Jacques Offenbach: Orpheus in der Unterwelt. Volksoper Wien

Aufführung am 20. Juni 2019, genau zum 200. Geburtstag Offenbachs

Mythen, Helden und Berühmtheiten aus der Antike eignen sich hervorragend für Parodien. Man braucht ihnen nur die Mode der Gegenwart drüber zu stülpen – und schon sind sie aktuell. Aktueller als so manche Komödienfiguren aus der jüngsten Zeit. Die Götterwelt in ihrer ganzen bröckelnden Moral und Unbrauchbarkeit liefert das Pendant dazu.

Offenbach war nicht nur ein hervorragender Komponist, sondern auch Theaterfachmann durch und durch. Er hatte die Tricks der Gesellschaftskomödie im kleinen Finger. Geschickt entlarvt er die „Oberen“ in Form der Götterwelt und die Mittelschicht in dem Ehepaar Orpheus und Eurydike. Da wie dort wird gelogen, betrogen, angegeben und gefaselt, was das Zeug hält. So hat das Böse (Pluto) leichtes Spiel. Eigentlich ist er nur der Spiegel aller menschlichen Begierden und Eitelkeiten und weiß daher gut mit diesen Instrumenten die Menschen und Götter zu manipulieren.

2007 eröffnete Robert Meyer seine erste Spielsaison mit dieser Operette – und der Erfolg war groß. Damals spielte der am 20. Juni 2019 ganz überraschend verstorbene Peter Matic den liebestollen Styx, der Eurydike mit seiner ruhmlosen Vergangenheit quält. In dieser Rolle zeigte er sein großes komödiantisches Können. Wir alle werden diesen großartigen Schauspieler schmerzlich vermissen.

Unter dem temperamentvollen Dirigat von Guido Mancusi verpasste der Regisseur Helmut Baumann (er führte schon 2007 Regie) unter Mithilfe von Christoph Wagner Trenkwitz nun der Operette ein ganz frische Aktualität – das Ibiza-Video wird zum Gaudium des Publikums eilig eingearbeitet.

An dem Bühnenbild musste Mathias Fischer-Dieskau nichts ändern – es funktionierte damals wie heute hervorragend: Orpheus und Eurydike leben in einer tristen Mittelstandswohnung mit Minibalkon und ein paar Blumentöpfen. Er ist Geigenlehrer (Carsten Süss gibt den mausgrauen Eitlen sehr überzeugend), der seine Schülerinnen lieber verführt als ihnen Musik beizubringen. Eurydike (Rebecca Nelsen) hat ein Pantscherl mit dem Nachbar Aristeus, der zugleich Pluto ist, und wünscht sich nichts sehnlicher als aus dieser Fadesse erlöst zu werden. Kann sie haben -Pluto entführt sie in die Unterwelt, wo sie sich genau so fadisiert wie auf der Oberwelt. Tussi bleibt Tussi – da wie dort. Orpheus -zunächst froh über den Abgang seiner Frau – muss sie unter dem Druck der öffentlichen Meinung – superschleimig gespielt von Regula Rosin – widerwillig zurückholen. Denn im Olymp herrscht Juno (ganz hervorragend : Christian Graf) über die „Moral“ der Götter und Menschen. Sie geriert sich als Hüterin der Ehe, wohl wissend, was für ein Steiger ihr eigener Ehegemahl ist. Martin Winkler ist als Jupiter der Star des Abends – stimm- und spielgewaltig. Vincent Schirrmacher als Pluto setzte darstellerisch voll auf Temperament, aber stimmlich konnte er an diesem Abend nicht überzeugen. Chor und das Corps des Wiener Staatsballetts sorgten für Schwung und gute Laune.

http://www.volksoper.at