Nijinsky - Ballett von John Neumeier. Vorstellung am 22. Oktober 2026

Choreografie, Bühne, Kostüme, Licht: John Neumeier
Musik von Frédéric-Chopin. Nikolai Rimski-Korsakow, Dmitri Schostakowitsch und Robert Schumann.
Musikalische Leitung: Nathan Brock
Schon seit vielen Jahren beschäftigt sich John Neumeier mit dem "Tanzgott" und Choreographen Vaslav Nijinski (1889-1950) und seinem grausamen Schicksal. Nach einer zehnjährigen, harten Ausbildung tanzt er zehn Jahre und am Zenit seiner Karriere bricht die Krankheit (Schizophrenie) aus. Er wird 30 Jahre in diversen Sanatorien verbringen, liebevoll umsorgt von seiner Frau Romola.
2017 zeigte John Neumeier in Wien ein stark biografisch geprägtes Ballett mit Nijinsky als Zentralfigur. Im "Le Pavillon d`Armide" symbolisiert er die Zerrissenheit und das Genie durch eine in die Hälfte geteilte Bühne: Links lebt Nijinsky in einem Krankenzimmer und träumt von seinen früheren Auftritten, etwa in "Palais D´Armide" (rechte Bühnenhälfte). Die Herausforderung für den Tänzer (damals Mihail Sosnovschi) war, sowohl den großartigen Tänzer als auch den von der Krankheit Gezeichneten zu tanzen. Der Abend blieb intensiv in Erinnerung.
2026 zeigt John Neumeier erstmals kein Handlungsballett, sondern entwirft ein subtiles Seelenporträt des Genies, der zerrissen ist von Erfolg, Ruhm und Krankheit . Er beginnt mit dem letzten Auftritt Nijinskys 1919 im Ballsaal des Suvretta House in St. Moritz. Gäste und Bewunderer warten auf "ihn", den Gott des Tanzes, wie er sich gern nennt. Schnell lösen sich die Szenen in Erinnerungen an seine Vergangenheit auf. Seine lange Beziehung mit dem Mentor und zeitweiligen Lebensgefährten Diaghilew, seine Skandalerfolge in Paris in den Rollen des Faun aus "L´Après-midi d'un Faun" oder als "Goldener Sklave aus "Scheherazade". Neumeier lässt diese berühmten Rollen nicht von Nijinsky, sondern von anderen Tänzern tanzen. Was zum Teil Mühe macht, sich zu orientieren. Die Szenen gehen ineinander über. Der Kopf ist beschäftigt, die Choreografie zu deuten, die Rollen zu identifizieren . Klarer wirkt der 2. Teil - die Kriegsjahre. Nach der harten Musik Schostakowitz' kämpft Nijinsky mit seinen Dämonen, die ihn die Leiden der Menschen während des Krieges miterleben lassen.
Vor den Zusehern entwickelt Neumeier ein gewaltiges Seelenpanorama. Mittelpunkt: Der Tänzer, der leidende Mensch Nijinsky. ANTONIO CASALINHO, bekannt durch seine strahlenden Jungheldenfiguren wie Herzog Albrecht in "Giselle" oder als "Tanzprinz" in Frederick Ashtons Choreographie "Rhapsody", muss nun zeigen, dass er nicht nur "strahlen" , sondern auch seelische Abgründe, Schmerz tanzen kann. Obwohl er unter den Solisten des Wiener Staatsballetts einer der Jüngsten ist, zeigt er die darstellerische Reife für diese Rolle. Großartig der pas de deux mit Alessandro Cavallo als Serge Diaghilev, der eine unerbittliche Macht auf Nijisnky ausübt, ihn in seinem unerbittlichen Kreis (von Neumeier durch einen leuchtenden Lichtkreis symbolisiert ?) gefangen hält. Eindrucksvoll auch Duccio Tariello in den Rollen des erotisch aufgeladenen Sklaven oder Faun, beides ja Paraderollen Nijinskys.
Wenn zu viele Szenen und Figuren ineinander übergehen, dann stellte sich oftmals die Frage: "Wer tanzt da gerade welche Szene?" Nicht leicht zu identifizieren sind die diversen Frauenfiguren, wie etwa seine Schwester (Sinthia Liz) und seine Frau (Cassandra Trenary). Um diese an Figuren reiche Choreographie besser zu verstehen, wird der zweite Besuch helfen:
Zweiter Besuch am 24. Oktober 2026

Was hat sich geändert? - Natürlich die Besetzung, aber auch der Zuschauer. Der ist nun von den störenden Fragen nach Deutungen erlöst und kann die einzelnen Szenen kopfbefreit genießen. Alles wird klarer.
ALESSANDRO FROLA tanzt Nijinsky mit mehr Leiderfahrung als der junge Casalinho. Er nimmt sich als Tänzer zurück, tritt nur zögernd in die Figur Nijinskys hinein, steigert sich daher deutlich in den Szenen, wo er vom Wahnsinn gezeichnet ist. Besonders berührend fällt die Choreografie mit seinem Bruder Stanislaw aus- hier wieder Antonio Casalinho, nun aber in der Rolle des Hilfsbedürftigen. Stanislaw erlitt durch einen Unfall schwere psychische Schäden und klammert sich an den Bruder. Casalinho wirkt wie ein in der Krankheit verlorenes Kind. Der Pas de deux zwischen ihm und Frola ist von unglaublicher Innigkeit und Intensität. Die Rolle des Mentors Diaghilew deutet Eno Peci weniger herrisch als Alessandro Cavallo. Er umschwärmt zunächst den jungen Nijinsky, trainiert ihn mit Konsequenz. Da ist immer ein Hauch von Väterlichkeit in seinen Gesten.
Freigespielt vom Deutungszwang erkennt man die Intensität einzelner Szenen und ihrer Zusammenhänge nun klarer - so die Rolle des Faun (wie schon in der vorigen Vorstellung: großarig,hocherotisch interpretiert von Tuccio Tariello) Er mischt sich zwischen die Liebesszenen mit Nijinsky und seiner Frau Romola, mischt sich in die kurze Affäre, die Romola mit dem Schiffsarzt hat. Da schafft Neumeier Szenen von ungeheurer Erotik, Laszivität bis zur Eindeutigkeit, die in einer skulpturenartig gemeißelten Schlussfigur ihren Höhepunkt findet. Ketevan Papava ist eine meist ruhige, sich aufopfernde Romola, die allerdings ihre Leidenschaft in der Faunszene voll austanzen darf.
Im zweiten Teil beherrscht die heftige Musik von Schostakowitch die Szene. Grausam hämmert sie sich in die Glieder der marschierenden Soldaten und in die Glieder der "Gesellschaft", die sich im Schlussbild wieder im Ballsaal des Hotels befindet - nun aber alle vom Wahn des Krieges zu kreischenden Wesen mutiert. Und Nijinsky beendet seinen letzten Auftritt mit großer Geste: Er rollt sich in ein lange rot- schwarzes Tuch und steht am Ende wie Tanzgott und Kriegsgott in Persona an der Bühnenrampe -verloren in
einem Traum von einstiger Größe.
Das Publikum bricht in Begeisterungsstürme und Ovationen aus, für das gesamte Ensemble, für Alessandro Frola im Besonderen.



