Franz Kafka: Milena!
- Silvia Matras
- 4. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Es lesen Nicholas Ofzarek und Tamara Metelka. Violine: Nikolai Tunkowitsch
Textfassung: Tamara Metelka

"Vorgestern ist im Sanatorium Kierling in der Nähe von Klosterneuburg bei Wien Dr. Franz Kafka gestorben" liest Milena den Anfang des von ihr verfaßten Nachrufes in einer Prager Zeitung vor. Dann bricht ihr die Stimme und sie sinkt zusammen.
Die Liebe zwischen den beiden war intensiv, aber nie ausartikuliert.
Zunächst ist es eine kühle "Geschäftsbeziehung". Sie sind per Sie. Milena fragt an, ob sie Kafkas Texte ins Tschechische übersetzen darf. Sie darf - und rasch wird aus dem Geschäftskontakt ein zunächst verspielt- näckischer, betont freundschaftlicher Kontakt.
Doch bald macht Milena klar - sie will, dass Kafka nach Wien kommt. Sie möchte Klarheit. Genau dafür ist aber Kafka nicht bereit. Er hat Angst. "Ich komme, ich komme nicht, ich komme vielleicht, ich komme doch nicht"...geduldig geht Milena auf all die Ausreden ein, wartet - und er kommt doch nach Wien. Vier Tage - Kafkas Ängste sind vergessen. Sie kommen einander sehr nahe. Für Kafka wahrscheinlich zu nahe. Er will keine weitere Begegnung, keine Brefe. Nur noch einmal treffen sie einander - in einer Nacht- und Nebelaktion: für 4 Stunden am Bahnhof Gmünd.
Aber Kafka ist krank, er bricht den Kontakt ab. Milena hat nur Erinnerungen und seine Briefe. Ihre hat sie sich erbeten und wahrscheinlich verbrannt.. An Stelle ihrer Briefe liest Milena Texte Kafkas vor, die ein scharfes Licht auf seine Urängste, seine Wesenheit werfen - "Der Geier", "Die Maus", "Der Aufbruch" .
Nicholas Ofzarek und Tamara Metelka gestalten diese "Briefbeziehung" mit einem lebendig-farbigen, oft humorigen, dann aber zunehmend tragischen Grundton. Milenas journalistische Suche nach der Wahrheit, ihre unbestechlicher Blick auf die unbeschreibliche Armut in Wien der 1920er Jahre , Kafkas Sorge um sie, die in einer unglücklichen Ehe lebt und Hunger leidet - all das kommt zur Sprache und macht den Abend interessant und lebendig.


