Oper Graz: Puccini, Butterfly

Gesehen: Letzte Vorstellung am 18. Jänner 2023.

Regisseur Floris Visser lässt in den bekannten Stoff neue Aspekte einfließen, ohne die Oper zu „zertrümmern“, wie das jetzt gerade so en vogue ist. Mit seinen Arbeiten quer durch die Opernliteratur feierte Floris Visser landauf und landab große Erfolge. Die Inszenierung der Butterfly an der Oper Graz war für 2019 vorgesehen. Doch nach der Première kam die Pandemie und der erste Lockdown. Nun setzte die Intendantin Nora Schmid diese Produktion 14x auf den Spielplan. Publikum und Kritik dankten ihr dafür mit viel Lob und Applaus. Alle bedauern, dass sie mit Herbst Graz verlässt und die Führung der Dresdner Oper übernehmen wird. Die erfolgreiche Produktion der Butterfly wird von der Oper Kopenhagen übernommen.

Visser dreht nichts um, lässt nichts weg. Im Gegenteil, er fügt eine neue Erzählebene ein: Wir sind im Jahr 1950. Pinkerton besucht mit seiner amerikanischen Frau und dem nun erwachsenen Sohn ein Museum mit japanischen Kunstobjekten. Wie in einer Familienaufstellung erinnert sich der Sohn an seine japanische Mutter…..Die Wände des Museums rücken ab ( das überzeugende Bühnenbild stammt von Gideon Davey) und weiten sich zu dem „luftigen“ Haus in Japan im Jahre 1920, als Pinkerton die 15-jährige Cio-Cio-San heiratet. Und plötzlich meint der Zuhörer, der die Butterfly schon in x Variationen gehört und gesehen hat, ganz neue Töne und Sätze zu vernehmen: Dirigent Marius Burkart betont musikalisch die Grausamkeit dieses Amerikaners, der nichts anderes will, als diese junge Schönheit endlich ins Bett zu bekommen. Plötzlich klingt die Musik heutig, als hätte sie jemand für die Gegenwart bearbeitet. In Vissers Regie wird Pinkerton durch betonte Gesten der Verachtung und Missachtung ein absolut oberflächlicher, unsensibler Mann, der keine Ahnung hat, was er mit dieser Scheinehe auf Zeit in Cio-Cio-San anrichtet. Ahnte er es, wäre es ihm auch egal. Mykhailo Malafii verkörpert diesen Fiesling gut – eitel, vor Selbstüberschätzung strotzend. Stimmlich passt es auch. Für den erkrankten Sharpless sprang Neven Crnic ein – ein nobler Konsul, stimmlich ausgezeichnet. Marjukka Tepponen ist eine berührende Butterfly – keine Spur dümmlich, sie ahnt bereits ihr Schicksal: Butterfly heißt Schmetterling, in Amerika – so hat sie gehört – werden diese zarten Tiere von ihren Fängern aufgespießt und sterben. – „morir“ – damit endet ihre Arie, dann senkt sich ein Riesenschmetterling über das Liebeslager der beiden, ein Spieß reicht bis auf das Lager. Die stumme Rolle des Sohnes verkörpert eindringlich und mit wenigen Gesten Stephan Offenbacher. Er ist als Beobachter, als Mitfühlender am Rande des Geschehens mit dabei. Drei Jahre vergehen, Butterfly hat sich zur Amerikanerin umstilisiert: Kurzhaar, enges Discokleid, Stöckelschuh. Nervös raucht sie, trinkt Akohol, um den Zweifel und die Hoffnungslosigkeit wegzudrinken. Als das Schiff, auf dem Pinkerton ankommt. gemeldet wird, will sie ihm als Braut, wie er sie das erste Mal sah, erwarten. Das weitere Geschehen ist bekannt – der Sohn wird ihr genommen. Sie fällt in tiefe Verzweiflung. Mutter und der erwachsene Sohn begegnen einander wie in einer Vision, einer Art Psychoanalyse, in der Vergangenheit und Gegenwart zusammenfließen. Aus der orientierungslosen Amerikanerin wird wieder Butterfly, der Schmetterling, der von der Grausamkeit dieses Mannes aufgespießt sich den Dolch in die Brust stößt. Großartig und berührend die Schlussszene! Durch die kluge Regie und Personenführung Vissers werden viele heutige Themen hervorgehoben: Butterfly zwischen den Traditionen und Kulturen, Generationskonflikt, Kolonialismus, männliche Überheblichkeit, Unterdrückung und Rechtlosigkeit der Frau etc….Die Inszenierung vermittelt den Zuhörern ganz neue Sichtweisen auf die „Butterfly“ – es geht um mehr als nur um das traurige Schicksal einer Geisha. http://www.oper-graz.com