Festspiele Reichenau: Stefan Zweig. 24 Stunden aus dem Leben einer Frau
- Silvia Matras
- vor 12 Minuten
- 2 Min. Lesezeit
Regie: Gordon Greenberg
Dramatisierung: Gordon Greenberg und Thomas Kehry
Bühne und Kostüm: Alena Hoffmann
Stefan Zweig war ein Frauenkenner. Die Seele der Verletzten, Verlassenen, vom Leben Unbegünstigten hat er subtil und für einen Mann erstaunlich sensibel beschrieben. Ebenso erstaunlich ist die feingesponnene Dramatisierung, die Greenberg und Kehry gelungen ist. Und noch erstaunlicher, wie Greenberg (ein Amerikaner aus Texas, von der Theaterwelt New Yorks geprägt!) die Figuren durch diese schwierige Novelle führt. Schwierig, weil sie leicht in den Kitsch abrutschen könnte.
Dank der exzellenten Leistung der Schauspieler wird das Geschehen fernab von jeglichem Klischee "junger Mann verführt ältere Frau" zu einem intensiven Theaterelebnis

Die beiden ältlichen Schwestern Charlotte (Julia Stemberger) und Agnes (Sona MacDonald) steigen in einem Grand Hotel an der Riviera ab. Sie geben das Bild von Frauen ab, die vom Leben nichts mehr erwarten DÜRFEN. Denn so will es der Sittencodex in den 30er Jahren (und noch lange darüber hinaus): Eine Witwe hat zu trauern und in der Gesellschaft unsichtbar zu sein. Agnes (Sona MacDonald) wacht mit strenger Miene über ihre Schwester (Julia Stemberger), die allerdings schon noch gerne ein kleines Stück Lebensglück erhascht hätte. Agnes in einem faden braunen Gouvernantenlook mit streng gelegten Locken (Kostüm: Alena Hoffmann) hätte ihrer Schwester wohl gerne alles verboten, was Freude macht.
Doch in Charlotte glüht. noch ein Fünkchen Neugier und Gier auf ein Leben jenseits der Witwenrolle. Diese verschreckte, aber doch neugierige Frau verkörpert Julia Stemberger ganz ausgezeichnet. Nur schade, dass sie in vielen Passagen kaum zu verstehen ist. Das Problem hatte sie schon im Vorjahr im "Hiob".
Der strengen Aufsicht der Schwester entronnen, begegnet ihr ein junger, verzweifelter Mann (Nils Arztmann), der eben sein letztes Geld im Casino verspielt hat. Charlotte ahnt, dass er sich umbringen will. Als gläubige Christin will, muss sie versuchen, ihn zu retten. Der Rettungsversuch endet im Bett eines Hotelzimmers. Was sich zwischen den beiden entspinnt, ist nicht billige Verführung. Als Zuschauer ist man gefesselt von dem intimen Kammerspiel der beiden: Es scheint alles möglich und wird es für einen Moment auch: Dass zwischen den beiden eine Liebe möglich ist, glaubt man dank der strahlenden Unverschämtheit und Offenheit und einem Schuss Verschlagenheit, mit der Nils Arztmann diese Szenen grandios spielt.

Unterlegt werden diese Szenen durch Songs von Edith Piaf und Marlene Dietrich, die Sona MacDonald im Hintergrund singt. Ein veritables Theatereignis!
Große Begeisterung und langer Applaus, standing ovations für die Schauspieler und das Team!


