DIE KLEINE MEERJUNGFRAU Hamburg Ballett
- Silvia Matras
- vor 2 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

Ballett von John Neumeier. Musik Lera Auerbach. Musikalische Leitung der Wiener Symphoniker: Simon Hewett.
John Neumeier schuf das Ballett 2005 anlässlich des 200. Geburtstages des Dichters Hans Christian Andersen für das Königliche Dänische Ballett in Kopenhagen. Der Stoff ließ ihn nicht los -2012 und 2015 kreierte Neumeier eine neue Fassung für das Hamburger Ballett. , das sich durch die Jahre immer wieder erneuert hat und gültig und faszinierend geblieben ist. Durch die intensive Zusammenartit mit der Komponistin Lera Auerbach, seine von ihm selbst entworfenen Kostüme und Bühnngestaltung entstand ein wunderbares Gesamtkunstwerk.

Wie so oft nützt John Neumeier auch diesmal eine historische Figur als Begleiter durch das Geschehen: Im Prolog verabschiedet sich Hans Christian Andersen (Lennard Giesenberg) von seinem Freund Edvard (Matias Oberlin), der seine Braut Henriette (Olivia Betteridge) heiratet In der Erinnerung des Dichters fließen Gegenwart und Märchen ineinander: Andersen begleitet die kleine Meerjungfrau auf ihrem Weg in die Oberwelt. Aus Edvard wird der Prinz, in den sich die kleine Meerjungfrau verliebt. Seinetwegen will sie ihre vertraute Wasserwelt verlassen und in der der Menschen leben. Vergeblich zeigt sie dem Prinzen ihre Liebe - er nimmt sie nicht wahr, höchstens als kurioses kleines Spielzeug. Doch als sie auf seine Liebe verzichtet, wird sie von ihrem Seelenbegleiter nicht verdammt, sondern in das unbegrenzte Reich der Sterne entführt.
Was als schlichtes Märchen klingt, wird unter Neumeiers Gedanken und Choreographie zu einer Reise in die unglaubliche Welt der Seele.
Zu Beginn tanzt die kleine Meerjungfrau traumverloren am Meeresgrund. Sie schwebt schwerelos durch das Blau der Wellen - es gibt keine Requisiten, nur Licht und Farben gestalten den Raum - und wird erst durch die Begegnung mit dem Prinzen/ Edvard zu einem liebenden Wesen. Xue Lin ( erste Solistin des Hamburger Balletts) vollbringt tänzerisch Unglaubliches: Mit überlangen, weiten Hosen, die sie wie Flossen umfließen, tanzt sie, als hätte sie selbst kein Gewicht, als wäre die Schwerkraft ausgesetzt. Als sie dem Meerhexer - grandios Louis Musin - die Verwandlung zur Menschwerdung abringt, entstehen Szenen von unglaublicher Tanzkraft und Energie. Die Seele der kleinen Meerjungfrau wird zu einem zerbrechlich kleinen Wesen Mensch, der mit den eben erhaltenen Beinen nur unter Schmerzen gehen kann. Wie Xue Lin diese Schmerzen tanzt, geht unter die Haut: Eingesperrt in einem engen Raum ohne Fenster tanzt se Verzweiflung pur - eine Choreographie, die so noch nie auf der Bühne gesehen wurde! Ihre Seele erlebt alle Enttäuschungen eines Wesens, das von den Menschen verspottet und gequält wird. Obwohl ungeliebt, bleibt sie ihrer Liebe zu dem Prinzen treu, biedert sich sogar an. Will mit ihm und seiner Braut tanzen, erntet Spott. Ihre Liebe, die sich in totaler Unterwerfung manifestiert, tut weh anzusehen, mitzuerleben. Andersen, ihr Psychopompos, schützt sie und begleitet sie durch die schmerzvolle Erkenntnis, dass auf der Welt der Menschen kein Platz für eine Außenseiterin wie sie ist. Doch Rückkehr in die Wasserwelt ist nur unter einer Bedingung möglich, macht ihr der Meerhexer klar: Sie muss den Prinzen töten. In einem berührenden Seelenkampf tanzt sie sich von dem Tötungsgedanken frei!
Am Ende steht sie, begleitet von Andersen, strahlend und erlöst in einem Meer von Sternen.
In diesem Ballett gelingen John Neumeier und Lera Auerbach Unerfahrenes erfahrbar zu machen: Mit dem bewusst romantischen Einsatz der Violine (Talibor Karvay) gemeinsam mit dem Theremin - zwei unscheinbare dünne Metallrohre, gespielt von Lydia Kavina) verwandeln sie den Tanz der Meerjungfrau zum Spiegel ihrer Seele: Xue Lin tanzt mit religiöser Hingabe körperliche und seelische Qualen, Verzicht auf menschliche Liebe. Nie gibt es auch nur einen Hauch von Kitsch. Zu ehrlich sind Tanz und Musik.
Große Begeisterung für alle Tänzer und Tänzerinnen, vor allem für Xue Lin, John Neumeier und Lera Auerbach. Das ganze Publikum stand auf und ehrte minutenlang den großen Meister!!.


