Albrecht Dürer (1471-1528) in der Albertina

„Bildnis eines bartlosen Mannes mit Barett“ (1521)

Dürer verdiente eigentlich den Ehrennamen „pictor doctus“ – in Anlehnung an „poeta doctus“. Mit diesem Titel ehrte man Dichter, deren Bildung allumfassend war. Albrecht Dürer war nicht nur einer der größten Maler seiner Zeit, sondern über die Malerei hinaus interessierte er sich auch für Philosophie, Literatur und Naturwissenschaften.In der Albertina ist nun eine der größten Werkschauen der letzten Jahrzehnte zu sehen. Viele der ausgestellten Exponate bestätigen die vielfältigen Interessen des Genies.

Porträt eines Unbeannten

Diesen umfassenden Überblick von den Anfängen Dürers bis zu seinem Spätwerk kann man nicht während eines einzigen Rundganges erfassen. Daher habe ich als Fotografin, die sich besonders für das Gesicht des Menschen ganz ohne Verschönerung – so zu sagen unplugged – interessiert, nach den Porträts in der Ausstellung gesucht. Es ist das „Bildnis eines bartlosen Mannes mit Barett“, das meine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. In Dreiviertelansicht blickt er mit dem kritischen Blick eines wohlhabenden Mannes an dem Betrachter vorbei. Die gerade Nase und die schmalen, fest geschlossenen Lippen deuten auf Strenge hin. Sorgfältig gelegte Locken, Haar für Haar aufs Feinste gemalt, beweisen einmal mehr die Detailverliebtheit Dürers und seinen perfekten Pinselstrich. Das riesige, schwarze Barett und der kostbare Pelzkragen weisen auf Würde, Rang und Reichtum hin. Es ist der selbstverständliche Stolz, mit dem der Mann dem Betrachter entgegenblickt, der beeindruckt. Und auch seine Anonymität. Sie macht das Porträt geheimnisvoll. Das Spiel mit den Möglichkeiten ist reizvoll. War er ein Kaufmann, ein Literat, ein Jurist? Ich entscheide für mich: Er war ein Jurist, der einen wichtigen Vertrag in seinen Händen hält. A propos Hände: Auch diese sind, wie alle Hände Dürers, bis in die kleinste Ader ausgemalt. Ich stelle fest, dass der Mann auf gepflegte Nägel keinen besonderen Wert legte, was nicht zu dem eleganten Outfit passt. Finger und Nägel gehören eher zu einem, der mit Händen seinen Unterhalt verdient. Also vielleicht doch kein Jurist? Wer immer er war, er war gewisse wohlhabend. Ein Mann ohne Sorgen – so stelle ich ihn mir vor. Man datiert das Bild in das Jahr 1521. Vielleicht hat Dürer es auf seiner Reise durch die Niederlande gemalt. Die Reise gestaltete sich zu einem einzigen Triumphzug. Alle wollten ihn begrüßen, beherbergen. Und eben auch gemalt werden. So mag „mein Jurist“ einer der wenigen gewesen sein, dessen Wunsch Dürer erfüllte. So gesehen ist es das Bild eines glücklichen Mannes.

Die Ausstellung ist noch bis 6. Jänner 2020 zu sehen-

http://www.albertina.at