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Nicole Beutler und Joseph Lorenz: Dekadenz und Doppelmoral. Theater Akzent

  • Silvia Matras
  • vor 5 Stunden
  • 2 Min. Lesezeit

Ein literarischer Streifzug durch das alte Wien





Joseph Lorenz © Moritz Schell Nicole Beutler © CARO_STRASNIK



Texte von Arthur Schnitzler und Raoul Auenheimer


Ein kostbarer Abend! Wenn zwei so Theaterkapazunda wie Nicole Beutler und Joseph Lorenz sich zusammentun und nach ihrer eigenen Regie Schnitzler lesen, dann entsteht da eine Dichte, wie man sie am Theater nur mehr selten erlebt. Da stört kein Regisseur mit absurden Ideen, Videos und Slapstick-Kostümen.

Nur ein Tisch, zwei Sesseln - und schon sind wir im Schlafzimmer eines Ehepaares (Schnitzler, Reigen), das die Heuchelei perfektioniert hat: Sie kommt gerade von ihrem Liebhaber, er hat ein Gspusi mit einem süßen Mädl. Dem Ehemnn gelüstet nach einer längeren "Freundschaftsperiode" nach "Flitterwochen" - sprich einer Liebesnacht wie einst. Doch ein wenig ziert sie sich, will wissen, ob er je mit einer verheirateten Frau ein Techtelmechtel hatte. Dabei spielt sie die heilige Unschuld, und er - den "Mann von Welt", der über seine vergangenen Beziehungen schweigt. Amüsant und doch demaskierend! Doppelmoral mit viel Humor gespielt!

Was doch die Wiener Gesellschaft so gerne tratscht! Raoul Auenheimer deckt auf: Vor dem Gerede ist keiner in der sogenannten "gehobenen Wiener Gesellschaft" sicher!

Wenn Anatol (Schnitzler) die "Mondäne" am Weihnachtsabend trifft, dann spitzt jeder im Publikum die Ohren: Wie legen die beiden diese Paraderollen an? Manch einer hat villeicht noch Robert Lindner oder Helmuth Lohner im Ohr und als "die gnädige Frau" Susi Nicoletti.

Nicole Beutler und Joseph Lorenz spielen mit leisen, unaufgeregten Tönen - der Subtext wirkt dadurch umso dichter: Die kleine Welt hat ihren Reiz für die verwöhnte Ehefrau, die ganz gerne eine Liaison mit Anatol eingegangen wäre, aber dazu nicht den Mut - und auch nicht die Freiheit hatte. In der kleinen Welt gibt es zwar so etwas wie Freiheit, aber die ist zeitlich begrenzt und hat sehr rasch ein Ablaufdatum.

Schnitzler räumt in der Szene "Der Soldat und das Stubenmädchen " (Reigen)gehörig mit dem Männerbild auf: Ungeschönt, schwer auszuhalten, wie Lorenz diesen miesen Kerl spielt - ordinär, tierisch, gleichgültig. Und sie: schüchtern, ängstlich und ergeben - eine berührende Szene.

Etwas weniger scharf ist Auenheimers Text "Das Nest" - in geiler Liebhaber hofft auf ein Gspusi mit einer aus der Wiener Gesellschaft - aber die hat sich auf das Rendevouz nur eingelassen, weil sie einmal eine Absteige (Nest) von Innen sehen wollte.


Leicht, flockig, aber ohne die Dichte, die Schnitzler seinen "Beziehungsgschichten" einschreibt, geht es im Schlafzimmer um halb Zwei in der Nacht zu: Er ein Beamter, der um 8h früh im Büro sitzen muss, will gehen, sie mault...Ein Text ohne Intensität, dem auch die beiden keinen großen Charme abgewinnen können. Irgendwie ein Zeitfüller....


Insgesamt ein Abend, der von den hintergründigen Texten und den beiden Vollblutschauspielern lebt. Theater vom Feinsten! Effekt: Ohne Moral lebt sichs leichter, auf dem Theater, wie im Leben. Damals wie heute. "Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug", zitiert Joseph Lorenz am Ende Arthur Schnitzler.


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