Matthias Goerne und die Camerata Salzburg. Konzerthaus Wien

4. Konzert im Zyklus Grenzenlos Musik

Der Bariton Matthias Goerne zählt zu den gefragtesten Schubertinterpreten der Gegenwart. Seine „Winterreise“-Interpretation ist bereits legendär.

An diesem wohl einmaligen Abend sang Matthias Goerne relativ unbekannte Schubertlieder. Begleitet wurde er von der Camerata Salzburg unter der Leitung des Konzertmeisters und Geigers Gregory Ahss. Diese überaus gelungene und ungewöhnliche Bearbeitung verfasste der Pianist Alexander Schmalcz gemeinsam mit Goerne.

Schon im ersten Lied „Des Fischers Liebesglück“ (Text Karl Gottfried Ritter von Leitner) bestaunte man Goernes kunstvollen Aufbau: Er beginnt leicht, erzählerisch, lässt einzelne Töne aufglänzen, erzählt unaufgeregt weiter, um dann mit voller Stimme in die Tiefe „umgeben von Dunkel“ zu steigen und von da in eine unirdische Höhe: „Der Erde schon enthoben“ zu schweben. Das ist Romantik ganz im klassischen Sinn: keine unnötigen Verzierungen, von der Ahnung einer Transzendenz eingehüllt. Und die Streicher der Camerata Salzburg folgten dem Konzept mit viel Einfühlungsvermögen..

Im „Heimweh“ (Text: Johann Ladislaus Pyrker) verdeutlicht sich die thematische Klammer, die alle Lieder zusammenhält: „Ach, es zieht ihn dahin mit unwiderstehlicher Sehnsucht.“ Die Sehnsucht nach einem Leben außerhalb der Banalität, sei es im Jenseits oder in der Erfüllung einer irdischen Liebe.

Wie Matthias Goerne mit verhaltener Erotik seine Modulation im „Ganymed“ (Goethe) spielerisch, leicht ironisch und doch voller Sturm und Drang einsetzt, das ist große Meisterleistung.

Ein köstliches Kleinod an Liedkunst ist „Alinde“ (Text: Johann Friedrich Rochlitz). Goerne schafft aus dem eher unscheinbaren Text ein kleines Dramolett im Volksliedton.

Enttäuscht musste sich das enthusiastisch applaudierende Publikum mit einer einzigen Zugabe zufrieden geben. („Stimmen der Liebe“)

Camerata Salzburg: Tschaikowskys Serenade in C Dur.

Nach der Pause begeisterte die Camerata Salzburg das Publikum mit Tschaikowskys Serenade in C-Dur op.48. Viel Mozart war im ersten Satz zu hören, im zweiten dann der berühmte Walzer, leicht und einschmeichelnd gespielt, dann eine fein gesponnene Liebeselegie in Moll. Im vierten Satz flocht der Komponist flotte russische Volkslieder ein. Bei der Komposition dieser Serenade muss Tschaikowsky wohl eine seiner seltenen glücklichen Phasen erlebt haben, Dank des fein gesponnenen Musiknetzes, das die Camerata Salzburg über die Zuhörer warf, lebten wohl alle diese glücklichen Momente live mit

Ein großer Abend, der Maßstäbe setzt!

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Aufführung am 29. April 2019

Die Erwartung war groß, die Enttäuschung ebenso. Was hörte man nicht alles für Wunderlob über Anne Schwanewilms: das Wagner – Stimmwunder, die begnadete Schubertliedinterpretin und so fort. „Wenn ich mir das Leonorenkostüm anziehe, dann fährt eine ungeheure Energie durch meinen Körper“, verkündete Anne Schwanewilms noch im Klassiktreffpunkt Ö1 am Samstag zuvor

Dann dieser Abend. Steif und völlig unbeteiligt sang da eine Leonore von ihrer Liebe zu Florestan – aber leider glaubte man ihr keinen Ton, weil auch fast kein Ton außer ein paar vereinzelten hohen zu hören waren. Vielleicht war sie indisponiert – dann hätte sie sich ansagen lassen sollen. Übrigens ebenso Thomas Johannes Mayer als Pizarro. Beide kamen kaum über den Orchestergraben drüber. Dass Adam Fisher unbeirrt das Orchester in voller Lautstärke tönen ließ, trug auch nicht gerade zur Verbesserung der Lage bei.

Gut waren Wolfgang Bankl als Rocco, Chen Reiss als Marzelline und Micheal Laurenz als Jaquino. Brandon Jovanovich tat sein Bestes als Florestan, konnte jedoch die schwache Leistung von Anne Schwanewilms auch nicht wettmachen.

Dass die Inszenierung (Otto Schenk) schon einige Jahre am Buckel hat, heißt nicht, dass die Sänger und Sängerinnen stocksteif herumstehen und ihr Liedlein heruntersingen. Bitte um Regie!

So eine mehr als mittelmäßige Aufführung mitten im Festtrubel um 150 Jahre Wiener Staatsoper! Wirklich enttäuschend.

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Musik: Thomas Adès. Libretto: Philip Hensher. In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln.

Großartig, elektrisierend, aufregend, nahe dem Skandal und doch keiner! Der war schon, ist schon fast vergessen! Wer erinnert sich noch an das skandalumwitterte Sexidol der 1950er Jahre, Lady Margaret Campbell (1912-1993)? Als ihr zweiter Ehemann, Herzog von Argyll, die Scheidung einreichte, empörten sich alle über sie. Die Medien fanden in den Ausschweifungen der Lady ein gefundenes Fressen, das so genannte Volk empörte sich über den immensen Luxus, in dem sie und der ganze Hochadel lebten, und der Adel war entsetzt, wie so ein Skandal in ihren Reihen explodieren konnte.

Diesen Stoff nun vertonte Adès schon zwei Jahre nach dem Tod der Lady. Das ganz und gar unprüde Libretto von Philipp Hensher sorgte und sorgt für Aufregung bei den damaligen und heutigen Moralisten.

Der Jungregisseur Martin G. Berger ist mit Sexszenen, Doppelmoral und was sonst noch alles dazugehört, durchaus vertraut (La Cage aux Folles). Fellatio, Vierer und sonstige Sexvarianten auf die Bühne zu bringen, da gehört viel Fingerspitzengefühl und ein überreiches Angebot an verblüffenden Bildern dazu! All das hat er im Gepäck. Kongenial unterstützt wird er von der Bühnenbildnerin Sarah Katharina Karl und dem Kostümbildner Alexander Djurkov Hotter. Genau zur Musik getaktet wechseln schnelle, skurrile und „queere“ Szenen. Bilder, wie man sie noch selten oder gar nicht auf der Bühne sah.. Die Schauspielsänger, allen voran Ursula Pfitzner als die Skandalnudel-Herzogin, singen und spielen sich die Seele aus dem Körper!!

An Einsatz und Spielfreude lassen es die anderen auch nicht fehlen: Morgane Heyse wechselt blitzschnell zwischen sechs verschiedenen Rollen. Besonders als affenartige Gafferin beeindruckt sie gemeinsam mit David Sitka, der wiederum als sexliefernder Kellner grandios ist. Bart Driessen hat als Hotelmanager, Herzog und Richter starke Auftritte.

Die kleine Ausgabe des Orchesters der Volksoper Wien ist unter dem Dirigat von Wolfram-Maria Märtig bestens gerüstet.

Viel verdienter Applaus und Bravos!!

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Wiener Staatsballett: Le Pavillon d`Armide und Le Sacre.

Staatsoper, 20. März 2019

John Neumeier ist der Grandseigneur unter den Choreographen. Elegant, immer aus einem Guss, auf höchstem tänzerischen Niveau und immer sehr intensiv – so erlebt das Wiener Publikum seine Werke.

„Le Pavillon d‘ Armide“ ist dem großen Tänzer des Ballets Russes Vaslav Nijinsky gewidmet. John Neumeier erzählt mit subtilem Einfühlungsvermögen das grausame Schicksal dieses genialen Revolutionärs des Tanzes: Von 1919 bis zu seinem Tode 1950 lebte Nijinsky in der Psychiatrie, verfolgt von den quälenden Erinnerungen seiner berühmten Rollen. Mihail Sosnovschi verkörpert diesen genialen, kranken Mann. Bewundernswert, wie tief er in diese Rolle einsteigt, wie er in einem atemberaubenden Solo all seine Qualen heraustanzt, um nicht zu sagen: herausschreit. Man erlebt den Wechsel von katatonischer Erstarrung über die vergeblichen Versuche, die Bewegung aus der Erinnerung einzufangen, bis hin zu den hellen Momenten, wenn sich die Gliedmaßen vom Stupor befreit in Harmonie bewegen. Wie immer ist Neumeier auch für Licht, Bühnenbild und Kostüme verantwortlich – nur so kann ein Werk wie dieses aus einem Guss entstehen. Einzelne aus der großartigen Gesamtleistung hervorzuheben, fällt schwer. Denn John Neumeier arbeitet an jeder Figur, und sei sie noch so „unbedeutend“, bis ins kleinste Detail das Innere, das Wesen heraus. Nie werden hier Choreographien abgetanzt, sondern immer aus dem Charakter der Figur ertanzt, erlebt

Michael Boder war ein congenialer Dirigent, der die Tänzer durch die wunderbare Musik von Nikolai Tscherepnin behutsam führte.

Nach der Pause das Kontrastprogramm: Der wilde Furor des „Sacre“ von Strawinski. Das Ballett, das bei der Uraufführung in Paris in der Interpretation von Nijinsky den größten Theaterskandal aller Zeiten ausgelöst hatte. John Neumeier lässt die Tänzer im Nudekostüm tanzen. Der menschliche Körper ist die Welt, die Kulisse, die Aktion. Figuren finden zusammen, lösen sich auf. Exakt, wild, losgelöst von Konventionen und Normen rasen, fliegen, krümmen sich die Menschen. Man könnte es einen Skulpturentanz nennen, wenn man so will.

Tosender Applaus, Blumen fliegen auf die Bühne. Ein Abend, den man nicht oft genug erleben kann!!

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In einem alten, aber stimmigen Bühnenbild haucht Elina Garanca als Santuzza der alten Inszenierung von Jean-Pierre-Ponnelle dramatisches Leben ein. Eigentlich müsste diese Oper „Santuzza“ heißen. Denn Elina Garancas gibt durch die Intensität ihrer Rollenauffassung dieser Oper neue Tiefen und feuert alle Mitagierenden zu Höchstleistungen an. Mit ihrem weichen Mezzosopran führt Elena Garanca die Santuzzza durch alle Qualen der Liebe, Eifersucht und Erniedrigung. Yonghoon Lee als Turiddu kann da nur schwer mithalten.

Die Szenerie erinnert an griechische Tragödien: Graue Steinhäuser ohne Farbe, ein blasser Himmel, schwarz gekleidete Frauen, die in ihrer unerbittlichen Frömmigkeit erstarren. Die einzig Lebendige in dieser archaischen Gesellschaft ist die Ausgestoßene – Santuzza. Dank Garanca ein großartiger Abend.!! (Mit Graeme Jenkins steht ein einfühlsamer Dirigent am Pult!)

Ach ja, es gab nach der Pause Leoncavallos „Pagliacci“ – darüber gibt es nichts zu berichten.

fotocredit: eg-news-13pngh

Konzertante Aufführung in englischer Sprache mit deutschen Untertiteln.

Eine gigantische Leistung des Orchesters der Volksoper (Dirigent Joseph Olefirowicz), des Chores (Leitung Thomas Böttcher) und vor allem der Sänger. Obwohl man in manchen Szenen eine theatralische Umsetzung vermisste, gelang es dem Gesamtensemble, diesen Mangel durch intensive, interaktive Darbietungen wettzumachen. Einige Melodien sind ja bekannte Ohrwürmer, die gesamte Oper in ihrer Wucht zu erleben ist dann doch etwas ganz anderes.

Morris Robinson mit seinem voluminösen Bass beeindruckte als Porgy. Er war ein Porgy, dem man die kindliche Freude an „seiner“ Bess, die bedingungslose Liebe zu ihr abnahm. Die Rolle birgt die Gefahr des Gefühlskitsches in sich: armer, verkrüppelter Bettler wird von der schönen, begehrenswerten Bess geliebt. Dieser Gefahr entgeht Robinson durch seine einfache, klare Stimmführung und dezent eingesetztes Spiel. Melba Ramos, in vielen Rollen dem Volksopernpublikum bekannt, brillierte als Bess – zurückhaltend, ohne die verführerische Prostituierte herauszukehren. Zwischen den beiden steht der Zuhälter Crown. Lester Lynch gibt dieser Rolle, was sie braucht: Mut zur seelischen und körperlichen Hässlichkeit. Er ist ein Widerling durch und durch. Sein Bariton ist in den Tiefen besonders bedrohlich. Rebecca Nelson ist eine berührende Mutter, wenn sie ihr Baby mit dem Hit „Sommertime“ in den Schlaf singt. Julia Koci bekam langen Szenenapplaus, als sie mit ihrem warmen Sopran das Klagelied „My man´s gone now“ sang. Die als Maria für Bongiwe Nakani einspringende Bonita Hyman machte ihre Sache ganz ausgezeichnet.

Insgesamt eine Aufführung, die zu Recht langen, begeisterten Applaus verdiente.

Weitere Vorstellungen: 22. und 25. Februar 2015

Information:

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Ein bisschen viel Liebe diese Woche! Valentinsabend in der Eden Bar, die Oper „Lucia di Lammermoor“ und der Film: Poesie der Liebe. Aber ich verspreche meinen Lesern, ich werde mich bessern und nüchterner werden

Ich habe noch die Bilder aus der Met im Kopf, als Anna Netrebko und Piotr Beczala das Liebespaar sangen! Das war Donizetti pur, Liebe pur, Schmerz und halt die ganze Palette, die in dieser Oper drinsteckt. Und dann diese Aufführung! Kalt, nüchtern, kopfgesteuert!

Es war die erste Aufführung nach der Première, die dann am Freitag, 15. Februar vom ORF übertragen wurde.

Der Dirigent Evelino Pidò war ganz in der Musik Donizettis drinnen, webte die herrlichsten Liebesmelodien und ließ sich von der kalten Inszenierung nicht beeindrucken. Kalt war es optisch (es schneit und es liegt eine dicke Schneeschicht) und auch sonst zwischen den Menschen. Dass in einer kalten Welt keine Liebe gedeihen kann, war wohl die Grundidee des Regisseurs Laurent Pelly. Er lässt die Menschen über Schneehügel stapfen, jeder eingefangen in Egoismus, Hass oder verstiegenen Liebesvorstellungen. Menschen, die sich nicht näher kommen – auch zwischen den Liebenden lässt Laurent Pelly einen großen Abstand,. Klar, dass Flórez als Edgardo nicht so recht weiß, wie er agieren soll: Die Musik spricht von einem Liebenden, der Regisseur will ihn aber als kalten Berechnenden. Das kann nicht gut zusammenpassen – und man merkte auch, dass Flórez keinen idealen Zugang zu dieser Rollenauffassung fand. Dennoch: Sein Gesang – lupenrein und berückend. Olga Peretyatko sollte von Anfang an eine labile, um nicht zu sagen, psychisch Kranke sein. Der Wahnsinn war dann bloß der Ausbruch der schon in ihr schlummernden Krankheit. Und die Liebe – alles nur Wahn. Sie kam mit dieser Rollenauffassung besser zurecht als Flórez.

Dennoch: Das Publikum belohnte die Akteure des Abends mit viel Beifall. Flórez flog aus der linken Bühnenloge ein großer Blumenstrauß zu. Wie kann das sein, dass in der Fernsehübertragung von genau dieser Aufführung plötzlich Peretyatko diesen Strauß bekam?? Wozu diese Schummelei? Und wie haben die Techniker diesen Trick hingekriegt?

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Aus dem Zyklus „world unplugged“

Das portugiesische Akkordeonquartett „Dancas Ocultas“ macht Musik, die den Zuhörer „zu Reisen zwischen Himmel und Erde einlädt“, wie es im Programm heißt. Mit solch einer Vorgabe angekündigt, erfüllte dann das Quartett mehr als alle Erwartungen des Publikums.

Das Licht im Saal ist auf Dämmerung heruntergedimmt. Stampfende, dumpfe Töne wie die einer alten Dampflok – dann setzen die Musiker ein und von da ab ist man total in ihrem Bann, in einer anderen Welt. Die Fülle an innovativen Improvisationen, gespickt mit Zitaten aus der Welt des Tango Nuevo, des Walzers oder aus Filmen ist so dicht, dass man aufhört zu analysieren, sondern sich nur mehr vom Rhythmus und der Klangfülle forttragen lässt. Die Stimmungen wechseln innerhalb eines Stückes blitzschnell – Melancholie des Fado wechselt zu witzigen Schnörkelrhythmen oder zu frech – herausfordernden Verfremdungseffekte.. Dann wieder bauen die Vier (Artur Fernandes, Francisco Miguel, Filipe Cal und Filipe Ricardo) Töne auf – groß wie eine Architektur. Dabei ziehen, dehnen und drehen sie den Balg bis in Äußerste, was sie wie Musikarchitekten, Musikakrobaten erscheinen lässt. Perfekt unterstützt wird diese Musikarchitektur durch eine gekonnte Lichtregie. Manchmal glaubt man sich auf einer Kuhweide, die Glocken bimmeln lieblich, doch sofort ändert sich die Stimmung und man glaubt sich einem Tieffliegerangriff ausgesetzt. – Ein Musiktheater, in der die Akkordeonisten Schau-Spieler werden, uns mit der exzellenten Mischung aus Emotion und Coolness von einer Szene in die nächste katapultieren.

Mit an Bord : Dom La Nena, eine brasilianische Cellistin und Sängerin. Ganz ehrlich: Gegen diese vier Musikkaliber war es nicht leicht für sie, sich zu behaupten. Sie ist eher der Typus der Salonmusikerin. Tapfer kämpfte sie mit ihrem Cello gegen die Macht der vier Akkordeons an.

Begeisterter Applaus und drei Zugaben.

Nächstes Konzert in dieser Reihe: 13.03.2019: Blick Bassey und Aline Frazao.

Weitere Infos: http://www.konzerthaus.at


Leonard Bernstein, Wonderful Town. Volksoper Wien.

Sarah Schütz (Ruth Sherwood) und das Wiener Staatsballett

Eine Hommage an Leonard Bernstein anlässlich seines 100. Geburtstages. Warum gerade dieses Stück, das ziemlich seicht ist? „West Side Story“ oder „Candide“ hätten Bernstein sicher besser als Geburtstagsgeschenk gefallen.

Also gut: „Wonderful Town“ – Musik schwungvoll, alles da: Rock, Twist, Swing – nur manchmal überlaut, dass sie in den Ohren dröhnt (Dirigent James Holmes).

Inhalt: schnell erzählt: Zwei Schwestern aus der Provinz erleben Abenteuer in New York während der  „goldenen 20er Jahre“ und finden natürlich ihren Traummann. Als besonderes Tanz- Gesangs- und Schauspieltalent fällt Sarah Schütz als die Intellektuelle“ der beiden Schwestern auf. Sehr gute Choreographie der Tanzszenen (Melissa King), etwas düstere Kulissen (Mathias Fischer-Dieskau), farbenfrohe Kostüme. Gute Gesamtleistung des Ensembles.

Fazit: Für Liebhaber des Musicals zu empfehlen. Wer wegen  Bernstein kam, wird vielleicht enttäuscht sein.

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Peer Gynt. Ballett an der Wiener Staatsoper

Edward Clug, Ballettchef am Slowenischen Nationaltheater in Maribor, zählt zu den  Choreographen, die das erzählende Ballett ohne peinliche Übergestik auf die Bühne bringen.  

An der Wiener Staatsoper sah man (letzte Aufführung am 10. Dezember) seine kluge Bearbeitung von Ibsens Drama „Peer Gynt“. Durch die feinfühlige musikalische Zusammenstellung mit ausschließlich Werken von Edvard Grieg gelang ein rund um gelungener, faszinierender Ballettabend. „Peer Gynt“  wird zur Parabel von einem, der nicht begreift, was im Leben am wichtigsten ist -die Liebe. Von Eitelkeit und kindischem Egoismus getrieben tanzt er durch das Leben, zerstört Beziehungen, reist durch das Land der Trolle, zeugt mit der Frau in Grün (ausgezeichnet getanzt von Nikisha Fogo) ein Kind, fliegt nach Marokko, wo er sich wie mieser Kolonialherrscher aufführt und landet für eine Zeit im Irrenhaus. Denys Cherevychko verkörperte alle Altersstufen Peer Gynts ausgezeichnet: den schlaksig-unbekümmerten Knaben und den satten, egoistischen Mann, der am Ende seines Lebens als gebrochener Greis zu Solveig zurückkehrt. Nina Polákova – einmal nicht in der Rolle einer eiskalten Frau – verkörpert Solveig mit Anmut und tänzerischer Leichtigkeit. Berührend ist die Schlussszene, in der sie das Haus auf dem Rücken tragend Peer Gynt einlädt, einzutreten. Doch für ein gemeinsames Leben ist es zu spät.

Edward Clug fügt Peer Gynt einen Hirsch als Alter Ego bei, der ihn in die Welt hinauslockt, zu den unmöglichsten Abenteuern verleitet. Zsolt Török tanzt ihn mit verführerischer Grazie. Die Figur des Todes (Eno Peci) entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Statt Peer Gynt in sein Reich zu führen, paukt er den Draufgänger immer wieder aus gefährlichen Situationen heraus. Humor ist ein wesentlicher dramaturgischer Griff von Edward Clug – wobei ihn Leo Kulas mit fantasievollen Kostümen und Marko Japeli mit verblüffend einfachen Bühnenbildern tatkräftig unterstützen. Dazu kommt noch die verführerisch schöne Musik Edvard Griegs, die Simon Hewett mit hoher Konzentration auf die Tänzer und sehr einfühlsam dirigiert. Ein Abend, den man voll genießen kann, ohne sich bei jeder Szene nach der Symbolik und dramatischen Aussage fragen zu müssen. Zurücklehnen, hören, schauen und staunen! 

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Am 13. November war Olga Esina in der Rolle der Nymphe Sylvia zu erleben. Und es wurde, wie erwartet, ein großartiges Erlebnis. Die Choreografie des Ballettchefs Manuel Legris, die wunderbare Musik von Léo Delibes, einfühlsam dirigiert von dem erfahrenen Ballettmusikkenner Kevin Rhodes, und die Gesamtleistung des Ensembles ergaben einen runden, in sich stimmigen, sehr romantischen Abend. A propos „romantisch“. Ich möchte an dieser Stelle auf den Artikel von Wilhelm Sinkovicz, erschienen  in der „Presse“ vom 11. November 2018, hinweisen, wo er unter dem Titel „Die Sehnsucht nach dem Schönen, die Angst vor dem Kitsch“ den Mangel an großen Gefühlen auf der Bühne anmahnt. Im Alltag, so Wilhelm Sinkovicz, gieren wir nach mehr Romantik. Auf den Bühnen meiden Regisseure und Bühnenbildner sie oft aus Angst, als kitschig, gefühlig abgeurteilt zu werden. Nun: Legris und die congeniale Kostüm- und Bühnenbildnerin Luisa Spinatelli kennen diese Angst nicht. Gut so! Da darf ein Hain, die Statue des Eros, der Tempel der Diana auf der Bühne sein, da darf Eros in einem sexy Tanger, Diana, Sylvia und alle weiblichen Tänzerinnen in zarten, an die Antike und ihre Feste erinnernden Kostümen tanzen. Oft wird man an die Tableaux von Antoine Watteau erinnert, dann wieder an Ausschnitte aus pompejanischen Wandgemälden oder an Gruppierungen, wie sie gerne John Neumeier auf die Bühne bringt. Manuel Legris ist ja ein bekennender Bewunderer von John Neumeier.

Die Rolle der Nymphe Sylvia ist Olga Esina wieder einmal auf den Leib geschrieben. Sie ist fähig, die subtilsten Regungen auf ihre Bewegungen zu übertragen. Niemals absolviert sie nur eine „Performance“, sondern zeigt, was an Gefühlen der Figur innewohnt.

Credits: Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

Sylvia ist eine treue Gefährtin der Göttin Diana, die von sich selbst und von Sylvia totale Abstinenz in Sachen Liebe verlangt. Katevan Papava gibt die Diana als stolze, unter ihrer Lieblosigkeit leidende Göttin ganz ausgezeichnet. Ein Leben ohne ERos? Das kann sich der Gott nicht bieten lassen. Er greift ein. Der junge Tristan Riedel ist nicht nur verboten schön, sondern kann auch tanzen! Nun dreht sich alles um Erotik , Lebensfreude. Gestört wird dieses romantische Lebensgefühl von dem „Schwarzen Jäger Orion“, der Sylvia mit sich in sein finsteres Reich entführt. Robert Gabdullin macht seine Sache als Bösewicht recht gut, aber irgendwie fehlt ihm noch ein Schuss gefährlicher Männlichkeit. Die hätte Vladimir Shishov reichlich bieten können. Was wäre das für eine Paraderolle für ihn gewesen! Aber er musste leider krankheitshalber absagen. Sylvia hat gegen Orion ein leichtes Spiel, sie macht ihn betrunken – und husch ist sie verschwunden. Dass alles in einem fröhlichen Bacchusfest endet, ist klar. Eros hat gewonnen, Sylvia darf ihren Hirtenbuben lieben (Jakob Feyferlik recht passend in dieser Rolle), Diana darf den schlafenden,  immer müden Endymion anschmachten, aber nur aus der Ferne.

Großer Jubel im Publikum, Rosen für Esina und Feyferlik, Extraapplaus für den Dirigenten und für Legris.

Weitere Infos: www.staatsoper.at

Puccini: La fanciulla del West
Live aus der Met in New York

Was für ein Abend! Noch nie zuvor hörte und sah man derart intensive Sänger-Darsteller. Allen voran Eva Maria Westbroek als Minnie, die Wirtin der Goldgräberschenke. Sie ziselierte diesen Charakter mit unglaublicher Intensität und Wandlungsfähigkeit. Keine Spur von resoluter Schenkenwirtin, wie  Nina Stemme sie zeichnet. Eher ein Mädchen, das mit seiner treuen Fürsorge um „ihre“ wilden Goldgräber von ihnen allen verehrt und heimlich -eben nur heimlich – geliebt wird. Als sie sich für die Liebe zum Banditen Dick Johnson entscheidet, da wird sie zur liebenden Furie. Wenn auch manchmal in all der Aufregung die Stimme in der Höhenlage schrill wird – sie überzeugt trotzdem voll durch ihr Spiel und Gesang. Wie stark sie in der Rolle drinnen ist, merkt der Zuseher in der Pause, als sie vollkommen erschöpft vom Kampf um Dick ein Interview gibt: sie findet nur schwer aus der Rolle in die wirkliche Wirklichkeit zurück.

Durch ihr intensives Spiel zieht sie auch Jonas Kaufmann mit, der zu Beginn einen eher zurückhaltenden Part hat und auch erst zögerlich in die Rolle des ehrlich Liebenden einsteigt. Beide stimmlich großartig im dramatischen Finale. In dieser Inszenierung reiten sie nicht in den Horizont hinaus wie in der Inszenierung, die in Wien mit Kaufmann und Stemme zu sehen war, sondern gehen langsam gemeinsam in einen rosarot gefärbten Horizont. Die Bande der Goldgräber singen ein wehmütiges Adieu.

Marco Armiliato dirigierte frei, ohne Partitur, immer die Musiker und Sänger im Blick behaltend und brachte die Musik Verdis in allen Feinheiten zum Schwingen.

Ein Abend, wie man ihn selten an der Met erlebt!!!

Le nozze di Figaro
Wiener Staatsoper 12. Oktober 2018

Schade um die schönen Stimmen! Erwin Schrott als Graf Almaviva, Chen Reiss als Susanna, Riccardo Fassi als Figaro und Svetlina Stoyanova als Cherubino bemühten sich redlich, diese Burleske mit Anstand über die Bühne zu bringen. Der Dirigent Sascha Goetzel ebenso. Aber was konnten alle gegen eine platte Burleske-Inszenierung tun? Jean Louis Martinotys Regie und Hans Schavernochs Bühnenbild machten aus der zauberhaften Erotikkomödie ein plattes Lustspiel. Ich dachte mit Wehmut an die Klaus Guth-Inszenierung der Salzburger Festspiele.

Ballett „Giselle“ nach der Choreografie von Tschernischova an der Wiener Staatsoper

Giselle ist ein heikle Rolle – sie verlangt von der Tänzerin Einfühlungsvermögen und ein Gespür für „too much“. Nur die besten Ballerinas haben sich an diese Rolle gewagt und darin reüssiert, zum Beispiel Anna Pawlowna Pawlowa. Und Olga Esina in dieser Rolle ist ein unübertroffenes Tanzwunder! Ihre Interpretation ist feinsinnig, jede kleine Geste spricht von der romantischen Liebe dieses Mädchens, die von Herzog Albrecht – wunderbar getanzt von Roman Lazik – so schmählich verraten wird. Was ich an der Interpretation Esinas so mag, sind die hauchzarten Pausen, die sinnlich langsamen Bewegungen – da werden keine Choreografien „heruntergetanzt“ -und ihre reife Ausdeutung der Liebe über den Tod hinaus. So manch einer/eine mag sagen, das alles ist romantischer Mumpitz – aber nur einer, der Esina nicht tanzen sah, kann so reden!!! Das Publikum empfing sie mit Auftrittsapplaus, und man spürte fast körperlich die Spannung im Zuschauerraum – aber auch im ganzen Ballettensemble. Denn fast schien es, als ob Esinas Präsenz auf alle überging. Denn keine/ keiner schluderte. Die Anspannung, gut zu sein, herrschte wie ein ungeschriebenes Gesetz. Deshalb mag man mir verzeihen, wenn ich nicht alle tollen Tänzer/innen hier aufzähle. Denn alle, wirklich alle, tanzten, als wären sie von einem geheimen Antrieb zu Höchstleistungen angespornt.

Nun zu Olga Esinas Rolle im Einzelnen: Sie tanzt das junge Mädchen, das von Leid nichts weiß und sich mit vollem Überschwang in den Herzog verliebt, ohne zu ahnen, wer er ist, mit Grazie und Zartheit. Als sie miterleben muss, wie er sie vor der Hofgesellschaft verleugnet rast sie in den Wahnsinn. Diese Wahnsinnsszene muss man gesehen haben: verletzlich, ohne übertriebene Raserei tanzt sie tief verletzt in den Tod.

Dann ihre Bitte an die Königin der Wilis, Herzog Albrecht zu verschonen. Ihr Tanz ist Gebet – anders lässt sich das nicht ausdrücken.

Ein ganz großer Ballettabend!!! Viele Applaus und Standing Ovations für alle, auch für Ermanno Florio, der sehr einfühlsam dirigierte.

Wiener Staatsballett: Ein Sommernachtstraum. Volksoper

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Unterhaltsam, kraftvoll, witzig, seine Sprünge gut in der Rolle fixiert, seine Mimik und Gestik als Puck voll erfüllend war an diesem Abend: Richard Szabo. Er sorgte dafür (mit den kleinen Glühwürmchen-Elfen) dass das Publikum bei der Stange blieb und die endlos langen und langweiligen Gruppentänzchen – alle recht brav vom Corps de Ballet ausgeführt – geduldig ertrug. Die Langeweile ein wenig aufgelockert hatte das Bühnenbild von Sandra Woodall. Geheinisvoll und fast nicht deutbar blieb jedoch die braune Wand mit einem antiken Relief – was genau, war nicht auszumachen, ist wohl als griechisches zu deuten gewesen. Ulkig war die Gestiksprache: Alle Thebaner ahmten gleichsam die eckigen Bewegungen und Kopfstellungen dieser antiken Relieffiguren nach, die anderen führten untereinander eine Art von Comic-Zeichensprache. Gespannt war man auf das Paar Oberon und Titania, getanzt von Vladimir Shishov und Ketevan Papava – eigentlich ein Traumpaar. Doch Shishov wirkte müde, Papava sehr bemüht, ihre Choreografie exakt auszuführen. Die Seele fehlte. Obwohl Jorma Elo  für diese aus dem Jahr 2010 stammende Choreografie einige Preise einheimste, überzeugt sie heute nicht mehr.   John Neumeier machte es mit seinem „Sommernachtstraum“ (Choreografie 1977) märchenhaft und  gültig vor.

Andreas Schüller dirigierte das Orchester der Volksoper ziemlich laut bis unsensibel.

Festspielhaus St. Pölten: Acosta Danza und das Tonkünstler Orchester Niederösterreich: Carlos Acosta a Celebration

In dem 4-teiligen Abend konnte die weltbekannte Gruppe „Acosta Danza“ ihre Vielseitigkeit unter Beweis stellen.

In „Punta a Cabo“ bringt die Gruppe ihre Stärke im Streetdance à la Westside-Story an. Unter der Choreographie von Alexis Fernandez erlebt man vor der Videowand, die vielleicht Havanna und die Promenade El Malecon zu verschiedenen Tageszeiten zeigt, die vitalen Jungen von Havanna, ihr Alltagsleben zwischen Streit, Verliebtheit, Disco. Alles unter dem Motto: Tanz ist Ausdruck der Lebensfreude.

Höchstspannung in „Fauno“. Nach der Musik von Débussy „Prélude à l’après-midi d’un Faune“ , raffiniert gekreuzt mit der Musik von Nitin Sawhney entwickelt Sidi Larbi Cherkaoui eine wild-tierische Choreographie.  Carlos Luis Blanco und Zeleidy Crespo legen einen fulminanten Sexkampf hin, der an Riesenkraken denken lässt. Was für ein Unterschied zur Interpretation von Njinsky und Nurejev, die beide einen unter dem Tier-Mensch – Dasein leidenden Faun tanzen und in Noblesse und Eleganz den Coitus mit einem Schleier der Angebeteten vollziehen. Ganz anders nun Blanco als Faun und Crespo als sexhungrige Kraken, die sich gegenseitig verschlingen. Noblesse adé, Chapeau vor dieser Tanzleistung!

Zur Erheiterung: „Rooster“ unter der Choreografie von Christopher Bruce läuft eine heitere Show der 60er Jahre ab: Die Männer gebären sich wie eitle Gockeln, angelockt von den kindlich-vampirhaften Mädels. Spaß und Ironie zur Musik der Rolling Stones!

Nach der Pause dann „Carmen“ – in einer inhaltlich erweiterten Choreografie von Carlos Acosta. Er lässt Carmen und Don José für eine Weile ein bürgerliches Liebesglück vor einem roten Samtbett und Kommode tanzen. Dieser Traviataverschnitt wirkt eher peinlich. Vielleicht auch etwas zu viel: der tanzende Stier als böses Element. Die Tänzer leisten gute Basisarbeit im Ballett, sind aber besser im modern Dance. Interessant war es, Carlos Acosta himself als Escamillo tanzen zu sehen.

Paul Murphy führte die Tonkünstler versiert und sicher durch die Musik von Débussy, Sawhney, Bizet – gemischt mit Musik Rdion Shchedrin und Martin Yates.

Begeisterter Applaus!

Staatsoper: Solistenkonzert Günther Groissböck. Am Flügel Gerold Huber

Nicht gerade häufig ist Günther Groissböck an der Staatsoper zu hören. Als König Heinrich im Lohengrin zum Saisonende und vor Jahren als Wassermann in Rusalka. Daher war der Liederabend eine gute Gelegenheit, diesen exzellenten Bass wieder zu erleben. Im ersten Teil waren die „Vier ersten Gesänge“ von J. Brahms und Robert Schuhmanns „Liederkreis op.39“ zu hören. Keine leichte Kost, geht es doch um Tod, Verlust, Trauer. Groissböck lieferte eine feinsinnige Interpretation. Aber offensichtlich hatten viele aus dem Publikum etwas anderes von dem Sänger mit dem voluminösen Bass erwartet – mehr opernhafte Theatralik. Wahrscheinlich deshalb war der Stehplatz nach der Pause fast leer und einige Sitzplätze ebenso. Aber: Schadenfroh kann ich sagen: Sie haben versäumt, was sie eigentlich erhofften. Mit 6 Liedern von Tschaikowski auf Russisch, darunter auch Goethes Mignon-Liedvertonung „Nur wer die Sehnsucht kennt“ und 6 von Rachmaninow konnte Grosisböck seinen Bass so richtig aufdrehen. Wer da nicht beeindruckt war, war am falschen Platz. Groissböck bewies, begleitet von dem congenialen Pianisten Gerold Huber – wie man Lieder hochdramatisch gestalten kann.

Nach einem frenetischen Applaus, Bravos und Standing ovations gab es  Zugaben: Paolo Conte, Ti ricordi ancora und  Franz Schuberts „Erlkönig“ . Fazit: Wer zu früh geht, den bestrafen die Götter!

Grafenegg Festival: Sächsische Staatskapelle Dresden: Prokofjew und Mahler

Ein Programmkonzept, das immer aufgeht: Vor der Pause ein Violinkonzert mit einer tollen Geigerin und viel Gefühl, nach der Pause die Wucht einer Symphonie. So vor einer Woche mit der sensationellen Geigerin Hilary Hahn, die das  Violinkonzert von Sibelius spielte und das Publikum intensiv mitnahm, danach Beethovens 5. Diesmal spielte die aus Georgien stammende junge Geigerin Lisa Batiashvili das Violinkonzert Nr.2 von Sergej Prokofjew und danach hörte man die 1. Symphonie von Gustav Mahler mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter Alan Gilbert.

Gleich vorweg: Es war ein rauschhafter Abend, wir, das Publikum, wurden in die Höhen der Musikwelt entführt. Lisa Batiashvili begann den 1. Satz des Violinkonzertes zart, gefühlvoll, dann kraftvoll mit sicherem Strich. Tempo- und Gefühlsweltenwechsel vollzog sich ohne Riss. Alan Gilbert – ein Dirigent, den man gerne öfter erleben möchte – führte das Orchester behutsam, ließ es fein ziseliert unter der Violine spielen. Im 3. Satz dann  stampft, schwingt sich die Musik zu einem wilden Tanz auf, zu dem sich Violine und Orchester glanzvoll vereinen. Für Batiashvili eine Herausforderung, die sie locker mit Bravour nahm. Begeisterung im Publikum. Als Zugabe gab es aus Prokofjews Ballett „Romeo und Julia“.

Nach der Pause dann ertönte die wuchtige 1. Symphonie Gustav Mahlers – eine großartige Leistung des Orchesters und seines Dirigenten. Selten noch wurde diese Symphonie so präzise gespielt, die Pausen effektvoll eingesetzt. Das Hauptthema – der Kuckuck – immer wieder leise perlend, wie Tropfen auf einer Glaswand. Fein eingewoben die Zitate aus dem Lied „Ging heut morgen übers Feld“, oder „Bruder Jakob“. Das Volksliedhafte neben dem Titanenhafte – ein Thema, das Mahler immer wieder ausführt, um den Riss, der durch die Welt geht, zu intonieren. Das glanzvolle Finale mit den im Orchester stehenden Bläsern hatte „Gänsehauteffekt“. Viel Applaus für den großartigen Dirigenten Alan Gilbert und die Sächsische Staatskapelle Dresden.

Eifman Ballett St. Petersburg: Tschaikovsky: Pro et Contra

Der Großmeister des erzählenden Balletts hat wieder eine großartige Choreographie präsentiert!!!! Er scheut sich nicht, das Leben des Komponisten mit packenden Bildern aus den berühmten Balletten „Schwanensee“, Nussknacker“, „Eugen Onegin“ und „Pique Dame“ zu verknüpfen und Rückschlüsse auf das Schicksal Tschaikovskys zu schließen. Tschaikovsky liegt im Sterben, ihn plagen Dämonen, sein Alter Ego drängt ihn zu einer Innenschau. Die Erinnerungen kommen wie ein Sturm über ihn, im Höllentempo verwandeln sich die Figuren der diversen Balllette. Dem Zuschauer bleibt der Atem weg. Wie hält Oleg Markow dieses Tempo bei der Dauerpräsenz  aus? Er ist im 1. Akt fast eine Stunde im intensiven Einsatz, hat keine auch noch so kurze Pause. Wie ein Wirbelsturm ziehen ihn die Gestalten hinein in seine Höhen und Tiefen: Er lernt seine Gönnerin Frau von Meck kennen, die bezaubernde Daria Reznik umschwebt ihn, ist einmal Odette, dann wieder seine Frau, die er nur heiratet, um  der Gesellschaft eine Ehefrau präsentieren zu können und die Gerüchte über seine Homosexualität verstummen zu lassen. Wenn Daria Reznik tanzt, dann ist sie ganz in der Rolle. Ihre Bewegungen scheinen wie ein Hauch zu schweben und doch auch, wenn es notwendig ist,  voller gelebter Tragik und Verzweiflung zu sein. Oleg Markov und Daria Reznik – so ein großartiges Künstlerpaar wünschte man sich an der Wiener Oper!!!! A propos: wann sieht man wieder ein Eifman-Ballett an der Volksoper???

Die Schreiberin fühlt sich außerstande, all die berauschend schönen, eindrucksvollen Bilder zu schildern, die Eifman und seine Compagnie auf die Bühne zauberten. Daher  finde ich es sehr schade, dass es nur drei Vorstellungen gab.

Desaster an der Wiener Staatsoper: Der Freischütz

Wäre noch Joan Holender  Direktor der Wiener Staatsoper, er hätte Christian Räth die Regie für den „Freischütz“ entzogen oder sie ihm gleich gar nicht angeboten. Wie kann man nur aus dieser Geschichte ein so wirres Zeug stricken? Manchmal glaubte ich, der Regisseur macht sich über seine eigene Regie lustig. Die Sänger, allen voran Schager als Max, kämpfen sich tapfer durch diesen Wirrwarr. Ein solches Buhkonzert wie das Team um Räth zu hören bekam, habe ich in der Staatsoper noch nie erlebt. Vielleicht sollte Direktor Meyer doch hin und wieder bei Proben dabei sein, um solch ein Desaster rechtzeitig zu vermeiden. Nach dem Badewannendesaster in „Samson und Dalila“ wieder eine herbe Enttäuschung!

Camille Saint-Saens: Samson et Dalila. Staatsoper . 15. Mai 2019

Wasserschaden in der Staatsoper! Unter der Regie von Alexandra Liedtke ging die schönste aller Opern in dieser Saison baden. Das Liebesduett am Rande der Badewanne! Gott sei Dank mussten sich Garanca und Alagna nicht ausziehen! Dass es dazu noch in das „Badezinmer“ hineinregnete, war wohl nur mehr als Scherz zu verstehen.

Schade um so tolle Stimmen wie Garanca, Alagna und Alvarez!!!

Jacques Offenbach: Hoffmanns Erzählungen. Volksoper

Die vier Stunden waren weg wie nix! Das ist einerseits der Musik Offenbachs zu verdanken, andrerseits dem einfallsreichen Bühnenbild und den witzigen Kostümen von André Barbe. Teils hervorragende Stimmen, wie etwa Josef Wagner in  4 verschiedenen Rollen (Lindorf, Coppelius, Mirakel und Dapertutto) oder Sophia Theodorides als Olympia trugen zum akustischen Vergnügen bei. . Dieser Auftritt hatte es in sich! Abgesehen von ihrer ausgezeichneten gesanglichenLeistung, waren da die Kostüme – besonders das von Olympia – besonders phantasievoll. Es war purer Spaß, wie Theodorides die Performance dieser Rolle hinlegte.Anja Nina Bahrmann war eine bezaubernde Antonia . In diesem Akt vermisste man besonders schmerzlich die französische Sprache. In ihrem Chanson d’amour konnte man sich vorstellen, wie es gewesen wäre, wenn…Ein wenig strapaziert wirkte an diesem Abend Vincent Schirrmacher als Hoffmann. Seine Stimme klang angestrengt. Vielleicht hätte der Dirigent Geritt Prießnitz darauf ein wenig Rücksicht nehmen müssen und nicht derart voll auf die Pauken hauen lassen.

Der Regisseur Renaud Doucet setzte erfreulicherweise auf quirlig-turbulente Unterhaltung. Die Rechnung ging voll auf – das Publikum dankte mit viel Applaus.

Erwin Schrott im Wiener Konzerthaus (2. April 2018)

Da  seine angekündigte Partnerin Golda Schultz krankheitsbedingt absagen musste, bestritt Erwin Schrott den Abend allein. Vorweg: Grandios!

Erwin Schrott ist nicht nur ein glänzender Bass-Bariton, sondern auch eine „Rampensau“ – so nennt man im Fachjargon Künstler, die über eine ungeheure Bühnenpräsenz und Spielfreude verfügen. Schrott kam, sah und siegte mit der Registerarie des Leporello. Siegessicher brillierte er mit Witz, Charme und natürlich mit seiner Stimme! Dann stieg er auf die zweite Rolle um, die ihm auf den Leib geschrieben ist: Mephisto ! Einmal mit der Arie „Le veau d‘ or“ aus Gounods Faust, und zweimal mit Arien aus Mefistofele von Arrigo Boito. Da durfte er so richtig  witzig -böse sein, der Geist, der stets verneint. Kraftvoll-nachdenklich ließ er die Arie des Attila aus der gleichnamigen Oper von Verdi erklingen und nachdenklich, berührend klang das Programm mit der berühmten Arie des Philippe aus Don Carlos: Elle ne m’aime pas“ aus.

Dann gab es noch zwei Zugaben – einen „trockenen“ Tango aus seiner Heimat Uruguai – ohne Instrumentenbegleitung –  und den Schlager „Besame mucho!.

Begleitet wurde er von der Janacek Philharmonie Ostrava unter dem Dirigenten Claudio Vandelli. Sie spielten mit unterschiedlicher Sensibilität – manchmal zu routiniert – Ouvertüren zu Don Giovanni, Philemon und Baucis (Gounod), Les vêpres siciliennes (Verdi) und ein Intermezzo aus Manon Lescaut (Puccini). Der manchmal  heftige Orchesterklang konnte dennoch nie die Stimme Schrotts übertönen. Er war der Beherrscher der Bühne.

Begeisterter Applaus!

Weiter Konzerte im Rahmen der „Great Voices“:

Sonderkonzert Jonas Kaufmann: 13. Mai 2018

Olga Peretyatko: 26. Mai 2018

www.greatvoices.at, www.konzerthaus.at

Rusalka- Wiederaufnahme an der Wiener Volksoper (27. März 2018, 25. Vorstellung)

Das Regie- und Ausstattungsduo André Barbe und Renaud Doucet setzt voll auf Märchen für Kinder. Mit ein wenig erhobenem Finger – nicht der Zeigefinger, gerade nur der kleine Finger: Kinder, Publikum, wenn ihr nicht aufpasst, dann wird der Wald, unsere gesamte Welt so aussehen, wie ihr sie auf der Bühne seht: Entlaubte Wälder, Müll quillt aus schwarzen Plastiksäcken, Elfen wühlen darin und spielen damit. Die Höflinge sind dick, können sich kaum mehr bewegen, oder sind von Chirurgen bis zur Fratze verformt. Nette Idee am Rande: Gesichter mit Schrauben zum Nachspannen der Falten!. Der Mann im Mond radelt in einer Riesenscheibe über den Himmel. Dicke Staubmäuse begleiten die Hexe Jezibaba.

Unter dem schwungvollen Dirigat von Alfred Eschwé rauscht die Musik Dvoraks über Publikum und manchmal auch Sänger hinweg. Mehrzad Montazeris Rollendebüt als Prinz ging anfangs unter der Klanggewalt unter. Carolina Melzer war eine stimmlich und schauspielerisch firme Rusalka. Den Zauber, der von dieser Figur ausgeht, vermisste man an manchen Stellen, was aber vielleicht der Regie anzurechnen ist. Martina Mikelic reüssierte als neue Jezibaba. Wie immer hervorragend: Yasushi Hirano als Wassermann. Nicht unerwähnt sollte die Leistung der Akrobaten als Waldschratten und Waldelfen bleiben.

Insgesamt eine heitere Aufführung, bunt, fröhlich. Ohne tiefenpsychologische Deutung, sondern einfach als Märchen mit einigen pädagogisch gefärbten Mahnungen erzählt.

Ballett „Raymonda“, Wiener Staatsoper. Aufführung: 9. März 2018

 

Dieses glanzvolle Zeugnis des klassischen Balletts mit der ebenso glanzvollen Musik von Alexander Glasunow wurde 1898 in der Choreographie von Marius Petipa im Mariinski-Theater in St. Petersburg mit großem Erfolg uraufgeführt. 1964 adaptierte Rudolf Nurejew es für das 20. Jahrhundert und brachte es 1965 an die Wiener Staatsoper. In dieser Fassung wurde es 1997 wieder aufgenommen und erlebte am 9. März die 48.Aufführung.

Unter dem schwungvollen Dirigat von Kevin Rhodes entfaltete die Musik ihren Glanz. Leichtfüßig, romantisch und dann wieder dramatisch erinnert sie oftmals an eine Operette. Dazu passten auch das  Bühnenbild und die Kostüme von Nicholas Georgiadis: Tücher und Fahnen in Rot bis Godlgelb wehten durch den Bühnenraum und imaginierten ein Schloss. Im Hintergrund blitzten manchmal Feuer und Fahnen der Belagerer auf. Es ist Krieg: Die Sarazenen unter der Führung des Fürsten Abderachman belagern das Schloss, dessen Besitzer auf einem der Kreuzzüge ist. Die Bewohner sind also schutzlos den Sarazenen ausgeliefert. Dennoch tanzt und singt man und bereitet mit großem Aufwand die Hochzeit Raymondas mit dem Ritter Jean de Brienne vor. Wie es im Märchen so geht, verliebt sich der Sarazenenfürst in die schöne Raymonda, wirbt um sie, will sie entführen. Da erscheint als strahlender Held Raymondas Verlobter, rettet sie und tötet im Zweikampf den bösen Sarazenenfürsten. Dann wird Hochzeit gefeiert. Ein Märchen aus dem Mittelalter, das dem Publikum äußerst kulinarisch erzählt wird.

Liudmila Konovalova ist eine bezaubernde Raymonda, Leonardo Basilio ein hübsch anzusehender rettender Ritter. Publikumsliebling Mihail Sosnovschi tanzte den Sarazenenfürsten mit Bravour und dem Stolz, den er der artigen Schlossgesellschaft und ihrem gezierten Benehmen entgegensetzte. Die Sarazenen fungieren in dem Ballett als eine Art „Barbaren“, auf die die adelige Schlossgesellschaft mit Verachtung schaut. Den edlen Bösewicht zu tanzen verlangt vor allem feine Charakterisierung, was in dem Kanon der klassischen Ballettfiguren nicht immer leicht ist. Doch Sosnovschi gelingt es mit kleinen Gesten ebenso wie mit wildem, aufrührerischem Tanz, Verachtung, Stolz, Erotik und Begehren zu  vermitteln. Deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass es beim Schlussapplaus Blumensträuße auf ihn herabregnete. Das ganze Ballettensemble konnte in den Tanzszenen sein Können zeigen und wurde mit viel Applaus belohnt.

Doch zurück an den Anfang:Nach einem voluminösen Vorspiel wird die Szene von der tanzfreudigen Jugend des Schlsosses beherrscht. Alle sind elegant gekleidet und bewegen sich ebenso elegant. Unter ihnen wirkt die zarte Raymonda wie eine weiße Unschuldsflocke, Sie wird mit dem Prinzen in einem „Blind Date“ verlobt, kennt nur sein Bild auf einem Gemälde, das sie jedoch voll entzückt. Dass vor den Toren des Schlosses die Sarazenen lagern und der Untergang des Schlosses droht, scheint niemand wirklich zu stören. Die Parallele zur heutigen Welt mag so manchen im Publikum nachdenklich stimmen. Wunderbar dann der Traumakt. Raymonda schläft bei Lautenspiel ein und tanzt, bedeckt und geschützt unter ihrem Brautschleier, ihre erotischen Sehnsüchte aus.. Zur zarten Harfenmusik tritt der Prinz aus dem Gemälde und die beiden träumen in einem Pas de deux von ihrer Zukunft. Weil eben alles nur ein Traum ist, verwandelt sich die Gestalt des Prinzen in den werbenden Sarazenenfürsten.  – Freud hätte an dieser Szene seine Freude gehabt! Diese Traumsequenzen gehören zu den schönsten des Abends und des klasssischen Balletts überhaupt.

Als der Sarazenenfürst zum Fest zu Ehren Raymondas lädt, entwickelt sich ein interessantes Gesellschaftsabbild, das sich so auch heute abspielen könnte: Seine Einladung wird von der Schlossgesellschaft und Raymonda zunächst mit Verachtung bestraft, dann doch aber angenommen. Wie um  ihm zu zeigen, was ein kultiviertes Fest ist, tanzt man ihm „gesellschaftlich richtiges Benehmen“ vor. Doch mehr und mehr übernehmen die Sarazenen das Tanzparkett, die Musik wird wirbelnder, ausgelassener. Barbarisch, würde die Schlossgesellschaft dazu sagen und drückt es im Tanz aus. Da holt der Sarazenenfürst Raymonda zum Tanz. Zuerst widerstrebend, dann seiner Werbung nachgebend ist sie fast bereit, mit ihm zu fliehen. Doch da erscheint – der strahlende Retter, der Prinz. Selten noch sah man in einem urklassischem Ballett so feine Ironie gepaart mit  Gesellschaftskritik und bewundert, was Nurejews Neubearbeitung im Rahmen des klassischen Figurenkanons alles ermöglicht. Der unausweichliche Zweikampf zwischen den beiden ungleichen Männertypen geht – leider – tödlich für den Sarazenenfürsten aus. Auch diese Szene wird mit viel Ironie gewürzt – : Die hölzernen Riesenschlachtrösser unterlaufen witzig die „Tragik“ der Situation. Nach dem Tod des Bösewichtes darf die Schlsossgesellschaft ausgiebig feiern.

Jubel und viel Applaus!

Weitere Aufführungen mit unterschiedlicher Besetzung: 10., 11. 12. März 2018

Ballett: „Spartacus“ in der Bayrischen Staatsoper München

Was für ein Abend! Spartacus als fliegender Held, der die Schwerkraft leugnet und den Widerstand gegen jegliche Art der Unterdrückung wütend lebt und tanzt. Dessen Augen vor Heldentum glühen, dessen Liebe zu seiner Gefährtin Phrygia sich in erotisch-feinen Figuren materialisiert.

Doch langsam, vom Anfang an! Der römische Sklave und Gladiator Spartacus führte 73 v.Chr. seine Leidensgenossen zum Kampf gegen das römische Heer an und starb nach anfänglichen Siegen 71 v. Chr. auf dem Schlachtfeld.

Dieser Freiheitsheld wurde von der russischen Revolution als Galionsfigur eingesetzt. Man sah in ihm das Inbild des Revolutionärs schlechthin und bald auch  wurde er zur Vorzeigefigur der russischen Ballettästhetik. 1951 bis 1954 komponierte kein Geringerer als Aram Chatschaturjan die Musik nach der Novelle „Spartacus“ von Raffaello Giovagnolli und dem Szenario von Nikolai Volkov. Nach verschiedenen Choreografien und Fehlschlägen gestaltet Yuri Grigorovich, seit 1964 Direktor des Bolschoi-Ballettes, alles neu. Er kürzt radikal, kommt ohne große Gestik und Pantomime aus und konzentriert sich auf den Kampf zwischen dem Freiheitshelden Spartacus und dem dekadenten römischen Feldherrn Crassus. Die jeweiligen Frauenfiguren werden charakterlich deutlich herausgearbeitet: Phrygia, die zärtliche Geliebte des Spartacus, Aegina, die schlaue Verführerin an der Seite des Crassus.

Doch nun zu dem Abend vom 10. Jänner 2018. Da tanzte nämlich den Spartacus kein geringerer als Vladimir Shklyarov, für mich zur Zeit der beste Tänzer im Bolschoi. Wenn er im „grand jeté“ in die Luft aufsteigt, dann bleibt dem Publikum die Luft weg. Denn er scheint nie  mehr auf den Boden zurückkehren zu wollen. Es ist, als ob er für eine kurze Sekunde hoch oben schwebend verharren will. So lange, bis ihn die Schwerkarft zu Boden zwingt. Er tanzt den Spartacus nicht nur mit vollem Körpereinsatz, sondern er ist für die drei Stunden tatsächlich der Freiheitsheld. Seine Augen glühen vor Begeisterung, Zorn, Widerstand oder schmelzen in Liebe zu Phrygia, die von seiner Lieblingspartnerin Maria Shirinkina getanzt wird. Diese Elfenfigur schmiegt sich im pas de deux vertrauensvoll in die Arme des Partners, gleitet mühelos mit ihm von einer Figur in die andere. Nie reißt der Faden der „Erzählung“ ab, nie wird nur „Choreografie getanzt“, sondern sie gleiten durch ihre Gefühle. Ein wundervolles Miteinander.

Um nicht in den Gefühlskitsch abzugleiten, arbeitet Grigorovich Crassus als verweichlichten Widerling heraus. Und den tanzt Erik Murzagaliyev in voller Hingabe an die Lust und das Fressen. Als Feldherr hätte er kläglich versagt, hätte nicht seine schlaue Geliebte Aegina eingegriffen. Prisca Zeisel legt einen Verführungstanz hin, der der Phantasie keinen Raum mehr lässt – lasziv, erotisch, schamlos deutlich.

Das dunkel gehaltene Bühnenbild von Simon Virsaladze entführt uns in eine römische Architektur der Machtdemonstration, wie sie auch später Mussolini, Hitler und andere Diktatoren liebten.

Unter dem Dirigenten Karen Durgaryan spielte das Bayrische Staatsorchester mit spürbarer Lust und Temperament und ließ die Musik Chatschaturkans fast wie zu einem Filmepos aufblühen.

Das Publikum dankte mit Bravorufen und stading ovations.

Weitere infos und Spielplan: https://www.staatsoper.de

 

Vincezo Bellini: I Puritani, Staatsoper Wien

Obwohl es bereits die 63. Aufführung in dieser Inszenierung -über die  nicht mehr zu sagen ist als: düster, statisch, einfallslos – war, war es eine Art >Première. Denn für fast alle Sänger war es entweder ein Rollendebüt oder ein Debüt an der Wiener Staatsoper. Das machte den Abend spannend.

Unter dem Dirigenteb Evelino Pidò wurde die Musik Bellinis zu einem faszinierendem Blütenreigen an Arien, sensibel leitete er das Orchester, immer mit Blick auf die Sänger. Er „ziselierte“ gleichsam jede einzelne Arie zu einem Kunstwerk. Und die Sänger dankten es ihm – alle ohne Ausnahme waren hervorragend. Dmitry Korchak mit seiner strahlenden Tenorstimme begeisterte als Arturo. Bewundernswert, wie er den 3. Akt durchhielt, wo er im Dauereinsatz war! Bezaubernd auch Venera Gimadieva als Elvira. Ihr herrlicher Sopran passte genau zu dieser Rolle. Allerdings hätte ihr ein wenig Hilfe von seiten einer Regie not getan, denn die Partie der durch Schock und Enttäuschung irre Gewordenen gelang ihr zwar gesanglich, nicht aber darstellerisch. Da blieb sie zu starr, statisch.

Begeisterter Applaus und viele Bravorufe, vor allem auch für Pidò und das Orchester.

Weitere Termine: 7. und 10. Jänner 2018

www.wiener-staatsoper.at

 

Ballettabend in der Staatsoper: „Verklungene Feste und Josephslegende“

Da kamen alle Ballettfans und freuten sich über ein Wiedersehen mit einem typischen John Neumeier-Festabend! Und über ein Wiedersehen mit Vladimir Shishov und Mihail Sosnovschi! Beide tanzten schon 2015in den „Verklungenen Festen“ mit unglaublicher Eleganz und Finesse. Die Elegie und Melancholie der Atmosphäre spiegelt sich ganz und gar in der Choreographie – viele sehr langsame, durchaus erotische Figuren. Starker Applaus für die Tänzer, was besonders hoch zu werten ist, da viele im Publikum eigentlich nur auf die „Josephs Legende“ warteten. Doch die „Verklungenen Feste“ sind ideal, um sich von den eigenen Erinnerungen an „verklungene Feste“ einspinnen zu lassen.Die Musik von  Richard Strauss unter dem subtilen Dirigat von Gerrit  Prießnitz tat alles dazu.

Nun denn – zum furiosen 2. Teil des Abends:

Denys Cherevychko tanzte wie schon 2015 den gar nicht so keuschen Joseph – sein eher spärliches Kostüm musste ja Potiphar dazu verleiten, es ihm runterzureißen. Aber erst mal langsam: Joseph wird von Sklavenhändlern an den Hof Potiphars verschleppt. Dort langweilt sich Mrs. Potiphar – herrlich Rebecca Horner – zu Tode und straft ihren erotisch aufgeladenen Ehemann _ Eno Peci – mit Missachtung. Obwohl der eigentlich über weitaus mehr Sexappeal verfügt, ist sie von dem armen – ach so unschuldigen – Joseph total begeistert, umtanzt ihn mit einer Rasanz, scheint ihn dann endlich unter ihren kräftigen Armen zum ersehnten Coitus gebändigt zu haben, als -Pech für beide – der Ehemann dazukommt. Nun wird Joseph ziemlich hergebeutelt, aber bevor er total erschöpft tot umsinkt, holt ihn sein Engel  in himmlische Gefilde. Einst tanzte Kirill Kourlaev bravourös diesen Engel – wo ist dieser Startänzer jetzt? Doch nicht schon in Pension???????????? Jetzt ist es Jakob Feyferlik – sein Engel ist ätherischer, kindlicher -halt eher ein Schutzengerl. Und Potiphar? -Sie tanzt alleine einen wunderbaren Trauertanz. Gerrit Prießnitz führte das Orchester in wahre Furioshymnen und ließ die Musik von Richard Strauss einmal mehr nach allen Regeln aufleuchten.

Ein wahrer Sturm an Applaus brach los. Am Ende gab es standing ovations!

 

Roméo et Juliette. Volkoper

Soll ich schreiben „Oper mit Ballett“ oder „Ballett mit Oper“?  Im Programmheft heißt es lakonisch: „Ballett in zwei Teilen“. Aber Hector Berlioz, von dem die Musik stammt, liebte es, verschiedene Gattungen zu vereinen. Deshalb ist „Roméo et Juliette“ mehr als nur ein Ballett, sondern eben ein Ballett mit Chor und zwei großen Arien – die der Amme über die erste Liebe und die des Priesters San Lorenzo. Und der Anteil des Chores ist auch nicht unerheblich. Deshalb wunderte ich mich, dass die Gesangsstücke nicht übertitelt wurden. Denn es wäre vor allem am Schluss nicht uninteressant zu verstehen, was der Priester nach dem Tod von Romeo und Julia singt. So viel ich verstanden habe, geht es um die Bitte des Priesters, dass Gott den beiden verfeindeten Familien eine friedliche Gesinnung eingebe und diese ihren blutigen Zwist begraben mögen.  Denn in der interessanten Inszenierung, wenn auch manchmal etwas langweiligen Choreografie von Davide Bombana geht es zwar auch um die Liebesgeschichte – sie bleibt der Kern -, aber vor allem um eine Auseinanderseztung zwischen zwei Gesellschaftsschichten:

Die Capulets gehören in dieser Inszenierung eindeutig der reichen, herrschenden Schicht an, die Montagues sind die Unterlegenen. Das wird besonders in den Kostümen deutlich: Die Montagues sind wie Kinder der Straße, wie Gangs gekleidet, die Capulets edel. Der Kampf zwischen den beiden entzündet sich immer wieder, der Hass scheint unüberwindbar. Die Kampfszenen gehören zum Besten in diesem Stück.

Die große Liebesszene zwischen Romeo (Masayu Kimoto) und Julia (Maria Yakovleva) gelingt nur bedingt, da vor allem Romeo noch nicht über die nötige Bühnenpräsenz verfügt. Er tanzt brav, fehlerlos, aber letzten Endes seelenlos.  Maria Yakovleva hingegen ist eine bezaubernde Julia, mit Elan und Leichtigkeit sürzt sie sich in die junge Liebe.

Was am meisten beeindruckt, sind das Bühnenbild, die Lichtregie und die Kostüme. Alles von Gudrun Müller, alias rosalie. Sie starb während der Arbeit für dieses Stück. Ihre Pläne wurden von Thomas Jürgen und Angelika Berger finalisiert. rosalie stellte einen Raum durch Leuchtstäbe her, die sich je nach Stimmung und Ort farblich veränderten. So entstand ein  fast irrealer Raum, passend zu der irrealen Musik von Berlioz und dem Geschehen auf der Bühne.

Eine interessante Figur ist die Königin Mab, getanzt von Rebecca Horner. Mit einer zu Hörnern geformten Perücke, einem Tütü in Blau tanzt sie diese Figur wie ein böses Tier, das, gierig nach Blut und Zwietracht, zwischen den Figuren umherhuscht. Wenn der Priester Lorenzo nach dem Tod der beiden Liebenden die verfeindeten Familien um Frieden anfleht, dann ist sie es, die die sich zögernd bildende Eintracht zerstört und Hände, die sich mit dem Nachbar verbinden wollen, voneinander trennt.

Sehr zum Verständnis der Stückintention tragen die Texte im Programmheft bei. Durch sie versteht man wenigstens teilweise, worum es in den Arien und Chorstücken geht.

Weitere Vorstellungen: 19., 22. und 27. Dezember 2017

www.volksoper.at

 

Great Voices: Rolando Villazon und Ildar Abdrazakov. Wiener Konzerthaus

Ein Raunen ging durch den Saal – er wird absagen!!! Nein, nicht ganz, er – Rolando Villazon – ließ sich nur „ansagen“ – die vornehme Art, dem Publikum verstehen zu geben, dass die Stimme nicht ganz voll da sei.

Also gut, das sind wir schon gewöhnt, Hauptsache, er singt überhaupt. Also Erleichterung. Zur Beruhigung und Einstimmung spielte die „Janacek Philhamronie Ostrava“ unter dem temperamentvollen Dirigenten die Ouvertüre zu „Donna Diana“ von Reznicek. Ein Ohrwurm mit Schwung! Spannung – jetzt kommt Rolando, wie ihn die zahlreich anwesenden Fans nennen. Er strahlt, konzentriert sich und singt die berührende Arie „L´Esule“ von Verdi. Erleichterung im Publikum, das ging ja noch mal gut. Nicht glanzvoll gut, nur gut. Dann – Ildar Abdrazakov, der Urmann, il fusto, wie die Italiener sagen würden. Er singt die Arie des Attila aus der gleichnamigenn Oper Verdis.Ein Sturm an Stimme und Temperament, dieser Attila. Mit wenigen Gesten ist Ildar Attila, schon mit den ersten Tönen hat er das Publikum in seinen Bann gezogen. Und so bleibt es den ganzen Abend: Das Publikum honoriert Rolandos Arien mit freundlichem, manchmal auch mit mehr als freundlichem Applaus, steigert den Applaus nach den Auftritten Ildars ins Enthousiastische. Besonders nach der Arie des Mefisto „Son lo spirito che nega“ von Arrigo Boito. Er fegt mit seiner Stimme über unsere Köpfe hinweg, pfeift als Geist, der stets verneint, auf Gott und alles, was heilig ist. Er pfeift wirklich, fordert das Publikum auf, gegen ihn anzutreten – einige versuchen es, aber sein Pfiff bleibt der stärkste. Längst schon ist klar: Ildar Abdrazakov ist der Star des Abends, das Zugpferd.

Nach der Pause kann Rolando seine Stärke besser einsetzen: Er darf  mit seinem Partner um die Wette spaßen, man überhört gerne, wenn er nicht „voll“ singt, wie etwa in dem Ohrwurm „Musica proibita“.  Mit „Schmalz mit Humor“ servieren beide das bekannte Lied „Schwarze Augen“  und gänzlich reißen sie das Publikum von den Sesseln, als sie mit Witz und Ironie „Granada“ schmettern“. Die 5 Zugaben werden mit standing ovations, Blumen, Vanillekipferln und anderen Liebesgaben belohnt,

Die nächsten „Great-Voices“ -Konzerte – s. unter www.konzerthaus.at

Adriana Lecouvreur (Francesco Cilèa) an der Wiener Staatsoper

Ein Abend der höchsten Qualität! Anna Netrebko als Adriana: Wenn sie die berühmte Arie „Ecco: respiro appena“ singt, dann vergißt man, dass man in der Oper sitzt- sie ist die Magd, die sich der Kunst und dem Künstler, der sie schafft, unterordnet, eine bescheidene Interpretin. In dieser zarten, innigen Arie setzt Netrebko ihr höchstes Können ein: feine, zarte Töne, tiefe, warme, um dann zu strahlenden Höhen aufzusteigen. Ihre zweite große Arie „Poveri fiori“ ist geprägt von Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, – ganz wunderbar wechselt sie zu intensiver Lebenslust, als  Maurizio, Conte di Sassonia, voller Reue zu ihr zurückkehrt und ihr seine Liebe gesteht. Doch zu spät  – Adriana stirbt in seinen Armen nach einem hinreißend schönen Liebesduett. Keine stirbt so schön wie Anna!

Piotr Beczala ist ihr congenialer Partner, mit strahlendem Tenor und sicherern Höhen singt er den Conte.

Die herrlichen Melodien dieser Oper brachte das Wiener Staatsopernorchester unter Evelino Pidò voll zur Geltung.

Blumenregen und minutenlanger (12?, 15?) Applaus.

www.wiener-staatsoper.at

Matthias Goerne/ Alexander Schmalcz: Winterreise. Festspielhaus St. Pölten

Der Liederzyklus nach den wunderbaren Texten von Wilhelm Müller ist für jeden Liedsänger eine Herausforderung. Matthias Goerne, zur Zeit einer der besten, wenn nicht überhaupt der beste Interpret der „Winterreise“, bewies wieder einmal seine hohe Liedkunst und sensible Interpretation. Begleitet von dem hervor-ragenden Pianisten Alexander Schmalcz führte er sein Publkum in die tiefsten Tiefen, dort der Tod das Leben bedroht, vielleicht auch sanft in eine andere Zeit und in ein anderes Sein hinüberführt. Doch etwas lief irgendwie unrund. Ich hatte gleich das Gefühl, Goerne steigt nicht voll ein. Dann -vor dem „Lindenbaum“ – unterbricht er, weil er sich von dem Geräusch der Klimaanlage gestört fühlt und er sich nicht konzentrieren könne. Er eilt hinaus, kommt lange nicht wieder, tritt auf, horcht, nein, es passt immer noch nicht. Geht wieder ab. Dann endlich war er zufrieden und konnte sich voll auf die Interpretation konzentrieren. So beginnt er den Lindenbaum zärtlich, unpathetisch, um dann die „kalten Winde“ um so härter blasen zu lassen. Fast schon überirdisch zart  erklingt  das „Irrlicht“. Goerne  spielt mit dem leisen, hohen Ton des I, wenn er das Leben als eines „Irrlicht Spiel“ an den Zuhörern vorbeiziehen lässt. Der abrupte Wechsel von zarter, zärtlicher Imagination und dem Wechsel in die Kälte des Lebens liegt Goerne ganz besonders, etwa im „Frühlingstraum“. Stark und fast frohlockend beginnt „Die Post“. Wenn zunächst das  Herz hoffnungsfroh „aufspringt“, dann bricht es an der Hoffnungslosigkeit, um am Ende nur noch in einer Frage nach der verlorenen Liebe ganz leise zu schlagen. Eine lange Pause leitet das Lied „Die Krähe“ ein. Es rauscht die Todesahnung im Gefieder des Vogels, und die Einsamkeit schlägt über dem Sänger zusammen. Diese unerträgliche Einsamkeit verbindet ihn mit dem „Leiermann“, dessen von niemandem gehörte Melodie durch Matthias Goerne zum Gebet des Lebens wird.

Ein unvergesslicher Abend!

Macmillan/Mcgregor/Ashton – Ballettabend an der Wiener Staatsoper

Der dreiteilige Ballettabend ist ganz der Tradition des britischen Balletts gewidmet und bietet für jeden Geschmack etwas: Den schwungvollen Auftakt macht Kenneth Mac Millan mit seiner Choreographie „Concerto“ nach  Schostakowitsch, Klavvierkonzert Nr.2. Dirigent : Valery Ovsyanikov. Am Klavier hervorragend: Igor Zapravdin, der langjährige Ballett-Korrepetitor an der Wiener Staatsoper.. Ein Reigen in Blau und Lila, interessante Abstraktionen, bei denen es vor allem um die exakte Gleichheit der Gruppe und die tänzerischen Qualitäten der Solisten geht. Denys Cherevychko zeigt seine  ausgezeichnete Sprungkraft,  Nina Polakova und Roman Lazik brillieren mit romantischen Hebefiguren, Alice Firenze legt ein spannendes Solo hin.

„Es folgte“Eden“ -Musik von Steve Reich aus der Konserve – ist ein interessantes Projekt von Wayne McGreor aus 2006. Eden ist kein Paradies, die Menschen sind kaputte Engerlinge, die sich in ihrer Existenz winden. Ein dürrer Baum auf der Bühne, ein Kreis, in dem die Tänzer gefangen sind, alles ein wenig verwirrend.

Den Abschluss bildete das einst vom Publikum favorisierte und durch das Traumpaar Nurejew -Fonteyn zu Weltruhm gelangte Ballett: “ Marguerite and Armand“ – eine Kurzversion des Romans „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas. Jakob Feyferlik ud Liudmila Konovalova tanzten nach der Musik von Franz Liszts Klaviersonate h-Moll das Liebespaar mit voller Hingabe. Dennoch haftet der Inszenierung und der Choreografie etwas leicht Altmodisches an. Aber was soll`s – Liebestragödien sind immer ein Garant für Erfolg.

Lang anhaltender Applaus und begeisterte Bravorufe!

www.staatsoper.at. Nächste Vorstellungen: 10. November 2017 und 8. Juni 2018.

Igor Stravinsky: Petruschka,Movements und der Feuervogel. Ballettabend in der Wiener Volksoper

Ein Abend, an dem das Ensemble des Wiener Staatsopernballetts mit tänzerischer Überzeugungskraft und choreographischen Einfällen brillieren konnte. David Levi, an der Volksoper häufiger Gast, dirigierte mit viel Einfühlungsvermögen die Musik Stravinskys.

Petruschka – Ballettmusik Igor Stravvinsky, 1911

Eno Peci, seit 2009 Solotänzer des Balletts der Wiener Staatsoper und erfolgreicher Choreograph, formte die ursprüngliche Choreographie von Michael Fokin congenial zu einem Thema unserer Zeit um: Aus dem armen Schausteller Petruschka, der an der Grausamkeit des Gauklers und des Jahrmarktpublikums leidet, wird der Lehrer, der von seinen Schülern attackiert, von der Direktorin verhöhnt und schließlich von Frau und Kind verlassen wird. Er verschwindet ins Nichts, aufgelöst und gemartert. Andrey Teterin war ein überzeugender Lehrer, furios in seinem Kampf gegen die wilde und aggressive Horde der Klasse, die  ganz exzellent eine toll gewordener Breakdance – Performance hinlegte. Natascha Meir tanzte die zarte, hilflose Ehefrau des Lehrers, die an dem Berufsstress und der Existenzangst ihres Mannes verzweifelt. Weniger überzeugte Nikisha Fogo als Direktiron. Trotz ihres gelbschwarzen Kostümes (Pavol Juras), das sie als giftig- gefährliches Tier auswies, blieb dieser Effekt aus.

Movements to Stravinsky

Dem ungarischen Trio Andras Lukacs (Choreographie, Bühnenbild), Monika Herwerth (Kostüme), Attila Szabo (Licht) gelang ein außergewöhnlich inniges, ganz auf die Schönheit der Bewegung und des Tanzes ausgerichtetes Ballett. Vor einem silbergrauen Hintergrund schritten, tanzten oder bewegten sich in bewusster Langsamkeit Paare oder vereinzelte Tänzer. In den schwarzen Kostümen, die Teile des Körpers frei ließen, wurden die Tänzer zu emblematischen Figuren. Hell angeleuchtet vor einem schwarzen Hintergrund wurde der Effekt dann farblich umgedreht. Die sehr meditativen Musikstücke (z.B. Pulcinella Suite oder Suite Italienne) wurde von David Levi mit aller Achtsamkeit dirigiert.

Der Feuervogel -Stravinsky 1910

Es durfte auch gelacht, zumindest geschmunzelt werden, obwohl das Thema bitterernst ist. Andrey Kaydanovskiy machte aus dem russischen Volksmärchen eine aktuelle Parodie, Groteske auf das Ringelspiel der Macht. Ivan, in dem lächerlichen Kostüm eines Huhns, verteilt Flyer zur Eröffnung eines Kaufhauses. Verwundert und fasziniert von der Welt hinter den Scheiben des neuen Einkaufstempels, dringt er mit Hilfe des Feuervogels ein und wirbelt Putztrupp, Verkäuferinnen und Waren durcheinander. Schließlich tötet und entmachtet er den grausamen Boss. Aber statt eine neue, menschenfreundliche Führung  einzuläuten, übernimmt er mit dem Mantel des Getöteten seine Strategien: Unmenschlichkeit und Grausamkeit. Der Feuervogel, der ihm bis dahin geholfen hat, verschwindet. Andrey Kaydanowskiy übernahm selbst den Part des Bosses. Sein Tanz drückte Gier, Herrschsucht und am Ende die Verzweiflung des Verlierers aus. Massyu Kimoto entwickelte die Figur des Ivan: aus dem tumben Tor wird der Machtpolitiker. Kaydanovskiy machte aus dem Märchen eine aktuelle Analyse über das Scheitern aller Revolutionen: Niemand ist frei von Korruption, sobald er die Macht in den Händen hält. Für Heiterkeit sorgt der furiose Tanz der Putzfrauen und die traurige Phalanx der Verkäuferinnen. Die Groteske am Rande des Abgrundes erschreckt am Ende durch ihre Aktualität.

Begeisterter Applaus und Bravorufe!

Mein Rat: Unbedingt die Kommentare im Programmheft lesen. Hilft für das Verständnis!

Wiederaufnahme im April 2018. Infos zum Spielplan: www.volksoper.at

 

 

 

 

 

Styne-Laurents-Sondheim: Gipsy. Volksoper

Was kann man anderes über diese Aufführung sagen als: GROSSARTIG! Unter der intelligenten Regie von Werner Sobotka wirbelt ein exzellentes Ensemble in witzigen Kostümen (Elisabeth Gressel) über eine schlichte, aber passend eingerichtete Bühne (Stephan Prattes). Die Musik von Jule Styne ist mitreißend, leider sehr oft von Lorenz Aichner zu laut dirigiert, so dass Maria Happel in ihren Soli die Stirnadern hervortreten und der Schweiß in Strömen rinnt. So sehr muss sie sich plagen, um das Orchester der Volksoper Wien zu übertönen. Dennoch: Maria Happel ist das Zugpferd des ganzen Ensembles, das durch die Bank perfekt besetzt ist.

Rose (Maria Happel) ist eine ehrgeizige Mutter, die ihre beiden Töchter Louise und June zunächst als Kinderstars groß herausbringen will. Livia Ernst als Baby June singt und tanzt wie eine Große, Sophie-Maria Hoffmann spielt gut Baby Louise, die im Schatten ihrer Schwester steht. Doch aus den Babys werden junge Damen, eine neue Show muss her. Verzweifelt reist die Gruppe wie die „Zigeuner“ ( „Gipsy“) von Stadt zu Stadt zu diversen Castings, begleitet vom getreuen Agenten Herbie (großartig Toni Slama), bis schließlich June (als Erwachsene: Marianne Curn) die Truppe verlässt und heiratet. Nun „managt“ Rose ihre unbegabte Tochter Louse (sensibel und beeindruckend : Lisa Habermann). Wenn Rose ihren Song anhebt: „Ich hatte einen Traum“, dann erinnert man sich an den Mann von La Mancha. Beide Figuren verbindet die Verweigerung der REalität und das unbeirrbare Festhalten an einem Traum. Auch musikalisch fühlt man sich an dieses wunderbare Musical aus den 60er Jahren erinnert.

Werner Sobotka gelingt es, einen feinsinnigen Abend auf die Bühne zu bringen, in dem er die Doppelbödigkeit des Stückes zelebriert: Einerseits gibt es Lachnummern zum Brüllen – etwa den Tanz mit der Kuh. Zugleich aber spürt man dahinter die ganze Tragik eines missglückten Kunst- und Lebenskonzeptes und die brutale Härte im Showbusiness.  Über den manischen Hang der amerikanischen Tanzszene zum Kitsch darf ausgiebig geschmunzeltt werden.  Sobotka scheut sich auch nicht, wirklich berührende Szenen bis an die Grenze ausspielen zu lassen, ohne dass es je peinlich wird. Etwa in der Tanzszene zwischen Tulsa (Peter Lesiak) und Louise: Tulsa studiert eine eigene Nummer ein, tanzt auch die fehlende Figur der Frau, merkt nicht, wie sehr Louise diese Partnerin sein möchte. Louises Figur ist neben Rose die zweite großartige Frauenfigur: Vom unbegabten Entlein steigt sie zum erfolgreichen Striptease-Star auf. Die Wandlung gelingt Lisa Habermann mehr als überzeugend. Zum Intensivsten gehören die Szenen zwischen Herbie und Rose: Er liebt sie, hält treu zu ihr und unterstützt ihren „Traum“ so lange, bis sie Louise zwingt, als Stripperin aufzutreten und  ihn im Hochzeitsanzug und mit dem Brautstrauß in der Hand – Rose hat endlich in die Heirat mit ihm eingewilligt – brutal stehen lässt. Die Abschiedsszene gehört ebenfalls zu den berührender Glanzszenen dieser überaus gelungenen Inszenierung. Am Schluss steht Rose in einem schäbigen Mantel vor den Trümmern ihres eigenen Traumes: Was sie von ihren beiden Töchtern abverlangte, nämlich Stars zu werden, war eigentlich ihr Wunsch seit Kindheit an. In verzweifelter Irrealität sieht sie sich am Ende als zukünftigen Star.

Begeisterter Applaus und Bravorufe!

Spielplan und Infos: ww.volksoper.at

Das Pittsburgh Symphony Orchestra und Matthias Goerne in Grafenegg (31.August 2017)

Wieder einmal hat der Wettergott dreingepfuscht, und das Konzert musste vom Wolkenturm ins Auditorium verlegt werden. Wahrscheinlich hatten die  Musiker des Pittsburgh Orchesters und der Dirigent Manfred Honeck sich auf die Akustik des Wolkenturms eingestellt, wo ja so richtig auf die Pauke gehaut werden darf, ohne dass Wände und Ohren bersten. Das Auditorium hingegen fasst wahrscheinlich ein viel geringeres Klangvolumen. Anders ist nicht zu erklären, dass die „Rusalka Fantasy“ von Anton Dvorak, zusammengestellt und bearbeitet vom Dirigenten Manfred Honeck, so überlaut daherkam. Man hatte den Eindruck, einen Hollywood-Dvorak zu hören. Als hätte der Komponist  für einen Rusalkafilm die Musik geschrieben. So laut, so wuchtig und plakativ wurde gespielt und dirigiert. Erst „Rusalkas Lied an den Mond“, zart und innig von einer Solovioline gespielt, konnte mich versöhnen.

Danach Matthias Goerne, dessen „Winterreise“ mit Markus Hinterhäuser am Klavier legendär geworden ist, trotz der (für mich) so störenden Videos von William Kentridge. Ich möchte dazu ein Zitat aus dem Grafenegger Programmheft anführen: „Mahler bezeichnete es als Barbarei, wenn Musiker vollendet schöne Gedichte in Musik setzen. Das sei für ihn, als ob eine meisterhaft gemeißelte Marmorstatue nachträglich von einem Maler mit Farbe übertüncht würde.“ Im Falle der Winterreise wirkten die Videos wie eine Übertünchung. In Salzburg nochmals ein ähnliches Schicksal: Büchners verstörendes Drama „Wozzeck“ und die wuchtige Musik von Alban Berg waren offenbar den Verantwortlichen nicht wirksam genug – es musste wieder Kentridge her, der die Bühne mit seinen Videos zumüllte.   Aber zurück nach Grafenegg:

Diesmal also Goerne ohne Kentridge. Nur mit dem Pittsburh Orchestra unter Manfred Honeck. Orchester und Dirigent waren nicht wiederzuerkennen. Sie wirkten wie ausgewechselt und erwiesen sich als die idealen Partner für Goernes intensive Interpretation der Mahler Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“. Goerne ist ein Sänger, der den von ihm ausgewählten Liedern auf den tiefsten Grund geht und dabei sich selbst nicht schont, seine Seele und seinen Körper in die Musik einflicht bis zur existentiellen Selbstentblößung. Das kann für die Zuhörer oft hart werden. „Ich zieh‘ in Krieg auf grüner Haid, die grüne Haid die ist so weit. Allwo dort die schönen Trompeten blasen, da ist mein Haus von grünem Rasen“- da wird aus dem zarten Liebeswerber ein Todgeweihter. Das Todesmotiv herrscht vor, schaurig im Lied „Das irdische Leben“: Das Kind verhungert, die Not ist zu groß. An die Grenze irdischer Existenz treibt Goerne sich und uns im LIed „Urlicht“. Die ganze Tiefe seines Baritons legt Goerne in die letzten beiden Lieder „Revelge“ und „Der Tamboursg’sell“. Wenn er die Sterbensworte des Tambourgesellen im Raum verklingen lässt, dann herrscht atemlose Stille im Publikum und auf dem Podium. Goernes Gesangskunst ist existentiell.

Es werden mir hoffentlich alle verzeihen, wenn mir für Beethovens 7. Symphonie, die nach der Pause folgte, die Lobesworte fehlen, ich habe sie alle für Goerne aufgebraucht.

Nurejew-Gala 2017. Wiener Staatsoper

Ein rauschendes Fest für Augen und Ohren! Manuel Legris ließ seine „Puppen tanzen“ – und wie! Nach einer eher einschläfernden Introduktion aus Dornröschen ging es in ein „Solo“, das von Kimoto, Szabo und Wielick mit Höllentempo nach Musik von Bach hingetanzt wurde. Man war wach – und das war gut so, denn schon folgte einer der Höhepunkte des Abends: Maria Shirinkina und Vladimir Shklyarow tanzten das Adagio aus „Spartacus“. Nach der intensiven Musik von Chatschaturjan und der Choreographie von Juri Grigorowitsch verschmolzen die beiden in einem innigen-tragischen Liebestanz. Für sie galt kein Gesetz der Schwerkraft, die Liebe trug sie hinweg über das  Leid, der Tanz erlöste sie aus den Qualen alles Irdischen. Selten war ein Paar so aufeinander eingestimmt, es war ein pas de deux der zum Solo für zwei Körper wurde. Beide hatten diese Rollen schon erfolgreich an der Bayrischen Staatsoper getanzt. Berührend war die schlichte Choreographie von John Neumeier. Zur Musik von Bach sang Margaret Plummer ein inniges „Miserere“, es tanzten Nina Tonoli und Jakob Feyferlik. Überschattet wurde die glanzvolle Gala durch den Unfall vonDavide Dato – er stürzte und wurde mit einer schweren Knieverletzung ins Spital gebracht.

IM zweiten Teil sah man Ausschnitte aus „La Bajadère“ (Musik: Marius Minkus). Es gab wohl niemand im Publikum, der von dieser traumhaften Inszenierung nicht begeistert war. So manch einer wünschte, die Wiener Staatsoper würde dieses Ballett wieder einmal komplett auffühen. Wenn Vladimir Shklyraov mit Liudmila Konovalova den Liebestanz im Reich der Schatten tanzt, dann ist man Zeuge, wie der Körper die Schwerkraft besiegt.

Im dritten Teil begeisterten Vladimir Shishov und Elena Vostrotina (als Gast) in der Choreographie von William Forsythe und der Musik von Thom Willems. Als wäre der italienische Futurismus auf die Bühne projeziert worden.  Maschinenmenschen, die nach Berührung gieren. Ganz großes Ballett!

Passend dazu Rebecca Horner in ihrem bereits legendären Solo aus „Le Sacre“ in der Choreographie von John Neumeier.

Der rauschende Schlussbeifall galt jedem einzelnen der Mitwirkenden, dem ausgezeichneten Dirigenten Kevin Rhodes und vor allem dem Chef Manuel Legris.

 

 

 

 

Salzburger Pfingstfestspiele: „La Sylphide“ -Ballett des Mariinsky-Theaters, Petersburg

FürBallettkenner oder auch nur Liebhaber war die Aufführung eine herbe Enttäuschung. Das Petersburger Ballett des Mariinsky-Theaters brachte „La Sylphide“ in der ursprünglichen Fassung aus 1836, nach der Original-Choreografie von August Bournonville. Die Musik des unbekannten Komponisten Herman Severin Lovenskiold (1815-1870) war noch das Beste dieses Abends. Valery Ovsyanikov dirigierte brillant das Mozarteumorchester Salzburg. Nun muss ja nicht jedes Ballett in die Gegenwart und mit einer neuen Choreografie versetzt und getanzt werden. La Sylphide gilt ja als so eine Art „Urballett“ – als die Geburtsstunde einer abendfüllenden Ballettaufführung. Daher hat sich der Besucher auf ein anderes Bewegungs- und Tanzrepertoire einzustellen. Aber es ist halt doch auf die Dauer langweilig und füllt einen Abend nicht aus, wenn die Tänzer Gefühle – und die gibt es in diesem romantischen Ballett zu Hauf – zumeist nur durch Gestik ausdrücken. Da werden die allzu pathetischen  Armbwegungen wichtiger als der Tanz an sich. Zwar sind Kostüme (Irina Press) alle zur Zeit und dem Ort der Handlung (Schottland) passend, die Bühne (Vyacheslav Okunev) spiegelt Romantik pur wider – aber all das genügt heute nicht mehr. Die Handlung ist ein Mix aus Schwanensee und Giselle: Am Abend vor seiner Hochzeit schwebt dem Bräutigam James die Fee Sylphide in den Raum, bezaubert ihn, er vergisst Braut und Hochzeit, folgt ihr in den Wald, erhält von einer hinterlistigen Hexe einen vergifteten Schal, den er Sylphide zum Geschenk macht. Sie stirbt unter Qualen. Trauer und Wehmut am Ende.  Schade – die Tänzer konnten in dieser Choreografie nur einen winzigen Bruchteil ihres Könnens zeigen und hatten sichtlich Mühe mit dem Pathos der Gestik. Olesya Novikova war eine zierliche Sylphide, Philipp Stepin ein etwas biederer James, Igor Kolb eine Hexe aus dem Märchenbuch.

 

 

Der Feuervogel. Ballettabend in der Volksoper

Tänzer der Wiener Staatsoper und Volksoper stellten ihr Regietalent unter Beweis. Für das Publikum war gleich der 1. Teil „Petruschka“ nach der Musik von Stravinsky (Fassung 1947) eine Herausforderung. Eno Peci, allen Ballettfreunden als hervorragender Tänzer bekannt, zeichnete für die Choreographie und Dramaturgie (gemeinsam mit Pavol Juras) verantwortlich. Und er hatte den Mut, ein ganz neues Konzept auf die Bühne zu bringen. Man kann ruhig von einem Regietheaterballett sprechen. „Vor dem Hintergrund unserer gegenwärtigen WElt sehe ich eine Vielzahl von „Petruschkas“ – Menschen, die aus verschiedenen Gründen (sei es die Situation am Arbeitsplatz oder andere) unglücklich sind. “ (So Peci im Programmheft) Von dieser Prämisse ausgehend ist sein Petruschka ein Lehrer, der mit dem Beruf völlig überfordert ist, die Familie vernachlässigt und die Liebe zu seiner Frau verliert. Ein wenig ist man während der Szenen in der Schulklasse an Nestroys „Die schlimmen Buben in der Schule“ erinnert: Es wird gestritten, gerauft, mit Büchern und anderen Gegenständen umhergeworfen. Petruschka ist hilflos. Es nützt nichts, dass er auf die Tafel groß: Miteinander, Respekt und Liebe schreibt. Das Chaos ist unregulierbar. Gewalt bricht aus, als die junge Frau des Lehrers die Klasse betritt. Fast kommt es zur Vergewaltigung. Die Szene löst sich gespenstisch auf, als die Schuldirektorin die Klasse betritt. Tänzerisch großartig: Davide Dato als Lehrer, berührend Nina Tonoli als seine junge Frau und ganz hervorragend Rebecca Horner als Direktorin: halb Schlange, halb weiblicher Dämon – in einem fantastischem Kostüm (Pavol Juras). Nun könnte man einwenden, dass Peci hier alle nur möglichen Klischees bedient, die man so aus der Schuldiskussion kennt. Das ist wahr, aber zugleich bewahrheitet sich ein Satz: Alle Klischess sind in der Realität verankert.

Im Mittelteil des Abends „Movements to Stravinsky“ kann sich das Publikum an einem klassisch choreographierten Ballett erfreuen: András Lukács, Tänzer und Choreograph seit 1999, lieferte ein sehr innige, unaufgeregte Choreographie, in der 6 Paare ihr Können zeigen. Musik aus verschiedenen Werken Stravinskis.

Den Schluss bildete „Der Feuervogel“. Andrey Kaydanovskiy – seit 2015 Halbsolist der Staatsoper und erfahrener Choreograph – unterwarf das alte Märchen einer sehr eigenwilligen Neudeutung: Ivan (Masayu Kimoto) ist ein armer Student, der sich mit Hilfe des Alterego-Feuervogels (Davide Dato) in ein Einkaufszentrum einschleicht, den Besitzer (Mihail Sosnovschi) entmachtet, sich dessen Geliebte (Rebecca Horner) schnappt. Die Stärke dieser Choreographie liegt in den Massenszenen: Herrlich ironisch der Auftritt der Putzbrigade, der Verkäuferinnen und der Kunden. Alles in allem ein regielastiges Ballett mit vielen skurrilen und witzigen Einfällen.

Nicht unerwähnt darf das exzellente Dirigat von David Levi bleiben. Er brachte alle Nuancen der Musik Stravinskis zum Blühen.

www.volkoper.at

Mein Rat an alle zukünftigen Besucher: Unbedingt vorher das Programmheft lesen! Die drei Choreographen erläutern darin sehr klar ihre Ideen.

Weitere Termine: 11., 16., 21., 22., 23., 28. Mai, 2., 7. Juni 2017

 

La Wally. Volksoper Wien

Ein großartiger, atemberaubender Abend! Alfredo Catalanis Oper, bisher nicht allzu oft gespielt, wurde in der Volksoper vom Bühnenorchester der Wiener Staatsoper unter dem fast rauschhaften Dirigat von Marc Piollet und der subtilen Regie von Aron Stiehl erfolgreich auf die Bühne gebracht. Beeindruckend wurde Stiehl von dem Bühnenbildner Frank Philipp Schlössmann unterstützt, der mit seinen riesigen Schwarzweiß-Blöcken das bedrohliche Gebirge als auch die einengenden Mauern eines Gebirgsdorfes – in dem Fall Sölden – kitschfrei in Szene setzte. „Kitschfrei“ ist das richtige, zusammenfassende Wort für die gesamte Inszenierung, die nie auch nur in die Nähe eines Heimatdramas gerät. Von der Wally, wie wir sie aus verschiedenen Filmen kennen, ist diese Wally -hervorragend gespielt und gesungen von Kari Postma – meilenweit entfernt. Bis auf Vincent Schirrmacher, der mit der Rolle des Machojägers Hagenbach nicht so wirklich stimmlich und darstellerisch zu Rande kommt, sind alle anderen Rollen hervorragend besetzt: Eindrucksvoll, jung und berührend zart Beate Ritter in der Hosenrolle als Walter. Ihr Lied gleich zu Beginn nimmt den Tod Wallys schon vorweg. Kurt Rydl als Gutsherr und Vater Wallys ist ein brummiger, strenger Vater. Die schwierige Rolle des Gutsverwalters Stromminger, der Wally verzweifelt und hoffnungslos liebt, löst Morten Frank Larsen grandios. Interessant die aufgewertete Rolle des Infantristen, gesungen und gespielt von Daniel Ohlenschläger: Er begleitet als spiritus operae, als Tod, als Schicksal, als böser Geist, ähnlich einem Mesphisto, die Figuren und lenkt das Schicksal Wallys bis in den Tod. Regisseur Stiehl vermeidet den im Original verlangten Lawinentod, sondern lässt Wally in einer berührend gesungenen Liebesvision gemeinsam  mit Hagenbach in einen sanften Tod gehen. In einem ausführlichen Interview im Programmheft  erklärt Aron Stiehl die Notwendigkeit dieser Änderung.

Silvia Matras meint: Diese Aufführung gehört zu den besten der Volksoper in dieser Saison. Man sollte sie nicht versäumen!

Die nächsten Aufführungen: 20., 23. April, 4., 15., 17. Mai 2017 www.volksoper.at

 

„Onegin“ Ballett von John Cranko. Staatsoper. 4.März 2017

Es war, wie zu erwarten, ein bezaubernd-berauschender Abend. Dieses Handlungsballett nach dem Roman von Alexander Puschkin in der Choreographie von John Cranko hat ja seine Tücken. Besonders für die Figur des Onegin. Schon Shishov hatte damit seine Schwierigkeiten. Denn wie tanzt man einen gelangweilten Schnösel? Cranko operiert da mit allzu übertriebener Gestik. An diesem Abend war Eno Peci in dieser Rolle zu sehen. Auch  er hatte im 1. Akt  mit diesem Problem zu kämpfen. Herrlich gelangen ihm jedoch mit Maria Yakloveva als Tatjana die Traumszene und der Abschied. Hier stimmte die Choreographie und kommt ganz ohne weitausladende pantomimische Gestik aus. Fröhlich jung genießen Natascha Mair und Denys Cherevychko als Olga und Lenski ihre unbeschwerte Liebe. Mair, 2016 zur Solotänzerin avanciert, wird von Mal zu Mals besser. Vorbei sind die Zeiten, in denen sie zwar perfekt die Chreographie abtanzte, aber die Verbindung mit dem inneren Charakter der Figuren vermissen ließ.

Guillermo Garcia Calvo ließ die Musik Tschaikowskis so ordentlich über die Bühne brausen, aber in der Traumszene führte er das Orchester mit großer Sensibiltiät. In der Abschiedsszene differenzierte er perfekt und ließ Anziehung und abrupte Ablehnung deutlich aufklingen.

Lang anhaltender Applaus!

www.wiener-staatsoper.at

Ballettabend/Wiener Staatsoper: „Le pavillon d’Armide“ und „Sacre“/ Premiere

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Foto: Wiener Staatsopernballett, Ashley Taylor

Mit diesem hervorragenden Ballettabend feierte John Neumeier seine  vierzigjährige Zusammenarbeit mit der Wiener Staatsoper. Und es wurde ein gelungenes Fest! Wie immer, wenn John Neumaier für Choreographie, Bühnenbild, Kostüme und Lichtregie verantwortlich ist, entsteht ein Meisterwerk.Unter seiner Führung zeigte das  Staatsopernballett seine Fähigkeit zu extremen Leistungen, nicht nur tänzerisch, sondern auch darstellerisch. Denn Neumeier ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, wofür er Tänzer braucht, die mehr als nur Sprünge beherrschen.

Im „Pavillon d´Armide“ schlüpfte Mihail Sosnovschi in die Rolle des Tänzers Vaslaw Nijinsky – falsch – er war Nijinsky. Mit unwahrscheinlicher Intensität tanzte er den gebrochenen Tänzer, der nach seiner großen Karriere die letzten 30 Jahre seines Lebens im Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen in der Schweiz verbrachte. In wahnhaften Visionen sieht er sich im Ballett „Le Pavillon d`Armide“ mit Anna Pawlowa (Nina Polatkowa) tanzen. Großartig gelingt es Neumeier, die beiden Zeitebenen ineinander zu verweben. Sosnovschi tanzt den kranken Nijinsky mit irrem, starrem Blick. Dazwischen leuchtet der begnadete Tänzer von einst auf. Das war ganz große Tanzkunst! Sosnovschi lässt die Frage nach Technik und Können hinter sich – weil das ja bei einem wirklichen Künstler, der in der Rolle, egal ob Sänger, Tänzer oder Schausspieler, drin ist, überhaupt nicht relevant ist. Unterstützt wurde er von Michael Boder, der die Musik von Nikolai Tscherepnin genüsslich fließen ließ.

Mit einer langen Stille begann der Ausschnitt aus „Sacre du printemps“. Neumeier ließ Paare wie Scherenschnitte langsam über die Bühne schreiten. Im Vordergrund liegt bereits das Opfer, die Leiche. Neumeier geht es nicht um die Geschichte des Rituals rund um ein Frühlingsopfer, sondern um die Vision des totalen Zusammenbruchs. Die Welt steht vor dem Untergang. Menschen werden von einer unbekannten Macht verschlungen, suchen Zuflucht miteinander und ineinander – großartig getanzte Kopulationsszenen, in denen die ganze Verzweiflung und die Suche nach Rettung im anderen herauszuspüren sind. Bilder, wie aus Kriegsfilmen, Menschenskulpturen, die an Rodins „Bürger von Calais“ erinnern. Am Schluss tanzt Rebecca Horner einen Untergangstanz, in dem Selbstzerstörung, Aggression und tiefe Verzweiflung förmlich stumm herausgeschrien werden. Ihr wurde übrigens nach der Aufführung der Titel „Solotänzerin“ verliehen.

Michael Boder dirigiert Strawinsky hart, fast ohne Erbarmen. Das Orchester der Wiener Staatsoper kann beides: Die sanfte Romantik von Tscherepnin und die Härte Strawinskys.

 

Ein Abend, der Geschichte schreiben wird.

 

Verdi, Il Trovatore. Staatsoper – 5.2.2017/ Première

Hinreißende Musik, Ohrwürmer, die man mitsingen möchte. Leider keine Sehwürmer – Sabine Gruber wird mir den Wortdiebstahl verzeihen, den ich aus ihrem Roman „Daldossi“ geliehen habe, Ich gebe ihn bald wieder zurück.

Die wirre Handlung ist ganz unwichtig. Wer jetzt wessen Sohn ist und wen die Zigeunerin Azucena ins Feuer geworfen hat, auch. Im Trovatore geht es um Stimmen, um Folklore, um heftige Musik, die manchmal so heftig laut  wird, dass Herz und Körper sich dagegen auflehenen. Aber durchstehen ist alles. Denn Anna Netrebko ist die Leonora. Und sie zieht die stimmlich guten, aber darstellerisch glanzlosen Kollegen und Kolleginnen wie eine nimmermüde Lokomotive durch das Geschehen. Ihr ist es zu verdanken, dass die Buhrufe für das Team um Daniele Abbado (Regie) nicht noch stärker ausfielen. Denn man fragt sich, wann und wie hat er Regie geführt. Per Skype aus Mailand? Vielleicht kam die Anweisung: Es genügt, schön zu singen, sonst braucht ihr gar nichts zu tun. Nun, das Singen allein ist wahrlich anstrengend, und man merkt es allen an – auch Netrebko. Aber heutzutage gehört zu einem Opernerfolg auch eine gelungene Inszenierung dazu. Und das ist diese wahrlich nicht. Ein langweiliges Bühnenbild (Graziano Gregori), schlechte Lichtführung (Alessando Carletti)  und absolut hässliche Kostüme (Carla Teti). Wenn wiederum die faschistischen Militärs in typischen Uniformen und Stiefeln, Gewehre und Kanonen und eine Marienstatue schleppend über die Bühne ziehen, dann fragt man sich: Wie oft habe ich diese Szenerie schon gesehen?

Fazit: Gute Stimmen, keine Personenführung, einfallsloses Bühnenbild.

Bellini, La Sonnambula. Wiener Staatsoper

Stimmt gar nicht, dass Freitag der Dreizehnte ein Unglückstag ist. Für die Staatsoper jedenfalls nicht. Denn Juan Diego Florez hatte Geburtstag und sang den Elvio – ja wie? er singt ja immer toll – also sagen wir exzellent, schmetterte das hohe C so leicht heraus, als wäre er im Badezimmer. Dazu die Musik Bellinis – gut dirigiert von Guillermo Calvo – und das einnehmende Bühnenbild von Marco Arturo Marelli (Regie,, Bühne und Licht) – also was will man mehr!!! Die liebende Schlafwandlerin war Daniela Fally. Sie ist stimmlich bis auf ein paar scharfe Töne ganz gut, aber in den Schlafwandlerszenen zu real. Ihr fehlt in der Stimme, im Spiel das Magische, Verträumte, wie es die Callas oder die Netrebko in der Arie Ah non credea mirarti hatten.. Fally war einfach ein braves Mädchen, sehr verliebt, träumt von der Hochzeit mit Elvio. Florez als Elvio war stimmlich wie schon gesagt auf der vollen Höhe – ist er eigentlich immer. Aber den schwierigen Charakter dieses Elvio – krankhaft eifersüchtig, Macho, Muttersöhnchen – all das lag ihm nicht besonders. Vielleicht auch deswegen, weil er mit dummen Menschen nichts am Hut haben will. Gut auch Luca Pisaroni als Conte Rodolfo und Maria Nazarova als Lisa.

25 Minuten Applaus, standing ovations und: Wir alle im Publikum sangen aus voller Kehle: Happy Birthday, dear Diego!

 

Cendrillon (Aschenputtel), Ballett in der Wiener Volksoper

Musik: Sergej Prokofjew. Choreographie: Thierry Malandin.

In einer Art riesigen Schuhschachtel – an den Wänden sind sicher mehr als zweihundert Schuhe aufgespießt – tanzt das Aschenputtel( Cendrillon) aus der Asche in den Himmel ihres Prinzen. So könnte man kurz diesen Ballettabend zusammenfassen. Aber das würde der intelligenten und witzigen Choreographie von Malandin nicht gerecht werden. Das Wichtigste an diesen Abend ist nicht das Aschenputtel – brav getanzt, aber ohne Ausstrahlung: Mila Schmidt –  auch nicht der Prinz -Andrés Garcia Torres. Der hat zwar schöne Sprünge und Pirouetten zu bieten, aber ihm fehlt das gewisse Etwas, das ihn begehrenswert macht. Der eigentliche Motor des Abends sind das Trio Infernal, die Stiefmutter und ihre beiden Töchter. Genial getanzt von drei Männern: Die Mutter – herrlich böse, oft auf Krücken drohend sich auf der Bühne umherschwingend: László Benedek. Urkomisch und immer daneben in den devoten Bemühungen um den Prinzen: Samuel Colombet als Javotte und Keisuke Nejime als Anastasie. Die drei mischen den Abend zu einer humorvollen Show auf. Immer, wenn sie antanzen, darf gelacht werden – wenn etwa die beiden Töchter bei einem Tanzlehrer – sehr gut in dieser Rolle: Gleb Shilov – für den Ball Tanzunterricht an der Stange nehmen.  Oder die Ballszenen, wo sie  um die Aufmerksamkeit des Prinzen buhlen. Was wäre das Gute (Prinz und Aschenputtel) ohne das Böse! Nicht nur auf der Bühne!Malandin inszeniert das Böse in den Mittelpunkt des Geschenes hinein, wissend, dass die Szenen mit den Elfen, der Fee, dem Aschenputtel und dem Prinzen allein nicht unbedingt faszinieren, obwohl die Musik unter dem Dirigenten Guillermo Garcia Calvo auch da bezaubert. Alles in allem eine gelungene Aufführung, gerade deswegen, weil dieses Märchenballett ohne Kitschszenen auskommt.

Die nächsten Termine: 16. 22. 26 und 29. Jänner 2017. www.volksoper.at

Hilary Hahn und das Orchestre Philharmonique de Radio France unter Mikko Franck im Wiener Konzerthaus

Natürlich waren alle, wirklich alle gekommen, um Hilary Hahn zu hören. Sie tourt gerade mit Max Bruchs Violinkonzert durch Europa. Eine Musik, von der sie selbst sagt,“ dass sie einem fast das Herz brechen kann und zugleich wie Rock’n Roll klingt, wenn es schneller wird.“ Und so klang es denn wirklich.

Aber zuerst war Maurice Ravels Ballettmusik „Ma mère l´’oye“ (Meine Mutter Gans) zu hören, fünf Kinderstücke, die Ravel für die Kinder des befreundeten Ehepaares Godebski komponierte. Unter dem superben Dirigat von Mikko Franck wurde es ein leichter, märchenhafter Anfang. Da trippelten lautmalend chinesische Hofdamen, flatterten Vögel durch die Konzertluft und flogen Feen an uns vorbei.

Dann trat Hilary Hahn auf. -Obwohl: Sie „tritt nicht auf“. So sagt man zu jemandem, der Starallüren hat. Davon ist die beschiedene, unaufgeregte Hilary Hahn weit entfernt. Schon die ersten Noten, die wir alle gut kennen, schwebten zart durch den Raum, so als wären sie gerade aus ihr geboren. Und plötzlich dann wird Bruch zum „Rock’n Roll Composer“. Dieser schnelle Wechsel, zwischen kraftvoll fordernd und zärtlich romantisch, ist Hilarys Stärke. Sie entstaubte das allzu oft gehörte und bis zum Abwinken ins romantische Gedusel abtriftende Konzert Max Bruchs und ließ es uns neu hören. Von dem Orchester und dem Dirigenten Mikko Franck wurde sie perfekt unterstützt. Lang anhaltender Applaus und begeisterte Bravorufe!

Nach der Pause hörten wir Jean Sibelius, Sympjonie  Nr.2. Da war der geborene Finne Mikko Franck in seinem Element. Sibelius schrieb die Symphonie während eines friedvollen Aufenthaltes an der ligurischen Küste 1901. Der Beginn klingt fast bukolisch. Alles ist hell,nur ein leises Grollen der Trommeln, doch im ersten SAtz siegen die Streicher. Im 2. Satz droht Unheil, bis die Streicher triumphal wieder Frieden bringen. Alles strebt dem emphatischen Schlusssatz zu. Da fordert Mikko Franck vom Orchester alles ab. Aus dem anfänglichen Aufruhr steigen die Bläser siegend empor und bringen kurz pastoralen Frieden. Am Ende steigert Franck die Musik zu einem prunkvollen Sieg, zu einer Apotheose. Wegen dieser siegreichen Coda feierte die Symphonie in der Heimat Triumphe und wurde fast wie eine Nationalhymne aufgenommen.

Das Publikum feierte Orchester und Dirigent mit anhaltendem Applaus.

Wiener Staatsopernballett: Balanchine, Liang, Proietto. 2.11. 2016

Georges Bizet: Symphonie in C

Die  Choreografie von Balanchine ist eine Hommage an das klassische Ballett. Vor einem klaren blauen Hintergrund tanzen die Tänzerinnen in weißem Tüllröckchen und die Männer in Schwarz. Jeder der 4 Sätze wird von einem anderen Solistenpaar,  anderen Solopaaren und dem Ensemble  getanzt. Im ersten Satz „Allegro vivo“ tanzen Natascha Mair und Jakob Feyferlik einen harmonischen Pas de deux. Auffallend ist die Sprungkraft des jungen Feyferlik!

Im 2. Satz „Adagio“ konnten wir endlich nach langer Absenz (wegen Knöchelverletzung) Vladimir Shishov erleben. Seine Bühnenpräsenz ist in diesem Part mit Nina Polakova so stark, dass man wie gebannt der Eleganz seiner Bewegungen zusieht, obwohl er keine atemberaubende Sprünge – wie sonst – vorzeigt. Aber wie er Polakova mit der Sinnlichkeit eines wissenden und in der Rolle sicheren Tänzers durchträgt, das zeugt von ganz großer Klasse.

3. Satz „Allegro vivace“: Hier wird Freude am Tanz geboten, die sich im 4. Satz zu einem zu einem furiosen Abschluss steigert.

 

„Murmuration“ in der Choreografie von Edwaard Liang zu Ezio Bossos Violinkonzert.(Violine: Albena Danailova)

Murmuration bezeichnet die verschiedenen Fromationen der Stare, wenn sie im Winter in den Süden ziehen. Doch man kann auch, wenn man will, darin die Formationen der Menschen in einer Großstadt sehen, die einander begegnen und wieder auseinander triften. Wie auch immer – Musik, Tänzer und die Choreografie führen in eine Art Trance, aus der man nur schwer in die Realität zurückkehren will. Was Roman Lazik in seinen Soloparts und mit Nina Polakova im pas de deux an Traumsentenzen auf die Bühne zaubert,  ist wohl unvergesslich.

Am Schluss die in den Medien mit großen Vorschusslorbeeren überschüttete Uraufführung: „Blanc“ nach der Musik von Mikael Karlsson und Chopin, Prélude und Klavierkonzert Nr.1.

Der Choreograf Daniel Proietto beauftragte den jungen norwegischen Tänzer, Autor und Choreograf Alan Lucien Oyen zu diesem Ballett einen Text zu schreiben. Der Schauspieler Laurence Rupp spricht diesen Text und mischt sich auch unter die Tänzer. Die große Crux ist nun gerade der Text – ein Lamento eines Dichters, der Schreibhemmungen hat – das weiße Blatt Papier (Titel) füllt sich nicht und nicht mit Worten. Im wehleidigen bis pathetischen Ton vorgetragen wirkt der Text eher peinlich, am Rande des Kitsches. Vor allem gelingt Proietto keine wirklich einsichtige Verknüpfung mit dem tänzerischen Geschehen. Ja, man versteht schon, der arme Poet sucht unter den Grazien seine Muse, was aber für eine innige Anbindung an das eigntliche Ballettgeschehen nicht genügt. Und etwas verärgert denkt man: Wenn der einfallslose Poet nichts zu sagen hat, dann soll er doch schweigen.  Doch die Bilder, die Daniel Proietto durch seine romantisch-zärtliche Choregrafie entwirft, machen alles wieder gut.

Während die beiden ersten Teile des Ballettabends vom Publikum begeistert aufgenommen wurden, war der Applaus nach „Blanc“ ziemlich kühl. Nicht unerwähnt soll das kluge und einfühlsame Dirigat von Faycal Karoui bleiben.

Weitere Aufführungstermine: 5. und 18. November. Eine Aufführung, die man nicht verpassen sollte!

 

Don Pasquale, Wiener Staatsoper, 31.11.2016

Freude am Spielen, am Ulk ohne Peinlichkeit, flotte Musik – so kann man den Abend zusammenfassen. Unter dem facettenreichen Dirigat von Frédéric Chaslin, in der bekannten Inszenierung von Irina Brook und auf  der bewusst kitschigen Bühne scherzten Michele Pertusi als Don Pasquale – ein schauspielender Sänger durch und durch – und Alessio Arduini als Malatesta, der Pertusis ebenbürtiger Gegenspieler war. Valentina Nafornita war eine entzückende freche Norina. Einzig Dimitry Korchak als Ernesto stimmte mich ein wenig traurig, da ich an die brillant-ironische Darstellung von Juan Diego Florez dachte. Aber trotz allem legte Korchak eine brave Leistung hin. Ihm fehlen halt das spielerische Talent und die starke Bühnenpräsenz eines Florez.

Salzburger Festspiele: Charles Gounod: Faust

„Rien“ steht in großen Lettern über dem Bühnenbild. Und mehr ist zu dieser Musicalinszenerung von Renhard von der Thannen auch nicht zu sagen. Gute Sänger (Beczala als Faust, Agresta als Marguerite und Ildar Abdrazakov als etwas langweiliger Mephisto).

Salzburger Festspiele: Don Giovanni

Obwohl ich diese Inszenierung schon vor zwei Jahren sah, war ich auch dieses Mal begeistert, als sähe ich sie zum ersten Mal. Einen besseren Don Giovanni als Ildebrando D’Arcangelo gibt es zur Zeit nicht. Mit unglaublicher Bühnenpräsenz und einer Stimme, die wohl am Höhepunkt ist, singt, spielt und ist er ganz einfach Don Giovanni. Einer, der das Leben und die Frauen genießt, sich aus allen schwierigen Lagen herauswindet. Einmal zärtlich, berückend, dann wieder brutal. Luca Pisaroni ist der ideale Leporello: ängstlich, unterwürfig, schlau – eben wie ein Diener Don Giovannsís sein muss. Die beiden verwandeln die Tragödie in eine „Boulevardtragödie“ .Das liegt auch an der tollen Regie und Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf. Er führt die Figuren mit einem Augenzwinkern. Deshalb darf Don Giovanni auch nicht endgültig tot sein. Sondern springt aus der Totenstarre auf und hastet dem nächsten Frauenkittel nach.
Apropos Frauen: Reizend und stimmlich auf der Höhe ist Valentina Nafornitsa als Zerlina, über die anderen Frauenrollen darf geschwiegen werden.
Begeisterter Applaus!

Marie Antoinette. Ballett an der Volksoper.

Aufführung am 23. Mai 2016

In der Neufassung von Patrick de Bana. Diesmal Natascha Mair als Marie Antoinette. Sie tanzt die Rolle als die Jugendliche, das Mädchen, das in diese Ehe von Maria Theresia hineinpolitisiert wird und sich am französischen Hof recht munter zurecht findet, da und dort flirtet und erst im Gefängnis und knapp vor dem Tod durch die Guillotine die Tragik ihres Lebens erfasst. Ein interessanter Vergleich zur Rollenauffassung von Olga Esina, die Marie Antoinette von Beginn an mit einem Hauch von Tragik tanzt.
Interessant übrigens, dass Marie Antoinette und Elisabeth, die Schwester von Ludwig XVI., als einzige in Spitzenschuhen tanzen, was ihre besondere gesellschaftliche Rolle hervorheben soll.
In einem wunderbaren Rahmen aus reflektierenden dunklen Glaswänden (Bühnenbild Alberto Esteban und Area Efimeros) tanzt die Wiener Hofgesellschaft. Marie Antoinette wird von ihrer Mutter -großartig Laura Nistor, die in dieser Rolle debütiert und ihrer Kollegin Rebecca Horner, die diese Rolle ebenfalls tanzt, in Nichts nachsteht – an den jungen Ludwig verheiratet. Mit immer dabei – mit Argusaugen wachend: Maria Theresia. Wie de Bana Maria Theresia als spinnenartige Beobachterin und Sittenwächterin ihrer Tochter sieht, ist neu, verstörend und sehr spannend.
Zunächst ist das Leben für Marie Antoinette am Hof von Ludwig XVI. heiter und unbeschwert- die Kostüme von Agnes Letestu drücken das gut aus – bis die ersten Revolutionsanzeichen in die Hofgesellschaft flattern. Im 2. Akt bricht die ganze Wucht der Revolution über das Paar und den Hof herein – hervorragend choreographiert – und Ludwig wird zur Guillotine geführt. Zurück bleibt Marie Antoinette in Isolation und Verzweiflung. Knapp vor ihrem Tod glaubt sie sich mit Ludwig und Elisabeth vereint, doch das Schicksal führt auch sie zur Guillotine.
Als packende Figuren führt de Bana „das Schicksal“ und den „Schatten der Marie Antoinette“ ein. Sie tanzen zur rasenden Musik von Carlos Pino-Quintana (Auftragskomposition) den Tod, der Marie Antoinette vom Anfang an bedroht. Francesco Costa und Nikisha Fogo brillieren in diesen schweren Rollen.
Noch ein Wort zur Musik: Sie kommt aus der Konserve und ist ein gut zusammengestellter Mix von Rameau bis Mozart und anderen Komponisten, die zu dieser Epoche passen.

„Bella Ciao“. Italienisches Folk Revival im Wiener Konzerthaus

Che serata meravigliosa, splendida! Erinnerungen steigen auf an Feste auf der Piazza des Dorfes, wo gesungen und getanzt wurde. Eben genau diese Volkslieder, die teilweise uralte Lieder des Widerstandes gegen die „padroni“, die „preti“, die „capi“ (Aufseher) und die „gromiri“ (Streikbrecher) waren, Lieder der Sehnsucht der nach Amerika Ausgewanderten nach ihrer Heimat, aber auch heitere Lieder an die Angebetete, freche Lieder an diverse künstliche Schönheiten, die falsche Brüste, Haare, Zähne etc. in der Hochzeitsnacht ablegen. Auf dieses Lied habe ich gewartet, kam aber leider nicht. Vielleicht, weil die Gruppe fürchtete, so manche Lady im Publikum zu erbosen!
Also die Gruppe: drei fantastische Sängerinnen, mit dem richtigen Timbre für diese Art von Musik- heiser, gebrochen, nur manchmal einer heller Glockengesang: Lucilla Galeazzi, Elena Ledda, Ginevra di Marco – und Allesio Lega als männliche Stimmme. Riccardo Tesi gab mit seinem Knopfakkordeon den notwendigen nostalgischen Ton an, Gigi Biolcati legte mit seiner Percussion einen Hauch von Moderne über die Lieder.
Den Auftakt machten sie mit der langsamen Version von Bella Ciao. Frauen ziehen zur Reisernte. Danach die Partisanenversion. Dass dieses Lied 1964 einen handfesten Skandal beim Festival „Dua Mindi“ in Spoleto entfachte, ist verständlich. Denn bis heute hat es seine rebellische Gültigkeit nicht verloren. Tief melancholisch das Lied über das harte, bittere Leben in der Maremma (westlicher Teil der Toscana), wo die Hirten den Großteil des Jahres fern von der Familie bei den Tieren leben mussten. „Maledetta Maremma“, aber dennoch Heimat, die geliebt wird.
Maledetta ist auch die Stadt Gorizia, wo viele Italiener ihr Leben für einen unsinnigen Krieg lassen mussten. Eine deutliche Offensive an das Militär! Berührend auch der Gesang der Frauen, die beschließen, dem Papst ihr Elend zu klagen. Dass es nichts nützen wird, ahnen sie.
Gegen Ende des Abends wurden die Lieder heiterer, das Publikum klatschte begeistert mit. Drei Zugaben – und wir alle tobten vor Begeisterung!!!

Tosca an der Wiener Staatsoper

Wahrscheinlich geht der 9. April 2016 in die Annalen der Wiener Operngeschichte ein! Denn da stimmte bis auf das Bühnenbild aus uralten Zeiten (aber besser ein so verstaubt-konservatives als eine leere Bühne mit Sesseln) alles: Angela Gheorghiu als Tosca verwandelte sich von der kokettierenden, eifersüchtigen Schönen zur wütenden Frau, die sich nur durch einen Mord vor dem gefährlichen Tyrannen Scarpia retten kann. Bryn Terfel als gierig-grausamer Scarpia war von der Figur und der Stimme her ein idealer Teufel. Allerdings für meinen Geschmack zu wenig bedrohlich in der Darstellung. Glanzpunkt des Abends war jedoch Jonas Kaufmann. Seinetwegen war ja die Oper brechend voll. Alle waren wir gespannt, wie er nach fast dreimonatiger Bühnenabsenz singen wird. Ergebnis: Er ist im Spiel sicherer, steigt tief in die Tiefen dieser Rolle hinein, spielt nicht aufgesetzt und einstudiert, sondern ist in der Rolle drinnen. Seine Stimme ist durch die Pause wärmer, sicherer geworden. Und als er ganz leise, in sich und in seinen Erinnerungen versunken „E luvevan le stelle“ begann, da schuf er ein inneres Bühnenbild, eine innere Rückschau auf seine Liebe zu Tosca. Ich vergaß, dass es Oper war, ich sah nicht mehr das öde Bühnenbild, ich war verzaubert. Leider brauste ein tosender Applaus auf, noch bevor der letzte Ton ganz verklungen war, und riss mich brutal in die Wirklichkeit zurück. Eigentlich hätten ein paar Sekunden totale Stille auf diese Arie besser gepasst. Doch das Publikum tobte so lange, bis Kaufmann staunend und leise lächelnd zum Dacapo ansetzte.
Ein über 20 Minuten anhaltender Schlussapplaus schloss alle Beteiligten ein, auch den Dirigenten Mikko Franck, der nach dem ersten Akt noch einige Buhrufe einstecken musste.

Le Corsaire. Ballett. Wiener Staatsoper

Manuel Legris weiß um die Publikumswirksamkeit des Handlungsballetts. Vielleicht ist die Zeit reif, und man hat sich an den abstrakten Tanzperformances schon ein wenig satt gesehen. Im „Corsaire“ ist Legris für Musikauswahl (Adolphe Adam u.a.) und die Choreografie zuständig. Luisa Spinelli liefert dazu farbenprächtige Kostüme und zauberhafte Tableaus. Insgesamt eine opulente, sehr unterhaltsame Aufführung.
Dass Vladimir Shishov verletzungsbedingt ausfiel, war für seine Fans – zu ihnen zähle auch ich mich – natürlich schade. Aber Robert Gabdullin war ein würdiger Ersatz als Corsaire. Nicht nur sprungsicher, sondern auch einfühlsam im Pas de deux mit Liudmilla Konovalova als Medora. Der Abed gehörte aber Mihail Sosnovschi als durchtriebener Sklavenhändler Lanquedem. Wie er die schöne Gulnare – getanzt von der zauberhaften Kiyoka Hashimoto – dem gelangweilten Seyd Pascha als Sklavin anbietet – das tut fast körperlich weh. Wie eine Schale – wenn auch kostbar – legt er sie kriecherisch dem Pascha zu Füßen. Hart, klar und unbeugsam. Lanquedem tanzt den Part des Mannes, dem Frauen nur Waren sind, so intensiv, dass man nicht unberührt bleiben kann. Überhaupt ist das Thema des Balletts ziemlich eingängig: Frauen sind Ware, müssen schön sein, sonst sind sie nichts wert. Das schreibe ich jetzt nicht als Emanze – das bin ich sicher nicht, sondern als weibliche Zuschauerin.
Legris hält die Spannung zwei Akte lang gut durch. Im dritten jedoch strapaziert er die Geduld der Zuseher über die Maßen, wenn er von den Kleinsten der Ballettschule bis hin zu allen Halbsolistinnen alle einen Blumentanz aufführen lässt, der gerade nur als Referenz an die Ballettelevinnen gelten kann. Die Länge macht den Schluss zunichte.
Ein Wort noch zum Dirigat: Valery Ovsianikov atmet mit den Tänzerinnen und Tänzern. Sein aufmerksamer Blick gilt ihnen. Dadurch bewirkt er eine hörbare Einheit zwischen Tanz und Musik.
Lang anhaltender Applaus.

Il re pastore, Konzerthaus Wien

Zu einem netten Gschichterl hat der 19jährige Mozart eine künstlerisch reife Musik komponiert,um ERzherzog Maximilian, einen Sohn Maria Theresias, gebührend zu feiern. Wenn es darum geht, einen hohen Gast als weisen und gütigen Herrscher auf die Bühne zu bringen, dann muss oft Alexander der Große herhalten. Dieser installiert den Hirten Aminta als rechtmäßigen König, verpasst ihm gleich dazu eine Gattin. Doch wie das so ist, liebt Aminta eine andere, nämlich Elisa, und willigt recht wenig begeistert in eine Ehe mit der Prinzessin Tamili ein. Die ist auch nicht von diesem Arrangement begeistert, liebt sie doch Agenore. Als Alexander erkennt, was er da angerichtet hat, kehrt er den einsichtigen, gütigen und weisen Herrscher hervor und lässt die richtigen Paare zusammenkommen.
Der Abend begann mit Bangen, denn Rolando Villazon, der ja das Zugpferd des Abends und des Kartenverkaufs war, ließ sich ansagen. Aber wir alle, die gekommen sind, um ihn endlich auch einmal in Wien zu hören – der Direktor der Wiener Staatsoper scheint ja den Bannfluch über diesen so beliebten Sänger verhängt zu haben – waren dennoch von seiner Bühnenpräsenz begeistert. Denn wie so oft, wenn Villazon mit einer Infektion kämpft und dennoch auftritt, macht er eventuelle Stimmprobleme mit komödiantischem Einsatz wett. So auch an diesem Abend. Sein Schmelz in der Stimme war dennoch zu hören, wenn auch einige Male die Stimme nicht so recht gehorchen wollte. In seiner Rolle als Alexander spielte er eher einen kumpelhaften Herrscher. Als besonderen Gag des Abends trat er mit einer Schüssel Weintrauben auf, die er während seines Auftritts an seine Mitsänger-Innen und an die Damen im Publikum verteilte. So sorgte er für Schmunzeln und Lachen und gerne vergaß oder überhörte man eventuelle Stimmschwächen. Das Publikum liebte ihn und dankte ihm mit Blumensträußen, die er -wie so oft -vor den Augen der Spenderinnen gleich zerpflückte und an seine Truppe weitergab.A propos Truppe. Die war vom Feinsten! Allen voran Martina Janková als Hirte Aminta und späterer König. Bezaubernd auch Regula Mühlmann als seine Geliebte. Les Arts Florissants wurde von William Christie einfühlsam dirigiert.

Es war der dritte Abend in der Reihe „Great Voices im Konzerthaus“.
Weitere: Angela Gheorghiu am 25.5. und Beczala & Sonya Yoncheva am 19.6. 2016.
Infos:www.greatvoices.at und www.konzerthaus.at

Andrea Eckert: Zum Weinen schön, zum Lachen bitter. Theater Akzent

Wie der Titel verspricht: Es war ein Abend zum Be- und Nachdenken, ein Abend zum Schmunzeln und zum Lachen. Selten sah man Andrea Eckert so witzig, komisch und gleich darauf verzweifelt, bis in die Seele betrübt und verstört. Sie brachte Lieder und Texte von jüdischen Autoren, die entweder vor den Nazis ins Ausland flüchteten oder im KZ umkamen. Ohne Bitternis, ohne Vorwürfe. Die Sehnsucht der ins Ausland Geflüchteten hörte man, die unbeugsame Freude am Leben, den hinterlistigen jüdischen Witz. In den komischen Szenen spürte man deutlich, wie das Publikum begeistert mitging. Etwa im bekannten Song „Benjamin, ich hab nichts anzuziehen“ oder in dem bezaubernden Lied über eine Kleptomanin „Schatz, ich kann nicht sehen, wenn wo was steht..“
Zusammen mit André Heller stellte sie das Programm zusammen, einfühlsam am Klavier begleitet von Benjamin Schatz.
Mit drei Zugaben, unter anderem mit dem Wienerlied „Mei Muatterl war a Weanerin“, das ihr Frederic Morton bei jedem New York-Besuch mit Tränen in den Augen vorspielte, wie sie erzählt, begeisterte sie das Publikum total.

Am 7.8.9.14.22.23. April wird Andrea Eckert im Metro Kino in Wien wieder in ihrer legendären Rolle als Callas in „Meisterklasse“ zu sehen sein. .
Weitere Infos: www.andrea-eckert.com
Programminfo Theater Akzent: www.akzent.at

La Traviata in der Volksoper

Diese Traviata muss man gesehen, gehört und erlebt – mitgelebt haben! Nicht nach, sondern neben Netrebko ist Rebecca Nelsen die beste Violetta weit und breit am Opernhimmel. Ihr Stimme, ihre Darstellung reißen mit. Da kann niemand unberührt bleiben. Klug und einfühlsam wird sie von der Regie und dem Bühnenbild (Hans Gratzer) und einer subtilen Lichtführung (Frank Sobotta) unterstützt.
Schon vor Beginn der Oper sehen wir sie in einem leeren Raum auf dem Krankenbett liegen. Regungslos. Nur einmal hebt sie sehnsuchtsvoll die Arme nach einer Kindfigur mit Ball (Tod? – Leben? -ihre Kindheit?). Fast immer ist die an sich leere Bühne durch einen grauen, sehr transparenten Vorhang geteilt. Davor leidet, liebt und stirbt Violetta in totaler Einsamkeit, isoliert auch in der Liebe und erst recht im Tod. Hinter dem Vorhang ist die Welt, die Gesellschaft. Alfredo, gesungen von dem Koreaner JunHo You, agiert nur selten mit Violetta gemeinsam vor diesem Schleier. Meist lässt der Regisseur ihn dahinter singen. Selbst während der Liebes- und Sterbeszene bleibt Violetta allein an der vorderen Bühne. Alfredo steht statuenhaft hinter dem Schleier. So werden ihre abgrundtiefe Einsamkeit und Verzweiflung auch szenisch klar gezeigt. Rebecca Nelsens Gesang und Spiel ist außerdem derartig stark, dass JunHo nur schwer neben ihr bestehen kann. Denn darstellerisch ist von dem Koreaner nicht viel zu erwarten. Wenn auch seine Stimme im Laufe des Abends immer überzeugender wirkt, bleibt er neben der glutvollen Violetta ein steifer Stock. So ist es gut, wenn er hinter dem Schleier singt und agiert. Fast hat es den Anschein, als wollte der Regisseur dem Alfredo eine gewisse Distanz einschreiben.
Großartig gelingen die Massenszenen. Immer wieder mischt sich in die feiernde Gesellschaft eine Gruppe von Figuren wie aus der Comemedia dell‘ arte. Alle tragen weiße Totenmasken und tanzen einen makabren Veits- oder Totentanz. Einfallsreich und beeindruckend gelingen auch die Szenen mit den Zigeunerinnen und die Parodie auf die Liebe des Torerors zu seiner Angebeteten. Nicht unerwähnt soll Ales Jenis als Vater Germont bleiben. Er ist zuerst ein rigoroser Patriarch und am Ende ein zutiefst Bereuender. Unter dem erfahrenen Dirigenten Alfred Eschwé erklingt Verdis Musik wie neu gehört. Und das, obwohl es die 133. Vorstellung war!
Die ganze Inszenierung ist einem eingängigen, klugen Konzept unterworfen, das da heißt: Diese Violetta ist vom Anfang an dem Tod anheim gestellt. Und nichts, weder die schalen Freuden der Gesellschaft, noch die Liebe kann sie retten.
Begeisterter Applaus des Publikums.
Silvia Matras empfiehlt diese Inszenierung sehr!!

Onegin. Ballett, Choreografie John Cranko. Wiener Staatsoper

Kurz und bündig: Es war ein großartiger Abend! Die Leistungen der Tänzer durchwegs beeindruckend und in manchen Szenen auch sehr berührend.
Ein transparenter Vorhang mit dem Porträt Puschkins, auf dessen Versroman die Geschichte basiert, lässt den Blick auf eine heitere Gesellschaft frei, die sich unter hohen Birken tänzerisch vergnügt. Besonders glücklich und frühlingseuphorisch ist das Paar Olga – ganz bezaubernd und jugendlich frisch von Natascha Mair getanzt – und Lenski (sehr überzeugend Davide Dato). Der Gesellschaft ausweichend und in ein Buch vertieft sitzt Tatjana – Ketevan Papava – und träumt von Eugen Onegin (Wladimr Shishov). Dieses Paar in seiner ganzen Tragik und Intensität kann nicht besser getanzt und gespielt sein – ja, auch den Balletttänzern verlangt man schauspielerische Fähigkeiten ab -als von diesen beiden. Vielleicht gelingt der sehr schwierige Anfang etwas zu stark akzentuiert: Onegin als eitler Langeweiler, den die Gesellschaft und Tatjana anöden, stolziert zu betont gelangweilt über die Bühne. Aber da ist zu bedenken, dass für Langeweile kein geeignetes Tanzrepertoire zur Verfügung steht. Der Eindruck löst sich sofort, als die beiden in der Traumsequenz ihre Liebe zueinander entdecken. Aber eben nur im Traum. Das bittere Erwachen bleibt Tatjana nicht erspart, als Onegin ihren Liebesbrief vor ihren Augen zerreißt. Die heitere Gesellschaft wird durch die Duellforderung Lenskis in alle Winde zerstreut. Berührend ist Davide Datos Solo vor dem Duell – die Zweifel und die Verzweiflung setzt er in eine fast träumerische Tanzsequenz um.
Zehn Jahre später: Tatjana hat Fürst Gremin (mit der nötigen Würde von Kirill Kourlaev gestaltet) geheiratet. Das Wiedersehen zwischen Onegin und Tatjana explodiert in einem zwischen Ablehnung und Hingabe getanzten Pas de deux. Intensiver ist es wohl nicht möglich. Atemlosigkeit im Publikum, dann tosender Applaus.
Immer wieder beweist sich die Stärke eines Handlungsballetts. Trotz ziemlich verstaubter Kulissen zieht die Choreografie John Crankos aus dem Jahre 1965 das Publikum tief in das äußere und seelische Geschehen hinein. Der Großmeister des Handlungsballetts wusste, wie er sein Publikum faszinieren konnte.Die Musik stellte Kurt-Heinz Stolze aus verschiedenen Werken Tschaikowskis zusammen. So entstand ein stimmiges Werk, das bis heute unverändert das Publikum begeistert.