ferdinand von Schirach: "Sie sagt. Er sagt. Uraufführung. Kammerspiele der Josefstadt
- Silvia Matras
- 20. Nov.
- 2 Min. Lesezeit

Das Ensemble. © C_Moritz_Schell_19_JPG
Regie Sandra Cervik, Bühnenbild Walter Vogelweider, Kostüme Birgit Huter, Video Jan Frankl
Was sind die Voraussetzungen für einen gelungenen Theaterabend? - Ein guter, kluger Text , ein bis in die kleinsten Rollen stimmig besetztes Ensemble und ganz wichtig: Eine Regie, die Respekt vor dem Text hat.
Das alles bietet der Abend. Dass Ferdinand von Schirach gefinkelte, kluge Texte schreibt, ist bekannt. Dass er gerne den Leser, den Zuschauer in einen Gedankenkreis führt, in dem sich Lösungen bilden und gleich wieder ins Gegenteil verkehren, gehört zu den Stärken dieses Autors.
Auch so in diesem Stück. Es geht um Vergewaltigung. Ein für Richter, Opfer und Täter heikles Thema, weil die Faktenlage nicht immer eindeutig ist.
Katharina Schlüter - Silvia Meisterle mit überzeugender Zurückhaltung in ihrer Rolle als Klägerin - sitzt im Gericht und spricht mit stoischer Miene von der Vergewaltigung. Dass ihr Gesicht auf einer Videowall übertragen wird, verschärft die heikle Situation. Der Angeklagte Christian Thiede hört mit stoischer Ruhe zu. Bis er am Ende seine Version darlegt, die ebenso glaubhaft ist, wie die der Klägerin. Herbert Föttinger verleiht dieser schwierigen Rolle große Würde. Das Publikum glaubt ihm, genauso wie es vorher der Darstellung der Klägerin geglaubt hat. Das ist genau der Punkt, auf den der Autor hinaus will: Die Lage ist trotz Zeugen und Gegenzeugen für die Richterin ( sehr souverän in dieser Rolle: Ulli Meier ) kein "klarer Fall". Auch nicht für die Zuschauer. Vergeblich versucht die Verteidigerin - Martina Stilp sehr angriffsfreudig und scharfzüngig - alle Vorteile für ihren Mandanten herauszuschlagen. Denn der Verteidiger der Kägerin - ironisch und die Lage souverän überblickend: Joseph Lorenz - hat immer wieder ein Gegenargument, einen Gegenzeugen parat.
Man hört gebannt bis zum Schluss zu, fühlt sich mitten in diesem kahlen, nur von unbequemen Sesseln bestückten, sehr engen Raum selbst gefangen - gebannt von der Einsicht, dass eine klare Schuldzuweisung nicht möglich ist. "Warum sollte sie (die Klägerin) lügen?" fragt ihr Verteidiger im Schlussplädoyer. Warum sollte der Angeklagte lügen? Mit seiner Erklärung zum Geschehen belastet er sich im moralisch höheren Sinn selbst, also warum sollte er lügen? Wer hat die Wahrheit? Was heißt überhaupt Wahrheit, Wirklicheit? Fragen, die Ferdinand Schirach immer wieder stellt. Das Dilemma wird am Ende nicht aufgelöst, die Richterin fällt kein Urteil - das bleibt dem Publikum überlassen.
Ein großartiger Theaterabend, der genau zur rechten Zeit auf dem Spielplan steht.
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