit Tschaikowskys Serenade in C-Dur op.48. Viel Mozart war im ersten Satz zu hören, im zweiten dann der berühmte Walzer, leicht und einschmeichelnd gespielt, dann eine fein gesponnene Liebeselegie in Moll. Im vierten Satz flocht der Komponist flotte russische Volkslieder ein. Bei der Komposition dieser Serenade muss Tschaikowsky wohl eine seiner seltenen glücklichen Phasen erlebt haben, Dank des fein gesponnenen Musiknetzes, das die Camerata Salzburg über die Zuhörer warf, lebten wohl alle diese glücklichen Momente live mit

Ein großer Abend, der Maßstäbe setzt!

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Aufführung am 29. April 2019

Die Erwartung war groß, die Enttäuschung ebenso. Was hörte man nicht alles für Wunderlob über Anne Schwanewilms: das Wagner – Stimmwunder, die begnadete Schubertliedinterpretin und so fort. „Wenn ich mir das Leonorenkostüm anziehe, dann fährt eine ungeheure Energie durch meinen Körper“, verkündete Anne Schwanewilms noch im Klassiktreffpunkt Ö1 am Samstag zuvor

Dann dieser Abend. Steif und völlig unbeteiligt sang da eine Leonore von ihrer Liebe zu Florestan – aber leider glaubte man ihr keinen Ton, weil auch fast kein Ton außer ein paar vereinzelten hohen zu hören waren. Vielleicht war sie indisponiert – dann hätte sie sich ansagen lassen sollen. Übrigens ebenso Thomas Johannes Mayer als Pizarro. Beide kamen kaum über den Orchestergraben drüber. Dass Adam Fisher unbeirrt das Orchester in voller Lautstärke tönen ließ, trug auch nicht gerade zur Verbesserung der Lage bei.

Gut waren Wolfgang Bankl als Rocco, Chen Reiss als Marzelline und Micheal Laurenz als Jaquino. Brandon Jovanovich tat sein Bestes als Florestan, konnte jedoch die schwache Leistung von Anne Schwanewilms auch nicht wettmachen.

Dass die Inszenierung (Otto Schenk) schon einige Jahre am Buckel hat, heißt nicht, dass die Sänger und Sängerinnen stocksteif herumstehen und ihr Liedlein heruntersingen. Bitte um Regie!

So eine mehr als mittelmäßige Aufführung mitten im Festtrubel um 150 Jahre Wiener Staatsoper! Wirklich enttäuschend.

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Musik: Thomas Adès. Libretto: Philip Hensher. In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln.

Großartig, elektrisierend, aufregend, nahe dem Skandal und doch keiner! Der war schon, ist schon fast vergessen! Wer erinnert sich noch an das skandalumwitterte Sexidol der 1950er Jahre, Lady Margaret Campbell (1912-1993)? Als ihr zweiter Ehemann, Herzog von Argyll, die Scheidung einreichte, empörten sich alle über sie. Die Medien fanden in den Ausschweifungen der Lady ein gefundenes Fressen, das so genannte Volk empörte sich über den immensen Luxus, in dem sie und der ganze Hochadel lebten, und der Adel war entsetzt, wie so ein Skandal in ihren Reihen explodieren konnte.

Diesen Stoff nun vertonte Adès schon zwei Jahre nach dem Tod der Lady. Das ganz und gar unprüde Libretto von Philipp Hensher sorgte und sorgt für Aufregung bei den damaligen und heutigen Moralisten.

Der Jungregisseur Martin G. Berger ist mit Sexszenen, Doppelmoral und was sonst noch alles dazugehört, durchaus vertraut (La Cage aux Folles). Fellatio, Vierer und sonstige Sexvarianten auf die Bühne zu bringen, da gehört viel Fingerspitzengefühl und ein überreiches Angebot an verblüffenden Bildern dazu! All das hat er im Gepäck. Kongenial unterstützt wird er von der Bühnenbildnerin Sarah Katharina Karl und dem Kostümbildner Alexander Djurkov Hotter. Genau zur Musik getaktet wechseln schnelle, skurrile und „queere“ Szenen. Bilder, wie man sie noch selten oder gar nicht auf der Bühne sah.. Die Schauspielsänger, allen voran Ursula Pfitzner als die Skandalnudel-Herzogin, singen und spielen sich die Seele aus dem Körper!!

An Einsatz und Spielfreude lassen es die anderen auch nicht fehlen: Morgane Heyse wechselt blitzschnell zwischen sechs verschiedenen Rollen. Besonders als affenartige Gafferin beeindruckt sie gemeinsam mit David Sitka, der wiederum als sexliefernder Kellner grandios ist. Bart Driessen hat als Hotelmanager, Herzog und Richter starke Auftritte.

Die kleine Ausgabe des Orchesters der Volksoper Wien ist unter dem Dirigat von Wolfram-Maria Märtig bestens gerüstet.

Viel verdienter Applaus und Bravos!!

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Wiener Staatsballett: Le Pavillon d`Armide und Le Sacre.

Staatsoper, 20. März 2019

John Neumeier ist der Grandseigneur unter den Choreographen. Elegant, immer aus einem Guss, auf höchstem tänzerischen Niveau und immer sehr intensiv – so erlebt das Wiener Publikum seine Werke.

„Le Pavillon d‘ Armide“ ist dem großen Tänzer des Ballets Russes Vaslav Nijinsky gewidmet. John Neumeier erzählt mit subtilem Einfühlungsvermögen das grausame Schicksal dieses genialen Revolutionärs des Tanzes: Von 1919 bis zu seinem Tode 1950 lebte Nijinsky in der Psychiatrie, verfolgt von den quälenden Erinnerungen seiner berühmten Rollen. Mihail Sosnovschi verkörpert diesen genialen, kranken Mann. Bewundernswert, wie tief er in diese Rolle einsteigt, wie er in einem atemberaubenden Solo all seine Qualen heraustanzt, um nicht zu sagen: herausschreit. Man erlebt den Wechsel von katatonischer Erstarrung über die vergeblichen Versuche, die Bewegung aus der Erinnerung einzufangen, bis hin zu den hellen Momenten, wenn sich die Gliedmaßen vom Stupor befreit in Harmonie bewegen. Wie immer ist Neumeier auch für Licht, Bühnenbild und Kostüme verantwortlich – nur so kann ein Werk wie dieses aus einem Guss entstehen. Einzelne aus der großartigen Gesamtleistung hervorzuheben, fällt schwer. Denn John Neumeier arbeitet an jeder Figur, und sei sie noch so „unbedeutend“, bis ins kleinste Detail das Innere, das Wesen heraus. Nie werden hier Choreographien abgetanzt, sondern immer aus dem Charakter der Figur ertanzt, erlebt

Michael Boder war ein congenialer Dirigent, der die Tänzer durch die wunderbare Musik von Nikolai Tscherepnin behutsam führte.

Nach der Pause das Kontrastprogramm: Der wilde Furor des „Sacre“ von Strawinski. Das Ballett, das bei der Uraufführung in Paris in der Interpretation von Nijinsky den größten Theaterskandal aller Zeiten ausgelöst hatte. John Neumeier lässt die Tänzer im Nudekostüm tanzen. Der menschliche Körper ist die Welt, die Kulisse, die Aktion. Figuren finden zusammen, lösen sich auf. Exakt, wild, losgelöst von Konventionen und Normen rasen, fliegen, krümmen sich die Menschen. Man könnte es einen Skulpturentanz nennen, wenn man so will.

Tosender Applaus, Blumen fliegen auf die Bühne. Ein Abend, den man nicht oft genug erleben kann!!

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In einem alten, aber stimmigen Bühnenbild haucht Elina Garanca als Santuzza der alten Inszenierung von Jean-Pierre-Ponnelle dramatisches Leben ein. Eigentlich müsste diese Oper „Santuzza“ heißen. Denn Elina Garancas gibt durch die Intensität ihrer Rollenauffassung dieser Oper neue Tiefen und feuert alle Mitagierenden zu Höchstleistungen an. Mit ihrem weichen Mezzosopran führt Elena Garanca die Santuzzza durch alle Qualen der Liebe, Eifersucht und Erniedrigung. Yonghoon Lee als Turiddu kann da nur schwer mithalten.

Die Szenerie erinnert an griechische Tragödien: Graue Steinhäuser ohne Farbe, ein blasser Himmel, schwarz gekleidete Frauen, die in ihrer unerbittlichen Frömmigkeit erstarren. Die einzig Lebendige in dieser archaischen Gesellschaft ist die Ausgestoßene – Santuzza. Dank Garanca ein großartiger Abend.!! (Mit Graeme Jenkins steht ein einfühlsamer Dirigent am Pult!)

Ach ja, es gab nach der Pause Leoncavallos „Pagliacci“ – darüber gibt es nichts zu berichten.

fotocredit: eg-news-13pngh

Konzertante Aufführung in englischer Sprache mit deutschen Untertiteln.

Eine gigantische Leistung des Orchesters der Volksoper (Dirigent Joseph Olefirowicz), des Chores (Leitung Thomas Böttcher) und vor allem der Sänger. Obwohl man in manchen Szenen eine theatralische Umsetzung vermisste, gelang es dem Gesamtensemble, diesen Mangel durch intensive, interaktive Darbietungen wettzumachen. Einige Melodien sind ja bekannte Ohrwürmer, die gesamte Oper in ihrer Wucht zu erleben ist dann doch etwas ganz anderes.

Morris Robinson mit seinem voluminösen Bass beeindruckte als Porgy. Er war ein Porgy, dem man die kindliche Freude an „seiner“ Bess, die bedingungslose Liebe zu ihr abnahm. Die Rolle birgt die Gefahr des Gefühlskitsches in sich: armer, verkrüppelter Bettler wird von der schönen, begehrenswerten Bess geliebt. Dieser Gefahr entgeht Robinson durch seine einfache, klare Stimmführung und dezent eingesetztes Spiel. Melba Ramos, in vielen Rollen dem Volksopernpublikum bekannt, brillierte als Bess – zurückhaltend, ohne die verführerische Prostituierte herauszukehren. Zwischen den beiden steht der Zuhälter Crown. Lester Lynch gibt dieser Rolle, was sie braucht: Mut zur seelischen und körperlichen Hässlichkeit. Er ist ein Widerling durch und durch. Sein Bariton ist in den Tiefen besonders bedrohlich. Rebecca Nelson ist eine berührende Mutter, wenn sie ihr Baby mit dem Hit „Sommertime“ in den Schlaf singt. Julia Koci bekam langen Szenenapplaus, als sie mit ihrem warmen Sopran das Klagelied „My man´s gone now“ sang. Die als Maria für Bongiwe Nakani einspringende Bonita Hyman machte ihre Sache ganz ausgezeichnet.

Insgesamt eine Aufführung, die zu Recht langen, begeisterten Applaus verdiente.

Weitere Vorstellungen: 22. und 25. Februar 2015

Information:

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Ein bisschen viel Liebe diese Woche! Valentinsabend in der Eden Bar, die Oper „Lucia di Lammermoor“ und der Film: Poesie der Liebe. Aber ich verspreche meinen Lesern, ich werde mich bessern und nüchterner werden

Ich habe noch die Bilder aus der Met im Kopf, als Anna Netrebko und Piotr Beczala das Liebespaar sangen! Das war Donizetti pur, Liebe pur, Schmerz und halt die ganze Palette, die in dieser Oper drinsteckt. Und dann diese Aufführung! Kalt, nüchtern, kopfgesteuert!

Es war die erste Aufführung nach der Première, die dann am Freitag, 15. Februar vom ORF übertragen wurde.

Der Dirigent Evelino Pidò war ganz in der Musik Donizettis drinnen, webte die herrlichsten Liebesmelodien und ließ sich von der kalten Inszenierung nicht beeindrucken. Kalt war es optisch (es schneit und es liegt eine dicke Schneeschicht) und auch sonst zwischen den Menschen. Dass in einer kalten Welt keine Liebe gedeihen kann, war wohl die Grundidee des Regisseurs Laurent Pelly. Er lässt die Menschen über Schneehügel stapfen, jeder eingefangen in Egoismus, Hass oder verstiegenen Liebesvorstellungen. Menschen, die sich nicht näher kommen – auch zwischen den Liebenden lässt Laurent Pelly einen großen Abstand,. Klar, dass Flórez als Edgardo nicht so recht weiß, wie er agieren soll: Die Musik spricht von einem Liebenden, der Regisseur will ihn aber als kalten Berechnenden. Das kann nicht gut zusammenpassen – und man merkte auch, dass Flórez keinen idealen Zugang zu dieser Rollenauffassung fand. Dennoch: Sein Gesang – lupenrein und berückend. Olga Peretyatko sollte von Anfang an eine labile, um nicht zu sagen, psychisch Kranke sein. Der Wahnsinn war dann bloß der Ausbruch der schon in ihr schlummernden Krankheit. Und die Liebe – alles nur Wahn. Sie kam mit dieser Rollenauffassung besser zurecht als Flórez.

Dennoch: Das Publikum belohnte die Akteure des Abends mit viel Beifall. Flórez flog aus der linken Bühnenloge ein großer Blumenstrauß zu. Wie kann das sein, dass in der Fernsehübertragung von genau dieser Aufführung plötzlich Peretyatko diesen Strauß bekam?? Wozu diese Schummelei? Und wie haben die Techniker diesen Trick hingekriegt?

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Aus dem Zyklus „world unplugged“

Das portugiesische Akkordeonquartett „Dancas Ocultas“ macht Musik, die den Zuhörer „zu Reisen zwischen Himmel und Erde einlädt“, wie es im Programm heißt. Mit solch einer Vorgabe angekündigt, erfüllte dann das Quartett mehr als alle Erwartungen des Publikums.

Das Licht im Saal ist auf Dämmerung heruntergedimmt. Stampfende, dumpfe Töne wie die einer alten Dampflok – dann setzen die Musiker ein und von da ab ist man total in ihrem Bann, in einer anderen Welt. Die Fülle an innovativen Improvisationen, gespickt mit Zitaten aus der Welt des Tango Nuevo, des Walzers oder aus Filmen ist so dicht, dass man aufhört zu analysieren, sondern sich nur mehr vom Rhythmus und der Klangfülle forttragen lässt. Die Stimmungen wechseln innerhalb eines Stückes blitzschnell – Melancholie des Fado wechselt zu witzigen Schnörkelrhythmen oder zu frech – herausfordernden Verfremdungseffekte.. Dann wieder bauen die Vier (Artur Fernandes, Francisco Miguel, Filipe Cal und Filipe Ricardo) Töne auf – groß wie eine Architektur. Dabei ziehen, dehnen und drehen sie den Balg bis in Äußerste, was sie wie Musikarchitekten, Musikakrobaten erscheinen lässt. Perfekt unterstützt wird diese Musikarchitektur durch eine gekonnte Lichtregie. Manchmal glaubt man sich auf einer Kuhweide, die Glocken bimmeln lieblich, doch sofort ändert sich die Stimmung und man glaubt sich einem Tieffliegerangriff ausgesetzt. – Ein Musiktheater, in der die Akkordeonisten Schau-Spieler werden, uns mit der exzellenten Mischung aus Emotion und Coolness von einer Szene in die nächste katapultieren.

Mit an Bord : Dom La Nena, eine brasilianische Cellistin und Sängerin. Ganz ehrlich: Gegen diese vier Musikkaliber war es nicht leicht für sie, sich zu behaupten. Sie ist eher der Typus der Salonmusikerin. Tapfer kämpfte sie mit ihrem Cello gegen die Macht der vier Akkordeons an.

Begeisterter Applaus und drei Zugaben.

Nächstes Konzert in dieser Reihe: 13.03.2019: Blick Bassey und Aline Frazao.

Weitere Infos: http://www.konzerthaus.at


Leonard Bernstein, Wonderful Town. Volksoper Wien.

Sarah Schütz (Ruth Sherwood) und das Wiener Staatsballett

Eine Hommage an Leonard Bernstein anlässlich seines 100. Geburtstages. Warum gerade dieses Stück, das ziemlich seicht ist? „West Side Story“ oder „Candide“ hätten Bernstein sicher besser als Geburtstagsgeschenk gefallen.

Also gut: „Wonderful Town“ – Musik schwungvoll, alles da: Rock, Twist, Swing – nur manchmal überlaut, dass sie in den Ohren dröhnt (Dirigent James Holmes).

Inhalt: schnell erzählt: Zwei Schwestern aus der Provinz erleben Abenteuer in New York während der  „goldenen 20er Jahre“ und finden natürlich ihren Traummann. Als besonderes Tanz- Gesangs- und Schauspieltalent fällt Sarah Schütz als die Intellektuelle“ der beiden Schwestern auf. Sehr gute Choreographie der Tanzszenen (Melissa King), etwas düstere Kulissen (Mathias Fischer-Dieskau), farbenfrohe Kostüme. Gute Gesamtleistung des Ensembles.

Fazit: Für Liebhaber des Musicals zu empfehlen. Wer wegen  Bernstein kam, wird vielleicht enttäuscht sein.

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Peer Gynt. Ballett an der Wiener Staatsoper

Edward Clug, Ballettchef am Slowenischen Nationaltheater in Maribor, zählt zu den  Choreographen, die das erzählende Ballett ohne peinliche Übergestik auf die Bühne bringen.  

An der Wiener Staatsoper sah man (letzte Aufführung am 10. Dezember) seine kluge Bearbeitung von Ibsens Drama „Peer Gynt“. Durch die feinfühlige musikalische Zusammenstellung mit ausschließlich Werken von Edvard Grieg gelang ein rund um gelungener, faszinierender Ballettabend. „Peer Gynt“  wird zur Parabel von einem, der nicht begreift, was im Leben am wichtigsten ist -die Liebe. Von Eitelkeit und kindischem Egoismus getrieben tanzt er durch das Leben, zerstört Beziehungen, reist durch das Land der Trolle, zeugt mit der Frau in Grün (ausgezeichnet getanzt von Nikisha Fogo) ein Kind, fliegt nach Marokko, wo er sich wie mieser Kolonialherrscher aufführt und landet für eine Zeit im Irrenhaus. Denys Cherevychko verkörperte alle Altersstufen Peer Gynts ausgezeichnet: den schlaksig-unbekümmerten Knaben und den satten, egoistischen Mann, der am Ende seines Lebens als gebrochener Greis zu Solveig zurückkehrt. Nina Polákova – einmal nicht in der Rolle einer eiskalten Frau – verkörpert Solveig mit Anmut und tänzerischer Leichtigkeit. Berührend ist die Schlussszene, in der sie das Haus auf dem Rücken tragend Peer Gynt einlädt, einzutreten. Doch für ein gemeinsames Leben ist es zu spät.

Edward Clug fügt Peer Gynt einen Hirsch als Alter Ego bei, der ihn in die Welt hinauslockt, zu den unmöglichsten Abenteuern verleitet. Zsolt Török tanzt ihn mit verführerischer Grazie. Die Figur des Todes (Eno Peci) entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Statt Peer Gynt in sein Reich zu führen, paukt er den Draufgänger immer wieder aus gefährlichen Situationen heraus. Humor ist ein wesentlicher dramaturgischer Griff von Edward Clug – wobei ihn Leo Kulas mit fantasievollen Kostümen und Marko Japeli mit verblüffend einfachen Bühnenbildern tatkräftig unterstützen. Dazu kommt noch die verführerisch schöne Musik Edvard Griegs, die Simon Hewett mit hoher Konzentration auf die Tänzer und sehr einfühlsam dirigiert. Ein Abend, den man voll genießen kann, ohne sich bei jeder Szene nach der Symbolik und dramatischen Aussage fragen zu müssen. Zurücklehnen, hören, schauen und staunen! 

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Am 13. November war Olga Esina in der Rolle der Nymphe Sylvia zu erleben. Und es wurde, wie erwartet, ein großartiges Erlebnis. Die Choreografie des Ballettchefs Manuel Legris, die wunderbare Musik von Léo Delibes, einfühlsam dirigiert von dem erfahrenen Ballettmusikkenner Kevin Rhodes, und die Gesamtleistung des Ensembles ergaben einen runden, in sich stimmigen, sehr romantischen Abend. A propos „romantisch“. Ich möchte an dieser Stelle auf den Artikel von Wilhelm Sinkovicz, erschienen  in der „Presse“ vom 11. November 2018, hinweisen, wo er unter dem Titel „Die Sehnsucht nach dem Schönen, die Angst vor dem Kitsch“ den Mangel an großen Gefühlen auf der Bühne anmahnt. Im Alltag, so Wilhelm Sinkovicz, gieren wir nach mehr Romantik. Auf den Bühnen meiden Regisseure und Bühnenbildner sie oft aus Angst, als kitschig, gefühlig abgeurteilt zu werden. Nun: Legris und die congeniale Kostüm- und Bühnenbildnerin Luisa Spinatelli kennen diese Angst nicht. Gut so! Da darf ein Hain, die Statue des Eros, der Tempel der Diana auf der Bühne sein, da darf Eros in einem sexy Tanger, Diana, Sylvia und alle weiblichen Tänzerinnen in zarten, an die Antike und ihre Feste erinnernden Kostümen tanzen. Oft wird man an die Tableaux von Antoine Watteau erinnert, dann wieder an Ausschnitte aus pompejanischen Wandgemälden oder an Gruppierungen, wie sie gerne John Neumeier auf die Bühne bringt. Manuel Legris ist ja ein bekennender Bewunderer von John Neumeier.

Die Rolle der Nymphe Sylvia ist Olga Esina wieder einmal auf den Leib geschrieben. Sie ist fähig, die subtilsten Regungen auf ihre Bewegungen zu übertragen. Niemals absolviert sie nur eine „Performance“, sondern zeigt, was an Gefühlen der Figur innewohnt.

Credits: Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

Sylvia ist eine treue Gefährtin der Göttin Diana, die von sich selbst und von Sylvia totale Abstinenz in Sachen Liebe verlangt. Katevan Papava gibt die Diana als stolze, unter ihrer Lieblosigkeit leidende Göttin ganz ausgezeichnet. Ein Leben ohne ERos? Das kann sich der Gott nicht bieten lassen. Er greift ein. Der junge Tristan Riedel ist nicht nur verboten schön, sondern kann auch tanzen! Nun dreht sich alles um Erotik , Lebensfreude. Gestört wird dieses romantische Lebensgefühl von dem „Schwarzen Jäger Orion“, der Sylvia mit sich in sein finsteres Reich entführt. Robert Gabdullin macht seine Sache als Bösewicht recht gut, aber irgendwie fehlt ihm noch ein Schuss gefährlicher Männlichkeit. Die hätte Vladimir Shishov reichlich bieten können. Was wäre das für eine Paraderolle für ihn gewesen! Aber er musste leider krankheitshalber absagen. Sylvia hat gegen Orion ein leichtes Spiel, sie macht ihn betrunken – und husch ist sie verschwunden. Dass alles in einem fröhlichen Bacchusfest endet, ist klar. Eros hat gewonnen, Sylvia darf ihren Hirtenbuben lieben (Jakob Feyferlik recht passend in dieser Rolle), Diana darf den schlafenden,  immer müden Endymion anschmachten, aber nur aus der Ferne.

Großer Jubel im Publikum, Rosen für Esina und Feyferlik, Extraapplaus für den Dirigenten und für Legris.

Weitere Infos: www.staatsoper.at

Puccini: La fanciulla del West
Live aus der Met in New York

Was für ein Abend! Noch nie zuvor hörte und sah man derart intensive Sänger-Darsteller. Allen voran Eva Maria Westbroek als Minnie, die Wirtin der Goldgräberschenke. Sie ziselierte diesen Charakter mit unglaublicher Intensität und Wandlungsfähigkeit. Keine Spur von resoluter Schenkenwirtin, wie  Nina Stemme sie zeichnet. Eher ein Mädchen, das mit seiner treuen Fürsorge um „ihre“ wilden Goldgräber von ihnen allen verehrt und heimlich -eben nur heimlich – geliebt wird. Als sie sich für die Liebe zum Banditen Dick Johnson entscheidet, da wird sie zur liebenden Furie. Wenn auch manchmal in all der Aufregung die Stimme in der Höhenlage schrill wird – sie überzeugt trotzdem voll durch ihr Spiel und Gesang. Wie stark sie in der Rolle drinnen ist, merkt der Zuseher in der Pause, als sie vollkommen erschöpft vom Kampf um Dick ein Interview gibt: sie findet nur schwer aus der Rolle in die wirkliche Wirklichkeit zurück.

Durch ihr intensives Spiel zieht sie auch Jonas Kaufmann mit, der zu Beginn einen eher zurückhaltenden Part hat und auch erst zögerlich in die Rolle des ehrlich Liebenden einsteigt. Beide stimmlich großartig im dramatischen Finale. In dieser Inszenierung reiten sie nicht in den Horizont hinaus wie in der Inszenierung, die in Wien mit Kaufmann und Stemme zu sehen war, sondern gehen langsam gemeinsam in einen rosarot gefärbten Horizont. Die Bande der Goldgräber singen ein wehmütiges Adieu.

Marco Armiliato dirigierte frei, ohne Partitur, immer die Musiker und Sänger im Blick behaltend und brachte die Musik Verdis in allen Feinheiten zum Schwingen.

Ein Abend, wie man ihn selten an der Met erlebt!!!

Le nozze di Figaro
Wiener Staatsoper 12. Oktober 2018

Schade um die schönen Stimmen! Erwin Schrott als Graf Almaviva, Chen Reiss als Susanna, Riccardo Fassi als Figaro und Svetlina Stoyanova als Cherubino bemühten sich redlich, diese Burleske mit Anstand über die Bühne zu bringen. Der Dirigent Sascha Goetzel ebenso. Aber was konnten alle gegen eine platte Burleske-Inszenierung tun? Jean Louis Martinotys Regie und Hans Schavernochs Bühnenbild machten aus der zauberhaften Erotikkomödie ein plattes Lustspiel. Ich dachte mit Wehmut an die Klaus Guth-Inszenierung der Salzburger Festspiele.

Ballett „Giselle“ nach der Choreografie von Tschernischova an der Wiener Staatsoper

Giselle ist ein heikle Rolle – sie verlangt von der Tänzerin Einfühlungsvermögen und ein Gespür für „too much“. Nur die besten Ballerinas haben sich an diese Rolle gewagt und darin reüssiert, zum Beispiel Anna Pawlowna Pawlowa. Und Olga Esina in dieser Rolle ist ein unübertroffenes Tanzwunder! Ihre Interpretation ist feinsinnig, jede kleine Geste spricht von der romantischen Liebe dieses Mädchens, die von Herzog Albrecht – wunderbar getanzt von Roman Lazik – so schmählich verraten wird. Was ich an der Interpretation Esinas so mag, sind die hauchzarten Pausen, die sinnlich langsamen Bewegungen – da werden keine Choreografien „heruntergetanzt“ -und ihre reife Ausdeutung der Liebe über den Tod hinaus. So manch einer/eine mag sagen, das alles ist romantischer Mumpitz – aber nur einer, der Esina nicht tanzen sah, kann so reden!!! Das Publikum empfing sie mit Auftrittsapplaus, und man spürte fast körperlich die Spannung im Zuschauerraum – aber auch im ganzen Ballettensemble. Denn fast schien es, als ob Esinas Präsenz auf alle überging. Denn keine/ keiner schluderte. Die Anspannung, gut zu sein, herrschte wie ein ungeschriebenes Gesetz. Deshalb mag man mir verzeihen, wenn ich nicht alle tollen Tänzer/innen hier aufzähle. Denn alle, wirklich alle, tanzten, als wären sie von einem geheimen Antrieb zu Höchstleistungen angespornt.

Nun zu Olga Esinas Rolle im Einzelnen: Sie tanzt das junge Mädchen, das von Leid nichts weiß und sich mit vollem Überschwang in den Herzog verliebt, ohne zu ahnen, wer er ist, mit Grazie und Zartheit. Als sie miterleben muss, wie er sie vor der Hofgesellschaft verleugnet rast sie in den Wahnsinn. Diese Wahnsinnsszene muss man gesehen haben: verletzlich, ohne übertriebene Raserei tanzt sie tief verletzt in den Tod.

Dann ihre Bitte an die Königin der Wilis, Herzog Albrecht zu verschonen. Ihr Tanz ist Gebet – anders lässt sich das nicht ausdrücken.

Ein ganz großer Ballettabend!!! Viele Applaus und Standing Ovations für alle, auch für Ermanno Florio, der sehr einfühlsam dirigierte.

Wiener Staatsballett: Ein Sommernachtstraum. Volksoper

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Unterhaltsam, kraftvoll, witzig, seine Sprünge gut in der Rolle fixiert, seine Mimik und Gestik als Puck voll erfüllend war an diesem Abend: Richard Szabo. Er sorgte dafür (mit den kleinen Glühwürmchen-Elfen) dass das Publikum bei der Stange blieb und die endlos langen und langweiligen Gruppentänzchen – alle recht brav vom Corps de Ballet ausgeführt – geduldig ertrug. Die Langeweile ein wenig aufgelockert hatte das Bühnenbild von Sandra Woodall. Geheinisvoll und fast nicht deutbar blieb jedoch die braune Wand mit einem antiken Relief – was genau, war nicht auszumachen, ist wohl als griechisches zu deuten gewesen. Ulkig war die Gestiksprache: Alle Thebaner ahmten gleichsam die eckigen Bewegungen und Kopfstellungen dieser antiken Relieffiguren nach, die anderen führten untereinander eine Art von Comic-Zeichensprache. Gespannt war man auf das Paar Oberon und Titania, getanzt von Vladimir Shishov und Ketevan Papava – eigentlich ein Traumpaar. Doch Shishov wirkte müde, Papava sehr bemüht, ihre Choreografie exakt auszuführen. Die Seele fehlte. Obwohl Jorma Elo  für diese aus dem Jahr 2010 stammende Choreografie einige Preise einheimste, überzeugt sie heute nicht mehr.   John Neumeier machte es mit seinem „Sommernachtstraum“ (Choreografie 1977) märchenhaft und  gültig vor.

Andreas Schüller dirigierte das Orchester der Volksoper ziemlich laut bis unsensibel.

Festspielhaus St. Pölten: Acosta Danza und das Tonkünstler Orchester Niederösterreich: Carlos Acosta a Celebration

In dem 4-teiligen Abend konnte die weltbekannte Gruppe „Acosta Danza“ ihre Vielseitigkeit unter Beweis stellen.

In „Punta a Cabo“ bringt die Gruppe ihre Stärke im Streetdance à la Westside-Story an. Unter der Choreographie von Alexis Fernandez erlebt man vor der Videowand, die vielleicht Havanna und die Promenade El Malecon zu verschiedenen Tageszeiten zeigt, die vitalen Jungen von Havanna, ihr Alltagsleben zwischen Streit, Verliebtheit, Disco. Alles unter dem Motto: Tanz ist Ausdruck der Lebensfreude.

Höchstspannung in „Fauno“. Nach der Musik von Débussy „Prélude à l’après-midi d’un Faune“ , raffiniert gekreuzt mit der Musik von Nitin Sawhney entwickelt Sidi Larbi Cherkaoui eine wild-tierische Choreographie.  Carlos Luis Blanco und Zeleidy Crespo legen einen fulminanten Sexkampf hin, der an Riesenkraken denken lässt. Was für ein Unterschied zur Interpretation von Njinsky und Nurejev, die beide einen unter dem Tier-Mensch – Dasein leidenden Faun tanzen und in Noblesse und Eleganz den Coitus mit einem Schleier der Angebeteten vollziehen. Ganz anders nun Blanco als Faun und Crespo als sexhungrige Kraken, die sich gegenseitig verschlingen. Noblesse adé, Chapeau vor dieser Tanzleistung!

Zur Erheiterung: „Rooster“ unter der Choreografie von Christopher Bruce läuft eine heitere Show der 60er Jahre ab: Die Männer gebären sich wie eitle Gockeln, angelockt von den kindlich-vampirhaften Mädels. Spaß und Ironie zur Musik der Rolling Stones!

Nach der Pause dann „Carmen“ – in einer inhaltlich erweiterten Choreografie von Carlos Acosta. Er lässt Carmen und Don José für eine Weile ein bürgerliches Liebesglück vor einem roten Samtbett und Kommode tanzen. Dieser Traviataverschnitt wirkt eher peinlich. Vielleicht auch etwas zu viel: der tanzende Stier als böses Element. Die Tänzer leisten gute Basisarbeit im Ballett, sind aber besser im modern Dance. Interessant war es, Carlos Acosta himself als Escamillo tanzen zu sehen.

Paul Murphy führte die Tonkünstler versiert und sicher durch die Musik von Débussy, Sawhney, Bizet – gemischt mit Musik Rdion Shchedrin und Martin Yates.

Begeisterter Applaus!

Staatsoper: Solistenkonzert Günther Groissböck. Am Flügel Gerold Huber

Nicht gerade häufig ist Günther Groissböck an der Staatsoper zu hören. Als König Heinrich im Lohengrin zum Saisonende und vor Jahren als Wassermann in Rusalka. Daher war der Liederabend eine gute Gelegenheit, diesen exzellenten Bass wieder zu erleben. Im ersten Teil waren die „Vier ersten Gesänge“ von J. Brahms und Robert Schuhmanns „Liederkreis op.39“ zu hören. Keine leichte Kost, geht es doch um Tod, Verlust, Trauer. Groissböck lieferte eine feinsinnige Interpretation. Aber offensichtlich hatten viele aus dem Publikum etwas anderes von dem Sänger mit dem voluminösen Bass erwartet – mehr opernhafte Theatralik. Wahrscheinlich deshalb war der Stehplatz nach der Pause fast leer und einige Sitzplätze ebenso. Aber: Schadenfroh kann ich sagen: Sie haben versäumt, was sie eigentlich erhofften. Mit 6 Liedern von Tschaikowski auf Russisch, darunter auch Goethes Mignon-Liedvertonung „Nur wer die Sehnsucht kennt“ und 6 von Rachmaninow konnte Grosisböck seinen Bass so richtig aufdrehen. Wer da nicht beeindruckt war, war am falschen Platz. Groissböck bewies, begleitet von dem congenialen Pianisten Gerold Huber – wie man Lieder hochdramatisch gestalten kann.

Nach einem frenetischen Applaus, Bravos und Standing ovations gab es  Zugaben: Paolo Conte, Ti ricordi ancora und  Franz Schuberts „Erlkönig“ . Fazit: Wer zu früh geht, den bestrafen die Götter!

Grafenegg Festival: Sächsische Staatskapelle Dresden: Prokofjew und Mahler

Ein Programmkonzept, das immer aufgeht: Vor der Pause ein Violinkonzert mit einer tollen Geigerin und viel Gefühl, nach der Pause die Wucht einer Symphonie. So vor einer Woche mit der sensationellen Geigerin Hilary Hahn, die das  Violinkonzert von Sibelius spielte und das Publikum intensiv mitnahm, danach Beethovens 5. Diesmal spielte die aus Georgien stammende junge Geigerin Lisa Batiashvili das Violinkonzert Nr.2 von Sergej Prokofjew und danach hörte man die 1. Symphonie von Gustav Mahler mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter Alan Gilbert.

Gleich vorweg: Es war ein rauschhafter Abend, wir, das Publikum, wurden in die Höhen der Musikwelt entführt. Lisa Batiashvili begann den 1. Satz des Violinkonzertes zart, gefühlvoll, dann kraftvoll mit sicherem Strich. Tempo- und Gefühlsweltenwechsel vollzog sich ohne Riss. Alan Gilbert – ein Dirigent, den man gerne öfter erleben möchte – führte das Orchester behutsam, ließ es fein ziseliert unter der Violine spielen. Im 3. Satz dann  stampft, schwingt sich die Musik zu einem wilden Tanz auf, zu dem sich Violine und Orchester glanzvoll vereinen. Für Batiashvili eine Herausforderung, die sie locker mit Bravour nahm. Begeisterung im Publikum. Als Zugabe gab es aus Prokofjews Ballett „Romeo und Julia“.

Nach der Pause dann ertönte die wuchtige 1. Symphonie Gustav Mahlers – eine großartige Leistung des Orchesters und seines Dirigenten. Selten noch wurde diese Symphonie so präzise gespielt, die Pausen effektvoll eingesetzt. Das Hauptthema – der Kuckuck – immer wieder leise perlend, wie Tropfen auf einer Glaswand. Fein eingewoben die Zitate aus dem Lied „Ging heut morgen übers Feld“, oder „Bruder Jakob“. Das Volksliedhafte neben dem Titanenhafte – ein Thema, das Mahler immer wieder ausführt, um den Riss, der durch die Welt geht, zu intonieren. Das glanzvolle Finale mit den im Orchester stehenden Bläsern hatte „Gänsehauteffekt“. Viel Applaus für den großartigen Dirigenten Alan Gilbert und die Sächsische Staatskapelle Dresden.

Eifman Ballett St. Petersburg: Tschaikovsky: Pro et Contra

Der Großmeister des erzählenden Balletts hat wieder eine großartige Choreographie präsentiert!!!! Er scheut sich nicht, das Leben des Komponisten mit packenden Bildern aus den berühmten Balletten „Schwanensee“, Nussknacker“, „Eugen Onegin“ und „Pique Dame“ zu verknüpfen und Rückschlüsse auf das Schicksal Tschaikovskys zu schließen. Tschaikovsky liegt im Sterben, ihn plagen Dämonen, sein Alter Ego drängt ihn zu einer Innenschau. Die Erinnerungen kommen wie ein Sturm über ihn, im Höllentempo verwandeln sich die Figuren der diversen Balllette. Dem Zuschauer bleibt der Atem weg. Wie hält Oleg Markow dieses Tempo bei der Dauerpräsenz  aus? Er ist im 1. Akt fast eine Stunde im intensiven Einsatz, hat keine auch noch so kurze Pause. Wie ein Wirbelsturm ziehen ihn die Gestalten hinein in seine Höhen und Tiefen: Er lernt seine Gönnerin Frau von Meck kennen, die bezaubernde Daria Reznik umschwebt ihn, ist einmal Odette, dann wieder seine Frau, die er nur heiratet, um  der Gesellschaft eine Ehefrau präsentieren zu können und die Gerüchte über seine Homosexualität verstummen zu lassen. Wenn Daria Reznik tanzt, dann ist sie ganz in der Rolle. Ihre Bewegungen scheinen wie ein Hauch zu schweben und doch auch, wenn es notwendig ist,  voller gelebter Tragik und Verzweiflung zu sein. Oleg Markov und Daria Reznik – so ein großartiges Künstlerpaar wünschte man sich an der Wiener Oper!!!! A propos: wann sieht man wieder ein Eifman-Ballett an der Volksoper???

Die Schreiberin fühlt sich außerstande, all die berauschend schönen, eindrucksvollen Bilder zu schildern, die Eifman und seine Compagnie auf die Bühne zauberten. Daher  finde ich es sehr schade, dass es nur drei Vorstellungen gab.

Desaster an der Wiener Staatsoper: Der Freischütz

Wäre noch Joan Holender  Direktor der Wiener Staatsoper, er hätte Christian Räth die Regie für den „Freischütz“ entzogen oder sie ihm gleich gar nicht angeboten. Wie kann man nur aus dieser Geschichte ein so wirres Zeug stricken? Manchmal glaubte ich, der Regisseur macht sich über seine eigene Regie lustig. Die Sänger, allen voran Schager als Max, kämpfen sich tapfer durch diesen Wirrwarr. Ein solches Buhkonzert wie das Team um Räth zu hören bekam, habe ich in der Staatsoper noch nie erlebt. Vielleicht sollte Direktor Meyer doch hin und wieder bei Proben dabei sein, um solch ein Desaster rechtzeitig zu vermeiden. Nach dem Badewannendesaster in „Samson und Dalila“ wieder eine herbe Enttäuschung!

Camille Saint-Saens: Samson et Dalila. Staatsoper . 15. Mai 2019

Wasserschaden in der Staatsoper! Unter der Regie von Alexandra Liedtke ging die schönste aller Opern in dieser Saison baden. Das Liebesduett am Rande der Badewanne! Gott sei Dank mussten sich Garanca und Alagna nicht ausziehen! Dass es dazu noch in das „Badezinmer“ hineinregnete, war wohl nur mehr als Scherz zu verstehen.

Schade um so tolle Stimmen wie Garanca, Alagna und Alvarez!!!

Jacques Offenbach: Hoffmanns Erzählungen. Volksoper

Die vier Stunden waren weg wie nix! Das ist einerseits der Musik Offenbachs zu verdanken, andrerseits dem einfallsreichen Bühnenbild und den witzigen Kostümen von André Barbe. Teils hervorragende Stimmen, wie etwa Josef Wagner in  4 verschiedenen Rollen (Lindorf, Coppelius, Mirakel und Dapertutto) oder Sophia Theodorides als Olympia trugen zum akustischen Vergnügen bei. . Dieser Auftritt hatte es in sich! Abgesehen von ihrer ausgezeichneten gesanglichenLeistung, waren da die Kostüme – besonders das von Olympia – besonders phantasievoll. Es war purer Spaß, wie Theodorides die Performance dieser Rolle hinlegte.Anja Nina Bahrmann war eine bezaubernde Antonia . In diesem Akt vermisste man besonders schmerzlich die französische Sprache. In ihrem Chanson d’amour konnte man sich vorstellen, wie es gewesen wäre, wenn…Ein wenig strapaziert wirkte an diesem Abend Vincent Schirrmacher als Hoffmann. Seine Stimme klang angestrengt. Vielleicht hätte der Dirigent Geritt Prießnitz darauf ein wenig Rücksicht nehmen müssen und nicht derart voll auf die Pauken hauen lassen.

Der Regisseur Renaud Doucet setzte erfreulicherweise auf quirlig-turbulente Unterhaltung. Die Rechnung ging voll auf – das Publikum dankte mit viel Applaus.

Erwin Schrott im Wiener Konzerthaus (2. April 2018)

Da  seine angekündigte Partnerin Golda Schultz krankheitsbedingt absagen musste, bestritt Erwin Schrott den Abend allein. Vorweg: Grandios!

Erwin Schrott ist nicht nur ein glänzender Bass-Bariton, sondern auch eine „Rampensau“ – so nennt man im Fachjargon Künstler, die über eine ungeheure Bühnenpräsenz und Spielfreude verfügen. Schrott kam, sah und siegte mit der Registerarie des Leporello. Siegessicher brillierte er mit Witz, Charme und natürlich mit seiner Stimme! Dann stieg er auf die zweite Rolle um, die ihm auf den Leib geschrieben ist: Mephisto ! Einmal mit der Arie „Le veau d‘ or“ aus Gounods Faust, und zweimal mit Arien aus Mefistofele von Arrigo Boito. Da durfte er so richtig  witzig -böse sein, der Geist, der stets verneint. Kraftvoll-nachdenklich ließ er die Arie des Attila aus der gleichnamigen Oper von Verdi erklingen und nachdenklich, berührend klang das Programm mit der berühmten Arie des Philippe aus Don Carlos: Elle ne m’aime pas“ aus.

Dann gab es noch zwei Zugaben – einen „trockenen“ Tango aus seiner Heimat Uruguai – ohne Instrumentenbegleitung –  und den Schlager „Besame mucho!.

Begleitet wurde er von der Janacek Philharmonie Ostrava unter dem Dirigenten Claudio Vandelli. Sie spielten mit unterschiedlicher Sensibilität – manchmal zu routiniert – Ouvertüren zu Don Giovanni, Philemon und Baucis (Gounod), Les vêpres siciliennes (Verdi) und ein Intermezzo aus Manon Lescaut (Puccini). Der manchmal  heftige Orchesterklang konnte dennoch nie die Stimme Schrotts übertönen. Er war der Beherrscher der Bühne.

Begeisterter Applaus!

Weiter Konzerte im Rahmen der „Great Voices“:

Sonderkonzert Jonas Kaufmann: 13. Mai 2018

Olga Peretyatko: 26. Mai 2018

www.greatvoices.at, www.konzerthaus.at

Rusalka- Wiederaufnahme an der Wiener Volksoper (27. März 2018, 25. Vorstellung)

Das Regie- und Ausstattungsduo André Barbe und Renaud Doucet setzt voll auf Märchen für Kinder. Mit ein wenig erhobenem Finger – nicht der Zeigefinger, gerade nur der kleine Finger: Kinder, Publikum, wenn ihr nicht aufpasst, dann wird der Wald, unsere gesamte Welt so aussehen, wie ihr sie auf der Bühne seht: Entlaubte Wälder, Müll quillt aus schwarzen Plastiksäcken, Elfen wühlen darin und spielen damit. Die Höflinge sind dick, können sich kaum mehr bewegen, oder sind von Chirurgen bis zur Fratze verformt. Nette Idee am Rande: Gesichter mit Schrauben zum Nachspannen der Falten!. Der Mann im Mond radelt in einer Riesenscheibe über den Himmel. Dicke Staubmäuse begleiten die Hexe Jezibaba.

Unter dem schwungvollen Dirigat von Alfred Eschwé rauscht die Musik Dvoraks über Publikum und manchmal auch Sänger hinweg. Mehrzad Montazeris Rollendebüt als Prinz ging anfangs unter der Klanggewalt unter. Carolina Melzer war eine stimmlich und schauspielerisch firme Rusalka. Den Zauber, der von dieser Figur ausgeht, vermisste man an manchen Stellen, was aber vielleicht der Regie anzurechnen ist. Martina Mikelic reüssierte als neue Jezibaba. Wie immer hervorragend: Yasushi Hirano als Wassermann. Nicht unerwähnt sollte die Leistung der Akrobaten als Waldschratten und Waldelfen bleiben.

Insgesamt eine heitere Aufführung, bunt, fröhlich. Ohne tiefenpsychologische Deutung, sondern einfach als Märchen mit einigen pädagogisch gefärbten Mahnungen erzählt.

Ballett „Raymonda“, Wiener Staatsoper. Aufführung: 9. März 2018

 

Dieses glanzvolle Zeugnis des klassischen Balletts mit der ebenso glanzvollen Musik von Alexander Glasunow wurde 1898 in der Choreographie von Marius Petipa im Mariinski-Theater in St. Petersburg mit großem Erfolg uraufgeführt. 1964 adaptierte Rudolf Nurejew es für das 20. Jahrhundert und brachte es 1965 an die Wiener Staatsoper. In dieser Fassung wurde es 1997 wieder aufgenommen und erlebte am 9. März die 48.Aufführung.

Unter dem schwungvollen Dirigat von Kevin Rhodes entfaltete die Musik ihren Glanz. Leichtfüßig, romantisch und dann wieder dramatisch erinnert sie oftmals an eine Operette. Dazu passten auch das  Bühnenbild und die Kostüme von Nicholas Georgiadis: Tücher und Fahnen in Rot bis Godlgelb wehten durch den Bühnenraum und imaginierten ein Schloss. Im Hintergrund blitzten manchmal Feuer und Fahnen der Belagerer auf. Es ist Krieg: Die Sarazenen unter der Führung des Fürsten Abderachman belagern das Schloss, dessen Besitzer auf einem der Kreuzzüge ist. Die Bewohner sind also schutzlos den Sarazenen ausgeliefert. Dennoch tanzt und singt man und bereitet mit großem Aufwand die Hochzeit Raymondas mit dem Ritter Jean de Brienne vor. Wie es im Märchen so geht, verliebt sich der Sarazenenfürst in die schöne Raymonda, wirbt um sie, will sie entführen. Da erscheint als strahlender Held Raymondas Verlobter, rettet sie und tötet im Zweikampf den bösen Sarazenenfürsten. Dann wird Hochzeit gefeiert. Ein Märchen aus dem Mittelalter, das dem Publikum äußerst kulinarisch erzählt wird.

Liudmila Konovalova ist eine bezaubernde Raymonda, Leonardo Basilio ein hübsch anzusehender rettender Ritter. Publikumsliebling Mihail Sosnovschi tanzte den Sarazenenfürsten mit Bravour und dem Stolz, den er der artigen Schlossgesellschaft und ihrem gezierten Benehmen entgegensetzte. Die Sarazenen fungieren in dem Ballett als eine Art „Barbaren“, auf die die adelige Schlossgesellschaft mit Verachtung schaut. Den edlen Bösewicht zu tanzen verlangt vor allem feine Charakterisierung, was in dem Kanon der klassischen Ballettfiguren nicht immer leicht ist. Doch Sosnovschi gelingt es mit kleinen Gesten ebenso wie mit wildem, aufrührerischem Tanz, Verachtung, Stolz, Erotik und Begehren zu  vermitteln. Deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass es beim Schlussapplaus Blumensträuße auf ihn herabregnete. Das ganze Ballettensemble konnte in den Tanzszenen sein Können zeigen und wurde mit viel Applaus belohnt.

Doch zurück an den Anfang:Nach einem voluminösen Vorspiel wird die Szene von der tanzfreudigen Jugend des Schlsosses beherrscht. Alle sind elegant gekleidet und bewegen sich ebenso elegant. Unter ihnen wirkt die zarte Raymonda wie eine weiße Unschuldsflocke, Sie wird mit dem Prinzen in einem „Blind Date“ verlobt, kennt nur sein Bild auf einem Gemälde, das sie jedoch voll entzückt. Dass vor den Toren des Schlosses die Sarazenen lagern und der Untergang des Schlosses droht, scheint niemand wirklich zu stören. Die Parallele zur heutigen Welt mag so manchen im Publikum nachdenklich stimmen. Wunderbar dann der Traumakt. Raymonda schläft bei Lautenspiel ein und tanzt, bedeckt und geschützt unter ihrem Brautschleier, ihre erotischen Sehnsüchte aus.. Zur zarten Harfenmusik tritt der Prinz aus dem Gemälde und die beiden träumen in einem Pas de deux von ihrer Zukunft. Weil eben alles nur ein Traum ist, verwandelt sich die Gestalt des Prinzen in den werbenden Sarazenenfürsten.  – Freud hätte an dieser Szene seine Freude gehabt! Diese Traumsequenzen gehören zu den schönsten des Abends und des klasssischen Balletts überhaupt.

Als der Sarazenenfürst zum Fest zu Ehren Raymondas lädt, entwickelt sich ein interessantes Gesellschaftsabbild, das sich so auch heute abspielen könnte: Seine Einladung wird von der Schlossgesellschaft und Raymonda zunächst mit Verachtung bestraft, dann doch aber angenommen. Wie um  ihm zu zeigen, was ein kultiviertes Fest ist, tanzt man ihm „gesellschaftlich richtiges Benehmen“ vor. Doch mehr und mehr übernehmen die Sarazenen das Tanzparkett, die Musik wird wirbelnder, ausgelassener. Barbarisch, würde die Schlossgesellschaft dazu sagen und drückt es im Tanz aus. Da holt der Sarazenenfürst Raymonda zum Tanz. Zuerst widerstrebend, dann seiner Werbung nachgebend ist sie fast bereit, mit ihm zu fliehen. Doch da erscheint – der strahlende Retter, der Prinz. Selten noch sah man in einem urklassischem Ballett so feine Ironie gepaart mit  Gesellschaftskritik und bewundert, was Nurejews Neubearbeitung im Rahmen des klassischen Figurenkanons alles ermöglicht. Der unausweichliche Zweikampf zwischen den beiden ungleichen Männertypen geht – leider – tödlich für den Sarazenenfürsten aus. Auch diese Szene wird mit viel Ironie gewürzt – : Die hölzernen Riesenschlachtrösser unterlaufen witzig die „Tragik“ der Situation. Nach dem Tod des Bösewichtes darf die Schlsossgesellschaft ausgiebig feiern.

Jubel und viel Applaus!

Weitere Aufführungen mit unterschiedlicher Besetzung: 10., 11. 12. März 2018

Ballett: „Spartacus“ in der Bayrischen Staatsoper München

Was für ein Abend! Spartacus als fliegender Held, der die Schwerkraft leugnet und den Widerstand gegen jegliche Art der Unterdrückung wütend lebt und tanzt. Dessen Augen vor Heldentum glühen, dessen Liebe zu seiner Gefährtin Phrygia sich in erotisch-feinen Figuren materialisiert.

Doch langsam, vom Anfang an! Der römische Sklave und Gladiator Spartacus führte 73 v.Chr. seine Leidensgenossen zum Kampf gegen das römische Heer an und starb nach anfänglichen Siegen 71 v. Chr. auf dem Schlachtfeld.

Dieser Freiheitsheld wurde von der russischen Revolution als Galionsfigur eingesetzt. Man sah in ihm das Inbild des Revolutionärs schlechthin und bald auch  wurde er zur Vorzeigefigur der russischen Ballettästhetik. 1951 bis 1954 komponierte kein Geringerer als Aram Chatschaturjan die Musik nach der Novelle „Spartacus“ von Raffaello Giovagnolli und dem Szenario von Nikolai Volkov. Nach verschiedenen Choreografien und Fehlschlägen gestaltet Yuri Grigorovich, seit 1964 Direktor des Bolschoi-Ballettes, alles neu. Er kürzt radikal, kommt ohne große Gestik und Pantomime aus und konzentriert sich auf den Kampf zwischen dem Freiheitshelden Spartacus und dem dekadenten römischen Feldherrn Crassus. Die jeweiligen Frauenfiguren werden charakterlich deutlich herausgearbeitet: Phrygia, die zärtliche Geliebte des Spartacus, Aegina, die schlaue Verführerin an der Seite des Crassus.

Doch nun zu dem Abend vom 10. Jänner 2018. Da tanzte nämlich den Spartacus kein geringerer als Vladimir Shklyarov, für mich zur Zeit der beste Tänzer im Bolschoi. Wenn er im „grand jeté“ in die Luft aufsteigt, dann bleibt dem Publikum die Luft weg. Denn er scheint nie  mehr auf den Boden zurückkehren zu wollen. Es ist, als ob er für eine kurze Sekunde hoch oben schwebend verharren will. So lange, bis ihn die Schwerkarft zu Boden zwingt. Er tanzt den Spartacus nicht nur mit vollem Körpereinsatz, sondern er ist für die drei Stunden tatsächlich der Freiheitsheld. Seine Augen glühen vor Begeisterung, Zorn, Widerstand oder schmelzen in Liebe zu Phrygia, die von seiner Lieblingspartnerin Maria Shirinkina getanzt wird. Diese Elfenfigur schmiegt sich im pas de deux vertrauensvoll in die Arme des Partners, gleitet mühelos mit ihm von einer Figur in die andere. Nie reißt der Faden der „Erzählung“ ab, nie wird nur „Choreografie getanzt“, sondern sie gleiten durch ihre Gefühle. Ein wundervolles Miteinander.

Um nicht in den Gefühlskitsch abzugleiten, arbeitet Grigorovich Crassus als verweichlichten Widerling heraus. Und den tanzt Erik Murzagaliyev in voller Hingabe an die Lust und das Fressen. Als Feldherr hätte er kläglich versagt, hätte nicht seine schlaue Geliebte Aegina eingegriffen. Prisca Zeisel legt einen Verführungstanz hin, der der Phantasie keinen Raum mehr lässt – lasziv, erotisch, schamlos deutlich.

Das dunkel gehaltene Bühnenbild von Simon Virsaladze entführt uns in eine römische Architektur der Machtdemonstration, wie sie auch später Mussolini, Hitler und andere Diktatoren liebten.

Unter dem Dirigenten Karen Durgaryan spielte das Bayrische Staatsorchester mit spürbarer Lust und Temperament und ließ die Musik Chatschaturkans fast wie zu einem Filmepos aufblühen.

Das Publikum dankte mit Bravorufen und stading ovations.

Weitere infos und Spielplan: https://www.staatsoper.de

 

Vincezo Bellini: I Puritani, Staatsoper Wien

Obwohl es bereits die 63. Aufführung in dieser Inszenierung -über die  nicht mehr zu sagen ist als: düster, statisch, einfallslos – war, war es eine Art >Première. Denn für fast alle Sänger war es entweder ein Rollendebüt oder ein Debüt an der Wiener Staatsoper. Das machte den Abend spannend.

Unter dem Dirigenteb Evelino Pidò wurde die Musik Bellinis zu einem faszinierendem Blütenreigen an Arien, sensibel leitete er das Orchester, immer mit Blick auf die Sänger. Er „ziselierte“ gleichsam jede einzelne Arie zu einem Kunstwerk. Und die Sänger dankten es ihm – alle ohne Ausnahme waren hervorragend. Dmitry Korchak mit seiner strahlenden Tenorstimme begeisterte als Arturo. Bewundernswert, wie er den 3. Akt durchhielt, wo er im Dauereinsatz war! Bezaubernd auch Venera Gimadieva als Elvira. Ihr herrlicher Sopran passte genau zu dieser Rolle. Allerdings hätte ihr ein wenig Hilfe von seiten einer Regie not getan, denn die Partie der durch Schock und Enttäuschung irre Gewordenen gelang ihr zwar gesanglich, nicht aber darstellerisch. Da blieb sie zu starr, statisch.

Begeisterter Applaus und viele Bravorufe, vor allem auch für Pidò und das Orchester.

Weitere Termine: 7. und 10. Jänner 2018

www.wiener-staatsoper.at

 

Ballettabend in der Staatsoper: „Verklungene Feste und Josephslegende“

Da kamen alle Ballettfans und freuten sich über ein Wiedersehen mit einem typischen John Neumeier-Festabend! Und über ein Wiedersehen mit Vladimir Shishov und Mihail Sosnovschi! Beide tanzten schon 2015in den „Verklungenen Festen“ mit unglaublicher Eleganz und Finesse. Die Elegie und Melancholie der Atmosphäre spiegelt sich ganz und gar in der Choreographie – viele sehr langsame, durchaus erotische Figuren. Starker Applaus für die Tänzer, was besonders hoch zu werten ist, da viele im Publikum eigentlich nur auf die „Josephs Legende“ warteten. Doch die „Verklungenen Feste“ sind ideal, um sich von den eigenen Erinnerungen an „verklungene Feste“ einspinnen zu lassen.Die Musik von  Richard Strauss unter dem subtilen Dirigat von Gerrit  Prießnitz tat alles dazu.

Nun denn – zum furiosen 2. Teil des Abends:

Denys Cherevychko tanzte wie schon 2015 den gar nicht so keuschen Joseph – sein eher spärliches Kostüm musste ja Potiphar dazu verleiten, es ihm runterzureißen. Aber erst mal langsam: Joseph wird von Sklavenhändlern an den Hof Potiphars verschleppt. Dort langweilt sich Mrs. Potiphar – herrlich Rebecca Horner – zu Tode und straft ihren erotisch aufgeladenen Ehemann _ Eno Peci – mit Missachtung. Obwohl der eigentlich über weitaus mehr Sexappeal verfügt, ist sie von dem armen – ach so unschuldigen – Joseph total begeistert, umtanzt ihn mit einer Rasanz, scheint ihn dann endlich unter ihren kräftigen Armen zum ersehnten Coitus gebändigt zu haben, als -Pech für beide – der Ehemann dazukommt. Nun wird Joseph ziemlich hergebeutelt, aber bevor er total erschöpft tot umsinkt, holt ihn sein Engel  in himmlische Gefilde. Einst tanzte Kirill Kourlaev bravourös diesen Engel – wo ist dieser Startänzer jetzt? Doch nicht schon in Pension???????????? Jetzt ist es Jakob Feyferlik – sein Engel ist ätherischer, kindlicher -halt eher ein Schutzengerl. Und Potiphar? -Sie tanzt alleine einen wunderbaren Trauertanz. Gerrit Prießnitz führte das Orchester in wahre Furioshymnen und ließ die Musik von Richard Strauss einmal mehr nach allen Regeln aufleuchten.

Ein wahrer Sturm an Applaus brach los. Am Ende gab es standing ovations!