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Alexander Raskatov: Animal Farm. Staatsoper Wien.

  • Silvia Matras
  • vor 11 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit
  1. Das Ensemble © Michael Pöhn
    Das Ensemble © Michael Pöhn

Text: Ian Burton und Alexander Rastakov nach George Orwell


Dirigent: Alexander Soddy


Inszenierung: Damiano Michieletto


Bühne: Paolo Fantin, Kostüme: Klaus Bruns


1937 hatte George Orwell die Idee, über den Niedergang des Sozialismus in Form einer Fabel zu schreiben. 1943/44 erschien der Roman, der bis zum Fall des Eisernen Vorhanges im Osten verboten war.

Es war die Idee des Regisseurs Damiano Michieletto, den Text zu einer Oper zu vertonen. Neue Werke dem Kanon der Opern hinzuzufügen, sei wichtig, um das Genre "Oper" am Leben zu erhalten. Dem Komponisten Alexander Rastakov gefiel der Vorschlag und er fügte auch zwei Szenen dem Text hinzu.

Die Inszenierung von Michieletto ist unaufdringlich aktuell. Kleine Hinweise auf das grausame und irrationale Machtstreben des aktuellen Präsidenten der Vereinigten Staaten: Der Anführer der Revolution trägt ein himmelblaues Sakko und benimmt sich verdächtig nahe dieser Vorbildfigur. Aber es braucht nicht so deutliche Zeichen - denn das ganze Werk ist gruselig aktuell. Man schaudert bei dem Gedanken, dass sich die Geschichte wiederholt. Was Orwell 1945 schrieb, geschieht heute wieder. Die Massen werden manipuliert, Gegner ausgeschaltet, Anbeter und Jasager gezüchtet. Es stimmt bedenklich, dass die "Masse", so wie sie Canetti in seinem Hauptwerk "Masse und Mensch" beschrieb, sich unter der Knute eines "Führers" sicher fühlt und so erst aus den Individuen die lenkbare Masse entsteht.

Michieletto verlegt die Szene vom Bauernhof in einen Schlachthof, was die Grausamkeit der Szenerie noch vertieft: Schweine, Hühner und sonstiges Vieh sind in Käfigen eingesperrt und warten auf ihren Tod. Später wird der Schlachthof zur Zentrale "Napoleons" - ein Schreibtisch und ein pompöser Sessel sind Zeichen der absoluten Macht. Von der Decke hängt als Erinnerung und Mahnung eine tote Kuh.

Belebt wird die Szenerie durch die einfallreichen Kostüme von Klaus Bruns: Grau und schäbig die "Masse", bunt, bis gesellschaftlich korrekt die Befehlshaber. Zu Beginn tragen alle Darsteller Tiermasken. Peu à peu legen zuerst die Berherrscher die Masken ab und werden zu Menschen, bis am Ende alle Tiere als maskenlose Menschen den Sieg der Diktatur feiern. Die Neinsager sind per Giftspritze abgeschafft.


Alexander Soddy führt das Orchester und die Sänger mit kundiger Hand durch diesen musikalischen Ritt über die Abgründe menschlicher Machtgier. Das Ensemble leistet durch die Bank Großartiges: Durch die Masken zu singen ist sicher eine große Erschwernis, was aber unbemerkt bleibt. Es ist müßig, den von Orwell gedachten historischen Hintergrund der einzelnen Figuren zu erfragen. Dass mit "Napoleon" Stalin gemeint war, ist klar. Aber er ist auch einer der vielen Diktatoren, die gerade akltuell die Welt zerstören wollen. Deutlich macht Michielietto die Allgemeingültigkeit der einzelnen Figuren -sie alle sind ein allzu bekanntes Personal im globalen Machtgeschehen:

Da raisonniert "Old Major" (Gennady Bezzubenkov) über die Ungleichheit zwischen Tier und Mensch und ruft zur Revolution aus. Gesagt, getan, alle sind dafür. Die wichtigste Regel wird formuliert: Alle Tiere sind gleich. Die Masse ist begeistert ( Chöre und Komparsen leisten Großartiges!). Und sofort etabliert sich einer, der das Sagen hat: Napoleon (Wolfgang Bankl meistert diese Rolle mit diktatorischem Gleichmut) richtet sich in der Macht ein: Der Porpagandaminister Squealer (aalglatt Andrej Popov) redet ihm nach dem Maul, der Schleicher und Wendehals Blacky - gesungen von der Ehefrau des Komponisten Elena Vassilieva - sorgt für die Giftspritze, die Snowball als ausgewiesenen Sündenbock und Kritiker (Michael Kniffke) zu Tode bringen soll.

Michieletto verleiht jeder Figur so deutliche Eigenschaften, dass leicht die Parallelen zu vergangenem und gegenwärtigem Personal der Weltgeschichte gezogen werden kann.

Die Maske verhindert - auch als sie später abgelgt wird - eine intensive, persönliche Beteiligung des Publikums. Es bleibt - nach guter alter Brechtmanier - außen vor in nachdenklicher Distanz. Einzig in der Figur der eitlen Stute Muriel (ganz hervorragend in Spiel und Gesang: Holly Fleck) kommt so etwas wie Amüsiertheit, später Mitleid auf. Sie und der die Arbeiterklasse vertretende Boxer ( berührend in dieser Rolle: Astakhov) treten aus dem von Michieletto beabsichtigten Verfremdungseffekt raus in eine Rolle, die Miteid erregen kann.

Das mehrheitliche junge Publikum war hörbar begeistert. Sie bejubelten alle Darsteller, die Chöre und Komparsen mit gleichem Enthousiasmus. Dem Dirigenten Alexander Sobby spendeten alle einen Sonderapplaus.





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