Tolstoi: Die Kzeuzersonate. Gelesen von Joseph Lorenz.Theater Akzent

Atemlos saßen wir alle und hörten und erlebten intensiv, wie ein Mensch zum Mörder wird. Am Ende des Abend wussten wir: Wir hatten gerade an einem Theaterereignis teilhaben dürfen, wie es nur ganz selten eintritt!

In einer theatralisch perfekt angelegten Klimax ließ Joseph Lorenz die Erzählung ablaufen: Im Zugateil wird Belangloses geredet, bis eine Dame von Liebe säuselt und ein anderer, bisher stummer Mitreisender. sich spöttisch über dieses oberflächliche Gerede äußert. In der Einsamkeit der nächtlichen Zugfahrt erzählt dieser dann dem jüngeren Mitreisenden, der als einziger von der Gesellschaft die Reise mit ihm fortsetzt, seine Geschichte. Wie und warum er zum Mörder seiner Frau wurde. Langsam lässt Joseph Lorenz die Spannung ansteigen. Lässt vor uns einen jungen Schnösel entstehen, der sich die Frauen nach seinen sexuellen Gelüsten aussucht und nicht weiter nachdenkt, was in ihnen vorgeht. „Laster nach Maß“, nennt er es. Zynisch, arrogant, in totaler Selbstüberschützung lässt er diesen Frauenverächter in die Ehe gehen. Schon bald langweilt sich das Paar, findet keinen Gesprächsstoff mehr. Aus gegenseitiger Verachtung wird Hass. Den transportiert Joseph Lorenz in das Auditorium. Fast bekommt man die Gänsehaut, wenn er diese abgrundtiefe Abneigung spielt, mit allem: Gesten, Mimik, mit der Modulation seiner Stimme. Dass er an einer Stimmbandentzündung leidet und sich deswegen ansagen ließ, hat er wohl vergessen, so intensiv ist er in der Rolle drinnen. Wir erleben die Qualen und den Hass, den er seiner Frau bei den alltäglichen Kleinigkeiten (Tee trinken, die Haare aus der Stirn streichen..) entgegenbringt. (Wie die Frau diese Ehe erlebt, lässt Tolstoi unerwähnt) Am Höhepunkt seines irrsinnigen Hasses glaubt er, auf einen Geiger, den er bewusst als möglichen Gegenspieler in seine Haus einlädt, eifersüchtig sein zu müssen. Qualen erlebt er, wenn seine Frau und der vermeintliche Liebhaber die Kreuzersonate spielen. Die Musik holt Gefühle aus ihm hervor, die er nicht wahrhaben will. In wahnvollem Hass und in unerträglicher Wut ersticht er seine Frau und glaubt sich im Moment der Tat im vollen Recht. Im Auditorium ist es totenstill geworden, als wäre man tatsächlich Zeuge eines Mordes geworden. Erschöpft bricht der Mörder zusammen – und man bangt um ihn, den Erzähler, den Mann da vorne auf der Bühne. Ob er aus diesen Gefühlsausbrüchen in die Realität zurückfindet? Sich als Schauspieler, als Joseph Lorenz wieder findet, aus der Rolle heraussteigt? Bange Momente vergehen, dann wird der Erzähler ruhig, zieht eine Decke über den Kopf und schläft ein. Dankbar dafür, dass ihm sein Gegenüber die ganze Nacht zugehört hat. Dankbar für die zarte Geste, mit der der Mitreisende ihm über die Schulter streicht und sich verabschiedet.

Tolstois Novelle „Die Kreuzersonate“ ist eine subtile und irritierende Seelenanylyse, eine gnadenlose Abrechnung eines Mannes mit sich selbst, eines Mannes, der das Gefühl der Liebe nicht kennt, aus gesellschaftlicher Konvention heraus, weil man halt mit 30 heiratet, ein Frau ehelicht, die „seinen Ansprüchen gerecht wird“. Frauen sind für ihn und den Großteil der Männer Objekte, nur dazu da, die sexuelle Lust zu stillen. „Liebe“ ist ein leerer Begriff, von Romantikern geschaffen. Der Gedanke der Emanzipation ist in den Köpfen dieser Generation noch nicht geboren. So schildert Tolstoi die russische Gesellschaft um 1890. Letztendlich aber ist die Novelle eine Abrechnung mit der Selbstherrlichkeit des Mannes, der sich das Recht herausnimmt, über die Frau als Objekt zu verfügen.Dass Tolstoi den ERzähler schlussendlich vor seiner eigenen Tat erschaudern lässt, zeigt aber nur, dass er mit der Moral dieser Zeit ins Gericht geht. Über die Frau verliert er kein Wort. Sie bleibt, was sie zu Beginn der Erzählung war: Ein schönes Objekt, das es besser zu meiden gilt, will Mann nicht in den Abgrund unkontrollierter Gefühle gezogen werden.

Als Joseph Lorenz die Erzählung beendet und das Buch zuschlägt, kehren alle im Zuschauerraum langsam aus dem Albtraum eines Mordes in die nüchterne Wirklichkeit des Theaterraumes zürück. Langer Applaus dankt ihm für diesen intensiven Abend.

Am 28. Mai 2020 wird Joseph Lorenz „Amok“ von Stefan Zweig im Akzent lesen.

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Nestroy: Höllenangst. Theater Scala

Genau so muss man Nestroy spielen! Frech, unbekümmert, bewusst übertrieben und da und dort für die nötigen Watschen gegen die Oberen sorgend. Unter der bewährten Regie von Bruno Max, in dem nur leicht angedeutet historischen Bühnenbild von Markus Ganser spiegeln sich das Gestern – 1849, ein Jahr nach der missglückten 48-er Revolution – und das Heute – mit eindeutig erkennbaren Figuren wie Strache und Kikkl.. In den Kostümen von Anna Pollack bewegen sich die Schauspieler zwischen damals und heute gerade so, als hätten sie nie etwas anderes als Nestroy gespielt.

Bernie Feit und Matthias Tuxar. Foto: Bettina Frenzel

Um den damals üblichen und von der Zensur verlangten versöhnlichen Schluss zu unterlaufen, fügte Bruno Max in Eigenregie ein Vorspiel und ein Nachspiel hinzu: Gleich zu Beginn fabrizieren die Schauspieler in einem blau ausgeleuchteten Graben Schuhe am Fließband und klagen über die schlechte Bezahlung und die Gier der Mächtigen. Dasselbe nochmals am Schluss – es hat sich also nichts geändert, auch wenn die fiesen reichen Typen eingelöchert wurden!

Wendelin Pfrim ist ein gutmütiger Tor, wie es immer einen bei Nestroy geben muss und wie es immer einen in der heutigen Gesellschaft gibt – einer, der hilft, dabei immer draufzahlt. Herrlich naiv spielt Philipp Stix diesen „tumben Tor“, der glaubt seine Seele an den Teufel verkauft zu haben. Der Teufel ist ausgerechnet der Oberrichter Thurming, dem Matthias Tuzar seine schlaksigen, über Leiter und Dächer turnende „Teufelsgestalt“ gekonnt verleiht. Zusammengehalten wird die ganze Geschichte von dem ewig durstigen und daher immer beduselten Vater Pfrim, von Bernie Feit mit umwerfender Komik dargestellt.

Philipp Stix als Wendelin. Foto: Bettina Frenzel

Natürlich dürfen auch Couplets nicht fehlen. Bruno Max hat aber Einsehen mit dem Publikum und serviert nur zwei. Darin teilt er einen heftigen Seitenhieb auf die aktuelle Wiener Theaterszene aus, die das Publikum über Rechtsextremismus, Brexit und Machtpolitiker aufklären und mit theatralischer Macht erziehen möchte. und darin die einzige Daseinsberechtigung sieht. So manch einer im Publikum wird leiderfahren vor sich hin seufzen, der in den diversen jüngsten Inszenierungen die moralische Keule allzu deutlich zu spüren bekam. Dankbarer und lang anhaltender Applaus für das ganze Team und wohl auch für einen Theaterabend ohne moralische Knute!

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Sally Potter: The Party. Burgtheater.

Regie: Anne Lenk, Bühne: Bettina Meyer. Kostüme: Sibylle Wallum. Aus dem Englischen von Frank Heibert.

Überraschung Nr. 1: Es darf in der Burg gelacht werden. Das ist einem ja in letzter Zeit so ziemlich vergangen!

Überraschung Nr. 2: Man braucht für diese Aufführung ausnahmsweise keine Gehörschützer! ( Für“Bakchen“ und „Dies irae“ – unbedingt!)

Wo Sally Potter draufsteht, da ist Lachen, zumindest Schmunzeln, angesagt.Sie weiß, wie man der (britischen) Gesellschaft, besonders den Intellektuellen zu Leibe rückt. Als Filmemacherin hat sie sich mit „Orlando“, „Tango Lesson“ und eben auch mit „The Party“ einen Namen gemacht.

Alles muss trendig sein, über drüber. Man trinkt, man raucht sich ein, man ist lesbisch, man ist esoterisch, man ist rebellisch, man ist kritisch-zynisch, man ist karrierebewusst. Nein – karrieresüchtig. Janet (schusselig und sehr deutsch: Dörte Lyssewski) ist mit Leib und Seele linksliberale Politikerin, hat intensiv für ein soziales Gesundheitssystem gekämpft. Nun ist sie zur Gesundheitsministerin ernannt worden. Das muss gefeiert werden. Sie lädt Freunde zur Party.

Auf drei verschiedenen Ebenen lässt Bettina Meyer die Figuren parallel agieren – was durchaus witzige Gleichzeitigkeiten ermöglicht. Im Badezimmer und Flur wird gekotzt, in der Küche gekocht, im Wohnzimmer steht der esoterische Coach Gottfried (Markus Hering) Kopf, der dritte stiert vor sich hin. Dieser dritte ist Bill, der Ehemann der frischgekürten Gesundheitsministerin – großartig Peter Simonischek. Er stiert und schweigt die Hälfte des Stückes. Als er endlich redet, platzt die Bombe, die das „amikale Beisammensein“ zerlegt. Ab da ist nichts mehr wie früher. Großarartig auch Regina Fritsch als die intellektuelle Zynikerin, die letztlich als einzige unbeschadete aus dem Schlamassel hervorgeht. Ein gutes Schauspielerteam, eine spritzige Handlung (bis auf das zu häufige Kotzen), ein überraschender Schluss: Und schon ist es ein gelungener Abend.

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Caravaggio&Bernini. Kunsthistorisches Museum

Bild: Caravaggio: Johannes der Täufer

Eine höchst sinnliche, erotische, ja sogar theatralische Ausstellung!

War die Kunst bis ca. 1600 von einer kühlen, distanzierten Darstellung des Heiligen und ihrer Akteure, der Heiligen und Märtyrer, geprägt, so setzen Caravaggio und der um zwei Jahrzehnte jüngere Bernini auf Emotionen. Dramatische Darstellungen der Leidenden, Leidenschaften, wie sie vorher noch nie gezeigt wurden, charakterisieren das Werk dieser beiden genialen Künstler.

Caravaggios Leben war eine einzige emotionelle Hochschaubahn. In seinem kurzen Leben (1571-1610) bestimmte sein jähzorniger, rebellischer Charakter seinen Werdegang: In Rom war er bald der angesagte Maler. Als er in einem Streit seinen Widersacher tötete, musste er nach Malta fliehen, wo er ebenfalls in Raufhändel verwickelt wurde. Er starb mit 39 Jahren. Seine Vor-Liebe für schöne junge Männer spiegelt sich deutlich in seinen Werken wieder. Zum Beispiel in der Darstellung des Johannes des Täufers. Den haben sich viele wohl anders vorgestellt: Caravaggio malt ihn als verführerischen Jüngling, der seine Nacktheit und Lebens-Lust ganz offen zur Schau stellt. Zärtlich und provokant liebkost er den Widder.Sein Blick ist auf den Betrachter gerichtet und fordert ihn auf, die erotische Freude mit ihm zu teilen.

Bernini: Medusa. Foto:Andrea Jemolo. Sovrintnedenza Capitolina

Gian Lorenzo Bernini (1598-1680) war ein weltgewandter Künstler, der seine Kontakte zur Kirche und den Fürsten geschickt auszunutzen wusste. Seine Theatralik ist subtiler als die Caravaggios. Was am Beispiel der Medusa deutlich wird: Ihr Leiden oder besser ihr Wissen um das nahende Ende (Perseus wird sie enthaupten) ist nur an dem leicht geöffneten Mund und den schmerzvoll zusammengezogenen Augenbrauen zu erahnen. Bernini war der Bildhauer der Dezenz, des Feingefühls.

Zwei nützliche Hinweise für Besucher der Ausstellung: Gleich beim Eingang zur Ausstellung, nach der Karten- und Timeslotkontrolle, findet man kleine Heftchen in Deutsch und Englisch zur freien Entnahme. Sie enthalten die gedruckte Version der Audioguides. Da der Druck klein ist und die Räume abgedunkelt sind, empfiehlt sich dennoch ein Audioguide. Allein schon wegen der sensiblen, um nicht zu sagen erotischen Stimme von Martin Löw Cadona, der die Texte zu den männlichen Darstellungen liest. Zu Hause kann man dann in Ruhe nochmals die Interpretationstexte nachlesen.

Wer die Ausstellung ohne die übliche Besucherflut genießen will, dem seien die Tage Do, Fr, Sa, So empfohlen, und zwar die Zeit nach 18h. Denn da verlassen die meisten Besucher die Ausstellung. Die Caravaggio-Bernini – Ausstellung bleibt jedoch an diesen Tagen bis 21h geöffnet. Die Ausstellung ist noch bis 19. Jänner 2020 zu sehen.

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Edward Albee: Wer hat Angst vor Virginia Wolf? Burgtheater

Aus dem Englischen von Pinkas Braun, Regie Martin Kusej, Bühne und Kostüme Jessica Rockstroh. Eine Übernahme aus dem Residenztheater München.

Am Ende dieser Bühnenschlacht ist so mancher Zuschauer wahrscheinlich froh, als Single durchs Leben zu gehen..

Martha (Bibiana Beglau) und George (Norman Hacker) ertränken ihren Lebens- und Eheüberdruss in Whisky. Suchen den anderen mit Verbalgemeinheiten zu verletzen. Als das alles nicht genug an Reiz ist, lädt Martha das Ehepaar Nick (Johannes Zirner) und Honey (Elma Stefania Agustsdottir sprang für Nora Buzalka ein und machte ihre Sache ausgesprochen gut) ein. Das Spiel kann beginnen (1. Akt groß überschrieben: Fun and Games). Nun gilt es jeder gegen jeden – nur die hilflos liebenswürdige Honey tut da nicht mit, wird aber dennoch hineingezogen. Es geht darum, den anderen zu demütigen, zu vernichten. Um ihn zur Weißglut zu reizen, fickt Martha ganz ungeniert vor Georges Augen mit Nick. Bibiana Beglau geht ja der Ruf voraus, dass sie ohne Wenn und Aber an die Grenzen der Darstellungsmöglichkeiten geht. So auch in diesen Sexszenen. Aus Rache demontiert George das Lügengebäude, das sich beide aufgebaut haben: Er schreit ihr ins Gesicht, dass es keinen Sohn gibt, dass sie beide ihn nur erfunden haben. Diese Art von Lebenslüge nimmt man den beiden nicht ab, dazu wirken sie zu intelligent. Da gab es bessere Autoren, die dieses Thema zentral behandelten, z.B. Tennessee Williams.

Inzwischen sind auch Nick und Honey am Ende ihrer körperlichen und geistigen Kräfte und verlassen die Szene. Übrig bleibt ein Ehepaar, das sich die Masken vom Gesicht gerissen hat, dahinter ist nichts außer Leere, die mit Whisky gefüllt wird. Als Edward Albee in den späten 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts dieses Stück schrieb, waren Alkohol und Drogen das große Porblem. Heute sind es eher die Medikamentensucht und ganz andere Drogen -härtere als damals und weit lebensgefährlichere. Zu diesem Thema schrieben T.C. Boyle den Roman „Das Licht“ und Salman Rushdie „Quijotte“.

Alles spielt sich vor einer grellweißen Wand ab. Im Laufe des Abends verstärkt sich immer mehr der Eindruck, einer hochexplosiven psychiatrischen Sitzung in einer Klinik beizuwohnen. Wie sie in den 70er Jahren praktiziert wurden: Man schrie sich an, heulte, biss, kratzte, schlug zu. Trieb das Spiel wie einen exorzistischen Akt. Danach sollte – so dachte man – eine Art Läuterung, Katharsis eintreten. Die blieb allerdings an diesem Abend auf der Bühne und im Publikum aus. Man war froh, als die Hassaktionen zu Ende waren. Da die Akteure immer auf höchster Reizstufe agieren mussten, trat besonders im 2. Akt (Walpurgisnacht betitelt) eine gewisse Ermüdung ein. Andauernde Klimax ist weder im Leben noch auf der Bühne bekömmlich..

Der Applaus war freundlich, aber endenwollend. http://www.burgtheater.at

Stanislaw Moniuszko: Halka. Theater an der Wien

Was für ein Glücksfall! Eine Oper, in der die Musik, die Stimmen, die Inszenierung – einfach alles stimmt! Zu Recht jubelte das Publikum! Ein Abend, wie man ihn schon lange nicht mehr in Wien erlebte! Die Frage stellt sich: Warum bringt die Staatsoper so eine Inszenierung nicht auf die Wege?

Eine Koproduktion mit dem Warschauer Teatr Wielki.

Wenn sich ein Welttenor wie Piotr Beczala für dieses WErk einsetzt und noch dazu mitwirkt, dann greift das Theater an der Wien zu.

Mariusz Trelinski versetzt die Handlung in die Düsternis des Kommunismus der 1970 er Jahre. Statt der arroganten polnischen Adeligen lässt er Neureiche auftreten, wie sie überall in der WElt zu erleben sind. Man bereitet die Hochzeit zwischen Zofia (Natalia Kawalek), die Tochter des reichen Stolnik (Alexey Tikhomirov) mit Janusz (Tomasz Koniecny) vor. Doch Janusz hat ein Problem: Er hat dem Zimmermädchen Halka (Corinne Winters) eine Liebe vorgegaukelt und sie erwartet ein Kind. Das kann nicht gut ausgehen. Halka hört nicht auf den sie treu liebenden Jontek (Piotr Beczala in Bestform) und begeht Selbstmord.

Eine Dreigroschentragödie?! Vielleicht, aber sie geht ans Herz und an die Nieren. Moniuszko schrieb wunderbare Arien für die großen Rollen und herrliche Chorszenen, die vom Schönberg Chor mit Bravour eingelöst wurden.- Unter dem Dirigenten Lukasz Borowicz ließ das ORF Radio Symphonieorchester die Musik aufblühen, aber nie überborden.

Noch bis 31. Dezember 2019.

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Kathy Page: All unsere Jahre. Wagenbach Verlag

Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender.

Harrys Mutter kann sich glücklich schätzen: Ihr Mann schlägt sie nicht, ist freundlich. Aber ihr fehlt das Salz des Lebens – die Zärtlichkeit, die Überraschungen.

Harry wächst zu einem sensiblen Jungen heran. Sein Lehrer lässt ihn Gedichte auswendig lernen, macht ihn für die Schönheiten der Sprache empfänglich. Dann lernt Hyyry Evelyn kennen und ist sofort von ihr fasziniert. Sie werden ein Paar, heiraten mitten im (Zweiten) Weltkrieg. Er schreibt ihr von der Front seitenlange Sehnsuchtsbriefe, will sie nicht mit Kriegsgreueln belasten. Als er aus dem Krieg unversehrt zurückkommt, hat er nur eines im Sinn: Evelyn glücklich zu machen. Nie spricht er vom Krieg. Sondern von dem, was sie haben werden. Seinen beiden Töchtern ist er ebenso ein liebevoller Vater wie seiner Frau ein nimmermüder, Liebe spendender Ehemann. Aber Evelyn, die Nüchterne, will Äußeres: Ansehen, ein Haus, Garten – eben alles, was zum Mittelstand dazu gehört. Um all das zu realisieren, arbeitet er Stunden um Stunden, viele Überstunden in einem düsteren Büro. Lieber wäre er draußen in der Natur. Den Garten zu pflegen muss als Ersatz für seine Sehnsüchte genügen. Obwohl Evelyn im Laufe der Jahre immer herrischer und egoistischer wird, liebt er sie, sucht alle ihre Wünsche zu erfüllen. Als er an Demenz erkrankt, schiebt sie ihn ins Altersheim ab. Als sie unerwartet stirbt, flüchtet er ins Vergessen und träumt sich zurück in eine Zeit mit ihr, als sie miteinander glücklich waren.

Die Inhaltsangabe liest sich wie ein Dreigroschenroman. Aber Kathy Page gelingt es, das Alltägliche mit Poesie einzuhüllen und zu einem wundervollen Roman über die Liebe zu formen. Jenseits aller Klischees.

Zwar gibt es so einen Mann/Ehemann wie Harry einer ist, in der Realität kaum. Den müsste man einrahmen! Aber nehmen wir ihn als Figur ernst: Weil Harry bedingungslos liebt, kann er all die Bedrängnisse des Alltags ausblenden, sie zu Wunscherfüllungen umformen. Doch trotz der bedingungslosen Liebe steigt dennoch in ihm die Frage auf: Was waren all die Jahre? Wozu diese endlosen Tage im Büro vergeudet? Für Ziele, die nicht wirklich die seinen waren. Und im Leser steigt die Frage auf: Kann bedingungslose Liebe den anderen glücklich machen? – Die Antwort: eher nur den Liebenden, nicht den, der sich geliebt fühlt. Allzu schnell wird Evelyn vom Alltag und den täglichen Begehrlichkeiten, die es zu erfüllen gilt, überschwemmt. Obwohl sich beide in der Zeit ihrer jungen Liebe schworen, den Alltag nie bestimmend werden zu lassen.

Kathy Page ist eine lebenserfahrene Frau, weiß Charaktere wunderbar zu zeichnen, gerät nie in die Nähe von Klischees oder Kitsch. Am besten, man genießt diesen Roman als das was er ist: Ein Bekenntnis zur Liebe.

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Aus dem Englischen von Catherine Hornung und Dieter Fuchs

Es ist schon ein denkwürdiger Zufall, dass ich ausgerechnet am 12. Dezember 2019, am Tag, an dem die Briten wählen und sich alles über den Brexit entscheidet, das Buch zu Ende gelesen habe.

Es ist eine heitere, bittere, leicht ironische Geschichte über die diversen Gründe, wie es zum Ruf nach dem Austritt aus der EU kam. Jonathan Coe wählt seine Figuren aus der Mittelschicht: Journalisten, Schriftsteller, Universitätsprofessoren – alle gut situiert und etwa 40 und älter – und deren erwachsenen Kinder. Der Titel „Middle England“ steht für die Midlands, eine Region der Gegensätze: Einserseits Städte mit Ex-Industriewüsten wie etwa Grimbsby, ehemals größter Fischereihafen der Welt, heute eine vor sich hin rottende Stadt. Neben den Industrieruinen liebliche Landschaften mit Agrarland. Das Image der Midlands ist angeschlagen – hier wohnen die meisten Brexitbewohner. Die vielen aus der EU eingereisten und längst eingebürgerten Bewohner wurden seit der Krise 2008-2010 beschuldigt, an den wirtschftlichen Problemen schuld zu sein. Argument: Es sind zu viele, sie nehmen uns die Arbeitsplätze weg. Daher her mit dem Brexit. Die Ironie dabei ist: Die Midlands werden am meisten unter dem Brexit leiden.

Die erste Hälfte des Romans füllen Zustandsbeschreibungen von typisch englischen Orten, wie Clubs, Häuser, Landschaften, in denen der Autor seine Figuren ansiedelt. Beschreibungen sind ja en vogue in der Literatur der Gegenwart. Englandfans mögen die oft über eine Seite und mehr gehenden Beschreibungen entzücken. Wer sich nicht dazu zählt, wird sich sehr rasch langweilen.

Ab der Hälfte kommt die Geschichte in Fahrt, die Protagonisten Farbe. Motive für den Austritt aus der EU werden mit Personen verknüpft, denen ein eher unkritisches Verhalten zugeschrieben wird. Geschickt schildert Jonathan Coe den feinen Riss, der unmerklich durch die Gesellschaft geht, sie in Brexitbefürworter und -gegner spaltet.Motivationen, für den Brexit zu stimmen, werden angedeutet: Angst, dass Ausländer Jobs wegnehmen, Aversion im allgemeinen gegen die EU – man will sich nichts vorschreiben lassen…alles überaus bekannte Vorbehalte. Am Ende lässt der Autor den Schriftsteller und dessen Schwester nach Südfrankreich auswandern. Sie eröffnen dort eine „Schreibwerkstatt“. Ob das ohne Kentnisse der Landessprache funktionieren wird, ist mehr als fraglich. Ein sympathisch unpathetischer, leicht ironischer Schluss.

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Franz Werfel: Jakobowsky und der Oberst. Theater in der Josefstadt.

Janusz Kica könnte man fast schon als Haus- und Hofregisseur der Josefstadt bezeichnen. „Die Reise der Verlorenen“ oder „Der Engel mit der Posaune“ sind in bester Erinnerung. Wenn er Regie führt, dann mit überzeugender Schlichtheit, sowohl im Bühnenbild, für das er auch diesmal verantwortlich zeichnet, als auch in der Personenführung.

Während der Flucht aus dem Naziösterreich lernte Franz Werfel tatsächlich in Frankreich einen jüdischen Bankier S.L. Jakobovicz kennen, der ihm seine Erlebnisse mit einem polnischen Offizier erzählte -nachzulesen im Programmheft. Daraus und aus seinen eigenen Fluchterfahrungen schuf er später das Drama.

Vertreibung aus der Heimat und Leben in der Fremde mit unsicheren Faktoren – das sind immer wiederkehrende Themen. Heute ist die Flüchtlingsdebatte aktueller denn je. Jedes Theater fühlt sich bemüßigt, wenigstens ein Stück mit diesem Thema im Repertoire zu haben. Die meisten davon leiden unter unerträglicher Holzhammermethode, mit der man glaubt, das Publikum erziehen zu müssen. Nun endlich ein Stück, das die Schrecken des Krieges und der Vertreibung mit komödiantischer Leichtigkeit auf die Bühne bringt. Das liegt natürlich in erster Linie am Stück selbst, aber auch an der Regie. Janusz Kica verzichtet auf Pathos, tragischen und lauten Pomp, Bühnengetöse und dazugehörigem Kriegsgerümpel. Er braucht keine Maschinen, keine riesigen Bühnenaufbauten.

Die Schauspieler sprechen ohne Mikroport. Was sie zu sagen haben, formulieren sie leise, fast im Alltagsplauderton. Nur der Oberst darf seine patriotischen Parolen laut herauspoltern. Das macht Herbert Föttinger mit ironischer Inbrunst. Herrlich, wie er diesen in seiner heldischen Einfalt sich suhlenden Esel spielt! Da braucht Johannes Silberschneider nicht viel Komik dagegen zu setzen – die ergibt sich von allein aus der tragischen Situation. Die Stärke dieses hervorragenden Schauspielers liegt wie immer in seiner gespielten Schwäche. Wie er diesen schlauen Juden spielt, der sich durch die Nationen laviert, für jede Gelegenheit ein anderes Papier parat hat, oder wenn nicht, seiner Menschenkenntnis vertrauend sich mit Tricks aller Art durchbringt, ist ein schauspielerisches Meisterstück. Alles ganz still, unprätentiös und deshalb um so tragischer! Pauline Knof als Marianne spielt die einfältige Dame, das Trutscherl voll aus, schwirrt im Negligée dumm verliebt über die Bühne, wird im Laufe der Ereignisse zur energischen Fluchtbegleiterin und am Schluss – was Werfel so nicht geschrieben hat – zur Widerstandskämpferin. Der Vierte im Bunde ist der Bursche, der „Leibeigene“ des Oberst mit dem schwierigen Namen Szabuniewicz. Mathias Franz Stein spielt den treu Ergebenen mit viel Witz. Wie immer kann es sich die Josefstadt leisten, auch die kleinsten Rollen bestens zu besetzen: Therese Lohner ist eine treu ergebene Ginette, Marianne Nentwich eine egoistische alte Dame und Siegfried Walther ein perfekter Wirt. Eine bewundernswerte Ensembleleistung!

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Dino Pesut: Der (vor)letzte Panda oder die Statik.Im Vestibül.

Aus dem Kroatischen von Alida Bremer. Eine Koproduktion mit dem Max Reinhardt Seminar

Man muss zugeben, die vier Reinhardt-Seminaristen legen sich ordentlich ins Zeug. In der engen Glasvitrine ist nicht viel Spiel-Raum. Über Mikrophone lassen sie uns wissen, welche Träume sie haben. Ob und wenn ja welche davon realisiert werden, lässt der Autor im Unklaren. Denn nach herkömmlicher Theatermethode zerstückelt er das Narrativ, einmal scheinen die vier in ihrer Gegenwart zu leben, dann in ihrer Zukunft, dannn in ihrer Vergangenheit. Dem Publikum wird es nicht leicht gemacht, die Intention und den roten Faden -so es einen gibt – zu erfassen.

Ratsam ist es, man liest vorher im Programmflyer, worum es in dem Stück geht, nämlich um den Jugoslawienkrieg und seine Folgen. Viele Leser und Theaterbesucher werden vielleicht seufzen: Nicht schon wieder! Nach der langen Debatte um Handke, nach den vielen Neuerscheinngen auf dem Buchmarkt (Marica Bodrozic, Mein weißer Frieden, Sasa Stanisic, Herkunft u.andere mehr) nun also dieses Theaterstück: Marija (Annina Hunziker), Ana (Wiebke Yervis), Marin (Lukas Haas), Luka (Aaron Röll) haben eines gemeinsam: Sie sind 1990 in der Kleinsstadt Sisak (Kroatien) geboren. Ihre Kindheit ist von Krieg und Schrecken geprägt. Sirenen, Kanonendonnner etc zu Beginn. Alle haben unterschiedliche Träume, die sich nicht wesentlich von anderen Jugendlichen, die nicht im Kriegsgebiet geboren wurden, unterscheiden: Sie wollen ficken, sie wollen studieren, sie wollen eine Familie, sie wollen künstlerischen Erfolg. Dazwischen heißt es einmal „Pandas sind süß“ – aha, deshalbe der erste Teil des Titels. Die Statik? – vielleicht so zu erklären: Alle vier Prottagonisten gestehen sich ein: Es hat sich nichts geändert, die Träume sind Träume geblieben.

Am Ende bleibt eine gewisse Ratlosigkeit. Und die Frage: Habe ich da etwas nicht mitbekommen? Die witzigen Phantasiekostüme von Pia Greven sind auch nicht gerade erhellend.

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Johann Nestroy: Einen Jux will er sich machen. Theater in der Josefstadt.

Endlich! Endlich! Ein Nestroy, der klug und doch nicht übergscheit inszeniert ist. Will sagen, dass der Regisseur Stephan Müller, dem das Theater in der Josefstadt zuletzt die spannende Inszenierung vom „Besuch der alten Dame“ verdankt, auch diesmal mit seiner unverkennbaren Handschrift das Stück geprägt hat:

Gemeinsam mit der Bühnenbildnerin Sophie Lux und den Kostümen von Birgit Hutter schuf er ein für Nestroy untypisches Ambiente: Zunächst rennen die Figuren gegen ihre eigene Wand, nur hin und wieder tut sich ein Fensterchen auf. Bis sie dann in die „weite WElt“ der Stadt kommen, wo sich das Abenteuer auftut und die Welt plötzlich offen und die Kostüme der Damen hell und bunt werden. Vor allem aber erarbeitet Stephan Müller gemeinsam mit der Choreographin Daniela Mühlbauer ein Bewegungskonzept, das den Witz und die Ironie, die den Nestroyschen Figuren innewohnt, betont: Die Frauen bewegen sich wie Puppen, gelenkt von starren Benimmregeln. Die Männer locker, allzu sicher ihrer selbst, sich an Beweglichkeit überbietend, wenn es darum geht, Geld zu scheffeln, andere übers Ohr zu hauen.

Was das Ensemble vor allem kann: sprechen! Das ist am Theater von heute nicht mehr selbstverständlich. Schon gar nicht, Nestroy sprechen! Denn die philosophischen Sprudelein eines Weinberl muss man erst einmal sprachlich bewältigen. Und Johannes Krisch – neu an der Josefstadt – ist nicht nur ein wortgewandter, sondern auch ein „körpergewandter“ Nestroy-Weinberl. Wie er jedes Wort mit Gesten, Sprüngen oder Körperdrehungen zu untersteichen weiß, das muss ihm einemal erst einer nachmachen! Dass die der aktuellen Politik angepassten Couplets, die ihm von Thomas Artz verordnet werden, nicht gerade geistsprühend sind, dafür kann er nichts!

Sein Gegenspieler ist Zangler, ein Krämer, wie er im Nestroy-Büchl steht: Mit Robert Joseph Bartl eine Idealbesetzung: Groß, schwer, mit zusätzlichen Fettpölstern ausgestattet, überragt er alle. Die Rolle des dummen Onkels, der von seinem Mündel an der Nase herumgeführt wird, ist ihm auf den Leib geschrieben. Als optisches Gegengewicht zu dem dürren Weinberl – perfekt.

Damen dürfen auch mitspielen – und wie! Das Duo Madame Knorr (köstlich Martina Stilp) und ihre Freundin Frau von Fischer (ebenso hinterlistig und frivol wie Madame Knorr: Alexandra Krismer) sind unschlagbar in ihren grellbunten Kleidern. Bei Erregung und Bedarf kann der Reifrock hochgezogen werden und den Blick auf näckische Rüschenunterwäsche freigeben. Selbst die Nebenrollen sind brillant besetzt, etwa Elfriede Schüsseleder als Frau Gertrud oder dieselbe als Fräulein von Blumenblatt.

Fazit: Ein Theaterabend, den man genießen kann. Ein Labsal nach einigen eher qualvoll erlebten Inszenierungen, die der neue Burgdirektor uns beschert.

Ein Tipp: Über die Aktualität des Stückes liest man Erhellendes im Programm! Hier ist Klartext geschrieben.

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Richard Teschners Figurenspiel. Theatermuseum Wien

„Welch eine Oase in der Wahnsinnsweihnachtsstadt Wien!“ So begrüßt Angela Sixt, eine der vier Puppenspielerinnen das Publikum. Wer sich vielleicht gerade durch den Adventmarkt amKarlsplatz oder am Rathausplatz durchgedrängt hat, der nickt verständnisvoll. Das Museum wird kaum von Adventtouristen heimgesucht. Liebhaber des Balletts und des Theaters kennen natürlich diesen Ort der Beschaulichkeit.

Richard Teschner

Nach einer ausführlichen Besichtigung der aktuellen Ausstellung „Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne“ betritt man den vielleicht allerkleinsten Theaterraum Wiens, wenn nicht sogar Österreichs, wenn nicht Europas! Ein Theaterzimmerchen im reinsten Jugendtil: Der wundervolle Jugendstilluster wirft ein mattes Licht auf die Vitrinen aus den Wiener Werkstätten. In ihnen lagern die Puppen des vielbegabten Richard Teschner (1879-1948). Er war ein Allroundgenie: Maler, Grafiker, Bildhauer, Puppenbauer und Pupenspieler. Letzteres mit intensiver Leidenschaft.Als er die Tochter des K&K Hoftischlermeisters Paulick heiratete, verbrachte er die Sommerfrische mit ihr in der väterlichen Villa am Attersee, wo auch Klimt, Emilie Flöge und viele Künstler der Jahrhundertwende verkehrten. Während des Aufenthaltes in Amsterdam und Den Haag lernte er die indonessichen Wayang-Puppen und die Marionetten aus Bali kennen. Davon beeinflusst schuf Richard Teschner seine Figuren. Mit Holzstäben werden Kopf, Hände und Beine bewegt. „Ich habe ihnen nie ein Wort, und wäre es von Goethe selbst, in den hölzernen Mund gelegt“, soll er gesagt haben.

Die Lebens- Uhr und Der Sonnentanz

Hinter einem Rundspiegel aus geölbtem Glas bewegen sich laut- und sprachlos die zarten Figuren. Dazu ertönt leise Musik. Man muss sehr konzentriet zusehen, um die kleinen Bewegungen der Puppen zu verstehen.

Das Spiel beginnt: Vor der Darstellung der astronomischen Rathausuhr in Prag hockt der Tod, in nonnenartiges Gewand gehüllt. Er wartet auf Opfer: Dem Bettler schenkt er weitere Lebenszeit, der Narr foppt ihn. den armen Gelehrten jedoch fällt er mit der Sense, die Mutter, die am Leben verzweifelt und ihm ihr Kind hinreicht, überlässt er einem jungen Ritter. Der Tod als Richter, als Tröster auch.

Auf einer goldenen Kugel tanzt der Sonnengott, der zugleich die vier Jahreszeiten und die vier Lebensalter symbolisiert.

Diese beiden Spielminiaturen werden von zarter Musik begleitet, manchmal Flöte mit Gamelaninstrumenten, dann wieder Klavier. Für eine kurze Stunde vergisst man Hektik und Sorgen, glaubt sich im Kreis von Gamelanspielern in Bali oder Java.

Bis 23. Dezember ist das „Weihnachtsspiel“ zu sehen. Ein wichtiger Tipp: Kommen Sie früh genug, um sich einen Platz in der 1. oder 2. Reihe zu sichern. Denn in der 5. Reihe sind die Feinheiten der Figuren auch für Normalsichtige nur schwer auszumachen.

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Marie Brunntaler: Das einfache Leben. Eisele Verlag

Was für ein Lesegenuss! Nachdem ich den Roman von A. Lehner“ Vater unser“ fertig gelesen hatte, schwor ich mir, jetzt lange keinen „Debütroman“ von jungen Autoren und Autorinnen in die Hand zu nehmen. Ja, ich wollte sogar eine Lesepause, wenn nicht gar eine Leseentziehungskur machen. Denn was ich in der letzten Zeit so an Neuerscheinungen, die alle vom Feuilleton hoch gelobt wurden, in die Hand bekam, war anstrengend, ekelerrend (Lehner, Vater unser) und alles andere als ein Lesegenuss.

Durch den Roman von Marie Brunntaler genas ich sehr schnell von meiner vorübergehenden Buchphobie! Ich durfte wieder in einen Roman hineinfallen, mich gegen Abend auf die Lektüre freuen! Gerade weil hier eine Autorin keine „Feuilletonlorbeeren “ einheimsen, sondern einfach über ein einfaches Leben schreiben will, überzeugte sie mich . Mit solidem ERzählstil, den manche wahrscheinlich altmodisch finden, beschreibt sie den Lebensweg zweier Schwestern, die in dem entlegenen Bergdorf Dachsberg im Südschwarzwald aufwachsen, als junge Frauen draußen in der Welt des Wirtschaftswunders ihr Glück versuchen, aber scheitern. Beide kehren als reife Frauen in ihr Dorf zurück. Nun stellt sich die Frage: Was tun mit dem Leben? Da hat Elisabeth, die tatkräftigere der beiden, die Idee, einen Rosengarten zu pflanzen. Auf 1000 m Höhe und bei diesen strengen Wintern und den trockenen Sommern! Alle schütteln den Kopf.Zunächst aucb die Schwester Adele. Doch bald überzeugt Elisabeth mit ihrer Ausdauer und Unerschrockenheit alle. Der Rosengarten gedeiht!

Brunntaler schildert kein Naturwunder, kein Märchen. Sie weiß, wovon sie erzählt, kennt die Härten des bäuerlichen Lebens am eigenen Leib. Den Rosengarten in Dachsberg gibt es zwar nicht, wohl aber in Nöggenschwiel. Dort züchtet man erfolgreich in 700 m Höhe die herrlichsten Duftrosen. Mag sein, dass diese Gärten als Ideengeber für Bruntaler fungierten.

Das beste Buch an grauen Wintertagen!

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Theblondproject – im Kasino am Schwarzenbergplatz

Was war das? Theater? – nein. Eher ein Experiment. Und Experimente dürfen scheitern.

Gesine Danckwart und Caroline Peters haben dieses Experiment gemeinsam entwickelt, gefördert vom deutschen Fond Doppelpass.

Thema ist nicht, wie erwartet, eine gesellschaftskritische Analyse der „Blondinenwitze“. Vielmehr soll es eine Aufbereitung diverser feministischer Wege zum „Glück“, zur Selbständigkeit, zur Karriere, wenn man so will,gewesen sein. Aber das ist nur meine Hypothese. Was es wirklich war (und ist), konnte ich nur erahnen. Zuerst muss das Publikum auf der Bühne stehen und sich zwei Monologe von Denckwart und Peters, aus den Sitzreihen sprechend, anhören. Nach etwa 20 Minuten werden die Zuschauer in die Backstage-Räume gebeten, wo es Videos, Zettel mit Sprüchen, Fotos von Frauen und blonde Perücken zum Probieren gibt. Mäßig lustig, manchmal lästig. Dann dürfen sich alle setzen – und wer will, kann auf der Bühne Pingpong spielen. Die anderen dürfen zuschauen, wie die auf der Bühne Pingpong spielen. Mäßig lustig. Langsam fragte ich mich, wann beginnt „es“ – und was ist das „es“? Nach dem Pingpongspiel liest Gesine Danckwart mehr schlecht als recht einen Text vom Blatt – den Inhalt habe ich vergessen. Dann hat Caroline Peters ihren Großauftritt. Eine gefühlte halbe Stunde redet sie wie eine Maschine ohne Punkt und Beistrich – das kann sie ja hervorragend ( siehe „Heisenberg“) über alles Mögliche. Von dem Redeschwall blieb auch nicht viel haften. Dann muss der menschliche Avatar, der auf die Gasse geschickt wurde, von seinen Erfahrungen dort per Video berichten. Nur – auf der Gasse hat sich nichts ereignet. Dann ist Pause – glaubten alle! Und schlenderten umher, warteten auf die Fortsetzung – bis die Garderobefrau ziemlich verzweifelt die Leute bat, doch endlich ihre Mäntel abzuholen. Sie will nämlich heimgehen. Wir auch! Schon lange. Aber es hat uns ja niemand gesagt, dass es aus ist.

Schade! Das Experiment blieb in den Kinderschuhen stecken.

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Sasa Stanisic, Herkunft. Verlag Luchterhand

Sasa Stanisic wurde 1978 in Visegrad, damals Jugoslawien, heute Bosnien und Herzegowina geboren. 1992 mussten seine Eltern und er bei Ausbruch des Jugoslawienkrieges auswandern. In dem Buch „Herkunft“ geht es tatsächlich um seine Wurzeln, das alte Dorf in den Bergen, das nur mehr zwölf Bewohner hat, um seine Großeltern, vor allem um seine Großmutter, die im Alter dement ist und in der Vergangenheit lebt. Doch es geht vor allem um ihn, den 14-jährigen Jungen, der sich als Migrant in Heidelberg zurecht finden muss.

Dass Sasa Stanisic auf Deutsch schreibt, ist seinem geduldigen Lehrer zu verdanken, der ihn ermunterte, Gedichte nicht nur in seiner Heimatsprache zu schreiben. Dass er mit der deutschen Sprache spielerisch, leichtfüßig, poetisch oder auch „cool“, ganz wie das Thema es braucht, umgehen kann, verdankt er aber vor allem seiner Offenheit gegenüber dem Leben als Migrant in Deutschland. Da ist kein Funken Wehleidigkeit zu spüren. Keine Klagen über die Schwierigkeiten, sich als „Fremder“, „Eingewandeter“ in der neuen Heimat zu behaupten. Eher Neugier und vor allem trotz der Schwierigkeiten Freude am Leben, am Lernen, Freude daran, Schwierigkeiten zu meistern. Auch keine Klagen darüber, dass seine Eltern als gut Ausgebildete in Deutschland nun weit unter ihrem Niveau sich als billige Lohnarbeiter verdingen. Das wird gesagt, aber ganz jammer- und vorwurfsfrei.

Das Wertvollste an diesem Buch aber ist: Seine Versöhnungsmacht. Da wird nicht von den „machtgierigen Serben“ oder den „bösen Kroaten“ geredet. Auch kein „Gutmenschgerede“ von Verzeihen. Sondern Sasa Stanisic zeigt den einzig möglichen Weg auf, den Hass zwischen den Menschen zu begraben: Hingehen, anschauen, wo die Wurzeln sind, daraufkommen, dass Serben, Kroaten und Bosniaken alle einmal nebeneinander exisitieren konnten, ohne sich die Schädel einzuschlagen und die Dörfer niederzubrennen. Nach dem Erinnern kommt nicht die große, pathetische Versöhnungsgeste oder ein Humanitätsgelaber, sondern der Imperativ: Lebe das Leben, so gut du kannst und bleibe offen und neugierig.

Sasa Stanisic. Foto: Katja Sämann

https://www.randomhouse.de/Verlag/Luchterhand-Literaturverlag/24000.rhd

Maria Happel und TROI – Lesung mit musikalischer Begleitung. Wiener Konzerthaus

Nach so vielen bedrückenden Theaterabenden im Umfeld der Burg („Die Bakchen“, Die Hermannsschlacht“ oder „Die Vögel“) geht man gern zu Maria Happel, um ein wenig das strapazierte Theaterherz zu pflegen. Wenn diese Vollblutschauspielerin mit dem Temperament einer Dampfmaschine, die gerade den Berg hinabsaust, ihren Weihnachtshumor über das Pulikum ausgießt, bleibt niemand unberührt. Man weiß, wenn die Happel einen Adventabend vorbereitet, da ist Schmunzeln mit dabei, Lachen, nachdenklich den Kopf senken, eine ganz kleine Träne im Knopfloch – alles schwingt mit, alles geht „wia gschmiad“ in die Sseele.

Wenn dazu noch das Troi – Ensemble flotte bis einschmeichelnde Melodien spielt, dann herrscht Hochstimmung im Saal.

TROI-BAND, Foto: Stephan Mussil

Es sind leicht schwingende Texte, die Maria Happel auswählte. Alltagsituationen rund um den Weihnachtsstress, überspitzt und treffend formuliert. Das junge Paar einigt sich nicht: Sie will eine meterhohe Silbertanne, er eine kleine Fichte. Sie will viel Schmuck, er hätte es lieber spartanisch. Am Ende steht die hohe Silbertanne ganz ohne Schmuck im Zimmer. (Christine Nöstlinger). Oder die Geschichte vom Weihnachtskarpfen, der als geliebter Sepperl nicht geschlachtet wird. (Peter Meissner) Oder der skurrile Text von Hugo Wiener vom singenden Weihnachtsbillet, das ein ganzes Jahr lang „Stille Nacht“ unaufhörlich herunterspult. Am Schluss las Happel den berührenden Brief Albert Einsteins an seine Tochter über die Liebe als wichigste Kraft im All und auf Erden. Als Abschluss wurde das Publikum zum Mitsingen aufgefordert: Mit dem Lied „Es wird scho glei dumpa“ wurde das Licht heruntergedimmt und das unwiederrufliche Ende des Abends damit angezeigt. Logisch deshalb: Keine Zugabe.

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Angela Lehner, Vater unser. Hanser Verlag

Dieses Buch muss man wollen -oder auch nicht. Ich gehöre zur“ oder-auch-nicht-Gruppe“. Joachim Meyerhoff zur ersten Gruppe. Ihm gefiel es ausnehmend gut, wie man auf der Rückseite des Covers lesen kann. Auch alle anderen Rezensenten überschlagen sich förmlich vor Begeisterung. Also muss meine Ablehnung wohl mit mir selbst etwas zu tun haben. Ich stehe mit meiner Kritik wieder einmal allein gegen die ehrenwerten Meinungen der Rezensenten da. Damit kann ich leben.

Kurz zum Inhalt: Eva Gruber – ca. 25 Jahre jung – wird von der Polizei in die psychiatrische Klinik am Steinhof eingeliefert. Sie hat damit geprahlt, eine ganze Kindergartengruppe erschossen zu haben. In der Klinik selbst organisiert sie sich bestens, weiß alles und alle für ihre Zwecke zu nützen, inklusive den Therapeuten Dr. Korb. Sie manipuliert auch ihn, wie sie es braucht, erzählt ihm von ihrer schrecklichen Kindheit. Vater hat angeblich sie und ihren jüngeren Bruder vergewaltigt – erzählt sie einmal. Ein andermal tut sie das als „lächerliches und ausgelutschtes Motiv“ ab. Sie will vor allem eines: ihren Bruder Bernhard (Thomas Bernhard und seine Erzählung „Wittgensteins Neffe“ lassen grüßen) aus der Klinik retten, der wegen seiner Magersucht ebenfalls dort stationiert ist. Der aber flüchtet vor seiner Schwester, er will nicht mir ihr in die Heimat Kärnten fahren, „um den Vater zu töten“. Warum der Bruder und sie den Vater töten wollen, ist nicht klar. Weil der Bruder nicht auf ihre Vorschläge eingeht, kidnappt sie ihn einfach, nimmt von einer Angestellten das Auto und organisiert eine abenteuerliche Fahrt in das Heimatdorf. Am Ende liegt Bernhard zu Tode geschwächt an der Schwelle eines Hauses – das Vaterhaus? Lebt der Vater in dem Haus? Ist Bernhard tot? Alles unklar.

Warum?

Warum dieser Roman? Welcher Antrieb steckt dahinter? Hat die Autorin eigene Erfahrungen in der Psychiatrie zu verarbeiten? – Eher nicht, denn dazu ist der Roman zu flapsig, unernst. Dieses Thema der eigenen Krankheit und ihre Bewältigung hat besser und glaubhaft Thomas Melle in seinem Buch „Die Welt im Rücken“ abgehandelt. Angela Lehner scheint es eher um eine Abrechnung gegen alles, was etabliert ist, zu gehen. Diese Eva Gruber opponiert gegen alles und alle, was sich in erster Linie in der Sprache ausdrückt. Fäkalienausdrücke sind die gängige Verständigungsweise. Detailverliebte Schilderungen von grauenhaften Kotzvorgängen des magersüchtigen Bernhard nehmen viel Raum ein. Eines muss man der Autorin lassen: Sie schafft in der Person Eva Gruber eine ambivalente Person, die sich in Eulenspiegelmanier in das Vertrauen des Personals (Therapeut, Manikürin etc…) einschleicht, um sich im selben Moment mit einer Kraftaktion über deren Vertrauensseligkeit zu amüsieren. Wahrscheinlich fallen auch die meisten Leser auf diesen zweifelhaften Charme hinein. Mich ermüdete das Buch.

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Theater Scala: Elektra

Von Hugo von Hofmannsthal nach Sophokles

Wer in der Burg die „Bakchen“ sah und meinte, für lange Zeit von Antikendramen genug zu haben, der traue sich dennoch in das Theater Scala. Dort spielt unter dem jungen Regisseur Matti Melchinger, der aus der Theater der Jugend-Szene kommt, ein engagiertes Ensemble die „Elektra“ von Hugo von Hofmannsthal. Keine leichte Kost – auch wenn der Abend im Programmheft als „erbauliche Unterhaltung“ angepriesen wird. Das kann nur ironisch gemeint sein.

Denn:

Es geht um Mord, Rache, Blut und wieder Blut. Erbaulich ist da gar nichts. So wie der Resisseur die Schauspieler führt und Sam Machwar die Bühne und Katharina Kappert die Kostüme entwarfen, handelt man an diesem Abend die große Frage der Menschen, die heute gewichtiger denn je ist, ab: Was bringen Rachegelüste? Sind Rache und Vergeltung je ein Mittel gewesen, die Welt zu verstehen, sie zu verbessern? Dass die Welt heute mehr denn je von Rache dirigiert wird, ist Tatsache. Und das Ende des Stückes zeigt das Ergebnis: Blut und Untergang.

Elektra – etwas überzeichnet, aber mit Intensität gespielt von Kim Bormann – hat nur eines im Sinn: Den Mord an ihrem Vater Agamemnon – der übrigens absolut kein Heiliger war, aber das bleibt im Stück unerwähnt – zu rächen. Ihr Bruder Orest soll die Mutter Klytaimnestra und deren Liebhaber Aigisth töten, die Agamemnon gemeinsam im Bad mit dem Beil erschlugen. Das Stück selbst ist klug gebaut: Mit jeder einzelnen Figur muss sich Elektra auseinandersetzen. Mit den Mägden, die sie verhöhnen. Mit der Schwester Chrysothemis, der einzig Vernunftbegabten in diesem Blut- und Rachespiel und von Angela Ahlheim mit der nötigen Glätte und Ruhe gespielt. Dann im Zentrum des Stückes: Die Auseinadersetzung mit der Mutter – großartig in dieser Rolle: Bettina Soriat, die, obwohl sie sich ansagen ließ, alles an diesem Abend gab: Sie war die Mutter, die in Elektra vergeblich eine Tochter sucht, die von Elektra bitter und scharf auf ihre Leidenschaft und Schuld reduziert und angeklagt wird. Versöhnung ist für Elektra ein Hohnwort. Doch auch die Mutter kennt letztendlich keine. Wer wem den Herrscherstab an die Gurgel setzt, bleibt offen.

Zuletzt die Begegnung Elektra-Orest. Sophokles schrieb die Begegnung als einen der großen Höhepunkte im griechischen Drama. Wer einmal diese Szene in altgriechischer Sprache im Theater von Epidaurus sah, der wird sich sein Leben lang an diese Spannung zwischen den beiden Personen erinnern: Ohne ein Wort gehen sie aufeinander zu, misstrauisch zuerst, dann von Moment zu Moment erkennend: hier kommt der Ersehnte, hier spricht die Geliebte – die Schwester. Die intensive Stille war bis in die letzten Ränge zu hören, die Freude zu spüren.

Matti Melchinger verzichtet auf dieses Momentum. Er lässt die beiden in eher rachegeschwängerten Düsternis aufeinander zugehen. Da ist kein Licht, keine Freude. Nur der Wunsch: Mord, Mord. Und Orest – ziemlich wüst gespielt von Felix Krasser – schlägt zu, brüllt, schlachtet und schleppt seine blutigen Opfer eins nach dem anderen, zuerst die Mägde, dann Aigisth und am Schluss Klythaimnestra heraus aus dem Palast und wirft sie auf die Treppen. Dazu tanzt Elektra nach Popmusik von Fritz Rainer einen Triumphtanz. Ein Fanal, das Grausen macht. Das Publikum war ziemlich geschockt, und es dauerte eine Weile, bis die ersten Bravorufe ertönten und der Applaus einsetzte. Allen war klar: Diese Elektra ist kein Wesen, mit dem man Mitleid haben kann, sondern ein blutiger Rachedämon, der die Welt in Krieg und Blut versinken lässt. Eine Ahnung von Kommenden mag durch den Raum gegangen sein.

http://www.theaterzumfuerchten.at

Weitere Termine: 4.12.- 21.12.2019, jeweils Di bis Sa, 19.45h.

Joesph Lorenz, Wolfgang Hübsch und Julia von Sell: Th. Bernhard, Der Ignorant und der Wahnsinnige.Theater Akzent

1972 war die Uraufführung des Stückes bei den Salzburger Festspielen ein Skandal. Nicht so sehr wegen des Inhalts, als wegen des Aufführungsverbotes, das Thomas Bernhard aussprach. Er verlangte am Ende der Aufführung totale Finsternis ohne Notlicht.

2012/2013 wurde es auf der Burg aufgeführt. Als Komödie, ohne Skandal.

Nun also, fast 50 Jahre später, als szenische Lesung im Theater Akzent. War es am Ende total finster? Vielleicht ja, so genau erinnere ich mich nicht. Auch unwichtig! Wichtiger die Frage: Was kann Kunst, die immer wieder punkt- und notengenau repetiert wird, an authentischem Wert liefern? Was erwartet das Publikum von der Sängerin der Königin der Nacht? Nur das hohe C? Nur das Artifizielle in höchstmöglicher Perfektion? Wenn Netrebko heute schon müde und lustlos ihre Arien im Trubadour heruntersingt, das Publikum begeistert applaudiert (muss es ja, denn es hat ja die Karte sauteuer bezahlt), dann wird der ganze Kunstbbetrieb fraglich.

Was heißt Authentizität in der Kunst? Dass der Künstler, die Künstlerin sich jedes Mal, und auch zum zweihundertsen Mal, voll in die Rolle hineinsteigert, sich verausgabt? Wie weit soll und muss Routine akzeptiert werden? Ist Routine noch „Kunst“?

Joseph Lorenz mag sich diese Frage bei der Inszenierung dieses Stückes gestellt haben. Nicht nur dabei, sondern überhaupt. Denn er ist ein Schauspieler, der um das „Authentische“ ringt, der sich in jeder Rolle, in jeder Aufführung voll verausgabt. Zur Erinnerung: In Reichenau als Arzt in „Amok“ oder als Baumeister Solness, um nur zwei von vielen Rollen zu zitieren. Übrigens: Das Publikum wird ihn ab Sommer 2020 in Reichenau schmerzlich vermissen.

Zurück zur szenischen Lesung im Theater Akzent. Ganz auf den Text reduziert, mit nur einem Tisch und zwei Sesseln als Requisite ergießt sich die redundante Redesuada des Doktors – wenn man so will: des Wahnsinnigen – über das Publikum. Da muss dem Text gehörig an seine Struktur gerückt werden! Was Lorenz bestens gelingt. Mit Hochgenuss seziert er verbal die Leichen, holt Gedärme heraus, zerschneidet Herzen, dass es dem Publikum zu grausen beginnt. Dabei setzt Lorenz vor allem Sprache und Mimik ein. Die Gestik bleibt eher reduziert. Dass bei dieser Suada über Sezieren, Kunstbetrieb, Publikum- und Kritikerbeschimpfung dem Publikum keine Sekunde langweilig wird, ist ganz allein Josephh Lorenz und seinem immensen „authentischen Einsatz“ zu verdanken. Hübsch ist Wortspender, allerdings ein wichtiger. Er ist ein enttäuschter Vater, der über die Unzuverlässigkeit seiner Tochter, der Sopranistin, jammert und säuft. Julia von Sell spielt diese geplagte Koloratursängerin, die die Rolle der Königin der Nacht gerade zum 222. Mal gesungen hat und ihrer mehr als überdrüssig ist, sehr „normal“. Zwar ein wenig zickig, wie man es von einem „Star“ erwartet, aber sehr verzweifelt und dem Leben einer viel gefragten, in der Welt umherjoggenden Künstlerin sehr nahe kommend.

Nochmals zur Frage der Wiederholbarkeit der Kunst, des so genanntnen unwiederholbaren „einmaligen Augenblickes“: Warum sieht man diese Lesung nur einmal? Vielleicht wäre eine Wiederholung im Akzent möglich. Oder im Südbahnhotel? Oder im Landestheater Niederösterreich? Leider halt nicht in Reichenau, wo es thematisch sehr gut hinpassen könnte. Denn da spielen die Schauspieler en suite oft zweimal pro Tag. Kunst ist Business!

Viel Applaus und Bravorufe.

http://www.akznet.at

Paulus Hochgatterer und Nikolaus Habjan: Böhm. Burgtheater

Textfassung: Paulus Hochgatterer. Regie, Puppendesign und Puppenbau: Nikolaus Habjan+Marianne Meindl.Regiemitarbeit: Martina Gredler. Bühne:Julius Theodor Semmelmann. Kostüm: Cedric Mpaka, Licht: Thomas Trummer

Wenn Habjan draufsteht, dann sind Puppen drin! Und dann ist Qualität in Text, Spiel und Regie garantiert.

Habjan und Hohgatterer – beide Musikkenner par excellence – taten sich zusammen und schufen gemeinsam die Geschichte des „Nazimitläufers Karl Böhm“, der nie der Nationalsozialistischen Partei angehörte, aber den Kontakt zu Hitler und dessen Entourage eifrig für seine Karriere nützte. Ab 1943 war er Dirketor der Wiener Staatsoper, 1945 wurde er von den Alliierten wegen seiner Nähe zum Nationalsozialistischen Regime entlassen, 1954-1956 wieder eingestellt. Die Republik Österreich ernannte ihn zum Ehrenbürger.

Hochgatterer führt mit einem alten Mann, der sich in seinen wahnhaften Erinnerungen manchmal für den Dirigenten hält, dann wieder sich nur als sein kritischer Fan sieht, ein geschicktes und spannendes Vexierspiel ein. Da wird nicht linear langweilig ein Leben erzählt, da gibt es keine moralischen Zuweisungen. Und auch nur ein überschaubares Repertoire an Figuren, die Karl Böhms Leben begleiten. Man muss kein Musikkenner sein, um die Szenen zu deuten.

Gleich zu Beginn tyrannsiert der Alte im Wahn, Böhm zu sein, ein imaginäres Orchester, wobei die Zuseher in den ersten Reihen kurzerhand als Orchestermitglieder fungieren und sich anschnauzen lassen müssen. – Zum Gaudium des restlichen Publikums. Genial wiederum die Doppelrolle von Habjan als Puppenspieler und als Pfleger des Alten. Wie Nikolaus Habjan überhaupt alle Rollen selbst spielt und spricht. Wie er die Vielfalt der Dialektfärbung von einer Sekunde zur anderen ändert, die Stimme vom alten Mann zur jungen Schwester des Pflegers, zur Primadonna, zum Politbonzen oder zum arroganten Dirigenten Böhm werden lässt, das ist schlichtweg genial. Er managt jeden Umbau auf offener Szene allein, schlüpft in die verschiedensten Rollen, wie etwa in die Böhms als Direktor an der Wiener Oper, oder des Journalisten Karl Löbels und viele andere.

Hinter dem sehr vergnüglichen Abend steckt natürlich mehr als nur das Amusement, die Freude an den verschiedenen Puppen. Hochgatterer und Habjan zeichnen das für die Zeit so typische Bild eines Verdrängers. Karl Böhm hat sich nie als Mitläufer des Nationalsozialismus gesehen, sondern immer nur sein Engagement für die Musik betont. „Wenn das Politische auf Sie zukommt, dann schauen Sie auf die Noten“, sagt er zu Wolfgang Schneiderhahn. Mit keinem Satz lässt Paulus Hochgatterer den Dirigenten schuldig werden oder sich schuldig bekennen. Die Schuldzuweisung passiert nur in der Figur des Alten, und da nur sehr subtil. Etwa, wenn der Alte Böhm fragen möchte, ob er sich in seiner Villa in der Sternwartestraße (arisiert) wohl fühlt. Oder was er im Innersten empfunden hat, wenn er die Partie dirigiert, in der der Graf (Le nozze di Figaro) seine Ehefrau anfleht: Contessa, perdona me! Resigniert senkt der Alte den Kopf – Stille. Nichts wird Böhm in seinem Leben bereut haben. So wird aus Bewunderung Erkennen. Erkennen, dass das musikalische Genie ein menschlicher Versager war. Der Alte stößt die Büste Böhms vom Sockel. Ein markantes, einprägsames Ende.

Langer Applaus und viele Bravos für Nikolaus Habjan.

Eine Übernahme des „Schauspielhaus Graz“:

http://www.schauspielhaus-graz.com

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„Ankunft heute. Hedy Lamarr“ Verein Kunstspielerei

Text und Konzept: Beatrice Gleicher. Inszenierung und Dramaturgie: Erhard Pauer, Entwurf und Kostüme: Josef Sonnberger

Spielort: Palais Schönburg

Im Vorwort des (gut gemachten!) Programmheftes schreibt die Autorin und Hauptdarstellerin Beatrice Gleicher: „Ich muss es schreiben mit den Augen einer Frau, die jeden deiner Momente, ob als Kind, Star, Ehefrau oder Mutter nach zu vollziehen im Stande ist …weil ich eine Frau bin.“

Wie war’s im Gefängnis?

In dem eleganten Palais Schönburg – passend zum glamourösen Ambiente, in dem sich Hedy Kiesler, später Hedy Lamarr bewegte, bewegt sich auch das Publikum. Zu Beginn nimmt es an der Gerichtsverhandlung gegen Hedy Lamarr teil. In einem schlichten Raum im Untergeschoss wird über den Fall Hedy Lamarr verhandelt. Sie wird beschuldigt, mehrere Wäschestücke in einem Kaufhaus ohne Bezahlung mitgenommen zu haben. Doch sie kann sich mit einem „Schmäh“, mit dem sie seit ihrer Jugend alles durchsetzte, was sie wollte, herausreden. Das Publikum weiß allerdings: Diese Frau ist mit 52 Jahren am Ende ihrer Karriere, steht ohne Geld und Engagement da. Das ist die Ausgangslage des Stückes.

Nun wird im Rückblick ihr Leben in Form eines Stationentheaters aufgerollt. Interessant ist der dramaturgische Kniff, dass die junge Hedy (Florine Schnitzel) und die „alte“ (Beatrice Gleicher) oft gemeinsam auf der Bühne stehen: Da sieht Hedy Lamarr – noch immer attraktiv und mit Männern flirtend, aber doch schon von Hollywood auf die Abschussliste gesetzt – ihrem eigenen Lebensweg zu: Sieht sich als junges Mädel, das bei Max Reinhardt Schauspielunterricht nimmt, die ersten Filme dreht, unter anderem den Skandalfilm „Ekstase“. Sieht sich als Gefangene ihres ersten Ehemannes, des reichen Waffenfabrikanten Mandl, sieht sich in Hollywood.

Erfolge mit fragwürdigen Rollen

Immer wieder wird sie auf die „Skandalnudel“, die sich nicht scheute, nackt gefilmt zu werden, reduziert. Die Rollen, die ihr angeboten werden, sind seicht, geben ihr keine Möglichkeit, mehr als nur schönes Dekor zu sein. Sie gründet ihre eigene Filmgesellschaft. Florine Schnitzel verkörpert perfekt diese oberflächliche, selbstverliebteFrau, die sich Männer ohne Bedenken angelt und wieder fallen lässt. 6 Ehemänner sind ihr auf den Leim gegangen. Dazu noch zahllose Affären. Dass sie gemeisam mit dem Filmkomponisten George Antheil das „Frequency Hopping Spread Spectrum“ (FHSS) erfand, wird in einer Szene so dargestellt, als ob die Erfindung in einer verspielten Stunde geboren worden wäre. Das Leichte, Spielerische, Oberflächliche dieser Glamour-Diva war der rote Faden ihres Lebens. Sie war eine Frau, die beinhart alles durchsetzte, alles bekam, was sie wollte. Aber da war sicher noch mehr. Was ging in ihrer Seele vor? -Wie verbrachte sie ihre letzten Jahre? Nun, dieses sehr publikumswirksame und rundum unterhaltsame Theaterstück war nicht für diese Fragen konzipiert. Das Publikum folgte den Stationen des Lebens von Raum zu Raum, was natürlich für Abwechlsung und Heiterkeit sorgte. Man wird aufgefordert, Hedy auf dem Schiff in die Staaten zu begleiten. Liegestühle laden zum Sonnen (im Vestibül) ein. Zum Captainsdinner wird man in einen hübschen Salon geführt, wo an liebevoll dekorierten Tischen Fingerfood serviert wird. Oder: Man sieht in einem Spiegelzimmer den Dreharbeiten von „Samson und Delilah“ zu, wobei sich Hedy Lamarr als richtige eitle Zicke gebärdet.

Ein spielfreudiges Ensemble

Beatrice Gleicher verfügt über ein exzellente Truppe, die alle, wirklich alle toll spielen, in Blitzesschnelle von einer Rolle in die andere springen, sich Bärte aufkleben, Perücken wechseln, in neue Klamotten hüpfen. Nur so ist es möglich, mit insgesamt 9 Schauspielern das ganze Personenpanorma zu bestücken. Insgesamt ein Abend, der amüsiert. Viel Applaus.

https://ntry.at/ankunftheutehedylamarr

Peer Gynt. Ballett. Wiener Staatsoper

Choreographie und Libretto: Edward Clug, Musik: Edward Grieg, Dirigent: Guillermo Garcia Calvo

Edward Clug, seit 2015 Ballettchef des Slowenischen Nationaltheaters in Maribor, ist ein Meister seines Faches. Kaum ein anderer kann so exzellent Erzählung in Ballett/Bewegung, Tanz umsetzen!

Für die Musik wählte Clug nicht nur die Bühnenmusik Griegs zu Peer Gynt, sondern auch weitere Werke des Komponisten, die zur Textur und Dynamik des Ballettgeschehens passen. Guillermo Garcia Calvo dirigierte mit hoher Sensibiltät, immer die Tänzer im Blick. Den Klavierpart spielte Shino Takizawa sehr innig und berührend.

Edward Clug ändert an der Aussage Ibsens nichts Wesentliches: Peer Gynt ist ein junger, später alter Mann, der nie aus den Kinderschuhen herausgewachsen ist. Immer noch kehren seine Gedanken zur Mutter zurück, die ihn züchtigt und verzärtelt. Vor ihr spielt er den erfolgreichen Helden. Aber ihre Liebe erwiedert er nicht. Ebenso wenig die Liebe Solveigs. Erst am Ende seines Lebens erkennt er, welch Irrwege er gegangen ist und wie er das Wesentliche im Leben verpasst hat: eben die Liebe.

Denys Cherevychko ist in allen Phasen der Entwicklung ein überzeugender Peer Gynt: Als unbekümmerter Draufgänger, der die Hochzeit Ingrids (Eszter Ledan) stört, sich die Braut ohne Rücksicht auf den Bräutigam schnappt, mit der geheimnisvollen „Frau in Grün“ ( hinreißend wie immer: Rebecca Horner) ein Kind zeugt und entsetzt vor ihrem Trollgesicht flieht. Nichts kann ihn aufhalten, auch nicht der Tod der Mutter – ihn treibt es in die Welt hinaus! Überzeugend tanzt Cherevychko den Macho, der in Marokko Teppiche und Frauen auswählt. So lange, bis er in der Irrenanstalt landet. Dort drehen sich die Rollen um: Aus dem selbstherrlichen Macho wird ein Gefangener, von den Irren gefesselt und verhöhnt. Besonders berührend ist die Schlussszene: Gynt kehrt als alter Mann zurück, Solveig – schlicht und berührend von Nina Polatkova getanzt – erwartet ihn, kurz nur hat er die Vision, mit ihr in einem Haus zu leben. Doch der Tod holt sie ein. Sie verschwinden gemeinsam in einer Lichttür, die sich langsam schließt. Der Pas de deux Gynts mit Solveig ist von so schlichter Innigkeit, dass man vergißt, ein Ballett zu sehen. Man fühlt sich direkt in die Szene involviert.

Zsolt Török als Hirsch. Fotocredit: Ashley Taylor

Geschickt inszeniert Edward Clug die Figuren rund um Peer Gynt. Ein weißer Hirsch – hervorragend getanzt von Zsolt Török – begleitet ihn als Alter Ego durch die verschiedenen Stationen. Am Ende wird er ihn und Solveig wie ein gütiger Todesengel in das Jenseits führen, sein Geweih und die Krücken über die Tür hängen. Dem Tod, der eher ein Behüter Gynts ist, verleiht Eno Peci eine heiter-bedrohliche Note. Vladimir Shishov – endlich wieder einmal auf der Bühne zu erleben!! – ist ein eindrucksvoller Schmied. Tänzerisch wuchtig gestaltet er den Kampf gegen Peer Gynt, den er beinahe mit der Axt getötet hätte, hätte da nicht der Tod „rettend“ eingegriffen. Clug baut viele solche Momente ein, die das Geschehen in das Reich des Traumes versetzt. Vielleicht ist Peer Gynts Leben nur ein Traum, evoziert durch den Tod, der ihn von Beginn an gemeinsam mit dem Hirsch begleitet. Das Schöne an dieser Inszenierung ist eben die Vieldeutigkeit.

Nicht unerwähnt bleiben sollen die phantasievollen Kostüme (Leo Kulas), das schlichte, aber wirkungsvolle Bühnenbild von Marko Japelj und die Lichtregie von Tomaz Premzl sein. Mit diesem Team arbeitet Edward Clug schon viele Jahre zusammen.

Langer Applaus und viele Bravos für Denys Cherevychko.

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„Rosmersholm“ von Ulf Stengl nach Motiven des gleichnamigen Ibsendramas. Theater in der Josefstadt

Regie: Elmar Goerden, Bühnenbild: Silvia Merlo und Ulf Stengl

Was man mit Ibsens Drama „Rosmersholm“ nicht alles anstellen kann: Figuren rausstreichen, Figuren umdeuten, alles überhaupt neu schreiben. Nur den Titel belassen – er lockt vielleicht ein literatur- und theateraffines Publikum eher an.

Also diesmal „Rosmersholm“ von Ulf Stengl. Drei Schauspieler, die großartig spielen, manchmal etwas überdreht, aber zur Rolle passend: Katharina Klar.

Die Bühne: Ein Landhaus sollte es sein, irgendwo weit abgeschieden. Statt dessen: Ein leerer Raum – eingerahmt von grünchangierenden Lamellen. Keine Requisiten. Das Bettzeug für den unerwarteten Gast Kroll wird auf dem Boden ausgebreitet. Als Erinnerungszitat, dass wir uns in einem ziemlich noblen Landhaus befinden, steht dann plötzlich ein hölzerner Bauernsessel auf der Bühne. Etwas lächerlich wirkende avantgardisitische Bemühtheit.

Das Match zwichen Links und Rechts

Im ersten Teil matchen sich der Gutsbesitzer Johannes (Herbert Föttinger) und der linke Journalist Kroll (Joseph Lorenz). Die Freunde haben einander ein Jahr lang nicht gesehen. Der Grund des unerwarteten Besuches: Kroll hat einen ziemlich rechtslastigen Artikel auf einer Naziplattform entdeckt, der mit dem Namen seines Freundes unterschrieben ist. Entsetzt über die politische Kehrtwendung seines Freundes hält er ihm eine politische Standpauke. Johannes rechtfertigt sich mit lahmen Argumenten, zuletzt damit, dass er den Artikel gar nicht selbst hineingesetzt hat. Der Diskussion der beiden um populistische Ansichten kann man ein gewisses Niveau nicht absprechen, sie geht aber nicht über die schon oft und allerortens zitierten Schlagwörter hinaus. Dennoch:: Herbert Föttinger als behäbig gewordener Literaturprofessor und Joseph Lorenz als leicht herabgekommener, linker Journalisten faszinieren durch ihre intensive Darstellung. Das ist Schauspielkunst vom Feinsten: Oft Gehörtes und allzu oft in TV-Debatten Abgespultes zum schauspielerischen Erlebnis gestalten! Joseph Lorenz in einer gänzlich neuen Rolle: leicht angealtert, in einem rosa Regenmantel, aus dem er sich mühselig herausarbeiten muss, zunächst verlegen, dann mit scharfer Argumentation gegen seinen Freund vorgehend, erinnert an so manche Thomas-Bernhard-Figuren: Kritisch, nörgelnd, mit moralischem Zeigefinger, Recht habend, auch Recht haberisch. Herbert Föttinger ist ein weichlicher, unsicherer Mann, der es sich längst schon unter der manipulativen Fuchtel der rasenden Rebekka bequem gemacht hat.

Match zwichen altem Mann und junger Furie

Katharina Klar, seit 2019 neu in der Josefstadt, spielt die Rebekka sehr mutig: so richtig widerlich. Man möchte sie von der Bühne stoßen, ihr den Mund stopfen. Ihr Outfit imitiert perfekt ein Jungmitglied der AFD oder sonst einer Rechten. Auffallend oft schimpft sie auf alles und drückt ihren Frust mit Fäkalienwörtern aus, weil ihr die differenzierte Sprache fremd zu sein scheint. Ihre Aktionen sind radikal und provokant, als wäre sie ein Teenager am Gipfel der Pubertät. Man muss den Einsatz, mit dem Katharina Klar diese Rolle bis zur Selbstverleugnung ausspielt, bewundern.

Immer dort, wo ein wenig Ibsen durchschimmert, wird es spannend. Etwa, wenn es um die Frage geht, wer am Selbstmord der Ehefrau Rosmers Schuld hat. Nach einer Schrei-Schlacht, in der sich beide in lächerlicher Weise mit Alkohol überschütten und dann vielleicht mit einem Feuerzeug anzünden – oder doch nicht, man weiß es nicht so genau – stehen beide in verzweifelter Umarmung. Nach dem beiderseitigen Schuldgeständnis folgt die Erschöpfung.

Applaus und Bravorufe für die Leistung aller drei Schauspieler.

http://www.josefstadt.org

Véronique Olmi: Bakhita. Hoffmann und Campe Verlag

Aus dem Französischem von Claudia Steinitz

Sie ist fünf Jahre alt, als sie von Banditen aus ihrem Dorf im Sudan entführt und nach einem langen und qualvollen Marsch durch die Wüste auf dem Sklavenmarkt in El Obid verkauft wird. Dass sie nicht zusammenbricht, seelisch verkrüppelt, verdankt sie nur ihrer Fähigkeit, ihre Seele wie ein Segel einzuziehen, sich von dem Leid abzukapseln. In Karthoum kommt sie in das Haus des italienische Konsuls und kann sich von ihren körperlichen Schmerzen ein wenig erholen. Als dieser samt Familie den Sudan Richtung Italien verlässt, setzt sie es durch, dass er sie mitnimmt. Sie wird eine sanftmütige Dienerin in einer italienischen Familie, rettet deren Baby vor dem sicheren Tod, muss nochmals mit in den Sudan, wo all ihre entsetzlichen Erinnerungen wieder aufkeimen. Zurück in Italien kann sie Ruhe in einem Kloster in Venedig und anderen Orten finden, wo sie bis zu ihrem Tod als Nonne lebt und von allen sehr geliebt und geschätzt wird. Ihre Stärke ist das Zuhören. Obwohl sie ihre Muttersprache längst vergessen und nie das Italienische wirklich gelernt hat, wird sie immer wieder aufgefordert, über ihr Leben zu erzählen. Daraus wird ein Buch – die Quelle dieser Romanbiografie.

Stilistisch großartig! Véronique Olmi gelingt es, der Sklavin und späteren Nonne Bakhita eine entsprechende Stimme, Ausdruck zu geben. Mit kurzen, oft fragmentarisch wirkenden Sätzen beschreibt die Autorin all die körperlichen Leiden – für den Leser fast unerträglich deutlich – und alle seelischen Vorgänge.

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Elisabeth-Joe Harriet: „Hat sich mir gemocht a Schmerz.“ Eden Bar

Literarisch-musikalischer Abend. Eine Reise durch jüdisches Leben.

Klavier und Geige: Bela Fischer

Wehmütig seufzt die Geige. Sie stimmt uns ein. Auf einen Abend mit Schmerz, Schmunzeln und Lachen. Elisabeth-Joe Harriet, für Verzauberung der vielfältigsten Art zuständig, führt das Publikum in der schummrigen Eden Bar durch das jüdische Leben im Jahreskreis. Gleich jammert und singt sie los: „Oje, oje, hab ich mir aus dem Mantel a Röckle gemacht. Weil das in Teile zerfiel, hab ich mir a Häubl gemacht …bis nix mehr übrig blieb als a Schnipsl und am End a Lidl.“ – In Liedform ist die jüdische Philosophie und Lebenskunst zusammengefasst – die da meint: Aus dem Wenigen doch Großes – „a Lidl“ – machen! Begleitet von Bela Fischer auf der Geige und am Klavier führt die Künstlerin ihr Publikum in das Leben einer jüdischen Gemeinde ein, erzählt über den Rabbi als zentrale Auskunftstelle für alles und jedes. Zur Auflockerung bringt sie jüdische Witze. Sie alle – nämlich die Witze – leben von diesem „Loch“ zwischen Anlauf und Auflösung, der Kunstpause, die die Überraschung vorbereitet. Harriet nennt es „Ellipse“. Ein köstliches Beispiel sei hier zitiert (Kurzfassung): Ein altes Ehepaar beim Abendmahl. Sagt er: „Wenn einer von uns beiden stirbt, ziehe ich nach Paris.“

Eine Schikse wie ich weiß nichts über jüdische Feste. Für solche kam der Abend gerade richtig! Beste Gelegenheit, über Ursprung und Inhalt etwa des Purim- oder Pessachfestes informiert zu werden. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass die jüdische Frau sich am Schabbat nicht frisieren darf – das ist Arbeit und daher verpönt. Eine Perücke löst das Problem elegant. All das und mehr hat Elisabeth-Joe Harriet in einem informativen Büchlein zusammengefasst, illustriert mit Porträts des jüdischen Malers Isidor Kaufmann (1853-1921):

„Jüdischer Festkalender mit Humorbeigaben. Was Sie schon immer nicht gewusst haben! “ Hrsg. Elisabeth-Joe Harriet. Verlag Austria Nostra.

Jeder Besucher bekam auch einen Handzettel mit einer Zusammenfassung der wichtigsten jüdischen Wörter, die zum Teil auch im Wienerischen Eingang fanden, und einigen Sprichwörtern. – „Eine jüdische Seele kann man nicht ergründen“ oder „Eine Frau stellt einen auf die Füße und wirft einen von den Füßen“ – nachzulesen ebenda. In Zukunft werde ich keine E-Mails, sondern „Blizbrife“ versenden. Meschigeh!

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Great Voices im Wiener Konzerthaus: Juan Diego Flórez

Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland – Pfalz

Dirigent: Jader Bignamini

Die Sänger und Sängerinnen , die im Rahmen von“Great Voices“ im Konzerthaus auftreten, haben längst in den Herzen des Publikums einen fixen Platz. Zwischen den Künstlern und dem Publikum herrscht eine fast regelhafte Übereinkunft: Der Künstler gibt sein Bestes, das Programm ist gefällig. Das Publikum dankt mit rauschendem Beifall. So wird es immer ein Fest.

Erst recht, wenn Publikumsliebling Flórez auftritt. Zuerst wärmt er sich und die Zuhörer mit zwei Ohrwürmern aus der Oper „Rigoletto“ auf: „Questa o quella“ – dem Feschak nimmt man den leichtsinnigen Grafen ungeschaut ab. Auch seinen kurzfristigen Schmerz über den Verlust seines lieben Engels: „Ella mi fu rapita“. Danach mischt er geschickt wenig Bekanntes ins Programm: „Oh dolore“ aus Verdis Oper „Attila“. Da gelingt es Flórez, mit schlichtem Gesang, ohne große Gestik in die Tiefe eines Schmerzes hineinzugleiten, was ja bei einem Liederabend besonders heikel ist. Denn allzu leicht entblößen sich Gesten, die, weil schon oft gesehen, als hohl. Na ja, und irgendwann will und muss – vom Publikum erwartet -er seine Leichtfüßigkeit in der Höhe demonstrieren. Das tut er gekonnt und ohne Anstrengung am Ende der Arie „Odio solo..“ aus Verdis „I due Foscari“: Atmen, kurze Pause, um dann mit weit ausgebreiten Armen und leicht zurückgebeugtem Oberkörper die Höhe zu erklimmen. Wie zu erwarten: Das Publikum jubelt. Nach der schlicht vorgebrachten Liebesarie aus „La Traviata“ geht es in die Pause.

Um danach mit dem Hit „Dein ist mein ganzes Herz“ aus Lehars „Land des Lächelns“ die Herzen vor allem der Damen höher schlagen zu lassen. Operette muss wohl sein an so einem Abend, um nicht hinter Kaufmann und Beczala zurück zu bleiben. Hier mein ganz persönlicher Eindruck: Flórez macht es noch besser als seine Kollegen. gerade weil seine Interpretation verhalten und schlicht ist. Danach mit Augenzwinkern und leichtem Lächeln, das andeutet: „Sorry, aber dieses Lied gibt es nun einmal“: Lehars allgemeine Huldigung an die Schönheit der Frauen: „Gern hab ich die Frauen geküsst“. Da fiele wohl keiner Frau im Zuschauerraum ein, sich über die Existenz des Liedes und seiner Interpretation aufzuregen. #MeToo hin oder her! Nach dem Reißer „Freunde, das Leben ist lebenswert“ kehrt wieder die Klassik ein: Nach Werthers „Pourquoi me réveiller“ die innig gesungene Unterwerfung Don Josés unter Carmen: „La fleur que tu m´avais jetée“ und dem leisen Vorstellungslied Rodolfos aus der „Bohème“ „Che gelida manina“ beginnt das gemeinsame „Feiern“ – heißt: das Publikum tobt und erklatscht sich 5! – fünf!! – Zugaben. Eh klar, mit Gitarre: Zuerst das bekannte Lied von Carlos Gardel: El dia che mi chieras. Nicht ganz Gardel, ein wenig Tango, sehr viel Flórez-Charme. Dann auf Zuruf aus dem Publikum „Cucurrucucu -paloma“ – „Granada“ reißt das Publikum endgültig von den Sitzen. Zuletzt – welche Überraschung: „Nessun dorma“ – nein, da hat wirklich keiner geschlafen!! Eine Zugabe ist mir durchgerutscht. sorry!

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Nächstes Konzert im Rahmen von „Great Voices“: Anita Rachvelishwili am 19. Jänner 20120

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Shakespeare: Hamlet. Landestheater Niederösterreich

Inszenierung: Rikki Henry, Bühne: Max Lindner. Kostüme: Cedrik Mpaka. Musik: Nils Strunk. Licht: Günter Zaworka

Rikki Henry ist ein junger Regisseur aus London. Als er an das Münchner Landestheater kam, lernte er Martin Kusej und Ulrich Rasche kennen. Von letzterem stammt das geflügelte Wort: „Theater muss unangenehm sein!“. Henry hat diese These inhaliert.

An Hamlet glauben viele Regisseure, sich abarbeiten zu dürfen, ihn neu erfinden zu müssen. Denn was Shakespeare so geschrieben hat, sei klassisch-bieder, fad. Deshalb Hamlet neu. So auch am Landestheater.

Hamlet ist ein spätpubertierender Jungerwachsener, eher noch ein Jugendlicher. Er träumt davon, den Mord an seinem Vater zu rächen. Im Traum stellt er Szenen so um, wie er sie haben möchte: Da bricht er dem Onkel und seiner Mutter das Genick – man hört die Knochen knacken und knirschen. Er schickt die Ophelia ins Kloster, aber sie geht nicht, statt dessen beginnt sie von „Sein und Nichtsein“ zu delirieren. Wirklich wahnsinnig scheint sie nicht zu werden. Aber sehr wohl fühlt sie sich nicht in ihrer Rolle zwischen Ophelia aus Shakespeare und dem Handy, mit dem sie vielleicht mit Hamlet oder Gott oder mit niemandem kommuniziert. Ertrunken findet man sie in der Wasserschüssel. Darf gelacht werden? Einige finden ja. Es gibt auch wirklich witzige Einfälle, die ein wenig die Langeweile, die diese Inszenierung verbreitet, mit Staunen durchmischt: Der Königshof guckt mit 3D-Brillen dem Schauspiel zu, in dem der Mord an Hamlets Vater nachgespielt wird. Ganz lustig, Wieder hie und da ein Lacher. Man ist irgendwie auch wirklich dankbar für solche Szenen. Denn: Den Text, den die Schauspieler so zwischen Hochsprache und Gags von sich geben (da reimt sich peinlicher Weise „Mutter“ auf „kaputter“, dann meint Claudius: Wir müssen den Hamlet los werden, sonst sehen wir alt aus) ist streckenweise kaum zu verstehen. Muss ja nicht sein – meint wohl der Regisseur, denn er bedient ja das Publikum mit genug Gags.

Am Ende viel Applaus und einige brummen und brüllen. Sind jetzt Tierlaute statt Bravorufen die Form der Akklamation, die zum „neuen Theater“ passen?

Ehrlich: Mir ist ein klassischer Hamlet lieber, da lasse ich mich gerne gestrig oder bieder schimpfen.

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Hans-Josef Ortheil: Der von den Löwen träumte. Luchterhand-Verlag

In diesem soeben erschienen Band vereint Ortheil alle seine thematischen Vorlieben: Über eine interessante Persönlichkeit schreiben – Hemingway – über einen von ihm geliebten Ort schreiben – Venedig – und über das Schreiben selbst, beziehungsweise über Schreibhemmungen, schreiben.

Literarische Parallelen

Während der Lektüre erlebt der Leser einige Déjà-vu, die zu analysieren ihm spezielles Vergnügen bereiten könnte: Er erinnert sich vielleicht an den Werfelroman über Verdi: Der Komponist kam nach Venedig in einer echten Schaffenskrise, als er glaubte, nie mehr auch nur eine Note komponieren zu können. Dann wird dem Leser unweigerlich Thomas Manns „Tod in Venedig“ einfallen. Als Mann in einer schweren Schaffenskrise steckte, schrieb er sich diese an der Figur von Aschenbach ab. Für Thomas Mann alias Aschenbach wird Venedig zum Todesmythos. Während der Lektüre des Ortheil-Romanes fielen mir weiters die Parallelen zum Film „Il postino“ (Der Postmann) und zum Roman von Antonio Skarmeta „Mit brennender Geduld“, der dem Film zugrunde liegt, ein: Der Dichter Pablo Neruda findet in den Gesprächen mit dem jungen Briefträger einen gelehrigen Schüler, der bald auch Ideengeber wird. So auch in Ortheils Geschichte.

Hemingway, der große Trinker, in der Schaffenskrise

Wir schreiben das Jahr 1948. Ernest Hemingway und seine vierte Ehefrau Mary mieten sich im Hotel Gritti in Venedig ein. Dank des Revolverblatt-Journalisten Sergio Carini weiß bald ganz Venedig, wo und mit wem sich der große Schriftsteller, Kriegsheld und Großwildjäger herumtreibt. Das aber stört Hem, wie ihn Freunde nennen, nicht besonders. Er streift, mit allen nur möglichen Fremden redend und trinkend, durch die Stadt. Alles ist ihm recht, um von seiner Schreibhemmung abzulenken. Sein letzter Roman liegt schon lange zurück. Von Venedig erhofft er sich neuen Stoff und künstlerische Gestaltungskraft. Mit Paolo Carini, dem Sohn des besagten Journalisten, schließt er Freundschaft und engagiert ihn als „Hermes von Venedig“. Während der langen und gemütlichen Bootsfahrten durch die Kanäle notiert er akribisch alles, was er sieht, auch die banalsten Banalitäten. Dem Autor auf die bekannten und weniger bekannten Orte wie Harry‘ Bar, Torcello oder diverse campi zu folgen, bereitet zwar Vergnügen, ist aber doch durch die Banalität der Beschreibungen ermüdend. Etwas zäh wird die Geschichte, als sich Hemingway in die (real existierende) junge Adelige Adriana Ivancich verliebt. Er ist ein alter, müder Mann, der sich von der Achtzehnjährigen Verjüngung und emotionale Hochs erhofft. Aus den Begegnungen mit dieser infantil wirkenden Schönheit entsteht der Roman „Über den Fluss und in die Wälder“, der von der Kritik mit sehr viel Häme aufgenommen wurde und sicher nicht zu seinen besten Werken zählt. Der junge Fischer Paolo Carini wird zu seinem schärfsten Kritiker, ihn stößt alles, was mit dem Roman zu tun hat, ab. Er fordert von Hemingway einen ehrlichen, tiefgehenden Roman und schlägt ihm vor, von einem alten Fischer zu erzählen, der zum letzten Mal aufs Meer hinaus fährt und den Kampf mit einem Riesenfisch aufnimmt. – „Der alte Mann und das Meer“ wird zu einem der wichtigsten und bleibenden Werke Hemingways und Paolo ist stolz, Geburtshelfer gewesen zu sein.

Stilistische Tricks und Schwächen

Ortheil ist ein Meister der Spiegelfechtereien. Geschickt schiebt er reale Fakten und Fiktionen in- und übereinander. Hemingways Aufenthalte und Trinkorgien in „Harry ‚ s Bar“ sind hinlänglich bekannt. Dass der ermüdende Roman „Über den Fluss und in die Wälder“ tatsächlich auf die Liebe Hemingways zu Adriana Ivancich zurück zu führen ist und bei der Kritik durchfiel, ist historisches Faktum. Auch dass Hemingway die junge Adelige samt Mutter nach Cuba auf seine Finca einlud und seine Frau Mary damit ordentlich brüskierte, ist Faktum und wird von Ortheil als Fiktion in den Roman eingebaut. Mit der Familie Carini, Vater und Sohn, später auch Schwester und Mutter, führt Ortheil erfundene Personen ein und verquickt sie mit dem realen Geschehen. Das ist amüsant, weil sich der Leser stets fragt, was ist Fiktion und was Realität. Auf die Spitze treibt Ortheil das Spiel, wenn er Hemingways bekannte Manie, alles, was er beobachtet, akribisch aufzuzeichnen, im Roman eins zu eins umsetzt. Denn die banalen Details bleiben auch als Ergüsse eines Genies immer noch banal und langweilig. Peinlich wird es, wenn Ortheil vorgibt, den Gesprächen zwischen Hemingway und Adriana zu lauschen. Da wird es mehr als banal, peinlich banal.

Unterm Strich: „Der von den Löwen träumt“ ist ein gefälliger Roman, der vielerlei Leserinteressen bedient: Allen voran die der Liebhaber Venedigs, die dem Autor begeistert an bekannte Orte folgen. Auch alle Fans von Romanbiografien werden an dem Buch ihr Vergnügen haben. Immer vorausgesetzt, sie haben die Toleranz, die ausufernde Wiedergabe von Beobachtungen und Gesprächen als inhaltlich notwendig zu akzeptieren.

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Margret Greiner, „Ich will unsterblich werden“

Untertitel: Friederike Beer-Monti und ihre Maler

Verlag Kremayr – Scheriau

Es ist ja dann doch etwas aus dem verwöhnten Ding geworden. Wer hätte das erwartet!? Genau auf Seite 173 wird aus der Fritzi, mit vollem Namen Friederike Beer, später Beer-Monti, eine interessante Frau. Bis dahin erzählt Margret Greiner recht launig über ein Mädel der Wiener Gesellschaft um 1900, das es sich gut gehen lässt, das Leben dank einer fleißig arbeitenden Mutter unbeschwert genießen kann. Manchmal hilft sie der Mutter in der florierenden Gastwirtschaft, später Bar, in der Krugerstraße 3, im ersten Wiener Gemeindebezirk. Ziemlich unbekümmert um „Anstand und Moral“ wird sie die jahrelange Geliebte, später Lebensfreundin des Malers Hans Böhler, des Sohnes aus reichem Haus. Aber das garantierte noch nicht Ruhm und Unsterblichkeit. Und unsterblich wollte sie unbedingt werden. Dank ihrer jugendlichen Unbekümmertheit und ihres Charmes konnte sie Maler wie Egon Schiele, Klimt und natürlich ihren Lebensgefährten Hans dazu überreden, sie zu malen. Modell und Muse dieser Maler gewesen zu sein, hätte vielleicht für eine Kurz- Biografie gereicht. Aber Margret Greiner verfolgt den Lebensweg weiter. Nach einer kurzen Ehe mit dem feschen italienischen Offizier Monti kehrt Federica, wie sie sich ab nun nennt, wieder nach Wien zurück und lernt den – natürlich reichen – Amerikaner Hugh Stix kennen. Ab hier bekommt ihr Leben Linie und Ziel: Sie folgt ihm 1936 nach New York, wo sie mit seiner finanziellen Hilfe die „Artist’s Gallery“ eröffnet. Vielen jungen, unbekannten Malern bietet diese Galerie ein Forum, eine Verkaufsplatte. Vor allem aber verhilft Federica Beer-Monti von den Nazis verfolgten Künstlern zu einem Visum für Amerika. So weit sie kann, unterstützt sie sie auch finanziell. Nach 26 Jahren schließt sie die Galerie und übersiedelt in ein Altersheim in Haweii, wo sie sich der Aufarbeitung der Werke ihres Freundes Hans Böhler widmet. Mit 90 Jahren scheidet sie freiwillig aus demm Leben.

Margret Greiner, bekannt für ihre sensiblen Romanbiografien, beschreitet mit diesem Buch neue stilistische Wege. Sie nennt es nicht mehr „Romanbiografie“, auch nicht Roman, auch nicht Biografie. Innere Beweggründe, wie sie im Buch über Emilie Flöge, die Lebensgefährtin von Klimt, oder über die Malerin Charlotte Salomon sehr subtil nachzeichnet, sich in ihre Seelen einfühlt, bleiben diesmal aus. Statt dessen reichert sie die Geschichte mit Namen bekannter Maler, aber mehr noch unbekannter Maler an. Streckenweise artet es in ein ermüdendes „name dropping“ aus. Ihr Stil wird nüchterner, kürzer, den Sätzen kommt das Prädikat abhanden, so als ob keine Zeit bliebe, einen Gedanken auszuformulieren. Mit diesem (neuen) Stilmittel charakterisiert Margret Greiner den hektischen Lebensstil nach dem Zusammenbruch der Monarchie, die Zeit des Ersten und Zweiten Weltkrieges und die Zeit danach.

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I

Drago Jancar: Wenn die Liebe ruht. Zsolnay Verlag

Aus dem Slowenischen von Daniela Kocmut

Seit dem Roman „Die Nacht, als ich sie sah“, schrieb sich Drago Jancar in die Liste der besten slowenischen Autoren ein. Im Jahre 1944 verschwinden eine junge Frau und ihr Ehemann spurlos. Nachforschungen ergaben, dass beide von Titopartisanen verschleppt und umgebracht wurden. Zum ersten Mal bringt ein Autor Licht in die verwirrende politische Lage Sloweniens vor und nach dem Ende des 2. Weltkrieges. Der Roman hatte nachhaltige Wirkung.

Nun also war man auf den neuen, mit viel Vorschusslorbeeren bedachten Roman neugierig. Wieder befasst sich Jancar mit der Zeit um 1944, als Slowenien von den Deutschen besetzt wurde. In der Kleinstadt Maribor werden Nicht -Deutschstämmige und solche, die nicht für Hitler sind, ausgewiesen, in Lager geschickt oder gleich an die Wand gestellt. Partisanen formieren sich zum Widerstand, nur sehr wenig von den Bauern unterstützt. Denn diesen droht von der Gestapo Schlimmes, wenn sie Partisanen verstecken oder unterstützen.

Der geschickt ausgewählte Titel imaginiert, wie schon im ersten Roman, eine Liebesgeschichte. Die gibt es zwar, ist aber nur der dünne Faden, der die Spannung erhalten soll: Sonja und Valentin sind glücklich verliebt, solange bis er zu den Partisanen geht, geschnappt wird und von der Gestapo aufs Grausamste verhört wird. Sonja gelingt es, den verhörenden Offizier zu einer Freilassung zu „überreden“. Als Gegenleistung verlangt er eine Nacht mir ihr. Sie willigt ein, doch aus dem Koitus wird nichts – die Potenz des mächtigen Gestapomannes versagt vor ihrer kalten Unbeteiligtheit.

Valentin ist frei, aber unter Beobachtung der Gestapo. Zwischen ihm und Sonja ist etwas zerbrochen, er ahnt, um welchen Preis, den sie ja nicht wirklich zahlen musste, er frei kam. Verstummen der Liebe. Ab da wird das Buch eine fürchterliche Detailbeschreibung der Hölle, der Folter, der Ermordungen. Keiner traut mehr dem anderen, daher lieber ihn gleich umbringen: Angst und Argwohn, jeder verdächtigt jeden, mit (den genau beschriebenen Foltermethoden) will man „die Wahrheit“ seinem Gegner herausquetschen. Angst, Verrat, Hoffnungslosigkeit sitzen in den Seelen und haben Lebensfreude und Liebe ausgelöscht. Auch als der Krieg vorbei ist, geht das Morden weiter. Da ist der Leser bereits so erschöpft und deprimiert, dass er das Ende des Buches herbeiblättert.

Ist die krasse, detailreiche Beschreibung all der Grausamkeiten wirklich notwendig? Man respektiert, wie genau der Autor recherchiert, in den Archiven des Grauens nachgelesen hat. Das Bild, das er abliefert, gleicht einem Protokoll eines Gefängnisses, eines Lagers. Recherchen sind die eine Sache, daraus ein literarisch gültiges Werk zu machen, die andere. Dass Drago Jancar weiß, wie es literarisch auch anders funktioniert, zeigte er ja in dem Roman „Die Nacht, als ich sie sah“.

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Ballett: Jewels. Wiener Staatsoper

Choreographie: George Balanchine

Kostüme: Barbara Karinska

Bühnenbild: Peter Harvey

Dirigent: Paul Connelly

George Balanchine, der amerikanische Russe georgischer Herkunft und französisiertem Namen, war der große Schweiger, wenn es darum ging, seine Ballettchoreographien zu erklären. Unter seinen 450 Choreographien nimmt „Jewels“ eine Sonderstellung ein, gilt es doch als erstes „abstraktes Ballett“. Mag schon sein, dass die Pracht der Smaragde, Rubine und Diamanten in der Auslage des Juweliers Van Cleef & Arpels in der Fifth Avenue in New York Ideengeber war. Die Titel der drei Teile untermauern die Vermutung.

Manuel Legris bringt dieses Meisterwerk nun gleichsam als Abschiedsgeschenk zum Abschluss seiner Ära als Ballettdirektor zur Gänze auf die Bühne.

EMERALDS – MUSIK: GABRIEL FAURÉ

Gabdullin, Mair in „Emeralds“

Vor einem giftgrünen Himmel, in dem man vielleicht eine Sonne vermuten kann, und zwischen herabregnenden „Smaragden“ tanzen die beiden Paare Natascha Mair mit Robert Gabdullin und Madison Young mit Roman Lazik, eingerahmt vom Corps de Ballet und Ioanna Avraam, Alice Firenze, Dumitru Taran. Noch bleibt die erwartete Faszination aus, zu klassisch und zu oft gesehen ist die Tanzsprache. „Sehnsucht“ könnte man hinter der Musik und dem Gestus vermuten. Schön, aber langweilig.

RUBIES – MUSIK: IGOR STRAWINSKI

Papava und Ensemble

Mit der Musik von Strawinskis „Capriccio“, dem spritzigen Bühnenbild und den Kostümen in flammendem Rot ändert sich sofort die Temperatur des Tanzes: Ketevan Papava hat an ihrem aufmüpfigen Hüftdrehungen sichtlich Spaß. Ganz in der Rolle zwischen Clown und Commedia dell‘ Arte -Figuren gehen Nikisha Fogo und Davide Dato auf. Das Ensemble hüpft und dreht sich, als ob es im „Triadischen Ballett von Oskar Schlemmer agiere. Begeisterter Applaus, Blumenbouquets fliegen auf die Bühne.

DIAMONDS – MUSIK: TSCHAIKOWSKI. SYMPHONIE NR. 3

Feyferlik und Esina

Prima la Primaballerina, dopo il Ballerino! Das gilt besonders für den letzten Teil der „Jewels“, in dem Olga Esina mit ihrer strahlende Tanzkunst das Publikum betört. Von Jakob Feyferlik mit sichtlichem Respekt und Begeisterung unterstützt tanzt sie mit der ihr innewohnenden Ruhe. Jede Figur wird von innen her gelebt und fließend mit der nächsten verbunden. Beider Soli sind Glanzleistungen, die vom Publikum mit langem Applaus bedacht werden. Nicht unerwähnt sollte die Leistung des Corps de Ballet bleiben, die exakt und scheinbar mühelos die klassische Schule tanzen.

Insgesamt ein eindrucksvoller Abend. Das Publikum dankte mit viel Applaus.

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Angelo Branduardi: Liederabend. Wiener Konzerthaus

Er kam, sang und siegte!

Im Großen Saal des Konzerthauses spürte man die Erwartungen. Sie waren gekommen, um „ihren“ Branduardi“ zu erleben. Manche im Outlook dem Sänger nicht unähnlich: lange, weiße Locken, jugendlich aber immer noch. Blaues Licht, leichte Nebelschwaden bereiten das „Erscheinen“ des Meisters vor. Begleitet von seiner Band:

Antonello D‘ Urso -Gitarre, Stefano Olivato – Bass, Fabio Valdemarin – Keybord, Davide Raggazzoni – Schlagzeug.

Und natürlich: Angelo Branduardi -Gitarre und Violine und seine unverkennbare, sanfte Stimme!

Angelo Branduardi zählt zu den bekanntesten „cantautori Italiani“, die von 1970 bis in die frühen 90er Jahre die Musikbühne Italiens und darüber hinaus beherrschten. Sie sangen von der Liebe zur Natur, zum Menschen, gegen Krieg und gegen politische Machtströmungen.

Suoni tra le malghe

Ein lauer Sommerabend in den frühen 90er Jahren: Publikum und Angelo Branduardi marschieren gemeinsam auf eine Alm. um dort gemeinsam die Natur und die Musik zu genießen. Das Trentino lud (und lädt immer noch) den ganzen Sommer über im Rahmen von „Suoni tra le malghe“ (Musik auf den Almen) Musiker und Publikum zu Konzerten unter freiem Himmel und freiem Eintritt.

Die Stimmung war ein bisschen „Little Woodstock“: Man saß im Kreis, in der Mitte Branduardi, er sang über die Schönheit der Natur, man summte mit. Leise klang der Abend aus mit dem zärtlichen Song: Primavera, in dem es heißt: Du bist das Gras, die Blume, der Vogel. Dann stieg man gemeinsam ab ins Dorf.

Angelo Branduardi im Konzerthaus

Sonnenuntergang und Sternenhimmel sind im Konzerthaus durch eine geschickte Licht- und Bühnenregie ersetzt. Branduardi streicht hart die Saiten der Violine und beginnt ohne einleitende Worte mit dem aufmüpfigen Song: „Si può fare“ das Publikum zu provozieren: Du kannst die Verbesserung der Welt wollen oder es bleiben lassen, kannst weiter nur ans Kaufen und Verkaufen denken – du hast die Wahl! Die Richtung des Abends ist vorgegeben: Kritik an der Gegenwart. Als leuchtendes Vorbild wird der Heilige Franziskus genannt. Herrlich singt Angelo Branduardi den berühmten „Sonnengesang“, ohne auch nur einen Hauch von Kitsch. Mit Anleihen aus der mittelalterlichen Musik folgt „Il Sultano di Babilonia“ : die Legende erzählt von Franziskus, der mit seinen Gefährten nach Babylon reist, dort gefangen genommen und geschlagen wird. Aber der Sultan hört seine Lieder und lässt ihn frei… Dazu Branduardi: „Dieser Song hat hohe Aktualität“ und spielt wohl an die Reise des Papst Franziskus in die Emirate an.

Nach der Pause hüllt Angelo Branduardi sein Publikum in die kalte Romantik der Eisberge ein: In einem traumhaften Song begleitet er den Seefahrer Franklin auf seiner Reise zum Nordpol, wo sich seine Spur zwischen den weißen Bergen verliert: “ e alle sue spalle si chiuse il mare“…Es folgt eine kurze, beklemmende Stille, bevor der Jubel losbricht! Danach das heitere Grusellied: Il topolino: Die Maus wird von Katze gefressen, die vom Hund, der mit dem Stock geschlagen usw. Kanonartige Kinderreime, mit denen Branduardi und seine Band das Publikum zum Mitsingen und Mitklatschen anfeuert. Danach folgt – ja muss folgen: La pulce dell`acqua, der Hit, mit dem Brandurardi bekannt wurde. Und wie ein Rattenfänger zieht der Meister die Menschen mehr und mehr in seinen Bann. Viel Applaus, Standing Ovation! Als Zugabe – ganz ungewöhnlich für Branduardi: Ein zartes Liebeslied.

http://www.konzerthaus.at

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Peter Shaffer, Equus. Theater Scala.

Auch heute noch, fast fünfzig Jahre nach der Uraufführung am britischen Nationaltheater, schockiert das Stück. Nicht jeder Zuschauer kann den Nacktszenen, den homoerotischen und an Sodomie anspielenden Szenen gelassen zusehen. Doch im Gegensatz zu den 7oer Jahren des vorigen Jahrhunderts ist man nicht über die Tatsache geschockt, dass ein 17 – jähriger Junge ein Pferd wie einen Gott verehrt und sich in einem orgiastischen Ritt gleichsam mit ihm vereint, sondern man ist geschockt, wie der Junge so sehr in Einsamkeit und Verzweiflung getrieben werden konnte, dass er sich diesen Ersatz für fehlende Wärme und Gefühle sucht.

Alan Strang (mutig und mit intensivem, körperlichem Einsatz von Angelo Konzett gespielt) wird in die Jugendpsychiatrie eingeliefert, nachdem er drei Pferden die Augen ausgestochen hat. Unter der kundigen Führung des Psychiaters Martin Dysart (hervorragend: Anelm Lipgens) löst er sich aus der Schockstarre und beginnt sich zu erinnern, bis er die ganze unheilvolle Nacht offen ausagiert. Ist das ein Weg zur Heilung, fragt sich Dysart? Was heißt überhaupt geheilt? – Dem Menschen seine Fähigkeit zu leiden, zur Leidenschaft zu nehmen und ihn in eine öde Normalität führen, ihn zu einem braven Bürger zu machen, der nichts mehr empfinden kann? Der Autor führt die Figuren an die Grenzen der Psychiatrie, formuliert die Zweifel des Psychiaters und stellt damit die Grundsatzfrage: Was kann Psychiatrie leisten? Welchen Menschen soll/darf sie aus dem Kranken machen? Was heißt „gesund“ und „krank“? Fragen, die sich auch der schizophrene Schriftsteller Thomas Melle in seinem Buch „Die Welt im Rücken“ stellt. (Joachim Meyerhoff hat es genial auf der Bühne umgesetzt)

Dem Regisseur Sam Madwar gelang eine dichte, beklemmende Inszenierung. Er stellte ein Holzpodium in die Mitte der Bühne, umgeben von Bänken, auf denen die Schauspieler auf ihren jeweiligen Einsatz warten. Einmal ist es der Behandlungsraum, dann der Stall mit den Pferden oder auch das Zuhause von Alan. Mit diesem nüchternen Bühnenbild nimmt Sam Madwar die Schwüle, die sich vielleicht einstellen könnte, vollkommen heraus. Nichts lenkt ab von dem intensiven Spiel der Darsteller, die alle großartig sind: Birgit Wolf als bigotte Mutter, die ihren Sohn in eine Art religiösen Wahn treibt. Christoph Prückner als Vater, der gegen den religiösen Fanatismus seiner Frau und seines Sohnes nicht ankommt. Großartig die drei Pferde, muskulöse Tänzer in schwarzen Strapsen, um das homoerotische Element zu betonen (Tom Wagenhammer, Eduard Martens, Bernardo Ribeiro). Den Mut, auf dem Mannpferd nackt zu reiten und den Orgasmus voll auszuagieren muss man an dem jungen Angelo Konzett voll bewundern. Ebenso auch Angela Ahlheim, die als junge Pferdenärrin Jill den schüchternen Alan zum Sex verführen will. Da er sich aber von den Pferden beobachtet fühlt, misslingt der Sex total. Aus Wut darüber sticht Alan den Pferden die Augen aus.

Am Ende bleiben ein erschöpfter und von Zweifeln an seiner Methode gequälter Psychiater und ein hilflos am Boden liegender, von allen Schutzhüllen entblößter Alan zurück. Und ein tief berührtes Publikum, das mit viel Applaus seine Bewunderung ausdrückt, aber auch die eigene Beklemmung wegklatscht.

Weitere Aufführungen bis zum 22.11. 2019 jeweils Di-Sa um 19.45h

http://www.theaterzumfuerchten.at

Wie versteckt man einen Elefanten? Kasino des Burgtheaters.

Von Joel Horwood nach dem Roman „The Great Elephant Chase“ von Gillian Cross.

Trotz strahlendem Spätsommerwetterwar das Kasino bis auf den letzten Platz ausverkauft. Mindestens ein Drittel des Publikums war zwischen vier und zehn Jahre alt.

Erwachsene wie Kinder hatten ihren Spaß! Erwachsene vielleicht noch mehr, da sie auch die feinen Anspielungen und den hintersinnigen Humor genießen konnten, der für de Kinder doch manchmal zu subtil war. Den Kindern war der Elefant Kush, der da in Lebensgröße über die Bühne stapfte und allerlei Unliebsames erlebte, ohnehin am wichtigsten! Hier gleich ein großes Lob an die vier Akteure, die dieses Pappmache-Tier über die Bühne bewegen mussten: Katharina Hallub, Daniel-Frantisek Kamen, Iris Schmid, Stephan Witzlinger. Bewegen allein war schon ein Kraftakt. Voller Einsatz war von ihnen verlangt, wenn es hieß, den Elefant in einem Waggon, in einer Scheune zu verstecken oder gar auf ein schwankendes Floß zu verfrachten. Verantwortlich für diese Elefantenakrobatik und den ganzen Bühnenzauber waren der Puppenmagier Mervyn Millar und der Regisseur Ingo Berk. Mit wenigen Mitteln und in Sekundenschnelle ließen sie Zeit, Ort- und Personen wechseln. Dafür brauchte es natürlich ein gut eingespieltes Ensemble, das mit körperlichem Höchsteinsatz und größter Konzentration diese schnellen Szenenwechsel bewerkstelligte.

Zu Beginn des Amerikanischen Bürgerkrieges, so etwa um 1860, zieht ein Magier (Markus Kiepe in einer seiner vier Rollen) mit seiner Tochter (Maresi Riegner) und einem Elefanten durch die Dörfer und Städte der Südstaaten. Trickreich luchst er den Bewohnern viel Geld ab, was wiederum die Gier eines Gaunerpärchens ( Gunter Eckes und Alexandra Henkel, beide in mehreren Rollen) hervorruft. Sie beschließen, den Elefanten zu kapern. Vater, Tochter und Elefant müssen fliehen, sich verstecken. Unfreiwillig mit auf der Flucht ist Tad – sympathisch und überzeugend gespielt von Leonard Dick-, der bisher wie ein Sklave von dem Gaunerpaar gehalten wurde und nun eine erste Ahnung bekommt, was Freiheit bedeutet. Wie das in einem Kinderstück so sein muss, werden die Bösen bestraft. Das Gaunerpärchen muss ins Gefängnis. Die beiden Jugendlichen und der Elefant landen glücklich bei der guten Tante Ketty. In dieser und mehreren anderen Rollen wieder einmal Elisabeth Augustin erleben zu dürfen, war reine Freude. Wie das ganze Stück den Alten und sehr Jungen reine Freude bereitete.

http://www.burgtheater.at

Euripides: Die Bakchen. Burgtheater

Übersetzung aus dem Altgriechischen: Wolfgang Schadewaldt, mit zusätzlichen Zitaten von Nietzsche. Endgültige Fassung: Sebastian Huber (Dramaturgie) und Ulrich Rasche (Regie und Bühne)

Euripides gilt als der Dramatiker, der sich von der griechischen Götterwelt verabschiedete. Seine Personen motivierte er eher psychologisch als religiös. Deshalb sieht man in ihm den Aufklärer, im Gegensatz zu Aischylos und Sophokles, die ihre Protagonisten als von den Göttern Bestimmte und in Schuld Behaftete zeichneten.

Doch „Die Bacchantinnen“, wie dieses Drama allgemein betitelt wird, gibt Rätsel auf. Euripides schrieb es 406 v. Christus, als er enttäuscht von der Politik seiner Heimatstadt Athen ins freiwillige Exil nach Pella ging. Kehrte er mit diesem Alterswerk in die Welt des Irrationalen, des Mythos, der Ekstase zurück? Oder sieht er den Untergang der Zivilisation in der wahnhaften Rückkehr des Dionysischen? Alles blieb offen.

Der Regisseur Ulrich Rasche bestückt sein Maschinentheater mit einer gigantischen Drehbühne, die an den Bauch einer ausrangierten Fabrik oder einer entmenschten Stätte erinnert. Auf riesigen Laufbändern treten die Schauspieler auf der Stelle, kommen kaum weiter und brüllen in quälend langsamen Rhythmus ihren Text in den Raum. An beiden Seiten der Bühne sind die Musiker (Musik von Nico van Wersch) aufgestellt: links die Streicher, rechts am Schlagwerk Katelyn King, die unermüdlich zu den Worten der Schauspieler den Rhythmus drommelt. Bewundernswert, wie diese zarte Person diesen Kraftakt durchsteht. Im Publikum halten sich einige die Ohren zu, weil der Lärm unerträglich ist. Erst in der Pause erfährt man, dass das Personal gratis Ohrstöpsel zur Verfügung stellt. Nur sagt einem das keiner vorher. Ein kleiner Zettel an der Gangwand weist darauf hin. Zu diskret. Nach dem ersten Teil haben deshalb ein gutes Drittel das Theater verlassen. Verständlich! Denn der Lärm geht auch aufs Herz. Man spürt deutlich, wie es die Schläge der Musik aufnimmt, was auf die Dauer sehr unangenehm ist. Wie sagte der Regisseur Ulrich Rasche in einem Interview: „Theater soll anstrengend sein!“ Und beweist das gleich mit dieser Inszenierung.

Dionysos (Franz Pätzold) zieht in Theben ein, führt Krieg gegen den König Pentheus (Felix Rech), der ihn nicht anerkennt. Denn er vertritt die Ordnung und die Gesetze, die den Thebanern ein Leben in Frieden sichern. Doch mit dem Frieden ist es vorbei. Zu mächtig ist die Verführung des Gottes: Die Scharen folgen ihm – in dieser Fassung Frauen und Männer. In der Antike bestand das Gefolge des Dionysos nur aus Frauen. Trance, Orgie, Blutrausch werden die „Mitte, die Mittelmäßigkeit bedeutet“, zerstören, prophezeit der Gott. Und so geschieht es. Am Ende triumphiert das Chaos. Pentheus wird von den Bakchen in Stücke gerissen und Agaue (Katja Bürkle), die als erste Dionysos in das Gebirge folgte, hält den Kopf ihres Sohnes in den Händen. Entsetzt erwacht sie aus der Trance, in der sie Dionysos einst gefolgt ist.

Man muss den Einsatz aller Schauspieler, insbesondere des Chores, die gegen den Lärm der Musik anschreien müssen, bewundern. Aber auch den Rest des Publikums, das bis zuletzt ausharrte. Der Applaus galt den Schauspielern, aber wohl auch sich selbst. Als Selbstbestätigung der eigenen Leidensfähigkeit, diese monströse, aber doch auch großartige Zwangsverunglückung ausgehalten zu haben.

Man darf neugierig sein, wohin die Burg unter dieser neuen Instanz steuern wird..

Ein Wort noch zum Programm: Passend zur Düsternis des Bühnenbildes ist es in schwarz-grau gehalten. Was bewirkt, dass die Texte nur bei Tageslicht gelesen werden können. Im Theater selbst ist es unmöglich.

http://www.burgtheater.at

Nino Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka)

Frankfurter Verlagsanstalt

Georgien war lange von der literarischen und politischen Landkarte ausradiert. Seit es aber 2018 als Gast zur Frankfurter Buchmesse eingeladen war, staunten Verlage und Leser nicht schlecht über die Fülle an Literatur, die da im Abseits gediehen war. Georgien war durch Jahrhunderte ein Spielball verschiedener Mächte. Um 1900 lebte es unter dem russischen Zaren, dann nach einer kurzen Zeit der Freiheit wieder unter der russischen Macht. 1991 konnte es sich nicht wirklich von den verkrusteten politischen Strukturen, die Russland dem Land und seinen Menschen einzementiert hatte, freikämpfen. Bürgerkriegsähnliche Zustände verhinderten lange Zeit eine stabile Regierung.

Nino Haratischwili ist 1973 in Tiflis geboren, lebt heute in Hamburg und schreibt auf Deutsch. Ihr fast 1.300 Seiten starker Roman ist ein Gang durch die Geschichte Georgiens. Aber erzählt wird nicht die Geschichte bekannter Namen, sondern von Menschen, die von der „offiziellen Geschichtsschreibung“ ungenannt bleiben. Indem Nino Haratischwili die Geschichte der Familie Jaschi durch sechs Generationen erzählt, gibt sie denen eine Stimme, die in der Diktatur Russlands keine Chance hatten, gehört zu werden. Der Roman ist gleichsam ein Aufbegehren gegen die in Diktaturen üblichen Fälschungen der Tatsachen. Aus demselben Grund überschwemmen zur Zeit auch Familiengeschichten aus der ehemaligen DDR den Markt: Man will die Geschichte aus der privaten Perspektive erzählen und den bisher Ungehörten eine Stimme geben.

Die Icherzählerin bleibt lange ungenannt, im Hintergrund. Nur hin und wieder taucht sie als ein Ich auf. Erst im letzten Drittel des Romans erfährt man ihr persönliches Schicksal. Die Geschichte beginnt mit ihrem Ururgroßvater, der mit einem geheimnisvollen Schokoladenrezept den Reichtum der Familie begründete. Seine Tochter Stasia erbt das Rezept, das sie wiederum nur an eine Frau aus der Familie weitergibt. Der Roman konzentriert sich hauptsächlich auf die Frauen der Familie, die alle sehr eigenwillig und selbstbewusst sind. Als Gegenspieler fungiert Kostja, der eine glänzende Karriere in der russischen Marine macht und sich als Familienoberhaupt geriert. Haratischwili berichtet über Folter, Bestechung, Bespitzelung in der sowjetischen Diktatur. Wie die Menschen entweder von Angst geleitet sich unterordnen oder aufbegehren. Es sind eher die Frauen, wie etwa die Sängerin Kitty, die sich aufbäumen und trotz erlittener Folter stark bleiben und sich ein Leben im Ausland aufbauen. Aber das Trauma, das sie und alle anderen Frauen des Romans erleben, prägt sie und ist unauslöschbar. Vielleicht wird die 13-jährige Brilka als erste dieses Trauma auflösen. Für sie schriebt die Icherzählerin die Geschichte der Familie auf. Offen bleibt, was Brilka mit diesem Wissen machen will. Deshalb endet der Roman mit Leerseiten.

Haratischwili ist eine Erzählerin, die weiß, wie sie ihre Leser durch die 1.300 führen muss, ohne dass diese den Atem und die Lust am Weiterlesen verlieren. Zu Anfang jedes Kapitels listet sie das politische Weltgeschehen, im Besonderen aber die Ereignisse in Georgien in einer kühlen, unpersönlichen Faktensprache auf, um danach auf die Ereignisse der Familie einzugehen. Sofort ändert sie Stil und Temperatur, sie erzählt warm, poetisch, manchmal zu poetisch von den Frauen, ihren Versuchen, sich vom Trauma der Geschehnisse freizukämpfen.

Achtung – es droht Suchtgefahr! Man stürzt in das Geschehen hinein, kann nur mit Mühe aufhören zu lesen! Am besten, man gönnt sich einige Urlaubstage, um ungestört in das Leben dieser starken Frauen eintauchen zu können.

http://www.fva.de

Christoph W.Bauer: Niemandskinder. Haymon- Verlag

Bücher über Kriege, Nachkriegszeiten und Terror überschwemmen den Markt. Da fällt der Roman von Christoph W. Bauer zunächst positiv auf. Er „erzählt“ von den Niemandskindern, die als Väter französische Soldaten hatten und von den Einheimischen mit Verachtung gestraft und mit Böswilligkeiten verfolgt wurden- Ein Thema, das hochaktuell ist. Viele – jetzt längst schon Erwachsene – suchen heute per Internet oder Fernsehen ihre Erzeuger.

Chrisoph W. Bauer kann sich nicht entschließen, ob er das Thema als Historiker oder als Schriftsteller behandeln soll. Er macht es sich und dem Leser nicht leicht, switcht zwischen Zeiten, Orten und Personen, dass man ihm kaum und nur ungern folgt. Die „Handlung“ – soweit nacherzählbar:

Der Icherzähler ist in Tirol aufgewachsen, entflieht dem engen und stockbürgerlichen Innsbruck, lebt in Paris, erlebt eine intensive Liebe mit einer jungen Frau, die wahrscheinlich – so genau wissen er und der Leser es nicht – marokkanische Wurzeln hat. Sie genießen ihr Leben in der Banlieue von Paris. Leben von dem wenigen Geld, das sie verdient. Er redet nur – von einem Roman, den er schreiben wird, aber nie beginnt. Dann zerbröselt die Beziehung. Man bekommt mit, dass der Icherzähler Karriere an der Uni in Innsbruck macht. Ihm fällt ein Foto in einem Zeitungsartikel von Marianne, einer ehemaligen Freundin aus Kindheitstagen, in die Hände. Sie sei seit Jahren spurlos verschwunden. Er macht sich auf die Suche. Sucht zugleich auch nach seiner ehemaligen Paris-Geliebten. Nun wird die Geschichte immer wirrer. Marokkanische Soldaten als Zeugungsväter kommen ins Spiel. Alles sehr unklar. Man liest das Buch zu Ende, weil man wissen möchte, was unter dem Strich herauskommt. Und ist verärgert, weil ein wichtiges Thema vergeigt wurde. Besatzungskinder und deren Mütter hätten entweder eine reine Dokumentation oder einen Roman auf Basis klarer Strukturen verdient.

http://www.haymonverlag.at

Andrea Jonasson und Roland Koch lesen Tolstoi, Anna Karenina.

Ort: Gläserner Saal, Musikverein. Musikalische Begleitung: Alexander und Konstantin Wladigeroff. Konzept und Dramaturgie: Angelika Hager.

Andrea Jonasson (Bildrechte: Sepp Gallauer/CPS Austria)

Roland Koch (Bildrechte: Bernhard Uhlig)

Angelika Hager gelang das schier Unmögliche: Sie schrieb eine ideale Lesefassung des mehr als tausend starken Romans, den Rosemarie Tietze neu übersetzte. Dabei konzentrierte sich Angelika Hager auf die Liebe zwischen Anna und Wronskij. Die Geschichte von Kitty und dem Gutsbesitzer Ljewin ließ sie außen vor. Kitty wird nur erwähnt, um Wronskij zunächst als leichtsinnigen Bonvivant zu charakterisieren, der dem Mädchen den Hof macht, ohne auch nur im Geringsten an eine Heirat zu denken.

In inneren Monologen, die aus subtil angedeuteten Gesten plötzlich Realität werden, lassen die beiden Vollblutschauspieler Andrea Jonasson und Robert Koch die Leidenschaft aufglühen, zeichnen ein Bild der verlogenen, verknöcherten Gesellschaft in Moskau des 19. Jahrhunderts auf. Eine Gesellschaft, deren Spott und Verachtung Anna zu spüren bekommt, während Wronskij unattackiert bleibt und sein Leben in der Öffentlichkeit fast wie früher leben kann. Die Bösartigkeit und die immer schwächer werdende Liebe Wronskijs treiben Anna in den Selbstmord. Sie wirft sich vor einen Zug.

Andrea Jonasson ist Anna Karenina, im Aussehen elegant, in der Stimme erotisch, verliebt, reuig, verzweifelt und zerstört. Roland Koch ist zunächst ein brillanter Fraueneroberer, dem man den Erfolg in der Gesellschaft abnimmt. Aber auch einer, der aus Liebe zu Anna die militärische Laufbahn aufgibt und mit Verantwortungsbewusstsein diese Beziehung lebt. Und auch einer, der verzweifelt, als er merkt, dass Langeweile und manchmal sogar Hass seine Liebe zu Anna zerstören und er seine Abneigung nicht mehr verbergen kann. Beide lesen, nein spielen diese leidenschaftlich Beziehung ohne Pathos, aber mit einer Intensität, die den Zuschauer voll in das Geschehen mit einbezieht.

Die beiden bulgarischen Musiker Konstantin und Alexander Wladigeroff begleiten und untermalen das Geschehen mit subtilen musikalischen Einfällen. Ein Abend, den man gerne ein zweites Mal erleben möchte. Wo und wann?

http://www.musikverein.at

Jonas Kaufmann im Wiener Konzerthaus.

Im Rahmen der Reihe „Great Voices“ sang Jonas Kaufmann Lieder aus Strauß-Operetten und Wiener Lieder. An seiner Seite: Rachel Willis Sorensen. Begleitet wurde er von der Prager Philharmonie. Dirigent: Jochen Rieder.

Ungeduldig wartete das Publikum auf Jonas Kaufmann. Nervöses Gemurmel: Er wird doch nicht absagen. Als er dann kam, entschuldigte er sein spätes Erscheinen damit, dass er über die Fernsehübertragung verärgert sei. Wie? Das sagte man ihm nicht? Es sei das erste Konzert zu Beginn einer langen Tournee. Da hätte er lieber zwangloser gesungen, meinte er.

Im ersten Teil standen Johann Strauß Operetten mit Liedern aus „Eine Nacht in Venedig“, „Die Fledermaus“, „Die Tänzerin Fanny Elssler“ und „Wiener Blut“ am Programm. Mag es nun der Verärgerung geschuldet sein oder dem allzu lautem Orchester, das Jochen Rieder eher marschmäßig dirigierte – Kaufmann und seine Sopranistin Willis-Sorensen kamen nicht so richtig in Fahrt. Im „Uhrenduett“ aus der Fledermaus war Kaufmann stimmlich zwar voll da, aber wirkte ein wenig gekünstelt. Willis Sorensen konnte die Szene auch nicht richtig auflockern. Ihr Sopran wirkte hart.

Nach der Pause

Nach der Pause war Kaufmann in voller Form, das Publikum bejubelte ihn. Nicht nur, weil er das Wienerische so gut drauf hatte, als wäre er hier aufgewachsen. Er strahlte vor Selbstsicherheit und Fröhlichkeit, ließ den Schmelz seiner Stimme ins Publikum strömen. „Im Prater blüh´n wieder die Bäume“, „Wien, du Stadt meiner Träume“ – man glaubte ihm einfach alles, fühlte sich fortgetragen vom „Wiener Schmäh“ und den darin verheißenen Glücksmomenten. Der Sopranistin Willis Sorensen gelang ein zauberhaftes „Vilja, Waldmägdelein“ – und so waren alle glücklich. Jonas Kaufmann beschenkte sein begeistertes Publikum mit fünf Zugaben, u.a. „Schenkt man sich Rosen in Tirol“, „Sag beim Abschied leise Servus“, „in einem kleinen Café in Hernals“ und dann noch: „Der Tod, des muss a Weana sein“.

Bürgermeister Ludwig überreichte dem Tenor den goldenen Rathausmann, weil „Kaufmann mit seinen Liedern die Schönheit Wiens in die Welt hinaus trägt“.

Das nächste Konzert der Reihe „Great Voices“ im Wiener Konzerthaus findet am 14. November 2019 statt. Man darf sich auf Juan Diego Flórez freuen!

http://www.greatvoices.at

http://www.konzerthaus.at