Strindberg, Fräulein Julie. Akademietheater

Was man nicht sieht im Theater, ist das Spannendste“ meint Raimund Orfeo Voigt, der die Bühne für „Fräulein Julie“ entwarf. Dem wäre noch hinzuzufügen: „Was man nicht hört im Theater, ist das Spannendste“, denn gut ein Drittel des Textes bleibt unverständlich. Teils, weil es die Regisseurin Matejka Koleznik vielleicht so gewollt hat, teils bedingt durch das Bühnenbild: Voigt stellt in einen Guckkasten ein hyperrealistisches Badezimmer mit WC, Badewanne und Ausgang zu einem Korridor hinein. Als Abgrenzung zum Publikum dient eine unsichtbare Glaswand. Das kapiert man aber erst gegen Ende des Stückes, wenn Julie ihre blutigen Hände dagegen drückt. Bis dahin wirkten die Worte, als trügen auch die Schauspieler eine FFP2 Maske, um sich mit dem Publikum zu solidarisieren. Herauskommt streckenweise eine gekonnte Pantomime, während der das Publikum das Geschehen sich zusammenreimen kann. – Recht tnteressant, wie zum Beispiel Sarah Victoria Frick als Dienerin Kristin minutenlang äußerst gründlich das Bad putzt. Oder sie sich minutenlang die Beine kratzt, während sie dem Liebesspiel zwischen dem Diener Jean (Itay Tiran) und der Grafentochter Julie (Maresie Riegner) zuhört. HInter der geschlossenen Glastüre zum Korridor sieht auch das Publikum dieser durchaus auf dem Theater innovativen Form des Coitus zu. Danach stürzt die über ihren gesellschaftlichen Faux pas bestürzte Julie -ins Badezimmer und wäscht sich gründlich zunächst an der Waschmuschel, dann in der Badewanne die Reste des Orgasmus von den Schenkeln und der Vagina. Nach dieser Performance darf man vermuten – so ab der 11. Reihe Parkett ist die Sicht nicht mehr sehr gut – dass sie ein bereitliegendes Rasiermesser nimmt und sich die Pulsadern aufschneidet – oder aufschneiden will. Rechtzeitig stürzt Jean herein und zerrt sie aus der Badewanne. Das alles wird von Maresi Riegner als Julie mit grandioser Selbstverleugnung gespielt. Es ist sicher nicht leicht, sich nackt, nur mit einem Strumpfbandgürtel angetan, an den intimen Stellen zu waschen und sich nackt auf den Fliesen zu wälzen. Als Publikum fühlt man sich in die Rolle eines Voyeurs gedrängt.

Ja, worum geht es eigentlich Strindberg in diesem Stück? Um Geschlechterrollen in erster Linie: Eine Adelige verführt einen Diener, das geht gar nicht. Da droht Schande und Frau muss sich umbringen. So ein Geschlechterdrama ist in der heutigen Zeit obsolet. Dann vielleicht doch andersrum: Aus dem unterwürfigen Diener wird ein Machtprotz, der aus der herrschsüchtigen Julie eine billige Hure macht, die vor ihm kriecht. Doch auch diese Themenvariante deutet die Regisseurin nur an. Was bleibt ist ein Art Schlachtengebilde aus drei Personen: Julie, die liebestolle, Jean, der berechnende, Kristin, die bigotte, „kreuzbrave“, hinterhältige Magd. Alle drei spielen ihr Spiel hervorragend. Und es wäre ein spannender Abend mit engagierten Schausspielern gewesen, hätte die Regisseurin nur klare Positionen zugelassen.

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