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Moritz Rinke, SOPHIA oder Das Ende der Humanisten. Kammerspiele der Josefstadt

  • Silvia Matras
  • vor 4 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Das Ensemble  (Arztmann, Hasun, Lorenz , Meisterle)- Alle Fotos: Astrid Knie
Das Ensemble (Arztmann, Hasun, Lorenz , Meisterle)- Alle Fotos: Astrid Knie

Regie: Amelie Niermeyer. Bühnenbild: Christian Schmidt. Kostüme: Stefanie Seitz


Liest man sich die Werkliste des Autors durch, so meint man, er müsse weit über 100 Jahre alt sein. Mit gerade einmal 59 Jahren hat er zahlreiche Romane geschrieben, und mit Erfolgsdramen, wie "Das Stockholm-Syndrom" oder der zeitgemäßen Fassung des Nibelungenliedes heimste er Preise über Preise ein. Dass er aktiver Fußballer in der "Autorennationalmannschaft" ist und auch darüber schrieb, sei nur nebenbei erwähnt. Mit seiner türkischen Ehefrau Eylem Özdemir führt er ein türkisches Restaurant in Berlin. Wann schläft der Mann?

Mit seinem Theaterstück "Sophia" ist er weit seiner Zeit voraus: Ein vereinsamter, von seiner Frau verlassener Geschichtsprofessor ordert eine Robotergefährtin, die ganz nach seinen Wünschen komponiert wird: Gebildet, schnell lernfähig, hübsch (nach dem Jugendbild seiner noch Ehefrau, aber bald vielleicht Ex). Zum 60. Geburtstag wollen ihm Tochter Helena und ihr Freund Jonas gratulieren und müssen entsetzt feststellen, dass diese Maschinenfrau Sophia die Rolle der Ehefrau eingenommen hat. Seit sie bei ihm eingezogen ist, ist er glücklich, gesteht der Professor: "Sophia ist meine Mondlandung!" Doch fehlen ihm Gefühle und ein wenig Zärtlichkeit, die ihm Sophia (noch ) nicht bieten kann. Er bittet den technikversierten Jonas, sie darauf zu programmieren. Was auch geschieht. und zum Entsetzen aller übernimmt Sophia die Führung und das Chaos ist perfekt.


Dieses zum richtigen Zeitpunkt geschriebene Stück hat sich Direktor Föttinger für die Uraufführung in den Kammerspielen gesichert und mit einer brillanten Besetzung mit vollem Erfolg aufgeführt.

Unter der behutsamen und dem Text congenial angepassten Regie von Amélie Niermeyer können die Schauspieler voll und ganz brillieren.Die Bühne (Christian Schmidt) ist leer. Ein kleiner Roboter surrt über den Fußboden, ein alter Sessel ist von dem ehemaligen Mobiliar übrig geblieben. Der Professor ist ein Produkt aus Antike und Geschichttswissenschaft, frühzeitig in den Ruhestand entlassen und von der Frau verlassen.



Der Professor ist not amused von seiner neuen Sophia (Meisterle und Lorenz)
Der Professor ist not amused von seiner neuen Sophia (Meisterle und Lorenz)

Aus Langeweile und Einsamkeit ordert er die Maschinenfrau Sophia. Joseph Lorenz spielt diesen Professor und akzentuiert genüsslich und mit gehöriger Selbstironie diese Rolle: Stolz führt er den beiden Besuchern seine Errungenschaft vor, um sich am Ende nach der analogen Zeit zurückzusehnen, wahrscheinlich aber vergeblich. Mit dem offenen Schluss lässt der Autor alles im Ungewissen. Silvia Meisterle in der Rolle als Automatenfrau ist einfach umwerfend: Zu Beginn eine aalglatte Roboterin (um auch einmal unpassend zu gendern!), die mechanische Antworten herunterleiert und immer nachfragt, ob die Aktion und die Antwort zur Zufriedenheit ihres Herrn und Meisters ausgefallen ist. Unsicher stolpert sie über Stufen, muss gelenkt werden, bietet ihre Geschirr vernichtenden Kochkünste an. Der Professor platzt vor Stolz über "seine Neue" und hat nur noch einen Wunsch - nach Gefühlen und Zärtlichkeit. Jonas ( Nils Arztmann -der junge Technikaffine!) ändert souverän die Programmierung - und danach trumpft Sophia auf! Eine unglaubliche körperliche und darstellerische Leistung, die da Silvia Meisterle in Verrenkungen und Capricen hinlegt. Im Glitzerlook (Kostüme: Stefanie Seitz) legt sie eine Breakdancenummer aufs Parkettt und verführt zuerst Jonas und mit einem kessen Tango die sonst so skeptische und ablehnende Tochter Helena (etwas überdreht von Alma Hasun gespielt) Nur einer ist von der neuen Entwicklung nicht angetan: Der Professor! In seiner Hilflosigkeit und Verzweiflung (köstlich komödiantisch von Lorenz gespielt) löst er den Vertrag auf und lässt Sophia im Sarg zurückschicken.

Chaos und Entsetzen (Meisterle, Lorenz, Artzmann und Hasun)
Chaos und Entsetzen (Meisterle, Lorenz, Artzmann und Hasun)

Reumütig wünscht er sich seine Ehefrau zurück. Die kommt - sehr prompt und wie auf Zuruf! Wer ist sie? Mensch oder Roboter(in)?


Wieder einmal wiederhole ich, was ich an dieser Stelle schon oft betont habe: Gutes Theater gibt es (noch), wenn ein kluger Text von einer klugen Regie und einem Superensemble realisiert wird. Föttinger und sein Ensemble zeigen das immer wieder!


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