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Heinrich von Kleist: Penthesilea - "Der Wortwiege - Klassiker"

  • Silvia Matras
  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit


Von links nach rechts: Achill (Dorigatti ) Prothoe (Gabriel) Penthesilea (Staduan):  Erste Begegnung. © Victoria Nazarova
Von links nach rechts: Achill (Dorigatti ) Prothoe (Gabriel) Penthesilea (Staduan): Erste Begegnung. © Victoria Nazarova

Sprachfeuerwerk um eine mörderische Liebe


Regie und Fassung: Jerôme Junod. Bühne: Andreas Lungenschmid. Kostüme: Antoneta Stereva di Brolio. Musik: Christian Mair. Körpercoaching: Martin Woldan


"Ungeheuer ist viel..." ist das diesjährige Motto der Theatergruppe "Wortwiege". Ein Motto, das ganz besonders auf das Drama "Penthesilea" von Heinrich von Kleist passt.

Ungeheuer ist die Figur der Penthesilea,. die mordet, wen sie liebt. Die mordet, weil sie sich für ihre eigenen Gefühle bestraft. Die sich selbst tötet. Unter all den Dramen Kleists ist "Penthesilea" wohl das ungeheuerlichste - mit Gewaltphantasien und Todessehnsucht angefüllt wie kein anderes seiner Werke.


Der Kampf um Troja geht nach zehn Jahren dem Ende zu. Achill hat Hektor getötet und an dessen Leichnam wilde Rache genommen.

In Homerischer Manier beginnt der Regisseur Jêrome Junod mit einer "Mauerschau": Odysseus und sein Gefährte sehen in der Ebene das Heer der Amazonen heranreiten. Warum jetzt, wen wird es unterstützen - die Trojaner oder die Griechen? - Niemanden - Penthesilea will Achill - für sich und ganz, unterworfen und total ergeben. Denn sie hat sich in einem coup de foudre in ihn verliebt. Kann aber mit diesen Gefühlen nicht umgehen, weil sie ihrem Volk nicht erlaubt sind. Achill wiederum ist von ihrer "Schönheit" und ihrem Liebreiz bezaubert - schwer in dieser Inszenierung nachzuvollziehen. Denn der große Moment der Begeegnung - bei den griechischen Dramatikern immer als ein magischer Moment geschildert- wird von Kleist in wilder Gier, und eher mit Kampfeslust als Liebeslust geschildert. Penthesilea kann ihre Liebe nur in Wut und Kampf ausdrücken. Ein Kuss wird ein Biss, Umarmungen sind bar jeglicher Zärtlichkeit. Im Zweikampf soll entschieden werden, wer wem in die Heimat folgt. Achill ergibt sich schon im Vornherein, doch Penthesilea will Kampf, will über den Mann siegen! Und vergisst sich in rasender Wut, durchbohrt den arglos Liebenden mit ihrem Pfeil und hetzt die Hundemeute auf ihn. Ihre Trauer kann sie nur mit ihrem eigenen Tod bewältigen.


Dieses Stück auf die Bühne zu bringen kommt einer Herkulesaufgabe gleich. Andreas Lungenschmid baut einen Wald, in dem nach zehn Jahren Kampf nur mehr Baumskelette stehen und ein paar ausrangierte Autoreifen auf eine mögliche Gegenwart weisen. In dieser Trostlosigkeit agieren die Figuren, wie aus der homerischen Zeit in die Gegenwart gekippt: In Fetzen hängen ihnen Hosen, Wams und Mäntel herunter, alle wirken erschöpft. Geschickt hat der Regisseur die Szenen so angelegt, dass drei Schauspieler alle elf Personen darstellen. Petra Staduan spielt Penthesilea und noch zwei Griechen, Nico Dorigatti mimt Achill - dünn und ganz und gar unheldisch - und mutiert problemlos zur geheimnisvollen Oberpriesterin der Amazonen und zwei weiteren Griechen. Nina C. Gabriel spielt Prothoe, die sanfte und geduldige Schwester Penthesileas, den schlauen Odysseus und dazu noch weitere griechische Hauptmänner. Alle wechseln problemlos von einer Rolle in die andere.

In der Rolle der Penthesilea hat es Petra Staduan nicht leicht. Die Sanfte, Schöne, in die sich Achill verliebt hat, wird ihr von der Regie nicht gestattet. Denn getreu dem Motto: "Ungeheuer ist viel und nichts ungeheurer als der Mensch" (Sophikles, Antigone) konzentriert sich der Regisseur auf die zornige, rasende Penthesilea und lässt ihr keinen Raum für die Liebe. Die Begegnung mit Achill ist für die Amazonenkönigin eine gefährliche Situation - es gibt nur Sieg und Tod. Zwar dürfen sich Achill und Penthesilea verbal die Liebe gestehen, doch sie fällt über ihn wie ein Raubtier her, das seine Beute zerreißen wird - was sie ja im Zweikampf auch tun wird. Nico Dorigatti gelingt die ambivalente Haltung zwischen Kriegsheld und Liebendem glaubhaft und berührt in seinem Todesmonolog die kampfesheiße Penthesilea und das Publikum.

Als stille, mit Sanftmut treu der rasenden Schwester ergebene Prothoe überzeugt Nina C. Gabriel.

Ein wenig erschlagen von so viel Wucht und Gewalt applaudiert das Publikum dennoch heftig, um die "ungeheuerliche" Leistung der Darsteller zu honorieren.



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