Festspielhaus St. Pölten: Tonkünstler Orchester: Auerbach/Prokofjew/ Barber/Strawinski. Dirigentin: Lidiya Yankovskaya
- Silvia Matras
- 3. Dez. 2025
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Lera Auerbach (* 1973) "Ikarus"(2006/11)
Der Mythos von dem jungen Ikarus, der trotz der Mahnung seines Vaters Dädalus, nicht zu nahe zur Sonne zu fliegen, immer höher, höher flog und kläglich im "Ikarischen Meer", wo immer das in der Adria sein mag, abstürzte, ist eine Geschichte, die in vielerlei Hinsicht emotionalisiert und bis heute interessant ist: Dem erfinderischen Vater Dädalus gelingt es, Vogelflügel zu bauen und so dem Tyrannen Minos gemeinsam mit seinem Sohn zu entfliegen. Einerseits ist diese Geschichte ein Hymnus auf auf den menschlichen Erfindergeist, andrerseits weist sie auf dessen Grenzen hin - Hinweise, die Wissenschaftler heute gründlich negieren.
Lera Auerbach, mit 17Jahren der sowjetischen Heimat entflohen, komponierte diese teils träumerische, teils aufregende Musik wohl auch als Erinnerung an ihre geglückte Flucht nach Amerika, wo sie ohne Sozialkontakte Musik und Komposition studierte. Heute ist sie eine international anerkannte Komponistin mit amerikanisch-österreichscher Doppelstaatsbürgerschaft. Ihre Komposition "Ikarus" mag also durchaus autobiografische Erinnerungen enthalten - allerdings nur die Höhenflüge - glücklicherweise keinen Absturz. Der intensive Einsatz von Streichern mag dieses Glücksgefühl wohl betonen, aber nicht romantisieren. Die Realität wird durch heftige Pizzicati hereingeholt - was als Aufmerksamkeit gegenüber den Gefahren in der Welt gedeutet werden kann.
Sergej Prokofjew (1891 - 1953): Konzert für Violine und Orchester Nr. 1, D-Dur, op.19 (1916/17)
Violine: Karen Gomyo
Den Biographen ist es bis heute ein Rätsel, warum Prokofjew 1938 aus Frankreich nach Russland zurückkehrte. War er der europäischen Dekadenz müde, fehlten ihm Spannung und Impresssionen, Visionen? Spannung hatte er nach seiner Rückkehr in Russland mehr als genug. Stalin sorgte aus Propagandagründen für Aufträge, aber auch für Kritik und Erpressung..
Als Prokofjew dieses Violinkonzert schrieb, war er von der Idee, nach Russland zurückzukehren, gedanklich noch weit entfernt. Das macht sich in seiner Musik bemerkbar: Zwar mag man manche Turbulenzen, besonders im Scherzo, als Anklang an die missglückte Russische Revolution, die er vom sicheren Ausland verfolgte, deuten, aber insgesamt ist das Konzert bezaubernd - verspielt, wenn man so will zum Träumen einladend - worin es zum Großteil das Motto des Abends erfüllt. Der Geigerin Karen Gomyo waren hörbar die mahnenden, härteren Passagen besser gelegen. Die Romantik blieb bei ihrem forschen Strich ein wenig im Hintertreffen.
Zugabe - zwei Piazzolla-Tango.
Samuel Barber (1910-1981): Second Essay für Orchester op.17 (1942)
"Freies Spiel in dunkler Zeit" übertitelt treffend Joachim Reiber seinen Beitrag im Programmheft (S 16). Es waren die Tonünstler Niederösterreich, die diesen amerianischen Komponisten nach Österreich brachten und im Musikverein 1953 seine 1. Symphonie spielten.
Samuel Barber ist atypisch für die dunkle Zeit des 2. Weltkrieges: Statt Untergangsstimmung komponiert er spritzig, unterhaltsame Musik - so auch sein "Second Essay". Da glitzert und funkelt es vor Freude, nur hin und wieder grollt ein Schlagzeug. Kriege mögen die anderen führen. Barber war einer amerikanischer Komponist der Lebensfreude mit Tiefgang.
Igor Strawinski (1882-1971): Suite aus dem Ballett "Der Feuervogel" (Fassung 1919)
Strawinski liebte Märchen und Mythen. Der Zauberer Kastschei hält in seinem Garten den Feuervogel gefangen. Doch Prinz Iwan befreit ihn, wofür ihm der Vogel eine Zauberfeder schenkt, mit deren Hilfe er auch die 13 Jungfrauen aus dem Garten des Zauberers befreit. Zu guter Letzt kann Iwan auch die Seele des Zauberers zerstören.
Zu Beginn intonieren die Geigen die Idylle des Gartens. Der Feuervogel schwebt berückend schön darüber. Doch die Idylle zerschlägt sich, Iwan erkämpft dem Vogel die Freiheit und befreit die Welt von dem bösen Zauber. Dies alles kann das Publikum heraushören, vieilleicht auch noch einige Ballettinszenierungen im Gedächtnis aufrufen.
Mit subtilem Dirigat führte Lidiya Yankovskaya durch das Konzert: Romantik wird zelebriert, doch wo nötig, ist die Härte zu hören! Die Tonkünstler verdienen wieder einmal mehr großes Lob. Ihre Vielseitigkeit von Klassik über Romantik bis hin zur Musik des 20. Jahrhunderts konnten sie wie immer unter Beweis stellen.

