Michael Dangl, Der Walzermacher
- Silvia Matras
- vor 5 Tagen
- 2 Min. Lesezeit

"Johann Strauss (Sohn) verbrachte elf Sommer als gefeierter Kapellmeister im europaweit bekannten Musikzentrum Pawlowsk bei Sankt Petersburg. Die ersten Jahre waren geprägt von einer leidenschaftlichen Liebe zu der russischen Aristokratin und Komponistin Olga Smirnitzkaja. Obwohl Strauss um Olgas Hand anhielt, verhinderte die ablehnende Haltung ihrer Eltern und seiner Mutter die Heirat. Die gemeinsame Flucht scheiterte jedoch an seinem Zögern, für diese Liebe einzustehen. Fast dreißig Jahre später kehrt der inzwischen 60-jährige Strauss nach St. Petersburg zurück. In seinem Hotelzimmer schreibt er den Bericht seines Lebens, dessen Zentrum in der unerfüllten Liebe zu Olga und in seinem „eigentlichen“ Leben in Pawlowsk liegt. Seine lebenslang wiederkehrenden Erkrankungen, Zusammenbrüche und charakterlichen Sonderlichkeiten erscheinen nun in einem neuen Licht – nicht als „Grillen“, sondern als Spuren einer bislang geheime Ursache. „Nur einen Sommer habe ich wirklich gelebt“ lautet das bittere Resümee dieser wütenden, komischen und schonungslosen Selbstanklage eines in vielerlei Hinsicht zerrissenen Künstlers" (Text des Verlages)
Was da auf den Leser zurollt, ist ein Tsunami an prächtigen, halbe Seiten füllenden Wortkaskaden. Wahrhaftig ein umwerfendes Leseerlebenis. Michael Dangl räumt mit dem Bild des lebenslustigen Schani, des in der Bekannheitsonne der Wiener und Wienerinnen lüstern Lebenden, von allen wie ein Popstar Angebeteten und eines Mannes, der die Frauen liebt, gründlich auf. In einer beispiellosen, grausamen Selbstbezichtigung - daher die Wahl des Autors, Strauss in der 1. Person selbst reden/ schreiben zu lassen - geht der 60Jährige in ein gnadenloses Gericht mit sich selbst. Vor allem erkennt er seine Unfähigkeit zu wahrer Liebe. Diese wankelmütige Unentschlossenheit hatte zur Folge, dass aus dieser Liebe zu Olga nichts wurde. Alle, aber wirklich alle Illusionen und Eitelkeiten, die er sich je über sich selbst gemacht hat, deckt Strauss/Dangl gnadenlos auf. Und Dangl findet immer neue Sprachbilder für diese Demontage eines Idealbildes. Es scheint, als wollte der Autor all dem Kitsch und Schmus, den man 2025 über den Walzerkönig lesen und hören konnte, in sein wahres Gegenteil verkehren - daher auch der despektierliche Titel, den Strauss selbst sich in dieser Lebensrückschau verpasst: Walzer-Macher, nicht Walzer-König.

