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Festspiele Reichenau: Joseph Roth, Die Legende vom heiligen Trinker

  • Silvia Matras
  • vor 1 Tag
  • 2 Min. Lesezeit

Joseph Lorenz, Julienne Pfeil, Oliver Urbanski © Lalo Jodlbauer
Joseph Lorenz, Julienne Pfeil, Oliver Urbanski © Lalo Jodlbauer

Andreas, der Trinker: Joseph Lorenz.

In verschiedenen weiblichen Rollen: Julienne Pfeil.

In mehreren männlichen Rollen: David Oberkogler und Oliver Urbanski


Als Hitler 1933 an die Macht kam, verließ Joseph Roth Deutschland. Ab 1937 logierte er in Paris in einem kleinen, billigen Hotel und verbrachte seine Zeit mit Trinken und Schreiben. Jeden Abend stapelten sich die leeren Absinthgläser auf seinem Tisch.  Sein enger Freund Stefan Zweig drohte ihm, jegliche finanzielle Unterstützung zu entziehen, wenn er nicht mit dem Trinken aufhörte. Alle Mahnungen und Drohungen blieben erfolglso. Die Sucht hatte Joseph Roth fest im Griff.

Hellscihtig schrieb er knapp vor seinem Tod die feinsinnige Novelle "Die Legende vom heiligen Trinker" und nannte sie "mein Testament". In ihr spiegelt sich sein Leben in Rückschau - geprägt von "Wundern", an die Roth als Jude gerne glaubte. Denn er vereinte in seinem Denken Judentum, Christentum, Sozialismus und Monarchismus.


Die Hauptfigur Andreas ist bereits in der Gosse gelandet. Sein einziges Sinnen und Tratchten gilt dem Alkohol. Als ihm ein fein gekleideter Herr 200 Francs schenkt, nimmt er das als ein Wunder an, ohne sich groß darüber zu wundern. Das Geld solle er, wo es ihm möglich ist, der Heiligen Thérèse von Lisieux nach der Sonntagsmesse zurückerstatten. Diese Heilige wird vom Volk sehr verehrt und geliebt, galten und gelten ihre Fürbitten bei Gott als die mit der höchsten Trefferquote.

Wie es so ist, wenn einer tief in seiner Sucht steckt, gelingt es Andreas nicht,, das Versprechen einzulösen. Das Geld ist bald pfutsch. Auch neue Geldwunder helfen da nicht. Er durchläuft sein eigenes Leben im Rückblick, trifft seine Exgeliebte, seinen Exfreund, findet kurzfristig Arbeit - aber sein Versprechen kann er nicht einlösen. Dennoch glaubt er, die Wunder verdient zu haben. Und er glaubt an die Heilige, ihre Wirkung - sprachlich gleitet Joseph Roth oft in biblische Bilder und Zitate und hüllt gleichsam seine Figur in den Schutzmantel der Heiligen ein. Das verleiht dieser Novelle eine feingesponnene Zartheit und Feinheit. Unter diesem Glauben wird aus dem gewöhnlichen Säufer einer, der auf Erlösung hofft. Im Tod noch glaubt er sich in den Armen der Heiligen, sein letztes Wort ist "Therese". Hellsichtig und hoffnungsfroh schließt Roth die Legende mit der Bitte " um einen leichten und schönen Tod für uns alle, uns Trinkern".


Dieses Schweben zwischen dem menschlichen Abgrund eines Trinkers und dem Glauben an Erlösung im Theater umzusetzen, ist kein leichtes Unterfangen. Die Regisseurin Alexandra Liedtke setzt auf Realismus. Zu Beginn werden mahnende Briefe von Stefan Zweig gelesen, dann startet die Geschichte mit Zitaten aus der Novelle. Es dauert nicht lange, dann fährt Joseph Lorenz mit Wucht in die Figur des Trinkers ein, ist der Alkoholabhängige, erkennt sich in seiner Verkommenheit und Verlorenheit. Steigt mit Selbstverständlichkeit in den besten Restaurants ab, vertrinkt das immer wieder nachfließende Geld. Die Heilige Therese scheint vergessen zu sein, im Rausch oder im Fieber der Erotik. Kurz packt ihn das Entsetzen über seine Leichtfertigkeit, larmoyant beweint er sich und seine Sucht. Das alles kann Joseph Lorenz überzeugend. Für die zarten Fäden, die der Autor zwischen dem Trinker und der Heiligen sprachlich gesponnen hat, bleibt kein Raum. Allzu mächtig beherrscht die Sucht ihn, den Säufer.

Beisterter Applaus für Lorenz und das Team!








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