Arthur Schnitzler: Anatol. Szenische Lesung im Südbahnhotel am Semmering

Für viele eine freudige Überraschung: Statt des erkrankten Michael Maertens las Joseph Lorenz den Anatol!

Daniel Keberle war Anatols „Gewissensspiegel“ Max und Gerti Drassl las/spielte die diversen Damen Anatols. Bravourös begleitet und angefeuert wurden Publikum und Darsteller von Maciej Golebiowski auf der Klarinette und Alexander Shevchenko am Bajan.

Joseph Lorenz, mit Schnitzlers Werken sehr vertraut, besonders aber mit der Rolle des Anatol, war – wie zu erwarten – der Anatol schlechthin: Melancholiker, Verführer und immer auch zugleich derjenige, der als Jagender doch der Verlierer ist. Mit der feinen Mischung aus Melancholie, Selbstzweifel und vor allem Ironie schuf Lorenz einen Anatol, wie man ihn in den letzten Jahren besser nicht erlebte. Jede feinste Regung war ihm abzulesen: Eitelkeit, Stolz auf seine Eroberungen, verletzter Stolz. Für humorige Spiegelkritik sorgte Keberle als Max. Er war nicht Stichwortbringer, sondern gleichberechtigter Motor des Geschehens. Beide spielten einander die Pointen in einem gekonnten Ping-Pongspiel zu.

Zwischen ihnen Gerti Drassl zunächst als etwas dümmlich-verliebte Cora in der Episode „Frage an das Schicksal“. Da hatte sie ja nicht allzu viel zu spielen. Schlafen, schlafen, aufwachen und von nichts was wissen. Die freche, schlagfertige Anni im „Abschiedssouper“ war ihr schon eher auf den Leib geschrieben. Großartig der Schluss: Beide wollen einander in der Fertigkeit des Betrügens übertreffen, Anatol muss erkennen, dass ihm Anni überlegen ist. Weniger überzeugte Gerti Drassl in der Episode „Weihnachtseinkäufe“ – sie tat sich schwer, die Mondäne aus Hietzing glaubhaft rüberzubringen.

In „Anatols Hochzeitsmorgen“ liefen alle drei zu Hochform auf: Anatol in seiner Verzweiflung und Angst vor der nahen Hochzeit und dem von Ilona drohenden Boykott, Ilona zuerst als schnurrend-verliebtes Kätzchen, fährt die Krallen aus und Max ist der verzweifelte Schlichter.

Das Trio spielte an zwei Nachmittagen hintereinander. Beide habe ich besucht. Vielleicht war die zweite Vorstellung noch um einen Deut intensiver. Gerti Drassl wirkte sicherer, und Joseph Lorenz konnte noch ein paar Nuancen zulegen. Aber das ist eine sehr subjektive Meinung.

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Festspiele Reichenau 2019


Meine persönliche Reihung:

  1. Werfel: Eine blassblaue Frauenschrift
  2. Mann: Mario und der Zauberer
  3. Fitzgerald: Die Schönen und Verdammten
  4. Turgenjew: Ein Monat auf dem Lande
  5. Schnitzler: Der Ruf des Lebens

Eine blasslaue Frauenschrift

In dieser Aufführung stimmt einfach alles. Exzellent die Bühnenfassung, Regie sehr einfühlsam. Bühnenbild und Kostüme: stimmig.

Franz Werfel schrieb die Novelle 1940 und datierte sie auf das Jahr 1936 zurück, als sich in Österreich Anhänger des Nationalsozialismus bereits bis in die höchsten Beamtenkreise finden lassen. Sektionschef Leonidas – einst ein armer Schlucker, der durch Zufall und gutes Aussehen die reiche Amelie Paradini heiratete, bekommt Post aus der Vergangenheit: Eva Wormser, mit der er eine innige, aber kurze Beziehung hatte, schreibt ihm nach 18 Jahren und bittet um seine Unterstützung für einen Buben, der in Deutschland die Schule nicht mehr abschließen darf. Für kurze Zeit glaubt Leonidas, der Vater dieses (jüdischen) Buben zu sein. Wie sich aus dieser Situation retten, ohne seine Ehe und Karriere zu gefährden?

Joseph Lorenz spielt diesen Leonidas wunderbar fies!!! Wie er zwischen Gewissensbissen, guten Vorsätzen, Ängsten und Kaltblütigkeit laviert, das ist einfach großartig. Mal ist der liebende Gatte, der Liebe heuchelt, dann der berechnende Charmeur. Packend die Szenen zwischen ihm und Vera Wormser – ausgezeichnet in dieser Rolle: Stefanie Dvorak!. Zuerst der gekonnte Verführer, sie die junge Liebende. 18 Jahre später – er der angeblich Zerknirschte, sie die kühl Abweisende, die seine vordergründige Liebenswürdigkeit durchschaut und angeekelt den Raum verlässt. Sternstunden der Schauspielkunst! Die gute Neuigkeit: Kusej soll die Kündigung von Stefanie Dvorak rückgängig gemacht haben!!!

Fanny Stavjanik weiß die Gefahren der heiklen Rolle der blind-verliebten Ehefrau nobel zu umschiffen. Man nimmt ihr die fast unterwürfige Bewunderung für ihren Mann ab.

Großartig auch das Gespann der Beamten: Thomas Kamper (an Stelle des kürzlich verstorbenen Peter Matic) gibt einen herrlich schleimigen Minister und Peter Moucka einen nach oben buckelnden, nach unten tretenden Hofrat.

Diese Aufführung zählt sich zu den gelungensten der letzten fünf Jahre!

Mario und der Zauberer

Szenische Lesung, die eine Theatervorstellung einrahmt. Die Novelle von Thomas Mann spielt in den späten 1920 er Jahren. Die deutschen Gäste fühlen sich im italienischen Badeort Torre del Venere nicht mehr willkommen. Sie wollen abreisen, bleiben aber auf Bitten des netten Kellners Mario, um die Vorstellung des berühmten Zauberers Cipolla zu erleben.

Und das Publikum – also wir – erleben Marcello de Nardo als mitreißenden, gefährlichen Zauberer, der seine Zuschauer Aktionen setzten lässt, die sie nachher tief bereuen und für die sie sich schämen. Wenn de Nardo hinkend und Peitsche knallend die Menschen lenkt, wie er will, dann folgt man ihm als Zuseher atemlos, bangt um Mario, der von Cipolla in Trance versetzt wird, mit Entsetzen erkennt, was für ein jämmerliches Schauspiel er gerade geboten hat und in höchster Erregung Cipolla erschießt.

Eine 90-Minuten-Matinée, die einem den Atem raubt!

Zusammenfassung der restlichen der Vorstellungen: Gut gespielt, aber weitaus nicht so packend wie die beiden ersteren.

Vorschau auf den Spielplan 2020:

Nestroy: Umsonst, H. James: Arme reiche Erbin, Doderer: Die Wasserfälle von Slunj, Zuckmayer: Des Teufels General, Roth: Die Geschichte von der 1002. Nacht.

Restkarten sind noch für einige Vorstellungen an der Festspielkassa zu bekommen!!

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A. Tschechow: Onkel Wanja. Sommerspiele Perchtoldsdorf

Regie: Michael Sturminger, Bühne: Paul Sturminger, Kostüme: Renate Martin

Ein Bretter-Wald als Bühnenbild – wohl als Anspielung auf die Abholzung des ehemaligen Waldes, der das Gut umgab. Der Klimawandel – ein Thema, das jetzt jeden Regisseur beschäftigt. Ja, wichtig, aber bereits auf zu vielen Bühnen, da und dort aufgesetzt, inflationär.

Kostüme, die sich keiner Zeit zuordnen lassen – heutig, urgestrig, aber nicht russisch. Die Musik – auch nicht zuzuordnen, weder heutig, noch 1900.

Also: All das soll wohl als Mittel gegen Tschechow-Klischees wirken. Kein Birkenwald, keine russische Langeweile. Die dann doch, denn sie stellt sich unweigerlich ein, wenn die alte Kinderfrau (Inge Maux) zum x.ten Mal Tee serviert – auf dem Podium, wo später ausführlich geschlafen wird und sonst nix passiert als dass einer ausgiebig schläft. Lange. Später wird darauf gevögelt. Flexibilität ist ja heute alles!

Alexander, ehemals gefeierter und allseits verehrter Professor im Ruhestand (Andreas Patton), kehrt nach jahrelanger Abwesenheit mit seiner jungen Frau (Virginia Hartmann) auf das Gut zurück. Das Leben in der Stadt ist zu teuer geworden. Auf dem Gut rackern Onkel Wanja (Jörg Witte) und Sonja (Laura Laufenberg). Der Professor quält mit seiner Arroganz, seinem Egoismus und seiner Eitelkeit alle. Nur dass dieser Professor ein eher moderater Quälgeist ist. Der Konflikt, der sich aus dieser egozentrischen Figur ergeben soll, bleibt lange aus, bricht dann im 2. Teil erst aus, weil er eben so im Text steht. Da sorgt dann Jörg Witte für ein wenig Aufregung. Brüllt seine Wut über das verpfuschte Leben aus seiner Seele, schießt ein wenig in der Gegend herum – das wars dann auch. Am Ende gehen Professor und die zu Tode gelangweilte Ehefrau ab, und alles ist wie immer: öde. Also doch Tschechow. Aber eher missverstanden. Lebensüberdruss und Langeweile, wie das französische l´ennui dans la vie, müssten anders gespielt werden. Mag sein, dass die Erinnerung an Hartmanns Inszenierung im Akademietheater (2012) mit Ofczarek und Voss einen unvoreingenommenen Blick auf die Inszenierung Sturmingers verhindert hat.

Ausgiebiger Applaus.

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Elisabeth R. Hager: Fünf Tage im Mai. Klett-Cotta

Die Groß- und Urgroßeltern behaupten sich in der Literatur. Es sind besonders die Autorinnen, die sich um das Thema der alten/älteren Generation annehmen. In Renate Welsh, Die Schuhe der Großmutter und in Dacia Maraini, Drei Frauen sind es die Großmütter, die die aufmüpfige Jugend verstehen. Und umgekehrt, die rebellische Jugend versteht die „Uralten“ besser als die „Alten“ – sprich „Eltern“. Logisch, denn Großeltern haben die Freiheit, über die Rebellion der Jungen zu lächeln. Meist nicken sie verständnisvoll. Erziehen müssen und wollen sie nicht mehr. Das überlassen sie der mittleren Generation.

Auffallend ist, dass in all diesen Romanen der Stil nüchtern ist. Fast peinlich darauf bedacht, nicht in Kitschverklärung zu verfallen, wählen alle drei Autorinnen – auch Elisabeth Hager – eine schlichte Sprache mit hohem Poesiewert.

Hager beginnt ihre Erzählung am 8. Mai 1986. Illy soll zur Kommunion. Doch das Kleid zwickt, sie bekommt keine Luft, rennt aus der Kirche und verpasst die Kommunion. Draußen wartet ihr geliebter Urgroßvater Tat`ka. Als Ersatz für die Hostie steckt er ihr ein Pocket Coffee in den Mund – und die WElt ist wieder in Ordnung. Zehn Jahre später gerät sie in Gefahr, sie könnte auf die schiefe Bahn geraten. Tat’ka holt sie da raus. Wieder zehn Jahre später ist es Tat’ka, der ihre Liebe zu Tristan versteht. Dieser Tat’ka ist ein weiser Alter, lehrt sie das Leben verstehen. Unter anderem bringt er ihr auch den Sinn seines geliebten Handwerkes bei. Nach seinem Tod (100!) übernimmt Illy die Fassbinderei.

Eine innige Geschichte aus St. Johann in Tirol, wo die Autorin ihre Kindheit verbrachte. Jedes Wort sitzt an seinem Platz. Es wird nicht zu viel und nicht zu wenig geredet.

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David Österle: „Freunde sind wir ja eigentlich nicht“. Kremayr-Scheriau Verlag.

Untertitel: Hofmannsthal, Schnitzler und das Junge Wien.

Im ersten Teil beschreibt- nein, zählt der Autor wie ein eifriger Schüler auf, welche Dichter in den frühen Tagen um 1890 sich in welchen Kaffeehäusern zusammenfanden. Welche Leserschaft er hier ansprechen möchte, ist wohl die Frage: Denn alle, die mit der Literatur rund um die Jahrhundertwende nur ein wenig vertraut sind, fadisieren sich bei diesem Name-dropping. Wer über diese Zeit erste, grundlegende Informationen bekommen möchte, ist am falschen Lesedampfer. Überfordert von so vielen Namen ohne Konturen wird er das Buch weglegen.

Ab der Mitte wird das Werk konkreter. Österle schildert mit deutlicher Ironie, mit welch eitler Hingabe die Autoren sich selbst analysieren, vor den anderen brillieren wollen, Erfolge neiden. Kurz – es menschelt. Bis in tiefst persönliche Erlebnisse werden für die Literatur ausgeschlachtet. Schnitzler ist da besonders skrupellos: Ob er den Tod eines Kindes, Ehekrisen oder neue, junge Geliebte zu Novellenfutter ausschlachtet – Skrupel hat er keine.Hofmannsthal, Beer-Hofmann und alle anderen auch betreiben einen Kult der Schönheit, der schlicht und einfach dekadent genannt werden darf. Kämpfe der Arbeiterpartei, die pure Not in den Massenunterkünften Wiens kümmern keinen. Sie haben ja ihre Refugien in Wien und anderswo. Wie verschwommen die Wirklichkeit sich ihnen darstellt, zeigt Klimt in der Reihe der „Fakultätsbilder“ mit der Darstellung der Philosophie: Die Göttin, die Weisheit, Klarheit schaffen soll, schwebt in einem verschmurgelten Rauch von Gesichtern und Leibern in die Höhe. Wirklichkeit bleib uns ferne – so mag wohl das Credo dieser Künstlergeneration um 1900 gelautet haben.

Schade, dass David Österle diesen kritischen Faden nur hin und wieder aufleuchten lässt. Da wäre das Buch um einiges spannender geworden.

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Gerhard Roth, Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier. S. Fischer

Es hat schon Tradition, in Venedig sterben zu wollen. Thomas Mann hat den „Tod in Venedig“ in höchste literarische Form gegossen. Seither wird das Klischee der morbiden Stadt immer wieder bemüht. Leider ist Venedig ja selbst zum Sterben verurteilt. Warum schreibt eigentlich kein Autor einen Text über den Tod Venedigs?

Gerhard Roth zeichnet seinen Protagonisten Emil Lanz als müden Typen. Als Lebensmüden. Seine ewig gleichen Wege am Lido mag er nicht mehr gehen. Verständlich, denn am Lido reizt nichts die Phantasie an und erfrischt nichts das Denken: Ein Strand, voll mit Schirmen, Menschen in Liegestühlen, horrible Betonkonstruktionen aus den 60er Jahren, deren Zweck sich nicht mehr erschließt , und seit Jahren geschlossene Nobelhotels. Lanz beschließt zu sterben. Aber nicht auf dem Lido – der ist ihm als Sterbeort doch zu banal. Er fährt nach Torcello, ein Kleinod unter den Inseln, wenn nicht gerade Touristenhorden darüber trampeln. In der Basilica Santa Maria Assunta betrachtet er noch einmal das Goldmosaik über das „Jüngste Gericht“. Die Teufel sind aktiv…Er beschließt, sich einen ruhigen, stilvollen Platz zum Sterben auszusuchen. Die Pistole ist in seiner Jacke wohl verwahrt. Doch leider schläft er sturzbetrunken ein, bevor er sich erschießen kann. – Gerhard Roths Humor ist wahrhaftig teuflisch!

Als Lanz erwacht, wird er Zeuge eines Mordes und weiß nicht so recht, ob er noch lebt oder sich schon ins Jenseits befördert hat. Dieses Gefühl der Unsicherheit, des Schwebens zwischen Realität und eventuellem Jenseits verlässt ihn nun nicht mehr – auch den Leser nicht, der in gleicher Weise wie der Protagonist verwirrt durch Venedig schwankt. Sterben will Lanz nun nicht mehr. Der Schock über den miterlebten Mord hat ihm das Leben wieder lebenswerter gemacht. Tod und Leben sind Nahkampferfahrungen. Weiter geht es nicht in Donna Leon -Manier. Denn die Aufklärung des Mordes verdünnt sich immer wieder im Strudel der sich verzweigenden Erzählstränge, wird unwichtig, um irgendwann später wieder aufgenommen zu werden. Der Roman mäandert zwischen den Gassen und Kanälen, zwischen geheimnisvollen Figuren, die aus Shakespeares „Sturm“ entlehnt sein könnten, hin und her. Ab da empfiehlt es sich, in kleinen Dosen zu lesen. Denn lange hält man die ausufernden, oft auch ermüdenden Exkursionen in Metaphysik, in unbekannte Sphären der Literatur nicht aus. Tröstlich ist der Schluss: Lanz bekommt von seinem geheimnisvollen Gönner, der ähnlich wie Prospero im Sturm die Fäden des Geschehens lenkt, den ehrenvollen Auftrag, den ganzen Shakespeare zu übersetzten. Und da schließt sich auch der Titel des Romans auf, der ein Zitat aus dem Drama „Der Sturm“ ist. Glücklich macht sich Lanz ans Werk.

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Marco Bolzano: Das Leben wartet nicht. Diogenes Verlag

Aus dem Italienischen von Maja Pflug

Dem Verlag gilt mein Dank, dass er dieses großartige Buch im deutschsprachigen Raum erscheinen ließ! Wer sich für den Süden Italiens, die Auswanderungswelle vom Süden in den Norden, insbesondere nach Mailand in den 1960er Jahren, interessiert, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Wer sich nicht dafür interessiert, sollte es erst recht lesen. Denn Marco Bolzano kann erzählen, dass einem beim Lesen Herz und Hirn aufgehen! Ein weiteres Lob gilt Maja Pflug, die diese schlichte, aber hoch qualifizierte Sprache, die nie artifiziell wird, aber sehr poetisch ist, eins zu eins perfekt ins Deutsche übersetzt hat.

Ninetto ist ein Knirps, der seine Kindheit in Sizilien verbringt, immer schon sehr kritisch denkt und sich in den ärmlichen Verhältnissen gut zurecht findet.. Sein großes Vorbild ist der Lehrer Vincenzo, der ihm die Liebe zu Gedichten beibringt und die Welt erklärt, soweit er sie selbst versteht. Als die Mutter mit einer schweren, unheilbaren Krankheit ins Altersheim eingeliefert wird, ohne Chance auf Besserung, und der Vater trinkt und das Geld verspielt, entschließt sich Ninetto mit einem ziemlich fiesen Typen nach Mailand auszuwandern, um Arbeit zu finden. Dort angekommen muss er feststellen, dass er für jede Art von Arbeit noch zu klein und zu jung ist. Aber er beißt sich durch, auch wenn er ausgenützt und ausgebeutet wird. Als er 15 ist, verliebt er sich in Maddalena, die aus Calabrien stammt. Weil sie heiraten wollen, aber vom Vater des Mädchens keine Erlaubnis bekommen, brennen sie durch. In Ninettos Heimatdorf erhalten sie eine Art „Blitztrauung“. Zurück nach Milano schuftet sich Ninetto die Seele aus dem Leib, um seiner heiß geliebten Maddalena und später seiner Tochter ein einigermaßen schönes Leben zu bieten. Was ihm auch gelingt, aber unter welchen Bedingungen! Er „verkauft“ sich als Fließbandarbeiter an die Alfa-Romeowerke – für ihn die reinste Hölle. Die nächste Hölle erwartet ihm in Gefängnis – er büßt eine jahrelange Strafe ab und kommt als fast gebrochener alter Mann heraus.

Mehr sei über den Inhalt nicht verraten. Bolzano ist ein begnadeter Erzähler, weiß, wie er Spannung erzeugt und dabei auch kluge Lebensphilosophie einflicht. Wie Perlen fügt er Satz an Satz, jeder einzelne eine Kostbarkeit, die sich gerade in der überzeugenden Schlichtheit und Echtheit, wie Ninetto die Welt erlebt und reflektiert, manifestiert. Im Nachwort schreibt Bolzano, der selbst in Mailand lebt und unterrichtet, dass er für dieses Buch viele aus dem Süden Italiens Ausgewanderte interviewt und lange Gespräche mit ihnen geführt hat. Dadurch wirken alle Figuren sprachlich und inhaltlich sehr authentisch. Ninetto durchlebt gleichsam als Leit- und Symbolfigur die Hoffnungslosigkeit und das Ausgeliefertsein der Zeit von 1960 bis knapp nach 2000, den vergeblichen Kampf der Arbeiter für mehr Rechte. die neue Einwanderungswelle der Chinesen, den Niedergang vieler Fabriken. Das Ende des industriellen Aufschwungs und das Herannahen des digitalen Zeitalters sind erahnbar.

Unbedingt lesen!!!

http://www.diogenes.ch

Tennessee Williams: Die Glasmenagerie. Akademietheater

„Jeder Mensch ist ein Kannibale“ merkte Tennessee Williams zu diesem Stück an. Es gibt sie, diese „sanften“ Kannibalen, die den anderen die Luft zum Atmen nehmen. Diesmal ist es Amanda Wingfield, die ihren beiden erwachsenen Kindern, Tom und Laura, das Recht auf ein Leben nimmt, wie sie es leben wollen: Laura -zurückgezogen, in sich gekehrt, verträumt mit ihren Glastieren spielend, Tom, der sich als Dichter und Abenteurer sieht. Das Fatale dabei ist: Amanda hat recht, wenn sie die Lebensunfähigkeit bejammert, die Aussichtslosigkeit auf Besserung der Lebensumstände. Denn Williams schrieb dieses Stück in den 1940er Jahren, und da war der Mittelstand abgemeldet, chancenlos.

David Bösch inszeniert die „Glasmenagerie“ realistisch. Laura (Viktoria Frick) ist nicht die Verträumte, wie man sie aus vielen Verfilmungen in Erinnerung hat, sondern eher die Realistische, die glaubt, einsehen zu müssen, dass sie kein Recht auf „bürgerliches Glück“ hat, sich für völlig unbegabt hält, und deshalb keine Anstrengungen macht, sich für das „Leben da draußen“ zu rüsten. Die Mutter (großartig Regina Fritsch) will das nicht wahrhaben, redet sich die Tochter schön und schwärmt ihr pausenlos von ihrer eigenen Jugend vor, als sie von zahllosen Verehrern umgeben war. Man glaubt es ihr, denn sie ist noch immer eine (verblühende) Südstaatenschönheit, charmant, eitel und völlig unrealistisch. Wie sie ihren Sohn Tom quält, an ihm herumerziehen möchte, das erinnert sicher viele Zuschauer an ihre eigene Kindheit. Eigentlich ist die Mutter die Hauptperson in dieser Inszenierung. Regina Fritsch beherrscht ihre Kinder und das Bühnengeschehen.

An einigen Stellen verbröselt sich die Inszenierung in Langeweile, wenn die drei zum Beispiel minutenlang Karten spielen, ohne miteinander zu reden. Oder wenn Sohn Tom (Merlin Sandmeyer) betrunken in der trostlosen Dachwohnung herumtorkelt, das Bild des Vaters herunterreißt und vergeblich versucht, es wieder aufzuhängen. – Das Symbol ist allzu deutlich, und man ist verstimmt.

Ob der Einsatz von Video unbedingt notwendig war, ist fraglich. Alles in allem eine Inszenierung sehr à Terre.

http://www.burgtheater,at

Wenn Andrea Breth Regie führt, weiß man, dass der Abend lang wird. Aber zweieinhalb Stunden ohne Pause – das ging über das Sitz- und Auffassungsvermögen so mancher Zuschauer weit hinaus. Noch dazu, wo sich streckenweise Langeweile einschlich. Und – was es teilweise unmöglich machte, der Aufführung zu folgen: Ab der 14. Reihe im Parkett waren ganze Passagen nicht mehr zu verstehen. Besonders schwierig war es, Ofczarek in der Rolle des bösen Bruders Bruno zu verstehen. Man konnte nur aus der Gestik und Körpersprache entnehmen, dass er ein geistig Zurückgebliebener und Bösartiger sein sollte. Was er vor sich hinnuschelte, blieb unklar. Auch andere Rollen waren streckenweise kaum zu verstehen. Man hatte das Gefühl, dass es den Schauspielern schwer fiel, den großen Raum des Burgtheaters akustisch zu füllen. Setzte sich Breth nicht bei der Generalprobe in die hinteren Reihen, um die Akustik zu überprüfen?

Gerhart Hauptmann hatte mit dem Stück seine liebe Not. Einige Male schrieb er es um, änderte den Titel und das Ende. Breths Inszenierung ist nicht gerade erhellend. Sie lässt das Ganze in einer Art Traumsequenz spielen – die Figuren sind nicht von dieser Welt: Sie stapfen durch Müll aus Geschirr, Möbeln und Papier (Martin Zehetgruber -Bühne), die Bühnenwände sind ständig in Bewegung, nur die Riesenratten aus Plastik stehen unbeweglich. Es wirkt nicht wie ein Stück aus dem Naturalismus. Die Sozialkritik, die Hauptmann ein Anliegen war, wird zum verwaschenen Symbolismus, Und die eigentliche Handlung um das entwendete Kind geht in einem Strudel von Unklarheiten unter. Den Schauspielern merkte man an, dass sie sich redlich bemühten, den Figuren Leben einzuhauchen. Die schwierigste Rolle der Frau John meisterte Johanna Wokalek recht gut. Sven- Eric Bechtolf durfte als schwadronierender Theaterdirektor brillieren. Die Ensembleleistung war insgesamt zu bewundern. Das Publikum auch. Fast alle hielten bis zum Ende durch. http://www.burgtheater.at

Jacques Offenbach: Orpheus in der Unterwelt. Volksoper Wien

Aufführung am 20. Juni 2019, genau zum 200. Geburtstag Offenbachs

Mythen, Helden und Berühmtheiten aus der Antike eignen sich hervorragend für Parodien. Man braucht ihnen nur die Mode der Gegenwart drüber zu stülpen – und schon sind sie aktuell. Aktueller als so manche Komödienfiguren aus der jüngsten Zeit. Die Götterwelt in ihrer ganzen bröckelnden Moral und Unbrauchbarkeit liefert das Pendant dazu.

Offenbach war nicht nur ein hervorragender Komponist, sondern auch Theaterfachmann durch und durch. Er hatte die Tricks der Gesellschaftskomödie im kleinen Finger. Geschickt entlarvt er die „Oberen“ in Form der Götterwelt und die Mittelschicht in dem Ehepaar Orpheus und Eurydike. Da wie dort wird gelogen, betrogen, angegeben und gefaselt, was das Zeug hält. So hat das Böse (Pluto) leichtes Spiel. Eigentlich ist er nur der Spiegel aller menschlichen Begierden und Eitelkeiten und weiß daher gut mit diesen Instrumenten die Menschen und Götter zu manipulieren.

2007 eröffnete Robert Meyer seine erste Spielsaison mit dieser Operette – und der Erfolg war groß. Damals spielte der am 20. Juni 2019 ganz überraschend verstorbene Peter Matic den liebestollen Styx, der Eurydike mit seiner ruhmlosen Vergangenheit quält. In dieser Rolle zeigte er sein großes komödiantisches Können. Wir alle werden diesen großartigen Schauspieler schmerzlich vermissen.

Unter dem temperamentvollen Dirigat von Guido Mancusi verpasste der Regisseur Helmut Baumann (er führte schon 2007 Regie) unter Mithilfe von Christoph Wagner Trenkwitz nun der Operette ein ganz frische Aktualität – das Ibiza-Video wird zum Gaudium des Publikums eilig eingearbeitet.

An dem Bühnenbild musste Mathias Fischer-Dieskau nichts ändern – es funktionierte damals wie heute hervorragend: Orpheus und Eurydike leben in einer tristen Mittelstandswohnung mit Minibalkon und ein paar Blumentöpfen. Er ist Geigenlehrer (Carsten Süss gibt den mausgrauen Eitlen sehr überzeugend), der seine Schülerinnen lieber verführt als ihnen Musik beizubringen. Eurydike (Rebecca Nelsen) hat ein Pantscherl mit dem Nachbar Aristeus, der zugleich Pluto ist, und wünscht sich nichts sehnlicher als aus dieser Fadesse erlöst zu werden. Kann sie haben -Pluto entführt sie in die Unterwelt, wo sie sich genau so fadisiert wie auf der Oberwelt. Tussi bleibt Tussi – da wie dort. Orpheus -zunächst froh über den Abgang seiner Frau – muss sie unter dem Druck der öffentlichen Meinung – superschleimig gespielt von Regula Rosin – widerwillig zurückholen. Denn im Olymp herrscht Juno (ganz hervorragend : Christian Graf) über die „Moral“ der Götter und Menschen. Sie geriert sich als Hüterin der Ehe, wohl wissend, was für ein Steiger ihr eigener Ehegemahl ist. Martin Winkler ist als Jupiter der Star des Abends – stimm- und spielgewaltig. Vincent Schirrmacher als Pluto setzte darstellerisch voll auf Temperament, aber stimmlich konnte er an diesem Abend nicht überzeugen. Chor und das Corps des Wiener Staatsballetts sorgten für Schwung und gute Laune.

http://www.volksoper.at

Andrea De Carlo: Das wilde Herz. Diogenes

Aus dem Italienischen von Petra Kaiser und Maja Pflug

Er hat es wieder einmal geschafft! Andrea De Carlo fesselt seine Leser von der ersten bis zur letzten Seite. Das Thema ist so alt wie auch klischeeverdächtig: Mara Abbiati ist eine temperamentvolle junge Bildhauerin, Italienerin. Craig Nolan ein etwas in die Jahre gekommener, aber weltberühmter Anthropologe. Engländer durch und durch. Seit sieben Jahren führen sie eine Ehe, die bereits einem eintönigen Rhythmus folgt: Die Winter verbringen sie in England. Ein paar Sommerwochen in einem gottverlassenen Dorf in den Bergen von Ligurien. In einem ziemlich ramponierten Haus, in das sich Mara in ihrer Jugend verliebt hatte. So weit der Klischeerahmen. Aber De Carlo weiß mit diesem Klischee virtuos zu spielen, zerlegt es, kaut es wieder und spuckt es verächtlich aus.

Ein heißer Sommer. Craig will kaputte Dachziegel reparieren und stürzt ein. Die Verletzungen sind nicht lebensgefährlich, aber gehhinderlich. Wie vom Himmel gefallen braust ein Supertyp (Pferdeschwanz, Tätowierungen, Muskeln überall) auf einem Supermotorrad an und bietet sich an, mit seiner Truppe um eine erstaunlich geringe Summe das Dach in wenigen Tagen zu reparieren. Klar, was kommt: Der temperamentvollen Mara, die sich schon lange mit ihrem faden Ehemann langweilt, gefällt dieser Ivo, von dem sie nichts weiß, nicht woher er kommt, woher er das Spitzenbaumaterial und die Schwarzarbeiter hat. Für Craig ist das alles ein Dauerärgernis. Er soll seine nächste Fernsehsendung vorbereiten, Artikel schreiben – aber immer wieder gehen ihm dieser Ivo und Maja durch den Kopf. Und dann brausen die beiden auch noch für einen Nachmittag ab…Mehr sei hier nicht verraten.

Stilistisch zieht sich De Carlo großartig aus der Klischeeschlinge. Seitenweise, ohne den Leser zu fadisieren, lässt er Craig menschliches Verhalten analysieren und wissenschaftliche Erklärungen für das Unverstehbare zu finden. Da steckt eine gehörige Portion Ironie und Angriff gegen verknöcherte Wissenschaft, die am Leben vorbei geht, darin! Die Geschichte zwischen Mara und Ivo lässt der Autor geschickt bis zum Schluss in der Schwebe, immer wieder unterbrochen von den einsamen Gedanken Maras und den wirren Überlegungen Ivos. So ganz nebenbei liefert De Carlo noch eine köstliche Analyse vom Leben in dem abgelegenen Dorf, von den vergeblichen Versuchen des „Fremden“, sich in dieser für ihn öden und leeren Umgebung zu beheimaten.

Unbedingt lesen!!

Nein, der Titel bezieht sich nicht, wie man vermuten könnte, auf die Kunst. Sondern auf die Berge von Plastikmüll, die auf der Biennale täglich in den Bistros produziert werden. Vom Besteck über Teller, Becher und Verpackungen diverser Salate – alles Plastik. Ich saß am Ende des Tages in einem der Cafés in den „Giardini“ und beobachtete den Arbeiter, der an die fünf Riesensäcke mit diesem Abfall füllte, und stellte mir die Menge vor, die täglich von allen Bistros zusammen anfällt. Wohin damit? Ins Meer? Verbrennen? Alles keine Lösung. Ein Vorschlag zur Verbesserung: Geschirr, das man abwaschen kann.

Nun zu den Themen. Im Arsenal. Jahrmarkt oder Kunstmarkt beliebiger Sujets? Doch einige Schwerpunkte waren auszumachen, etwa die Welt Afrikas, ihre Zerstörung, die Ängste der Menschen in sprechenden Porträts ablesbar. Umwelt- Klimaprobleme treten eher in den Hintergrund. Digitalisierung und Sex mit Robotern scheint Künstler zu faszinieren und das Publikum zu unterhalten.

In den „Giardini“ bespielt erstmals eine Frau alleine den Österreichpavillon. Provokant und aufregend sollte es werden, hieß es im Vorfeld. Wer die Arbeiten von Renate Bertlmann kennt, weiß, dass alles mit einem Schuss Ironie zu nehmen ist. So auch in ihrem Biennalebeitrag. Ihrem Lieblingsthema, Vormacht und Ohnmacht des Penis, widmet sie ganze Innenwände. Im Innenhof blühen rote Rosen aus Muranoglas, in Diagonalen angeordnet. Auf den ersten Blick nett, aber nicht aufregend, wären da nicht die aggressiven Metalldornen auf jeder Blume.

Aufregender war der Russlandpavillon. Der Regisseur Alexander Sokurow bearbeitete in eindrucksvoller Form Kunstwerke aus der Petersburger Hermitage. Im Obergeschoss zitiert er die Geschichte des Verlorenen Sohnes von Rembrandt. Im dunklen Untergeschoss belebt der Installationskünstler Schischkin-Hokusai ebenfalls Bilder von Rembrandt. Auf von ihm übermalten Tableaus bewegen sich die Figuren und geben den Bildern neue Akzente. Eine starke, sinnliche Arbeit!

Infos:

http://www.labiennale.org

http://www.vela.avmspa.it

http://www.enit.at

http://vela.avmspa.it/it

https://www.labiennale.org/en

Joseph Roth: Radetzkymarsch. Theater in der Josefstadt

Regie und Dramatisierung: Elmar Goerden

Den Roman über den Untergang der österreichisch-ungarischen Monarchie für das Theater zu adaptieren verlangt profundes Wissen über das Werk Joseph Roths, die Zeit und die historischen Fakten, aber ebenso viel Gespür, was im Theater möglich und wirksam ist. Elmar Goerden gelang die Umsetzung des Romans in ein Theaterstück perfekt! Durch die Einführung eines Erzählers, der kommentiert und die Gedanken der Figuren formuliert, die diese nicht auszusprechen wagen, bekommt das szenische Geschehen eine epische Erzählstruktur. Zugleich treibt Goerden seine Figuren in ein wahnwitzigen Tempo hinein – sie stolpern, rennen in den persönlichen Untergang und in den Untergang der alten Welt und der Monarchie. Vielleicht geschehen Schauplatz- und Rollenwechsel ( bis auf Joseph Lorenz und Florian Teichtmeister übernehmen alle mehrere Rollen) manchmal zu rasch. Wer mit dem Roman nicht vertraut ist, der mag manchmal Schwierigkeiten mit dem rasanten Ablauf haben.

Silvia Merlo und Ulf Stengl schufen ein fragiles Gebilde aus Papier und dünnen Holzleisten, das so schnell und leicht zusammenbricht wie die Monarchie.

Getragen wird der Abend von der intensiven Spielstärke des ganzen Ensembles. Da schwächelt nicht eine einzige Figur. Joseph Lorenz hat sich in der Rolle des Bezirkshauptmanns Freiherr von Trotta und Sipolje geradezu neu erfunden. Bisher kannte man ihn als Charmeur, Intrigant oder arroganten Ehemann. Nun also ein alter Mann, der präzise nach Reglement und Uhr lebt. Scheinbar liebeleer und einsam. Aber hinter der steifen Beamtenfassade hat er viel Liebe für seinen „patscherten“ Sohn Carl Joseph (großartig Florian Teichtmeister). Diesem Sohn „passiert“ das Leben, ohne dass er selbst viel dazu tut. Zwei Frauen (sehr wandlungsfähig: Pauline Knof) lieben ihn und bezahlen diese Liebe teuer. Er weiß von diesem Opfer nichts. Erstaunt sieht er die Welt um sich untergehen. Handlungsunfähig wird er von anderen bestimmt: Zuerst von seinem Vater, dann von den Frauen, später von den Militärkameraden. Und auch sein Tod „passiert“ ihm.

Eine besondere Doppelrolle spielt Andrea Jonasson. Als schwarz-düsterer Erzähler zu Beginn, dann als Graf Chojnicki. In einer starken Szene prophezeit sie/er hellsichtig und in verzweifelter Selbstironie den Untergang der Monarchie. Alles in allem ein interessanter und spannender Theaterabend.

http://www.josefstadt.org

Regie und Bühne: Robert Wilson

Mary Stuart: Isabelle Huppert

Text: Darryl Pinckney

Musik: Ludovico Einaudi

Wenn die Schauspielikone Huppert und der Regieberseker Wilson sich zusammentun, dann muss es ja „ein Theaterereignis“, „eine Sternstunde“ werden. Und wurde es auch, liest man die Kritiken. Doch die Realität sah etwas anders aus. Ich weiß, ich spiele wieder einmal die Rolle des Kindes im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Niemand wird so große Namen kritisieren. Ich tue es.

Roter Samtvorhang mit goldenen Fransen – wohl eine Anspielung an klassisches Theater – was aber es aber ganz und gar nicht sein wird. Im Samtvorhang ein goldener Bilderrahmen, in dem ein schwarz-weißer kleiner Hund minutenlang im Kreis läuft und seinen Schwanz erwischen will. 1. Rätsel – eines von vielen, die ich nicht lösen könnte. Irgendwo las ich ich einmal, dass Mary bei ihrer Hinrichtung einen Hund unter ihrem weiten Rock versteckt hatte – eine Anspielung darauf? Oder auch nicht – denn im Laufe des Abends muss ich mir eingestehen, dass ich kaum Zeit hatte, die Symbolik, die Wilson seinem Publikum anbietet, zu enträtseln. Denn der Text rennt, rast … im Höllentempo in ein Irgendwohin..

Der Vorhang geht auf und man sieht eine Schattenfigur in Renaissancekostüm, die dem Publikum den Rücken zukehrt. Sie beginnt zu sprechen. Und damit begann mein Dilemma: Ich will verstehen, was sie sagt – immerhin geht es um Maria Stuarts letzte Gedanken vor ihrer Hinrichtung. Aber diese Marionette redet im Doppeltempo, dreht sich im rasanten Gedankenkreis – eine tolle Gedächtnisleistung von Isabelle Huppert, das muss ich eingestehen. Aber ich bin überfordert: Bühne, Französisch, das wahrscheinlich nicht einmal die anwesenden Franzosen richtig verstehen werden, die Übersetzung, die natürlich in demselben Tempo mitlaufen muss – ich weiß nicht, ob ich mich auf die Übersetzung konzentrieren soll, auf das Spiel – oder am besten auf gar nichts. Letzteres tat ich mit dem Ergebnis, dass mich das Ganze ziemlich kalt ließ. Vielleicht war das auch die Absicht der drei Gestalter: Mary will nicht Mitleid, will nicht Empathie, will nur vor sich hin sinnieren. Am Ende langweilt die selbstgefällige Überstilisierung, die nicht Theater, nicht Lesung ist – ja was denn eigentlich? Wenn Theater zum reinen Ästhetizismus verkommt, hört es auf, Theater zu sein.

Interessant die Reaktion des Publikums (in der Aufführung am 31. Mai, also nicht Première): ein Drittel tobte vor Begeisterung, ein Drittel spendete höflichen Applaus, ein Drittel verweigerte den Applaus.

Draußen im Hof des Museumsquartiers spielten die Wiener Symphoniker live Mendelssohns „Italienische Symphonie“, den 1. und 4. Satz. – Reines Labsal.

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Aus dem Französischem von Amelie Thoma

Gut, dass ich Slimanis Roman: „Dann schlaf auch du“ zuerst las. Sonst wüsste ich nicht, wie gut diese Autorin schreiben kann. Denn der war spannend, flott geschrieben und lieferte eine gehörige Portion Gesellschaftskritik ohne moralischen Zeigefinger. Für ihn bekam die Autorin den Prix Goncourt.

Daraufhin war ich auf den anderen Roman neugierig. Über ihn urteilten die Kritiker- wie auf der Rückseite des Covers zu lesen ist: „Slimani schrieb eine „moderne Madame Bovary“ „, sie sei „die neue Stimme der französischen Literatur“ und gar auch: „Furchtlos zieht Slimani den Vorhang auf und zeigt, was in Frauen im Stillen vor sich geht.“

Was in Adèle – der Portagonistin – vor sich geht, ist: Langeweile, Sexsucht und sonst nichts. Die Langeweile überträgt sich schnell auf den Leser. Nach der sechsten, siebten Sexszene, noch dazu ziemlich vordergründig auf Voyeurismus der Leser zielend geschrieben, beginnt man die Seiten zu überblättern. Was das Ende des Interesses bedeutet.

Adèle gehört der oberen Mittelschicht an. Ihr Mann ist Chirurg, sie haben einen sechsjährigen Sohn. Beide sind für Adèle ein Born der Langeweile. Spannend wird es erst, als ihr Mann auf ihre Sexabenteuer draufkommt und sie kurzerhand aufs Land in eine Villa verfrachtet. Dort soll sie nun die brave Hausfrau und Mutter spielen. Und – Überraschung – sie tut es. Das ist alles.

Kunsthistorisches Museum: Ganymed in Love

Inszenierung: Jacqueline Kornmüller, Produktion: Peter Wolf

Diesmal also ist die Liebe das Thema. Als Gegenentwurf zur mehr und mehr liebeleeren Welt? Oder als Nachdenkimpuls: Wen liebe eigentlich ich? Wer liebt mich? Was ist banale Liebe? Unterschiedliche Begriffe von Liebe werden szenisch, musikalisch im nicht immer klar verständlichen Zusammenhang mit dem gewählten Bild dargestellt. Was aber nicht unbedingt ein Fehler ist. Je mehr Fragen, desto intensiver das nachfolgende Nachdenken darüber. Hier nun meine persönlichen Favoriten:


Johanna Prosl „Frigide“
Foto: Helmut Wimmer

Der Text von Lize Spit zu dem Bild von Joseph Heintz „Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers“ und die intensive Spielweise von Johanna Prosl gehen unter die Haut. Allerdings kann man den Zusammenhang zwischen Bild und Performance nur erahnen. Ein Mädchen beobachtet ihren Vater, als er mit heruntergelassener Hose Pornobilder im Internet anschaut. Voller Angst schleicht sie in ihr Zimmer, der Vater geht ihr nach. Aber nicht die erwartete Missbrauchszene folgt, sondern der ein vorsichtiger Versuch des Vaters, ihr sein Verhalten zu erklären. Gut gespielt.

Ulli Maier (Foto: Funke-Stertz.de)

Ulli Maier zählt zu den intensivsten Schauspielerinnen im Josefstadtensemble. Wer sie als Maria in „Josef und Maria“ von Peter Turrini erleben durfte, weiß, wovon ich rede. Wie sie den Text von Milena Michiko Flasar zum Bild „Alte Frau am Fenster“ von Gerard Drou spielt, das hat Intensität und Tiefe. Eine alte Frau schaut auf ihr Leben zurück, nimmt Abschied von ihr lieb gewordenen Dingen. Nicht wehmütig, sondern fast zufrieden.

Mystisch und einfach schön: Gesang und Tanz von Mira Lu Kovacs vor dem Bild „Das Haupt der Medusa“ von Peter Paul Rubens.

Die Geschichte „Die Schöne und das Biest“ mag wohl Gedankenpate gewesen sein für die Interpretation des Bildes „Heilige Margarete“ von Raffael. Die Heilige blickt unerschrocken auf das fauchende Ungeheuer zu ihren Füßen. Genial, wie Martin Eberle mit seiner Trompete die Leiden, das Warten auf die Schöne (wunderbar getanzt von Manaho Shimokawa) bringt!

Zwölf Szenen und Interpretationen über die Liebe! In der Verschiedenheit liegt der Reiz dieses Abends.Weitere Vorstellungen: 29.5./ 5.6./ 15.6

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Komödie von Richard Alfieri, Übersetzung aus dem Amerikanischen von Johan Grumbrecht

Die Story folgt dem Strickmuster: Ältere Dame sucht (jüngeren) Tröster in einsamen Zeiten. Achtung Klischeegefahr! Aber: Wenn Klischee so gekonnt und amüsant gespielt wird, dann lässt man Kritik Kritik sein und lässt sich frohen Herzens vom Spiel mitreißen.

Oder beginnt nachzudenken, Parallelen zu ziehen, innerlich zu nicken. Gerührt sein, lachen, sich am Tanz erfreuen und nachher im Ballroom mittanzen – so Frau einen Tänzer findet.

Lily Harrison ist seit sechs Jahren Witwe (der Autor scheint eine innere Beziehung zur Zahl sechs zu haben). Außer mit einer lästigen alten Nachbarin hat sie keine Kontakte. Sie entschließt sich, einen Tanzlehrer ins Haus zu bestellen. Vielleicht bringt ihr der Tanz wieder Lebensfreude. Es tanzt ein vollkommen durchgedrehter Schwuler namens Michael Minetti an. Nichts passt zusammen: weder Sprache – er vulgär, sie gespreizt – noch Alter. Er zwischen 35 und 40, sie 64.

Sie „tanzen sich zusammen“ – und am Ende wird daraus Freundschaft, die sich bewährt, als Lily gegen ihren Krebs Bestrahlungen bekommt und er sich liebevoll um sie kümmert.

So weit, so rührend. Wären da nicht die beiden tollen Schauspieler: Andrea Eckert ist eine toughe, sportgestählte ältere Dame, die sich gerne elegant kleidet und vorgibt, tanzen lernen zu wollen. Zunächst mimt sie die aufmerksame Schülerin, doch blad wird klar, dass sie fast eine Profitänzerin ist. Hart gegen sich selbst, hart gegen den Tanzlehrer gesteht sie erst zögernd körperliche Schwächen ein, die sie mit Launen in den Wechseljahren abtut. Wie aus der unnahbaren Mittelstandslady eine um Freundschaft und Nähe heischende Frau wird, das ist die große Kunst von Andrea Eckert.

Markus Meyer als quirliger, überdrehter Tanzlehrer mit viel Herz ist einfach umwerfend. Wenn er seine Gliedmaßen durch den Raum schleudert, meint man, er hat Gummiknochen. Mit Bravour und viel Herz gewinnt er das Vertrauen der harten Lady. Am Ende können dann beide über ihre Probleme offen sprechen – sie über ihre langweilige Ehe mit einem Baptistenprediger, den frühen Tod ihrer Tochter, er über die Probleme, die er als Schwuler noch immer hat, über seine Mutter, die an Alzheimer erkrankte und die er bis zu ihrem Tod pflegte.

Richard Alfieri reißt einige gesellschaftliche Probleme an, aber in die Tiefe geht er nicht. Denn er will in erster Linie eine handwerklich gut gemachte Komödie schreiben, was ihm auch gelungen ist.

Nicht unerwähnt soll die Band bleiben, die sich ordentlich ins Schlagzeug legte: Leonhard Dickson am Schlagzeug, Andreas Radovan Gesang, Bass und Gitarre, Emily Stewart Percussion, Gesang und Violine, Alexander Wladigeroff Trompete, Gesang und Keyboard, Konstantin Wladigerpff Keyboard und Klarinette. Für das witzige Outfit von Markus Meyer und die eleganten Designerkleider von Andrea Eckert war Lejla Ganic zuständig. Für die flotte Regie Martina Gredler.

Viel Applaus und Bravorufe für das gesamte Team, besonders aber für Andrea Eckert und Markus Meyer.

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Raffaella Romagnolo: Bella Ciao. Diogenes Verlag

Aus dem Italienischen von Maja Pflug

Wieder einer der vielen Romane , die Familiengeschichten mit historischem Hintergrund -meist Kriegen – verbinden. Romane dieser Strickart überschwemmen seit einiger Zeit den Markt: Familiengeschichten – oft von Urgroßeltern an bis in die Gegenwart reichend-, eng verknüpft mit der Aufarbeitung historischer Ereignisse, die äußerst akribisch recherchiert wurden. Mit großer Detailliebe, um nicht zu sagen Detailverliebtheit, werden Grausamkeiten und politische Intrigen geschildert, und die eigentliche Geschichte der Familie bleibt dabei oft auf der Strecke oder verstrickt sich und mäandert durch den Roman, ohne Fuß zu fassen. Im jüngst veröffentlichten Roman „Alle, außer mir“ verknüpft etwa Francesca Melandri die Geschichte des italienischen Kolonialismus in Äthiopien mit der jüngsten Vergangenheit rund um Berlusconi mit einer ziemlich verwirrenden Familiengeschichte. Weitaus besser, um nicht zu sagen genial, gelang es ihr hingegen in ihrem Roman „Eva schläft“, die Geschichte Südtirols am Beispiel einer Mutter-Tochter -Vater Beziehung aufzurollen. Gelungen ist ihr das deshalb so gut , weil sie sich in der Anzahl der handelnden Personen auf einige wenige beschränkte und der Leser problemlos beide Stränge – Historie und Familie -gut verknüpfen kann.

Romane, die die lange Ahnentafel zum besseren Verständnis des Lesers im Vor- oder Nachwort anführen, lassen auf ein mühsames Hin- und Herblättern schließen. Wenn es dem Autor nicht gelingt, einzelne Charaktere klar herauszuarbeiten und der Leser immer wieder nachschlagen muss, von wem gerade die Rede ist, dann wird die Lektüre mühevoll.

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Wer ist wer? Und wer lebt noch?

Romagnolo erzählt in ihrem Roman „Bella Ciao“ über die schwierigen politischen Zeiten Italiens in den beiden Weltkriegen. In dem kleinen Dorf Borgo di Dentro, irgendwo in den Bergen im Piemont, erleben die Familien alle politischen Stürme, die da waren: Die Zeit der „mezzadria“, im Roman als „Halbpächter“ bezeichnet. Die mezzadri mussten den Adeligen die Hälfte der Ernte abliefern und waren der Willkür der Pächter ausgesetzt. Die Ausbeutung der Arbeiter und Arbeiterinnen in der Seidenweberei und ihr vergeblicher Kampf um bessere Löhne, dann der erste Weltkrieg und der Kampf der Italiener gegen die Österreicher, die Zeit des aufkommenden Faschismus, der Untergrundkampf der Sozialisten, Kommunisten und der Partisanen gegen Faschisten und die deutsche Besatzung. Es sterben Väter, Söhne, Frauen werden vergewaltigt, Unwetter verheeren die Ernten, Hungersnot und Leid sind Alltag.

Auch für diesen Roman gilt: Weniger wäre mehr! Die Zahl der Personen verwirrt. Nur einige wenige bekommen genug Zeit und Seiten zugestanden, um das Interesse des Lesers für diese Figur wach zu halten. Zu schnell dreht sich das Rad der Erzählung von einer Zeit in die andere, vor und zurück und gleich wieder vor. Die Schilderungen der Gräueltaten nehmen viel zu viele Seiten ein. Man beginnt zu überblättern. Und das ist das schlimmste Urteil, das man über ein Buch fällen kann. Schade, denn das Thema wäre interessant.

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Matthias Goerne und die Camerata Salzburg. Konzerthaus Wien

4. Konzert im Zyklus Grenzenlos Musik

Der Bariton Matthias Goerne zählt zu den gefragtesten Schubertinterpreten der Gegenwart. Seine „Winterreise“-Interpretation ist bereits legendär.

An diesem wohl einmaligen Abend sang Matthias Goerne relativ unbekannte Schubertlieder. Begleitet wurde er von der Camerata Salzburg unter der Leitung des Konzertmeisters und Geigers Gregory Ahss. Diese überaus gelungene und ungewöhnliche Bearbeitung verfasste der Pianist Alexander Schmalcz gemeinsam mit Goerne.

Schon im ersten Lied „Des Fischers Liebesglück“ (Text Karl Gottfried Ritter von Leitner) bestaunte man Goernes kunstvollen Aufbau: Er beginnt leicht, erzählerisch, lässt einzelne Töne aufglänzen, erzählt unaufgeregt weiter, um dann mit voller Stimme in die Tiefe „umgeben von Dunkel“ zu steigen und von da in eine unirdische Höhe: „Der Erde schon enthoben“ zu schweben. Das ist Romantik ganz im klassischen Sinn: keine unnötigen Verzierungen, von der Ahnung einer Transzendenz eingehüllt. Und die Streicher der Camerata Salzburg folgten dem Konzept mit viel Einfühlungsvermögen..

Im „Heimweh“ (Text: Johann Ladislaus Pyrker) verdeutlicht sich die thematische Klammer, die alle Lieder zusammenhält: „Ach, es zieht ihn dahin mit unwiderstehlicher Sehnsucht.“ Die Sehnsucht nach einem Leben außerhalb der Banalität, sei es im Jenseits oder in der Erfüllung einer irdischen Liebe.

Wie Matthias Goerne mit verhaltener Erotik seine Modulation im „Ganymed“ (Goethe) spielerisch, leicht ironisch und doch voller Sturm und Drang einsetzt, das ist große Meisterleistung.

Ein köstliches Kleinod an Liedkunst ist „Alinde“ (Text: Johann Friedrich Rochlitz). Goerne schafft aus dem eher unscheinbaren Text ein kleines Dramolett im Volksliedton.

Enttäuscht musste sich das enthusiastisch applaudierende Publikum mit einer einzigen Zugabe zufrieden geben. („Stimmen der Liebe“)

Camerata Salzburg: Tschaikowskys Serenade in C Dur.

Nach der Pause begeisterte die Camerata Salzburg das Publikum mit Tschaikowskys Serenade in C-Dur op.48. Viel Mozart war im ersten Satz zu hören, im zweiten dann der berühmte Walzer, leicht und einschmeichelnd gespielt, dann eine fein gesponnene Liebeselegie in Moll. Im vierten Satz flocht der Komponist flotte russische Volkslieder ein. Bei der Komposition dieser Serenade muss Tschaikowsky wohl eine seiner seltenen glücklichen Phasen erlebt haben, Dank des fein gesponnenen Musiknetzes, das die Camerata Salzburg über die Zuhörer warf, lebten wohl alle diese glücklichen Momente live mit

Ein großer Abend, der Maßstäbe setzt!

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Kein Groschen, Brecht! off-theater

Mit Tamara Stern als alle Frauen rund um Bert BrechtAls die Biografie von John Fuegi, Brecht & Co 1997 auf Deutsch erschien, da schlugen die Wellen des Feuilletons hoch. Denn Fuegi zeichnete Brecht als miesen Kerl, der Frauen reihenweise schwängerte, sie verließ oder sie in die Zahl seiner Adorantinnen eingliederte. Vor allem wies er darauf hin, dass der böse Mann seine Frauen für ihn forschen, übersetzen und auch gleich dichten ließ. Das war für die Brechtanhänger einfach zu viel. Sie empörten sich und suchten eifrig nach Fehlern, die Fuegi in dieser Biografie gemacht hatte, um ihn als unglaubwürdig hinzustellen. Nach der kurzen Empörung wurde es ruhig um Brecht und Fuegi. Heute wollen es alle schon gewusst haben, dass Brecht kein ganz so feiner Mann war, dass zum Beispiel Elisabeth Hauptmann große Teile der „Dreigroschenoper“ verfasste und dafür keinen Groschen bekam.

Der Titel „Kein Groschen, Brecht!“ ist Programm und das Signal, mit dem Tamara Stern den Abend anlegt: „Ich bin die Frau hinter Brecht, die keiner kennt“ verkündet sie kämpferisch. Im einfachen schwarzen Kittel, derben Schuhen und mit schwarz umrandeten Augen ist sie eineinhalb Stunden Helene Weigel, Elisabeth Hauptmann und all die Frauen, die man nicht kennt. All denen gibt Tamara Stern ihre Stimme. Und was für eine Stimme! Dunkel-grell, heftig, temperamentvoll interpretiert sie die bekannten Songs aus der Dreigroschenoper, die sie geschickt in Parallele zum Leben Brechts und seiner Frauen setzt. Hört man sonst diese Songs vielleicht ein wenig nebenbei – an diesem Abend leuchten sie in einem neuen Kontext auf und beginnen zu glänzen. Musikalisch begleitet wurde Tamara Stern am Klavier von Elise Mory. Für Regie, Texte und Bühne ist Ernst Kurt Weigel mit gewohnter Bravour zuständig.

Ein Abend, den man nicht versäumen sollte.

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Bernd Polster, Walter Gropius. Der Architekt seines Ruhmes. Hanser Verlag 2019.

Skandal, dieser Autor demontiert einen der größten Architekten des 20. Jahrhunderts! Er recherchiert nicht, sondern schlüpft in eine fragwürdige Erzählerrolle! Solches und Ähnliches liest man in den Rezensionen. Derartig empörte Aufschreie kommen gewöhnlich, wenn ein Heros aus Kultur, Politik oder Sport vom Sockel gestoßen wird. So war es auch bei Bert Brecht, als bekannt wurde, welch großen schöpferischen Anteil die Frauen rund um ihn bei der Entstehung seiner Werke spielten.

Mangel an Respekt, unzulängliche Dokumentation und kindische Häme wirft man Bernd Polster vor. Um das Bild von Walter Gropius zu rehabilitieren, demontiert man zu aller erst den Autor.

Und ich? – Ich gestehe, ich habe diese Biografie genossen, von der ersten bis zur letzten Seite! Aber ich gestehe auch, dass ich keine anderen Werke über Walter Gropius zum Vergleich gelesen habe. Und ich gestehe, dass ich mit einem gewissen Voyeurismus und einer durchaus mir eingestandenen Schadenfreude diese Enthüllungen las und mir dabei vorkam, als säße ich beim Friseur und genieße die Lektüre von „Gala“ und ähnlichen Tratschblättern.

Was ist dran an den Enthüllungen?

Wieviel kann man glauben, wieviel ist beweisbar? Ehrlich gesagt, das kann ich nicht verifizieren. Blättert man aber den fast hundertseitigen Anhang mit Literaturhinweisen, Zitaten und genauem Personenverzeichnis durch, dann kann man davon ausgehen, dass Bernd Polster verantwortungsvoll genug geforscht hat und seine Erkenntnisse Hand und Fuß haben.

Dass Walter Gropius sein Architekturstudium frühzeitig abgebrochen hatte, ist allgemein bekannt. Dass er trotzdem die Urheberschaft für viele Gebäude erhob, ist ein schwerwiegender Vorwurf. Geschickt holte er namhafte Architekten, wie Meyer, Fieger, Fischer und viele andere ins Boot und ließ sie unter dem Namen seines Büros für sich arbeiten- so Bernd Polster. Nun, das soll ja bis heute Usus sein, hört man aus Architektenkreisen. Dass er aber von sich behauptete: „Das Bauhaus bin ich“ ,zeugt von übergroßem Selbstbewusstsein, das die Mitarbeit aller anderen – und das sind sehr viele -bewusst ausblendet.

Dass Walter Gropius mit einigen Größen der Naziära befreundet war, die ihm sogar Empfehlungsschreiben nach England mitgaben, ist vielleicht weniger bekannt. Als er 1962 in Cambridge das TAC (The Architects Collaborative) gründete, ließ er ebenso wie beim Bauhaus junge Architekten für sich arbeiten, ohne deren Urheberschaft zu nennen. So wird das Rosenthal-Service, das die Keramikerin Katherine de Souza entwarf, noch immer unter dem Namen „Gopius-Sevice“ angeboten.

Zahlreich sind die Vorwürfe, die Bernd Polster erhebt. Was in dem an sich gut geschriebenen und leicht lesbaren Werk stört, sind die Beurteilungen und Beobachtungen eines auktorialen Erzählers, die eher in einen Roman als in eine Biografie mit wissenschaftlichem Anspruch passen. So spricht Bernd Polster immer wieder von „Glücksfeen“, mit denen Gropius ein Geheimabkommen getroffen haben muss. Anders seien die vielen Karriereschübe, die weniger auf Können als auf Protektion zurückzuführen seien, nicht erklärbar.

http://www.hanser-literaturverlage.de

Hajo Düchting, Wie erkenne ich Bauhaus? belser Verlag, 2. Auflage 2019

Wer sich für die Geschichte des Bauhauses und seine Werke interessiert und grundsätzliche Informationen braucht, dem hilft das Buch rasch weiter. Hajo Düchtings Verdienst ist es, die Erkennungsmerkmale der Bauhauswerke klar, übersichtlich und für jedermann verständlich herausgearbeitet zu haben. In den drei Hauptkapiteln „Malerei“, „Skulptur und angewandte Kunst“ und „Architektur“ geben Fotos und knappe Erklärungen einen guten und raschen Überblick. Bei der Zuordnung der Bauten geht Düchting jedoch nicht auf die jüngst ausgebrochene Diskussion um seinen Gründer Walter Gropius ein. Seit Bernd Polzer seine Gropius-Biografie veröffentlichte (siehe auch meinen Beitrag im Blog dazu), ist nichts mehr so, wie es früher war. Was Gropius wirklich eigenständig gebaut hat, müsste neue bewertet werden. Aber solche Fragen aufzuwerfen, wäre mit einem Überblickswerk nicht kompatibel, weil es den Rahmen sprengen würde.

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Kathrin (Martina Stilp) und Arnold (Martin Niedermair)

Was kommt heraus, wenn sich ein begnadeter Autor (Stefan Vögel), ein stilsicherer Regisseur (Folke Braband) und ein Schauspielerteam, wie es besser nicht sein könnte, zusammentun? – Die perfekte Komödie mit Tiefgang!

Man lacht herzlich, aber fragt sich zugleich nachdenklich: Wie würde ich reagieren, wenn mir ein nahestehender Mensch mitteilt, dass er eine, nämlich meine Niere benötigt, um weiterleben zu können?

In einem schicken Wohnzimmer mit „coolen“ Möbeln (Stephan Dietrich) leben Arnold (Martin Niedermair), seines Zeichens aufstrebender Architekt, und seine Frau Kathrin (Martina Stilp). Er -sehr aufgeregt ob seines neuen Auftrages, einen 36 Stockwerke hohen Turm zu bauen, sie – deprimiert, weil sie gerade die Diagnose „Niereninsuffizienz“ erfahren hat. Wie es der Komödienteufel will, haben beide dieselbe Blutgruppe. Also – was liegt näher, dass der liebende Ehemann ihr liebend gerne seine Niere spenden wird? Oder doch nicht? Als das Ehepaar Diana (Pilar Aguilera) und Götz (Oliver Huether) sich in die Diskussion einmischen, drehen und winden sich die Argumente in blitzschneller Abfolge. Kaum hat sich der Zuschauer mit einem Argument einverstanden erklärt – schon hat sich alles ins Gegenteil verkehrt. Geschickt spielt Stefan Vögel mit allen gängigen Fakten rund um eine Organspende und entlässt den Zuschauer mit der Erkenntnis, dass es keine eindeutig „richtige“ Entscheidung in so einem Fall geben kann. Wesentlich ist, dass er mit Wortwitz und gutem Gespür für Situationskomik peinlichen Moralismus vermeidet. Deshalb und auch, weil alle vier Darsteller an ihren Rollen sichtlich Spaß haben , ist „Die Niere“ eine perfekte Komödie.

Langer Applaus und viele Bravos am Ende

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Aufführung am 29. April 2019

Die Erwartung war groß, die Enttäuschung ebenso. Was hörte man nicht alles für Wunderlob über Anne Schwanewilms: das Wagner – Stimmwunder, die begnadete Schubertliedinterpretin und so fort. „Wenn ich mir das Leonorenkostüm anziehe, dann fährt eine ungeheure Energie durch meinen Körper“, verkündete Anne Schwanewilms noch im Klassiktreffpunkt Ö1 am Samstag zuvor

Dann dieser Abend. Steif und völlig unbeteiligt sang da eine Leonore von ihrer Liebe zu Florestan – aber leider glaubte man ihr keinen Ton, weil auch fast kein Ton außer ein paar vereinzelten hohen zu hören waren. Vielleicht war sie indisponiert – dann hätte sie sich ansagen lassen sollen. Übrigens ebenso Thomas Johannes Mayer als Pizarro. Beide kamen kaum über den Orchestergraben drüber. Dass Adam Fisher unbeirrt das Orchester in voller Lautstärke tönen ließ, trug auch nicht gerade zur Verbesserung der Lage bei.

Gut waren Wolfgang Bankl als Rocco, Chen Reiss als Marzelline und Micheal Laurenz als Jaquino. Brandon Jovanovich tat sein Bestes als Florestan, konnte jedoch die schwache Leistung von Anne Schwanewilms auch nicht wettmachen.

Dass die Inszenierung (Otto Schenk) schon einige Jahre am Buckel hat, heißt nicht, dass die Sänger und Sängerinnen stocksteif herumstehen und ihr Liedlein heruntersingen. Bitte um Regie!

So eine mehr als mittelmäßige Aufführung mitten im Festtrubel um 150 Jahre Wiener Staatsoper! Wirklich enttäuschend.

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Andreas Hillger, gläserne zeit. Osburg Verlag

Ein Bauhaus-Roman

Geschickt verknüpft der Autor eine Beziehungsgeschichte mit dem Geschehen rund um das Bauhaus, als es in Dessau in den Jahren von 1925-1932 seine Zelte aufschlug. Walter Gropius hat mit seinen Meistern und Alumni (Lehrern und Studenten) Weimar verlassen und die Einladung der Junkersbetriebe, nach Dessau zu kommen, angenommen. Clara Cohn, Tochter aus gut bürgerlichem Hause, studiert an der Bauhaus -Schule. Bei einer öffentlichen Bauhaus- Veranstaltung posiert sie als nacktes Aktmodell, was ihr den Unmut des Vaters zuzieht. Er bricht jeden Kontakt zu ihr ab.Die Kluft zwischen Bürgertum und Bauhaus, wie sie schon in Weimar aufgebrochen war, tut sich auch hier auf. Clara lebt genau dazwischen. Dazu kommt noch Liebeskummer. Sie kann sich nicht zwischen dem besonnenen Lukas und dem draufgängerischen Carl – beides Bauhausstudenten – entscheiden.

In diese Beziehungsgeschichte flicht der Autor geschickt das Geschehen und die Probleme rund um das Bauhaus ein, charakterisiert den Machtmenschen Gropius, der sich inzwischen „Pius“ nennen lässt und auch so agiert. „Pius ist ein Fähnlein im Wind, das sich mal den Künstlern, mal den Ingenieuren zuwendet.“ (S 95) Er entlässt der Reihe nach die Meister, wenn sie mit seinen Entscheidungen nicht einverstanden sind. Mit dieser Kritik an Walter Gropius steht Andreas Hillger nicht allein da. Die jüngst erschienene Biographie von Bernd Polster „Walter Gropius“ (Hanser Verlag) richtet das Bild dieses allseits verehrten Mannes, der von sich sagte: Das Bauhaus bin ich, zurecht.

Wie in anderen belletristisch aufgebauten Büchern rund um das Bauhaus ist es auch für dieses Buch empfehlenswert, sich über die wichtigsten Künstler im Bauhaus vorab zu informieren.Sonst gehen einige feine Anspielungen ins Leere.

http://www.osburg-verlag.de

Weimar ist Erinnerungsort. Kein Haus, in dem nicht irgendein Großer aus dem Lexikon wohnte. Goethe, Schiller – klar. Vor diesen aber schon Bach, Herder, Wieland. Nach ihnen Liszt, Nietzsche, und neuerdings reiht sich auch Walter Gropius unter die großen Namen. 

Eigentlich begann alles…

Eigentlich begann alles mit Goethe, der in Weimar eine Bilderbuchkarriere hinlegte, von der ein Politiker heute nur träumen kann:  Vom Erzieher des jungen Prinzen zum Hofdichter, Minister für alles Mögliche bis zum Hofrat und Baron. Der Fall ist klar: Goethe war ein genialer Draufgänger mit dem unwahrscheinlichen Gespür für Chancen. Als er sich entschloss, aus der Großstadt Frankfurt, wo er es bestenfalls zum dichtenden Rechtsanwalt gebracht hätte, in das Operettenherzogtum Weimar zu ziehen, das auf der politischen Bühne Deutschlands nicht einmal eine Statistenrolle spielte, lachten und wunderten sich alle. Er aber wusste: In diesem Ministaat würde er den Freiraum haben, sein Image vom pubertierenden Wertherrevoluzzer abzustreifen und sich zum Künstler mit einer Prise Erhabenheit, die man später Klassik oder Klasse nennen sollte, zu  wandeln. Dass diese Erhabenheit ihn als Büstenheros in die Vitrinen der Bildungsbürgerwohnzimmer bannen wird, konnte er damals natürlich nicht ahnen. Wer weiß, vielleicht hätte ihm diese Rolle sogar gefallen.

Goethe omnipräsent in Weimar

Neuer Büstenanwärter

Anfang des 20. Jahrhunderts, genauer gesagt im April 1919, meldet ein gewisser Walter Gropius einen Anspruch auf Büste und Verehrung an. Noch ist es nicht so weit. Denn er ist eigentlich ein Noname: Sein Architekturstudium hat er abgebrochen, gebaut hat er auch nichts Nennenswertes. Außer der Glasfassadenbeschmückung für eine Schuhleistenfabrik in Alfeld kann er nichts auf seine „Werkliste“ setzen. Seine Ehe mit Alma (geschiedene Mahler) beschert ihm zwar Kontakte, ist aber im Zerbröckeln. Wahrscheinlich war es Alma, die ihn auf die Idee brachte, sich in Weimar zu bewerben. Denn eines wollte dieses ehrgeizige Sexidol ganz sicher nicht: einen unbedeutenden Ehemann in ihrer Liste der erlegten  Opfer führen.

Also reist Walter Gropius nach Weimar. Zuvor informiert er sich noch ausführlich im „Deutschen Werkbund“ und im „Arbeitsrat für Kunst“, was so an neuen Ideen im Umlauf ist. Mit diesen im Gepäck gelang ihm mit Hilfe eines einflussreichen Offiziers vom alten Adel das Husarenstück, die von Henry van de Velde gegründete Kunstgewerbeschule zu übernehmen und sie unter dem Titel „Bauhaus“ von 1919 bis 1925 als Direktor zu leiten. Van de Velde verließ bald darauf Weimar, er hatte eingesehen, dass er neben dem Organisations- und Redetalent Gropius keine Chance hatte.  Gropius‘  Stärke war auch in Weimar nicht das Bauen – außer einem Entwurf für ein Kriegerdenkmal hat er nichts Handfestes vorzuweisen. Er war Direktor, der die Fäden und die Laufbahn der Lehrer – in der Bauhaussprache mit „Meister“ angeredet – und die der Schüler bestimmte. An dieser Stelle muss unbedingt darauf hingewiesen werden, dass fast 50% der Studierenden Frauen waren. Die aber nie – auch nicht in dem jüngst eröffneten Bauhausmuseum – so richtig gewürdigt wurden.  

Flachdach gegen Giebel: Haus am Horn

Gropius weiß zu überzeugen, Sponsoren und Gelder aufzustellen, um berühmte Künstler, wie Johannes Itten, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Oskar Schlemmer oder Gertrud Grunow, die „Meisterin“ für Tanz und Harmonielehre, an die Schule zu holen. Schwierigkeiten spielt er mit Glanzreden oder Glanzfesten hinweg. Mag sein, dass diese Feste, bei denen es nach der Vorstellung der Weimarer unziemlich zuging, zur Vertreibung des Bauhauses beitrugen. Ein weiterer Riss ging durch die heile Welt der Weimarer, als der Architekt Georg Muche „Am Horn“, dem Hügel über dem Illpark, neben die honorigen Villen in neoklassizistischen Stil eine weiße Schachtel hinbaute. Noch dazu mit Flachdach! Das war Provokation pur. Mit diesem „Musterhaus“ änderte sich die Ausrichtung des Bauhauses: Statt wie vorher Handwerk und Kunst in den einzelnen Disziplinen zu vereinen, setzte Walter Gropius mehr auf industrielle Produktion. Der moderne Mensch im Aufbruch braucht neue Wohnformen, für jeden leistbar, lautet nun die Bauhausdevise. Diesen Richtungswechsel konnten viele Meister nicht mitmachen und verließen das Bauhaus. Unter anderem Johannes Itten, der für die künstlerische Seite des Bauhauses zuständig war.  Als die national-konservativen Kräfte immer stärker wurden, sah sich Walter Gropius gezwungen, das Bauhaus mit Sack und Pack nach Dessau zu übersiedeln, wo er und die wenigen, die ihm folgten, (vorerst) mit offenen Armen aufgenommen wurden. In Dessau manifestierte er den Spruch: „Das Bauhaus bin ich!“

Museum statt Büste

„Das Bauhaus feiert sein hundertjähriges Bestehen!“ Weimar, Dessau und Berlin übertreffen einander mit neuen Museen und Festivitäten. Die Weimarer überlegten, was sie ihren Besuchern anlässlich des Bauhausgeburtstages zeigen könnten. Die Schule – natürlich, besonders das „Gropius-Zimmer“, für das er selbst die Möbel entworfen hatte. Doch es gibt einen Haken: Man darf es fotografieren, aber nicht veröffentlichen, es sei denn, man zahlt. So an die hundert Euro werden gemunkelt. Das kommt bei den Medien vielleicht nicht so gut an. Also warum nicht gleich ein neues Bauhaus-Museum. Um 27 Millionen stellte die Architektin Heike Hanada einen hellgrauen Betonkubus ins Feld. Auf die versprochene Glasarchitektur wurde aus welchen Gründen auch immer verzichtet. Heike Hanada erklärt ihr uninspiriertes Konzept so: „Indem sich der Körper nach außen abschließt, gibt er der Idee Halt. Das Gebäude selbst ist reduziert auf einen einfachen geometrischen Körper.“ Über die Ästhetik des Bauwerkes kann man unterschiedlicher Meinung sein. Ein objektives Urteil wird erst möglich sein, wenn Erdhaufen auf der Rückseite und Baumaschinen auf dem Vorplatz verschwunden sein werden und Bäume den grauen Block behübschen. Im etwas düsteren Inneren zeigt man über drei Geschoße Werke aus der Schule: Entwürfe zum Thema „Der neue Mensch im Industriezeitalter“, Pläne für die Zukunftsindustrie, Keramik, Möbel, Videos mit dem „Triadischen Ballett“ von Oskar Schlemmer und natürlich die Wiege von Peter Kaler in den typischen Bauhausformen und -farben: Blauer Kreis, gelbes Dreieck und rotes Viereck. Sie wurde zum Weimar – Bauhauslogo erhoben, das nun als Fotografie die Auslagen diverser Designgeschäfte ziert.

Bauhaus Museum Weimar

Und welche Spuren hat das Bauhaus sonst in dem nach wie vor von Schiller und Goethe regierten Städtchen hinterlassen? In den Werkstätten der „Bauhaus Universität Weimar“ wie sich die Schule heute nennt, ist Rainer Reisner Werkmeister und Herr über viele Hämmer, Zangen und Seilzüge. „Hier lernen die Studenten, mit den Händen zu arbeiten und nicht nur Computertasten zu betätigen. Das Handwerk soll hier seinen alten Stellenwert zurückbekommen“, bekennt sich Rainer Reisner zum ehemaligen Postulat des Bauhauses. Fragt man in der Stadt nach „Alumni“ (korrekter Name der Schüler) des Bauhauses, so bekommt man die Adresse der Schmuckwerkstatt von Nane Adam. Sie kreiert Ringe, deren Innenseite mit flexiblem Material ausgekleidet ist, wodurch sich der Ring den unterschiedlichen Stärken des Fingers anpasst. Ihr Motto: Funktion vor Form! Auch die Hutdesignerin und ehemalige Bauhausschülerin Claudia Köcher „baut“ ihre Hüte nach diesem Motto: „Zuerst muss die Funktion stimmen. Erst wenn die Hüte perfekt sitzen. Dann kommt die Form, die ich mit meiner Fantasie gestalte.“

„Weimar hat Brennglasfunktion zwischen Klassik und Aufbruch in die Moderne“, erklärte Wolfgang Holler, Direktor der „Klassik Stiftung Weimar“ anlässlich der Eröffnung des Museums und trifft damit genau die ambivalente Positionierung der Stadt. Klarer Sieger nach Punkten bleibt dennoch Goethe. Er dominiert das Stadtbild: Gemeinsam mit Schiller thront er auf einem Sockel vor dem Stadttheater, ein Warenhaus trägt seinen Namen, die Auslagen der Buchhandlungen sind voll mit Werken von und über ihn, in der Auslage des Perückenmachers darf er als Toupetträger herhalten, das Theater im Gewölbe spielt fast ausschließlich Stücke „aus dem Leben Goethes oder Schillers“ und nicht zuletzt wacht das Klassikduo über den Schlaf der Gäste im schicken „Dorinthotel“. Und bei Einheimischen und Touristen ist der nach den Plänen von Goethe gestaltete  Landschaftspark an der Ill noch immer Hotspot Nummer eins.  Ein Aufbruch in die Moderne?

Literatur

Bernd Polster, Walter Gropius. Der Architekt seines Ruhms. Hanser 2019. Für alle, die sich für das Bauhaus und insbesondere für dessen Gründer interessieren – ein wichtiges Buch. Der Autor rückt das Bild von Walter Gropius zurecht

 Hajo Düchting, Wie erkenne ich Bauhaus? Belser Verlag, 2. Auflage 2019. Eine gute Einführung in die künstlerischen Merkmale der Bauhaus-Produktionen.

Tom Saller, Wenn Martha tanzt, Ullstein Verlag 2019. IN einem Rückblick wird das Leben von Martha Wetzlaff geschildert, die zunächst im Weimarer Bauhaus unter Oskar Schlemmer am „Triadischen Ballett“ mitarbeitet und nach dem 2. Weltkrieg in New York große Karriere macht.

Andreas Hillger, gläserne zeit, Osburg Verlag 2019. Ein Bauhaus Roman aus der Dessauer Zeit. Geschickt eingebettet in eine Liebesgeschichte erfährt man viel über die Schwierigkeiten, die das Bauhaus auch in seinem neuen Domizil in Dessau hatte.

Informative Webseiten

http://www.naneadam.de

http://www.zwilingsnadeln.de

http://www.thueringen-entdecken.de

http://www,klassik-stiftung.de

Rechtzeitig zur Hundertjahrfeier des Bauhauses erschien dieser Debütroman des Psychotherapeuten Tom Saller. Geschickt verarbeitet er Fiktives mit realen Fakten rund um das Geschehen der Bauhaus-Bewegung. Teilweise verwertet er Erlebnisse seiner eigenen Großmutter Hedwig Saller und lässt sie in die erfundene Figur der Tänzerin Martha einfließen.

Martha Wetzlaff wird 1900 in Pommern geboren. Früh schon manifestiert sich die Begabung, Musik in geometrische Formen umzusetzen und diese tänzerisch darzustellen. Sie studiert in Weimar unter Oskar Schlemmer Tanz und bricht alte Tanzformen und -Traditionen durch ihre ungewöhnliche Interpretation auf. Das „Triadische Ballett“ entsteht. Als sich in Weimar die Deutschnationalen breit machen, kehrt Martha mit dem Kind einer Freundin, das sie als eigenes ausgibt, in ihr Heimatdorf zurück und gründet dort eine Tanzschule. Im 2. Weltkrieg flieht sie mit diesem Mädchen in die Staaten. Doch die beiden verlieren einander auf der Flucht und jede hält die andere für tot. Durch das nach Jahren wieder entdeckte Tagebuch Marthas kommt die Wahrheit ans Licht: Beide haben überlebt, ohne einander je wieder zu begegnen-

Interessantes Sujet – allerdings mit einigen Schwierigkeiten: Für den Leser ist nicht immer klar, welche Figur nun fiktiv und welche erfunden ist. So wäre es gut, sich vor der Lektüre über die wichtigsten Personen, die zum Bauhaus zählten, zu informieren. Positiv ist jedoch, dass man einen guten Einblick in den Alltag der Bauhaus-Meister und Alumni in Weimar bekommt.

http://www.ullstein-buchverlage.de

Was für ein Theatergenuss!! Da vertraut ein Regisseur, nämlich Peter M. Preissler, tatsächlich dem Text! Und setzt auf die Wirkung der Worte, die dieses Stück damals, in den späten 60er Jahren und 2019, hatte und hat. Denn die Angst vor den nicht abzusehenden Folgen der Wissenschaft ist heute genau so groß wie damals, als Dürrenmatt das Stück schrieb.

Also: In einem durchaus nachvollziehbaren Bühnenbild (Martin Gesslbauer) einer psychiatrischen Klinik – elegant, ist ja eine Luxusabteilung mit Sonderbetreuung – agieren die Krankenschwestern, der Kommissar, die angeblichen Kranken. Ohne in verkrampften Klamauk zu verfallen, wie man es unlängst im Volkstheater erlebte. Die leise Situationskomik, die dem Stück innewohnt, wird diskret ausgespielt. Da darf Ernesti alias Einstein (Bernie Feit) durchaus die Zunge zeigen und in eine Art Infantilsprache verfallen. Beutler alias Newton (Hermann J. Kogler) spielt einen leicht Verwirrten mit übertriebenem Hang zur Ordnung. Und Möbius (Randolf Destaller) gleitet gekonnt von der Rolle des Irren, dem Salomon erscheint, in den durchaus vernunftbegabten Mahner vor den Konsequenzen, die seine wissenschaftlichen Ergebnisse für die Gesellschaft haben werden. Das Ende, das von vielen Theaterleuten und Kritikern gern als fade Moralpredigt abgekanzelt wird und deshalb oft zu irrem Klamauk gesteigert wird, ist hier als kühles Kalkül inszeniert. Möbius weiß: Nichts, was einmal gedacht wurde, kann zurückgenommen werden. Die Menschheit hat keine Chance davonzukommen. Diese Mahnungen dringen jedem denkenden Zuschauer ins Hirn ein, da braucht es keinen Klamauk. Deshalb bleibt auch der Triumph der Irrenärztin, Dr. Mathilde von Zahnd, (Christina Saginth) eher nüchtern. In der Nüchternheit umso schrecklicher. Mit der Frage: Was wissen wir schon, wo uns die Digitalisierung hinführen wird, gehen wir Zuschauer nach Hause.

Eine Aufführung, die man nicht versäumen sollte.

http://www.theaterzumfuerchten.at

Musik: Thomas Adès. Libretto: Philip Hensher. In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln.

Großartig, elektrisierend, aufregend, nahe dem Skandal und doch keiner! Der war schon, ist schon fast vergessen! Wer erinnert sich noch an das skandalumwitterte Sexidol der 1950er Jahre, Lady Margaret Campbell (1912-1993)? Als ihr zweiter Ehemann, Herzog von Argyll, die Scheidung einreichte, empörten sich alle über sie. Die Medien fanden in den Ausschweifungen der Lady ein gefundenes Fressen, das so genannte Volk empörte sich über den immensen Luxus, in dem sie und der ganze Hochadel lebten, und der Adel war entsetzt, wie so ein Skandal in ihren Reihen explodieren konnte.

Diesen Stoff nun vertonte Adès schon zwei Jahre nach dem Tod der Lady. Das ganz und gar unprüde Libretto von Philipp Hensher sorgte und sorgt für Aufregung bei den damaligen und heutigen Moralisten.

Der Jungregisseur Martin G. Berger ist mit Sexszenen, Doppelmoral und was sonst noch alles dazugehört, durchaus vertraut (La Cage aux Folles). Fellatio, Vierer und sonstige Sexvarianten auf die Bühne zu bringen, da gehört viel Fingerspitzengefühl und ein überreiches Angebot an verblüffenden Bildern dazu! All das hat er im Gepäck. Kongenial unterstützt wird er von der Bühnenbildnerin Sarah Katharina Karl und dem Kostümbildner Alexander Djurkov Hotter. Genau zur Musik getaktet wechseln schnelle, skurrile und „queere“ Szenen. Bilder, wie man sie noch selten oder gar nicht auf der Bühne sah.. Die Schauspielsänger, allen voran Ursula Pfitzner als die Skandalnudel-Herzogin, singen und spielen sich die Seele aus dem Körper!!

An Einsatz und Spielfreude lassen es die anderen auch nicht fehlen: Morgane Heyse wechselt blitzschnell zwischen sechs verschiedenen Rollen. Besonders als affenartige Gafferin beeindruckt sie gemeinsam mit David Sitka, der wiederum als sexliefernder Kellner grandios ist. Bart Driessen hat als Hotelmanager, Herzog und Richter starke Auftritte.

Die kleine Ausgabe des Orchesters der Volksoper Wien ist unter dem Dirigat von Wolfram-Maria Märtig bestens gerüstet.

Viel verdienter Applaus und Bravos!!

http://www.volksoper.at

Besuch am 17. April 2019

Ein tobendes Duo! Sona MacDonald und Götz Schulte geben ihr Bestes, um aus dem uninteressanten Beziehungsdrama von David Schalko einen sehenswerten Theaterabend zu machen!

Herbert Schäfer lässt die beiden Ex in einem eleganten Hotelzimmer an der französischen Riviera toben. Dort hatten sie vor 19 Jahren eine gute Zeit, woran Videoaufnahmen erinnern. Beide schwimmen im Meer glücklich aufeinander zu. Glück war einst, jetzt ist Kampf. Silvia (Sona Mac Donald) hat ihren Exmann Gustav (Götz Schulte) in die Arena gebeten, um ihn für die „gestohlenen Jahre“ zu bestrafen. Warum die Zeit mit ihm „gestohlen“ war, wird nicht so richtig klar.

Zunächst spielt sich der übliche spöttisch-heitere Small-Talk zwischen den beiden ab. Schon denkt man: Und, was sollen die Banalitäten? Doch dann wärmt sich Sylvia für den Kampf auf. Sie reizt ihn, zieht sich aus bis auf ein Badekostüm – der Strand ist ja vor der Tür – fordert ihn zu einem Jahrhundertfick auf. Er ist dem nicht abgeneigt, schon steht er in der Boxershort kampf- und fickbereit vor ihr, als die Meldung -natürlich über Handy – hereinkommt, dass im Konferenzzentrum in Toulouse ein Attentat verübt wurde und es mehrere Tote gegeben hat. Pech für Gustav, der seiner neuen Freundin vorgeschwindelt hatte, in Toulouse zu sein. Die Angst in ihm, dass die Lüge auffliegt, die Schadenfreude von Sylvia steigert die Spannung – sie reizt ihn mit Worten, setzt sich die Pistole an die Schläfe – doch dann ist alles anders.

Großartig, was beide Schauspieler aus dem nicht umwerfend interessanten Streit der beiden machen. Er: feig, zurückhaltend, lüstern. Sie lockend, aggressiv, hysterisch. Nur mit so guten Schauspielern sind die eineinviertel Stunden gut auszuhalten.

http://www.josefstadt.org

Akademietheater

Fassung und Bearbeitung: Florian Hirsch

Wer durchschaute einst und wer durchschaut heute das undurchschaubare Politgeschehen? Gustav Flaubert schrieb 1874 über dieses Thema die damals wie heute gültige Komödie „Der Kandidat“ und Carl Sternheim bearbeitete sie 1915. Seine Fassung unterschied sich nicht wesentlich von der Flauberts. 2018 aktualisierte Florian Hirsch die Komödie für das Akademietheater. Und wir stellen fest: Seit 1874 bis heute hat sich das Politkarussell nicht in Worten, Taten und Tempo verändert. – Verblüffend und doch eine Binsenwahrheit, die Flaubert-Sternheim-Hirsch sehr griffig erfasst haben.

Das Bühnenbild von Volker Hintermeier ist der eigentliche Akteur des Stückes: Eine hellglänzende Roulettescheibe, die sich dreht, nach vorne kippt und die Spieler zum Eiertanz auf der glatten Oberfläche zwingt, sie nach Lust und Laune zu Fall bringt oder überhaupt aus dem Geschehen katapultiert. Wenn das Publikum glaubt, als Unbeteiligte sich an dem Spiel um Macht und Geld ergötzen zu können, dann findet es sich plötzlich in dem auf dem Bühnenplafond angebrachten Spiegel wieder. Und aus ist es mit dem Unbeteiligtsein.

Aus Langeweile, weil er schon alles erreicht hat und ihn selbst der Immobilienmarkt nur mehr peripher interessiert, will der reiche Herr Russek (eventuelle Ähnlichkeiten mit Trump sind nicht zu überhören) in die Politik einsteigen, ohne das Geringste von dieser Schlangengrube zu verstehen. Köstlich, wie Gregor Bloéb den Wandel vom tumben Tor bis zum fiesen Sieger spielt, der mit unbeteiligter Stimme sein Angst machendes (weil Hirsch ganz genau die Aktualität hier eingeschrieben hat) Regierungsprogramm verkündet. Zuerst von Medien, einer Spindoktorin und diversen Gegenkandidaten umstellt, befreit er sich von diesem „Ballast“, um mit Hilfe des großen Medienmoguls als siegreicher Bewerber um das große Amt hervorzugehen. Ein Spiel, das wir alle kennen, schon xmal „durchschaut“ haben. Das ist vielleicht auch der Grund, warum die Spannung teilweise nachlässt. Zwar bemühen sich Regisseur und Darsteller, mit Tempo und körperlichem Einsatz das Publikum bei der Stange zu halten. Doch einmal mehr muss eine mangelnde Sprachdeutlichkeit moniert werden. Wie soll die auch bei dem Höllentempo und der erforderlichen Konzentration, auf der rotierenden Scheibe das Gleichgewicht zu halten, möglich sein? Und noch etwas muss wieder gesagt sein: Zu viel ist zu viel. Fast jeder zweite Theaterabend in Wien und Umgebung bemüht dieses Thema: Achtung vor dem Rechtspopulismus, Extremismus und der Rassendiskriminierung. Die Warnungen verpuffen, wenn sie zu oft und allzu plakativ erfolgen. Wie so oft: Weniger wäre mehr!

Was nicht unerwähnt bleiben soll, ist der körperliche Einsatz aller Akteure. Besonders Petra Morzé als Frau Russek, Sabine Haupt als Anwältin und Spindoktorin, Florian Teichtmeister als Grübel, Sebastian Wendelin als Bach und Dietmar König als Seidenschnur.

http://www.burgtheater.at

Landestheater St. Pölten

Wie schreibt man ein bitterböses Kasperltheater auf jemanden, der sich täglich selbst zum Kasperl macht? Elfriede Jelinek hat es 2017 versucht. Nun ist ihr Stück über Donald Trump und die gesellschaftlichen Folgen seiner Präsidentschaft in der Inszenierung von Nikolaus Habjan am Landestheater St. Pölten zu sehen. 2013 schuf der Puppenmacher und Puppenkünstler die erste Jelinek-Puppe für das Stück „Schatten (Eurydike sagt)“. Da sitzt sie am Rande der Bühne und mokiert sich über ihr eigenes Stück. Eine zündende und damals einmalige Idee!

Nun nehmen die Autorin und Habjan diesen Trick wieder auf. Die Jelinek sitzt gleich dreifach auf die Bühne: einmal als Junge, dann als Mittelalterliche und schließlich als Alte, dem Tode hingeneigt, wie sie selbst sagt. Zu Beginn des Stückes wird sie geblendet und redet fortan als Seherin Kassandra oder, wenn man so will, als geblendeter Ödipus – auf diese Sage gibt es im Stück immer wieder Querverweise, die ziemlich an den Haaren herbeigeschrieben wirken. Als Blinde sieht sie aber, anders als Kassandra, keine Zukunft, die erscheint ihr nur finster. Zu diesem Handlungsstrang wird aus dem Off die Stimme der Autorin eingeblendet, die sich über ihr Alter beschwert und meint, sie habe eigentlich nichts mehr zu sagen.

Der andere Handlungsstrang spielt auf der eigentlichen Bühne, die Jakob Brossmann zu einem runden Pavillon, der sich bei Bedarf nach Innen öffnet und an das oval Office in Washington erinnert, gestaltete. In diesem Raum, der zugleich das Reich des Königs ist, wo eine Trumpfigur einmal als plärrendes Baby, dann als vergoldeter König Midas agiert, und ebenso die liebdienende Welt um ihn herum darstellt, lässt Habjan seine Puppen tanzen, quieken, schreien und manchmal schnell – allzu schnell und oft undeutlich werdend – sprechen. Vielleicht ist die Sprachundeutlichkeit ja gewollt. Trump versteht man ja auch nicht.

In der quirlig bunten Puppenwelt der Muppet Show und den Irrgängen der Jelineksprache sich zurecht zu finden, ist oft mühevoll. Gar manche Sequenzen rauschen als ungelöste Rätsel vorbei.

Weniger wäre mehr!

Dennoch – Anerkennungsapplaus für die Leistung der Schauspieler, die da waren: Hanna Binder, Tim Breyvogel, Sabrina Ceesay, Bettina Karl, Manuela Linshalm, Tilman Rose und natürlich für Nikolaus Habjan.

http://www.landestheater.net

Wiener Staatsballett: Le Pavillon d`Armide und Le Sacre.

Staatsoper, 20. März 2019

John Neumeier ist der Grandseigneur unter den Choreographen. Elegant, immer aus einem Guss, auf höchstem tänzerischen Niveau und immer sehr intensiv – so erlebt das Wiener Publikum seine Werke.

„Le Pavillon d‘ Armide“ ist dem großen Tänzer des Ballets Russes Vaslav Nijinsky gewidmet. John Neumeier erzählt mit subtilem Einfühlungsvermögen das grausame Schicksal dieses genialen Revolutionärs des Tanzes: Von 1919 bis zu seinem Tode 1950 lebte Nijinsky in der Psychiatrie, verfolgt von den quälenden Erinnerungen seiner berühmten Rollen. Mihail Sosnovschi verkörpert diesen genialen, kranken Mann. Bewundernswert, wie tief er in diese Rolle einsteigt, wie er in einem atemberaubenden Solo all seine Qualen heraustanzt, um nicht zu sagen: herausschreit. Man erlebt den Wechsel von katatonischer Erstarrung über die vergeblichen Versuche, die Bewegung aus der Erinnerung einzufangen, bis hin zu den hellen Momenten, wenn sich die Gliedmaßen vom Stupor befreit in Harmonie bewegen. Wie immer ist Neumeier auch für Licht, Bühnenbild und Kostüme verantwortlich – nur so kann ein Werk wie dieses aus einem Guss entstehen. Einzelne aus der großartigen Gesamtleistung hervorzuheben, fällt schwer. Denn John Neumeier arbeitet an jeder Figur, und sei sie noch so „unbedeutend“, bis ins kleinste Detail das Innere, das Wesen heraus. Nie werden hier Choreographien abgetanzt, sondern immer aus dem Charakter der Figur ertanzt, erlebt

Michael Boder war ein congenialer Dirigent, der die Tänzer durch die wunderbare Musik von Nikolai Tscherepnin behutsam führte.

Nach der Pause das Kontrastprogramm: Der wilde Furor des „Sacre“ von Strawinski. Das Ballett, das bei der Uraufführung in Paris in der Interpretation von Nijinsky den größten Theaterskandal aller Zeiten ausgelöst hatte. John Neumeier lässt die Tänzer im Nudekostüm tanzen. Der menschliche Körper ist die Welt, die Kulisse, die Aktion. Figuren finden zusammen, lösen sich auf. Exakt, wild, losgelöst von Konventionen und Normen rasen, fliegen, krümmen sich die Menschen. Man könnte es einen Skulpturentanz nennen, wenn man so will.

Tosender Applaus, Blumen fliegen auf die Bühne. Ein Abend, den man nicht oft genug erleben kann!!

http://www.wiener-staatsoper.at

Theater Akzent

Valerie Pachner, ein junger aufsteigender Star, bekannt als Wally Neuzil in dem Film „Egon Schiele“ in der Regie von Dieter Berner und als Lola in dem Film „Boden unter den Füßen“ in der Regie von Marie Kreutzer, bezauberte das Publikum des Theaters Akzent mit ihrer schlichten und unprätentiösen Interpretation diverser Texte aus der Zeit der Jahrhundertwende. Alle ausgewählten Texte hatten eine deutliche Stoßrichtung: gegen die damalige Dominanz und Präpotenz der Männerwelt.

Alma, wie sie als Mädel schon war: frech, selbstsicher und kokett. In ihr Tagebuch schreibt sie: Klimt, du bist meiner nicht würdig. Und doch wartet sie auf den Kuss von ihm, freut sich, dass er ihr in Venedig nachstellt, ärgert sich über ihren Stiefvater Carl Moll, der Klimt ganz unverblümt das Haus und die Alma verbietet. Sie beklagt sich über das Verbot und seufzt: „Ach wär ich doch ein Mann!“ Schnitzler bekommt sein Fett weg. Die kluge Auswahl Valerie Pachners entlarvt ihn als ziemlich miesen Frauenheld, der am liebsten einen Harem von süßen Mädeln um sich scharen möchte. Die schmachtende Adele Sandrock geht ihm auf die Nerven. Ihre Liebe hält er für pathetische Schauspielerei. Mahler wird mit „dem“ Brief an seine Verlobte Alma desavouiert: Er verlangt nichts anderes, als dass sie ihre Komponiererei aufgibt! Denn, so fragt er sie ohne Scham: Wie soll sie sich ihm und seinem Wohlergehen widmen, wenn sie komponiert. Das soll sie schön bleiben lassen. Und sie ließ es bleiben. Zu mindest bis zu Mahlers Tod. Auch Schiele wird gehörig zerrupft: Weil er Geld braucht, plant er die Heirat mit der reichen Edith Harms. Seinem Model und Lebensgefährtin Wally Neuzil erklärt er unumwunden, dass sie ausgedient hat. Wenn sie wolle, dann würden sie 1x im Jahr alle drei gemeinsam Urlaub machen. Das hätte ihm so gefallen. Aber nicht Wally. Sie steht auf und geht. Einfach so.

Man spürt, wie engagiert Valerie Pachner hinter all diesen verletzten Frauenfiguren steht und man genießt es, wie dezent, aber wirksam sie den Männern die Maske vom Gesicht nimmt, nein reißt.

Aufgelockert wurde der Abend durch das Streichquartett Sonare, das unter anderem Franz Schubert, Der Tod und das Mädchen und das Adagio aus Mahlers 5. Symphonie sehr stimmig und ruhig darbrachte. http://www.akzent.at

Mehr über Valerie Pachner:

http://www.schlag-agentur.de

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Elisabeth- Joe Harriet lud als Erzherzogin von Österreich ins Hofmobiliendepot.

Würdevollen Schrittes, auf einen edlen Spazierstock gestützt, leitet die einzige Tochter des Kronprinzen Rudolf ihre Gäste durch die Räume des Hofmobiliendepots. Getragen ist ihre Vortragsweise, mit langen Pausen, als ob Erinnern schmerzt und den Atem nimmt. 500 Exponate sind im Depot ausgestellt, alle von ihr an die Republik Österreich geschenkt. Darunter Möbel, Bilder, Fotos und vieles mehr.

Obwohl nie Kaiserin, soll sie doch ein ziemlich imperiales, des Öfteren auch herrsiches Auftreten gehabt haben, wie Friedrich Weissensteiner in seinem interessanten Buch „Die rote Erzherzogin“ schreibt, das 1983 im Österreichischen Bundesverlag erschien.

Harriets Erzherzogin ist mehr eine Wehmütige, die in Erinnerungen an den geliebten Großvater, an die wenigen, kostbaren Stunden mit ihrem Vater und an die ungezwungenen Aufenthalte mit ihrer Großmutter Kaiserin Elisabeth in Miramar schwelgt. Von dem eigentlichen Zwiespalt zwischen hochadeliger Geburt und sozialistischer Parteimitgliedschaft, der sicher in diesem Charakter eingeschrieben war, erfährt man zu wenig.Als Tochter des Kronprinzen und als Enkelin des Kaisers ist sie gewohnt, selbstsicher aufzutreten. Den Adel konnte und wollte sie nie ablegen. Für die Außenwelt war sie nach dem Zerfall der Monarchie die „Gnädige Frau“, für ihr nahestehende Bedienstete blieb sie bis zum Lebensende die (kaiserliche) Hoheit. (An der Stelle soll auch die Schauspielerin Sylvia Reisinger lobend erwähnt werden, die als treue Dienerin Pepi Steghofer mitwirkte.) Und doch wurde die Erzherzogin – trotz dieses Habsburger-Hintergrundes – nach dem Zerfall der Monarchie Mitglied der Sozialistischen Partei und heiratete den Sozialdemokraten Leopold Petznek. Diese politische und seelische Wandlung, dieses Umdenken kam nicht von heute auf morgen, schon gar nicht aus Opportunismus. Freilich hatte sich Elisabeth Marie, von allen liebevoll „Erzsi“ genannt, schon als Jugendliche für die sozialen Probleme des Reiches interessiert und ihren Großvater auf die Missstände in den Armenbezirken Wiens hingewiesen. Als Hunger und Not am größten waren, teilte sie Gemüse und Obst aus ihrer Plantage im Schloss Schönau an die Bevölkerung aus. Diese Haltung war jedoch jedem Mitglied des Hofes als eine selbstverständliche in der Erziehung eingeschrieben. Caritative Tätigkeiten gehörten zum guten Ton. Elisabeth Marie half sicher nicht aus Pflichtbewusstsein, sondern aus einem tiefen Bedürfnis heraus. Damit ist ihr Engagement für die Partei jedoch nicht genügend erklärt. Weissensteiner sieht die starke liberale Neigung aus zwei Lebensströmungen gespeist: „aus dem väterlichen Erbe und als Abwehrreaktion gegen die Bigotterie der Mutter“. Sicher ist für viele Geschichtsinteressierte diese Frage am spannendsten. Natürlich hört man mit einem gewissen voyeuristischem Interesse Details aus der missglückten Ehe mit dem Fürsten Windisch-Graetz, der ein fürchterlicher Lump gewesen sein soll. Der Streit um die vier Kinder war ja der Skandal schlechthin, Gendarmerie rückte aus, die Arbeiter verhinderten eine gewaltsame Wegnahme der Kinder… Skandale, wie sie auch heute noch die Gazetten füllen. Aber das Leben als sozialistisch denkende Erzherzogin blieb ein wenig außen vor. Erwähnt wurde, dass Renner und Kreisky bei ihr zu Besuch waren. Was wollte sie, welche sozialistischen Ziele hatte sich die ehemalige Erzherzogin von Österreich gesetzt? Vielleicht plant Elisabeth-Joe Harriet darüber einmal ein neues szenisches Theater?

http://www.elisabeth-joe-harriet.com

Foto: Moritz Schell

Ein packendes Stück, von Stephanie Mohr mit der nötigen Demut vor dem Thema und dem Text – was heute unter Regisseuren schon selten ist – umgesetzt.

„Die Gegend kann i net auf dem Buckel mittragen“, sagt einer, der Haus und Hof verlassen muss. Von Vertreibung handelt das Stück. Vertreibung ist immer mit Gewalt verbunden. Da muss es einen geben, der das befiehlt, und andere, die sich nicht wehren können. Schönherr wählte für sein Drama das Schicksal der Tiroler Bauern, die 1837 auf Befehl des Kaisers Haus und Hof verlassen mussten, wenn sie protestantisch waren. Dass viele lieber ihrem Glauben treu blieben, mag heute so mancher Kritiker nicht verstehen. Da wird moniert, dass die Glaubensfrage heute kein Thema mehr ist. Das sind zu kurz gegriffene Einwände. Denn es geht um die Frage, wie weit man seiner Überzeugung treu bleibt. Der Unterschied zwischen Jägerstätter, der nicht in den Krieg ziehen will, weil er nicht töten will, und dem Bauern Christoph Rott – hervorragend gespielt von Raphael von Bergen- ist nicht auszumachen. Da wie dort stehen mutige Menschen, die sich vor keiner politischen Macht beugen.

Wieder einmal ist dieses Stück ein Beweis, über wieviel exzellente Schauspieler die Josefstadt verfügt. Da ist jede Rolle punktgenau besetzt, bis hin zum Schuster, der für die Ausgewiesenen die Schuhe nagelt.

Kostüme (Alfred Mayerhofer) und Bühnenbild (Miriam Busch) liefern gerade so viel Lokalkolorit wie nötig.

Wer das Stück bis zum Schluss aushält – einige verließen das Theater in der Pause -, dem wurde wieder einmal klar: Gewalt bleibt immer Gewalt, egal unter welchem Vorwand sie ausgeübt wird. Eine banale Erkenntnis? -Ja, aber immer wieder ist es nötig, sie vor Augen geführt zu bekommen.

Anhaltender Applaus und Bravorufe für das ganze Ensemble!

http://www.josefstadt.org

Familie Flösz: Hotel Paradiso. Theater Akzent

Wenn Sie heute Abend noch nichts vorhaben: schnell, schnell ins Theater Akzent! Nützen Sie die Gelegenheit, diese Familie Flöz zu erleben!! Besonders, wenn Sie gerade ob des schlechten Wetters oder aus anderen Gründen ein wenig mieselsüchtig sind: Ich garantiere Ihnen, für eineinhalb Stunden werden Sie all Ihre Sorgen vergessen und die gute Laune kehrt für eine Weile zurück.

In dem kleinen Alpenhotel Paradiso gibt es alles andere als paradiesische Zustände. Die Besitzerin ist eine Alte, die mit ihrem Stock die Mannschaft in Schach hält. Die Mannschaft, die da ist: der tanzende Nachtportier, die herrschsüchtige „Managerin“, das Stubenmädel, das alles stiehlt, was herumliegt, und unter ihrem Kittel versteckt, und vor allem der Fleischer, der nicht nur das Schwein zersägt, sondern auch unliebsame Gäste. A propos Gäste: da marschieren herein: der Bankräuber, die Verliebte, der Manager und viele andere.

Vier Personen spielen etwa zehn Personen. In Masken, die ohne Worte mehr als nur Worte ausdrücken. Slapstick und eine witzig-spritzige Choreografie versetzen die Zuschauer ins reinste Entzücken. Wie gut tut das Lachen über die skurrilen Einfälle und die Schwächen der Masken, die wir doch alle in uns kennen.

HINGEHEN – Heute noch!

Mit: Philipp Hochmair und Die Elektrohand Gottes. Als Buhlschaft: Ulrike Beimpold.

Philipp Hochmair ist ein Berseker. Er schont sich nicht, er schont das Publikum nicht. Das weiß man, wenn man seine Performance besucht und schätzt seinen vollen Einsatz bei Kafka „Amerika“, seine ungewöhnliche Rezitation der Schillerschen Balladen oder seine Wertherinterpretation.

Doch im Jedermann übertreibt Hochmair bis zum Exzess. Lärm (seine Band sorgt im Übermaß dafür) und ein über weite Strecken unverständlicher Text machen die an sich interessante Performance zu einem Höllenspektakel. Würde man nicht den Text Hofmannsthals so ungefähr im Gedächtnis haben, wüsste man über weite Strecken nicht so recht, worum es geht. Bekanntlich spielt ja Hochmair immer alle Rollen. Diesmal leuchten zur besseren Orientierung des Publikums im Hintergrund die Namen der jeweiligen Rollen auf.

Es geht -no na – um den schäbigen Reichtum, den Jedermann anhäuft. Es geht um den Geiz und die Gier. Auch das ist bekannt. Es geht um die Unbarmherzigkeit. Es geht um die Angst vor dem Sterben. Alles bekannt. Um dem Bekannten eine neue Note zu geben, schreit, tobt Hochmair durch das Schicksal Jedermanns mit einem unermüdlichen Furor. Da gibt es keine leisen Töne, kein Innehalten, keine Änderung des Höllentempos. Es ist, als ob ein Pferd zum Sprung ansetzt und am höchsten Punkt mit allen vier Beinen in der Luft stehen bleibt, nie auf dem Boden landet. Da gibt es kein Ziel, keine Ankunft. Dieses Stilmittel – oder besser Unstilmittel – ermüdet und wirkt oft auch ungewollt lächerlich. Die einzige, die den Rasenden für kurze Zeit auf den Erdboden bringt, ist die Buhlschaft. Beimpold überzeugt und berührt. (Warum ist niemand auf die Idee gekommen, sie als Buhlschaft nach Salzburg zu rufen?)

Am Ende der Clownerie ist man froh, dass der tobende Jedermann seine Ruhe gefunden hat und man heimgehen darf.

http://www.burgtheater.at