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Christopher Hampton: Ein deutsches Leben. Theater in der Josefstadt

  • Silvia Matras
  • 7. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Brunhilde Pomsl (Lore Stepanek) und Frau Goebbels (Andrea Clausen)
Brunhilde Pomsl (Lore Stepanek) und Frau Goebbels (Andrea Clausen)

©Bernd_Uhlig

Deutsche Fassung: Sabine Pribil. Basierend auf Gesprächen mit Brunhilde Pomsl für den Film "Ein deutsches Leben".


Regie: Andrea Breth. Musikalische Leitung und Klavier: Adam Benzwi. Bühnenbild: Raimund Orfeo Voigt. Kostüme: Jens Kilian


Mit Lore Stefanek als Brunhilde Pomsel. In weiteren Rollen: Andrea Clausen, Fin Holzwart und Ensemble und Kinder-Komparserie


Brunhilde Pomsel wurde 1911 in Berlin geboren. Sie trat 1933 der NSDAP bei und startete ihre berufliche Laufbahn als Sekretärin im Rundfunk. Ab 1942 arbeitete sie im Sekretriat des Ministerbüros von Joseph Goebbels. 1945 bis 1950 war sie in verschiedenen Sowjetlagern inhaftiert, unter anderem in ehemaligen Konzentrationslagern Buchenwald und Sachsenhausen. Ab 1950 arbeitete sie wieder als Sekretärin im Südwestfunk und bis 1971 als Chefsekretärin in der ARD. Sie starb 2017 im Alter von 106 Jahren. (Auszug aus der Kurzbiographie im Programmheft)


Eine elegante Dame sitzt gelassen in ihrem Wohnzimmer der 1950er Jahre und erinnert sich. Erinnerungen verblassen, täuschen, manches ist sicher so geschehen, wie es Brunhilde Pomsel erzählt. Lore Stepanek ist in dieser Rolle die alte Dame, die sich ohne Bitternis oder gar Schuldgefühle an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert.

Die Arbeit im Rundfunk war sorglos. Obwohl schon die ersten Judendeportationen stattfanden. Die junge Frau sah zwar die Lastwagen, aber realisierte nicht, wer da wohin transportiert wurde. Dass ihre Freundin Eva Löwenthal sie nicht mehr besuchte, beunruhigte sie zwar, aber schnell vergaß sie, nach ihr zu fragen.

Erst nach 1950 kam es ihr in den Sinn, nach ihr zu suchen, und sie erfährt, dass die Freundin in Auschwitz 1943 ermordet wurde. Unaufgeregt sagt sie: "Wir hatten nichts gegen Juden. Die Lager - so erklärte man uns - dienten zur Umerziehung." Es ist die gelassene Art, wie Lore Stepanek aus ihren Erinnerungen erzählt - man glaubt ihr, wenn sie erklärt: "Man wollte gar nicht so viel wissen!" Das stimmte wohl für die meisten Menschen. Brunhild Pomisl war naiv, so naiv, dass sie die Olympiade 1936 als "Fest, das der liebe Gott Hitler geschenkt hat" bezeichnete.

Ob sie als Sekretärin im Ministerium Goebbels' mehr wußte als alle anderen, verneint sie dezidiert. Sie sei nur ein Rädchen gewesen, das zu Goebbels' Plänen keinen Zugang hatte. Erst als der von ihr zunächst bewunderte Goebbels in einer Rede die Massen verführt, erkennt sie den gefährlichen Charakter des Mannes und ist entsetzt. Aber sie bleibt. Denn - so gesteht sie- den Mut einer Sophie Scholl hatte sie nicht. Wer hatte den schon? Wer riskierte sein Leben für Flugblätter, fragt sie. Die Frage geht an alle, auch die Zuschauer stellen sie sich. Vielleicht schon während der Vorstellung, sicher aber dann auf dem Heimweg. Diese Frage will nichts entschuldigen, sondern nur zu einer differenzierten Beurteilung der Person Brunhilde Pomisl führen. Ihr letzter Satz : Wir haben es nicht gewusst, sollte wohl eher heißen: Wir wollten es nicht wissen.

Erinnerungen sind diffus, ambivalent, Schuldzuweisungen schwierig. Aber die Diskussion darüber wichtig.

Weil die großartige Lore Stepanek mit ihrer klaren, Sprache jenseits von billigen Schuldgefühlen diese Erinnerungen spricht, kann das Publikum sich die Frage nach Schuld, Wissen oder Nichtwissenwollen, Mut oder den Lebensumständen angepasste und verstehbare "Feigheit" stellen. Weil Christopher Hampton den Text subtil und in unterschwelliger Gewissensambivalenz geschrieben hat, wird aus diesem Erinnerungsstück keine billige und schnelle Aburteilung der Person Brunhild Pomisl. Weil Andrea Breth auf alle billigen "Nazieffekte" in ihrer Regie verzichtete, kann der Abend für viele gelten, die damals nicht den Mut zum Widerstand aufbrachten und ihr Leben aufs Spiel setzen wollten.

Musik aus der Zeit, wie "Ich bin heute frei, meine Herr'n" aus dem Film "Liebespremière" macht noch einmal mehr die forcierte und vom Kulturministerium propagierte und verordnete "Leichtlebigkeit" deutlich.


Mit begeistertem Applaus bedankte sich das Publikum für diesen großen und wichtigen Theaterabend!







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