Festspiele Reichenau 2019


Meine persönliche Reihung:

  1. Werfel: Eine blassblaue Frauenschrift
  2. Mann: Mario und der Zauberer
  3. Fitzgerald: Die Schönen und Verdammten
  4. Turgenjew: Ein Monat auf dem Lande
  5. Schnitzler: Der Ruf des Lebens

Eine blasslaue Frauenschrift

In dieser Aufführung stimmt einfach alles. Exzellent die Bühnenfassung, Regie sehr einfühlsam. Bühnenbild und Kostüme: stimmig.

Franz Werfel schrieb die Novelle 1940 und datierte sie auf das Jahr 1936 zurück, als sich in Österreich Anhänger des Nationalsozialismus bereits bis in die höchsten Beamtenkreise finden lassen. Sektionschef Leonidas – einst ein armer Schlucker, der durch Zufall und gutes Aussehen die reiche Amelie Paradini heiratete, bekommt Post aus der Vergangenheit: Eva Wormser, mit der er eine innige, aber kurze Beziehung hatte, schreibt ihm nach 18 Jahren und bittet um seine Unterstützung für einen Buben, der in Deutschland die Schule nicht mehr abschließen darf. Für kurze Zeit glaubt Leonidas, der Vater dieses (jüdischen) Buben zu sein. Wie sich aus dieser Situation retten, ohne seine Ehe und Karriere zu gefährden?

Joseph Lorenz spielt diesen Leonidas wunderbar fies!!! Wie er zwischen Gewissensbissen, guten Vorsätzen, Ängsten und Kaltblütigkeit laviert, das ist einfach großartig. Mal ist der liebende Gatte, der Liebe heuchelt, dann der berechnende Charmeur. Packend die Szenen zwischen ihm und Vera Wormser – ausgezeichnet in dieser Rolle: Stefanie Dvorak!. Zuerst der gekonnte Verführer, sie die junge Liebende. 18 Jahre später – er der angeblich Zerknirschte, sie die kühl Abweisende, die seine vordergründige Liebenswürdigkeit durchschaut und angeekelt den Raum verlässt. Sternstunden der Schauspielkunst! Die gute Neuigkeit: Kusej soll die Kündigung von Stefanie Dvorak rückgängig gemacht haben!!!

Fanny Stavjanik weiß die Gefahren der heiklen Rolle der blind-verliebten Ehefrau nobel zu umschiffen. Man nimmt ihr die fast unterwürfige Bewunderung für ihren Mann ab.

Großartig auch das Gespann der Beamten: Thomas Kamper (an Stelle des kürzlich verstorbenen Peter Matic) gibt einen herrlich schleimigen Minister und Peter Moucka einen nach oben buckelnden, nach unten tretenden Hofrat.

Diese Aufführung zählt sich zu den gelungensten der letzten fünf Jahre!

Mario und der Zauberer

Szenische Lesung, die eine Theatervorstellung einrahmt. Die Novelle von Thomas Mann spielt in den späten 1920 er Jahren. Die deutschen Gäste fühlen sich im italienischen Badeort Torre del Venere nicht mehr willkommen. Sie wollen abreisen, bleiben aber auf Bitten des netten Kellners Mario, um die Vorstellung des berühmten Zauberers Cipolla zu erleben.

Und das Publikum – also wir – erleben Marcello de Nardo als mitreißenden, gefährlichen Zauberer, der seine Zuschauer Aktionen setzten lässt, die sie nachher tief bereuen und für die sie sich schämen. Wenn de Nardo hinkend und Peitsche knallend die Menschen lenkt, wie er will, dann folgt man ihm als Zuseher atemlos, bangt um Mario, der von Cipolla in Trance versetzt wird, mit Entsetzen erkennt, was für ein jämmerliches Schauspiel er gerade geboten hat und in höchster Erregung Cipolla erschießt.

Eine 90-Minuten-Matinée, die einem den Atem raubt!

Zusammenfassung der restlichen der Vorstellungen: Gut gespielt, aber weitaus nicht so packend wie die beiden ersteren.

Vorschau auf den Spielplan 2020:

Nestroy: Umsonst, H. James: Arme reiche Erbin, Doderer: Die Wasserfälle von Slunj, Zuckmayer: Des Teufels General, Roth: Die Geschichte von der 1002. Nacht.

Restkarten sind noch für einige Vorstellungen an der Festspielkassa zu bekommen!!

http://www.festspiele-reichenau.at