Zwei Opern im Doppelpack: Zemlinskys "Florentinische Tragödie" und Bartoks "Herzog Blaubarts Burg"
Musikalische Leitung: Alain Altinoglou
Inszenierung: Vasily Barkhatov
Bühne: Christian Schmidt
Kostüme: Stefanie Seitz
Licht: Alexander Sivaev
Video: Roland Horvath
Der russische Regisseur Vasily Barkhanov gilt als ein ganz Radikaler. Er zertrümmert sehr gerne den Rahmen des Librettos, um "ein eigenes soziales Milieu" entstehen zu lassen - wie es im Programmheft heißt (S25) Weil Bartoks Oper "Herzog Blaubarts Burg" nur etwas mehr als eine Stunde dauert, packte er Zemlinskys "Florentinische Tragödie" dazu. Was beide Stücke einen soll, ist ein Ehepaar, das sich auseinandergelebt hat. Ein Thema, das immer gilt, aber schon ein wenig abgedroschen wirkt und die beiden Opern nahe an die Banalität heranführt.

Alexaner Zemlinsky: Eine florentinische Nacht
Text: Nach Oscar Wilde. Deutsche Übersetzung: Max Meyerfeld
Simone: Johan Reuter
Bianca: Asmik Grigorian
Guido Bardi: Dmity Golovnin
In einem Möbelhaus , ähnlich dem eines Einkaufzentrums, langweilt sich Ehefrau Bianca. Als ihr Ehemann Simone von einer Ein/Verkaufstour zurückkehrt, schlägt sie ihm eine Paartherapie vor, um die Ehe zu retten. Denn schon lange gibt es keinen Sex mehr, geschweige denn einen Funken Liebe. Nur widerwillig willigt er ein. Der Paartherapeut Guido Bardi schlägt ein Rollenspiel vor - die Drei steigen zurück in die Zeit, als die Medici in Florenz herrschten.
Ab her beginnt erst die Oper Zemlinskys, die eigentlich ein ziemlich typische Szenerie für jede Oper ist. Zwei Männer (ein Tenor, ein Bariton) buhlen um eine Frau (Sopran). Oscar Wilde und Zemlinsky schufen daraus ein Gespinst aus Eifersucht und Mordlust, dem der Regisseur nun folgt: Aus dem Therapeuten wird der Mediciprinz Guido Bardi, der um die schöne Bianca buhlt. So lange, bis es dem biederen Simone zu bunt wird und er, wie ein wild gewordener Stier mit dem Säbel (hier ein Stück einer Vorhangstange) auf den Prinzen/Therapeuten einsticht und ihn ermordet. Die Inszenierung oszilliert immer zwischen Vergangeheit und Gegenwart, bleibt aber mehr in der banalen Gegenwart des Möbelhauses stecken. Und wie geht es nun dem Paar - sie fallen einander in die Arme. Sie in Bewunderung für seinen Mut und Brutalität. er in Bewunderung für ihre Schönheit, für die er offensichtlich bis dato blind war. Und wie endet alles? - Mit tollem Sex auf der Couch des Mögelhauses, die Leiche bleibt daneben liegen. Vorhang!
Dass einige im Publikum mit mildem Gelächter auf dieses Ende reagieren, ist verständlich. Man weiß nicht so genau, ob der Regisseur die Komik beabsichtigte.
Johan Reuter, der für den erkrankten Christopher Maltman eingesprungen ist, überzeugt stimmlich und darstellerisch in der Rolle des Biedermannes. Die Brutalität muss man als Publikum einfach glauben. Der Tenor Dmitry Golovnin als Therapeut/ Guido Bardi hat immer wieder Mühe, über das manchmal allzupräsente Orchester darüber zu kommen.
Und Asmik Grigorian schweigt in erduldeter Langeweile. Nur am Schluss darf ihr Sopran aufleuchten, als sie ihren mörderischen Ehemann bewundert: "Warum hast du mir nicht gesagt, wie stark du bist!" So manche im Zuschauerraum wird sich darüber gewundert haben. Der Mörder als begehrtes Sexualobjekt? In der Zeit des Expressionismus war der Brutale immer wieder ein attraktiver. Held - so auch bei Oskar Kokoschka, Mörder, Hoffnung der Frauen 1909.
Alain Altinoglu dirigiert mit feinnerviger Empfindung die teils romantisch- wagnerischee Musik. Wer Zemlinsky pur genießen wollte, schloss einfach die Augen.

Bela Bartok, Herzog Blaubarts Burg. Text: Bela Balazs
Herzog Blaubart: Florian Boesch
Judith: Asmik Grigorian
Die beiden hatten wohl in der Pause den versöhnenden Sex. Es kann also weitergehen. Aus Bianca wird die schockverliebte Judith, und aus Simone Herzog Blaubart, nun aber gesungen von Florian Boesch.
Klar, dass die beiden ihren gegenseitigen Seelenstriptease fortsetzen - sie nennen es Türen öffnen. Judith besteht darauf. Und so schreiten sie die geheimen Kammern ihrer und seiner Vergangenheit ab. Das Mysterium, das dieser Musik innewohnt - hervorragend komponiert von Bela Bartik und dirigiert von Alain Altinoglu - bleibt aber auf der Bühne aus. Denn Videos helfen nicht darüber hinweg, dass eben ein Möbelhaus völlig banal ist. Da greifen die an die Hinterwand geworfene Videos von Spitzen (Waffenkammer), ein plötzlich aus dem Boden herausschießender Plastikbaum ("Garten) - sehr an Weihnacht im Möbelhaus angelehnt - und ein im Oberstock erscheinendes Kinderzimmer mit Gitterbett und Teddybären - allzusehr in die banale Kitschkiste. Doch Florian Bösch und Asmik Grigorian gelingt es, gemeinsam mit dem wunderbar dirigierten Orchester Bartoks Geheimnisse hervorzuzaubern. Wäre da nicht der absolut komische Schluss: Statt des gemeinsamenen Todes ziehen beide den Sex auf dem frisch überzogenen Bett im Möbelhaus vor. Die Leiche des Therapeuten, die noch immer am Rande der Bühne liegt, wird in der Bettlade entsorgt. Der Vorhang fällt. Ein paar Lacher, einige Bravos, netter Applaus.


