György Ligeti: LE GRAND MACABRE
- Silvia Matras
- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

Text: Michael Meschke und György Ligeti nach Michel de Ghelderode
Inszenierung und Bühne: Jan Lauwers
Musikalische Leitung: Pablo Heras - Casado
Kostüme: Lot Lemm
Choreographie: Paul Blackmann und Jan Lauwers
Wer Opern von Mozart, Strauss, Verdi oder Puccini präferiert, der war enttäsucht, wie so einige, die in der Pause gingen, weil "das doch nicht Musik ist". Wer aber mit dem "Absurden Theater" von Samuel Becket oder Eugen Ionesco aus den 1960er Jahren vertraut ist, der wird sich für diese Art von "Oper" begeisten und einen Riesenspaß an der genialen Inszenierung von Jan Lauwers haben.
Zugegeben: Musik ist hier anders - wenn vor jedem neuen Akt Autohupen statt einer Ouverture erklingen, wenn es keine Ohrwürmer gibt - ja was hört man da?
Man hört und sieht ein Gesamtkunstwerk! Selten haben alle Gestaltungskräfte so synchron zusammengearbeitet wie in dieser Oper - übrigens die einzige Oper, die Ligeti komponierte. Offensichtlich war ihm danach, einen Riesenspaß mit ernstem (aber nur diskret angedeutetem) Untergrund zu komponieren. Aktuell ist sie heute mehr denn je. Davon später. Pablo Heras-Casado, der diese Unoper souverän dirigiert, nennt sie einen "furiosen Geniestreich" und meint: "Wie das bei ikonischen Meristerwerken so oft der Fall ist,ist hier große Kunst mit fantastischer Unterhaltung verschwistert" (Zitiert aus dem Programmheft S 18)
Am leichtesten ist zu beschreiben, was man sieht: Ein diskret angedeutetes Breughelbild als Bühnenhintergrund. Da Ghelderode und Lauwers beide aus dem Breughelland stammen, passt dieser Hintergrund. Dass es auf der Bühne wie auf einem Breughelschen Wimmelbild zugeht, passt zur Musik und zum Text: Zarte Figuren, die an Hieronymus Bosch erinnern, flattern, hüpfen, springen - kurz wimmeln, kreuz und quer über die Bühne. Die ganze Szenerie könnte gut und gerne aus Shakespeares Sommernachtstraum stammen. Der Zuschauer kann sich aussuchen, wo er den Blick festmachen will, so lange bis die ersten Figuren die Aufmerksamkeit anlocken: Piet vom Fass (vom Tenor Gerhard Siegel mit urkomischer Selbstverleugnung gesungen) taumelt über die Bühne und Wiener Heurigenseligkeit macht sich breit. In diesem Tumult sucht das Liebespaar Amanda und Amando (liebenswürdig verschmust: Maria Nazarova und Isabel Signoret) können sich in diesem Tumult nicht ihrer Liebe hingeben und verschwinden in eine Höhle. In dem Wirbel taucht Nekrotzar auf. Er verkündet als "grand Macabre" den baldigen Weltuntergang durch einen Kometen. Georg Nigl im langen, schwarzgrau gefleckten Schlafrock, verknitterter Hose (die Kostüme von Lot Lemm passen zur verlotterten Gesellschaft) und wirrem Haar bringt Angst ins Spiel und zwar mit dem nötigen Ernst in der Stimme und der konterkarierenden Ironie seines Spiels. Lust mit Angst gepaart - das sei die höchste Lust, meinte einmal Ligeti. Aber irgendwie greift Nekrotzars Todesankündigung nicht. Wieder mag der Zuhörer an Nestroys oder Jura Soyfers Weltuntergangsszenarien denken. Wien scheint der ideale Ort für die Verschränkung dieser beider Lebensgefühle zu sein.
Weil die erste Androhung des nahen Todes nicht viel gefruchtet hat, schneit Nekrotzar bei dem Kampfehepaar Mescalina und Astradamors rein, wo gerade der Haussegen schief hängt . Wolfgang Bankl und Marina Prudenskaya glänzen in diesen Rollen! Sie ein hysterisch schreiendes, von der Potenz ihres Mannes zutiefst enttäuschtes Eheweib, möchte einen neuen Mann, der mehr drauf hat - prompt ist Nekrotzar zur Stelle - statt sie zu befriedigen beißt er sie in den Hals. Mescalina ist tot - der Ehemann jubelt. Und Nekrotzar beginnt wieder manisch seine Todesprophezeiungen zu verkünden, die keiner mehr hören will. Die Ähnlichkeit mit dem Komptur aus "Don Giovanni" ist gewollt,. Ligeti spielte gerne mit Zitaten und Personen aus bekannten Opern.

Kann das Absurde noch gesteigert werden? - Ligetis Eingfallsreichtum ist noch lange nicht erschöpft: Zurück im Breughelland, wo der reichlich unnötige, selbstverliebte und vor allem gänzlich unfähige Fürst Go-Go herrscht. Auf Parallelen zu gegenwärtigen politischen Figuren im Weltgeschehen muss nicht extra hingewiesen werden. Der Countertenor Xavier Sabata widmet sich dieser schwierigen Rolle mit vollem körperlichen, stimmlichen und spielerischen Einsatz. Seine Tanzeinlagen sind für den Sänger eine Herausforderung, der er mühelos gewachsen ist. Ihn begleiten, bedrängen zwei unfähigen Minister (Daniel Lenz und Hans Peter Kammerer in unermüdlich komischem Einsatz), die nur streiten - ein bekanntes aktuelles Phänomen - abdanken, wieder antreten, Steuern erhöhen nach Belieben. Sie sind das prue Abbild des aktuellen Weltgeschehens.

Doch es gibt einen, vor dem sie alle kriechen: Chef der Geheimpolzei Gepopo. In irr hohen Tönen, mit meterbreiten Reifrock schrillt Sarah Aristidou so lange ihre Drohungen in den Raum, bis sie von ihren Begleitern zusammengeklappt, eingepackt und abgeführt wird. Eine Königin der Nacht in Perfektion! Ein Höhepunkt in dieser Wimmelbildoper! Nach ihrem/seinem Abtransport bricht die Hölle los: Das Volk begehrt auf. Nekrotzar verkündet in apokalyptischen Endzeittönen den Untergang der Welt, verlangt das Blut seiner Opfer zu trinken - himmlische Posaunen verkünden das Ende mit deutlichen Anspielungen an Kirche und Bibel. Ist das Ende gekommen? Es bleibt offen. Von all dem Chaos haben die beiden Liebenden nichts mitbekommen. Selig ineinander versunken singen sie das hohe Lied auf die Liebe.
Begeisterter Applaus für alle, besonders aber auch für Pablo Heras-Casado, der die absurden Töne souverän meisterte!


