Tonkünstler-Orchester: Saeverud, Pärt, Tschaikowski
- Silvia Matras
- 28. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Tonkünstler Niederösterreich, Dirigentin: Tabita Berglund, Viola: Natalia Sagmeister, Violine: Vahid Khadem- Missagh. Präpariertes Klavier: Pavel Markowicz
Natalia Sagmeister ©unbekannt. Vahid Khadem-Missagh ©Allegro vivo. Tabita Berglund © Nikolaj Lund
Ein Abend voller Spannung und Überraschungen! Nie (Saeverud) oder selten Gehörtes (Pärt)und am Ende oft Gehörtes (Tschaikowski) ergänzten einander. Man war neugierig auf den für viele (wahrscheinlich für fast alle) ungekannten Komponisten, mit dem dieses aufregende Konzert eröffnet wurde:
Harald Saeverud (1897-1992): "Kjempeviseslätten" (Die Ballade des Aufruhrs) opus 220 Nr.5, 1943
Der 1897 in Norwegen geborene Harald Saeverud hatte schon einige Symphonien geschrieben und war bereits ein vielbeachteter Komponist, als er den Einmarsch der deutschen Truppen mit eigenen Augen mitansehen musste. Aus Empörung darüber entstand dieses kurze Orchesterstück. Es beginnt mit Einzeltönen der geheimnisvoll drohenden Streicher, die sich immer rascher wiederholen, bis sich das Orchester zu einem heftigen, stampfenden Marsch zusammenschließt. Der Gedanke des Widerstands in Musik gefasst: Aus Wenigen werden es, ansteigend in Klang und Zahl der Instrumente, immer mehr, die sich dem Aufruhr, der Revolte anschließen. Spannend war es, wie Natalia Sagmeister dirigierte: Wenige, kleine Gesten zu Beginn, die immer , dramatischer,heftiger, zorniger werden. Quasi eine Art optischer Interpretation des Werkes!
Arvo Pärt (*1935): "Tabula rasa" für zwei Violinen, Streichorchester und präpariertes Klavier, 1977
Obwohl Arvo Pärt als der meistgespielte Komponist der Gegenwart gilt, hat seine Musik noch Seltenheitswert. Mit "Tabula rasa" wandte sich Arvo Pärt von der das Musikgeschehen beherrschenden Zwölftonmusik ab und kreierte einen ganz eigenen Stil, den er "Tintinnabuli"(kleine Glöckchen") nannte.
Im ersten Teil "Ludus" (Spiel)genannt, spielen zwei Sologeigen - ganz konzentriert und mit unglaublicher Präzision: Khadem-Missagh und Natalia Sagemeister - die sich wiederholenden immer schneller werdenden Töne, dazu spielt das präparierte Klavier gedämpfte Glockentöne. Im zweiten Teil (Silentium) ist tatsächlich die Stille "tonandgebend". Nur langsam entwickelt sich eine Art Melodie, die sich immer wieder auflöst, wiederkehrt, auflöst, wiederkehrt und so weiter und so fort. Man meint, das gerade Gehörte wird ausgelöscht, doch das täuscht - nur neu beschrieben. Daher der Titel "Tabula rasa" - auf den antiken Wachstafeln wurden immer wieder die alten Buchstaben gelöscht und neue geschrieben. Interessant ist es, dem Gestus der Dirigentin zuzuschauen: Sie steht unbeweglich, nur hin und wieder hebt sie einen Finger, tippt leicht den Takt. Sonst ist sie Zuhörerin wie das Publikum auch. Versunken in die Stille zwischen den Tönen.
Pjotr IljitschTschaikowski (1840-1893): "Symphonie Nr. 6 h-Moll opus 74, "Pathetique" 1893
Viele Theorien ranken sich um dieses Werk und um den rätselhaften Tod des Komponisten, nur einige Tage nach der Uraufführung. Keine lässt sich beweisen, daher sofort in medias res:
"In diese Symphonie legte ich meine ganze Seele", soll er zu seinem Bruder Modest gesagt haben. Und seit mehr als einem Jahrhundert fließt diese Seele dem Publkum zu, das sich von der Schönheit und Schwere dieser Musik mitnehmen lässt. So auch an diesem Abend:
Die Tonkünstler unter dem dynamischen Dirigat von Natalia Sagmeister spielen voll auf "Pathos" - was im Griechischen ja nicht den pejorativen Beiklang von Schwulst hatte, sondern "Leiden" und "Mitleiden" hieß. Im ersten Satz klingt das Hauptthema dramatisch an: Leidenschaftlich, dunkel, drohend. Mit dem zweiten Satz verwirrt Tschaikowski gekonnt die Zuhörer: Auf Leid folgt Tanz! ? Im dritten rast der Zug des Lebens im Höllentempo durch alle Stationen und landet mit heftigem Aufprall ohne Halt in den vierten Satz, in dem alle Streicher das in die Seele gehende Finale spielen. Und nochmals einen Blick auf Nathalia Sagmeister: Sie dirigiert souverän, zuerst gelassen, dann immer intensiver mit aktiver Körpersprache.






