Dimitré Dinev, Die Zeit der Mutigen. Kein & Aber Verlag
- Silvia Matras
- vor 3 Tagen
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"Als das Dienstmädchen Eva am Vorabend des Ersten Weltkriegs ihrem Leben in der Donau ein Ende setzen möchte, wird sie stattdessen in die Arme des jungen Infanterieleutnants Alois Kozusnik gespült. Statt ihres Lebens verliert sie ihre Unschuld. Es ist der Startpunkt einer epischen Geschichte, die sich aus drei großen Erzählsträngen zusammensetzt und sich bis in die heutige Zeit fortspinnt. Was macht den Menschen aus? Wie durchlebt und übersteht er Jahre der Unterdrückung und Gewalt? Wie schafft er es immer wieder, Kraft zu schöpfen, zu hoffen und zu lieben?" (Verlagstext)
"In dieser Sommernacht war Eva Nagel zur Donau gegangen mit der Absicht, sich ins Wasser zu werfen, aber stattdessen warf sie ich in die Umarmung des Infantrieleutnants Alois Kozusnik. Anstatt ihre Gefühle einem uralten Strom anzuvertrauen, lag auf einmal ihr Kopf auf der spärlich bewachsenen Insel einer fünfundzwanzigjährigen Männerbrust"
So beginnt dieser "Jahrhundertroman", der die Geschicke und Geschichte von Menschen verschiedenster Herkunft und Nation vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Beginn der 2000er Jahre schildert. Ein durchgehendes Stilmerkmal macht sich schon in diesem ersten Absatz bemerkbar: Witz und Ironie, selbst in tieftragischen Momenten.
Ein Handlungsstrang durchzieht immer wieder das Werk: Die Schicksale aller politisch Verfolgten und in Lagern Gefolterten unter Hitler und Stalin und danach. Dinev mutet dem Leser prä zise Schilderungen der Lagerwelten, der Foltermethoden über viele Seiten lang zu- was nur schwer auszuhalten ist! Aber für den gebürtigen Bulgaren war es wohl ein wichtiges Anliegen, die zum Großteil historisch noch unaufgearbeiteten Methoden der Folterung, Tötungen , Bespitzelungen, Korruption aufzudecken.
Wer sind nun die Mutigen, die Kriegen, Machtspielen und politischen Intrigen ihre Kraft entgegensetzen? - Vor allem Frauen wie Neda, die Hirtin. Sie ist Hüterin einer großen Schafherde, lebt in selbstgewählter Einsamkeit weit oben im Gebirge, abseits der Menschenmassen. Nur manchmal steigt sie hinab, sieht Unrecht, rettet Menschen. Figuren wie diese umgibt Dinev mit einer archaisch- poetischen Aura des Unwirklichen, des Wunders. Das sind die Teile des Romans, die faszinieren, in denen Dinev seine musikalische Sprache, seinen Einfallsreichtum voll zur Wirkung bringt.
Leider aber vermisst man eine strikte, klare Personenführung. Denn Dinev wechselt alle paar hundert Seiten Land und Leute, lässt Personen erst viel später wieder in neuen Konstellationen auftauchen. Der Leser hat Mühe, die Zusammenhänge herzustellen. Das dürftige Namensverzeichnis am Ende des Roman hilft nicht viel. Dennoch bleibt man dran, fasziniert von der bildmächtigen Sprache, mit denen Dimitré Dinev das 20. Jahrhundert vor dem Leser abrollen lässt.

