Sasha Filipenko: Die Elefanten. Diogenes
- Silvia Matras
- vor 13 Stunden
- 2 Min. Lesezeit
Aus dem Russischen von Ruth Altenhofer

Aufs erste Lesen ein Schmunzelbuch, am Ende ein Horrorbuch. Eine Parabel, eine Fabel mit umgekehrten Vorzeichen: Die Moral von der Geschichte kann sich der Leser beliebig basteln. Wie auch immer - ein Geniestreich, wie ihn nur einer zu Papier bringen kann, der in einer Diktatur aufgewachsen ist. Der 1984 in Belarus geborene Autor war Journalist und Drehbuchschreiber in Russland, von wo er mit seiner Familie in die Schweiz emigrierte.
Stellen Sie sich vor, Sie gehen in Ihr Wohnzimmer und da steht ein Elefant! Kein Stofftier, sondern leibhaftig ein Elefant. Sie erfahren, dass Ihr Elefant nicht der einzige in der Stadt ist. Elefanten sind überall, auf den Straßen, Parkanlagen, im Theater, in jedem Haus. Was tun die Bewohner? - sie arrangieren sich. Nicht nur das, die Elefanten bekommen VIP-Status. So weit - so unterhaltsam und witzig. Doch hinter der Satire lauert die Interpretation: An Stelle von Elefanten kann man beliebig einsetzen: Besatzer, Invasoren, wild gewordene Viren, Insekten,Roboter, KI-gelenkte Tötungsmaschinen. Was am meisten verwundert: Niemand wundert sich über die Elefanten. Im Gegenteil, man bürstet, füttert und hätschelt sie, kehrt ihre Notdurft weg. Sogar als Wappentier auf Briefmarken und Fahnen müssen sie herhalten. Und bald ist ein Elefant mehr wert als der Mensch.
All das klingt ernst, wird aber von Filipenko wie eine Slapstick-Komödie aufgezogen. Die Hauptfigur ist der Komödiant Pawel, der das Pech hat, sich in die eitle Anna unsterblich zu verlieben. Und er ist der Einzige, der begreift, dass die Elefanten aus der Stadt verschwinden müssen, da sie bereits alles Essbare weggefressen und alles Wasser weggetrunken haben. Er fordert in seinen Komödienauftritten die Menschen auf, endlich aktiv zu werden. Doch keiner rührt auch nur einen Finger, der Staat wacht streng über die Elefanten. So beschließt Pawel, die Hauptelefantin, die inzwischen einen Götterstatus innehat, zu überzeugen, dass sie die Elefanten in andere Gebiete führen muss. Doch damit legt sich Pawel endgültig mit dem Staat an. Der macht ihm den Hochverratsprozess, und er wird zur "Entmensclichung" verurteilt. Am Ende vegetiert er als abgehalfteter Elefant im Zoo - aber: Seine Seele ist nicht gebrochen, er liebt trotz allem diese Anna. Auch als "Elefant". Grausam zu lesen!!!!
Ab da wird Lesen zur Qual, denn der Autor erfindet Grausamkeiten, die man sich nicht vorstellen kann und auch nicht will. Grausamkeiten bis zur Unerträglichkeit zu schildern ist momentan ein Hype in der Literatrur - Marco Balzano in seinem jüngsten Roman "Bambino" und Dinev in "Zeit der Mutigen" sind nur zwei Beispiele.
Dennoch ist dieses Buch ein MUSS! Denn Filipenko findet Tricks und Finten, um den Leser in die Irre zu führen und durch ein quirliges Ideenkarussell zu verwirren und zu erheitern. Das gelingt ihm bis zum letzten Drittel perfekt, bevor er dann Pawel in die Abgründe von Folter und unglaublichen Torturen versinken lässt.
Bis dahin jedoch amüsiert Filipenke den Leser mit Kreuzworträtseln, mit Schilderungen schräger Charaktere und mit fingierten Leserkommentaren zu seinem Buch.


