Wiener Staatsballett: „a suite of dances“

Beitragsbild: „glass pieces“, Herrenensemble

„glass pieces“

Musik: Philip Glass, Choreographie: Jerome Robbins, Musikalische Leitung: Benjamin Pope

Bühnenhintergrund: Eine kleinkarierte Heftseite, passend zur minimalistischen, sich wiederholenden Musik. Davor das hektische Treiben einer Großstadt, ein Rennen, Gehen, ein Drehen: die große Kunst des ungeordneten Geordneten. Danach wechselt der Hintergrund auf zartes Azurblau. Es wird ruhiger im städtischen Treiben, Solopaare tanzen geometrisch angesetzte Hebefiguren, dann der mythisch anmutende Tanz von Claudine Schoch und Alexey Popov – es entstehen magische Momente, die an altägyptische Figuren erinnern. Die Welt hält den Atem an, zieht nur als Schatten im Hintergrund vorbei. Im dritten Teil zitiert Robbins wieder die Welt der Hektik: Vor demselben karierten Hefthintergrund wie im ersten Teil tanzen Mitlglieder des Ensembles nach dem hämmernden Rhythmus einer Maschine. Wie Roboter stampfen sie mit abgewinkelten Armen über die Bühne. Doch am Ende brechen Mädchen die starre Atmosphäre und lösen sie im leichten Tanz auf.

Jerome Robbins, begeistert von der repetitiven Musik Philip Glass‘, hat sich in dieser Choreographie auf das Leben im urbanen Raum konzentriert, dh. Wiederholung, Dynamik, Stress und der banale Alltag. Nur hin und wieder gibt es eine Insel der Ruhe. Großartige Leistung des Ensembles!

Duo Concertant

Musik: Igor Strawinski, Choreographie: George Balanchine

Das Klavier spielt Shino Takizawa, die Violine Fedor Rudin. Sonja Dvorak und Lorenzo Ferreira stehen als regungslose Zuhörer im Hintergrund und lauschen. Langsam setzen sie sich in Bewegung, ertasten die Möglichkeiten der Bewgung, um nach kurzer Zeit in einen fröhlichen Tanz zu fallen, ausgelassen wie auf einem Dorffest. Hüpfend wie Kinder, die einander das erstemal begegnen. Dann entschwindet das Mädchen. Auf der Suche nach ihr tastet der Junge im dunklen Raum, bis ein Lichtstrahl ihren Arm, später auch den Kopf beleuchtet. Er kniet in Anbetung vor ihr nieder. Ein wunderbares Bild der Innigkeit!

a suite of dances

Davide Dato (Foto: Ashley Taylor)

Musik: Johann Sebastian Bach. Choreographie: Jerome Robbins

Ein Dialog zwischen einem Violoncello (Ditta Rohmann) und einem Tänzer (Davide Dato)

Als Robbins diese Choreographie für den berühmten Tänzer Michail Baryschnikov entwarf (1976), waren sie beide in einer Schaffenskrise und wollten in Ruhe sich wiederfinden. Dieses einfache – nur auf den ersten Blick einfache – Stück zeigt einen Tänzer, der zwischen Erinnerung an getanzte Szenen sich wieer neu schaffen will. Dabei bleibt er im Kontakt mit der Cellistin – es soll nach Wunsch Robbins immer eine Frau spielen. Wie ein Bub, der ein Mädchen beeindrucken möchte, tanzt er vor ihr, probierend, verwerfend, tastend. Es sind keine spektakulären Sprünge und Drehungen, eher einfache Bewegungen, als müsste er seinen Körper ausprobieren. Diese Nuancen zu tanzen, verlangt großes Können. Davide Dato erntet in dieser Rolle langen, verdienten Applaus.

the concert

Musik: Fréderic Chopin, Choreographie: Jerome Robbins. Musikalische Leitung des Wiener Staatsopernorchesters: Benjamin Pope

Komik im Ballett ist nicht ungewöhnlich. Aber eine ganze Geschichte als witziges Tableau zu schaffen, ist sicher neu, glaubt man. Doch Robbins schuf diese Choreographie in den 1950er Jahren als eines seiner ersten Werke. Die Bildsprache ist deutlich, die Gestik der klassischen Pantomime abgeschaut.

Ein Klavierkonzert beginnt. Der Pianist (Igor Zapravdin) betritt das Podium. Umständlich rückt er den Klaviersessel zurecht, staubt die Tasten ab. Das Konzert kann beginnen. Nun betreten mit Sesseln in der Hand die allseits bekannten Typen von Konzertbesuchern: die Zuckerlpapierraschler, die Tratscherinnen, der schüchterne Jüngling, das streitende Ehepaar. Ein wildes Durcheinander an getanzten Eifersüchteleien und Bedrohungen entsteht, bis die eitle Ballerina (Elena Bottaro) das Heft an sich reißt und statt zuzuhören zu tanzen begkinnt. Es beginnt zu regnen, nach und nach spannen allle die Schirme auf und vereinen sich für Momente in einen Traumtanz unter den Schirmen. Plötzlich werden sie zu Schmetterlingen, flattern wild über die Bühne, bis der verärgerte Pianist sie mit einem Riesennetz einfängt.

Die Komik dieses Stückes liegt einerseits in den verpatzten Bewegungen, immer ist eine Figur zu spät, zu früh, weiß nicht wohin. Und natürlich in den zauberhaften Kostümen von Holly Hynes (nach Irene Sharaff).

Lang anhaltender Applaus und Bravorufe belohnen die Solisten und das ganze Ensemble.

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Volksoper: Ein deutsches Requiem

Musik: Johannes Brahms. Choreographie:Martin Schläpfer

Musikalische Leitung des Orchesters der Volksoper Wien: Christoph Altstädt, Choreinstudierung: Holger Kristen. Sopran: Athanasia Zöhrer. Bariton: Alexandre Beuchat. Text: Worte der Heiligen Schrift

Der neue Ballettdirektor Martin Schläpfer präsentiert mit „Ein deutsches Requiem eines seiner Hauptwerke und zugleich seiner wenigen Ensemblearbeiten. Es ist gleichsam seine Visitenkarte, mit der er die Bewegungsansätze des zeitgenössischen Tanzes deklariert.

Im „Ein deutsches Requiem“ geht es um die großen Fragen des Lebens: Worin definiert sich der Sinn? Was bedeutet der Tod? Wie in anderen Requien auch (z. B. in Rossinis Werk) hat nicht der Tod das (alleinige) Sagen, sondern vielmehr das Leben. Das erst seinen Wert durch die Begrenzung des Todes bekommt. So feiert auch Martin Schläpfer in seiner Choreographie die Lebensfreude, akkompagniert von dem Wissen um Veränderung und Tod. Seine Choreopgraphie zeigt die Augenblicke der Metamorphose: Gerade eben explodiert die Freude am Leben in ekstatischen Sprüngen und Läufen, um sich im nächsten Moment in Verinnerlichung an die Sterblichkeit zu erinnern.

Lichtgestalten

Großartig wird diese Choreographie von den wunderbaren Kostümen von Catherine Voeffray unterstützt und herausgearbeitet: Die Tänzerinnen tragen ein schwarzes Kostüm, das ihren Körper halb bedeckt, Arme, Beine, Rücken und die halbe vordere Körperseite sind „nackt“/nude. Durch die raffinierte Lichtführung von Thomas Denk leuchten aus dem Dunkel der Bühne (Florian Etti) die hellen Körperteile auf, als weisen sie ins Leben. Mit diesem Hell-Dunkelspiel gewinnt der Tanz eine ganz eigene Dimension ins Tranzendente.

Das Ensemble wird gefordert: Läufe, Hebefiguren, Street Dance, modern Dance, Gruppenformierungen, Auflösung der Gruppe in ein (gewolltes) Chaos, das erfordert von den Tänzern höchste Konzentration. In manchen Momenten erscheinen Präzision und exakte Übereinstimmung nicht wichtig. Ob die leichten Irritationen gewollt oder ungewollt passieren, weiß man nicht.Sind sie Teil der philosphischen Grundstruktur der Choreograpie?. Wie so oft lässt Martin Schläpfer die Tänzer barfuß tanzen, sie sollen den Boden unter ihren Füßen spüren, sich erden, ist sein Credo. Nur einmal wird diese Maxime unterbrochen: Claudine Schoch tanzt ein faszinierendes Solo, rechts barfuß, links mit Ballettschuh. In übertriebener Langsamkeit setzt sie Schritt für Schritt, mit den Füßen austasend, was der Boden dem blanken Fuß oder dem beschuhten Fuß meldet. Man könnte es als eine Frage an die Natur verstehen, wäre der Boden etwa von Erde bedeckt. Großartig auch ihr Pas de deux mit Davide Dato. Ketevan Papava und Marcos Menha tanzten in ihrem Pas de deux die Verinnerlichung der Intimität (der Kuss ist ikonenhaft!!!) und des Aufeinanderzugehens und des Vertrauens.

Minutenlanger Applaus und Ovationen belohnten diese großartige Ensembleleistung.

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Festspielhaus St. Pölten: Schwanensee

Choreographie: Angelin Preljocaj

Musik: Tschaikowsi: Schwanensee + zusätzlicher Musik

Video: Boris Labbé, Kostüme: Igor Chapurin

Mit diesem grandiosen Ballett eröffnet die Intendantin Brigitte Fürle eine besondere Jubiläumssaison : 25 Jahre Festspielhaus St. Pölten. Zugleich wird es ihre letzte Saison an diesem Haus sein – was sicher alle Besucher dieses wunderbaren Theaters bedauern. Mit Preljocajs Neuinterpretation des Balletts „Schwanensee“ hat sie für einen fulminanten Auftakt gesorgt.

Wenn Preljocaj angekündigt wird, dann sind Spannung, Überraschung und Faszination garantiert. Von der klassischen Version Marius Pepitas‘ ausgehend versetzt er die Handlung in die Gegenwart. Mit einer starken Szene wird begonnen: Der Zauberer Rothbart – später der teuflische Manager des „Vaterkönigs“ – vergewaltigt die schöne Odette und verwandelt sie in einen Schwan – eine brutal choreographierte Szene, ein schockierender Auftakt und Vorbereitung auf eine Welt, in der Natur und Liebe durch Macht und Geldgier zerstört werden.

Nicht auf einem Königshof wird gefeiert, sondern in der Villa eines Megabauunternehmers. Im Hintergrund ragen Kräne und Hochhäuser auf (Video Boris Labbé). Man feiert weniger den Geburtstag des Sohnes, eher das neue Modell des nächsten Bauprojektes. Das Fest endet mit einer rasanten Bunga-Bungaparty. Prinz Siegfried – in weißer Jogginghose und Kapuzenshirt – hängt mehr als innig an seiner Mutter und sie an ihm. Vielleicht will Preljokaj eine Inzestbeziehung andeuten und damit auch die Unmöglichkeit des Prinzen erklären, ehrlich und treu eine andere Frau als seine Mutter zu lieben.Frustriert von den nichtssagenden Girls, die ihn auf der Party umschwärmten, zieht es den Prinzen in die Natur – doch die ist grau und steinig. Dennoch tauchen die Schwäne auf und Odette bezaubert ihn vollkommen. Diese Szenen berühren stark. Man sieht nicht die rein klassische Führung, wie man sie von Petipa her gewohnt ist, sondern vielmehr das leicht aufgelöste Ungeordnete, das immer wieder zu einer Ordnung findet. Neben den klassischen Ballettfiguren baut Preljocaj auch witzige Hullahupp-Bewegungen ein, was wie ein ironisches Augenzwinkern wirkt. Das Zusammenspiel von Klassik und modernem Tanz ist ja Preljocajs typische Handschrift. Einer der Höhepunkte ist wohl die Vereinigung von Odette und Siegfried: Beide werden von je einer Schwanengruppe hereingetragen und wie in einem Hochzeitsbett hoch über ihren Köpfen vereint. Bilder, die lange im Gedächtnis bleiben.

Das Thema der Umweltzerstörung wird in der Folge immer deutlicher. Die Baukräne wachsen, die Natur stirbt, bis kein See, kein Baum mehr zu sehen ist. Siegfried ist der Verführung des schwarzen Schwans (beide getanzt von Théa Martin) erlegen. Als er den Irrtum erkennt, ist es zu spät. Vergeblich sucht er Odette, er findet nur mehr tote Schwäne in einer toten Natur.

Ein großartiges Ensemble, eine aktuelle und durchaus stimmige Neuinterpretation und verblüffende Einzelszenen machen den Abend zu einem besonderen Ereignis.

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Wiener Staatsballett: tänze -bilder- sinfonien

Auffführung am 17. September 2021

Titelfoto: symphony in three movements, Ensemble

symphony in three movements

Musik: Igor Strawinski, Choreographie: George Balanchine. Musikalische Leitung des Orchesters der Wiener Staatsoper: Robert Reimer

Strawinski und Balanchine waren ein congeniales Paar. Balanchine der ideale Choreograph für Strawinskis Musik, Strawinski der ideale Komponist für Balanchines Choreographien. „Komponisten kombinieren Noten, Choreographen kombinieren Bewegungen, und die, die ich zu dieser Musik geformt habe, folgen keiner Handlung oder Erzählung“ – so Balanchine über Choreographie im Allgemeinen, besonders aber über die Choreographie zur dieser „symphony in three movements“ (zitiert nach „In Balanchines Worten“ im Programmheft).

Strawinski brachte diese „Symphonie ohne Programm“ 1946 zur Uraufführung. Dennoch seien Spuren des Krieges, der Hoffnung und Verzweiflung in ihr zu erspüren, wie er immer wieder betonte. Balanchines Choreographie vereint das scheinbar Unvereinbare: Er schuf ein abstraktes Ballett von unglaublicher Klarheit und Schönheit, das von den Ecken und Kanten des Lebens „erzählt“, zugleich von gleißend-fließender Körperlichkeit und Anmut ist. Einen der Höhepunkte bildet der Pas de deux von Ludmilla Konovalova und Masayu Kimoto.

Liudmila Konovalova und Masayu Kimoto (© Ashley Taylor)

Mit der extrem verlangsamten Musik werden Bewegungen bis in die feinsten Enden der Extremitäten ausgeführt und gehalten. Fast bis zur Schmerzgrenze der Tänzer (und des Zusehers). Dabei haben die beiden intensiven Körper- und Augenkontakt, was die Spannung noch erhöht.

In den Ensembleszenen hingegen sind flinke Füße, Reaktionsgeschwindigkeit und schnelle Orientierung gefragt. Bemerkenswert sind die Leistungen der „Ballettratten“, die durchaus in dieser schnellen und schwierigen Choreographie mithalten können.

Zum Gelingen dieser Choreographie trägt auch das Dirigat von Robert Reimer bei, der das Orchester mit Sicherheit in Tempo und Lautstärke führt.

pictures at an exhibition

Musik: Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgski, Choreographie: Alexei Ratmansky

Alexei Ratmansky wählte bewusst den Klavierzyklus Mussorgskis, der härter in Thema und Rhythmus ist als die Orchesterfassung von Maurice Ravel. Für das Bühnenbild haben sich Ratmansky gemeinsam mit der Kostümbildnerin Adeline André und der Project Designerin Wendall K. Harrington von der Farbstudie „Quadrate mit konzentrischen Ringen“ von Wassily Kandinsky inspirieren lassen. In wechselnden Farben und Formen werden diese auf den Bühnenhintergrund projeziert. Die Kostüme sind darauf abgestimmt. So entsteht ein genialer Dreiklang von Farben, Tanzgestik und Musik. Die Tänzer agieren nicht als Besucher einer Ausstellung, sondern werden zum bewegten Bild der Ausstellung. Was zu verblüffenden Effekten führt. Man sieht in die sich bewegenden Bildfiguren hinein, folgt ihrer „Erzählung“ und ihrer Auflösung. Ein neuer, ziemlich radikaler Ansatz einer Choreographie!

Alina Bercu am Klavier gab der Musik die nötige Kante und Rhythmik.

sinfonie nr.15 – uraufführung

Musik: Symphonie Nr. 15 A – Dur, opus 141 von Dmitri Schostakowitsch, Choreographie Martin Schläpfer, Diriget Robert Reimer

„Wie ein Forscher steigt Martin Schläpfer zusammen mit seinen Tänzerinnen und Tänzern in die Kammern der menschlichen Seele hinein.“ (Anne do Paco, im Programmheft p..45).

Graue Kostüme, ein dunkler Bühnenhintergrund, auf dem ein paar zerrissene Blätter flattern. Davor die Bewegungen der Tänzer – hektisch, ekstatisch, zugleich irgendwie verloren. Gegen die Verlorenheit müssen sie tanzen, sich bewegen, sich aneinanderkrallen. In die Haut des anderen kriechen, dessen Seele und die eigene im Tanz bloßlegen. Martin Schläpfer verlangt viel, alles von seinen Tänzern. Sie tanzen, um der Einsamkeit zu entfliehen, tanzen, um das Ego an ein Du zu binden, es im selben Augenblick zu fesseln und loszulassen. Martin Schläpfer entpuppt sich als ein „Tanzphilosoph“, und das Publikum folgt seinen Axiomen fasziniert.

Ein voll besetztes Haus dankte mit frenetischem Applaus

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Salzburger Landestheater: Anna Karenina

Ballett von Reginaldo Oliveira nach dem Roman von Lew Tolstoi

Was gleich auffällt: Oliveira setzt auf Klarheit und Verständlichkeit. Unterstützt von Sebastian Hannak, der bezaubernde Bühnenbilder schuf, und von Judith Adam, die in die Zeit passende, aber dennoch zeitlose Kostüme entwarf, gelang Oliveira mit einem sehr guten Ensemble ein beeindruckendes Handlungsporträt.

Auch wer nur den Inhalt im Programm nachgelesen hat, kann der Handlung mühelos folgen. Harriet Mills ist eine elegante Anna Karenina, stolz zu Beginn, durchaus die moralische Schlichtungsdistanz, als die sie ins Haus ihres Bruders gerufen wird. Die Schlichtung gelingt ihr, aber nicht vorgesehen war der coup de foudre, der Blitz, der sie und Wronski (Klevis Neza) traf. Es ist ein Naturereignis, dem die beiden nicht entkommen. Hier hätte man sich eine intensivere Choreografie gewünscht, explosiver. Aber es ist ja wahr: Zu diesen Zeiten in Russland war es für den Gott Amor schwer, die Menschen in den Liebeswahn zu verführen. Immer ist der Kopf dabei. Auch bei den beiden. Wronski ist ein eleganter, hübscher Offizier, sie die Grande Dame der Gesellschaft. Also ist auch bei der heißesten Leidenschaft eine gewisse Contenance angesagt. Der jungen Kitty, die von Wronski schmählich blamiert und sitzen gelassen wird, wird schon mehr Intensität in der kindlichen Verliebtheit, dann in der tiefen Enttäuschung zugeschrieben. Ganz bezaubernd also: Larissa Mota.

Flavio Salamanca macht als strenger und leicht moralinsaurer Ehemann Annas eine recht glaubhafte Figur. Solche Charaktere sind nicht leicht zu tanzen, denn Stolz und Unbeugsamkeit bringen nicht die quirligsten Figuren hervor. Doch ihm nimmt man den Ehemann gern ab. Etwas übertrieben ist die Choreografie, die Oliveira Serjoscha, dem Sohn Annas, zugeschrieben hat. Warum muss der arme Kerl auf allen Vieren über den Boden laufen?

Das Finale ist ganz hervorragend gelungen: Anna – allein gelassen von Gesellschaft und Wronski, fühlt sich in den vier Wänden eingesperrt und tanzt einen irrsinnigen Eifersuchts-Wahntanz. Das war große Leistung. Ihr Selbstmord einfallsreich und dezent inszeniert.

Alles in allem ein gut gelungenes Handlungsballett.

Weitere Aufführungen ab September. Karten und Infos:

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Festspielhaus St. Pölten eröffnet mit „Solus Amor“ von „Recirquel Company“

Was für eine Eröffnung nach der langen Durststrecke ohne Kultur! Besser, spannender und wunderbarer hätte man den Neubeginn gar nicht feiern können!

Die Gruppe „Recirquel Company“ aus Budapest wurde 2012 von dem Choreographen Bence Vegi gegründet und erwarb sich schnell danke ihres einzigartigen Stils einen internationalen Ruf. Vegi kombiniert Akrobatik und Tanz in einer Weise, wie man sie noch nie gesehen hat.

Wir alle saßen an diesem Abend staunend vor dem Theaterwunder, das sich da vor uns auftat. Zu einer langsamen und feierlichen Musik öffnet sich die Rückwand der Bühne und gibt den Blick auf ein geheimnisvolles Wogen aus Gräsern, die seltsam leuchten, frei. Daraus schreiten die Tänzer zu einem getanzten Gebet.

Solus Amor erzählt von der Liebe zwischen Mensch und Natur. Als Rahmenhandlung tritt eine Bärin (aus Tüchern und einem biegsamen Gestell, darunter die Tänzer) auf, der sich die Menschen vertrauensvoll nähern. Nein, das ist kein Kitsch! Da diese doch mächtige Bärin sich in einer sehr fragilen Form dem Menschen darbietet, ihm sogar auch ihr Junges offeriert, sieht das Publikum dieses Tier als Symbolfigur für die Natur und nicht als „echtes Tier“. Berührend ist es zu sehen, wie dieses Kunstwesen mit einfachen Bewegungen seine Zärtlichkeit dem Menschen gegenüber zum Ausdruck bringt. Es schient, als ob die Bärin als Bewunderin der Akrobatik und Tanzshow beiwohnen möchte. Sie verschwindet und kehrt immer wieder zurück.


Foto: © Solus Amor. Balint Hirling

Mit sekundengenauer Präzision schweben die Tanzakrobaten durch den Raum, es scheint, als wäre die Schwerkraft aufgehoben. Seile, quer gespannt oder hängend, biegsame Stäbe oder einfach ein Menschenturm ermöglichen es den Künstlern, ihre Körper in Schwebe zu halten und die Illusion zu erwecken, dass der Luftraum zum Tanzparkett wird.

Begeisterter Applaus und standing ovation! Man konnte bei den Tänzern und im Publikum spüren, wie die Freude über diesen Festabend alle erfasste.

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Aterballetto aus Italien: Don Juan im Festspielhaus St.Pölten

Im obigen Titelfoto verführt Don Juan, getanzt von Saul Daniele Ardillo, Elvira, getanzt von Estelle Bovay.

Die italienische Ballettgruppe „Aterballetto“ zeigte „Don Juan“, von dem schwedischen Choreograph Johan Inger atemberaubend und packend in Szene gesetzt. Auf einer dunklen Bühne (Curt Allen Wilmer und estudiosDos) stehen dicht aneinander gereiht schwarz-graue Kontainer, die sich wahlweise in Betten, Bäume oder in Häusermauern verwandeln.Durch den Einsatz von Lichtinseln (Fabiana Piccioli) und Neukompositonen von Marc Alvarez wird das Geschehen pointiert unterstrichen und vorangetrieben.

Mit 16 Tänzern – 8 Frauen, 8 Männern – gestaltet Johan Inger das Leben des Frauenjägers von seiner Geburt bis zum Verschwinden ins Nichts. Dabei hält er sich im Großen und Ganzen an die bekannte Geschichte, wie wir sie aus der Mozartoper kennen, ließ sich aber auch von Bert Brecht und anderen Don Juantexten inspirieren. Einige Figuren wie die Mutter Don Juans oder das Straßenkind sind neu. Leporello – im Stück Leo – ist eine schillernde Figur, einmal Leporello( Philippe Kratz), der widerspenstige Diener, dann wieder das Alter Ego. Neu und interessant ist die Figur der Mutter (Ina Lesnakowski). Sie verfolgt von der Geburt an ihren Frauenliebling, greift immer wieder ein. Sein Leben endet jäh auf der Kante eines der Betten, auf denen er die Frauen verführte. Er wird von schwarzen Gestalten ins dunkle Nichts gekippt.

Mit immer neuen, spannenden Figuren aus dem zeitgenössischem Ballett und dem Modern Dance schafft Johan Inger psyhologische Porträts der Figuren und macht die Handlung verständlich. Die Leistungen der gesamten Truppe sind enorm, fast unglaublich jedoch die des Don Juan. Er ist eineinhalb Stunden ohne Unterbrechung auf der Bühne. Seine tänzerischen und akrobatischen Qualitäten nehmen einem fast den Atem. Die Liebesakte tanzt er mit ungenierter Offenheit: Kaum hat er eine Frau „bezwungen“, rast er zur nächten. Zu den stärksten Szenen gehört die Hochzeit Zerlinas. Während die geladenen Gäste in ein wildes Bacchanal ausbrechen, verführt Don Juan die Braut ganz ungeniert.

Don Juan, Zerlina (Serena Vinzio) und Leo (Foto: Viola Berlanda)

Begeisterter Applaus und viele Bravorufe!

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Wiener Staatsballett in der Volksoper: „hollands meister“

Vier große Choreographen des „Nederlands Dans Theaters“ zeigen Meisterwerke:

Sol León und Paul Lightfoot: Skew-Whiff. Musik Gioachino Rossini: La gazza ladra, Ouvertüre

Hans van Manen: Adagio Hammerklavier. Musik Beethoven: Große Sonate für das Hammerklvier, Adagio

Jiri Kilián: Symphony of psalms. Musik Igor Strawinski: Symphonie de Psaumes

Szene aus „Skew-Whiff“ (Foto: Ashley Taylor)

Skew-Whiff bedeutet laut der beiden Choreographen Kauderwelsch oder „in Schräglage“. Schräg und witzig ist alles: Mimik, Figuren und Bewegungen. Hier wird gekämpft, geworben, geflirtet. Versuche gehen daneben, es darf gelacht werden. Schnelle Schritte, die oft ins Leere gehen, Figuren, die man so bisher nicht gesehen hat, alles ein wenig schief, schrullig. Die Tänzer rollen die Augen, schneiden Grimassen, stoßen unverständliche Laute aus. Alles in allem ein herrlicher Ballettunsinn auf sehr hohem Tanzniveau!

Olga Esina und Robert Gabdullin (Foto: Ashley Taylor)

„Adagio Hammerklavier“Drei Paare tanzen, die Frauen auf Spitze, die Männer mit nacktem Oberkörper. Sie tanzen die klassischen Figuren, Arabesken, pas de deux, alle Formen, die man vom klassischen Ballett kennt. Doch man erlebt kein phrasenhaftes Abtanzen, sondern Leben. Jede Bewegung ist frei von jeglicher Pose, mit Gedanken, Konzentration erfüllt. Die langsame Klaviermusik (live:Shino Takizawa) lässt die Tänzer in einem schwerelosen Raum schweben. Für Olga Esina, die Grande Dame des Balletts, eine Rolle, die ihr in die Seele, ins Gesicht, in den Körper geschrieben ist. Da zeigt sie einmal mehr die hohe Kunst der langsamen Bewegung, der Minimalverzögerung, die mit freiem Auge nicht leicht erkennbar ist. Wenn der Vorhang fällt, erwacht man aus einem Traum der Schwerelosigkeit.

Szene aus der Psalmensymphonie (Foto: Ashley Tylor)

Jiri Kilians Interpretation der Psalmensymphonie könnte ein Mysterienspiel sein, ein Initiationsritus. Der rote Hintergrund aus verschiedenen alten Teppichen (Bühne: William Katz) wandelt sich je nach Licht in eine Felsenmauer.oder in einen Tempel. Vor diesem geheimnisvollen Hintergrund tanzen Frauen zunächst als Bittstellerinnen vor der Mauer der unüberwindbaren Männer, die ihr Urteil fällen. Man denkt an Kafkas Erzählung „Vor dem Gesetz“: Jemand begehrt Eintritt, der Hüter schickt ihn weg, obwohl das Tor immer offen war und jeder durch das Tor hätte gehen können.. Eine Parabel über Macht und Unterwerfung. Aber in Kilians Deutung kommt es am Ende doch anders: Die Frauen triumphieren.

Ein subtil und feinsinnig zusammengestellter Abend, ein großartiges Ensemble, das die fordernden Choreographien mit Bravour meistert.

Das Publikum dankt mit viel Applaus und Bravos!

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Wiener Staatsballett: Lukács/Lidberg/Duato

Es ist ein Abend, der sowohl Liebhaber des klassischen als auch die des zeitgenössichen Balletts zufrieden stellt. Mehr als nur zufrieden stellt. Beglückt!

Faycal Karoui leitete gekonnt das Orchester der Wiener Staatsoper – mit Ausnahme der Zuspielung von „White Darkness“

MOVEMENTS TO STRAVINSKY

Choreographie, Bühnenbild, Kostüme, Licht und Einstudierung: András Lukács. Musik: Auswahl von verschiedenen Kompositionen Stravinskys.

Was kann der Zuschauer Besseres tun, als sich von der fließenden Figurensprache dieses hoch künstlerischen Tanzes mittragen zu lasssen! Vor dem silbergrauen, dann wieder schwarzen Hintergrund bewegen sich die Tänzer, als wären sie aus der Renaissance heraus geschnitten. Schwarze Halskrausen und eine weiße Hüftkrause geben ihnen die historische Konnotation. Maria Yakovleva und Masayu Kimoto waren ein wundervolles Hauptpaar. Interessant auch der Tänzer Gaetano Signorelli, der mit Céline Janou Weder und Arne Vandervelde einen spannendenden pas de trois tanzte.

BETWEEN DOGS AND WOLFS

Choreographie: Pontus Lidberg, Musik: Dimitri Schostakowitsch

Hochspannend entwickelt sich dieses Stück mit dem geheimnisvollen Titel. Er soll auf die Zeit der Dämmerung hinweisen, in der man zwischen Hunden und Wölfen nicht unterscheiden kann. Also nicht zwischen „wild“, „aggressiv“ und harmlos. Zunächst glaubt man sich in ein Training für „Schwanensee“ versetzt: Einige Ballerinas im klassischen weißen Tütü tanzen vergnügt vor einer Waldkulisse. Im Bühnenhintergrund schleicht zwischen den Bäumen als Schattenriss ein Wolf. Noch wirkt er harmlos, eher belustigend, weil sein Körper mehr an ein Schwein als einen Wolf erinnert. Doch die Mädchen sind beunruhigt. Männer im grauen Anzug umtanzen sie. Sind sie Beschützer oder Bedroher? Eine Situation, wie sie oft und oft im Leben vorkommt. Doch dann hebt Lidberg die Szene ins Reich der Fabel: Rebecca Horner tanzt eine wilde Performance als Wolfsfrau mit Maske und Schwanz. Geschmeidig und bedrohlich! Dazwischen scheint sich die Welt in eine Scheinordnung zu fügen, neugierige Ballerinas gucken dem Treiben hinter den Bäumen zu. Pontus Lidberg fordert viel von der Truppe, aber auch vom Publikum, das zur Eigeninterpretation angehalten ist. Eine spannende Choreographie, die viele Deutungen zulässt.

WHITE DARKNESS

Choreographie und Kostüme: Nacho Duato. Musik: Karl Jenkins

Nacho Duato verarbeitet mit dieser Choreographie den Drogentod seiner Schwester. Vor einem dunkelbraunen Riesennetz tanzen Paare im Drogenrausch. In zuckenden Bewegungen rasen sie über die Bühne. Im Mittelpunkt das Mädchen (Schwester ?), das von ihrem Begleiter (Bruder?) gehalten, aufgefangen wird. Madison Young tanzt dieses Mädchen als Willenlose, Getriebene und Mitleiderregende. Ihr Begleiter (Jakob Feyferlik) sucht sie aufzugfangen, zugleich aber ist es er, der ihr auch das weiße Gift verabreicht. Eine großartige Performance! Mit starken Tänzern!

Manuel Legris machte dem Wiener Ballettpublikum ein großartiges Abschiedsgeschenk, das zugleich wehmütig stimmt, eben weil es so beeindruckend ist. Wie seine ganze Ära. Was wird kommen?

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Christoph Poschenrieder: Der unsichtbare Roman. Diogenes.

Christoph Poschenrieder liebt es , die Leser in Verwirrung zu setzen. Sie sollen sich fragen: Ist das wahr oder gut erfunden? In dem „unsichtbaren Roman“, der schon im Titel Zweifel an dem Genre aufkommen lässt, spielt Poschenrieder wieder einmal gekonnt mit Fakes, die Wahrheit sein könnten, und mit Tatsachen, die wie Fakes wirken.

In erster Linie geht es um das leidige Geldproblem, das die meisten Künstler, und natürlich auch die Schriftsteller haben. Der erste Roman gelingt, man wird bekannt, vielleicht sogar berühmt, dann versiegt die Inspiration. Ob das auch Poschenrieder selbst betrifft, weiß ich nicht. Er ist eigentlich recht produktiv und veröffentlichtt einen Roman nach dem anderen.

Dem Roman stellt er einen Ausspruch des Schriftstellers Gustav Meyrink (1868-1932) voran: „Man kann vom Dichten leben erst, wenn man längst krepiert ist.“ Es geht also um Gustav Meyrink. Mit seinem Roman „Der Golem“, erschienen 1915, wurde er bekannt und berühmt. Nach dem Golem gelang Meyrink kein weiterer Verkaufsschlager. Er suchte verzweifelt nach neuen Themen. In dieser Krise beginnt Poschenrieders „unsichtbarer Roman“. 1918, knapp vor Ende des Krieges, tritt das Auswärtige Amt mit einem ungewöhnlichen Auftrag an ihn heran: Er möge bitte schön stante pede einen Roman schreiben, in dem die Freimaurer verantwortlich für den Ausbruch des Krieges gemacht werden. Nach einer kurzen Empörung über dieses für ihn unakzeptable Angebot nimmt er an. Zumal der Vorschuss sehr großzügig ist. Doch es gelingt ihm keine einzige Zeile. Schreibhemmung nennt man das…Dazwischen blendet Poschenrieder Gesprächsprotokolle zwischen Meyrink und einem Herrn Hahn aus dem Auswärtigen Amt ein. Auch Briefe mit damaligen Agitatoren aus der linken Ecke werden zitiert. Hier steigt vielleicht so mancher Leser aus, dem dieses in Kreis sich drehende Spiel mit Fakten und Fakes zu bunt wird. Mein Tipp: Mit dem Nachwort des Autors („Notiz zur Geschichte der Geschichte“) anfangen, dann erklärt sich manches schneller.

In bester postmoderner Manier geht Poschenrieder auf die Suche nach einem Roman, den es so nie gegeben hat. Unter dem Deckmantel einer heiteren „Mantel- und Degenkomödie“ deckt er die perfiden politischen Versuche auf, den Freimaurern und Juden die Schuld am Ausbruch des Krieges zuzuschieben.

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Ballett: Nachmittag eines Fauns, Bolero, Carmina Burana. Volksoper Wien.

Nachmittag eines Fauns. Musik: Claude Debussy

Choreographie:Boris Nebyla

Es tanzten: Tainà Ferreira Luiz und Felipe Vieira

Ein Faun, der kein Faun ist, eine Nymphe, die keine Nymphe ist. Statt des Waldes ragten schwarze, hohe Latten empor. Boris Nebyla löste die Figuren von ihren antiken Fixierungen ab. Felipe Vieira im Nudekostüm war einfach ein Junge, eventuell ein junger Mann, der sein sexuelles Verlangen austanzt, sich nach einer Partnerin sehnt. Ohne Scham öffnet er sich, wird geil. Tainá Fereira Luiz ist keine scheue Nixe, höchstens etwas schüchtern. Doch bald passt sie sich den verlangenden Bewegungen an, die Vereinigung wird vollzogen. Hervorragend, wie die beiden diese heikle Partie tanzen! Voller Energie, voller Lust auf Deutlichkeit, ohne peinliche Pornographie.

Maurice Ravel: Bolero

Choreographie, Bühne und Licht: András Lukács

Es tanzte: Das Ensemble

Zehn Tänzerinnen und zehn Tänzer in langen, schwarzen Röcken tanzen (mit nacktem Oberkörper die Männer, mit Nudeoberteil die Frauen) im scheinbar ewig gleichen Schritt. Wie in einem Menuett mit streng festgelegten Figuren formen sie Kreise, die sich zu Spiralen auflösen, sich wieder schließen, um gleich darauf Linien zu bilden. Eine Choreographie, die vom Ensemble allergrößte Exaktheit verlangt, die allerdings nicht immer gelang. Aber der Gesamteindruck überwältigte!

Carl Orff: Carmina Burana

Choreographie: Vesna Orlic, Bühne und Kostüme: Alexandra Burgstaller

Diese freche und originelle Choreografie und Interpretation wird sicher in die Musik- und Ballettannalen eingehen. Unter dem Regime der alles beherrschenden Fortuna ( sehr gut: Martin Winter) entfaltet sich die Palette von Leiden und Freuden, die das menschliche Leben ausmachen: Die Liebe, die Eifersucht herrschen in der Jugend und bestimmen die Handlung. Das Trio Taina Luiz als Ehefrau, Felipe Vieira als Ehemann, der von der roten Schönheit (Kristina Ermolenok) gekonnt verführt wird, sind die Protagonisten des Mittelteils und des Finales und überzeugen mit ihrem großen Können. Eine berührend schlichte Brautszene tanzen Mila Schmidt (junges Mädchen) und Keisuke Nejime (junger Mann). Höhepunkt ist die Szene in der Taverne. Die Säufer und Vielfraße sind Mönche, die das Leben in allen Untiefen auskosten. Alles unter dem Kreuz, das über der reich gedeckten Tisch hängt. Herzzerreißend jammert der Schwan, getanzt von Samuel Colombet. Er wird brutal geschlachtet und verspeist. Fortuna beendet mit einem fulminanten Tanz das tolle Menschentreiben. Sie bestimmt über das Leben, wie es ihr gefällt.

Tosender Applaus, auch für den Chor und den Kinderchor der Volksoper, für das Orchester und den Dirigenten Guido Mancusi. Natürlich ganz besonders für die fulminanten Leistungen der Tänzer und Tänzerinnen. Warum liest man nie ihre Namen auf den Programmzetteln der Staatsoper? Wo ja mit dem Abgang von Vladimir Shishov vor allem Tänzer von seiner Bühnenpräsenz fehlen. „Junge Prinzen“ gibt es genug an der Staatsoper. Sobald aber eine Charakterfigur gebraucht wird, wird die Auswahl dünn.

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„Carmina Burana“ ist noch am 8. 14., 23. und 27. Februar zu sehen.