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Kris Lauwerys: Vom Licht in die Dunkelheit. Residenz Verlag

  • Silvia Matras
  • vor 4 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Untertitel: Drei Frauen in Wien 1900-1938 - Emilie Flöge, Milena Jesenská und Veza Canetti


Aus dem Niederländischen übersetzt von Annette Wunschel



© Joe P. Wannerer - BoutiqueBrutal.com
© Joe P. Wannerer - BoutiqueBrutal.com

Emilie Flöge, Milena Jesenská und Veza Canetti sind, wenn überhaupt, dann wegen ihrer (Liebes)Beziehungen zu den Partnern, Gustav Klimt, Franz Kafka und Elias Canetti bekannt. Alle drei verbindet die Zeit, die sie erlebt haben: Die Östereichisch-Ungarische Monarchie, den ersten Weltkrieg, den Zusammenbruch des Habsburger Imperiums und den heraufziehenden Nationalsozialismus. Und sie verbindet, wie intensiv sie um ihre Unabhängigkeit gekämpft haben: Emilie Flöge um die sexuelle und wirtschaftliche, Milena Jesenská und Veza Canetti um die existentielle und literarische Unabhängigkeit.


Am ehesten in das Interesse der Öffentlichkeit gerückt ist Emilie Flöge (1874-1954), vor allem durch die spannende und gut recherchierte Romanbiographie von Margret Greiner "Emilie Flöge - Auf Freiheit zugeschnitten", erschienen 2016. Kris Lauwerys Intention ist es, Flöges Aufstieg als die erfolgreiche Modeschöpferin der Wiener Gesellschaft aufzuzeigen und ihre Unabhängiigkeit von Gustav Klimt. Sie wollte nicht nur als die "Gefährtin" an der Seite des berühmten Malers und Frauenhelden, sondern als wirtschaftlich erfolgreiche Frau in einer von Männern dominierten Modewelt gesehen und respektiert werden. Interessant versteht es die Autorin, die gesellschaftlichen Gegebenheiten aufzuzeigen und die Personen in den Rahmen der geschichtlichen Verwerfungen zu stellen.


Eine Rebellin gegen den Vater, das Establishment und vor allem gegen das begeisterte Kriegsgeschrei beim Ausbruch des Weltkrieges war Milena Jesenská (1896-1944).

Sie bricht das Medizinstudium in Prag ab, und hat eine Affäre mit dem "Kaffehausjuden" Ernst Polak - wie der Vater ihn nennt. Als sie schwanger wird, treibt sie ab. Die beiden wollen heiraten - doch der Vater verweigert die Einwilligung und lässt sie in die Psychiatrie einweisen. Nach einigen Monaten in der Anstalt, wird sie frei und endlich gibt der Vater die Einwilligung in die Heirat, unter der Bedingung, dass beide aus Prag verschwinden. Das Paar lebt von 1918 an in Wien unter schwiergsten, ärmlichen Verhältnissen. Polak sitzt in den Kaffeehäusern herum, verdient nichts. Zunächst können sie noch von der Mitgift Milenas leben, doch bald ist die aufgebraucht. In der Ehe kriselt es- Polak hat andere Frauen, bringt sie sogar nach Hause. Geld wird rar. Milena versucht einen Selbstmord, wird gefunden. Doch sie findet ihren Weg, beginnt für Zeitungen zu schreiben. Sieht genau hin. Sieht das Elend besonders der Frauen, beginnt für die Gleichberechtigung zu kämpfen. Ihre lebensgenauen Artikel finden Anklang. Doch die Honorare sind zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. In all diesen Jahren des Kampfes beginnt der Briefwechsel zwischen Milena und Franz Kafka. Kafka - der große Zauderer, Milena drängt auf Begegnung, hat unendliche Geduld. Dann endlich kommt Kafka nach Wien und die beiden erleben drei Tage von starker erotischer und intellektueller Anziehung. Dennoch wird die Beziehung schwankend bleiben. Milena kehrt 1924 nach Prag zurück, denn Wien ist ihr aus vielen Gründen unerträglich geworden. "In Prag hebt sie sich durch ihr großstädtisches Flair ab,....sie verkörpert das Ideal der kosmopolitischen , sozial engagierten, emanzipierten jungen Frau...Ihr zweites Leben kann beginnen" (S 256) Hier bricht die Lebensgeschichte Milenas ab.


Veza Taubner, verheiratete Canetti (1897-1963), wird als Tochter jüdischer Eltern geboren und velebt ihre Jungend im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Schon früh verehrt sie Karl Kraus, seine Sprachgewalt und Gesellschaftskritik, besucht seine Lesungen. Und früh schon engagiert sie sich für die sozialistische Arbeiterbewegung, erlebt mit wachen Sinnen den Aufschwung der Kultur, der Architektur und Bildender Kunst in den 1920er Jahren durch die Sozialisten. Die spätere Wehrlosigkeit der Arbeiter, der Justizbrand 1927 ist für sie ein Alarmsignal, sie ahnt die aufkommende Gefahr des Faschismus. Unermüdlich schreibt sie für die Arbeiter Zeitung, hat Erfolg. Mehr als Elias Canetti.

1934 heirater sie nach langem Zögern Canetti, will aber, dass sich beide ungebunden fühlen. Sie hat mehr und mehr Erfolg, während der Name Canetti noch unbekannt ist. Doch mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus ist ihr jede Chance auf Veröffentlichung genommen. Aus der erfolgreichen Kolumnistin und Übersetzerin wird eine auf das Dasein als Jüdin und Ehefrau beschränkte Hausfrau. In der Ehe kriselt es, sie denkt an Scheidung. Dennoch gelingt es ihnen, gemeinsam ins Exil zu flüchten. Vera Cynetti wollte nie mehr nach Wien zurückkehren. Sie starb 1963 in England.


Was das Buch von vielen anderen Biografien abhebt, ist die penible Genauigkeit, mit der die Autorin diie drei Frauen in die politischen Ereignisse einbettet. So gesehen, ist es Geschichte, vermittelt durch Gedanken und Erlebnisse dieser drei Frauen als Zeitzeugen. Interessantes Fotomaterial, eine reichhaltige Bibliographie und genaue Zitatangaben komplettieren diese interessante, lebendig geschriebene Zeitanalyse.







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