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Thornton Wilder: Wir sind noch einmal davongekommen. Burgtheater

  • Silvia Matras
  • vor 3 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

N. Ofczarek, B. Peters © Tommy Hetzel
N. Ofczarek, B. Peters © Tommy Hetzel

Übersetzung: Barbara Christ. Regie: Stefan Bachmann. Bühne: Olaf Altmann. Kostüme:Adriana Braga Peretzki


Mit dem Drama "Wir sind noch einmal davongekommen" (1942) gewann Thornton Wilder den Pulitzerpreis, Auch die Verfilmung war ein voller Erfolg. Was nicht verwundert. Denn das Sujet ("wir schaffen es, aus jeder Misere uns herauszuarbeiten") war dem Zeitgeist und der strengen Zensur angepasst: Amerika wurde von Emigranten aus Europa überschwemmt, Hitler droht, ganz Europa in den Würgegriff zu bekommen, und so mancher Amerikaner fürchtete, bald in diesem Krieg gegen die Deutschen kämpfen zu müssen - also alles keine leichte Zeit. Nichtsdestotrotz ging es in New York, Hollywood und auch anderswo hoch her. Man feierte, trank und tanzte bis in den Morgen, wissend, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis auch Amerika in den Krieg eintrat. In dieser Situration berief sich Wilder auf die Widerstandskraft der Menschen im Allgemeinen und natürlich im Besonderen auf die der Amerikaner. Die Menschen werden aus allen Katastrophen, und sei es Krieg und Eiszeit, immer wieder aufstehen und neu beginnen - so seine Schlussaussage im Stück. Dieser positive Schluss war dem "product code" - der strengen Zensur in allen künstlerischen Belangen - hoch willkommen.

Und so schuf Wilder ein eigenartiges, sehr verschwurbeltes Stück, in dem Mammut, Dinosaurier neben Platon, Homer, Adam, Eva, Kain und eben die Urform der Familie, "Antrobus" genannt, auftauchen, untergehen und wieder auftauchen, alles chaotisch, witzig vielleicht, schwer verdaulich manchmal.

Familie Androbus ist nach dem amerikanischen Vorbild gebaut: Vater ein Patriarch, Erfinder von Dingen wie dem Rad, dem Alphabet, gequält von seinen Kindern und der alleruntertänigsten Ehefrau. Es ist August und die Eiszeit ist ausgebrochen. Feuer erwärmt nur die Reichen, ...danach bricht die Sintflut aus, dann der Krieg. Die reichlich zerzauste Familie Androbus hat alles überlebt, aber Vater Androbus ist alt und mutlos geworden. Hätte da nicht die Ehefrau, aus ihrer untertänigen Betulichkeit erwacht, ihnen allen - und letztlich dem Publikum - die morallischen Leviten gelesen! Aber hallo- wer gibt da auf? Sicher nicht ein Androbus. Dessen oberste Pflicht ist das Durchhaltevermögen, immer bereit zu einem Neustart zu sein. Gut so, genau so, wollten es damals die Zensurbehörden und vielleicht auch die breite Masse. Aber wollen wir das heute auch so platt und banal verpasst bekommen?

Warum Bachmann gerade dieses Stück auf den Spielplan setzte und dann auch noch selbst inszenierte, ist eh klar: Wir leben in düsteren, gefährlichen Zeiten - das wissen wir -, aber wir - der Mensch an sich - darf nicht aufgeben. Lösung zu finden ist seine christliche Pflicht , wie schon der gute, alte Wilder in dem Stück "Wir sind noch einmal davongekommen" anmahnte. Also eine platte Moralpredigt, verpackt in einem Theaterstück, das sehr geheimnisvoll und moralschwer daherkommt, hinter dem sich aber die gähnende Banalität, gut verbrämt mit Slapstickunsinn, auftut.

Wie motzt man ein derartiges Stück auf? Mit schnellem, billig gemachtem Witz. Dafür ist die Komödiantin Stefanie Reinsperger immer zu haben. Als Stubenmädchen bei Androbus ist sie für Staub und Feuer zuständig. Da darf sie herummotzen, über das Stück und gleich auch auf das Haus - die Burg - schimpfen - das kommt natürlich immer gut an. Als das Feuer ausgeht, scheucht sie einige im Publikum von ihren Sesseln, zerlegt diese - die Sessel, nicht das Publikum - und wirft sie ins Feuer. Sie sorgt überhaupt dafür, dass das Publikum nicht einschläft. Trotzdem bleiben nach der Pause einige Stühle leer. Nicholas Ofczarek als Mr. Androbus und Caroline Peters als seine brave Ehefrau mühen sich sichtlich, dem Text Mehrdeutigkeit einzuflößen. Tochter Gladys (Zeynep Buyrac) tanzt und kreischt in orientalisches Gold gehüllt unmotiviert durch die Szene. Sohn Henry (Mehmet Atesci) probt den Aufstand gegen den Vater ganz nach Norm. Und dann gibt es noch altbekannte Gesichter, die Homer (Martin Reinke), die Genesis (Hans Dieter Knebel) zitieren dürfen. Wie das in das Stück passt, fragt niemand. Barbara Petritsch sagt alle kommenden Übel voraus. Nils Strunk darf die Videowochenschau (mit dem glücklich lächelnden Bürgermeister Ludwig) anmoderieren und sonst noch kleine Rollen übernehmen.

Austoben durfte sich die Kostümbildnerin Adriana Braga Peretzki: Viel Gold, Flitter und Silber, Orient mischt sich mit Ottonormalmode. Übermannshohe konkav gewölbte Alurohre (Bühne Olaf Altmann) bilden die Mauern des Hauses der Familie. Missglücktes Erklimmen derselbigen mit nachfolgendem Bauchfleck garantieren programmierte Lacher.

Liegt es an der Verschrobenheit des Stückes oder an der Regie, dass man sich am Ende ratlos fragt: Was war das jetzt?





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