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Leila Slimani: Trag das Feuer weiter.

  • Silvia Matras
  • 21. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

©Luchterhand-Literaturverlag
©Luchterhand-Literaturverlag

Aus dem marokkanischen Französisch von Amelie Thoma.


"Trag das Feuer weiter" ist der dritte Band, in dem Leila Slimani über ihre Familie schreibt. Und schon dieser erste Satz ist wahr und auch nicht wahr. Sind es wirklich ihre Familienmitglieder - die Großmutter Mahthilde, die den Marokkaner Amine heiratete und mit ihm nach Marokko zog? Dort auf dem Land unter harten Bedingungen regelrecht ums Überleben kämpfen musste, nie den Mut verlor und immer zu ihrem Mann hielt, auch wenn sie ihn heftig kritisierte und sich seinen Wünschen und Vorstellungen oft genug widersetzte? Was ist die Wahrheit über diese Menschen? Und sind es im dritten Band wirklich die Kinder und Enkelkinder von Mathilde und Amine oder Fiktionen.?Wie ist es zu verstehen, dass Mutter Aicha Tochter Mia verbietet, diesen "Roman" zu schreiben: "Ich verbiete dir, in meinen Kopf einzudringen!" Sie mag nicht, "dass man das Leben verdreht, es auswringt, damit Geschichten heraussprudlen." (S 438). Wie um die Echtheit der realen Personen zu bestätigen und alle Zweifel auszuräumen, werden zu Beginn die Hauptpersonen mit einem kurzen Lebenslauf und Geburtsdatum aufgelistet. So soll der Leser vom Realitätsgehalt überzeugt werden. Was bedeuten würde, dass Slimani zwischen der Rolle der auktorialen Erzählerin und der einer Berichterstatterin hin und her wechselt. Was sie aber tunlichst vermeidet. Wir Leser tun gut daran, dieses Buch wie einen gelungenen Roman mit gut erfundenen, nahe an der (möglichen) Realität denkenden und agierenden Personen zu lesen. Wahrscheinlich macht diese hauchdünne Trennlinie zwischen Erfindung und Dokumentation auch den Reiz des "Romans" aus.

Mia und Inès wachsen in der französischsprechenden Oberschicht auf: Mutter Aicha ist Gynäkologin, Vater Mehdi Daoud hat sich mit seiner überragenden Intelligenz zum obersten Chef einer Großbank emporgearbeitet. Er ist es, der seinen beiden Töchtern das Interesse für Literatur weckt und wach hält. Mia verkündet schon als Kind, dass sie Schriftstellerin werden will. Inès interessiert sich mehr für ihre Schönheit und die Wirkung auf das männliche Geschlecht. Glanz und Gloria? - Nicht ganz, denn nach der Matura wollen beide raus aus Marokko, das ihnen zu eng ist. Paris ist die Weite, die Freiheit. Toll ist das Leben in Paris - Patys, ungehinderte Sexbeziehungen, Drogen zum Aufmuntern, dazwischen Studium, Arbeit später...Bis es zu bröckeln beginnt: Mehdi Daoud wird wegen Korruption verhaftet und verbringt bis knapp vor seinem Tod die Zeit im Gefängnis. Nichts ist mehr so wie früher. Die Schatten der Gewaltherrschaft Königs Hassan legt sich über die Familie - der Vater wird Jahre nach seinem Tod zwar von allen Anschuldigungen frei gesprochen - aber in der Familie kehrt nie mehr die alte Unbeschwertheit zurück. Dies ist die einzige Stelle, in der die Autorin die politische Situation der 80er und 90er Jahre unter Hassan II. kritisiert, wenn auch nur indirekt.

Denn ihr Hauptthema ist und bleibt die Frage nach der Idendität: Mia und Inès sprechen Französisch, werden nach westlichen Ideen erzogen, kleiden sich westlich und leben in einem Land, dessen Sprache sie nur rudimentär verstehen, aber nicht sprechen. Fühlen sie sich als Französinnen oder als Marokkanerinnen? Wo sind ihre Wurzeln? Hat Leila Slimani deshalb die Geschichte ihrer Familie durchforstet und aufgeschrieben, um diese Frage zu beantworten, wenn auch nur für sich selbst?

Ein kluger Roman , flott und leicht lesbar geschrieben, dennoch aber voller Fragen ohne Antworten. Letztendlich bleibt es offen, an wen die Aufforderung des Titels gerichtet ist: Wer soll das Feuer weitertragen und welchen Gedanken soll das Feuer transportieren? Wie das so ist mit guter Literatur: Sie stellt die Fragen, die Antworten kommen entweder nie oder vom bestenfalls vom Leser selbst.


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