Sandra Petrignani, Die Freibeuterin. Das Leben der Natalia Ginzburg.

Aus dem Italienischen von Stefanie Römer

Natalia Ginzburg war Schriftstellerin, Verlegerin und hat sich politisch engagiert. Sie wurde 1916 in Palermo als Tochter des jüdischen Histologen Giuseppe Levi geboren. Die Familie übersiedelt bald nach Turin. Mit 19 beginnt sie kleinere Erzählungen zu schreiben und an der Turiner Universität Literaturwissenschaften zu studieren. 1938 heiratet sie den politischen Linken Leone Ginzburg, der gegen die Faschisten kämpft und in die Verbannung in die Abruzzen geschickt wird, wohin sie ihm mit den drei Kindern folgt. 1943 wird Leone G. verhaftet und stirbt 1944 im Gefängnis. Natalia arbeitet in dem Verlag Einaudi, schreibt unter größten Schwierigkeiten und materieller Not Texte, gibt sich nach einem Selbstmordversuch in psychiatrische Behandlung. 1950 heiratet sie den Literaturprofessor Gabriele Baldini, zwei Kinder kommen zur Welt, beide schwerst behindert. 1969 stirbt ihr Mann. Sie widmet sich intensiv dem Schreiben, engagiert sich politisch und wird 1983 als Parteilose für die Linke ins Parlament gewählt. Das Schreiben (Romane, Komödie und Übersetzungen französischer Autoren) füllt ihr Leben aus. Sie stirbt am 8. Oktober 1991 an einem schweren Krebsleiden.

Ein Leben mit viel Leid und Kampf ausgefüllt. Petrignani schildert uns Natalia als scheue, stille Frau, die aber tapfer und unbeirrt ihren Weg geht. Schreiben hilft ihr über die schweren Zeiten hinweg. Man erfährt viel über den Kampf der Linken gegen Mussolini, über die Gründung und Existenzkämpfe des Einaudi-Verlages, eine Ikone in der italienischen Literatur. Manches ist durchaus aus heutiger Sicht interessant. Leider überbordet Petrignani den Text mir Ausritten in die Esoterik, mit Nennung zahlloser Namen, die in ein namedropping ausarten. Eine Analyse der Schriften Natalia Ginzburgs fehlt leider. Die Autorin haftet sich auf die äußeren Spuren und verliert sich sehr oft darin. Und so kommt es, dass der Leser sich dabei ertappt, wie er Seiten überliest und das Ende der 600 Seiten starken Biografie ersehnt.

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John Grisham: Die Wächter. Heyne Verlag

Aus dem Amerikanischem von Bea Reiter, Imke Walsh-Araya und Kristiana Dorn-Ruhl

In der Stadt Seabrook in Florrida wird der weiße Anwalt Keith Russo erschossen. Es gibt weder Zeugen noch Motiv. Auf Grund erzwungener Falschaussagen wird Quincy Miller, Anghöriger einer schwarzen Mindertheit, zu lebenslangem Kerker verurteilt. Qincy wendet sich an „Guradians Ministries“ (Die Wächter), eine Organisation, die unentgeltlich Justizirrtümer aufklärt. Für sie arbeitet der Anwalt und Priester Cullen Post. Grisham schildert nun die Geschichte aus der Sicht des Ich-Erzählers Cullen Post. Minutiös kann der Leser jeden Schritt, jede Enstscheidung, jede Gefahr, in der Cullen Post schwebt, alle Fallstricke der Justiz miterleben. Manchmal überschwemmen die Recherchefakten den Erzählfluss und hemmen ihn, was zu einer gewissen Leserermüdung führt. Ein Problem, das sich in der Literatur oft stellt: Der Autor möchte alle ERgebnisse seiner Recherchen im Text unterbringen. Diese unfiltrierte Überhang der Fakten macht das Lesen mühsam.

Aber Grisham greift hier mit viel Engagement ein wichtiges Thema in den Vereinigten Staaten auf. Denn derzeit gibt es weit über tausend Häftlinge, die in Todeszellen sitzen. Viele davon unschuldig. Die wenigsten haben die Chance, ihre Unschuld zu beweisen, und nur wenige werden von Organisationen, wie im Buch beschrieben, frei gekämpft.

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Joseph Lorenz liest am Feiertag in Ö1

Das erste Aufflackern: Joseph Lorenz liest am 21. Mai um 14.05h auf Ö1 „Brief an D. Geschichte einer Liebe“ von André Gorz.

Unbedingt vormerken!!!

Claudia Pineiro, Der Privatsekretär. Unionsverlag

Aus dem Spanischen von Peter Kultzen

Claudia Pineiro ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Argentiniens. Nach einem Wirtschaftsstudium arbeitete sie als Journalistin und schrieb Theaterstücke und Kriminalromane. Immer geht es ihr um gesellschaftspolitische Anliegen.

In diesem Kriminalroman zeigt sie den Machtmissbrauch in der Politik auf – ein globales Thema, das in jedem Staat virulent ist. Aber besonders in Argentinien. Nur mit einem eiskalten Plan, einem ihm treu ergebenenTeam, das er sorgfältig ausgesucht hat, kann Fernando Rovira sein Ziel, Präsident von Argentinien zu werden, durchsetzen. Er gründet die „Pragma“ – Partei und es scheint, als ob sein Aufstieg unaufhaltbar sei. Als ihm einer seiner Berater einredet, ein Präsidentschaftskandidat muss unbedingt eine Frau und Kinder haben, gerät er in Schwierigkeiten. Er ist nämlich zeugungsunfähig. Dieses streng gehütete Geheimnis darf nie an die Öffentlichkeit kommen. Als seine Frau aber unbedingt ein Kind will, heckt er einen teuflischen Plan aus: Einer seiner Mitarbeiter soll mit seiner Frau so lange schlafen, bis sie schwanger wird. Ab da wird der Thriller spannend – bis dahin schleppt sich der Plot ein wenig mühevoll dahin. Dazu kommt noch eine eigenartige Geschichte von einem Fluch, der die Stadt La Plata betrifft, was ein wenig an den Haaren herbeigezogen wirkt.

Ein Thriller, der tief in die politischen Abgründe hineinleuchtet, aber einige Schwächen in der Konstruktion aufweist.

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Luigi Reitani: Höderlin übersetzen. Gedanken über den Dichter auf der Flucht. Folio Verlag

In diesem Jahr feiert man den 250. Geburtstag Hölderlins. Aber die Feiern sind im Coronafeuer verpufft. Gerade rechtzeitig vor dem Ausbruch dieses kollektiven Wahnsinns brachte der Folioverlag diesen schmalen Band (104 Seiten) des verdienten Hölderlinkenners Luigi Reitani heraus.

Luigi Reitani ist Professor für Deutsche Literatur an der Universität Udine. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zur Literatur der Goethezeit und zur österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Seine zweibändige kommentierte italienische Ausgabe der WErke Hölderlins wurde zahlreich prämiert.

In diesem Buch nun stellt er gleich zu Beginn die Frage: „Wozu heute (noch) Hölderlin lesen?“ Eine berechtigete Frage, hat doch Lyrik an sich heute nur wenig Leser. Und Hölderlin gilt ja selbst bei Literaturaffinen als Außenseiter. Man schreibt ihn als unverständlich ab. In einer Welt, in der nur der äußere Erfolg zählt, was gelten da Zeilen wie etwa diese:

Weh mir, wo nehm‘ ich, wenn/Es Winter ist, die Blumen, und wo/Den Sonnenschein. / Und Schatten der Erde?./ Die Mauern stehn/Sprachlos und kalt, im Winde/Klirren die Fahnen. ( 2. Strophe von „Hälfte des Lebens“)

Zeilen, die unter die Haut gehen, tief eindringen und im Gedächtnis, in der Seele bleiben. Hölderlin, der von sich selbst sagte: Die Deutschen können mich nicht brauchen, wusste, dass seine Lyrik nicht für die „Tüchtigen und ERfolgsstreber“ geschrieben ist. Damals nicht und heute erst recht nicht.

Indem Reitani an einzelnen Gedichten die Probleme des Übersetzens aufzeigt, öffnet er zugleich Wege zum Verstehen. Nur Wege, Vorschläge, nie Fixinterpretationen., denn „Hölderlin lässt sich nicht auf eine einfache Formel bringen.“

Ein Buch, für das man sich Zeit nehmen sollte! Und vielleicht dann doch hin und wieder ein Hölderlin-Gedicht lesen!

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Jan Jacobs Mulder: Joseph. Der schwarze Mozart. Unionsverlag.

Aus dem Niederländischen von Ulrich Faute

In der historischen Figur des adeligen Joseph Boulogne, Sohn eines weißen Plantagenbesitzers und einer schwarzen Sklavin, bündelt der Autor eine Vielfalt an interessanten Themen: Wie lebte ein Mischling in der Pariser Gesellschaft in der Zeit vor der Französischen Revolution? Welche politischen Strömungen führten zur Revolution? Und als wichtigstes Thema: Die Behandlung der Sklaven in den französischen und britischen Kolonien. Wie lang und hart war der Kampf gegen den Sklavenhandel!

ABER: Leider konzentriert sich der Autor allzu sehr auf die gesellschaftlichen Tändeleien des Chevaliers Joseph Boulogne. Wie er durch seine Fechtkunst und seinen Charme sich den Eintritt in die oberste Gesellschaft verschafft, wie er in französischen und englischen Salons durch seine geistreiche Konversation eine gute Figur macht und wie leicht er die Herzen der Frauen erobert, obwohl oder gerade weil er ein Schwarzer ist. Damit füllt Mulder mehr als die Hälfte des Romans. Die ausführlich geschilderten Fechtszenen und Salongespräche strapazieren ein wenig die Geduld des Lesers.

Mit dem Titel „Der schwarze Mozart“ erwecken Verlag und Autor geschickt das Interesse einer an Geschichte und Kultur interessierten Leserschaft. Joesph Boulogne war zwar ein begabter Komponist und Musiker, aber Mozart ist er nie begegnet und wurde auch nie mit ihm verglichen. Daher ist der Titel ein wenig irreführend.

Wirklich lesenswert sind die Abschnitte, in denen Mulder über die Hintergründe des Sklavenhandels schreibt. Boulognes Mutter Nanon war eine schwarze Schönheit. Sie wurde von schwarzen Sklavenhändlern auf ein Schiff verschleppt und von der Besatzung grausam gefoltert und missbraucht. Als Joseph Boulogne die leidensvolle Geschichte seiner Mutter erfährt, macht er sich auf die Suche nach den Männern, die sich an seiner Mutter vergangen haben. Zwei von ihnen kann er ausfindig machen und tötet sie. In der Folge beschließt er in den französischen Kolonien gegen den Sklavenhandel zu kämpfen.

Der Roman beginnt, als Joseph Boulogne im Kampf gegen die Sklavenhändler schwer verwundet wird. Aus der Todesnähe blickt er auf sein Leben zurück, erinnert sich an die rauschenden Erfolge bei den Frauen, als die Gesellschaft ihn als tollkühnen Fechter und erfolgreichen Musiker feierte. Das alles ist längst vergangen. Inzwischen hat die französiche Revolution in Frankreich gewütet, die Monarchie wurde abgeschafft, der Sklavenhandel verboten, aber Joseph weiß, dass er in den Kolonien noch lange blühen wird.

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Drago Jancar: Der Baum ohne Namen. Folio Verlag

Aus dem Slowenischen von Daniela Kocmut

In dem 2010 erschienenen Roman geht es, wie in allen späteren von Drago Jancar um die Frage der Schuld in Zeiten der Kriegswirren. 1940 war Jugoslawien ein Hort von wilden Kämpfen, Denunzianten, jeder gegen jeden: die Milizen, die Partisanen, die Deutschen, die Italiener, die Kommunisten, die Antikommunisten, die königliche Armee – sie alle kampften gegeneinander. Ein Chaos, durch das sich Drago Jancar hindurchschreibt. Erst in dem 2019 erschienenen Roman „Die Nacht, als ich sie sah“ gelingt es dem Autor, eine klare Erzähllinie durch dieses Chaos zu ziehen und tiefer in Motivationen, Schuld und Mythos zu dringen.

In „Der Baum ohne Namen“ scheint sich das Chaos noch nicht gelichtet zu haben, was man an der Erzählstruktur merkt. Der Autor wechselt fast von Seite zu Seite Zeiten, Ebenen der Erzählungen, mischt die Personen und Identitäten. Das macht das Lesen anstrengend und strapaziert die Geduld.

Im alten Slowenien gab es eine Legende von einem geheimnisvollen Baum. Wer auf den klettert, der kann sich in eine andere Zeit und in einen anderen Ort versetzen. Dem Archivar Janez Lipnik geschieht so: Während er die Geschichte eines Frauenaufreißers liest, stürzt er quasi selbst mitten in dessen Leben hinein, in die Zeit von 1940. Der Kern der Geschichte, die Ermordung von tausenden Menschen, die mit Italienern oder Deutschen zusammengearbeitet haben und dafür im Wald erschlagen wurden, geht fast unter in dem steten Wechsel der Zeiten und Orte. Wer sich wirklich für Slowenien im 2. Weltkrieg interessiert, dem empfehle ich mit gutem Gewissen „Die Nacht als ich sie sah“.

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Peter Balko, Zusammen sind wir unbesiegbar. Zsolnay Verlag

Aus dem Slowakischen von Zorka Ciklaminy

Unser Lesekreis war empört! Wie kann man diesen Text, der nie den Namen „Roman“ verdient, drucken! Dann noch mit einem verführerischen Cover versehen, das zwei Buben zeigt, die friedlich aufs Wasser oder über eine Landschaft schauen. Unschuldig, lieb. Und auf der Rückseite des Covers heißt es: „Peter Balko erzählt unterhaltsam und sehr warmherzig die Geschichte von Tom Sawyer und Huckleberry Finn.“ Mark Twain würde aus dem Grab heraussteigen und gegen den Vergleich wüten.

Das sind keine Lausbubenstreiche, die der dicke und feige Leviathan und der Draufgänger und Raufer Kapia da inszenieren. Das sind Gewalttaten gegen alle und alles, gegen Tiere und Menschen, grausam und zynisch. So krank sind keine Kinder. Der Aufbau des „Romans“ ist wirr, man kennt sich nicht aus. Peter Balko, wie so viele andere Jungautoren auch, gebärdet sich als Schreibrevoluzzer. Seine Figuren, vor allem der Draufgänger Kapia, wälzen sich mit Vergnügen in verbalen und handgreiflichen Grauslichkeiten und Grausamkeiten. Balko möchte sich als Antinormschreiber gerieren, übersieht aber dabei, dass er genau damit in die Falle der Marktkonformität tappt. Denn so wie er schreiben inzwischen schon viele. Dass er mit diesem Text auch einige Preise einheimste, ist einerseits unverständlich, andrerseits scheint die Preisvergabe auch einer gewissen Marketingstrategie zu unterliegen, die da heisst: Je wilder, ungehobelter Wortwahl und Text sind, desto eher ist das „Werk“ preiswürdig.

Ich nenne so einen Text „go and stop“! – Ich beginne zu lesen, nach einer Seite lege ich ihn angewidert weg, da ich dem Text nicht das geringste Interesse entgegenbringen kann. Und beginne Tage später von Neuem. Mit demselben Ergebnis. Nun kann man sagen – meine Schuld. Warum habe ich das Buch gekauft?! – Ja, eben wegen des verführerischen Coverbildes und wegen des Klappentextes -s.oben.

Frage: Glaubt der Verlag, dass eine solch total falsche Fährte für das Image des Verlages gut ist? – Das ist eine Strategie, die nach hinten losgeht. Denn die Leser werden beim nächsten Buch, das der Verlag herausgibt, misstrauischer gegen Cover und Klappentext sein.

Bitte mehr Ehrlichkeit in der Gestaltung des Covers und im Klappentext. Schönfärberei verärgert!

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Nava Ebrahimi: Das Paradies meines Nachbarn. btb-Verlag

Nava Ebrahimi ist gebürtige Iranerin. Ihre Eltern verließen nach der Revolution, als absehbar war, wohin die politische Entwicklung gehen werde, das Land. Nach ihrem Journalismus und Volkswirtschaftslehre-Studium in Köln lernte sie ihren Mann, einen Astrophysiker, kennen und zog mit ihm nach Graz, wo sie seither lebt und arbeitet.

In dem Roman „Das Paradies meines Nachbarn“ geht es vordergründig um den Exiliraner Ali Najjar, der in Deutschland als Topdesigner Karriere macht. Aber das Hauptthema ist der Iran-Irakkrieg, in dem die Mullhas 13- und 14-jährige Buben an die Front schickten. Sie versprachen ihnen, nach dem Märtyrertod sofort ins Paradies zu kommen. Dass diesem Versprechen so viele Eltern trauten und ihre Kinder sogar gerne und freudig in den Krieg und in das Grauen schickten, ist das eigentlich Erschütternde an dem Roman. Die Buben steigen in den Bus, der sie an die Front bringen wird, und erträumen sich ein Paradies nach ihren Wünschen, fragen ihren Busnachbar kichernd und aufgeregt, welches Paradies er sich so vorstellt. Sie wissen nicht, dass sie als Minensucher ins Feld geschickt werden, wo ihre Leiber zerfetzt werden.

Wer sich weigerte, diesen Wahnsinn mitzumachen, den verfolgten die Nachbarn mit Verachtung und die Mullhas mit Strafen.

Ali Najjars Mutter ertrug den Gedanken nicht, ihren Sohn in den sicheren Tod ziehen zu lassen, und übergibt ihn einem Fluchthelfer. Auf Umwegen gelangt er nach Deutschland, wo er mit viel Kaltblütigkeit Karriere macht. Nach dem Tod seiner Mutter erfährt er in ihrem letzten Brief, dass ein anderer Ali für ihn in den Krieg ziehen musste. Was diese Schuld ausmacht, versucht Nava Ebrahimi im zweiten Teil des Romanes auszuloten.

Ein wichtiges Buch – wäre da nicht der sprunghafte Erzählstil, der die Orientierung erschwert. Wer spricht, denkt gerade? Wie in einem Thriller geistert die Figur eines anderen Ali durch den Roman. Die Auflösung dieses Rätsels hält den Leser bei der Stange und gibt dem Roman einen Spannungszug, sodass man trotz aller Lesehürden, die die Autorin ein- und aufbaut, bis zum Ende dran bleibt.

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Manfred Bruckner, In mir das Dorf. Verlag der Bibliothek der Provinz

Nach Innerhofers „Schöne Tage“ gab es lange keine Romane über das Leben auf dem Land. Nach einer Welle von Familiengeschichten aus dem ehemaligen Ostdeutschland, dem ehemaligen Russland oder auch Georgien vermerke ich nun eine Rückwendung zu einer Literatur über das Leben in österreichischen Landen. Peschkas jüngster Roman „Putzt euch, tanzt, lacht“ oder Monika Hellers „Bagage“ sind nur einige Beispiele.

ABER: Selten war eine Geschichte so identisch, so glaubwürdig und deshalb auch so intensiv, wie die Manfred Bruckners. Er schließt in der Wirksamkeit an Innerhofer an: Wuchtig, identisch, unprätentiös.

Es ist anzunehmen, dass Manfred Bruckner seine eigene Geschichte hier niederschrieb. 1968 in einem kleinen Dorf im Ybbstal geboren, dort in die Schule gegangen, dann nach Wien zum Studieren, danach in die Welt gezogen, erinnert sich der Autor an Szenen aus seiner Kindheit am Bauernhof. Er nennt das Kind den Ongabaun Fredl. Ohne Verklärung, aber auch ohne Anklage schildert er die raue Art miteinander umzugehen. Oft sind es der Mangel an Zeit – außer Arbeit und Wirtshaus kennen die Männer nichts – ,aber auch die Sprachlosigkeit, die die Menschen so hart erscheinen lassen. Man nimmt hin, wenn der Lehrer Kinder „watschn“ oder nach ihnen mit dem Schuh wirft. Man nimmt hin, wenn sich Bauern aus Not und Verzweiflung umbringen. Der Tod ist allgegenwärtig. Aber auch der Humor! Denn Bruckner versteht es, selbtst den düsteren Seiten eine gewisse Gelassenheit und daraus resultierende Heiterkeit zu unterlegen. Der örtliche Dialekt gibt den Erzählungen nochmals eine extra Dimension. Da muss sich der Leser schon anstrengen, den zu verstehen. Am besten, man liest manche Dialektpassagen laut.

Geschickt verwebt Manfred Bruckner die Erlebnisse seiner Kindheit mit denen aus seinem späteren Leben. Wenn er als Student durch die Lande zieht, dann als „Gstudierter“ bis nach Ostasien kommt, schräge Erlebnisse verbinden sich mit skurrilen aus seiner Kindheit.

Ein gelungener Roman, der so angenehm aus der Flut der jetzigen Modewelle aus dem ländlichen Raum hervorsticht. http://www.bibliothekderprovinz.at

Karin Peschka: Putzt euch, tanzt, lacht. Otto Müller Verlag

Lange habe ich nichts mehr in mein „Kulturtagebuch“ alias Blog geschrieben. Die Live-Kultur ist ja zum Verstummen gezwungen worden: Theater, Oper, Kino müssen stumm und geschlossen bleiben. Erlass von oben, sprich von unser aller Beschützer namens Kurz. Wenn ich „Erlass“ höre oder lese, kommen mir arge Bedenken. Da gab es den Erlass des Kaisers, des Zaren…. Die hatten Macht ohne Ende. Ja, ohne Ende. Man verspricht uns zwar ein Ende. Aber dann haben wir uns vielleicht schon sehr daran gewöhnt, zu gehorchen. Und der Erlass, die Erlässe könnten bleiben. Im Mittagsjournal von Ö1 (14. April) warnten Markus Thoma, Sprecher der Verwaltungsrichter, und Verwaltungsexperte Manfred Matzka eindringlich vor unverhältnismäßigen Verordnungen und Erlässen, die ohne Parlamentsbeschlüsse rausgehen. Und was sagt unser aller Retter zu diesen Vorwürfen: „Nicht interpretieren, …wichtig ist, dass alle mitmachen.“ Also, dass alle brav gehorchen.

Was hat das alles mit dem Buch von Karin Peschka zu tun? – Auf den ersten Blick gar nichts. Auf den zweiten Blick: In dieser ziemlich bedrückenden Zeit war ich auf der Suche nach einem gut geschriebenen, heiteren, klugen Buch. Titel und Covertext des Verlages waren viel versprechend. DOCH: Leider wurde ich enttäuscht. Zum Ärger, eingesperrt, ja weg gesperrt von meinem Kulturleben zu sein, kam die Enttäuschung über dieses Buch dazu.

Der Plot wäre gut, zwar nahe am Klischee, aber immerhin brauchbar: Fanni, eine Frau so um Mitte 50, hat Panikattacken. Ihr Leben auf dem Dorf ist einbetoniert zwischen der langweiligen Arbeit im Supermarkt und dem noch langweiligeren Leben mit ihrem braven Ehemann. Der wartet nur noch auf seine Pension. Da beschließt sie auzubüxen. Mit Hilfe eines kreuzbraven Exfreundes installiert sie sich und andere Lebensnormenverweigerer auf einer desolaten Almhütte. Dort liegen sie nackt in der Sonne, zählen Hummeln und zitieren Rimbeaud. Das wäre ja ein wenig amüsant, wäre da nicht das Bemühen der Autorin, mit einem nervigen Stil, Halbsätzen und einer krampfhaften Zertrümmerung des eigentlichen Plots das Lesen mühselig zu machen. Sorry: Gerade in dieser verdammten Corona-Unzeit brauche ich keine mühselig zu lesenden Texte, deren Humor all zu gewollt wirkt. Und weil ich gerade so im Protestmodus lebe und denke – siehe mein Eingangsstatement – will und kann ich den Kritikern und ihren Lobeshymnen auf dieses Buch nicht folgen.

http://www.omvs.at

Nell Leyshon: Die Farbe von Milch. Eisele Verlag

Aus dem Englischen von Wibke Kuhn

Ein Buch voller Poesie und zugleich hart wie gefrorenes Eis.

„Mein Name ist Mary und ich habe gelernt ihn zu buchstabieren.“ So beginnt die fünfzehnjährige Mary ihr Tagebuch. Buchstabe für Buchstabe hat sie sich das Alphabet erobert. Lesen und Schreiben erst gelernt. Nun schreibt sie aus der Erinnerung über das Jahr 1830/31, das Jahr, in dem sie den elterlichen Bauernhof verlassen musste. Der Vater vrkaufte sie an den Pfarrerhaushalt. Dort soll sie die kranke Frau des Pfarrers pflegen.

Nein, es ist keine rührselige Bauernschnulzengeschichte. Sondern die beinharte Erzählung eines Mädchens, das für sein Alter scharfsinnig und klug denken und reden kann. Zu scharfsinnig, meinen viele. Mary hat erst beim Pfarrer lesen und schreiben gelernt. Und weil sie den Mann und seine Vergewaltigungen Abend für Abend nicht länger ertragen konnte, brachte sie ihn um. Nicht im Affekt. Sondern wohl überlegt.

Und nein, es ist kein Krimi. Sondern die unsentimentale Beschreibung eines Mädchens, das mit 15 Jahren im Gefängnis landet, weil sie ihren Peiniger umbrachte. Im Gefängnis beginnt sie zu schreiben.

Die Autorin entwickelt einen ganz eigenen Stil, der nur so und nicht anders sein kann. Ohne Beistrich- und Satzregeln schreibt Mary, was sie sieht, hört. Wie sie die Menschen beurteilt. Klar, hellsichtig, ohne Beschönigung.

Dieser Roman hätte alle Preise der Buchwelt verdient. Hat er welche bekommen???

http://www.eisele-verlag.de

Luca Ventura: Mitten im August. Diogenes Verlag

Ein wenig abtriften – schon das hilft in dieser bösen Zeit. Wer sich also nach Capri versetzen will, dem sei dieser Krimi empfohlen. Flüssig geschrieben, ganz ohne Moden, wie etwa überbordende Restaurants-oder gar Essensbeschreibungen. Auch keine lästig-langen Details von Orten. Ja, die bekannten Orte, wie Ana Capri, Capri oder Marina Piccola werden angesprochen, aber nicht als Kulisse überstrapaziert.

Der Polizist Enrico Rizzo hätte auch lieber im Obstgarten seines Vaters gearbeitet. Aber nein, ausgerechnet im Hochsommer passiert ein Mord. Man findet einen jungen Mann erschlagen im Boot. Von seiner Partnerin keine Spur. Rizzi hat zwar keine Erfahrung in Mordermittlungen, aber gesunden Menschenverstand. Wenn es Tote gibt, dann geht es entweder um Sexualverbrechen, Eifersucht oder Geld. Letzteres ist diesmal der Fall. Das Opfer heißt Jack Milani, Sohn reicher Eltern, der auf Aussteiger spielt. Er ist auf „Weltrettungstripp“, hat die Idee, die Meere zu reinigen Wie so oft in einem Krimi entpuppt sich die Hauptverdächtige Sofia Polito als falsche Fährte. Und wie so oft in Krimis wird knapp vor Schluss noch eine Person aus dem Hut gezaubert, die den Mord begangen hat. Mehr sei hier nicht verraten…

http://www.diogenes.ch

José Maria Arguedas: Die tiefen Flüsse. Wagenbach Verlag

Aus dem peruanischen Spanisch von Suzanne Heinzt

José Maria Arguedas gilt als einer der großen Vergessenen der peruanischen Literatur. 1911 in Andahuaylas geboren, studierte er Anthropologie und schrieb Gedichte auf Quechua und Romane auf Spanisch. 1969 beging er nach einer langen Depression Selbstmord.

Der Roman handelt von dem Kind Ernesto, das von seinem Vater in das angesehene katholische Internat in Abancay gesteckt wird. Dort – wie in so vielen Kinderheimen und Internaten in der Welt – herrschen Terror der Patres, Hass, Kämpfe unter den Schülern. Eine geistig zurückgebliebene Magd wird von den älteren Schülern gegelmäßig vergewaltigt. Dann bricht in der Stadt die Revolte der Frauen aus, die das im Internat gehortete Salz rauben und an die Armen verteilen. Ihre Anführerin Felipe wird von den Behörden gejagt. Die Armee wird gerufen.

Schade, dass dieses Thema derartig verwinkelt, verwirrend, konfus abgehandelt wird. Man vermisst die epische Klarheit, der Erzählduktus scheint sich der Verwirrung der Zöglinge anzupassen. Irgendwann gibt der Leser auf, nach dem Erzählfaden zu suchen. Die Übersetzung wirkt holprig, was auch nicht gerade zum Lesevergnügen beiträgt.

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Peter Keglevic: Wolfsegg. Penguin Verlag

Ein wuchtiger Roman! Wie ein Bild von Egger-Lienz oder eine Tragödie von Aischylos. Beim Lesen steigen Erinnerungen an Marlen Haushofers, „Die Wand“, Stifters „Bergkristall“, Innerhofers „Schöne Tage“ und Thomas Bernhards „Die Auslöschung“ auf.

Keglevic scheut nicht vor Pathos zurück. Pathos, im Sinn von Leiderzählung, Leiderfahrung. Es schlägt zu und trifft den Leser in voller Wucht. Das bedarf eines stringenten Erzählstils. Den hat der Autor! Ganz ohne Schnörkel und eitle Stilpirouetten läuft das Geschehen ab und auf sein Ende zu. Ein Ende, das an griechische Tragödien erinnert. In ihrer grausamen Konsequenz und Unerbittlichkeit. Spannungsgeladen. Der Leser kann das Buch nicht aus der Hand legen! Kein billiger Pageturner. Denn die Figuren stammen aus der tiefsten Tiefe menschlicher Grausamkeiten.

Der Roman ist ein Wunder! Peter Keglevic zitiert mitten im Roman Erich Kästner:“Wunder erleben nur diejenigen, die an Wunder glauben.“

Die sechszehnjährige Agnes ist so ein Wunder. Man muss einfach glauben, dass dieses Mädchen in der Not Kräfte mobilisiert, die man nicht einmal einem ausgewachsenen „Kerl“ zutraut. Sie lebt mit ihren beiden kleinen Geschwistern, der krebskranken Mutter und einem Vater, der sie intensiv für die „Zeit danach“ vorbereitet, am Rande eines Dorfes. Irgendwo in einem Bergtal, könnte sein in der Nähe des steirischen Erzgebirges. Berge, Hochwald umgeben die Menschen. Mitten drin das Kinderheim „Maria hilf!“, wo Mädchen gequält und sexuell missbraucht werden. Dann ist die Zeit danach gekommen: Die Mutter ist tot, den Vater hat die Menge zu Tode gehetzt. Nun ist Agnes für ihre Geschwister verantwortlich. Mehr sei hier nicht verraten, denn der Roman lebt auch von der spannenden Handlung.

Eine grausame Tragödie von Kindesmissbrauch und Verhetzung. EIN GROSSER ROMAN!

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Tracy Chevalier: Violet. Atlantik Verlag

Aus dem amerikanischen Englisch von Anne Rademacher.

1932 in Southampton, einer Kleinstadt im Süden Englands. Violet führt ein tristes Leben an der Seite ihrer quenglerischen Mutter. Es herrschen strenge Moralgesetze, die besonders für alleinstehende Frauen wie Violet gelten. Da wird getratscht, be- und verurteilt, immer vor den Türen der anderen, nie vor der eigenen gekehrt. „Anstand“ heißt das Wort, das alle im Munde führen, mit dem die Gesellschaft Frauen wie Violet geißelt.

Als Violet die häusliche Enge und Engstirnigkeit an der Seite der keifenden Mutter nicht mehr aushält, zieht sie aus, findet in Winchester eine schlecht bezahlte Arbeit als Schreibkraft, wohnt in einem Billigzimmer und hat nicht immer genug Geld, um sich Essen zu kaufen. Doch sie gibt nicht auf, ringt Tag für Tag um ihre Selbständigkeit. Sie schließt sich einer Gruppe von Frauen an, die Sitzkissen für die berühmte Kathedrale von Winchester (die zweitälteste von Europa) sticken, verliebt sich in den Glöckner Arthur, der sie in das Geheimnis des Glockenläutens einweiht. Arthur ist verheiratet. Scheidung kommt nicht in Frage, da seine Frau schwer krank ist. Als Violet von ihm schwanger wird, zieht sie von Winchester weg und kehrt nach Southampton zurück, kämpft tapfer gegen all den Hass und die Vorurteile, die man damals einer unverheirateten, schwangeren Frau entgegenbrachte. Tracy Chevalier lässt auch das Thema der Liebe zwischen Frauen einfließen, in den 30er Jahren und lange noch danach ein strenges Tabuthema. Und am Horizont droht schon der Zweite WEltkrieg. Dennoch endet der Roman hoffnungsfroh: Violet liebt ihre kleine Tochter Iris über alles. Sie weiß, ein Leben mit Arthur wird es nicht geben….

Tracy Chevalier schrieb einen stillen Roman über eine Frau, die ihren WEg findet und sich trotz vieler Widrigkeiten behauptet. Allerdings muss die Leserin – es ist hauptsächlich ein Roman für Frauen – sehr viel Zeit und Geduld aufbringen, will sie sich durch die allzu detaillierten Schilderungen, wie man ein Sitzkissen bestickt, durcharbeiten. Die teils sehr lehrhaften Anweisungen, wie die Glocken richtig geläutet werden sollen, sind auch nicht gerade sehr spannend. Als Dokument über Kunstfertigkeiten, die zumindest in Mitteleuropa unbekannt sind, mag es gelten.

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Theater Scala: Casanova kocht. Ein galantes Dinner im Jahr 1791.

Buch und Regie: Bruno Max

Eine handfest-witzige, ausgeklügelt derbe, gut gewürzte Regie des Regiemeisters Bruno Max macht den Abend zum puren Vergnügen. Zum Entstehen des Abends schreibt er: „Wir haben schamlos geplündert: musikalisch von Mozart, Vivaldi, Caterina Valente, Angelo Branduardi und Nino Rota. Literarisch und szenisch: von Casanova „Mein Leben“, „Die Nächte von Paris“ von Restif de la Bretonne und Schnitzler „Casanovas Heimfahrt“ und verschiedenen Filme.“

Aus dem Parterre sind die Sessel weg geräumt. An mit Gourmetköstlichkeiten gedeckten Tischen nimmt das Publikum Platz, darf essen und trinken nach Lust und Laune -beides stellt sich sofort ein. Ein frecher Weiberchor begrüßt und begleitet das Publikum hinein in die Vita des Casanova. Im Schnellverfahren sehen wir den kleinen Jungen Giacomo, gerade noch aufmüpfiger Puppenzwerg und gleich darauf der charmante Jüngling, der in Venedig Adelige, Nonnen und Huren bezaubert und verführt. Die absolut vergnüglichen, akrobatischen (Bett)Szenen choreographierte Ivana Stojkovic, die so nebenbei in acht verschiedenen Rollen ihr schauspielerisches Talent beweist.

Bezaubernd auch die Kostüme (Sigrid Dreger), die an die Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts angepasst sind. Bewunderndswert ist die Schnelligkeit, mit der die Schauspieler Rollen und Hülle wechseln.

Casanova selbst ist ein alter, müder Mann (Hermann J. Kogler), der mit einer gewissen Altersresignation und Wehmut auf sein einst so buntes Leben zurückblickt: Einmal begehter Verführer, dann elender Gefangener, dann Spieler und Lebensgenießer. ER nimmts, wies kommt. All das erzählt er dem Schriftsteller Restif de la Bretonne (Bernie Feit), einem zufälligen Reisegefährten. Marc Mayr und Eric Lingens teilen sich die vergnüglichen Sexszenen, in die der junge Casanova gestürzt wird.

Bruno Max entwarf ein interessantes, weil ambivalentes Bild Casanovas. Er zeigt den Jungen, dem alles gelingt, selbst die Flucht aus den Bleikammern Venedigs und den Alten, der vom Gnadenbrot des Grafen Waldstein lebt und in dessen Schloss seine Memoiren schreibt.

Aufgrund der allgemeinen Schließung der Theater konnte nur die Première im Theater Scala gespielt werden. Der Schaden durch Spielausfall ist enorm. Bruno Max hofft, dass nach Ende der Krise nachgespielt werden kann. Denn es wäre schade, diese tolle Inszenierung nur für einen Abend aufgestellt zu haben. Dann aber unbedingt anschauen!!!

Zum Schluss sei hier noch die Speisenfolge angeführt, die serviert wird:

Mediterrane Vorspeise, Königinnenpastete, Muschelnudeln, Käse und Trauen und als Abschluss Venusbrüstchen mit Nussnougat und weißer Schokolade!

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Peter Keglevic: Ich war Hitlers Trauzeuge. Penguin Verlag

Da habe ich doch wirklich nach Harry Freudenthal im Internet gesucht! Viele Seiten lang war ich der Meinung, diese Figur kann Peter Keglevic nicht erfunden haben! In ihrer Absurdität muss sie im Wahnsinn des zu Ende gehenden Krieges gelebt haben! Aber nein – von Peter Keglevic nur gut erfunden! Er baute rund um Harry Freudenthal die irreal-irrsinnige Wirklichkeit des zu Ende gehenden Zweiten Weltkrieges auf. Und diese Wirklichkeit ist penibel gut recherchiert. Dem Leser sind die Kilometerangaben und genauen Straßen- , Dörfer- und Menschenbeschreibungen bald einmal zu viel und er beginnt vielleicht quer zu lesen. Wieder einmal gilt: Weniger wäre mehr. Hat man aber einmal den Dreh heraußen, wie man die allzu vielen Details überspringen kann, dann ist das Buch ein einziger Lesespaß mit skrurril-tragischen Elementen gewürzt.

Der Jude Harry Freudenthal ist auf der Flucht. Und ausgerechnet er wird dazu bestimmt, am Marathon zu Hitlers Geburtstag teilzunehmen. Tausend Kilometer bis nach Berlin. Es ist der letzte Versuch der Hitleranhänger, den Mythos „Deutschland als Siegermacht“ zu retten. Als begleitende Staffel fungieren straffe BDM-Mächen und vor allem die Filmemacherin Leni Riefenthal, die diesen Lauf für Hitler filmt. Wie im Lied der „zehn kleinen Negerlein“ fallen der Reihe nach die Läufer aus. Harry gelingt es, bis in den Bunker Hitlers vorzudringen. Er wird Hitlers Trauzeuge.Gleich nach der Zeremonie fällt Eva Braun, frisch getraute Frau Hitler, über Harry her und befiehlt ihm, sie zu entjungfern.

Frech, skurril, absurd, witzig – das alles ist der Roman. Trotz der unnötig langen Wegbeschreibungen des Laufes! Ein Schelmenroman bester Sorte, der an den „Simplicissimus“ erinnert.

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Aus dem Englischen von Wibke Kuhn

Warschau zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Der kleine Pawel lebt mit Mutter Sofia, Großmutter und Tante wohlbehütet auf. Den Vater, der in den Widerstand gegangen ist, sieht er nur selten. Eines Tages bringt er einen schwer verwundeten englischen Kampfpiloten ins Haus. Da die Großmutter Ärztin ist, pflegt sie ihn. Damit beginnt das Unglück: Großmutter und Tante werden von den Deutschen abgeholt. Ihr weiteres Schicksal ist ungewiss. Pawel und seine Mutter leben von nun an in einer abgelegenen Hütte im Wald. Verpflegung bekommen sie von der Nachbarin, die autark lebt und die beiden mit notwendigen Lebensmitteln versorgt. Von ihr lernt der verträumte Pawel viel über die Natur und die Schönheit des Waldes.

Nach dem Krieg leben Pawel und Sofia außerhalb von London. Pawel ist ein begehrter Designer geworden und lebt mit seinem Lebensgefährten in einem großen Haus, umgeben von ruhiger Natur. Sofia muss lernen, die Lebensform ihres Sohnes zu akzeptieren. Das Umdenken gelingt ihr, sie nimmt an der Hochzeit der beiden teil und zieht sogar in deren Haus.

Ein versöhnlich – versöhnendes Buch. Großartig und schlicht erzählt Nell Leyshon von den Grundgefühlen des Menschen: Von Mitleiden und Hoffnung, von der Kraft der Natur. Von gängigen literarischen Moden, wie Zerlegung des ERzählfadens oder Überladung mit Metaphern ist die Autorin nicht infiziert. Ihre ERzählform ist der Tradition verpflichtet, man könnte es auch magischen Realismus nennen.

In traurigen Zeiten ein wirksam-wichtiges Buch!

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Wiener Staatsballett: Lukács/Lidberg/Duato

Es ist ein Abend, der sowohl Liebhaber des klassischen als auch die des zeitgenössichen Balletts zufrieden stellt. Mehr als nur zufrieden stellt. Beglückt!

Faycal Karoui leitete gekonnt das Orchester der Wiener Staatsoper – mit Ausnahme der Zuspielung von „White Darkness“

MOVEMENTS TO STRAVINSKY

Choreographie, Bühnenbild, Kostüme, Licht und Einstudierung: András Lukács. Musik: Auswahl von verschiedenen Kompositionen Stravinskys.

Was kann der Zuschauer Besseres tun, als sich von der fließenden Figurensprache dieses hoch künstlerischen Tanzes mittragen zu lasssen! Vor dem silbergrauen, dann wieder schwarzen Hintergrund bewegen sich die Tänzer, als wären sie aus der Renaissance heraus geschnitten. Schwarze Halskrausen und eine weiße Hüftkrause geben ihnen die historische Konnotation. Maria Yakovleva und Masayu Kimoto waren ein wundervolles Hauptpaar. Interessant auch der Tänzer Gaetano Signorelli, der mit Céline Janou Weder und Arne Vandervelde einen spannendenden pas de trois tanzte.

BETWEEN DOGS AND WOLFS

Choreographie: Pontus Lidberg, Musik: Dimitri Schostakowitsch

Hochspannend entwickelt sich dieses Stück mit dem geheimnisvollen Titel. Er soll auf die Zeit der Dämmerung hinweisen, in der man zwischen Hunden und Wölfen nicht unterscheiden kann. Also nicht zwischen „wild“, „aggressiv“ und harmlos. Zunächst glaubt man sich in ein Training für „Schwanensee“ versetzt: Einige Ballerinas im klassischen weißen Tütü tanzen vergnügt vor einer Waldkulisse. Im Bühnenhintergrund schleicht zwischen den Bäumen als Schattenriss ein Wolf. Noch wirkt er harmlos, eher belustigend, weil sein Körper mehr an ein Schwein als einen Wolf erinnert. Doch die Mädchen sind beunruhigt. Männer im grauen Anzug umtanzen sie. Sind sie Beschützer oder Bedroher? Eine Situation, wie sie oft und oft im Leben vorkommt. Doch dann hebt Lidberg die Szene ins Reich der Fabel: Rebecca Horner tanzt eine wilde Performance als Wolfsfrau mit Maske und Schwanz. Geschmeidig und bedrohlich! Dazwischen scheint sich die Welt in eine Scheinordnung zu fügen, neugierige Ballerinas gucken dem Treiben hinter den Bäumen zu. Pontus Lidberg fordert viel von der Truppe, aber auch vom Publikum, das zur Eigeninterpretation angehalten ist. Eine spannende Choreographie, die viele Deutungen zulässt.

WHITE DARKNESS

Choreographie und Kostüme: Nacho Duato. Musik: Karl Jenkins

Nacho Duato verarbeitet mit dieser Choreographie den Drogentod seiner Schwester. Vor einem dunkelbraunen Riesennetz tanzen Paare im Drogenrausch. In zuckenden Bewegungen rasen sie über die Bühne. Im Mittelpunkt das Mädchen (Schwester ?), das von ihrem Begleiter (Bruder?) gehalten, aufgefangen wird. Madison Young tanzt dieses Mädchen als Willenlose, Getriebene und Mitleiderregende. Ihr Begleiter (Jakob Feyferlik) sucht sie aufzugfangen, zugleich aber ist es er, der ihr auch das weiße Gift verabreicht. Eine großartige Performance! Mit starken Tänzern!

Manuel Legris machte dem Wiener Ballettpublikum ein großartiges Abschiedsgeschenk, das zugleich wehmütig stimmt, eben weil es so beeindruckend ist. Wie seine ganze Ära. Was wird kommen?

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Zum 20. Todestag von Friedrich Gulda und H.C. Artmann. Konzert und Lesung im Muth Wien.

Musik und Literatur zu verknüpfen ist eine allseits beliebte Form der Darbietung. Die Veranstalter hoffen damit, sowohl ein literatur- als auch ein musikaffines Publikum anzulocken. Was auch meist gelingt.

So auch diesmal im Muth. Karl Markovics las H.C. Artmann:

UANSCHLIAFFA

und das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien spielte ausgesuchte Gustostückerl aus Friedrich Guldas Kompositionen. Stargast war der Cellist Matthias Bartholomey, der Unglaubliches und fast Akrobatisches mit seinem Cello zauberte.

Fotocredit: Matthias-bartholomy-right

Im ersten Teil las Markovics Texte, die mit dem Wald und dem Salzkammergut zu tun hatten, eine Prosa, frei schwebend, ohne Bodenhaftung. Dazu passte das „Konzert für Violoncello und Blasorchester“. Unter der Leitung von Herbert Pichler sorgte das Orchester für Schwung und Stimmung: Polka, Landler, Walzer, ja sogar Trauermärsche wurden mit Jazzanklängen neu aufgemischt – richtige „Uanschliaffa“. Dazu spielte Matthias Bartholomey Unglaubliches auf seinem Cello -man staunte über seine gewagten und witzigen Capriolen, die er seinem Instrument entlockte.

Nach der Pause waren Proben aus Artmanns Mundartdichtung zu hören, z.B. „Was an Weana ollas ins Gmüat geht“. Dazu selten gehörte Gulda-Kompositionen: „The Air from other planets“ mit Martin Listabarth am Klavier, „The Veiled old land“ und „Music for 4 Soloists and Band Nr.1“

Was Guldas und Artmanns Werke gemeinsam haben: Sie feiern das Unerwartete, das Unglaubliche, das nie vorher Gedachte. Sie sind keine Fortführer, auch wenn sie Wurzeln in der Tradition haben.Deshalb gehören sie zu den wichtigsten Künstlern, die nach dem Vakuum während und nach dem Zweiten Weltkrieg eine eigene, sehr österreichische Literatur und Musik auf die Wege brachten.

Ein Abend, der rundherum stimmte.

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Claus Dieter Schneider: Mitten in der Nacht am Tag. Verlag Bibliothek der Provinz

Claus Dieter Schneider kennt und liebt seine Stadt Linz. In fein gesponnenen, literarischen Miniaturen setzt er den Bewohnern ein liebevolles Denkmal. Die Geschichten handeln vom Alltag, von einer Mutter, die ihrem Kind die Karte in den Zirkus nicht leisten kann. Von dem arbeitslosen Kopierer, der von einem riesigen Lottogewinn träumt und den Schein verschenkt. Von einem Mädchen, das mit zwei Freunden am Donauufer sitzt, einen Joint raucht und im Dusel die Brücke in die Luft fliegen sieht. Was passiert, wenn der Vater, der Großvater und der Sohn gemeinsam nach Wien aufbrechen, um sich einen schönen Tag zu machen? Sie sind froh, wenn sie wieder in Linz sind.

Alltagsgeschichten, mit einem Hauch von Geheimnis. Das Erwartete tritt nicht ein. Hoffnungen bleiben Hoffnungen. Die Sprache ist schlicht, aber genau im Hinschauen. Hier bekommt das Wort „Kleinkunst“ eine ganz andere, neue Wertigkeit.

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Norbert Gstrein: Als ich jung war. Hanser Verlag

„Als ich jung war, glaubte ich an fast alles, später an gar nichts mehr“, heißt es gleich auf den ersten Seiten. Und so erging es auch dem Leser – mir -: Als ich begann, glaubte ich an die Erzählung, an den Autor, der uns etwas zu sagen hat. Am Ende des Buches glaubte ich es nicht mehr. Man muss sich schon mit sehr viel Lesegeduld wappnen, um Norbert Gstreins Suche nach der Wahrheit bis zum Ende zu folgen, den Irrweg, Umweg, Rückweg, die Auflösung alles vorher Gesagten, die Wiederholung und den Widerruf des Gesagten, der unbefestigten Wahrheit, der endlos Schleife, in der sich die Erzählung dreht, zu folgen.

Die Fakten, die doch keine sind – sprich – der Plot, der nie zum Plot wird: Franz fotografiert Hochzeiten im Hotel seiner Eltern, irgendwo in den österreichischen Bergen. Bei einer dieser zahllosen Hochzeiten wird die Braut von ihren Exfreunden entführt, spät in der Nacht zurückgebracht und am frühen Morgen mit gebrochenem Genick am Fuß eines Abhanges aufgefunden. Dann gibt es da noch eine gewisse Sarah, die Franz während einer Hochzeitsfeier küsst. Ende des ersten Plots.

Franz in den USA. Er ist Skilehrer in den Rocky Mountains. Ein aus Tschechien emigrierter Professor entwickelt gesteigertes Interesse an Franz. Ob sexuell oder nur platonisch ist nicht klar. Als der Professor aus ungeklärten Gründen Selbstmord begeht, fällt ein leiser Verdacht auf Franz. Er flieht vor der Wahrheit, die sich vielleicht auftun könnte, zurück nach Österrreich. Das Hotel führt inzwischen sein Bruder. Dort beginnt wieder alles von Neuem…sinistre Verdächtigungen.

Eine ziemlich anstrengende Wahrheitssuche, die letzen Endes im Nirgendwo endet. Der Leser bleibt überfordert zurück.

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Franui & Wolfram Berger: Vortrag über nichts. Theater Akzent

Kann man über nichts reden? – Ja, das tun wir tagtäglich, wenn wir smal-talken. „Wie geht es dir? “ Wie erwartet kommt die Antwort: „Gut, danke.“ An so einen Alltagsspeech dachte der bedeutende Avantgardemusiker John Cage (1912-1992) natürlich nicht , als er seinen Text „Lecture on nothing“ schrieb. Worum es ihm ging, habe ich – ehrlich gesagt – bis zum Schluss nicht kapiert.

Die Musikbanda Franui aus Osttirol spielte heftig witzig, eigenwillig, wie es ihre Art eben ist und amüsierte das Publikum.

Wolfram Berger (Foto: IMAGESNCVW8SNS)

Wolfram Berger unternahm das Wagnis, den sinnentleerten Text zu lesen. Lässig sitzt er vor der Musikgruppe und meldet: „Ich habe keine Idee“. Und ich gestehe, ich auch nicht. Bis zum Schluss wusste ich nicht so recht, was ich von den aneinander gereihten Sätzen, die sich oft und oft wiederholten, halten sollte. Am besten fand ich noch die Aufforderung: „Wer schläfrig ist, der kann ruhig schlafen.“ Es muss wohl ein Witz hinter all dem stecken, denn schließlich hat kein Geringerer als ERnst Jandl den Text übersetzt. Und der hatte ja wirklich Sprachwitz! Irgendwie stand ich neben der Textspur und wunderte mich, warum so manche kicherten. Aber die Musik war klasse!!

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Karl Valentin muss man nicht vorstellen. Robert Meyer auch nicht – beide sprach- und spielverliebte Künstler. Jedes Wort wird auf Sinn und Unsinn untersucht, auf die Goldwaage des Humors gelegt. Viele Schauspieler haben sich auf die Sätze des bayrischen Kabarettisten gesetzt, oft wurden aus den herrlichen Unsinnszweideutigkeiten eher banale Eindeutigkeiten. Nicht so bei Robert Meyer. Durch Pausen, Dehnungen, Übertreibung und andere Stilmittel findet er genau den humoristischen Dreh- und Angelpunkt des Textes, auf den es ankommt. Auf einmal weiß man, wie blühender Unsinn zu Sinn wird.

Als gebürtiger Bayer sind für Robert Meyer die Färbung des bayrischen Dialekts und der knautschige Ton Karl Valentins kein Problem.

Die Auswahl war ein „Best of Valentin“. Selbstverleugnerisch ist Robert Meyer einmal der strohdumme, eitle Feuerwehrtrompeter, dann wieder der Theaterneuling oder der Besitzer eines Aquariums. Noch lange könnte die Aufzählung der Tiere sein, wenn sie zum Maskenball aufmarschieren. Man kann von diesem herrlichen Unsinnsreimen gar nicht genug bekommen!

WEil ein Vollblutschauspieler wie Robert Meyer ganz genau weiß, dass man das Publikum nicht mit einem Kalauer nach dem anderen überschütten darf, gibt es dazwischen zünftige Blasmusik von der volksoperneigenen Kapelle.

Am 29. April wird Robert Meyer nochmals als Karl Valentin zu erleben sein.

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Anton Tschechow: Der Kirschgarten. Theater in der Josefstadt

Deutsche Fassung von Elisabath Plessen nach einer Übersetzung von Ulrike Zemme

Regie: Amelie Niermeyer, Bühne: Stefanie Seitz, Kostüme: Annelies Vanlaere, Songs: Jan Fisher.

Es sollte wohl der amüsante Untergang einer heutigen Gesellschaft sein. Aber das Daueramusement langweilt auf die Dauer. Das Abnormale wird normal, weil es nur das gibt. Keine Kontraste, keine Identifikationsfiguren, will heißen, alle sind irgendwie gleich – spinnig. Es fehlt ein Gegenpol. Vielleicht nur Otto Schenk als alter Diener, der auf der Suche nach der alten Ordnung durch die Menschen schlurft, sich über nichts mehr wundert, auch nicht über den nackten Tänzer, der ihm vor der Nase herumwuselt. Es wird einfach zu viel getanzt, gekotzt – das ist ja bereits state of the art in allen Theatern – zu viel kalt geduscht, zu viel Unsinn gequasselt.

Ein Unsinn, den man bereits in der 6. Reihe Parkett nicht mehr versteht. Was tun, wenn die Personen ineinander verkeilt irgendwie kaum voneinander unterscheidbar sind? Wenn jede Figur irgendetwas vor sich hin singt, brabbelt und man es aufgibt, darin jetzt einen Sinn zu entdecken. Hin und wieder blitzt dann ein Grundgedanke auf. Etwa wenn der Bauer Lopachin ( hervorragend Raphael von Bargen)davon schwärmt, den Kirschgarten abzuholzen und statt dessen Sommerhäuser zu bauen und zu vermieten. Da hört man einen der vielen Investoren reden, die in die „unberührte Natur, in die wilde Bergschönheit, an die wunderbare Küste“ ihre Superluxus-Hotels oder Apartements stellen wollen. Gegen die wehren sich jetzt endlich einmal die ersten vifen Bewohner. Aber nicht die Bewohner von diesem Landgut. Sie sind alle keine Vifzacks, auch nicht die Gutsbesitzerin Ranjewskaja (Sona Mac Donald). Gegen Ende legt Lopachin noch einmal ein Solo aufs Parkett, dass die Dielen und die Ohren krachen! Dass er das Gut wahrhaftig ersteigert hat, kann er noch nicht recht glauben. Ein irrsinniger Freudentanz und ein Saxophonsolo sollen ihm helfen, diese Ungeheuerlichkeit zu verstehen. Eine tolle Einlage von Raphael von Bargen.

Irgendwie ist man froh, als ein Riesenvollmond und eine Riesenschrift „SOLD“ das nahe Ende verkündet. Es dauert noch eine gefühlte halbe Stunde, bis alle abziehen. Dann ist die Flachwurzlerrevue vorbei. Den alten Diener haben sie vergessen, zurückgelassen. Er legt sich auf den Boden, findet die lang gesuchte alte Ordnung in der Stille. Ihm wird mit besonderem Applaus gedankt.

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Wilhelm Leibl in der Albertina

Wilhelm Leibl (1844-1900) gehört zu den wichtigsten Vertretern des Realismus. „Male den Menschen so wie er ist, da ist die Seele ohnehin dabei“ ist sein Motto.

Mit hingebungsvoller Geduld malt er Menschen aus seiner Umgebung, Verwandte, Freunde. Besonders berührend ist sein Bild „Drei Frauen in der Kirche“, an dem er vier Jahre arbeitete. Leider ist es in dieser Ausstellung nicht zu sehen, aber es ziert das Cover des Katalogs.

Die Ausstellung gibt einen guten Überblick über Leibls Schaffen. Besonders interessant sind die Frauenporträts, wie zum Beispiel das der lesenden Frau. In innerer Gefasstheit konzentriert sie sich ganz auf das Buch – es ist wahrscheinlich die Bibel. Die Augen sind gesenkt, dennoch spürt man das Wachsein, die Andacht. In dieser Bleistiftarbeit ist alles enthalten, was Leibls Porträts so wertvoll macht: Schlichtheit der Darstellung. Es gibt kein ablenkendes Beiwerk. Der Blick ist nach innen gerichtet, auf das Wesentliche. Posen und Prunk, mit denen Makart und später Klimt seine Figuren ausstatteten, sind Leibl fremd, weil sie vom Eigentlichen ablenken.

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Christoph Poschenrieder: Der unsichtbare Roman. Diogenes.

Christoph Poschenrieder liebt es , die Leser in Verwirrung zu setzen. Sie sollen sich fragen: Ist das wahr oder gut erfunden? In dem „unsichtbaren Roman“, der schon im Titel Zweifel an dem Genre aufkommen lässt, spielt Poschenrieder wieder einmal gekonnt mit Fakes, die Wahrheit sein könnten, und mit Tatsachen, die wie Fakes wirken.

In erster Linie geht es um das leidige Geldproblem, das die meisten Künstler, und natürlich auch die Schriftsteller haben. Der erste Roman gelingt, man wird bekannt, vielleicht sogar berühmt, dann versiegt die Inspiration. Ob das auch Poschenrieder selbst betrifft, weiß ich nicht. Er ist eigentlich recht produktiv und veröffentlichtt einen Roman nach dem anderen.

Dem Roman stellt er einen Ausspruch des Schriftstellers Gustav Meyrink (1868-1932) voran: „Man kann vom Dichten leben erst, wenn man längst krepiert ist.“ Es geht also um Gustav Meyrink. Mit seinem Roman „Der Golem“, erschienen 1915, wurde er bekannt und berühmt. Nach dem Golem gelang Meyrink kein weiterer Verkaufsschlager. Er suchte verzweifelt nach neuen Themen. In dieser Krise beginnt Poschenrieders „unsichtbarer Roman“. 1918, knapp vor Ende des Krieges, tritt das Auswärtige Amt mit einem ungewöhnlichen Auftrag an ihn heran: Er möge bitte schön stante pede einen Roman schreiben, in dem die Freimaurer verantwortlich für den Ausbruch des Krieges gemacht werden. Nach einer kurzen Empörung über dieses für ihn unakzeptable Angebot nimmt er an. Zumal der Vorschuss sehr großzügig ist. Doch es gelingt ihm keine einzige Zeile. Schreibhemmung nennt man das…Dazwischen blendet Poschenrieder Gesprächsprotokolle zwischen Meyrink und einem Herrn Hahn aus dem Auswärtigen Amt ein. Auch Briefe mit damaligen Agitatoren aus der linken Ecke werden zitiert. Hier steigt vielleicht so mancher Leser aus, dem dieses in Kreis sich drehende Spiel mit Fakten und Fakes zu bunt wird. Mein Tipp: Mit dem Nachwort des Autors („Notiz zur Geschichte der Geschichte“) anfangen, dann erklärt sich manches schneller.

In bester postmoderner Manier geht Poschenrieder auf die Suche nach einem Roman, den es so nie gegeben hat. Unter dem Deckmantel einer heiteren „Mantel- und Degenkomödie“ deckt er die perfiden politischen Versuche auf, den Freimaurern und Juden die Schuld am Ausbruch des Krieges zuzuschieben.

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Richard Teschners Figurenspiegel: Karneval

Theatermuseum Wien im Palais Lobkowitz

Es war ein freudiges Wiedersehen mit all den zarten Figuren aus Teschners „Wunderkammer“. Das Thema „Karneval“ ist nur vordergründig zu verstehen. Eher könnte man die Performance als eine Mantel- und Degenkomödie im Rokokostil deuten.

In dem kleinen, fast intimen Salon im ersten Stock des Theatermuseums bleiben Hektik und Stress ausgesperrt. In den Vitrinen aus den Wiener Werkstätten sind einige Puppen ausgestellt. Erwartungsvoll warten die Zuseher, dass „es“ beginnt, dass Teschners Puppen ihren Zauber zur Wirkung bringen.

Richard Teschner (1879-1948) hatte das Puppenspiel im südostasiatischen Raum kennen gelernt. Bald begann er eigene Puppen zu bauen: zierliche Wesen wie Prinzessinnen, Kavaliere, Ritter, Frösche, Hunde, Fabelwesen aller Art. Um den konventionellen Guckkasten zu verändern, baute Richard Teschner einen Figurenspiegel: In der Mitte eines für Puppenspiele üblichen Holzkastens befindet sich ein etwa ein Meter großer konkav gewölbter Spiegel, von einem vergoldeten Rahmen eingefasst. Dahinter bewegen sich die Figuren. In dem gewölbten Glas sieht der Puppenspieler, der hinter einm dunklen Gazevorhang verborgen ist, die Puppen spiegelverkehrt und kann so ihre Bewegungen genau kontrollieren.

„Karneval“ ist eine Art Minikomödie aus dem Rokoko: Ein Kavalier begleitet seine Dame nach dem Ball nach Hause. Verfolger belauschen das Paar. Die Dame rettet sich in ihr Heim, wo sie ihr Hündchen und ein kleiner Mohr erwarten. Sie sinkt nach dieser Aufregung in Tiefschlaf und träumt ganz wundersame Dinge. Ein Schmetterling umflattert sie, Gespenstertierchen nähern sich und das Mobiliar beginnt um sie herum zu tanzen. Als sie erwacht, stehen die drei Verfolger in ihrem Zimmer. Einer reicht ihr, wie um Abbitte zu leisten, einen Blumenstrauß, den sie empört zurückweist. Auch ihr Kavalier wird zunächst abgewiesen. Doch schlussendlich umarmt sie ihn doch und verschwindet mit ihm in ihr Schlafgemach.

Begleitet wird diese hübsche Geschichte von einer einschläfernden Musik, ein wenig Gamelan, ein wenig Spieldose. Wenn von draußen die tiefen Glockentöne der nahen Augustinerkirche ertönen, dann vermischen sich Traumspiel und Realität.

Wie immer mein Rat: Kommen Sie mindestens eine halbe Stunde vor Beginn, um einen Platz in der 1. oder 2. Reihe zu ergattern. Denn bereits ab der 4. Reihe sind die Feinheiten der Figuren schwer zu erkennen.

Kontakt und Information: T 01/525 24 5303, info@theatermuseum.at

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Joseph Lorenz: Ich, Casanova. 2. Teil

Wieder war der Andrang groß. Im „Theater im Salon“ hatte nicht einmal mehr der kleinste Sessel Platz. Wenn Lorenz liest, dann kommen alle. Und alle passen halt nicht in den Raum, der gerade einmal fünfzig Plätze hat.

Also nun: Fortsetzung des spannenden Lebens von Casanova. Einmal mehr fragt man sich, wie sich Joseph Lorenz durch alle 18 (!) Bände der von Casanova eigenhändig verfassten Biografie durchgearbeitet haben konnte.

Nach einer kurzen Zusammenfassung des ersten Teiles führt uns Joseph Lorenz/ Giacomo Casanova in das bescheiden Haus des Philosophen Jean Jacques Rousseau und lernt dort auch dessen um Jahre ältere Lebensgefährtin, von Rousseau nur „Maman“ genannt, kennen. Mehr scheint Casanova von Voltaire beeindruckt zu sein. Treffen doch da zwei Geistesgrößen aufeinander, die mit Witz, Ironie und scharfem Verstand die Gesellschaft sezieren.

Von Frankreich treibt es Casanova nach Rom, wo ihn Papst Benedikt XIV. empfängt und ihm den freien und ungehinderten Zugang zu den Büchern der vatikanischen Bibliothek erlaubt, auch zu allen, die auf dem Index standen! Als ihm Graf Waldstein 1785 eine gut bezahlte Stellung als Bibliothekar im Schloss Dux anbietet, nimmt Casanova gerne an, ist er doch des ewigen Herumreisens schon müde. Dort hätte er ein bequemes Leben führen können, wäre da nicht aus Venedig ein geheimnisvoller Brief eingelangt, der ihm Rehabilitation versprach. Casanova bricht sofort auf. Auf der Reise holt er sich eine „Galanteriekrankheit“ und muss sich erst einmal auskurieren. Diese pikante und unrühmliche Episode fehlte bisher in Casanovas Memoiren. Erst vor einigen Jahren fand man die fehlenden Seiten, die Casanova nicht zur Veröffentlichung freigeben wollte.

Nur halb genesen reist er voller Ungeduld nach Venedig, in der Hoffnung, von dem Bann, der ihn so viele Jahre von seiner Heimatstadt fernhielt, befreit zu werden. In Venedig lässt ihn der Doge jedoch fünf Stunden warten, um ihm dann ausrichten zu lassen, dass er schleunigst die Stadt zu verlassen habe, will er nicht nochmals in den Bleikammern landen. Zurück auf Schloss Dux schreibt er weiter an seinen „Memoires de ma vie“, die mit dem Jahr 1774 enden und zu Casanovas Lebezeiten nicht veröffentlicht wurden. Der Autor starb 1798 auf Schloss Dux.

Über Umwegen gelangte das Manuskript in den Besitz der Familie Brockhaus. 2010 kaufte es die „Bibliothèque nationale de France“ um 7 Millionen Euro!

Joseph Lorenz führte an diesen beiden Abenden durch das Geschichtstableau des 18. Jahrhunderts. Es war eine Zeit des Auf- und Umbruchs: Gegen den strengen Absolutismus bereiteten geniale Denker wie Voltaire die Revolution vor, während der Großteil des Adels noch ein sorloses Luxusleben führte. Casanova war der beste Zeitzeuge für dieses Jahrhundert. Dank der Ausdruckskraft, mit der Joseph Lorenz aus den Memoiren las, folgte man ihm mit intensiver Aufmerksamkeit.

Infos zum Theater im Salon: http://www.theaterimsalon.at

Kammerspiele: Engel der Dämmerung.

Regie: Torsten Fischer, Bühnenbild und Kostüme: Herbert Schäfer und Vasilis Triantaphillopoulos. Liveband: Christian Frank, Herbert Berger, Andy Mayerl, Klaus Pérez-Salado

Mut zur entblößenden Selbstdarstellung bis zur Entstellung zeigt Sona McDonald in der Rolle als Marlene Dietrich. Und: Mit unerschöpflicher Kraft sowohl gesanglich als auch darstellerisch führt sie gemeinsam mit ihrem congenialen Kollegen Martin Niedermair das Publikum durch die Höhen und Tiefen im Leben von Marlene Dietrich.

Bevor sie zur „der“ Dietrich wurde, musste sie durch Berlin und Wien (!) tingeln. Es dauerte nich lange, da fiel sie Josef von Sternberg auf. Er formte sie und machte sie zum best bezahlten Star ihrer Zeit. Nicht nur der Broadway und Hollywood lagen ihr zu Füßen, auch die Soldaten in den Schützengräben, die ihr Leben im Kampf gegen Hitler riskierten. Drei Jahre tingelte sie unter härtesten Bedingungen von Lager zu Lager, um die „Jungs“ aufzuheitern. Das war ihr Beitrag im Kampf gegen Hitler. Sie hasste nicht ihr Vaterland, sondern die Nazis und Hitler. Dem exzessiven Leben folgte die große Einsamkeit: 13 Jahre lang verließ sie ihre Wohnung nicht mehr und starb allein.

In einer dämmergrauen Bühne, die einmal Schlachtfeld, Schlafzimmer, Bühne in der Bühne ist, durchlebt und durchtanzt Sona McDonald mit grandiosem Einsatz all ihrer Fähigkeiten dieses Leben eines Stars, der Männer, Ruhm, Niederlagen, Drogen, Alkohol in vollen Zügen konsumierte, nur um über ihre Scham hinwegzukommen, eine Deutsche zu sein. Nachdenklich steht sie am Bühnenrand und raisonniert: Ob irgendjemand den Konflikt in ihr verstehen kann: Froh zu sein über das Bombardement der Alliierten und zugleich die Bomben zu verfluchen, die ihre Mutter, die in Berlin lebte, töten könnten.

Durch alle Höhen und Tiefen, ihre Triumphe, ihr Verliebtsein, ihre bodenlose Enttäuschung, wenn sie wieder einer ihrer Liebhaber verlassen hatte, begleitete sie congenial Martin Niedermair. Er war Sternberg, Coward, wurde Yul Brynner oder irgendein anderer der befristeten Liebhaber. Er war Beschützer, Begleiter, Kritiker – wenn man so will, ihr zweites Ego.

Begeisterter Beifall dankte den beiden Künstlern und der Band.

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Bernhard Schir (Amadeus) und Joseph Lorenz (Albertus)

Regie: Peter Wittenberg. Bühnenbild: Florian Parbs. Kostüme: Alexandra Pitz

Es ist zwar nicht das stärkste Stück Schnitzlers, aber doch eines, das eine Aufführung rechtfertigt. Schon allein deswegen, weil es um Ehe, Trennung, Scheidung, Freundschaft geht. Themen, die damals wie heute aktuell sind. Hätten aber nicht so prächtige Schauspieler auf der Bühne agiert, wäre das Zwischenspiel in Belanglosigkeiten abgesoffen. So aber wurde daraus ein Abend, an dem das Publikum wieder einmal „Schnitzlerton vom Feinsten“ genießen durfte.

Die Bühne ist in diffuses Halbdunkel getaucht. Sich drehende spiegelartige Panele reflektieren die Menschen, die in ihren Eitelkeiten und Überheblichkeiten nicht merken, dass sie am Leben vorbeispielen. Schnitzlers Worte „Wir spielen alle, wer es weiß, ist klug“ sind hier nicht relevant. Denn alle spielen sich was vor und halten das Spiel für das Leben. Keiner, auch nicht der ätzende Kommentator und Freund Albertus – wie immer von Joseph Lorenz in elegant-ironischer Manier gespielt – steigt aus der Rolle heraus ins Leben. Alles wird mit Worten, nutzlosen Diskussionen zerredet. Ein ziemlich aktuelles Thema: Heißt es doch heute: Lass es uns „ausdiskutieren“ – ja und dann? Ist alles beim Alten.

Bernhard Schir (Amadeus) und Maria Köstlinger als Cäcilie (Foto: Herwig Prammer)

Nur Cäcilie (Maria Köstlinger) bekommt eine Ahnung vom Leben, wie es sein könnte. Nach der von ihrem Mann Amadeus (großartig gespielt von Bernhard Schir) geforderten Trennung in Freundschaft, lässt sie sich von der Berliner Luft und der Freiheit, die diese verheißt, berauschen. Als ihr Mann sie wieder für sich allein zurückhaben will (“ sie soll mir allein gehören“) – da winkt sie ab. Zurück bleiben die ratlosen Männer: allen voran Amadeus, der einsehen muss, dass die Frau kein Objekt ist, das man weglegt und bei Bedarf wieder hervorholt. Auch sein Freund Albertus ist ratlos, weil ihm die Schablone für seine geplante Komödie abhanden gekommen ist. Für seine Frau Marie hat er nur eine Geste der Verachtung übrig – er scheucht sie aus dem Raum, wie eine lästige Fliege. Eine Frau wie Marie – rechtlos, von allen für dümmlich gehalten, an ihrer eigenen Talentlosigkeit leidend ist im Kaleidoskop Schnitzlerscher Frauenfiguren einmalig. Die meisten haben gewisse Stärken, wissen sich gegen die Männerwelt zur Wehr zu setzen. Marie hingegen ist ihrem arroganten Ehemann Albertus auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Sie bewundert ihn – und alle anderen – über alle Maßen. Diese schwierige Rolle meistert Martina Stilp mit unglaublicher Selbstaufopferung und umschifft die Gefahr der Peinlichkeit, die so eine Rolle leicht mit sich bringen könnte, bravourös.

Ein Abend, an dem alle Rollen stimmig besetzt sind. Auch Silvia Meisterle als überdrehte und kokett-verliebte Gräfin Moosheim und Roman Schmölzer als all zu ehrenwerter Fürst Sigismund. Das Publikum dankte mit für diesen „erziehungs- und politfreien“ Theaterabend mit viel Applaus.

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Susanne Wiesinger mit Jan Thies: Machtkampf im Ministerium. Edition QVV

Mit einem Vorwort von Konrad Paul Liessmann

Untertitel: „Wie Parteipolitik unsere Schulen zerstört“

Sooft es um die Frage der Bildung geht, meldet sich der Philosoph Konrad Paul Liessmann mahnend zu Wort: Die mangelhafte oder sogar fehlende Bildung zerstört die Zukunft der heranwachsenden Generation und gefährdet die Demokratie. Machtpolitik statt nüchterner, ruhiger, parteiunabhängiger Bildungspolitik befördert „Abschottung unterschiedlicher Gruppen…und Formierung von Parallelgesellschaften“.

Als Susanne Wiesinger im Vorjahr in ihrem Buch „Machtkampf im KLassenzimmer“ all die Probleme der mangelhaften Ausbildung und deren Ursachen publik machte, erregte sie großes mediales Aufsehen. Geändert hat sich nichts. Ein Jahr lang bereiste sie nun Österreichs Schulen, vor allem die „Brennpunktschulen“, und stellte fest: Wenn statt Realpolitik die Parteipolitik das Bildungssystem lenkt, dann wird es zu keinen Änderungen im System kommen. Sie warnt mit klaren, mutigen Worten vor einem „Bildungskollaps“ und belegt mit Zahlen, Daten und Fakten die erschütternde Tatsache: In vielen Klassen der Brennpunktschulen sitzen Schüler, die dem Unterricht aus mangelnden Sprachkenntnisssen nicht folgen können. Dazu kommen religiöse und soziale Konflikte, die die Lehrer überfordern.

Ihre Vorschläge: Bessere sozialpädagogische Ausbildung der Lehrer, mehr Sozialpädagogen in den Klassen, Eltern in die Pflicht nehmen, Schulleiter nicht mit immer neuen, sinnlosen Erlässen überfordern und vieles mehr!

Ein Buch, das alle angeht! Nicht nur Lehrer und Eltern!

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Joseph Lorenz: „Ich – Casanova“. Teil 1 im „Theater im Salon“

Wenn Joseph Lorenz angekündigt wird, dann kommen alle. Oder doch nicht alle. Denn das private, sehr atmosphärische „Theater im Salon“ hat die Intimität eines Salons, der nur eine begrenzte Anzahl von Gästen Raum bietet. Daher konnte nur ein kleiner Teil seiner Fanschar diesen Abend genießen.

Wie immer fesselte Joseph Lorenz seine „Lorenzgemeinde“. Diesmal mit feinem Humor. Casanovas Memooiren umfassen mehr als tausend Seiten. Geschickt manövrierte Lorenz uns durch dieses abenteuerliche Leben eines intelligenten, geistreichen Beobachters der europäischen Gesellschaft ( 1725 in Venedig – 1798 Dux in Tschechien). Als hochgebildeter Mann, Charmeur, Frauenversteher und Frauenverführer war er in allen Salons der adeligen Welt hoch willkommen. An allen wichtigen Fürsten- und Kaiserhöfen hat er sich umgetan. Meist erfolglos. Friedrich der Große stellte ihn nicht an. Auch nicht Katharina die Große. In Wien schockten ihn die Spitzel, die Maria Theresia auf vermeintlich unmoralische Mädchen und Frauen ansetzte. Nein, das war nicht die Welt, die Casanva gefallen konnte! Da fühlte er sich in Paris schon wohler. Dort sind ihm die Frauen gewogen, lassen sich gerne von seinen charmanten Konversationen zu lächelnder Akzeptanz eines Gespräches und mehr verführen.

Ein keines Trostpflaster für alle, die diesen Abend nicht erleben konnten. Fortsetzung folgt am Samstag, 22. Februar – wieder um 19.30h – im „Theater im Salon“.

Theater im Salon. Copyright: Theater im Salon

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Stefano Benni, Prendiluna. Wagenbach Verlag

Aus dem Italienischen von Mirjam Bitter

Man weiß, Stefano Benno hat eine überbordende Phantasie. In dem Buch „Prendiluna“ übertrifftt er sich selbst an schrägen Einfällen. Prendiluna (die nach dem Mond greift) ist eine alte Lehrerin in Pension. Sie fährt mit einem Koffer voller Katzen durch die Stadt. Ihr Auftrag ist schlicht und einfach: Die Welt vor dem Untergang retten. Um dieses Ziel zu erreichen, muss sie zehn Gerechte finden, die würdig und willig sind, eine dieser Katzen zu übernehmen. Bei dieser Aufgabe helfen ihr ehemalige Schüler, die aus der Psychiatrie fliehen. Gegner, die sich ihr und ihren Helfern in den WEg stellen, gibt es genug – alles, was Italien (und nicht nur Italien) so an Mieslingen, wie Mafiosi, Geheimbündler etc., anzubieten hat. Ob Prendiluna die Weltrettung gelingt? Das ist nicht so sicher. Sie entschwebt jedenfalls mit dem Kater Ariel gemeinsam hinauf ins Irgendwohin.

Bis zur Hälfte ist das Buch recht amüsant, geschrieben im pseudo-kindlichen Stil, der aber in seinen schwierigen Anspielungen an italienische Realitäten eher Erwachsenen gefallen wird. Ab der Hälfte beginnt der Autor den Leser ein wenig durch Wiederholungen ähnlicher Szenen, unzähliger Verwicklungen zu langweilen. Man beginnt quer zu lesen. Wahrscheinlich sind viele Anspielungen dem italienischen Leserpublikum viel eher verständlich. Schade, denn Witz und hintergründiger Humor bezaubern zu Beginn durchaus, nützen sich aber im Laufe der Handlung ab.

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Dürrenmatt: Das Versprechen. Requiem auf einen Kriminalroman.

Inszenierung und Bühnenfassung: Klaus Tröger. Bühne: Klaus Gaspari. Kostüm: Anna Pollack.

Drei kleine Mädchen wurden ermordet. Man hält den Landstreicher für den Mörder, obwohl der immer wieder seine Unschuld beteuert. Als er sich in der Zelle erhängt, ist der Fall für alle gelöst und abgeschlossen. Nicht für den Kriminalkommissar Mattai. Er gab der Mutter des toten Mädchens das Versprechen, dass er den Mörder finden wird. Monate und Jahre sucht er. Bis er eines Tages ein kleines Mädchen als Köder dort einsetzt, wo er vermutet, dass der Mörder vorbeikommen wird. Mattai ist knapp dran, den Täter zu schnappen. Doch der wird, bevor er wieder zur Tat schreiten kann, von einem Lastwagen zu Tode gefahren.

Ein karges Bühnenbild aus schwarzen, verstellbaren Panelen unterstreicht die düstere Stimmung, die im Dorf herrscht. Gerade fand man wieder die Leiche eines kleinen Mädchens. Mattai interessiert sich nur sehr peripher für den Fall. ER ist schon mehr in Jordanien, wo er einen neuen Job antritt. Doch dann wird er durch den Schmerz der Mutter, der er die Nachricht vom Tod ihrer Tochter bringen muss, und durch den Selbstmord des zu Unrecht verdächtigten Landstreichers gleichsam aus seiner professionellen Routine herausgeholt und aus der Starre aufgeweckt. Er hält es für seine Pflicht, den Mörder zu finden, auch wenn er dabei das Leben eines anderen kleinen Mädchens riskiert. Aus dem Profi wird ein persönlich Engagierter, ein Betrooffener. Diesen Wandel darzustellen gelingt Klaus Rohrmoser nur teilweise.. Er spielt ihn äußerlich, rast unruhig auf der Bühne umher. Die seelischen Brüche und Umbrüche müssten leiser, dafür um so intensiver gespielt werden. Überhaupt wird zu viel und zu hektisch umhergerannt, was besonders dem tragischen Schluss abträglich ist: Da hat ein Mensch geglaubt, für die Gerechtigkeit gekämpft zu haben, und muss nun erkennen, dass er das Gesetz verletzt hat, weil er das Mädchen als Köder einsetzen wollte und dabei fast ihr Leben riskiert hätte. Dürrenmatt stellt die Frage, wo die Grenze zwischen Recht und Unrecht verläuft. Sie bleibt in dieser Inszenierung ungestellt und daher unbeantwortet.

Der Regisseur Claus Tröger führt das Ensemble im Stile Brechts: Frei von Gefühlsanhaberei. Ereignisse werden ohne Bühnenblut und ohne diesen widerlichen Flirt mit der offen und ungeschminkt dargestellten Gewalt auf der Bühne dargestellt. Damit hebt sich die Inszenierung positiv von derzeitigen Bühnenmoden ab, wie man sie zum Beispiel an der Burg erlebt. Das Ensemble spielt insgesamt engagiert. Für alle, die weder den Film noch den Roman kennen, sicher ein spannender Abend.

Weitere Termine:

14.02. – 29.02. jeweils Di – Sa um 19.45h

Details unter: http://www.theaterzumfuerchten.at/TheaterScala

Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. C.Bertelsmann Verlag.

Aus dem Englischen: Heiner Kober

Man will das Buch gar nicht aus der Hand legen! Bevor ich auf den Inhalt eingehe, möchte ich meine Bewunderung für die Autorin ausdrücken. Sie hat sich nicht nur durch Humboldts tausende Briefe und Werke durchgearbeitet, sondern auch zahllose Werke von Zeitgenossen und Sekundärliteratur mit einbezogen. Allein der Anhang umfasst 133 Seiten! Es wurde die Biografie eines Genies, congenial geschrieben von Andrea Wulf!

Alexander von Humboldt (1769-1859) wollte immer schon die Welt mit eigenen Augen erfahren, erforschen. Doch seine Eltern hatten eine Beamtenlaufbahn im Dienste des Preußischen Königs vorgesehen. Zähneknirschend studierte Humboldt Bergbautechnik. Als Bergassessor erkannte er schon früh, wie wichtig die ERhaltung der Wälder ist. Holz war der wichtigste Rohstoff zu dieser Zeit. Humboldt wies vehement auf die Wichtigkeit des Waldes für das Klima hin und warnte als erster überhaupt vor den katastrophalen Folgen der ausbeuterischen Abholzung.

Mit 30 Jahren konnte Humboldt dank seines reichen Erbes sichden lang gehegten Lebenswunsch erfüllen und die Reise nach Südamerika antreten. Fünf Jahre lang erforschte er unter schwierigsten Bedingungen gemeinsam mit dem Botaniker Aimé Bonpland die Llanos, das Orinocogebiet, überquerte die Anden und bestieg den Chimborazo. Malaria, Mückenplagen, Kälte und Hitze – all das ertrug er, ohne auch nur einmal an Aufgabe zu denken. Er schleppte schwere Messgeräte durch unwegsames Gelände,sammelte Pflanzen, Gesteine, Tiere und führte genaueste Aufzeichnungen. Bevor er nach Europa zurückkehrte besuchte er Thomas Jefferson, den dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten. Jefferson hatte mehr Interesse für die Natur als für die Politik. Die Forschungsergebnisse Humboldts sog er deshalb wissbegierig in sich auf.

Zurück in Europa wurde Humboldt wie ein Weltstar gefeiert. Seine Vorträge, zu denen auch Frauen Zugang hatten, wurden gestürmt. Das Publikum stand bis auf die Straße Schlange. Er verstand zu faszinieren. Seine Ideen beeinflussten und beeindruckten unter anderem Goethe, mit dem er befreundet war. Simon Bolivar wurde durch Humboldts Einfluss zum Revolutionär, zum Befreier, der gegen den Sklavenhandel und die spanische Kolonialmacht kämpfte. Humboldt wurde nie müde auf die Bedrohungen der Natur durch den Menschen hinzuweisen. Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse waren Grundlage für viele späteren Forscher.

Neben all den Empfängen und Vorträgen hatte Humboldt nur einen Wunsch: wieder zu reisen. Sein Wunschziel war Indien. Jedoch bekam er nicht die dazu nötige Erlaubnis vom britischen Empire. So folgte er 1829 der Einladung des russischen Zaren Nikolaj I. All die Strapazen dieser Reise machten dem 60ig-Jährigen nichts aus. Kälte, endlose Kutschenfahrten, lange Wanderungen – all das ertrug er. Sein Forschungseifer machte ihn immun gegen Krankheiten. Auf dieser Reise kam er bis an die Grenze Chinas.

Zurück in Berlin begann Humboldt im Alter von 65 Jahren an seinem mehrbändigen Werk „Kosmos“ zu arbeiten. Sein Ziel war es, die ganze materielle Welt in einem Werk darzustellen. Seine Zeichnungen und sein Stil waren so anschaulich und lebendig, dass die 4 Bände zu den meistverkauften und meistgelesenen Büchern zählten. Bis zu seinem Tod im Jahre 1859 blieb Humboldt geistig rege, schrieb tausende Briefe in alle Welt, schuf ein riesiges Netzwerk zwischen Wissenschaftlern und Künstlern. Wenn Humboldt im Mai 1859 stirbt, hat der Leser das Gefühl, einen Gefährten, der ihn durch viele Stunden und Tage begleitet hat, verloren zu haben.

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Maximilian Hauptmann und Stefan Kutzenberger. Das Literaturquiz. edition a

Im Untertitel schreiben die Autoren: 123 Antworten, die Sie kennen sollten, um über Literatur mitreden zu können.

Das ist ganz sicher eine ironisch gemeinte Übertreibung. Denn manche Fragen sind wirklich mehr als speziell. Wer kennt schon Georges Perec und seinen Roman „La Disparition“. Doch die meisten der 123 Fragen sind mit einer gewissen Allgemeinbildung oder auch Hausverstand zu lösen, denn man hat drei Antworten zur Wahl. Der Quizmaster kann auch Punkte für die richtigen Antworten geben. Etwa für besonders schwere drei, für mittelschwere zwei und für leichte einen. Am Ende wird ein Sieger ermittelt.

Besonders interessant sind natürlich die Auflösungen. Selbst solche, die sich als Kenner der Literatur bezeichnen, sind oft verblüfft, was sie dadurch alles für sie Neues erfahren. Apropos Kenner – die werden immer rarer, meinen die beiden Autoren. Das Interesse an Literatur sinkt mit zunehmender Netflix-Manie. Als die Autoren die Studenten fragten, warum sie Literaturwissenschaft studieren wollten, bekamen sie sehr oft als Motivation die Netflix-Serien genannt. Da schrillten bei den Autoren die Alarmglocken. Mit diesem Quizbuch wollen sie einen kleinen Beitrag zur Rettung der Literatur liefern.

In den immer zahlreicher werdenden Lesekreisen ist dieses Buch bereits sehr beliebt. Zur Auflockerung ein paar Quizfragen stellen, einen Gewinner ermitteln – und schon beginnen die Diskussionen. Nicht nur im Radio ist Literatur der Rede wert.

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Margery Sharp: Die Abenteuer der Cluny Brown. Verlag Eisele

Aus dem Englischen von Wibke Kuhn

Charmant und intelligent-witzig beschreibt Margery Sharp (1905 in Salebury – 1991 in Aldeburgh/Suffolk) die englische Gesellschaft vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Cluny Brown ist 20 Jahre jung, alle meinen, sie sei als potentielle Braut schon überfällig. Schön ist sie nicht, meinen wieder alle. Heute würde man sagen „apart“. Sie lebt bei ihrem Onkel in London, der ein tüchtiger Klempner ist. Ab und zu springt sie für ihn ein, repariert auch schon mal einen verstopften Abfluss. Das gehöre sich nicht für ein Mädchen, meint der Onkel. Überhaupt sei ihm Cluny Brown zu aufmüpfig, zu umtriebig. Kurz entschlossen schickt er sie als Stubenmädchen auf den Herrensitz Friars Carmel. Der Autorin gefallen ganz offensichtlich schrullige Namen. Cluny ist die Bezeicnung für ein bekanntes Kloster und als Vorname ungebräuchlich. Als Kompensation für den nichtexistenten Vornamen gibt die Autorin der Protagonistin den gängigsten aller englischen Familiennamen: Brown. Friars Camel könnte man gut und gern als „Brüder Karmeliter(innen)“ übersetzen.

Also: Die handelnden Personen sind fast alle nicht so, wie sie sich nach außen hin geben: Allen voran Cluny. Alles, was ein Stubenmädel können muss, lernt sie in Windeseile. Aber hinter der Stubenmädelfassade steckt die quirlig-neugierige Cluny. Sie erstaunt nicht nur die Dienerschaft immer wieder durch ihre Andersartigkeit. Auch die Bewohner des Landsitzes sind über sie einigermaßen verwundert. Ein Dienstmädel, das den Apotherker des Ortes heiraten wird? Das ist ungewöhnlich. Aber sie heißen es dennoch gut. Als Cluny aber, statt den Apotheker zu heiraten, Hals über Kopf mit dem polnischen Schriftsteller Adam Bilinski, der monatelang Gast auf dem Herrensitz war, nach Amerika abhaut, ist die Verblüffung groß.Verblüffung schon, aber nicht Empörung!

Margery Sharps Klinge des Humors und der Charakerzeichnung ist ganz fein, subtil. Alle Personen sind in ein fixes gesellschaftliches Leben eingebettet, haben sich darin gut eingerchtet. Es scheint, dass auch Cluny ihren Platz als Stubenmädchen akzeptiert. Aber es kommt ganz anders. Denn einen Moment lang, und das ist der entscheidende in ihrem Leben, lässt sie es nicht zu, dass über ihren Kopf hinweg entschieden wird, und türmt mit Belinski.

Es ist nicht so sehr die Handlung, die aufs erste wie eine Rosamund Pilcher-Geschichte daherkommt, als vielmehr die kleinen, subtilen Gesten, Handlungen und Gedanken der Personen, die den Leser schmunzeln lassen. Wobei die Autorin über keine einzige Person den Stab bricht. Für alle und alles hat sie Verständnis. Für Lady Carmel, deren einziger Sinn im Leben die Gartenpflege zu sein scheint, die aber ihren Mann Henry und ihren Sohn Adam mit leiser Hand in die richtige Richtung führt. Für die schöne Betty, die sich vor Heiratsanträgen kaum erwehren kann. Die aber weitaus klüger und weitsichtiger ist als alle Männer, die sie dümmlich anbeten. Größte Sympathie hegt sie natürlich für Cluny. Für dieses Mädchen, das sich nicht unterkriegen und „einseifen“ lässt. Wenn man so will, tritt der Roman für eine unkämpferische, dafür umso wirksamere Emanzipation der Frauen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ein.

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Elfriede Jelinek: Schwarzwasser. Burgtheater

Regie und Bühnenbild: Robert Borgmann. Kostüme: Bettina Werner

Das Publikumsinteresse war groß. Die Vorstellung (8. Februar) war ausverkauft.

Euripides` Drama „Die Bakchen“ hat Hochhsaison. Nach den „Bakchen“ an der Burg in der Regie von Ulrich Rasche nun auch im „Schwarzwasser“ verwurstet. Jelineks Grundidee: Der Gott oder der sich zum Gott macht (abwechselnd die Figur von Kurz, Strache, Kickl etc…) lockt seine Anhänger in die Orgie, in den Abgrund. Dazu mischt die Autorin Texte allerlei Art, die teils wie aus diversen Medien klingen, teils – so im Programm nachzulesen – vom französischen Philosophen und Sozialforscher René Girard beeinflusst sind.

Borgmann und Werner konfrontieren, amüsieren, traktieren das Publikum mit rasch wechselnden Bildern. Sehr bald gibt man auf, alles verstehen zu wollen. Denn das ist schlicht unmöglich. Dreieinhalb Stunden lustiges Rätselraten, man kann es auch intellektuell angehaucht „Dekodierung“ nennen, ist angesagt. Das ermüdet und langweilt. Nach der Pause haben einige schon das Weite gesucht. Vielleicht war ihnen auch der ständige, penetrante Weihrauchnebel zu viel.

Bewundernswert ist die Phantasie Borgmanns allemal. Die Fülle der Bilder hat schon was. Sie verlocken dazu, das Denken abzuschalten und einfach im Theater „Fernseh gucken“. Blödsinn wird da und dort geboten. Nur mit dem Unterschied: Auf dem Theater ist der Blödsinn Gegenstand der Betrachtung, wird vorgeführt, wird demaskiert. Wenn man so will, dann ist die Botschaft Jelineks und Borgmanns: Wir alle sind an dem Blödsinn beteiligt, triften auf den Abgrund zu. Einen Abgrund, den man je nach politischer Ausrichtung, für rechts oder links gebacken hält. Und was hat das Stück mit dem Ibiza-Video zu tun? Wenig. Nur zu Beginn läuft im Hintergrund schemenhaft erkennbar eine Art Schwarzweißmontage ab. Kommentar eines auftretendenTheaterdirektors: Es darf nicht gesendet werden. Sonst keine weitere Begründung. Indirekte Bezüge folgen im weiteren Verlauf, immer nur bruchstückhaft.

Es stellt sich die Frage nach dem fehlenden Narrativ. Jelinek sieht nicht in die Zukunft. Sie bringt ein Zustandstheater, eine Zusammenfassug verschiedener Momente, die alle eines gemeisnam haben: Das Jammern und Wehklagen. Cui bono? Denen, die im Theater sitzen, sich „die neue Jelinek“ anschauen, bringt dies alles nichts. Bestenfalls nicken sie bestätigend, unbetroffen. So ein „erzieherisches Theater“, wie es nun gerade Mode ist, erzieht niemand. Denn die, die drinnen sitzen, wissen oder glauben zu wissen, dass sie schon erzogen sind. Diejenigen, die das Theater erziehen will, gehen nicht hin.

http://www.burgtheater.at