Oper Graz: Undine, Ballett

Ballett von Frederick Ashton nach Friedrich de La Motte Fouqué. Choreographie: Beate Vollack. Musik: Hans Werner Henze. Dirigent: Giuliano Gaudiano

Henzes Ballettmusik klingt zur großen Überraschung fernab vom gängigen Komponierszenario der 1950er Jahre. Unbeeindruckt von den orthodoxen Gesetzen eines Stockhausen und Nono komponierte Henze eine Ballettmusik, die eher von Tschaikowsky und der deutschen Romantik inspiriert ist. Die Leiterin des Grazer Balletts, Beate Vollack weiß diese Romantik voll in ihrer Choreographie umzusetzen. Guiliano Gaudiano dirigiert mit Subtilität die Grazer Philharmoniker.

Schon das Bühnenbild ist ungewöhnlich (Jon Morell): Undine und die Wasserwesen tanzen und schweben in einem aufgelassenen Schwimmbecken. Es erinnert an alte Bäder aus der Jahrhundertwende und später. Als man wuchtige Hallen baute mit Säulen und Bogen. Die wendigen Wasserwesen schlüpfen geschmeidig durch die im Becken eingelassenen Rundbogenluken, die Begleiter Palemons haben da manchmal Probleme.

Die Geschichte beginnt sehr heutig: Palemon (Christoph Schaller) stößt während einer Party mit Freunden und seiner Verlobten Beatrice (Ann Kathrin Adam) durch Zufall auf dieses leere Becken. Sie vergnügen sich, wie das halt bei so einer Party nach amerikanischem Vorbild üblich ist. Seine Begleiter verschwinden und Undine „taucht“ mit ihrem Vater Tirrenio (Paulio Sóvári) und den Tritonen auf. Beate Vollack teilte die Rolle der Undine auf sieben Tänzerinnen auf, was die Verzauberung und Verwirrung Palemons noch steigert. (Auch die des Publikums). Die Liebe zwischen den beiden wird romantisch ausgetanzt, immer wieder umgarnen die 7 Tänzerinen Palemon. Tirrenio gibt nur widerwillig die Zustimmung zu dieser Verbindung. Palemon muss Treue geloben. Doch das funktioniert in der heutigen Welt nicht mehr so leicht. Treue ist geschwind gelobt, schnell gebrochen. Beatrice hat ja auch sein Versprechen. Sie kämpft um ihn, er ist unschlüssig, weiß nicht, wie er entscheiden soll. Es ist ein Kampf zwischen zwei Weltsichten. Diesen Zwiespalt tragen auch die jeweiligen Begleiter aus: Beate Vollack inszeniert beeindruckende Kampfszenen zwischen der Welt der Tritonen und den Begleitern Palemons. Besonders fällt Paulio Sóvári in diesen Szenen durch seine kraftvolle tänzerische Darbietung auf. Die Stärke dieser Choreographie liegt unter anderem auch an den charakterlich gut durchgezeichnten Figuren. Palemon ist der Wankelmütige, der Träumer, Beatrice eine mutige, sich behauptende junge Frau, das genaue Gegenteil zu den romantischen Figuren der Undine, die wie Traumwesen, unfassbar und nicht zu ergründen und zu begreifen, durch das Wasser schweben. Beate Vollack schuf mit dieser Choreographie mehr als nur ein romantisches Handlungsballett. Sie legt den Finger auf die Probleme der heutigen Gesellschaft: Träumen ist gefährlich, zerstörerisch, Realismus ist gefragt. Insgesamt nicht nur tänzerisch ein interessanter Abend.

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Dirigent: Roland Kluttig. Inszenierung: Sandra Leupold.

Es mutet fast wie ein Wunder an: Alles stimmt in dieser Inszenierung! Die sensible Personenführung und die klugen Regieeinfälle von Sandra Leupold- nie überbordend oder gegen den Sinn -, die musikalische Leitung von Roland Kluttig ganz wundervoll!, die beeindruckende Bühne von Mechthild Feuerstein – klug mit wenigen Akzenten versehen, die Kostüme von Jochen Hochfeld – in die Zeit passend und doch nicht „altvatrisch“! Warum ich das für ein Wunder halte? – Die Erklärung ist einfach: Wir Wiener Opernfreunde mussten uns unter dem „neuen“ Direktor an schockierendes Regietheater gewöhnen, was zu einem deutlichen Besucherschwund führt. Die Lust, in die Wiener Oper zu gehen, nimmt immer mehr ab..

Die Grazer Inszenierung des „Fliegenden Holländers“ überzeugt und begeistert auf allen Linien. Kyle Albertson ist ein Holländer, wie er „im Büchl“ steht und hat tatsächlich Ähnlichkeit mit dem Bild auf dem Hänger, der von oben herabgelassen wird! Er hat nicht nur eine großartige Stimme, sondern spielt auch mit Tiefgang! I,n der Rolle der Senta hat Helene Juntunenzwar nicht alle begeistert (der Applaus war deutlich schwächer als bei den anderen Sängern), aber mir gefiel der metallische Klang der Stimme. Sie nahm der Rolle die peinliche romantische Verklärung, in die Senta in anderen Inszenierung fast automatisch kippt. Da spürt man deutlich die behutsame Führung der Regisseurin! Gleich zu Beginn hebt Mario Lerchenberger mit dem Steuermannslied an und begeistert das Publikum durch seine jungenhafte Stimme. Wilfried Zelinka ist ein staubgrauer, berechnender Vater, der seine Tochter gerne und übereiftig an den reichen Holländer verschachert. Maximilian Schmitt überzeugt als Erik und Mareika Jankowsky als Mary. Die sonst oft verkitschte Oper wird in dieser Inszenierung ein optischer und akustischer Genuss! Mit der Einführung der stummen Figur Richard Wagners (Bernhard Schneider) auf der Bühne bekommt der Abend einen besonders ironisch-witzigen Ton. Er sitzt auf dem obersten Bühnenrand im Hintergrund, dirigiert manchmal, dann wieder sieht er fasziniert zu oder betrachtet etwas ratlos sein eigenes Werk. Das erinnert stark an das Schaupiel „Eurydike geht“ von Elfriede Jelinek, als Nikolaius Habjan eine Jelinekpuppe das Geschehen vom Bühnenrand mimisch und gestisch kommentieren ließ.. Gegen Ende zu mischt sich Wagner ins Bühnengeschehen, um das Chaos, das er mit den Figuren angerichtet hat, zu schlichten. Was ihm nicht gelingt. Verzweifelt rauft er sich die Haare.

Begeisterter und langer Aplaus!

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Staatsoper Wien: Joseph Haydn: Die Jahreszeiten

Ballett. Choreographie Martin Schläpfer

Text: Gottfried van Swieten. Bühne und Kostüm: Mylla Ek. Musikalische Leitung: Adam Fischer. Arnold Schönberg Chor

Gar viel, manchmal zu viel strömte auf den Zuschauer, Zuhörer ein: Martin Schläpfer arbeitet sich an großen Musikwerken ab, die nicht für das Ballett komponiert wurden. Jetzt also Haydns Jahreszeiten mit Chor und Gesang. Den schlichten und sehr innigen Text sangen: Slavka Zamecnikova als Hanne, Yosh Lovell als Lukas, ;Martin Häßler als Simon. Als Zuschauer verteilte man seine Aufmerksamkeit unterschiedlich, einmal auf den Text und die Stimmen, dann auf die von Adam Fischer sehr einfühlsam dirigierte Musik. Bleibt dann noch ein Aufmerksamkeitsstrang für das Geschehen auf der Bühne? – Muss sein. Allerdings ich merkte, dass ich oft mal die Bühne ausblendete und nur die Musik genoss. Denn die ist wundervoll heiter, dann wieder ironisch, manchmal getragen, dramatisch, wenn ein Gewitter aufzieht, mit kaltem Hauch, wenn der Winter die Einsamkeit über die Menschen legt.

Nun also zum Bühnengeschehen: Die bei Schläpfer so beliebten Dreiecke hängen von der Decke in die Bühne hinein, allerdings ohne Bedeutung. Zu Beginn weht noch Winterwind die Wolken über den Schleier, der dann weggezogen, den Frühling einlässt. Es quillt über vor neu erwachter Lebensfreude, Kinder springen und tanzen (Schläpfer bringt fast immer das ganze Ballettensemle auf die Bühne). Der Frühling geht über in den Sommer, Ernte. Lukas und Hanne kommen einander näher, Vater Simon steht ein wenig abseits. Für den Zuseher ist es verwirrend, da diese drei Personen nicht immer von denselben Tänzern verkörpert werden. Aber vielleicht irre ich mich… Der Sommer wird drückend schwül,die Bewegungen träge. Das Gewitter tobt über das Land – allerdings in der Choreographie Schläpfers ein ungefährliches Gewitter. Sie kommt nicht gegen die Wucht der Musik an. Im Herbst ist Ernte, kleine Belanglosigkeiten werden pantomimisch ausgetanzt, was einiges Schmunzeln hervorruft. Das Liebespaar findet sich. Und der Winter lässt Simon die Einsamkeit spüren Doch Schläüfer und Haydn entlassen ihre Figuren mit einem Trost, die Natur bleibt in ihrem ewigen Rhythmus und lässt an manchen Wintertagen den kommenden Frühling ahnen.

Marin Schläpfers Bewegungsrepertoire ist sehr groß. Doch wer schon einige seiner Choreographien sehen durfte, dem scheint das Unerschöpfliche an die Grenzen zu kommen. Man hat immer wieder ein déjà- vu -Erlebnis. Vor allem in den Gruppenszenen. Ganz großartige Soli, pas de deux und pas de trois liefern die Solisten wie Marcos Menha, Kyoka Hashimoto, Davide Dato, Maria Yakovleva, um nur einige zu nennen. Ein besonderes Solo tanzt Claudine Schoch als „Sommer“, ganz in sich und in der Bewegung, die das Gefühl von innen nach außen transportiert, versunken. Das sind die Momente, in denen ich meine Aufmerksamkeit voll dem Tanz widmete. Da war alles andere ausgeblendet.

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Colum McCann: Apeirogon. Rowohlt Tb

Aus dem Englischen von Volker Oldenburg

Das Feuilleton ist großteils begeistert, nennt den Roman „einen Jahrhundertroman“ und „Pageturner“. Ein Pageturner mag er wohl deswegen sein, weil so mancher Leser die „Fitzelkapitelchen“ und die nicht immer verständlichen Einschübe überblättern wird.

Der Plot ist wahr: McCann erzählt die Geschichte eines Palästinensers und eines Israelis. Beide haben ihre Töchter durch Anschläge der jeweils Gegenseite verloren. Um ihrer Trauer Herr zu werden und nicht von Hass verzehrt zu werden, schließen sie sich der Friedensorgansisation „Parents Circle“ an. Mitglieder sind Eltern, die ihre Kinder im Krieg zwischen Israelis und Palästinensern verloren haben. Der Kern der Geschichte ist wahr und alles Drumherum ist Fiktion. Das Drumherum aber ist derartig überhöht, verwirrend und und streckenweise undurchschaubar. Manche Kapitel bestehen nur aus einer Zeile, und man kann nicht immer den Sinn des kryptischen Satzes deuten Die Abbildung der Picassotaube und viele kleine Schwarzweißfotos, auf denen nicht immer klar ist, was abgebildet ist, machen aus dem Roman eine Art „Halbbiographie“ und intellektuelle Schmöckerei. Gerade diese Unklarheiten und Zerrissenheit in kleine Kapitel finden viele Kritiker das Beste an dem Roman. Vielleicht, weil kaum jemand zugeben will, dass er streckenwese vor Rätseln stand. Wer will schon zugeben, dass er sowohl die Zahlenspielerei und andere kryptische Hinweise nicht versteht?

Ein Roman, der das Zeug zum „Pageturner“ hätte, wenn der Autor die Hälfte gestrichen hätte.

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Festspielhaus St. Pölten:James Thierrée: Room

James Thierrée macht alles: Kreation, Musik, Bühne, Kostüme, Performance

Der Allroundler James Thierrée wurde 1974 in Lausanne geboren. Er tourte seit seiner Kindheit in der Zirkustruppe seiner Eltern (Jean Baptiste und Victoria Thierrée Chaplin) durch die Welt und gründete 1998 sein eigenes Ensemble. Der eine Großvater – Charly Chaplin – gab ihm die Begabung für Clownerie und Akrobatik, der andere -Eugène O`Neill . die Begabung für Poesie mit.

„Room“ ist wohl eine der verrücktesten Aufführungen, die man in den letzten Jahren im Festspielhaus zu sehen bekam. Wenn man eine Story finden will – was nicht leicht ist – so etwa diese: Thierrée sucht sein eigenes Zimmer, das er in der Kindheit vermisste. Auf der Bühne stehen Wände, Kommoden, Sofas, alles im schäbigen 1900-er Look. Doch der Architekt kann sich noch so bemühen, nie ist Thierrée zufrieden. Immer werden die Wände eingerissen, umgestellt, alles rollt, alles kippt. Chaos ist das beherrschende Element des Abends. Es rollen, turnen, schreien, singen, musizieren rings um Thierrée ausgelassene, aus einer Irrenanstalt frei gelassene Figuren. Thierrée ist der dumme Clown, der sich mit Gegenständen, Menschen, Musikinstrumenten matcht, er ist der kluge, hinterlistige Clown, der die anderen dirigiert. Am besten, man fragt nicht nach dem Sinn, lächelt über manche Lächerlichkeiten. „Alles ist nur bla, bla, bla“, tönt es immer wieder von den Spielern herab auf die Zuschauer. Die Kinder kichern bei manchen Szenen, die Erwachsenen???…????

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Volksoper Wien: Schoenberg in Hollywood

Musik: Tod Machover, Libretto: Simon Robson, Regie und Bearbeitung: Helen Malkovsky. Bühnenbild und Video: Sophie Lux.

Arnold Schönberg: Marco di Sapia, Alter Ego: Christian Graf, Girl: Lauren Urquhart, Boy: Jeffrey Traganza.Orchester der Volksoper Wien, Dirigent: Gerrit Prießnitz

Zuallererst sei hier die enorme stimmliche Leistung hervorgehoben, die diese Musik von den Sängern abverlangt. Dann ist wichtig: Ohne die ausgezechnete vorherige Einführung im nahen Schönberg-Center wäre es fast unmöglich, dem Geschehen zu folgen. Gezeigt wird eine Biopic. Das Leben Schönbergs (die Schreibweise Schoenberg ist die amerikanische Version, die auch im Titel verwendet wird) wird in knappen Szenen gespielt. Die Schwierigkeit für die Zuseher besteht aus der zeitlichen und örtlichen Zuordnung, sowie der Zuordnung der „beiden Schönbergs“. Mit Hilfe der Einführung findet man den roten Faden, allerdings nicht immer mit Treffsicherheit. Die Oper zeigt das Leben Schönbergs im Rückblick und im Vorausblick. Der zeitliche Dreh- und Angelpunkt ist 1934, als Schönberg in Los Angeles ankommt und den Filmproduzenten Irving Thalberg trifft. Eindrucksvoll sind die Szenen, die in Schönbergs Leben gravierende Spuren hinterließen, wie etwa das Verhältnis Richard Gerstls mit Schönbergs Frau Mathilde. Dezent werden Bilder Gerstls, sein zerquältes Selbstporträt eingespielt, dann sein Selbstmord. Schönberg in den Szenen mit seiner Frau – er verlangt totale Unterwerfung. Alles nur in minimalistischen HInweisen. Dann seine Auseinandersetzung mit dem Judentum. Dazwischen immer wieder seine Karriere in Hollywood.

Alles in allem: ein sehr anstrengender, aber interessanter Abend.

Aufführungsort: Kasino im Schwarzenberg, wo sich die Volksoper eingemietet hat.

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Volksoper: Peter Pan. Kinderballett

Choreographie: Vesna Orlic

Wie einst in alten Wochenschauen fährt auf der Leinwand in großen, altmodischen Lettern den Zuschauern förmlich in die Augen und mit bombastischer Musik in die Ohren: „Volksoper präsentiert…Peter Pan“. Und schon fühlt man sich an die eigenen Kindertage erinnert, wo man gebannt auf die Filmleinwand blickte, wenn die Wochenschau oder eine Filmproduktion angekündigt wurde. Unvermeidlich tauchen Fragen auf: Wie wird sich die Volksoper in der kommenden Saison präsentieren? Werden solche Abende, wie eben dieser, voller Leichtigkeit, Kindlichkeit und feinem Humor noch zu erleben sein? Denn die Volksoper war unter Robert Meyer all die Jahre ein Ort, wo man vor dunkeldrohender Langeweile, wie sie uns jetzt das Volkstheater, die Burg und auch in jüngster Zeit die Oper beschert, sicher war. Das heißt aber nicht: In der Volksoper sah man nur leichte Kost. Das auch, aber immer super verpackt. Und man sah auch Unvergessliches, wie jüngst den „Rosenkavalier“ oder „Lady in the Dark“, um nur die beiden stellvertretend für viele intensive Abende zu nennen.

Nun also „Peter Pan“ nach dem Buch von J.M. Barrie, unter dem ausgezeichneten Dirigat von Wolfram-Maria Märtig(Musik von Korngold bis Mancusi bunt gemischt) und mit berauschend schönen Bühnenbildern und Kostümen von Alexandra Burgstaller. Sie blätterte mit Lust, Humor und Einfallsreichtum in alten Bilderbüchern. Etwa gleich mit dem ersten Bild: Ein Kinderzimmer mit einem Rundbogenfenster, durch das eine alte Stadt und ein dunkler Nachthimmel hereinleuchtet. Von hier holt Peter Pan die Kinder ab und entführt sie auf die Trauminsel „Niemandsland“. Einen besseren Peter als Keisuke Nejime hätte man wohl kaum finden können: Man nimmt ihm die kindliche Leichtigkeit ab, er schwebt mit ungeheuren Sprüngen durch die Luft (nicht immer nur am Seil!). Sein Schatten ist Gleb Shilov und der steht ihm um Nichts an Sprungkraft und Talent nach. Wie überhaupt das ganze Ensemble in Hochform ist – man spürt den Drang, in der letzten Vorstellung besonders gut sein zu wollen!). : Barbara Brigatti war eine bezaubernde Tinker Bell, Olivia Poropat eine hinreißende Tigerlilly. Zu den witzigsten Szenen zählten die Auftritte des Captain Hook (László Benedek). MIt Holzbein, Rüschenhemd und Armprothese tanzte er den ironischen Spiegel seiner Figur mit hintergründigem Humor, begleitet von dem plump-witzigen Mr. Smee (Roman Christyakov) und den tölpelhaften Piraten. Ein weiterer Höhepunkt war die Indianerszene mit dem Tanz der Tigerlilly (Olivia Poropat), der zwischen „Tanz der Sieben Schleier“ und Schamanenbeschwörung oszillierte. Bezaubernd auch die „Verlorenen Kinder“ – der Kinderchor der Volksoper, die allesamt wie süße Waldschratten aussahen.

Unerwähnt soll nicht das liebevoll gestaltete Programmheft bleiben! Unbedingt aufheben!

Begeisterter und langer Applaus!

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Jenny Erpenbeck, KAIROS. Penguin Verlag

Kairos ist der griechische Gott des günstigen, richtigen Moments. Ihn heißt es schnell beim Schopf packen, sonst ist er weg und man sieht nur mehr seinen kahlen Hinterkopf. Was war nun der richtige Augenblick in dieser Geschichte? Wohl nicht, als die 19jährige Katharina sich in den 55 -jährigen Hans verliebt. Denn diese Liebe wird sie fast an den physischen und psychischen Abgrund führen.

Hans W. ist verheiratet, ein Pseudointellektueller,kommt aus dem Westen und lebt aus Überzeugung in der DDR, wird dann als Stasispion angheuert, später selbst bespitzelt. Diese Geschichte erfährt der Leser allerdings erst ganz am Ende und eher nur als Streiflicht. Er will herrschen – über Katharina, sie beherrschen – körperlich in widerlicher Weise, und geistig. Beides gelingt ihm erschreckend – quälend. Da fragt sich der Leser, wozu diese langen, sich immer wiederholenden Quälaktionen über sich ergehen lassen. Cui bono? Und Katharina lässt all die Torturen mit sich geschehen.

Im Gleichschritt mit dem Niedergang dieser Liebe geht der Niedergang der DDR vor sich, den die Autorin zwischen 1987 und 1994 erzählt. Der wirklich erschütternde Teil, und der es wert ist mit viel Aufmerksamkeit gelesen zu werden, sind die letzten 50 Seiten. Sine ira et studio schlildert Jenny Erpenbeck die Konsequenzen der Auflösung der DDR für die arbeitende Bevölkerung, die von einem Tag auf den anderen aus den Institutionen, Fabriken und Unternehmen gejagt wird. Sie zählt die Baulöcher auf, die durch Abriss verschiedener Häuser, Cafés, Theaterbauten entstanden sind und die ein Symbol für den inneren Zustand der Menschen sind. Die DDR war nach dem Zusammenbruch und noch lange danach ohne Hoffnungen auf ein besseres Leben, als das alte war. Tröstlich für den Leser: Katharina hat später geheiratet – nicht Hans. Als dieser stirbt, schickt dessen Sohn zwei Kisten mit allen Erinnerungern an diese „Liebe“. Katharina zögert lange, bevor sie diese Büchsen der Pandora öffnet.

Was den Fluss der Erzählung hemmt, sind die vielen sich wiederholenden Einschübe über Literatur und Musik, die nicht mehr als Zitate sind, namedropping. Nicht alle Namen sagen dem Leser etwas, er müsste ziemlich viel nachschlagen. Jenny Erpenbeck, die als eifrige und penible Recherchiererin bekannt ist, ist hier eindeutig ein Opfer ihres eigenen Fleißes geworden. Die Kunst des Schriftstellers besteht auch darin, sich von Teilen der Recherchen zu trennen, nicht alle in den Roman hineinzustopfen.

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Staatsoper Wien: mahler, live. Ballett

Titelfoto: Maria Yakovleva in „Live“

Live. Ein Videoballett. Choreographie: Hans van Manen. Musikstücke von Franz Liszt.

Am Klavier: Schaghajegh Nosrati

Hans van Manen arbeitet seit 1977 immer wieder an der Wiener Oper. Mit diesem Ballett „live“ geht er zurück in die 1970er Jahre, als die Videotechnik das Theater eroberte. Das Ballett „live“ ist ein spannender Dialog zwischen einer Tänzerin (Maria Yakovleva) und dem Kameramann Balácz Delbò, einem ehemaligen Tänzer der Wiener Staatsoper, jetzt Kameramann. Er filmt auf der Bühne „live“ die Tänzerin, folgt ihren Bewegungen, zeigt ihr Gesicht in Großformat, lenkt den Blick der Zuseher auf Details wie Beinarbeit oder die Bewegungen der Hände. Sie trägt ein rotes Kostüm, tanzt vor schwarzem Hintergrund, In der Videoprojektion erscheint sie in Schwarz-Weiß. Es entsteht ein Spiel zwischen Realität und Schein (Video), einmal ist dieTänzerin auf der Bühne realer, packender, dann wieder verschwindet sie in die Irrealität des Bildes. Als ein Tänzer (Marcos Menha) die Bühne betritt, entwickelt sich eine kurze Geschichte des Abschiedes. Sie tanzen aufeinander zu, trennen sich. Die Tänzerin verlässt die Bühne und betritt die Gänge der Oper – nur mehr auf Video zu sehen. In den Gängen setzt sich die Auseinandersetzung des Paares fort. Nach einer Annäherung folgt die Trennung. Die Tänzerin verlässt die Oper und geht auf die Straße hinaus.

Ein spannender Auftakt! Und der pure Kontrast zu dem 2. Teil des Abends,

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Gustav Mahler, Symphonie Nr. 4. Choreographie Martin Schläpfer. Musikalische Leitung: Ramón Tebar

Das Ensemble ( foto: Ashley Taylor)

Martin Schläpfer setzte das gesamte Ensemble – 102 Mitglieder – ein und schuf so eine großartige Interpretation der 4. Symphonie Gustav Mahlers. Unter dem subtilen und feinsinnigen Dirigat von Ramòn Taylor entfaltete sich die ganze Schönheit dieses Werkes: Einmal wirbelten die Elevinnen und Eleven wie Kobolde über die Bühne und ließen den Humor Mahlers und Schläpfers aufblitzen, dann wieder kamen Paare mit berührenden Pas de deux-Szenen, die dem heiteren Treiben eine ernste Note entgegensetzten. Ein Höhepunkt war das Adagio. Zu Beginn tanzen Männer ohne Musik, vielleicht zitiert Schläpfer Thomas Manns „Tod in Venedig“. Bilder von Viscontis Filmversion steigen auf …dann leitet ein wunderbarer Pas de deux von Claudine Schoch und Marcos Menha die Stimmung des Adagio ein. In den folgenden Bildern lässt Schläpfer den Zuseher in die Schwermut Mahlers versinken, verstärkt durch die traumhafte Lichtregie (Bert Dalhuysen). Von oben senkt sich ein Lichtdreieck mit einem Stab, dessen Muster aus dem Jugenstilrepertoire entnommen ist – eine feine Anspielung an die Entstehungszeit. Der 4. Satz ist die Vertonung eines Volksliedes aus der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“: „Wir genießen die himmlischen Freuden“ singt Johanna Kedzior mit ihrem wunderbaren Sopran. Das ganze Ensemble tanzt zu dieser Melodie der puren Lebensfreude!!!

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Krisha Kops: Das ewige Rauschen. Arche Literaturverlag

Krisha Kops ist in einer deutsch-indischen Familie geboren, studierte in London Philosophie und Journalismus, promovierte in Heidelberg. Heute hält er Vorträge und Workshops – seine Themen: Indische Philososphie und interkulturelle Fragen.

Das Besondere an diesem Buch -Krops Debütroman – ist die wunderbare Sprache. Mit ihr fängt er indische Geschichten, den Hauch des Mythischen im alltäglichen Leben ein. „Schon ist sie wieder da, die Liebe, die wie die Götter niemals jemand gesehen hat und von der doch viele glauben, dass es sie gibt…Sie schleicht sich in Lonis schwelgenden Blick, zerfasert ihre Gedanken, stiehlt ihre Sprache und hinterlässt nur ein Stottern.“(S 133)

Die Kapitel heißen z.B: Rosenstraussduellwind, Butterbrotwind, Schaumweinwind, Fickdiekatzewind, Limonenweißwind etc… Der Erzähler ist ein Banyanbaum, dem die Winde die Geschichten zutragen, von Ost, von West, von überall, wo Heimat der Familie ist, über die Kops erzählt. Wer die Poesie dieser Geschichten, die feingesponnene Sprache, die ungewöhnlichen Metaphern erkennt und liebt, dem wird das Buch große Freude bereiten. Wie auch der Autor selbst, haben die Figuren Wurzeln in Indien, also Osten, und in Deutschland, dem Westen. Die beiden Kulturen werden gegenübergestellt, nie aber wertend gegeneinander ausgespielt. Manchmal macht es der Autor dem Leser allerdings schwer, dem Fluss der Erzählung zu folgen, weil die einzelnen Figuren der Handlung immer nur kurz auftauchen, schon erzählt der Wind wieder von einer anderen Figur. Für das Verständnis der Handlung ist die Familiengenealogie zu Beginn sehr nützlich. Man muss zwar jedesmal den Lesefluss unterbrechen, nachblättern, wer mit wem wie verwandt ist, aber ohne diese Info wäre es schwierig den Zusammenhang zu verstehen.

Ein Roman, den man genüsslich, wie eine Tafel feiner Schokolade, Stück für Stück, langsam ins Herz sickern lassen muss.

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Wiener Festwochen – Voreröffnung: Mozart/Castellucci: Requiem

Regie, Bühnenbild, Kostüme: Romeo Castellucci. Raphael Pichon dirigiert das Ensemble“Pygmalion“.

Wieder einmal bewahrheitete sich: Zu hohe Erwartungen sind schlecht, man kann nur enttäuscht werden!. Mit welch Überschwang Medien und die ganze Kulturszene Castellucci als den Regisseur, der gewaltige Bilder über die letzten Dinge kreiert, feiert! Und dann das! Schon die Eingangsszene war an Banalität nicht zu übertreffen: Eine Frau schaut fern, raucht, trinkt, legt sich ins Bett und stirbt. Sicher, der Tod ist nie banal. Und tausend Mal tritt er so wie auf der Bühne gezeigt ein. Doch wie die Szene gezeigt wird, ist peinlich, weil langweilig. Dann kommen die Trauergäste, verhüllen alles mit schwarzen Tüchern, die Leiche wird weggetragen. Was danach über gefühlte zwei Stunden folgt, ist ein Katalog der verschwundenen, ausgestorbenen und zerstörten Tiere, Menschen und Gebäude, jede Abteilung in ordentlicher Schrift an die Wand projeziert, die lateinischen Namen dazu, eins nach dem anderen: Ausgestorben: Tiere, Wälder, Menschen, Völker, Sprachen, Gebäude,etc..Ich komme mir vor wie in einem Radiokolleg von Ö1. Entschuldigung -aber das ist mehr als langweilig.Dazu tanzen der Chor und die Sänger auf der Bühne Volkstänze. Manches Mal wird es tiefsymbolisch: Ein Mädchen wird von oben bis unten mit Farbe angeschüttet, an die Wand geheftet, abgenommen, mit Fell bedeckt und mit Hörnern versehen. Sacre du printemps? Ich war den ganzen Abend mit der Deutung dieser Bild- und Schriftfolgen beschäftigt. Darüber „überhörte“ man gänzlich die Musik. Hin und wieder brachte sie sich lautstark zur Geltung. Ich bin mir bewusst, dass ich mit dieser Meinung/Kritik in der Castelluccicommunity als Banause abgestempelt werde. Aber „da schreib ich nun und kann nicht anders“.

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Amir Hassan Cheheltan: Eine Liebe in Kairo. C.H. Beck Verlag

Aus dem Persischen von Jutta Himmelreich

Kairo 1947. Der iranische Botschafter – er wird im Roman nur „der Botschafter“ genannt – wird mit einem schwierigen Auftrag nach Kairo beordert: Er soll Fausia, die Schwester des ägyptischen Königs Faruk, zur Rückkehr in den Iran bewegen. Sie ist aus einer unglücklichen Ehe mit dem Schah Mohammed Reza Pahlevi nach Kairo zu ihrem Bruder geflohen und nicht bereit, die Ehe weiter zu führen, geschweige denn, in den Iran zurückzukehren.

Weiters soll der Botschafter dafür sorgen, dass der Leichnam des Vaters Schah Rezas, das wertvolle Edelsteinschwert und Kronjuwelen, die der Schah seiner Gattin schenkte, zurückgegeben werden. Forderungen, die nur schwer durchzusetzen sind. Vor allem erklärt Fausia klipp und klar, dass sie nie mehr iin den Iran zurückkehren wird und sie die Scheidung will. Cheheltan schildert akribisch – zeitweise zu akribisch – die diplomatischen Versuche des Botschafters – alles vergebliche Mühe – die Scheidung ist beschlossen. Dabei flicht der Autor geschickt die damalige politische Lage aus der Sicht der arabischen Welt ein: Die Juden vertreiben die Palästinenser aus ihren Dörfern, nützen die Waffenstillstände, um Waffen zu organisieren, während die arabische Welt tatenlos zusieht. Faruks ausschweifendes Privatleben und die Ignoranz der Hofschranzen, die sich gegenseitig aus der Gunst des Königs herausintrigieren, machen die Bemühungen des Botschafters zunichte. Der Autor leuchtet mit einer großen Lupe in diese schwierige Zeit: die Engländer hinterließen ein politisches Desaster, die Juden verdrängen die Palästinenser und der ägyptische Staat wird von einem Lebemann regiert, der sich nicht um das, Volk und die politische Lage schert. Man wäre versucht, über die vielen Gespräche, die der Botschafter in monotoner Erfolglosigkeit führt, hinwegzulesen, aber ist dann doch von dem historischen Detailwissen des Autors fasziniert. Um dem politischen Trend des Buches einen Romananstrich zu geben, fügt der Autor eine Liebesgeschichte ein: Der Botschafter, ein ziemlicher Frauenheld, verliebt sich in die schöne Sakineh. Sie ist mit einem Langeweiler von einem Mann verheiratet. Bald fragt sich der Botschafter, ob es vielleicht Liebe sei, das ihn an diese Frau bindet. Bindungsängste steigen auf, er zögert, bis Sakineh ihm zu seiner Erleichterung die Entscheidung abnimmt. Er wird in den Iran zurückbeordert und bucht nur ein Flugticket.Mit dieser Liebesgeschichte hält der Autor sehr geschickt das Interesse des Lesers wach, das vielleicht bei den oft ermüdenden diplomatischen Gesprächen erlahmen könnte.

Leser, die mehr über das Entstehen und die Ursachen des Palästinenserkonfliktes, die Rolle des ägyptischen Staates dabei erfahren wollen, werden dieses Buch mit großem Interesse lesen.

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Massimo Carlotto: Und es kommt ein neuer Winter. Folio Verlag

Aus dem Italienischen von Ingrig Ickler

Norditalien ist schon lange nicht mehr die industrielle Vorzeigeregion Italiens. Mittelbetriebe blähten sich zu Großbetrieben auf, lagerten die Lohnarbeit immer mehr in den Osten aus- das System kollabierte.

Massimo Carlotto schreibt nicht Krimis, weil dieses Genre gerade en vogue ist und sich massenweise verkauft. Die Krimihandlung ist der, die Vor-Wand, hinter der er soziale, wirtschaftliche und politische Probleme aufdeckt. Diesmal geht es um industrielle Patrizierfamilien, die sich in eine Region, ein Tal ohne Ausgang, also in eine Art strada caeca, Sackgasse, zurückgezogen haben, wo sie noch als padroni das Geschehen bestimmen können. Neu Zugezogene werden skeptisch beäugt, wenn es sein muss, bedroht oder umgebracht. Wie etwas Bruno, der reiche Immobilieninvestor. Er passt einigen nicht in den Kram. Sein Tod ist rätselhaft, Seine Witwe Federica Pesenti, Tochter des mächtigen Oberpadrone, muss nun das Schlamassel irgenwie beseitigen. Denn Mord geht gar nicht! Er könnte den Ruf der Familie gefährden. Mit Bestechung und Intrigen wird skrupellos die makellose Weste wieder hergestellt. Das Tal kann wieder in Ruhe sein Leben wie früher aufnehmen.

Jeder, der ein wenig über die noch immer aktuellen Machtstrukturen reicher itlienischer Familien Bescheid weiß, wird diesen Roman mit Interesse lesen.

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Martin Sherman: „Rose“ mit Andrea Eckert. Theater im Nestroyhof Hamakom

Regie: Ruth Brauer-Kvam

Auf der fast leeren Bühne sitzt Rose, streicht leicht über den Kopf des hölzernen Schaukelpferdes, faltet ein Blatt Papier zu einem Schiffchen und erzählt ihr Leben. Es wird keine ruhige, gefasste Rückerinnerung, sondern ein wieder erlebter Leidensweg. Das Mädchen Rose wächst in einem jüdischen Dorf irgendwo zwischen Polen und Russland auf. Das Leben ist nicht leicht, aber ruhig. Der Vater vegetiert im Bett, die Mutter schuftet, um die Familie durchzubringen. Dann die Vertreibung. Rose und ihr Bruder finden sich im Warschauer Ghetto wieder.

Mit schlichten Worten erzählt Rose das Grauen dieser Zeit. Die Überfahrt ins ersehnte gelobte Land Palästina gelingt fast, da zwingen die Briten den Kapitän abzudrehen und Fahrt nach Hamburg zu nehmen. Nach vielen Glücks- und Unglücksfällen und nach dem Verlust dreier Ehemänner findet sich Rose in Maiami wieder und führt recht erfolgreich ein Hotel. Ihr Sohn ist nach Israel ausgewandert, heiratet, trennt sich von seiner Frau. Der Enkel tötet in einem Straßenkampf ein kleines Palästinensermädchen. Rose hält für dieses Mädchen Schiv’a (Totenwache), wie sie es schon für so viele geliebte Menschen tat, die sie verloren hat. Betäubt von der Erkenntnis, dass Frieden nicht sein wird.

Das Leben dieser Rose, die es aus einem armen jüdischen Dorf bis nach Amerika verschlägt, könnte auch eine ERzählung von Joseph Roth sein. Vieles erinnert an den Roman „Hiob“. Ähnlich wie Hiob muss Rose die Höhen und Tiefen stellvertretend für das jüdsiche Volk durchleben. Martin Sherman packt die Leiden vierer Generationen in einen eindringlichen Monolog ohne Aussicht auf Versöhnung.

Andrea Eckert gibt der Figur Rose mit unglaublicher Intensität Wahrhaftigkeit. Sie ist für zwei Stunden dieses Mädchen, diese Frau, die für ihre Lieben Totenwache hält, die im Kanalsystem von Warschau dem Konzentrationslager entkommt. Mit feinem Humor und einer ausdauernden Liebesfähigkeit überlebt Rose, überlebt Andrea Eckert. Zwischen der Figur Rose und der Schauspielerin passt nicht einmal ein Blatt Papier.

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Albertina: Edvard MUNCH im Dialog

Mein ganz persönlicher Dialog

Edvard Munch ( 1863-1944) war ein Maler der Extreme. Seinem Leben war der Stempel des Leidens am Leben aufgedrückt. Selbstgewählte oder erzwungene Einsamkeit, Verlassensein und Verlassenwerden sind die Themen, die er malt. Er meidet die Wirklichkeit, sie ist ihm unerträglich. Er schafft sich seine eigene. Die wiederum ist geprägt von seiner Seinsart. Einsam sind seine Figuren, haben keine Bodenhaftung. In manchen Bildern belässt er dem Menschen nur den Kopf, besser den Schädel, der wie ein vom Körper losgelöstes Un-Wesen über einen nicht definierbaren Raum schwebt. Straßen führen an ihm vorbei, er fasst nicht Fuß auf ihnen, auch wenn sie zu einer menschlichen Behausung führen, nützt er sie nicht. Der Mensch lebt ohne Erdhaftung. Menschen zu zweit leben nicht in trauter Gemeinsamkeit, sondern in Trennung.

Der Tod ist ihm schon sehr früh vertraut. Seine Mutter stirbt, als er fünf Jahre alt war, an Tuberkulose, zwölf Jahre später seine Schwester Sophie. und bald darauf der Vater. Die Liebesbezehung zu Tulla Larsen ist schwierig, er quält sie mit Eifersucht. Sie wird ihn nicht heiraten und er hat fortan nur kurze Liaisonen. Frauen malt er ab da als Madonnen mit einem Lolita-Einschlag. ER flüchtet sich in den Alkohol, wird depressiv. Auch ein Aufenthalt in einer Nervenklinnik hilft nicht. Seine Grundstimmung bleibt düster, losgelöst von der Wirklichkeit. Die Bilder erzählen mehr:

Maler im Dialog mit Munch

Der zweite Teil der Ausstellung zeigt, welch großen Einfluss Edvard Munch auf zeitgenössische Maler genommen hat und immer noch nimmt. Bei nicht allen Künstlern konnte ich diesen Einfluss nachvollziehen. Ich habe den Gedankengang weiter verfolgt, der mich durch Munchs Werke führte: In welchen Bildern sehe ich die Einsamkeit des Menschen quasi losgelöst von allem Erdhaften, ganz ohne Halt, nicht einmal im eigenen Körper. Am deutlichsten war das Thema der Bezuglosigkeit und fehlender Bodenhaftung in den Bildern von Peter Doig (geb. 1959) zu spüren. Seinen Menschen fehlt die Verortung mit der Erde, sie schweben über dem Wasser oder in einem nicht definierbaren Raum.

In der Schau sind noch viele andere prominente Künstler vertreten, wie Andy Warhol, Jasper Johns, Georg Baselitz etc. Jeder Besucher wird andere Parallelen und Einflüsse feststellen oder auch für sich neue, inteessante Künstler entdecken.

http://www.albertina.at Die Ausstellung ist noch bis 19. Juni zu sehen.

Lesetipp: Tanja Maler, Der Maler Munch. Langen Müller Verlag. Ein intensives Buch über die intensive Liebe des Malers zu Tulla Larsen. S. auch unter Büchertipps

Kammerspiele in der Josefstadt: Beau Willimon, The Parisian Woman

Regie: Michael Gampe

Das Bühnenbild (Walter Vogelweider) deutet eine Wohnung, Loft oder Haus im eleganten, nichtssagenden, teuren Allerweltstil an. Washington zur Zeit der Trumpregierung. Alles dreht sich um den Präsidenten, der jedoch persönlich nicht auftritt. Jeder ist irgenwie mit diesem Trumpphänomen beschäftigt: Entweder man schleimt sich ein oder man ist gegen ihn. Eine neutrale Einstellung ist nicht möglich.

Mit einer hochkarätigen Besetzung macht Michael Gampe aus einer seichten Boulevardkomödie einen äußerst vergnüglichen Abend, der gar nicht so oberflächlich ist, wie es zu Beginn scheint. Chloe (Maria Köstlinger) ist ein intelligentes Luder, das im Hintergrund an der Karriere ihres Mannes Tom (Herbert Föttinger) werkt. Dass sie mit Peter (Michael Dangl) ein kurzes Techtelmechtel hat, stört den Ehemann nur peripher. Denn die beiden führen eine „offene Ehe“, in der sie voreinander keine Geheimnisse haben. Den kreuzverliebten Peter serviert Chloe in dem Augenblick ab, als er für die Karriere ihres Mannes nicht dienlich ist. Peter will die Stelle des obersten Bundesrichters. Hat aber nur geringe Chancen. Nun spinnt Chloe ihre Intrige, die fies ist, aber so ist eben Politik: Bestechung, Betrug und Erpressung. Wie Chloe sich an die naive Jeanette heranmacht, bereitet dem Zuschauer pures Vergnügen. Diese Jeanette ist die oberste Chefin der Finanzaufsicht – köstlich stockkonservativ und republikanisch gespielt von Susa Meyer. Ihr wichtigstes Ziel ist neben dem Beruf die Karriere ihrer Tochter Rebecca. Wieder einmal darf Katharina Klar die Rolle der Aufmüpfigen spielen, und das macht sie gut.Dass Chloe dieses junge Ding sich durch Sex gefügig macht und damit die Mutter erpresst – ist wohl ganz fies, aber genial angelegt. Jeanette soll bei Trump für Tom ein gutes Wort einlegen, sonst macht Chloe öffentlich, dass Rebecca lesbisch ist. Der Coup gelingt. Tom wird oberster Richter.

Der Titel ist etwas weit hergeholt: Chloe träumt noch immer von ihren unbeschwerten Jahren in Paris, wo sie im Freieheitsrausch und in der Liebe zu einem Künstler ihr Leben genoss. Deshalb schickt sie Rebecca nach Paris, bevor diese ihre Karriere im politischen Sumpf beginnen soll.

Ein amüsanter Abend, der mit Humor und Zynismus die Welt der Politik durchleuchtet. Für die Zuschauer ein Genuss. Man darf über die Unmoral lachen!!!

http://www.josefstadt.org

Luchino Visconti: „Senso“ im Blickle Kino im Belvedere 21

Anlässlich der Ausstellung „Viva Venezia“ im Unteren Belvedere wird im Blickle Kino im Belvedere 21 eine Filmreihe mit dem Übertitel “ Die Erfindung Venedigs im 19. Jahrhundert“ gezeigt. Den Auftakt machte „Senso“ von Luchino Visconti.

Es war ein zweifach nostagisches Erlebnis. Das Blickle Kino ist ein Juwel der 50er Jahre, entworfen vom renommierten Architekten Karl Schwarzer. Die exakte Wiederherstellung nach den Plänen des Architekten verdankt das Museum Ursula Blickle.. Sie gründete 1991 die „Ursula Blickle – Stiftung zur Förderung nationaler und internationaler Kunst“ und finanzierte die fachgerechte Renovierung. Die Wiedereröffnung erfolgte 2012.

Der Besuch des Filmes „Senso“ wurde zum nostalgischen Doppelfest. Man fühlt sich in angenehmster Weise in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts zurückversetzt, als ein Kinobesuch noch etwas Besonderes war und Filme noch nicht in Multiplex- und Cineplexsälen als Massenware angeboten wurden. Mit einer gewissen feierlichen Erwartungshaltung betritt man dieses Kino und wird nicht enttäuscht: Die Wände sind mit edlen Holpannelen getäfelt, leicht gebogen und perforiert, was die Qualität des Sounds enorm erhöht. Die Sessel, mit edlem Stoff bezogen, sind bequem und lassen eine freie Sicht auf die Leinwand von überall zu.

Mit „Senso“ darf tief in die „Nostalgiefalle Venedig“ eingetaucht werden.

„Senso“ ist Viscontis erster Farbfilm. Er schuf ein nostalgisches Fest voller Üppigkeit an Farben und Ausstattung. Mit „Senso“ eröffnete er eine neue Schaffensperiode, weg vom Schwarzweifilm und dem Neorealismo. Die Handlung spielt 1866 in Venedig, zur Zeit als der Kampf gegen die österreichische Besatzung vorbereitet wurde. Die Österreicher sind über alle Maßen unbeliebt. Man probt den Aufstand im Theater und auf dem Schlachtfeld. In dieser politisch heiklen Situation verliebt sich Contessa Livia Serpieri (Alida Valli) in den österreichischen Offizier Fanz Mahler (Farley Granger) – eine brandgefährliche Liaison. Mahler ist ein geübter Frauenverführer und skrupellos. Er luchst der Contessa das Gold ab, das ihr die Rebellen zur Aufbewahrung gaben, und kauft sich damit vom Kiregsdienst frei. Das Ende ist die erahnbare Katastrophe. Spannung, Drama, Liebe,Betrug, Heldentum, Tod und Wahnsinn -alles gut angelegt mit einer gehörigen Prise politischer Aussage. Die jedoch ist in traumhaften Sequenzen eingebettet, in den dunklen Gassen voller Geheimnisse. Der nächtliche Spaziergang des Paares durch das nächtliche Venedig gehört zu den schönsten Szenen des Filmes. Da ließ sich wohl jeder Besucher gerne in die dekadente Serenissima entführen. Nostalgie pur!!

Alle Auskünfte über die nächsten Filme passend zu aktuellen Ausstellung „Viva Venezia“ unter: http://www.belvedere.at

Blickle Kino im Belvedere 21, Museum für zeitgenössische Kusnt, Arsenalstraße 1, 1030 Wien

Internationales Figurenfestival im Schuberttheater: Wolkenkuckucksheim XX

Die Puppen haben zur Zeit Hochsaison in Wien. In der Scala wird gerade ein Musical mit Puppen gespielt („Avenue Q“), im Schubertteater haben die Puppen ja eine fixe Basis. Seit 10 Jahren existiert es im Hof eines Gründerzeithauses in der Währingerstraße. Leicht geht man daran vorbei, so bescheiden macht sich das Theater bemerkbar. Es verdient aber viel Aufmerksamkeit, denn hier wird Professionalität kombiniert mit Einfallsreichtum geboten.

Für das Stück „Wolkenkuckucksheim XX“ hat die Resisseurin Martina Gredler die antike Komödie „Die Vögel“ von Aristophanes als Grudlage genommen: Zwei Bürger Athens verlassen die Stadt, sie sind mit der Art, wie die Demokratie geführt wird, nicht zufrieden. Deshalb gründen sie mit den Vögeln einen eigenen Staat, in dem aber alles schief läuft.

Schnaufend kämpfen sich zwei Raupen auf die Bühne. Sie erwägen, Athen zu verlassen und mit den Vögeln einen eigenen Staat zu gründen. Der Hauptvogel ruft alle Brüder der Lüfte zusammen, die Raupe 1 schwingt eine große Rede, lässt sich von allen bewundern. Sie verspricht Barrieren und Zäune, damit die Götter, wenn sie als Sexabenteurer auf die Erde fliegen, Maut zahlen müssen. Kontrolle soll sein, sie bringt Geld!! Alle Vögel jubeln. Doch die Gier der Raupen nach Macht ist zu groß. Sie fressen einen Vogel, werden daraufhin von dem Hauptvogel auf den Spitzen des Zaunes aufgehöngt.

Das wäre so grosso modo der Inhalt. Was man wirklich erlebt, ist subtil, grotesk und aberwitzig. Schon allein das Maul der Raupen, wenn sie ihre Zähne zeigen, die Augen genervt verdrehen, machtgierig gucken – ist ein Schauspiel der Sonderklasse. Die beiden Vögel – einer ein eitler Tänzer – oder auch Tänzerin, wenn man so will -, der andere ein Art Obervogel, der sich von den Raupen übertölpeln lässt, schweben, fliegen, putzen ihr Federkleid in klassischer Vogelmanier.

Durchsichtige Plastikbahnen bilden die Wolken. Oft sind die beiden Puppenspieler Markus-Peter Gössler und Angleo Konzett hinter einer Kiste verborgen, so dass die Puppen obenauf quasi frei von Menschenführung agieren. Das sind genau die Momente, wo der Zuschauer den Puppen voll auf den Leim geht. Zu bewundern ist neben der Führung der Puppen auch die Stimmlagen, die die beiden Spieler. den Vögeln und Raupen geben. Zwei großartige Könner, deren Namen leider nicht im Programm zu finden ist. Daher lasse ich sie hier ganz besonders hoch leben!!!

Foto: Barbara Palffy

Als „Vorprogramm“ ist Tilda Eulenspiegels „Hommage an alle Närrinnen und Narren“ zu sehen, ein geheimnisvolles Kleinkunstwerk von zehn Minuten. Da verrate ich nichts darüber. Sehenswert und witzig.

www.schuberttheater.at

Avenue Q. Das Musical mit den frechen Puppen. Theater Scala

Titelbild: Nick Harras,, Bettina Soriat, Paul Graf+Larissa Winkel

Musik und Songtexte: Robert Lopez, Jeff Marx. Puppendesign: Rick Lyon, musikalisches Arrangement: Stephan Oremus, Puppencoach: Stephan Gaugusch, Kostüme: Anna Pollack.

Inszenierung: Marcus Ganser

Wer so wie ich die Sesamstraße und die Muppets nie gesehen hat, dem entgehen sicherlich Wiedererkennungseffekte und Anspielungen. Daher kann ich nur berichten, was zu sehen und zu hören war. Die Feinheiten blieben mir verborgen.

Eine Straße in New York, ein wenig herabgekommene Häuser, aber doch oder gerade deswegen recht heimelig. Basti – deutlich der Ex-Bundeskanzler – hat als Hausmeister seine neue Bestimmung gefunden. Er kommandiert, regelt, ganz wie wir es vom alten Basti gewohnt waren. Die Bewohner sind allesamt nicht vom Schicksal verwöhnt und finden ihr Leben shit (1. Song). Da leben das romantische Monster, entzückend gespielt von Julia Werbick, Fräulein Trockenpflaume, die Nörglerin (Bettina Soriat und Larissa Winkel) und einige Puppen, die nach ihrer Bestimmung suchen. Es wird geheiratet, es wird geflirtet, Hoffnungen auf Liebesbeziehungen scheitern. Es geht immer wieder um Themen wie uneingestandene Homosexualität. Allzu moralisierend wird auch der Rassismusvorwurf angesungen und angespielt – allerdings viel zu lang. Heiteres und Tieftrauriges im steten Wechsel, Banales und Philosophisches – ganz nach dem bewährten Musical-Muster!

Alle Puppenspieler haben den Umgang mit den Breitmaulpuppen ordentlich gelernt und singen nach bestem Wissen und Können. Da aber die Puppen nicht groß genug sind, bleiben die Schauspieler manchmal allzu sichtbar, was die Illusion der „Puppe“ stört.

Das Publikum bedankte sich für die zwei Stunden Ablenkung von der tristen Situation im realen Leben mit viel Applaus.

http://www.theaterzumfuerchten.at

Sophie Reyer: 1431. Czernin Verlag

1431 ist das Jahr, in dem Johanna in Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. In dem „Roman“ schildert Sophie Reyer die Kindheit, die kurze Lebens- und Kampfzeit bis hin zum frühen Tod dieser als „Jungfrau von Orléans“ bekannten Heiligen. Roman im engeren Sinn ist es nicht, auch keine Biographie, dafür sind die Fakten nur angedeutet, manchmal ungenau. Eher ein Prosaepos. Am Ende erfährt der Leser, dass alles eine Art Rückerinnerung ist an ihre Kindheit, ihre Berufung, ihren Ruf ins Kampfgeschehen. Man muss schon die Fakten einigermaßen kennen, um sich in dem Roman zurecht zu finden.

Er zerfällt sprachlich in zwei Teile. Johannas „Erinnerungen“ werden in einer Art hymnischer Traumsequenz geschildert, die zwar der exaltierten. dem religösen Wahn des Kindes namens Johanna angepasst ist, aber den Leseantrieb sehr hemmt. „Das Leben eine Schneewehe. Weh in Federn. Die Bäume, Fichten und Tannen, unter der Last des Schnees gebeugt, sind in die Schlafgrätsche gegangen.“ (15). Im Gegensatz zu diesen hochpoetischen, an manchen Stellen an den Gefühlskitsch grenzenden Schilderungen stehen die nüchternen Verhöre, denen Johanna im Gefängnis unterzogen wird. Der Schluss – Hinrichtung und Epilog oszilliert sprachlich zwischen grausamer Nüchternheit und Poesie des Sterbens. „Das Feuer über ihr. Tod durch Ersticken. Das Kleid ganz verbrannt, Danach hält man das Feuer niedrig. Die Frau wird dem Volk gezeigt, nackt.“ „Da erdrückt Gott ihr Auge. Erschüttert ist die Seele. Gott ist die Seele, die in ihre Tränen leuchtet.“ (beide Zitate p.239)

Sophie Reyer schwelgt in Bildern, die die Grenzen einer Prosa sprengen. Manche dieser Bilder sind wunderschön, manche in sich nicht stimmig. Wenn die Autorin ihrer Sprachgewalt ein wenig die Zügel anlegte, sich von der Selbstverliebtheit in die eigene barocke Üppigkeit distanzierte, entstünde dann sicher ein großartiges Werk.

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Bernhard Schlink: Die Enkelin. Diogenes

Bernhard Schlink gehört zu den besten Erzählern der Gegenwart. Sein Stil ist klar, ohne bemühte Extremformulierungen. Ihm genügt ein kurzer Satz, der eine ganze Person oder Landschaft erfasst. Über die Landschaft der DDR etwa heißt es: „Kaspar wollte sich die Leere des Dorfes nicht trostlos vorstellen, sie sollte ihre Richtigkeit haben.“ (S135). Um die Trunksucht und die Verzweiflung Birgits zu erklären: „Birgit hat ihren Ort in der Welt nicht gefunden (S 229).“ Ein Autor wie Schlink braucht nicht modische Tendenzen aufzugreifen, wie das destrukturierte Erzählen, das jeder zweite Autor heutzutage bemüht..Meist auf Kosten der Leser, denen die Zertrümmerung des Plots oft Mühe und Langeweile beschert.

Anders als der Titel vermuten lässt, wählt Bernhard Schlink nicht die Enkelin als Hauptfigur, sondern Kaspar, einen 70-jährigen Buchhändler. Kaspar ist kultiviert, versucht Menschen, Ereignisse so weit wie möglich ohne Vorurteile zu sehen, alles „soll seine Richtigkeit haben“. Als Student will er die Andersartigekti und die Ähnlichkeit zwischen dem Westen und der DDR kennenlernen und reist noch vor dem Bau der Berliner Mauer zwischen West- und Ostberlin hin und her. Auf einem Fest in Ostberlin lernt er Birgit kennen und bei seinen weiteren Besuchen immer mehr lieben. Er ermöglicht ihr die Flucht in den Westen. Die beiden heiraten. Doch Birgit kann nicht wirklich Fuß fassen, denn sie verheimlicht Kaspar etwas Wesntliches. Als sie ihn kennenlernte, war sie von einem anderen Mann schwanger. Weil dieser sie schmählich in Stich ließ, gibt sie das Kind nach der Geburt weg. Kaspar erfährt davon erst, als Birgit tot ist (Selbstmord ?) und er ihr Tagebuch liest. Seine Recherchen führen ihn wieder in die nun schon ehemalige DDR. Er findet das weggelegte Kind, das nun eine erwachssene Frau ist und in einem Dorf mit Björn, einem fanatischen Anhänger der „völkischen Nationalen“ lebt. Die beiden haben eine 14jährige Tochter, Sigrun. Mit großzügigen Geldspenden besticht Kaspar Björn, damit er Sigrun in den Ferien zu sich nach Berlin holen darf.

Die Fragen und Auseinandersetzungen zwischen dem Großvater und der Enkelin (eigentlich Stiefenkelin) Sigrun bilden den Kern des Romans. Sigrun – ganz von ihrem Vater rechtsradikal erzogen – leugnet vehement den Holocaust. Er sei erfunden, damit sich die Deutschen ihrer Vergangenheit schämen. Wie soll nun der lebenserfahrene, tolerante und unkämpferische Kaspar auf all diese in Sigrun fest vom Vater eingehämmerten Vorurteile und Ansichten vorgehen? Gut durchdacht, spannend bis zum Schluss.

http://www.diogenes.ch

Die Auseinandersetzung des Großvaters mit seiner Enkelin macht den spannenden Hauptteil der Geshcihte aus. Wie auch im Buch „Der Vorleser“ geht es Schlink auch diesmal um die Aufarbeitung der Geschichte Deutschlands aus der Sicht zweier Generationen und Weltanschauungen.

Abdulrazak Gurnah, Das verlorene Paradies. Penguin Verlag

Aus dem Englischen von Inge Leipold

Abdulrazak Gurnah wurde 1948 im Sultanat Sansibar geboren, ist heute Professor emeritus für englische und postkoloniale Literatur an der University of Kent. Er wurde 2021 für seine zahlreichen Romane mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Im zuletzt erschienenen Werk „Das verlorene Paradies“ behandelt er die Umbrüche in Ostafrika um 1900, als Deutsche und Engländer das Land ausbeuteten und kolonialisierten.

Der Vater Jusufs hat hohe Schulden bei „Onkel Aziz“ und muss ihm seinen kleinen Sohn als „Abzahlung“ seiner Schulden mitgeben, was nichts anderes bedeutet als ihn in die Sklaverei zu schicken. Jusuf wird Khalil als Gehilfe und Lehrling übergeben. Er leidet unter starkem Heimweh und den ziemlich unhygienischen Zuständen, hat panische Angst vor den wilden Hunden, die sich des Nachts um sein Lager herumtreiben. Sein Trost ist der Garten des Onkels, in dem er ungefragt und heimlich arbeitet. Aziz nimmt Jusuf auf seinen Reisen durch das Landesinnere mit, damit er das Leben kennenlernt. Sie kommen zu den „Wilden“, wie es im Text heißt, werden ausgeraubt, geschlagen und um ihr ganzes Hab und Gut betrogen. Doch an Jusuf prallt das alles ab, er ist durch seine Schönheit und seine seelische Unschuld geschützt. Zurück im Haus Azizs verliebt er sich in die Zweitfrau seines Onkels, gerät in Schwierigkeiten, weil die Erstfrau ihn begehrt und er sich vor ihr ekelt. Das Ende ist offen.

Gurnah verpackt in diesem Roman, der wie eine Aneinanderreihung von alten Mythen und Erzählungen wirkt und nur durch die Figur Jusufs zusammengehalten wird, alle Probleme dieser Umbruchszeit: Die Grausamkeit und Gier der Kolonialherren, die Grausamkeit und Unkultiviertheit der „Wilden“, die verschiedenen Religionen, der noch immer blühende Sklavenhandel, Zerstörung von Natur und Kultur und vieles mehr. Und genau darin liegt die Schwäche des Romanes: Zu viele Themen werden angerissen, keines tiefer ausgeführt. Jusuf ist eine Lichtgestalt, die in seiner naiven Unschuld sowohl an Parsifal und auch an Josef, der von Potifars Frau begehrt wird, erinnert.

Leider fehlen eine Landkarte, auf der die Reisen nachvollziebar sind, und ein geschichtlicher Überblick über das Gebiet, was damals als „Ostafrika“ bezeichnet wurde.

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Theater in der Josefstadt:Hermann Bahr: Das Konzert.

Mit interessanten Neubesetzungen: Joseph Lorenz als Gustav Heink und Alexander Pschill als Dr. Franz Jura

Das einzige Stück, das von Hermann Bahr heute noch gespielt wird, garantiert immer ein volles Haus. Die Umbesetzung der beiden männlichen Hauptrollen ist ein guter Grund, das Stück nochmals anzuschauen.

Wer Joseph Lorenz schon in verschiedenen Rollen und Lesungen erlebt hat, der weiß, dass er einen feinen Sinn für Humor und Komik hat. Die Rolle des eitlen Pianisten Gustav Heink (vorher Herbert Föttinger) , der den Schwarm der ihn anbetenden Frauen für sein Ego braucht, weil sie ihm Jugend und Alterslosigkeit bescheinigen, ist ihm auf den Leib geschrieben. Angeschwärmt ja, aber im Grunde will er schon seine Ruhe haben. Das gibt er allerdings nur vor dem gichtgeplagten Säufer und Hausmeister Pollinger (Siegfried Walther) und in ganz, ganz ehrlichen Momenten, die aber nicht lange dauern, vor seiner Frau (ganz souverän: Sandra Cervik) zu. Mit der jungen, exaltierten Delfine Jura (herrlich überkandidelt Alma Hasun), die er da in seine Almhütte geschleppt hat, ist er heillos überfordert. Doch er muss den Liebes- und Sexhungrigen spielen. Schließlich erwartet sie das von ihm, der ihr angebetetes Idol ist. Diese Szenen gehören zu den komischesten des Abends. Lorenz spielt den Heink mit zwinkender Selbstironie: Er weiß um seine Schwachstellen, darf sie aber nicht offen zeigen. Mit Mühe kann er die Liebesstürme seiner jungen Geliebten abwehren und sie ins Nebenzimmer verfrachten, wo sie Klavier üben soll Aber lieber würde er mit Pollinger auf der Ofenbank sitzen, über seine Fußleiden reden und Kaffee und Kuchen genießen. In diesem Dilemma kommen ihm seine Frau in Begleitung des Ehemanns seiner Geliebten fast gelegen. Alexander Pschill mischt in der Rolle als Dr. Jura (vorher Martin Vischer) ordentlich auf. Nix da mehr von einem Schüchterling. Forsch, selbstsicher und mit hellem Witz lenkt er die verirrten Menschen – seine Frau und den Pianisten – zu ihren „angestammten“ Ehegespanne zurück.

Interessant, dass der Regisseur Janusz Kica zwei verschiedene Schlüsse spielt: Die Ehefrau verlässt ihn und wird die Scheidung einreichen. Er bleibt ratlos allein zurück. Zweite Variante: Sie verlässt ihn, wird die Scheidung einreichen, er ist kurz verzweifelt, aber schon trudelt die nächste „Möglichkeitsgeliebte“ ein, mit der er sich tröstet. Die dritte, früher die meist gespielte Variante, ist zwar bühnenwirksamer, aber gilt wahrscheinlich als heutzutage inakzeptabel: Gustav glaubt sich mit seiner Frau versöhnt zu haben, hat irgendwie Besserung in Aussicht gestellt. Doch die nächste Versuchung ist schon da, der er ins Liebeskammerl nachstürzt mit dem unehrlichen Bedauern, dass er ja nicht anders könne. In diesem Schluss bleibt die Ehefrau in hilfloser Resignation zurück. Wahrscheinlich aus der heutigen Sicht auf die emanzipierte Frau kein passender Schluss.

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Unteres Belvedere: Viva Venezia!

Titelfoto: August Theodor Schöfft: Canal Grande

(alle Fotos: Silvia Matras)

Was macht den Reiz Venedigs aus? – Am ehesten wohl das Wissen um seine Fragilität, seine sich seit Jahrhunderten ankündigende Morbidität. Die Lust am Untergang ist einer der Impulse, die Literaten, Musiker und Maler in diese Stadt rief und noch immer ruft. Aus der Verbindung von Schönheit und Absterben entsteht Verklärung. Zahlreiche Dichter haben das „Phänomen Venedigs“ besungen. Die bekanntesten Zitate werden in der Ausstellung akustisch und optisch eindrucksvoll aufbereitet.

© Silvia Matras

Richard Dehmel notiert: „So möcht ich sterben, aber leben hier -nein“, Maupassant hingegen empfindet „ein tiefes Wohlbefinden der Seele“, Hermann Hesse schreibt treffend : „Hier schläft die Zeit“. Selbst der grantige Grillparzer, der gar nicht gerne reist, schreibt enthusiastisch in sein Tagebuch: „Venedig übertrifft alles, was ich an Herrlichem gesehen habe!“ Thomas Mann bringt die Faszination Venedigs auf den Punkt: „Halb Märchen, halb Freudenfalle.

Auch die Filmemacher haben Venedig als Kulisse gerne verwendet. Aus dem Sissifilm von Ernst Marischka sind die Szenen mit Romy Schneider als Sissi in Vendig zu sehen. Viel interessanter, weil nur mehr selten zu sehen, sind Ausschnitte aus dem ersten Film Viscontis „Senso“ (1954) oder aus einem der ersten Filme von Lumière.

In der Ausstellung sind hauptsächlich Bilder aus dem 19. Jahrhundert zu sehen,, dem Zeitraum, als der Mythos vom Sehnsuchtsort Venedig sich festigte und verbreitete, Verborgene Schätze aus dem Archiv des Museums und Leihgaben bekannter Künstler aus verschiedenen Ländern breiten ein bildgewaltiges Panorama aus.

Die Erfindung Venedigs im 19. Jahrhundert

Unter diesem Motto führt die Ausstellung durch einen Bilderreigen von bekannten und kaum bekannten Künstlern und einigen wenigen Künstlerinnen, zum Beispiel Antonietta Brandeis.

Antonietta Brandeis, Palazzo am Canal Foto: Silvia Matras

Frauendarstellungen hingegen ziehen sich als Thema durch die ganze Ausstellung: Lasziv, als Genrebild oder in Verklärung

Eugen von Blaas, Mädchen mit Fischen
Hans Makart, Venedig huldigt Caterina Cornaro

In der Ausstellung werden die verschiedensten Themen beleuchtet: Genrebilder, die Beziehungen zwischen Venedig und Wien, Episoden aus der glorreichen Geschichte Venedigs und vieles mehr . Für Vendigliebhaber führen die Bilder in eigene Erinnerungen zurück, für alle sind sie ein Anreiz, die Stadt zu besuchen. Fragt sich nur: Wird Venedig den Ansturm, der nach zweijähriger coronabedingter Abstinenz zu erwarten ist, aushalten?

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Wiener Konzerthaus: Matthias Görne und Markus Hinterhäuser: Lieder von Robert Schumann

Beide Interpreten braucht man nicht vorzustellen: Matthias Görne, ein feinsinniger Sänger, der mit seiner Stimme jede Melodie bis in ihre tiefste Tiefe auslotet. Markus Hinterhäuser, der ihn schon seit Jahren einfühlsam auf dem Klavier begleitet.

Die Kongenialität beider Künstler durfte man an diesem Abend wieder erleben. Robert Schumanns Lieder, in der Romantik tief verwurzelt, werden durch Görnes Interpretation zur existentiellen Aussage. Er lässt die Magie des Liedes aufblühen, auch dort, wo der Text auf den ersten Blick sie nicht sofort vermuten lässt. Sein Bariton ist weich, zart, zurückhaltend, sein Bassbariton wuchtig bis in die tiefsten Tiefen der Existenz hineinhorchend.

Robert Schumann war ein Verehrer von Nikolaus Lenau, mochte die dunkle, zarte Melancholie seiner Texte. Matthias Görne brachte beides zum Aufblühen: die zarte Romantik und Naturverehrung – etwa im Lied „Die Sennin“ und die tiefe Verwzeiflung des Einsamen. Nichts ist in seiner Interpretation nebensächlich, jedes Wort bekommt die Tiefe, die Dichter und Komponist ihm zugedacht hatten. Seinen dramatisch-vollen Bass setzt Görne nur sparsam ein, dafür umso wirksamer, etwa am Ende des Liedes „Der schwere Abend“. Intensiv und innig singt er das „Requiem“, das Robert Schumann für den verehrten Dichter Lenau komponierte, Zart beginnt er, bis er mit Einsatz des ganzen Stimmvolumens den Übergang vom Leben in die“Himmelspracht“ singt. Da lässt Görne „Feiertöne“ erklingen, begleitet von einem zurückhaltenden Klavierspiel.

Hochdramatisch entführt Görne sein Publikum in dem Lied „Waldesgespräch“ in eine Atmosphäre, die inhaltlich und musikalisch an den „Erlenkönig“ erinnert. Zärtlich, wie ein Gebet, klingtdas berühmte Lied „Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff. Die volle Wucht seines Basses setzt er für das Lied des Harfners ein „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“ (Goethe, Wilhelm Meister). In eine hochdramatische und spannende Szene entführt Görne das PUblikum in der Ballade von Adelbert von Chamisso „Die Löwenbraut“. Eine Nähe zu Goethes berühmter Erzählung „Novelle“ ist unverkennbar. Zärtlich erzählt das Lied von der jungen Braut, die mit einem Löwen als Kindheitsgefährten aufwuchs. Nun muss sie Abschied nehmen, denn sie heriatet. Um das Mädchen nicht dem ungeliebten Bräutigam zu überlassen und aus Wut tötet der Löwe das Mädchen. Der Bräutigam erschießt daraufhin das Tier. Görne schuf mit seiner Interpretation ein lebendiges Drama, die Geschichte von sinnloser Zerstörung, in der die Gewalt des Menschen gegen die der Natur obsiegt.

Es war ein großartiger, einmaliger Abend. Das Publikum dankte den beiden Interpreten mit langem

Applaus.

http://www.konzerthaus.at

Leos Janàcek: Jenufa. Theater an der Wien

Regisseurin: Lotte de Beer, Dirigent: Marc Albrecht, Bühne: Christof Hetzer, Kostüme: Jorine van Beek, Choreografie: Gail Skrela

Es war die letzte Aufführung, bevor das Theater wegen dringender Renovierungsarbeiten für 2 Jahre schließt. Und es war ein grandioser, würdiger Abschluss.

Lotte de Beer legte eine hochkünstlerische Visitenkarte vor. Man darf sich auf ihre Intendanz in der Volksoper freuen. Obwohl wir alle Robert Meyer nachweinen, der all die Jahre die Volksoper zu einem interessanten und vielseitigen Haus geformt hat.

„Jenufa“ ist keine leichte Oper. Das Thema ist heute nicht mehr aktuell: Jenufa ist schwanger, der Bräutigam lässt sie sitzen. Ihre Stiefmutter versteckt sie bei sich im Haus bis zur Geburt und bringt dann das Neugeborene um , weil sie Junufa in der bigotten Gesellschaft ein ruhiges Leben mit einem anderen Mann sichern will. Der Mord wird entdeckt, die Stiefmutter muss ins Gefängnis.

Was die Regisseurin aus diesem Stoff macht, ist spannend und bewegend. In dem schlichten und kahl – bedrohlichen Bühnenbild scheut sie sich nicht vor bewegten Massenszenen (Schönberg-Chor!). Die Rollen sind alle, wirklich alle großartig besetzt. Allen voran Svetlana Aksenova, die eine berührend schlichte Jenufa singt und spielt!!! Da steht keiner und keine auf der Bühne wie ein(e) Säulenheilige(r), alle sind in ihrer Rolle. Nina Stemme überzeugt in der schwierigen Rolle der Küsterin, die sich zu dem Mord durchringt. Marc Albrecht führt das Radio Symphonieorchester überlegen durch die nicht einfache Musik.

Festspielhaus St. Pölten: Gustav Mahler, Das Lied von der Erde.

Es hätte eine Weltpremière sein sollen, wenn Lemi Ponifasio mit seiner MAU Company aus Samoa und Neuseeland das Werk Mahlers gemeinsam mit den Niederösterreichischen Symphonikern interpretiert hätte. Aber Corona hat es unmöglich gemacht. Dennoch ließ es Lemi Ponifasio sich nicht nehmen und reiste als Botschafter seiner Gruppe an, um über die Vision seiner Choreographie zu erzählen. Zu Beginn gedachte er der Bevölkerung in der Ukraine und widmete ihnen den Abend als Friedenswunsch. Dann sprach er von der engen Verbindung der Samoaner mit der Natur. „Different cultures together“ wäre der Sinn dieses Abends gewesen. In minimierter Form ist das auch gelungen, denn der Tenor Pene Pati stammt aus Samoa.

Dirigent des Niederösterreichischen Tonkünstlerorchesters: Hans Graf. Tenor: Pene Pati. Mezzosopran: Tanja Ariana Baumgartner.

1908 und 1909 zählten zu den schwersten Jahren im Leben Gustav Mahlers. Er hatte den Posten als Direktor der Wiener Staatsoper verloren, seine Tochter Maria war gestorben und er selbst litt an einem Herzfehler. In diesen trüben Tagen fand er Trost in den Gedichten „Die chinesische Flöte“, übersetzt von Hans Bethges. Er wählte sechs aus.

„Das Lied von der Erde“ wurde erst nach Mahlers Tod uraufgeführt. Man darf es als sein spirituelles Vermächtnis interpretieren. In diesem Liedzyklus vereinen sich Schwermut, Todessehnsucht mit erinnerter Leichtigkeit. Bilder aus China , wie der“Pavillon aus weißem und grünem Porzellan“ und „junge Mädchen und schöne Knaben“ ,die am Ufer sitzen, steigen auf und vereinen sich mit den Klängen der Musik. Doch das Leben ist nur ein Traum, das sich irreal im Wasser spiegelt. Der Abschied ist gewiss, es wartet der Freund, der ihn hinüber führt – das antike Bild des Fährmanns Charon wird imaginiert. Er wird den Müden in die Fernen führen. Pene Patis schöne Tenorstimme sang nicht immer erfolgreich gegen die Orchestergewalt an. Tanja Ariana Baumgartners dunkler Mezzosopran klang gut, aber es fehlte an Wortdeutlichkeit, Hans Graf ist ein erfahrener Dirigent, der weiß, dass diese Musik, besonders der letzte Teil „Abschied“ sich in die Länge ziehen kann. Wahrscheinlich deshalb drückte er manchmal zu sehr auf zackiges Tempo.

http://www.festspielhaus.at

Theater Akzent: Joseph Lorenz liest Stefan Zweig: Brennendes Geheimnis

Joesph Lorenz ist der ideale Interpret für Stefan Zweig.. An diesem Abend entführte er das Publikum in ein Nobelhotel am Semmering, Wir sehen den Baron eintreten und enttäuscht in der Gästeliste blättern: Kein geeignetes Flirtobjekt. Dann betreten eine nicht mehr ganz junge Frau und ihr 12jähriger Sohn die Lobby und sofort nimmt er die Dame als geeignete Beute ins Visier. Da sie sich kühl und unnahbar zeigt, sucht er den Kontakt zum Sohn. Edgar ist ein sensibles Kind, das von der Mutter noch nicht viel Liebe erfahren hat. Der ferne Vater droht im Hintergrund der Novelle als moralische Instanz, die von Mutter und Sohn gleichermaßen gefürchtet wird. Es war spannend, wie Zweig tief in die Seele dieses Kindes hineinleuchtet. Und Joseph Lorenz das Publikum mitnimmt in das Geschehen aus der Sicht des Knaben. Edgar weiß noch nichts von den Lügen und Verstellungen der Erwachsenen, fällt auf die freundliche Maske des Barons herein, der ihn als Köder benützt. „Bald hatte er (der Baron) das heiße, zuckende Herz (des Kindes) in der Hand“. Und bald schon war die Frau Wachs in seinen Händen und die Beute reif zum Abschuss, doch Edgar stört. Er wird ausgetrickst und bei Seite geschoben.Hass auf den Baron und auf seine Mutter lässt ihn zum Spion werden. Er greift den Baron tätlich an, als dieser seine Beute schon fest im Griff hat. Es kommt zum Kampf. Gebannt folgt das Publikum Joseph Lorenz, der es versteht, die Spannung aufzubauen und zu halten. Man sieht den Knaben im dunklen Hotelgang lauern, erlebt, wie er sich auf den Baron stürzt, ihn beißt und schlägt. Ein Skandal! Edgar fllieht aus dem Hotel und reist zu seiner Großmutter nach Baden. Doch dort warten schon der zornige Vater und seine verängstigte Mutter. Wird er dem Vater verraten, was da in dem Hotel am Semmering geschehen ist? Die flehenden Augen der Mutter und ihr Zeigefinger, den sie auf ihre Lippen legt, lassen ihn verstummen. Dann der großartige Schluss: Im Halbschlaf spürt er die Hand seiner Mutter, die zärtlich über seine Wange streicht. Er hat zwar das Geheimnis der Erwachsenen noch nicht enträtseln können, aber sehr wohl verstanden, dass deren Welt aus Lüge und Heuchelei besteht. In dieser Nacht verabschiedete sich Edgar von seiner Kindheit.

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Theater Scala: The Effect. Eine pharmazeutische Liebesgeschichte von Lucy Prebble

Inszenierung: Bruno Max, Bühne Marcus Ganser, Kostüme:Sigrid Deger

„In Zeiten wie diesen…ist es umso wichtiger, ein Stück zu wählen, das zwar unsere Wirklichkeit nicht negiert, sich aber mit etwas Größerem beschäftigt und etwas Sonne ins Grau bringt“, schreibt der Intendant Bruno Max im Programmheft. Wie wahr! Die Sonne im Grau haben wir alle nötig, und das Theater könnte dazu verhelfen. Wenn im Burg- und Volkstheater kalte Lehr- und Moralstücke zu sehen sind, die ihr Publikum langweilen oder schockieren, dann ist ein Theater wie die „Scala“ um so wichtiger. Bruno Max lässt in jeder Inszenierung die Schauspieler tief in die Figuren einsteigen und schafft so spannende Inszenierungen.

Was kann es Größeres als die Liebe geben? Die wollen uns die Hirnforscher als elektrische Bahnen und chemische Vorgänge madig machen. Aber Zärtlichkeit und Zuwendung sind mehr als chemische Vorgänge. Darüber wird in „The Effect“ verhandelt.

Auf der Wand im Hintergrund der Bühne leuchtet groß das Versprechen eines Pharmakonzerns „You deserve to feel better“ auf. „Du hast es verdient, dich besser zu fühlen“ – natürlich mit den Pillen dieses Konzerns. Eine einmonatige Studie soll die Wirkung eines neuen Antidepressivums beweisen. Conny (Veronika Petrovic) und Tristan (Marc Illich) haben sich als Probanten zu Verfügung gestellt. Unter der strengen Aufsicht von Dr. Lorma James (Christine Saginth) nehmen die beiden eine von Tag zu Tag höhere Dosis ein. Doch das Experiment scheitert, weil sich die beiden ineinander verlieben. Ist dieser Zustand nun auf das Mittel zurückzuführen? Dr. James, die selbst schwer depressiv ist, Zweifel an dem Medikament hat und sich gegen die rücksichtslose Ausbeutung dieser beiden Versuchspersonen wehrt, muss gegen ihren inneren Widerstand weiterarbeiten. Ein Zwischenfall lässt das Experiment scheitern. Und die Frage nach der Liebe wird auf einer ganz anderen Ebene beantwortet..

Die Autorin schrieb dieses Stück 2012, also lange vor Corona. Aber es wirkt, als hätte sie es in der Pandemie geschrieben. Denn viele ungeklärte Fragen werden darin aufgeworfen: Was heißt „Langzeitstudie“? Welche Verantwortung trägt der Konzern für Nebenwirkungen? – Im Stück keine. Wie weit kann/darf die Gehirnforschung gehen? Gibt es ethische Grenzen? Die Gefahr, dass einmal Gedachtes nicht zurückgenommen werden kann, (Dürrenmatt, Die Physiker) besteht immer. Sie vergrößert sich mit dem Fortschritt der Wissenschaft, die überzeugt ist, dass der Mensch alles, was ausgeforscht werden kann, ausforschen wird. Die Digitalisierung ist nur ein harmloser Anfang….

Ein spannender Stoff, den die Autorin leider nicht griffig genug verarbeitet. Die Dialoge wirken manchmal recht hözern – vielleicht liegt das auch an der Übersetzung. Deshalb outrieren die beiden Hauptdarsteller enorm: Connie kratzt sich andauernd, zappelt und bringt keine geraden Sätze heraus, Tristan ist hyperaktiv. Die „Liebesszene“ wirkt ein wenig „patschert“, die Überprüfung des Tristan-Penis durch die Ärztin ist eher peinlich. Straffung und eine etwas ruhigere Schauspielführung täten dem Stück gut. Ein positiver Ruhepol ist die Figur der Ärztin, ihr nimmt man ihre Zweifel und Verzweiflung ab.

Noch bis zum 26. Februar 2022 zu sehen

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Serapionstheater im Odeon: Koom Posh

Ideen nach dem Drama „Die Stadt der Gerechtigkeit“ von Lev Lunz und E.B. Lyttons „Das kommende Geschlecht.

Inszenierung: Max Kaufmann, Mario Mattiazzo nach Anregungen von Erwin Piplits.

Aus dem Dunkel des Bühnenhintergrundes kriechen Wesen, langsam, quälend langsam erreichen sie die Mitte und entpuppen sich als eine Horde Wilder, die brüllend und im obstrusen Verrenkungen eine Stadt erobern, in der die Menschen zu gehorsamen Robotern geformt wurden. Es entsteht ein bitterer Kampf, brutale Szenen – man kann die Agilität und den Einsatz der Tanztruppe nur bewundern. Allerdings dauern diese Kampfszenen endlos lang und wiederholen sich mehrmals, was dem Stück eine gewisse Zähigkeit verleiht. Mitten in diesem wilden Treiben gibt es eine Sequenz, die an die Zeiten des Serapionstheater von früher erinnert: Einer der Robotermenschen mit vier Gesichtern und einer Lunte am Hinterteil, die langsam abbrennt, tanzt versonnen vor sich hin. In dieser Szene kann sich der Zuschauer ein wenig „ausruhen“ von dem all zu heftigen Kampfgetümmel. Am Ende ist die Stadt der Roboter kaputt, die Wilden ziehen weiter. Aus dem Off zitiert eine Stimme einen Text, in dem es heißt: „Das ist nicht der Morgen, auf den wir gewartet hatten.“ Wenn ein Interpretation erlaubt ist, dann etwa diese: Revolutionäre jeglicher Art sind nicht fähig, eine sinnvolle Gemeinschaft zu bilden. Sie zerstören auf ihrem Eroberungszug alles, was ihnen im Weg steht. Aber auch Menschen, die in einem Kadavergehorsam zu Robotern werden, bilden ebenfalls keine funktionierende Gemeinschaft. Eine ziemlich pessimistische Sicht der Welt, die da auf die Bühne gebracht wird.

Noch zu sehen bis 19. Februar 2022

http://www.odeon-theater.at

Burgtheater: Schiller: Maria Stuart

Aufführung am 13. Februar 2022, Foto: Matthias Horn

Inszenierung: Martin Kusej, Bühne: Annette Murschetz, Kostüme: Heide Kastler

Vorweg gleich einmal ist zu melden: Ab der 10. Reihe Parkett versteht man die Schauspieler nur bruchstückhaft. Daher rate ich allen, die sich das Stück ansehen wollen, vorher Schiller im Original zu lesen. Ich kenne das Stück gut, hatte dennoch Schwierigkeiten zu erraten, welche Szene gerade gespielt wird. Wozu hat man gute Schauspieler, Schauspielerinnen, wenn sie mit Ausahme von Minichmayr und Galke den Zuschauerraum akustisch nicht ausfüllen können? Auf der Perner Insel mag es diese Schwierigkeiten nicht gegeben haben, da der Raum viel kleiner ist. Warum hat man das Stück nicht in die Akademie verlegt?

Die Folge dieser sprachlich-akustischen Schwierigkeit ist LANGEWEILE! Und das immer gleiche, nichtssagende Bühnenbild ist auch nicht gerade aufregend. Die Inszenierung vergeigt einfach die emotionalen Höhepunkte, die Schiller in das Drama eingeschrieben hat. Kusej inszeniert, als ob er bei Brecht in die Lehre gegangen wäre: Gefühle gehören nicht ins Theater, der Zuschauer soll denken, nicht fühlen. So bleibt selbst die von Schiller hochdramatisch gestaltete Szene der Begegnung der beiden Königinnen auf der Strecke. Nichts von zurückgestautem Hochmut seitens Maria Stuart, die Elisabeth in die Schranken weist. Nichts von geschockter Gekränktheit der starr stehenden Elisabeth. Die Szene wirkt, als ob beide eine Gerichtsverhandlung spielen. Obwohl sich die Damen Mühe geben, ihrer Figur Charakter anzureden, soweit es der Intendant eben zulässt, wirken beide blass. Sie sind Spielball einer Männergesellschaft – das sollen wohl auch die 25 nackten Männer darstellen, die man/frau abwechselnd von vorne und von hinten bewundern darf. Ein Markenzeichen Kusejs ist es ja, mit einem Aufreger Schlagzeilen zu machen. Waren es bei Tosca die „Umschreibung“ der Oper nach seinem Gutdünken und der schneebedeckte Campingplatz als Bühne, so sind es diesmal die nackten Männer. Und prompt fällt das Feuilleton auf den Trick herein und schreibt begeistert von einer „bildgewaltigen Inszenierung“.

Soweit zu erkennen und zu beurteilen war: Bibiana Beglau gibt eine ziemlich machtlose Königin, die von ihren Höflingen bestimmt wird. Birgit Minichmayr bemüht sich, eine bejammernswerte Maria zu spielen. Dass sie noch immer Männer verführen könnte, glaubt man ihr nicht.Franz Pätzold gibt einen zahmen Mortimer, Rainer Galke einen kreuzbraven Gefangenenwärter, Ilay Tiran einen schleimig-schmierigen Graf Leicester. Dass gerade er am Ende Maria die Beichte abnimmt, ist ein typischer Kusejwitz. Und leider ist das ziemlich wirksame Ende des Stückes auch der Feder des Intendanten zum Opfer gefallen. Im Originial ruft Elisabeth in ihrer Verzweiflung nach Leicester, doch von dem heißt es: „Der Lord lässt sich entschuldigen, er ist zu Schiff nach Frankreich.“ Und so steht Elisabeth im roten (!) Kleid allein auf weiter Flur, auch die Nackten haben sie verlassen. Das Schlussbild ist das Beste an der Inszenierung.

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Volksoper Wien: Begegnungen. Ballett

Titelfoto: Rebecca Horner und Lourenco Ferreira in „lux umbra“

Musikalische Leitung des Orchesters der Volksoper Wien: Gerrit Prießnitz

24 préludes

Musik: Fre´deric Chopin in der Orchesterfassung von Jean Francaix

Choreographie: Alexej Ratmansky

Langssam kristallisiert sich der Weg des Ballettchefs Martin Schläpfer heraus: Er setzt auf Bestätigung, ja auch in gewisser Weise auf Rettung des klassischen Balletts. Die meisten Ballettabende werden im Dreierkombination inszeniert und legen den Schwerpunkt auf die Klassik, inspiriert und erweitert durch neues, ungewöhnliches Repertoire.

Alexej Ratmanskys Chorographien stehen für Eleganz und schwebende Leichtigkeit. Es sind vor allem die Tänzerinnen, die das neue Bewegungsvokabular einbringen. Sie „entfalten sich“ im wahrsten Sinn des Wortes „in den Raum“ durch Überbetonung der Arme. Gerne unterbricht Ratmansky die strenge Klassik durch eine kurze Slepstickgeste. Für notwendige Hochdramatik – denn nur Eleganz wirkt schnell einschläfernd – sorgen Rebecca Horner und Marcos Menha. Für flotte Leichtigkeit Aleksandra Liashenko und Denys Cherevychko.

lux umbra, Uraufführung/ Auftragskomposition von Christof Dienz

Die wohl interessanteste Choreographie des Abends zeigte Andrey Kaydanovsky. Mit den spektakulären Kostümen von Karoline Hogl und der ungewohnten, aber spannenden Musik von Dienz brachte er eine getanzte Fassung des Höhlengleichnisses von Platon auf die Bühne.

Rebeca HOrner und Lourenco Ferreira ( Foto: Asheley Taylor)

Zum Höhepunkt des Abends gehört die Szene mit Rebecca Horner und Lourenco Ferreira. Der fächerartige Rock des Tänzers umschlingt die weibliche Figur, die durch die Bandagen wie in Gliedmaßen zerteilt wirkt.Dramatik pur!

in sonne verwandelt/uraufführung

Martin Schläpfer hat sich mit dem Klavierkonzert Nr. 4 von Ludwig van Beethoven selbst ein Geschenk bereitet. Denn – so betonte er während der „Ballettwekstatt“ – für ihn zähle es zu den inspirierendsten Musikwerken überhaupt. Seine Begeisterung manisfestierte er in dem Titel „in sonne verwandelt“. Allerdings konnte ich die Verbindung vom Titel zu Bühnenbild (Markus Spyros Berterman) und Kostümen (Helene Vergnes) nicht herstellen.

Fiona McGee und Francois-Eloi Lavignac.Foto: Ashley Taylor

Sinnlich langsam und elegant tanzt das Ensemble in gekonnter Perfektion, nur hin und wieder durch kurze dramatische Szenen unterbrochen. Alles sehr bedeutungsvoll, vielleicht, aber letztendes doch ein wenig ermüdend. Fein und erhellend (Titel!?) das Klavierspiel von Johannes Piirto und das Dirigat von Gerrit Prießnitz.

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Marie Brunntaler, Piz Palü. Eisele Verlag

Der Piz Palü ist ein nicht ganz ungefährlicher Berg in den Schweizer Alpen, nahe bei Pontresina. Auf über 1000m steht das „Grand Hotel Arnold“. In den späten 1950er Jahren ein Treffpunkt der Reichen und vieler Stars, wie etwa O.W. Fischer, hier oben bitte nur „Otto“. Eigentlich sind die besten Tage des Luxushotels schon vorbei. Nur durch eine Geldheirat mit dem reichen Kälin konnte ERika Arnold den Ruin abwenden. Aber die Ehe ist kaputt, es gibt Probleme. Als ihre beiden Kinder spurlos verschwunden sind und der Ehemann im Turmzimmer ermordet aufgefunden wird, geht die Mördersuche los. Der Kriminalkommissar Tschudi steht vor einem Rätsel. Erst durch einen Hinweis von O.W. wird einiges klar.

Ein spannender, flott und leichtfüßig geschriebener Roman über die angeheizte Lage in den 50er und 60er Jahren nach dem Ende des 2. Weltkrieges: Die einen reich und gelangweilt, die anderen scheinreich und verzweifelt, wieder andere in unerträglichen Abhängigkeitsverhältnissen lebend, nach außen aber gelassen und fröhlich. Masken tragen alle, keiner ist der, der er scheint. Mit Eleganz und Noblesse fährt die Autorin durch diese ziemlich verlotterte Gesellschaft mit spitzer Feder durch. Wäre da nicht der pathetisch- unglaubwürdige Schluss könnte man den Roman als gelungenen Spiegel der Nachkriegsgesellschaft einordnen.

http://www.eisele-verlag.de

Barbara Frandino, Das hast du verdient. Folio Verlag

Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl

Barbara Frandino schildert eine Frau, deren Leben aus den Bahnen kippt, weil ihr Ehemann eine Geliebte hat, die von ihm ein Kind erwaretet. Die Ehe war bis dahin von beidseitiger Liebe erfüllt. Das erfährt man nur aus einigen Bemerkungen. Denn der Roman beginnt mit dem Zeitpunkt der Rache: Claudia, so heißt die Protagonistin, aus deren Sicht der Roman erzählt wird, sieht seelenruhig zu, wie ihr Ehemann von der Leiter kippt und am Boden liegen bleibt. Erst nach einer halben Stunde ruft sie die Rettung, sehr spät, wie der Arzt feststellt. Den zum halben Krüppel reduzierten Ehemann holt sie nach Hause und beginnt ein schreckliches Rachegespinst. Ein Ping-Pong, das vom Ehemann aber nicht mitgespielt wird. Der möchte, dass alles so bleibt, wie es einmal war. Sie wartet, lauert, inszeniert eine Racheszene nach der anderen. War man am Anfang noch auf ihrer Seite, so verliert man mit Fortgang der Handlung die Geduld mit Claudia. Zu viele Wiederholungen, ähnliche Aktionen zermürben die Protagonistin und den Leser. Nicht aber den Ehemann, der das alles ziemlich gleichmütig und schweigend erträgt. Aus dieser Hasshölle findet Claudia nicht heraus. Sie erstarrt in Wortlosigkeit, trotz vieler Besuche bei einer Psychotherapeutin.

In einer kalten, punktgenauen Sprache führt Barbara Frandino eine Frau vor, die sich durch ihren Hass selbst zerstört.

Hart, aber glasklar zeigt Frandino auf, wohin die Reise geht.

www.folioverlag.com

Joseph Lorenz las „Amok“ von Stefan Zweig. Theater Akzent

Was passiert mit einem Menschen, der jahrelang in der Einsamkeit des indonesischen Dschungels sitzt und kaum Kontakt zu Menschen hat? – Er säuft, wird depressiv, verliert leicht die Kontrolle über sich selbst und läuft bei der erstbesten Gelegenheit Amok. Von dem erzählt wird, ist Arzt, wer ihn Amok rennen lässt, ist eine Britin von kalter Schönheit und unnahbarer Eleganz.Es ist die Geschichte, wie aus Gier Hass und aus Hass Liebe wird. Alles im Zeitraffer eines Amokläufers.

Stefan Zweig lässt die Novelle Anfang des 20. Jahrhunderts spielen. Und Joseph Lorenz transferiert das Geschehen in den Moment des Zuhörens: Wir werden in diese Schwüle der Gefühle, in die rasende Ratlosigkeit des Arztes hineingezogen, wir spüren den wochenlangen Regen, die Hitze. Wir rennen mit dem Arzt, der dieser unnahbaren Schönheit eine (damals illegale) Abtreibumg verweigert und deshalb schuldig wird, wir rennen Amok durch die Kleinstadt, spüren die befemdeten Blicke, die ihm folgen, bangen, ob er die mutig-kalte Frau nach dem tödlichen Eingriff einer Pfuscherin noch wird retten können. Wir leiden sein Leid, seinen Schmerz, seine Trauer, als sie stirbt. Wir bewundern seine Zielsstrebigkeit, als er alles riskiert, um sie vor dem Ehemann zu schützen, der dem ausgestellten Totenschein misstraut. Wir erleben ihn, als er den Sarg und sich in die Tiefe des Meeres stürzt und so das Geheimnis dieser Frau vor Entdeckung schützt. Der Amoklauf endet da, im Moment des Todes.

Joseph Lorenz hat eine neue Art von Kunstgattungt geschaffen – die dramatische Lesung. Er braucht keine Kulissen, keinen Regisseur – im Gegenteil: Allein dem Text und dem Publikum verpflichtet, ist er unübertrefflich. Gleich zu Beginn versetzt er uns in die Schwüle eines von Sternen strahlenden Nachthimmels, Wir spüren den Duft, der von einer fernen Insel herüberweht. Die Sätze sind von starker Sinnlichkeit. Lorenz formt präzise Charaktere, ist einer, dann ein anderer. Ist die Frau in ihrem Hochmut, ist der hilflos ausgelieferte Mann, der Amok läuft, ist der Arzt, der vergißt, dass seine Pflicht helfen heißt, ist derselbe, der weinend über der Toten zusammenbricht. Ist erschöpft am Ende seines Leseamoks durch die Seele eines Zerbrochenen.

http://www.akzent.at

Am 19. Februar 2022 wird Joseph Lorenz Stefan Zweigs Novelle „Brennendes Geheimnis“ im Theater Akzent lesen. Achtung: Im Studio, nicht im Hauptsaal.

Great Voices im Wiener Konzerthaus: JUAN DIEGO FLOREZ

  1. Februar 2022

Was für ein Fest! Ein Fest für Florez! Ein Fest für das Publikum!

Florez in Hochform! Er präsentierte ein klug zusammengestelltes Programm, das nichts mit den üblichen Arienliederabenden gemein hatte. Beginnend mit Gluck über Rossini, dann im großen Zeitsprung zu Richard Strauß, Bizet , Offenbach und Donizetti präsentierte er sich als Sänger, der in vielen Rollen und Stimmanforderungen zu Hause ist. Anders als üblich bei solchen Konzerten schuf er jeweils ein Miniformat der jeweiligen Oper. Die Philharmonie Brünn unter Claudio Vandelli leitete jeden Part mit einer Ouvertüre ein. Florez sang dann die Hauptarien daraus.

Florez war in Hochform, konnte seiner Stimme mühelos alles abverlangen: Als Orphée (Gluck, Orphée et Euridice) brillierte er mit sanften Tönen, weichen Höhen und einer schönen Tiefe. Mit „La Pietra del Paragone „von Gioachino Rossini bewies er seine Sicherheit auch in dieser schwer zu singenden Partie. Vor der Pause setzte er das Publikum mit der Arie des Idreno aus „Semiramide“ ( Rossini) in Verzückung.

Nach der Pause wechselte er mit der „Zueignung“ und an „Cäcilie“ von Richard Strauß die Temperatur der Stimmung. Bei diesen stillen Liebesliedern war ein neuer Florez zu spüren: einer mit Zurückhaltung und Zärtlichkeit. Um dann – sehr gekonnt und wohl überlegt – das Publikum mit der Arie des Don José („La fleur que tu m’avais jetée“ aus Bizets „Carmen“) zu Begeisterungsstürmen hinzureißen. Heiterkeit und Ironie verströmte er mit „La Belle Hélène“ von Jacqes Offenbach. Zum Abschluss des offiziellen Teiles sang er ein eher unbekanntes Juwel: Die Arie des“ Don Sebastien, roi de Portugal“ von Gaetano Donizetti.

Die Fans wußten genau, dass es nach dem offiziellen Teil noch lange weitergeht. So war es auch: Florez mit Gitarre und ohne Mascherl sang als obligatorische Zugaben zwei peruanische Volkslieder! Dann noch; „La donne è mobile“ und am Ende die Herausforderung für jeden Tenor: „Ah! mes amis, quel jour de fête“ aus der „Regimentstochter“. Locker, als bedürfte diese Arie keiner Anstrengung, sang er die hohen C hinauf wie nix! Und das am Ende eines langen Konzertabends!

Langer Applaus und standing ovations!

http://www.greatvoices.at

http://www.konzerthaus.at

Karl Kraus – ganz persönlich. Olga Schnitzlers Talkshow mit Zeitgenossen.

Elisabeth-Joe Harriet als Olga Schnitzler. Kurt Hexmann als Karl Kraus

Ort des Gespräches: Natürlich im Steigenbergerhotel, Café Herrenhof

„Ja mein Gott, Sie ( gemeint ist das Publikum) leben in Zeiten!“ Mit diesen Worten begrüßt Olga Schnitzler die Zuhörer. Und schon ist die Schiebetür geöffnet, um vom Heute (mit all den Coronaquerelen) in die Vergangenheit zu schauen. In eine Zeit, in der man zwar auch Masken gegen die Grippeviren trug. Aber alles nix gegen heute, meint Olga, die Frau zwischen und in den beiden Zeiten. Elegant und selbstsicher, wie wir uns Olga Schnitzler vorstellen, begrüßt sie Karl Kraus in ihrer Talkshow. Der schießt gleich einmal sein erstes Kanönchen gegen sie ab: Talkschow, auch so ein Wort, das er partout nicht mag. Sie bleibt davon umberührt, schießt kräftig zurück und zitiert Hans Weigels Urteil über Karl Kraus: „Keiner hat Wien und Österreich…. derart verhöhnt…. und keiner hat Österreich tiefer geliebt.“ Diese Aussage ist natürlich Wasser auf den ein wenig (oder sogar sehr) selbstverliebten Karl Kraus. Nun beginnt ein köstliches Pingpong der geistreichen Fragen und ironisch-geistreichen Antworten. Zunächst freundliches Geplauder über die Kindheit im böhmischen Gitschin, dann in Wien. Als tüchtiger Geschäftsmann will der Vater den jugen Karl in seine Firma zwingen. Ging nicht, absolut nicht. Schon damals zeigte sich Kraus als der intelligente Streiter, als der er später in der „Fackel“ bekannt wurde.

Als die „Fackel“ erstmals am 1. April 1899 erschien, sprach ganz Wien von dem kleinen roten Format, in dem fortan gegen alles und jeden zu Felde gezogen wurde. Als Olga Schnitzler Karl Kraus wegen seines allgemein bekannten Bekenntnisses zu Dollfuß auf die Zehen tritt, wird er richtig wütend: Dollfuß sei die einzige Möglichkeit gewesen, sich gegen Hitler zur Wehr zu setzen. Amüsant geht dieser Schlagabtausch weiter, Kraus immer pointiert ironisch mit einer Prise Arroganz, Olga weiblich – schlau angriffig. Und immer wieder holt diese Olga Schnitzler, die bestens vorbereitet ist, Fotos und Erinnerungen hervor, die selbst Karl Kraus schon vergessen zu haben scheint. Eines war Olga klar: will sie in diesem Gespräch bestehen, so muss sie in ihrem Köcher ein Wissen über ihr Gegenüber haben, das mehr als nur die Oberfläche streift. „Ich möchte in die Tiefe Ihrer Persönlichkeit steigen“, verkündet sie zu Beginn. Und Karl Kraus darauf: „Hoffentlich erkenn‘ ich mich nachher selbst noch wieder!“

Es machte Freude, den beiden exzellenten Schauspielern in die Zeit der Jahrhundertwende zu folgen. So manch Zuhörer wünschte sich wahrscheinlich auch heute einen Karl Kraus herbei, der völlig unabhängig gegen Korruption, Partei- und Freunderlwirtschaft vorginge. Der den „Debutromanschreibern, Kolumnisten und Feulletonisten in ihr Stammbuch schreibt, wie Sprache vom Denken abhängt.

Weitere Aufführungstermine: Karl Kraus – ganz persönlich: 27. Februar und 24. April 2022. Jeweils um 15.00Uhr im Café Herrenhof, Steigenbergerhotel, Herrengasse 10, 1010 Wien. http://www.steigenberger.com/hotel-wien/herrenhof

Tickets zu €55.- inkl. Kaffee/Tee, Herrenhoftorte und ein Gläschen Likör.

unter:http://www.pretix.eu/EIH/KIH oder +43676/899 68 050 und sylviareisinger@aon.at

Festspielhaus St.Pölten: José Montalvo: Gloria

Titelfoto © Patrick Berger

José Montalvo präsentierte genau zur richtigen Zeit die richtige Choreographie – der Pandemie zum Trotz fordert er seine Equipe und das Publikum zur Freude am Tanz auf. „Gloria“ – der Titel ist nicht als Ruhm und Ehre, sondern als Jubel, als Lebensfreude zu verstehen. Jede einzelne Tänzerin und jeder einzelne Tänzer verkörpert im Tanz dieses Motto. Obwohl drei Mitglieder des Ensembles coronabedingt nicht dabei sein konnten, ließ Montalvo dennoch die Show über die Bühne gehen. Richtig so, Corona zum Trotz! Denn Angst und Unsicherheit sollen unser Leben so wenig wie möglich beeinträchtigen. Mit „Gloria“ , der Freude am Leben, ausgedrückt durch Tanz, will Montalvo eine kräftige Gegenansage zu Missmut und Depression machen. Und das ist ihm voll gelungen.

Statt 16 Tänzern wirbeln nun 13 Männer und Frauen über die Bühne. Nach dem Rhythmus von „stop and go“ ergreift einer nach dem anderen das Mikro, erzählt von sich und dem unbändigen Wunsch zu tanzen, allen Hindernissen zum Trotz. Keine und keiner von ihnen hatte für eine Tanzausbildung die besten Voraussetzungen. Aber sie kämpften gegen die Voruteile, die Eltern, Lehrer, die Allgemeinheit so hatten: zu klein, zu groß, zu dick, zu dünn, zu wenig Busen, zu viel Busen. Einer wurde trotz seiner Sehbehinderung ein toller Tänzer. Am Ende jeder Performance ertönt ein wichtiges Lebensmotto: „Ich bin stolz“ (darauf, dass ich heute als Tänzer, Tänzerin hier tanzen kann).

Montalvo bricht mit allen Konventionen – er lässt einen Flamencotänzer Ballett tanzen, zum klassischen Operngesang (Cecilia Bartoli) legt eine schwarze Tänzerin eine afrikanische Sohle aufs Parkett, ein männlicher Tänzer tanzt typisch weibliche Figuren. Nix ist fix in diesem Ensemble. Es gibt keinen E- und U-Tanz. Hip-Hop, Street Dance, Flamenco, Ballett – sie alle sind gleichwertig und können von jedem einzelnen Mitglied spontan getanzt werden.

©Patrick Berger

José Montalvo war einer der ersten Choreographen, der Videos einsetzte. Auf der rechten Bühnenseite werden die Gruppen groß im Video gezeigt, während sie auf der anderen Seit der Bühne tanzen und singen. Diesen Verdoppelungseffekt eigneten sich später viele Regisseure des Opernsektors an. Bei Montaldo sind Videos nie modischer Effekt, sondern wichtiger Teil seiner Aussage. Im weiteren Verlauf des Abends werden sie immer bildgewaltiger, wenn er seine Sorge um die Natur und das Verschwindenn vieler Tierarten artikuliert. Elefanten, Giraffen, Löwen, Bären stehen wie in einer Arche Noah auf Papierschiffen zusammengedrängt und sehen dem Treiben der Menschen regungslos zu. Dass sie auf einem Papierschiff nicht Rettung finden werden, können sie nicht wissen. Darunter tanzen die Menschen, halten Nabelschau – wortwörtlich: Einer nach dem anderen zeigt in Großaufnahme seine Nabel. Oder es tanzen die Frauen mit nacktem Oberkörper, ihre Brüste schwingen lustig im Takt des Tanzes. Es ist dennoch kein Tanz auf dem Vulkan, sondern ein Tanz gegen den Untergang. Am Ende springt der Freudenfunke auch auf das Publikum über, das das Lied über die Nabelschau begeistert mitsingt.

Frenetischer Applaus, standing ovations.

http://www.festspielhaus .at

Theater in der Josefstadt: Jelinek: Rechnitz (Der Würgengel)

Regie: Anna Bergmann. Bühnenbild: Katharina Faltner. Kostüme: Lane Schäfer. Musik: Moritz Nahold

Es ist anzunehmen, dass ein Großteil des Publikums über den „Fall Rechnitz“ grosso modo informiert ist. Wenn nicht, dann versteht es sicher nur Bahnhof. Denn der Text erklärt nicht und erzählt nicht. Das Bühnenbild ist spektakulär verwirrend. Was klärend wirkt, sind die Texte im Programmheft. Auch wenn man die Sachlage einigermaßen im Kopf hat, beleuchten die Beiträge die Fakten sehr genau und betonen, wie wenig historisch von diesem Massaker gesichert ist. Bis heute wurden die Knochen der Erschossenen nicht gefunden.

Man weiß, dass im März 1945 auf dem Schloss in Rechnitz die Gräfin zu einem Fest geladen hat und ihren Gästen (hochrangigen Nazis) zum Gaudium erlaubte, an die 180 jüdische Zwangsarbeiter , die aus Ungarn nach Rechnitz getrieben wurden, zu erschießen. Wer schaufelte die Gräber, wo sind die Leichen begraben? Bis heute hat man sie nicht gefunden. Die Bewohner von Rechnitz schwiegen und schweigen noch.

Dichte Nebelschwaden ziehen von der Bühne ins Publikum – wer dagegen allergisch ist, der wird bis zum Schluss mit Hustenreiz zu kämpfen haben. Auf einem sich drehenden Band tanzen, grölen, saufen und schreien die Gäste, in der Mitte die Gräfin (Sona MacDonald). Einige fuchteln mit den Gewehren, schießen um sich. Es wird überhaupt während des Stückes viel geschosssen, manche erschießen sich selbst, man weiß nicht, wer und warum. Was gebrüllt wird, ist kaum verstehbar – das ist das größte Dilemma dieses Abends! Dazwischen singt MacDonald Verschnitte aus der Oper „Der Freischütz“. Über das Horrorgeschehen dieser Nacht im März 1945 lässt Jelinek Boten berichten. Dennoch bleibt noch genug Horror zu erleben, etwa wenn einer der Zwangsarbeiter sich sein eigenes Grab schaufelt, von einem der Umstehenden hineingestoßen und mit einem Schaufelhieb getötet wird.

Es bekommen die heutigen Medien ihr Fett ab, die irgendwie hysterisch und voyeuristisch berichten. Es bekommen die „Nachgeborenen“ ihr Fett ab, die sich mit ihrer späten Geburt aus der Verantwortung schleichen. Es bekommen die eifrigen „Guten“ ihr Fett ab, die einer Denkmalkultur frönen. Es bekommt schließlich Österreich mit seiner wirren Vergangenheit und und nicht minder wirren Gegenwart sein Fett ab. Als versöhnende Geste zwischen Vergangenheit und Gegenwart singt am Ende Sona MacDonald – nun nicht mehr als Gräfin, sondern als eine Trauernde – ein Kaddisch, das jüdische Versöhnungsgebet, und begräbt Knochen.

Es stellt sich die Frage, ob die trashigen Ästhetik dieser Aufführung dem unfassbaren Geschehen in Rechnitz (und an vielen anderen Orten in Österreich) gerecht wird. Eva Menasse hat das Geschehen im Roman „Dunkelbum“ zu fassen versucht. Wie der Titel schon verrät, lässt der Roman alles im Dunkeln und der Leser bleibt ebenso ratlos zurück wie nach Jelineks Theaterstück. Also welche künstlerische Form wählen?

http://www.josefstadt.org

Wiener Staatsballett: „liebeslieder“

Zweimal Romantik: am Anfang „other dances“ und am Ende „liebeslieder walzer“. Dazwischen die spannende Choreographie von Childs: „concerto“. Die klassische Romantik überwog leider und machte den Abend langatmig.

other dances

Musik: Walzer und Mazurka von F. Chopin, Choreographie: Jerome Robbins.

Anstelle von Hyo-Jung Kang und Davide Dato tanzten Kiyoka Hashimoto und Masayu Kimoto(Titelfoto). Sie machten ihre Sache gut, die Choreographie wirkte eher wie aneinander gereihte Aufwärmübungen. Man sah Eleganz, hohe Sprünge in blauen Kostümen. Am Klavier: Igor Zapravdin

concerto

Musik: Henryk Mikolaj Gorecki, Choreographie: Lucinda Childs

Obwohl die Choreographie auch schon einige Jahrzehnte alt ist, wirkt sie jung, dynamisch, aufweckend. Vier Tänzerinnen und 3 Tänze in schwarzen Kostümen rockten, rasten, tanzten Chaos perfekt, bildeten in scheinbarer Unordnung eine geheimnisvolle Ordnung. Unter den Supertänzern fiel Daniel Vizcay durch seine starke Bühnenpräsenz besonders auf.

liebeslieder walzer

Musik: Liebeslieder Walzer und Neue Liebeslieder von Johannes Brahms. Choreographie: George Balanchine

Vier Gesangstimmen (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Klavier zu vier Händen.

Bühne: Ein Ball-Salon im Rokoko Stil , Kostüme im ersten Teil genau zum Interieur passend, Walzer-Ballkleider, Damen in dazupassenden Schuhen mit kleinem Absatz. Im zweiten Teil: Ballettoutfit.

Viel wird gewalzt, gedreht, ein Paar nach dem anderen präsentiert sich, verschwindet, kommt wieder. Alles viel zu lang und eintönig. Starke Ähnlichkeit mit den Balletteinlagen im Neujahrskonzert: Hauptsache „schön“ und „klassisch“. Wäre da nicht das elegante Paar Lazik-Schoch dabei gewesen, man hätte mit der Langeweile gekämpft. ERleichtert stimmt man den letzten Worten der Sänger zu: „Nun, ihr Musen, genug!“

Höflicher Applaus.

www.wiener-staatsballett.at www.wiener-staatsoper.at