Weimar ist Erinnerungsort. Kein Haus, in dem nicht irgendein Großer aus dem Lexikon wohnte. Goethe, Schiller – klar. Vor diesen aber schon Bach, Herder, Wieland. Nach ihnen Liszt, Nietzsche, und neuerdings reiht sich auch Walter Gropius unter die großen Namen. 

Eigentlich begann alles…

Eigentlich begann alles mit Goethe, der in Weimar eine Bilderbuchkarriere hinlegte, von der ein Politiker heute nur träumen kann:  Vom Erzieher des jungen Prinzen zum Hofdichter, Minister für alles Mögliche bis zum Hofrat und Baron. Der Fall ist klar: Goethe war ein genialer Draufgänger mit dem unwahrscheinlichen Gespür für Chancen. Als er sich entschloss, aus der Großstadt Frankfurt, wo er es bestenfalls zum dichtenden Rechtsanwalt gebracht hätte, in das Operettenherzogtum Weimar zu ziehen, das auf der politischen Bühne Deutschlands nicht einmal eine Statistenrolle spielte, lachten und wunderten sich alle. Er aber wusste: In diesem Ministaat würde er den Freiraum haben, sein Image vom pubertierenden Wertherrevoluzzer abzustreifen und sich zum Künstler mit einer Prise Erhabenheit, die man später Klassik oder Klasse nennen sollte, zu  wandeln. Dass diese Erhabenheit ihn als Büstenheros in die Vitrinen der Bildungsbürgerwohnzimmer bannen wird, konnte er damals natürlich nicht ahnen. Wer weiß, vielleicht hätte ihm diese Rolle sogar gefallen.

Goethe omnipräsent in Weimar

Neuer Büstenanwärter

Anfang des 20. Jahrhunderts, genauer gesagt im April 1919, meldet ein gewisser Walter Gropius einen Anspruch auf Büste und Verehrung an. Noch ist es nicht so weit. Denn er ist eigentlich ein Noname: Sein Architekturstudium hat er abgebrochen, gebaut hat er auch nichts Nennenswertes. Außer der Glasfassadenbeschmückung für eine Schuhleistenfabrik in Alfeld kann er nichts auf seine „Werkliste“ setzen. Seine Ehe mit Alma (geschiedene Mahler) beschert ihm zwar Kontakte, ist aber im Zerbröckeln. Wahrscheinlich war es Alma, die ihn auf die Idee brachte, sich in Weimar zu bewerben. Denn eines wollte dieses ehrgeizige Sexidol ganz sicher nicht: einen unbedeutenden Ehemann in ihrer Liste der erlegten  Opfer führen.

Also reist Walter Gropius nach Weimar. Zuvor informiert er sich noch ausführlich im „Deutschen Werkbund“ und im „Arbeitsrat für Kunst“, was so an neuen Ideen im Umlauf ist. Mit diesen im Gepäck gelang ihm mit Hilfe eines einflussreichen Offiziers vom alten Adel das Husarenstück, die von Henry van de Velde gegründete Kunstgewerbeschule zu übernehmen und sie unter dem Titel „Bauhaus“ von 1919 bis 1925 als Direktor zu leiten. Van de Velde verließ bald darauf Weimar, er hatte eingesehen, dass er neben dem Organisations- und Redetalent Gropius keine Chance hatte.  Gropius‘  Stärke war auch in Weimar nicht das Bauen – außer einem Entwurf für ein Kriegerdenkmal hat er nichts Handfestes vorzuweisen. Er war Direktor, der die Fäden und die Laufbahn der Lehrer – in der Bauhaussprache mit „Meister“ angeredet – und die der Schüler bestimmte. An dieser Stelle muss unbedingt darauf hingewiesen werden, dass fast 50% der Studierenden Frauen waren. Die aber nie – auch nicht in dem jüngst eröffneten Bauhausmuseum – so richtig gewürdigt wurden.  

Flachdach gegen Giebel: Haus am Horn

Gropius weiß zu überzeugen, Sponsoren und Gelder aufzustellen, um berühmte Künstler, wie Johannes Itten, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Oskar Schlemmer oder Gertrud Grunow, die „Meisterin“ für Tanz und Harmonielehre, an die Schule zu holen. Schwierigkeiten spielt er mit Glanzreden oder Glanzfesten hinweg. Mag sein, dass diese Feste, bei denen es nach der Vorstellung der Weimarer unziemlich zuging, zur Vertreibung des Bauhauses beitrugen. Ein weiterer Riss ging durch die heile Welt der Weimarer, als der Architekt Georg Muche „Am Horn“, dem Hügel über dem Illpark, neben die honorigen Villen in neoklassizistischen Stil eine weiße Schachtel hinbaute. Noch dazu mit Flachdach! Das war Provokation pur. Mit diesem „Musterhaus“ änderte sich die Ausrichtung des Bauhauses: Statt wie vorher Handwerk und Kunst in den einzelnen Disziplinen zu vereinen, setzte Walter Gropius mehr auf industrielle Produktion. Der moderne Mensch im Aufbruch braucht neue Wohnformen, für jeden leistbar, lautet nun die Bauhausdevise. Diesen Richtungswechsel konnten viele Meister nicht mitmachen und verließen das Bauhaus. Unter anderem Johannes Itten, der für die künstlerische Seite des Bauhauses zuständig war.  Als die national-konservativen Kräfte immer stärker wurden, sah sich Walter Gropius gezwungen, das Bauhaus mit Sack und Pack nach Dessau zu übersiedeln, wo er und die wenigen, die ihm folgten, (vorerst) mit offenen Armen aufgenommen wurden. In Dessau manifestierte er den Spruch: „Das Bauhaus bin ich!“

Museum statt Büste

„Das Bauhaus feiert sein hundertjähriges Bestehen!“ Weimar, Dessau und Berlin übertreffen einander mit neuen Museen und Festivitäten. Die Weimarer überlegten, was sie ihren Besuchern anlässlich des Bauhausgeburtstages zeigen könnten. Die Schule – natürlich, besonders das „Gropius-Zimmer“, für das er selbst die Möbel entworfen hatte. Doch es gibt einen Haken: Man darf es fotografieren, aber nicht veröffentlichen, es sei denn, man zahlt. So an die hundert Euro werden gemunkelt. Das kommt bei den Medien vielleicht nicht so gut an. Also warum nicht gleich ein neues Bauhaus-Museum. Um 27 Millionen stellte die Architektin Heike Hanada einen hellgrauen Betonkubus ins Feld. Auf die versprochene Glasarchitektur wurde aus welchen Gründen auch immer verzichtet. Heike Hanada erklärt ihr uninspiriertes Konzept so: „Indem sich der Körper nach außen abschließt, gibt er der Idee Halt. Das Gebäude selbst ist reduziert auf einen einfachen geometrischen Körper.“ Über die Ästhetik des Bauwerkes kann man unterschiedlicher Meinung sein. Ein objektives Urteil wird erst möglich sein, wenn Erdhaufen auf der Rückseite und Baumaschinen auf dem Vorplatz verschwunden sein werden und Bäume den grauen Block behübschen. Im etwas düsteren Inneren zeigt man über drei Geschoße Werke aus der Schule: Entwürfe zum Thema „Der neue Mensch im Industriezeitalter“, Pläne für die Zukunftsindustrie, Keramik, Möbel, Videos mit dem „Triadischen Ballett“ von Oskar Schlemmer und natürlich die Wiege von Peter Kaler in den typischen Bauhausformen und -farben: Blauer Kreis, gelbes Dreieck und rotes Viereck. Sie wurde zum Weimar – Bauhauslogo erhoben, das nun als Fotografie die Auslagen diverser Designgeschäfte ziert.

Bauhaus Museum Weimar

Und welche Spuren hat das Bauhaus sonst in dem nach wie vor von Schiller und Goethe regierten Städtchen hinterlassen? In den Werkstätten der „Bauhaus Universität Weimar“ wie sich die Schule heute nennt, ist Rainer Reisner Werkmeister und Herr über viele Hämmer, Zangen und Seilzüge. „Hier lernen die Studenten, mit den Händen zu arbeiten und nicht nur Computertasten zu betätigen. Das Handwerk soll hier seinen alten Stellenwert zurückbekommen“, bekennt sich Rainer Reisner zum ehemaligen Postulat des Bauhauses. Fragt man in der Stadt nach „Alumni“ (korrekter Name der Schüler) des Bauhauses, so bekommt man die Adresse der Schmuckwerkstatt von Nane Adam. Sie kreiert Ringe, deren Innenseite mit flexiblem Material ausgekleidet ist, wodurch sich der Ring den unterschiedlichen Stärken des Fingers anpasst. Ihr Motto: Funktion vor Form! Auch die Hutdesignerin und ehemalige Bauhausschülerin Claudia Köcher „baut“ ihre Hüte nach diesem Motto: „Zuerst muss die Funktion stimmen. Erst wenn die Hüte perfekt sitzen. Dann kommt die Form, die ich mit meiner Fantasie gestalte.“

„Weimar hat Brennglasfunktion zwischen Klassik und Aufbruch in die Moderne“, erklärte Wolfgang Holler, Direktor der „Klassik Stiftung Weimar“ anlässlich der Eröffnung des Museums und trifft damit genau die ambivalente Positionierung der Stadt. Klarer Sieger nach Punkten bleibt dennoch Goethe. Er dominiert das Stadtbild: Gemeinsam mit Schiller thront er auf einem Sockel vor dem Stadttheater, ein Warenhaus trägt seinen Namen, die Auslagen der Buchhandlungen sind voll mit Werken von und über ihn, in der Auslage des Perückenmachers darf er als Toupetträger herhalten, das Theater im Gewölbe spielt fast ausschließlich Stücke „aus dem Leben Goethes oder Schillers“ und nicht zuletzt wacht das Klassikduo über den Schlaf der Gäste im schicken „Dorinthotel“. Und bei Einheimischen und Touristen ist der nach den Plänen von Goethe gestaltete  Landschaftspark an der Ill noch immer Hotspot Nummer eins.  Ein Aufbruch in die Moderne?

Literatur

Bernd Polster, Walter Gropius. Der Architekt seines Ruhms. Hanser 2019. Für alle, die sich für das Bauhaus und insbesondere für dessen Gründer interessieren – ein wichtiges Buch. Der Autor rückt das Bild von Walter Gropius zurecht

 Hajo Düchting, Wie erkenne ich Bauhaus? Belser Verlag, 2. Auflage 2019. Eine gute Einführung in die künstlerischen Merkmale der Bauhaus-Produktionen.

Tom Saller, Wenn Martha tanzt, Ullstein Verlag 2019. IN einem Rückblick wird das Leben von Martha Wetzlaff geschildert, die zunächst im Weimarer Bauhaus unter Oskar Schlemmer am „Triadischen Ballett“ mitarbeitet und nach dem 2. Weltkrieg in New York große Karriere macht.

Andreas Hillger, gläserne zeit, Osburg Verlag 2019. Ein Bauhaus Roman aus der Dessauer Zeit. Geschickt eingebettet in eine Liebesgeschichte erfährt man viel über die Schwierigkeiten, die das Bauhaus auch in seinem neuen Domizil in Dessau hatte.

Informative Webseiten

http://www.naneadam.de

http://www.zwilingsnadeln.de

http://www.thueringen-entdecken.de

http://www,klassik-stiftung.de

Pavia – eine italienische Stadt „comme il faut“!

PAVIA

Pavia ist „meine“ schönste, typisch ittalienische Stadt, wie ich sie immer suche, nur selten finde: Lebendig, kultiviert! Die Altstadt als Fußgängerzentrum ist für die Pavesi ein riesiger Wohnsalon, den sie besonders abends frequentieren. Ein Highlight: Die Certosa! Unbedingt sehenswert. Also mein Tipp: Nicht in Mailand hängen bleiben, sondern mit dem Zug nach Pavia.